237 Treffer
  Dokument Gemeinde Datum Inhalt des Dokuments Schlagworte
20041001_Heimat_Wolfurt_28 Wolfurt 01.10.2004 Heft 28 Zeitschrift des Heimatkundekreises Oktober 2004 Bild 1: Der neue Schießstand an der Ach im Jahre 1975 Sonderheft Schützen Weil unsere wertvollen Schützenscheiben und auch die Schützenfahnen nicht allen zugänglich sind, soll ein großer Teil davon in diesem Heft den interessierten Lesern gezeigt werden. Um eine bessere Vorstellung von den Bildern zu erhalten, verwenden wir zum ersten Mal Farbdruck. Bildnachweis Bilder 1, 2, 3 u. 5 Hubert Mohr 4 Engelbert Köb 36 bis 41 Karl Hinteregger Alle anderen stammen aus dem Schützenarchiv Wolfurt. Bitte! Diesem Sonderheft 28 liegt wieder ein Erlagschein bei. Zur Deckung unserer Auslagen bitten wir um eine Spende auf unser Konto Heimatkundekreis 87 957 bei der Raiba Wolfurt (BLZ. 37 482). Neubestellungen Von den bisherigen Ausgaben von „Heimat Wolfurt" stehen noch die letzten Hefte (Nr. 17 bis 27) in beschränkter Anzahl für Neubestellungen zur Verfügung, von älteren Heften nur mehr Einzelstücke. Bestellungen bitte mit Angabe der Adresse an die Schriftleitung. Keine weiteren Verpflichtungen! - Lediglich die Bitte um eine freiwillige Zuwendung. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Siegfried Heim Wolfurter Schützengeschichte Ein „Schütze" war ursprünglich ein Jäger, der mit seinem Pfeil oder auch dem Speer seine Sippe mit Fleisch von erlegtem Wild versorgte. Seit dem Mittelalter wurden aber auch die Männer, die mit Bogen, Armbrust oder später mit einer Büchse bewaffnet das Land gegen eindringende Feinde verteidigen sollten, als Schützen bezeichnet. Noch bis 1918 wurden die Schützen-Vereine, deren Mitglieder ihre Treffsicherheit in friedlichen Wettkämpfen auf den Schießständen unter Beweis gestellt hatten, immer wieder auch als militärische Einheiten in die Kriege einberufen. Heute gilt der Schießsport als sinnvolle Freizeit-Beschäftigung und als friedlicher Wettbewerb, der die körperliche und geistige Ertüchtigung der Schützen zum Ziel hat. Außer den Sportschützen vom Schießstand und einigen Erinnerungen an den Militärdienst kennt man bei uns das Wort „Schützen" als Namen für ein altes Gasthaus. Es gibt auch noch ein paar Familien „Schützos ", die ihren Hausnamen in Erinnerung an einen Jäger in der Ahnenreihe tragen. Und vom Horoskop her wissen wir vom Sternbild Schütze und von seinem Symbol mit dem gespannten Bogen. Unsere Wolfurter Schützengilde gibt als Gründungsjahr ihres Vereins das Jahr 1838 an, also als Zweitältester Verein nach der Blasmusik von 1816. Das hat seine Berechtigung, denn in jenem Jahr wurde über kaiserlichen Auftrag im Dorf ein Schießstand eingerichtet. Hier wurden ab jetzt regelmäßig „Besf'-Schießen veranstaltet. Die Wurzeln des Schützenwesens reichen aber viel weiter zurück. Die Quellen berichten vor allem von Kriegen, aber auch von Festen, bei denen MusketenSchüsse und Böller-Krachen die Feier verschönerten. Die allerältesten Schießstände für Bogen- und Armbrustschützen sind schon um 1370 in Bregenz, Feldkirch und in Bludenz nachgewiesen. 1434 feierten die Feldkircher ein Schützenfest mit „internationaler" Beteiligung. Im Jahre 1498 vereinigten sich in Bregenz die Armbrustschützen mit den neumodischen Büchsenschützen zu einer kirchlich genehmigten Bruderschaft, bei welcher sogar Kaiser Maximilian Mitglied war.1 Kellhofer und Hofsfeiger Schützen Die erste Nachricht von den Hofsteiger Schützen haben wir aus dem Jahre 1525, als hundert Männer nach Bregenz zogen und die katholisch gebliebene Stadt vor dem Ansturm der reformierten Bauern retteten.2 Im Schmalkaldischen Krieg verteidigten die Hofsteiger Schützen das Land zusammen mit den Hofriedenern an der Bregenzer Klause. Weil Galli Küng zu den Evangelischen übergelaufen war, wurde er gefangen, gefoltert und schließlich von Pferden zerrissen.3 Erfreulicheres erfahren wir von den Wolfurt-Kellhofer Schützen in Diensten der Grafen von Hohenems. Dort führte Jakob Hannibal 1567 seine junge Frau Hortensia, die Schwester des später heilig gesprochenen Karl Borromäus, im Triumphzug aus Italien heim. Das Paar wurde mit Kanonen, Böllern, Glockengeläute und Festbeleuchtung großartig empfangen. Unter den 500 Bewaffneten standen auch die Kellhofer mit Musketen und Hellebarden. Als im Jahre 1603 die wehrfähigen Männer zur Erbhuldigung an Jakob Hannibals Sohn Graf Kaspar nach Hohenems befohlen wurden, reihten sich in die insgesamt 443 Schützen auch 77 aus Dornbirn und 55 aus dem Kellhof Wolfurt ein. Die letzteren wurden von Bastian Kelnhofer angeführt und trugen nur 13 Musketen, sonst Spieße, Hellebarden oder Schlachtschwerter. Die Männer schworen einen feierlichen Eid, sie wollten in Kriegszeiten für ihren Herrn und seine Festung Hohenems Leib, Gut und Blut einsetzen.4 Auch 1618, als der 30jährige Krieg begann, mußten die Kellhofer zur Musterung nach Hohenems. Sonst fand die Musterung der Schützen meist in der Standlaube am Fuß der Kirchenstiege in Wolfurt statt. Im Jahre 1621 wurde eine neue Wehrordnung für das Land beschlossen. Die Stände beharrten auf ihren alten Rechten. Weiterhin durften die Schützen nur zur Verteidigung des eigenen Landes aufgeboten werden und weiterhin sollte jeder sein Gewehr daheim aufbewahren. In andere Ländern wurden die Waffen ja damals in zentralen Zeughäusern gesammelt und gepflegt. Gar oft wurden die Hofsteiger und Kellhofer Schützen in den folgenden Jahrhunderten in Kriegseinsätzen an die Grenzen des Landes gerufen. Daß sie aber auch andere Funktionen hatten, beweist eine Notiz in der Fischer-Chronik von 1768. Die Schützen („Ausschutz ") von Wolfurt und Rickenbach nehmen „ von alters her.. mit under und yber gewehr" (mit Seiten- und Schulterwaffe) an der jährlichen Fronleichnams-Prozession teil. Nun wird ein „Krigsfahnen" angeschafft, eine Fahne, die die Aufmärsche der Schützen verschönern sollte.5 Große Not brachten die Franzosenkriege von 1796 bis 1814 über das Dorf. Die Hofsteiger Schützen standen damals unter der Führung von Joh. Jakob Schertler aus Unterlinden. Als das Land 1805 an die Bayern gefallen war, führten diese die allgemeine Wehrpflicht ein. Beim Aufstand von 1809 nahmen die Hofsteiger und Hofriedener Schützen jetzt auch außerhalb des Landes an Überfällen auf Lindau und Konstanz teil. 4 Im Juni 1809 führte Hauptmann Schertler „zu Roß" seine Hofsteiger Schützen mit 15 Offizieren und 369 „Gemeinen" nach Weiler im Allgäu. Dort wurde er vom Landeskommandanten Anton Schneider zum Major befördert und mit der Führung des ganzen Bataillons Bregenz betraut. Die 169 Wolfurter wurden jetzt von den beiden Leutnanten Josef Schwerzler und Joh. Georg Reiner befehligt. Der erste Sturm auf Kempten mißlang. Dabei starben Leutnant Reiner und der Schütze Anton Lenz „in acie campiduni", in der Kemptener Schlacht. Drei Wochen später versuchte Schertler einen zweiten Sturm. Das Gefecht vom 17. Juli bei Eglofs endete mit schweren Verlusten und einer panikartigen Flucht. Unter den Toten war auch Anton Geiger vom Bühel, der Fahnenträger. Die erste Wolfurter Schützenfahne dürfte damals, wenn sie nicht verbrannt wurde, als Kriegsbeute in ein bayerisches Museum gekommen sein. Jetzt mußten die Vorarlberger alle ihre Waffen samt dem Schießpulver nach Lindau abliefern. Im Gemeinde-Archiv ist noch eine Ablieferungsliste vom August 1809 erhalten geblieben: Gewehre 52 Stuck Stutzen 5 Stuck Säbel 3 Stuck Patron Taschen 7 Stuck auch einige Päckel Pulfer et bley. Schon ein paar Tage vorher waren 48 Gewehre abgeliefert worden. 13 Schützen gaben an, sie hätten ihre Waffen bei der Flucht von Eglofs verloren. Major Schertler mußte sich im Hauptquartier von General Beaumont in Lindau einfinden und seine Unterwerfung beschwören. Hundert Jahre später wurde der Name des allseits geschätzten Mannes am Anton-Schneider-Denkmal in Bregenz eingefügt. Seit 1977 erinnert auch eine Gedenktafel am neuen Wolfurter Schießstand an Jakob Schertler und seine Schützen von 1809. Daß wenigstens einige von diesen Schützen schon bald nach der Rückkehr Vorarlbergs zu Österreich wieder Gewehre und Pulver besaßen, erfahren wir aus dem Bericht über den Einzug eines neuen Pfarrers: „Pro 1814 den 4ten Jully ist .... der Hochwürdige Herr .... Aloys Graßmayer .... von Bregenz abgeholt worden mit gröster Solumetät, es wahren bey 20 Reiter, 5 Gutschen u. Wägen von der Zollbrügge hat Ihn auch der Ausschuß mit Trummel und Pfeifen und fliegenden Fahnen abgeholt .... nach dem Gottesdienst.... mit wiederholtem böller geschüze und Salve der Musgeten zum Pfarrhof begleitet worden. " h Zu einem Freudenfest gehörten damals und noch lange danach einfach Böllerkrachen und Pulverdampfund natürlich auch Musik. Seit in Wolfurt im Jahre 1816, zwei Jahre nach dem Pfarrer-Einzug, eine Blasmusik gegründet worden war, marschierte diese bei unzähligen festlichen Anlässen gemeinsam mit den Schützen. So ist zum Beispiel aus dem Jahre 1824 eine Abrechnung des Gemeindekassiers erhalten geblieben. Schützen und Musik waren miteinander „zur Paradierung bei S. K. K. 5 Hocheit Prinzen von Österreich " ausgerückt. Erzherzog Franz Karl, der Vater des späteren Kaisers Franz Joseph, hatte in Bregenz eine Parade der Schützen abgenommen. Am anderen Tag kassierte der Schützenhauptmann Andreas Klocker bei der Gemeinde die Spesen von 44 Gulden ein. Auch die Musikanten erhielten 24 Gulden. Dem Kaiser ging es darum, die Wehrkraft seines Heeres durch gut ausgebildete Schützen zu stärken. Mit seinen Vorarlberger Schützen konnte er aber in diesen Jahren gar nicht zufrieden sein. Das geht aus einem umfangreichen Schriftverkehr des Guberniums in Innsbruck mit Kreishauptmann Ebner hervor. Ebner war auch für die Landesverteidigung verantwortlich und faßte die Berichte der sechs Vorarlberg er Landrichter zusammen: 1. Von den Bayern wurden 1809 alle Schußwaffen beschlagnahmt. Das Scheibenschießen war verboten. Die Bevölkerung ist verarmt. Nur wenige Schützen waren nach 1814 in der Lage, sich neue Gewehre zu besorgen. Daher sind auch viele Schießstände verfallen. 2. Der Anreiz zum Scheibenschießen fehlt, weil die landesfürstlichen Preisgelder nur mehr spärlich fließen. 3. Ein wesentliches Hindernis zur Wiederbelebung des Scheibenschießens ist das gültige Wehrstatut. Danach muß sich jeder Bürger und Bauer nach seiner Verehelichung oder bei Antritt eines Gewerbes in die Schützenmatrik einschreiben. Er ist verpflichtet, drei Jahre lang an den Schießübungen („KaisergabenSchießen") teilzunehmen. Anfänger sehen keine Möglichkeit, ein „Best" zu gewinnen, weil gute Schützen im Vorteil sind. Sie werden daher durch die hohen „Muß"-Einlagen abgeschreckt. Zur Beendigung dieser unbefriedigenden Zustände fordert Kreishauptmann Ebner daher: 1. Bau neuer Schießstände. Sie müssen so zentral gelegen sein, daß die Anmarschzeit höchstens drei Stunden beträgt. 2. Erhöhung der landesfürstlichen Gnadengaben. 3. Einführung einer neuen Schützenordnung, die zum Scheibenschießen ermuntert. Unter den Orten, wo Ebner schon im Jahre 1828 neue Schießstände fordert, ist Wolfurt. Hier sollen auch Bucher und Lauteracher Schützen unter Aufsicht eines „einsichtsvollen" Oberschützenmeisters ihre Übungen abhalten.7 Es dauerte noch volle zehn Jahre, bis die durch den Kirchenbau von 1833 verarmte und auch arg zerstrittene Gemeinde Wolfurt dem Auftrag des Kreishauptmanns folgte und dem Schützenwesen neuen Auftrieb gab. Schützen des Kaisers, Neubeginn 1838 Gemeindevorsteher war in jenen schwierigen Jahren der Rickenbacher Adlerwirt Leonhard Fink. Wolfurt besaß jetzt in 230 Häusern 236 Familien mit insgesamt 1311 Einwohnern. Fink hatte 1834 die Pfarrkirche gegen großen Widerstand provisorisch fertiggestellt. 1835 hatte er eine erste Feuerwehrspritze angeschafft. Nun plante er gemeinsam mit dem neuen Pfarrer Hiller die Errichtung einer Kaplanei und den Bau eines Kaplanhauses. Da blieb für den vom Kreisamt geforderten Schießstand nur wenig Geld. Treibende Kraft für das Schützenwesen dürfte der Ziegelfabrikant und langjährige Schützenhauptmann Andreas Klocker (1787-1844) gewesen sein. Gemeinsam mit seinem Bruder Josef Anton besaß er eine große Ziegelei an der Ach. 1836 baute er an der Bützestraße ein neues Haus (Forstars, jetzt Nr. 18, Zimmerei Böhler). Klockers einziger Sohn Josef ließ sich 1845 als Glaser an der Hub nieder und begründete dort mit seinen zehn Kindern die Sippe der Glasar-Klocker. Ein Schießstand-Gebäude vermochten die Wolfurter vorerst nicht. Aus der von Schnidarles Hannes im Jahre 1899 gemalten Scheibe geht hervor, daß der Stand lediglich aus ein paar Pfählen und einer Latte bestand. Wenige Jahre vorher hatte der Rößlewirt für die Vergrößerung von Kirche und Friedhof ein gutes Stück von seinem Bühel abgetreten. Als man dann alle Bäume gefällt hatte, blieb unterhalb der Friedhofmauer gerade noch genug Platz für einen Garten und einen „Stand" für die Schützen. Für den Schreiber mußten ein Tisch und ein Stuhl auslangen. Die Scheiben standen auf der anderen Seite des Tobeis in Richtung Schloß. Von dort dürften schon damals Schützenbuben mit Zeichen die Treffer und die Fehlschüsse angezeigt haben. Kein Wunder, daß die dem Wolfurter Stand zugeteilten Schützen aus Lauterach nicht zufrieden waren! Schon nach einem Jahr suchte die Gemeinde Lauterach 1839 um einen eigenen Schießstand an. Sie fürchtete, „ daß die jungen Leute alle Sonn- und Feiertage ihr Geld verzehren, in Streit und Händel geraten und endlich bei Nacht auf den unsicheren Straßen mit den verschlagenen Köpfen nach Hause kämen ".8 Ab jetzt übten viele Lauteracher an verschiedenen Plätzen im eigenen Dorf. Einen richtigen Schießstand erhielten sie aber erst 1847. Den Wolfurtern mußte ihr einfacher Stand auf dem Rößle-Bühel vorerst genügen. Auch bei festlichen Anlässen rückten Schützen und Musik aus. Eine Gelegenheit dazu bot im September 1844 der neuerliche Besuch von Erzherzog Franz Karl in Bregenz. Diesmal hatte er seine ältesten drei Söhne mitgebracht, den 14jährigen Prinzen Franz Joseph, der schon vier Jahre später als Kaiser den Thron der DonauMonarchie besteigen sollte, den 12jährigen Prinzen Maximilian, der später als unglücklicher Kaiser von Mexiko erschossen wurde, und den 11jährigen Prinzen Karl Ludwig. Kreishauptmann Ebner notierte vom Schützen-Aufmarsch: 6 7 „Es waren Zuseher von allen Seiten herbeigeströmt. Namentlich waren nebst den Bregenzerschützen auch jene von Hörbranz, Hard, Lautrach und Wolfurt einmarschirt in großentheils absurden Kostümen Die türkischen Musiken derselben vollbrachten einen Höllenlerm, und endlich gaben sie Dechargen wovon mehrere dem regulären Militär zur Ehre gereicht haben würden!" 9 Bald danach übersiedelte der Wolfurter Schießstand vom Kirchenbühel nach Rickenbach. Der Engelwirt Josef Fischer hatte in den Adler hinaus geheiratet und wollte das gute Geschäft mit den Schützen dorthin mitnehmen. Die paar Latten konnte man ja überall schnell aufstellen. Schon 1846 richtete der Adlerwirt neben seinem Biergarteri direkt an der Landstraße nach Schwarzach einen Schuppen für die Schützen ein. Im Kataster von 1857 wird dieser Schuppen als „Schießhaus" bezeichnet. Auf der Fischer-Schützenscheibe sieht man die Begrenzungsmauer zur Dornbirnerstraße. Der Kugelfang stand nach einem Schreiben von 1848 am anderen Ende von Adlerwirts Wiese nahe am Rickenbach. Nach der Überlieferung soll auch im Kella geschossen worden sein. Dafür gibt es aber keine Belege. Der Rickenbacher Stand war ja auch nur 14 Jahre lang in Betrieb. Im Jahre 1845 hatte das Gubernium die neue kaiserliche Schießstandsordnung für Tirol und Vorarlberg verlautbart. In mehreren Schreiben wurden Bestellung, Bezug, Transport und Aufbewahrung von Schießpulver genau geregelt. Das Pulver mußte in Säckchen abgefüllt und diese in Fäßchen verschlossen werden. Transport in Postkutschen war verboten, vielmehr mußten die Fäßchen von „nüchternen Bothen" überbracht werden. Ein Zentner „rundkörniges Scheibenpulver" für die Stutzen kostete 41 Gulden, Sprengpulver für die Böller dagegen nur 29 Gulden.10 Eine ganz wichtige Änderung im Wolfurter Schützenwesen brachte das Jahr 1860. In Spetenlehen hatte Joh. Martin Fischer, ein Enkel des ersten Wolfurter Vorstehers, in seinem Haus (heute Hofsteigstraße 27) ein Gasthaus „Schützen" eingerichtet und dazu auf dem Bühel auf eigene Kosten einen neuen Schießstand gebaut.11 Damit zog er das Geschäft mit den Schützen an sich. Schon im ersten Jahr wurden hier die vom Bezirksamt überwiesenen 13 kaiserlichen Gnadengaben im Betrag von 40 Gulden 95 Kreuzer ausgeschossen. Abwechselnd mit Hard und Lauterach fand jetzt jedes Jahr ein „Hofsteigschießen" statt, damals bereits unter diesem heute wieder gebräuchlichen Namen. In das Schießprotokoll des „4. Hofsteig-Freischießen in Wolfurt 1865" ließen sich 391 (!) Schützen eintragen, darunter neben Wolfurtera und Lauterachern solche aus dem ganzen Land von Hohenweiler bis Nenzing und von Fußach bis Andelsbuch. Dem „K.K. Gemeinde-Schießstand zu Wolfurt" gehörten jetzt 69 Schützen an. Oberschützenmeister war 1866 der damalige Gemeinde-Vorsteher Josef Halder. Das Fischer-Gasthaus hieß eigentlich „Rose", wurde aber meist „Schützen" genannt. Der Schützenwirt Fischer war ein begeisterter Sänger und beherbergte neben den Schützen regelmäßig auch den Gesangverein. Trotzdem geriet er in finanzielle Schwierigkeiten. 1873 bot er den Schießstand der Gemeinde zum Kauf an, „wiederigenfalls er seine Gebäulichkeit für sich verwende, und die Gemeinde 8 andersartig für einen Schießstand zusorgen überlasse ". Die Gemeinde lehnte ab. 1875 kaufte der Nachbar Kronenwirt Michael Sohm das Gasthaus Schützen samt dem Schießstand. Das Konkurrenz-Gasthaus schloß er, den Schießbetrieb hielt er aufrecht. Ab 1875 wurde also die „Krone" zur Schützenwirtschaft und blieb es genau hundert Jahre lang, bis die Schützen ihren neuen Stand an der Ach eröffneten. Der erfolgreiche Kronenwirt hatte natürlich Neider. Mehrmals wurde er angezeigt, weil die Schützen ohne den vorgeschriebenen Kugelfang gegen den Wald hinauf geschossen hätten. Vorsteher war damals der Adlerwirt Joh. Gg. Fischer. Dieser unternehme, so hieß es in der Zeitung, nichts gegen den Kronenwirt Michael Sohm, weil der Sohn des Kronenwirts mit der Schwester des Vorstehers verheiratet sei. Schon 1877 übergab Michael Sohm seine beiden Häuser an seinen gleichnamigen Sohn. Als dieser bald danach den ehemaligen Schützen verkaufte, behielt er den Bühel und vereinigte ihn mit Kronenwirts Bühel. Seither gehört der Schießstand zur Krone. Alles zusammen verkaufte Sohm 1879 an Wendelin Pfanner. Pfanner überließ nun 1880 den Schießstand für 200 Gulden der Gemeinde. Er behielt sich aber Nutzungsrechte vor, darunter das Recht zur Abhaltung von PrivatFreischießen und das alleinige Recht zum Ausschank von alkoholischen Getränken. Er baute 1882 sogar eine Kegelbahn ein. Erst später ging der Schießstand ganz in Gemeindebesitz über und wurde in mehreren Stufen zu einem beliebten SchützenTreffpunkt ausgebaut. Mit vielen anderen Schützen beteiligten sich auch die Wolfurter am Aufmarsch zum Kaiser-Besuch von 1881 in Bregenz und am anschließenden großen Schützenfest am „Berg Isel". Unter Oberschützenmeister Ferdinand Schneider wurde zum 50-JahrJubiläum 1888 gemeinsam mit den Fronleichnams-Schützen eine Fahne angeschafft. Allerdings gab es ihretwegen viel Streit.12 (Mehr darüber weiter hinten S. 53). Die meisten Standschützen waren übrigens gleichzeitig auch Fronleichnams-Schützen. Sie rückten dort bei feierlichen kirchlichen Anlässen in Uniform aus.13 Aus dem Jahre 1891 ist die älteste Wolfurter Ehrenscheibe erhalten geblieben. Alle älteren Scheiben waren mangels Aufbewahrungsmöglichkeit bald wieder verloren gegangen. 1895 wurde der neue Kronenwirt Carl Müller zum O.Sch.M. gewählt. Der Verein blühte auf. In diesen Jahren setzten sich endgültig Gewehre mit PatronenMunition durch. Bisher waren noch häufig Vorderlader-Stutzen verwendet worden. Schon 1898 wurde der baufällig gewordene Schießstand von Grund auf erneuert. Zum 50jährigen Regierungs-Jubiläum von Kaiser Franz Joseph fand am 1. Mai 1898 ein großes Fest-Schießen auf dem neuen Stand statt. Dazu wurde dem Kaiser eine Ehrenscheibe gewidmet. Landeshauptmann Adolf Rhomberg hielt vor über 1000 Zuhörern die Festrede. Besonders beeindruckte die Besucher das Feuerwerk in den späten Abendstunden.14 Noch im gleichen Jahr fuhren die beiden Schützenmeister mit Vorsteher Lorenz Schertler und vier weiteren Schützen zum Bundes-Schießen nach Wien. 9 Nach der k.k. Schießstandsordnung von 1874 war jeder Schütze verpflichtet, jährlich auf dem eigenen Stand an mindestens drei Schießübungen teilzunehmen. Jedesmal mußte er dabei mindestens dreißig Schüsse abgeben. Zur Kontrolle wurde ein Matrikelbuch geführt. Im neuen Buch von 1898 sind 308 Schützen eingeschrieben, darunter 59 aus Lauterach und 7 aus anderen Nachbargemeinden. Unter den 242 Wolfurtern ist selbverständlich auch der Vorsteher Lorenz Schertler. Die Freude an dem neuen Schießstand zeigte sich nicht nur in der großen Schützenzahl, sondern auch in den vielen Ehrenscheiben aus diesen Jahren. Darunter befindet sich auch jene kostbarste Wolfurter Scheibe, auf die Schnidarles Hannes 1899 die drei Schießstände malte (Bild 6). Nach der Jahrhundertwende folgten die goldenen Sticker-Zeiten für Wolfurt. Sie spiegeln sich in einer ganzen Reihe von übermütigen und trinkseligen Schützenscheiben wieder. Am 29. Juni 1913 feierte die „Standschützen Gesellschaft Wolfurt" - so nannte sie sich jetzt - ihr 75jähriges Gründungsfest. Unter Oberschützenmeister Rudolf Böhler, Postmeister und Sternenwirt, erhielt der Verein eine neue Fahne (Bilder 4, 40 u. 41). Ein Jahr darauf begann der große Weltkrieg. Schon am 1. August 1914 mußten die Männer bis zu 42 Jahren mit dem Landsturm einrücken. Am 21. August wurden im Vereinshaus durch Landeshauptmann Rhomberg auch die Standschützen als reguläre Soldaten vereidigt. 60 Kennelbacher bildeten zusammen mit 95 Wolfurtern eine Kompagnie. Sie wählten Ludwig Köb, Lehrars, zu ihrem Hauptmann. Nur ein paar Tage exerzierten sie im Oberfeld. Dann marschierten 60 Wolfurter Schützen am Pfmgst-Heiligtag, 23. Juni 1915, vom Kirchplatz weg nach Bregenz. Mit dem Zug wurden sie an die Front ins Südtirol gebracht. Dreieinhalb Jahre härteste und verlustreiche Kämpfe in den Dolomiten folgten und dann noch ein Hungerjahr in italienischer Gefangenschaft in Albanien.15 Neun Schützen kehrten nicht mehr heim. Schützengesellschaft und Schützengilde Die Not nach dem Krieg zwang eine ganze Reihe von jungen Wolfurtern, darunter auch einige Schützen, zur Auswanderung nach Amerika. Vorsteher Lorenz Schertler versuchte, dem Vereinsleben wieder Auftrieb zu geben. Auf sein Schreiben hin trafen sich am 26. August 1923 elf Männer im neuen Vereinshaus und gründeten den Schützenverein neu, jetzt unter der Bezeichnung „Schützengesellschaft Wolfurt". Standschützen-Oberleutnant Dr. Wilhelm Mohr hatte Statuten erarbeitet. Er übernahm auch selbst die Stelle als „1. Schützenmeister". Der „2. Schützenmeister" Josef (Pepe) Flatz und Schriftführer Albert Kirchberger stellten sich als verläßliche Helfer an seine Seite. Zuerst mußte der wieder baufällig gewordene Schießstand mit Hilfe eines Baukredits von vier Millionen Kronen saniert werden. Die Gemeinde als Eigentümerin des Standes besaß ja am Höhepunkt der Inflation selbst kein Geld mehr und konnte lediglich ein paar Tannen für Bretter und Balken beisteuern. Aber am 4. November 1923 wurde doch bereits ein erstes „Schübling"-Schießen durchgeführt. Zum ersten Mal knallten nach zehn bitteren Jahren die Stutzen wieder in sportlichem Wettkampf. Aus 125 Metern Distanz schoß man auf 33 Zentimeter-Scheiben mit 10 Kreisen.16 Noch immer füllten die Schützen ihre Patronen selbst nach individuellen „Rezepten" und setzten oft erst am Stand ihre Zündkapseln ein. Eine ganz wichtige Aufgabe hatten bei jedem Schießen die Schreiber und die „Zeiger" zu erfüllen. Die Zeiger waren Buben und Burschen, die am Scheibenstock die Scheiben beaufsichtigten. Mit einer zweifarbigen Kelle zeigten sie jeden Treffer und auch dessen Abweichung vom Zentrum an. Dafür erhielten sie Schübling und Brot und meist auch eine Limonade. Nach Beendigung des Schießens gruben sie mit ihren Taschenmessern die Bleikugeln aus dem Erdreich. Als Schreiber benötigte man gestandene Männer, denn es kam nicht selten zu Auseinandersetzungen, wenn ein ehrgeiziger Schütze seinen Fehlschuß nicht akzeptieren wollte. Als Dr. Mohr nach Bregenz übersiedelte und Martin Dietrich 1. Schützenmeister wurde, nahm man das Inventar auf. Da fanden sich neben zwei Fahnen und sechs Gewehren bereits 32 Ehrenscheiben. In den nächsten Jahren gewann der Schießstand Wolfurt mit seinen verschiedenen Gesellschafts- Schießen einen guten Ruf und konnte immer mehr prominente Gäste begrüßen. Die Mitglieder Isidor Flatz und Martin Gmeinder errangen 1928 die Auszeichnung „Meisterschütze in Vorarlberg". Ab 1929 wirkten sich die Weltwirtschaftskrise und die parteipolitischen Auseinandersetzungen immer mehr auch in Streitigkeiten bei den Vereinen aus. Von 53 eingeschriebenen Mitgliedern erschienen 1932 nur mehr 11 zur Hauptversammlung. Statt einer geplanten Schützen-Uniform konnte nur ein einheitlicher Hut mit einem Adler-Stoß angeschafft werden. In diesen Jahren nahm das Schießen mit dem Kleinkaliber-Gewehr, das die alten Schützen lange als „Pfutzgarle" belächelt hatten, einen großen Aufschwung. 11 10 Trotz der gedrückten Stimmung gab es immer wieder Anlässe, zu denen Schützenfreunde eine Ehrenscheibe spendierten. Weitaus die meisten davon malte der unermüdliche Johann Fischer, Schnidarles Hannes. Im Jahre 1937 ließen sich fünf ehemalige Standschützen-Offiziere, darunter der inzwischen als Arzt zu Weltruhm gelangte Wolfurter Professor Dr. Lorenz Böhler, eine Scheibe vom Kennelbacher Schützenkameraden Engelbert Karg malen. Der Aufmarsch und das Schießen auf diese Scheibe wurden am 5. September 1937 zum letzten Schützenfest vor dem Zweiten Weltkrieg. Schon am Vorabend hatten Dr. Böhler selbst und seine Söhne mit je einem Schuß auf diese Scheibe ein Erinnerungszeichen gesetzt. Nach der Eingliederung Österreichs in das Deutsche Reich im März 1938 wurde die Schützengilde wie alle anderen Vereine sofort aufgelöst. Die Ortsleitung der NSDAP übernahm den Schießstand. Dort begann ein reger Schießbetrieb. Allerdings hatten die alten Stutzen ausgedient. HJ (HA-Jott, Hitlerjugend) und SA (Sturm-Abteilung) schössen jetzt mit dem preisgünstigen KK-Gewehr auf den 50 Meter-Ständen. Sogar die zehnjährigen Pimpfe übten schon in den Schulklassen mit LuftdruckGewehren im Rahmen der „vormilitärischen Ausbildung". Aus Anlaß des 25. Jahrestages des Auszugs der Standschützen in den Ersten Weltkrieg stifteten die neuen Machthaber im Mai 1940 eine Ehrenscheibe (Bild 19). Zu einem Preis-Schießen kamen am Pfingstmontag, 2. Juni 1941, sogar Gauleiter Hofer und Kreisleiter Dietrich auf den Wolfurter Schießstand. Auch die zur „Schützenmusik" umgetaufte Bürgermusik mußte spielen, allerdings fehlte der in Ungnade gefallene Kapellmeister Rohner. Bald wurde der Umgang mit dem Gewehr für viele Männer an den Fronten zum entsetzlichen Ernst. In den letzten Kriegsmonaten mußten im Rahmen des „Volkssturms" sogar die bisher verschonten älteren Jahrgänge noch unter dem TraditionsNamen „Standschützen" zur Ausbildung in vierwöchigen Kursen ins Südtirol. Am 2. Mai 1945 marschierte die französische Armee ein, der Krieg ging zu Ende. Wieder mußten, wie damals nach dem Aufstand von 1809 gegen die Bayern, alle Waffen abgeliefert werden. Neben Jagdgewehren und uralten Stutzen aus dem vorigen Jahrhundert wurden auch gute Sportwaffen eingesammelt und auf einem Haufen beim Schulhaus vernichtet. Der Schießstand wurde einige Zeit von marokkanischen Soldaten bewohnt und erlitt dadurch arge Beschädigungen. Es dauerte viele Jahre, bis sich das Leben wieder normalisierte. Albert Kirchberger hatte mit den alten Schützen-Akten sein Protokollbuch getreulich aufbewahrt und übergab nun alles zusammen dem ehemaligen U.Sch.M. Pepe Flatz. Gemeinsam mit dem langjährigen Funktionär Paul Schwarz versuchte dieser ab 1951, das Schützenwesen zu neuem Leben zu erwecken. Nach Überwindung großer Schwierigkeiten wurden tatsächlich schon im Herbst 1952 ein Jagd-Schießen und ein Frei-Schießen durchgeführt. Unter Leitung des provisorischen Schützenmeisters Erich Gasser fanden sich dann am 15. März 1953 in der Krone immerhin 15 Schützen zu einer Generalversammlung zusammen. Nur mühsam ging es aufwärts. Es fehlte an Gewehren und 12 Munition, an Geld und an Preisen. Ein Gewittersturm richtete im August 1958 am Schießstand großen Schaden an. Eine Änderung brachte erst das Jahr 1960. Unter O.Sch.M. Josef Dietrich waren Karl Aichholzer als Kassier und Hubert Flatz als Schriftführer in den Ausschuß gewählt worden. Mit neuen Ideen setzten sie Impulse zur Umkehr des „Krebsgangs im Schützenwesen". Besonders bewährte sich die Einführung eines regelmäßigen Trainings. Nach zwanzig Jahren wurde 1960 auch erstmals wieder eine Scheibe geschossen, mit der man der in den letzten Jahren verstorbenen Funktionäre gedachte (Bild 20). Schon im Jahre 1961 konnten bei Mannschafts-Wettkämpfen gegen Hohenems, Nonnenhorn und Schwarzenberg beachtliche Erfolge erzielt werden. Als stets zielsichere Schützen sind in den Aufzeichnungen Hans Loacker, Karl Aichholzer und Martin Dietrich festgehalten. Ihr Beispiel riß mit, auch bei den ständigen Renovierungsarbeiten am Schießstand, bei denen Aichholzer das Kommando und die meiste Arbeit übernahm. Die Zahl der Mitglieder stieg an. Jetzt wurden jedes Jahr gut vorbereitete Vereinsmeisterschaften durchgeführt und mit großem Ehrgeiz ein „Schützenkönig" gekürt. Auch Damen wurden als Mitglieder aufgenommen und die Jungschützen mit großer Aufmerksamkeit betreut. Als sich immer mehr junge Menschen um die Mitgliedschaft bemühten, auch solche aus Nachbargemeinden, in denen kein Schützenverein mehr bestand, wurde es bei den Schüblings- und Meisterschafts-Schießen auf Kronenwirts Bühel und bei den Generalversammlungen in Luzias Stube in der Krone langsam eng. Unter Allfälligem begann Egon Pehr in der Generalversammlung vom 30. Jänner 1970 daher eine Debatte über einen Schießstand-Neubau. Schriftführer Hubert Flatz griff die Idee auf und fand allgemeine Zustimmung. Wieviel Arbeit ihm daraus in den folgenden fünf Jahren erwachsen würde, konnte er noch nicht ahnen. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Vallaster, Schützenscheibenbuch, Dornbirn 1984, S. 118 Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs III, S. 44 Wie 2, S. 90 Welti, Jakob Hannibal, S. 103 und S. 443 ff und Kellnhof Wolfurt, S. 6. GA Wolfurt, Fischer-Chronik, S. 16 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 53 Hubert Flatz, Schützen-Chronik, 1988, S. 1 ff, nach Forschungen im VLA Fröweis, Rathausfenster Lauterach, Nr. 3/2001, S. 14 Ebner, Tagebuch 1844, 14.-17. September Nach Akten 1846 im Schützenarchiv Wolfurt GA, GV-Protokolle, Einladung zur Sitzung am 16. Aug. 1860 GA, Chronik Schneider 3, S. 277 ff Heimat Wolfurt 23/1999, S. 42 GA, Chronik Schneider 3, S. 213 Heimat Wolfurt 7/1991, S. 33 ff Schützenprotokoll v. 1. Okt. 1924, Ladschreiben 13 1975 - Der neue Schießstand an der Ach Im Jänner 1970 war also in der Krone die Idee zu einem neuen Schießstand geboren worden. Alle dachten dabei zuerst an einen Neubau am alten Platz auf Kronenwirts Bühel. Dort gab es aber schon bisher Probleme mit Zufahrt und Parkplatz für die inzwischen ja weitgehend motorisierten Schützen. Und auf dem vor ein paar Jahren noch unverbauten Bühel standen jetzt auch schon einige Einfamilienhäuser. Trotz alter verbriefter Rechte konnten daraus in der Zukunft für die Schützen Erschwernisse entstehen. Da richtete Gemeindesekretär August Geiger die Aufmerksamkeit der Verantwortlichen auf das LAWK-Gelände an der Ach, von dem der Fußballverein schon 1947 ein großes Stück pachtweise übernommen und darauf seinen Sportplartz errichtet hatte. Tatsächlich erhielten die Schützen nun am 17. Dezember 1970 von der LAWK (Linksseitige Achwuhrkonkurrenz) die Grundparzelle 303/15 in Pacht. Die Planung konnte beginnen. Hubert Flatz hat darüber mit Hilfe von sorgfältig geführten Tagebuch-Aufzeichnungen im Jahre 1988 eine eigene Schießstand-Chronik verfaßt, aus welcher ich hier einiges zitieren darf. Im Februar 1971 wurde unter Obmann Karl Aichholzer ein Bauausschuß gebildet und bald danach die Rodung des Auwaldes in Angriff genommen. Als Hindernis erwies sich eine von der Gemeinde nach dem Krieg aufgestellte Baracke, deren Bewohner zuerst umgesiedelt werden mußten. Die Gemeinde verbürgte sich für einen Baukredit. Schon im Mai 1972 legte Edelbert Klimmer als Mitglied des Bauausschusses die ersten Pläne vor. Ab jetzt übernahm er die gesamte Planung und auch den größten Teil der Bauaufsicht. Die nun beginnende dreijährige Bautätigkeit wurde eine heute unglaublich anmutende Erfolgsgeschichte. Es gelang Hubert Flatz und Ferdl Matt, eine große Anzahl von freiwilligen Helfern zur Mitarbeit zu bewegen, die Arbeiten unter Leitung von erfahrenen Fachleuten zu koordinieren und das notwendige Baumaterial rechtzeitig vor Ort zu bringen. Darüber hinaus erhielten die Schützen, deren Begeisterung sich nicht selten auch auf die Lieferanten übertrug, beachtliche Spenden an Material, Maschinenstunden oder Zufuhrkosten. Viele Kontakte zu den Firmen vermittelte der Planer Edelbert Klimmer, andere besaß Hubert Flatz selbst in seinem Freundeskreis und unter den Wirtschaftstreibenden von Wolfurt. Im April 1973 begann man mit dem Aushub für das Hauptgebäude, bereits am 29. September konnte die Firstfeier stattfinden. Einziger Wermutstropfen war ein Protest der Oberfelder Nachbarn gewesen, die glaubten, ihre paradiesische Ruhe könnte allenfalls durch Schießlärm beeinträchtigt werden. Sie ließen sich aber bald durch Schallmessungen von Fachleuten beruhigen. Durch das ganze Jahr 1974 waren immer wieder ganze Gruppen von Schützen mit ihren Freunden mit dem Innenausbau beschäftigt. Fast alle taten es für ein Dankeschön und eine Jause, die in großzügiger Art jeweils der Sternenwirt Metzgermeister Johann Fischer spendierte. 14 Bild 2: Die Schützenstube mit der Kassettendecke Bild 3: Wegkreuz beim Schießstand: „.... daß einer über uns steht, der unsere Geschicke lenkt." Im November 1974 konnte im ausgebauten Kellergeschoß das Luftgewehr-Training aufgenommen werden. Den ganzen Winter über arbeiteten Willi Abier und Tone Repolusk an der Restaurierung der kostbaren alten Schützenscheiben, die sie von der Decke des alten Standes an der Hub abgenommen hatten. Bei der Zimmerei Berchtold wurden sie zum Einbau vorbereitet. Als die aus 38 Scheiben zusammengesetzte Decke schließlich von Fachleuten begutachtet wurde, ernteten die Handwerker höchstes Lob. Am 30. Mai 1975 wurde die Eröffnungsscheibe geschossen. An den folgenden 14 Tagen kamen 363 Schützen aus dem ganzen Land, aus der Schweiz und aus Deutschland und machten das Schießen auf dem vielbewunderten Wolfurter Stand zu einem anhaltenden Fest. Gemeinschaftssinn und Idealismus hatten ein großes Werk geschaffen. Zuerst sind da sicher die weit über 12 000 freiwillig von Handwerkern und Hilfsarbeitern geleisteten Arbeitsstunden zu nennen, die Schriftführer Ferdl Matt in seinem Stundenbuch fein säuberlich aufgezeichnet hat. Aus der Liste der 130 Namen stechen einige mit besonders großen Stundenzahlen hervor. Weitaus angeführt werden sie vom Gesamtleiter Hubert Flatz und seiner rechten Hand Ferdl Matt. Daneben 15 sind der Planer Edelbert Klimmer, Zimmermann Willi Abler, Baupolier Josef Leitner, Bodenleger Karl Aichholzer, die Schlosser Tone Lingenhel und Günther Muxel, die Elektriker Werner Dietrich und Wilfried Braitsch, Gärtner Franz Strezek und schließlich der Maler Anton Repolusk zu nennen, die für ihre Spezialgebiete verantwortlich zeichneten, aber auch sonst überall Hand anlegten, wo sie gebraucht wurden. Entscheidend für das Gelingen ihres Werks war jedoch die Mitarbeit jener weiteren 120 hier nicht genannten Helfer! Auch in der Liste der zahlreichen Förderer des Schießstandes fallen einige Namen auf. So hatte Alwin Rohner schon in der ersten Stunde, damals 1970 noch draußen in der Krone, die Lieferung sämtlicher Ziegel zugesagt. Er hielt sich nicht nur daran, sondern stellte unentgeltlich zusätzlich noch Zement, Kalk und Rohre nach Bedarf zur Verfügung. Neben den großen Beiträgen durch die Firmen Doppelmayr, Eisenkonstruktionen, und Berchtold, Zimmermannsarbeit, fällt Luis Erath in Lochau auf, der die Waschbetonplatten für den Hausplatz nicht nur spendierte, sondern auch selbst verlegte. Viele andere schließen sich an, von Holzsägern über Baggerfahrer bis zum Bildhauer Nitz in Lochau, der das Kruzifix für die Schützenstube stiftete. Ihre Namen sind auf einer Ehrenscheibe im Hauseingang verzeichnet. Nicht vergessen werden sollen die beachtlichen finanziellen Zuwendungen von Gemeinde Wolfurt, Land Vorarlberg und von der Österr. Turn- und Sportunion, der die Schützengilde Wolfurt beigetreten war. Sie alle konnten das Geld im sicheren Bewußtsein überweisen, daß es durch den Idealismus der Schützen vervielfacht in der Zukunft reiche Zinsen tragen würde. Als Hubert Flatz sein großes Werk fertiggestellt und auch fertig bezahlt hatte, wollte er seinen Dank noch auf ganz besondere Art abstatten. Bei Bildhauer Hubert Fessler in Hörbranz fand er ein Wegkreuz aus Stein, das er persönlich etwas oberhalb des Schießstandes aufstellte und am 18. Mai 1980 von Pfarrer Willi einweihen ließ (Bild 3). Er schreibt dazu. „Ich habe dieses Feldkreuz aufstellen lassen im Bewußtsein, daß einer über uns steht, der unsere Geschicke lenkt. Ihm haben wir zu danken, daß unser Gemeinschaftswerk, der Schießstandbau, gut gelungen ist. " Der neue Schießstand bewährte sich in den folgenden Jahren bei vielen Wettkämpfen. Im Erdgeschoß beherbergt er die Halle mit den 12 Klein-Kaliber-Ständen für die 50 Meter-Distanz und den großen Aufenthaltsraum, die „Schützen-Stube". Sie besitzt als Nebenräume eine kleine Küche mit einer praktisch eingerichteten Schank und die notwendigen Sanitär-Anlagen. Das ermöglicht die Bewirtung von Schützen und Gästen in angenehmer Atmosphäre. Hier hat sich ein Team von fleißigen Schützenfrauen sehr bewährt. Neben der Schießhalle befinden sich noch ein abgesonderter Auswertungsraum, natürlich mit Computer-Einrichtung, und ein Büro. Im Untergeschoß sind 12 Luftgewehr-Stände für 10 Meter-Distanz eingerichtet. Daneben sind eine zweite Schützenstube und ein separater Auswertungsraum sowie ein Vorratskeller situiert. Das Schießen mit großkalibrigen Gewehren und Jagd16 waffen, wie es auf den ehemaligen Ständen gepflegt wurde, ist im neuen Wolfurter Schießstand nicht mehr möglich. Dazu werden Interessenten auf die Anlagen einiger befreundeter Vereine im Land verwiesen. In einem Anbau stehen ausreichend Absteilflächen und Stauraum für die vielen Gerätschaften, die der moderne Schießbetrieb erfordert, zur Verfügung. Auf dem landschaftlich schönen Platz vor dem Gebäude ist auch die Abhaltung der zur Tradition gehörenden Schützenfeste möglich. Regelmäßig treffen sich an den Ständen junge und alte Schützen, Frauen und Männer, Wolfurter und Freunde aus den Nachbargemeinden. Sie üben ihr Auge und ihre ruhige Hand. Sie tauschen Erfahrungen aus und pflegen nach Feierabend die Gemeinschaft in gastlicher Runde. Die Liste der Erfolge von Vereins-Mitgliedern füllt viele Seiten der Chronik. Die junge Generation von Funktionären wird, gestützt auf die Erfahrung ihrer älteren Schützenkameraden, die USG Wolfurt sicherlich gut in die Zukunft führen. Wir Wolfurter sind stolz auf unsere Schützengilde und auf unseren Schießstand! 17 „Union Schützengilde Wolfurt" Die Vereinsführung im Jahre 2004 Markus Gasser Oberschützenmeister Romana Herburger Unterschützenmeisterin Roland Matt Marjeta Ulmer Thomas Ulmer Werner Böhler Rene Skamletz Josef Leitner Willi Hehle Franz Ratz Schriftführer Kassierin Sportleiter Kleinkaliber Sportleiter Luftgewehr Sportleiter Luftpistole Schützenrat Schützenrat Schützenrat Obersehüt/enmeister in Wolfurt Nach der Schützen-Chronik von Hubert Flatz, 1988. Aus den Anfängen des Schützenwesens sind nur zwei Schützenmeister bekannt: 1838-1844 um 1866 Andreas Klocker Josef Halder Ziegelfabrikant Gemeinde-Vorsteher Ab 1883 hat Flatz die Liste mit Hilfe der Schützenscheiben erstellt, ab 1923 liegen Protokolle vor. 1883-1886 1886-1890 1890-1895 1895-1904 1904-1911 1911-1915 1923-1926 1926-1928 1928-1931 1931-1937 1953-1954 1954-1957 1957-1963 1963-1972 1972-1979 1979-1981 1981-1996 1996Joh. Georg Fischer Ferdinand Schneider Martin Arnold Carl Müller Josef Rünzler Rudolf Böhler Dr. Wilhelm Mohr Hans-Martin Dietrich Paul Schwarz Siegfried Kalb Erich Gasser Josef Flatz Josef Dietrich Alfred Fischer Hubert Flatz Günther Muxel Ferdl Matt Markus Gasser Adlerwirt und Vorsteher Fabriksarbeiter und Chronist Bauer Kronenwirt Steinhauer Sternenwirt und Postmeister Landesbeamter Bauer Klöppelspitzenfabrikant Schwanenwirt Schreiner Fahrradmechaniker Elektriker Klöppelspitzenfabrikant Finanzbeamter Schlosser Finanzbeamter Angestellter Annelies Rohner Klaus Muxel Fahnenpatin 1984 Fähnrich Ehrenmitglieder 2004 Ferdl Matt Franz Strezeck Edelbert Klimmer Wilfried Braitsch Josef Leitner Valentin Lanker Helmut Vögel Alwin Rohner Roman Fekonja Ehren-Oberschützenmeister 18 19 Die Schützenscheiben Schützenscheiben sind Ehrenscheiben! Sie halten meist ein besonderes Ereignis fest und bekunden die Wertschätzung, die die Kameraden mit ihrem Ehrenschuß auf die bunte Scheibe zum Ausdruck bringen wollten. Darüber hinaus lassen sie den Betrachter einen Blick in die Geschichte tun, erzählen von den Leistungen der Schützen und von übermütigem Festtreiben, von Kaiser und Papst, von Jubiläen großzügiger Spender, aber auch von Kriegsnot und Tod. Die älteste erhalten gebliebene Schützenscheibe in unserem Land stammt aus Feldkirch und trägt die Jahreszahl 1640. Da können die Wolfurter Scheiben natürlich nicht mithalten. Noch lange Zeit besaß unsere Gemeinde keinen Stand, in dem man die Bilder hätte aufbewahren können. Auch die 12 Scheiben, für die Lorenz Höfle 1863 den Schützen sieben Gulden verrechnete, sind verschwunden. Auf eine davon war bereits ein „Hanswurst" aufgemalt, ein Faschingsnarr als Zielfigur. Im Schießstand wurden in die Täfel-Decke der Schützenstube 38 Scheiben eingearbeitet, dazu 11 in die Decke des LG-Standes im Keller. Weitere 21 Bildtafeln schmücken die Wände. Etwa 30 kleine Scheiben haben einen Platz an der Wand im LG-Stand gefunden. Von den insgesamt mehr als hundert Scheiben soll in diesem Heft eine Auswahl aus allen Gebieten des Schützenwesens gezeigt werden. Sie könnten für dich bei einem Besuch in unserem Schützenheim ein kleiner Führer sein. Den Anfang machen wir mit der historisch besonders wertvollen Scheibe aus dem Jahre 1899. Die folgenden Bilder sind in bunter Vielfalt nach ihrem Alter von 1891 bis 1988 gereiht und machen uns das Auf und Ab des Schützenwesens im 20. Jahrhundert bewußt. Angeschlossen sind einige Scheiben aus der Serie „AltWolfurt" und drei Ehrenscheiben für besonders verdiente Funktionäre. Den Abschluß bildet die große Jubiläums-Scheibe von 1988. Bild 6. Die Schießstand-Scheibe von 1899. Johann Fischer, Schnidarles Hannes, 1853-1945, war ein künstlerisch begabter Schreiner, Zeichner und Maler. Er hat sie für seinen Vater Josef Fischer, Schreiner an der Hub, zu dessen 50jährigem SchützenJubiläum gemalt. Das besondere an ihr ist, daß sie uns die drei ehemaligen Schießstände zeigt. Eigentlich hatte Fischer sein Jubiläum schon drei Jahre früher gefeiert, denn er war gemeinsam mit Johann Baptist Höfle 1846 bei den Schützen eingetreten.. Der Neubau des Schießstandes im Jahre 1898 machte eine Fertigstellung der Fischer-Scheibe mit dem gewählten Motiv erst jetzt möglich. Aber mit dem KaiserJubiläum im gleichen Jahr wollte Fischer wohl doch nicht konkurrieren und wartete daher noch ein Jahr. Im Bild sieht man den grauhaarigen Schützen mit geschultertem Stutzen. Er winkt uns grüßend mit dem Schützenhut zu. Zu seinen Füßen ein Schützen-Symbol: Schießscheibe und Narrenkappe zusammen auf einem Lorbeerzweig! Daneben der neue 20 Schießstand auf Kronenwirts Bühel mit grünen Fensterläden und einer rot-weißen Fahne auf hohem Mast. Davor sitzen Gäste, eine Kellnerin wartet auf. Im Hintergrund der Scheibenstock. Im Zentrum der Scheibe hält ein Falke die schwarzen Ringe des Ziels. Im der oberen Hälfte eine Rückblende in die jungen Jahre des Jubilars: Zuerst in einem Quadrat der älteste Schießstand im Kirchdorf. Zwei Schützen an einem einfachen Latten-„Stand". Daneben an einem Tisch der Schreiber. Hinten links die Häuser im Tobel, auf dem Bühel gegenüber die Schießscheiben. Oben das alte Schloß. Dazu eine Inschrift: „Schützenwesen 1838 beim Rössle Wolfurt". Die zweite Einblendung zeigt in einem Kreis einen anderen Stand. Diesmal lautet die Schrift: „Schießstand in Rickenbach 1846". Von der Straße tritt ein Schütze durch eine Lücke in der Mauer zu der einfachen „Schießhütte" mit dem steilen Bretterdach. Auf der Wiese einige Bäume und ein kleiner Stock mit zwei Scheiben. Weiter hinten ein Haus im Rickenbach-Lo und ein Berg. Aus Gemeinde-Akten und aus dem Kataster wissen wir, daß dieser Stand beim Gasthof Adler unmittelbar neben der Landstraße nach Dornbirn stand. An beide Stände konnten sich die Jubilare Josef Fischer, 1823-1902, und J.B. Höfle, 1826-1923, ganz sicher persönlich erinnern. Auf der Fischer-Scheibe sind insgesamt 43 Schützen mit ihren Ehren-Schüssen verzeichnet. Wir finden darunter den Jubilar Josef Fischer selbst, Altvorsteher Martin Schertler, den Altschützen und ehemaligen O.Sch.M. Ferdinand Schneider und O.Sch.M. Carl Müller. Ein einziger von den Schüssen, bei denen es ja nicht um Sieg und Niederlage ging, traf ins Schwarze, jener von Johann Gmeinder, Frickeneschers. Bild 7. Die älteste Wolfurter Scheibe trägt das Datum 3. Mai 1891. Sie zeigt einen vor dem Schützen flüchtenden Gamsbock. Auch diese Scheibe hat Schnidarles Hannes gemalt. Gewidmet wurde sie den neuen Schützenmeistern Martin Arnold aus Rickenbach und Gebhard Böhler aus dem Kirchdorf anläßlich ihres Amtsantritts. Bild 8. J.B. Höfle, s alt Küofarle von der Hub, hatte schon 1896 eine 50er-Ehrenscheibe spendiert. Als begeisterter Jäger sah er im Steinadler eine begehrte Beute. Höfle hat danach noch 27 weitere Jahre den Schützen angehört und ist erst 1923 als 9 8j ähriger von ihnen zu Grabe getragen worden. Diese und die meisten anderen von den 28 erhaltenen alten Schützenscheiben aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg hat nach einer Untersuchung von Anton Repolusk und Hubert Flatz der Maler Engelbert Köb angefertigt. Lehrars Engelbert auf dem Bühel war 1890 bekannt geworden, als er nach eigenen Entwürfen die Wolfurter Pfarrkirche ausgemalt hatte. Später hat er für seine Familie die Villa Bucherstraße 1 gebaut. Er war viele Jahre Erster Gemeinderat. 1915 ist er mit den Standschützen an die Front in den Dolomiten eingerückt und hat sich dort eine tödliche Krankheit zugezogen. 21 Bild 9. Zum 50jährigen Regierungs-Jubiläum von Kaiser Franz Joseph schoß die Schützengesellschaft 1898 eine Scheibe mit dem Kaiserwappen und dem Lothringer Kreuz aus. Wenige Wochen später ließen die befreundeten „Veteraner" ihre schöne Fahne weihen (Bild 38). Nachdem sieben Schützen im gleichen Jahr am Bundesschießen in Wien teilgenommen hatten, stifteten diese eine zweite Scheibe. Auch die 14 Teilnehmer am nächsten Kaiser-Jubiläums-Schießen 1908 spendierten wieder eine Scheibe, diesmal eine mit der Siegesgöttin. Bild 10. Daß manche Schützen auch sehr trinkfest waren, erfahren wir aus vielen Geschichten in den Protokollen. Daher stellte der Maler 1898 den Schmied Wilhelm Böhler vom Strohdorf mit Stutzen und Weinglas auf ein Faß. Bild 11. Ganz anders die Scheibe von 1899, die der Zimmermeister Josef Anton Köb, Lehrars, seinen Schützen-Kollegen widmete. Aus seinen Erinnerungen trat ein Bild aus dem Balkankrieg hervor, wo sich ein Schütze im grausamen Bajonettkampf gegen zwei Feinde durchsetzte. Bild 12. Im gleichen Jahr aber auch wieder Leichtsinn und Übermut.Schertler-Veres waren als eine der ersten Sticker-Familien zu Geld gekommen. Maria Schertler wurde von den Veteranern zu ihrer Fahnenpatin ausersehen. Ihr älterer Bruder Bernhard stiftete dieses Bild mit dem gefährlichen Hochrad und der Aufschrift „Behüt Dich Gott vor Fall und Wunden, vor bösen Weibern und vor Hunden!". Ein paar Jahre später hat Schertler die großartige Villa an der Lauteracherstraße bauen lassen. Bild 13. Ein neuer Vorstand wurde 1903 gewählt. Auf seine Schützenscheibe ließ er einen prachtvollen Löwen malen. Darunter verewigten sich die beiden Schützenmeister Josef Rünzler, Steinhauer in Spetenlehen, und Martin Dietrich, Bauer und „Armenvater" an der Hub, und dazu die beiden Schützenräte Gebhard Böhler, Schlosser im Dorf, und Gebhard Schedler, „Maschinen-Macher" im Loch. Bild 14. Noch eine Scheibe aus der Stickerei-Blütezeit von 1905! Schwankende Musikanten sind das Motiv für Kapellmeister Franz Rohner, Vinälars, und StickereiFabrikant Bernhard Schertler, Veres. Sie kommen vom Schwanen, wo sich die Sticker regelmäßig im Römer-Stüble trafen. Bild 15. Stellvertretend für viele erfolgreiche Meisterschützen des Vereins steht die Jubiläums-Tafel von Alt-O.Sch.M. Ferdinand Schneider aus dem Jahre 1908. Er war ein armer Fabriksarbeiter, aber begeisterter Jäger, Bergsteiger und Musikant. Außerdem betätigte er sich als Schauspieler, Feuerwerker, Sänger und Botaniker. Besonders wertvoll ist seine Dorf-Chronik, die auch allerlei Schützengeschichten enthält. So berichtet er, daß er die 3 Gulden 60 Kreuzer, die er dem Maler Engelbert 22 Köb für diese Scheibe schuldete, mit der Anlegung eines Gartens zu dessen neuer Villa oberhalb des Dorfplatzes abarbeitete. Aber wie bei vielen früheren Bewerben hielt er sich auch diesmal schadlos und gewann beim Kaiser-Jubiläums-Schießen im gleichen Jahr das bar ausbezahlte „Hauptbest". Bild 16. In den Kriegszeiten klaffen von 1912 bis 1924 und von 1940 bis 1960 große Lücken in den Reihen der Scheiben. Die erste nach dem Ersten Weltkrieg hat Pfarrer Simon Stadelmann 1924 zusammen mit Kapellmeister Rohner und O.Sch.M. Dr. Mohr nach einer Pilgerfahrt zum Papst nach Rom gestiftet. Sie zeigt ein prachtvolles Bild des Petersplatzes und wurde mit den Schützen auch vom Pfarrer selbst beschossen. An die gefallenen Schützen erinnern erst die Scheiben 1934 vom Heldendenkmal in Wien, 1936 vom Wolfurter Kriegerdenkmal, 1937 eine von fünf ehemaligen Offizieren gestiftete Tafel und schließlich die von 1940 (Bild 19). Bild 17. Albert Schwerzler, Hafnars, war 1905 nach Amerika ausgewandert, kehrte aber mehrmals auf Besuch in die Heimat zurück. Als er 1936 diese Scheibe mit der Silhouette von New York ausschießen ließ, waren unter den 44 Schützen auch der alte Hauptmann Ludwig Köb und viele Jungschützen. Den besten Schuß in die schwarzen Ringe brachte der damals 15jährige Hubert Flatz an. In seiner Chronik erzählt er, er habe dafür fünf Schillinge bekommen, die ihm seine Mutter aber gleich wieder zur Aufbesserung ihres schmalen Haushaltsgeldes abgefaßt habe. Bild 18. Eine Hochzeitsscheibe spendierte Ernst Gmeiner, Fideles, 1937 anläßlich seiner Vermählung. Etwas anzüglich neckten ihn seine übermütigen Freunde mit einem Schützen, der vor einer drohenden Wildsau auf einen Baum geflüchtet ist und die Waffe wegwirft. Bild 19. Sogar die NS-Zeit ist als bedrückender Teil unserer Geschichte in der Scheibensammlung präsent. Die 1940 gemalte „Ehrenscheibe zum 25. Jahrestag des Ausmarsches der Standschützen von Wolfurt am 23. Mai 1915 in den Weltkrieg" nennt die Namen der im Krieg verstorbenen neun Schützen. Sie zeigt nach dem Anschluß Vorarlbergs an den Gau Tirol als Wappen den roten Tiroler Adler mit dem Hakenkreuz und dazu das Wolfurter Wappen von der Schützenfahne von 1913. Gestiftet wurde die wegen ihrer Rarität heute sicher auffallende Scheibe vom „Ortsschützen-Verband Wolfurt 1940". Unter den zum Ehrenschuß aufgerufenen Schützen-Veteranen findet man den ehemaligen Standschützen-Hauptmann Ludwig Köb und die beiden Leutnante Dr. Wilhelm Mohr und Joh. Gg. Hohl. Daneben steht als Ehrengast der „Orts-Schützen-Leiter" Emil Beck. Bild 20. Die Scheibe von 1960 ist die erste nach der langen Unterbrechung durch den Zweiten Weltkrieg. Sie zeigt den Scheibenstock und weit hinten die Wald23 Kapelle auf Kronenwirts Bühel vor dessen Verbauung. Gewidmet ist sie dem Gedächtnis an acht verstorbene Funktionäre. Drei davon waren O.Sch.M. gewesen: Hansmarte Dietrich, der Schwanenwirt Siegfried Kalb und der Fahrrad-Mechaniker Pepe Flatz. Dazu erinnert sie an Fritz Pehr, Karl Müller, Hannes Fischer-Seppos, Mathias Rist und Isidor Flatz. Bild 21. Eine feinsinnige Hochzeitsscheibe von 1967 für Alwin Rohner und Annelies Schertler. Beide blieben den Schützen mit großen Verdiensten verbunden, Annelies als Fahnenpatin, Alwin als großzügiger Förderer des Schießstand-Neubaus. Bild 22. Viele Scheiben berichten von den Erfolgen der Wolfurter Schützen bei örtlichen und internationalen Wettkämpfen. Diese häuften sich besonders, nachdem ab 1960 ein regelmäßiges Training aufgenommen worden war und die JungschützenBetreuung Früchte trug. Zuerst war schon 1973 Wolfgang Aichholzer als Jungschütze Landesmeister und ein Jahr später österreichischer Junioren-Staatsmeister geworden. Eine eigene Scheibe zeigt 1979 Gerhard Muxel, der bei der Europa-Meisterschaft eine Medaille gewonnen hatte. Eine weitere Tafel faßt die Namen von zehn Gildenmitgliedern zusammen, die bis 1979 zu Staatsmeisterschaften gefahren waren: Gerhild Flatz, Doris Muxel, Wolfgang Aichholzer, Gerhard und Günther Muxel, Josef Vonach, Josef Hechenberger, Alexander Strezeck, Werner Böhler und Werner Vogel. Ihnen folgten in den Jahren danach noch zahlreiche weitere Teilnehmer an Staatsmeisterschaften und internationalen Wettkämpfen. Die abgebildete Ehrenscheibe erhielt 1983 Reinhard Muxel, österreichischer Jugend-Meister und Teilnehmer an der EM in Dortmund. Bild 23. Mit mehreren Scheiben ist die Schützen-Dynastie Fischer vertreten, Nachkommen des Schützenwirts Martin Fischer, der 1860 den Schießstand an der Hub erbaut hatte. Sein Sohn war der Lammwirt und Metzger Gebhard Fischer, ein langjähriger Förderer des Schützenwesens, der schon 1897 eine fröhliche Scheibe mit einem „Ochsenreiter" spendierte. Auch der Enkel Dr. August Fischer blieb den Schützen sein Leben lang verbunden. Er erforschte ihre Geschichte beim Aufstand gegen die Bayern im Jahre 1809 und ließ zum Gedenken an den Wolfurter Major Jakob Schertler 1977 am Schützenheim eine Bronzetafel anbringen. Zu seinem 90. Geburtstag spendierte er 1988 diese Scheibe, die ihn als Ehrenmitglied der Matreier Schützen in Tiroler Tracht zeigt. Den besten Schuß beim Festschießen gab übrigens sein Neffe August Hinteregger, der Pfarrer von Bildstein, ab. Als Förderer der Schützen galt auch ein anderer Neffe, Johann Fischer, Metzgermeister und Sternenwirt. Zum Kreis der Schützenwirt-Verwandten gehört schließlich auch noch Alfred Fischer von der Steig, zu dessen 60jährigem SchützenJubiläum 1970 eine Ehrenscheibe ausgeschossen wurde. Als O.Sch.M. war er damals an den Vorbereitungen zum Schießstand-Neubau beteiligt. 24 Bild 24. Zwei große Tafeln ehren die Sieger der „ER und SIE-Schießen". Die erste von 1976 zeigt das Schloß noch mit dem ursprünglichen Turm, den es vor der Gründung des Schützenvereins 1835 besessen hatte. Die Umrahmung bilden oben zwei Ansichten von 1936, unten Motive nach dem Brand von 1939. Bild 25. Das zweite „ER und SIE"-Bild von 1980 ruft die alte Volksschule im Strohdorf in Erinnerung. 1872 war sie gebaut worden, hatte dann bis 1967 neben der Schule auch das Gemeindeamt beherbergt und war schließlich 1979 abgebrochen worden. Bilder 26 bis 31. Anton Repolusk hatte schon 1968 die Scheiben-Serie „AltWolfurt" begonnen, mit der er abgebrochene Häuser dem Vergessen entreißen wollte. Für die jährlichen Vereins-Meisterschaften schufen er und nach ihm einige andere Vereins-Angehörige mehr als 30 kleine Scheiben. Ein wirklich beachtlicher Beitrag zur Dorf-Geschichte! Bild 32. Drei Männern mit ganz besonderen Verdiensten um die Schützengilde sind eigene Ehrenscheiben gewidmet. Zuerst Hubert Flatz, 1921-1991. Von seinem Vater Josef (Pepe) Flatz wurde er dem Verein schon 1935 als Jungschütze zugeführt. Nach dem Krieg half er dem Vater beim Wiederaufbau und übernahm 1960 als Schriftführer Verantwortung. Mit ungeheurem Einsatz trieb er, nachdem er 1972 zum Oberschützenmeister gewählt worden war, den Neubau des Schießstandes an der Ach voran. Er trat von dem Amt erst 1979 zurück, als er den vier Jahre vorher fertiggestellten Bau seinem Nachfolger Günther Muxel schuldenfrei übergeben konnte. Jede Ehrung lehnte er ab. Erst nach seinem Tod wurden mit dem „HubertFlatz-Schießen" von 1993 und dieser Gedenkscheibe, auf der sich 170 Schützen eintrugen, seine Verdienste festgehalten. Bild 33. Die nächste Scheibe hat die Gilde 1995 ihrem Ehren-O.Sch.M. Ferdl Matt gewidmet. 221 Schützen haben darauf mit einem Ehrenschuß ihre Anerkennung gezeigt. Ferdl Matt war 1972 als Schriftführer an die Seite von Hubert Flatz getreten und hatte mit ihm den Bau des Schießstandes geleitet. Von 1981 bis 1995 übernahm er selbst das Amt des O.Sch-M. Bild 34. Eine weitere Tafel zeigt Ehrenmitglied Anton Repolusk, den Maler. Mit unendlicher Sorgfalt restaurierte er viele von den alten Scheiben, die dann in die beiden Decken in der Schützenstube und im LG-Stand eingefügt wurden. Eine ganze Reihe von den jüngeren Scheiben malte er selbst. Viele Bilder schuf aber auch der Schütze und Jäger Hubert Gasser, akad. Maler, der ebenso zur Restaurierung der alten Scheiben beigetragen hatte. Zum Abschluß des Schießstandbaus hielt Repolusk 1975 viele Namen der Mitarbeiter und Förderer auf 25 einer Ehrentafel fest. Sie hängt heute im Haus-Eingang. Unter die Bilder der am Platz des Schießstands längst verschwundenen alten Holzbrücke und des neuen Hauses setzte der Maler dort die Worte „Idealismus - Einigkeit - Tatkraft". Bild 42. Nach den nun angeschlossenen Fahnen-Bildern (35 bis 41, 4 und 5) steht als Abschluß die große Jubiläums-Scheibe von 1988. Noch einmal scheint hier die Wolfurter Schützengeschichte auf. Hubert Gasser malte die Tafel zum 150-JahrJubiläum der Gilde und nahm dabei die „Fischer"-Schicßstand-Scheibe von 1899 (Bild 6) zur Vorlage. Stifter waren die Marktgemeinde Wolfurt und Bürgermeister Erwin Mohr. Der Tradition zuliebe sammelten sich die Schützen noch einmal zu einem letzten Fest draußen auf Kronenwirts Bühel. „Geschossen am alten Schießstand in der Hub am 17. September 1988 unter Oberschützenmeister Ferdl Matt". Prächtig ist der neue Stand mit seiner grün-weißen Schützenfahne und der Schrift „An der Ach, erbaut 1972-1975" dargestellt. Die Aufschriften zu den anderen Ständen wurden gegenüber dem Original verändert. Der „Rößle"-Garten war inzwischen beim Bau des Pfarrheims verschwunden. Daher steht jetzt beim ersten Stand „Auf dem Pfarrbühel 1846". Beim zweiten steht „Im Kella 1846". Das müßte auf „Beim Adler 1846" korrigiert werden. Der dritte Stand an der Hub erhielt zwar bei der Renovierung von 1898 dieses Aussehen, er war dort aber bereits 1860 erbaut worden. Insgesamt 69 Ehrenschüsse sind auf der Scheibe verzeichnet, darunter die von Bürgermeister Erwin Mohr, Altbürgermeister Hubert Waibel, O.Sch.M. Ferdl Matt und Alt-O.Sch.M. Hubert Flatz. Auffallend ist der hohe Anteil von 11 „Schützinnen". Als bester Schuß ins Zentrum wurde der von Hans Schwaighofer gewertet. Ihm folgt mit Susanne Fekonja bereits die erste Dame. Noch zahlreiche weitere Scheiben von Mitgliedern und Ehrenmitgliedern, von Hochzeiten, Jubiläen und anderen Schützenfesten, schmücken den Schießstand. Sie künden den Nachkommen von der Verbundenheit ihrer Väter und zunehmend auch der Mütter mit dem Wolfurter Schützenwesen. Mögen noch viele folgen! Bild 6: Schützenjubiläum 1899. Diese besonders wertvolle Scheibe, gemalt von Schnidartes Hannes, zeigt die drei alten Wolfurter Schießstände beim Rößle, beim Adler und auf Kronenwirts Bühel. 26 27 Bild 7: Die älteste Wolfurter Scheibe von 1891. Ein Gamsbock für die beiden neuen Schützenmeister. Bild 8: 50 Jahre bei den Schützen! Küfermeister Joh. Bapt. Höfle feierte 1896 sein Jubiläum mit einem übergroßen Adler. 28 29 Bild 9: Kaiser-Jubiläum 1898. Die Schützen ehrten ihren Landesherrn bei vielerlei Anlässen. Bild 10: 1898. Trinkfest sollten die Schützen auch sein! Jedenfalls galt das für den Schmied Böhler aus dem Strohdorf. 30 31 Bild 11: Der Krieg auf dem Balkan als Thema einer Schützenscheibe von 1899. Josef Anton Köb, Lehrars Seppatone auf dem Bühel, hatte es gewählt. Bild 12: Ein Hochrad von 1899. Bernhard Schertler, Veres, hielt den neumodischen Männersport samt einer übermütigen Warnung fest. 32 33 Bild 13: Ein Löwe als Ziel! Der neue Vorstand von 1903 wollte in Würde erscheinen. Bild 14: 1905. Musik und Gesang auf dem Kirchplatz vor dem Schwanen. Die reichen Sticker Bernhard Schertler und Franz Rohner, Kapeollar, freuten sich über die goldenen Zeiten. 34 35 Bild 15: 1908. Wieder ein Goldenes Jubiläum. Ferdinand Schneider, 1841-1917, hatte sich als Meisterschütze und Oberschützenmeister Verdienste erworben. Aber auch in anderen Vereinen und vor allem als Dorf-Chronist hat der einfache FabriksArbeiter viel für die Gemeinschaft geleistet. Bild 16. 1924. Wallfahrt nach Rom! Die erste Schützenscheibe nach dem Ersten Weltkrieg. 36 37
  1. heimatwolfurt
20030701_Heimat_Wolfurt_27 Wolfurt 01.07.2003 Heft 27 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juli 2003 Bild 1: Ein Veloziped! Albert Köb, Lehrers, traute sich um das Jahr 1890 als einer der ersten mit seinem Hochrad auf die holperigen Straßen. Inhalt: 137. Fahrräder 138. Deuring- Schlößle 139. Burg Guglionesi 140. Frauen 141. Rohner-Familien 142. Unterlinden 143. Kriegerdenkmal Bildnachweis Bilder 8, 9, 10 u. 12 Siegfried Heim Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Bittere Medizin (Heft 26, S. 4) Dieser Aufsatz hat viel Aufmerksamkeit gefunden. Hier noch einige Ergänzungen: Im Taufbuch wird schon 1674 ein „Baader" Georg Rohner genannt. Das wäre demnach der älteste bekannte Wolfurter Arzt, lange vor Antonius Bildstein. Druckfehler! Seite 10, Zeile 12, richtig ist: 1864 ist Martin Rohner gestorben, (nicht Georg Gmeiner) Zu Dr. Dünser: Nach dem Hausbesitzer-Buch (Codex 8a im Gemeindearchiv) haben Dr. Ferdinand Dünser und seine Gattin Amalia Hofer am 6. Okt. 1874 in Wolfurt das Haus C 124 (später Kirchstraße 19) gekauft. Somit kennen wir ein weiteres ehemaliges Doktor-Haus. Zu Dr. Embacher: Das Vlbg. Volksblatt berichtet im Mai 1908 von seinem 40jährigen Arzt-Jubiläum. Daran beteiligten sich neben Musik und Gemeindevertretung auch der Pfarrer und der Schulleiter. Es gratulierten die zwei Töchter und sechs Söhne: ein Arzt, ein Zahntechniker, ein Medizin-Student, ein Jus-Student, ein Eisenbahn-Stationsvorstand und ein Handelsangestellter. Wohin sich die EmbacherSöhne zerstreut haben, ist nicht bekannt. Die beiden Töchter heirateten in Wolfurt. Zu Dr. Lecher: Die seit kurzer Zeit im Archiv zugängliche Schwärzler-Chronik ermöglicht es, einige Daten aus Dr. Lechers Arbeit zu berichtigen: Angefangen hat er in Wolfurt am 1. März 1924. Schon im September 1925 schaffte die Gemeinde auf sein Ansuchen hin ein fahrbares Liegebett an. Aber erst im Dezember 1927 gründete Dr. Lecher die Rettungsabteilung der Feuerwehr. Sein erstes Arzt-Auto besaß er übrigens bereits seit August 1926. In Lechers Zeit fällt auch ein besonders dunkles Kapitel der Medizin-Geschichte, die Tötung unwerten Lebens während der Nazi-Zeit. Aus Karl Schwärzlers Notizen erfahren wir, daß die Bevölkerung doch manches darüber wußte. Schon im Februar 1941 berichtet er unter „Hiobsnachrichten", daß die Kranken von Valduna und Jesuheim nach Linz transportiert wurden. Von dort kommen Todesnachrichten. Am 25. April weiß er, daß auch Hammerschmieds Josef von der Valduna nach Hall überstellt worden und dort „gestorben" ist. (Josef Rohner, Hammerschmieds, war 73 Jahre alt. Er hatte an der Achstraße gewohnt). Im September 1942 ist die geisteskranke Sr. Euphrasia (Höfle) in Linz „gestorben". Zu Dr. Schneider: Unser geschätzter ehemaliger Arzt bestätigte die Not bei der Kinderlähmungs-Epidemie von 1958. Die Ärzte waren sich nicht einig, ob es allenfalls gefährlich sei, in die bereits grassierende Krankheit hinein noch zu impfen. Es waren ja drei Impfungen mit Zeitabständen notwendig. Eine Mutter, die damals selbst zwei Kinder verlor, einen 15jährigen und einen einjährigen Sohn, erinnert sich, wie Dr. Simma, der Leiter des Krankenhauses Valduna, erklären mußte: „Wir können gar nichts machen!" Allein im kleinen Kennelbach starben innerhalb weniger Wochen fünf Kinder an der schrecklichen Krankheit. Bitte! Nach der Aussendung von Heft 26 fragte eine ganze Reihe von Lesern nach einem Erlagschein. Wir haben zuletzt immer nur in jedes zweite Heft einen solchen eingelegt. Diesem Heft 27 liegt also wieder ein Erlagschein für das Konto Heimatkundekreis 87 957 bei der Raiba Wolfurt (BLZ. 37 482) bei. Es ist der erste in Euro. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag unsere Anliegen zu unterstützen. Neubestellungen Von den bisherigen Ausgaben von „Heimat Wolfurt" stehen noch die letzten zehn Hefte (Nr. 17 bis 26) in beschränkter Anzahl für Neubestellungen zur Verfügung, von älteren Heften nur mehr Einzelstücke. Bestellungen bitte mit Angabe der Adresse an die Schriftleitung. Keine weiteren Verpflichtungen! - Lediglich die Bitte um eine freiwillige Zuwendung. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Zu Dr. Beck: Unabhängig voneinander wußten etliche Leser, zuerst Toni Fink im Kessel, daß unser Ehrenring-Träger Emil nicht der allererste Leiter des UnfallKrankenhauses in Feldkirch gewesen sei. Ludwig Gmeiner, dessen Gedächtnis ja unerhört viele Daten speichert, nannte auf Anhieb einen Dr. Amann aus Hohenems, der zuerst schon als Nachfolger von Primarius Dr. Schalle das Unfallkrankenhaus Valduna geleitet habe und dann nach der Übersiedlung vom 1. November 1972 an auch Feldkirch. Am 1. Jänner 1974 löste ihn Dr. Emil Beck ab. Strom für Wolfurt (Heft 26, S. 24) In Wien hat Dr. Mittersteiner diesen Artikel zustimmend gelesen und etliche Hefte für die VKW nachbestellt. Im Streit um die erste elektrifizierte Gemeinde Österreichs dürfte die Stadt Steyr voran liegen. Dort hat nämlich schon 1884 der Waffenschmied Josef Werndl „die erste elektrische Straßenbeleuchtung Europas" installieren lassen. In Vorarlberg folgten als erste Schwarzach und Wolfurt 1900 vor Rieden-Kennelbach 1901 und Bregenz 1903. Über das Geschehen in Wolfurt lese ich in einem Schulaufsatz vom 4. Jänner 1900 (dazu die umseitige Abbildung!): Jetzt bekommen wir das elektrische Licht. Es sind schon lange die Arbeiter am Baue dran. Sie haben schon die Stangen gesteckt. Von Schwarzach sind schon Leitungsdrähte gespannt bis zur Krone in Wolfurt. Aber sie müssen noch an der Ach draußen die Stangen stecken und bis in das Dorf herein. Man sagt, es werde bis im Mai fertig. Es kommen 25 Lampen zur Straßenbeleuchtung in das ganze Dorf. Der Vater hat das Licht noch nicht bestellt es ist ihm noch zu theuer. Der Schertler im Flotzbach läßt die Maschine elektrisch treiben, ebenso einige ihre Schnelläufermaschinen. Auch wegen der schönen Kurrentschrift ist der abgebildete Aufsatz des damals 13jährigen Rudolf Guldenschuh ein bemerkenswertes Zeitdokument. Kannst du es noch lesen? Für mich ist es eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Wolfurter Strom-Aktivitäten vor der VKW-Gründung 1901. Bei weitem nicht alle Wolfurter Häuser wurden gleich zu Anfang 1900 mit Strom versorgt. In die abgelegene Parzelle Holz und zum Schloß wurden die Leitungen erst im Jänner 1936 verlegt. Vermutlich war Dr. Fritz Schindler, der die Absicht hatte, das Schloß zu renovieren, die treibende Kraft. Einzelne Höfe in Bildstein, Buch und Alberschwende erhielten erst in den 50er-Jahren Strom. Als letztes Wolfurter Haus war am 6. Dezember 1948 der Gasthof Hohe Brücke, „do Studowirt", angeschlossen worden. Eine teure Leitung mit 37 Masten mußte dazu gebaut werden. Während des Krieges hatten strenge Verdunkelungs-Vorschriften gegolten. Nach fast sechs Jahren wurden am 19. Juni 1945 erstmals wieder die Straßenlampen eingeschaltet. Eine ganz neue Straßenbeleuchtung mit modernen Leuchtröhren wurde am 22. Dezember 1961 in Betrieb genommen. 4 Bild 2: Elektrischer Strom für Wolfurt schon im Jahre 1900! Ein Schulaufsatz von Rudolf Guldenschuh. 5 Zu Plazidus Gunz, dem Wolfurter Elektro-Pionier. Die Gunz-Chronik berichtet von ihm, daß er auch ein Wegbereiter für die neuen Verkehrsmittel gewesen sei. Als erster in Wolfurt schaffte er sich 1885 ein Fahrrad an. Lies darüber im anschließenden Beitrag vom „Veloziped"! 1907 führte ihn „Büro Franzele" mit dem ersten Wolfurter Auto nach Bludenz. Seine Kritik an dem Gefährt, das die wenigen Steigungen nur mit Mühe schaffte, soll den Ausschlag gegeben haben, daß sie das teure Auto mit großem Verlust an die französische Lieferfirma zurückgab. Ein Jahr später kaufte sich Plazidus ein Motorrad, ebenfalls das erste in Wolfurt. Begeistert soll er zu seinem Bruder Lorenz gesagt haben. „Der Mensch geht erst beim Motorrad an!" Licht für den Maialtar (Heft 26, S. 41) Abbitte leisten muß ich dem seligen Pfarrer Alexander Gut für die Unterstellung, er hätte bei der Kirchenrenovierung von 1938 das schöne Letsch-Bild von der Gottesmutter aus der Kirche entfernt. Inzwischen ist nämlich ein Foto von der Wolfurter Nachprimiz des Innsbrucker Geistlichen Anton Fischer am Weißen Sonntag, 7. April 1940, aufgetaucht. Es zeigt Guts Nachfolger Pfarrer Wilhelm Brunold und im Hintergrund an der linken Seitenwand der Kirche das vermißte Letsch-Bild. Dieses ist also erst später verschwunden. Weiß jemand etwas über seinen Verbleib? Pfarrer Brunolds Nachfolger wurde nach dem Krieg nach einigen Monaten Vertretung durch Kaplan Nesensohn und Hofrat Dr. Metzler ab 27. Mai 1947 Pfarrer Guntram Nagel. Ein altes Hochzeitsbild (Heft 26, S. 50) Interessiert haben viele der zahlreichen Nachkommen das Bild studiert. Vom alten Rößlewirt Fidel Müller war bis jetzt gar kein Foto bekannt, nur von seinem Sohn Fidel Müller junior, der als Rößlewirt auch ein bedeutender Gemeinde-Politiker war. Zu ihrer Hochzeit im Jahre 1877 hatte die Braut Karolina Müller ihre WäscheAusstattung nach damaliger Sitte mit einem schönen Monogramm „KM" bestickt. Ein kunstvoll verziertes Taschentuch blieb bei der Enkelin Herta Böhler (Postmoastors) und später bei deren Nachbarin Celine Gliebe erhalten. Nun hat diese es als „Karolina Müller"-Taschentuch identifizieren können und daher an Karolines Ur-Enkelin Christi Rohner, die im fernen Kanada lebt, übergeben. Ganz begeistert schrieb diese zu Weihnachten, das alte „Deckele" auf ihrem Bauernschrank erinnere sie immer wieder an die Heimat. Wozu ein altes Foto noch gut sein kann! Menschen um uns (Heft 26, S. 54) Die aufgezählten Originale sollten Anlaß zu fröhlich erzählten Geschichten sein. Bild 3: Das Letsch-Bild noch 1940 in der Kirche. Wir wurden uns nicht einig, woher eigentlich Schuostor-Heinrich (Köb) stammte. Vermutlich aus Bildstein! Er soll einige Zeit lang bei Husters auf dem Rutzenberg gewohnt haben. Nach dem Krieg handelte er mit Kleiderbügeln und hölzernen Kluppa, die Küonzo Leonhard erzeugte. Hildegund Gmeiner-Mathis erzählte von einem Tirolar-Schwerzler, der beim Küfer Georg Höfle in Untermiete wohnte und in der Stickerei Gmeiner eine komplizierte Maschine gebaut hatte, ein „Perpetuum mobile ". Immer wieder haben Tüftler unter den Erfindern nach einer solchen unmöglichen Maschine geforscht, dem Tirolar war sie endlich gelungen. Bei den reichen Dornbirner Fabriksherren wollte er nun sein Patent mit dem „ewigen Umgang" vorstellen. Er fand aber kein Gehör. Der Tirolar blieb arm und mußte weiterhin da und dort eine Suppe betteln. Auswanderer Aus dem Allgäu hat sich eine junge Auswandererin gemeldet: Erna Donat, geb. Köb, Jg. 1944, „ Sattlars Robertos " auf der Steig. Als junges Mädchen ging sie mit vielen anderen zum „Hopfo-Brocko " ins Schwabenland. Sie fand dort Freunde und heiratete später. Jetzt lebt sie in Leutkirch. Die „Heimat'-Heftchen von Wolfurt schätzt sie sehr: „Da wird so manches in Erinnerung gerufen. " Wir erwidern ihre Grüße. Ganz begeistert zeigte sich auch „Hammorschmiods Minele" in Gisingen, Frau Mina Fischer-Österle. Zum Begräbnis ihres allerletzten Vetters Arthur Fischer war 7 6 sie in Wolfurt und brachte alte Photos. Als Ahnenforscher meldeten sich weitere Nachkommen von Auswanderern. Zuerst kamen Vater und Sohn Rohner aus dem Saarland, deren Ahn Johann Rohner Wolfurt schon um das Jahr 1740 verlassen hat. Lies dazu weiter hinten unter „Die Rohner"! Dann stellten sich mit dem Ehepaar Isabella und Perluigi Sibilla besonders interessante Forscher vor, Nachkommen von Auswanderern, die wir noch zu den Einwanderern zählen. Isabellas Großmutter Cecilia Salvaterrra ist 1902 in Wolfurt geboren worden und hier in die Schule gegangen. 1920 ist sie mit ihrer Familie nach Bozen ausgewandert (Siehe Heft 17, S. 49!). Mit fast 100 Jahren ist sie erst im Jahre 2000 gestorben. In den letzten Jahren war sie etwas verwirrt. Obwohl sie mit ihren Kindern und Enkeln bisher immer Italienisch gesprochen hatte, verwendete sie jetzt nur mehr den Wolfurter Dialekt aus ihrer Schulzeit. Den konnten die Enkel aber beim besten Willen nicht verstehen! Siegfried Heim Vom Veloziped zum Bike Die Geschichte des Fahrrades! - Das abgelaufene 20. Jahrhundert hat außer den beiden Weltkriegen auch eine ungeheure Fülle von technischen Errungenschaften gebracht. Mit Auto, Flugzeug und Mondrakete können sich freilich die meisten nicht messen. Trotzdem möchte ich einem treuen Diener hier ein paar Zeilen widmen, dem guten alten Fahrrad. Um das Jahr 1900 hatte die Eisenbahn auch für unser Land ein Tor in die weite Welt geöffnet. Aber nur ganz wenige Dorfbewohner vertrauten sich dem fauchenden Ungetüm an. Auch das Angebot der Postkutsche wurde kaum genutzt. Zu Fuß ging man zur Arbeit in Feld und Ried, zu Fuß auch auf den Markt nach Bregenz und zur Wallfahrt auf die Fluh und nach Bildstein. Aber da und dort tauchte jetzt doch auch schon ein viel bestauntes „Velizipe " auf. Noch ahnte niemand, daß es bald viele weite Wege erleichtern würde. Schon 1817 hatte der badische Forstmeister Karl Drais zur Beschleunigung seiner ausgedehnten Märsche ein hölzernes Zweirad gebaut. Aber anfangs fand die „Draisine" nur Nachahmer bei den jungen Lords in England, die mit ihrem „Dandy Horse " bei den Damen Eindruck machten. Erst technische Verbesserungen ebneten dem Zweirad den Weg zu weiteren Bevölkerungsschichten, vorerst allerdings fast nur zu sportlich begabten Männern. Wichtige Stationen der Entwicklung waren der Einbau von Pedalen 1844, das „Hochrad" von 1870, der Kettenantrieb mit Übersetzung am „Niederrad" 1879, die Luftreifen 1888 und der Freilauf 1900. „Bicycle ", das heißt „Zweirad", nannten die Engländer ihr neues Sportgerät, „Velocipede " hießen es die Franzosen, was etwa „schneller Fuß" bedeutet. Bald wurden daraus das umgangssprachliche „Bike", das kurze „Velo" und bei uns aus „Fahrrad" ganz einfach „Rad". In der Gunz-Chronik1 beschreibt Lorenz Gunz um das Jahr 1925 rückblickend die Entwicklung in Wolfurt von der „Tressina" (Draisine) bis zum „Velizipe" (Velocipede): das erste (Fahrrad) meines Dänkens war ein hölzenes Zweirad, die Räder sind hintereinander gegangen wie bei den heutigen Fahrrädern, die Räder waren mit Eisenreifen beschlagen und natürlich nicht gefedert. Das Rad hat dem Caspar Bereuter auf der Dellenmoosmühle gehört, das war ein Wunderding. Wir Buben sind dem Bereuters Caspar nachgesprungen, und der Casper hatte keine leichte Arbeit, wenn er den Buben aus dem Weg kommen wollte. Man hat dießes Rad Tressina genant. Später kamen die Hochräder, unser Plaze hatte das erste 1885 in Wolfurt, Schwarzach und Lauterach, bei denen das vordere Rad gross, das hintere bedeutend kleiner war. Dann kamen die Fahrräder mit auf gekiteten Gumme Reifen, 9 8 Bild 4: Hochrad-Fahrer auf Holzfelgen Bild 5: Die ältesten Niederräder, noch ohne Kettenantrieb Bild 6: Firmling und Pate mit den modernsten Rädern von 1903 dann die mit Kisselreifen. Diese beiden nannte man Velizipe. Dann kam die Luftbereifung und später die Motorräder. Nach Plazidus Gunz gehörte zu den Pionieren des Wolfurter Radsports der junge Turner Albert Köb, 1872-1914, der sich mit seinem teuren Velocipede stolz dem Fotografen stellte (Titelbild). Sein Hochrad hatte schon Vollgummireifen auf die Holzfelgen aufgeklebt, aber es besaß weder Freilauf noch Bremsen. Nur ein wagemutiger Turner konnte den hohen Sattel erklimmen und das Fahrzeug über die rauhen Schotterstraßen lenken. Bei Geralle versuchte er, mit den Lederschuhen an den Felgen zu bremsen. Oft rettete ihn aber nur ein rechtzeitiger Absprung vor einem gefährlichen Sturz. Vielleicht war aber gerade dieses Risiko der Grund dafür, daß jetzt an vielen Orten Fahrrad-Clubs gegründet und sogar internationale Wettrennen durchgeführt wurden. Das erste Rennen in Vorarlberg fand 1898 auf der Strecke Hohenems-Feldkirch und zurück statt.2 Bei ihren Ausfahrten wurden die Sportler oft verspottet und sogar behindert. Bild 4 zeigt ein paar bei einer Faschingsveranstaltung. Ihre Räder sind noch ganz aus Holz, die Felgen mit Eisenreifen beschlagen. Jeder führt eine Karbid-Laterne mit. Einer (ganz rechts) hat eine Hebel-Bremse eingebaut. Nach 1900 verschwanden die Hochräder schnell in den Dachböden und Rumpel10 kammern. Moderne Niederräder hatten sie abgelöst. Zu einem Festumzug im Jahre 1958 nahmen Gassers Engelbert und Thalers August noch einmal zwei solche Veteranen in Betrieb (Bild 5). Auch beim Niederrad wirkten die Pedale direkt auf das Vorderrad. Aber es besaß immerhin bereits eine Stempelbremse mit einem Gummiklotz. Ein solches Niederrad war natürlich auch viel leichter zu beherrschen. Schnell entwickelte es sich zu einem Symbol von Luxus und Reichtum. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich in einem Bregenzer Foto-Atelier vor einer Natur-Kulisse mit seinem Fahrrad ablichten. Wenn ein Sticker seine Belegschaft aufnehmen ließ, stellte er sich selbst meist mit seinem Rad dazu. Bild 6 stammt aus dem Jahre 1903. Es zeigt den angesehenen Steinbruch-Besitzer Josef Rünzler, 1871-1935, und sein Patenkind Julius Müller, Kronenwirts, 18931916. Ihre hochmodernen und teuren Fahrräder haben bereits Luftbereifung, Stollenbremsen, Freilauf und Klingel, aber noch keine Schutzbleche. An der Hinterachse besitzen sie auch noch den Eisensporn, der früher - noch ohne Freilauf - das Aufsteigen erleichtert hatte. Im Übermut der goldenen Stickerzeiten wagten sich sogar die ersten emanzipierten jungen Damen auf ein spezielles Fahrrad. Zum Schutz der kostbaren Spitzenkleider hatte man dieses mit Schutzblechen, einem vornehmen Kettenkasten und mit zier11 Bild 7. Gottfrieda Österle mit dem ersten Damenrad 1908 lichen Spann-Netzen verschönert. Mit einem solchen Fahrzeug ließ sich um 1908 die reiche Stickerstochter Gottfrieda Österle fotografieren (Bild 7). Der Pfarrer sah solcherlei Hoffahrt gar nicht gerne. Bertha Gasser, geboren 1893 in Meschen und später als Frau Fischer an der Brühlstraße verheiratet, erzählte von ihrer leidvollen ersten Bekanntschaft mit dem Rad. Eine Stickersfrau in Spetenlehen, der die 15jährige Bertha manchmal bei der Arbeit half, besaß auch ein solches Wunderding, getraute sich aber nicht zu fahren. Schließlich durfte Bertha einmal probieren. Schnell hatte das wendige Mädchen den Trick erfaßt. Nun lenkte sie, von jubelnd nachrennenden Schulkindern gefolgt, ihr Gefährt bis ins Kirchdorf hinein. Sicher brachte sie es wieder heim nach Spetenlehen. Die Abrechnung erfolgte am Sonntag, als die schulentlassenen Mädchen in der Kirche feierlich in die Jungfrauen-Kongregation aufgenommen werden sollten. Da wurde Berthas Name erst ganz am Schluß aufgerufen. Öffentlich verweigerte ihr der gestrenge Pfarrer wegen ihres „ungebührlichen Benehmens" die Aufnahme. Welche Schande! Trotzdem! Das Fahrrad setzte sich nun rasch durch, auch bei den Frauen. Es ersparte viel Zeit bei der Bewirtschaftung der Äcker im Feld und im Ried. Es erleichterte das Einkaufen und den Weg zur Fabrik in Kennelbach. Bald standen in jedem Haus 12 mindestens ein Herren- und ein Damenrad. Bei der ersten Fahrzeugzählung in Wolfurt fanden sich 1933 bei fast 2000 Einwohnern bereits 400 Fahrräder, dazu auch schon 25 Motorräder und sogar 10 „Luxus"-Autos. Die Fahrräder wurden jetzt mit einem stabilen Gepäcksträger ausgerüstet, die meisten zudem mit einem abnehmbaren „Sattele " für Kleinkinder. Sonntags-Ausflüge führten die ganze Familie bis Lustenau oder Hohenems. Und einmal im Sommer banden die Eltern einen leeren Koffer auf den Gepäcksträger und fuhren bis Kreßbronn oder Nonnenhorn „ga Kriose holo "? Ein unvergeßlicher Höhepunkt im Fest-Kreis des Kinderjahres! Manche von uns erinnern sich auch noch an den Fischhändler oder an den Käshändler, die mit speziell angefertigten Dreirädern schwere Lasten zu ihren Kunden transportierten. Auch der Bäckergeselle mit seiner „Krätzo" stellte das Brot per Rad zu. Natürlich beherrschten die Schulkinder nach kurzer Einübungszeit die Fahrräder ihrer Eltern, lange bevor sie den Sattel erreichen konnten. Die Buben führen anfangs mit Vaters Rad „ undor-or Stang " „ a Ränkle "5 durchs Dorf, dann aber bald „freihändig" wie Kunstradfahrer. Bei ihren Ausfahrten nahmen sie oft Freunde oder kleine Geschwister mit, „ ufliocko lo " war Ehrensache. Sogar Rennen führten sie mit ihren dazu gar nicht geeigneten schweren „Waffen"-Rädern durch. Draußen in der fernen Welt gab es ja bereits seit 1903 die Tour de France und längst auch den Giro d'Ttalia und die Tour de Suisse. Dann kam der Krieg. Als Treibstoffmangel den Autoverkehr lahmlegte, wurden Fahrräder für den Weg zur Arbeit und zur Schule nach Bregenz besonders wichtig. Schuhnägel und Scherben bedrohten die Gummireifen. Ein Flickzeug mit Raspel und Gummi-Lösung mußte ständig mitgeführt werden. Irgendwie schaffte es unser großer Bruder immer wieder, mit „ Undorleggar "6 oder „ Üborleggar " die defekten Reifen zu heilen. Manchem alten Fahrrad gaben dann 1945 noch die Marokkaner den Rest, als sie den Umstieg von ihren Mulis auf unsere Technik versuchten. „Das nix gut Rad!" entschuldigten sie sich, wenn sie wieder eine Felge verbogen hatten. Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg zeigte sich bald in neuen, farbigen und chromglitzernden Fahrrädern. Etwa ab 1950 besaßen manche sogar schon eine „Sturmay"-Dreigang-Schaltung und zwei Felgenbremsen. Die Besitzer wurden bestaunt und beneidet. Schnell begann dann aber die Motorisierung. Mofa, Moped, Motorroller und die vielen Motorräder stießen das Fahrrad in ein AschenbrödelDasein. Im April 1947 hatte die nicht mehr ganz junge Krankenschwester Sr. Epiphania noch ein erstes Fahrrad bekommen - der Pfarrer hatte jetzt nichts mehr dagegen. Von den Pfarrherren selbst habe ich aber nur unseren guten Pfarrer Willi in Erinnerung, wie er ab 1957 wöchentlich mehrmals auf seinem schwarzen Rad die Kranken in den Spitälern von Bregenz und Dornbirn besuchte. Am Sonntag trug es ihn manchmal auch zu einem Fußballmatch nach Lustenau. Bei einer Ehrung rechnete der Festredner dem Pfarrer diese Treue zum bescheidenen Fahrrad ganz hoch 13 an, denn längst fuhren die Kapläne jetzt Autos oder schnelle Motorräder. Das Fahrrad schien auszusterben. Fabriken und Händler mußten schließen. Nur „Sammars Hubert" hielt noch Ersatz-Schrauben bereit und flickte für ein paar Groschen die letzten Räder für die Wolfurter und für die weite Umgebung. Und dann war plötzlich ein neuer Trend da. Etwa ab 1975 stellten immer mehr Frauen und Männer Gesundheitssport und Fitness in die Mitte ihres Lebens. Wer „in" sein wollte, mußte wieder ein Fahrrad haben, besser noch zwei oder drei. Zuerst ein Rennrad mit möglichst schmalen Reifen, Tachometer und mindestens 21 Gängen. Dann auch ein Mountain-Bike mit dicken Spezialreifen und komplizierter Federung. Dazu das richtige „Outfit" mit buntem Trikot, Ledereinsätzen in den Hosen, Spezialschuhen, Sturzkappen und Handschonern und natürlich mit einem ganz genauen Herzfrequenz-Meßgerät. Neue Firmen entstanden, neue Zweiradgeschäfte. Jedes Jahr warfen sie eine Fülle neuer Dinge auf den Markt: City-Bike, Cross-Maschine, BMX-Rad, Klapprad, Scheiben- und Trommelbremsen, neue Lenker, Holzfelgen(!), Aluminium- und Carbon-Rahmen, aber auch das TandemRad und als Anhänger den „Kiki"-Kinderwagen. Neue Radwege wurden angelegt, zu den Schulen und quer durch die Großstädte. Reizvolle Uferwege begleiten Donau, Inn und Rhein. Nobelhotels werben um den Fahrrad-Gast. Reise-Büros und Bus-Unternehmer bieten ausgesuchte Bike-Touren an. Noch lebt das gute alte Fahrrad! Siegfried Heim Die Wolfurter Wappen am Deuring-Schlößle Die aus dem Mittelalter stammende Stadtmauer der Bregenzer Oberstadt umschließt in ihrer dem See zugewandten Südwest-Ecke das uralte DeuringSchlößchen mit dem malerischen Eckturm und seiner barocken Blechhaube. Als die neuen Besitzer das Schlößchen im Jahre 1990 behutsam renovierten, um es zu einem Feinschmecker-Restaurant umzubauen, wurden auch die lange Zeit übertünchten Fassaden-Malereien aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg freigelegt. An vielen Stellen zeigen sie, mit phantasievollen Bändern geschmückt, das Wolfurter Ritterwappen mit dem steigenden Wolf über dem Fluß. Man spürt förmlich den Stolz der ehemaligen Besitzer auf ihr Familien-Symbol. Seinen Namen hat das Schlößchen von der Kaufmanns-Familie Deuring, die es um 1660 erworben und bis 1801 besessen hat. Vorher wohnte dort Oberst Kaspar Schoch, ein alter Haudegen aus dem 30jährigen Krieg, der sich vom einfachen Musketier bis zum vom Kaiser geadelten Feld-Obristen hinaufgedient hatte. Auf seinem originellen Epithaph neben der Kanzel in der Pfarrkirche St. Gallus bezeichnete er sich selbst als „Madensack". Und vor Schoch war das Schlößchen mehr als hundert Jahre lang im Besitz der Ritter von Wolfurt gewesen. Ihnen gehörte natürlich auch das Schloß Wolfurt. Aber angenehmer leben als auf dem Wind und Wetter ausgesetzten Bühel ließ sich in der Stadt Bregenz. Daher verlegten sie ihren Wohnsitz kurzerhand in ihren Stadt„Palast", ähnlich wie es die Emser Grafen zu dieser Zeit auch taten. Das zweite Edelgeschlecht „von Wolfurt" war aus der Bregenzer Bürgerfamilie Leber hervorgegangen und durch den Handel mit Holz und Wein reich geworden. Durch verwandtschaftliche Beziehungen erhielt es im Jahre 1463 nach dem Aussterben des ersten Rittergeschlechts derer von Wolfurt das Schloß Wolfurt als Lehen. Von Kaiser Maximilian wurde Jakob Leber um 1515 in den Adelsstand erhoben. Er nannte sich jetzt „den Edlen und Vesten Jakoben von Wolfurth uf Wolfurth" und führte das Wappen der Vorgänger weiter. Seine Kinder und Enkel schmückten damit auch ihr Schlößchen in Bregenz. Erhalten geblieben ist eine von dort stammende bunte Glasscheibe aus dem Jahre 1539. In schönen gotischen Buchstaben liest man „Hanns von Wolffurt zu Wolffurt - 1539 - Edeltrut von Wolffurt geborn von Hochenlandeberg". Der Historiker Andreas Ulmer hat die Scheibe schon 1925 beschrieben und als „ein prachtvolles Stück zeitgenössischer Glasmalereikunst" bezeichnet. Aus Ulmers Burgenbuch2 und aus seinen Grabstein-Forschungen3 übernehme ich einige der folgenden Ausführungen. Es fällt auf, daß die Vermählungs-Scheibe wohl die drei Ringe des Wappens der Hohenlandenberg zeigt, nicht aber den Wolfurter Wolf. Eine Verbindung mit dem alten Adelsgeschlecht der Hohenlandenberg war dem neuen Geschlecht von Wolfurt 15 1 2 3 4 5 6 GA Wolfurt, Gunz-Chronik, S. 153 VN v. 4.9.1986 Kriose sind Kirschen Krätzo ist ein Tragkorb a Ränkle, eine Kurve Undorleggar, Unterlage 14 Bild 8: Das Deuring-Schlößle im Frühling 2003 Bild 9: Fassadenschmuck mit Wolfürter Wappen Bild 10: Die Wappenscheibe von 1539 Bild 11: Der Wappenstein von 1610 hochwillkommen. Wegen ihrer Herkunft von Bregenzer Bürgern wurden sie ja „ von etwelchen übelnachredenden Leuten und Diffamanten" noch nach mehreren Generationen schief angeschaut und des adeligen Standes für unwürdig gehalten. Anders die Ritter von Hohenlandenberg! Sie stammten ursprünglich aus Schwaben und waren dann in der Schweiz ansässig. Aus ihrem Geschlecht stammt Hugo von Hohenlandenberg, der zur Zeit der Reformation von 1496 bis 1529 Fürstbischof von Konstanz war. Die Braut Edeltraut war vermutlich eine Schwester des Ritters Sigmund von Hohenlandenberg. Dieser war österreichischer Vogt der Herrschaft Neuburg und befehligte in Ungarn ein Landsknecht-Regiment gegen die Türken. Das erfahren wir aus seinem Grabdenkmal, welches am Chorbogen der St. GallusKirche eingemauert ist. Dort ist auch das Landenberg-Wappen mit den drei Ringen zu sehen. Eine adelige Herkunft des Bräutigams Hans war dagegen nur schwer nachzuweisen. Das erste Rittergeschlecht von Wolfurt, dem die mächtigen Söldnerführer Ulrich und Konrad angehört hatten, war ja um 1450 erloschen. Maria von Wolfurt, eine der letzen Töchter des Geschlechtes, hatte Johann Kaisermann, den Stadt-Ammann von Bregenz, geheiratet. Eine von ihren Enkelinnen wurde später die Ehefrau des Holzhändlers Hans Leber und damit die Ahnfrau des zweiten Geschlechts „von 16 Wolfurt". Maria, gestorben schon 1415, ist auf einem Fresko in der Michaelskapelle von St. Gallus dargestellt.4 In Bregenz kaufte Junker Jakob im Jahre 1521 auch noch das ansehnliche Gut „uff der Rütte ", die heutige „Weißenreute". In sein Schloß in Wolfurt nahm er im Jahre 1529 den Abt Kilian von St. Gallen samt seinem Konvent auf. Die Mönche waren vor der Reformation nach Wolfurt geflohen. Abt Kilian ist dann 1530 beim Durchreiten der reißenden Ach ertrunken. Seine Gefährten konnten bald wieder nach St. Gallen heimkehren. Im Jahre 1537 erhielt Jakobs Sohn Hans von Wolfurt das Schloß als Lehen. Er vermählte sich mit Ehrentraut von Hohenlandenberg und ließ zu diesem Anlaß die Wappenscheibe malen. Wie schon seine Vorfahren hob Hans für das Kloster Weißenau bei Ravensburg von vielen Besitzungen in Weiler und Hörbranz über Bregenz bis zum Sulzberg den Zehent ein und vergrößerte sein Vermögen. Im Namen des Klosters Weißenau sorgte er für die Erhaltung der rechten Hälfte (!) der Pfarrkirche St. Gallus.5 Nach einer Bregenzer Urkunde hatte „Hanns von Wolfurt" im Jahre 1540 sogar das einflußreiche Amt des Stadt-Ammanns inne. Nach seinem Tod konnte die Witwe Edeltraut mit ihrem Sohn Hans Georg 1547 für 465 Gulden auch noch den riesigen „Loherhof" in Bregenz kaufen, das spätere Gut 17 Kronhalden. Das Ansehen dieses „Hans Jörg von Wolfurt zu Wolfurt" war so groß, daß er 1565 mit seinem Siegel das Testament des Grafen Gabriel von Hohenems bezeugen durfte. Eine Urkunde von 1571 weist nach, daß er gemeinsam mit seiner Mutter „Edeltrauta geb Hohenlanndenberg" am Brand in Bregenz ein Jauchert Reben steuerfrei besaß. 1582 erlaubte er der Stadt die Fassung der Quellen auf seinem Gut Reutin für ihren Stadtbrunnen6. Im Jahre 1587 machte er eine bedeutende Stiftung für die „Lateinschüler" von Bregenz. Auch seine Mutter Edeltraut hatte der Lateinschule eine Stiftung hinterlassen, dazu eine ausdrückliche Widmung „für den Kirchengesang". Damit ist sie die erste bekannte Fördererin des Kirchenchors von St. Gallus. Auch in der Kirche St. Nikolaus in Wolfurt hatte sich Edeltraut mit einer Stiftung von 100 Gulden je eine „ewige Messe" zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten gesichert7. Schon lange vergessen! Ab 1575 war Hans Georg wie früher sein Vater Zehent-Einnehmer des Klosters Weißenau geworden. Sein eigenhändig geschriebenes Zehentbuch ist erhalten geblieben und vermittelt eine Fülle von Wirtschafts-Daten aus dieser Zeit.8 Auch er bewohnte nicht sein Schloß Wolfurt, sondern sein Bregenzer Gut Reutin (Weißenreute). Das erfahren wir aus einer Urkunde von 1601, als er einen Besitz mit Stadel und Brunnen an das Kloster Thalbach verkaufte". Hans Georg hatte eine ganze Reihe von bedeutenden Söhnen. Laux (Lukas) von Wolfurt war bischöflicher Obervogt von Konstanz und wurde unter Erzbischof Mark Sittich Stadt-Hauptmann von Salzburg. 1608 verkaufte er sein vom Vater Hans Georg ererbtes Gut Reutin für die ungeheure Summe von 5000 Gulden." Domprobst Sigmund verwaltete für den Erzbischof dessen Besitzungen in Konstanz. Der Jesuitenpater Hugo von Wolfurt leitete als Rektor das Kolleg in Hall. Ein weiterer Sohn Hans Sigmund betreute die Besitzungen in der Oberstadt. Im Schlößle ließ er über einem Torbogen seinen Wappenstein einmauern. Das Relief zeigt unter dem Wolf die Jahreszahl 1610 und die Buchstaben „HS. V.W.Z. W. " Das bedeutet Hans Sigmund von Wolfurt zu Wolfurt. Im Jahre 1940 ließ Dr. Fritz Schindler eine Kopie dieses Wappensteines anfertigen und beim Neubau des abgebrannten Schlosses in Wolfurt in den Turm einfügen. Zu höchsten Ehren brachte es der letzte Sohn des Hans Georg. Ab dem Jahre 1616 war Eucharius von Wolfurt Fürstabt des mächtigen Benediktiner-Klosters Kempten und behielt dieses hohe Amt bis zu seinem Tod 1631. In dieser Zeit war er ein einflußreicher Anführer der Gegenreformation in Süd-Deutschland. Nach seinem Tod schändeten die mit den Schweden verbündeten Protestanten sein Grab. Mit dem Tod von Fürstabt Eucharius und seiner kinderlosen Brüder starb das zweite Geschlecht der ,fidlen von Wolfurt" um die Mitte des 17. Jahrhunderts aus. Weil dem Adel eine ganze Anzahl von Vorrechten zugebilligt wurden, hatten längst auch andere wohlhabende Bregenzer Bürgerfamilien nach dem Vorbild der Leber einen ähnlichen sozialen Aufstieg angestrebt. Etliche hatten vom Kaiser ebenfalls einen Wappenbrief erhalten und waren in den Adelsstand erhoben worden. Schon 1601 18 Bild 12: Der Turm von Schloß Wolfurt waren es etwa die Schmid „ von Wellenstein " und 1621 die Deuring „ von Mittelweyerburg". Später folgten 1681 die Bildstein „zu Bildstein " und 1684 die ursprünglich aus Wolfurt stammenden Vonach „zu Gernhaimb ". Das Schloß-Lehen in Wolfurt war an Österreich heimgefallen. Es wurde nacheinander an verschiedene kaiserliche Beamte vergeben, darunter 1696 an den in Hofsteig verhaßten Amtmann Benedikt Reichart „ von Wolfurt und Wellenstein ". Im Jahre 1772 konnte der erste „Schloßbauer" Johann Stadelmann das Schloß kaufen. Noch einmal erwarb es 1856 mit Jakob Huter ein reicher Bregenzer Kaufmann, der Vater des Bürgermeisters und Ehrenbürgers von Bregenz Josef Huter. Von dessen Familie kam es 1935 in den Besitz von Dr. Fritz Schindler. 1939 ist es mit Ausnahme des massiven Turmes vollständig abgebrannt. Schon 1940 wurde es neu aufgebaut. Es gilt als Wahrzeichen der Markt-Gemeinde Wolfurt, die ja auch das alte Wolfs-Wappen der Ritter als ihr Gemeinde-Wappen führt. Welch eine Fülle von Bezügen der Stadt Bregenz zu den Wolfurtern findet sich aber in der Geschichte! Die Gallus-Kirche und ihre Michaelskapelle. Das DeuringSchlößle und die großen Höfe von Weißenreute und Kronhalde. Stadtammann, Lateinschule, Kirchen-Chor und sogar der Stadtbrunnen! Und noch eine weitere Verbindung findet sich heute in Wolfurt. In dem schönen 19 Haus auf dem Hexenbühel, wo vor fast zweihundert Jahren die letzten Mauern der Burg Veldegg von den Steinbrechern abgetragen wurden, wohnt die Familie Kispert. Sie besitzt aus dem Nachlaß von späteren Bewohnern des Deuring-Schlößchens jene kostbare Wappenscheibe von 1539. Der erst vor wenigen Monaten verstorbene Dr. Wolf Kispert trug nach 1945 als Geschäftsführer die Verantwortung für die Textilwerke Schindler in Kennelbach, bei denen damals noch mehrere hundert Wolfurter beschäftigt waren. Er und seine Frau Eleonore brachten mit der Scheibe eines der ältesten Wolfurt-Kunstwerke in unsere Gemeinde. Nur Pergamente und Siegel und der Ritter Konrad-Kelch von 1364 sind älter. Siegfried Heim Guglionesi Die „Wolfurter" Burg in den Abruzzen Seit im Jahre 1982 anläßlich der Markterhebung die Geschichte von Ritter Konrad von Wolfurt und von seinem goldenen Kelch erforscht wurde, läßt sie uns nicht mehr los. So nützte auch unser Bürgermeister Erwin Mohr seinen Sommerurlaub 2002 in Apulien dazu, einen Besuch in Guglionesi zu machen. Er wußte ja, daß Ritter Konrad einige Jahre lang Herr dieser mächtigen Bergfestung gewesen war. Türme und Mauern sind längst verfallen. Guglionesi ist ein friedliches Städtchen geworden. Vom Bürgermeister wurde sein Wolfurter Kollege freundlich empfangen. Er brachte eine Beschreibung der Bild 13: Das Stadtwappen Stadt mit, in der doch tatsächlich der Name unseres von Guglionesi gewaltigen Ritters als „Wolfard (Lupo)" erwähnt wird. So weit fort in Italien! Und das nach fast 700 Jahren! Die Stadt Guglionesi hat heute rund 6000 Einwohnern. Sie liegt auf einem 375 m hohen Vorberg der Abruzzen etwa 10 km entfernt vom Ufer des Adriatischen Meeres in der Region Campobasso. Mit seiner weiten Aussicht über Land und Meer war dieser Platz schon in römischer Zeit und noch mehr im Mittelalter von hohem strategischem Wert. Deshalb erbaute hier schon der Normannen-Herzog Robert Guiscard um das Jahr 1050 eine starke Burg. Nach dem Untergang der Staufer durch die Enthauptung von König Konradin 1268 in Neapel wurden die Anjou aus Frankreich Könige von Neapel und bald danach auch von Ungarn. Im Jahr 1347 kam es zu einem erbittert geführten Erbstreit um Neapel und ganz Unter-Italien, in welchem die Ritter Ulrich und Konrad von Wolfurt ungarische Heere anführten. Bei Guglionesi überstieg Konrad 1348 mit seinen Söldnern die Abruzzen und gab dem Krieg eine entscheidende Wendung. König Ludwig von Ungarn verlieh ihm darauf die Burg und den Titel eines Barons von Guglionesi. Konrad ließ die Festung ausbauen: „Corradus Lupus .... fortivicavit se in Guillonisio" (Burmeister, Edelgeschlecht von Wolfurt, S. 36). Das Fort hatte jetzt eine große Mauer mit 18 Türmen und zwei Toren. Von hier aus plünderte Konrad 1350 das benachbarte Foggia und machte ungeheure Beute. Später kehrte er auf seine Besitzungen in Ungarn und im Schwabenland zurück. Im Jahre 1355 ritt er als Gesandter des Königs zum Papst nach Avignon, der dort gerade seinen riesigen Palast baute. Wahrscheinlich mußte Konrad aus seiner Kriegsbeute einen Beitrag zu den ungeheuren Kosten leisten. 1364 stiftete er zur Sühne 1 2 GA Wolftut, Brunnenbrief von 1517, Heimat Wollte 23, S.9 Andreas Ulmer, Burgen und Edelsitze, Dornbirn 1925, S. 626, Deuringschlößchen, und S. 383, Schloß Wollte Andreas Ulmer, Die Epitaphien der Bregenzer Stadtpfarrkirche, Alemania, Bregenz, 1927 4 Heimat Wollte, Heft 9, S. 38, Michaelskapelle 5 Heimat Wollte, Heft 179, S. 4, Weißenau 6 LA, Breg. Regesten Nr. 641 7 LA, Breg. Regesten Nr. 650 8 Abschrift im GA Wollte 9 LA, Vlbg. Regesten 1601 10 LA, Vlbg. Regesten 1608 20 21 Siegfried Heim Frauenleben Zu einem Vortrag für Frauen hat man mir dieses Thema gestellt: Frauenleben in Wolfurt, ein Rückblick. Ein problematisches Unterfangen! Zu schnell gingen manche Veränderungen in den letzten hundert Jahren vor sich. Zu verschieden sind die Standpunkte von Jung und Alt, von Mann und Frau, von Tradition und Fortschritt. Patriarchat da, Emanzipierung dort. Zeitweise heiß umstritten die Themen „der dressierte Mann", „die Frau an den Herd" und „das Recht auf den eigenen Bauch". Manche Diskussionen zeigen Risse auf, die quer durch die Familien, vor allem auch quer durch die Gemeinschaft der Frauen gehen. Mit ein paar Namen will ich einen Beitrag zum Nachdenken versuchen. „Gott schuf also den Menschen, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. ... Es war sehr gut!" (Genesis 1; 26) Es war sehr gut! - Die Biologie erkennt die Spezialisierung, die Arbeitsteilung zwischen allen Formen des Lebens, als höchste Stufe der Entwicklung und als Voraussetzung für den Fortbestand. Jede Zelle muß ihren Beitrag leisten, ihre ureigenste Aufgabe erfüllen, wenn der Organismus gedeihen und bestehen soll. Und jede ist dazu besonders ausgerüstet. Die Frau anders als der Mann! Die Geschichtsschreibung berichtet fast nur von den Taten (und Untaten) der Männer. Vor jedem von ihnen stand aber seine Mutter und neben den meisten eine Gattin. Nur selten wurde deren Anteil anerkannt. Wie im alten Testament wurden auch im römischen Recht, das noch durch das ganze Mittelalter herauf Gültigkeit hatte, die Frauen nahezu ohne Rechte gelassen. Sie wurden bevormundet. Über ihr Leben entschied zuerst der Vater, dann der Ehemann. Die Hl. Elisabeth wurde als vierjähriges Kind aus Ungarn nach Thüringen verheiratet und wuchs am fremden Hofe auf. Mit 15 Jahren wurde ihre Ehe vollzogen. Fünf Jahre später hatte sie fünf Kinder und war Witwe - und rechtlos. Nicht einmal Brot an die Armen verschenken durfte sie. Mit 24 Jahren ist sie gestorben. So ähnlich erging es damals auch vielen Mädchen und Frauen in unserem Dorf. Ihr Leben war Arbeit und Mutterschaft und Dienst an der Familie. Und wenn Segen über der Familie lag, wenn viele von den Kindern groß wurden, dann wurden häufig überzählige Buben als Landsknechte verkauft, Mädchen als Mägde verdingt. Und manche wurden - anfangs allerdings nur bei noblen Leuten - ins Kloster gesteckt. Klosterfrauen sind die ersten Wolfurter Frauen, deren Namen wir kennen. Sigena von Wolfurt ließ als Äbtissin des einflußreichen Frauenklosters von Lindau schon um 1250 Silbermünzen prägen. Guta von Wolfurt war um 1370 Meisterin im Kloster Münsterlingen bei Konstanz. „Ora et labora!" bestimmte dort ihre Tage. Ganz anders lebten ihre Brüder, die Ritter Ulrich und Konrad, die Guta im 23 Bild 14: Die Burg der 18 Türme, Rekonstruktion für seine Sünden den Wolfurter Kelch für das Kloster Pfäfers. Als er 1365 mit seinem großen Vermögen Stadt und Burg Arbon am Bodensee kaufte, siegelte er den Vertrag mit seinem Wolfswappen und der Umschrift „S. Coradi d Uulfort Baronie Guillon Dominus ". Noch immer nannte er sich also stolz „Herr von Guglionesi". Seither hatten wir den Ritter Konrad durch viele Jahrhunderte vergessen. Nicht so die Italiener. Sie nennen seine Zeit „il periodo in cui si ebbero numerose invasioni, lapiü dannosa delle quali, quella di Wolfard (Lupo) ". Die schlimmste Invasion war die durch den Ritter Wolfurt, den sie den Wolf hießen. 22 Jahrzeitbuch von 1370 in ihr Gebet einschloß. Sie hatten 1348 ungarische Söldnerheere nach Süd-Italien geführt, hatten die Städte Foggia, Capua und Aversa geplündert und „.... und überließen sich ihren bösen Gelüsten mit Frauen und Jungfrauen Als sie sich mit schweren Wagenladungen voll von geraubten Schätzen auf den Heimweg machten, „.... nahmen sie viele Mädchen und Frauen, die sie ihren Männern geraubt hatten, mit sich auf die Reise "-.' Schlimm! Solche Schicksale gab es auch in unserem Land, das immer wieder von durchziehenden Heeren verwüstet wurde. Frauen als Kriegsbeute! Konnte es denn noch schlimmer kommen? Leider ja! Als um das Jahr 1500 Hungersnot und Pest Europa heimsuchten, gab man die Schuld daran dem Teufel und den vom ihm besessenen Hexen. Verbunden mit sexuellen Skrupeln breitete sich ein entsetzlicher Wahn aus: Im Flotzbach und im Kellasumpf tanzen die Hexen! Wir müssen sie unschädlich machen! - Auf den Scheiterhaufen in Bregenz starben Dutzende von Frauen. Mindestens acht davon stammten aus Wolfurt, das damals ein Dörfchen mit nicht einmal 400 Einwohnern war. Acht Frauen und auch ein Mann, der Bäcker. Wir kennen ihre Namen. Stellvertretend für alle nenne ich nur Maria Kelhofer. Sie war die letzte aus Wolfurt, die noch im Jahre 1628 durch gräßliche Folter zu einem Geständnis gezwungen und dann als Hexe geköpft und verbrannt wurde. Frauen als Brandopfer! Ein Jahr später ist 1629 in Bildstein die Muttergottes erschienen. Noch einen anderen Namen habe ich auf einem Pergament gefunden: Christina Muchsel. Sie war die Bäuerin im Bannholz und lebte dort um 1580 mit Sebastian Fischer zusammen, dem Pfarrer von Wolfurt. Das war damals durchaus üblich. Fünf Kinder gebar sie ihm. Auf Geheiß des neuen Bischofs mußte sie der Pfarrer verlassen. Ganz allein sorgte sie sich nun um die Kinder - und Gott gab sichtbar seinen Segen dazu. Das Geschlecht blühte auf, mehr als jedes andere in Wolfurt. Es brachte Handwerker hervor, Ammänner, Gemeinde-Vorsteher, Wirte, Ärzte und Advokaten und auch viele Priester, Patres und Klosterschwestern. Christina Muxel vom Bannholz! Auch in den folgenden Jahrhunderten war das Leben der Frauen bestimmt von Arbeit und Mutterschaft und oft auch von einem frühen Tod. Denn nicht selten starben Frauen in Ausübung ihres Mutterberufes im Kindbett. Dann hatte ein Mann manchmal hintereinander drei oder vier Ehefrauen. Ein Beispiel dafür ist Johann Baptist Köb, geboren 1814 im Schloß, der Stammvater von „Schloßburos" in der Bütze. Seine erste Frau Maria Anna Österle starb nach der Geburt ihres fünften Kindes mit 31 Jahren. Die zweite Frau Agatha Fischer starb schon bei der Geburt ihres ersten Kindes mit 34 Jahren. Und die dritte Frau Anna Huber gebar elf Kinder. Eine Woche nach der Geburt des elften starb auch sie mit 36 Jahren. Ein vergleichbares Schicksal kennen viele von uns noch von „Kamplar-Mohros " an der Hub. Dort gebar Agatha Köb ihrem Mann jedes Jahr ein Kind: 1911, 1912, 13, 14, 15, 16, 17. Drei Wochen nach der Geburt des siebten ist sie gestorben. Der älte24 Bild 15: Mutter Maria Anna Mohr mit ihrem Mann und 13 Kindern ste von den sieben war gerade sechs Jahre alt. Die Kinder brauchten und bekamen eine neue Mutter in Maria Anna Arnold. Zu den sieben Stiefkindern gebar sie in den folgenden zehn Jahren sieben eigene, zusammen also 14. Welche Enge um die „Stopfar "-Schüssel am Morgen! Welches Gedränge um die Mus-Pfanne am Mittagstisch! Und welche Sorgen erst, als fast alle Buben in den Krieg einrücken mußten! Über Maria Anna Mohrs Grab steht „Alles liegt in Gottes Hand". Das gilt wohl auch für eine andere Frau, die genau 100 Jahre früher an der Hub lebte: Maria Anna Fischer, die Ehefrau von Andreas Rohner, dem Begründer und ersten Kapellmeister der Blasmusik Wolfurt. Zwischen 1811 und 1831 gebar sie 15 Kinder, fünfzehn! - und alle starben am Tag der Geburt. Rhesus-Faktor unverträglich! Das konstatieren wir heute nüchtern und können nicht erahnen, mit welcher verzweifelten Hoffnung sich die unglückliche Frau damals an jede neue Schwangerschaft geklammert hat. Und dann gab es auch noch die vielen unverheirateten Frauen, denen die Ehe versagt blieb, weil ihnen die Familiensituation oder die Gemeindevertretung den „EheKonsens" verweigerte. Magd blieben sie, ohne Zahltag, ein Leben lang. Oder sie gingen in die Fabrik wie Karolina Heim. Zu Fuß nach Kennelbach, 50 Jahre lang, jeden Tag, auch am Samstag, täglich 13 Stunden, später nur mehr 12, jeden Tag, ohne Krankenkasse, ohne Rente! 25 Bild 16: Karolina Heim, ledig geblieben Bild 17: Franzele Dür, emanzipiert Bild 18: Promotion 1939, Dr. iur. Marianne Fischer Unvergessen bleiben jene Ordensschwestern aus Hall, Sr. Epiphania und Sr. Theodora: den Tag für die Kranken, die Nächte bei den Sterbenden, ein Leben im Dienst am Nächsten, meist für ein „ Vergelt 's Gott!". Samariterinnen! Und dann kündigte sich , in winzig kleinen Schritten zuerst, eine neue Zeit für die Frauen an: Juditha Fischer, 1855-1921, bricht 1881 in einen bisher den Männern vorbehaltenen Bereich ein. Sie spielt Theater, öffentlich! Sie spielt die Rolle der „Berta" in Schillers revolutionärem Werk „Die Räuber". - Eine Frau! Vor 1000 Zuschauern, 1881! - Bei allen bisherigen Aufführungen der großen Wolfürter Freilicht-Theater hatten Männer auch die Frauenrollen gespielt, etwa der Sternenwirt Böhler die Armgard im „Wilhelm Teil" oder der Rößlewirt Müller die „Jungfrau von Orleans" oder der Kunstmaler Schneider die „Genovefa". Juditha Fischer hat übrigens bald danach den Vorsteher Johann Martin Schertler geheiratet und ihm zehn Kinder geboren. Einen nächsten Schritt tat Franziska Dür, 1854-1922. Obwohl einzige Tochter und reich - sie heiratete nicht! Sie las viel, sie hielt sich Zeitungen, sie reiste, nach Wien, nach Rom, nach Lourdes, nach Jerusalem, auf die Welt-Ausstellung 1900 nach Paris. Sie trank gerne Wein. Sie besaß einen Revolver, mit welchem sie Schießübungen machte. Und 1907 kaufte sie gar - ganz unerhört für jene Zeit! - ein 26 Auto, das erste im Dorf. Da blieb den Männern wohl der Mund offen. „Düro Franzele" hat dann auch noch andere Seiten gezeigt. Sie galt als mildtätig und fromm und hat 1913 für die Kirche die große Grödner Krippe gestiftet. Durch die Inflation verarmt ist sie 1922 gestorben.2 Politisch blieben Frauen noch lange ohne Rechte. Um 1870 durften nur die Steuerzahler wählen. Nicht aber die Frauen! Bei Wahlen mußten sich vermögende und steuerzahlende Frauen durch einen Mann vertreten lassen, durch einen Nachbarn etwa oder durch einen Verwandten mit schriftlicher Vollmacht. Erst unter dem Druck der bisher ebenfalls Unterdrückten, der in den sozialistischen Parteien organisierten Arbeiter, erhielten die Frauen politische Rechte. Zuerst führten die Bolschewisten nach der Oktober-Revolution von 1917 in der Sowjet-Union das Frauen-Stimmrecht ein. Deutschland und Österreich folgten nach dem Zusammenbruch der Monarchien 1918, in Österreich mit dem Gesetz vom 18. Dezember 1918. Das ist sehr früh, wenn man bedenkt, daß Frauen in den Frauenfreundlichen USA erst 1920, in England 1928 und in Frankreich, dem Land von „ liberte " und „ egalite ", gar erst nach dem Zweiten Weltkrieg 1944 ihr Stimmrecht bekamen. Die konservative Schweiz und Liechtenstein hinkten noch lange nach, am längsten unsere Nachbarn, die Appenzeller. 27 Ebenso schwierig war es für die Frauen, sich einen Zugang zur Bildung zu erkämpfen. Mädchen aus Wolfurt durften erst ab 1938 das Gymnasium besuchen, das damals „Oberschule für Mädchen" hieß. Ich weiß nicht, welche Wolfurterin als erste eine Universität besucht hat. Vermutlich war es Frau Dr. Marianne Fischer, Jahrgang 1912, die von der Steig aus noch in die Volksschule in Wolfurt ging und dann nach Innsbruck übersiedelte. Später ist sie nach einem Jus-Studium die Rechtsberaterin von Bischof Paulus Rusch geworden. Beruf hieß damals selbstverständlich Verzicht auf eigene Familie. Frau Marianne lebt heute hochbetagt im Altersheim der Ordensschwestern in Hoch-Rum. Frau Dr. Isolde Moosbrugger-Hiesmayer, Jahrgang 1925, war die erste Frau aus dem ganzen Bregenzer Wald, die ein Medizin-Studium erfolgreich abschloß. Als sie dann aber heiratete, verzichtete sie auf die Ausübung ihres Arzt-Berufes und widmete ihre Kraft der Karriere des Ehegatten als Architekt und der des Sohnes, welcher als Mediziner ebenfalls bereits Hochschul-Professor ist. Frau Isolde feierte vor kurzem an der Rüttigasse Goldene Hochzeit. Da durfte sie sich auch über die Glückwünsche ihrer Enkelkinder freuen. Zurück zur Frauenpolitik! In Wolfurt wählten die Frauen, die immer die überwiegende Mehrzahl der Wähler bildeten, lange Zeit nur Männer in die Gemeindevertretung. Wieder waren es die Sozialisten, die im Jahre 1956 mit Frau Anna Fischer, Stöoglars Anna, erstmals eine Frau in die Gemeindestube brachten, allerdings nur für vier Jahre. Bei der ÖVP dauerte es bis 1970, als mit großer Mühe (der Männer!) Irma Feuerstein und Gertrud Gunz wenigstens zur Kandidatur und zur Mitarbeit in den Ausschüssen bewegt werden konnten. Seit 1975 besetzen Frauen immer ein paar Plätze in der Gemeindevertretung. Es könnten viel mehr sein, - wenn Frauen auch Frauen wählen würden. Da muß man es besonders hoch werten, daß sich Frau Xaveria Dür, Hausfrau, Mutter und Geschäftsfrau, im Jahre 1990 als Vizebürgermeisterin zur Verfügung stellte und dieses schwierige Amt acht Jahre lang mit großem Erfolg ausübte. Das 21. Jahrhundert wird ganz sicher viele Veränderungen bringen, auch für die Frauen und für unsere bedrohten Familien. Schon stellten die Mädchen mit 870 von 1500 Kandidaten bei der Matura 2002 in Vorarlberg fast 60 Prozent. Zur gleichen Zeit erleben wir einen ganz unglaublichen Rückgang der Geburtenzahl. Gesellschafts-Forscher und Sozial-Politiker beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Eines ist sicher: Wenn unser Volk und unsere Kultur fortbestehen sollen, muß es uns gelingen, Arbeitsleben und Mutterschaft in Übereinstimmung zu bringen! Siegfried Heim Die Rohner in Wolfurt Ein Besuch von Auswanderer-Rohnern aus dem Saarland, die hier in Wolfurt erfolgreich nach ihrer Herkunft forschten, macht mich wieder einmal auf dieses große Geschlecht aufmerksam. Durch zwei Jahrhunderte, vom Beginn der Pfarrbücher bis 1850 standen die Rohner in Wolfurt zahlenmäßig stets knapp hinter den Schwerzlern an zweiter Stelle. So wie die Schwerzler sind sie inzwischen von einem halben Dutzend anderer Geschlechter überholt worden. Über die Schwerzler habe ich in Heft 16 berichtet. Auch die Rohner schenkten unserer Gemeinde starke Familien und tatkräftige Männer, die wir nicht vergessen sollten. Seit 1363 Schon im Jahre 1363 gehörten drei Roner zu den wohlhabenden Bürgern von Bregenz.1 Im Urbar des Hugo von Montfort werden um 1380 Roner in Rieden, Lauterach und Bregenz nachgewiesen. Bald danach findet man sie in Hard, Wolfurt und am Steußberg.2 In Alberschwende lebt der Name im Ortsteil Rohnen fort, in Buch in der Parzelle Zum Rohner. Die mündliche Überlieferung berichtet, die ersten Rohner seien aus dem Schweizer Rheintal nach Wolfurt gekommen. Dafür gibt es allerdings keine Belege. Wir wissen aber, daß der Name auch im unteren Schweizer Rheintal beheimatet ist. Nach dem 30jährigen Krieg blühte das Geschlecht gleichzeitig in Dornbirn und in Wolfurt auf. In Dornbirn hatte um 1640 ein Georg Rohner 6 Kinder und zahlreiche Nachkommen, die sich in alle vier Dornbirner Dörfer ausbreiteten.3 In Wolfurt hatte der Häuserbeschrieb von 1594 keine Rohner mehr genannt. Nach den schrecklichen Pestzügen von 1594, 1629 und 1635, die bei uns viele Häuser geleert hatten, dürften aber etliche starke Rohner-Familien zugezogen sein. Jedenfalls wurden in den 1650 begonnenen Wolfurter Taufbüchern schon in den ersten 20 Jahren Kinder von 17 verschiedenen Rohner-Ehepaaren aufgeschrieben. Einige Väter hatten mehrmals geheiratet. Der Seelenbeschrieb von 1760 zählte 12 Rohner-Familien auf. Im Jahre 1843 waren es sogar 20 Hausbesitzer. Damit hatten sie aber ihren Höhepunkt erreicht. Bis 1900 sank die Zahl auf 13 Familien aus sieben alten Sippen. Seither sind zuerst DoktorRohnars im Strohdorf 1909 und Sattlar-Rohnars in Unterlinden um 1930 ausgestorben, dann Instrumentomachars im Strohdorf mit Josef Anton Rohner 1940, Hammorschmiods an der Ach mit Josef Rohner 1941, Orglars in der Bütze mit Adelheid Rohner 1966 und zuletzt noch Haldobuobos mit Gebhard Rohner 1975. Die aus Lauterach stammende Familie des Bürgermeisters Theodor Rohner ist 1945 nach Tirol verzogen. Übrig geblieben ist eine einzige von den alten Rohner-Sippen, die Vinälar. Sie ist 29 2 Zitiert aus Bronner, Herzog Werner von Urslingen, 1828 Nach Karl Schwärzler in V.V. v. 14.12.1957 28 Der Name Die Schreibart des Namens wechselte vom mittelalterlichen Roner schon 1650 auf Rohner, dann aber bei den Pfarrern im 18. Jahrhundert auf das ans Griechische angelehnte Rhoner. Ab 1814 führt Pfarrer Grasmayer wieder das heutige Rohner ein. Für die Namensdeutung gibt es mehrere Möglichkeiten. An Roa (Rain) ist ein Ackerrand oder eine Geländekante. Ganz anders klingt an Rohno. Das Wort ist verschwunden. Damit meinte man früher einen am Boden liegenden morschen Baumstamm. Dagegen kennt jeder - nur bei uns im Unterland! - die weibliche Form a Rohno. Es ist eine schwulstige Strieme auf der Haut nach einem schmerzhaften Schlag mit der Rute oder der Peitsche. Schließlich gab es früher noch die Rohn. Eine Rohn (vom mittelhochdeutschen run) war eine geheime Beratung.5 Das gäbe doch einen Sinn! - Dann wäre ein Rohner also ein wichtiger Mann gewesen, bei dem man sich in Notzeiten Rat holen konnte. Einige bekannte Rohner Jerg Rohner, 1671-1743, Hofsteig-Ammann Jerg (in Wolfurt sagte man Irg) war einer der Anführer beim Aufruhr des "Gemeinen Mannes" gegen die Willkür der Obrigkeit.6 Nach einer vergeblichen Vorsprache beim Kaiser in Wien besetzte er mit 2000 Bauern im Jahre 1706 die Stadt Bregenz und verjagte den Vogt des Kaisers. Sechsmal wurde er danach zum Ammann gewählt und leitete nun das Gericht Hofsteig von Hard am See bis nach Buch. Er war für Äcker, Wald und Straßen verantwortlich und für den Einzug der Steuern. Dreimal im Jahr hielt er mit zwölf Beisitzern Gericht. Erfolgreich kämpfte er für die alten Hofsteiger Rechte. Im Kirchdorf besaß er einen Gasthof. In Wolfurt leben noch viele von seinen Nachkommen. Die Orglar waren davon die letzten Rohner. in den letzten Jahren sogar stark angewachsen. Im Jahr 2003 tragen in Wolfurt wieder etwa 70 Personen den Namen Rohner. Mit Ausnahme einiger Zuwanderer sind das lauter Vinälar. Nirgendwo in Vorarlberg ist der Rohner-Anteil unter den Einwohnern so groß wie in Wolfurt. Am nächsten kommt noch das große Dornbirn mit über 50, gefolgt von Hard mit etwa 40. Nur jeweils ein paar findet man in Bregenz, Fußach und den anderen Unterländer Gemeinden, ganz vereinzelte im Oberland. Eher noch könnte man Rohner in Amerika finden, denn in der großen Notzeit nach 1850 sind 6 Rohner aus Wolfurt und 14 aus Hard nach den USA ausgewandert.4 Auch im Saarland gibt es eine Gruppe von Rohner-Familien. Darüber mehr im Anhang. Die Kies-Rohner in Fußach stammen ebenfalls aus Wolfurt (Siehe unten bei Sippen unter A, Orglars!), wahrscheinlich auch die meisten Harder Rohner (Siehe unter C, Doktors^. Bild 20: Siegel des Ammanns Jerg Rohner Johann Martin Rohner, 1790-1864, Arzt7 Als junger Soldat machte er mit Napoleons Großer Armee 1812 den Feldzug nach Rußland mit und war einer der ganz wenigen glücklichen Heimkehrer. Danach wirkte er als Gemeindearzt in Alberschwende und ab 1828 in Wolfurt. Unter seinen vielen Nachkommen gibt es ebenfalls keine Rohner mehr. 30 31 Andreas Rohner, 1791-1857, Kapellmeister Er war Steinhauer im Eulentobel und begründete 1816 die erste Wolfurter MusikKapelle, die er 25 Jahre lang dirigierte. Beim Kirchenbau im Jahre 1833 übernahm er die Steinmetz-Arbeiten, darunter auch die große Kirchenstiege mit ihren 87 Stufen. Weil alle seine 15 Kinder am Tag der Geburt starben, blieb er ohne Nachkommen. Franz Rohner, 1872-1959, Kapellmeister Er war Bauer und Sticker im Röhle. Nachdem er schon 1898 die Harmoniemusik Wolfurt geleitet hatte, übernahm er 1901 die Bürgermusik Wolfurt und führte sie in den folgenden 55 Jahren als Kapellmeister zu großen Erfolgen. Zusätzlich wirkte er auch viele Jahre lang als Gemeinderat. Seine zahlreichen Nachkommen nennt man nach ihm die Kapeollar. In der langen Geschichte des Geschlechtes gibt es auch dunkle Stellen. Joh. Georg Rohner, 1797-1834, Michelis-Buob aus Rickenbach Wegen der Ermordung eines Mädchens wurde er zum Tode verurteilt. Am 12. Dezember 1834 büßte er seine Untat in Bregenz am Galgen.8 Johann Rohner, 1813-1861, Tonelis-Buob von der Hub Wegen Totschlag wurde er 1839 zu acht Jahren Kerker verurteilt. Die Familien der beiden Übeltäter sind längst ausgestorben. Stenzlar-, Liborats, Schnidar-, Ludwigos, Tirolar-, Filitzos, Hafnars und MurarSchwerzler.9 Von der Tochter Katharina Rohner, die 1697 die Frau des Jakob Schneider im Kirchdorf wurde, stammen unter anderen der Gotteshaus-Ammann und Vorsteher Mathias Schneider und seine vielen Nachkommen in Wolfurt, Amerika und Deutschland, die Sammüller in Wolfurt und in Wien und die vielen Familien der Lehrar-Köbs auf dem Bühel. 1. Rohner Johann +1696 Wolfurt-Kirchdorf oo 1654 Müller Anna, 11 Kinder 2. Rohner Georg (Jerg) 1671-1743 Hofsteig-Ammann oo 1696 Bayer Anna Maria, 6 Kinder 3. Rohner Anton 1703-1759 Gastwirt im Kirchdorf oo 1728 Steu Franziska, 8 Kinder 4. Rohner Joh. Georg 1729-1773 Gastwirt im Kirchdorf oo 1756 Künz Franziska, 11 Kinder. Von ihnen stammen u.a. der Vorsteher Johann Maier und SchloßburoKöbs in Unterlinden, aber auch die Spetenleher Fischer, Kalbs im Tobel und Heims in der Bütze, dazu noch Anwanders in Rickenbach und DelloKorles. Ein Jahr nach ihres Gatten Tod heiratete die Witwe Franziska 1774 einen FlötzarVönach von der Ach und schenkte ihm bald noch 5 weitere Kinder. Danach verließen die Rohner-Kinder das Gasthaus beim „Kleinen Brunnen", das ihr Urgroßvater Jerg am Rand des Kirchdorfs (am Platz von Kreuzstraße 1) gebaut hatte. Das FlötzerHaus war jetzt der weitaus größte Bauernhof im Kirchdorf. Er ist 1869 abgebrannt. 5. Rohner Jakob 1773-1841 Bauer in der Bütze oo Höfle Anna, 13 Kinder. Von ihnen stammen u.a. Murars im Strohdorf, Klosos im Oberfeld und SchrinarSchertlers in der Bütze. Jakob hatte um 1800 in der Bütze das Haus C 84 (Gorbachs, Bützestraße 1, abgebrannt 1956) erbaut. Mit seinen tüchtigen Kindern erreichte das Geschlecht seinen Höhepunkt. Innerhalb weniger Jahre kauften die Söhne drei weitere Häuser, darunter das Haus C 101 (Rasiorars, Kirchstraße 22) für Martin Rohner, den Orglar (Organist) in der neuen Kirche. Martins Sohn Gebhard, geb. 1849, heiratete als junger Lehrer nach Fußach. Dort gründete der Enkel Rudolf Rohner als Schiffsführer jene Kies-Firma, die sich unter den Söhnen Jakob und Dr. Fritz Rohner zu einem am ganzen Bodensee bekannten Unternehmen entwickelt hat. 6. Rohner Joh. Georg 1807-1873 Bauer in der Bütze oo 1847 Dür Katharina, Schmiods Kathrie aus dem Röhle, 7 Kinder. Joh. Georg hatte 1850 das schöne Haus C 90 (Orglars, Unterlindenstr. 27) gekauft. Dieses wurde nun zum letzten Stammhaus der Orglar. 33 Die wichtigsten Rohner-Sippen Weil die Familienväter nur wenige unterschiedliche Vornamen trugen, bei den Rohnern meist Johann, Josef, Georg oder Martin, mußte man sie schon von Anfang an durch Beifügung von Hausnamen voneinander unterscheiden. Einige davon blieben als Sippennamen über Jahrhunderte erhalten, andere entstanden neu und verschwanden wieder. A. Ammann Jergs - die Orglar Sehr viele Rohner-Sippen und noch weit mehr andere Wolfurter Familien stammen von Johann Rohner, der im Kirchdorf lebte und anno 1654 Anna Müller heiratete. Von ihrem Sohn Jerg leitet sich der Stamm der Orglar (A) ab, zu denen auch die Seitenlinie der Kies-Rohner in Fußach zählt. Vom Sohn Johann stammen Doktors und Hammorschmiods (C) und auch eine große Linie nach Schwarzach und Dornbirn. Aus Tochter-Linien leiten sich zwei weiteren große Wolfurter Geschlechter ab. Von der Enkelin Maria Kündig, die 1710 den Felix Schwerzler im Kirchdorf ehelichte, stammen die meisten Wolfurter Schwerzler, die Toblar-, Büoblar-, Hannes, 32 7. Rohner Martin 1854-1925 Bauer und Organist Von seinem Onkel Martin hatte er das Amt des Orgelspielens übernommen, oo 1879 Schertler M. Agatha aus dem Röhle, 9 Kinder. Von allen neun Kindern heiratete nur die Modistin Sophie Rohner, blieb aber kinderlos. Albert Rohner, ein geschickter Automechaniker, war ebenfalls Chorleiter und Organist. Mit der ledig gebliebenen Adelheid Rohner, 1885-1966, erlosch das alte AmmannRohner-Geschlecht. Im Jahre 1971 wurde Orglars Hus zum Bau des Unterlinden-Zentrums abgebrochen. B. Instrumento-Machars, Sattlars und Haldobuobos Ebenfalls im Kirchdorf hatte bei Beginn der Kirchenbücher ein zweites großes Geschlecht seinen Anfang mit Johann Rohner und Ursula Vonach genommen, die ihre Ehe 1666 schlössen. Eine Reihe gleicher Vornamen und die Nachbarschaft im Kirchdorf lassen den Schluß zu, daß beide Geschlechter miteinander nahe verwandt waren. 1. Rohner Johann +1699 Wolfurt-Kirchdorf oo 1666 Vonach Ursula, 2 Kinder. 2. Rohner Georg 1667-1726 Kellhof-Ammann Während zur gleichen Zeit ein anderer Georg Rohner (1671-1743) das Amt des Hofsteig-Ammanns innehatte, war Georg im Kirchdorf „Khellhof-A." (laut Sterbebuch) geworden. Als solcher war er Vorsitzender des Kellhof-Niedergerichts und hob für den Grafen von Hohenems bei etwa 200 Leibeigenen, die nicht zu Hofsteig gehörten, den Zehent ein. oo 1 1692 Straßer Anna, 2 Kinder oo2 1707 Höfle Christina, 7 Kinder Aus seiner zweiten Ehe: Josef, geb. 1711, der Stammvater der Sattlar-Rohner, und Andreas (./. 3). Die Sattlar erwarben im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Häusern im Kirchdorf, in der Bütze, in Unterlinden und im Eulentobel. Alle Namens-Träger sind ausgestorben, doch leben noch viele Nachkommen aus weiblichen Linien. Eine große Sattlar-Sippe besteht in Amerika fort. Sie stammen von jenem Jakob Rohner, der 1866 als 14j ähriger Bub aus der Bütze nach Pineview in Montana ausgewandert ist. 3. Rohner Andreas 1720-1774 Bauer im Loch Im Loch, dem westlichsten Teil des Kirchdorfs, besaß Andreas das älteste bekannte Haus dieser Sippe. Es trug später die Nummer C 67 und wurde in neuester Zeit zum Haus „Im Dorf 4", Schedlers, umgebaut. oo 1724 Schneider Maria, 9 Kinder, darunter Bild 21: Instrumentenmacher Josef Anton Rohner Joh. Georg, geb. 1751, (./. 4) und Joh. Martin Rohner, geb. 1758, der auf die Halde heiratete. Seine Nachkommen, die Haldobuob-Rohner wurden bekannte Steinbrecher. 4. Rohner Joh. Georg 1751Bauer im Loch oo 1763 Gunz Barbara, 8 Kinder. 5. Rohner Josef Anton 1785-1864 Bauer im Loch oo 1 1817 Sinz Anna Maria, 3 Kinder. 002 1835 Reiner Katharina, 5 Kinder. Aus der zweiten Ehe stammt der Enkel Theodor Rohner, geb. 1877, der als Priester in Milwaukee, USA, wirkte. 6. Rohner Joh. Georg 1823Bauer im Strohdorf oo 1857 Schwerzler M. Anna. Sie war eine Schwester des Kapellmeisters und ersten Wolfurter Instrumentenmachers Joh. Georg Schwerzler. Zu ihrer Hochzeit hatten sie das Albinger-Haus C 153 am Brunnen im Strohdorf gekauft. 3 Kinder, darunter Johanna, geb. 1858, die mit dem Steinbrecher Gebhard Gmeiner die Sippe Stoahouars begründete, und Josef Anton, geb. 1860. 7. Rohner Josef Anton 1860-1940 Instrumentenmacher Von seinem Onkel hatte er das seltene Gewerbe gelernt, mit dem er nun alle Blasmusik-Kapellen im ganzen Land Vorarlberg betreute, oo 1891 Pfefferkorn Katharina, 2 Kinder Die Tochter Elisabeth heiratete Gebhard Hinteregger, der das Gewerbe als Instrumentenmacher fortführte. Mit Josef Anton Rohner ist diese Linie der Rohner 1940 erloschen. 34 35 C. Doktor Rohnars und Hammorschmiods Der Rohner-Stamm C ist eine Seitenlinie des Stammes A (Ammann Jergs). 1. Rohner Johann +1696 Wolfurt-Kirchdorf oo 1654 Müller Anna, 11 Kinder Ein Sohn war der weiter oben genannte Ammann Jerg Rohner, ein anderer der vier Jahre jüngere und nach dem Vater getaufte Johann. 2. Rohner Johann 1675-1739 Wolfurt-Kirchdorf oo 1704 Wort Barbara, 10 Kinder. Vom Sohn Anton, geb. 1704, führt eine Linie in das ehemalige Rohnerhaus C 152 am Strohdorf-Brunnen (Hofsteigstraße 3, Ratzers). Von ihnen stammen Brauchles. Von Anton stammt aber auch jener Gebhard Rohner, der mit seiner Familie schon 1795 nach Hard übersiedelte und dort heute viele Nachkommen zählt. Ein weiterer Sohn Johann, geb. 1709, begründete eine besonders starke Linie, die sich über Farnach und Schwarzach nach Dornbirn ausbreitete. Sie war Teilhaberin an den Steinbrüchen in Schwarzach und in Dornbirn-Mühlebach. Anton Rohner, geb. 1892, war Lehrer in Watzenegg. Von seinen Söhnen erbaute Josef Rohner, Jg. 1932, das Haus Hofsteigstraße 34 a und brachte um 1968 nach mehr als 200 Jahren seine Rohner-Linie nach Wolfurt zurück. Die Linie C im Kirchdorf führte der Sohn Franz fort. 3. Rohner Franz 1717-1789 Wolfurt-Kirchdorf oo 1745 Sohm Maria, 1 Kind. Die Familie lebte im Haus C 69 im Loch (Im Dorf 2, Sophies). 4. Rohner Joh. Baptist 1754Gastwirt im Kirchdorf Bis 1818 besaß er dort den Gasthof „Rößle". oo 1785 Karg Maria Anna, 3 Kinder. Vom Sohn Johannes stammen Hammorschmiods. Johannes Rohner, 1794-1868, war zur Bayernzeit Waffenschmied gewesen und hatte dann 1824 in Unterlinden am Holzerbach die erste Hammerschmiede gebaut, aus der sich später Draiars Säge entwickelte. Mit seiner Familie übersiedelte er an die Ach. Sein Enkel Martin Rohner erbaute 1906 das große Haus Achstraße 14 (Zwickles). Mit Martins Bruder Josef Rohner, der 1941 in einer NS-Anstalt in Hall sterben mußte, ging die Linie Hammorschmiods zu Ende. Von den Schwestern leben aber noch zahlreiche Nachkommen. Ein anderer von Joh. Baptists Söhnen wurde der Doktor Rohner: 5. Rohner Joh. Martin 1790-1864 Doktor im Strohdorf oo 1827 Gmeiner Anna Maria, 9 Kinder. Über ihn siehe oben unter „Bekannte Rohner"! Von seinem Schwiegervater hatte er dessen Haus C 143 an der Kirchstraße und die Arztpraxis übernommen. 6. Rohner Ferdinand 1839-1909 Wolfurt-Strohdorf oo 1864 Böhler Maria Agatha, 4 Töchter. 36 Bild 22: „Vanäler vulgo", eine Eintragung im Pfarrbuch Mit Ferdinand starb auch diese Rohner-Linie aus. Von den Töchtern leben noch zahlreiche Nachkommen. Das Doktor-Rohner Haus am Sternenplatz kaufte der Gemeindesekretär Josef Böhler. Im Jahre 1949 ist es abgebrannt. D. Die Vinälar Die Sippe der Vinälar-Rohner ist die einzige, die von den vielen Rohner-Sippen geblieben ist. Ihr seltsamer Hausname taucht in den Pfarrbüchern erstmals als Vanäler um das Jahr 1830 auf. Pfarrer Barraga notierte zum Namen der Ehefrau des Johann Bapt. Rohner „ Vanelerin " und zum Namen ihres Sohnes Joh. Martin Rohner „ Vanäler vulgo ".w Damals arbeiteten noch sehr viele Männer an ihren Webstühlen. Einige spezialisierten sich schon auf Musselin, Buntweberei oder Flanell. Nach der Überlieferung veränderte sich der falsch verstandene Hausname Flaneller zuerst zu Vaneler und später zu Vinälar. Die eher dunkelhaarigen Nachkommen des Lorenz Rohner nennt man heute Schwarz-Vinälar. Die eher hellhaarigen Nachkommen seines jüngeren Bruders Joh. Baptist Rohner heißen dagegen die Wiß-Vinälar. Dieser starke Rohner-Stamm geht zurück auf Georg Rohner und Ursula Gmeiner, die ihre Ehe 1670 geschlossen haben. Die Namen Georg und Johann lassen auch hier eine nahe Verwandtschaft mit den anderen Rohner-Stämmen vermuten. Georg war von Beruf „baader", also Wundarzt. Sein hohes Ansehen trug ihm die Ehre ein, daß der „hospes" (Gastwirt) Theodosius Mäsch und das Edelfräulein Franziska Deuring Paten seiner sieben Kinder wurden. Die „Prae Nobilis Virgo Maria Francisco Düring Zu Mittel Weyerburg " trat in das Dominikanerinnen-Kloster Hirschthal in Kennelbach ein, blieb aber auch als dortige Superiorin noch Patin bei den jüngeren Rohner-Kindern.'' 37 1. Rohner Georg, gest. 9.2.1708 Wundarzt Wolfurt oo 5.6.1670 Gmeiner Ursula 7 Kinder, darunter die Söhne Johann, Joh. Martin und Balthasar. Von Joh. Martin, geb. 8.11.1675, stammen die Gasser-Waffenschmiede in S 3 am Kirchplatz. Von Balthasar, geb. 31.1.1678, stammt jener Auswanderer Johann Rohner, der die Linie der Rohner-Bergleute im Saarland begründete. Die Linie D führte der älteste Sohn Johann, geb. 7.10 1671, fort. (./. 2) 2. Rohner Johann, 7.10.1671-16.2.1743 Unterlinden Nach seiner Patin Franziska Deuring erhielt er „Franciscus" als zweiten Vornamen. Er war dreimal verheiratet, zuletzt in Unterlinden. oo 1 1701 Sohm Anna, 1665-1703, einziges Kind Martin (./. 3) 002 1704 Brüstle Magdalena, gest. 1719, 3 weitere Kinder 003 1720 Schelling Barbara, keine Kinder 3. Rohner Martin 1701 -1755 Hub oo 1733 Anwander Agatha, 5 Kinder Im Eulentobel an der Hub besaßen sie ein Haus. Ganz in der Nähe lagen mehrere Mergel-Steinbrüche, die den Familien ein zusätzliches Einkommen verschafften. 4. Rohner Johannes 1734-1781 Hub Steinbrecher im Eulentobel. Um das Jahr 1775 versetzte er das Haus aus dem engen Tobel an den Anfang der Unterhubstraße, oo 1763 Kalb Kunigunda, 8 Kinder. Der älteste Sohn Joh. Jakob Rohner, 1764-1829, übernahm das Elternhaus. Von seinen Kindern wurde der ebenfalls hier wohnende Steinbrecher Andreas Rohner, 1791-1857, im Jahre 1816 Begründer der Blasmusik Wolfurt und deren erster Kapellmeister. Der jüngste Sohn Joh. Baptist pflanzte die Linie fort. 5. Rohner Joh. Baptist 1777Kirchdorf oo 1801 Vonach Anna Katharina, „Vanelerin", 9 Kinder. Sie bewohnten ein Haus an der Kirchstraße. 6. Rohner Joh. Martin 1805-1886, „ Vanäler vulgo" Strohdorf oo 1831 Stürz Agatha, 10 Kinder, darunter 7a Lorenz und 7c Joh. Baptist. Die Schwarz-Vinälar mit Kapeollars und Schwarz-Sepplos 7a. Rohner Lorenz 1836-1912 Ach, später im Röhle Lorenz war Spinnereimeister in der Schindler-Fabrik in Kennelbach. Vor seiner Heirat hatte er an der Ach das alte Haus C 15 (am Platz des späteren Wälderhofs) gekauft. Als dieses 1897 abbrannte, übersiedelte die Familie in das Haus C 21 im Röhle (jetzt Bregenzerstraße 10). 38 Bild 23: Kapellmeister Franz Rohner Bild 24: Josef Rohner, Schwarz-Seppl oo 26.4.1870 Rusch Anna Maria, 5 Kinder: 1. Agatha 1871 - oo 1897 Albinger Jos. Anton Ihre Nachkommen sind u.a. die Albinger, Stenzel und Grafoner. 2. Franz 1872./.8a der Kapeollar 3. Rosina 1875- oo 1907 Gmeiner Joh. Martin Knores 4. Josef 1880./.8b Schwarz-Seppl 5. Maria Anna 1882- oo 1910 Sturn Franz Josef, Lustenau 8a. Rohner Franz 1872-1959 Kapeollar im Röhle oo 1900 Klocker Anna Maria, 7 Kinder: 1. Franziska 1901 oo 1932 Fehle Adolf, 3 Kinder. 2. Filibert 1902 oo 1941 Dietrich ArAoma, 6 Kinder. 3. Ernst 1904- gestorben 1947 in russischer Gefangenschaft. 4. Ludwig 1905 oo Gmeiner Augusta, 3 Kinder. 5. Franz 1907 oo Feuerstein Katharina, 4 Kinder. 6. Irma 1910 ledig 7. Hubert 1916 oo Gehrer Rösle, 4 Kinder. Zahlreiche Nachkommen. 8b. Rohner Josef 1880-1914 Kirchdorf Schwarz-Seppl wohnte mit seiner Familie im Haus Bregenzerstraße 4. Er war Sticker und ein bekannter Trompeter. Er starb im Krieg in Serbien, oo 1905 Schwärzler Agatha, 7 Kinder. 1. Franz 1905 oo 1932SchwerzlerAdelheid, 3 Kinder. 2. Hirlanda 1907 oo 1930 Renninger Otto, 3 Kinder. 3. Laura 1908 oo 1939 Köb Anton, 4 Töchter. 4. Viktor 1909 oo Wenefrieda, 3 Kinder. 5. Eugen 1910 oo Mohr Katharina, 2 Töchter 6. Frieda 1912 oo Stefani in Kennelbach 7. Josefma 1915 ledig Zahlreiche Nachkommen. 39
  1. heimatwolufurt
20020401_Heimat_Wolfurt_26 Wolfurt 01.04.2002 Heft 26 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 2002 Bild 1: s Doktor-Hus an der Hub. Erbaut 1905. Inhalt: 130. Ärzte in Wolfurt 131. Elektrizität 132. Malerfamilie Schneider 133. Das älteste Bild 134. Anna selbdritt 135. Menschen um uns 136. Alte Häuser Bildnachweis: Bild 16 Sammlung Johann Kaufmann Bilder 27 u. 28 VLM, Flatz-Katalog 2000 Bilder 15 u. 20 Siegfried Heim Bild 30 Karl Hinteregger Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Vorsteher und Bürgermeister (4) (Heft 25, S. 6) Das Echo auf den letzten Teil der Bürgermeister-Serie, die sich mit den kritischen Jahren des 20. Jahrhunderts befaßte, war durchaus positiv, obwohl bei genauer Durchsicht sicher einiges zu beanstanden oder auf alle Fälle zu ergänzen wäre. Das hat bis jetzt - trotz Aufforderung - niemand getan. Lediglich Alt-Bürgermeister Emil Geiger berichtet, daß er damals 1950 mit seinen 27 Jahren der weitaus jüngste Bürgermeister im Lande gewesen sei. Mord und Totschlag (Heft 25, S. 47) Im Sterbebuch von 1839 fand ich endlich die Totschlag-Geschichte von Toniles Bub. Das Unglück ereignete sich am 29. Juni 1839, nachts 1/4 vor 11 Uhr an der Hub. Gestorben ist Franz Xaver Flatz, verehelicht in Alberschwende und beiläufig 30 Jahre alt. Die Leiche wurde nach Alberschwende überführt und dann dort am Iten Juli l. J. beerdiget. Dieser Mann wurde an der Hub der Pfarre Wolfurt mit einem Stiletstich, der 6 3/4 Zoll tief war, u. durch den Magen, Leber und eine Schlagader gieng, plötzlich getödtet. So heo s i ghört (25) (Heft 25, S. 63) Zum Mundart-Beitrag ist eine Berichtigung von meinem Bruder Adolf Heim eingegangen, die ich ganz hinten im Heft wiedergebe. Danke! Auf unser Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt sind mit den in Heft 25 ausgesandten Erlagscheinen wieder viele Spenden eingegangen. Damit konnte ein beachtlicher Teil der Druckkosten abgedeckt werden. Allen Spendern sagen wir ein herzliches Danke schön. Unser besonderer Dank gilt aber wieder der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt! Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Siegfried Heim Bittere Medizin Die Arzneikunst, die uns heute mit hochqualifizierten Ärzten und großartig ausgestatteten Krankenhäusern unser ganzes Leben lang umsorgt, hat einen langen und schwierigen Weg zurückgelegt. Auf ihre Entwicklung in Wolfurt möchte ich hier zurückschauen. Angefangen hat sie wohl bei allen Naturvölkern mit den Erfahrungen über Wunden und Krankheiten. Weise Frauen und Medizinmänner gaben ihr Wissen um Heilpflanzen, Salben und „Behandlungen" weiter. Erste Höhepunkte der Medizin kennen wir von den Priestern des Altertums und von der Schule des Hippokrates in Griechenland. Im Mittelalter zeigte sich wenig Fortschritt. Arzneikunst erschien vielen als eine Art von Zauberei. Große Kenner der Natur wie Hildegard von Bingen und Albertus Magnus waren Ausnahmen. Erst am Beginn der Neuzeit reformierte der 1493 in Einsiedeln geborene Paracelsus die Medizin in Mitteleuropa. Wundärzte begleiteten im Dreißigjährigen Krieg die Söldnerheere. Gegen Pest und Cholera, die in schrecklichen Epidemien Städte und Dörfer menschenleer fegten, wußten sie aber keinen Rat. Bei vielen Krankheiten suchte man Heilung in den Bädern. Von der geheimnisvollen Kraft mancher Quellen erhoffte man sich wahre Wunderdinge. Unter den Heilwässern in Vorarlberg findet sich auch der Rickenbach. Zwar heißt es 1605 von der Badstube am Rickenbach, sie sei „zergangen". Aber 1694 wird dort noch einmal ein „Meister Caspar Gasser, Barbierer von dem Bad neben der Mülin zu Rikhenbach" ' erwähnt. Es dürfte der gleiche Kaspar Gasser gewesen sein, der um 1700 als Besitzer der Taverne in Spetenlehen genannt wird, aus der später der Gasthof Krone wurde. Unsere vergilbten Sterbebücher geben allerlei Hinweise auf die Krankheiten und auch auf die allerältesten Wolfurter Ärzte. Einer davon war Antonius Bildstein. In Dornbirn, das damals aus mehreren zu einem Gericht zusammengefaßten Dörfern bestand, war er 1706 geboren worden. Sein Vater Michael Bildstein war hier der Gemeindearzt, den man damals chirurgus nannte. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Mathias erhielt auch Anton eine Ausbildung zum Chirurgus. Mathias wurde später selbst Arzt in Dornbirn. Anton kam als junger Doktor zuerst nach Hard, wo er seine Frau Katharina Dörler kennen lernte. Um das Jahr 1739 ließ sich das junge Paar dann in Wolfurt nieder. Der Arzt hatte das große Haus neben der Kirchenstiege erworben, das man später nach einem seiner Nachkommen Hanso Hus nannte.2 Die Tätigkeit eines Dorfarztes war in jenen Hungerjahren noch sehr eingeschränkt. Zu seiner Ausstattung gehörten scharfe Messer. Er führte damit verschiedene Operationen durch und amputierte sogar zerquetschte oder von Wundbrand be4 Bild 2: Hanso Hus. Hier lebte um 1750 der erste bekannte Wolfurter Arzt, der Chirurgus Antonius Bildstein. fallene Glieder. Er öffnete bei manchen Krankheiten eine Vene, um durch „zuAder-Lassen" im Körper neue Kräfte zu aktivieren. Bei „Schwerblütigkeit" setzte er Blutegel auf Bauch und Oberschenkel. Die Verstopfung bekämpfte er mit einer Klistier-Spritze. Bei Wasser-Leiden führte er schon Katheter ein. Mit einer Zange riß er schmerzende Zähne aus. Er verband Wunden und versuchte, mit einem glühenden Eisen eiternde Wunden zu desinfizieren. Mit Schindeln und straffen Verbänden behandelte er Beinbrüche und Verrenkungen. Und in allerhand Tiegeln und Töpfen verwahrte der Chirurgus seine Salben, Pülverchen und getrockneten Heilpflanzen, von denen man sich Abhilfe von den verschiedensten Leiden versprach. - Wahrhaft bittere Medizin! Auch zu komplizierten Geburten wurde der Arzt gerufen. Doch allzu oft war seinen geschickten Händen hier der Erfolg versagt. Die Sterbebücher mit den Aufzählungen von Kindbetterinnen und ihren notgetauften „Engeln" lassen viel Leid erahnen. Die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe war für die meisten Familienväter viel zu teuer. Der Ertrag seiner Kunst vermochte den Arzt Anton Bildstein und seine neun Kinder in dem großen Haus am Kirchplatz nicht zu ernähren. Er gebrauchte sein scharfes Messer bald auch, um den Bauern damit ihre Bärte zu stutzen. Balbierer schrieb der Pfarrer jetzt zu seinem Namen. Schon im Alter von 47 Jahren starb er. Keiner von seinen vielen Söhnen wählte den Arztberuf. Crispin Bildstein, 1740-1819, richtete im Arzthaus den ersten Wolfurter Krämerladen ein. Unter seinen zahlreichen Wolfurter Nachkommen finden sich ein Pfarrer und ein Vorsteher und der bedeutendste aller Wolfurter Ärzte, der Ehrenbürger Prof. Dr. Lorenz Böhler. Ein anderer Sohn des Anton war Johannes Bildstein, geb. 1746. Der Enkel Josef Anton Bildstein, 1773-1846, begründete als Wagner an der Hub jenes große 5 Geschlecht, aus dem nicht nur Dutzende von Wolfurter Familien stammen, sondern u.a. auch die Lauteracher und Feldkircher Bildstein und der Lecher Schilift-Pionier Sepp Bildstein. Wenn Antonius Bildstein, der Stammvater all dieser angesehenen Familien, von der Not getrieben, sich vom Chirurgus zum Balbierer wandeln mußte, so war eine der Ursachen auch, daß viele Kranke aus Furcht vor dem Arzthonorar lieber Zuflucht zu alten Hausmitteln oder gar zu Zaubermitteln nahmen. Solche fand man in den „Egyptischen Geheimnissen", einem noch um 1800 in vielen Auflagen verbreiteten Buch, das geschäftstüchtige Verleger fälschlich dem Bischof Albertus Magnus zuschrieben.3 Der gelehrte Dominikanermönch war um 1250 als Naturwissenschaftler selbst der Zauberei verdächtigt worden. Für Bild 3: Egyptische Geheimnisse. Titelseite eines uns klingen die ihm später zugeschriemedizinischen Zauberbuches benen und trotz kaiserlichem Verbot verbreiteten Rezepte ganz unglaublich. Aber noch bis etwa zum Jahr 1850 folgten ihnen nicht wenige Leute. Man hatte dem Buch ja mit Totenkopf und Kreuz, die in schwarzem Siegellack aufgeprägt worden waren, und mit lateinischen Zauberformeln einen magisch anziehenden Anstrich verliehen. Einige Rezepte aus den Egyptischen Geheimnissen des Albertus Magnus: Gegen Husten Brate Zwiebel, schmiere die Fußsohlen damit, es wird besser; oder man nehme starken Branntwein, tauche ein weißes Tüchlein darin, und schmiere die Fußsohlen damit; Morgens und Abends, es hilft. Gegen Blasensteine Man brenne einen im März gefangenen Hasen mit Haut und Haar zu Pulver, nehme gestoßenen Petersilien-Saamen und Honig, bereite eine Latwerge daraus, gebe sie dem Patienten Morgens früh nüchtern und Abends beim Schlafengehen, so bricht der Stein. Gegen Zahnweh Lorbeerpulver für 2 Kreuzer, Venchelpulver für 2 Kreuzer. Eine Hand voll weiß Mehl und ein Ei, dises zu einem Küchlein gebacken, und nächtlich warm über die Ohren gelegt. 6 Für neuen Haarwuchs Nimm Hundsmilch und bestreich den Ort damit, wo du Haare haben willst, es wächst gewiß Haar. Gegen Durchfall Nimm Hasel-Zapfen zwei Theil, Roßknochen zwei Theil, ein Theil Schuhsohlen, mache alles zu Pulver. Morgens und Abends 2 Löffel davon eingeben. Gegen anhaltendes Fieber Dagegen ist ein gutes Mittel eine große Kreuzspinne, welche man in einer Nuß dem Patienten etliche Tage am Hals hängen läßt, doch muß der Patient nicht wissen, was in der Nuß ist. Gegen Halsbräune (Diphtherie) Gut ist ein ganzes Schwalbennest, klein gestoßen und in Wein gesotten; der hieraus entstandene Brei wird dem Kranken um den Hals geschlagen. Zwischen die Rezepte eingefügt finden sich aber auch reine Zaubersprüche, etwa: Gegen Fußweh Satora robote Netabe rottota S. + Gegen solche „Rezepte" und gegen den Wildwuchs von kaum ausgebildeten Wundärzten, Badern, Barbieren, Wurzelkrämern und Bauchschneidern wandte sich Kaiserin Maria Theresia, die 1764 die allgemeine Schulpflicht eingeführt hatte, mit zwei Sanitätsgesetzen von 1767 und 1770, in denen sie ausdrücklich die Anpreisung von Zaubermitteln verbot. Sie verlangte ab jetzt als Abschluß der ärztlichen Lehr- und Wanderjahre eine Prüfung an der Hochschule. Einer der ersten, der in Wolfurt den neuen Normen entsprach, war der „Kyrurg" Georg Gmeiner, 1766-1827, der sich in manchen Schreiben selbst als „Wundarzt und Geburtshelfer" bezeichnete. Er war 1766 in Unterlinden geboren worden, im heute noch stehenden Haus Frickenescherweg 4. Aus dem gleichen Haus stammte auch sein Onkel Lorenz Gmeiner, der von 1781 bis 1814 als Pfarrer die große Pfarrei Wolfurt durch die Franzosen- und Bayernzeit lenkte. Der junge Arzt Georg Gmeiner erwarb zu seiner ersten Hochzeit 1794 ein Haus am heutigen Sternen-Platz (Kirchstraße 1. Es ist 1949 abgebrannt). Für lange Zeit wurde dieses Haus damit zum Wolfurter „Doktor-Hus ". Der Winter 1796/97 brachte für den Arzt die erste große Belastungsprobe. Durchziehende Soldaten hatten die „Schwarzen Blattern" eingeschleppt, die Pocken. Innerhalb weniger Monate raffte die schreckliche Seuche 57 Kinder dahin, die meisten ein oder zwei Jahre alt, nur wenige 4 oder 5 Jahre. Dagegen verschwindet im Sterbebuch fast die Notiz des Pfarrers vom 15. September 1796: „Sex milites caesarei et tres gallicani quorum nomina ignota". Sechs kaiserliche und drei französische Soldaten, deren Namen unbekannt waren, hatte man nach einem schweren Gefecht in Wolfurt begraben müssen. Sicher mußte auch der Gemeindearzt den vielen Verwundeten Hilfe leisten. 7 Bild 4: Doktor Rohner-Hus im Strohdorf Ungeheuer groß war die Kindersterblichkeit, verursacht vor allem durch falsche Ernährung, Vitamin-Mangel, aber auch fehlende Hygiene. Ganz erschütternd und für uns fast unfaßbar sind die Zahlen aus Pfarrer Gmeiners Sterberegister: 1790 42 Verstorbene davon 32 Kinder unter 7 Jähren 1791 52 Verstorbene davon 29 Kinder 1792 52 Verstorbene davon 34 Kinder. Auf diese Not waren jetzt auch die kaiserlichen Behörden aufmerksam geworden. Mit einer Reihe von Verordnungen versuchten sie, den Ausbildungsstand der Hebammen zu verbessern. Hebammen trugen ja einen großen Teil der Verantwortung für die Gesundheit im Ort. Außer Geburtshilfe und Betreuung von Wöchnerin und Säugling war ihnen die Behandlung von vielerlei Frauenleiden anvertraut. Sie stillten Blutungen und legten Katheter an. Für Wolfurt ließ der Wundarzt Georg Gmeiner seine eigene Frau Magdalena Höfle zur Hebamme ausbilden. Nach siebenjähriger Tätigkeit starb sie 1804 sehr früh. Gmeiner heiratete noch im gleichen Jahr die 1885 in Schwarzach geborene Anna Maria Greussing. Auch diese wurde nun für Jahrzehnte Hebamme für Wolfurt und Schwarzach. 1815 unterzog sie sich der von den Behörden geforderten Prüfung und erhielt dafür ein Diplom. Vorsteher Mathias Schneider, der ab 1817 die noch junge Gemeinde durchorganisierte, gewährte ihr nun für ihre Tätigkeit ein jährliches „Wartgeld" von 50 Gulden. Ihr Gatte, der als Arzt ohne Wartgeld ganz auf HonorarEinnahmen angewiesen war, holte diesen Betrag jeweils ab. Als 1824 der neue Vorsteher Vonach sein Amt antrat und dafür jährlich 51 Gulden zuerkannt erhielt, mißgönnte er der Hebamme ihren Lohn. Es kam zu einem häßlichen Streit mit ihr und ihrem Ehemann. Der Vorsteher warf dem Arzt häufigen Gasthausbesuch und Spielsucht und der Hebamme eine ganze Anzahl von Pflichtversäumnissen bis zur Beherbergung von Huren vor. Gmeiner antwortete mit 8 einer Verleumdungsklage beim Landgericht und bekam Recht. Der Vorsteher mußte nach nur elfmonatiger Amtszeit gehen.4 Wenige Jahre danach starb 1827 der Wundarzt nach 33jähriger Tätigkeit in Wolfurt. Von seinen sechs Kindern studierte damals der Sohn Gebhard Gmeiner in Wien Medizin. Als 19jähriger Student verstarb er dort schon 1830. Noch zu Lebzeiten des Vaters hatte die Tochter Anna Maria Gmeiner den Alberschwender Gemeindearzt Joh. Martin Rohner, 1790-1864, geheiratet. Dieser stammte aus Wolfurt und war im späteren Gasthaus „Rößle" an der Kirchenstiegen geboren worden. Er hatte Napoleons Rußland-Feldzug heil überstanden,5 In Wien hatte er 1820 sein Arztdiplom erhalten. Nun verzichtete er auf seine Arztstelle in Alberschwende und übernahm die Praxis seines erkrankten Schwiegervaters. Nur wenig ist über seine Tätigkeit überliefert, außer daß er recht rauhe Umgangsformen hatte und in Erinnerung an seine Soldatenzeit häufig französisch und russisch fluchte. Beim Landgericht ging 1833 eine Anzeige ein, weil er ohne Einverständnis der Angehörigen, aber im Beisein von Pfarrer Barraga, einen verstorbenen jungen Mann untersucht hatte. Er habe dem Leichnam den Bauch aufgeschnitten und die Eingeweide heraus genommen.6 Solche Eingriffe erschienen den meisten Leuten als Frevel. In einem Rundschreiben vom 25. Jänner 1842 an alle Gemeinden7 fragte das k.k. Landgericht nach der Todtenbeschau. Es waren Klagen vorgebracht worden, .... daß Leichname sogleich nach ihrem Ableben entweder in Schupfen, Gängen u. abgelegenen Kammern, mit gänzlicher Vernachläßigung einer ferneren Aufsicht untergebracht, oder sogleich nach gemachtem Todtensarg vor Ablauf von 48 Stunden in Todtensarg gelegt, u. mit dem Sargdeckel fest verschloßen worden Die Behörden waren besorgt, es könnten Scheintote bestattet werden, .... wovon uns die Vorzeit die gräßlichsten Beyspiele aufgezeichnet hat.... In dem angeordneten Antwortschreiben hielt der neue Pfarrer J. A. Hiller fest, daß so etwas in Wolfurt nicht zu befürchten sei. In diesen Jahren machte die Medizin gewaltige Fortschritte. In einer Preisliste für chirurgische Verrichtungen, herausgegeben vom k.k. Gubernium im Jahre 1821, werden bereits eine Reihe von höchst komplizierten Operationen genannt:8 Für die Operation einer Hasenscharte 2 fl Für Luftröhrenöffnung 7 fl Für den Kaiserschnitt bei einer Lebenden 10 fl Für den Blasensteinschnitt 20 fl Solche Eingriffe waren mit großen Schmerzen verbunden, denn sie fanden praktisch ohne Narkose statt. Nur höchst selten verwendete man Hanf-Absud oder andere pflanzliche Drogen, häufiger starke Eingaben von Alkohol. Erst ab 1844 verbreitete sich von den Städten aus der Gebrauch von Lachgas für Betäubungen. Bald folgten Äther und Chloroform. Erst mit diesen beiden Narkosemitteln konnte sich die Chirurgie in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert entwickeln. 9 Bild 5: Die Post im Strohdorf beherbergte von 1860 bis 1905 die Arztpraxis und von 1928 bis 1963 die Krankenschwestern. Von einem sehr frühen Kaiserschnitt berichtet das Sterbebuch der Pfarrei Buch. Im Jahre 1834 lag die Frau des Vorstehers Böhler in argen Wehen. Mit mehreren anderen Ärzten wurde auch der Kreis-Physikus von Soltmann aus Bregenz gerufen. In höchster Not wagte dieser einen Kaiserschnitt. Vergebens! Frau und Kind überlebten den Eingriff nicht. Und immer noch war die Kindersterblichkeit entsetzlich groß: 1849 66 Taufen / 54 Verstorbene, davon 24 weniger als ein Jahr alt 1850 58 Taufen / 79 Verstorbene, davon 33 weniger als ein Jahr alt 1851 64 Taufen / 56 Verstorbene, davon 23 weniger als ein Jahr alt. Im Durchschnitt starben also 42 (!) Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr. Im Jahre 1864 ist der „Doktor" Georg Gmeiner gestorben. Eine ganze Reihe von verschiedenen Ärzten bemühten sich in den folgenden Jahren um die Wolfurter Kranken. Als Doktorhaus diente viele Jahre lang eine Wohnung im 1851 vom späteren Vorsteher Josef Anton Schertler aus Stein erbauten schönen Haus Schulstraße 1, der im Jahre 1965 abgebrochenen Post. Der Pfarrer führte dieses neue Haus provisorisch ein paar Jahre lang unter der Nummer „154", was später die Nachforschungen recht kompliziert machte. Nachweisbar9 sind die Ärzte Joh. Gmeiner und Franz Müller mit ihren Familien im Haus C 149 (Wälderstraße 1, Köbo Ferdeles) und Johann Moritz mit seiner Familie in C 147 (Wälderstraße 10, Düros). Weil sie aber in der damals sehr armen Gemeinde kein Wartgeld und wahrscheinlich auch nicht genügend zahlende Patienten bekamen, blieben die meisten nur wenige Jahre. Folgende Namen konnte ich ausfindig machen:10 Dr. med. Johann Gmeiner, 1827-1862, Studium in Wien, promoviert 1857. Noch zu Lebzeiten von Rohner praktizierte er von 1857 bis 1862 in Wolfurt. Schon als 35jähriger ist er am 2. Februar 1862 gestorben, nach dem Sterbebuch im Haus „154" (Post). Beerdigt wurde er in Lauterach. 10 Dr. med. Franz Müller, 1820-1868, Studium in Wien und in Innsbruck, promoviert 1844. Als Wundarzt kam er mit seiner Familie 1865 nach Wolfurt. Schon nach drei Jahren ist er am 10. April 1868 im Haus „154" an Brustwassersucht und Altersschwäche gestorben. - Altersschwäche? Mit 48 Jahren? - Müller hinterließ seine Frau Cäcilia und fünf Kinder im Alter zwischen 5 und 18 Jahren. Dr. med. Johann Moritz, geb. 1825, zuständig nach Feldkirch. Im Taufbuch findet er sich 1869 als Geburtshelfer. Mit seiner Frau und den drei Buben verließ er Wolfurt bald wieder. Dr. med. Dünser, Arzt in Wolfurt etwa von 1871 bis 1877. Im Taufbuch findet wir ihn in diesen Jahren oft als Geburtshelfer, einmal 1877 auch als Spender der Nottaufe. Daten und Vorname werden aber nirgends genannt. Im Jahre 1875 war Vorsteher Schertler in sein neues Zieglerhaus im Flotzbach übersiedelt und hatte das Haus „154" an den Kronenwirt Sohm verkauft. Es blieb aber Doktorhaus. Dr. med. Franz Josef Gmeiner, 1847-1915, geboren in Alberschwende, Studium in Innsbruck, promoviert 1877. Als junger Arzt begann er 1877 seine Praxis in Wolfurt, bildete sich zum Homöopathen aus und arbeitete zeitweise als Kurarzt im Heilbad Obladis in Tirol. 1880 übersiedelte er nach Dornbirn und schon 1883 nach Bregenz. Dort wirkte er als gesuchter Augen- und Lungen-Spezialist noch 30 Jahre lang." Dr. med. Schnetzer. Auch ihn kennen wir nur aus den Pfarrbüchern. Schon im Mai 1879 wird er im Sterbebuch als „von hier" bezeichnet und dann bis 1883 mehrmals im Taufbuch als Geburtshelfer. Dr. med. Fritz Elsler. Er stammte aus Ried in Tirol und hatte von 1883 bis 1890 in Wolfurt die Stelle eines Gemeindearztes inne. Bekannt geworden ist seine gemeindepolitische Tätigkeit mit den Casino-Leuten.12 1882 hatte Pfarrer Sieber den Friedhof vergrößert und 1883 den ersten Todtenwagen für Beerdigungen eingeführt. Im Jahre 1888 ging vom verseuchten Rickenbacher Brunnen eine Typhus-Epidemie aus, die acht Todesopfer forderte. Darunter befand sich auch der Mechaniker Dür, der mit seiner Groß-Schlosserei das Stammwerk der Firma Doppelmayr geschaffen hatte. Laut Sanitätsgesetz von 1889 mußte das ganze Land flächendeckend in Sanitätssprengel aufgeteilt werden. So wurde für Wolfurt, Schwarzach und Bildstein (ohne Farnach) ein gemeinsamer Sprengel erstellt und von den Vorstehern J. M. Schertler, Johann Kohler und Urban Grabher in einer gemeinsamen Sitzung am 15. September 1889 im Löwen in Rickenbach dem Wolfurter Gemeindearzt Dr. Elsler anvertraut. Die Bedingungen waren aber so schlecht, daß Elsler ein Jahr später kündigte. Dr. med. Bilgeri. Auch der im Dezember 1890 zum Sprengelarzt bestellte Dr. Bilgeri wurde mit der Festsetzung des Wartgeldes so lange vertröstet, bis er Wolfurt schon nach zwei Jahren wieder verließ. 11 Erst jetzt erstellten die drei Gemeinden gemeinsam einen ordentlichen Vertrag:13 1. Der Sprengelarzt erhält jährlich ein Wartgeld von 400 Gulden, das in vier Raten ausbezahlt wird. 2. Folgende Gebühren werden festgelegt: a) Ganggeld für Hausbesuche in Wolfurt 50 Kreuzer in Schwarzach 1 Gulden in Bildstein 1 Gulden b) Totenbeschau in Wolfurt 80 Kreuzer in Schwarzach 1 Gulden 50 Kreuzer in Bildstein 1 Gulden 50 Kreuzer c) Ordination im Hause 30 Kreuzer. 3. Die Kündigungsfrist beträgt 3 Monate. Dr. med. Martin Hauser. Am 8. Juli 1892 wurde der obige Vertrag von Dr. Hauser aus Kappl bei Landeck unterzeichnet. Schon ein Jahr später kündigte er ihn wieder und ging nach Silz in Tirol. Trotz mehrfacher Ausschreibung konnte lange Zeit für den großen Sprengel mit der kleinen Rendite kein Arzt mehr gefunden werden. Der Schwarzacher Vorsteher Johann Kohler, der als Reichsratsabgeordneter über gute Kontakte verfügte, bemühte sich vergeblich sogar in Wien und in der Steiermark. Ein paar junge Mediziner, die sich die Verhältnisse im Sprengel wenigstens angeschaut hatten, verließen Wolfurt schnell wieder. Kranke mußten daher teure auswärtige Ärzte holen lassen. Im Jahre 1885 hatte der Sticker Gebhard Gmeiner, Lutzo-Schrinars, das Doktorhaus - es führte jetzt wieder die richtige Nummer C 261 - erworben. Weil aber ArztPraxis und Wohnung meist leer standen, drohte er 1894, die Wohnung anderweitig zu vergeben. Da schlössen die Sprengel-Gemeinden, bei denen Wolfurt jetzt durch den neuen Vorsteher Lorenz Schertler vertreten wurde, einen Vertrag mit ihm. Für jährlich 150 Gulden konnte der Vorsteher ab 1. Mai 1894 Räume für eine Arztpraxis mit Apothek-Zimmer und Wohnung (im Haus Schulstraße 1) mieten. Dr. med. Franz Lutz aus Steinhaus im Südtiroler Ahrntal bezog diese Räume, verließ sie aber schon nach einem Jahr wieder. Das „Wartgeld", der Grundgehalt des Arztes, war mit jährlich nur 400 Gulden einfach zu niedrig, auch wenn die Fabrik Jenny und Schindler für die Betreuung ihrer Arbeiter noch zusätzliche 100 Gulden beisteuerte. Schon im Herbst 1896 mußte die Stelle neu ausgeschrieben werden. Diesmal bewarb sich der bereits 58 Jahre alte Doktor Embacher, der bisherige Gemeindearzt von Blons. Dr. med. Johann Embacher, 1839-1923, Studium in Wien, promoviert 1868. Er stammte aus Kössen in Tirol und trat am 1. März 1897 die Sprengelarztstelle in Wolfurt an. 26 Jahre lang behielt er sie bis in das hohe Alter von 84 Jahren. Die Einwohnerzahl des Sanitätssprengels war stark im Steigen und lag 1900 bei etwa 3500 Menschen, die der Doktor - zu Fuß! - zu betreuen hatte, zum Teil auf abgelegenen Höfen in Bildstein und in Schwarzach. 12 Allein unter den über 2000 Wolfurtern gab es jetzt jedes Jahr im Durchschnitt 73 Geburten und 51 Sterbefälle. Und noch immer lag die Kindersterblichkeit mit etwa 20 Prozent Verstorbenen im ersten Lebensjahr sehr hoch. Als Todesursachen gab der Arzt bei den Kindern am häufigsten Durchfall, Bronchitis und Fraisen oder Gichter (durch Vitamin-Mangel verursachte Krämpfe) an, daneben manchmal auch Lebensschwäche, harte Geburt, Keuchhusten und andere. Als Ergänzung zu diesen nüchternen Prozentzahlen biete ich dem interessierten Leser umseitig eine Skizze des Wolfurter Friedhofs mit den vielen Kindergräbern von 1906 an! Nach langen Verhandlungen erbaute die Gemeinde 1905 für Dr. Embacher ein gemeindeeigenes Haus an der Hub (heute Schulstraße 12, Titelbild), das nun bis zum Jahre 1965 das Wolfurter Doktor-Hus blieb. Bild 6: Vor der Rädler-Arkade im neuen Friedhof, 1912. Von links: Oberlehrer Rädler, Kaplan Hagspiel, Dr. Embacher, Pfarrer Nachbauer Im Februar 1906 bekam es der Arzt noch einmal mit den so gefürchteten „Blattern " zu tun. Von Lustenau herauf, wo die Krankheit etliche Todesopfer forderte, waren sie durch Frau Emerenz Holzer eingeschleppt worden. Die arme Emerenz wurde eingesperrt und streng bewacht, die gesamte Bevölkerung geimpft und alle Bälle und Zusammenkünfte in der Fasnat abgesagt. Mit Erfolg! Die Verbreitung der Seuche blieb aus. Überaus viele Tote forderte dagegen die „Spanische Grippe " von 1918 unter der vom Krieg arg geschwächten Bevölkerung. Dr. Embacher war jetzt 80 Jahre alt und - nach schriftlichen Aufzeichnungen im Gemeindeamt - eigentlich dienstunfähig, fast erblindet und schwerhörig. Trotzdem behielten ihn die knauserigen Sprengelgemeinden. Er verlangte ja nicht einmal in den Jahren der Inflation die ihm zustehende Lohn-Aufbesserung. Die Kranken mußten also wieder Hilfe in den Nachbargemeinden suchen. Am 8. November 1923 ist der gute alte Doktor gestorben. Mit Dr. Embacher und seiner Frau Kreszentia waren von ihren sieben Kindern nur die Tochter Emilie Embacher und die Stieftochter Emma Klotz nach Wolfurt gekommen. Emilie wurde 1901 die Ehefrau des Schwanenwirts Joh. Gg. Kalb und damit die Mutter des Wolfurter Schwanenwirts Siegfried Kalb und seiner 13 Friedhofs-Aufnahme 1906 Wegen des Platzmangels auf dem Friedhof ordnete Pfarrer Nachbauer 1906 eine Bedarfserhebung an. Die Zählung am 22. April 1906 ergab insgesamt 605 Gräber: 1 Priestergrab für den 1902 beerdigten Pfarrer J. Gg. Sieber 15 Separatgräber (Familiengräber), z.B. für Schwanen- und Lammwirt 459 Reihengräber, unglaublich eng beieinander 127 „Engel"Gräber für die vielen verstorbenen Kleinkinder 3 Selbstmörder-Gräber in ungeweihter Erde in der Friedhofsecke. Als Folge dieser Zählung ließ die Gemeinde unter Vorsteher Ferdinand Köb und Bauleiter Gemeinderat Engelbert Köb den „oberen" Friedhof mit den Arkaden erbauen. 1911 konnte er eingeweiht werden. Das große Holzkreuz in der Mitte des Friedhofs wurde 1914 zum „Kriegergrab", zur Gedenkstätte für die in fernen Ländern gefallenen Soldaten. Zur Kirche gehörte seit Gründung der Pfarrei Wolfurt im Jahre 1512 ein anfangs sehr kleiner Friedhof. „ et in ac apud capellam coemeterium " heißt es im Erhebungsbrief. In Ausnahmsfällen, etwa bei der Beerdigung eines Priesters, wurde das Grab also innerhalb der Kirche ausgehoben. Als es auf dem Friedhof dann zu wenig Platz gab, mußte jedes Grab schon nach wenigen Jahren neu belegt werden. Für die unverwesten Knochen errichtete man jetzt beim Kirchturm ein Beinhaus. Es enthielt einige Hundert Schädel und wurde erst 1833 beim Neubau der Kirche unter Pfarrer Barraga abgebrochen14. Jetzt wurde der Friedhof ab dem bisherigen Priestergrab, das am Platz der später errichteten Lourdes-Kapelle stand, um ein beachtliches Stück gegen Westen (in der Skizze oben) erweitert. Schon 1882 gewann Pfarrer Sieber beim Abbruch des alten Pfarrhofs und des Pfarrer-Stadels neuerlich Platz für eine Ausdehnung nach Osten. Im Jahre 1906 war nun der Friedhof wieder zu klein geworden. In langen Reihen standen ringsum die weißen Kreuzchen für die verstorbenen Kleinkinder. Mit dem Arkaden-Friedhof von 1911 fand die Gemeinde das Auslangen bis zum Jahre 1988. Dann mußte auf dem anschließenden Hügel der große Terrassen-Friedhof, der auch Platz für Urnengräber einschließt, gebaut werden. Nur mehr ganz vereinzelt findet man ein Kindergrab. Schau noch einmal hin: 1906 waren es noch 127! 14 15 Schwestern Elsa Mohr und Anna Schertler in Bregenz. Emma Klotz heiratete den Sticker Ferdinand Köb in der Bütze. Von ihren drei Töchtern haben wir alle noch die erst 1998 verstorbene Ferdinanda Grabher von der Unterlindenstraße gekannt. Dr. med. Eugen Lecher, 1884-1964, geboren in Dornbirn, Studium in Wien, promoviert 1919. Am Wilhelminen-Spital in Wien hatte er sich im Anschluß an sein Studium noch einer Spezial-Ausbildung in Frauen-Heilkunde unterzogen und 1923 eine Privatpraxis in Dornbirn eröffnet. Noch im gleichen Jahr bewarb er sich um die Arztstelle in Wolfurt, die er 1924 antrat. Unermüdlich war er mit seinem Fahrrad und der bald abgegriffenen ledernen Arzt-Tasche durch seinen großen Sprengel unterwegs. Im Winter zog der Schäferhund „Rexl" den Schlitten mit der Tasche nach Bildstein hinauf. Das Einkommen blieb bescheiden. Erst in den 30er-Jahren konnte sich der „Doktor" für die besonders bei Nacht oft beschwerlichen Krankenbesuche ein Auto anschaffen. Als 1928 medizinisch ausgebildete Krankenschwestern nach Wolfurt kamen, war sein Verhältnis zu diesen anfangs sehr reserviert. Für ein „Vergelt 's Gott" verbanden die beliebten Schwestern ja jetzt Wunden, legten Salben auf heiße Abszesse auf und übernahmen mit Rat und Tat einen großen Teil der Kranken-Versorgung. So sehr man ihre aufopferungsvolle Tätigkeit in Wolfurt15 schätzte, so waren sie für den Arzt doch eine beachtliche Konkurrenz. Dr. Lecher hatte schon 1924 zusammen mit Wagnermeister Johann Heitz innerhalb der Feuerwehr eine Rettungsabteilung gegründet, die mit einem fahrbaren Liegebett ausgerüstet war. Er blieb bis zu seiner Pensionierung Mitglied der Feuerwehr und des Roten Kreuzes, dessen Ortsgruppe sich aus der Rettungsabteilung entwickelt hatte. In zahlreichen Schulungen lehrte er Erste Hilfe. Auch hier schuf er sich eine Konkurrenz, denn bei vielen Verletzungen und Verstauchungen suchten die Wolfurter jetzt ausgezeichnete (und preisgünstige) Hilfe bei Postmeister Anton Klettl, dem Ortsleiter des Roten Kreuzes. Fast nur bei schwereren Erkrankungen ging man zum Arzt, der auch schmerzende Zähne zog und unter Zuhilfenahme von Lachgas sogar manchmal auf dem schlichten Liegebett in seiner Ordination einen Leistenbruch operierte. Jetzt gab es bereits Krankenhäuser. Zu schweren Operationen ließ man sich in das „Spital" in Hohenems bringen, dessen jüdische Ärzte einen ganz besonders hohen Ruf hatten. Auch im „Sanatorium" Mehrerau suchte man Heilung, seltener in den Krankenhäusern von Bregenz und Dornbirn. Entbindungen fanden aber noch bis etwa zum Jahr 1950 immer zu Hause im Gado statt. Dazu holte man die erfahrene Hebamme, die zusammen mit einer Pfleogare Mutter und Kind versorgte. Wenn aber Komplikationen eintraten, rief man nach Dr. Lecher, der ja als Geburtshelfer speziell ausgebildet war. Gar manche Wolfurter haben ihm ihr Leben zu verdanken. Die Kindersterblichkeit sank enorm. Große Fortschritte in der Hygiene und in der Kinderernährung trugen dazu bei. Aber es sank auch die Anzahl der Geburten. In den Jahren von 1901 bis 1910 schwankte die jährliche Geburtenzahl in Wolfurt bei etwa 2200 Einwohnern noch 17 Bild 8: Dr. Eugen Lecher mit Frau und Adoptivtochter Hedl. Bild 9: Fahrbare RettungsBahre der Feuerwehr 1924 Bild 10: Dr. Lecher in seinem ersten Arztauto 1930 16 zwischen 57 (1906) und 80 (1908) und lag im Durchschnitt bei 70 pro Jahr. Von 1931 bis 1940 pendelte sie dagegen bei annähernd gleich viel Einwohnern zwischen 23 (1937) und 44 (1939) und lag im Durchschnitt mit 33,5 unter der Hälfte der ersten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Zeit der Großfamilien war vorbei! Es wandelten sich auch die Anforderungen an den Arzt. Krankenkassen und Krankenversicherungen ermöglichten vielen Menschen jetzt einen Arztbesuch. Die nach dem Krieg ab 1948 ansteigende Bevölkerungszahl machte die Teilung des Sanitätssprengeis notwendig. Im Jahre 1955 wurde für Schwarzach und Bildstein ein eigener Sprengel festgelegt, der von 1956 bis 1987 dem Schwarzacher Gemeindearzt Dr. Walter Hinteregger anvertraut wurde. Gleichzeitig hatte 1955 in Wolfurt Dr. Lecher seine Pensionierung angemeldet. 32 Jahre lang hatte er hier in schwierigen Friedenszeiten und in den Notjahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Arztdienst verläßlich versehen. Jetzt übersiedelte er mit Frau und Adoptivtochter Hedl ins Feldmoos nach Bregenz. 1964 ist er gestorben. Beerdigt wurde er im Familiengrab in Dornbirn. Dr. med. Lothar Schneider, Jg. 1920, ein Sohn des Gymnasial-Direktors und ehemaligen Unterrichtsministers Dr. Emil Schneider. Bis 1955 war Dr. Schneider Arzt am Stadt. Krankenhaus in Bregenz gewesen. Am 1. Jänner 1956 trat er die neue Stelle in Wolfurt an. Sein Sanitätssprengel umfaßte jetzt das ganze Gemeindegebiet mit rund 3000 Einwohnern. Weil das nun schon 50 Jahre alte Doktorhaus zuerst umgebaut werden sollte, mußte Dr. Schneider einige Zeit lang in der Schulküche Ordination abhalten. Mit seiner Freundlichkeit und Geduld und vor allem mit seiner Einsatzbereitschaft durch alle 24 Stunden des Tages gewann er schnell das Vertrauen der Mitbürger. Wieder hatte sich in den letzten Jahren viel geändert. Fast alle Haushalte besaßen jetzt Telefon. Fast alle Leute waren jetzt in der Krankenkassa versichert. Manche machten es sich nun leicht und ließen den Arzt bei jedem Husten oder Fieber und auch bei eingebildeten Krankheiten ins Haus kommen, und das nicht selten sogar nach Mitternacht. Es gab aber auch noch Stunden schwerster Prüfung. Pest und Cholera waren längst aus dem Gedächtnis entschwunden, seit 1888 auch der Typhus als Epidemie. Noch lange hatten Pocken, Scharlach und Diphtherie ihre Opfer gefordert. Aber seit Kleinkinder und Schüler dagegen geimpft wurden, galten auch sie als überwunden. Eine einzige Geißel war noch geblieben: die Kinderlähmung, die gefürchtete Poliomyelitis. Alle paar Jahre durchzog sie als Epidemie die Lande, forderte Menschenleben oder machte Kinder zu Krüppeln. Drüben in Amerika bot der Bakterienforscher Dr. Salk seit 1953 seine sicher wirkende Schutzimpfung an. Aber unsere Behörden zögerten zu lange. Als im Frühjahr 1958 die Epidemie wieder ausbrach, fühlten sich Ärzte und Eltern verlassen. Täglich las man Todesmeldungen in der Zeitung. Die einzige Eiserne Lunge in der Valduna konnte die Vielzahl von eingelieferten und in höchster Todesangst nach 18 Luft ringenden Gelähmten nicht alle aufnehmen. Völlig gesunde Buben und Mädchen waren nach zwei Krankheitstagen tot! Und der Arzt wußte keinerlei Hilfe für die verzweifelten Eltern. Als junger Lehrer und Vater habe ich im benachbarten Buch diese Wochen selbst erlebt. Seltsame Rezepte aus dem „finsteren" Mittelalter wurden wieder hervorgeholt. Während einzelne Mütter ihre Kinder mit starkem Bohnenkaffee abwuschen und ihnen auch solchen einflößten, taten andere das gleiche mit Schnaps! Viele rieben ihre Kinder mit zerschnittenem Knoblauch ein und hängten ihnen eine Kette aus Knoblauchzehen um den Hals. Und als zwei Kinder verstorben waren, verbot man den Mitschülern die Teilnahme am Begräbnis. Nur zu Hause durften sie noch beten! Nur beten! Weit mehr als einhundert Todesopfer forderte diese letzte Seuche damals im Bild 11: Dr. Lothar Schneider Land Vorarlberg, dazu gab es viele bleibend Invalide. Seither impfte man auch bei uns gegen Polio. Der Gemeindearzt war jetzt kein Einzelkämpfer mehr. Für Blut- und Harn-Untersuchungen und auch zum Röntgen arbeitete er eng mit benachbarten Laboratorien zusammen. Und bei schweren Erkrankungen konnte er in ein Krankenhaus einweisen. Aber sein Wartezimmer blieb stets übervoll. Schließlich benötigte er sogar noch spezielle Sprachkenntnisse, um auch den vielen eingewanderten türkischen und jugoslawischen Patienten helfen zu können. Im Jahre 1965 übersiedelte Dr. Schneider mit seiner Familie an die Unterlindenstraße, wo er in einem neuen Haus seine eigene Praxis und auch weiterhin eine eigene Arzt-Apotheke eingerichtet hatte. Als in den 70er-Jahren die Einwohnerzahl auf über 6000 gestiegen war, mußten die Gemeinde-Verantwortlichen an eine Erweiterung der ärztlichen Versorgung denken. Im Jahre 1977 wurde mit Dr. Vorhofer ein zweiter Gemeindearzt eingestellt. Er ordinierte vorerst im alten Doktorhaus an der Schulstraße. Gleichzeitig richtete Mag. Wolf im Unterlinden-Zentrum an der Lauteracherstraße die erste selbständige Apotheke ein. Noch bis zum September 1984 blieb Dr. Lothar Schneider im Dienst. Dann über19 ließ er die Praxis seinem Sohn Dr. Gerold Schneider und zog sich in den Ruhestand nach Bregenz zurück. In seiner Bescheidenheit lehnte er eine ihm von der Gemeinde für den 28jährigen aufopferungsvollen Einsatz zugedachte Ehrung ab. Seither hat sich die medizinische Versorgung der Menschen in unserem 8000Einwohner-Dorf immer schneller verändert. Eine ganze Anzahl von Ärzten hat sich hier niedergelassen. Ich entnehme ihre (wahrscheinlich schon wieder überholte) Liste dem letzten „Blauen Buch" aus dem Jahre 2000: Praktische Ärzte Dr. Roland Gmeiner Dr. Michael Tonko Dr. Rudolf Vorhofer Dr. Agnes Thurnher Fachärzte Dr. Herwig Meusburger Dr. Christof Breier Dr. Christian Allhoff Dr. Peter Huemer Dr. Markus Lunardon Apotheke Mag. pharm. Rainer Wolf Achstraße 33a Unterlinden 24 Fattstraße 1 Kreuzstraße 2 Frauenheilkunde und Geburtshilfe Innere Medizin Zahn- und Kieferheilkunde Zahn- und Kieferheilkunde Zahn- und Kieferheilkunde Bützestraße 9 Bildsteinerstraße 5 Kirchstraße 2a Lauteracherstraße 3 Kellhofstaße. 1 Lauteracherstraße 1 Das ist eine ganz unglaubliche Entwicklung und Bereicherung, wenn man bedenkt, daß hier noch bis 1976 Dr. Schneider ganz allein gewirkt hat. Zusätzlich stehen uns zahlreiche Fachärzte in den nahen Städten zur Verfügung, sowie auch die ausgezeichnet ausgestatteten Krankenhäuser mit ihren Ambulanz-, Operations-, Bestrahlungs- und Rehabilitations-Einrichtungen. Nicht vergessen soll der Beitrag der Natur-Heilpraktiker sein. Eine große Rolle spielen aber auch Maßnahmen für eine gesunde Ernährung und für sinnvolle Freizeitgestaltung mit Bewegung und Entspannung. Wesentlich ergänzt wird das Gesundheits-Programm durch Bestrebungen gegen den Mißbrauch von Alkohol, Nikotin und anderer Suchtgifte. Schutzimpfungen machen uns immun gegen viele Krankheiten, die in vergangenen Jahrhunderten Tod und Entsetzen ins Dorf brachten. Durch unser ganzes Leben sind wir ärztlich umsorgt. Es beginnt mit Mutter-KindPaß und Säuglings-Fürsorge und setzt sich fort über die zahlreichen Schuluntersuchungen bis zu mancherlei Vorsorge-Untersuchungen für Gesunde, für Frauen, für Schwangere, für Schwerarbeiter und Risiko-Berufe. In den letzten Jahrzehnten des Wohlstandes und der sozialen Sicherheit hat sich 20 unsere Einstellung zum Leben und zum Sterben völlig verändert. Die Lebenserwartung ist sehr hoch geworden. Schon spricht man sogar von unwertem Leben in den Pflegeheimen und von aktiver Sterbehilfe. Stark gesunken ist dagegen die Anzahl der Geburten. Am besten wird das an den nüchternen Zahlen der Statistik sichtbar: Ende der 50er- und in den 60er-Jahren lag in dem mit seinen vielen neuen Einfamilienhäusern rasch wachsenden Wolfurt die Rate mit bis zu 33 Geburten auf 1000 Einwohner überdurchschnittlich hoch. Die allerhöchste absolute Geburtenzahl brachte dann das Jahr 1972 mit 147 Geburten. Das war bei 6305 Einwohnern immer noch eine hohe Rate von 23. Dann sank sie aber mit der Entwicklung der „Anti-Baby-Pille" schlagartig ab. Die letzten drei Jahre: Einwohner Geburten Sterbefälle 1999 7931 87 45 2000 7960 79 50 2001 7984 69 38 Damit ist die Geburtenrate (von früher 33) auf durchschnittlich 9,8 gesunken, im letzten Jahr 2001 sogar auf sehr niedrige 8,6! Und die Kindersterblichkeit? - Im Jahre 1999 sind zwei Kleinkinder gestorben, im Jahre 2000 eines und 2001 keines. Kein einziges! - Wenn du jetzt so ganz schnell über diesen letzten Satz hinweg gelesen hast, dann blättere doch zurück zu den 127 kleinen weißen „Engel"-Kreuzlein von 1906! Was haben die Ärzte, denen ich am Anfang „Bittere Medizin" unterstellt habe, mit ihrem Forschergeist und ihrem großen Einsatz alles geleistet! - Und doch hat all dieses menschliche Bemühen seine Grenzen. Irgendwann holt der unerforschliche Tod uns alle heim! Ärzte aus Wolfurt Neben den oben genannten Wolfurter Gemeindeärzten Joh. Georg Gmeiner und Joh. Martin Rohner möchte ich hier noch ein paar Namen von Ärzten nennen, die ebenfalls aus Wolfurt stammten, ihren Beruf aber in der Fremde ausgeübt haben. Dr. Balthasar Gmeiner, 1791-1863. Er war ein Neffe des Wolfurter Gemeindearztes J. Gg. Gmeiner (I.) und stammte wie dieser aus dem Haus an der Frickenescherstraße. Er hatte in Wien studiert und dort 1820 promoviert. Schon 1826 erlangte er die bedeutende Stelle eines Stadt-Wundarztes von Feldkirch, die er bis 1862 innehatte. 1863 ist er in Feldkirch gestorben.16 Dr. Joh. Georg Gmeiner (II.), 1804-1851. Er war der jüngste Bruder des Balthasar. Als Militärarzt verschlug es ihn bis in die Walachei. Gestorben ist er schon 1851 in Wien. Sein Enkel diente später in Wien als k.u.k. Offizier. Dr. Karl Wilhelm Rohner, geb. 1832 im Strohdorf. Er war nach dem Tod von sechs Geschwistern der älteste lebende Sohn des Gemeindearztes Joh. Martin Rohner. 21 Während sehr viele seiner Alterskollegen in den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderten, wählte er Australien als Ziel. Dort soll er „in Chiltern, Victoria" gearbeitet haben. Prof. Dr. Lorenz Böhler, 1885-1973. Er gilt als Begründer der modernen UnfallChirurgie und war schon zu Lebzeiten weltweit bekannt. Im Jahre 1957 ernannte ihn die Gemeinde Wolfurt zum Ehrenbürger. Viele Jahrzehnte lang leitete er das von ihm gegründete legendäre Unfall-Krankenhaus an der Webergasse in Wien. Eine lange Reihe von Büchern sind von ihm und auch über ihn geschrieben worden. Seine 1991 von Inge Lehne herausgebrachte Biographie wird in Wolfurt jedes Jahr als Teil des „Böhler-Preises" an die besten Schüler vergeben. Prof. Dr. Jörg Böhler, geb. 1917. Er hat zwar immer in Bozen, Wien oder Linz gelebt und gearbeitet, aber Wolfurt regelmäßig besucht. Von hier erhielt er auch seinen „Heimatschein". Als Unfall-Chirurg wurde er der Nachfolger seines berühmten Vaters Lorenz Böhler. Er leitete das Unfall-Krankenhaus in Linz und ab 1972 das große neue „Lorenz-Böhler-Krankenhaus" in Wien. Dr. Josef Hinteregger, 1888-1947. Erwuchs als Sohn des Andreas Hinteregger auf dem Bühel in Wolfurt auf. Schon als Student beteiligte er sich in Verbindung mit amerikanischen Wissenschaftlern an der Erforschung der in Wolfurt wegen Jodmangel weit verbreiteten Kropf-Erkrankungen. Seine Schwestern mußten dazu die Station für die Versuchs-Ratten betreuen. Nach zehn Dienstjahren in Oberösterreich war Hinteregger 24 Jahre lang Gemeindearzt in Satteins. Er starb bei einem MotorradUnfall. Auch seine beiden Söhne studierten Medizin. Dr. Walter Hinteregger wurde von 1956 bis 1987 der erste Gemeindearzt in Schwarzach. Dr. Georg Hinteregger war von 1958 bis 1994 Gemeindearzt in Alberschwende. Prof. Dr. Emil Beck, 1931-2001. Er wurde im „Engel" im Kirchdorf geboren. Während seines Studiums in Wien wurde er von seinem Lehrer Prof. Lorenz Böhler besonders gefördert. Als Unfall-Chirurg begleitete er dessen Sohn Jörg nach Linz und kehrte mit ihm nach Wien zurück. Im Jahre 1974 wurde er der erste Leiter des neuen Vorarlberger Unfall-Krankenhauses in Feldkirch. Später erhielt er den Lehrstuhl für Unfall-Chirurgie in Innsbruck. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Feldkirch. Die Marktgemeinde Wolfurt verlieh ihm ihren Ehrenring. Sicher gibt es noch weitere Ärzte aus Wolfurt, deren Namen hier fehlen. Stellvertretend für jene, die in den letzten Jahrzehnten diesen verantwortungsvollen Beruf gewählt haben, nenne ich nur mehr zwei: Dr. Norbert Böhler, Jg. 1951. Er wuchs als Sohn des Zimmermeisters Eduard Böhler an der Bützestraße auf. Seit vielen Jahren ist er Gemeindearzt in Schruns. Dr. Gerold Schneider, Jg. 1954. Er ist ein Sohn des Gemeindearztes Dr. Lothar Schneider und übernahm 1984 dessen Arztpraxis an der Unterlindenstraße. Nach wenigen Jahren gab er die Gemeindearzt-Stelle auf und unterzog sich einem FachStudium. Heute arbeitet er als geschätzter Facharzt für Augen-Heilkunde in Dornbirn. Bild 12: Bekannte Ärzte aus Wolfurt, 1992: Prof. Dr. Emil Beck und Prof. Dr. Jörg Böhler vor dem Bild von Prof. Dr. Lorenz Böhler. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Werner Vogt, Alte Vorarlberger Heilbäder, Feldkirch 2001, S. 101 Siegfried Heim, Heims Ahnen, Privat, 2001, S. 20 Albertus magnus, egyptische Geheimnisse, 20. Auflage, ohne Angabe des Verlages mit Ausnahme der vermutlich gefälschten Herkunftsbezeichnung „Toledo", antiquarisch in Privatbesitz Forschungen von Dr. Johann Greißing in Landesgerichtsakten im VLA, die er freundlich zur Verfügung gestellt hat Heimat Wolfurt, Heft 7/1991,'S. 21 Wie Anm. 4, Forschungen Dr. Greißing GA Wolfurt, Schachtel 1842 Walter Hinteregger, Gesundheitswesen, Heimat Schwarzach, 1990, S. 178 GA Wolfurt, Familienbuch 1850, cod. 19 Die meisten aus: Zirker, Ärzte in Vorarlberg 1814-1914, Regensburg 1998, aus Alemannia studens, Band 3 Andere aus Gemeinde- und Pfarrbüchern Hinteregger, wie Anm. 8, S. 179 Heimat Wolfurt, Heft 24/2000, S. 28 GA Wolfurt, Schachtel 1892 Vorsteher Schertler für Landeskunde, Schachtel 1883 im GA Heimat Wolfurt, Heft 15/1995, S. 3 Zirker, Ärzte in Vorarlberg 1814-1914, Regensburg 1998, aus Alemannia studens, Band 3 22 23 Siegfried Heim Strom für Wolfurt „s Eläcktrisch" im Jahre 2002! - Tausend Apparate jeden Tag vom Wecker am Morgen über Kaffeemaschine und Telephon bis zum Fernseher noch spät am Abend! Dazwischen all die unzähligen Maschinen und Automaten in Werkstatt, Büro und im Straßenverkehr! Strom-Ausfall im Jahre 2002? - Nicht auszudenken! Wir sind völlig abhängig geworden von der Elektrizität. Da ist es vielleicht ganz gut, wenn wir uns einmal an die Anfänge vor gut 100 Jahren zurückerinnern. Der Historiker Dr. Reinhard Mittersteiner hat letztes Jahr die Elektrizitätsgeschichte unseres Landes gründlich erforscht und uns in seinem Buch Kraftfelder' zugänglich gemacht. Zu Weihnachten 2001 haben die Vorarlberger Kraftwerke ihr 100Jahr-Jubiläum gefeiert. Anlaß dazu war, daß das E-Werk Schindler in Rieden als Vorgänger der VKW am 24. Dezember 1901 erstmals Strom in das dörfliche Ortsnetz Rieden eingespeist hat. Die Stadt Bregenz bekam erst 1903 Strom, Hard und Lustenau folgten 1905. Und Wolfurt? Unsere Gemeinde war zusammen mit Schwarzach mehr als ein Jahr früher dran. Bei uns leuchteten die Glühlampen schon ab Mai 1900. Als allererste Gemeinden im Land wurden wir flächendeckend mit der neuen Energieform versorgt. Wie hat das alles begonnen? Große Wissenschaftler hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grundlagen der Elektrizität erforscht: Galvani, Volta, Faraday, Ampere, Ohm und andere. Fünfzig Jahre später griffen die Techniker die Ergebnisse der Forschungen auf und machten daraus Geld. Als Begründer der E-Technik gilt Werner von Siemens,18161896, der 1866 eine Dynamo-Maschine erfand und damit 1879 eine erste elektrische Lokomotive und 1881 die erste elektrische Straßenbahn baute (Schon 1902 fuhr eine solche Tram von Dornbirn nach Lustenau!). In Amerika erfand Thomas Alva Edison, 1847-1931, im Jahre 1879 eine brauchbare Kohlenfaden-Glühlampe und richtete damit 1882 in New-York erstmals ein Ortsnetz für 400 Haushalte ein. Seit 1883 erzeugten sowohl Siemens als auch Edison in ihren Firmen serienweise Glühlampen. Der rasche Siegeszug des neuen Lichtes konnte beginnen! Mittersteiner hat nun in seinem Buch manches richtig gestellt, was wir Lehrer bis jetzt falsch gelehrt haben, weil es falsch in unseren Büchern stand und immer wieder falsch abgeschrieben wurde: 1. In Kennelbach brannte 1884 das erste elektrische Licht der ganzen öst.-ung. Monarchie. (Dr. Hans Nägele in Feierabend 1932 / 30, S. 17) Falsch! Schon 1870 und 1873 leuchteten elektrische Bogenlampen in Wien. Auf der „Internationalen Electrischen Ausstellung" erstrahlten 1883 an der Rotunde in Wien sogar bereits 3400 Glühlampen. (Mittersteiner, S. 21 u. 22) 2. Die Schindler-Fabrik in Kennelbach bekam als erste Fabrik elektrische Beleuchtung. Falsch! 24 Schon 1884 installierte die Firma F.M. Hämmerle in ihrem Werk in DornbirnFischbach die erste Fabriks-Beleuchtung in Vorarlberg. Im Juli 1886 folgten Getzner im Werk Bludenz-Klarenbrunn und als dritte dann am 29. September 1886 die Firma Jenny und Schindler in ihrer großen Spinnerei in Kennelbach. (Mittersteiner, S. 29) Diese Richtigstellungen können der Pionierleistung Friedrich Schindlers, 1856-1920, auf dem Gebiet der Elektrizität keinen Abbruch tun. Seine Forschungen ab 1882 in der oberen Villa in Kennelbach, seine Thermo-ElektrikPatente für die Welt-Ausstellung 1893 in Chicago, der Bau der Kraftwerke Rieden und Andelsbuch und die Gründung der „Elektra" sind Marksteine in der Elektrizitäts-Geschichte Vorarlbergs. Bild 13: Plazidus Gunz, 1861-1920 Jetzt aber endlich zu „Strom für Wolfurt"! Dessen Geschichte ist vor allem mit zwei Namen verbunden, mit Plazidus Gunz und mit Albert Loacker. Pazidus Gunz, 1861-1920 Als junger Weber heiratete der aus Bildstein-Staudach stammende Josef Gunz 1853 in die Familie des Rickenbacher Schmiedes Lorenz Dür ein. Der Schwiegervater vertraute ihm die neu aufgebaute Mühle an und begründete damit die Firma MühleGunz. Die junge Familie wohnte äußerst bescheiden in der Mühle. Von den 16 Kindern der tüchtigen Mutter Christina starben 11 ganz jung. Die anderen mußten von Kindheit an schwer arbeiten.2 Plazidus hatte glücklich die Pocken überstanden, trug aber davon tiefe Narben im Gesicht. In der Schule war er einer der besten, allerdings wurde sein Schulbesuch als mangelhaft eingestuft. Allzu oft versäumte er den Unterricht, weil er in Mühle und Landwirtschaft helfen mußte. Schon früh zeigte sich bei ihm die technische Begabung der Dür-Ahnen. Ohne besondere Ausbildung galt er als ausgezeichneter Schreiner, Schlosser, Schmied, Mühlenmacher und Dreher. Das meiste davon hatte er sich selbst in der benachbarten Schlosserei seines Onkels Josef Anton Dür angeeignet. Nach absolviertem Militärdienst widmete er sich nun dem Ausbau der Mühle. 25 Bild 14: Die Gunz-Mühle um 1900. Hier brannte zu Weihnachten 1896 das erste elektrische Licht in Wolfurt. Im Jahre 1890 schafften die Brüder Gunz bei der Firma Rüsch in Dornbirn eine Turbine an. (Mehr darüber im Anhang unter Vor der Elektrizität) Im gleichen Jahr übersiedelten Plazidus und sein jüngerer Bruder Christian nach Bludenz, wo sie die alte Mühle bei St. Peter mit ihrem Wasserrecht erworben hatten. Sofort begannen sie mit der Renovierung. Dazu gehörte auch der Einbau einer gebrauchten Turbine, die sie preisgünstig bei Samuel Jenny in der Mühle Lauterach-Lerchenau aufgetrieben hatten. Äußerste Sparsamkeit gehörte zu den Prinzipien der Gunz-Brüder. Wo immer möglich, kauften sie gebrauchte Einrichtung und richteten diese mit ihren geschickten Händen wieder her. Im Jahre 1891 wurde die Kunstmühle Gunz in Bludenz eröffnet. Bei einer folgenden Renovierung der Mühle in Rickenbach setzte Plazidus bei seinen Brüdern im Jahre 1896 seine Idee durch, auch hier, ähnlich wie in den Fabriken von Kennelbach und Dornbirn, elektrisches Licht einzuführen. Für 300 Gulden kaufte er bei der Firma Josef Oser in Krems eine kleine Dynamo-Maschine und setzte sie selbst auf die Turbine auf. .... Welch eine Freude hatten wir als es zum ersten mal gebrant hat, der Plaze ist bereitz die gantze Nacht bei der Dinamomaschine gestanden und hat den Schöpfer gelobt für diese Erfindung. Es wurde bald bekannt das Müllers elektrisches Licht haben. Die Nachbarn .... sind herbei geeilt und haben das Wunderding bewundert Sobald es in Rickenbach im Betrieb war, ist der Plaze nach Bludenz geeilt mit der Aufgabe, das mus in Bludenz auch gemacht werden. Es hat aber nichts kosten sollen. Der Albert Loaker war damals ein noch junger Elektrotechniker und der Plaze hat in Erfahrung gebracht, das er eine Djinamomaschine habe, die aber nicht gehe. Das hat dem Plaze schon gefallen, denn die kranke Djnamomaschine wurde nach Rickenbach gebracht. Der Loaker und Plaze 26 haben den Anker sowie die Spulen neu gewikelt mit Anstrangung aller ihrer Kenntniße und haben die Maschine zum gehen gebracht. Dieselbe wurde zuerst in Rickenbach ausbrobiert und als sie die Lebensfähigkeitsprobe bestanden hatte hat man dieselbe in möglichst feierlicher Weiße nach Bludenz überführt und in der Bludenzermühle zur Überraschung der ganzen Bludenzer gegend in Bewegung gesetzt (Gunz-Chronik, S. 455. Die oft fehlerhafte Rechtschreibung ist dadurch zu erklären, daß der Verfasser Lorenz Gunz wegen seines mangelhaften Schulbesuchs das Schreiben erst beim Militär erlernt hat.) Seit 1896 brannte also elektrisches Licht in der Mühle Rickenbach, seit April 1897 auch in Bludenz, jeweils mit einer Spannung von 110 Volt. Im gleichen Jahr 1897 nahm jetzt auch Johann Walter Zuppinger in seiner Mühle im Kessel einen großen Generator in Betrieb. Ganz sicher wollte er nicht hinter der Müller-Konkurrenz zurückbleiben. Plazidus Gunz hatte aber bereits neue Pläne. .... er hat sich mit dem nicht begnügt, daß wir nur allein Licht haben und ist dann auf den Gedanken gekommen, man müße die Wasserkraft im Schwarzachtobel ausnützen für die Gemeinden Schwarzach und Wolfurt Ein völlig neuer Gedanke im Lande Vorarlberg! Bisher hatten die meist liberalen Fabrikanten in der Elektrizität nur einen Weg zur weiteren Produktionssteigerung in ihren Fabriken gesehen. Kaum einer hatte an den Annehmlichkeiten des neuen Lichtes die Nachbarn teilhaben lassen, schon gar nicht die Einwohner eines ganzen Dorfes! Plazidus Gunz ließ bei Ingenieur Julius Rhomberg (So wird er in der Gunz-Chronik genannt. Vermutlich handelt es sich um den Dornbirner Ingenieur Leopold Rhomberg. Siehe Mittersteiner, S. 75) Pläne für ein E-Werk und ein Ortsnetz ausarbeiten. Bei Troll und Hefel und anderen Mitbesitzern der Wetzstein-Schleifen im Schwarzachtobel sicherte er sich die Wasserrechte und beantragte bei der k.u.k. Bezirkshauptmannschaft Bregenz schon 1897 die Baugenehmigung. Nach zwei Bürgerversammlungen legte er die Pläne den Gemeinden vor. Dort fand er in den fortschrittlichen Casino-Männern Johann Kohler und Wendelin Rädler3 starke Befürworter. Die Zuschrift der Gebrüder Gunz betreffend die Anlage einer elektrischen Beleuchtung in u. für Wolfurt sowie der Plan der Hauptstromleitung wurde zur Einsicht genommen. Dieses Unternehmen wird begrüßt mit der Versicherung daß ihm seitens der Gemeindevertretung die bestmögliche Unterstützung zu theil werde. (Gemeindevertretung Wolfurt, Protokoll v. 14.10.1897) Nun schlössen die Brüder Gunz mit der Elektrofirma Ganz u. Co. in Budapest(!) einen Bauvertrag für das zukünftige Werk ab. 4 Durch Einsprüche der Schwarzacher Anrainer verzögerte sich der Baubeginn. Erst nach einem langen Instanzenweg erhielten die Gebrüder Gunz von der B.H. Feldkirch endlich am 10. Februar 1900 27 die Baubewilligung. Inzwischen hatte Plazidus Gunz enge Kontakte zu Albert Loacker geknüpft. Im Mai 1899 hatte er diesem alle seine Pläne und die an der Schwarzach erworbenen Rechte für bare 1000 Gulden verkauft. Zum Kaufpreis gehörte auch noch die unentgeltliche Lieferung von Strom „für einen 15 PfK Elektromotor" solange das Werk besteht. Plazidus betreute weiterhin die technische Einrichtung und die Lichtmaschine in der Mühle in Wolfurt. In Bludenz setzte er sich mit Erfolg für die Gründung eines Städtischen E-Werks ein, das dann am 1. Jänner 1901 in Betrieb ging. Für seine Frau baute er ein elektrisches Bügeleisen, das auch als MusWärmer für die Kinder Verwendung fand. Bekannt wurden seine elektrische Christbaum-Beleuchtung, der AusbrüteBild 15: Das E-Werk am Rickenbach 2002. Apparat für Hühnereier und der ScheinElmar Gunz vor dem unter der Werkbank werfer, mit dem er vom Giebel seines arbeitenden Generator. Hauses aus in die Stadt hinaufleuchtete. Im Jahre 1911 baute er für die Stadtpfarrkirche St. Laurentius das erste elektrische Läutewerk in Vorarlberg, das er mit einem Fest am Katharinentag 1913 der Öffentlichkeit vorstellte.5 Um die Stadt Bludenz machte sich Plazidus Gunz aber auch als christlich-sozialer Politiker und als Gründer der Raiffeisenkassa verdient. Schon im Alter von 60 Jahren ist er im Sommer 1920 plötzlich gestorben. Seine technische Begabung lebte und lebt in zahlreichen Nachkommen weiter. Die Mühle in Bludenz mußte allerdings unter dem Druck der globalisierten Getreide-Weltwirtschaft im Jahre 1997 geschlossen werden. Die Mühle im Rickenbach-Tobel ist schon 1976 abgebrannt. Geblieben ist dort aber ein winziges E-Werk. Noch immer wird es, wie schon vor 106 Jahren, aus den alten Rohren vom Rickenbach betrieben. Mit Sorgfalt betreut Elmar Gunz, Jg. 1931, ein Enkel des Plazidus, den Generator, der das Gunz-Haus mit Licht und Wärme versorgt. Und den Energie-Überschuß von etwa 150 000 kWh im Jahr, den speist er, durch Sondervertrag mit den VKW geregelt, in unser Landes-Netz ein. Immerhin ausreichend für etwa dreißig Einfamilienhäuser! - Strom aus Wolfurt! Albert Loacker, 1873-1956 Albert Loacker hatte sich nach seiner Schlosserlehre in Rankweil bei der Elektro-Firma Ganz u. Co in Budapest zum Fachmann für Elektro-Technik ausgebildet. Im Jahre 1895 eröffnete er dann in Rankweil das erste ElektroInstallationsgeschäft in Vorarlberg. Der junge Mann hatte große Pläne. Mit einem Kraftwerk an der Frutz wollte er fast ganz Vorarlberg von Bludenz bis Bregenz mit Strom versorgen. Für ein solches Gemeinschaftswerk waren aber die Gemeinden und Städte des Landes noch nicht reif. Es war schwer genug, Geld und Interessenten für kleine lokale E-Werke aufzutreiben. Loacker verlegte sein Geschäft zuerst nach Dornbirn und dann 1902 nach Bregenz. Inzwischen hatte er Plazidus Gunz kennen gelernt und ihm die ersten Kenntnisse der Bild 16: Albert Loacker, 1873-1956 Elektro-Technik beigebracht. Während Gunz noch auf die Genehmigung seines Kraftwerks im Schwarzach-Tobel wartete, begann Loacker schon mit den Vorarbeiten dazu. Im Frühling 1899 traten die Gebrüder Gunz ihre Rechte an ihn ab. Darauf schloß die Gemeinde Wolfurt mit Loacker am 20. Juni 1899 ihren ersten Vertrag ab, in welchem sie ihm u. a. ein Elektro-Monopol in ihrem Gemeindegebiet einräumte. Erst jetzt fixierte Loacker am 31. August 1899 den endgültigen Ablösevertrag mit den Brüdern Gunz und begann sofort mit dem Bau von Kraftwerk und Ortsnetz. Ab Mai 1900 konnte er die beiden Gemeinden Schwarzach und Wolfurt mit Strom versorgen. Jetzt erkannten Jenny und Schindler, deren Werk Rieden seit 1891 genügend Strom für die Fabriken in Kennelbach lieferte, daß auch die Errichtung von Ortsnetzen ein Geschäft werden könnte. Ab 1901 belieferten sie Rieden und 1903 die Stadt Bregenz, während Loacker mit seinen beschränkten Mitteln 1903 nur noch Lauterach anschließen konnte. Um Hard lieferten sich die beiden Konkurrenten dann 1905 einen häßlichen Kampf in den Tageszeitungen, den schließlich Schindler für sich entschied. Resignierend schrieb Loacker schon 1904 in einem Brief an die Gemeinde Wolfurt: .... Sie werden mir zugeben müssen, dass ich der erste war, der es wagte in Vorarlberg Elektrizitätswerke unter Verhältnissen zu gründen, wo deren Gewinn ein fraglicher war, und niemand getraute sich damals für so eine Sache Geld 29 28 herzugeben, weil er den Wert eines Elektrizitätswerkes nicht schätzen konnte. Nachdem ich der Firma Jenny & Schindler im Jahre 1900 & 1901 einen weiteren Beweis erbringen konnte, dass die Errichtung elektrischer Zentralstationen ein gewinnbringendes Unternehmen sein könnte, da entschloss sich jene Firma zur Vergrösserung ihrer damaligen Kraftanlage und dazu noch Rieden und Kennelbach Strom abzugeben, später kam dann auch Bregenz dazu, und nun auch Lustenau und Hohenems, aber angefangen in solchen Gemeinden habe ich .... (Brief im GA Wolfurt) Das ist also der eigentliche Anfang der VKW als Versorger der Allgemeinheit: 1897 eine Idee von Plazidus Gunz 1899 deren Verwirklichung durch Albert Loacker in Schwarzach und Wolfurt 1901 die Nachahmung durch Jenny und Schindler in Rieden. Loacker mußte sich ab jetzt auf sein Werk an der Schwarzach beschränken. Seine Installations-Monteure waren allerdings im ganzen Land tätig, besonders auch bei der Errichtung des großen Kraftwerks Andelsbuch. In Lauterach (heute Antoniusstraße 14) besaß er eine große Werkstätte für Motoren- und Freileitungsbau, die zuletzt sein Chef-Monteur Bargehr betreute. Viele Jahre lang gehörte Albert Loacker dem Stadtrat in Bregenz an. Vom Land Vorarlberg wurde er als Fachmann sowohl bei der Übernahme der Schindler-Werke durch das Land als auch bei der Gründung der 111-Werke 1924 zugezogen. In Tirol konnte er bis 1914 noch die Kraftwerke Fügen, Uderns, Ried, Kaltenbach und Stumm (im Zillertal) errichten. Im Alter von 84 Jahren ist der um unser Land so hochverdiente Mann 1956 in Bregenz gestorben. Bild 17: Rickenbach um 1925 mit dem Loacker-Trafo und den alten Stromleitungen. Die Entwicklung in Wolfurt Am 26. Juni 1899 hatte die Gemeinde Wolfurt also den ersten Vertrag mit Loacker geschlossen und diesen am 19. August noch ergänzt. Sie erkannte darin die von Loacker vorgeschlagenen Strombezugs-Bedingungen und Tarife an. Loacker erhielt ein Stromdurchleitungs-Monopol für 40 Jahre und ein Verkaufs-Monopol für Elektro-Material und Lampen. Die Preise mußten allerdings den allgemeinen Marktpreisen angepaßt werden. Die Stangen für die Leitungen durften auf Gemeindegrund an den Straßenrändern aufgestellt werden. Den Strom für eine große Lampe auf dem Kirchplatz lieferte Loacker kostenlos. Eine für jene Gründerzeit bezeichnende Ausnahme vom Leitungs-Monopol wurde auch noch in den Vertrag aufgenommen. Vorsteher Lorenz Schertler und sein Bruder Jakob beabsichtigten, für ihre große Ziegelei im Flotzbach ein eigenes Kraftwerk im Wirthatobel zu errichten. (Sie haben daran übrigens bis zum Sommer 1903 gebaut, dann aber nach einem Hochwasser-Schaden ihre Pläne und Rechte an Loacker verkauft. Dieser legte die Pläne beiseite, zumal er von Schindler keine Durchleitungsrechte durch Kennelbach bekam.) 30 Die Gemeinde bildete ein Elektrizitäts-Komitee, bestehend aus Vorsteher Lorenz Schertler Adlerwirt Joh. Georg Fischer Kreuzwirt Johann Haltmayer Gemeinderat Fidel Kirchberger und Oberlehrer i. R. Wendelin Rädler. Nach einer Begehung wurden im November 1899 die Leitungsmasten aufgestellt. Loacker offerierte die geplanten 22 Straßenlampen mit 4200 Meter Kupferdraht und 170 Isolatoren für 1046 Gulden. Die 6 Lampen (sechs!) für das Schulhaus sollten 80 Gulden kosten, die 5 für den Pfarrhof 133 Gulden. Eine einzelne Leuchte samt Kohlenfaden-Lampe kam auf stolze 2.30 Gulden. Für einen Monteur berechnete Loacker gar pro Tag 5 Gulden. Das war in einer Zeit, wo Taglöhner noch um einen Gulden arbeiteten, sehr viel. Das Werk im Schwarzachtobel war im März 1900 fertig. Sofort begann es mit der Stromlieferung, im Mai dann auch für Wolfurt. Zwei Turbinen von der Firma Rüsch in Dornbirn nützten 70 Meter Gefälle der Schwarzach. Diese lieferte bis zu 300 Liter Wasser pro Sekunde, bei Vereisung oder anhaltender Trockenheit aber leider oft nicht einmal 50 Liter. Zwei Generatoren erzeugten Strom mit einer Spannung von 3000 Volt, der in vier hölzernen Trafo-Häuschen auf die von Loacker (nach Empfehlung durch die Berliner AEG) vorgeschlagene Haushalts-Spannung von 220 Volt transformiert wurde. Von der Maximal-Leistung von 45 Kilowatt mußten 15 Kilowatt kostenlos für die Wasserrechte an Troll, Hefel u. Co. abgegeben werden. Zwei Aufseher betreuten das Kraftwerk in abwechselnden Arbeitsschichten von je 12 Stunden. Sofort nach der Inbetriebnahme schafften die vielen Wolfurter Sticker ElektroMotoren an. Bald reichte die Leistung des Werkes nicht mehr aus, den steigenden 31 Bedarf zu decken. Schon im ersten Winter 1900/01 kam es zu großen „Kalamitäten": Die Lampen brannten „schlecht oder fast gar nicht", die Motoren liefen auf halben Touren. Eine vorübergehende Besserung erreichte Loacker durch Strom-Zukauf von Schindler aus dessen Werk Rieden. Schon im Juni 1901 und später noch mehrmals bot Loacker sein Werk den beiden Gemeinden zum Kauf an. Sie getrauten sich aber nicht, den inzwischen auf 350 000 Kronen geschätzten Betrieb selbst zu übernehmen und zu führen. Bis März 1902 waren von den insgesamt fast 450 Häusern aber erst 90 angeschlossen. Sie besaßen zusammen 1207 Glühlampen und 40 Motoren. Dazu kamen noch 6 Bügeleisen von je 500 Watt. Diese galten als ausgesprochene Luxus-Geräte und kosteten dementsprechend auch je 42 Gulden (oder 84 Kronen). Der Strompreis war pro Lampe pauschaliert. Die Benutzer schalteten ihre Lampen daher nur aus, weil die Kohlenfaden-Lampen eine Brenndauer von höchstens 1000 Stunden hatten und jede neue Lampe 1.40 Kronen kostete. In Rieden und in Dornbirn hielten die E-Werke eine Spannung von 150 Volt. Gerne hätte sich Loacker jetzt den Nachbarn angepaßt. Wolfurt weigerte sich aber, die teure Umstellung zu genehmigen. Inzwischen hatten die Wolfurter Lausbuben die Straßenlampen als Ziel für ihre Steinwürfe entdeckt. Schon im März 1902 verlangte Loacker von der Gemeinde Schaden-Ersatz und Ausforschung der Übeltäter. Im Lande hatte eine Hochkonjunktur der Stickerei mit den neuen Schiffle-Stickmaschinen eingesetzt. Im Zentrum Lustenau liefen 1903 insgesamt 111 Maschinen, alle von ratternden Benzin- oder von komplizierten Gas-Motoren angetrieben. Jetzt konnte Wolfurt den Vorteil des eigenen E-Werkes ausnützen! In Wolfurt surrten im gleichen Jahr bereits 45 Schiffle-Stickmaschinen (in Relation zur Einwohnerzahl also deutlich mehr als in Lustenau), und die besaßen alle einen bequemen ElektroMotor! (Nach Mittersteiner, S. 137) Jetzt wurden auch Lauterach und Lustenau wach. Lauterach schloß 1903 einen Vertrag mit Loacker zum Anschluß an das Wolfurter Netz, Lustenau einen mit Schindler. Weil Loacker nicht einmal genug Strom für den rasch wachsenden Bedarf in Wolfurt hatte und Schindler die Hilfslieferungen ab 1. April 1903 einstellte, legte sich die Gemeinde Wolfurt gegen den Anschluß von Lauterach quer. Loacker schaffte als Energie-Reserve jetzt eine teure Dampf-Lokomobile an, eine riesige Dampfmaschine mit Generator, und stellte das Ungetüm in Lauterach in der Nähe des Bahnhofs auf. Für den Strom aus Schwarzach, aber auch zur Einspeisung des mit Hilfe der Lokomobile in Lauterach erzeugten Stroms in das Wolfurter Netz, baute Loacker eine Verbindungsleitung von der Kapelle Rickenbach an der Ziegelhütte im Flotzbach vorbei nach Lauterach. Die Gemeinde Wolfurt, seit 1901 vom neuen Vorsteher Fidel Kirchberger geführt, klagte wegen Besitzstörung, konnte aber die Fertigstellung der Leitung nur verzögern. Damit schadete sie am meisten ihren eigenen Stickern, die den Strom aus der Lokomobile dringend gebraucht hätten. Die Sticker verlangten nun in einer Krisen32 Bild 18: Gasthof Rößle um 1910. Davor auf dem Kirchplatz der große Kandelaber, für den Loacker kostenlos Strom liefern mußte. Sitzung am Neujahrstag 1904, die Gemeinde solle „auf Grund der schlächten Licht und Kraftzusendung von Herrn Albert Loacker" die Auflösung des MonopolVertrages mit diesem beschließen. Sie wollten Strom von dem leistungsfähigeren Schindler-Werk in Rieden beziehen. Fast zwei Jahre dauerte nun der (vermutlich von Schindler geschürte) Streit. Die Gemeinde verlor schon ihre beiden ersten Prozesse beim Bezirksgericht in Bregenz, dann auch noch im September 1905 die beiden Berufungs-Prozesse am Kreisgericht in Feldkirch und mußte die Kosten in der Höhe von 932 Kronen übernehmen. Trotzdem entschloß sie sich zur Berufung an das Höchstgericht in Wien. Sie hätte wohl auch dort verspielt, wenn nicht Loacker nun Konzessionen nach den Tarifen von Schindler gemacht und die Gemeinde damit zum Zurückziehen der Klagen gebracht hätte. Inzwischen lief die Lokomobile in Lauterach seit Jänner 1904 fast ohne Probleme. Nur am 12. Februar 1905 kam es noch einmal zu einem Strom-Ausfall von einer Viertelstunde. Großer Schneefall hatte das Wasser der Schwarzach plötzlich fast verschwinden lassen. Es dauerte einige Zeit, bis die Lokomobile in Schwung war. Loacker mußte sich entschuldigen. Das Verhältnis zu ihm war nach den Prozessen für lange Zeit vergiftet. In einem Brief an die Gemeinde klagte er über „Hass und Verläumdung". Ein anderes Mal mußte er von der auffallend großen Menge zerschlagener Isolatoren berichten. Im März 1906 konnte Loacker aber wieder einen Strom-Liefervertrag mit Schindler abschließen, der ihn aller Sorgen enthob und den Einsatz der Lokomobile als Reserve entbehrlich machte. Schindler brauchte ihn jetzt wieder. Für das von ihm erworbene Netz Dornbirn, vor allem aber als Verbindung zum großen neuen Werk in Andelsbuch wollte er eine Ringleitung durch Wolfurt bauen und dazu war Loackers Einverständnis notwendig. Andere Sorgen stellten sich ein. 1907 stellten Loackers Inkassanten fest, daß nicht 33 wenige Leute in Wolfurt größere und hellere Lampen eingeschraubt hatten. Das war natürlich bei den pauschalierten Anlagen ein arger Mißbrauch des Vertrauens und mußte entsprechend bestraft werden. Jetzt empfahl Loacker den Einbau von „Zählern". Inzwischen hatte er auch in seinem Bereich die in Bregenz und Dornbirn gebräuchliche Spannung von 150 Volt eingeführt. Immer mehr von den neuen Osram-Lampen traten an die Stelle der bisher verwendeten Kohlenfaden-Lampen. Auer von Welsbach hatte ja schon 1902 Metallfäden in seine Glühbirnen eingebaut. Nach vielen Versuchen hatte schließlich eine Osmium-Wolfram-Legierung die besten Eigenschaften gezeigt. Nach langen zähen Verhandlungen schloß Loacker am 13. Juni 1908 einen neuen Vertrag mit der Gemeinde, der sich weitgehend an Schindlers Tarifen in Bregenz orientierte. Damit waren nun beide Seiten für lange Zeit zufrieden. Im Jahre 1913 hatten einige durch die Stickerei-Krise verarmte Wolfurter ihre Stromzähler manipuliert. Seither mußten die Zähler und die Sicherungs-Kassetten plombiert werden. Im Jahre 1916 wurde die Hauptleitung nach Lauterach begradigt, um die eingesparten Kupferdrähte wie die Glocken vom Kirchturm als Kanonen-Metall abliefern zu können. Große Schwierigkeiten bereitete die Inflation nach dem Weltkrieg mit den immer wieder überholten und neu festzulegenden Tarifen. Bis zum 1. Jänner 1925 stiegen die Stromkosten auf das 9500-fache des Vorkriegspreises und wurden jetzt mit vielen Nullen geschrieben. Im Februar 1924 konnten die VKW endlich ihre Hochspannungsleitung auf Holzmasten von Rieden über die Ach und durch die Wolfurter Felder nach Schwarzach und weiter nach Andelsbuch verlegen. Um dem Chaos mit den verschiedenen Spannungen, das ja von Ort zu Ort verschiedene Anschlüsse für die vielen Elektrogeräte und auch für die jetzt zahlreich gewordenen Glühbirnen verlangte, ein Ende zu bereiten, gab es seit 1924 eine internationale Empfehlung zum Übergang auf die Normalspannung von 220/380 Volt. Das führte natürlich in Wolfurt, wo man erst 1908 von den jetzt wieder geforderten 220 Volt abgegangen war, zu neuem Ärger. Zuerst änderte Loacker in Wolfurt die Spannung nur in dem von der Trafo-Station bei der Kapelle Rickenbach versorgten Bereich. Zahlreiche der neuen Glühbirnen brannten dort schnell durch und mußten auf Kosten der Lieferfirma ersetzt werden. Erst 1927 wagte Loacker die Umstellung des Bereichs Hub. Er nahm die alten Lampen zurück und lieferte neue zum halben Preis. Die Motoren wickelte er auf eigene Kosten in seiner Werkstatt in Lauterach neu. Im Dezember 1931 notierte Loacker befriedigt, jetzt sei schon „ein großer Teil" von Wolfurt auf die moderne Spannung von 220/380 Volt umgestellt. Bregenz und Dornbirn stellten erst 1932 um, Hard 1934 und Kennelbach gar erst 1936! Die Illwerke bauten im Winter 1929/30 ihre große Überlandleitung von Bürs bis ins Ruhrgebiet. Es war die allererste 220 000 Volt-Anlage in Europa. Seither beherrschen ihre Masten die schönen Wolfurter Bühel vom Bannholz über das Schloß bis 34 zur Ach. Bald galt es für die Buben als Mutprobe, die Masten bis zu den drei „Schiffle" zu ersteigen. Am meisten bewunderten wir Königs Max, wenn er ganz oben an der Spitze auf dem „Blitzableiter" (Erdseil) seine Turnkünste vorführte. Im Jahre 1930 stand Loacker vor der Notwendigkeit, sein nun schon dreißig Jahre altes E-Werk an der Schwarzach zu modernisieren. Das Netz Schwarzach-LauterachWolfurt mußte jetzt fast 10 000 Glühlampen und dazu gegen 500 Motoren und 600 Koch- und Heizgeräte versorgen. Nachdem Loacker das ganze Werk noch einmal ohne Erfolg den Gemeinden zum Kauf angeboten hatte, legte er es aus wirtschaftlichen Erwägungen still und bezog ab 1931 den gesamten Strom von den VKW, die seit 1929 Eigentum des Landes Vorarlberg waren. Laufend wurden „elektrische" Herde angeschlossen, zu denen zwingend ein Zähler vorgeschrieben werden mußte. Im Jahre 1936 bekam sogar die Schule einen ersten Elektro-Herd, auf welchem nun die Schulschwestern und andere bekannte Köchinnen die Wolfurter Frauen in Kochkursen ausbildeten. Im gleichen Jahr erhielt auch die Pfarrkirche ein „elektrisches" Geläute, 25 Jahre nachdem der Wolfurter Elektro-Pionier Plazidus Gunz sein erstes in Bludenz installiert hatte. Wenn aber der alte Mesner Johann Köb jetzt die starken Motoren des Läutewerks einschaltete, war das Netz so überlastet, daß alle Lampen im Kirchdorf zu zucken begannen. Allmählich wurden die alten Haus-Installationen den neuen Erfordernissen angepaßt. Für das Bügeleisen hatte man bisher einen Schraubkontakt anstelle der Glühbirne einschrauben müssen. Nun wurde eine Steckdose an der Wand angebracht, allerdings noch eine ohne Erdungsschutz. Die Stromzuführung von der Holzstange an der Straße zur Haus wand erwies sich mehrfach als gefährliche Todesfalle. So kostete eine Berührung mit den Drähten unter anderen ein siebenjähriges Kind in Rickenbach, den 16jährigen Rudolf Seichter im Oberfeld und noch 1955 den 42jährigen Maler Julius Loitz, der in Ausübung seines Berufes beim Gasthaus Adler verunglückte, das Leben. Wo Motoren oder ein Elektro-Herd verwendet wurden, mußten anstelle der beiden „Licht"-Drähte nun die vier „Starkstrom"-Drähte zugeführt werden. Seit Kriegsende wurden diese meist zu einem weniger gefährlichen „Dachreiter" geführt und ab 1960 sogar durch ein isoliertes (selbst-tragendes) „Setra"-Kabel. Später verlegten die VKW nach und nach fast alle Leitungen im ganzen Land unter die Erde. Wer die Verhältnisse in anderen Bundesländern oder gar in den Staaten des östlichen Auslandes kennt, weiß das dankbar zu schätzen! Die vielen neuen Elektrogeräte führten anfangs häufig zur Überlastung der als Lichtleitungen verlegten Anschlüsse im Haus. Wenn die damals gebräuchlichen Schraub-Sicherungen dann durchbrannten, behalfen sich nicht wenige „Bastler" mit „Flicken" derselben mit Hilfe von Drähten. Das war dann immer wieder die Ursache, daß Häuser in Brand gerieten. Nicht einmal das Schloß war ausreichend sicher installiert. Als Fritz Schindler jun., der Sohn des Kennelbacher Elektro-Pioniers, 1936 dort eingezogen war, hatte man 35 hat, nicht verzichten. Daher schreibe ich an den Schluß ein großes „Danke schön" an Friedrich Schindler, an Plazidus Gunz, Albert Loacker und an die VKW! Was war denn vor der Elektrizität? Sie ist ja heute unsere wichtigste Energie-Form. Energie ist aber - so lernen es die Schüler - die Fähigkeit, eine Arbeit zu verrichten. Arbeit gab es aber wohl immer schon. Am Beispiel der Wolfurter Familie Dür-Gunz möchte ich von der Entwicklung der Arbeitsbewältigung erzählen. Lorenz Dür wurde 1788 in „Hannes Franzo Hus" am Röhle-Rank geboren. Nach seiner Lehrzeit durchwanderte er zur Zeit der Franzosenkriege als Schmiedegeselle Süd-Deutschland und die West-Schweiz. Nach Ablegung der Meisterprüfung erbaute er 1812 im Getreidefeld gegenüber seinem Elternhaus eine Schmiede und ein Jahr später ein Haus (Es steht noch heute unter der Nummer 11, Schorrers, an der Bregenzerstraße). Seine Frau Johanna Köb gebar ihm dort fast jedes Jahr ein Kind, insgesamt fünfzehn. Dazu mußte sie noch als Schmiede-Gesellin am Amboß schaffen: .... Wenn der Mann in der Schmiede war und mit dem Hammer auf dem Amboß das Zeichen gab zum Daraufschlagen, dan mußte das Weib, wenn sie gerade mit dem beschäftigt war dem Kind Muß zu geben, die Pfanne wegwerfen und in die Schmiede springen zum den Gehilfen machen (Gunz-Chronik,S.444) Später baute der Schmied einen schweren Fall-Hammer und dazu einen GöppelAntrieb. Jetzt führten seine Buben einen alten Gaul um den Goppel und ersetzten damit die Muskelkraft ihrer Mutter durch die des Pferdes. Drei von den Dür-Buben erlernten ebenfalls das Schmiede-Handwerk. Ihnen genügte der Göppel-Hammer bald nicht mehr. 1846 kaufte ihr Vater für sie die uralte und zerfallene Hunds-Mühle am Rickenbach. Sie hatte den Namen davon, daß ihr Müller schon im Mittelalter verpflichtet war, die Jagdhunde des Grafen von Bregenz zu versorgen. Als Mühle hatte sie ausgedient, aber ihre Wasserkraft stand nun den jungen Schmieden zur Verfügung. Sie bauten das Haus (heute Rickenbacherstraße 9, Stammhaus Doppelmayr) neu auf. Mit hölzernen Känern leiteten sie das Wasser des Rickenbachs auf zwei Wasserräder und betrieben damit ihre neue Hammerschmiede, dazu aber zeitweise auch eine Säge, eine Nudlerei, eine kleine Maismühle und einen Lor-Stampf, in welchem Baumrinde für die Gerber zerquetscht wurde. Schon 1852 erbauten sie dann weiter hinten im Tobel eine neue große Mühle, die sie zwei Jahre später ihrem Schwager Josef Gunz überließen. Auch die neue Mühle wurde durch ein Wasserrad vom Rickenbach angetrieben. Mit seinen heranwachsenden Söhnen Josef, Lorenz, Plazidus und Christian erweiterte der Vater Josef Gunz den Betrieb ständig. Ein Lor-, ein Knochen- und ein GerstenStampf wurden angefügt, dazu Landwirtschaft und Frächterei und schließlich sogar 37 Bild 19. Durch einen ElektroDefekt ist das Schloß am 12. Dez. 1939 abgebrannt. vieles großzügig renoviert. Den Stromverbrauch eines nachträglich noch eingebauten großen Bade-Boilers dürfte man aber unterschätzt haben. Jedenfalls sollen dessen überhitzte Zuleitungen die Ursache jenes Großbrandes gewesen sein, dem das Schloß am 12. Dezember 1939 zum Opfer fiel. Noch immer leitete Albert Loacker sein angesehenes Unternehmen in Bregenz und die Stromversorgung in unserem Netz. Sein Bruder besuchte in regelmäßigen Abständen die Häuser und kassierte die Stromrechnung ein. Wir schätzen diese Besuche wohl mehr als die Mutter, denn für uns Kinder hatte der weißbärtige Mann immer „a Pfefformünzle" in der Tasche. Im Jahre 1939 legte Loacker in einem gedruckten Heft die neuen Tarife vor, die im nationalsozialistischen Staat für das ganze Reich einheitlich gestaltet werden sollten. Das seit vielen Jahren stillstehende Werk nannte sich jetzt „Elektrizitätswerk an der Schwarzach" mit dem Untertitel „Gegründet 1899". Mitten im Krieg übernahmen dann am 1. Jänner 1943 die VKW das von Loacker geschaffene und betreute Netz Schwarzach-Wolfurt-Lauterach und beendeten damit dessen 44 Jahre alte Eigenständigkeit. Wie sich die Elektrizität seither entwickelt hat, haben wir selbst erlebt. Wir erinnern uns an den Bau der zweiten großen Illwerke-Überlandleitung vom Ried durch das Kella und über die Schneiderspitze nach Deutschland im Jahre 1957. Wir erinnern uns an den Bau von Zwentendorf und an die Aufrufe zum Strom-Sparen während der Öl-Krise. Wir haben die Einführung von Fernseher, Computer und Handy erlebt. Ganze Lichterketten erhellen die Straßen, grelle Halogen-Scheinwerfer am Güterbahnhof auch das einst so friedliche Ried. Wir schimpfen über vieles und wir kaufen noch mehr. Auch wenn da und dort einer vor gesundheitsschädlichen Strahlungen aus Kabeln und Elektro-Geräten warnt -, wir möchten doch alle auf die Annehmlichkeiten, die uns die Elektrizität gebracht 36 Bild 20: Noch nach mehr als 100 Jahren tun die Arlberg-Rohre im Rickenbach-Tobel ihren Dienst. eine Malzkaffee-Rösterei, die erst 1893 wegen der Konkurrenz durch Kathreiner aufgegeben werden mußte. Längst reichten die Wasserräder nicht mehr für den steigenden Energie-Bedarf. Eine Verbesserung brachte die von Onkel Josef Anton Dür selbst angefertigte Turbine. Dazu sollte aber auch der Druck des Wassers erhöht werden. Eine Rohrleitung ins Tobel erschien den sparsamen Gunz-Brüdern zu teuer. Da hörten sie davon, daß die beim Bau des Arlberg-Tunnels bis 1884 verwendeten Abwasserrohre nun als Schrott verkauft wurden. Statt 80 Gulden Neuwert kostete ein Rohr nur noch 5 Gulden. Gekauft! Die arg beschädigten Rohre waren 6 m lang und hatten 30 cm Durchmesser. Bei einer Wandstärke von 4 mm wog jedes über 200 kg. Jetzt mußten sie repariert werden: .... An den meisten Röhren hat etwas gefält Die eingetrückten Röhren hat man in folgender Weiße hergerichtet. Man hat das defekte Rohr hinten und vorne auf einen Stein gelegt und die eingedrückten stellen rotwarm gemacht indem man mit Buschein und Holz ein festes Feuer gemacht hat. Wenn die genanten stellen warm genug waren, haben es 4 Mann gepakt und an einem teil fest gemacht und dan eine alte Schrotwalze in das Rohr hineingegeben mit 28 cm, dann durch das Rohr eine Kette gezogen, die Walze die etwas konisch war angebunden und mit einem vierfachen Seilflaschenzug, der an das Zugseil angemacht wurde, nach Willkür vorwärts gezogen. Und dann sind immer 4 junge Männer mit je einem Eisenschlegel bereit gestanden und wenn die Walze nicht vorwätz gehen wollte hat es geheißen Darauf. Daß muste ales aber schnell gehen, also es hat damals schon geheißen, mann mus das Eisen schmieden wenn es warm ist. .... dann kam die zweite aufgäbe, das Hinmontiren es war ebenfals keine leichte aufgäbe, es war schon Herbst bei allem Wetter must man weiter machen, den ganzen Tag nass, man muste die Röhren durch den Bach hineintra38 gen, 4 Mann haben sich aufgestellt, zwei vorne und zwei hinten, es wurde nämlich an der Flansche eine Eisenstange mit einem Haken angebracht und dann hat es geheißen Marsch. Die Röhren bis zum Weyer hat mann bis Ankereute mit Pferden geführt und in den Bach hinunter gelasen und die anderen wurden wie schon gezeigt hinein getragen Im September haben wir angefangen die Röhren herzuführen und an Weinachten hat mann die Mühle mit der Neuenwasserleitung in Betrieb gesetzt. Da hatten wir eine Große Freude (Gunz-Chronik, S. 451 ff, verfaßt vom Müller Lorenz Gunz) Welch gigantische körperliche Leistung der jungen Männer war da notwendig! Zuerst schlugen sie fünf Wochen lang mit schweren Eisen-Schlegeln auf die glühenden Rohre ein. Dann trugen sie zu viert die 230 kg schweren Lasten durch das rutschige Bachbett hinauf. Jeder Fehltritt hätte alle Träger gefährdet. Noch einmal also ein Triumph der Muskelkraft! Im Jahre 1890 bauten die Brüder Gunz dann eine neue Turbine von der Firma Rüsch aus Dornbirn ein, die nun bis 1923 genügend Energie für die Mühle lieferte. Zusätzlich trieb sie ab 1896 die von Plazidus Gunz aufgesetzte Dynamo-Maschine an und lieferte das erste elektrische Licht in Wolfurt. Außer bei der Gunz-Mühle gab es noch einige andere Wasserräder in Wolfurt. Die Tobel-Mühle hinter dem Rößle am Fuß des Kirchenbühels konnte nie große Bedeutung erreichen. Zu gering war das Wasser-Aufkommen des Tobelbachs im Sommer und auch im Winter. Seit dem Mittelalter mehrfach erwähnt ist dagegen die Mühle im Holz, die die Kraft des Holzer-Baches (auf den Karten heißt er Ippach-Bach) ausnützte. Sie gehörte ursprünglich zum Schloß und war bis etwa 1920 im Besitz der Holz-Müller Schwerzler in Betrieb. Nur wenige Meter daneben lag die schon 1731 erwähnte obere Mühle im Holz, die seit 1852 den Holzer-Schmieden gehörte. Wegen der Wasserkraft hatte Jakob Böhler in diesem Jahr seine Schmiede von Unterlinden an den Mühlteich im Holz verlegt, wo zwei neue Wasserräder nun Fall-Hammer, Blasebalg und Drehbank antrieben. Immer noch wurde aber in der oberen Mühle Dinkel-Korn gemahlen und Gerste gestampft und der berühmte Chirurg Dr. Lorenz Böhler hat als Bub manchen Mehl-Stumpen ins Dorf hinab getragen. Um 1890 bauten die Holzer-Schmiede August und Adolf Böhler auch hier eine Turbine ein, die zusätzlich zu den Mühlsteinen noch eine Werkzeug-Schleifmaschine antreiben mußte. Um das Jahr 1935 wurde die obere Mühle stillgelegt, die Schmiede erst 1950. Die allererste Hammerschmiede mit Wasserrad-Antrieb hat in Wolfurt aber schon 1824 Joh. Baptist Rohner am Unterlauf des Holzer-Baches in Unterlinden erbaut. Allerdings verkaufte er sie schon nach zehn Jahren wieder. Seine Familie nahm den Hausnamen „Hammorschmiods" mit in ihr neues Haus an der Ach. Die Schmiede kaufte 1835 der aus der Schweiz zugewanderte Drechsler („Draiar") Karl Zuppinger und ließ sich dort nun seine Drehbank durch das Wasserrad antreiben. 39
  1. heimatwolfurt
20011101_Heimat_Wolfurt_25 Wolfurt 01.11.2001 Heft 25 2001 Zeitschrift des Heimatkundekreises November Bild 1: Markterhebung 1982. Bei einem großen Jubelfest zeigt Bürgermeister Waibel die ihm von Landeshauptmann Keßler überreichte Urkunde. Inhalt: 125. Vorsteher und Bürgermeister (4) 126. Gemeindewahlen 127. Die Roten 128. Mord und Totschlag 129. Blaues Buch 2000 Bildnachweis: Johann Greißing Bild 2 Siegfried Heim Bilder 21, 22, 29, 30 u. 31 Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Die Porträts der Bürgermeister und Ehrenbürger stammen von Graphiken und Ölbildern von Hubert Gasser im Kultursaal. Zuschriften und Ergänzungen In eigener Sache Nach mehr als einem Jahr - ich habe in dieser Zeit einen großen Teil der alten Akten in unserem Gemeinde-Archiv durchforscht und auch an anderen Projekten gearbeitet - kann ich heute das 25. Heft von Heimat Wolfurt vorlegen. Sein Hauptteil Vorsteher und Bürgermeister (4) soll ein Beitrag zur Dorfgeschichte des 20. Jahrhunderts sein. Als Ergänzung dazu steht der zweite Artikel Die Roten. Damit möchte ich die Rechte einer bei uns einst unterdrückten "Minderheit" wahren. Für beide gilt, daß sie nicht vollständig sein können, vor allem aber, daß das Zeitgeschehen verschiedenartige Wertungen zuläßt. Ich habe das Manuskript daher mit einigen Betroffenen und mit Zeitzeugen abgestimmt. Trotzdem wäre ich für jede Ergänzung und Korrektur sehr dankbar. Siegfried Heim Wolfurt und Wolford (Heft 24, S. 5) Dazu erreichte uns eine besonders interessante Zuschrift mit dem beigefügten Bild. Der Heimatkundler Dr. Johann Greißing in Hohenems, ein .besonderer Kenner von Hofrieden und Hofsteig, fand auf einem Schuldschein vom 17. Dezember 1819 den ältesten bekannten Abdruck eines Wolfurter Gemeindesiegels. Die Vorsteher hatten ihre Tätigkeit ja erst wenige Jahre zuvor im Jahre 1811 aufgenommen. Die Gemeinde führte also damals auf ihrem Siegel den k.k. Doppeladler der österreichischen Habsburger-Monarchie mit Reichsapfel und Schwert und dem rotweißroten Bindenschild. Die Adlerköpfe tragen aber nicht die Reichskrone, sondern den Herzogshut der Kronländer. Die Umschrift lautet "SIGILL DER GEMEIND WOLFURT": Eine seltsame Zusammenstellung! Vielleicht findet sich ein Fachmann, der uns ihren Sinn erklärt? Auf alle Fälle handelt es sich aber um eine frühe Besiegelung der noch heute gültigen Schreibart Wolfurt. Bild 2: Ältestes Wolfurter Gemeindesiegel von 1819 Bitte! Diesem Heft 25 liegt wieder ein Erlagschein bei. Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Die Gebarung und die Belege des Heimatkundekreises wurden am 26. Jänner 2001 von Seiten der Gemeinde Wolfurt durch Gerald Klocker überprüft und in Ordnung befunden. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H, A-6922 Wolfurt 3 Die Haltmayer (Heft 24, S. 13) Zuerst eine Berichtigung zu S. 19: Der Gerbergeselle aus Hergensweiler hieß nicht Josef, sondern Johann Georg Heim. Josef war sein Sohn, der 1891 aus Hanso Hus im Kirchdorf in das Küfer-Haltmayer-Haus in der Bütze einheiratete. Seine Nachkommen haben sich im Frühling 2001 im Kultursaal getroffen und mit Hilfe von Lichtbildern und einem Stammbaum ihre Vorfahren studiert. Zu S. 19 unten: Gemeldet haben sich auch mehrere Nachkommen des 1890 erstochenen Engelwirts August Haltmayer: Ernst Haltmayer, der Gründer der Firma Aerosol in Lauterach, und sein Vetter Alfons Haltmeier, leitender Spezialist für Flug-Radar in Dübendorf in der Schweiz. Zu mehreren Treffen brachten sie Bilder und Unterlagen von ihren Familien und auch Zeitungsberichte vom Tod ihres Großvaters mit. Auszüge daraus finden Sie im Beitrag Mord und Totschlag in diesem Heft. Vorsteher und Bürgermeister (3), (Heft 24, S. 27) Zu S. 27, Vorsteher Joh. Martin Schertler (IL): Der Beitrag hat den Weg zu weiteren Verwandten geöffnet. Zweimal besuchte mich aus der Schweiz Siegfried Schertler jun., ein Enkel des 14. Vorstehers und ein Bruder unseres Roman Schertler von der Lorenz-Schertler-Straße. Siegfried Schertler, geboren 1926 in Hard, hat nach dem Besuch der HTL Bregenz in verschiedenen Betrieben technische Erfahrung gesammelt. Im Jahre 1964 begründete er ganz allein in einem Kellerraum in Flawil eine Firma, die sich auf die Erzeugung von Vakuum-Ventilen spezialisierte. Daraus baute er in wenigen Jahrzehnten die VAT in Haag im Schweizer Rheintal auf, das weltweit führende Unternehmen für Vakuum-Dicht-Technik. Mit rund 500 Mitarbeitern und mit Tochterfirmen in Deutschland, Frankreich, England, Japan und USA erreicht VAT heute einen Jahresumsatz von 200 Millionen Dollar und ist zum größten Steuerzahler des Kantons St. Gallen geworden. Die Firma leitet als geschäftsführender Präsident Dr. Richard Fischer aus Rankweil, ein Urenkel unseres 13. Vorstehers Joh. Georg Fischer und damit ein Vetter des Firmengründers Siegfried Schertler. Wolfurter Blut, das sich jenseits des Rheins bewährt! Ein weiterer Schertler-Nachkomme kam zu Pfingsten 2001 mit seiner Familie aus Amerika zu Besuch nach Wolfurt. Frank Schertler (der Dritte) ist ein Urenkel des 1923 nach den USA ausgewanderten Frank Schertler (des Ersten), der in Amerika die Wolfurterin Anna Heitz geheiratet hat. Ein Bild von dem Auswanderer findet sich in Wolfurt in alten Bildern auf Seite 148. Der Urgroßvater (Franz) Josef Schertler (18641898) war der älteste Sohn des 14. Vorstehers. Er war Gemeindeschreiber und zuletzt auch Konsumverwalter im neu gebauten Konsum Rickenbach. Mit der Gründung einer zweiten Blasmusik brachte er argen Streit in die Gemeinde (Heft 24, S. 31). Nun hat der Ururenkel wieder Kontakte zu vielen Verwandten geknüpft und auch Altvorstehers Haus an der Kirchstraße eingehend besichtigt. Zu S. 32, elektrisches Licht: Für einen Jubiläumsband "700 Jahre VKW hat der Historiker Dr. Reinhard Mittersteiner auch in unserem Gemeindearchiv geforscht. In der Chronik "Schneider 3 " fand sich ein lange gesuchtes Datum: "1886 im Septr. den 29. bekamen wir Elektrisches Licht in der Fabrik". Wir dürfen uns alle auf das noch heuer erscheinende Buch freuen, in dem auch die Wolfurter Gunz-Loacker-Geschichte ihren Platz findet. Zu S. 35 unten: Fehlerberichtigung! Der neue Schreiber hieß nicht Otto, sondern Josef Böhler, Jg. 1883. Ihm gehörte das alte Doktor-Rohner-Haus am Sternenplatz, das 1949 abgebrannt ist. Dort wohnte sein jüngerer Bruder Otto Böhler, Jg. 1885. Mehreren Lesern ist der Fehler aufgefallen, zuerst Anni Höfle-Germann in Lauterach, die in ihrer Kindheit auch dort gewohnt hat. Ahnenforschung Immer neue Briefe und Mails treffen aus Amerika ein, wo die ersten Forscher ihre Stammbäume den Computern übergeben und damit andere Nachkommen der Wolfurter Auswanderer neugierig gemacht haben. Neu schreibt Jill Bennet aus Rice Lake, WI. Ihr Ahn Johannes Schwerzler wanderte 1852 aus dem Eulentobel nach Cottonwood in Minnesota aus. Er war ein Enkel jener Elisabeth Fischer-Schwerzler (Lisol), die dem Haus im Eulentobel schon um 1770 den Hausnamen Lislos gegeben hat. Seine Verwandten waren also die Lisolar-Gmeiner und die Zimborar- und Naiolar-Schwerzler. (Heft 16) Aus Bergisch-Gladbach im Rheinland hat Frau Dr. Roswitha Flatz eine große Stammtafel ihrer Flatz-Familie geschickt. Es handelt sich um nahe Verwandte unseres berühmten Wolfurter Malers, die als Ärzte, Professoren, Künstler, Ingenieure und BankDirektoren den Namen Flatz aus Buch und Wolfurt nach Salzburg, Mondsee, Wien, Preßburg und schließlich ins Rheinland und nach Amerika getragen haben. Frau Roswitha bedankte sich für unsere Aufstellung (Heft 20, S. 46) und will weiter forschen. 4 5 Siegfried Heim Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt (4) In den Heften 20,22 und 24 habe ich in drei Kapiteln über jene Vorsteher erzählt, die vor hundert und mehr Jahren Verantwortung für die Menschen in unserer Gemeinde getragen haben, für deren Arbeit und für das Zusammenleben. Das vierte Kapitel greift nun in unsere Zeit herein. Da gilt es, von Bürgermeistern zu berichten, die wir persönlich gekannt haben. Einige leben noch unter uns. Die folgenden Berichte sind ein Versuch, das wichtigste aus ihrer Amtszeit zu beschreiben. Vieles davon könnten die Leser aber wohl aus eigener Erinnerung noch wesentlich ergänzen. 18/1 Ludwig Hinteregger 1924-1938 Geb. 5.10.1892, gest. 31.10.1973 Die Wolfurter Hinteregger stammen vom Pfänder. Gebhard Hinteregger, der 1844 nach Wolfurt kam, war 1811 als Sohn des Adlerwirts in Bildstein geboren worden. Zehn Jahre lang besaß er die alte Schmiede an der Berggasse, wo seine Kinder zur Welt kamen. Dann konnte er 1854 das große Haus auf dem Bühel (Oberfeldgasse 2) kaufen, das seither das Stammhaus der vielen Wolfurter Hinteregger-Familien geworden ist. Hier wurde Ludwig 1892 geboren. Von seinen Brüdern wurde Josef Arzt in Satteins, Gebhard Instrumentenmacher im Strohdorf und Friedrich Bauer in Schwarzach. Ludwig arbeitete in seiner Jugend als Sticker, übernahm aber dann mit seinen Schwestern Lena und Maria die elterliche Landwirtschaft im Oberfeld. Schon früh zog es ihn zu den Vereinen. Er war ein begeisterter Chor-Sänger, spielte bei der Bürgermusik das Flügelhorn und gehörte 1910 im Arbeiterverein zu den Mitbegründern des Turnerbundes. Im Jahre 1913 rückte er zu den Kaiserjägern nach Südtirol ein und machte Dienst bei der Militärmusik. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, gehörte seine Einheit zu den ersten Truppenverbänden, die den Einmarsch der russischen Armee in Galizien aufhalten sollten. 1915 wurde er in die mörderichen Abwehrkämpfe gegen die Italiener in den Dolomiten geschickt. Für seinen Einsatz wurde er mit der Kleinen Silbernen und dann dreimal (!) mit der Großen Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und zum Zugsführer befördert. Im Gebirgskrieg wurde er 1917 schwer verwundet. Den Zusammenbruch der Monarchie erlebte er im Lazarett. Nun holte man ihn 1919 in die Gemeindepolitik und wählte ihn unter Vorsteher Lorenz Schertler sofort zum Ersten Gemeinderat und damit zum Stellvertreter des Vorstehers. In den Jahren der Not sammelte er hier wertvolle Erfahrungen. 1924 wurde wieder gewählt. Aus dem Chaos bei den ersten "demokratischen" Wahlen von 1919 hatten die Wolfurter gelernt. Diesmal wurden rechtzeitig drei ParteiListen vorgelegt, die alle den Christlich-Sozialen nahe standen. Die Allgemeine Wähler- partei führte Gemeinderat Ludwig Hinteregger an, die Allgemeine Wählerschaft der ehemalige Vorsteher Ferdinand Köb und die Wirtschaftspartei der Schreinermeister Rudolf Fischer, Schnidarles. Eigentlich standen sich dabei nur die lokalen Interessen der Wolfurter und der Rickenbacher gegenüber. Die Sozial-Demokraten waren in Wolfurt noch gar nicht organisiert, während sie etwa in Hard, angeführt von ihrem Nationalrat Hermann Hermann, bereits zur mandatsstärksten Partei wurden. In Wolfurt gewann die Gruppe um Hinteregger 10 von den 18 Mandaten, die beiden anderen je 4. Sicher half Hinteregger dabei, daß er als Musikant, Sänger und Turner einen großen Rückhalt bei den Vereinen hatte. Die wirtschaftliche Lage war immer noch Bild 3: Ludwig Hinteregger als junger Kaiserjäger katastrophal und verschlechterte sich in den folgenden Jahren durch den Zusammenbruch wichtiger Banken noch mehr. Arbeitslosigkeit und Hunger führten zu einer Radikalisierung der politischen Parteien. Die Sozial-Demokraten stellten ihren bewaffneten Schutzbund auf, die Christlich-Sozialen ihre Heimatwehr. In Wien brannte 1927 der Justizpalast. Vorsteher Hinteregger sah seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Arbeit. Zuerst wurde der Dorfbach aus seinem offenen Bett an der Kellhofstraße in eine Rohrleitung verlegt. Im Jahre 1929 wurde als ganz neue Straße die Verbindung von der Hub durch den Brühl nach Rickenbach gebaut. Die Gemeinde kaufte von der Familie Heim das uralte Hanso Hus am Dorfplatz zum Abbrach. Mit Wolfurter Arbeitslosen wurde an seiner Stelle 1930 das große Kriegerdenkmal erstellt. In einer von Schützenhauptmann Ludwig Köb gestifteten italienischen Blindgänger-Granate wurde die Urkunde hinterlegt. Ein Großprojekt sollte mehr Arbeit schaffen: Ausbau und Teerung der oberen Straße von der Ach bis Rickenbach. Dazu nahm die Gemeinde bei der Rheintalischen Kreditanstalt in der Schweiz einen Kredit von 100 000,- Schweizer Franken auf, damals eine unfaßbar große Summe! Im Sommer 1931 wurden damit die Straße ausgebaut, zwei Häuser abgebrochen, die Kurven gepflastert und etliche Gartenmauern erstellt. Kritisch wurde es, als die Schweizer Bank eine bessere Sicherstellung verlangte. Da halfen die Erben des 1930 plötzlich verstorbenen Gemeinderates Kreuzwirt Josef Haltmayer aus. Die Gemeindevertretung bedankte sich 1932 bei Vorsteher Hinteregger 7 6 Bild 4: Straßenbau 1931 an der Dorfkurve Bild 5: Teerung 1931 in Spetenlehen ausdrücklich für den großen Einsatz beim Bau "seiner" Straße. Es dürfte eine der allerersten asphaltierten Gemeindestraßen in ganz Vorarlberg gewesen sein! 1933 wurde dann auch noch die Rutzenbergstraße mit einer großen Schleife neu gebaut. Für eine neue Straße nach Buch hatte das Land 1930 eine Trasse an der Ach ausgearbeitet. Mit großem Nachdruck und einer Unterschriften-Sammlung verlangte die Gemeinde Wolfurt eine Variante über das Oberfeld zur Berg-Gasse und setzte sich mit Hilfe von einflußreichen Wolfurter Beamten durch. Ab 1932 begannen die Wolfurter zu bauen, die Bucher hatten schon ein Jahr früher am anderen Ende angefangen. Als die Bucherstraße mit ihren vier Tunnels 1935 eröffnet wurde, galt sie als Sehenswürdigkeit. Ab jetzt fanden 65 Maurer und Hilfsarbeiter Verdienst beim Ausmauern des Rickenbachs. Auch sonst hatte sich in der Gemeinde einiges verändert. Altvorsteher Köb war 1924 Sternenwirt geworden. Dort war seit 1871 die Post untergebracht gewesen. Jetzt verlegte die Gemeinde das Postamt ab 15. Jänner 1925 in das von ihr angekaufte SchertlerHaus bei der Schule, wo bald auch der Bauhof und eine große Brückenwaage Platz fanden. In den oberen Stock zogen 1928 zwei Haller "Kreuzschwestern" ein, die von hier aus ihre segensreiche Tätigkeit als Krankenschwestern aufnahmen. Gemeindearzt war seit 1924 Dr. Eugen Lecher. Dieser begründete noch im gleichen Jahr zusammen mit Wagnermeister Johann Heitz im Rahmen der Feuerwehr eine Rettungsabteilung des Roten Kreuzes. Der Autoverkehr nahm zu. Konrad Bohle eröffnete beim Mohren die erste BenzinZapfstelle, August Rädler eine zweite beim Wälderhof. Am 30. September 1925 wurde die erste "Omnibus"-Linie nach Bregenz in Betrieb genommen. Die Fahrzeug-Zählung von 1933 erbrachte für Wolfurt: 400 Fahrräder, 25 Motorräder, 10 "Luxus"Autos (PKW) und 10 LKW. Im Jahre 1929 setzten die 111 werke die riesigen Masten ihrer Überlandleitung auf die 8 Wolfurter Bühel. Im gleichen Jahr erhielt die Feuerwehr den hohen Schlauchturm beim Schulhaus. Der Vorsteher bekam in Adolf Fischer einen neuen Sekretär, der viele Jahre lang seine unentbehrliche Stütze wurde. 1931 wurde Karl Mohr neuer Schulleiter und 1933 Josef Kresser neuer Straßenmeister. Dieser arbeitete für einen Stundenlohn von 80 Groschen. (Ein Kilogramm Mehl kostete 45 Groschen!). Um dem parteipolitischen Streit auszuweichen, hatte Wolfurt im Jahre 1929 Mehrheitswahlen mit einer einzigen Liste durchgeführt. Ludwig Hinteregger erhielt 1044 von 1052 gültigen Stimmen, das sind sagenhafte 99,2 %. Am nächsten kam ihm noch der beliebte Konsumverwalter Johann Zwickle mit 954 Stimmen. Ein Kommentar in der Zeitung meinte: "... sich nicht erinnern, daß je in einer Periode so friedliche und einmütige Arbeit geleistet wurde".1 Im Jahre 1932 wurde Hinteregger auch in den Landtag gewählt. Als Vertreter der Landwirtschaft verblieb er dort bis zur Auflösung 1938. Inzwischen hatten sich die politischen Parteien völlig zerstritten. Das wirkte mit dem Verbot der Nationalsozialisten 1933 und der Sozialdemokraten 1934 bis in die Dörfer und in alle Vereine hinein. Die neue Verfassung von 1934 sah einen Ständestaat mit einer Einparteienregierung der "Vaterländischen Front" vor. Die gewählte Gemeindevertretung wurde aufgelöst. An ihre Stelle trat ein "Gemeindetag", dessen Mitglieder über Vorschlag der örtlichen VF vom Landeshauptmann ernannt wurden. Der Vorsteher führte erst jetzt die Amtsbezeichnung "Bürgermeister" ein, wie es schon im Gesetz von 1919 bestimmt worden war. Erstmals trat der Gemeindetag mit 3 Gemeinderäten und nur 10 Mitgliedern am 9. August 1934 zusammen. Für Andersdenkende gab es jetzt keine politische Vertretung mehr. Eine ganze Serie von Sprengstoff-Attentaten im Lande sorgte für Aufregung. Bewaffnete Heimwehr-Leute patrouillierten nachts durch die Gemeinde. Der Druck aus dem nationalsozialistischen Deutschland nahm zu. Jetzt ließen sich auch junge 9 Bild 6: Heimatwehr 1936 als Chor-Schützen 19. Theodor Rohner 1938-1945 Geb. 28.10.1894, gest. 1.12.1964 Schlagartig wurde die Lähmung der vergangenen Jahre durch vordergründigen Jubel überdeckt, getragen vor allem von der Hoffnung auf Arbeit. Schon 1932 war in Wolfurteine Ortsgruppe der NSDAP gegründet worden, 1933 auch eine Abteilung der SA. Nach dem Verbot der NSDAP waren 1933 acht Mitglieder des Kath. Arbeitervereins und 16 Turner aus ihren Vereinen ausgeschlossen worden. Von den jungen Leuten, die sich nach Deutschland zur Legion absetzten, nennt Bürgermeister Hinteregger in seinem vorsichtigen Bericht vom 31. Okt. 19452 nur den als Heimatforscher bekannten Gebhard Anwander aus Rickenbach und den ausgezeichneten Schifahrer Josef Bragger aus dem Strohdorf, der spä- Bild 7: Bürgermeister Theodor Rohner ter im Krieg gefallen ist. Die wirkliche Anzahl war aber viel größer. Sofort bemächtigten sich die Nationalsozialisten der ganzen Gemeinde. Schon am 15. März wurden das Kartell und die meisten Vereine aufgelöst und das Vereinshaus beschlagnahmt. Die Vereine mußten Inventar und Barvermögen abliefern, einige versteckten aber doch ihre alten Fahnen. Eine gewaltige Propaganda-Flut setzte ein. Am 18. März stellte die Firma Loacker am Kirchplatz und beim Mohren in Rickenbach je einen Lautsprecher auf, eigens zum Empfang der "weltgeschichtlichen Rede des Führers". Zwar gab es seit 1934 einen Radiosender in Lauterach, aber nur ganz wenige Leute besaßen einen Empfänger. Jetzt kamen die billigen "Volksempfänger" auf den Markt, mit denen man nur den Reichssender Berlin empfangen konnte. Ausländische Sender abzuhören war ja bei schwersten Strafen verboten. Am 31. März wurde der alte Gemeindetag aufgelöst. Vorerst mußte Bürgermeister Hinteregger im Amt bleiben, doch stellte ihm der neue Bezirkshauptmann den NSOrtsgruppenleiter Theodor Rohner und die vier Beiräte Alfred Fischer, Anton Heim, Josef Rohner und Willi Köb zur Seite. Das Gemeindeamt wurde in allen politischpolizeilichen Angelegenheiten den Weisungen der in Bregenz amtierenden Gestapo unterstellt. Das Abstimmungsergebnis vom 10. April 1938 über den Anschluß lag in Wolfurt ähnlich wie bei den meisten Gemeinden im Land bei 98 Prozent und wurde mit einem 11 Wolfurter dort in die illegale "Österreichische Legion" einschreiben. Am 27. Mai 1936 wurde noch einmal ein neuer Gemeindetag installiert, diesmal bestehend aus dem Bürgermeister, einem Vertreter der Katholischen Kirche und 14 Gemeindevertretern. Aus nur 6 von der VF ausgesuchten Kandidaten hatte der Bauernstand 4 Vertreter "gewählt", ähnlich die Gewerbetreibenden ihre 6 Leute. Wahlberechtigt waren aber nur eingeschriebene Mitglieder der "Vaterländischen Front". Weil Industrie und Öffentlicher Dienst zu wenig "verläßliche" Kandidaten aufbieten konnten, verzichtete die VF hier auf Wahlen und legte selbst ihre 4 Männer fest. Von der Demokratie hatte man sich damit verabschiedet. Dafür rief der Gemeindetag im Dezember zur Spende von Geld, Lebensmitteln, Bekleidung und Heizmaterial für die "Minderbemittelten" auf. An die Ärmsten wurden Brot und im März auch einige Hundert Kilogramm "Bundeswurst" aus Inner-Österreich verteilt. Ihre Lage blieb aber trostlos. Seit 1931 lag die Jänner-Arbeitslosigkeit in der Gemeinde immer über 100, im Jahre 1936 sogar bei 140. Ungeheure Not bedrückte viele Familien. Das Gemeindeblatt war voll von Versteigerungs-Anzeigen. Angeboten wurden Häuser und Grundstücke, Nähmaschinen, Wolldecken und Fahrräder. Immer mehr Leute hörten auf die Versprechungen Adolf Hitlers, der seit 1933 in Deutschland regierte. Am 12. März 1938 rückten seine Truppen in Österreich ein. 10 riesigen Aufmarsch uniformierter Fackelträger gefeiert. Zu diesem Tag war erstmals "Großbeflaggung" angeordnet worden: Nur Hakenkreuzfahnen! Rot-weiß-rot "ist zu vermeiden!"3 Am 19. Mai ordnete der Landesschulrat an, daß alle Kinder ausnahmslos mit "Heil Hitler!" zu grüßen hätten, "und zwar mit voll nach vorne in Augenhöhe ausgestreckter Rechten". Jetzt mußte auch Bürgermeister Hinteregger seine Briefe mit "Heil Hitler!" unterzeichnen. In Vorarlberg war ein gewaltiges Programm zur Staubfreimachung von 244 km Straßen in Angriff genommen worden. Dazu gehörte u. a. die Straße von Wolfurt über Schwarzach nach Dornbirn. Ganz neu begann man in Hard mit dem Bau einer Umfahrungsstraße (die spätere Betonstraße) mit als sensationell empfundenen 9 m Breite. Im März 1937 waren in ganz Vorarlberg 300 Arbeiter beim Straßenbau beschäftigt gewesen, im Mai 1938 waren es 1370.4 Von solchen Zahlen und noch mehr von der neu eingeführten Kinderbeihilfe war die Bevölkerung ungemein beeindruckt. Ab 1. Juli 1938 übernahm der bisherige Ortsgruppenleiter Theodor Rohner selbst das Amt des Bürgermeisters. Sein Nachfolger als Ortsgruppenleiter wurde Emil Beck. Nach dem "Führerprinzip" war der Bürgermeister allein für die Gemeinde verantwortlich. Zwar wurden einige Leute als Beiräte benannt, doch waren Abstimmungen untersagt. Schulleiter Mohr wurde als ehemaliger Leiter der VF in den Lehrerstand zurückversetzt. Die drei hochverdienten Schulschwestern Sr. Sebastina, Sr. Gisela und Sr. Regina mußten die Schule verlassen. An die Stelle der Vereine traten NS-Formationen. Schon die 10jährigen wurden im "Jungvolk" und bei den "Jungmädels" erfaßt, die 14jährigen zu HJ ("Ha-Jott", Hitlerjugend) und BDM (Bund deutscher Mädel) überstellt. Die Erwachsenen wurden in vielerlei Gliederungen der "Partei" aufgenommen, in Wolfurt vor allem bei der SA (Sturmabteilung) und beim NSKK (Kraftfahrer-Korps), wo sich die Motorisierten trafen. Die Frauen der NSV (Volkswohlfahrt) richteten im Konsum eine Säuglings-Fürsorge und im Kleinen Saal des Vereinshauses den ersten Kindergarten ein. Regelmäßige Sammlungen für das WHW (Winterhilfswerk) mit teilweise sehr gefälligen Aufsteck-Abzeichen sollten die Not der Alten und Armen lindern. Alles, gar alles! in der Hand einer Partei. Dazu eine ganz neue Art von aggressiver Propaganda in den Partei-hörigen Zeitungen, im Rundfunk und vor allem in den Schulen. Dort war das Kreuz in den Klassen durch ein Hitlerbild und einen "markanten" Wochenspruch des Führers ersetzt worden. Die Bürgermusik blieb als "Schützenmusik" erhalten, weil man auf sie bei den vielen Aufmärschen nicht verzichten wollte. Sogar den Alt-Gemeinderat Franz Rohner, an dessen Haus die SA eine große Tafel "Hier wohnt ein Feind des deutschen Volkes " angebracht hatte, brauchte man als Kapellmeister. Und die beliebte Krankenschwester Sr. Epiphania erhielt vom Bürgermeister eine Anstellung als "Frl. Härle", verbunden allerdings mit dem strikten Vebot geistlicher Betätigung. Natürlich fiel auf, daß die Kirche unter schwerem Druck stand. An Feiertagen mußte auch vom Kirchturm die Hakenkreuzfahne wehen. Prozessionen wurden "aus Ver12 Bild 8: NS-KK. Die Wolfurter Kraftfahrer 1939 unter Alfred Fischer. kehrsgründen" ins Oberfeld verwiesen. Auch das Läuten mußte eingeschränkt werden "wegen Störung des Rundfunks". Ab 1. Jänner 1939 wurden die Standesämter eingeführt. Bürgermeister Rohner übernahm selbst dieses zusätzliche Amt. Standesamtliche Trauungen unter der Hakenkreuzfahne ohne nachfolgende kirchliche Hochzeit blieben aber die seltene Ausnahme, ebenso wie "germanische Namensgebung" für Neugeborene. Junge Ehepaare erhielten vom Bürgermeister Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf. Gelesen werden es wohl wenige haben! Eine ganze Anzahl von Wolfurtern trat aber aus der Kirche aus und nannte sich nun "gottgläubig". Die Pfarrämter bekamen eine riesige Aufgabe mit der Erstellung von Ahnenpässen als Arier-Nachweis aufgebürdet. Alt-Pfarrer Leopold Berchtold schrieb deshalb in einem großen Buch alle Familien aus den alten Tauf- und Trauungsbüchern heraus. Es ist heute bei der Familienforschung eine wertvolle Hilfe. Am 1. September 1939 begann der Krieg. Über seinen Verlauf und sein schreckliches Ende haben wir in dieser Zeitschrift in zwei Artikeln umfangreich berichtet.5 Hier wiederhole ich daher nur jene fürchterliche Zahl: Am Kriegerdenkmal mußten die Namen von 99 jungen Männern aufgeschrieben werden, die nicht mehr heimkehrten. In einem langen schmerzhaften Prozeß war der Jubel von 1938 untergegangen, nicht in allen Familien zur gleichen Zeit. Für die meisten war ja die NS-Propaganda die einzige Informationsquelle. Lange, allzu lange schauten viele weg, hörten nichts, wollten nichts hören, von der Verfolgung von Juden und Zigeunern, vom Sterben der Behinderten, von der Mißhandlung von Kriegsgefangenen, von der Unterdrückung von Menschen in den besetzten Ländern. Auch nicht von den Niederlagen in Rußland und von der Zerstörung deutscher Städte im Bombenkrieg. Jede unbedachte Bemerkung konnte das Leben kosten. So wurde die 60jährige Hausfrau Ottilia Köb, Schmieds, 1941 wegen "Beleidigung der Regierung" von der Gestapo zwei Wochen lang eingesperrt.6 Ihre Entlassung verdankte sie wohl nur dem 13 Umstand, daß ihre beiden Söhne an der Front standen. Aus einem ganz ähnlichen Grund wurde zwei Jahre später in Bregenz Frau Karoline Redler zum Tode verurteilt. Unter allerschärfster Beobachtung standen jene Familien, die man für Kommunisten hielt. Aus nichtigen Gründen wurden 1941 und 1942 etliche Wolfurter Jugendliche verhaftet und von der Gestapo mißhandelt. August Wachter und Martin Österle waren bei ihrer Verhaftung erst 16 Jahre alt. Wachter wurde aus der Haft zu einer StrafKompagnie an die Front überstellt und ist dort gefallen. Auch sein Vater war verhaftet worden. Wegen "Abhörens von Feindsendern" mußte auch noch der Familienvater Karl Zanetti die letzten Kriegsmonate im Gefängnis absitzen.7 Bei Kriegsende zwang am Morgen des 2. Mai 1945 eine große Gruppe Wolfurter Zivilisten, in der Mehrzahl Frauen und Mädchen, den Bürgermeister zu dem Versuch, die deutschen Truppen an der Ach von der Fortsetzung des Verteidigungkampfes abzuhalten. Bei seinem Eintreffen waren diese aber bereits abgezogen, der Einmarsch der Franzosen hatte begonnen. Noch am gleichen Tag wurde Ortgruppenleiter Beck von einem französischen Kommando verhaftet und mit dem Erschießen bedroht, . schließlich aber in das Anhaltelager Brederis eingeliefert. Bürgermeister Rohner blieb noch zwei Tage im Amt. Am 4. Mai 1945 übergab er in einem offiziellen Akt das Amt an seinen Vorgänger Ludwig Hinteregger. Auch Rohner wurde dann einige Zeit inhaftiert. 1946 mußte er bei der Entnazifizierung der Wolfurter "Partei"-Mitglieder als Auskunftsperson helfen. Theodor Rohner war 1894 in Lauterach als Sohn des Wilhelm Rohner und der Anna Maria Schwerzler geboren worden.. Die Mutter stammte aus dem Tobel in Wolfurt. Als die Familie Rohner mit ihren acht Kindern nach Wolfurt in das Haus C 5 an der Ach (heute Zementerei Rohner, Bützestraße 39) übersiedelte, benannte man sie nach der Mutter mit dem Hausnamen "Toblars". Früh verstarben beide Eltern. Die Waisenkinder mußten das Haus verkaufen. Außer Theodor, der als Sticker Arbeit suchte, blieb auch seine Schwester Klara, verehelichte Schwerzler, als Toblars Klara mit ihren Söhnen in Wolfurt. Theodor heiratete 1920 Rosina Böhler, eine Tochter des Holzer-Schmieds August Böhler. Mit ihren zwei Kindern Bertram und Theodora wohnten sie in Miete im Haus D 293 (Villa Köb, Hofsteigstraße 54) in Rickenbach. Schon 1937, mitten in der Not der Arbeitslosigkeit, starb die Mutter. 1940, jetzt schon als Bürgermeister, ging Rohner eine zweite Ehe mit Katharina Bohle ein, einer Tochter des Rickenbacher Kaufmanns Konrad Bohle. Der Sohn Bertram betrieb nach dem Krieg eine Handlung in Landeck. Die Tochter Dora, verehelichte Zangerl, lebte mit ihrer Familie in Pians. Zu ihnen übersiedelte der Alt-Bürgermeister für seine letzten Lebensjahre. In Pians ist er am 1. Dezember 1964 gestorben. An seinem Begräbnis nahm auch eine offizielle Abordnung der Gemeinde Wolfurt teil. Dafür bedankten sich die Kinder mit einer Spende für die Totenkapelle in Wolfurt. 18/2 Ludwig Hnteregger 1945-1950 Geb. 5.10.1892, gest. 31.10.1973 Seit 4. Mai 1945 waren also der 1938 abgesetzte Bürgermeister Hinteregger und als sein Sekretär Adolf Fischer wieder im Amt. Während der NS-Zeit hatte Hinteregger neben seiner Landwirtschaft eine Anstellung im Büro der Firma Baustoffe-Rädler übernommen. 1945 war er auch noch zum Dienst beim "Volkssturm" im Südtirol verpflichtet worden. Als Bürgermeister wollte er nun den 1938 aufgelösten VF-Gemeindetag wieder einsetzen. Das scheiterte aber am Einspruch der französischen Behörden. Diese verlangten eine paritätische Vertretung der Links-Parteien. So mußte ein auf fünf Personen reduzierter provisorischer Ausschuß nominiert werden, bestehend aus Bürgermeister Hinteregger, den Bild 9: Bürgermeister Ludwig Hinteregger ehemaligen Gemeinderäten Alfons Gunz, Franz Rohner (Kapeller), Martin Höfle und dem zusätzlich bestimmten Bauarbeiter Karl Geiger, der den Kommunisten nahe stand. Die erste Sorge des Bürgermeisters galt der Versorgung der notleidenden Bevölkerung mit Lebensmitteln, Heizmaterial und auch mit Wohnraum. Nur mit größtem Einsatz und gestützt auf seine Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg konnte er die Ablieferung von Schlachtvieh, Milch, Mais und Brennholz erreichen, viel zu wenig für die Not der ausgebombten Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet und die heimatlosen Familien aus Ost-Europa. Vielen konnte er einen Acker an der Ach oder im Ried zuweisen. Sogar auf dem Schulplatz wurden Mais und Kartoffeln angebaut. Die Gärtner Stöckli, Hans Schwerzler und Gebhard Mohr mußten große Mengen von Setzlingen produzieren. Einen besonderen Beitrag leistete auch die Familie Erwin Karg mit dem Anbau von Gemüse auf den steinigen Insel-Gründen. Feldwachen mußten nachts die Äcker schützen. Im August wurden alle "Reichsdeutschen" ausgewiesen. Mit ganz wenig Handgepäck wurden sie auf Lastautos an die Grenze transportiert, auch Frauen mit kleinen Kindern. Sogar der Wirt August Keckeisen, der den Gasthof "Sternen" schon seit 1931 besessen hatte, mußte gehen. Seine Gastwirtschaft wurde als "deutsches Eigentum" beschlagnahmt und für einige Flüchtlingsfamilien als Notquartier bestimmt.8 Am 25. November 1945 fanden Wahlen zum Landtag und zum Nationalrat statt. Die 15 14 ehemaligen "Partei"-Mitglieder blieben ausgeschlossen und viele Männer waren noch in der Kriegsgefangenschaft. So waren von den Wahlberechtigten mehr als zwei Drittel Frauen. Zum weit überwiegenden Teil wählten sie die neu gegründete ÖVP. Auf Grund des für die Kommunisten negativen Ergebnisses legte Karl Geiger sein Mandat zurück. An seiner Stelle machte die SPÖ den ehemaligen Wehrmachts-Offizier Armin Schertler namhaft. Dieser übernahm auch die Verwaltung des Sternens. Das folgende Jahr stand ganz im Zeichen der "Entnazifizierung". Nur schwer konnte die Wirtschaft angekurbelt werden. Politische Gutachten spielten bei Betriebsgenehmigungen und Wohnungsvergaben eine große Rolle. Ohne eigene Wahlen wurde 1947 per Gesetz bestimmt, daß die Landtagswahlergebnisse von 1945 jetzt auch für eine Gemeindevertretung Gültigkeit hätten. Das ergab in Wolfurt 10 Mandate für die ÖVP und 3 für die SPÖ. Einstimmig wählte diese "Provisorische" Gemeindevertretung am 16. April 1947 Ludwig Hinteregger zum Bürgermeister. Jetzt konnte dieser neue Aufgaben anpacken. Große Aufmerksamkeit widmete er den Vereinen, die bei der Umerziehung der im Nationalsozialismus aufgewachsenen Jugend mitwirken sollten. Die Gemeinde half bei der Renovierung des arg verwahrlosten Vereinshauses und unterstützte 1947 die Gründung des Fußballklubs. 1948 begannen die Vorarbeiten für ein Gemeinde-Wasserwerk. An der Ach wurde Grund für neue Siedlungen erschlossen und für 5 Schilling pro m2 verkauft. Eine Erweiterung des Schulhauses wurde geplant. Die Verhältnisse normalisierten sich. Geradezu symbolisch konnte im Jahre 1950 endlich der Maisacker auf dem Schulplatz wieder zu einem Sportplatz eingesät werden. Aus den bitteren Erfahrungen seiner ersten Amtszeit bemühte sich Ludwig Hinteregger sehr, den Frieden in der Gemeindestube zu sichern. In Land und Bund bekriegten sich die politischen Parteien schon wieder. Die Aufstellung einer Einheits-Liste für die Gemeinde-Wahlen 1950 gelang ihm aber nicht mehr. Er lehnte daher eine von vielen erhoffte Wiederwahl zum Bürgermeister ab, war aber bereit, noch einmal eine Periode lang als Gemeinderat zu dienen. Nach zwei Jahren mußte er sogar noch einmal das Amt des Ersten Gemeinderates und Vizebürgermeisters übernehmen und hatte als solcher entscheidenden Anteil bei der Lösung seiner letzten großen Aufgabe, des Wolfurter Wasserwerks. Erst dieses ermöglichte die Besiedlung der Bühel und der Felder. 1955 zog sich Hinteregger ganz aus der Gemeindevertretung zurück, der er 29 Jahre lang angehört hatte, davon 19 Jahre als Bürgermeister. Anläßlich seines 70. Geburtstages bedankte sich die Gemeinde für sein Wirken und überreichte ihm als Ehrengeschenk ein Bild vom Kriegerdenkmal. Bis ins hohe Alter arbeitete Hinteregger aber noch unermüdlich im Kirchenrat und im Krankenpflegeverein weiter mit und kümmerte sich um Kirchenfahnen und Schneeräumung und natürlich auch um seine Landwirtschaft. An seiner Seite stand, immer still und bescheiden im Hintergrund, seine Frau Rosa. Sie war eine Tochter des Lammwirts Gebhard Fischer und hatte ihrem Gatten sechs Kinder geschenkt. Eine besondere Freude war für beide, daß der Sohn August zum Priester geweiht und schließlich 16 Pfarrer in Bildstein wurde. Aber auch die zahlreichen Enkel scharten sie oft um sich. 1973 konnten sie ihre Goldene Hochzeit feiern. Bald danach ist Ludwig Hinteregger im Alter von fast 81 Jahren gestorben. Sein letzter Wunsch um eine schlichte Beerdigung ohne jede Grabrede wurde erfüllt. 20. Emil Geiger 1950-1952 Geb. 2.9.1923, lebt in Bregenz Die Gemeindewahlen von 1950 waren seit 1929 die ersten, die wieder nach demokratischen Grundsätzen durchgeführt werden konnten. Eine Reihe von älteren Gemeindemandataren war abgetreten, junge Kriegsheimkehrer nahmen ihre Plätze ein. Viele ehemalige Angehörige der NSDAP durften jetzt wieder wählen, die meisten sammelten sich im VDU Bild 10: Bürgermeister Emil Geiger (Verband der Unabhängigen). In der Gemeinde Wolfurt bildeten sie mit anderen oppositionellen Wählern die Liste Unabhängige Wählerschaft und erreichten auf Anhieb 6 der nunmehr 21 Mandate. Die traditionelle Allgemeine Wählerliste, die mit dem abtretenden Bürgermeister Hinteregger der ÖVP nahe stand, erhielt 13 Mandate. Der SPÖ verblieb ein einziges Mandat, das der aus Lauterach ins Wolfurter Wida zugezogene langjährige Landtagsabgeordnete Josef Greußing ausübte. In der Konstituierenden Sitzung vom 11. Mai 1950 erhielt Emil Geiger, der junge Kandidat der Allgemeinen Wählerpartei, nur 12 von den 21 Stimmen. Die Unabhängigen hatten geschlossen für Hinteregger gestimmt. Emil Geiger gehörte einer alten Wolfurter Sippe an. Ihr Stammvater Sebastian Geiger hatte schon 1666 aus Alberschwende nach Wolfurt geheiratet. Nun lebte die Familie Adolf Geiger im Röhle und betrieb dort eine kleine Landwirtschaft. Die Mutter Theresia war eine Tochter des Holzer-Schmieds August Böhler. Von den neun Kindern war Emil das älteste. Im Krieg war er 1943 in Tunesien in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten. Nach langen Arbeitseinsätzen in den USA wurde er erst 1946 in die Heimat entlassen. Hier hatte er dann eine Stelle als Angestellter im Landesdienst gefunden. Eine Flut von Arbeit wartete nun auf den jungen Bürgermeister. Das Wasserwerk nahm konkrete Formen an. Die Arbeiten für das Pumpwerk im Schulhof, die Rohrleitungen und den Hochbehälter auf dem Bühel über der alten Bucherstraße wurden 17 vergeben. Schon im Juli 1951 ging das erste Teilstück des Werkes in Betrieb und versorgte 130 Häuser. Nun schloß die Gemeinde auch das alte Rickenbacher Netz an. Eine rege Bautätigkeit hatte eingesetzt. Die Siedlungen weiteten sich in die Felder hinab und auf die Bühel hinauf aus. Der Bürgermeister ließ ein neues Häuserverzeichnis erstellen. Das letzte (D) aus dem Jahre 1900 hatte die damals 290 Häuser fein säuberlich von der Höll an der Ach bis in den Schlatt an der Schwarzacher Grenze aufgereiht. Dazu waren aber in den 50 Jahren bis 1950 in der ganzen Gemeinde verstreut weitere 130 Hausnummern vergeben worden. Für Orts-Unkundige und oft auch für Einheimische waren sie meist nur mehr mit Hilfe der Parzellennamen zu finden. In der Gemeindekanzlei häuften sich weitere Ansuchen um Baugenehmigungen, Grundtrennungen und Zufahrtswege. Auch die Schule mußte saniert werden. Das dunkle hölzerne Stiegenhaus und vor allem die stinkenden alten Abortanlagen erregten berechtigte Kritik. In die Neuplanung wurde eine Vergrößerung der Kanzlei mit einbezogen. Ganz überraschend legte da Bürgermeister Geiger Ende April 1952 nach nur zweijähriger Amtsführung ein Rücktritts-Schreiben vor. Hauptgrund war seine Absicht, sich in Bregenz zu verehelichen und dort wieder in den Landesdienst einzutreten. Er berücksichtigte aber wohl auch, daß sein Bruder August Geiger die ausgeschriebene Stelle als Gemeindesekretär im April 1952 angetreten hatte. So stellten sich keine Fragen der Befangenheit. Der junge Alt-Bürgermeister Emil Geiger hatte später mit seiner Frau Hedwig Schönherr in Bregenz sechs Kinder. Viele Jahre lang arbeitete er in leitender Stellung bei der Hypothekenbank. Mit Wolfurt blieb er immer eng verbunden. großes Stiegenhaus mit modernen WCAnlagen angebaut. Daneben konnten das Gemeindeamt erweitert und endlich ein schönes Sitzungszimmer für die Gemeindevertretung geschaffen werden. Einfache Dusch-Anlagen im Keller erlaubten den meisten Schülern einen ersten Kontakt mit neuzeitlicher Hygiene. Das übergroße Stiegenhaus sollte den Anbau neuer Klassen ermöglichen, denn obwohl die Schülerzahl noch bis zu einem Tiefststand von 269 im Jahre 1954 am Sinken war, erkannte der Bürgermeister aus den Geburtenzahlen, daß sich das bald ändern würde. Im Jahre 1954 erhielt die Schule in Josef Heinzle einen neuen Leiter. An den Gemeindegrenzen hatte Bürgermeister Gunz Tafeln aufstellen lassen, die die Einwohnerzahl von Wolfurt mit 2400 angaben. Offiziell waren es bei der VolksBild 11: Bürgermeister Alfons Gunz 21. Alfons Gunz 1952-1957 Geb. 14.7.1899, gest. 19.6.1969 Schon seit 1929 hatte der Rickenbacher Mühlenbesitzer der Gemeindevertretung angehört. 1931 war er als Nachfolger des plötzlich verstorbenen Kreuzwirts und als Vertreter für Rickenbach zum Gemeinderat gewählt worden. Seither hatte er diese Funktion mit Ausnahme der sieben Jahre Nationalsozialismus ununterbrochen ausgeübt. Vom Ersten Gemeinderat rückte er nun nach dem Rücktritt des Vorgängers zum Bürgermeister auf und wurde als solcher bei der Neuwahl im August 1952 einstimmig bestätigt. Die Familie Gunz stammt aus Bildstein-Staudach. Von dort war Josef Gunz 1853 nach Rickenbach gekommen und hatte im Tobel einen neuen Müllerbetrieb angefangen. Von seinen tüchtigen Söhnen hatte Plazidus Gunz eine große Mühlen-Filiale in Bludenz aufgebaut. Dessen Sohn Alfons war aus Bludenz nach Wolfurt zurückgekehrt und hatte hier die Leitung des Stamm-Werkes übernommen. Die Wolfurter GunzMühle ist später im Jahre 1978 abgebrannt. Mit seinem unternehmerischen Denken versuchte der neue Bürgermeister, in dem konservativen Wolfurt einiges zu verändern. Zuerst wurde an das alte Schulhaus ein zählung 1952 bereits 2455 gewesen. Der Ausbau des Wasserwerks wurde mit Nachdruck fortgesetzt. Am 12. Juli 1953 konnte es eingeweiht und mit einem großen Volksfest eröffnet werden. Die Gemeinde übernahm jetzt auch die beiden alten Brunnen im Dorf in ihre Obhut. Die beiden Brunnen in Strohdorf und Hub wurden weiter von den dortigen Brunnen-Genossenschaften betreut. Überall wuchsen neue Einfamilienhäuser aus dem Boden, oft von den zukünftigen Bewohnern in harter Arbeit am Feierabend und an Samstagen eigenhändig gebaut. 1952 vergab der Bürgermeister die letzte D-Hausnummer 446 ganz oben beim Hochbehälter. Die 32 Häuser des Jahres 1953 bekamen vorerst keine Nummern mehr. Zum 1. Jänner 1954 stellte die Gemeinde auf Straßenbezeichnungen um. Viele alte Flurnamen blieben darin erhalten, andere gerieten seither in Vergessenheit. Zu den ganz neuen Problemen zählten jetzt Kanalisierung und Müll-Abfuhr. 1956 wurde der erste große Kanal durch die Bützestraße und die Lauteracherstraße zu einem mit Lauterach geplanten Klärwerk im Ried gebaut. Anschließend wurden beide Straßen asphaltiert - als erste nach der "oberen" Straße von 1931! Gar nicht leicht waren die Wolfurter zur Einführung von Müllkübeln zu bewegen. Ab 1957 begann die Gemeinde aber doch, die großen Tümpel im Flotzbacher Lehmloch mit Haushaltsmüll aufzufüllen. Mit Dr. Lothar Schneider kam 1956 ein neuer Gemeindearzt nach Wolfurt. Vom großen bisherigen Sanitätssprengel Wolfurt waren Schwarzach und Bildstein abgetrennt 19 18 Bild 12: Erster Kanal 1955 in der Bütze tödlich. In der schwierigen Situation kam die Idee auf, den nicht der Gemeindevertretung angehörenden pensionierten Postmeister Julius Amann zum Bürgermeister zu wählen. Es bedurfte vieler Vorsprachen, bis das Land seine Genehmigung für dessen vorerst nur provisorische Amtsführung gab. Inzwischen leitete der zurückgetretene Bürgermeister Gunz noch die meisten Sitzungen, darunter auch die FestSitzung vom 18. Jänner 1957, in welcher Prof. Dr. Lorenz Böhler zum Ehrenbürger ernannt wurde. Am 1. März 1957 wurde dann Amann gewählt. Gunz verblieb als einfacher Gemeindevertreter bis 1960 und als Ersatzmann sogar noch bis 1965. Jetzt widmete er sich ganz seiner Familie und seiner Firma Mühle-Gunz. Von seinen drei Kindern arbeitete die Tochter Gertrud später ebenfalls viele Jahre in der Gemeindevertretung mit. 22. Julius Amann 1957-1960 Bild 13: Sanierte Schule und Spritzenturm 1958 Geb. 22.7.1888, gest. 9.5.1971 Auf ungewöhnliche Art hatte also der allseits sehr beliebte Postmeister Amann, der schon bisher Standesbeamter gewesen war, noch im Alter von 69 Jahren die Bürde des Bürgermeisteramtes auf sich genommen. Amann stammte aus Rankweil und war nach vielen Dienstjahren bei der Post in Hohenweiler 1925 nach Wolfurt gekommen, weil dem Postmeister hier in der "Post" eine Wohnung für seine große Familie zur Verfügung stand. Das Haus gehörte der Gemeinde. Amanns bewohnten den ersten Stock über dem ebenerdigen Postamt. Den zweiten Stock hatten die Krankenschwestern für sich. Zur Familie Amann zählten neben Vater Julius und Mutter Hedwig, geborene Feurle aus Krumbach, neun jetzt schon erwachsene Kinder, eine Tochter und acht Söhne. Von den Söhnen waren Karl und Erich im Krieg gefallen. Die meisten anderen hatten Wolfurt verlassen. Die Tochter Erna hatte mit dem Nachbarn Edelbert Köb eine Familie in Bludenz gegründet. Ihr Sohn Edelbert ist später Mitbegründer und erster Leiter des Kunsthauses Bregenz geworden. In seiner Freizeit war Amann Schütze und Jäger. Viele ehemalige Schüler erinnern sich noch an die großen Käfige hinter dem Bild 14: Bürgermeister Julius Amann 21 worden. In die Volksschule schulten über 50 Erstkläßler ein. Ab jetzt mußten Parallelklassen geführt werden. Bei den GV-Wahlen von 1955 hatte die ÖVP zum ersten Mal unter diesem Namen kandidiert und 15 von den jetzt 24 Mandaten erhalten. Die Unabhängigen bekamen 6, die SPÖ 3 Mandate. Eines dieser drei besetzte als erste Frau in der Wolfurter Gemeindestube Anna Fischer (Stöoglars). Innerhalb der ÖVP hatten die Wähler stark umgereiht Die "alten" waren zurückgefallen, junge "Studierte" machten ihnen die Plätze streitig. Trotzdem war Alfons Gunz noch einmal zum Bürgermeister gewählt worden. In der Folgezeit kam es aber zu vielen Reibereien innerhalb seiner Fraktion. Am 1. Oktober 1956 legte Gunz deshalb sein Amt nieder. Der junge Erste Gemeinderat Dr. Georg Herburger sollte sein Nachfolger werden. Am gleichen Tage verunglückte dieser aber auf der Heimfahrt aus Deutschland zur entscheidenden Sitzung 20 Rankweil. Nach dem Tod seiner Frau Hedwig betreute ihn Frau Paulina Gorbach aus Wolfurt noch viele Jahre lang. In seinem Geburtsort Rankweil ist Julius Amann 1971 gestorben und unter großer Anteilnahme der Wolfurter Bevölkerung begraben worden. 23. Hubert Waibel 1960-1985 Geb. 6.11.1922, wohnt in Wolfurt-Kella Die Vorbereitung der GV-Wahlen von 1960 führte zunächst zu Auseinandersetzungen innerhalb der Wolfurter ÖVP Man suchte einen jungen dynamischen Spitzenkandidaten und stieß dabei auf den 38jährigen Hubert Waibel. Dieser stellte sich der ÖVP als Quereinsteiger zur Verfügung und errang mit ihr auf Anhieb 16 der 24 GV-Mandate. Als Vizebürgermeister stand Hubert Mohr an seiner Seite. Die beiden ersten Ehrenbürger: Bild 15: Pfarrer Joh. Gg. Sieber 1901 Bild 17: Bürgermeister Hubert Waibel Bild 16: Prof. Dr. Lorenz Böhler 1957 Garten der Post, wo er gefangene Marder hielt. Nun tauschte er also das freie Jägerleben im Interesse der Dorfgemeinschaft gegen ein zermürbendes Kanzlei-Dasein ein. Am meisten beschäftigten ihn die vielen Bauverhandlungen für immer noch mehr Einfamilienhäuser. Um 35 Prozent stieg die Bevölkerung in diesem Jahrzehnt auf 3391 im Jahre 1961. Jetzt zwangen die vielen Schulkinder im Jahre 1958 die Gemeinde zum Anbau von vier Klassen an das neue Stiegenhaus. Am 3. Mai 1959 wurde die "Heimkehrer-Siedlung" im Neudorf eingeweiht. Im Juni 1957 hatte Bürgermeister Amann an Dr. Böhler die Ehrenbürger-Urkunde überreicht. Böhler war nach Pfarrer Sieber im Jahre 1901 erst der zweite Wolfurter Ehrenbürger. Der weltberühmte Unfall-Chirurg hat später für die Wolfurter Schüler den begehrten Böhler-Preis gestiftet. Im September 1957 kam Gebhard Willi, der bisherige Kaplan von Egg, vorerst als Pfarr-Provisor nach Wolfurt. Eineinhalb Jahre leitete Amann seine Gemeinde "provisorisch". Ein eigens vom Landtag beschlossenens Gesetz ermöglichte am 21. September 1958 eine Volksabstimmung über ihn. Von 91 Prozent der Wähler erhielt er Zustimmung. Damit war er der erste und einzige Volkswahl-Bürgermeister in Vorarlberg geworden. Amann dürfte erleichtert gewesen sein, als er bei den Wahlen von 1960 sein Amt wieder zurücklegen konnte. Bald danach übersiedelte er in sein Elternhaus nach 22 Beide sahen in einer völligen Umstrukturierung der Gemeinde ihre wichtigste Aufgabe. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft und der Erschließung der dadurch frei gewordenen Baugründe war Wolfurt eine finanzschwache Zuzugs- und Wohn-Gemeinde geworden. Schon konnte die Schule die Schulkinder nicht mehr fassen. Eine unglaubliche Geburtenrate von 31,6 auf Tausend (1960: 105 Geburten bei 3391 Einwohnern!) deutete auf eine kommende Bevölkerungs-Explosion hin.'' Daraus mußten gewaltige Ausgaben im Straßen-, Wasser-, Kanal-, Schul- und Siedlungsbau erwachsen. Das würde die Wolfurter Finanzen ganz sicher überfordern! Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen aus Wolfurt pendelten in die Nachbargemeinden aus. Große Busse voll wurden täglich in die Dornbirner Fabriken geholt. Nur wenig vom SteuerErtrag der andernorts wachsenden Industrie floß in die Gemeindekasse. Schon in seinem ersten Jahr als Bürgermeister gelang es Hubert Waibel. mit Pawag und Roylon zwei große Firmen auf den Achwuhr-Gründen anzusiedeln. Damit leitete er, unterstützt von der Expansion der Rickenbacher Firma Doppelmayr, für Wolfurt den Weg zur Industrie-Gemeinde ein. 25 Jahre lang hat er mit der Ansiedlung weiterer Betriebe konsequent diese Richtung beibehalten. Die steigenden Steuer-Einnahmen machten Wolfurt zu einer finanzstarken Gemeinde und erlaubten schließlich große Investitionen für Gemeinde, Schulen und Vereine. Als "Architekt des modernen Wolfurt" hat später sein Nachfolger den Bürgermeister Hubert Waibel bezeichnet. 23 Neben der Ansiedlung von Betrieben mußten ständig Schulen gebaut werden. Zwei Jahrzehnte lang wurde dafür jeweils ein Drittel des Gemeinde-Budgets bereit gestellt: 1962 Hauptschule mit Turnhalle 1967 Volksschule Bütze mit Kindergarten 1971 neue Hauptschule mit zweiter Turnhalle 1976 Volksschule Mähdle mit Kindergarten 1984 Hofsteig-Sporthalle zur Hauptschule. Gegen großen Widerstand der Behörden hatte Wolfurt 1961 die Errichtung einer Hauptschule durchgesetzt. Unter Direktor Hans Vogl wurden hier bald auch die Schüler aus Buch, Bildstein und Schwarzach unterrichtet. Bei der Hauptschule wurde ab 1964 ein Kindergarten geführt, erstmals wieder seit der NS-Zeit. Ab 1965 baute hier Direktor Aldo Kremmel sogar eine Musikschule auf, die allererste in einer Vorarlberger Landgemeinde. Eine besonders wichtige Entscheidung war der 1964 erfolgte Ausbau der "unteren" Straße zur Hauptdurchzugsstraße. Mit dem Aushub wurde das früher als Müll-Deponie verwendete Vorland der Ach so saniert, daß später dort ein großer Kinderspielplatz und der Bauhof Platz fanden. Die Wahlen von 1965 bestätigten den neuen Kurs eindrucksvoll mit 19(!) von 24 Mandaten für die ÖVP. Für die neuen Strukturen war der Bau eines eigenen Gemeindehauses notwendig geworden. 1967 konnten das Rathaus und das angebaute Postamt bezogen werden. Im gleichen Jahr wurde auch die Totenkapelle eingeweiht, ein sichtbares Zeichen für die vielen inneren Veränderungen im Leben der Gemeinde.10 1972 folgte der Neubau eines großen Feuerwehrhauses. Alle die vielen Wolfurter Vereine konnten jetzt großzügig gefördert werden. Die Schützen bezogen 1975 ihren schönen Schießstand an der Ach, der Alpenverein 1980 seine "Alte Schmiede" im Holz. Turner, Ringer und Fußballklub erhielten neue Trainingsstätten. Als kultureller Mittelpunkt der Gemeinde wurde das Vereinshaus mehrmals verbessert. An der Ach, an der Lerchenstraße, am Martinsweg, im Kessel, auf dem Rebberg und an der neuen Bildsteiner Straße entstanden große Siedlungen, zum Teil mit Wohnblocks und Hochhäusern. Die Gendarmerieposten von Kennelbach und Schwarzach wurden 1977 mit dem neu errichteten Posten Wolfurt vereinigt. 1979 konnte das Seniorenheim an der Lauteracher Straße eröffnet werden. Jahrhunderte lang hatte die Gemeinde mit wenigen Versorgungsplätzen im "Leprosenhaus" in Bregenz das Auslangen gefunden. Die Veränderung der Familienstruktur, die Abkehr von der bäuerlichen Großfamilie, machte die Betreuung der alten Menschen zu einer ständig wachsenden Aufgabe. Alle diese vielen Veränderungen wurden aber von zwei Jahrhundert-Problemen in den Schatten gestellt, von Güterbahnhof und Autobahn. Mehr als zehn Jahre lang beschäftigten sie den Bürgermeister und die Gemeindevertretung. Die unterschiedlichen Planungen rissen Klüfte vor allem gegenüber Bregenz 24 Bild 18: Der Güterbahnhof 1993. Gewaltige Gleisanlagen beanspruchen riesige Flächen und Hard auf, sie entzweiten aber auch die Gemeindebürger., Mit dem neuen Flächenwidmungsplan hätte eine "Dörfer-Straße" den Durchzugsverkehr von Schwarzach, Lauterach und Wolfurt aufnehmen sollen. Der lange Kampf gegen die Autobahn ging trotz Vorsprachen in Wien und Demonstrationen verloren. Jetzt mußte für ihr breites Band eine ganze Reihe von neuen Häusern abgebrochen werden. Immerhin hatte Wolfurt den Bau von Schutzdämmen und Verbindungsbrücken erreicht. Im Jahre 1980 wurde die Autobahn durch den Pfänder-Tunnel und durch Wolfurt in Betrieb genommen. Das Abgehen von einer Schweiz-nahen Trasse und der Verzicht auf die Dörferstraße hatten schwerwiegende Folgen. Bregenz und Hard und der internationale Verkehr rufen seither nach einer Transit-Autobahn in die Schweiz. Jn Wolfurt und in Lauterach sind viele Wohnungen an den Hauptstraßen verödet. Die Auslagerung des Bregenzer Güterbahnhofs brachte einen schmerzhaft großen Eingriff in das kostbare Wolfurter Ried mit sich. In zwölfjähriger Bauzeit wurde von 1970 bis 1982 mit ungeheurem Kostenaufwand der größte Güterbahnhof West-Österreichs errichtet. Die Eröffnung nahm 1982 Bundeskanzler Bruno Kreisky vor. Beim Güterbahnhof und seinen Container-Kranen siedelten sich u.a. das zentrale UmleitePostamt für Vorarlberg, ein Groß-Zollamt und zahlreiche Speditionen an. Das anschließende Gewerbegebiet stärkt mit zahlreichen Arbeitsplätzen die Wirtschaftskraft der Gemeinde. Die überregionale Bedeutung des Güterbahnhofs war ausschlaggebend dafür, daß Wolfurt über Antrag von Bürgermeister Waibel ab 1. Mai 1982 zur Marktgemeinde erklärt wurde. Bei den zahlreichen Festen und Ausstellungen zu diesem Anlaß gelang es dem Bürgermeister durch seinen persönlichen Einsatz, eine Kopie des von Legenden umwobenen "Wolfurter Kelchs" von 1365, der im Schweizer Staatsschatz 25 Bild 19: Markterhebung! Die Urkunde zum 1. Mai 1982 aufbewahrt wird, zu erwerben. Nachhaltig hat er damit das Geschichtsbewußtsein von Wolfurt beeinflußt. Auf kulturellem Gebiet dürfen der Neubau des Kultursaals und der Bücherei 1982 nicht vergessen werden. Auch der Bau des 1985 eröffneten Pfarrheimes war von der Gemeinde maßgeblich unterstützt worden. Unter Mitverantwortung von Gemeinderat Pompl wurde das Wasserwerk mit einem modernen Pumpwerk an der Wälderstraße und einem riesigen Hochbehälter im Frickenesch völlig erneuert und 1983 eingeweiht. Längst hatte die Kanalisierung zu einer gemeinsamen Groß-Abwasserreinigungsanlage mit Lauterach und Hard in Hard geführt, an welche sich später noch andere Gemeinden des unteren Rheintals anschlossen. Eine Krönung für des Bürgermeisters erfolgreiche Arbeit für die Sportvereine war die 1984 erfolgte Eröffnung der Hofsteig-Sporthalle, die seither bei zahlreichen nationalen und internationalen Wettkämpfen unserer Gemeinde viel Anerkennung eingetragen hat. Daß Hubert Waibel auch Rückhalt bei anderen Vereinen hatte, zeigen seine Obmannschaft bei Gesangsverein und Kneippverein. Bei der Feuerwehr wurde er Ehrenmitglied und von den Schützen erhielt er die Goldene Ehrennadel. Aber natürlich hatte der Bürgermeister bei seinen vielen Aktivitäten auch Kritiker, vor allem solche in der eigenen Partei. Manchen aus den konservativen Reihen ging das Wachstum zu schnell. 26 Sehr häufig wechselten die Vizebürgermeister, einige davon wurden durch Krankheit oder plötzlichen Tod abberufen. Weil die insgesamt sieben Vizebürgermeister an seiner Seite auch einen großen Anteil an der Entwicklung der Gemeinde hatten, seien hier wenigstens ihre Namen festgehalten: Hubert Mohr ab 1960, Dr. Adolf Schwärzler ab 1962, Dr. Richard Hinteregger ab 1963, Otto Gratt ab 1970, Dr. Gerhard Hammer ab 1975, Heinrich Beuchert ab 1980 und Helmut Schertler 1983 bis 1990. Schon 1966 hatte die Gemeinde den neu geschaffenen Ehrenring an die beiden Krankenschwestern Sr. Epiphania (Härle) uns Sr. Theodora (König) verliehen. Beide hatten viele Jahre lang Kranke und Sterbende betreut. 1976 erhielt mit Hubert Mohr ein Gemeindemandatar mit vielerlei Verdiensten um die Dorfgemeinschaft den Ring. Schließlich wurde er 1983 auch an Pfarrer Gerbhard Willi für sein langjähriges Wirken in Wolfurt vergeben. Als Waibel 1985 seine fünfte Periode als Bürgermeister abschloß, hatte er dieses Amt 25 Jahre und damit weitaus am längsten innegehabt. Darüber hinaus hatte er von 1964 bis 1984 zwanzig Jahre lang erfolgreich im Landtag mitgewirkt, davon ab 1974 als Obmann des wichtigen Rechtsausschusses. Das Land zeichnete ihn mit dem Silbernen Ehrenzeichen aus. Ab 1970 war Waibel Vizepräsident und ab 1974 Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbandes. Der Verband erkannte seine Arbeit 1985 mit der Ernennung zum Ehrenpräsidenten an. Auch als Delegierter zum Österreichischen Gemeindebund in Wien hatte Waibel viele Jahre lang erfolgreich die Interessen der Gemeinden vertreten. Das würdigte der Gemeindebund 1986 mit der Ernennung zum Ehrenmitglied. Kein Wolfurter hat je so hohe politische Funktionen ausgeübt, keiner mußte je solche Verantwortung in einer sprunghaft wachsenden Gemeinde tragen. Im Jahre 1960 hatte er ein Bauerndorf mit 3391 Einwohnern übernommen. In den zehn Jahren bis zur Volkszählung 1971 stieg die Zahl auf 5732. Das war mit unglaublichen 69(!) Prozent der allerhöchste Zuwachs in ganz Vorarlberg gewesen, der erst durch "Pillenknick" und "Ölschock" um 1970 deutlich abflachte. Im Jahre 1985 konnte der Bürgermeister an seinen Nachfolger eine blühende Marktgemeinde mit 6600 Einwohnern übergeben, dazu noch beachtliche finanzielle Rücklagen zur Lösung weiterer Aufgaben. Stets hatte der Sparmeister ja das Notwendige und das Nützliche im Auge gehabt, das "Angenehme" dagegen erst auf den dritten Platz gereiht. So waren zum Beispiel mustergültig mit modernsten Lehrmitteln ausgestattete Schulen entstanden, zum Eislaufen und ins Hallenbad führte man die Schüler dagegen in die benachbarten Städte. Für seine Verdienste ernannte die Gemeindevertretung Hubert Waibel zum Ehrenbürger der Marktgemeinde. Am 26. Oktober 1992 überreichte Bürgermeister Erwin Mohr dem "Architekten des modernen Wolfurt" die Urkunde. Zu hohen Ehren hatte es der Sohn aus einer einfachen Familie gebracht. Sein Vater Johann Waibel stammte aus Ebnit und war mit einigen Geschwistern nach dem Ersten Weltkrieg nach Wolfurt zugezogen. Hier hatte er Wilhelmine Müller, Seogars 27 aus Rickenbach, geheiratet. Sechs Kinder wurden ihnen geboren, von denen Hubert das älteste war. In der Not der Zwischenkriegszeit wuchsen sie in bescheidenen Verhältnissen in verschiedenen Mietwohnungen auf. Auf den Besuch der Handelsschule in Lustenau folgten für Hubert bald Kriegseinsatz und Gefangenschaft. Nach einer Anstellung im Büro der Stickereifirma Franz Mäser in Dornbirn übernahm er die Kaufmännische Leitung der Mohren-Brauerei. Von dort holte ihn die Gemeinde Wolfurt als Bürgermeister. Im Sommer 1954 hatte er Inge Jordan aus Dornbirn geheiratet und bald mit ihr sein Einfamilienhaus im Kella bezogen. Fünf Töchter sind dort aufgewachsen. Der rüstige Großvater lebt aber keineswegs im "Ruhestand". Als Vorsitzender des Landes-Seniorenbeirats kümmert er sich um die Anliegen der alten Leute. Seine Fahrten nach Wien lassen sich jetzt aber auch manchmal mit Besuchen in Oper oder Theater verbinden. Dazwischen führt ihn sein lange Zeit unterdrücktes Fernweh auf KulturReisen in die weite Welt hinaus. 24. Erwin Mohr seit 1985 Geb. 25.6.1947 Die anhaltente Expansion der letzten Jahrzehnte hatte auch ihre Schattenseiten. Straßen- und Siedlungsbau hatten viel Boden gefordert, der Verkehr war zur Belastung geworden. Viele Bäche und Brunnen waren verschwunden. Waldsterben und Wasserverschmutzung schreckten die Menschen auf. An vielen Orten entstanden Bürgerbewegungen, die sich vor allem gegen neue Straßen und den Massenverkehr wehrten. Zur GV-Wahl von 1985 suchten die Verantwortlichen daher einen Kandidaten, der dieser Entwicklung Rechnung tragen sollte. Im 38jährigen Erwin Mohr fanden sie einen tatkräftigen Mann, dem sie das schwere Amt anvertrauen wollten. Wieder sollte ein Quereinsteiger die Gemeinde führen. Mit 19 von 27 Mandaten erhielt die stark verjüngte ÖVP in Wolfurt wieder ihre frühere Zweidrittel-Mehrheit. Die vom Gegenkandidaten Gemeinderat Pompl angeführte SPÖ errang mit 7 Sitzen ihr bisher bestes Ergebnis. Dagegen fiel die FPÖ auf ein einziges Mandat zurück. In den folgenden Jahren konnte Bürgermeister Mohr die Hoffnungen der Wolfurter Wähler so weit erfüllen, daß er mit seiner Partei 1990 sogar noch auf 20 Mandate zulegen konnte und auch später ähnlich hohe Ergebnisse erreichte. Erwin Mohr war als ältestes von sechs Kindern der Eheleute Siegfried Mohr und Elsa Klocker in Wolfurt-Hub aufgewachsen. Sowohl die Mohr als auch die Klocker sind alte Dornbirner Geschlechter, deren Nachkommen seit 1700 in Wolfurt seßhaft sind und sich hier in zahlreiche Linien aufgespaltet haben. Nach dem Besuch der Handelsschule in Bregenz trat der 16jährige Erwin in die "Erste Allgemeine VersicherangsA.G." in Bregenz ein und arbeitete dort 21 Jahre lang im Innen- und im Außendienst. Daneben leitete er zusammen mit seiner Mutter Elsa zehn Jahre lang die Aral-Tankstelle in Wolfurt-Schlatt. 1979 heiratete er Albine De Gasperi aus Dornbirn und be28 zog mit ihr wenige Jahre später das neu erbaute Einfamilienhaus an der Unterhubstraße. Dort wachsen jetzt die drei Söhne heran. Im Jahre 1985 übernahm Erwin Mohr also von Hubert Waibel das Bürgermeisteramt. Im gleichen Jahr ergaben sich in Wolfurt noch andere wichtige Wechsel. In der Pfarrei folgte nach 28 Jahren auf Pfarrer Gebhard Willi der bisherige Kaplan German Amann. Nach 29 Jahren verdienstvollen Wirkens überließ der Gemeindearzt Dr. Lothar Schneider die Ordination seinem Sohn Dr. Gerold Schneider. Schließlich übergab auch noch Dir. Hans Vogl die Leitung der Hauptschule, die er 24 Jahre lang innegehabt hatte, an Siegfried Heim. Ein Jahr später übernahm 1986 Dr. Sylv Schneider von August Geiger das Amt des Gemeindesekretärs, das dieser seit 1952 ausgeübt hatte. Bild 20: Bürgermeister Erwin Mohr Schon das erste Konzept des neuen Bürgermeisters ließ aufhorchen. Es enthielt neben der Fortsetzung des erfolgreichen bisherigen Kurses neue zusätzliche Ziele: "Grundreserven sparen", "Ortskern-Gestaltung", "Wander- und Radwege", "FreizeitBewältigung" und andere. Natürlich mußten weiterhin zahlreiche Häuser gebaut werden. Der neue Trend zur Klein- und Einpersonen-Familie erhöhte den Bedarf und ließ schließlich sogar weitere Groß-Siedlungen an der Unterlinden- und an der Fattstraße entstehen. Die Einwohnerzahl stieg aber nur mehr langsam auf 7326 im Jahre 1991 und auf 7864 im Jahre 2001 an. Jetzt war Wolfurt von der Nachbargemeinde Lauterach, die 1971 noch hinter Wolfurt gelegen war, um mehr als 800 Personen überholt worden. Auch der Zuzug von fremdsprachigen Gastarbeiter-Familien aus Jugoslawien und der Türkei hatte nachgelassen. Immerhin hatten sie eine Zeit lang mit fast 20 Prozent der Wohnbevölkerung den Schulen besondere Aufgaben gestellt. Zahlreiche neue Betriebe ließen sich nieder. Das Straßennetz wurde nur mehr behutsam erweitert, an manchen Stellen sogar zugunsten von Radfahrern und Fußgängern zurückgebaut. Mit hohem Einsatz bekämpfte Bürgermeister Mohr unermüdlich die drohende Auto-Transitstraße S 18 durch das Ried. Er diskutierte mit den GemeindeVerantwortlichen die Umwelt-Empfehlungen des "Club of Rome" und die Auswirkungen der Tschernobyl-Atomkatastrophe von 1986. 29 Bild21:Der Cubus. Der neue Festsaal von 1998 Bild 22: Der Dorfbrunnen von 1999 Im Informationsdienst der Gemeinde häuften sich jetzt Artikel über Einsparung von Rohstoffen und Energie, Müll-Trennung, Solar-Anlagen, Ozonloch, Waldwoche, Tag des Wassers und ähnliche Anliegen. Große Unterstützung fanden die Bemühungen der "3. Welf'-Gruppe. Sie führten sogar zu einer Partnerschaft mit dem Ort Yerya in Uganda und zu gegenseitigen Besuchen. Zur besseren medizinischen Versorgung ließen sich neben den drei praktischen Ärzten auch drei Fachärzte nieder. Drei neue Kindergärten und mehrere neue Spielplätze wurden gebaut. Weil immer mehr Mütter einem Beruf nachgehen, wurden jetzt auch Spielgruppen für Kleinkinder eingerichtet. Die Altersstruktur der Gemeindebürger veränderte sich nachhaltig. Immer mehr Leute erreichen ein immer höheres Alter. Für viele betagte Mitbürger ist seit 1996 der "Rollende Essenstisch" eine wichtige Erleichterung. Das Seniorenheim wurde durch einen Erweiterungsbau 1993 beträchtlich vergrößert und hat nun 52 Betten. Seit 1987 finden Behinderte in der "Beschützenden Werkstätte" im ehemaligen Textilhaus Rohner Unterkunft und Betreuung. 1989 wurde auf Bühel-Terrassen ein dritter Friedhof angelegt. Einen schwierigen Kampf hatte die Gemeinde gegen das Vordringen von Super-Märkten geführt, besonders gegen den Bau eines riesigen Einkaufsparks im Ried. Statt dessen wurden der einheimische Einzelhandel unterstützt und eine ganze Anzahl von Handelsgeschäften neu angesiedelt. Im Kirchdorf wurde auf dem Dach einer Tiefgarage der "Rote Platz" gestaltet, auf welchem seit 1997 wöchentlich ein Markttag abgehalten wird. Die mühsame Sanierung des alten vernachlässigten Dorfkerns am Fuß der Kirche kam Schritt für Schritt voran. 1994 wurde mit dem "Alten Schwanen" das älteste Gasthaus am Dorfplatz wieder belebt. Seit 1999 sprudelt sogar der aus dem Jahre 1517 stammende Dorfbrunnen wieder Wasser. Der große Ippach-Wald wurde durch den Einsatz von Alt-Vizebürgermeister Helmut Schertler mit neuen Waldstraßen erschlossen, die auch als Wanderwege geschätzt werden. 30 Mit dem "Cubus" eröffnete die Gemeinde 1998 einen großen Festsaal, der dem kulturellen Leben Auftrieb gibt und auch von auswärtigen Veranstaltern gerne genutzt wird. Zwanzig Jahre lang war um eine Saal-Lösung gerungen worden. Nun blieb das alte Vereinshaus erhalten, unmittelbar daneben fand der neue Saal Platz. Der zukünftigen Entwicklung des Gemeinde-Zentrums Strohdorf trägt auch der 1990 erfolgte Ankauf des Sternen-Areals Rechnung. Die Marktgemeinde Wolfurt erhielt überregionale Anerkennung mit dem Dorferneuerungspreis 1999 des Landes Vorarlberg und sogar mit dem internationalen Europa-Dorferneuerungspreis 2000. Aus der Fülle weiterer Anerkennungen seien nur genannt: 1991 "Energie sparen" 1994 "Fahrradfreundliche Gemeinde" 1995 und 1998 "Für Schutz des globalen Klimas" 1996 "Menschengerechtes Bauen" 1997 "Familiengerechte Gemeinde". 1999 Sieger im Wettbewerb der Vlbg. Energiespargemeinden An der Seite des Bürgermeisters hatten bei dieser Entwicklung neben einer aufgeschlossenen Gemeindevertretung die Vizebürgermeister Helmut Schertler bis 1990, Xaveria Dür 1990 bis 1998 und Ferde Hammerer ab 1998 maßgeblich mitgewirkt. Xaveria Dür war in Wolfurt die erste Frau als Vizebürgermeisterin. Man darf es wohl als Zeichen des guten Einvernehmens werten, daß 1997 der Ehrenring an zwei ehemalige Vorsitzende der beiden kleinen Parteien verliehen wurde. Theo Pompl von der SPÖ hatte sich vor allem um das Wasserwerk Verdienste erworben. Ernst Kögl von der FPÖ hatte viele Jahre lang den Verkehrsverein geleitet und sich auf verschiedenen Gebieten für Rickenbach eingesetzt. Schon 1992 hatte die Gemeinde zwei geachtete Persönlichkeiten zu ihrem dritten 31 Drei ganz große Probleme sind in den kommenden Jahrzehnten zu bewältigen: die Stärkung der Familie die Fürsorge für die betagten Menschen und die Integration von fremden Zuwanderern. Mit dem Jahr 2000 schließe ich die Berichte über zwei Jahrhunderte Wolfurter Gemeinde-Geschehen ab. Unsere Marktgemeinde kann voll Optimismus in das dritte Jahrtausend gehen. Zwar trägt sie auch ihren Anteil an den Sorgen und Lasten unserer Zeit, aber für die meisten Mitbürger ist sie ein wunderschönes Stück Heimat geblieben oder geworden. Wir schätzen unsere Häuser, die Gärten, die Wiesen und den Wald. Wir sind dankbar, daß es bei uns Arbeit und Verdienst gibt, und freuen uns über den Zusammenhalt in den Familien, Vereinen und in der Gemeinde. 1 2 W., 7.2.1929 Weber, NS-Herrschaft am Land, 1999, S. 216 3 Diese und manche der folgenden Formulierungen stammen aus Akten im GA Wolfurt. 4 5 Dritter und vierter Wolfurter Ehrenbürger: Bild 23: Bürgermeister Hubert Waibel 1992 Bild 24: Senator Dr. Artur Doppelmayr 1992 und vierten Ehrenbürger ernannt: Hubert Waibel erhielt die höchste Gemeinde-Auszeichnung für seine außerordentlichen Verdienste als Langzeit-Bürgermeister. Artur Doppelmayr hatte seinen Schilift-Betrieb zu einer Weltfirma ausgeweitet und damit gute Arbeitsplätze für viele Wolfurter geschaffen. Das neue Gemeindegesetz von 1999 sah für das Jahr 2000 zum ersten Mal Bürgermeister-Direktwahlen vor. Von rund 7600 Gemeindebürgern waren am 2. April 5065 wahlberechtigt. Von 4026 gültigen Stimmen lauteten 3341 auf den nun schon 15 Jahre amtierenden Bürgermeister Erwin Mohr. Mit 83,0 % war das ein überzeugender Vertrauensbeweis. Für Artur Schwarzmann und Andreas Blum als Kandidaten der beiden kleinen Parteien verblieben nur je 8,5 Prozent. Bei den gleichzeitig angesetzten GV-Wahlen erhielt die ÖVP 70,5 Prozent der 3967 gültigen Stimmen und damit 20 von den 27 Mandaten. Die SPÖ bekam mit 15,9 Prozent 4 Mandate und einen Sitz im Gemeinde-Vorstand. Für die neu formierte FPÖ gab es 13,6 Prozent und 3 Mandate. Unter den gewählten Gemeindevertretern befinden sich insgesamt fünf Frauen. Alle diese Frauen und Männer haben also die Verantwortung für die Entwicklung von Wolfurt am Beginn des neuen Jahrhunderts übernommen, für die soziale und wirtschaftliche Sicherheit ebenso wie für unsere Landschaft und für die kulturellen Werte. 32 VV„ 13.6.1938 Heim in Heimat Wolfurt, Heft 3, 1989, S. 32, Der letzte Krieg, und Reis in Heimat Wolfurt, Heft 17, 1996, S. 9, Nachkriegsjahre. 6 Malin-Gesellschaft, Von Herren und Menschen, S. 312 7 Wie 6., S. 334, 364 und 371. 8 Mehr über diese Zeit in Heft 17: Nachkriegsjahre 9 Die Geburtenrate erreichte 1963 mit 33 auf Tausend ihre Rekordmarke: 123 Geburten bei 3904 Einwohnern! 10 Siehe dazu den Bildband von Hubert Mohr, 1994: Wolfurt; Ein Dorf verändert sich 33 Siegfried Heim Siegfried Heim Gemeindewahlen in Wolfurt 1950-2000 Die Roten in Wolfurt Am 1. Mai 1890 sammelten sich in vielen Industriestädten erstmals die Arbeiter mit roten Nelken um ihre roten Fahnen. In einem Festzug demonstrierten sie zu ihrem "Tag der Arbeit". Von jeher war "Rot" als Farbe des Blutes auch die Farbe der Fahne des Sozialismus gewesen. Reich und arm, Prasser und Lazarus, Kapitalistische und Dritte Welt - schreckliche Gegensätze weltweit! Auch wenn wir sie im Wohlfahrtsstaat gemildert sehen. Auch wenn wir den Zusammenbruch des Sowjet-Sozialismus noch vor Augen haben! Seit dem Mittelalter gab es bei uns im Gericht Hofsteig eine vernünftige Frühform des Kommunismus, die sich jahrhundertelang bewährte. In den Dörfern gehörte allen alles gemeinsam. Die Arbeit und die gemeinsame Ernte wurden geteilt, auch Alte und Waisenkinder mitversorgt. Freilich gab es schon eine Oberschicht in den Schlössern und Klöstern, die ihren Anteil einforderte. Als diese Steuerlast in den Notzeiten um 1700 unerträglich groß wurde, wehrten sich die "Gemeinen" in einem Aufruhr dagegen.1 Die "Gemeinen" - wohl die ersten Sozialisten! Denn "sozial" heißt wörtlich "gemeinschaftlich" und "kommunistisch" bedeutet das gleiche. Bis in das 20. Jahrhundert unterschied man die beiden Begriffe nicht. Die Industrialisierung hatte im 19. Jahrhundert die Kluft zwischen Reich und Arm erschreckend weit geöffnet. Karl Marx rief jetzt mit seinem "Kommunistischen Manifest" zu Klassenkampf und Revolution auf. Bei uns im Land gehörten der Dichter Franz Michel Felder und sein Schwager Kaspar Moosbrugger zu den ersten, die sich 1867 mit der Gründung der "Vorarlbergischen Partei der Gleichberechtigung" für die kleinen Bauern und die Arbeiter einsetzten. Mit ihren "Casinos" traten ab 1868 auch die "Schwarzen" auf den Plan. Die Leute um Thurnher, Kohler und den Wolfurter Lehrer Wendelin Rädler2 stürzten in einer sanften Revolution 1870 die Vorherrschaft der kapitalistischen Liberalen im Land. Mit der Verwirklichung ihrer sozialen Ideen sorgten sie dafür, daß seither der Sozialismus in unserem Industrieland nur schwer Fuß fassen kann. In Wien hatte Viktor Adler 1889 die verschiedenen marxistischen Gruppen in der "Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei" (SDAP) zusammengeschlossen. Auch in Vorarlberg gab es damals schon Sozialisten. Aber erst 1899 gelang ihnen die Organisation einer eigenständigen Partei. Diese wurde allerdings fast nur von "Fremdhäßigen" geleitet, von zugewanderten Arbeiterführern, die im konservativen Vorarlberg mit Mißtrauen beobachtet wurden. Nur Hard bildete die große Ausnahme. Schon 1894 waren dort zwei Sozialisten in die Gemeindevertretung gewählt worden, die allerersten in Vorarlberg. Von alteingesessenen Handwerkern und Stickern getragen gründete die SDAP Hard zahlreiche 35 Nach 1929 wurden im Jahre 1950 zum ersten Mal wieder demokratische Gemeindevertretungs-Wahlen durchgeführt, seither regelmäßig alle fünf Jahre. Von den kandidierenden Parteien erreichte die ÖVP, die sich bei der ersten Wahl 1950 noch Allgemeine Wählerschaft genannt hatte, jeweils die absolute Mehrheit an Stimmen und Mandaten. Sie stellte daher auch immer den Bürgermeister. In vergleichbaren Nachbargemeinden war das häufig ganz anders. Offensichtlich waren die Wolfurter Wähler mit der Personal- und Sach-Politik der führenden Partei weitgehend einverstanden! Zweitstärkste Partei war bis 1975 die Unabhängige Wählerschaft, die sich 1965 Bürgerliche Wählerschaft und ab 1970 FPÖ nannte. Dritte Partei war in den ersten Wahlgängen die SPÖ. Sie überholte 1975 die FPÖ und hielt seither den zweiten Platz. Die nur selten kandidierende KPÖ konnte nie ein Mandat erreichen. Beachten Sie bitte bei der folgenden Aufstellung, daß wegen der gestiegenen Einwohnerzahl die Anzahl der Mandate von anfangs 21 schon 1955 auf 24 und 1975 schließlich auf 27 erhöht wurde. Ab einer Einwohnerzahl von 8000 werden vielleicht auch in Wolfurt schon bald 30 Mandate vergeben werden. ÖVP FPÖ SPÖ Zus. 1950 1955 1960 1965 1970 1975 1980 1985 1990 1995 2000 13 15 16 «19 16 <19 18 <19 «20 < 19 «20 «7 6 5 3 5 3 3 >I >1 3 3 >1 3 3 2 5 6 «7 6 5 4 21 24 24 24 27 27 27 27 27 27 3 24 34 Vereine. Unter Nationalrat Hermann Hermann wurde sie 1924 die mandatsstärkste Partei. Mit Adolf Kölbl stellte das "rote" Hard 1947 erstmals in Vorarlberg einen sozialistischen Bürgermeister. Ganz anders in Wolfurt! Hier konnte erst 1945 ein einzelner "Roter" in der Gemeindestube Platz nehmen, und auch das nur unter dem Druck der französischen Militärbehörde. Der erste Versuch für eine sozialistische Organisation war in Wolfurt schon 1903 unter den über 200 Italienisch-sprechenden Trentiner Fabriksarbeitern gestartet worden.3 Vergeblich! Pfarrer Nachbauer konnte die meisten, darunter auch viele Sozialdemokraten, in seiner schwarzen "Societa Cattolica Operaia di Wolfurt e Kennelbach" in ein anderes Lager führen. Als ab 1906 das allgemeine und gleiche Wahlrecht für alle Männer - nur für diese! eingeführt worden war, hätten die Roten unter den bisher rechtlosen Wolfurter Fabriksarbeitern sicher auch Chancen gehabt. Es gelang ihnen aber nicht einmal, ein Gastlokal für eine Partei-Versammlung aufzutreiben. Eine solche hätte am Ostermontag 1908 im Adler in Rickenbach stattfinden sollen. Der Adler gehörte damals der Familie Huber von der Mohren-Brauerei in Dornbirn, deren "Mohren" damals das wichtigste Versammlungslokal der Dornbirner Sozialdemokraten war. Zur Versammlung hatte der Landessekretär der SDAP Ertl aus Dornbirn eingeladen. Über Initiative von Pfarrer Nachbauer und des Wolfurter Schulleiters Matthias Wächter, der noch im gleichen Jahr Landessekretär der Christlichsozialen werden sollte, war der Adlersaal schon lange vor Beginn gestopft voll mit schwarzen Wolfurtern. Sie wählten ein Präsidium mit Wachter als Vorsitzendem. Dieser begrenzte durch "einstimmigen" Beschluß die Redezeit auf zwanzig Minuten. Zwar protestierte der rote Sekretär Ertl. Er mußte aber unter dem johlenden Beifall der Anwesenden den Saal verlassen.4 Natürlich berichtete auch die sozialistische "Volkszeitung" in großer Aufmachung über die gescheiterte Versammlung. Hier ein paar Zitate daraus: "...sehr gut besucht, denn die Katholischen wurden vom Pfarrer in die Versammlung kommandiert.... zur Vorsicht haben sie Stecken mitgenommen .... Gelogen hat Herr Wachter, als er pathetisch in den Saal rief, daß auf dem Programm der Sozialdemokraten die freie Liebe stehe und die Männer die Weiber wechseln können, so oft es ihnen paßt ..." 5 Verleumdung also und Wahl-Terror! Ein Jahr später trafen sich die Sozialdemokraten von Bregenz, Lustenau und Dornbirn dann aber doch am 1. Mai 1909 im Adler in Rickenbach. Die Feier wurde von den Arbeitersängern aus Dornbirn festlich umrahmt. In seiner Rede gab Sekretär Ertl seiner Genugtuung Ausdruck, "daß es der Sozialdemokratie trotz des Terrorismus und dem Wirtschaftsboykott der Wolfurter Christlichsozialen gelungen sei, in dieser Gemeinde ein Lokal zu einer Versammlung zu bekommen." 6 Als der Lammwirt Gebhard Fischer 1910 den Adler gekauft hatte, schrieb das Volksblatt: "Hoffentlich wird auf Jahre hinaus diesen Weltverbesserern kein Lokal in Wolfurt mehr offenstehen!" 7 36 Dann aber kam der große Weltkrieg. Für einige Jahre schien der Parteienstreit unwichtig. Am 12. November 1918 wurde die Republik Deutsch-Österreich ausgerufen. Mit Karl Renner stellten die Sozialdemokraten den ersten Kanzler. In Vorarlberg lagen sie aber weiterhin deutlich hinter den Christlichsozialen. Bei den NR-Wahlen vom 16.2.1919 durften zum ersten Mal auch die Frauen wählen. In Wolfurt wurden bei 878 gültigen Stimmen nur 122 (13,9 %) für die SD abgegeben, noch weit weniger als im Vorarlberger Durchschnitt von 21,8%. Der Wahl-Terror hielt an. Zur Vorbereitung der Landtagswahlen vom 27.4.1919 war den Sozialisten wieder jeder Versammlungssaal in Wolfurt verwehrt worden. Da wollten die Genossen Weißmann und Spindler aus Bregenz eine Woche vor der Wahl am Nachmittag des Ostermontag eine Versammlung unter freiem Himmel auf dem Kirchplatz abhalten. Sie sahen sich aber einer von den Christlichsozialen aufgebotenen großen Gruppe von Schulkindern und Jugendlichen gegenüber, die "mit Altarglocken, Kuhschellen, Trompeten, Karfreitagratschen und sonstigen Lärminstrumenten" jede Ansprache unmöglich machten. Als die Redner den Platz verließen, kam von hinten "ein Hagel von Steinen, Pferdemist und anderen Wurfgeschossen". Unter anstachelnden Zurufen der Erwachsenen "Jagt sie nur fort die Sozi!" wurden die Genossen bis zu St. Antone an die Lauteracher Grenze verfolgt. Als einen "Tag der Schande" für das Wolfurter Bürgertum bezeichnete die sozialistische Zeitung solche Vorkommnisse.8 Die GV-Wahlen wurden in Wolfurt vorerst immer mit Einheitslisten durchgeführt, auf denen Sozialisten gar keine Chance hatten. Einige Wolfurter Wahlergebnisse für Nationalrat und Landtag aus der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, wobei Sozialdemokraten und Kommunisten den übermächtigen Christlichsozialen gegenübergestellt werden. Die teilweise beachtlich großen Splittergruppen bleiben unberücksichtigt: Gültig NR 1919 NR 1920 NR 1923 878 (62,8%) CS SD 551122 (13,9%) KP 0 0 4 (0,4%) andere 205 94 186 830 915 (72,9%) 654 82 667 58 (6,3%) Also eine ständige Abnahme der SD-Stimmen! 37 CS LT 1928 NR 1930 714 702 SD 148 171 KP 0 1 andere .... (darunter NS 9) Nach dem Aufruhr und dem Brand des Justizpalastes 1927 in Wien hatten die SD starken Wählerzuwachs zu verzeichnen und erreichten ihr bisher bestes Ergebnis. CS LT 1932 693 SD 64 KP 40 (darunter NS 208!) Die letzten demokratischen Wahlen in der ersten Republik! Arbeitslosigkeit und Not der Wirtschaftskrise hatten die SD schwer erschüttert. Ihr linker Flügel war zur KP abgewandert, ein viel größerer Teil aber zur nun stark anwachsenden NSDAP. 1933 wurden KP und NSDAP verboten, 1934 auch die SD-Partei. Irrtümlich wurde vom Sicherheitsdirektor auch der Arbeiter-Turnerbund in Wolfurt aufgelöst, der seinen Namen von der Gründung durch den Katholischen Arbeiterverein herleitete. Die Turner mußten neue Statuten beschließen und sich ab jetzt "Turnerbund Wolfurt" nennen. Jede sozialdemokratische Tätigkeit schien erloschen zu sein. Nur wenige der Gesinnungsgenossen, darunter eine Gruppe um Johann Fischer und seine Frau Anna (Stöoglars an der Ach), trafen sich regelmäßig bei einem "Schuhplattler"-Verein in Kennelbach, wo bei als Ausflüge und Brauchtumsabende getarnten Veranstaltungen das Tagesgeschehen diskutiert wurde. Mitglied des sehr populären Vereins war auch Maria Österle, die Mutter des späteren Kommunisten Martin Österle. Dann Nationalsozialismus und Krieg. In Wolfurt ist kein Anzeichen sozialdemokratischen Widerstandes bekannt geworden. In Ansätzen scheint es solchen nur von christlichsozialer Seite und von der kleinen Gruppe der Kommunisten gegeben haben. Bild 25: Schuhplattler 1936 in Kennelbach. Hinter der Brauchtumsgruppe verbarg sich ein verbotener sozialistischer Verein. andere Die Sozial-Demokraten der SPÖ Nach 1945 wählten die Sozialdemokraten für ihre erneuerte Bewegung den Namen Sozialistische Partei Österreichs (SPÖ). In Wolfurt fehlte ihnen vorerst jegliche Organisation. Im Mai 1945 bildeten daher vier ehemalige Angehörige der Vaterländischen Front zusammen mit einem Kommunisten den ersten provisorischen Gemeindetag. Als Karl Geiger auf Grund der Ergebnisse der Nationalratswahl vom 25. November 1945 sein Mandat zu Gunsten der SPÖ zurücklegte, übernahm Armin Schertler seinen Platz. Die SPÖ hatte landesweit 27 Prozent der Stimmen erhalten, die KPÖ dagegen nur 2,5 Prozent. Es dominierte mit 70 Prozent die ÖVP. Schertler stand der erst nach dem Krieg gebildeten "Widerstandsbewegung" nahe und war ganz bestimmt kein Marxist. 1947 wurden ohne eigene Wahlen Gemeindevertretungen nach den Ergebnissen der NR-Wahl von 1945 gebildet, die SPÖ sollte drei Plätze besetzen. Sie fand aber keine Arbeitervertreter. Neben Gemeinderat Schertler nominierte sie daher den "Wanderlehrer" Anton Gasser (Eulentobel) und den Bauern Kassian Schertler (Röhle). Gasser 39 38
  1. heimatwolfurt
20000501_Heimat_Wolfurt_24 Wolfurt 01.05.2000 Heft 24 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 2000 Bild 1: Das offizielle Wappen der Gemeinde Wolfurt, von der Landesregierung verliehen am 6. Oktober 1928, aber schon seit 1893 als Gemeindesiegel geführt. Inhalt: 121. 122. 123. 124. Wolfurt und Wolford Haltmayer-Sippe Vorsteher und Bürgermeister (3) Der kleine Lehrer, Schulen in Wolfurt. Bildnachweis: Reinhold Köb Bild 13 Siegfried Heim Bilder 24, 28 Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr und Karl Hinteregger oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Dorfbrunnen (Heft 23, S. 6) Nicht alle haben die Abschriften der alten Briefe ganz durchgelesen. Andere zeigten sich über den Inhalt dieser Zeit-Dokumente überrascht. Kann es stimmen, daß die 51 Bauern des Dorfes zusammen nur 83 Kühe hatten? Oder daß man von ganz weit unten an der Lauteracherstraße das Wasser vom Dorfbrunnen holen mußte? Genau hat der Bürgermeister den Bericht studiert. Aus den Akten der Gemeinde hat mir Dr. Sylv Schneider darauf zwei wichtige Ergänzungen gebracht. Danach haben sich die 57 Mitglieder der Brunnengenossenschaft Kirchdorf am Montag, 29. September 1952, noch ein letztes Mal zu einer Versammlung im Rößle getroffen. Sie stellten mit all ihren Unterschriften ein Ansuchen an die Gemeinde, diese möge beide Laufbrunnen an die neu errichtete Gemeinde-Wasserleitung anschließen. Dafür boten sie ihre Holzteile an und erklärten sich bereit, die Urkunde für das Grundbuch zu unterfertigen. Damit war die über 400 Jahre alte Genossenschaft also aufgelöst. Die wegen der großen Zahl der Anteile sehr komplizierte Übertragung im Grundbuch wurde aber bis zum Jahre 2000, also nun bald ein halbes Jahrhundert lang, noch immer nicht durchgeführt. Schon nach fünf Jahren erklärten die "ehemaligen" Mitglieder der Genossenschaft am 20. September 1957 mit ihrer Unterschrift, daß sie mit der Entfernung des (Kleinen) Brunnens an der Kreuzstraße einverstanden seien. Ausdrücklich entbanden sie die Gemeinde von der von ihr übernommenen Verpflichtung zur Erhaltung dieses Brunnens. Der Hauptbrunnen am Kirchplatz und die Waschhütte blieben ja vorerst noch bestehen. Aus beiden Verträgen läßt sich das Wohngebiet der zu versorgenden Genossenschaft genau abgrenzen. Es reichte noch immer von Franz Müller, Bregenzerstraße 11, bis zu Zilla Zoller, Kirchstraße 16, und von Dr. Hermann Mohr, Kellhofstraße 11, bis zum Schindlerhaus, Feldeggstraße 11. Auch Alois Klocker, Schloßgasse 4, war eingeschlossen. Hexen in Wolfurt (Heft 23, S. 30) In mehreren Gesprächen bestätigten mir Leser, sie hätten auch noch solche Hexen oder eben Frauen, denen man böse Künste zutraute, gekannt. Der Dornbirner Historiker Franz Kalb wußte von einer in Wolfurt 1813 geborenen Frau Ursula, die nach Hatlerdorf geheiratet hatte und dort unter dem Schimpfwort s Bockwible in argen Verruf kam. Danke! Über unsere Bitte im letzten Heft sind wieder viele Spenden auf unser Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt eingegangen. Damit können wir einen großen Teil der Druckkosten abdecken. Allen Spendern ein herzliches Danke schön! Dank sagen wir aber auch der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Siegfried Heim Wolfurt und Wolford Wahrscheinlich haben Sie jetzt an eine weltweit bekannte Strumpfmarke gedacht! Mir aber geht es um den Namen unserer Gemeinde Wolfurt. Im Jahr 1999 haben einige von unseren Nachbargemeinden ihren 750. Namenstag gefeiert. Da stellte sich auch die Frage nach der ersten Nennung des Namens Wolfurt. In Heft 22 bin ich kurz darauf eingegangen. In Büchern und alten Dokumenten habe ich noch mehr darüber gefunden. Ich kann jetzt das älteste Wolfurt-Datum auf 1219 korrigieren. Seit es bei uns eine Schule gibt, haben Lehrer den Schülern beigebracht, der Name Wolfurt bedeute wohle Furt, also so viel wie gute Furt. Im 18. Jahrhundert schrieb man auch meist Wohlfurt oder Wohlfurth. Wir erkennen das Gut-Sein in Wohl-Tat, in Wohl-Geruch und in Wohl- Wollen, aber gegen ein Wohl bei unserer Furt über die Ach gibt es einige Gründe. Ganz sicher war die Ach mit ihren vielen Hochwässern immer ein sehr gefährlicher Fluß, für dessen Überquerung schon die Römer eine Brücke bauten, weil ihnen die Furt der Räter zu risikoreich war. Auch im Mittelalter konnte die Furt nur in trockenen Sommerwochen eine gute sein. An anderen Flüssen mag es gute Furten gegeben haben, das Bestimmungswort wohl wurde aber nirgends zur Namensgebung für eine Furt verwendet. Flußübergänge benannte man meist nach der Habe, die dort an das andere Ufer gebracht wurde, etwa. Heufurt, Schweinfurt, Rindsfurt und Steinfurt, oder nach Leuten, die hier durchzogen, Frankfurt. Oft gab ihnen der Fluß selbst den Namen, Klagenfurt (Glan-Furt). Ein Sprachwissenschaftler, der in Wol-Furt ähnlich wie in Wal-Gau das alte Wort wälsch vermutete, deutete den Namen sogar als Furt ins Land der noch nicht alemannisch sprechenden Rätoromanen. Wahrscheinlich hat der Name Wolfurt aber gar keinen Bezug zu einer Furt über die Ach! Er taucht nämlich um 1220 zuerst als der eines Rittergeschlechtes auf. Dessen Burg sicherte den damaligen Zugang über den Steußberg in den von rivalisierenden Grafen umstrittenen Bregenzerwald. Viel näher an der Ach und an der Furt stand Burg Veldegg im Oberfeld. Diese konnte daher auch eher den Flußübergang kontrollieren. Am Fuß der Burg Wolfurt übernahm die Häusergruppe um die Kapelle St. Nikolaus den Namen. Vorerst galt er nur für diesen Ortsteil. Die Papsturkunde von 1249 stellt ihn in die richtige Reihenfolge: ...Kaenalbach,Ahe, Wolfurt, Berge, Staige, Rikembach, Swarzahe... Wolfurt lag demnach abseits der Furt, durch die Ansiedlung Ach und den Weg über das Oberfeld vom Fluß getrennt. Noch lange, im Sprachgebrauch der Einheimischen bis ins 19. Jahrhundert, hielt sich der Name Wolfurt für die Häuser des Kirchdorfs und unterschied diese von denen an der Ach, in Unterlinden und in den anderen Teilen der Gemeinde. Bild 2: Gaststube im Rößle 1935 Alte Gasthäuser (Heft 23, S. 46) Zu gut sind uns die abgebildeten Gaststätten noch bekannt, wenigstens von außen. Daß es aber vereinzelt auch Bilder vom Innenleben in den Gaststuben gibt, bewies Georg Klettl, der mir zwei alte Fotos überließ. Eines zeigt eine fröhliche Gesellschaft bei Bier und Gesang um 1935 im Rößle. Von links: Georg Böhler (Steonowiorts Hansiorgos), Josef Bernhard (Schrinars Seppl) mit einer jungen Dame, Gebhard Höfle (Kiorchomoastor) ebenfalls mit Dame, Gebhard Schwärzler (Liborats Geobärtle), Rößlewirt Eugen Müller und seine damals ganz junge Frau Dora. Ahnenforschung Aus Freyung in Bayern hat der 85jährige Otto Zuppinger geschrieben und sich mit zahlreichen Fotos nach seinen Wolfurter Ahnen erkundigt. Er und vor ihm sein Vater haben seit 1891 die dortige Filiale der Spulenfabrik Zuppinger geleitet und sie zu einem Betrieb mit 100 Beschäftigten ausgebaut. Den älteren unter uns, besonders den Rickenbachern, ist der Name Zuppinger noch sehr geläufig. Einiges über den für unsere Gemeinde so wichtigen Spulenfabrikanten, Müller und Großbauern Joh. Walter Zuppinger finden Sie auch in diesem Heft oder in Heft 22 in den Artikeln über die Vorsteher. 4 5 Erstmals in der Gründungsurkunde der Pfarrei vom Jahre 1512 und dann auch mehrfach in dem von Landschreiber Witweyler 1596 aufgeschriebenen Hofsteigischen Landsbrauch meint man mit Wolfurt das ganze heutige Gemeindegebiet, etwa bei den Vorschlägen zur Ammann-Wahl: .... drey ehrliche männer, ain von Lauterach, den andern von Hard und den driten aintweders von Wolfurt, abm berg oder von Schwartzach...' Wie schreibt man Wolfurt? Ab jetzt wechselte die Schreibart des nicht mehr verstandenen Wortes oft in Wollfurt, Wolffurt, Wohlfurth und andere Formen, bis seit etwa zweihundert Jahren mit Wolfurt das alte Original vom Jahre 1219 wieder gebräuchlich wurde. Fast überall hatten die Schreiber im 13. und 14. Jahrhundert auf über dreißig erhaltenen Pergamenten und Siegeln für die Ritter die lateinische Form MILES DE WOLFURT verwendet. Nur vereinzelt taucht einmal ein WOLFFURT auf.2 Völlig verändert finden wir den Namen im ältesten Brunnenbrief von 1517 beim Edlen und Vesten Jakoben von Wohlfurth uf Wohlfurth? Im Jahre 1591 unterschrieb Pfarrer Fischer sein Testament eigenhändig mit Sebastianus Vischer Pfarherr zue Wolffurt. Der bekannte Geograph Merian bezeichnete 1643 unser Schloß in seiner Beschreibung Schwabens auf einem Bild der Stadt Bregenz gar mit Wolffort.4 Wieder hundert Jahre später schuf Blasius Hueber seine Vorarlbergkarte von 1774. Da verwendete er bereits die Schreibart Wohlfurt. Dagegen beharrte das Kaiserliche Oberamt weiterhin auf dem altertümlichen th im Auslaut. In einem Schreiben von 1775 nannte es die fünf Hofsteig-Gemeinden Luterach, Hardt, Wohlfurth, Schwartzach und Stüßberg.5 Die gleiche Schreibung Wohlfurth gebrauchte zu dieser Zeit auch noch der Hofsteig-Ammann Joseph Fischer. In den ersten Seelenbeschrieben ab 1760 verzichteten die Pfarrer J. Andreas Feurstein und Lorenz Gmeiner dagegen jetzt auf das erste h und schrieben auf jede neue Buchseite ihr Wolfurth. Der erste Wolfurter Vorsteher Joh. Gg. Fischer tat es ihnen 1811 noch gleich. Ebenso schrieb auch das Königl. Bayr. Amtsgericht 1808 an Jakob Schertler in Wolfurth. Zu dieser Zeit verfaßte aber der Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider bereits ab 1802 seine Chronik.6 Und dort verzichtete er auch auf das zweite h und schrieb durchgehend das moderne Wolfurt. So schrieben es auch ab 1814 der gelehrte Pfarrer Graßmayer und danach die meisten Vorsteher. Damit schien diese Schreibart zur Regel zu werden. Es folgten aber noch einige Rückfälle. Aus unerklärlichen Gründen wählte in Bregenz der Historiker Weizenegger in seinem dreibändigen Werk Vorarlberg, verfaßt um 1820 und herausgegeben von Pater Merkle im Jahre 1839, durchgehend die ausgefallene Schreibart Wolffurth. Er fand aber keine Nachahmer. Die Lehrer und im Familienbuch von 1850 auch der Gemeindeschreiber blieben bei Wolfurt. Der Vorste6 Bild 3: Hohen-Bregentz und ganz rechts Schloß Wolffort auf einer Merian-Karte von 1643. Vier Jahre später haben die Schweden die Burg Hohen-Bregenz gesprengt. her ließ jetzt sogar einen Stempel Gemeinde Vorstehung Wolfurt anfertigen. Nur die vorgesetzten Ämter brauchten noch etwas länger. Aus Innsbruck kamen 1870 die Verleihung der ersten Postmeisterstelle an Vorsteher Mayer in Wolfurth und die Genehmigung zur Führung einer Stampiglie Postamt Wolfurth ab 1. Jänner 1871. Immer seltener tauchte dann aber in amtlichen Schreiben das altmodische th auf, häufiger noch in privaten Briefen. Als die Vorarlberger Landesregierung der Gemeinde Wolfurt mit der schönen Urkunde vom 6. Oktober 1928 die Führung des alten Ritterwappens als Gemeindewappen bestätigte, stand die Schreibung des Namens Wolfurt in seiner heutigen Form aber nicht mehr in Frage. (Siehe Titelbild!) 7 Bild 4: Ältestes WolfurtDokument (1220) im Landesarchiv: .... aut in Wolfurt semper et in Luterach .... .... Cunradus et frater suus milites de Wolfurt Kaiser für seine vielen Heerzüge nach Italien und zuletzt für seinen Kreuzzug Ritter aus ganz Europa um sich sammelte. Zu solch fahrenden Rittern, die ihr Schwert je nach Aussicht auf Erfolg und Beute wechselnden Herren liehen, gehörten einige Zeit später ja auch die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt. Das berühmteste Bild eines englischen Söldnerführers hat Paolo Uccello 1436 an die Wand des Doms von Florenz gemalt. Er betitelte es mit Johannes acutus eques britannicus. Die Florentiner nannten den gefürchteten Herzog Giovanni acuta, den Scharfen Hans, Ritter aus Britannien. Die Sage von Ritter Wolfford Wo aber stammte dieses Ritterwappen her? Wer trug zuerst den wilden Wolf und das Wasser der Furt auf seinem Schild? Die ältesten Dokumente, die von dem Geschlecht Zeugnis geben, stammen aus der Zeit um das Jahr 1220. Als in Lindau die Seelsorge in den Orten rund um Bregenz geregelt wurde, traten unter den Zeugen zwei Brüder auf: Cun. etfrater suus milites de Wolfurt. Das Pergament mit dem Lindauer Schiedsspruch enthält, allerdings ohne genaue Datumsangabe, die älteste erhaltene Namensnennung von Wolfurt im Vorarlberger Landesarchiv.7 Genau datiert, und zwar auf den 31. März 1219, ist eine Weißenauer Urkunde im Stiftsarchiv St. Gallen. Papst Honorius nimmt darin das Kloster Weißenau unter seinen Schutz, dazu mit all dessen Besitz auch ein Gut in Wolfurt,... predium in Wolfurt ... Hier ist Wolfurt also erstmals8 als Ort genannt, ein zweites Mal dann auch 1226 bei der Schenkung der Kapelle an Weißenau. Das Adelsgeschlecht hatte sich um diese Zeit bereits über Lindau bis Überlingen ausgebreitet und wurde jetz rasch hintereinander mehrfach in Urkunden erwähnt.9 Die Ritter von Wolfurt galten als Gefolgsleute der Staufer. Man darf annehmen, daß schon Kaiser Friedrich Barbarossa, zu dessen Hausmacht seit der Schenkung von 1157 der Kellhof und die Kapelle St. Nikolaus gehörten, einen seiner Ritter mit der Burg belehnt hat. Unter den Erben von Schloß Wolfurt, auch unter den nachfolgenden Adelsgeschlechtern der Leber, Reichart und Greiffenegg, blieb über Jahrhunderte die Sage vom schottischen Stammvater M'Dewr the Wolf erhalten. Das schottische Wolfford oder Wolvesford hätte sich hier zu Wolfurt gewandelt. Als erster schrieb Weizenegger die Sage um 1820 auf.10 Sie ist keineswegs unglaubwürdig, wenn man weiß, daß der 8 Ritter Konrad Von ihm gibt es zwar kein gemaltes Bild, aber die Forschungen von Karl Heinz Burmeister in den Archiven Schwabens, Ungarns und Italiens stellen uns den mächtigen Feldherrn und Herzog als wichtig- Bild 5: Joannes acutus, der Scharfe Hans, sten Vertreter der Ritter mit dem Wolfs- ein britischer Söldnerführer schild doch deutlich vor Augen.11 In der Vorarlberger Geschichtsschreibung hatte man das Geschlecht lange vernachlässigt. In Ungarn war im Jahre 1308 der Franzose Karl von Anjou König geworden. Um die Macht des einheimischen Adels zu brechen, rief er westeuropäische Ritter ins Land. Unter ihnen befanden sich auch die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt. König Karls Sohn Ludwig der Große, die Ungarn nennen ihn Lajos Nagy, schuf aus Ungarn ein Großreich von der Adria bis zur Ostsee. Als er 1348 auch das Königreich Neapel eroberte, standen neben dem deutschen Herzog Werner von Urslingen die beiden Wolfurter Ritter an der Spitze seiner Söldnerheere. Ulrich wurde Statthalter des Königs in Neapel, Konrad Befehlshaber in Apulien. Als Herzog Werner zum Gegner überging, kam es zu einem grausamen Bürgerkrieg. Italienische Chroniken12 berichten von der ungewöhnlichen Tapferkeit und der Kriegskunst der Wolfurter. Konrad führte seine Scharen durch das Land, plünderte die Städte Foggia, Capua und Aversa und erpreßte von den Gefangenen riesige Lösegeldsummen. Nach seinem Vater Wolf von Wolfurt nannte man ihn jetzt Currado Lupo, Konrad den Wolf. Mit ungeheuren Schätzen an geraubtem Gold und Kirchenschmuck und mit vielen entführten Frauen und Mädchen kehrten die Ritter auf ihre Besitzungen in Ungarn und Schwaben heim und erwarben dort Burgen und Ländereien. 9 Transportunternehmen Wolford und in Florida in den USA eine Autowerkstätte Wolford.14 Am Muddy Creek nahe Kremmling in Colorado wurde erst 1996 ein riesiger See aufgestaut, der den Namen Wolford Mountain Reservoir trägt. Und eine Wolfsfurt über die Lahn gab es einst in der Nähe von Gießen.'15 Wolford Und dann gibt es natürlich auch noch die weltbekannte Bregenzer Firma Wolford, deren Name bei Damen mit schönen Strümpfen und bei Besitzern von steigenden Aktien einen gleichermaßen guten Klang hat. Ich habe mich nach der Herkunft des Namens erkundigt und von der Firmenleitung freundliche Auskunft bekommen. Der Firmenname hat natürlich keinerlei Zusammenhang mit Wolfurt. Es gibt ihn erst seit 1950. Er ist eine Neuschöpfung, wahrscheinlich vom Firmengründer Reinhold Wolff gemeinsam mit seinem Geschäftsfreund Walter Palmers erfunden. Aus dem Geschlechtsnamens Wolff und der nach der erfolgreichen Firma Ford klingenden Endung wurde er zusammengefügt. Palmers selbst hat den Markennamen WOLFORD am 7. April 1950 beim Patentamt in Wien angemeldet. Seit diesem Jahr ist er für den Bereich Gemischtwaren geschützt, von Ackerbau-Erzeugnissen und Arzneimitteln bis hin zu Baustoffen und Maschinen und natürlich auch für Bekleidung und für Web- und Wirkwaren. Die Wolford-Geschichte klingt wie ein modernes Märchen. Hier will ich als Gegenstück zur mittelalterlichen Erfolgsgeschichte des Ritters Konrad ein paar Daten daraus aufzeigen und vielleicht einige Leser auf deren Aufarbeitung im 50. Jubiläumsjahr neugierig machen. Reinhold Wolff, geboren 1905 in Hard, hatte mit seinem Vater Johann Wolff und seinen Brüdern in Hard im Jahre 1928 die Firma Vlbg. Wirkwaren Gebr. Wolff gegründet. Vor allem mit ihrer Unterwäsche konnte sich die Firma seither durchsetzen und beachtlich ausweiten. Ein Filialbetrieb gibt seit 1960 an unserer Achstraße als Näherei Wolff auch vielen Wolfurterinnen einen Arbeitsplatz. Im weltpolitisch kritischen Jahr 1936 gründete Reinhold Wolff allein eine Wirkwarenfabrik in England und hatte dort mit 100 Mitarbeitern bei der Erzeugung feinster Damenwäsche großen Erfolg. Bei Kriegsbeginn wurde er 1940 auf der abgelegenen Insel Man interniert und dann 1944 im Gefangenenaustausch nach Hard entlassen. Unter ungeheuren Schwierigkeiten begann er dort 1946 in der alten Mühle mit der Erzeugung von Socken und Strümpfen. Die große Nachfrage zwang ihn schon 1948 zum Bau einer Fabrik auf dem ehemaligen Exerzierplatz in Bregenz. Ab 1950 und jetzt unter dem Markennamen WOLFORD fertigte er auf alten amerikanischen Maschinen Damenstrümpfe aus Kunstseide und bald auch aus Nylon und Perlon. Im Jahre 1965 waren bereits über 1000 Mitarbeiter in den ständig erweiterten und jetzt mit modernsten Maschinen ausgerüsteten Werkshallen beschäftigt. Die nachfolgenden Jahrzehnte brachten mit immer neuen modischen Produkten und der Gründung zahlreicher Handelsniederlassungen eine Ausweitung von Wolford auf ganz Bild 6: Schloß Wolfurt 1950 Auf dem Millenniumsplatz in Budapest stellt seit 1896 ein Relief den König Lajos Nagy mit seinen Rittern und den ihm huldigenden Frauen von Neapel dar. Die Legende erzählt, er habe den Frauen die Freiheit geschenkt. Als Gesandter des Königs reiste Ulrich 1352 zum Papst nach Avignon. Dieselbe hohe Ehre fiel 1355 seinem Bruder Konrad zu, an dessen Seite damals Marquard aus dem aufstrebenden Geschlecht der Edlen von Hohenems als Begleiter ritt. Neben seinen Schlössern in Ungarn, im Schwabenland und in der Schweiz besaß Konrad die Burg Guglionese im Apennin. Er kaufte 1363 Burg und Stadt Arbon und siegelte den Vertrag mit seinem italianisierten Namen CORADUS D UULFORT. Ein Jahr später ließ er aber in einen (vermutlich geraubten) Kelch wieder sein CUNRADUS DE WOLFURT MILES eingravieren. Diesen Kelch stiftete er im Kloster Pfäfers ob Sargans der Muttergottes. Reue über seine Untaten spricht aus der Stiftungsurkunde: ".... Ritter Konrad ...für das Heil seiner Seele, für das Seelenheil seiner Vorfahren, und für das Seelenheil aller derjenigen, die von ihm in Leib und Gut, tödlich oder auf irgend eine andere Weise verletzt worden sind."'13 Im Jahre 1369 ist er gestorben. Mit der Sage vom Ritter Wolfford aus Schottland läßt sich am ehesten das späte und dann plötzlich sehr häufige Auftauchen des Namens Wolfurt ab dem Jahre 1219 erklären. Am Talrand gab es ja schon lange Zeit vorher eine Ansiedlung, für welche aber bis in das 12. Jahrhundert nur der Name der Kapelle St. Nikolaus bekannt war. Die Ortsnamen Rickenbach, Lauterach, Schwarzach, Bildstein und Buch kommen in anderen deutschsprachigen Ländern noch mehrfach vor. Der Name Wolfurt ist dagegen einmalig. Nirgendwo sonst habe ich ihn bis jetzt gefunden. Am ehesten hat er noch einen ähnlich klingenden Doppelgänger in Wolfforth, einer kleinen Stadt nahe der Wüste Llano estacado in West-Texas. In England gibt es ein 10 11 Europa und darüber hinaus. Nach dem Tod des Gründers Reinhold Wolff im Jahre 1972 formten die Nachfolger die Firma 1988 in eine Aktiengesellschaft um. Der Aufwärtstrend blieb ungebrochen. Bei nunmehr rund 3000 Mitarbeitern meldete die Firmenleitung 1999 für das letzte Geschäftsjahr bei 1,83 Milliarden Schilling Umsatz einen Gewinn von über 16 Prozent.16 Wahrhaftig viel Geld und hohe Ehre für den schönen Namen! Wie aber schrieb Theresia Mohr-Wachter in ihrem Bekenntnis zum Heimatdorf? Mi Wolfurt, des ischt m 'r des liobscht uff-or Wealt. I gab 's um koa andors und nitt um viel Geald! Siegfried Heim Die Haltmayer Im Mai 1999 besuchte überraschend Brigadier Med.-Rat Dr. Manfred Haltmayer aus Wien seine Verwandten in Wolfurt. Die nahmen das zum Anlaß eines kleinen Sippentreffens im Kultursaal der Gemeinde. Ich habe dazu die vielen Wolfurter Haltmayer-Stämme durchforscht. Weil weit mehr als hundert Nachkommen-Familien unter uns leben, möchte ich hier einige Ergebnisse vorlegen. Sie berichten vom Werden und Vergehen des einst bedeutendsten Wolfurter Geschlechtes. Der Name Haltmayer wird auch Haltmayr, Haltmeier oder Haltmeyer geschrieben. Er ist zusammengesetzt aus dem alten halt und meier. halten bedeutet ursprünglich behüten, versorgen. Der Meier ist der Verwalter eines Hofes oder auch eines ganzen Landes. Die Bregenzer Haltmayer Während der seltene Geschlechtsname um 1600 in Wolfurt noch unbekannt war, vermeldet das erste Bregenzer Taufbuch zwischen 1587 und 1661 die Taufen von insgesamt 76 Haltmayer-Kindern von 39 unterschiedlichen Elternpaaren. Schon um das Jahr 1500 hatte ein Hans Haltmayer das Schloß Niedegg - so hieß damals die Riedenburg - besessen.1 Ein Andreas Haltmayer, geboren 1599 in Bregenz als Sohn des Bauern Johann Haltmayer, studierte in Dillingen und wirkte als Jesuit lange Zeit in Innsbruck.2 Wahrscheinlich stammen auch die Hörbranzer Haltmayer, die sich heute Haltmeier schreiben, aus Bregenz. Ihr bekanntester Vertreter war Dr. Georg Haltmeyer, 18031867, der als Gründer der Technischen Universität am Karlsplatz in Wien gilt. In Hörbranz umfaßt das Geschlecht noch fünf Familien. Fünf weitere gibt es in Bregenz. Sonst ist der Name in Vorarlberg äußerst selten geworden. Nebenbei sei nur noch vermerkt, daß eine Petra Haltmayer aus dem Allgäu derzeit zu den WeltcupSchiläuferinnen zählt. 1 2 3 Kleiner, Der hofsteigische Landsbrauch, LMV 1900, S. 135 Burmeister, Siegel der Edlen von Wolfurt, Eisenstadt 1984, S. 26 ff GA Wolfurt, Brunnenbriefe. Siehe Heimat Wolfurt, Heft 23/1999! VLA, Merian, Topographia Sueviae, Frankfurt 1643 GA Wolfurt, Fischer-Chronik, S. 46 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 VLA, Helbok-Regesten, Nr. 362, S. 176 VLA, Helbok-Regesten, Nr. 353, S. 173 Damit möchte ich meine Aussage in Heft 22, S. 14, auf 1219 korrigieren. VLA, Helbok-Regesten, Nr. 363, 381, 390, 419, 440 Weizenegger-Merkle, Vorarlberg 1839, Bd. 2, S. 350 Burmeister, Ritter Konrad von Wolfurt, LMV 1982 und Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Lindau 1984 Zitiert in Bronner, Werner von Urslingen, Aarau 1828 (VLA) Burmeister, Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Lindau 1984, S.40 Mitteilung von Wolford-Bregenz v. 22.3.1995 Forschungen von Michael Sinz im Internet, Januar 2000 VN, Wolfordin Topform, 10.7.1999, Titelseite 5 6 7 8 9 Die Wolfurter Haltmayer In Wolfurt gehen die Anfänge des für unser Dorf so wichtigen Geschlechtes auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Durch die Pest war 1635 die Hälfte der Bevölkerung ums Leben gekommen. Manches Haus stand leer. Damals ist aus Bregenz der Stammvater Mathias Haltmayer als Adlerwirt nach Rickenbach zugezogen. Er ist laut dem ältesten Bregenzer Taufbuch3 am 10. Februar 1610 in Bregenz als Sohn des Kaspar Haltmayer und der Ursula Höfle geboren worden. Kaspar taucht als Leitname des Geschlechtes bei den Nachkommen noch oft 13 10 11 1 13 14 15 16 12 auf, ebenso wie der der Mutter Ursula und der Schwester Magdalena. Auch der Geschlechtsname Höfle deutet auf eine Verbindung nach Wolfurt," wo er in der Pfarre häufig vorkam. Seither gibt es in den Pfarrbüchern zwei Haltmayer-Stämme. Das Familienbuch zählt bis zum Jahre 1760 bereits 20 Familien auf. Im Jahre 1760 besaßen sie zehn der insgesamt 148 Wolfurter Häuser und zwei weitere in Schwarzach. Von ihnen allen lebt der Name heute nur mehr in den Familien der Brüder Kurt und Norbert Haltmayer fort. In Wolfurt gehören zum Stamm Haltmayer I vor allem die Gerber-Haltmayer im Kirchdorf und die Küfer in der Bütze, zum Stamm II die sehr einflußreichen Rickenbacher Wirte von Adler und Kreuz. Die beiden Stämme gehen auf zwei Brüder zurück, zwei Söhne des Rickenbacher Adlerwirts Mathias Haltmayer.4 Georg Haltmayer, gest. 27.1.1723, war der Stammvater der Gerber, und Kaspar Haltmayer, gest. 8.3.1720, war der Stammvater der Wirte. Ihren Nachkommen ist weiter unten ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Vorher möchte ich jedoch einige wichtige Vertreter des Geschlechts herausheben. Mathias Haltmayer, 1610-1684, der Gründer Pest, Hunger und Krieg! In ganz schweren Zeiten waren Mathias und seine Schwester Magdalena in Bregenz zur Welt gekommen. Starke Klimaveränderungen hatten in wenigen Jahrzehnten zu einer Reihe von Mißernten und zum Niedergang des Weinbaus geführt. Im Jahre 1609 waren in Bregenz 16 Hexen verbrannt worden, die meisten davon aus Wolfurt. Weitere Hinrichtungen folgten. Im Jahre 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, in dem schließlich 1647 auch Bregenz erobert und geplündert wurde. Vorher war in mehreren Pest-Epidemien ein großer Teil der Einwohner gestorben, in den Hofsteiger Dörfern etwa die Hälfte. Wolfurt und Rickenbach hatten zusammen 70 Häuser mit rund 400 Einwohnern. Nach den Erscheinungen in Bildstein im Jahre 1629 begann dorthin ein gewaltiger Pilgerstrom zu fließen. Das eröffnete in diesen düsteren Zeiten in Rickenbach einem Gastwirt eine gute Chance. Um das Jahr 1640 dürfte Mathias seine Frau Anna Reinberger geheiratet und mit ihr den ersten nachweisbaren Rickenbacher Gasthof übernommen oder vielleicht selbst eröffnet haben. Von ihren Kindern finden sich sieben in den 1650 begonnenen Wolfurter Pfarrbüchem, davon nur die jüngsten drei in den Taufbüchern. Die Gastwirtschaft blühte auf, besonders als von 1663 bis 1670 in Bildstein die großartige Wallfahrtskirche gebaut wurde und nun jedes Jahr Zehntausende von Pilgern den Weg dorthin suchten. Ab wann das Gasthaus den Namen Adler getragen hat, ist nicht nachweisbar, wohl aber, daß hier schon 1661 Graf Karl Friedrich von Hohenems Einkehr gehalten hat.5 Das als Wirt erworbene Vermögen vergrößerte Mathias Haltmayer noch als Frachter und Handelsmann. Das erfahren wir aus einer in der Rickenbacher Kapellen-Chronik überlieferten Schrift, die einst den Rahmen des Nothelferbildes zierte. Am Rand des 14 Bild 7: Der ehemalige Gasthof Adler am Kellaweg um 1935. Auf dem Motorrad Hans Stark. als Hexentanzplatz berüchtigten Dellenmooses, wo jetzt ein Erddamm als Dellenmos Brug die Landstraße auf kurzem Weg durch den gefährlichen Schlattsumpf nach Schwarzach leitete, ließ Haltmayer 1676 eine Kapelle mit einem großen Nothelferbild errichten. Zwei Jahre zuvor hatte der Rickenbach mit zwei Überschwemmungen am 12. und am 23. August 1674 grosen Schaden gethan.6 Jetzt sollte das Nothelferbild nicht nur den Rickenbacher Besitz, sondern auch Haltmayers Fracht-Fuhrwerke schützen. Er empfahl sie daher St. Loy, dem Hl. Eligius, der als Patron der Schmiede und der Frachter gilt. Die leider inzwischen verschwundene Schrift lautete: Zu Ehren der Hl. Dreifaltigkeit, der Hl. Jungfrau Maria, St. Loy und St. Antonius. Matthias Haltmayer hat 1676 dieses Bild errichtet, folgende Wohltäter haben dasselbe bis jetzt erhalten: 1707 Kaspar Haltmayer, 1720 Anton Haltmayer, Bildstockmauer erbaut; 1776 Andreas Haltmayer renoviert; 1825 Leonhard Fink renoviert; 1865 JosefAnton Fischer; 1902 Johann Georg Fischer zum Adler; 1924 für die Kapelle renoviert Lorenz Gunz. Mit Ausnahme des letzten waren alle Wohltäter Adlerwirte und direkte Nachkommen des Mathias. Im Jahre 1914 wurde die Kapelle, die nahe beim Haus Dornbirnerstraße 15 stand, abgebrochen. Das alte Bild, vor welchem bis dahin noch die Wolfurter und die Schwarzacher Bittprozessionen eine Station gehalten hatten, wurde in die Kapelle Rickenbach übertragen. Kaspar Haltmayer, um 1640-1720, Adlerwirt und Hofsteig-Ammann Kaspar war vermutlich der älteste Sohn des Adlerwirts Mathias Haltmayer. Während wir aber dessen Geburtsdatum im Bregenzer Taufbuch finden können, ist das des Kaspar unbekannt. Im Trauungsbuch sind seine vier Eheschließungen eingetragen. Dabei fungierte bei der ersten im Jahre 1670 noch der Vater Mathias als Trauzeuge, bei den späteren dann seine Brüder Georg und Joseph. 15 Bild 8: Siegel des Kaspar Haltmayer Ammann zu Hofstaig um 1700 Kaspar übernahm den Gasthof Adler samt Frächterei und Weinhandel. Wegen seines hohen Ansehens und seines Vermögens wurde er in den Notjahren nach den Türkenkriegen zwischen 1695 und 1710 dreimal zum Hofsteig-Ammann gewählt. Als amtliches Siegel verwendete er ein Bild, auf dem zwei aufrechte Löwen ein mit einer fünfzackigen Krone geschmücktes riesiges Ei halten. Beim Adler sammelten sich 1706 die gegen die hohen Steuern rebellierenden 2000 Bauern aus dem Bregenzerwald und aus Dornbirn. Obwohl die Kapuziner sie aufhalten wollten, marschierten sie am 13. Mai 1706 mit Äxten, Säbeln, Sensen, Morgensternen und Gewehren zur Lauteracher Achbrücke und von dort mit Trommelwirbel in die Stadt Bregenz. Voller Angst flohen die Beamten und die kaiserlichen Soldaten. Auch später stand Haltmayer auf der Seite des Kämpfers Jerg Rohner.7 Seine Tochter Anna wurde 1729 sogar dessen dritte Ehefrau. später den Namen Engel bekam. Enkel Andreas übernahm den Adler. 1774 erbaute Urenkel Anton Haltmayer schließlich auch noch das Kreuz. Zu so großem Reichtum gelangte der tüchtige Wirt und Stoff-Fergger, daß er 1788 für 6300 Gulden das große Wolfegg-Haus an der Bregenzer Kirchstraße kaufen konnte. Nur zehn Jahre später verkaufte er es bereits wieder für sagenhafte 11 500 Gulden. Wir kennen das stolze Haus heute als unser Landesarchiv.9 Da konnte der alte Gasthof Adler an dem längst zur Nebenstraße gewordenen Kellaweg nicht mehr mithalten. Um das Jahr 1800 errichtete Johann Haltmayer, Wirt und Weinhändler und dazu auch noch Baumwoll-Fergger, seinen Gasthof ganz neu an der Straße nach Dornbirn. Johann Haltmayer, 1862-1924, Kreuzwirt Nach weniger als hundert Jahren war der Name Haltmayer aus fast allen Gasthöfen bereits wieder verschwunden. Als letzter sollte 1888 nach dem Tod der Wirtsleute noch das Kreuz versteigert werden. Von den elf Kindern waren etliche bereits gestorben. Drei Töchter waren Gastwirtinnen im Lamm und im Löwen geworden. Der Sohn Johann Georg ging als Jesuit in die Mission nach Brasilien. Johann, der jüngste Sohn, war Lehrer im Bregenzerwald. Jetzt gab er aber den Lehrberuf auf und wurde daheim in Rickenbach Kreuzwirt. Die letzten Weinberge am Rutzenberg ließ er aufgehen, den letzten Wolfurter WeinTorggel brach er 1897 ab. An dessen Platz hinter dem Kreuz baute er ungeheuer große Keller. Erstmals in Wolfurt verwendete er dabei Zement. In 20 riesigen Fässern konnte er jetzt fast 50 000 Liter Wein einlagern, den die neue Arlbergbahn kostengünstig aus Südtirol nach Schwarzach lieferte. Bald waren die Haltmayer-Weine im ganzen Land bekannt. Als die Stickerei ab 1901 große Gewinne abwarf, erbaute er als einer der ersten in Vorarlberg am Wiesenweg eine Halle für die neuen Schiffle-Stickmaschinen und ein paar Jahre später eine zweite, größere, dazu. Allem Neuen war er aufgeschlossen. Führend tätig finden wir ihn bei der Gründung von Feuerwehr und Raiffeisenkasse. Er wird Obmann des Turnvereins, der Vorarlberger Viehzuchtgenossenschaft und des Landes-Bienenzuchtvereins. 20 Jahre lang diente er der Gemeinde vorbildlich im Gemeinderat. Daß er dabei seine Gaststube nicht vergaß, die er im Jahre 1896 mit dem heute noch erhaltenen schönen Kreuz-Schild schmückte, beweist der hartnäckige Kampf mit dem Adlerwirt Alt-Vorsteher Fischer. Als nämlich der Lehrer Rädler im Auftrag der Gemeinde 1901 eine Straßenbahn nach Dornbirn plante, bekämpften sich die beiden Wirte bis aufs Blut. Jeder wollte die Haltestelle vor seiner Haustüre haben. Von Johann Haltmayers Söhnen starb Manfred 1921, Josef 1931. Damit erlosch nach 300 Jahren das Geschlecht der Haltmayer-Wirte in Rickenbach. Martin Haltmayer I., 1735-1818, Gerber im Kirchdorf Seit drei Generationen betrieb ein Zweig der Rickenbacher Haltmayer in einem klei17 Immer wieder litten der Adler und die umliegenden Häuser unter schlimmen Überschwemmungen durch den Rickenbach. Auf die Katastrophe von 1701 folgte nach einem Erschröcklichen Wolchenbruch eine weitere am späten Abend des 20. August 1702. Schon hatte das Wasser ein Haus, etliche Stadel und die neuerbaute Mühle im Tobel weggerissen, man hat geglaubt der Jüngste Tag werde Komen, die Rickenbacher haben mit einander ein Kapelen verlobt} Tatsächlich erbauten die Rickenbacher nun unter Leitung ihres Ammanns Haltmayer neben der Brücke eine Kapelle für ein großes Dreifaltigkeitsbild mit Mariens Krönung. Mehr als zweihundert Jahre lang beteten sie alljährlich am Dreifaltigkeits-Sonntag davor einen Psalter mit der Bitte um Schutz vor dem Wildbach. Die Kapelle mußte später an die steile Straße nach Bächlingen verlegt werden. Vor einigen Jahren wurde das Hochwasserbild ins Museum nach Bregenz gebracht. Ammann Kaspar Haltmayers Nachkommen weiteten den Familienbesitz gewaltig aus. Der Enkel Kaspar kaufte 1735 das zweite Rickenbacher Gasthaus, den Löwen. Sein Bruder Melchior erwarb gleichzeitig die Krone in Schwarzach, jenes große Gasthaus, das neben den Bildstein-Pilgern auch viele Wälder Frachter beherbergte und 16 Die Wolfurter Haltmayer Einige ihrer Hauptlinien in vier Haltmayer-Häusern. Die zahlreichen anderen Linien lassen sich daraus ableiten. nen Haus im Kirchdorf das ehrsame Gerber-Handwerk. Großvater Georg hatte 19 Kinder, Vater Kaspar 8 und nun Martin selbst auch 9. Eine so große Kinderzahl war damals durchaus üblich. Das ungewöhnliche ist aber, daß von diesen 36 Kindern 27 groß wurden und heirateten! Daraus ergibt sich eine überaus große Anzahl von Seitenlinien und Nachkommen. Martin scheint als erster zu Geld gekommen zu sein. Jedenfalls konnte er nach dem Loskauf der Kellhof-Güter von Ems im Jahre 1771 ein Stück des gräflich-emsischen Weingartens in der Bütze kaufen. Darauf erbaute er für seinen ältesten Sohn Michael im Jahre 1797 ein für jene Zeit außergewöhnlich großes Haus, heute Heims in der Bütze. Als dort am 13. Juli 1800 plündernde französische Soldaten eindrangen, wehrte sich Michael und wurde erschossen. Ein Jahr später überließ Vater Martin die Gerbe im Dorf seinem zweiten Sohn Mathias und übersiedelte selbst mit dem Rest der Familie in die Bütze. Von seinen Söhnen wurde Josef Goldschmied und erfolgreicher Kaufmann in Feldkirch.10 Von der Tochter Theresia stammen die Böhler-Holzerschmiede und die Bildstein im Röhle mit allein über 100 Nachkommen-Familien. Der Sohn Kaspar Haltmayer begründete in der Bütze die Linie der Küfer-Haltmayer. Martin Haltmayer II., 1803-1874, Gerber im Kirchdorf Schon sein Vater Mathias, ein Sohn von Martin L, hatte die Gerberei vergrößert und dazu zwei neue große Häuser nahe beim Engel im Kirchdorf gebaut. Viele Gesellen fanden hier Arbeit. Einige blieben im Ort und gründeten neue Fmilien. Darunter waren Josef Heim aus Hergensweiler, Gottfried Klien aus Hohenems und später Hermann Peter aus Hohenems. Das Vermögen des Gerbers stieg an. 1860 konnte er die ehemalige Dür-Schmiede im Röhle mit großem Grundbesitz kaufen, ein Jahr später sogar sein Nachbarhaus, den Gasthof Engel. Martin Haltmayer zahlte jetzt in Wolfurt am meisten Steuern, mehr als der reiche Müller Zuppinger in Rickenbach, doppelt so viel wie die großen Gastwirte.11 Dafür gehörte er auch viele Jahre lang dem Gemeinderat an. Den Höhepunkt erreichte das Gerbergeschäft, als Haltmayer um 1870 große Ballen von getrockneten Bisonhäuten aus dem Wilden Westen Amerikas bezog. Es war ja die Zeit, in der Buffalo-Bill und andere Jäger innerhalb weniger Jahre dort die riesigen Büffelherden nahezu ausrotteten. An Seilen sollen die Gerber die Häute zum Aufweichen von der Achbrücke ins Wasser gehängt haben. Unbekannt ist, ob Haltmayer damals Kontakt mit den Dutzenden von Wolfurtern gehalten hat, die kurz zuvor nach St. Louis und nach New Ulm in den Wilden Westen ausgewandert waren. Zweimal hat Martin IL geheiratet. Jede der Frauen schenkte ihm acht Kinder. Einige davon begründeten neue große Sippen. Der riesige Besitz wurde verteilt. Sohn Augustin bekam den Gasthof Engel und wurde dort 1890 erstochen. Zwei Jahre später übernahm der ehemalige Gerberknecht Peter das Gasthaus. Sohn Ferdinand bekam die Gerberei. Aber die goldenen Zeiten waren vorbei. Bald nach dem Ersten Weltkrieg mußte der einstmals so großartige Handwerksbetrieb eingestellt werden. 18 19 Die Haltmayer-Nachkommen Ungeheuer groß ist ihre Zahl - beinahe wie Sand am Meer! Mit der folgenden Auflistung, die ganz sicher noch große Lücken aufweist, will ich bewußt machen, wie stark das Blut eines einzigen Elternpaares das Leben der Dorfgemeinschaft bestimmt hat. Mathematiker wissen allerdings, daß in der 11. Generation nur mehr ein einziger von 1024 Blutstropfen Haltmayer-Blut ist. Ahnenforscher ergänzen aber dazu, daß bei diesem Abstand bereits sehr viele Vorfahrenpaare ident sind, daß also viele Wolfurter auf mehreren Linien vom Stammvater Mathias Haltmayer abstammen. Die Übersicht auf Seite 18 enthält nur jene vier Hauptlinien der Haltmayer, die über viele Generationen in den vier Stammhäusern verblieben sind. Weit mehr als hundert andere Familien stammen aus Seitenlinien. Nur mehr zwei tragen den alten Stammes-Namen. A Stamm der Gerber Im Jahre 1671 hatte (3a) Georg Haltmayer aus dem Adler in Rickenbach ins Kirchdorf geheiratet und dort in einem kleinen Haus im röle den Stamm der Gerber begründet. Sein Urenkel (6a) Mathias baute 1818 auf der Ostseite der Straße am Hang ein neues Gerberhaus und 1826 auf der Westseite für seinen Sohn (7a) Martin ein zweites, die große Gerbe. Im ostseitigen Haus wurden später die vielen Gesellen untergebracht. Mit ihrer Schwester Ingeborg Haltmayer-Cesa sind Kurt und Norbert Haltmayer als Kinder des (10a) Wilhelm Haltmayer noch in der um das Jahr 1975 abgebrochenen alten Gerbe im Dorf aufgewachsen. Dort wurde bald darauf der neue Gasthof Engel gebaut. Nahe Verwandte zu Gerbars sind die Familien Spirig und Ulimann. Sehr viele Familien leiten sich von Rosina Haltmayer, 1836-1880, einer Tochter des reichen Gerbers und Gemeinderates (7a) Joh. Martin Haltmayer, ab. Aus ihrer ersten Ehe mit Josef Anton Schertler im Röhle stammen u.a. Hans-Marteles und Thedoros (z.B. Wachters und Steifs), aber auch Holzarschmiods Böhler Augusts Kinder und Schuhmachar-Köbs an der Kellhofstraße. Aus Rosinas zweiter Ehe stammen Köbo Ferdeles Vorsteher Ferdinand Köbs Kinder im Strohdorf mit sehr vielen Familien und Kliens im Oberfeld, Heimich Kliens Kinder. Ein älterer Zweig der Gerber leitet sich von Theresia Haltmayer, geboren 1781 als Tochter des (5a) Martin Haltmayer, ab. Sie war in Spetenlehen mit dem Schmied Hieronymus Böhler verheiratet. Von ihrem Sohn Jakob Böhler, dem ersten Schmied im Holz, stammen alle 20 Bild 10: Gerberei Haltmayer im Kirchdorf um 1920 (z.B. Geigers im Röhle, Guldenschuhs in Unterlinden, Sammar-Fischers, Liberat-Schwärzlers, Klimmer Alberts u.a.) Von Theresias Tochter Anna Maria Haltmayer, die 1848 den Wagner Fidel Bildstein im Röhle geheiratet hatte, stammen allein mehr als hundert Familien in Wolfurt, Bregenz, Lauterach und weit zerstreut bis in Amerika. Hier nenne ich nur, stellvertretend für viele andere die Lislo Gmeiner Kassians im Röhle Lohansolar-Bernhards und Seppatone-Köbs Einen besonders großen Zweig begründete auch Aloys Haltmayer, 1763-1844. Er war ein Enkel des (4a) Kaspar Haltmayer und besaß ein Haus im Gässele hinter dem Alten Schwanen. Seine Frau M. Kath. Schwerzler war eine Tochter der Katharina Haltmayer, geb. 1737 im Löwen, und des Dellenmoosmüllers J. Gg. Schwerzler (Siehe weiter unten unter Adlerwirts!). Aloys Haltmayers Tochter Katharina Haltmayer, 17921856, heiratete den Feger Xaver Albinger. Von ihnen stammen Schnidarles (Eberles, Schandarm-Fischers,...) Feogars (Albingers, Stenzels, ...) Hirschenwirts (Schertler Seppls im Flotzbach und Vonachs im Frickenesch) Hohls mit ihren vielen Familien an der Ach und im Röhle Metzgar Reiners und Frisör Reiners. Schließlich gehören zu dieser Sippe auch noch die Bäcker-Letsch im Hirschen mit unserem berühmten Maler Louis Letsch, 1856-1940, dem „Meister der Blume". 21 Holzerschmiods Noch älter ist der Zweig des Martin Haltmayer, 1732-1788, Schreiner auf dem Bühel. Er war ein Enkel des (3a) Georg Haltmayer. Von seiner einzigen Tochter Anna M. Haltmayer, die 1788 den Bildsteiner Lehrer Jakob Köb heiratete, der darauf das Schreinergeschäft übernahm, stammen u.a. die Familien der Schrinar-Köbs auf dem Bühel Gallar-Köbs (z.B. Aichholzers) Lehrar-Köbs Meßmars, Molars, Hilares, Seppatones,... Ebenfalls auf (3a) Georg Haltmayer geht ein weiterer bedeutsamer Zweig zurück. Seine Urenkelin Magdalena Haltmayer heiratete 1770 Joh. Michael Ibele aus dem Schwabenland. Von ihnen stammen nicht nur die vielen Ibele-Familien in Bregenz und Flötzars Vonachs im Frickenesch, sondern auch die Dörfler-Mohr (Dr. Hermann Mohrs, Lehrer Mohrs und Gebhard Mohrs Kinder, sowie Albingers im Strohdorf). B Stamm der Küfer Als Seitenstamm der Gerber spalteten sich in dem vom Gerber (5a) Martin Haltmayer im Jahre 1797 erbauten Haus in der Bütze die Küfer-Haltmayer ab. Das Stammhaus kam 1891 durch die Einheirat von Josef Heim an die Familie Heim. Im Jahre 1992 wurde es (Bützestraße 4) durch Helmut Heims Kinder von Grund auf erneuert. Zu dieser Linie gehören also die vielen Familien Heims in der Bütze. Von den elf Kindern des ersten Küfers (6b) Kaspar Haltmayer heiratete Anna Maria 1840 den Ferdinand Mesch an der Kirchstraße. Von ihnen stammen Mäschos und Hans-Irgos Eugen Rists Kinder. Von Kaspar Haltmayers Tochter Kreszentia stammten als Enkel auch noch Räschles die ehemaligen Flaschner im Tobel. Kaspars jüngster Sohn Ferdinand Haltmayer übersiedelte als Postbeamter nach Innsbruck, der Enkel Dr. Alfons Haltmayer als Mathematikprofessor nach Wien. Von dort hält der Urenkel Dr. Manfred Haltmayer, Jg. 1921, Verbindung mit der Stammheimat Wolfurt. Er war als Brigadier einer der ranghöchsten Ärzte im österreichischen Bundesheer. Als begeisterter Reiter hat er um 1970 die Hippo-Therapie mitbegründet. C Stamm der Adlerwirte In seinem Gasthaus in Rickenbach begründete Stammvater (2) Mathias Haltmayer, 1610-1684, das Geschlecht der Wolfurter Haltmayer. Um das Jahr 1800 verlegte (6c) Johann Haltmayer den Gasthof Adler von der Nordseite des Kellawegs an die Dornbirnerstraße. Bis 1904 blieb dieser in Familienbesitz, wenn auch durch Einheirat von Schwiegersöhnen nacheinander unter den neuen Namen Zumtobel, Fink und 22 Fischer. Alt-Vorsteher (9c) Joh. Georg Fischer, der hier auch eine Brauerei betrieben hatte, mußte den Adler schließlich 1904 verkaufen. Seither ist er unter wechselnden Besitzern und Pächtern ein angesehener Gasthof geblieben. Zu den sehr zahlreichen Nachkommen des Adlerwirts (9c) J. Gg. Fischer zählen Dr. Elmar Fischer, Jg. 1936, Generalvikar für Vorarlberg, und Richard Kurt Fischer, 1913-1999, Bildender Künstler in Innsbruck. Barbara Haltmayer, eine Schwester der Adlerwirtin (7c) Katharina, war mit dem Seiler Nikolaus Klocker verheiratet. Von ihr stammen die Soalar-Klocker an der Hub. Zwei wichtige Seitenlinien aus dem alten Adler gehen von (4c) Anton Haltmayer aus. Dessen ältester Sohn Kaspar Haltmayer, 1713-1748, hatte 1735 von der Wirtsfamilie Köhlmayer den zwei- Bild 11: Brigadier Dr. Manfred Haltmayer, Wien ten Rickenbacher Gasthof Löwen gekauft. Die Enkelin Katharina, geboren 1737, heiratete den Dellenmoos-Müller Joh. Gg. Schwerzler. Ihre Nachkommen sind die Schwärzler-Dynastien aus Schwarzach, zu denen u.a. die Schwarzacher Kohler und die Pircher-Schwärzler in Bregenz zählen. Von ihnen nenne ich hier nur Hans Kohler, Jg. 1947, Bürgermeister in Rankweil. Ein weiterer Sohn des (4c) Anton war Melchior Haltmayer, 1715-1772, der als Kronen-Wirt in Schwarzach hohes Ansehen gewann. Die Enkelin Maria Anna Haltmayer, 1744-1817, wurde in Rickenbach die zweite Gattin des Hofsteig-Ammanns Josef Fischer. Dieser hatte als Nachfolger von Kaspar Haltmayer den Gasthof Löwen übernommen. Von ihren neun Kindern stammen die vielen Familien der Löwenwirtler-Fischer Zu diesen zählen auch Rößlewirts (z.B. Müllers im Röhle) Märtolars (z.B. Geigers im Röhle und Kirchbergers) Sammars und Alt-Adlerwirts. Manche davon sind bereits weiter oben genannt und besitzen also aus mehreren Linien Haltmayer-Blut. 23 Noch eine ganz besondere Linie geht von Maria Haltmayer, 1671-1721, aus, der ältesten Tochter des Ammanns (3c) Kaspar Haltmayer. Sie wurde durch ihre Tochter Ursula Gmeiner die Stammmutter aller Spetenleher-Fischer. Einer ihrer Enkel in Spetenlehen war der vprhin genannte Löwenwirt und HofsteigAmmann Josef Fischer, der also ebenso wie seine Ehefrau Haltmayerblut vererbte an die Löwenwirtler und die weiter oben bereits genannten Familien. Ein zweiter Enkel war Josefs Bruder Joh. Martin Fischer in Spetenlehen. Von dessen Sohn, dem ersten Wolfurter Vorsteher Joh. Georg Fischer, 1760-1817,12 gehen noch einmal viele Linien aus: Schützenwirts in Spetenlehen Lammwirt-Fischers: z.B. Lehrer Mohrs, Vorsteher Hintereggers, Sternwirt Fischers Fischer Adolfs und Fischer Ruperts in Spetenlehen die Lutzo-Gmeiner in Spetenlehen und Ratzers im Strohdorf Fischer Hermanns und Fischer Alfreds auf der Steig Heims in der Bütze Nagler Kalbs im Tobel und noch viele andere. D Stamm der Kreuzwirte Im Jahre 1774 erbaute Anton Haltmayer, ein Sohn des Adlerwirts (5c) Andreas Haltmayer, auf dem Platz von zwei abgebrochenen oder abgebrannten alten Häusern den dritten Rickenbacher Gasthof Kreuz. Bis zum Tod von Josef, dem älteren Sohn des (9d) Johann Haltmayer, im Jahre 1931 blieb das schöne Haus in Familienbesitz. Beim plötzlichen Tod des zweiten Sohnes (lOd) Manfred im Jahre 1921 erwartete seine Braut ein Kind. So führt nun nach dem Enkel Manfred Füchsl, 1922-1984, die Linie weiter zu Füchsls am Wiesenweg. Aus früheren Kreuzwirt-Generationen sind zwar viele Kinder, aber nur wenige Enkel bekannt. Von (8d) Johann Haltmayer heiratete Tochter Paulina den Löwenwirt Franz Josef Fischer und wurde damit die letzte Löwenwirtin. Der bekannte Gasthof ist 1912 abgebrannt. Zwei weitere Töchter des Kreuzwirts, Maria Bild 12: Josef Haltmeyer, 1891-1931, Anna und Maria Katharina heirateten nacheinder letzte Haltmayer-Wirt 24 Bild 13: Die jüngsten Wolfurter Haltmayer (1999): Ingeborg, Norbert und Kurt Haltmayer mit ihren Ehepartnern. In der Mitte Reinhard, Jg. 1971. ander den Lammwirt Gebhard Fischer. Ihre vielen Nachkommen sind heute, wie auch die Löwenwirtler, weit in alle Welt zerstreut. Als einziger war Katharinas Enkel, der Sternenwirt Johann Fischer, in Wolfurt geblieben. Zu dieser Linie der HaltmayerNachkommen zählen also Heims Helga am Funkenweg und ihre Kinder. E Stamm der Stöoglar-Fischer Sogar aus einem fünften Haltmayer-Stamm leben noch Nachkommen in Wolfurt. Neben den Söhnen Kaspar und Georg hatte Adlerwirt (2) Mathias noch einen Sohn (3e) Josef Haltmayer, gestorben 1708. Dieser besaß nahe bei seinem Bruder Georg im Kirchdorf-Loch jenes Haus, das unter der Nummer Im Dorf 10 (Wolfs) im Jahre 1958 abgebrannt ist. Seine Urenkelin (6e) Ursula, Jg. 1798, heiratete Johann Fischer auf der Steig, den jüngeren Bruder des bekannten Sepp Fischer. Über Ursulas Enkel Hanne Fischer, 1866-1945, führt eine Linie zu dessen vielen Nachkommen Stöoglars an der Ach. 25 Noch einmal sei betont: Das sind zwar viele, aber noch lange nicht alle Wolfurter Haltmayer-Nachkommen. Einige von uns können sich jetzt vielleicht besser in dem riesigen Geschlecht zurechtfinden. Andere müssen weiter forschen. Hoffentlich wächst dadurch das Bewußtsein: Wir gehören zusammen! Siegfried Heim Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt (3) In Heft 20 und Heft 22 habe ich aus dem Leben der ersten dreizehn Wolfurter Vorsteher bis zum Jahre 1873 berichtet. Ihre Zeit war geprägt von Hungersnot und Arbeitslosigkeit, vom Beginn der Industrialisierung und den ersten Ansätzen zur Demokratisierung der Gemeinden. Ulmer, Burgen, 1925, S. 377 Ludewig, Vorarlberger an Hochschulen, 1920, S. 156 3 VLA, Taufbuch 181/1 4 Erhebungen von S. Heim im VLA und in den Wolfurter Pfarrbüchern, 1998 5 Welti, KellnhofWolfurt, aus LMV 1952, S. 8 6 GA Wolfurt, Schachtel 1804, Bericht aus alten Bücher I Heimat Wolfurt, Heft 13/1993, S. 21 und S. 28 ff. 8 Wie Anmerkung 6, GA Wolfurt, Schachtel 1804, Bericht aus alten Bücher 9 Schnell. Kunstführer 1324, Vlb. Landesarchiv, S. 3 10 Heimat Wolfurt, Heft 21/1998, S. 21 II Heimat Wolfurt, Heft 22/1999, S. 35 12 Heimat Wolfurt, Heft 20/1998, S. 11! 2 1 14. Joh. Martin Schertler (II.) Geb. 9.10.1841, gest. 18.4.1907 1879-1891 Die Wahlen von 1879 hatten also auch in Wolfurt das Übergewicht der Liberalen in der Gemeindestube beendet und wieder einen konservativen Schertler an die Spitze der Gemeinde gebracht. Schon sein Vater und sein Bruder waren ja Vorsteher gewesen.1 Trotz der vorangegangenen Auswanderungswelle nach Amerika war die Einwohnerzahl der Gemeinde bis zur Zählung von 1880 auf 1630 gestiegen. Darunter waren erst 31 Italienisch sprechende Trentiner. Aber deren Zahl würde in den nächsten 20 Jahren auf 231 anwachsen. In ihrer Armut und Ausgegrenzheit standen sie in den elenden Qartieren vor nahezu unlösbaren Problemen.2 Die 213 Bauern besaßen jetzt 426 Kühe, 254 Stück Galtvieh und 38 Pferde. Die meisten von ihnen waren hoch verschuldet. Nur zaghaft begannen sie, den Zusammenbruch des Getreide-Anbaus durch Steigerung der Milchwirtschaft auszugleichen. An der Hub und im Kirchdorf waren Sennereien gegründet worden. Erstmals bekamen die Bauern wenigstens ein paar Kreuzer für ihre Milch. Unter Führung von Oberlehrer Wendelin Rädler erbauten sie jetzt im Jahre 1882 sogar ein eigenes Bild 14: Vorsteher Joh. Martin Schertler, 1841-1907 27 26 Sennereigebäude am Röhle-Rank.3 Genau einhundert Jahre später ist es 1982 wieder abgebrochen worden. Viele Wolfurter arbeiteten wie die Trentiner in der Kennelbacher Fabrik. Außer für ein paar Knechte und Mägde gab es im Ort kaum Arbeitsplätze, am ehesten noch in den Gerbereien, Mühlen und Ziegeleien. Seine Brauerei betrieb der Adlerwirt ohne fremde Hilfe. Aus 4300 kg Gerste und 85 kg Hopfen braute er im ganzen Jahr 196 Hektoliter Bier. Einzig Zuppinger beschäftigte 1882 an den Drehbänken in seiner Spulenfabrik im Kessel bereits 45 Arbeiter. Aus 1500 Kubikmetern Holz verfertigten sie in einem Jahr über 1 1/2 Millionen Garnspulen im Wert von etwa 50 000 Gulden. Dazu begründete Joh. Walter Zuppinger mit seinen tüchtigen Söhnen zwei weitere Spulenfabriken mit jeweils über 100 Arbeitern, eine 1883 in Römerstadt in Mähren, die zweite 1891 in Freyung in Niederbayern. Zum Anlernen der dortigen Arbeiter nahm er etliche Werkmeister aus Wolfurt mit. Für die kleinen Leute hatte gerade das erste Stickerei-Fieber eingesetzt. Gebhard Fischer, Seppos auf der Steig, hatte 1869 eine Hand-Stickmaschine aus der Schweiz in Betrieb genommen und 1874 sieben weitere dazu gestellt. Das wirkte ansteckend. Im September 1883 konnte der Vorsteher bereits 34 Sticker mit zusammen 43 HandStickmaschinen melden. Im Jahr 1882 richtete er, einer Idee Rädlers folgend, im Schulhaus die erste Gemeindekanzlei ein. Sogar ein hauptamtlicher Gemeindeschreiber wurde in der Person von Lorenz Schertler, einem Neffen des Vorstehers, gefunden und angestellt. Mustergültig ordnete dieser nun die alten Akten und Bücher. Im Dachboden der Schule wurde dafür ein feuersicheres Archiv angelegt.4 Im Februar 1880 kam mit Joh. Gg. Sieber ein besonders aktiver neuer Pfarrer nach Wolfurt, der sich zusammen mit den Casino-Leuten entschieden gegen die immer noch mächtigen Liberalen wandte. Wöchentlich traf er sich mit Vorsteher, Gemeindearzt Dr. Elsler, Schulleiter Rädler und einigen anderen wichtigen Leuten in der hinteren Stube des Postmeisters und Sternenwirts Eduard Böhler, um das Gemeindegeschehen zu besprechen. Zuerst sollte der Friedhof erweitert werden. Dazu mußten ein neuer Pfarrhof erbaut, der alte samt dem Pfarrstadel abgebrochen und die Zufahrtsstraße verlegt werden. Für den Platz des Pfarrhofs wurde ein großer Fels weggebrochen. Die Steine fanden Verwendung beim Bau der Sennerei, für Wuhrmauern an der Ach und natürlich auch für den Neubau des Pfarrhofes. Für diesen hatte Pfarrer Sieber eine überdimensionale Planung mit großartigen Baikonen vorgesehen. Zwar reduzierte der Bauausschuß dieses Vorhaben, aber die Kosten beliefen sich schließlich doch auf 6954 Gulden und stürzten die Gemeinde in beachtliche Schulden. Über Betreiben des Pfarrers hatte die Gemeinde den Friedhof schon 1881 als Katholischen erklärt. Nun durften Andersgläubige und Selbstmörder nur mehr in einem Winkel ohne Grabschmuck beerdigt werden! Ausnahmen hat es für Bessere aber manchmal gegeben. Bild 15: Pfarrers Stadel, Pfarrhof, Kirche und Friedhof bis 1882. Eine Skizze von Engelbert Köb. Die Kirche erhielt 1885 durch die Schwarzacher Firma Behmann eine neue Orgel für den tüchtigen Organisten Fidel Kalb. Das Kirchenschiff ließ der Pfarrer durch Engelbert Köb prächtig ausmalen. Gemeinsam mit seinem Bruder Hilar schuf dieser auch einen neuen Hochaltar für das hochgeschätzte Flatz-Bild Maria Krönung. Für die weiten Wege der Leichenzüge schaffte die Gemeinde 1884 einen Todtenwagen an. Der Versuch der Gemeinde, gegen den seit 1881 im Adler bestehenden Sparverein eine Konkurrenz-Sparkasse zu errichten, scheiterte vorerst am Einspruch der Behörden.. Erst 1889 gelang dem unermüdlichen Rädler die Gründung seiner Raiffeisenkasse. Das Vereinsleben blühte auf. Für die Schützen kaufte die Gemeinde 1880 den bis dahin privaten Schießstand an der Hub. 1890 erhielten sie neue Gewehre und eine neue Fahne. Als Organist Fidel Kalb 1885 die Leitung der Musik übernahm, formte er sie durch zusätzliche Instrumente zu einer Türkischen Musik um. In Rickenbach bestand seit 1886 ein Turnverein. Für den Winter stellte ihm die Gemeinde als Turnraum zwei Klassen im alten Schulhaus zur Verfügung. Im Jahre 1889 erreichte Vorsteher Joh. Martin Schertler dann die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr. Bald wurden aber wieder alle männlichen Gemeindebürger als Hilfsmannschaft zu den alljährlichen Feuerwehrübungen verpflichtet. Den Wolfurter Männerchor hatte VorsteherSchertlerzusammen mit Postmeister Böhler und Organist Kalb schon in seinem ersten Vorsteher-Jahr neu gegründet. Sogar die politischen Gegner Zuppinger und Altvorsteher Fischer sangen im Baß mit. Als der Chor aber dem Kaplan ein Ständchen gesungen hatte, traten die liberalen Sänger geschlossen aus. Mit nur mehr 14 schwarzen Sängern mußte der Verein nach einigen Jahren aufgeben. Daneben wurden auch noch andere Sorgen an den Vorsteher herangetragen. Er mußte für die Einhaltung der Polizeistunde sorgen: Punkt 11 Uhr! Bei Übertretungen zahlte 28 29 der Wirt zwei, jeder Gast einen Gulden in die Armenkassa. Ruhestörer auf der Gasse wurden arretiert und mit ein bis drei Tagen Arrest bestraft. Selbverständlich mußten die Gasthäuser während des Sonntags-Gottesdienstes geschlossen bleiben. Und fast jede Ausschuß-Sitzung hatte sich mit Ehegesuchen zu befassen. Immer mehr Wolfurter überstiegen die alten Schranken und suchten sich fremde Frauen. Dafür mußte dann jeder 50 Gulden Weibereinkaufstaxe bezahlen. Sogar der Drechsler Joh. Gg. Anwander, der sich im fernen Römerstadt in Mähren am Aufbau von Zuppingers neuer Spulenfabrik beteiligte und dort 1887 seine Julia ehelichen wollte, mußte zuerst daheim in Wolfurt bare Gulden hinlegen! Die damit verbundene Gemeinde-Bürgerschaft konnte allerdings unendlich wichtig werden. So wurde etwa die nach Dornbirn zuständige todkranke Witwe Philomena Maier samt ihren zwei Kindern im August 1883 einfach aus Wolfurt mit dem Fuhrwerk nach Dornbirn abgeschoben. Dort ist sie ein paar Wochen später gestorben. Jetzt mußte sich Dornbirn um die Waisen kümmern.5 Langsam wirkte sich jetzt die Arlbergbahn auf die Wirtschaft aus. Das Loch durch den Berg band unser Land enger an die Monarchie. Kaiser Franz Joseph hatte die neue Bahn 1884 selbst eröffnet. Als er dann im Österreichischen Hof in Bregenz Audienz hielt, machten ihm auch Vorsteher Schertler und die ganze GemeindeVorstehung ihre Aufwartung. Begleitet wurden sie von der Musik, den Veteranen und den Schützen. Vorsteher Joh. Martin Schertler hatte sein Vaterhaus an der Kirchstraße (heute Nr. 11) übernommen. Seine erste Frau Maria Anna Halder war eine Tochter des (10.) Vorstehers Josef Halder. Sie schenkte ihm 6 Kinder. Die zweite Frau Juditha Fischer war eine Schwester des Kunsthandwerkers Johann Fischer, Schnidarles Hannes, der ihre Wohnung mit wunserschönen Möbeln ausgestattet hatte.6 Sie gebar ihm weitere 10 Kinder, die nun alle zusammen in Alt-Vorstehers Hus aufwuchsen. Tochter Maria wurde die zweite Frau des (13.) Vorstehers Adlerwirt Fischer und damit die Ahnfrau namhafter Enkel. Von Sohn Rudolf, bekannt als Zeichner, ChorVorsteher und Theaterspieler, stammen die Schuh-Meusburger. Sohn Albert hatte als Schuhmacher mit seinen Schwestern ein Schuhgeschäft in Wolfurt und ein zweites an der Kaiserstraße in Bregenz aufgebaut. Der älteste Sohn Josef wurde Kapellmeister und ab 1891 Gemeindeschreiber in der neuen Kanzlei. Von ihm hören wir im nächsten Kapitel beim Musikstreit. Vom jüngsten Sohn Siegfried, Lehrer in Mittelberg und in Hard, leben zahlreiche Nachkommen. Einer davon ist Roman Schertler an der Lorenz Schertlerstraße. 15/1 Lorenz Schertler 1891-1901 Geb. 2.10.1857, gest. 16.12.1936 Alle drei Jahre gab es Neuwahlen in den 18köpfigen Gemeinde-Ausschuß und noch immer waren sie hart umkämpft. Noch einmal trat der mächtige Altvorsteher Adlerwirt Fischer 1891 gegen den neuen Kandidaten der Konservativen um den Posten des Vorstehers an. Erst im dritten Wahlgang setzte sich der neue knapp mit 10 von 18 Stimmen durch: Lorenz Schertler, der tüchtige und beliebte bisherige Gemeindeschreiber, der gleichzeitig Ziegel-Fabrikant war. Adlerwirt Fischer mußte sich mit dem Posten des I. Gemeinderates begnügen. Die große und mit Doppelmayrs Dampfpresse hochmoderne Ziegelei im Flotzbach leiteten der Vater des Vorstehers und der Bruder Jakob.7 Die drei alten Ziegeleien an der Ach konnten Bild 16:Vorsteher Lorenz Schertler, 1857-1936 nicht mehr mithalten und wurden alle um das Jahr 1890 abgebrochen. Die Umstrukturierung der Landwirtschaft war jetzt in vollem Gange. Lehrer Rädler lehrte in Fortbildungskursen und Abendschule modernen Obstbau. 1894 wurde unter Patronanz des Vorstehers ein Viehzucht-Verein gegründet, der mithelfen sollte, den Milchertrag zu steigern. Neuen Streit gab es aber auch wieder. Diemal kam er von der Musik. Vorsteher J. Martin Schertlers ältester Sohn Josef, 1864-1898, hatte bei der Militärmusik gedient und war 1887 Kapellmeister bei der Wolfurter Blasmusik geworden. Er führte 1888 die ersten Vereins-Statuten ein und verlangte besseren Probenbesuch. 1893 trat er mit einigen Musikanten aus der Alten Musik aus und gründete mit neuen Statuten die Harmonie-Musik. Ein unglaublicher Streit um Fronleichnamsprozession, Christbaum-Feier und Neujahrs-Blasen war die Folge. Über gegenseitiges Stören hinaus kam es zu Raufereien und Ehrenbeleidigungen. Quer durch die anderen Vereine und sogar durch die Gemeindevertretung ging der Riß. Selbst als Kapellmeister Schertler 1898 plötzlich starb und der junge Franz Rohner die Stabführung der inzwischen an Mitgliedern und Leistungsvermögen weit überlegenen neuen Musik übernahm, dauerte der Streit an. Erst Vorsteher Schertlers Nachfolger Fidel Kirchberger gelang 1901 durch die Mithilfe von Lehrer Rädler ein Zusammenschluß der beiden Kapellen. Seit- 30 31 her nennt sich der Verein Bürgermusik Wolfurt. Franz Rohner wurde wieder Kapellmeister und blieb es unglaubliche 55 Jahre lang bis 1956. In Rickenbach war 1888 unter den acht Todesopfern, die eine vom vergifteten Brunnen ausgehende Cholera-Epidemie gefordert hatte, auch der verdienstvolle Mechaniker Josef Anton Dür gewesen. Sein Sohn und auch der Schwiegersohn waren mit der Führung der Mechaniker-Werkstätte überfordert. Im Herbst 1892 kaufte sie der Härder Schlosser Conrad Doppelmeyer.8 Nach der Überlieferung hatte Dür selbst seinen Betrieb schon ein paar Jahre früher seinem einstigen Lehrbuben angetragen. Sehr klein begann Doppelmeyer am Rickenbach. Noch nach sieben Jahren stand er im Steuerkataster zu den Gemeindewahlen 1900 mit 112 Kronen erst auf Platz 44, weit hinter Zuppinger mit 1076 Kronen und den vielen Wirten, Händlern und Stikkern. Das hat sich dann aber bald gewaltig geändert! Seine Nachbarn, die Gebrüder Gunz von der Mühle im Tobel, hatten 1896 ein erstes Kraftwerk gebaut und Strom für einen Motor und für elektrisches Licht erzeugt. Da schloß sich auch Doppelmeyer an. 1897 arbeiteten die Brüder Gunz ein Projekt zur Stromversorgung für die Gemeinden Schwarzach und Wolfurt mit einem größeren Werk an der Schwarzach aus. Sie verkauften es schließlich an den Rankweiler Ingenieur Albert Loacker. Schon im Jahr 1900 brannten die elektrischen Lampen in vielen Häusern der beiden Gemeinden, früher als anderswo im Land. Denn elektrischen Strom gab es seit 1886 zwar in der Schindler-Fabrik in Kennelbach und einige Jahre danach in den anderen großen Fabriken in Vorarlberg, kaum aber in Privathäusern. Der Vorsprung zahlte sich für Wolfurt bald aus. Im Jahre 1898 hatte man hier nämlich die ersten Schiffle-Stickmachinen aufgestellt. Bis jetzt wurden sie mit Dieselmotoren betrieben. Neue Maschinen wurden aber ab jetzt überall mit problemlos zu bedienenden Elektromotoren ausgerüstet. Diese Frankenmühlen lösten ab 1902 ein wahres Stickereifieber aus. Weil seit der dritten Durchmimmerierung der Häuser im Jahre 1843 über 50 neue Häuser im ganzen Dorf verstreut gebaut worden waren und bereits weitere im Bau waren, führte der Vorsteher zum 1. Jänner 1900 die vierten Hausnummern ein. Von Nr.l in der Höll führten sie bis zu Nr. 290 im Schlatt. Diese Nummern (D) wurden erst 1954 unter Bürgermeister Gunz durch neue mit Straßenbezeichnungen (E) ersetzt. Dreimal wurde Lorenz Schertler bei Gemeindewahlen ganz klar wiedergewählt, zuletzt im Jahre 1900. Doch dann wollte sein Vater die Leitung der Ziegelei an beide Söhne übergeben. Im Frühling 1901 legte Lorenz sein Amt als Vorsteher zurück. In der Not nach dem großen Weltkrieg holten ihn die Wolfurter dann aber noch einmal in das Vorsteher-Amt. 16. Fidel Kirchberger 1901-1906 Geb. 16.11.1853, gest. 27.5.1916 Im Mai 1901 mußte der Ausschuß für den zurückgetretenen Vorsteher einen Nachfolger suchen. Fast einstimmig fiel die Wahl auf den angesehenen Schuhmacher Fidel Kirchberger, der bisher als I. Gemeinderat schon Stellvertreter des Vorstehers gewesen war. Kurz zuvor hatte sich Kirchberger umtaufen lassen. Fidel Kalb war im Tobel als zwölftes von dreizehn Kindern der Familie Kalb zur Welt gekommen und als 14jähriger mit Mutter und Geschwistern nach Unterlinden (Kirchstraße 19; das alte Kirchberger-Haus ist um 1965 abgebrochen worden) übersiedelt. Bald zeigte sich bei dem jungen Schuhmacher eine besondere musikalische Begabung. Er wurde Organist, Leiter von Bild 17: Vorsteher Fidel Kirchberger, 1853-1916 Kirchenchor und Männergesangsverein und dazu 1885 auch noch Kapellmeister der Blasmusik. Im späteren Musikstreit litt er sehr unter seinem Geschlechtsnamen Kalb. Weil er hören mußte, ein Kalb könne kein Ehrenamt bekleiden, wechselte er im September 1895 durch Erlaß der k.u.k. Statthalterei seinen Namen auf Kirchberger. Nun konnte er Vorsteher werden. Die früheren Konservativen nannten sich seit 1896 Christlich-soziale Partei. Weil er zu ihrem endgültigen Durchbruch in der Wolfurter Gemeindestube maßgeblich beigetragen hatte, wurde Pfarrer Joh. Georg Sieber (1826-1902) im Juli 1902 zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde ernannt. Die Rickenbacher Liberalen nannten ihn wenig respektvoll Hans-lrg uf-m Bühol. Im November 1902 ist er gestorben. Am 15. September 1902 wurde die Wälderbahn eröffnet. Vergeblich hatten sich die Wolfurter lange Zeit um eine Trassierung auf dem linken Ach-Ufer bemüht. Auch Rädlers Eingaben um eine Normalspurbahn wurden abgewiesen. So war denn auch der Schmalspurbahn in der engen Schlucht keine gute Entwicklung beschieden. Nach einem langen Todeskampf wurde das Bähnle am 29. Jänner 1985 endgültig stillgelegt. Um Wolfurt besser an den Verkehr anzubinden, hatte Rädler schon 1897 begonnen, gemeinsam mit Dornbirn und Lustenau eine Straßenbahn von Kennelbach über Dornbirn nach Altstätten in die Schweiz zu planen. Vergeblich! Schon beim ersten Teilstück der Tram von Dornbirn nach Lustenau blieb der Erfolg aus. 32 33 Bild 18: Vorsteher Kirchberger mit seiner Familie beim Holzhacken vor seiner Stickerei in Unterlinden. Wie die meisten Handwerker legte jetzt auch der Vorsteher sein Schuhmacher-Werkzeug beiseite und baute an sein Haus in Unterlinden eine große Stickerei an. Dort holten sich er und seine Kinder ihren Anteil am Geldsegen aus der Schweiz. Fidel Kirchberger war mit M. Anna Fischer, Märtolars, einer Tochter des (9.) Vorstehers und Lindenwirtes J.Gg. Fischer, verheiratet. Von ihren 13 Kindern starben einige sehr früh. Georg, der als Jus-Student eingerückt war, fiel als erster Wolfurter Soldat im Weltkrieg. Die meisten der Kinder blieben ledig. Nach dem Tod der Eltern übersiedelten sie um 1925 in den Alten Schwanen im Kirchdorf, den sie von einer Tante geerbt hatten. Seither wird das ehemalige Gasthaus oft Kirchbergers Hus genannt. Eine Tochter heiratete nach Bregenz, der Sohn Albert nach Wolfurt. Die Familien der Enkel Loni und Bertel Kirchberger leben unter uns. 17. Ferdinand Köb 1906-1919 Geb. 27.7.1872, gest. 10.3.1957 Aus der Vorsteherwahl vom 5. November 1906 ging Ferdinand Köb als Sieger hervor. Nur eine Gruppe um den verdienstvollen Gemeinderat Engelbert Köb, Lehrers, versagte ihm die Gefolgschaft. Köbs Vater Johann Köb stammte aus Bildstein. Er war in Amerika gewesen und hatte dann in Wolfurt Rosina Haltmayer geheiratet, die vermögende Witwe nach dem Ziegeleibesitzer Josef AntonSchertlerim Röhle. Bereits ihrem ersten Gatten hatte sie elf Kinder geboren, nun folgten in ihrer zweiten Ehe weitere fünf, ehe sie mit 44 Jahren starb. Johann Köb mußte das nach einem Brand wieder aufgebaute Haus (Bregenzer Straße 15) verkaufen und 1889 mit seinem 15jährigen Sohn Ferdinand und dessen vier jüngeren Schwestern nach Unterlinden (Kirchstraße 13, Waibels) übersiedeln. Zehn Jahre später erhielt der tüchtige Ferdinand noch unter Vorsteher Lorenz Schertler die Stelle des Gemeindeschreibers. Und jetzt wurde er sogar Vorsteher, 13 Jahre lang und in ganz schwerer Zeit! Mit Otto Böhler (Steornowiorts Hans-Iorgos) als neuem Schreiber in der Kanzlei hatte er einen verläßlichen Helfer an der Seite. Bild 19: Vorsteher Ferdinand Köb, 1872-1957 35 Also wenigstens eine gute Brücke nach Kennelbach! Die alte Brücke von 1839 war ja nur ein privater Holzsteg für die Fabriks-Arbeiter. Fünf Jahre lang plante Rädler namens der Gemeinde verschiedene Varianten. Schließlich setzte er die allerneueste Idee durch, eine in Paris entworfene Stahlbetonbrücke. Am 24. Juni 1904 wurde sie eingeweiht. Die hohen Kosten von 62 477 Kronen sollten durch einen Brückenzoll hereingebracht werden. Damit hatte das Kirchdorf endlich einen guten Zugang nach Bregenz. Seit 1899 besaß Zuppinger das erste Telefon in Wolfurt. 1904 schloß Rädler sein Kalkwerk an der Telefonzentrale in Kennelbach an. Das Gemeindeamt erhielt erst 1914 einen Anschluß. Gemeinsam mit Schwarzach und dem größten Teil von Bildstein bildete Wolfurt einen Sanitätssprengel. Im Jahre 1902 baute nun Wolfurt für den langjährigen Gemeindearzt Dr. Embacher ein eigenes Doktor-Haus an der Hub. Der neue Pfarrer Adolf Nachbauer sammelte in kurzer Zeit 43 000 Kronen für neue Glocken. Die Rickenbacher hatten die Sammlung verweigert, weil sie ja die Glocken ohnehin nicht hören würden. Das Geld reichte aber auch so. Die sechs herrlichen Glocken, gegossen bei Graßmayer in Feldkirch aus alten Kanonen, kosteten 28 000 Kronen, die Aufstockung des Turmes um 7 Meter auf nunmehr 57 Meter kam auf rund 14 000 Kronen. Es reichte sogar noch für eine Uhr, die bei jeder vollen Stunde an fünf Glocken anschlug. Die Stickerei blühte. Es waren goldene Zeiten, wohl die allerbesten bisher für unsere Gemeinde. Mit dem Tod von J.W. Zuppinger 1903 und der Übersiedlung des Adlerwirts J.Gg. Fischer nach Götzis 1904 löste sich die liberale Partei auf. Ab jetzt vertraten mit Kreuzwirt Johann Haltmeyer und dem Müller Lorenz Gunz zwei konservative Politiker die Interessen der Rickenbacher. 34 Bild 20: Der Gemeindevorstand 1909: v.l. die Gemeinderäte Engelbert Köb, Lorenz Böhler, Gebliard Schertler, Vorsteher Ferdinand Köb und Gemeinderat Remigius Brauchle. Bild 21: Ein Stickereilokal von 1908, ausgestattet mit elektrischem Licht: Emilian und Philomena Büchele im Schlatt. Zunächst steuerte 1907 das Stickerei-Fieber seinem Höhepunkt zu. Handwerker gaben ihren Beruf auf, Arbeiter verließen die Fabrik. Wirte, Krämer und Bauern schafften sich Schiffle-Stickmaschinen an, mit denen man täglich 50 Franken verdienen konnte. Es wurde gebaut wie noch nie. Allein im Jahre 1907 entstanden 23 Neubauten. Darunter waren neben 13 Sticklokalen 7 Wohnhäuser und sogar 3 Villen im altdeutschen Stil: Villa Zuppinger an der Bahnhofstraße, Villa Schertler an der Lauteracherstraße und Villa Köb an der Bucherstraße. Der Mangel an Arbeitskräften und die hohen Löhne zogen Fremde an. Das Gemeindeamt notierte 450 Anmeldungen. Zwar folgte schon 1908 die erste Absatzkrise in der Stickerei. Aber bei der Volkszählung von 1910 ergab sich für Wolfurt doch die Rekordmarke von 2265 Einwohnern. Diese Entwicklung machte auch eine Erweiterung des Friedhofes notwendig. Nach Verlegung der damaligen Bucherstraße wurde auf Pfarrers Bühel ein neuer Friedhof angelegt. Für die ungeheure Summe von 32 000 Kronen ließ die Gemeinde nach Plänen des Bregenzer Architekten Rusch durch den Wolfurter Maurermeister August Klien eine Umrandung mit Arkaden errichten. Als die neuen noblen Grabstätten ab 1909 an die Familien versteigert wurden, erhielt die Gemeinde das meiste Geld wie36 der zurück. Am 29. Oktober 1911 wurde der obere Friedhof eingeweiht. Anläßlich der Erinnerungsfeier an den Aufstand von 1809 kam der Kaiser zum großen Festumzug nach Bregenz. Dort wurde neben der Post ein Anton Schneider-Denkmal enthüllt, das unter den Namen der wichtigsten Freiheitskämpfer auch Jakob Schertler aus Rieden nannte. Es brauchte viele Einsprüche der Wolfurter Gemeindevertretung und Beweisführungen durch den Vorsteher, bis die Bregenzer endlich 1914 die Inschrift auf Wolfurt berichtigten. Allzu gerne hätten sie den berühmten Schützen-Major, von dem alle Vorsteher Schertler-Familien in Wolfurt stammen, für sich behalten. Große Bedeutung hatte in diesen Jahren der Katholische Arbeiterverein. Schon 1899 war er noch unter Pfarrer Sieber als Gegengewicht gegen die in Vorarlberg beginnende sozialdemokratische Bewegung gegründet worden. Pfarrer Nachbauer hatte parallel dazu 1904 auch einen italienischen Verein Societa italiana dei Lavoratori für die vielen in Wolfurt lebenden Fabriksarbeiter begonnen.9 Nun erfaßte der Kath. Arbeiterverein weitere Bevölkerungsgruppen mit Jugendhort, Jungfrauen-Congregation, Mütter-Verein und sogar mit einem Pius-Verein für alte Leute. Im Jahre 1910 gründe37 te er auch noch mit dem Arbeiter-Turnerbund eine Konkurrenz zum seit 1886 in Rickenbach bestehenden liberalen Turnverein. 1913 konnte der-erste Bauabschnitt des Vereinshauses bezogen werden. Das gewaltige Hochwasser von 1910 verwüstete nicht nur Feldkirch. Auch die Dorfbäche traten über die Ufer und richteten schwere Schäden an. Tagelang stand das Ried unter Wasser. Mit Unterstützung durch Land und Staat wurde jetzt ein großzügiges Verbauungsprojekt in Angriff genommen. Zahlreiche Sticker, die durch die neuerliche schwere Krise von 1912 arbeitslos geworden waren, arbeiteten jetzt mit Schaufel und Karrette an den Dämmen des Rickenbachs. Auch beim Bau der Straße durch das Lauteracher Ried nach Lustenau gab es Arbeit. Die Partnergemeinden, zu denen auch Wolfurt gehörte, kauften drei Felder der abgebrochenen Rheinbrücke nach Widnau und stellten sie 1916 anstelle des alten Hochstegs über die Dornbirner Ach auf. Dort tut die romantische Holzbrücke (beim Sender) noch immer gute Dienste. Im Jahre 1907 hatte Franziska Dür, Düro Franzele, das erste Auto nach Wolfurt gebracht. Nun stiftete die reiche Rentnerin 1913 die große Grödner Krippe für die Pfarrkirche. Dann aber begann am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg. Am gleichen Tag noch wurden die ersten 100 Männer des Landsturms auf dem Platz vor dem Sternen vom Pfarrer verabschiedet. Sie rückten direkt an die Fronten in Serbien und in Galizien ein. Die ältesten vom Jahrgang 1872 waren 42jährige Familienväter. Etliche starben schon in den ersten Gefechten, andere fielen in Przemyl in russische Gefangenschaft. Das Kreuz inder Mitte des neuen Friedhofes wurde zum Kriegergrab, an dem immer mehr Namen aufgeschrieben werden mußten. Als Italien in den Krieg eintrat, rückten zu Pfingsten 1915 auch noch die Standschützen in den Gebirgskrieg in den Dolomiten ein. Unter ihnen waren grauhaarige Männer von 60 Jahren. Etwa 400 Wolfurter Soldaten standen schließlich an den verschiedenen Fronten. Daheim fehlten die Arbeitskräfte. Not setzte ein, die durch einen schweren Hagelschlag im Juni 1915 und eine Mißernte von 1916 noch verschärft wurde. Der Vorsteher stand mit Zwangsmaßnahmen zur Ablieferung von Milch, Mehl und Brennholz für die notleidenden Nicht-Bauern vor fast unlösbaren Problemen. Im Juli 1916 mußten die Kupferkessel als Kanonen-Metall abgeliefert werden, im September folgten ihnen die Glocken, auf die Wolfurt seit 1905 so stolz gewesen war. Schließlich forderte im September 1918 auch noch die Spanische Grippe hohe Opfer unter der geschwächten Bevölkerung. Am 3. November 1918 ging der Krieg zu Ende. Am anderen Tag wurden die Standschützen aus ihren Bergstellungen in die entbehrungsreiche italienische Gefangenschaft nach Albanien abgeführt. Von den anderen Fronten kehrten die Krieger nach Hause zurück. Nicht alle! Im Herbst 1919 kamen noch die ausgemergelten Standschützen aus Albanien und mit Engelbert Gasser am 19. April 1920 der letzte Gefangene aus Sibirien. 38 Viele aber waren in fremder Erde begraben worden, einige blieben vermißt. Als man 1930 für sie das Kriegerdenkmal baute, mußte man dort auf die Bronzetafel die Namen von 86 Gefallenen und Vermißten schreiben. Für Gott, Kaiser und Vaterland! Unter dieser Parole hatte man die Männer in den Krieg geführt. Nun waren der Kaiser verjagt und das Vaterland zerschlagen. Hoffnungslosigkeit breitete sich aus. In Bregenz wählte ein Soldatenrat beim Büchele-Beck schon am 2. November 1918 den Wolfurter Oberjäger Andreas Klocker zu seinem Anführer für eine geplante Revolution. Am 6. Dezember hielt der Lustenauer Lehrer Riedmann in Wolfurt eine Werbeversammlung für einen Anschluß an die Schweiz und bekam viel Beifall. Am 13. März 1919 wurde durch Postmeister Rudolf Böhler im Sternen eine Ortsgruppe der Bild 22: Der Arkaden-Friedhof mit den ersten Gräbern Christlichsozialen Partei gegründet. 1915. In der Mitte das Kriegerkreuz. Als am Ostersonntag, 20. April 1919, fremde Redner auch zu einer sozialdemokratischen Wahlversammlung ins Rößle einluden, wurden sie von aufgehetzten Buben und Jungmännern mit Ratschen, Trompeten und Schellen gestört und auf ihrer Flucht bis St. Antone an die Lauteracher Grenze verfolgt.10 Trotz dieser feindseligen Stimmung hatten die Sozialdemokraten in Wolfurt am 16. Februar 1919 bei der ersten Nationalratswahl im klein gewordenen Deutsch-Österreich doch 122 Stimmen erhalten.. Es war die allererste Wahl, bei der auch Frauen wählen durften und Steuerklassen keine Rolle mehr spielten! Viel mehr Stimmen, nämlich 551, wurden aber für die Christlichsozialen abgegeben. Bei der schon am 27. April 1919 folgenden Landtagswahl erreichten diese mit 567 Stimmen sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Damit zog jetzt auch Altbürgermeister Lorenz Schertler in unruhiger Zeit für vier Jahre in den Landtag ein. Seit 1909, als Vorsteher Ferdinand Köb fast einstimmig in seinem Amt bestätigt worden war, sollte nach der neuen Gemeindewahlordnung nur mehr alle fünf Jahre gewählt werden. Die 1914 fälligen Wahlen wurden aber wegen innenpolitischer Differenzen und dann wegen des Krieges verschoben. 39
  1. heimatwolfurt
19991101_Heimat_Wolfurt_23 Wolfurt 01.11.1999 Heft 23 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 1999 Bild 1: Rickenbach hat heuer seinen 750. Namenstag gefeiert. Hier die Kapelle und der Gasthof Kreuz auf einem Bild von 1910. Inhalt: 116. 117. 118. 119. 120. Dorfbrunnen Hexen in Wolfurt Adlerwirts Haus-Chronik Fronleichnamsschützen Gasthäuser Bildnachweis: Siegfried Heim Bilder 3, V, 11, 16, 17, 22 Sammlung Tschaikner Kopien 9, 12, 13, 14 Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr und Karl Hinteregger oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Ahnenforschung (Heft 22, S. 5) Einige Überraschung hat bei manchen Lesern die Nachricht ausgelöst, daß auch die Harder Köhlmeier ursprünglich eine Wolfurter Familie waren. Aber auch viele unserer heutigen Wolfurter Familien haben Köllmayer in ihrer Ahnentafel, so etwa die Stöoglar- und die Seppar-Fischer. Der in seiner Schreibweise mehrfach veränderte Name Köhlmeier hat wahrscheinlich einen Bezug zum Gericht Kell-Hof im Kirchdorf, vielleicht auch zum schon 1340 genannten Gut kelun, dem heutigen Kella. Die Krone (Heft 22, S. 7) Ganz genau haben Luzias Verwandte und natürlich auch die einstigen Gäste der nun schon beinahe vergessenen Krone den Beitrag studiert. Emil Herburger ergänzt dazu, daß die Gründungsversammlung der Turnerschaft Wolfurt am 22. Dezember 1946 in der Krone kein Zusammenschluß der Vereine gewesen sei, weil der liberale Turnverein die Wirren des Krieges nicht überstanden hatte. Die aus dem Kriege heimkehrenden Turner sammelten sich alte in der neuen Turnerschaft und übernahmen auch die im Jahre 1924 geweihte Vereinsfahne des aus dem Katholischen Arbeiterverein hervorgegangenen Turnerbundes. Anton Klettl hatte sie während des Krieges versteckt gehalten. 750 Jahre Rickenbach (Heft 22, S. 7) Für alle Wolfurter erhält der Beitrag über Wolfurt und die Mehrerau heuer durch die große Sommerausstellung des Landes Vorarlberg besondere Aktualität: Unsere Mutterkirche Mehrerau feierte! Ausgestellt war auch das Original der Papst-Urkunde von 1249. Hard hat das 750-Jahr-Namensfest wegen des Bodensee-Hochwassers zuerst verschoben und im September dann mit der Herausgabe eines schönen Buches gefeiert. Auch Schwarzach hat sich des historischen Termins erinnert. In Rickenbach war er Anlaß, sich um die beiden ältesten Wolfurter Bilder zu kümmern. Das 14-Nothelfer-Bild, im Jahre 1676 von Adlerwirt Mathias Haltmayer für eine Kapelle im Schlaft gestiftet und von dort 1914 in die Kapelle Rickenbach übertragen, bedarf dringend einer Restaurierung. Dann soll es endlich wieder den Gläubigen und den Kunstfreunden zugänglich gemacht werden. Das Hochwasser-Votivbild haben alle Rickenbacher gemeinsam nach einem Gelübde für die Errettung aus Hochwassergefahr im Jahre 1702 gestiftet. Von der Brücke beim Mohren wurde die Dreifaltigkeits-Kapelle schon vor vielen Jahren an den Anstieg der Bildsteiner Straße verlegt. Beim Besitzerwechsel des Gunz-Hauses gelangte das historisch für Rickenbach so bedeutsame Bild im Jahre 1996 leider in das Depot unseres Landesmuseums in Bregenz. Es gehört aber nach Rickenbach! Bitte! Diesem Heft 23 liegt wieder ein Erlagschein bei. Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11. A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard. A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan. A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Gcs.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Richard Kurt Fischer (Heft 22, S. 49) Bei einem Vortrag über die Rickenbacher wurden erstmals in Wolfurt Bilder des Tiroler Malers vorgestellt. Interessierte Zuhörer haben in der Folge Fischers Bildband Auf den Flügeln des Geistes im Gemeindearchiv ausgeliehen. Inge Stenzel hat sogar schon die Fischer-Kapelle in Arzl besuchen wollen, stand aber vor einer verschlossenen Tür. Sie will wiederkommen. Aus Innsbruck erfahren wir, daß Richard Kurt Fischer am 13. Oktober 1999 im Alter von 86 Jahren gestorben ist. Su-Biorar (Heft 22, S. 52) Wie schon vorher in den Zeitungen hat der Bericht über die Wolfurter Spezialität ein besonderes Echo ausgelöst. Altbürgermeister Emil Geiger erzählte, daß es früher auch ganz große Su-BiorarBäume gegeben habe. Einen besonders großen habe er selbst als junger Bursch um 1938 im Röhle um-to (gefällt). Nur die vier Rot-Biorar (Mostbirnen) seien noch größer gewesen. Die Nachbarin Rosmarie Schertler wußte, daß Kapeollars Hus früher einer Familie Flatz gehört habe. Wieso denn dann ein Kaspar Dür den Baum gepflanzt habe? Richtig! Die Dür-Erben verkauften das um das Jahr 1805 erbaute Haus schon 1860 an Kaspar Stadelmann aus Buch. Von ihm erbte es 1873 ein Peter Flatz aus Buch, der es dann 1885 an den jungen Zimmermann Ambros Flatz und dessen Frau Theresia Roth übergab. Hier sind deren Kinder Josef (Flatzo Beppe), Isidor, Franziska (verh. mit Franz Lang), Berta (verh. mit Xaver Very Fink) und Augusta (verh. mit Fritz Pehr) aufgewachsen. Erst als Vater Flatz um 1900 sein neues Haus an der Unterlindenstraße (Isidoros) erbaut hatte und mit seiner Familie dorthin übersiedelt war, konnte der Spinnereimeister Lorenz Rohner (Vinälars) mit seinen vielen Kindern im Röhle einziehen. Ihr Haus an der Ach (beim späteren Wälderhof) hatten sie 1897 durch einen Brand verloren. Der Sohn Franz Rohner hat dann schon 1901 die Kapellmeisterstelle bei der Bürgermusik übernommen. Und er hat auch als erster unseren kostbaren Su-Biorar gebrannt! Schnaps-Brenno (Heft 22, S. 59) Gefreut hat mich das Kompliment einer Leserin: / heo gat gmoant, i schmeck do Schnaps! Unser Dialekt ist in einer sehr schwierigen Umbruch-Situation. Noch wissen wir nicht, ob er in wenigen Jahrzehnten eine von der Allgemeinheit kaum mehr verstandene Museums-Sprache sein wird oder ob er sich unter den vielen Einflüssen unserer Zeit zu einem Gebrauchs-Slang wandelt. Für Anregungen und Kritik zu der Serie So heo s i ghört wäre ich daher besonders dankbar. Bild 2: Tante Cecilia mit ihrer Schwester Margaret am Grab ihres Großvaters in Pinckneyville. Grüße aus Amerika In Pinckneyville, Illinois/USA feierte im August 1999 Frau Cecilia Ruppert, eine Enkelin des Wolfurter Auswanderers Mathias Schneider, bei guter Gesundheit ihren 101. Geburtstag. Ihre Nichte Louise Grobl übermittelte uns Grüße und Fotos. Beste Wünsche von uns an die älteste „Wolfurterin" im fernen Land! Gute Nacht! (Heft 22, S. 57) Überrascht und erfreut über das Gedicht ihres verstorben Mannes zeigte sich Frau Maria Repolusk. Sie bedankte sich dafür mit einem wunderschönen Bildbändchen, das sie mit ihren geschickten Fingern selbst geschaffen hat. Ihre Bekannten wissen längst, wie viel Freude Frau Maria mit ihrem Kunsthandwerk immer wieder schenkt. Danke! 4 5 Siegfried Heim Der Dorfbrunnen Unser Dorfbrunnen plätschert wieder! Aus der großen Wasserstube am Waldrand droben, die unser Wassermeister sorgsam im Erdreich geborgen hält, fließt nach langen Jahren endlich wieder köstlich frisches Waldwasser in die neuen Sandsteintröge am Dorfplatz. Sogar die alte schön gezierte gußeiserne Brunnensäule haben sie wieder aufgestellt. Am 3. Juli 1999 sprach Pfarrer German Amann seinen Segen über den neuen Brunnen und Bürgermeister Erwin Mohr ließ unter dem Beifall vieler Gäste den Absperrhahn öffnen. Seither trinkt wieder mancher Durstige von dem "lebendigen" Wasser, Kinder spielen begeistert am Trog, Sport-Radfahrer bleiben stehen und suchen Kühlung. Meine Freude darüber wird noch größer, seit ich gesehen habe, daß die Gestalter des neuen Dorfplatzes sogar dem Töbelebach wieder einen Winkel der Freiheit gegeben haben. Ein richtiges Naturbächlein sprudelt durch die Wiese, bringt die Kinder zum Staunen und erquickt unser Herz. Vom Bach aus ist unser Kirchdorf entstanden. Durch Jahrhunderte war der Brunnen sein Mittelpunkt. Dann ist das Herz des Dorfes an dem Übermaß von Autos und Asphalt erkrankt. Jetzt ist es sichtlich auf dem Weg der Besserung. Den verantwortlichen "Ärzten" sei herzlich gedankt! Bei der Grundbuch-Aufnahme im Jahre 1903 ließen 60 Hausbesitzer im Kirchdorf ihr Wasserbezugsrecht am Dorfbrunnen eintragen. Am Rickenbacher Brunnen taten das 22 Eigentümer, 5 in Spetenlehen, 15 an der Hub, 25 im Strohdorf und 11 am Unterlinden-Brunnen.1 Viele Häuser besaßen aber damals auch schon zusätzlich eigene Laufbrunnen oder wenigstens Golggar-Pumpbrunnen. Zu den 60 Dörfler Brunnengenossen von 1903 gehörten die Häuser im Dorf, im Gässele, im Loch und im Tobel, dazu die an der Kirchstraße bis hinaus zum Hirschen und an der Bregenzerstraße bis zu Hannes Franz und Rößlewirts im Röhle, an der Kellhofstraße bis hinab zu Rädlers und Mohrs und droben alle Häuser auf dem Bühel bis zur Feldeggstraße, sogar noch das Fabrikshaus am Hexenbühel und auch der Pfarrhof. Zum neuen Pfarrhof hatte man aber schon 1882 eine eigene Leitung verlegt und sieben Anteile daran den Leuten auf dem Bühel für ihre eigene Waschhütte an der Oberfeldgasse überlassen. Das Überwasser davon bekam noch das darunter angrenzende Gerbe-Wohnhaus. Das Überwasser des Dorfbrunnens speiste den Kleinen Brunnen an der Kreuzstraße und den Brunnen in der Dörfler Waschhütte unterhalb des Schwanengartens. Wenn die privaten Brunnen in heißen Sommern austrockneten oder im strengen Winterfrost erstarrten, dann bestanden alle Bauern auf ihre alten Rechte am Großen Brunnen am Dorfplatz Sie führten ihre Kühe dorthin an den stets peinlich sauber gehaltenen Tränkbrunnen und wuschen allerlei Gerätschaften im kleinen Becken des Sudel6 Bild 3: Der neue Dorfbrunnen 1999 brunnens. Die Frauen tauschten meist noch ein paar Neuigkeiten aus, ehe sie ihre schweren Wasserkübel heim in die Küche schleppten. Ein Brunnenmeister sorgte für Reinlichkeit und Instandhaltung und verwaltete die Brunnengelder und die alten Brunnen-Briefe. Er kümmerte sich auch um den Brunnenwald, aus dem man die schlanken Tannen holte, die man für die Düchel, die langen Holzrohre der Zuleitungen, benötigte. Als die HofSteiger 1795 den Ippachwald aufgeteilt hatten, waren die drei allerersten Parzellen an der alten Bucherstraße für den Dorfbrunnen bestimmt worden. Der Brunnenmeister lud alle Jahre die Brunnengenossen zur Versammlung in den alten Schwanen oder ins Rößle, legte Rechenschaft ab und ließ über neue Vorhaben abstimmen. Durch mehrere Jahrhunderte funktionierte diese Brunnengemeinschaft. Ab 1950 begann ein Umdenken. Für die vielen neuen Häuser auf den Büheln und in den Feldern mußte die Gemeinde ein Wasserwerk erstellen. 1953 wurde das erste Pumpwerk bei der Schule Strohdorf eingeweiht. Jetzt bekamen alle Hausfrauen ihr Fließwasser in Küche und Bad eingeleitet. Für die meisten Kühe gab es nun Selbsttränker im Stall. Die Pümpbrunnen wurden fast alle verschrottet, viele von den insgesamt 52(!) alten Laufbrunnen abgebrochen. Die Autos beanspruchten deren Platz. Zuerst mußte der Kleine Brunnen beim Haus Kreuzstraße 1 der Straßenverbreiterung weichen, dann auch die beiden Waschhütten im Dorf und auf dem Bühel. Die Brunnengenossen zeigten kaum mehr Interesse am Dorfbrunnen. Als einer der letzten tränkte dort noch der Engelwirt seine paar Kühe. Der Schwanenwirt bürstete im Sudelbrunnen seine Ladenregale. Dann gaben auch sie auf. Ohne Brunnenversammlung vertrauten sie den Brunnenwald und den Brunnen der Gemeinde an. Sie stellten aber die Bedingung, die Gemeinde müsse "auf ewige Zeiten" die Dörfler mit Wasser versorgen. Nun ließ der Bürgermeister den Brunnen an die Gemeindeleitung anschließen, allerdings mit einem wassersparenden engen Spritzrohr. Ein Jahrzehnt später wurde auch 7 dieses verschlossen. Der undicht gewordene Trog mußte abgetragen werden. Noch viele Jahre bis etwa 1985 stand die tote alte Brunnensäule einsam am Straßenrand, eine anklagende Mahnung in unserer nur mehr dem Wachstum und dem Fortschritt huldigenden Zeit. Dann verschwand auch sie im Schuppen des Bauhofes. Als letzter Brunnenmeister hatte Schrinars Seppl (Sargmacher Josef Bernhard) die wertvollen Brunnenbriefe von seinem Vater Hannes übernommen und auf einem Sims in der Schreinerwerkstatt aufbewahrt. Verärgert über das Geschehen in den letzten Jahrzehnten und ohne Hoffnung auf Änderung, holte er sie am 22. Juni 1981 herab und drückte sie mir in die Hand: Kast toa damit was d' wit! Seither bin ich statt der verschwundenen Brunnensäule ein oft unbequemer Mahner für den Brunnen und auch für den Bach geworden. Die Brunnenbriefe Die Dörfler Brunnenbriefe gehören zu den ältesten Wolfurter Dokumenten. Der von 1517 ist sogar das allerälteste in unserem Gemeindearchiv. Nur wenige Wolfurt-Pergamente im Landesarchiv und in Freiburg sind älter. Als Beginn der Neuzeit nehmen die Geschichtsbücher das Jahr 1492 mit der Entdekkung Amerikas an. Ebenso geeignet wäre das Jahr 1514, als Kopernikus erstmals die Sonne im Mittelpunkt des Weltalls verkündete und damit die kommenden Reformationen und Revolutionen des Geisteslebens einleitete. Von beiden wußte man bei uns im Lande noch nichts. Aber eine neue Geisteshaltung, ein Aufbegehren gegen bisher als unveränderlich betrachtetes Tun und Denken, machte sich auch bei uns bemerkbar. Sebastian Schnell führte damals die Wolfurter in die neue Zeit.2 Sein Haus stand im Dorf am Anfang des Weges zum Schloß.3 Zwischen 1496 und 1540 wählten ihn die Hof Steiger mehrmals zu ihrem Ammann. Als solcher brachte er 1512 den Ausgleich zwischen den mächtigen Klöstern Mehrerau und Weißenau zustande, deren Interessen an Hofsteig und Kellhof sich seit Jahrhunderten gekreuzt hatten. Jetzt fanden sie sich in der gemeinsamen Gründung der neuen Pfarrei St. Nikolaus in Wolfurt. Die erste Zeile des Stiftungs-Pergaments nennt den Namen. Ich Sebastian Schnell, der Zeit Ammann im Hofstaig ....4 Mit diesem Akt lösten sich die Wolfurter aus der übergroßen Pfarrei St. Gallus in Bregenz. Auf dem Kirchplatz wurde neben der Stiege das tantzhus errichtet, eine große überdachte Laube, in der Graf und Vogt Gericht hielten, und die den Kellhofern wohl auch als Ratsstube diente. Zur Laube aber plante Bascha Schnell einen Brunnen, wie man ihn bisher nur in den Städten gesehen hatte. Fast tausend Jahre lang, seit sich die Alemannen hier am Tobelbach niedergelassen hatten, schöpften die Bauern ihr Trinkwasser aus dem Bach. Am Bach tränkten sie ihre Haustiere und hier wuschen die Frauen ihre Wäsche. Und auch wenn die Feuersbrunst die kleinen strohgedeckten Holzhäuser bedrohte, rannte alles mit Lederkübeln um Löschwasser an den Bach. Aber nicht immer führte dieser genug Wasser. 8 Bild 4: Brunnenbrief von 1517:.... bisher großen Mangel... an gueten Trunkh waßer.... Dem wollte Bascha Schnell abhelfen. Oberhalb seines Hauses sickerte aus dem zum Schloß gehörigen Weinberg eine Quelle. Das Bächlein wurde (so steht es im Hofsteigischen Landsbrauch) an Schnells Haus vorbei in den kelnhofbach geleitet. Jetzt erbat er sich beim Schloßherrn Jakob Leber, der gerade von Kaiser Maximilian geadelt worden war und sich jetzt Junker Jakob von Wolfurt auf Wolfurt nannte, das Recht auf die Quelle. Er erhielt es auch, allerdings gegen jederzeitigen Widerruf! Ein feierlicher "Brief wurde erstellt, ähnlich wie bei der Stiftung der Pfarre fünf Jahre vorher. An das Original hängte Ammann Schnell sein Siegel. Mit dem Geschlecht der Ritter von Wolfurt ist der Brief längst verschwunden, zu Staub geworden. Die Abschrift aber, die der Ammann seinem Brunnenmeister übergab und die dieser getreulich mit den späteren Briefen seinen Nachfolgern aushändigte, die blieb erhalten, bis Schrinars Seppl sie schließlich mir überließ. Seit 1517, nun schon beinahe 500 Jahre! Allerdings dürfte um das Jahr 1764 eine neue Abschrift angefertigt worden sein, die dann mit den folgenden drei Briefen zusammengeheftet wurde, um sie zu sichern. Einen gekürzten Auszug wollen wir hier abdrucken: Wür Amman Richter und Gemain Inwoner des vorderen Theils des Dorfs, bey und under der Pfar Kirchen zu Wohlfurth, im Hofstaig .... Als wür und unßere vordem bisher großen Mangel und Gebrechen gehabt habend an gueten Trunkh waßer, Leuth und vieh zu gehörig haben wür 9 gemainiglichen den Edlen und Vesten Jakoben von Wohlfurth uf Wohlfurth gebeten, uns Seinen Brunnen auf und in Seinem aigenen guet in Wohlfurth under den Reben gelegen durch Tüchel in das Dorf Wohlfurth.... zu Lauen und füran zu vergunen geruhen .... in unßern Kosten ihme ohn allen schaden herab gen Wohlfurth in ein Brunen Beth zuführen und laiten.... .... als dan er auch, Seine Erben und nachkommen, über Kurz oder lange Zeit wen Sie wöhlendt Solches Waßer und Brunen .... widerum absagen.... .... so hat der ehrsame wis Sebastian Schnell dißer Zeit Kais. Landamman im Hofstaig, von allen in Wohnern und Brunnen Genossen ... Sein aigen In Sigl an dißen Brif gehenckht, der gegeben ist auf Sancta Philipe und Jakobs Tag, Appostolorum. Nach Christi geburth gezelt, Tausend, fünf hundert, und Siben zehen Jahr. Das Fest der Apostel Philip und Jakob wird am 1. Mai gefeiert. Demnach ist das genaue Urkundsdatum der 1. Mai 1517. Im gleichen Jahr mußte sich Ammann Schnell übrigens noch namens der Hofsteiger mit den Plänen der Stadt Bregenz auseinandersetzen, die zum Bau der ersten Brücke bei Lauterach über die Ach führten und die der Wolfurter Furt viel von ihrer einstmaligen Bedeutung nahmen. Der zweite Brunnenbrief ist wesentlich jünger, aber nun auch schon fast 270 Jahre alt. Er trägt die Überschrift Extract 1731 den 21ten Cristmonath und berichtet von 42 Brunnengenossen, die durch immer wieder erneuerte Tüchel das Wasser vom Schloß und aus dem Tobel auf den Dorfplatz leiteten. Der schon 1723 verstorbene Hofsteigammann Jakob Schneider hat zu seinem neuen Haus, das weit außerhalb des Dorfs gegen Unterlinden zu stand, einen eigenen Brunnen erbaut. Seine Erben zahlen, wie auch die acher, keine Brunnenbeiträge. Der jetzige Ammann Jerg Rohner hat zu seinem Gasthaus ebenfalls einen Brunnen erstellt. Dieser, später beim Haus Kreuzstraße 1 als Kleiner Brunnen bezeichnet, bezog sein Wasser aus einer Abzweigung von den Tücheln des großen Brunnens: .... Die Weillen Man ein Theil saul gemacht in Marthin gigers Büchel.... Seit Ammann Rohner 1728 den Gasthof an seinen Sohn Anton übergeben hatte und zu seiner dritten Frau nach Rickenbach übersiedelt war, wehrten sich die anderen Brunnengenossen, weil .... der Brun quel nicht allezeit im stand ist, das er 2 Brunen dreiben Mag.... Sie wollten an den Kleinen Brunnen nur Wasser liefern, wenn sie selbst Überfluß hatten, .... mit dem geding das der Brunen bey der Dantz Lauben allezeit ein Rohr voll wasser haben Solle .... Der Brunnenmeister übernahm den Schlüssel zum Theil saul. Diese Scheidesäule stand oberhalb vom Haus Schloßgasse 1 (heute Stenzlers). Dort, wo 200 Jahre früher der Ammann Sebastian Schnell daheim gewesen war, wohnte jetzt Martin Geiger, der Stammvater vieler Geiger-Familien im Röhle, in der Höll und in Unterlinden. 10 Bild 5: Der alte Brunnen um 1920 mit Dorfbach und Waschhütte Der dritte Brunnenbrief vom 15. Jänner 1764 schlichtete einen Streit zwischen der Brunenschaft bey der Tanzlauben und den vier Höfen im Holz. Wegen des häufigen Wassermangels war eine weitere Wasserstube am schwärzen Bach durch eine TüchelLeitung mit dem Dorfbrunnen verbunden worden. Das Durchleitungsrecht mußte die Genossenschaft nach einem vor dem Hofsteig-Gericht ausgetragenen Streit von Michael Gmeiner für drei Gulden erkaufen: .... in gegen warth Bedter angeregten Parteyen, und mit vihlen zu reden in Einen Ver glich Ein gestanden, welcher auf Solche arth beschehen, daß der klagende Michael gmeiner für den erfolgenden schaden, wo die Teüchel 80 schrith über sein acker und Hey Boden geführt werden Müßen,.... Selben betrefenden Boden 2 schuh breith ab er kauft worden durch die Intreßenten pro 3 f.... zu all und Ewigen Zeiten. Der Brief trägt bei den vier Unterschriften auch die jenes Holzmüllers Johann Stadelmann, der im Jahre 1772 von den allerletzten Adeligen das Schloß Wolfurt kaufte und dort als Schloßbauer durch seinen Schwiegersohn Franz Xaver Köb die Sippe der Schloßburo-Köbs begründete. Der vierte Brief ist ohne Datum, wurde aber vermutlich gemeinsam mit dem dritten geschrieben. Er faßt den Inhalt der anderen drei zusammen. Dazu wird berichtet, daß .... die Brunen Intreßenten al Jährlich darführ eine heilige Meß applitziren lassen, abends des St. Martini Bischofen .... Es wird auch festgehalten, daß sogar die Bauern im Holz in Notzeiten Zugang zur Dörfler Brunnenstube bekommen sollen. Ganz am Ende ist noch ein besonderer Satz angefügt. Zu Wissen d. ein jewelcher Brunen Maister Bey Entlaßung Seines ambts die vor geschribnen Brunen brif, dem Neyen Brunen Maister wider ordentlich zu banden geben Solle! 11 Das haben die nachfolgenden Brunnenmeister denn auch alle getreulich getan - bis 1981! Der fünfte Brief stammt aus dem Jahre 1816. Die alten Gerichte Hofsteig und Kellhof waren jetzt aufgelöst worden. Von Bregenz aus regierte der K.K. Landrichter Dr. Moosbrugger. Dieser präsentierte nach Lokalaugenschein und Anhörung beider Parteien im alten Schwanen seinen Akt und stellte nach Einhebung der fälligen Gebühren die Abschrift einer neuen Brunnenordnung zur Verfügung: Actum Wolfurth den lten Juny 1816 in der Schwanenwirths behaußung Das Dorf hatte sich durch den Bau vieler Häuser stark ausgeweitet. Alle brauchten Wasser. Aus den 42 Brunnengenossen von 1731 waren genau 70 (siebzig!) geworden. Neben den alten Häusern in Dorf, Bühel, Tobel und Loch erstreckte sich das Einzugsgebiet jetzt hinaus ins Röhle bis zu den Häusern B 8 (B nach dem Bayerischen Kataster) und 8 1/2, das sind heute Bregenzerstraße 21 und 22, Kapeollars und Schädlars. In der Bütze ging es nach Norden bis zu B 45 und 46 (Bützestraße 4, Heims, und Rittergasse 1, Mohrs), nach Westen sogar hinab bis B 52 (Lauteracherstraße 5, Thaler-Kressers). Und auch von der Kirchstraße her durften noch die Bewohner von B 71 (Kirchstraße 27, Kalbs) Wasser vom Dorfbrunnen holen. Heute unvorstellbar weit! Auch wenn man damals nur sehr wenig Vieh hatte und viele Bauern dieses noch weiterhin im Dorfbach tränkten, mußte die große Zahl zu Reibereien führen. 17 Anwohner von Kirchstraße und Feldgasse (das ist die heutige Kreuzstraße) hatten daher ihren Kleinen Brunnen neu erbaut und verlangten von den anderen eine Beteiligung an den Kosten, Der Schiedspruch sagt ihnen dies auch zu. Neu ist, daß sich die vielen neuen Häuser nur an einem Viertel der Brunnenkosten beteiligen müssen. Sie haben nämlich keinen der damals so wertvollen Waldteile bekommen, die alten aber schon und der Brunnen selbst den allerschönsten. Die anderen drei Viertel werden an die alten Genossen verrechnet, und zwar zur Hälfte nach dem Schätzwert von deren Häusern, zur anderen Hälfte nach deren Viehstand. Ein recht kompliziertes Verfahren, das die damals noch des Schreibens kaum kundigen Bauern erstmals mit Fragebogen konfrontierte! Aber jetzt regierten kaiserlicher Absolutismus und Bregenzer Beamtenmacht. Dagegen murrte man vorerst nur im Stillen. Der Brief trägt die Unterschriften von 28 Wolfurter Bürgern. An deren Spitze unterfertigte Johann Georg Fischer, der allererste Gemeinde-Vorsteher. Er wohnte in Spetenlehen und war natürlich nicht Brunnengenosse im- Kirchdorf. Aber seine Unterschrift macht deutlich, welche Bedeutung man dem Brunnen zubilligte. Der Landrichter Dr. Moosbrugger beglaubigte die Unterschriften am 18. Juli 1816. Bild 6: s Wäschhüttle auf dem Bühel um 1960 Schon sieben Jahre später mußten 1823 gleich vier Brunnenhriefe erstellt werden. Zu schwierig war die Brunnenrechnung nach den amtlichen Vorschriften von 1816 geworden. Diese umfangreichen Aufschreibungen ermöglichen uns aber heute höchst interessante und aufschlußreiche Einblicke in das Besitztum der damaligen Bauern. Zunächst zählt der sechste Brief die jetzt 71 Häuser des Kirchdorfs auf. Seit 1816 sind zwei weggefallen, drei andere kamen dazu. 71 Berechtigte an einem Brunnen! Von Steuerfachleuten wurde der Wert der Häuser eingeschätzt. Die Schätzsumme für die 57 alten Häuser betrug 23 981 Gulden, demnach etwa 420 Gulden für jedes Haus. Am höchsten wurden der von Ammann Fischers Sohn groß umgebaute Gasthof Engel (B 14) mit 850 fl und der Gasthof Rößle (B 21) mit 825 fl bewertet, während der alte Schwanen nur mehr 575 fl galt. Andere Häuser wurden nur auf 200 fl geschätzt, zwei besonders arme sogar auf 80 fl. Diese schon 1823 so gering geschätzten Häuser haben wir beide noch gekannt. Das eine, Girschkes Hus (Kirchstraße 26), wurde um das Jahr 1975 abgebrochen. Das andere, Büocheles Hus (Kirchstraße 18), steht noch heute als Nordteil eines uralten Doppelhauses. Die 14 neuen Häuser wurden separat aufgeschrieben, weil sie keinen eigenen Waldteil besaßen und daher nach dem amtlichen Brunnenbrief von 1816 nur zum ersten Viertel der Brunnenkosten beitragen mußten. Ihre Gesamtsumme betrug 8335 Gulden, das trifft etwa 600 fl auf jedes Haus. Weitaus am höchsten, nämlich auf 960 fl, schätzte man dabei das Haus des Ornathändlers Gallus Fidel Gantner5 ein, das dieser zwei Jahre vorher in der Bütze gebaut hatte (B 47 1/2, Bützestraße 7, Hintereggers). Höher als die großen Gasthöfe im Dorf! Ob da die Schätzer nicht etwa neidig auf den reichen Gantner gewesen sind? 12 13 Dert siebte Brief nennt sich Brunnenrechnung zu Wolfurt vom lten Juny 1816 bis löten 8ber 1823 Er wiederholt zuerst die Vorschriften von 1816 und gibt dann die einzuhebenden Brunnensteuern an: Für das erste Viertel der Brunnenkosten trifft es allen Hausbesitzern pro 100 Gulden Schätzwert 6 Kreuzer Brunnensteuer. Für die anderen drei Viertel, die ja auf Haus und Viehstand umgerechnet werden müssen, trifft es bei den Häusern pro 100 fl das Doppelte, also 12 x, für Pferd und Kuh je 24 1/2 x, für Füllen und Jährling mit je 12 1/4 x die Hälfte. Dazu ist also eine genaue Viehzählung notwendig, die als achter Brief nachfolgt. Zwei Beispiele für die umfangreiche Berechnung: Haus B 10 des Johann Dür (Bregenzerstraße 6, Hannes Franz): Hauswert geschätzt 550 fl ergibt für das erste Viertel an Steuer 33 x für die anderen drei Viertel 66 x Weil 60 Kreuzer einen Gulden ergeben, 1 fl 39 x sind das zusammen Viehzählung: 2 Pferde + 1 Kuh + 2 Kälber ergibt dreimal 24 1/2 x 73 1/2 x und zweimal 12 1/4 x 24 1/2 x 1 fl 38 x das sind zusammen 98 Kreuzer oder Die gesamte Brunnen-Vorschreibung betrug daher 3 Gulden und 17 Kreuzer, das sind mehr als 6 Taglöhne! Übrigens wurde in der Brunnenrechnung 1 Kreuzer(1x) noch in 8 Heller (8 hl) unterteilt. Dieser alte Heller darf nicht mit dem erst 1892 zur Kronen-Währung geprägten Heller verwechselt werden! Durch die Heller wurde die Rechnung noch schwieriger. Es lassen sich daher auch einige Rechenfehler finden. Noch ein Beispiel: Haus B 14, Joh. Georg Fischers Witwe (Bregenzerstraße 3, Gasthof Engel): Hauswert 850 fl (der zweithöchste nach G.F. Gantner!) für das erste Viertel 51 x 1 fl 42 x für die anderen drei Zusammen 2 fl 33 x Viehzählung: 1 Pferd + 1 Füllen + 3 Kühe + 1 Kalb viermal 24 1/2 x 98 x zweimal 12 1/4 x 24 x 4 hl Zusammen 2 fl 2 x 4 hl Gesamtvorschreibung daher 4 fl 35 x 4 hl Wenn die Engelwirtin also mehr als 9 Taglöhne für den Brunnen aufbringen mußte, so wurde sie noch von Andreas Vonach in B 64 übertroffen, der 5 Gulden, dazu keinen Kreuzer, aber noch 6 Heller bezahlen mußte. Der Flötzer- Vonach war jetzt Besitzer des ehemaligen Rohner-Gasthofes an der Feldgasse und der weitaus größte Bauer. Ein Jahr später wurde er zum Vorsteher gewählt.6 14 Die Brunnenrechnung im 7. Brunnenbrief trägt vier wichtige Unterschriften: Wolfurt, den 16ten 8tber 1823 (8tber heißt Oktober) Mathias Schneider alt Vorsteher Joh. Georg Müller Lehrer Vorsteher Fink Joh. Georg Kloker Gds Rath Gotteshaus-Ammann Schneider und Kirchenpfleger Klocker waren selbst Brunnengenossen. Müller wurde als Schreiber eingesetzt, er lebte an der Hub. Fink war Adlerwirt in Rickenbach. 7 Eine Woche später wurde, diesmal im Gasthof Rößle beim Bäcker Haltmayer, auch noch ein neuer Brunnenmeister gewählt: Anno 1823 den Iten 9ber ist ihn der Wirths Behausung deß Johann Haltmeyer Bek Ein Neuer Brunen Meister zum Brunen Bey dem Kirchblatz öfentlich durch mehrheit der Stimmen gewählt worden, & ist durch mehrheit der Stimmen Baptist Gmeiner Melber im Dobel ernant worden durch 11 Stimmen Jos Anton Rohner im. Loch hat 9 Stimmen & X Franz Jos Schalling 6 do. Wolfurt obigen Dato Joh. Georg Kloker Gemeindsrath Mathias Schneider alt Vorsteher Baptist Gmeiner als Brunen Meister ihm Nammen aller andern Der neue Brunnenmeister Baptist Gmeiner, 1771-1847, lebte kinderlos verheiratet als Mehlhändler (Melber) im Tobel (Tobelgasse 2, Kalbs). Er war ein Neffe des Wolfurter Pfarrers Lorenz Gmeiner und ein Bruder des Gemeindearztes Joh. Georg Gmeiner (1766-1827). Ein anderer Bruder Benedikt Gmeiner war bis 1798 Pfarrer von Buch gewesen, dann aber auf eine Pfarrstelle in der Nähe von Freiburg übersiedelt, das ja damals wie auch Wolfurt zur Diözese Konstanz gehörte. Der 8. Brunnenbrief enthält als Beilage zum 7. eine genaue .... Aufnamm des Pferd & Viehstandes ...., die durch Gemeindediener Johann Mäsch erstellt werden mußte. Diesmal stehen nur die 57 Brunnengenossen aus den mit Waldteilen ausgestatteten alten Häusern samt ihren Hausnummern aus dem Bayerischen Kataster untereinander: 6 davon besaßen in ihren an der Kirchstraße eng aneinander gebauten kleinen Häusern überhaupt kein Vieh. Die insgesamt 83 Kühe, die am Brunnen getränkt werden durften, kamen also aus 51 Häusern. 26 Bauern hatten jeder nur eine einzige Kuh (!) und dazu allenfalls noch ein Kalb. 20 Bauern hatten je zwei Kühe. 4 Bauern hatten je drei Kühe. 1 Bauer besaß fünf Kühe. 15 Wir können uns solche Bauern heute kaum mehr vorstellen. Wichtigste Nahrungsquelle für die großen Familien war damals noch der Anbau von Dinkel und Hafer, im Ried begann gerade der Anbau von Mais und Kartoffeln.8 Eine Kuh gab täglich nur zwei bis höchstens sechs Liter Milch und stand einige Monate vor dem Kalben trokken (galt). Da mußte man wohl den Nachbarn um Milch bitten, wenn die Mutter für die große Familie das tägliche Mus anrühren wollte. Eine Sennerei gab es im Kirchdorf erst mit der Umstellung auf Milchwirtschaft 50 Jahre später ab 1876. Zu den Bauern mit drei Kühen zählten der reiche Gerber Mathias Haltmayer und die Engelwirtin, die ein paar Jahre später am Röhle-Rank ein ganz neues Haus als Ausgedinge für sich baute (Bregenzerstraße 9, Sammars). Der Großbauer mit fünf Kühen war der schon weiter oben genannte Flötzer-Vonach an der Ecke Feldgasse-Kirchstraße beim Kleinen Brunnen. Zu seinen fünf Kühen besaß er noch ein Kalb und zwei Pferde. Daher mußte er natürlich auch am meisten Brunnensteuer bezahlen. Überraschend ist im Vergleich zu den 83 Kühen die große Anzahl von Pferden, die man im Ackerbau einsetzte. In den 51 Bauernhäusern finden sich insgesamt 34 Pferde und dazu noch 4 Fülle. Von 26 Pferdehaltern waren 18 Bauern mit je einem Pferd und 8 Bauern mit je zwei Pferden. Der 8. Brief besitzt im Anhang noch eine zwei Jahre später am 5. Juni 1825 angefügte Anmärckung Heut tato ist an der Bronenrechnung Laut Angab des Gemeinds diener Johann Mäsch noch schuldig seit löten Ochtber 1823 Es folgt eine Liste von sechs Brunnengenossen, die ihre Schuld noch nicht oder nicht vollständig bezahlt hatten. Zwei davon in neuen Häusern ganz draußen im Röhle und einer weit unten in der Bütze planten wohl bereits den Ausstieg aus der Genossenschaft. So mußte allerdings der Gemeindediener weiterhin auf seinen kargen Einzieherlohn von zwei Gulden warten. Der 9. Brief beinhaltet eine Abrechnung von 1823, aus der ersichtlich wird, daß viele Brunnengenossen auch Forderungen an die Genossenschaft zu stellen hatten. Zwar ist nicht zu lesen wofür, aber es dürfte sich wohl hauptsächlich um Arbeiten im Brunnenwald, um das schwierige Düchel-Bohren und das Verlegen der Leitungen handeln. Eine Forderung sticht als mit fast 18 Gulden weitaus höchste heraus. Es ist die von Aloys Haltmayer, der damals im Gässele direkt hinter dem alten Schwanen ein Haus besaß, genau dort wo heute das neue Bächlein sprudelt. Vielleicht war er als naher Nachbar für die regelmäßige Pflege des Brunnens verantwortlich? Der 10. Brunnenbrief ist der jüngste von den erhalten gebliebenen. Er stammt aus dem Jahre 1827 und ist also auch schon mehr als 170 Jahre alt: Brotokoll in Betreff des Hauptbronnen im orte Wolfurt. Seit 1824 war Bernhard Bildstein Vorsteher von Wolfurt. Er war zwar in Hanso Hus am Kirchplatz neben dem Brunnen aufgewachsen, wohnte aber nun mit seiner Familie in einem 1806 neuerbauten Haus weit drunten in der Bütze (Bützestraße 15, Schellings). Als Vorsteher hat er wohl keinen Streit gescheut. Jedenfalls legte er sich auch mit dem neuen Pfarrer Barraga an und strich diesem das Geld für den Opferwein.9 Schon zuvor war ihm die im 5. Brunnenbrief 1816 vom K.K. Landrichter aufgezwungene Brunnenordnung ein Dorn im Auge gewesen. Ihre komplizierte Durchführung und Abrechnung, die im Jahre 1823 gleich vier umfangreiche Briefe notwendig gemacht hatte, beseitigte keineswegs die alten Probleme, sondern ließ vielmehr neuen Streit entstehen. Zwar hat Vorsteher Bildstein seine Brunnensteuer brav bezahlt, aber er fühlte sich solidarisch mit jenen, die weit entfernt vom Brunnen dessen Wasser nur in besonderen Notfällen nutzten und daher aus der Genossenschaft austreten wollten. So rief er denn am 15. Jänner 1827 die Brunnengenossen zu einer Beratung zusammen und ließ deren einhelliges Ergebnis als neue Brunnenordnung in einem Protokoll aufschreiben. Die wichtigsten Ansatzpunkte der Kritik waren: .... Das zu diesem Bronnen alle .... Häuser, seien selbe nache oder weith von selbem Bronnen entpfernet.... zu bezahlen haben .... .... das die Neuerbauten Häuser an denen aufgehenden Unkosten nur den Vierten Theil zu Bezahlen haben .... .... das Diese Häuser Schätzung aber zur Repartizion der Bronnen Rechnung nicht für Billich & anwendbahr gefunden werden kann .... In einem schlechten und alten Haus könne man ja ebenso viel oder noch mehr Wasser brauchen als in einem neuen, hoch eingeschätzten Haus. Wenn ein Brunnengenosse sein jetzt baufälliges und daher niedrig bewertetes Haus verbessere, so werde eine Neueinschätzung notwendig, was alle Jahre zu Abänderungen führen müßte. Auch jetzt schon seien gleichwertige Häuser ganz verschieden hoch eingeschätzt, .... so würde das immerwährende Streuten & Zangen niehmals kein Ende nehmen. Daher schliesen die erschienenen folgenden Antrag. a/ Das die Häuser bis zu denen jemahls Bestandenen Wällenthörer .... ohne unterschied zu diesem Bronnen gleich viel zu bezahlen haben .... Genau wird die Lage der ehemaligen Fällentore beschrieben. Das waren große Gatter, welche die das Dorf umgebenden Getreidefelder gegen jeden Zutritt abschirmten und erst nach der Ernte zu Trib und Traft für das Weidevieh geöffnet wurden. Gegen das Röhlefeld stand eines beim Haus B 9 1/2 des Lorenz Dur Schmied (Bregenzerstraße 11, Rößlewirts) das andere gegen Lautrach bey No. 53 des Nicklaus 17 16 Fischers (abgebrannt 1883 am Platz von Kellhofstraße 13). Als dritter Grenzpunkt wird gegen Unterlinden zu das Haus B 69 (Kirchstraße 16, Zilla Zoller) angegeben. Zur ersten Hälfte der Brunnenkosten sollen jetzt alle Häuser in diesem Bereich, egal ob alt oder neu, ob wertvoll oder baufällig, zu gleichen Teilen beitragen. Den anderen Brunnengenossen, die außerhalb der einstigen Fällentore wohnen, .... stehe esfrey, als ob selbe bey dem Bronnen bleiben, oder selben nicht mehr gebrauchen wollen.... b/ Solle die andere Hälfte auf Pferd & Viechstand Repartiert werden.... Weiterhin müssen also die Tiere gezählt werden. c/ Die 17 Besitzer des kleinen Brunnens haben die auf diesem liegende Schuld selbst abzuzahlen. d/ Es bleibt für sie auch bei dem Abkommen von 1731, sie bekommen nur den Überfluß des großen Brunnens. Nach dem ablesen haben sich die gegenwärtigen Bronnen=lntressenten mit Zufriedenheit & das es bey diesem Brotokoll verbleiben solle Eigenhändig unterschrieben. Wolfurt den 15ten Jener 1827. An die Unterschrift des Vorstehers schließen sich die zum Teil mit schwerer Hand geschriebenen Namen von 54 Brunnengenossen an. Nur ein einziges gekritzeltes Handzeichen muß der Vorsteher als das des Josef Anton Schwerzier bestätigen. Die meisten Wolfurter haben also jetzt das Schreiben gelernt. Seit 1778 mußten ja alle Kinder die Schule besuchen. Mit einem kleinen Vermerk beschließt der Vorsteher den letzten von den alten Briefen: Die eigenhändigen Unterschriften der neben stehenden Bronnen genossenen im Orte Wolfurt Bestättiget. Wolfurt den 16ten Merz 1827 Bernhard Bildstein Vorsteher Bald danach dürften sich die entfernten Höfe in der Bütze und im Röhle aus der Genossenschaft gelöst haben. Der Brunnenmacher verstand es jetzt, mit Hilfe eines Schwenkhebels und von einfachen Leder-Ventilen Grundwasser aus etwa vier Metern Tiefe zu pumpen. Anfangs wurden dazu hölzerne, am unteren Ende durchlöcherte Düchel-Rohre in einem tiefen Brunnenschacht aufrecht in die Grundwasserschicht gegraben. Später konnte man starke Eisenrohre unter Anwendung einer schweren Katze (ein Eisengewicht) in die wasserführende Kiesschicht schlagen. Zusätzlich nutzten manche Familien noch bis zum Beginn unseres Jahrhunderts den Tobelbach als Wasserquelle. Selbstverständlich konnte dieser auch an mehreren Stellen für die Feuerwehr gestaut werden. Die Brunnenordnung von 1827 scheint sich lange Zeit bewährt zu haben. Die neueren Aufzeichnungen und Kassabücher sind allerdings verschollen. Die Anlagen wurden gepflegt und nach Bedarf erneuert. Die Brunnenstuben wurden um 1900 betoniert und die Tüchelrohre durch eiserne Leitungen ersetzt. Eine mit Ornamenten ge18 schmückte Gußeisensäule ließ jetzt aus ihrem Löwenmaul einen dicken Strahl Wasser rinnen. Sogar die alten schweren Sandsteinplatten der beiden Tröge wurden um das Jahr 1930 durch einen Betontrog ersetzt. Über den Rößleplatz her und unter Platten am Brunnen und an den Haustüren vorbei sprudelte aber immer noch der alte Dorfbach durch die Kellhofstraße hinab. Das Verschwinden des Baches und des Brunnens haben wir dann erlebt und wohl auch mitverschuldet. Nun führen sie wieder Wasser. Gott sei Dank! Bild 7: Der winzige neue Dorfbach 1999 1 2 VLA, Grundbuch-Erhebungsprotokolle, l.Band, Prot.284 ff. Siehe Heimat Wolfurt, Heft 13/1993, S. 26! 3 Hof steigischer Landsbrauch 1571, Bestli Schnellen erben ..., LMV 1900, S. 161 4 VLA, Urkunde 1722a 5 Siehe Heimat Wolfurt, Heft 21/1998, S. 19! 6 Siehe Heimat Wolfurt, Heft 20/1998, S. 16! 7 Siehe Heimat Wolfurt, Heft 20/1998, S. 15 u. S. 21! 8 Siehe Heimat Wolfurt, Heft 2/1988, S. 29! 9 Siehe Heimat Wolfurt, Heft 20/1998, S. 17 u. S. 37! 19 Siegfried Heim Hexen in Wolfurt Bild 8: Funkenknechte in Rickenbach mit Funkenkanzler Bürgermeister Alfons Gunz (um 1960) Bild 9: Hexentanz mit dem Teufel Funko-Sunntag! - Den bösen Winter austreiben! In Rickenbach und an der Ach haben die beiden Funkenzünfte ein Fest vorbereitet. Seit Tagen schichten fleißige Männer das Brennholz zu einem hohen Turm auf. Tüchtige Frauen backen Krapfen und Kuchen, bereiten große Kessel voll Glühwein vor und - und nähen d Funkohäx. Nicht mehr eine Hexe aus Lumpen wie noch vor etlichen Jahren, nein, eine aus Taft und Brokat, die Seidenbluse und die Haube mit echten Spitzen besetzt! Im Abenddunkel strömen Groß und Klein in Scharen zum Funkenplatz. Die Musik spielt zur übermütigen Begrüßungsansprache. Dann lodert das Feuer hell und heiß auf. Raketen verzaubern den Himmel. Und dann zerreißt eine Pulverladung die Hexe! Jubelnd schreien die Leute auf. Langsam sinken brennende Stofffetzen aus dem Feuerhimmel auf den frostigen Erdboden herab. Jedes Jahr wieder. Alter Brauch! Ja, den Winter austreiben ist in allen Ländern, wo er mit Kälte und Hungersnot das Leben bedroht, ein von der Sehnsucht nach der Frühlingssonne getragener alter Brauch. Aber im Verbrennen der Funkenhexe stecken auch noch altüberlieferte Angst und Not und ungeheuerliche Grausamkeit. Auch darüber sollten wir mehr wissen! Hexenverbrennungen? Ein Thema, das wir allzugern dem "finsteren" Mittelalter zurechnen und damit verdrängen möchten. Es gehört aber nicht zum Mittelalter, es findet seinen grausamen Höhepunkt erst in unserer so viel gelobten Neuzeit. Es ist jünger als unsere Pfarre und unser Dorfbrunnen und jünger als die Ahnentafeln mancher Wolfurter Geschlechter. 20 Aber mit Wolfurt hat es doch nichts zu tun? Oh doch! Mit Wolfurt sogar mehr als mit den meisten anderen Gemeinden unseres Landes. Allein aus Wolfurt wurden in den drei Jahrzehnten von 1596 bis 1628 mindestens neun unglückliche Menschen, acht Frauen und ein Mann, als Hexen hingerichtet. Viel mehr als aus anderen Dörfern. Damit das Böse ausgerottet werde, Hexenverfolgungen in Vorarlberg, so heißt das Buch von Manfred Tschaikner, das 1992 bei der Vorarlberger Autorengesellschaft erschienen ist. Nach Studium der einschlägigen Fachliteratur und Durcharbeitung der für uns Laien nur schwer erreichbaren und noch schwerer lesbaren alten Prozeßakten hat Tschaikner das Thema umfassend bearbeitet. Viel bisher Unbekanntes ist dabei ans Licht gekommen. Neue Aspekte korrigieren manche Ansichten anderer Vorarlberger Historiker. Mit Erlaubnis des Verfassers möchte ich die Wolfurt betreffenden Teile hier gekürzt anführen. Mit dem Zeichen (T.) verweise ich auf Tschaikner. Den Interessierten sei aber das ganze Buch empfohlen! Die aufbrodelnden Geistesströmungen am Beginn der Neuzeit führten nicht nur zur Gründung unserer Pfarrei und zum Bau des Dorfbrunnens, sondern auch auf mancherlei Abwege. Hatte man bisher Unglück, Hunger und Tod einfach als gottgewollt hingenommen, so stellte man jetzt die Frage nach den Ursachen. Die Menschen vermochten aber mit ihrem damaligen Wissen die Ursachen oft nicht zu erkennen. Dann waren sie in ihrem tiefverwurzelten Aberglauben bereit, die Schuld an ihrem Unglück dem Wirken böser Mächte zuzurechnen. 21 Bild 10: Tanzplatz Dellenmoos (Kella um 1930) Bild 11: Tanzplatz Flotzbach. Hier steht 1999 ein über zwei Meter dicker Weidenbaum. Unerklärlich große Not war von mehreren Seiten über das Land gekommen. Als Folge einer rapiden Klimaverschlechterung hatte sich mit der Waldgrenze in den Bergen auch die darunter liegende Getreidebau-Grenze empfindlich gesenkt. Dinkelweizen und vor allem Hafer wurden damals als Grundlage für die Ernährung bis auf die Höhen den Steußbergs angebaut. Jetzt kam es zu einer langen Reihe von Mißernten. Verstärkt wurde die Not durch den Niedergang des Weinbaus.1 Ein bedeutender Teil des Wolfurter Anbaugebietes bestand ja damals aus Weinbergen. Diese litten am allermeisten unter der Klimaverschlechterung. Der Zehent-Einheber Georg von Wolfurt schrieb 1580 in sein Steuerbuch: die reben erfrüren. Dem gegenüber stand eine starke Bevölkerungsvermehrung. Man nimmt an, daß sich bei uns die Einwohnerzahl im ersten Jahrhundert der Neuzeit um ein Drittel erhöhte (T./35). Wolfurt besaß nach einer Steuerliste von 1594 jetzt bereits 70 Häuser und demnach hochgerechnet fast 400 Einwohner. So führte das Zusammentreffen von Bevölkerungswachstum und wetterbedingten Mißernten zu Teuerung, zu Armut, Hunger und Krankheiten. Mehrmals suchten Pest-Epidemien das Land heim. Ungeheure Opfer forderten die Seuchen von 1628 und 1635. Aber auch 1594 muß ein schlimmes Pestjahr gewesen sein. Die Häuserliste bezeichnet 10 von den 70 Häusern als öd, also als unbewohnt. Zur großen wirtschaftlichen Not kam eine seelische. Die Theologen der Gegenreformation predigten vom strafenden Gott und schürten die Angst vor dem Teufel und dessen Helfern. Das gipfelte in dem Glauben, daß der Teufel ein Heer von Hexen angeworben und auf den Weg geschickt habe, um die Menschen zu plagen und Gottes Schöpfung zu verderben (T/40). Menschen mit magischen Fähigkeiten und oft auch mit großem Wissen um heilende Kräfte und Gifte in der Natur hatten in vielen Kulturen hohes Ansehen als Hellseher, Gesundbeter und Geistheiler, waren aber ebenso gefürchtet als Unheilbringer, Wetter22 macher oder Giftmischer. Seit der Inquisition verbanden dje Richter Ketzertum und Hexerei und erzwangen Geständnisse durch die Folter. Von Süd-Frankreich her breitete sich der Hexenwahn zu uns aus. Bereits um das Jahr 1480 wurden in der Diözese Konstanz, zu der auch Bregenz und Wolfurt gehörten, innerhalb von fünf Jahren 48 Menschen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt (T./32). Durch eine päpstliche Bulle von 1484 und durch ein weit verbreitetes juristisches Fachbuch, den berüchtigten "Hexenhammer" von 1487, sahen geistliche und weltliche Richter ihr Tun gerechtfertigt. Die hohe Gerichtsbarkeit lag für die Leute unseres Kellhofs bei den Grafen von Hohenems, für die Hofsteiger bei den kaiserlichen Vögten in Bregenz. Im Gefängnis von Konstanz ist im Jahre 1493 als erste nachweislich aus Bregenz stammende Hexe Schuhmachers wib ums Leben gekommen. Um 1550 wurden im Bregenzerwald acht Frauen und zwei Männer als Hexen hingerichtet (T/45 ff). Ab 1595 erfaßte der Hexenwahn dann das Hofsteiger Gebiet wie eine schreckliche Seuche. Vielleicht ist es kein Zufall, daß kurz zuvor im Jahre 1592 der Wolfurter Pfarrer Sebastian Fischer auf eine Kaplanei nach Bregenz strafversetzt worden war. Als Folge der vom Konzil von Trient ausgehenden strengen Regeln, die im Sinne der Gegenreformation auch tief in das Familienleben hinein wirkten, hatte er sich von seiner Lebensgefährtin und seinen fünf Kindern trennen müssen.2 Einem Hexenprozeß gingen oft jahrelange Beschuldigungen wegen Wetterzauber, Hagel, Tierseuchen und anderen Schäden voraus. Unter den Qualen der Folter gestanden die Beschuldigten dann oft auch Hexentänze oder Gastmähler und Geschlechtsverkehr mit dem Teufel, die sie in allen Einzelheiten schilderten. Die beiden in den Prozessen weitaus am häufigsten genannten Hexen-Tanzplätze von ganz Vorarlberg lagen in Wolfurt. Unter der Folter gestanden 22 von den Angeklagten, sie hätten Hexentänze im Flotzbach besucht, 18 andere berichteten von Tän23 zen im Dellenmoos (T./188). Dort hätten sie sich mit anderen Hexen und mit dem Teufel getroffen und die verschiedenen Schadenzauber vorbereitet. Sicher galten die unzugänglichen Sümpfe und Weiher am Zusammenfluß der drei Dorfbäche im untersten Flotzbach mit ihrem Gestrüpp und den riesigen Kopfweiden auch bei Tage als unheimlicher Ort! Erst viel später wurden sie zum Lehmloch für die Ziegler. Das Dellenmoos war der große Schilfsee zwischen Kellahang und Schlatt an der Grenze zu Schwarzach. Heute ist es als Industrie- und Sportgebiet fast völlig trocken gelegt. Als weitere Tanzplätze der Hexen galten auch noch der Kreuzweg unter Wolfurt und die Insel. Der Kreuzweg könnte die heutige Schmerzenbildstraße gewesen sein, vielleicht auch die Lerchenstraße. Die Insel war das mit Stauden bewachsene Vorland im Achbett außerhalb des Dammes. An sie erinnert noch die Inselstraße. Die treibende Kraft hinter den Hexenverfolgungen war keineswegs die Obrigkeit. Viel mehr entsprang sie dem Bedürfnis der einfachen Leute, endlich von der vermeintlichen Wurzel ihres realen Elends, den über alles schädlichen Hexen, befreit zu werden. (T/79). Meist zögerten die Beamten wegen der ungeheuren Kosten solcher Prozesse, die aus dem Nachlaß der armen Opfer ja kaum gedeckt werden konnten. Die erhaltenen Akten berichten von insgesamt 166 der Hexerei bezichtigten Personen, die in Vorarlberg in den 130 Jahren zwischen 1528 und 1657 vor Gericht standen. Mindestens 105 von ihnen wurden hingerichtet. In Anbetracht der vielen verlorenen Akten muß diese Zahl aber sicher verdoppelt werden. Demnach wären in Vorarlberg etwa 200 Hexen-Todesopfer zu beklagen (T/248).3 Aus Wolfurt wurde als erste von den unglücklichen Frauen Anna ab Oberfeld schon im Jahre 1596 hingerichtet. Gerade damals litt die Bevölkerung nach mehreren Mißernten große Not.4 Sicher wirkte sich auch noch die Pest von 1594 aus. Zur Katastrophe kam es dann 1609. In drei großen Prozessen standen in Bregenz 16 Angeklagte vor dem Malefiz-Gericht. Sechs davon stammten aus Wolfurt, vier aus Lauterach und zwei aus Hard. Alle 16 wurden der Hexerei, verbunden mit Unkeuschheit, Gotteslästerung und Hingabe an den Teufel, schuldig gesprochen. Sie wären durch die Lüfte gefahren und hätten vom Teufel Kräuter und schmirb salben empfangen, mit denen sie Pferde, Schweine und Kühe geschädigt oder umgebracht hätten. Auch hätten sie mit Hagel und Unwetter die Feldfrüchte verdorben. Alle 16 wurden zum Tode verurteilt und dem Scharfrichter übergeben.... daß er inen die händ auf dem bauch zusamen binden, sy zu dem hochgericht hinaußfuehren, und daselbsten mit dem feür, vom leben zum tod richten, und also ir cörpell zu eschen und bulffer verbrennen solle.... Neun der Unglücklichen wurden am 8. April 1609 auf dem Scheiterhaufen in Bregenz verbrannt, zwei am 12. Mai und fünf am 24. Juli des gleichen Jahres. (T/79). Jedes Mal sammelte sich mit der Obrigkeit auch eine große Menge einfacher Leute um das Feuer wie zu einem Volksfest. Sie glaubten ja, nicht nur die Bestrafung von Schuldigen zu erleben, sondern auch die Beseitigung der Ursachen von Hunger und Armut. 24 Bild 12: Folterung 1628:.... aufm Turn Peinlich Examen fürgenommen worden, mit Maria Kelhoferin von Wolfurt Bild 13: Scheiterhaufen 1609: .... über 2 Hexen Personen mit Namen Margaretha Knitterlin und Anna Märtine, beide von Wolffurlh .... zue erstlich daß Haubt abgeschlagen, darnach die Cörpel mit dem Feur verbrent worden. 25 Die Namen der im Jahre 1609 als Hexen hingerichteten Wolfurter: Stauderin Margaretha Martin Thalers Ehefrau Mynlin Margaretha geschrieben auch Mündline/Männline/Mennlin Feürstainin Elsa Georg Hindereggers Ehefrau, genannt Jößlins Elsa Reiner Conradt Kloßpeters Sohn, Bäcker Knitterlin Margaretha Fritz Kelnhofers Ehefrau, genannt Fritzin Martine Anna Hainrich Toblers Ehefrau, genannt Faunßlerin Die meisten Frauen waren etwa fünfzig Jahre alt. Alle waren verheiratet, die meisten hatten mehrere Kinder. Dazu ein einziger Mann, der Bäcker! Hatte er vielleicht giftiges Mutterkorn in seinem Brot mitgebacken? Bereits sechs Jahre später kam es in Bregenz im Jahre 1615 als Folge eines die gesamte Ernte verheerenden Hagelschlags abermals zu zwei großen Prozessen. Diesmal waren unter den 12 Angeklagten sechs aus Hard und fünf aus Lauterach. Aber auch Wolfurt war wieder vertreten: Toblerin Agnesa Sie widerrief zwar das ihr durch die harte Folterung abgerungene Geständnis, jedoch vergebens. Es hatte sie auch nichts genutzt, daß sie zweimal eine Wallfahrt nach dem drei Tagesmärsche entfernten Einsiedeln unternommen hatte. Im Gegenteil! Die Richter legten ihr das als Zeichen ihres schlechten Gewissens aus. Wie auch die anderen Verurteilten wurde sie am 25. Februar 1615 zuerst vom Scharfrichter enthauptet und erst dann im Feuer zu Asche und Pulver verbrannt (T./93 ff). Agnesa Toblerin war eine arme Magd gewesen. Der Hexenwahn machte aber keinen Unterschied zwischen Arm und Reich. Noch im gleichen Jahr mußte auch Barbara Schertlerin sterben, die Ehefrau des reichen Hofsteig-Ammanns Zacharias Bierenbomer aus Hard. Sechs Jahre zuvor hatte man des Ammanns Bruder Hans und seine Nichte Treina Bierenbomer als Hexen verbrannt. Schon 1596 war mit Anna ab Oberfeld auch Maria Vesslerin hingerichtet worden, die Ehefrau des angesehenen Hofsteig-Richters Caspar von Ach aus Lauterach. Als letzte von den unglücklichen Wolfurter Frauen wurde im Jahre 1628, als im Dreißigjährigen Krieg auch noch die Pest drohte, nach Folterung und Geständnis Maria Kelhoferin enthauptet und verbrannt. Man hatte ihr vorgeworfen, sie habe mit ihren Zauberkünsten Tod über Menschen und Vieh gebracht (T./108). Weiterhin klagten die notleidenden Menschen immer wieder Nachbarn und Bekannte beim Gericht wegen offensichtlicher Hexenkünste an. Das Blutgericht in Bregenz ließ aber jetzt nicht mehr alle Anklagen zu. Wenn es doch noch zu Prozessen kam, endeten diese meist mit Freisprüchen. Die Hofsteig-Richter waren damit aber nicht einverstanden. Sie forderten zusammen mit den Bauern dringend die Hinrichtung der Hexen. Weil diese seit Jahren die Wein- und Kornernten durch Unwetter vernichtet 26 Bild 14: Hexen auf dem Scheiterhaufen hätten, müßten sie ausgerottet werden. Das Blutgericht folgte den Argumenten, die die Hofsteiger schon 1640 und noch einmal 1648 mit dem Ersuchen um gebührendes Einsehen vorbrachten, nicht. Im Jahre 1649, zwei Jahre nachdem die Schweden Bregenz erobert und das Land geplündert hatten, wurden Martha von Ach und Ottilia Nigglin aus Wolfurt von der Anklage der Hexerei freigesprochen. Sechs Jahre später fand 1657 der letzte Hexenprozeß statt. Dabei wurden Catharina Bönlerin und Anna Finckhin aus Wolfurt zweimal gefoltert, dann aber, vermutlich über Fürsprache des Lauteracher HofsteigAmmanns Hans Summer, der die großen Kosten zu verantworten hatte, ebenfalls freigesprochen (T./l 24). Das geschah sehr zum Unwillen des Volkes. Es wollte ja die vermeintliche Ursache seiner Not brennen sehen und sah sich auch um ein Fest betrogen. Zuvor war im Jahre 1645 in Feldkirch an Maria Reinbergerin noch das Hexen-Todesurteil vollstreckt worden. Im Jahre 1651 fanden dann ebenfalls in Feldkirch die allerletzten dokumentierten Hexenprozesse mit Todesurteil im österreichischen Teil Vorarlbergs statt. Dort wurden am 17. Juni 1651 Katharina Walserin aus Röthis, Elisabeth Gappin aus Fraxern, Katharina Lamparthin aus Rankweil und Dorothea Ludescherin aus Götzis enthauptet und verbrannt. Ihre Asche verscharrte man an der Richtstätte.5 In der Herrschaft der Grafen von Ems. die auch den Wolfurter Kellhof besaßen, ging das Morden weiter. Noch 1677 wurden in Hohenems mit Barbara Wötzlin, Barbara Thurnher und Maria Gasser drei Frauen als Hexen auf dem Scheiterhaufen verbrannt.6 Eine ganz unfaßbare Zahl wird aber aus der Grafschaft Vaduz, die damals von einer Seitenlinie der Emser regiert wurde, berichtet. Dort mußten zwischen 1648 und 1680 27 fast 200 Personen als Hexen das Leben lassen. Einfach unvorstellbar! Hexenland Liechtenstein! (T./229) 7 Drüben in der Schweiz hatte sich das Prätigau 1652 von der österreichischen Oberherrschaft freigekauft und damit die Blutgerichtsbarkeit selbst bekommen. Jetzt begann sofort eine Hexenjagd. Die groos Häxatöödi forderte allein in den ersten acht Jahren bis 1660 über hundert Hexen-Opfer! (T./227). In den österreichischen Ländern wurden Hexenprozesse jetzt immer seltener. Nach hundert Jahren schafften Kaiserin Maria Theresia und Joseph II. im Jahre 1776 zuerst die Folter ab und strichen bald danach die Hexerei ganz aus den Rechtsbüchern. Im nahen bayerischen Kempten forderte dagegen der Hexenwahn noch 1775 ein letztes Opfer und im nicht weit entfernten schweizerischen Glarus sogar noch 1782. Und seither? In Wolfurt starben fast alle der von den schrecklichen Prozessen heimgesuchten Familien aus. Die meisten waren noch im Häuserverzeichnis von 1594 aufgeschienen. In den 1650 begonnenen Pfarrbüchern fehlen aber bereits die Mennel, Hinderegger, Knitterle, Tobler und Niggle. Wenn man von den älteren Lauteracher Büchern auf Wolfurt schließen darf, waren sie wohl in den Pestzügen von 1629 und 1635 umgekommen. In Lauterach starben 55 Personen schon 1628/29 an der Pest. Der Pfarrer schrieb alle ihre Namen auf, auch die Mennel, zu denen wahrscheinlich die hingerichtete Wolfurterin Margaretha Mynlin gehörte. Als aber 1635 die Seuche mit 223 Opfern mehr als die Hälfte der Einwohner dahinraffte, wurden sie alle namenlos in die Massengräber am Rande des Dorfes gelegt8. Die als Hexer gebrandmarkte Familie Stauder starb in Wolfurt 1652 aus, die einst zahlreichen Kelnhofer 1676, die vom mächtigen Ammann Jakob Feurstein abstammenden Feurstein 1776. Die neben dem gräflich-emsischen Bütze-Weingarten wohnenden Marth, aus deren Familie die unglückliche Anna Martine stammte, lebten noch bis 1801 im Kirchdorf-Loch. Die Rickenbacher Reiner, wohl Nachkommen aus der Bäckerfamilie, starben in ihrem Haus auf der Steig erst 1863 aus. Zwei besitzlose Fink-Familien gab es noch um 1750. Die Thaler aber und die Vonach, die ebenfalls Opfer zu beklagen hatten, gehören seit ihrer ersten Nennung 1594 zu den allerältesten Wolfurter Familien. Ungebrochen leben ihre Nachkommen-Linien weiter fort. Auch nach den grauenvollen Prozessen sind immer wieder Mitmenschen, vor allem ältere Frauen, als Hexen verschrien worden. Oft genügten ein Muttermal, ein paar Warzen, ein schielender Blick oder aber auch auffallend zur Schau gestellte körperliche Schönheit, daß Neid, Haß und Bosheit unschuldige Menschen böser Taten verdächtigten. Da nützte meist kein Verleumdungsprozeß. Böse Worte fanden noch immer ein offenes Ohr, auch in unseren Tagen. Zunehmend kommen in den letzten Jahren in unserer so aufgeklärten Welt dazu auch Teufelsaustreibungen, Schwarze Messen, geheimnisvolle Zusammenkünfte, die bis zu Leichenberaubung oder abstrusen Tänzen und Quälereien führen können. Unser materieller Reichtum hat viele von uns geistig verarmen lassen. Möge Gott uns behüten, wenn wieder der Ruf laut wird, daß ....das Böse ausgerottet werde! 28 1 2 Vogt in Heimat Wolfurt, Heft 19/1997, S.4 VLA, Urkunde 2191, und Manuskript Wieland, S. 114 Die Zahlen wurden nach neuen Forschungen Tschaikners erhöht. Montfort 1995/4/288 und 1997/2/118 4 6 7 Bilgeri, Bregenz, 1980, S. 225 Ergänzt nach Tschaikner, Hexenverfolgung in Feldkirch, Montfort 1997/2/114 ff. Norbert Peter, Hexenwahn, Hohenems, 1983, S. 56 Die ursprünglich angegebene Zahl von 300 wurde auf 200 korrigiert. Tschaikner, Jahrbuch des Historischen Vereins Liechtenstein, Nr. 96/1998/ 103 Welti, Heimatbuch Lauterach, 1953, S. 36 8 29 Siegfried Heim Adlerwirts Haus-Chronik Wir haben sie wieder! Nicht das Original, aber wenigstens eine Kopie für das Gemeinde-Archiv. Zuletzt besaß in Wolfurt um 1900 Alt-Adlerwirt J. Gg. Fischer das vergilbte alte Buch, aus welchem spätere Chronisten noch mehrfach zitierten. Jetzt hüten es seine Enkel in Rankweil. Wir sind Ing. Franz Fischer sehr dankbar, daß er uns Zugang zu dieser ergiebigen Quelle für die Hofsteiger Geschichte verschafft hat. Der weitaus größte Teil der Eintragungen stammt vom Rickenbacher Löwenwirt Joseph Fischer, 1723-1809. Er war in Spetenlehen geboren worden und hatte 1749 Katharina Wehinger, die Witwe des Löwenwirts Kaspar Haltmayer, geheiratet. Besitz und Ansehen verhalfen ihm dazu, daß er ab 1764 sechsmal zum HofsteigAmmann gewählt wurde. Die umfangreichen Amtsschriften wurden damals noch vom Ammann persönlich verwaltet. Die Gerichtsverhandlungen fanden oft im Löwen in Rickenbach statt, die Wahlen dagegen in Lauterach. Eine neue Gerichtsordnung im Jahre 1886 zwang das Gericht dann, ein eigenes Haus in Lauterach zu bauen und einen Schreiber anzustellen. Spätestens jetzt, wahrscheinlich aber schon bei seinem Amtsantritt 1764, schaffte sich Ammann Fischer ein dickes Buch an, in welchem er sich Notizen über die wichtigsten Gerichtsangelegenheiten und über alte Verträge machte. Daraus ist dann schließlich eine Familien-Chronik geworden. Von Ammann Fischer ist übrigens ein zweites Buch erhalten geblieben. Im Besitz des Klosters Mehrerau fand er das Zehentbuch des Hans Georg von Wolfurt aus dem Jahre 1576. Weil diese Aufschreibungen für ganz Hofsteig von Bedeutung waren, ließ er sie 1766 von Bartholomäus Fink, einem Theologen aus Stiefenhofen bei Weiler, von Wort zu Wort gleich lauthend abschreiben. Während das Original aus der Mehrerau in das Vorarlberger Landesarchiv gelangte, blieb die Abschrift im Besitz der Nachkommen des Ammanns (s Ammas) im Kirchdorf. Im Jahre 1998 konnte die Gemeinde Wolfurt das Buch für ihr Archiv erwerben. Nach dem Tod seiner ersten Frau Katharina hatte Ammann Fischer 1768 Maria Anna Haltmayer, eine Tochter des Schwarzacher Kronenwirts, geheiratet. Im Jahre 1798 übergab er den Löwen an seinen ältesten Sohn und übersiedelte mit dem Rest der Familie ins Kirchdorf. Dort eröffnete sein anderer Sohn Joh. Georg Fischer bald danach den Gasthof Engel. Der alte Vater, der neue Engelwirt und später der Enkel Josef Anton machten jetzt das einstige Notizbuch des Ammanns mit persönlichen Eintragungen zu einer richtigen Familien-Chronik. Der Enkel heiratete 1843 in den Adler nach Rickenbach und nahm das Buch mit. Sein Sohn Joh. Georg Fischer, 1847-1918, Adlerwirt und ab 1873 Vorsteher von Wolfurt1, verwendete es wieder für viele interessante Notizen aus dem Gemeindegeschehen. Bei der Übersiedlung der Familie Fischer nach GÖtzis nahm er Adlerwirts Haus-Chronik mit. Sein Sohn Ernst hat sie mit wichtigen Familien-Daten abgerundet. Bild 15: Im Löwen in Rickenbach (abgebrannt 1912) hatte das' HofsteigGericht unter Ammann Fischer seinen Sitz. Am Anfang steht auf der Registerseite Y Bemerkenswertes aus Fischers AmmannZeit: 1764 den 20ten 9ber ist zue rikhenbach nach dem alten gebrauch Ehrhaft Gericht gehalten worden und bey dem anfang daß Gericht verbannt mit nach volgenden worthen, als Erstlich nimbt der Amman den Gerichts stab in die Hand, und der Gerichts weibel den seynen stab und müssen nach volgendes sprechen vor samentlichen 12 Geschworenen .... Es folgen die Worte eines feierlichen Versprechens der Unparteilichkeit gegenüber frömden wie heimischen, den reichen wie den armen, nicht ansehen Freundschafft, noch Feindschafft.... Dar zu unß Gott helfe und Maria. Am Sitz des Ammanns in Rickenbach tagte also das Hofsteig-Gericht. Wer einen Fall vorbrachte, mußte dem Waibel vier Kreuzer und dem Gericht sechs Kreuzer bezahlen. Zu einem Grundkauf mußte man allerdings eigens den Landschreiber holen und diesem drei Gulden ausfolgen. Die Geschworenen erhielten Zehrung und Lohn von den acht Gulden, die der Lehenshof auf der Steig jährlich dafür aufbringen mußte. Stolz vermerkte Ammann Fischer, daß in seiner Amtszeit kein einziger Fall an das Oberamt abgetreten werden mußte. ... und dießes Gericht hat gedauert biß 1786; wo die Neüye Gerichts Ordnung angefangen hat und ein Neüyes Gerichts hauß mit.. über 7000 f erbauen worden, aber nicht lang gedauert, das Gericht auß gangen und das Gerichts hauß um 3300 verkauft worden ist... Mit Bitterkeit beschreibt der Ammann also hier das Ende des uralten Hofsteig-Gerichts unter dem Zugriff der kaiserlichen Beamten. Besonders hart traf ihn der leichtfertige Umgang mit dem so hart erarbeiteten Steuergeld beim Bau eines großspurigen Gerichtsgebäudes an der neuen Landstraße nahe der Kirche in Lauterach. Er kommt noch einmal in seinem Lebenslauf (Seite 84) darauf zu sprechen: 31 30 Bild 16: In Lauterach steht noch das teure Gerichtshaus von 1786, das dem Gericht nur sieben Jahre lang diente. .... Das mir ein Neus Kostbares Gerichts hauß erbauen müßen, so über 7000 f auf gangen sind, haben alle wochen als am Montag Gerichts Verhör gehalten, der Amman und 2 bey sitzer und ein studirter Gerichts schreiben hat aber nit lang gedauert, im 1793er Jahr ist dieße Ordnung auß gangen und wider biß dato nach Bregentz.... Hatte er also früher alle Fälle mit geringen Gebühren im eigenen Dorf abwickeln können, so mußte man ab 1793 jede Kleinigkeit vor das Amtsgericht in Bregenz tragen. Seine Tätigkeit als Ammann beschränkte sich immer mehr auf das Aufbringen von Steuergeld. Dazu hatte man 1760 im Seelenbeschrieb die erste genaue Volkszählung und 1785 die ersten Hausnummern eingeführt. Fischer war der letzte Hofsteig-Ammann, der noch 1785 zue Luterach durch das samentliche Volh er wält worden ist. Die absolutistische Gerichtsordnung von 1786 schaffte die Volksversammlung ab. Ganz schlecht scheint Fischers Verhältnis als gewählter Vertreter der Hofsteiger zum studirten Gerichts Schreiber gewesen zu sein. Dieser mußte sich ja als kaiserlicher Beamter/ur alle 7Leitkeiner Wahl unterwerfen. Er klagt darüber (im Anhang Seite D 8): die besoldung des Amman ist 70 f ein jeder bey sitzer 50 f der weibel 80 f dem Gerichtsschreiber 300 f und Holtz und Quatirfrey. Weillen aber der Schreiber Jos. Bär, ein aigen nütziger Intreßirter Man, das alles nach seynem Kopf gehen soll, und .... so hat es dan täglich verdrißlichkaitten ab geben, so bin ich 1789 den 9ten Mayen bey dem Abbt, um die entlaßung schrifftlich ein kommen und habe selbes auch schrifftlich erhalten. So war also der letzte noch einigermaßen an hofsteigische Freiheiten gewohnte Ammann selbst gegangen. Was später die Bayern im Jahre 1806 endgültig auflösten, war nur mehr ein kümmerlicher Rest des alten Gerichtes.2 32 Aus den Notizen des Ammanns folgen hier nur einige kurze Auszüge: Z 1692 Hochwasser der Schwarzach Nach großen Verheerungen baut Johannes Sailler die Dellenmoos-Mühle neu. 7 1767 Kellhof-Felder an der Ach Streit um die Zufahrt 12 Ach wuhr-Anteile Verteilung der Kosten auf Wolfurt, Lauterach, Hard, Fußach, KellhofLehen, Mehrerauer Lehen, Bregenzer Güter und Hofrieder Güter. 14 1726 Vieh-Hüten in Lauterach Beschwerden über unbeaufsichtigtes Fretzen bei den Rebgärten in Weidach und Bütze 16 1768 Fronleichnamsprozession Verpflichtung zur Teilnahme mit Gewehr, Stiftung einer Kriegs-Fahne 19 1765 den 20ten Nob. Herbst gericht in Joseph Fischer ambts ammans behaußung zue rikhen bach: Die Bauern im Holz müssen auch Brug gelt bezahlen. 20 1766 Mayen gericht in des Amman Fischer behaußung zue rikhen bach den 28ten Mayen 1766: Die Frickenescher treiben ihr Vieh ins Ried und müssen dafür waydt gelt bezahlen. Reparaturen am Bild. Rechnungen für Ziegel und Schlosserarbeit weisen auf eine Kapelle hin, wahrscheinlich die für das Hochwasserbild am Rickenbach. 22 1735 Die Härder müssen in Fronarbeit einen Schiffshafen (städin) bauen. 24 1764 Regulierung von Schwarzach und Rickenbach 26 1770 Neyer Schwartzach bach Unter großem Arbeitsaufwand (drei Viertel davon ist Wolfurter Fronarbeit) wird ein ganz neues Flußbett durch Engelis wiß gegraben. 28 1769 Ried Vermessung durch das Oberamt: Schwartzach 331 Juchart 445 Klaffter Wolfurther ried 743 Juchart 19 Klaffter Lutterach 2 052Juchart 744 Klafftet3 Hardt 617 Juchart 52 Klaffter, quadrat. 29 1771 Abrechnung für die neue Landstraße durch das Ried: .... von der Brug biß an gräntz Dorrenbiren. 28 846 Tag Fronarbeit mußten geleistet werden. Die Gesamtkosten für das Gericht beliefen sich auf 26 052 f 24 x. Dieße Straß ist 1768 biß im Herbst richtig zum fahren gemacht worden. 30 1768 Hofsteiger Pfarreien und Bildsteiner Benefiziate: Bezahlung der Türggen stür. 33 34 37 38 46 47 50 51 56 59 61 65 66 1468 Stiftungsbrief der Kaplanei Schwarzach Kopie von 1770 aus der Mehrerau.4 1804 Kirchen zue Schwartzach neu erbaut. 1770 und 1771 Frucht Preiß auff dem Marth zue Bregentz für Korn, Haaber, Muß Meli, Schmaltz, Butter und Grundt bira. 1775 Eichenholz. Alle Eichen in Hofsteig sind Eigentum des Gerichtes. Der Erlös wird jedes Jahr auf die 5 gemaindten des Gerichts hofstaig benanndtlich luterach, hardt, wohlfurth, schwartzach und stüßberg aufgeteilt. Wegen der starken Schlägerung verlangt das Oberamt Neuanpflanzungen am Berg und im Ried. 1775 Weiber-Einkaufsgeld Die Gemeinden des Gerichts Hofsteig verlangen, daß von auswärts einheiratende Ehefrauen neben ihrem Heiratsgut noch 200 f einzig und allein in Capitalien oder baarem geldt einbringen müssen. Außerdem müssen sie 15 Gulden Einkaufgeld in den Schulfond bezahlen. 1775 Rebstecken flößen Das Oberamt setzt mit den Ammännern der betroffenen Gerichte die Flößerlöhne auf der Ach zum stekhen Platz in Hard fest. Für je 1000 Stecken aus Buch werden 30 Kreuzer, aus Botzenau, Neuenbürg und Alberschwende 48 und aus Langenegg 1 Gulden bezahlt. 1776 Todfall an Mehrerau 1770 Steueraufkommen der Hofsteig-Gemeinden Lauterach 1689 Gulden Wolfurt 1678 Gulden Steußberg 1417 Gulden Hard 1295 Gulden Schwarzach 830 Gulden 1775 Kalk aus Hard Die Kalkhandelsleute aus Hard müssen die gelt Kalkh für 21 Kreuzer verkaufen. 1658 Brückenzoll nach Bregenz Eine Zusammenfassung der alten Tarife von 1636 und 1653 für die Überfuhr von heü, stro und streye, von Korn, Wein, Saltz. 1777 Rekruten Das Gericht muß 1777 zwei und 1778 sieben Rekruten stellen. 1778 Schneefall im Juni 1778 den löten Juny hat es alhir im land starkh geschneyt und in die alpen allen ab geschnait, so das alles vieh 8 Tag auß den alpen hat Mußen nach haus, und haben in der Alp Hirschberg über 6 schue (2 Meter) gehabt, sind also den 17ten wekh und den 24ten Juny oder Johanni wider hin ein, es sind auch in der alp Neiffer (Ifer) und Hal- 67 69 70 74 den vihl stukh vieh ver lohren und ver schnait worden, auch drey Mann um das Leben Kommen, Nebst vihl gaiß und schaffen. 1789 den 4ten Jenner ist man von Bregentz über den see nach Lindau gegangen, grade weges und herüber auch von Lindau in das Kloster (Mehrerau). Brände 1751 den 17ten Mertzen sind zue rikhenbach drey häußer, von wegen schlechter sorgung FeUr offen... verbrenth worden, in dem ober dorff, und 1789 den 7ten winthermonat sind zue rikhenbach im ober dorff 2 häußer ver brunnen worden, wegen Einem stall licht morgen 6 uhr. Rickenbach-Überschwemmungen ... laut alten Schriften zwei Ausbrüche im August 1674. 1701 den 19ten heymonat hat der rikhenbach ober halb der brug auß gebrochen. 1702 den 20ten august ist ein Erschrökhlicher wolkhen bruch zue rikhen bach gewessen, der anfang ist Nachts um 10 uhr und um 12 uhr ist schon Claus von ach selig W. haus und Stade! ab dem grundt wekh gerißen, die da Mahls Ney bauthe Mülle, von grundt wekh gerißen, Jo. Jacob Feurstains stadel, auch Georg Grüßings stadel auch ver rißen, auch Blaßi Köllmayers großen stadel Nacher grißen, der schaden in güther und häußer ist nicht zue schätzen, man hat glaubt der Jüngste Tag werde Kommen, sie haben mit ein ander ein Kapelle ver lobt, aber es ist lang hernach das Bild ob der Mülle an stat da Neu gebauth worden, welhes 10f Capital stifftung hat bey Andreas rüntzlerin rikhenbach. Am Tag nach der großen Überschwemmung, am 21 August 1702, nahm eine große Kommission mit Vogteiverwalter Andreas von Pappus, Amtmann Benedikt Reichart, Landschreiber Wilhelm Frey, Stadtammann Christoph Bildstein und anderen Beamten einen Lokalaugenschein vor. Sie beschloß, das Bachbett von der Brücke bei der Mühle bis zur Landstraße im Unterdorf auf acht Meter Breite zu erweitern. Alle Gemeinden des Gerichtes Hofsteig halfen dabei. 1781 Maschen und Staudach Sie geben alte verbriefte Rechte auf. 1782 Steinbruch in Mäschen Zufahrtsstraße von Spetenlehen 1786 Tierseuchen Der Kaiser hat Hygiene-Vorschriften erlassen. Tiere, die durch Seuchen umgekommen sind, müssen je früher, je beßer mit Haut und Haaren tief in die Erde graben werden. Menschen, die solchen Thiren das Fell abziehen, setzen in Lebens gefahr, die Häute sind nicht nur gieftig, sondern auch nicht zu gärben. Es folgen eine ganze Reihe von bemerkenswerten Vorschriften. 35 34 78 1796 bis 1806 Franzosenkrieg Große Kosten. Ammann Joseph Fischer, 1723 -1809 Verzeichnis waß unter meiner Lebens Zeit für bey gangen und wie die Zeitten geweßen seyen. ... 1723 den 30ten Mertzen bin ich gebohren worden und 1806 schreibe ich den 30ten Mertzen (Er war also jetzt 83 Jahre alt. Drei Jahre später ist er am 29. November 1809 gestorben). Es folgen Notizen über die Ernte-Erträge in seiner Jugendzeit, als der Weinbau in Wolfurt noch eine große Rolle spielte. 1739 Dürgen da Mahl nit vill und auch grund biren die allgemacht in das Land kamen. Hier erwähnt Fischer also die Anfänge des Anbaus von Mais und Kartoffeln. Der Name grund biren wurde im Hofsteiger Gebiet bald in Bodo-Biora verändert. 1732 und 1744 drohten Einfälle der Franzosen. 7764 hin ich als Gerichts Amman er wält worden und 12 Jahr anainander. ... 1776 ist Mathis von Ach Amman er wält worden und biß 1783 ist er gestorben, die Jahr 1777 biß 1780 sind gesund und guth geweßen, dan in dem gricht vihle Neue häußer gebauth worden, da bin ich wider durch das mer* zue Luterach als Ammann er wält worden 1784. Mit Bemerkungen über die Franzosenkriege beschließt der Ammann seinen Lebenslauf. Weit hinten im Buch finden sich noch einige Aufschreibungen von seiner Hand: Dl 1500 bis 1805 Liste der Hofsteig-Ammänner (Sie weist aber große Lücken auf.)6 2 1763 Land-Siechenhaus Das gemeinsame Siechen-Haus der Gerichte Hofsteig, Hofrieden, Lingenau, Alberschwende und Sulzberg besitzt Kapitalien in der Höhe von 16 663 Gulden. 3 1764 Todfall von Witwen Das Kloster Mehrerau verlangt mehrmals den weiber fahl, also einen Lehenszins beim Tod einer Witwe. Das Gericht wehrt sich dagegen. 5 1766 bis 1804 Neue Straßen in der LImgebung: / 766 den 2ten Mayen ist die Neye straß yber den schloß berg biß gen wihler in den allgay, der anfang gemacht worden, (über Fluh und Stollen) 1767 ist die Neye straß von der siechen Kapellen in die Statt Bregentz gemacht worden. (Gallusstraße) 1768 den 12ten Herbstmonat hat Man an gefangen die straß von der Bregentzerach brug gegen Lutterach und yber das ridgeg Dorrenbiren z.ue Machen, und ist biß den 23ten Decemberis 1768 gemacht worden, dass Man hat können gar wohl fahren. (Bundesstraße Lauterach-Dornbim) 1769 den 20ten November hat man die straß von der ach brug gegen 36 82 Hardt gemacht oder angefangen und die gemaindt Lutterach und hardt alleinig gemacht. (Von Lauterach über Hard an den Rhein) / 786 hat man die straß von Lutterach durch rikhenbach biß schwartzach undfarnach gemacht (über St. Antone). 1787 im Hornung ist die straß gegen wohlfurth und an der Ach über das unter fehl gemacht worden. 7 1767 Hohenems schwört zu Österreich 7767 den 7ten Mayen ist daß Löbliche Oberambt zue Bregentz auff Hoch Embs gefahren und haben alldortten die Huldigung Eingenommen, daß sie anilzo sollen vorder Österreich der Kayser et König zue gehörig sein, den 8ten Mayen aber zue Lustenau des gleichen. Dan bevor haben sie zum reich in Schwaben gehörth. (Mit der Grafschaft Hohenems gehörten damals auch noch Teile von Dornbirn und der Kellhof Wolfurt direkt zum Reich. Nach dem Aussterben der Emser Grafen im Mannesstamm verlieh Kaiser Franz I. die Grafschaft 1765 an seine Gattin Maria Theresia. Bald danach verkaufte Gräfin Rebekka von Hohenems alle ihre Rechte in Dornbirn am 30. Oktober 1771 für 45 250 Gulden an die Gemeinde Dornbirn. 7 Fast gleichzeitig verkaufte sie am 21. Dezember 1771 den Kellhof Wolfurt, zu dem noch vier Höfe und vielerlei Rechte gehörten, für 4500 Gulden an die beiden Brüder Josepf Fischer, Hofsteig-Ammann, und Johann Fischer, Kellhof-Ammann. 8 Erst jetzt gehörte ganz Wolfurt zu Habsburg-Österreich, das ja den überwiegenden hofsteigischen Teil schon 1451, also mehr als 300 Jahre früher, gekauft hatte.) Fortsetzung der Haus-Chronik durch Joseph Fischers Nachkommen S. 84 1808 bis 1820. Der Sohn Joh. Gg. Fischer, Engelwirt, berichtet knapp von den Fruchterträgen der einzelnen Jahre, ausführlicher über die Teuerung 1817: 1816 ist gar schlechtes Jahr, es hat gar kein Wein und Türgen geben, denn es hat den ganzen Sommer bereits alle Tag geregnet und im herbst früher gefrohren, der Türgen und der Wein ganz erfroren so ist eine große Noht das vihle Leuthefast zugrunde gegangen, so das man in jeder Gemeinde viele Arme hat erhalten und unterstützen Müßen.9 Lebenslauf des Vorstehers Joh. Georg Fischer, 1847 -1918 S. 87 Während sich sein Großvater und der Vater auf wenige Daten beschränkt hatten, erzählt der Adlerwirt nun in bunter Vielfalt auf einem Dutzend Seiten aus seinem Leben. Am Beginn finden sich die Fasnat-Freilichttheater und Militär-Einquartierungen der 50er-Jahre neben Ernteberichten und Getreidepreisen. 1859 ist Krieg gegen Italien ausgebrochen. In einer Schlacht sollen von einem Kaiserjäger Battailon nur noch einige Mann davon gekommen sein. In diesen Jahren hat man immer eine Kirche bauen wollen in Rickenbach. ... 1866 wurde Österreich mit Preusen u. Italien in Krieg gezogen .... die Preusen hatten 37 die neuen Hinterladergewehre u. Österreich die alten .... 1873 kam ein neuer Verdienst mit Stickmaschinen (Blattstich), welcher in früheren Jahren schon hie u. da eine war, immer größer in Aufschwung, bei welchem sehr viel verdient wurde.... 1869 bis 1872 wurde die Eisenbahn bis Bludenz fertig gemacht.... Im Jahre 1873 habe ich die Bräuerei erricht gegen Herbst, so daß am 1. Jänner 1874 das erste Bier zum Ausschänke gelangte u. das Mostausschenken bei uns ausblieb.... meine Wirthschaft bedeutend zugenommen... Im Jahre 1873 wurde ich als 26jähriger led. Mann als Vorsteher für Wolfurt erwählt u. hatte ich dasselbe Amt 2 Perjoden Aus dieser Zeit stammen einige Seiten im Anhang des Buches. Als Gemeinderat war Fischer Kassier für die gemeinsam mit den anderen Hofsteiggemeinden zu erbringenden Beiträge für die Schwarzachtobelstraße. Als Vorsteher legte er dieses Amt 1876 zurück. Als 1864 die Pfarrkirche renoviert wurde, war Fischer als Kassier für die Abrechnungen mit den Handwerkern verantwortlich, auch für die mit dem Dornbirner Malermeister Joh. Kaspar Rick, der die großen Deckengemälde schuf. 1874 war ein ordentlich gutes Jahr, der Wein ist seit 1835 ... nie mehr so gut gerathen. ... Wir bekamen ca. 80 Eimer gleich 44.8 Hecktl. Von 1872 bis 1875 wurde die Zufahrtsstraße zum Bahnhof von Rickenbach aus erstellt, zum größten Theil von J. W. Zuppitiger,... alles durch freiwillige Beiträge .... braucht man hier keine Hungersnoth mehr zu befürchten, denn die Frucht (Weizen) von Ungarn u. Türken aus Amerika ist billiger als man hier pflanzen kann, denn die Arbeitslöhne sind sehr hoch gestiegen. ... Die Jahre von 1878 bis 1884 sind immer so durchschnitts Jahre in Frucht u. Obst. Der Wein war hier nichts in allen Jahren u. daher habe ich bereits alle Reben ausgerissen. 1884 im Septbr. wurde die Arlbergbahn eröffnet, allwo der Kaiser sozusagen die erste Fahrt machte. 1880 war er auch hier. ... Mir war auch Gelegenheit gebothen persönlich mit ihm zu sprechen. 1880 war es sehr kalt... der See zugefroren ... mit Rennschlitten über den See nach Lindau gefahren. Sehr kritisch stand der von den Konservativen im Jahre 1879 abgewählte liberale AltVorsteher Fischer einem Kapellenbau in Rickenbach gegenüber. Er schreibt ausführlich darüber: 1884 wurde das von Anna Staßia Müller (richtig ist Höfle)l0 in Rickenbach im Jahre 1869 gestiftete Geld zu einer Kirche oder Kapelle per 1000 fl... bis 1884 mit Zinszuwachs auf 1730 fl fällig u. mußte in diesem Jahre mit dem Baue begonnen werden, sonst fiel das Geld zur Kirche in Bildstein. Daher hat Franz Jos. Gmeiner hier, der Verwalter über das Geld war, Veranlassung getroffen, daß der Bau der Kapelle zustande kam u. hat er u. Fischer z- Löwen u. Jos. Ant. Dür, Schmied, ohne anderen 38 Bild 17: Der Adler in Rickenbach, viele Jahre lang Heimat der Familie Fischer. Bewohner von Rickenbach etwas zu sagen, einen Bauplatz gekauft, welcher aber nicht rativizirt wurde u. daher wegen später erfolgten Uneinigkeiten zwischen dem aus sich selbst gebildeten Comite u. dem Verkäufer Franz Xaver Böhler wieder rückverkauft wurde Jetzt wollte man unter der Straße an dem Fußweg vom Löwen gegen Lauterach hien (die heutige Brühlstraße) bauen, allein da war der Grund zu klein .... dann wollte die Kreuzwirthin den Grund hinzugeben in ihrem Gut, aber dieser Grund wurde nicht angenommen, weil er zu nahe bei unserem Haus war u. daher Löwenwirth mit seiner Wirthschaft zu weit entfernt würde, deshalb hat der Löwenwirth den Grund in seinem Gut geben für 300 fl sage dreihundert Gulden u. mußte die alte Mauer der Straße nach ganz abgebrochen werden.... Statt einer Kirche wurde jetzt eine Kapelle gebaut, denn es benöthigte weniger Grund dazu u. so wurde dieses immer von dem selbst bestimmten Comite ohne weitere Anfrage nach ihrem Kopf gebaut u. 1884 im Löwen der Bau versteigert u. hat denselben ein gewisser Malaun v. Bregenz für 1380 fl nur den Rohbau ersteigert u. war bis Ende September 1884 unter Dach gebracht u. sofort die Verputzarbeit übergeben (ohne Versteigerung). Die Zimmermannsarbeit hat Zimmermeister Dür u. Gebh. Schwerzier übernommen u. auch ausgeführt u. die Mauerung hat Franz Malaun in Akort geben u. ist selbe schnell u. fast ohne Kalch aufgeführt worden, so daß man das Einfallen befürchtete u. hat man daher schnell verputzen müssen. Die Bauleiter Gmeiner, Dür u. Löwenwirth Frz. Josef Fischer hatten keine Kenntniß vom Bauen, haben nicht viel nachgesehen u. ist dann der Giebel nicht in Mitte des Gebäudes u. die Fenster sind in der Maurung mehr als 15 Centimeter ungleich u. ist das Gebäude überhaupt etwas verpfuscht, obwohl der Baustiel sehr schön war; den Plan hat Baumeister Pümpel in Feldkirch gemacht. Mit Ende April 1885 war alles zimlich fertig u. hat man im Mai die alltägliche Abendandacht gehalten, wobei es sich erwies, daß die Kapelle um die Hälfte zu klein ist. 39
  1. heimatwolfurt
19990301_Heimat_Wolfurt_22 Wolfurt 01.03.1999 Heft 22 Zeitschrift des Heimatkundekreises März 1999 Bild 1: Su-Biora. Kostbare Früchte aus Wolfurt Inhalt: 110. Die Krone 111. 750 Jahre Rickenbach 112. Vorsteher und Bürgermeister (2) 113. Theater in Wolfurt 114. R.K.Fischer 115. An ächto Su-Biorar Bildnachweis: Karl Hinteregger: Bild 17 Siegfried Heim: Bilder 8, 14 u. 26 Die Bilder 10,13 u. 18 sind Arbeiten von Hubert Gasser für den Gemeinde-Sitzungssaal. Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr und Karl Hinteregger oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Diesmal gibt es zu den umfassenden Beiträgen in Heft 21 nur wenige Ergänzungen. Gold und Geld und das Wohnen in Wolfurt haben aber sicher manchem Leser die Gelegenheit gegeben, seine eigene Situation mit Genugtuung und hoffentlich auch mit Dankbarkeit zu überdenken. Flucht in die Höhle (Heft 21, S. 45) Klamporars Marte, nun schon 91 Jahre alt und noch rüstig auf seinen Spaziergängen durch das Dorf, hat sich über die Geschichte gefreut. Aber auch andere Wolfurter kennen diQ Höhle seit langer Zeit. Egon Waibel berichtet, ihm habe Kögls Ernst die IHS-Höhle gezeigt und gemeint, flüchtende SS-Soldaten hätten die rätselhafte Schrift eingemeißelt (?). Vor dem Krieg nannten die Strohdörfler Buben den Hügel mit der steil zum Eulentobel abfallenden Felswand nach einem Mädchen Ernas Bergle. Oft stiegen sie zur Höhle hinauf. Wald und Bach waren ja damals, als es noch kein Fernsehen und keinen Fußballplatz gab, die beliebtesten Spielplätze. Nach Kriegsbeginn, als viele Väter und Nachbarn 1940 in den Krieg eingerückt waren, organisierten die Strohdörfler Buben ihr „Militär". Mit Helmen, Gewehren und Pappendeckel-Kanonen boten sie einen imponierenden Anblick. Jeden Sonntag marschierten und exerzierten sie vor vielen Zuschauern zwischen Strohdorf-Brunnen und Vereinshaus. Der damalige Kaplan Giesinger hielt das Geschehen in einer Photoreihe fest. Die anschließenden „Geländespiele" der Buben erstreckten sich weit über die Bühel bis zur Höhle und zum Bergle hinauf. Danke ! Mit den letztes Mal ausgesandten Erlagscheinen sind wieder viele Spenden auf unser Konto 87 957 bei der Raiba Wolfurt eingegangen. Dafür danken wir herzlich. Die gesammelten Beträge wurden an die Gemeinde überwiesen. Diese hat wieder die Deckung des Abganges übernommen. Für diese Unterstützung bedanken wir uns ebenfalls. Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises für die letzten beiden Jahre wurde im Februar 1999 wieder von Herrn Klocker vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Fehl-Drucke Ein Teil der letzten Hefte (Nr. 21) wurde leider fehlerhaft zusammengestellt, so daß einige Seiten fehlen. Bitte, tauschen Sie solche Hefte binnen des nächsten Monats beim Schriftleiter aus! Wir bitten um Entschuldigung. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Bild 2: Strohdörfler BubenMilitär 1940 3 Gar schnell ist aus dem Spiel blutiger Ernst geworden. Als 16- und 17jährige wurden die Burschen zu den Soldaten eingezogen. Dort lernten sie die grausame andere Seite des Krieges mit Blut und Tod und Gefangenschaft kennen. Wohnen in Wolfurt (Heft 21, S. 5) Allzuviele von den schönen Rheintalhäusern sind verschwunden. Da freut mich halt jedes einzelne, das renoviert und der neuen Zeit angepaßt unser Dorfbild verschönert und für unsere Enkel erhalten bleibt. Eines davon ist Böhlers in Rickenbach, Dornbirnerstrafle 10. Gebhard Böhler hat das mehr als 200 Jahre alte Haus in langer Arbeit Stück um Stück erneuert. Dabei machte seine Frau Ingeborg eine überraschende Entdeckung. Um das Jahr 1970 wurde aus der niedrigen Stube das alte gestemmte Deckentäfer herausgebrochen. Auf der Rückseite eines noch gut erhaltenen Täferblattes befand sich eine Bleistift-Inschrift. Schwungvolle alte Kurrentschrift, das meiste gut lesbar: ' 1797 Den I9ten Dezember hat man das Däfer angeschlagen Kaspar Thaler auf dem Bühel Schreiner Meister Und Kaspar Thaler als Gesel. Und Frantz Joseph Rohner ... Meister. Im Jahre 1797 war das zweistöckige gestrickte Holzhaus bereits etwa 50 Jahre alt. Pfarrer Josef Andreas Feurstein schrieb es 1760 unter domus 136 in seinen ersten Wolfurter Seelenbeschrieb ein. Es war damals das alleräußerste Haus von Rickenbach, bis bald danach Awandars und Becko Sepplos und später die Häuser in Schlaft und Kessel erbaut wurden. Nach mehreren Vorbesitzern heiratete im Jänner 1796 Franz Josef Rohner in das Haus ein. Er war ein Wirtssohn aus dem großen Rohner-Gasthof an der Kreuzstraße im Kirchdorf und ein Urenkel des bekannten Hofsteig-Ammanns Jerg Rohner (Heft 13, S. 28). Nun ließ er also ein Jahr später in der guten Stube ein Täfer anschlagen. Das besorgte der Schreiner Kaspar Thaler, der damals mit seiner Frau Maria Schneider auf dem Bühel wohnte, dort wo heute das Haus Oberfeldg asse 3 steht. Weil sein einziger Sohn als Kind gestorben war, hatte er seinen Neffen Kaspar Thaler, geboren 1777 im Tobel, als Schreinergesellen angestellt. Dieser Kaspar hat dann 1802 geheiratet und das große Thaler-Haus im Isatz (Lauteracherstraße 5, Kresser) gebaut. Von ihm stammen alle heutigen Wolfurter Thaler-Familien. Und wie ging es Rohners in der Stube im Rickenbacher Unterdorf? Von den sechs Kindern starben drei ganz jung, zwei Töchter blieben ledig. Nur Agatha, die jüngste, heiratete Joh. Georg Dür von der Ingrüne. Sie sind die Stammeltern von vielen Wolfurter Familien, wie etwa von Awandars (mit Grabhers am Rickenbach), DelloKorles (mit Lehrer-Höfles und Bereuters von der Hoh-Brugg) und Holzar-Schmiods (mit Geiger Adolfs im Röhle, Guldenschuhs in Unterlinden und Klimmer Alberts in Spetenlehen). Fast hundert Jahre lang blieb das Haus im Besitz der Familie Dür. Dann kauften es zuerst Engelbert Kaufmann und zwanzig Jahre später der anfangs der 30er-Jahre aus Amerika heimgekehrte Julius Brauchle und seine Frau Anna. Alte Rickenbacher wis4 sen noch, welch schweres Leid Frau Anna tapfer getragen hat. Als sie 1933 ihr erstes Kind Juliane erwartete, starb ihr Mann. Und als sie zwölf Jahre später in ihrer zweiten Ehe mit Gebhard Böhler wieder ein Kind erwartete, widerfuhr ihr das gleiche Schicksal ein zweites Mal. Beim Einmarsch der Franzosen schlug am 2. Mai 1945 eine letzte deutsche Granate durch die Stubenwand und tötete ihren zweiten Mann. Allein mußte sie in schwerer Zeit für beide Kinder sorgen. Längst hat nun Sohn Gebhard das Haus übernommen und schön hergerichtet. Daß er auch die alte Täfer-Schrift gut aufbewahrt, ist in unserer so schnell-lebigcn Zeit besonders hoch zu schätzen. Vielleicht können Thalers Theo, Kressers Fridolin, Höfles Konrad, Geigers Erich und ein paar Dutzend andere Nachkommen aus den Bleistiftzeilen einen Gruß des Stammvaters an die Ur-Urenkel heraushören! Vielleicht steckt darin aber auch die Frage an uns und unsere Baumeister, was wohl von unseren Betonmauern und Lattenhäusern in 200 Jahren noch bestehen kann? Ahnenforschung Immer wieder suchen Leute aus der Ferne hier in Wolfurt nach ihren Wurzeln. Weit aus Sachsen, aus Hainichen bei Chemnitz, kam Herr Ing. Christoph Egerland und forschte in unseren Pfarrbüchern. Er fand eine große Anzahl von Ahnen, zuletzt ein Ehepaar Schneider, das zu Napoleons Zeiten in dem uralten Haus Hofsteigstraße 1 wohnte. Der Sohn Joh. Martin Schneider, geboren 1795, ging als Schustergeselle auf die Walz und blieb in Kulmbach in Bayern bei einer jungen Barbara hängen. Von ihnen stammt in fünfter Generation Christoph Egerland, Ziegelbrenner und Keramik-Ingenieur. Weniger weit hatte es Schuldirektor Ernst Köhlmeier aus Hard, der für sich und seinen jüngeren Bruder, den Harder Langzeit-Bürgermeister Gerhard Köhlmeier ebenfalls in Wolfurt forschte. Die Köhlmayer waren einst ein großes und angesehenes Wolfurter Geschlecht. Einen kölmayer bartlme (Bartholomäus) können wir als Hofbesitzer schon 1594 nachweisen. Um das Jaht 1670 besaß eine Familie Köhlmayer den wichtigen Gasthof Löwen in Rickenbach: honoratus viduus Blasius Khölmayer hospes (Gastwirt) in Rickhenbach heiratete im September 1678 zum zweiten Mal. Seine Urenkel, sie schrieben sich jetzt Köllmayer, verkauften den Löwen an den Adlerwirts-Sohn Kaspar Haltmayer, von dem er dann an die Löwenwirtler-Fischer vererbt wurde. Einer von den Köllmayer-Söhnen, Johann Michael Köllmayer, heiratete im Oktober 1765 nach Hard. Von ihm stammen in der siebten Generation die Geschwister Ernst (1937), Gerhard (1938), Ruthilde und Adelheid Köhlmeier. Gutes Blut aus Wolfurt hat sich auch am See bewährt! Zuschriften Aus Bischofszeil bei St. Gallen bedankte sich Antoinette Dorn-Rhyner für die Zusendung der Hefte: Mußte weinen vor Heimweh. Man schätzt die Heimat erst in der Fremde.... Habe viel von der Welt gesehen, aber zu Hause in Wolfurt war es doch am schönsten. ... Im Herzen Wolfurterin und auf dem Papier Schweizerin. 5 Aus Bregenz schickte Dr. Paul Gmeiner, der mit seiner Heimatgemeinde Wolfurt ebenfalls immer sehr verbunden bleibt, umfangreiche Kopien zur Kirchengeschichte von Bregenz und Wolfurt. Besonders macht er uns auf jenen jungen Einsiedler aus Wolfurt aufmerksam, der sich als erster in den Ruinen der 1647 von den Schweden gesprengten Burg Hohen-Bregenz einen Unterstand baute. Aus Hohenems schickte der Heimatkundler Dr. Johannes Greyßing mehrere Notizen zur Wolfurter Geschichte, die ihm bei seinen Forschungen im Landesarchiv untergekommen waren. Da fand er Berichte aus Adlerwirts Haus-Chronik über das Rickenbacher Hochwasser von 1702 und über den Musikstreit von 1857, über die wir schon an anderer Stelle berichtet haben. In einem weiteren Beitrag von 1875 widerspiegelt sich der Casiner-Streit, in dem sich die Parteien mit allen Mitteln bekämpften (Siehe Beitrag Die Vorsteher in diesem Heft!): Laut Anzeige des Waldaufsehers von Wolfurt wurde vorigen Sonntag am Wolfurter Schießstande abermals geschossen, ohne die Kugelfänge aufgestellt zu haben. Wie es scheint, will der Hr. Vorsteher von Wolfurt nicht auftreten gegen die Schützengesellschaft, wahrscheinlich weil derselbe mit dem Schützenwirth verwandt ist ...Es kann nicht zugelassen werden, daß noch weiterer Schaden im Walde angerichtet wird, daher ich dringend ersuche, das Schießen einzustellen. ... Werner, k.k. Forstkomm. ... Vorsteher war damals der Adlerwirt Joh. Georg Fischer. Seine ältere Schwester Katharina war mit dem jungen Kronenwirt Michael Sohm verheiratet, dem auch der Schießstand gehörte. Eine vierte Notiz stammt aus der Hunger- und Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg: Dem Mühlenbesitzer Max Zuppinger wurden neulich 6 Säcke Nullermehl im Werte von 1.800.000 Kronen gestohlen. Die Gendarmerie in Lauterach machte die Täter, zwei Reichsdeutsche, die früher bei Zuppinger in Arbeit standen, ausfindig, 68 Kilo wurden noch zustande gebracht; natürlich werden auch die Abnehmer des Mehles zur Verantwortung gezogen. Und jetzt noch eine besonders freudige Mitteilung: Nach langen Bemühungen ist es uns gelungen, für das Gemeindearchiv eine Kopie von der mehr als 200 Jahre alten Adlerwirts Haus-Chronik zu erhalten. Im nächsten Heft wollen wir sie vorstellen. Bild 3: Gasthaus Krone um 1906 Siegfried Heim Die Krone - abgebrochen! In Spetenlehen wurde am 30. Juni 1998 der alte Gasthof zur Krone abgebrochen. Die letzte Wirtin Luzia Müller war im gesegneten Alter von 94 Jahren am 1. August 1997 gestorben. Die Erben machten sich den Entschluß nicht leicht, was mit dem baufällig gewordenen Haus geschehen solle. Auch die Gemeinde war natürlich an einem Fortbestand dieses markanten Gebäudes brennend interessiert. Eine Renovierung des morschen Holzhauses schien schließlich aber doch mit zu großen Kosten und anderen Problemen behaftet zu sein. So mußte denn ein Abbruchbescheid ergehen, gegen den auch das Denkmalamt keinen Einspruch erhob. Damit ist wieder eines der bedeutenden, man möchte fast sagen "historischen" Wolfurter Häuser verschwunden. Der kleine Weiler Spetenlehen am Bannholzbach war schon vor 1000 Jahren besiedelt. Das Mehrerauer Zehentbuch weist im Jahre 1290 einen Hof spate oder auch feodum dicti speten als Mehrerauer Lehen aus. Das Kloster bezog davon jedes Jahr einen Zehent von 13 Schilling, 4 Schweinsschultem, 40 Eiern und dazu ad duc. 4 dies, vier Tage Frondienst zum Einführen der Rickenbacher Feldfrüchte in die Mehrerauer Scheunen. 7 6 Am Ende des Mittelalters erreichte Kaiser Maximilians Heerstraße von der 1518 erbauten Lauteracher Achbrücke her hier am Berghang die ersten Rickenbacher Häuser. Das Kirchdorf Wolfurt lag ja jetzt weit abseits der wichtigen Straße und die paar Häuser der benachbarten Hub drängten sich noch alle im Eulentobel zusammen. Um diese Zeit dürfte hier in Spetenlehen die erste Taverne für Fuhrleute und Pilger eingerichtet worden sein. Nachweisbar finden wir diese am Platz der Krone um das Jahr 1700 im Besitz des Kaspar Gasser und um 1750 im Besitz seines Sohnes Johann Gasser, 1715-1788. Dieser wurde wegen seines Ansehens und Vermögens zum Eidgenoß des Gerichts Hofsteig gewählt.1 Ab 1778 übernahm sein Schwiegersohn Joseph Schelling die Taverne. Er stammte vom Frickenesch und war ein direkter Nachkomme jenes Martin Höfle, dem 1629 in Bildstein die Mutter Gottes erschienen war. Schelling übte das wichtige Amt eines Wuhrmeisters aus. Die Steuerbücher 2 weisen in seinem Besitz neben drei Kühen und Jungvieh auch ein Pferd, einen Raifhandel, ein Holzlager und dazu Mobilien auf dem Wirthslager aus. Von Josephs Sohn Johann Schelling, der bereits als Kronenwirth bezeichnet wurde, der Gasthof aber noch manchmal als Taverne, ging das Haus 1837 in den Besitz seines Schwiegersohns Michael Sohm über. Dieser stammte aus der Krone in Kennelbach und dürfte nun die Krone in Wolfurt groß umgebaut haben. Jedenfalls nahm er 1839 in Feldkirch eine Hypothek von 300 Gulden auf, deren Verzinsung auch noch seine Nachfolger arg belastete.3 Jetzt wurde die Krone zum Mittelpunkt der 1806 aus Kirchdorf Wolfurt und Weiler Rickenbach zusammengefaßten Gemeinde Wolfurt. Statt in der engen Klasse des alten Schulhauses hielten die Gemeindevertreter ihre Sitzungen lieber hier in der Gaststube ab. Nachweisbar - es sind nur wenige Protokolle erhalten geblieben - ist das erstmals bei der Sitzung vom 29. April 1832 bei Kronenwirth Johann Schelling. Es häufte sich aber, als Kronenwirt Sohm ab 1867 selbst Gemeinderat und 1869 auch Kirchenpfleger geworden war. Im Verzeichnis der Einkommensteuer von 1873 lag Kronenwirt Michael Sohm hinter Rößlewirt Fidel Müller und Schwanenwirt Joh. Georg Kalb bei den Wirten an dritter Stelle in der Gemeinde, vor Kreuz, Mohren, Schiffle, Löwen, Sternen, Linde, Schützen, Adler und Hirschen. Einige Jahre lang war der Krone um diese Zeit im Nachbarhaus eine Konkurrenz entstanden. Im Stammhaus der Spetenleher Fischer, 50 Jahre früher das erste Wolfurter Rathaus4, hatte Martin Fischer 1860 den Gasthof zum Schützen eröffnet. Dazu hatte er auf eigene Kosten auf seinem Bühel einen neuen Gemeinde-Schießstand erstellt.5 Seither hielten die Wolfurter Standschützen mehr als 100 Jahre lang dort oben ihre Schießübungen und viele Feste ab, bis sie 1975 ihren großen neuen Stand an der Ach erbauten. Im neuen Gasthaus Schützen probte auch der 1865 gegründete Männerchor Wolfurt-Kennelbach. Der Schützenwirt war selbst Stimmführer im ersten Tenor.6 Aber im Jahre 1875 wurde der Schützen versteigert. Und kaufen konnte das stolze Haus samt dem Schießstand der Kronenwirt Michael Sohm, der sich so der unliebsa8 Bild 4: Das alte Wirtshausschild men Konkurrenz entledigte.7 Ab jetzt wurde die Krone zur Schützenwirtschaft. Der Schießstand gehörte nun zu Kronenwirts Bühel. Alles zusammen übergab der tüchtige Wirt 1877 seinem gleichnamigen Sohn Michael Sohm junior. Der hatte ab 1870 bei den Kaiserjägern gedient. Die Gastwirtschaft vermochte der heimgekehrte Soldat aber nicht zu führen. Schon nach zwei Jahren verkaufte er 1879 zuerst den ehemaligen Schützen an Wendelin Pfanner aus Langen, ein Jahr später auch sein Elternhaus, die Krone. Auch die Familie Pfanner konnte den großen Besitz nicht halten. Den Schützen verkaufte sie an Josef Anton Fischer, einen jüngeren Bruder des früheren Schützenwirts. Voll Neid nannten die Wolfurter den tüchtigen kleinen Mann bald s Milliono-Männdle, weil er sich vom ehemaligen Knecht in der Zuppinger-Mühle zum reichen Sticker in seinem wiedergewonnenen Elternhaus in Spetenlehen hinaufarbeitete. Die Krone samt den immer noch auf ihr lastenden alten Schulden erwarb für ein paar Jahre Wilhelm Huber aus Breitenbrunn und dann Albert Müller, Rößlewirts aus dem Kirchdorf. Auch dieser mußte sie schon 1893 wieder verkaufen. Neuer Besitzer wurde sein jüngerer Bruder Karl Müller. Karl, geboren 1863, hatte bei seinem Vater Fidel Müller, der seit 1850 den angesehenen Gasthof Rößle besaß, das Bäckerhandwerk erlernt. 1889 heiratete er Johanna Dür, die reiche Tochter des ein Jahr zuvor plötzlich verstorbenen Rickenbacher Mechanikers Josef Anton Dür. Mit ihrer Mitgift und seinem väterlichen Erbe konnte das Paar für ansehnliche 6000 Gulden die große Bäckerei Huber in Rieden kaufen. Als aber Johannas letzter Bruder Heinrich Dür im Jänner 1891 ganz überraschend starb, wurde sie dazu noch Alleinbesitzerin der Großschlosserei Dür am Rickenbach, die ihr Vater dort seit 1848 aus der uralten Hunds-Mühle, aufgebaut hatte. Nur ein gutes Jahr lang nannte sich Karl Müller jetzt Mechaniker in Rickenbach, dann verkaufte er die Schlosserei 1892 an Conrad Doppelmeyer aus Hard, der hier 20 Jahre früher seine Lehre gemacht hatte. 9 Den Erlös legten Karl und Johanna Müller zum Erwerb der Krone an. Aus dem in der Krone aufbewahrten umfangreichen Aktenpaket8 erfahren wir Interessantes aus dem damaligen Geschäftsleben. Ein Schreiben des Steueramtes nennt den Umsatz, den Albert Müller im ersten Halbjahr 1893 vor der Übergabe der Wirtschaft an seinen Bruder Karl gemacht hatte: Verkauft Würste für warme Speisen Käse Brot Kaffee Selchfleisch Beherbergt lt. Fremdenbuch 50 Personen Branntwein 300 Liter Zur Beherbergung 3 Zimmer mit 5 Betten 130 fl Nettogewinn 200 fl 60 fl 140 fl 40fl 120 fl 200 fl 25 fl 40 fl 18 fl 14 fl 16 fl 40 fl 10 fl 40 fl 3. Julius 4. Eugen 5. Maria 6. Josef 7. Franziska 1893-1916 1894-1978 1895-1941 1896+ 1898 oo Ida Gunz, Hofsteigstraße oo in Bregenz mit Alfons Köb (Seppatones vom Bühel) letzte Kronenwirtin oo Paul Köb (Molars), Hofsteigstraße 8. Raimund 1899-1923 9. Luzia 1903-1997 10. Hilda 1904-1940 In dieser Aufstellung fehlen aber die am häufigsten ausgeschenkten Getränke Wein, Most und Bier. Hatte man einige Jahre früher im Wirtshaus neben Most und Schnaps fast nur Wein getrunken, so war um diese Zeit das Bier in Mode gekommen. Im Adler in Rickenbach hatte der Vorsteher Joh. Georg Fischer 1874 eine eigene Brauerei eingerichtet, die er dort bis 1906 betrieb. Der neue Kronenwirt bezog sein Bier bei der Mohrenbrauerei in Dornbirn, die ihm z. B. im Dezember 1893 für 661 Liter Bier zu je 11 Kreuzer 72.71 Gulden in Rechnung stellte. Wein bezog er dagegen meist bei der Agentur Jacob Kohler in Schwarzach, die Südtiroler Wein in Fässern für 20 Kreuzer je Liter franco Bahnhof Schwarzach zur Abholung lieferte: 3 Fassel roth Wein, 1008 Liter für 201.60fl. Im Jahre 1900 verrechnete Kohler seinen Wein erstmals in der neuen Kronen-Währung: 2 Fass Rothwein, 660 Liter für 264 K. Karl Müller hatte für seinen Gasthof Krone auch die Gewerbeberechtigung für eine Gemischtwarenhandlung und eine k. k. Tabak-Trafik erhalten. Neben Mehl, Gerste, Zucker und Salz beschränkte sich der Verkauf aber hauptsächlich auf Kautabak, Bürsten und Pfannenriebel. Bei Kronenwirts wuchs jetzt eine große Familie heran 9 : 1. Karl 2. Berta 1890-1938 1891 oo Maria Fischer (Seppos), Unterlindenstraße oo in Bregenz mit Jakob Schertler (Jokobos aus dem Flotzbach) Im Jahre 1907 erkrankte Vater Karl schwer. Jetzt lag die Verantwortung ganz bei der tüchtigen Mutter. Im gleichen Jahr ließ sie hinter der Krone eine große Stickerei erbauen, in welcher die Kinder nun jeden Tag viele Stunden arbeiteten. Dazu betrieben sie Gastwirtschaft und Kaufladen weiter. Im Kronensaal hielten zuerst der Männerchor Wolfurt und dann der Gesangverein Liederhain ihre Proben. Auch der 1926 eigens für die Rickenbacher gegründete gemischte Chor Frohsinn fand hier bis zu seinem Ende 1934 Unterkunft. Sohn Julius, Mitbegründer und ab 1912 Obmann des Turnerbundes, starb 1916 im Krieg. Als sich der ArbeiterTurnerbund vom Arbeiterverein löste, fand die erste Hauptversammlung 1920 in der Krone statt. Ebenfalls in der Krone wurde schon 1927 mit der Ski-Riege des Turnerbundes der erste Wolfurter Schiverein gegründet. Hier ließ Vorsteher Lorenz Schertler auch 1923 den Standschützenverein neu gründen. Noch viele Jahre lang blieb die Krone das Vereinslokal der Schützen. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte sich für das einstmals so wichtige Haus vieles verändert. Frau Luzia, mit einem schweren Sprachfehler behaftet, aber vielleicht gerade deswegen zu allen Leuten freundlich und hilfsbereit, führte den Gasthof nun allein. Mehrere Flüchtlingsfamilien hatten bei ihr Aufnahme gefunden. Den Laden hatte sie geschlossen. Dort stan- Bild 5: Die letzte Kronenwirtin. Lucia Müller, 1903-1997 10 11 den jetzt die ersten Frisierstühle der jungen Wolfurter Meister Herbert Vonach und Emil Gasser, Viel später durfte hier die Junge ÖVP ihr Klublokal einrichten. In der Krone fand am 22. Dezember 1946 jene denkwürdige Sitzung statt, in der sich der "liberale" Turnverein und der "schwarze" Turnerbund nach jahrzehntelanger Gegnerschaft zur überparteilichen "Turnerschaft Wolfurt" zusammenschlossen. Im gleichen Jahr hatte auch Martin Höfle noch einmal alte und junge Sänger zur Gründung eines neuen Männerchores in die Krone gerufen. Während die Turnerschaft aufblühte, war dem Chor kein langer Bestand beschieden. In der ruhiger gewordenen Gaststube trafen sich immer noch politische Gruppen der Gemeinde, erstellten hier ihre Kandidatenlisten und berieten wichtige Themen. Und immer wieder fanden sich Stammtischrunden zusammen zu fröhlichem Gedankenaustausch bei Kaffee und einem von Luzias bekannten Mohroköpfle, aber vor allem natürlich zu einem zünftigen Jaß bis tief in die Nacht. Auch als Luzia in ihrem hohen Alter gebrechlich geworden war, blieb die gastliche Stube ihren alten Freunden immer offen. Das ist nun vorbei! - Sie werden uns sehr fehlen, die gute alte Luzia und ihre gute alte Krone! 2 ' Pfarrarchiv Wolfurl, Seelenbeschrieb 1760, domus 114 Gemeindearchiv Wolfurl Originaldokument in Privatbesitz Bild 6: Das Kloster Mehrerau wurde um das Jahr 1094 gebaut. Heimat Wolfurt, Heft 20, S. 12 GA Wolfurt, GV-Protokoll vom 16. Aug. 1860 6 GA Wolfurt, Sänger-Protokollbuch 1 7 GA Wolfurt, Cod 8a, Häuserverzeichnis 1886, Nr. C 188 8 Privatbesitz 9 GA, Cod 20, Familienbuch 1885, fol 362 5 4 Siegfried Heim 750 Jahre Rickenbach 750 Jahre alt wird heuer die Urkunde, auf der der Name Rickenbach zum ersten Mal aufscheint. Unter insgesamt 60 Ortsnamen stehen dort auch noch eine ganze Reihe anderer aus unserer Umgebung. So wollen Schwarzach und Hard dieses runde Namens-Jubiläum heuer festlich begehen. Am 17. September 1249 unterzeichnete Papst Innozenz IV zu Lyon in Frankreich die Urkunde, die als ältestes Mehrerauer Grundbesitzerverzeichnis gilt. Dort scheinen unter den Dörfern und Weilern außer Wolfurt auch Lauterach, Hard, Schwarzach, Alberschwende und Kennelbach auf, nicht aber Buch und Bildstein. Für unsere Wolfurter Parzellen Ach (Ahe), Steig (Staige) und Rickenbach (Rikembach) ist es wie für unsere Nachbarn Schwarzach (Swarzahe), Hard (Harde) und Kennelbach (Kaenalbach) überhaupt die allererste urkundliche Namensnennung. Ach, Steig, Rickenbach 1249 Schwarzach, Hard, Kennelbach 1249 Für Wolfurt kennen wir als ältesten Namen St. Nikolaus. So hieß der Ort nach der Kapelle, die Graf Rudolf von Pfullendorf um das Jahr 1167 dem Stauferkaiser Fried13 12 rieh Barbarossa überließ. Einige Jahrzehnte später traten um 1220 zuerst die Ritter de Wolfurt in Lindauer Urkunden als Zeugen auf. Aber schon 1226, als der Stauferkönig Heinrich VII. seinen Wolfurter Besitz mit der Kapelle an das Kloster Weißenau verschenkte, hießen auch die Häuser am Fuß von Kapelle und Schloß zum ersten Mal Wolffurt (.... cum capella in Wolffurt....).' Wolfurt 1226 Die Namen von Lauterach und Dornbirn sind viel älter. In St. Galler Urkunden finden sich schon im Jahre 853 Lutaraha und 895 Torrinpuiron. Noch älter ist der Name Bregenz, der vor 2000 Jahren um 15 v. Chr. vom keltischen Brigantion in das römische Brigantium umgeformt wurde. Lauterach schon 853 Wie war es zu dem umfangreichen Mehrerauer Dokument von 1249 gekommen? Es wird heute als eines der ganz wertvollen Pergamente im Vorarlberger Landesarchiv aufbewahrt. Wolfurt und die Mehrerau Um die Jahrtausendwende hatten sich die Grafen von Bregenz in mehrere Linien aufgespaltet, die einander eifersüchtig gegenüberstanden. Zur Sicherung ihres Siedlungsgebietes im Brcgcnzcrwald gründete die Bregenzer Linie 1086 in Andelsbuch ein Benediktinerkloster. Schon wenige Jahre später wollte sie es 1092 zur St. GallusKirche nach Bregenz verlegen. Dagegen erhoben die Pfullendorfer Verwandten, denen um diese Zeit noch die halbe Kirche und auch der Kellhof Wolfurt gehörten, Einspruch. So mußten die Benediktiner weit hinab an das sumpfige Seeufcr übersiedeln und dort ihr neues Kloster St. Peter in der Au bauen. Bald nannte man es Mehrerau, um es damit von Minderau (Weißenau) bei Ravensburg zu unterscheiden. Durch großzügige Schenkungen gewannen die Mönche im anschließenden Jahrhundert ungeheuren Grundbesitz, vor allem in Bregenz, im Allgäu und im Bregenzerwald. Auch aus dem Hofsteiger Raum bezogen sie Einkünfte, allerdings vorerst noch nicht aus dem Kellhof bei St. Nikolaus, der ja seit 1226 dem Konkurrenzkloster Weißenau gehörte. Weißenau stand auf der Seite der mit dem Papst verfeindeten Stauferkönige. Einer der letzten von ihnen, König Konrad IV, überfiel 1248 das Kloster Mehrerau. plünderte es und brannte es nieder. Da erbat sich der Abt vom Papst einen Schutzbrief für seine gefährdeten Besitzungen. Diese Urkunde von 1249 verfehlte ihre Wirkung nicht und wurde sorgfältig aufbewahrt. Mehrere Vorarlberger Historiker haben sie übersetzt und kommentiert, nach Bergmann und Heibock (Regesten 445) auch Bilgerir Nach seiner Auffassung hat der italienische Schreiber den Mehrerauer Besitz je nach Wichtigkeit in vier Teile gegliedert. Auf das Kloster und seine Kirchen in Lingenau, Andelsbuch und Alberschwende folgen die großen Höfe, dann die Zinsbesitzungen 14 und schließlich die Fischrechte und Mühlen. Alles soll dem Kloster ungestört erhalten bleiben! Unter den Großhöfen ist nach Zemkamerhove und Zenmidernhove in Lauterach auch Stetige genannt, der wichtige gräfliche Hof auf der Steig bei Rickenbach. Die Zinsrechte sind geographisch geordnet: .... zu Lutrahe, Rieden, Bregenze Stade (Erstmals im Mittelalter wird Bregenz hier als Stadt bezeichnet!), Inderuti (Reute ob Bregenz), Celle (wahrscheinlich St. Gallenstein beim späteren Gallusstift), Kaenalbach, Ahe, Wolfurt, Berge, Staige, Rikembach, Swarzahe, Kuun (Knie ob Haselstauden), Stigelingen (das ist Haselstauden), Tornhurron (Dornbirn).... Harde, Zedorf'(bei Hard), Gaispurron (Gaisbirn in Bildstein), Hasegnowe (das ist Fischbach) .... Es folgen noch die gefährdeten Besitzungen im Wald und im Allgäu. Bei den Fischrechten ist auch die Bregenze genannt. So hieß damals unsere Ach. Unter den Mühlen finden wir nach Kanalbach gleich Telmoz (die Tellenmoosmühle an der Minderach in Schwarzach) und Rikembach. Bemerkenswert ist, daß die Mehrerauer 1249 auch Rechte im Staufisch-Weißenauer Wolfurt, also im heutigen Kirchdorf angeben. Hier handelt es sich wohl um einen Fehler auf dem päpstlichen Pergament, denn Wolfurt taucht in den erhalten gebliebenen Mehrerauer Zinsrodeln zwischen 1290 und 1505 nie mehr auf. Dasselbe gilt für den benachbarten Weiler Ahe, von dem aus die Furt nach Kennelbach führte. Wohl aber finden sich in den Zinsrodeln zahlreiche Parzellennamen aus ganz Hofsteig, auch aus Buch und Bildstein und vor allem aus Rickenbach. Neben den schon bekannten Richinbaeh und Staige sind es schon 1290 Spate (Spetenlehen), Ruozinberc (Rutzenberg), Molendium (Mühle), und Slattingen (Schlau). Mit ze Bana ist wohl das Bannholz gemeint. Andere Rickenbacher Höfe können wie nicht mehr einordnen: Spahilin, Swenche, Berge, Boumar. Das im Jahre 1340 erstmals genannte Kelun weist auf das heutige Kella hin. Spetenlehen, Rutzenberg, Schlatt 1290 Kella 1340 Kehren wir noch einmal zur Steig zurück. Im Jahre 1249 stand dort also der einzige nach Mehrerau abgabepflichtige Großhof auf Rickenbacher Gebiet. Vielleicht hat dort schon damals der Graf von Bregenz Gericht gehalten. Aber erst einige Jahre später taucht in einer Urkunde von 1260} erstmals die Bezeichnung curia staige auf. Curia bedeutet Genossenschaft oder Hofgemeinschaft. Das Jahr 1260 bringt also den ersten Namenstag von Hofsteig. Hofsteig 1260 Das Kloster Mehrerau verlangte vom Hof Steig 1290 nur ein Schwein als Jahreszins. Dann hat aber wohl der Graf den größten Teil seiner Rechte am Hof an das Kloster abgetreten. So stieg die Zinsforderung schon um 1300 auf dimidiam partem omnium, die Hälfte von allem (!). Und 1340 lautete sie immer noch: Item de curia in Staig tertia pars frugum scilicet speltarum et avene et pullos et ova et scapulas. Also nun ein Drittel der Getreideernte von Dinkelweizen und Hafer, aber auch ein Drittel der Hühner, der Eier und des Schweinefleisches.4 15 Darüber hinaus wurden die Abgaben für das Kloster jetzt aus dem weiten Umkreis hier auf der Steig gesammelt. 8 Hühner, 8 Käslaibe und ein Scheffel Nüsse kamen bis aus Haselstauden, 20 Schweineschinken, 500 Eier und 4 Käslaibe brachten die Rickenbacher und die Höfe auf dem Steußberg.5 Um diese Zeit setzten die Montforter Grafen von Bregenz einen Ammann als Verwalter des sich immer weiter ausdehnenden Gerichtes Hofsteig ein. Erstmals läßt sich im Jahre 1383 nachweisen, daß dieser Ammann nun auch in Lauterach Gericht hielt.6 Lauterach wurde nun der Hauptsitz des Gerichtes, das ständig und ganz besonders vor anstehenden Ammann-Wahlen engen Kontakt zu Mehrerau pflegte. In Wolfurt weitete das Kloster Besitz und Einfluß auch im Kellhofgebiet aus. Im Jahre 1402 kaufte Abt Heinrich für 500 Pfund Pfennig die Hälfte von Schloß Wolfurt samt Höfen und Wald. Und 1451 kaufte das Kloster gar für 944 Pf. Pf. die ganze Burg Veldegg im Oberfeld mit ihrem bedeutenden Grundbesitz. Damals soll Mehrerau nach dem Geschichtsschreiber Ransperg mit 452 Leibeigenen den Höhepunkt seiner weltlichen Macht erreicht haben. Im Jahre 1512 verständigten sich Abt Kaspar Haberstro von Mehrerau und Abt Johannes von Weißenau zur gemeinsamen Errichtung der Pfarrei St. Nikolaus in Wolfurt. Abwechselnd setzten sie nun einen ihrer Mönche als Pfarrer ein, bis 1601 Weißenau alle seine Rechte in Wolfurt für bares Geld an Mehrerau verkaufte.7 Nicht nur die Pfarrkirche unterstand nun ganz der Mehrerau, sondern auch die in der Pfarre Wolfurt liegende 1670 eingeweihte Wallfahrtskirche Bildstein, deren riesige Einnahmen der Wolfurter Pfarrer nach Mehrerau abliefern mußte. Bis zum Untergang des Klosters setzte der Abt die Pfarrer von Wolfurt ein, als letzten 1781 Lorenz Gmeiner, der 1806 die Auflösung des Klosters und des Gerichtes Hofsteig miterleben mußte. Zu Mehrerau gehörten bis 1802 nach den im Gemeindearchiv erhalten gebliebenen Steuerbüchern noch immer 16 große Lehenshöfe in Wolfurt, von denen einige auf über 4000 Gulden eingeschätzt wurden. Unter ihnen standen an vorderster Stelle die des Anton Fischer und des Johannes Reiner auf dem Platz des ehemaligen Hofes Steig (heute Rutzenbergstraße 1 und 2). Die anderen lagen im Gemeindegebiet verstreut, einige mitten im Kirchdorf. Schloß Veldegg war nicht mehr dabei. Seine großen Grundflächen im Oberfeld waren im Besitz des Klosters als einzige der Grundverteilung und der Zerstückelung der Felder im 18. Jahrhundert entgangen und bald danach an neue Besitzer gekommen. Erst in den letzten Jahren sind auch sie zu Verbauung aufgeteilt worden. Die 16 Höfe des Klosters und die eingehenden Zinse verwaltete ein vom Abt bestellter Gotteshaus-Ammann. Nach dem gotshusaman Johannes Müller heißt sein schönes altes Haus an der Kellhofstraße nach mehr als 200 Jahren noch heute Sam-Müllers. Der letzte Gotteshausammann war dessen Enkel Mathias Schneider, der ebenfalls einen Mehrerauer Hof an der Kirchstraße besaß. Er mußte 1803 im Namen des Abtes alle Mehrerauer Rechte, die auf diesen Höfen lasteten, ablösen oder verkaufen. Der letze Abt von Mehrerau war seit 1791 Franz II. Hund. Dessen Tod vermerkte 16 Bild 7: Das Gottesmutter-Relief von Herbert Albrecht Bild 8: Das Klostertor in Mehrerau. Eine Meisterarbeit des Barock Mathias Schneider in seiner Chronik: 1805 den 9. März Morgens ist der Sr. Hochwürden und Gnaden Abtt und Prälat Franz II. des Löbl. und Uralten stiefts Merrerau Seilig gestorben, Gott gebe ihm die Ewige Ruhe.8 Die 15 zuletzt noch verbliebenen Mönche durften keinen Abt mehr wählen. Die Bayern hatten Vorarlberg erobert. Am 1. August 1806 hoben sie das Kloster auf. Im November traten 11 der Mönche aus. Am 22. Februar 1807 wurde in der herrlichen Barockkirche, die erst 1740 von dem Bregenzerwälder Baumeister Franz Anton Beer ganz neu erbaut worden war, die letzte Messe gefeiert. Dann wurde die Kircheneinrichtung versteigert. Das prachtvolle Chorgestühl mit Einlegearbeiten aus Edelhölzern und Zinn wurde in die Pfarrkirche St. Gallus versetzt. Dort bewachen seither auch die großen steinernen Apostelfürsten Petrus und Paulus aus der Mehrerau den Eingang. Große Teile der wertvollen Bibliothek wurden verbrannt. Drei Tage lang soll das Feuer gelodert haben. Dann wurde die Kirche abgerissen, zuletzt auch noch am 7. Dezember 1808 der Turm gefällt. Viele von den Quadersteinen wurden auf Lastschiffen über den See geführt und in Lindau zum Bau des neuen Hafens verwendet.9 Die 700jährige Geschichte der einst so mächtigen Benediktiner-Abtei St. Peter in der 17 Au, die auch die Mutterkirche der Pfarre Wolfurt war, schien zu Ende. Die riesigen Klostergebäude dienten einige Zeit als Kaserne, dann nahmen sie eine Zichorienfabrik und eine Druckerei auf. Im Jahre 1854 zogen über Vermittlung des Kaisers Franz Joseph die aus Wettingen in der Schweiz vertriebenen Zisterzienser-Mönche ein. Sofort begannen sie mit dem Bau einer neuromanischen Klosterkirche. Seither erklingt dort wieder ihr feierliches Chorgebet. Auch die Kloster-Bibliothek umfaßt wieder mehr als 100 000 Bände. Darüber hinaus leiten die Mönche verschiedene Schulen. Zum Kloster gehören das Sanatorium Mehrerau und eine große Landwirtschaft. Es betreut durch einen Prior auch die Wallfahrtskirche Birnau am Bodensee. Bei der großen Renovierung von 1961 wurde die romanische Krypta unterhalb des Kirchenschiffs zugänglich gemacht. Dort sieht man seither neben den Steinsärgen der Benediktiner-Äbte und der Grafen von Bregenz auch das Grab des St. Galler Abtes Kilian German, der während der Reformationswirren auf Schloß Wolfurt lebte und beim Durchreiten der Ach 1530 ertrunken ist. Die Fassade der Kirche schmückt seit 1964 ein monumentales Betonrelief unseres Wolfurter Bildhauers Herbert Albrecht, 13 Meter hoch und 70 Tonnen schwer. Im Mittelpunkt des Bildes thront die Gottesmutter Maria. Ganz klein wird man zu ihren Füßen und ist doch eingeladen zum Eintritt in das Gotteshaus. Eingeladen in die Mehrerau, die auch unsere Wolfurter Mehrerau ist. Siegfried Heim Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt (2) In Heft 20 habe ich eine Liste der bisherigen 24 Bürgermeister von Wolfurt vorgelegt und über die Amtszeit der ersten sieben davon berichtet. Hier folgt nun die Fortsetzung aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. 8. Johann Höfle 1856-1859 Geb. 25.9.1813, gest. 15.5.1880 Die mächtige Sippe der Ziegler-Schertler war keineswegs bereit, nach dem Abgang des langjährigen und vcrdiensvollen Vorstehers Joh. Martin Schertler ihren Einfluß in der Gemeindestube aufzugeben. Mit Johann Hölle stellte sie einen Schwager als Kandidaten auf, der den kaiserlichen Beamten in Bregenz paßte. Gewählt wurde nämlich seit 1850 nicht mehr! Der neue kaiserliche Absolutismus unterdrückte alle demokratischen Regungen. Vorsteher und Gemeinderäte wurden einfach vom k.k. Statthalter ernannt. Höfle war Gerbermeister in Spetenlehen. Seit fast 200 Jahren betrieb seine Familie dort im Haus C 191 (Hofsteigstraße 33, Roths) nun schon das Gerbergewerbe. Im Jahre 1840 hatte Johann seine Frau Maria Anna Schertler, eine Tochter des Ziegeleibesitzers Josef Anton Schertler im Röhle und Nichte des bisherigen Vorstehers, geheiratet. Zwei Schertler-Schwäger leiteten jetzt die großen Ziegeleien an der Ach, einer das Sägewerk in Kennelbach. Zur gleichen Sippe stießen bald noch andere bedeutende Wolfurter als Schwäger: der Kreuzwirt Andreas Haltmayer, der Lindenwirl J. Gg. Fischer und der strebsame Lehrer Wendelin Rädler. Das verhieß starke konservative Macht, gegen welche die sehr aktiven Liberalen vorerst nicht ankamen. Auf 6. März 1856, Donnerstag-Nachmittag um 2 Uhr, hatte der neue Vorsteher Johann Höfle die Gemeindevertretung zu ihrer ersten Sitzung in das Schulhaus eingeladen. An seiner Seite saßen als Gemeinderäte der Lindenwirt J. Gg. Fischer. Märtolars, und J. M. Haltmeyer, der Gerber im Kirchdorf, sowie 15 weitere Ausschüsse. Ab jetzt wurden regelmäßig Protokolle geführt, von welchen viele noch vorhanden sind. Für unentschuldigtes Fehlen wurde eine Strafe von einem Gulden zugunsten des Armenfonds festgelegt und in den späteren Sitzungen auch tatsächlich mehrfach eingehoben. Neue Leute wurden in die Ämter als Armenvaler, Gemeindekassier und Waldaufseher berufen. Fast jede der folgenden Sitzungen befaßte sich mit der Genehmigung von Eheschließungen. Ansuchen von armen Leuten wurden immer abgelehnt, wie etwa am 30.8.1857 das Ehegesuch eines Fabriksarbeiters, der angab, täglich 48 Kreuzer zu verdienen: .... daß es nicht möglich sey, mit diesem Verdienste die Seinigen zu versor19 1 2 3 4 5 Heimat Wolfurt. Heft 17/1996, S. 5. nach Rapp. Generalvikariat Vorarlberg. 1896. II.. S. 388 Benedikt Bilgen. Zinsrodel Mehrerau, 1940. S. VI ff VLA, Urkunde 777 wie 2. S. 32 wie 2, S. 47 " Heimat Wolfurt, Heft 13/1993, S. 15 7 Heimat Wolfurt, Heft 17/1996, S. 7 s GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 83 9 Rapp, Generalvikariat, 1896.1., S. 546 ff 18 gen, da eine Familie einen größeren & bestimmten täglichen Erwerb bedarf, als diesen, um nicht den Gemeindebürgern zur Last zu fallen Eine ganze Reihe von Gastwirten wollte 1857 plötzlich Gemischtwaren-Handlungen eröffnen. Josef Letsch, der Backer im Hirschen, erhielt die Erlaubnis zum Verkauf von Mehl, Grüschen und Salz. Das gleiche Recht bekam Jakob Böhler, Bäcker und Wirt zum Sternen. Dieser gab sich aber damit nicht zufrieden und erhielt noch im gleichen Jahr die Genehmigung zum Viktualienhandel. Das Ansuchen des Rößlewirts Fidel Müller um Spezereywaaren Befugnis wurde dagegen abgelehnt, weil schon ein anderer in der Nähe sei. Dieser andere war Joh. Gg. Heim, der in Hanso Hus am Kirchplatz den bisher einzigen Kaufladen betrieb. Er erhielt jetzt auch die Genehmigung zum damals so wichtigen Salz-Verschleiß. Inzwischen suchten viele fremde Fabriksarbeiter aus Kennelbach eine Unterkunft in Wolfurt. Dagegen wandte sich der Vorsteher in einer am Sonntag von der Kirchstiege verlesenen Bekanntmachung mit harten Worten und argen Vorwürfen: Viele Gemeindebürger haben fremden Familien & Personen des ledigen Stands in ihren Häusern Unterkunft oder Quartier verleihung gegeben. .... keinen hinreichenden Verdienst.... .... die Gewerbetreibenden auf die nachteiligste Weise hintergehen und betrügen .... .... in der Gemeindswaldung des Ippach & auf der Steinach Holz & Gebüsch zu ihrem täglichen Gebrauch nehmen .... ' Der Vorsteher verlangte die sofortige Anmeldung der Fremden. Wer Holz oder Gebüsch stiehlt, wird ohne Verzögerung aus der Gemeinde gewiesen. (Dazu muß man wissen, daß die fremden Fabriksarbeiter damals Bauernkinder aus dem Bregenzerwald, dem Oberland und aus Tirol gewesen sind!) Seit 1851 bestand in Wolfurt neben der Alten Musik noch die vom ersten Instrumentenmacher Schwerzler gegründete Blechmusik. Der Vorsteher forderte, daß die neue & die alte Musikbande zusammen mit der Schützenkompagnie dem im Jahre 1856 durchreisenden kaiserlichen Statthalter Erzherzog Karl Ludwig die wahrhaft patriotische Zufriedenheit der Bevölkerung erweisen sollten. Ein Jahr später verfügte der Bezirkshauptmann, daß bei der Fronleichnamsprozession nur die sogenannte alte Musikgesellschaft allein mitwirken dürfe. Bald danach schlossen sich beide Kapellen zusammen. Im Oktober 1856 tadelte das k.k. Bezirksamt, daß eine Überprüfung an der Feuerspritze Rost und Grünspan gefunden habe und 9 Bürger von Wolfurt den vorgeschriebenen Wasserkübel nicht vorweisen konnten. Auch das erst gut 20 Jahre alte Kirchendach mußte schon 1856 umgeschlagen werden. Johann Kalb Nagelschmidt schmiedete dazu 1300 neue Nägel und verrechnete dafür 4 1/2 Gulden. Weiterhin bezahlte die Gemeinde alle Reparaturen an Kirche und Pfarrhof, auch die Ausgaben des Pfarrers Hiller für Kerzen, Opferwein und für Brennholz. Als aber 1857 die neue Österreichische Währung eingeführt wurde, rechnete der Kassier den alten Anspruch des Pfarrers von 70 fl R. W. auf nunmehr nur 61 fl 25 x öst. W. um. Die allergrößte Aufgabe für Vorsteher Johann Höfle war aber die Anlegung eines neuen Katasters für das Gemeindegebiet. Dazu der anschließende Beitrag. Eine kleine Ehrung erfuhr der Vorsteher im Jahre 1858. Über Antrag von Mathias Geiger, Schütz, wurden Johann Höfle und sein Kassier Josef Halder in die Jagdgesellschaft aufgenommen. Ein Jahr später übergab Höfle das Vorsteheramt an seinen Schwager Eischer. Im Jahre 1865 verkaufte er die uralte Höfle -Gerberei in Spetenlehen an den Gerbermeister Forster aus Bregenz. Mit seiner Familie übersiedelte er an die Ach und übernahm aus dem Schertler-Vermögen seiner Frau das große Haus C 6 (Bützestraße 24, Rohners). Bis zu seinem Tod 1880 beteiligte er sich an der Leitung der Schertler-Ziegeleicn. Von seinen 11 Kindern wurde der Sohn Lorenz Höfle, Jg. 1844, Priester und Pfarrer von Buchboden. Zwei Töchter heirateten nach auswärts. Der älteste Sohn Josef Anton Höfle verkaufte das Haus an der Ach und übersiedelte nach Lauterach. Damit erlosch diese bedeutende Gerber-Höfle-Sippe in Wolfurt. Der Kataster von 1857 Der seit 1807 nunmehr fast 50 Jahre gültige Bayerische Kataster genügte als Grundlage für Bezitznachweis und Steuereinhebung nicht mehr und sollte ersetzt werden. Schon 1856 waren über behördlichen Auftrag alle Straßen, Bäche und Gräben neu vermarkt worden. Alle Grundbesitzer mußten an ihren Grundstücken gut sichtbare Marken setzen. Dann vermaßen staatliche Geometer. denen der Vorsteher Hilfsarbeiter zur Verfügung zu stellen hatte, ein Jahr lang alle Grundparzellen der Gemeinde, auch die im Ried und im Ippachwald. Sie zeichneten davon einen genauen Plan im Maßstab 1 : 2880, die sogenannte Mappe mit vielen Blättern, und schrieben all ihre Meßergebnisse in ein Parzellenprotokoll ein. Mit der am 1. Dezember 1857 in Schwaz im Tirol durch Geometer Franz Trautel erfolgten Unterfertigung erhielt das Protokoll Rechtskraft und ist seither die Grundlage für alle Grundstücksgeschäfte in Wolfurt geblieben. Das Gemeinde-Archiv besitzt als dickes Buch eine Abschrift des Parzellenprotokolls von 18572 und eine farbige Kopie des alten Planes. Die Bauparzellen sind beginnend mit Nr. 1 in der Höll an der Ach bis zu 304 im Schlatl durchnumeriert. Es finden sich darunter neben den vielen Häusern auch Waschhütten und Stadel, vier Ziegelhütten, sechs Mühlen und der damalige Schießstand beim Adler in Rickenbach. Im Gegensatz zu den Bauparzellen beginnt die Numerierung der Grundparzellen im Kirchdorf mit Gp 1 Friedhof, Gp 2 Weinberg des Pfarrers .... und endet nach einem weiten Weg durch das Ried und über die Bühel mit Gp 3159 im hintersten Harder Ippach. Daran schließen sich noch die Wege, Bäche und Teiche bis zur letzten Nr. 3356 an. Diese Nummern von 1857 haben noch heute Gültigkeit. Viele wurden allerdings unterteilt und die Anzahl der Bauparzellen hat sich ungeheuer ausgeweitet. Die Grundvermesser waren meist landesfremde und der deutschen Sprache kaum mächtige k.k. Beamte. Das zeigt sich leider in der Schreibung der alten Flurnamen 21 20 9. Joh. Georg Fischer (II) 1859-1861 Geb. 1.5.1816, gest. 25.11.1880 Auch 1859 entfielen die fälligen Gemeindewahlen wieder. Die alte Gemeindevertretung schlug am 5.4.1859 entgegen dem steigenden Druck der Liberalen mit Joh. Georg Fischer wieder einen Mann aus der Schertier-Verwandtschaft zum Vorsteher vor. Dessen Frau Rosalia Schertier stammte aus der Sippe der Ziegler-Schertler im Röhle. Das verhalf ihm dazu, Nachfolger seines Schwagers Johann Höfle als Vorsteher zu werden. Am 9. April wurde er im Bezirksamt in Bregenz vereidigt. Als Enkel des bekannten HofsteigAmmanns Joseph Fischer, 1725-1809, Löwenwirt und später auch Engelwirt, gehörte J. Gg. Fischer der großen Sippe der Sammar (s Ammas) an, die sich jetzt in die Zweige der Löwenwirtler, Altadlerwirts und Sammars im Röhle auffächerte. Sein Vater Martin Fischer, ge- Bild 10: Vorsteher J.Gg. Fischer IL, 1816-1880 boren 1779 im Löwen in Rickenbach, hatte 1812 in das große Kalb-Haus C 124 (Kirchstraße 19, Kirchbergers) am Unterlinden-Brunnen eingeheiratet und die Linie der Märtolar-Fischer begründet. Auch der erste Wolfurter Vorsteher J. Gg. Fischer (I) war ein naher Verwandter gewesen. Im Elternhaus in Unterlinden, das er bei seiner Heirat 1851 übernommen hatte, richtete Fischer jetzt die Gemeindekanzlei ein. Seine erste Sitzung leitete er bereits am 17. April 1859, Sonntag Nachmittags um 3 Uhr im Schulhause dahier. Gleich im allerersten Punkt mußte wegen des hohen Schuldenstandes der Gemeinde eine Steuererhöhung beschlossen werden. Probleme gab es mit der Böthin, die für die Wolfurter allerlei Besorgungen in Bregenz verrichtete und auch die Post dorthin besorgte. Das Bezirksamt schlug ein Abkommen mit dem täglich durch Wolfurt fahrenden Bezauer-Postboten vor. Die Gemeinde bestellte aber am 10. Juli 1859 den 40jährigen und sehr kinderreichen Lorenz Reiner zum neuen Bothen. Er übernahm die Verpflichtung, wöchentlich dreimal nach Bregenz zum Bezirksamt und zur Post zu fahren und alle Aufträge, die ihm die Bürger an seinen Amtstagen bis 1 Uhr auftrugen, getreulich zu besorgen. Etwa 50 Jahre lang erfüllten die Both-Reiner, der Vater zuerst und nach ihm sein gleichnamiger Sohn Lorenz, ihren wichtigen Dienst, auch als man später ein Postamt einrichtete. Bild 9: Katasternummern von 1857 rund um die Pfarrkirche. Grundparzellen Gp 1 Friedhof Gp 2 Pfarrers Weinberg Gp 3 Pfarrers Bühel Gp 4 Pfarrers Weinberg Gp5 Pfarrers Garten Gp 6 Pfarrers Bühel (später oberer Friedhof) Bauparzellen Bp 76 J. A. Kalb, Naglars, (später neuer Schwanen) Bp 77 J. Gg. Kalb, (alter) Schwanen Bp 106 Fidel Müller, Rößle Bp 107 Bildstein-Heim, Hanso Hus Bp 108 Pfarrkirche St. Nikolaus Bp 109 Pfarrers Stadel Bp 110 (alter) Pfarrhof auf den Plänen. Da liest man u. a. Ruzenberg, Prahl, Frikenesch, Schlaf, Mädle, Lehnholz (statt Bannholz), Buchet (Bühel), Auf der steinernen Markt (An der steinernen Mark). Am schlimmsten traf es den Kessel am Rickenbach: Rosa Kessl schrieb der Beamte, weil er das alte Roßenkessel für einen Tümpel, in dem man Flachs wässert, nicht verstehen konnte. Nicht nur die alten Parzellennummern haben noch heute ihre Gültigkeit, sondern auch die Beamtenfehler von damals. Viele davon findest du noch immer auf Mappenauszügen. Sogar auf den Plänen für die Autobahn und für unseren riesigen Güterbahnhof sind sie sehr sauber und dennoch falsch eingetragen! Und im Computer-Zeitalter darf man eine Richtigstellung wohl nicht mehr erwarten! Der großen Bedeutung der Katastralmappe kann das aber keinen Abbruch tun. 22 23 Im Jahre 1860 brach der Schwanenwirl Joh. Georg Kalb die alte Nagelschmiede am Kirchplatz ab und erbaute dort seinen großen Neuen Schwanen. Der Alte Schwanen an der Kellhofstraße, bis dahin ein wichtiger Versammlungsort in der Gemeinde, wurde geschlossen und verkauft. Erst vor wenigen Jahren hat ihn die Gemeinde wieder für die Pflege der Gemeinschaft im Dorf neu hergerichtet. Im gleichen Jahr 1860 hatte Martin Fischer in Spetenlehen den Gemeindeschießstand auf seine eigene Kosten zur Herstellung übernommen. Jetzt suchte er um Bewilligung als Schützenwirth-Schankwirthschaft an. Nur etwa 15 Jahre blieb der Gasthof Schützen geöffnet, der Schießstand auf dem Bühel dagegen mehr als 100 Jahre lang. Schon nach zwei Jahren gab Fischer das Vorsteheramt wieder ab. Eine fast einstimmig erfolgte Wiederwahl lehnte er trotz aller Zureden ab. Er wollte Gastwirt werden. Über sein Ansuchen erhielt er am 12. September 1862 vom k.k.. Bezirksamt in Bregenz die Concession zum Betriebe des Schankgewerbes auf dem eigenthümlichen Hause zu Unterlinden. Im Jahre 1868 erbaute er dann aber mit der Linde ein ganz nobles neues Gasthaus weit unten im Fischare-Feld (heute Unterlindenstraße 17, Fideles). Weil die Unterlindenstraße damals als Röthelgasse nur ein schmaler Feldweg war, erstellte er als Privatstraße eine Zufahrt von der Kirchstraße bis zu seiner Haustüre hinab. Seit einigen Jahren heißt diese schmale Straße Glockengasse. Von Fischers 10 Kindern heirateten vier Töchter, Maria Anna nach Lauterach, Katharina den Rößlewirts-Sohn Albert Müller, Anna Maria den Schuhmacher Fidel Kalb, der sich später als Vorsteher Fidel Kirchbergcr nannte. Schließlich begründete noch Rosalia mit ihrem Gatten Andreas Geiger die Sippe der Geiger im Röhle. Das Gasthaus Linde wechselte nach J. Gg. Fischers Tod mehrfach den Besitzer, bis es der Fergger Fidel Gmeiner ab 1898 zum Stammhaus der Kartonagen-Gmeiner machte. 10. Josef Halder 1861-1867 Geb. 6.12.1806, gest. 4.7.1880 1861 waren nach elfjähriger Unterbrechung erstmals wieder Wahlen durch das Volk ausgeschrieben worden. Bei ganz geringer Wahlbeteiligung von nur 66 Wählern erhielt mit Franz Josef Halder noch einmal ein konservativer Gemeindepolitiker das Vorsteheramt. Daß drei von seinen Töchtern in die Ziegler-Schertler-Sippe einheirateten, dürfte ihm zu dieser Ehre verholten haben. Haider stammte aus einer Bauernfamilie von der Fluh. 1837 hatte er die acht Jahre ältere Witwe Agatha Müller geheiratet und war dadurch Besitzer des Hauses C 168 an der Hub (Hofsteigstraße 14, Soalars) geworden. Zwanzig Jahre früher hatte im gleichen Haus der zweite Wolfurter Vorsteher Xaver Flatz gewohnt. Halder gewann in Wolfurt hohes Ansehen. Bald wurde er in den Gemeinde-Ausschuß gewählt. Viele Jahre lang war ihm das wichtige Amt des Gemeinde-Kassiers anvertraut gewesen, ehe er nun 1861 sogar zum Vorsteher berufen wurde. Bild 11: Bucherstraße 1864: ... von Baum zu Baum klettern Noch immer herrschte in Wolfurt bittere Armut. Noch immer wanderten ganze Gruppen von jungen Leuten nach Amerika aus. Wegen geringer Schulden verloren andere durch Versteigerungen Hab und Gut. Darüber ein eigener Beitrag im Anhang! In einer seiner ersten Sitzungen befaßte sich Vorsteher Halder mit der Ausrüstung jener Männer, die zu einer lOOtägigen Dienstzeit als Landesverteidiger einberufen wurden. Drei Tage vor dem Abmarsch erhielt jeder vom Vorsteher eine von der Gemeinde angeschaffte Mundur als ein Hut, ein Rock, Hosen & ein bar Schue. Nach beendigter Dienstzeit mußte die Montur zu weiterer Verwendung wieder beim Vorsteher abgegeben werden. Immer strenger wurden die Bestimmungen, mit denen sich die Wolfurter gegen Überfremdung wehrten. 1861 setzte die Gemeindevertretung das Einkaufsgeld für jedes Mansbild von bisher 75 auf 100 Gulden hinauf. Ab 1864 mußte jede Weibsperson, welche durch Heurathen in den Gemeindeverband aufgenommen wird, 50 Gulden bezahlen. Und ab 1865 verlangte man von jedem Beisäß (Nicht-Gemeindebürger) für jedes Kind pro Jahr einen Gulden Schulgeld. Seit Jahren gab es Differenzen wegen der Erhaltung der Bucher-Straße. Schon 1859 hatte die Behörde eine radikale Verbesserung vorgeschrieben. Nun wurde dem Vorsteher gar eine Drohung von Bezirkshauptmann Honstetter mit Datum vom 10. April 1864 zugestellt: Nach einer Heute eingelangten Gendarmerie Anzeige befindet sich der Fahrweg von Wolfurt nach Buch in einem derartig schlechten Zustande, daß Fußgänger kaum durchkommen, und um nicht im Wege selbst stecken zu bleiben, dem Berge nach von Baum zu Baum klettern müssen Sollte die Gemeinde Wolfurt die Straße nicht binnen eines Monats in einen befriedigenden Zustand versetzen,... so wäre der Herr Gemeinde Vorsteher in eine Geldstrafe von Zwanzig Gulden verfallen, die man zur Verbesserung der Strasse verwenden wird. ... 25 24 Im Juni 1863 bildete die Gemeinde ein Komitee für die anstehende große Kirchenreparatur. Nach der bitteren Erfahrung von 18303 wählte man diesmal mit dem Adlerwirt Josef Anton Fischer und dem Schmied Josef Anton Dür auch zwei liberale Rickenbacher in den Ausschuß. Zuerst wurden nun im Kirchenschiff die zwei sichtbehindernden Säulen am Aufgang in den Chor herausgebrochen. Dann versuchte man, die als unschön empfundenen Ochsenaugen-Fenster durch hohe gotische Fenster zu ersetzen. Dieses Vorhaben mußte allerdings nach Untersuchung der Mauern aus statischen Gründen aufgegeben werden. Dafür malte der Dornbirner Kunstmaler Joh. Kaspar Rick 1864 an das Deckengewölbe zwei große Fresken: im Chor Die Darstellung Jesu im Tempel und im Schiff Die Bergpredigt. Auch der neue Chorbogen erhielt mit Jesus und Moses als Gegenüberstellung von Neuem und Altem Testament zwei Fresken. Sie sind leider alle bei der Kirchenrenovierung von 1938 zerstört worden. Im November 1866 verstarb der beliebte Pfarrer Josef Anton Hiller, der in Wolfurt seit 1836 segensreich gewirkt hatte. Im Mai 1867 trat Josef Anton Waibel an seine Stelle. Er wurde bald darauf auch Dekan. Nach dem Tod seiner ersten Frau hatte Josef Halder 1851 ein zweites Mal geheiratet. Von seinen sieben Kindern wurden vier Töchter groß. Sie bekamen alle hochangesehenc Ehepartner. Maria Anna Halder heiratete 1863 mit Joh. Martin Schertier junior in Unterlinden einen Sohn des 7. Vorstehers, der selbst später der 14. Vorsteher werden sollte. Ihre Schwestern Martina und Josefa heirateten die Brüder Johann Martin und Theodor aus der Ziegler-Familie Schertier im Röhle. Hansmarteies und Thedoros haben sehr viele Nachkommen. Die vierte Schwester Anna Maria begründete im Nachbarhaus an der Hub mit Joh. Georg Böhler die Sippe Sternowirts Hans-Irgos. Vorsteher Halders Witwe verkaufte 1882 ihr Haus und zog zur Tochter Martina an die Ach. Versteigerungen Wohl nirgends wird die Not der armen Leute von Wolfurt besser sichtbar als in den Versteigerungsprotokollen aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Aus der großen Zahl wähle ich einige aus. 1856 Pfändung und Schätzung. In der Exekutionssache des J... S... durch H. Dr. Vogl gegen Johan Georg Schneider zu Wolfurt wegen einer Forderung von 45fl 18 x wurde .... die Exekution vorgenommen: zyvei einschläfige Betten samt Zugehör Werl 10 fl ein dope her weicher Kasten 6 fl ein Rosenkranz mit Silber gefaßt I fl 48 x ein hartes Soffa 4fl 36 x eine Sackuhr 1 fl 48 x ein weicher Kuchenkasten 1 fl 12 x Zirka 6 Zentner Fettheu 6 fl Bild 12: Schätzungsprotokoll 1856 eine Sense, 2 Hauen u. eine Schaufl ein dopelter weicher Kasten ein einschläfiges Bett samt Zugehör ein grüntüchener Männer-Rock ein goldener Fingerring ein Halsnuster von Korallen ein schwarzes Frauenzimerkleid von Orlean 1 fl 48 x 1 fl 36 x 4 fl 36 x 5 fl 1 fl 48 x 2fl.30 x 4fl 54 x Da wurden neben Bett und Kasten auch der Rosenkranz und der Ehering beschlagnahmt. Was ist den Eheleuten Schneider, die damals im Kirchdorf-Loch ein Quartier bewohnten, denn da noch geblieben außer ihren zwei hungrigen Kindern? 26 27 1863 Es wird von der Magdalena Schürpf bekennt als Gotta den zwey Kinder M. Agatha und Karolina Rünzler im Holz, weil ihnen die Mutter Anna M. Schürpf gestorben ist, so hat sie ihnen zwey Bethnüster mit etwas Silber u. zwey goldene Handring in bewahrung aufgehalten, bis die Kinder selber fähig seind zu besorgen, welches bekennt mit eigenhändiger Unterschrift Magdalena Schirpf Johann Schirpf Vormund Jos. Halder Vorsteher als Zeuge Also auch Rosenkränze und Fingerringe verlangten nach des Vorstehers Unterschrift! 1865 Der Gemeinde-Vorstehung in Wolfurt Bei den nachgenannten Partheien wurde wegen rückständigen Gemeindesteuern die Pfändung u. Schätzung vorgenommen u. zwar: 1. Bei Mathias Klocker in Rickenbach, wegen 9fl 62 x ein kupferner Hafen pr 6fl u. eine Stubenuhr per 4fl. 2. Bei Joh. Georg Stadelmann in Rickenbach, wegen -fl 95x eine Wanduhr pr 2 fl (Nachtrag: zalt 80x) 3. Bei Johann Georg Gasser in Spetenlehen wegen 2fl38x ein kupferner Kochhafen pr 2/7. 4. Bei Johann Winder an der Hub in Wolfurt wegen 3 fl 51 1/2 x u. 10 x Kosten ein Kanape per 2fl u. ein Kommodkasten pr 3 fl. Die Gemeindevorstehung wird hiemit beauftragt, die öffentliche Feilbiethung der in Exekution gezogenen Gegenstände über vorläufige Bekanntmachung am Samstag den 24ten d. Mts Früh 9 Uhr gegen Barzahlung vorschriftsmäßig vorzunehmen, aus dem Erlöse den Steuerkassier für obige Beträge zu befriedigen u. sich über die Vollziehung dieses Auftrages bis 26. d. Ms. unfehlbar anher auszuweisen. K. K Bezirksamt Bregenz am 10. Juni 1865 Unterschrift (unleserlich) Ohne Pardon wurden demnach wegen 95 Kreuzern Steuerschuld die Wanduhr oder wegen 2 Gulden sogar die lebensnotwendige Muspfanne gepfändet! 11. Johann Maier 1867-1872 Geb. 1.8.1833, gest. 20.4.1872 Jetzt waren die Liberalen endlich am Ziel! Schon seit 1864 saßen mit Johann Maier und Josef Anton Dür zwei von ihnen als Gemeinderäte neben dem konservativen Vorsteher Josef Halder an der Spitze des Gemeinde-Ausschusses. Nun aber wurden unter Anwesenheit des Bezirksvorstehers in einer Kampfabstimmung am 16.9.1867 Johann Maier zum Vorsteher und sein Mitstreiter J. A. Dür zum 2. Gemeinderat gewählt. Sein unterlegener Kontrahent Franz Josef Gmeiner wurde 1. und Kronenwirt Michael Sohm, ein maßgeblicher Anführer der konservativen Gruppe, nur 3. Ge- meinderat. Das deutete auf kommenden Streit hin. Johann Maiers Vater Josef stammte aus dem Oberland. Er hatte 1821 die Witwe Franziska Schertier geheiratet und damit das Haus C 120 (Kirchstraße 23) erworben. Dazu erbaute er ein paar Jahre später in der Wiese dahinter das Haus C 119 (Kirchstraße 25). Hierher heiratete 1856 sein tüchtiger Sohn Johann. Der wollte aber nach vorne an die Straße und tauschte sofort von seinem älteren Stiefbruder das vordere Haus ein. Von seiner Mutter her war Johann Maier ein direkter Nachkomme jenes legendären Ammanns Jerg Rohner, der einst die Bauern zum Aufstand gegen die Beamtenwillkür nach Bregenz geführt hatte.4 Von ihm dürfte der Urenkel einige Charaktermerkmale geerbt haben! Nach der militärischen Niederlage Bild 13: Vorsteher Johann Maier, 1833- 1872 Österreichs gegen Preußen im Jahre 1866 trieb der Kulturkampf seinem Höhepunkt zu. Die liberale Regierung in Wien entzog 1867 Ehegesetzgebung und Schulwesen dem Einfluß der katholischen Kirche. Auch der mehrheitlich von liberalen Abgeordneten besetzte Vorarlberger Landtag zeigte sich kirchenfeindlich. Das führte unter den Konservativen zu einer starken Gegenbewegung, die sich 1868 in der Gründung von katholischen Casinos und eines katholischen Lehrervereins äußerte. Bei beiden stand der junge Kennelbacher Lehrer Wendelin Rädler an vorderster Front. Auch bei der Gründung des Vorarlberger Volksblattes 1866 durch den Pfarrer von Kennelbach war er beteiligt.5 In Wolfurt gründeten die beiden am 10. Mai 1868 nach Bregenz und Feldkirch das dritte Casino in Vorarlberg. Das veränderte nun mit der Schulung und Beeinflussung der kleinen Wolfurter Bauern und Fabriksarbeiter das politische Leben in der Gemeinde nachhaltig. Von Beginn an verfügte Vorsteher Maier, daß die Protokolle der Gemeinde abschriftlich in ein Buch eingetragen werden mußten. Seit 1867 sind also alle erhalten geblieben.6 Zwar fanden die meisten Sitzungen im Schulhaus statt, dazwischen aber immer wieder einzelne im Rößle oder in der Krone. Die dortigen Wirte gehörten dem Gemeinde-Ausschuß an - übrigens beide als Vertreter der Konservativen. Zu allererst galt Vorsteher Maiers Aufmerksamkeit der Volksschule, die den Anfor- 28 29 derungen des neuen liberalen Reichsvolksschulgesetzes nicht mehr genügte. Schon im Jänner 1867 hatte sein Vorgänger Halder anhören müssen, daß ... das Schulgebäude in einem schlechten Zustande ist, das die Kinder beinahe erfrieren u. die Zimmer eine unregelmäßige Eintheilung haben wie auch die Öfen nichts taugen.... Manche wollten mit dem Anbau einer neuen Klasse hinten am alten Schulhäuschen an der oberen Straße das Auslangen finden. Da entzog der Vorsteher aber dem Pfarrer die Schulaufsicht und ließ sich 1869 selbst zum Ortsschulinspektor ernennen. Dabei ging es nicht gerade zimperlich zu. Als der Vorsteher den Kaplan Lehner als Lügner bezeichnete, verurteilte ihn das k.k. Bezirksgericht wegen Ehrenbeleidigung zu 25 Gulden Strafe. Das Oberlandesgericht hatte dagegen Verständnis für den Zorn des Vorstehers und reduzierte die Strafe auf 10 Gulden. Umgekehrt faßte der alte Sammar Jakob Fischer für seine Äußerung „Vorsteher Maier ist ein Lumpenmändle " sogar 14 Tage Arrest aus. Zielstrebig nahm Maier den Neubau der Volksschule in Angriff. Mit Vertrag vom 28. Mai 1870 kaufte er von Altvorsteher Lindenwirt J. Gg. Fischer für 350 Gulden dessen mit Obstbäumen besetzte Wiese im Strohdorf. Bereits am 15. September legte er beim k.k. Bez.-Ingenieur in Feldkirch einen ersten Bauplan vor. Eine Baugenehmigung erhielt er allerdings erst ein Jahr später im November 1871 nach vielen Umplanungen. Schier unglaublich waren die verlangten Neuerungen im Vergleich zum bisherigen alten Schulhaus: hohe Zimmer mit Platz für 240 Schüler, Ventilation im Sommer, Heizung mit ausgefütterten Blechöfen im Winter, Empfehlung einer eigenen Turnhalle neben der Schule, dazu ein Turnplatz und ein Schulgarten, eigene Lüftung in den Aborten, Urin-Rinnen für die Knaben,.... - Es ist aber dann doch nicht alles genau nach Vorschrift gebaut worden. Baumeister Spiegel und Zimmermeister Rohner aus Hard stellten das stolze Haus binnen eines Jahres für 10 000 Gulden fertig. Auch die Schulstraße von der Hub herein wurde verbreitert und mit 2 Brücken ausgestattet. Die Brühlstraße blieb dagegen noch bis 1935 ein schmaler Privatweg. In den sechs Klassen mußten statt der vorgesehenen 240 später im Rekordjahr 1904 insgesamt 360 Schüler Platz finden. Dazu kamen noch Räume für Bürgermeister und Gemeindekanzlei. Mehr als 100 Jahre lang blieb Vorsteher Maiers liberale Schule der Mittelpunkt der Gemeinde Wolfurt. Erst im Juli 1979 wurde sie abgebrochen. Daß seinem politischen Intimfeind, dem Casiner Wendelin Rädler, eine Lehrerstelle in Wolfurt verliehen wurde, konnte Maier 1870 noch verhindern. Daß aber 1874 katholische Nonnen als Schulschwestern einzogen und Rädler 1876 sogar Schulleiter wurde, das erlebte er nicht mehr. Zu den großen Anliegen der Liberalen Partei gehörten auch die Verbesserung des Postverkehrs und der Bau von Eisenbahnen. Bisher hatte ein Bote wöchentlich dreimal die Post in Bregenz abgeholt. Im Jahre 1868 wurde Wolfurt dem neu erstellten Postamt Lauterach zugeteilt. Dagegen wehrte sich die Gemeinde, weil die Briefe dadurch einen ganzen Tag länger auf dem Weg seien. Es dauerte aber noch drei Jahre, bis auch Wolfurt ein eigenes Postamt erhielt. 1870 bewarben sich fünf angesehene Bürger um die ausgeschriebene Postmeisterstelle, darunter neben Rößlewirt Fidel Bild 14: Haus Kirchstraße 23. Um 1870 Gemeindeamt und für kurze Zeit das erste Wolfurter Postamt. Müller und Löwenwirt Johann Fischer auch Vorsteher Maier selbst. Mit einem feierlichen Dekret aus Innsbruck erhielt dieser am 25. 4. 1870 den begehrten Posten und mußte sich nun einem Kurs in Bregenz unterziehen. Am 1. Jänner 1871 wurden in Wolfurt der Postbetrieb aufgenommen. Der Vorsteher durfte sich nun K.K. Postmeister nennen und eine Stampiglie Postamt Wolfurth führen. Seit die Bayerische Staatsbahn im Jahre 1856 ihre Geleise bis auf die Insel Lindau verlegt hatte, drängte die aufstrebende Vorarlberger Industrie auf eine AnschlußEisenbahn. Eine der ersten Planungen sah eine Trasse vor, die von Schwarzach aus in die Hügel aufsteigend einen Bahnhof Wolfurt in der Nähe des Schlosses bauen wollte. Über Buch und das Rotachtal hätte sie dann bei Weiler die bayerische Bahn erreicht und sich so den schwierigen Umweg durch die Bregenzer Klause erspart.7 Carl Ganahl, der mächtige Anführer der Liberalen, plante aber seit 1865 eine Rheintalbahn über Dornbirn und Wolfurt nach Bregenz und Lindau. Dagegen erhob sich in Wolfurt eine starke Opposition der Casino-Leute. Sie lehnten die Eisenbahn vollständig ab: ....fremdes Gesindel... Gefährdung von Sitte und Moral.... Felder zerschneiden .... Vieh läuft davon .... Pferde werden scheu ....8 Ganahl mußte umplanen und wählte eine ganz neue Trasse von Dornbirn entlang der Landstraße durch das Ried über Lauterach nach Bregenz. Davon brachte ihn aber der Schwarzacher Vorsteher und Landtagsabgeordnete Gebhard Schwärzler mit größter Mühe zugunsten von Schwarzach doch noch ab. So entstand schließlich die weite Doppelkurve nach Schwarzach und dann unter Umgehung von Wolfurt nach Lauterach. Selbst gegen die Bahntrasse im Ried wandten sich die Casino-Leute im Jänner 1871 noch mit einer umfangreichen Beschwerdeschrift, die 120 Unterschriften trug, darunter die von Pfarrer Waibel, Gemeinderat J. A. Schertler und Alt-Vorsteher Halder. Am 1. Juli 1872 wurde die Vorarlbergbahn aber dann doch eröffnet. Noch im gleichen Jahr erhielt sie die Anschlüsse nach Lindau und nach St. Margarethen. Schnell veränderten 30 31 sich dadurch die Gewerbestrukturen in den Orten an der Bahn. Konservatives Denken hatte für Wolfurt eine große Chance vertan. Das sollte sich bald bitter rächen! Eine weitere wichtige Aufgabe für Vorsteher Maier war die Fertigstellung eines zweiten Ach-Dammes bis nach Lauterach. Negrelli hatte damit schon 1830 begonnen." Als gewählter Wuhrmeister ließ Maier in den Gemcindewaldungen Tannen fällen und mit Hunderten von Fuhren die Steine aus dem Achbett holen. Unter Zuhilfenahme von Frondiensten gewann die Gemeinde dadurch die wertvollen Gründe zwischen Achstraße und Dammstraße, auf denen um 1920 die Wolfurter Kolonie Im Wida und nach 1960 große Fabriken erbaut werden konnten. Die Zeit der schlimmsten Arbeitslosigkeit und der Auswanderung nach Amerika war jetzt vorbei. Der Eisenbahnbau führte sogar zu Mangel an Arbeitskräften und zum Zuzug vieler Arbeiter aus dem Trentino nach Wolfurt.10 Die 108 Wolfurter, die jeden Tag über den hölzernen Steg in die Schindlerfabrik kamen, mußten ab 1869 täglich nur mehr 12 Stunden lang arbeiten, das allerdings auch am Samstag. Im gleichen Jahr 1869 brachte Gebhard Fischer, Seppos auf der Steig, die erste Handstickmaschine aus der Schweiz und leitete damit eine Revolution der Wolfurter Arbeitswelt ein. Parallel dazu erfolgte eine Umstrukturierung der Landwirtschaft vom bisherigen Getreidebau zur Milchwirtschaft. 1871 wurde im Kirchdorf die erste Sennerei eröffnet. Das war allerdings kein Verdienst des Vorstehers, sondern eines seines Gegners Wendelin Rädler, der uns in den folgenden Kapiteln noch oft begegnen wird. Der Streit zwischen Liberalen und Casinern tobte nämlich seinem Höhepunkt zu und entzweite das ganze Land. Das zeigte sich ganz besonders bei den Wahlen von 1870. Bei der Landtagswahl erreichten die Casinos zusammen mit ihrem Volksblatt einen ungeheuren Erdrutschsieg. Die Liberalen verloren 10 von ihren bisher 14 Abgeordneten, die Konservativen gewannen zu ihren 5 diese 10 dazu und dominierten nun mit einer Dreiviertel-Mchrheit den neuen Landtag. Seither ist dieser nun schon weit über hundert Jahre lang schwarz geblieben. Ähnlich Ergebnisse erbrachten auch die Gemeindewahlen fast überall im Land. Nicht so in Wolfurt! Hier behielten die Liberalen in einem erbittert geführten Wahlstreit knapp die Mehrheit. Darüber berichtet der nachfolgende Artikel. Als die Casinos in ganz Vorarlberg anläßlich des Papstjubiläums vom 15. Juni 1871 ihre Macht mit Musik, Feuerwerk, Böllerschießen und Bergfeuern demonstrierten, feierten aber auch in Wolfurt 500 Leute unter Lampions auf dem Schloßbühel bis tief in die Nacht hinein. .... Dießes Freudenfest brachte die ungläubigen und Liberalen aber in eine große Hitze hinein .... der Vorsteher Johann Meier war einer der grimmigsten Liberalen weit und breit, der in der Gemeinde große Streitigkeiten anstiftete mit dieser Parteilichkeit, das namentlich unserem Herrn Hochwürden dem Herrn Pfarrer Jos. Weibel und Kaplan Lehner sehr schmerzte, diese Unbilden möge Gott den Liberalen verzeihen denn sie werden bald einsehen das sie auf dem Holzweg wandelten .... So berichtet der Chronist (und Casiner) Ferdinand Schneider." Bild 15: Eisenbahnplanung 1867 durch den Ippachwald nach Deutschland. 32 33 Die Vorwürfe und Auseinandersetzungen kosteten den Vorsteher viel Kraft. Am 20. April 1872 verstarb er ganz plötzlich an einer Lungenentzündung, noch nicht ganz 39 Jahre alt. Wenige Monate später mußte sein Haus an der Kirchstraße versteigert werden. Seine Witwe heiratete nach Bildstein. Von Maiers neun Kindern aus zwei Ehen waren sechs bereits verstorben. Die anderen drei verließen Wolfurt nach Bildstein, Lauterach und Vaduz. Damit war die Familie des jungen Vorstehers, der in nur fünf Jahren so viel bewegt hatte, in Wolfurt bereits wieder erloschen. Gemeinde wahlen 1870 Der Weg zu echter Gemeinde-Demokratie erwies sich schon im 19. Jahrhundert als außerordentlich schwierig. Auch nach Metternich und der Beschneidung der Vorrechte des Adels im Revolutionsjahr 1848 war man von einer Gleichberechtigung der Bürger noch weit entfernt. Das zeigte sich besonders bei Gemeindewahlen.12 Eine Fülle von kaiserlichen Erlässen und Beamten-Verordnungen zur Wahl wurden in den einzelnen Gemeinden ganz unterschiedlich gehandhabt. Ein provisorisches Gemeindegesetz von 1849 und ein Wahlgesetz von 1864 versuchten, Ordnung zu schaffen. Einige wesentliche Unterschiede zur heutigen Gesetzgebung möchte ich hier festhalten. Wählen durften nur die Männer. Die Wählerliste von 1848 umfaßte in Wolfurt 273 Männer, manchmal Vater und Sohn, einige Maie mehrere Brüder mit gemeinsamem Besitz. Frauen, die als Witwen oder Erbinnen eigenen Besitz vorwiesen, konnten durch eine Vollmacht einen Mann für sich wählen lassen. Wer mehr Besitz hatte, der hatte auch mehr Einfluß. Um den Reichen größere Macht zu geben, teilte man die Wähler nach ihren bezahlten Steuern in drei Wahlkörper ein. Arme Leute, die keine Steuern zahlten, und solche, die mit der Zahlung im Rückstand lagen, durften überhaupt nicht wählen. Jeder von den drei Wahlkörpern mußte für den Gemeinde-Ausschuß sechs Ausschusse und dazu drei Ersatzmänner wählen. Die kleine Gruppe der Reichen besaß also ebenso viele Vertreter wie die um ein Vielfaches größere Gruppe der armen Kleinbauern des III. Wahlkörpers. Zu diesen zählten als Wahlberechtigte auch viele Leute aus Nachbardörfern und aus Bregenz, die in Wolfurt eine Wiese oder einen Acker besaßen und dafür ein paar Gulden Steuern bezahlten. Weil Auswärtige sich aber oft durch eine Vollmacht vertreten ließen, bestand die Gefahr einer Manipulation, wenn ein mit mehreren Vollmachten ausgestatteter Wähler seinen Willen auch mehrfach zum Ausdruck bringen konnte. Bis 1864 gab es zudem noch die offene Wahl. Vor dem Wahlleiter und den anwesenden Mitwählern diktierte jeder Wähler dem Gemeindeschreiber die Namen jener neun Männer, 6 für den Ausschuß und 3 als Ersatz, durch welche er sich am besten vertreten fühlte. Da getrauten sich natürlich viele Leute nicht, offen zu ihrer Meinung zu stehen. Entsprechend niedrig war die Wahlbeteiligung daher im III. Wahlkörper. So 34 Bild 16: Wählerliste 1870 für die Reichen 35 traten etwa bei der Wahl 1861 von 254 Wahlberechtigten nur 66 zur Wahl an, also nur 25% (!). Von den 133 Angehörigen des III. Wahlkörpers hatten nur 16 den Mut gefunden, zur offenen Wahl in das Schulhaus zu kommen. Das änderte sich schlagartig, als das Wahlgesetz von 1864 die geheime Wahl mit Stimmzetteln einführte, auf welchen jeder seine neun Namen schon zu Wahl mitbrachte. Außerdem traten jetzt Parteien auf, die mit ihren Lesevereinen den Zeitungen großen Einfluß verliehen. Sie versuchten, alle ihre Gesinnungsgenossen zur Wahl zu bringen oder wenigstens deren Vollmacht zu bekommen. Schon die Wahl von 1867 war wegen der viel höheren Wahlbeteiligung ungeheuer spannend. Die 18 von den drei Wahlkörpern gewählten Ausschüsse benötigten denn auch zwei Durchgänge, bis sie mit Johann Maier erstmals einen Liberalen zum Vorsteher gemacht hatten. Geradezu dramatisch sollte es aber dann 1870 werden, weil sich das katholische Casino nach den gewonnenen Landtagswahlen auch in der Gemeindestube absolut siegessicher fühlte. Fünf angesehene Ausschußmitglieder, angeführt von Vorsteher Maier und Altvorsteher Halder, bildeten das Wahlkomitee. Zuerst legte ihnen der Kassier die alphabetisch gereihte Liste der 511 Steuerzahler vor, die im Vorjahr zusammen 4567 Gulden an Steuern abgeführt hatten, im Durchschnitt etwa 9 Gulden. Ein Drittel der Steuersumme betrug also 1522 Gulden. Jetzt suchte das Komitee die größten Steuerzahler heraus. Ganz an die Spitze stellte man aber den Pfarrer. Die Auflistung begann mit 1. Hochw. Herr Pfarrer 14 fl Steuerbetrag 2. Martin Haltmeier, Gerber 138 fl 3. Walter Zuppinger, Fabrikant 107 fl 4. Jos. Ant. Dür, Mechaniker 82 tl 5. Jos. Ant. Fischer, Adlerwirt 73 fl 6. J. Gg. Kalb, Schwanenwirt 66 fl 7. Fidel Müller Rößlewirt 66 tl und endete mit 32. Ferd. Dür, Holzhändler 26 fl. Diese 32 Besitzer, unter ihnen auch der Bregenzer Kaufmann Jakob Hutter, der damals für das Schloß Wolfurt 27 Gulden Steuer bezahlte, brachten mit 1524 Gulden das erste Steuerdrittel zusammen. Sie durften im I. Wahlkörper 6 Ausschußmänner stellen, für je 5 Wähler einen Vertreter! An den Beginn der zweiten Liste schrieb das Komitee mit Kaplan Lehncr. Gemeindearzt Dr. Moritz und Oberlehrer Stülz drei Würdenträger, die bei früheren Wahlen wie der Pfarrer im I. Wahlkörper gestanden waren. Augenscheinlich wollte man ihren Einfluß vermindern. Ihnen folgten 81 Wahlberechtigte mit einer Steuerleistung von 25 bis herunter zu 13 Gulden. So bildeten 84 Besitzer den II. Wahlkörper. Das ergab für je 14 einen Vertreter. Die dritte Liste umfaßte im III. Wahlkörper schließlich die große Zahl von 395 kleinen Steuerzahlern vom Kleinbauern mit 13 Gulden herab bis zum Schuster mit 2 1/2 Gulden. Sie alle zusammen brachten mit 1530 Gulden das dritte Steuerdrittel auf und durften auch nur 6 Männer für den Ausschuß stellen. Hier traf es also für jeweils 66 Wähler nur einen Vertreter. Die vielen Grundbesitzer aus Bildstein, Schwarzach und Lauterach waren aber wohl an den Wolfurter Wahlen nur wenig interessiert. Am 7. August 1870 waren die drei Wählerlisten zur Einsicht aufgelegt worden. Ab jetzt konnten sich interessierte Parteigänger des Katholischen Casinos oder des vom protestantischen Rickenbacher Großmüller und Spulenfabrikanten Johann Walter Zuppinger geleiteten Liberalen Lesevereins Vollmachten besorgen. Die Wahl selbst mußte wegen des zu erwartenden Zulaufs auf zwei Tage, 5. und 6. September 1870, festgesetzt werden. Zuerst waren die 395 Berechtigten des III. Wahlkörpers alle auf 8 Uhr morgens zum Schulhaus bestellt worden. In Gegenwart des k.k. Bezirkskommissärs Dr. Lantschner belehrte Vorsteher Maier als Wahlleiter die vielen Leute, wie sie ihre Stimme... nach freier innerer Überzeugung ... mit ihrem Gewißen vereinbar ... verwenden sollten. Dann wurden die Wähler nach der Reihe aufgerufen, ihre Zettel abzugeben. Überraschend kandidierte der Vorsteher, der selbst dem II. Wahlkörper angehörte, schon hier bei den kleinen Leuten. Natürlich hatte er eifrig geworben. Seine Frau hatte sogar in Lauterach Vollmachten für ihn erbeten. Ohne Mittagspause dauerte die Stimmabgabe bis 8 Uhr abends. Dann wurden die 228 abgegebenen Stimmzettel ausgezählt. 124 mal fand sich der Name des Vorstehers. Damit war er schon hier mit fünf anderen in den Ausschuß gewählt und konnte auf eine Kandidatur im II. Wahlkörper zugunsten eines Gesinnungsfreundes verzichten. Ab 9 Uhr morgens des folgenden Tages waren die 84 Angehörigen des II. Wahlkörpers zur Stimmabgabe aufgerufen. 78 Zettel wurden abgegeben. Eine ganze Reihe von Witwen hatte sich durch befreundete Männer vertreten lassen. Die Auszählung dauerte bis über Mittag. So verzögerte sich der auf 3 Uhr angesetzte Wahlbeginn für den I. Wahlkörper. Murrend entfernten sich zehn Casino-Leute mit ihrem Wortführer Kronenwirt Sohm und zogen in dessen Gasthaus. Nur 14 Wähler gaben daher rechtzeitig ihre Stimmen ab. Zu ihnen stießen in einem zweiten Durchgang noch der Pfarrer und ein paar Verspätete. Damit sollten sechs Ausschußmänner gewählt sein? Selbst dem liberalen Wahlleiter war es nicht wohl! Er ließ die Casiner aus der Krone holen. Aber nur sechs kamen. So befanden sich schließlich 25 Zettel in der Wahlurne, als der Wahlleiter die Wahl abschloß. Nun kamen endlich die letzten vier aus der Krone, darunter der Wirt selbst und der Rößlewirt. Über Vermittlung des allgemein geachteten Mechanikers Dür wollte der Wahlleiter nach langem Hin und Her die Urne noch einmal öffnen. Unter Drohungen entfernten sich aber die Spätlinge. Das erwies sich als entscheidender Fehler. Weil ihre Stimmen fehlten, erhielten die Liberalen bei der anschließenden Stimmzählung natürlich das Übergewicht. Auf deren Spitzenmann Zuppinger entfielen 16 Stimmen, gleich viel wie auf den von beiden Seiten geschätzten Ziegelfabrikanten Jos. Anton Schertler. Kronenwirt Sohm, bisher Gemeinderat, erwischte 37 36 als neunter gerade noch den letzten Ersatzmannplatz und Rößlewirt Müller kam überhaupt nicht mehr in den Ausschuß. Die Liberalen hatten gesiegt: Das wollten die unterlegenen Konservativen, von ihren Gegnern verächtlich als Ultramontane (etwa im Sinne von hindor-om Mo) bezeichnet, nicht akzeptieren. Mit Schreiben vom 13. Sept. 1870 legten Kronenwirt Sohm und Rößlewirt Müller bei der k.k. Statthalterei Protest ein. Sie hielten dem Wahlleiter Vorsteher Maier acht Wahlvergehen vor, darunter Parteilichkeit, Zulassung von Unberechtigten, Erschwindeln von Vollmachten, einige Wähler hätten zweimal gewählt, andere wurden um ihr Wahlrecht gebracht, der Vorsitzende hat sogar einem Wähler dessen Stimmzettel zerrissen! Also Antrag auf Neuwahl. 32 Unterschriften unterstützten den Protest. Der beschuldigte Vorsteher Maier wurde von der k.k. Bezirkshauptmannschaft zur Stellungnahme aufgefordert. In seiner Rechtfertigung erklärte er in einer Vorbemerkung, ... daß sich auch in Wolfurth wie anderwerts zwei polit. Partheien gegenüber stehen, die des ultramontanen Lesekasinos, und die Parthei, welche getreu zur Verfaßung und Regierung hält.... Letztere Parthei errang bei der Gemeindewahl die Oberhand, und daher ist der vorliegende Protest nichts Anderes als der Schmerzensschrei der Casinoparthei über die erlittene Niederlage. ... Dann widerlegte er die Vorwürfe Punkt für Punkt. Darauf wies denn auch der Bezirkshauptmann den Protest zurück. Als k.k. Statthalter regierte ja immer noch der liberale Landeshauptmann Sebastian Ritter von Froschauer. Jetzt konnte endlich mit dreimonatiger Verspätung am 3. Dez. 1870 die Vorsteherwahl durchgeführt werden. Unter Vorsitz des ältesten Mitgliedes, des 67jährigen Gerbers Martin Haltmeyer, versammelten sich die 18 Gemeinde Ausschüße im Schulhaus. Vorgespräche hatten sich um Frieden bemüht. Nur so ist es zu verstehen, daß der umstrittene bisherige Vorsteher sogleich 15 der abgegebenen 18 Stimmen erhielt. Umgekehrt bekam dafür bei der Wahl der Gemeinderäte der gemäßigte Casinomann Jos. Anton Schertler 14 Stimmen und wurde damit Stellvertreter des Vorstehers. Mehr als ein Jahr lang arbeiteten die beiden nun beim Bau der neuen großen Volksschule im Strohdorf eng zusammen. Dann starb der Vorsteher plötzlich. Neuer Parteienstreit konnte beginnen. 12. Josef Anton Schertler 1872-1873 Geb. 3.8.1829, gest. 13.1.1916 Vorerst gab es keinen Streit. Unter dem Eindruck von Vorsteher Maiers plötzlichem Tod und in Anbetracht des mitten im Bau stehenden Schulhauses wählten die Gemeindevertreter in einer schon auf den 30. April 1872 anberaumten Sitzung den bisherigen ersten Gemeinderat Schertler fast einstimmig zum neuen Vorsteher. Zum Gemeinderat wurde dafür der liberale Fabrikant Zuppinger gewählt. Mit großem persönlichem Einsatz stellte Vorsteher Schertler nun das Schulhaus fertig und sorgte auch für eine gediegene Einrichtung. Eine Sammlung unter musikliebenden Bürgern erbrachte die 80 Gulden zur Anschaffung einer Fis-Harmonik. 38 Bild 17: Altvorsteher Schertlers Haus im Flotzbach Dieses allererste Harmonium bereicherte dann viele Jahre lang bis in unsere Schulzeit den Gesangsunterricht. Im Jahre 1874 bedankte sich die Gemeindevertretung offiziell bei Schertler für sein uneigennütziges Wirken beim nun abgeschlossenen Schulbau. Da hatten ihn die Liberalen aber bereits vom Vorsteheramt abgewählt. Als Gemeinderat trug er noch bis 1879 Verantwortung, bis sein jüngerer Bruder Joh. Martin Schertler jun. Vorsteher wurde. Beide waren als Söhne des (7.) Vorstehers Joh. Martin Schertler sen. im Haus C 136 (Kirchstraße 11) zur Welt gekommen.13 Für den älteren Josef Anton hatte der Vater 1851 das stolze Steinhaus C 261 gebaut (Schulstraße 1, die 1965 abgebrochene Post). Von hier aus leitete dieser nun die Schertler-Ziegeleien, an denen aber auch seine Vettern im Röhle große Anteile besaßen. Hier wuchsen auch seine tüchtigen Söhne Jakob und Lorenz heran. Mit großer Umsicht sicherte er für seine Familie einen riesigen Grundbesitz im unteren Flotzbach. Dort hatten Holzerbach und Eulentobelbach seit Jahrtausenden roten und vereinzelt auch blauen Lehm aufgeschüttet. Seit die Eisenbahn von Lindau her Kohle lieferte, war man in den Ziegeleien nicht mehr auf das teure auf der Ach aus dem Wald geflößte Brennholz angewiesen. Um das Jahr 1870 verlegte Josef Anton Schertler daher seinen Betrieb von der Ach in eine neue Ziegelhütte bei den Lehmlöchern im Flotzbach. 1874 erbaute er dort auch mit dem großen Haus C 269 (Flotzbachstr. 16, Helmuts) eine neue Zentrale für sein wachsendes Unternehmen. Dazu kaufte er 1876 noch das Nachbarhaus C 178 (Flotzbachstr. 18, Elmars). Zusammen mit seinen Söhnen Jakob und Lorenz modernisierte er den Betrieb. Durch Konrad Doppelmayr, der damals erst eine kleine Schlosserei in Hard besaß, ließ er schon 1885 eine Dampfpresse einbauen, die seiner Firma Wettbewerbsvorteile sicherte. Auch für Doppelmayr war es die allererste Dampfpresse, der bald viele für den Export folgten. Im Jahre 1916 ist Jos. Ant. Schertler gestorben. Die Wirtschaftskrise der 30er-Jahre 39
  1. heimatwolfurt
1998_0201_Heimat_Wolfurt_20 Wolfurt 01.02.1998 Heft 20 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 1998 Die Pfarrkirche St. Nikolaus wurde 1834 erbaut. Das Bild von 1902 zeigt sie noch mit dem alten kleinen Turm. Inhalt: 96. Vorsteher und Bürgermeister (1) 97. Alois Negrelli in Wolfurt 98. Als die Wolfurter ihre Kirche bauten 99. Flatz-Familien 100. Der Silbersee 101. Mi Wolfurt (Mohr-Wachter) Bildnachweis: Karl Hinteregger Franz Rohner Siegfried Heim Sammlung Heim Zuschriften und Ergänzungen Bilder 8, 9, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 17 Bilder 4, 5, 6 Bild 18 Bilder 1, 2, 3, 7, 12, 19, 20 Weinbau in Wolfurt (Heft 19, S. 4) Laut Haltmeyer-Chronik (in Privatbesitz) ließ der Kreuzwirt Johann Haltmeyer im Jahre 1897 den allerletzten Wolfurter Weintorggel abbrechen. Er brauchte den Platz hinter dem Gasthof Kreuz für einen neuen riesigen Weinkeller. Darin lagerten nun 20 große Weinfässer von je 2000 bis 4000 Liter Inhalt. Bis zu 50 000 Liter Wein warteten manchmal hier auf den Versand. Fast gleichzeitig verschwanden um 1900 als letzte Wolfurter Weinberge die des Pfarrers am steilen Südhang des Kirchenbühels. An vielen Bauernhäusern ließ man aber noch einzelne Reben zwischen den Fenstern bis zum Dach hinauf klettern. Ihre Trauben gehörten zu den begehrtesten Süßigkeiten unserer Kindheit. Getrocknete Wi-Beerle konnte man damals schon kaufen. Bei hohen Festen tauchten sie im Hefeteig von Mamas Gugolupf auf. Der Ippachwald (Heft 18, S. 16 und Heft 19, S. 14) Bei dem Wolkenbruch am ersten Festspielsonntag, 20. Juli 1997, haben unsere neuen Forststraßen im Ippachwald ihre große Probe bestanden. Während am Vormittag viele Bäche im Pfändergebiet über die Ufer traten, gab es bei uns nur geringe Schäden an einigen Durchlässen, aber keine Vermurungen. Das gibt Hoffnung für die Zukunft, aber natürlich keine Garantie. Auch am Steußberg kann ein kommendes Jahrhundert-Hochwasser wieder einmal Muren bis ins Tal tragen! Von einer solchen berichten die Gemeinde-Akten aus dem Jahre 1883. Am 19. Juni 1883 war die Alte Bucherstraße, damals die einzige Verbindung nach Buch, an der unteren Katzensteig auf 100 Metern Länge in die Ach hinab gerutscht. Ein gräßliches Bild! Der Schaden dürfte sich hoch in die Tausende belaufen! schrieb Vorsteher J. M. Schertler an den Hohen Landesausschuß. Für das völlig abgeschnittene Buch verlangte Vorsteher Peter Böhler binnen 8 Tagen eine noth far Strasse. Die Gemeinde Wolfurt sträubte sich gegen ein Provisorium. Erst im September legte Landeshauptmann Graf Belrupt einen Plan für eine Tiefertrassierung der Straße vor. Am 3. April 1884 war die neue Straße dann endlich fertig und Buch aus seiner fast einjährigen Isolierung erlöst. Kein Wunder ist es daher, daß sich die Straßenbenützer durch ein Wegkreuz beim Ippa-Brünnele unter Gottes Schutz stellten! (Bild 8 in Heft 19, S. 24). Als die Bergsteiger die alte Straße 1975 wieder als Wanderweg begehbar machten, fand Helmut Heim in den morschen Kreuzbalken ein stark verwittertes Stück Papier, das jetzt im Gemeindearchiv aufbewahrt wird: Dieses Kreuz wurde ... im Jahre 1913 restauriert. / Wilhelm Fischer ... in Angriff genommen ... geführt... daran gearbeitet oder... /Engelbert Köb Malerarbeit / Martin Rohner / Gebhard Mohr / Mathias Geiger / Josef Böhler Küfer u. Oberkaßiner / Wilhelm Fischer ledig im Röhle / Dobler Sepp hat s Kreuz gezimmert / Flaschner Räschle / Der Schwanenwirth J. G. Kalb führt s Kreuz mit Roß herein. 3 Danke ! Sehr viele Leser unserer Zeitschrift haben mit dem letztes Mal beigelegten Erlagschein Spenden auf unser Konto 87 957 Raiba Wolfurt einbezahlt, einige davon in beachtlicher Höhe. Allen sagen wir herzlichen Dank! Besonderen Dank auch der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Das Jahr 1913 ist ein schlechtes Jahr. Die Stickerei geht nicht, der Balkan Krieg ... Obst gibt es heuer keinen Kräften, weil im April alles erfroren ist, also wird s keinen Most geben, man macht lauter Wasserburger. Wolfurt 19. July 1913 Engelbert Köb Maler u. sein Vetter Wilhelm Fischer Mit Tintenblei sind dann noch eigenhändige Unterschriften nachgetragen: / Fidel Schwerzler Zimmermeister / Joh. Martin Mohr Straßenmeister / Wilhelm Fischer Wuhrmeister / Josef Anton Rohner / Josef Schertler Sticker / Anton Fischer Sticker/ WilhelmSchwerzler/ Konrad Lenz Fuhrknecht Ganz genau hat Julius Müller das Bild 11 (S. 30) betrachtet und an Geweih und Ofenrohr herausgefunden, daß es sich nicht um das Imbohüsle im Sustall, sondern um Schwanenwirts Jagdhütte handelt. Diese stand unterhalb der Alten Bucherstraße vor dem Gschliof im Harder Ippach. Das heute beigefügte Bild zeigt die gleiche Hütte mit einigen Familien, die anfangs der 30er-Jahre hierher ihren Sonntagsausflug gemacht haben: Kolumban Thaler, Albert Gasser, Julius Ammann,... Geradezu historisch ist das Bild wegen der Kinder: August Thaler, Seppl Gasser, Stefan Amann mit Postmoastors Daggol,... Erika und Erich Gasser, Herbert (?) Amann, Karl (oder Siegbert?) Thaler. - Die Jagdhütte stand übrigens noch lange nach dem Krieg. Paul Geiger erzählt, daß nach dem großen Murbruch von 1957 die Holzarbeiter hier ihre Küche eingerichtet hätten. Zum ersten Schirennen (Heft 19, S. 27) berichtigt mich Emil Gunz aus BildsteinBereuter: Der Start sei niemals am Schneiderkopf, sondern erst am Waldrand oberhalb des heutigen Gasthauses Dreiländerblick erfolgt. Er selbst habe mit seinen Wolfurter Schifreunden (Winkels Hermann, Gassers Engelbert...) die Rennstrecke über Berüttar und Hoamolitto zur Hohlguß ausgesteckt. Die Neue Bucherstraße (S. 20) wurde in den Jahren 1931 bis 1935 gebaut. Aus dem Gemeinde-Sitzungsprotokoll vom 4. Dez. 1937 geht aber hervor, daß sie erst im Herbst 1937 endgültig fertiggestellt wurde. Vorsteher Hinteregger lud die Arbeiter jetzt zu einer Jause ein. Viele von diesen Arbeitern sind auf dem untenstehenden Bild zu erkennen. Aus Buch u. a. der spätere Bürgermeister Fidel Eberle, Gabrielo Franz, Sinz Anton zum Schwarzen ..., aus Wolfurt Kapeollars Filibert, Hannes Franz, Sammars Eugen, Haldobuob, Büocheles Artur, Büoblars Julius, an Kassiänlar ... . Das Foto wurde 1933 aufgenommen, als sich die beiden Partien beim Roden der Trasse auf halber Strecke getroffen hatten. Bild 2: Ausflug zu Schwanenwirts Jagdhütte im Ippach um 1935 Bild 3: Arbeiter an der Neuen Bucherstraße 1933 4 5 Wie hoch liegt Wolfurt? (Heft 19, S. 39) Ganz kritischen Lesern ist vielleicht aufgefallen, daß ich die Meereshöhe der Schneiderspitze, der höchsten Erhebung unseres Steußberges, auf Seite 41 mit 971 m angegeben habe, in Heft 18 auf Seite 19 dagegen mit 973 m. Was ist nun richtig? Höhenmessung bei Bergen war früher immer ungenau. In meiner Schulzeit vor 50 Jahren gab der Schulatlas beim Piz Buin noch 3316 m und bei der Schneiderspitze noch 973 m an. So habe ich es gelernt. Neue Meßmethoden ergaben seither alle paar Jahre andere Zahlen bei den vielen Bergen auf der ganzen Erde. Maßgebend ist für uns in Vorarlberg stets die letzte Ausgabe der Vorarlberger Schulwandkarte, auch für die Schreibart aller Ortsbezeichnungen. Und dort steht seit etlichen Jahren beim Piz Buin 3312 m, bei der Schneiderspitze aber 971 m. Nachkriegsjahre 1945-1949 (Heft 17, S. 9 und Heft 18, S. 3) Drei sensationelle Bilder überließ uns Frau M. L. Fuchs aus Bregenz. Sensationell deswegen, weil auf dem Besitz und dem Gebrauch einer Kamera damals die Todesstrafe stand. Franz Rohner, den Wolfurtern besser behannt als Kapeollars Fränzle, hielt von seinem Dachbodenfenster aus (Bregenzerstraße 33) den Augenblick fest, als am Morgen des 2. Mai 1945 einer der ersten französischen Panzer von der Brücke her auf den menschenleeren Wälderhofplatz einbog. Das zweite Bild zeigt den Panzer auf der Bregenzerstraße in Richtung Dorf. Ein paar Stunden später machten schon die tirailleures maroccaines, die berittenen marokkanischen Krieger mit Turban und Muli, beim Wälderhof Rast. Bild 4: 2. Mai 1945. Französischer Panzer vor dem Wälderhof. Bild 5: Vormarsch in Richtung Kirchdorf Bild 6: Marokkanische Reiter in Wolfurt 6 7 Siegfried Heim Wolfurter Vorsteher und Bürgermeister Am 1. Oktober 1806 wurde Wolfurt selbständige Gemeinde, aber erst am 1. Oktober 1811 konnte die erste Gemeinds Vorstehung ihre Tätigkeit aufnehmen. 1811-1817 1817 (2 Mon.) 1817-1821 1821-1824 1824 (11 Mon.) 1824-1829 1829-1832 1832-1840 1840-1856 1856-1859 1859-1861 1861-1867 1867-1872 1872-1873 1873-1879 1879-1891 1891-1901 1901-1906 1906-1919 1919-1924 1924-1938 1938-1945 1945-1950 1950-1952 1952-1957 1957-1960 1960-1985 19851. Joh. Georg Fischer (I.) 2. Xaver Flatz 3. Mathias Schneider 4/1 Leonhard Fink 5. Andreas Vonach 6. Bernhard Bildstein 7/1 Joh. Martin Schertler (I.) 4/2 Leonhard Fink 7/2 Joh. Martin Schertler (L), insges. 19 Jahre lang 8. Johann Höfle 9. Joh. Georg Fischer (II.) 10. Josef Halder 11. Johann Mai er 12. Jos. Anton Schertler 13. Joh. Georg Fischer (III.) 14. Joh. Martin Schertler (II.) 15/1 Lorenz Schertler 16. Fidel Kirchberger 17. Ferdinand Köb 15/2 Lorenz Schertler, insges. 15 Jahre lang 18/1 Ludwig Hinteregger 19. Theodor Rohner 18/2 Ludwig Hinteregger, insges. 19 Jahre lang 20. Emil Geiger 21. Alfons Gunz 22. Julius Amann 23. Hubert Waibel, 25 Jahre lang 24. Erwin Mohr Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt Innerhalb des Gerichtes Hofsteig hatten seine sechs Dörfer schon seit dem Mittelalter ein gewisses Eigenleben geführt.' Am 13. März 1806 übernahm Bayern das von Österreich im Frieden von Preßburg abgetretene Land Vorarlberg. Schon am 1. Oktober des gleichen Jahres wurden die 24 alten Gerichte aufgelöst. Die neue bayerische Gerichtsordnung sah selbständige Gemeinden innerhalb von sieben Landgerichten vor. Die Hofsteiggemeinden unterstanden jetzt dem Landgericht Bregenz. In jeder von ihnen sollten ein Vorsteher und zwei Räte gewählt werden. Es dauerte aber volle fünf Jahre, bis in Wolfurt am 1. Oktober 1811 erstmals ein Vorsteher sein Amt antreten konnte. Seither haben nacheinander 24 Männer das Vorsteheramt als hohe Ehre und verantwortungsvolle Aufgabe und manchmal auch als schwere Bürde auf sich genommen. Sie haben Wolfurt von einem Bauerndorf mit 1100 Seelen zur heutigen Marktgemeinde mit fast 8000 Einwohnern geführt. Schlichte Porträts der meisten Vorsteher - seit etwa 60 Jahren führen sie den Amtstitel Bürgermeister - schmücken den Sitzungssaal. Mit einigen Anmerkungen möchte ich ihre Namen und ihre Zeit in Erinnerung rufen. Eine erste Aufzählung versuchte schon im Jahre 1879 der damals neue Schulleiter Wendelin Rädler in seiner Schulchronik.2 Er verließ sich dabei auf die Aussagen des kurz zuvor verstorbenen Fidel Gmeiner im Holz. Der konnte ihm für die vergangenen 70 Jahre alle 13 Namen angeben, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Eine zweite Liste stellte 1982 der Journalist Wise Köhlmeier zusammen.3 Nach eingehenden Forschungen im Gemeindearchiv kann ich die auch in der zweiten Liste noch vorhandenen Lücken schließen und eine dritte Reihung der bisherigen 24 Vorsteher mit ihren Amtszeiten vorlegen. Am längsten hatte demnach Hubert Waibel das hohe Amt inne: volle 25 Jahre lang. Er wurde auch als einziger von allen Vorstehern zum Ehrenbürger ernannt. Am nächsten kamen ihm in der Dauer der Amtszeit Ludwig Hinteregger und Joh. Martin Schertler mit je 19 Jahren und Lorenz Schertler mit 15 Jahren. 9 8 Es fällt auf, daß drei von diesen Langzeitbürgermeistern Wolfurt und die anderen Hofsteiggemeinden auch im Vorarlberger Landtag vertreten haben: Hubert Waibel 1964-1984 20 Jahre lang Ludwig Hinteregger 1932-1937 5 Jahre Lorenz Schertler 1919-1923 4 Jahre Zu Joh. Martin Schertlers Zeiten hatte es bis 1861 noch keinen Landtag gegeben. Am allerlängsten, nämlich 24 Jahre, gehörte der aus Lauterach nach Wolfurt ins Wida zugezogene Schmied Josef Greussing von 1945-1969 dem Landtag an. Die Liste der Abgeordneten vervollständigen Manfred Rünzler, 1984-1989, und Dr. Fritz Schuler, Landtagsvizepräsident, seit 1994. Selbständige Gemeinde Wolfurt Sie ist also per Gesetz am 1. Oktober 1806 errichtet worden. Bis dahin hatte sie seit 1802 der letzte Hofsteig-Ammann Franz Josef Dörler von Hard aus verwaltet, wobei ihm aus Wolfurt die Geschworenen Joh. Georg Reiner, Xaver Gmeiner und Joh. Georg Fischer zur Seite standen. Nun schafften bayerische Beamte an. In den folgenden Wirren, die zum Aufstand von 1809 führten, gelang es nicht, die neue Gemeindeordnung in Kraft zu setzen. Daher beglaubigte im Namen der Gemeinde Wolfurt bis 1811 immer noch der zweitletzte Hofsteigammann Joh. Georg Reiner, der Wirt vom Alten Schwanen, die Rechtsfälle beim Landgericht.4 Zur Erstellung der Steuerlisten und zu Rekrutenaushebungen zogen die bayerischen Beamten den schreibgewandten Gotteshausammann Mathias Schneider heran5. Sogar der Schützenhauptmann Jakob Schertler erhielt Aufträge vom Königl. Bairisch. Landgericht. Schneider zählte im Jahre 1807 in Wolfurt 183 Häuser, die nun alle eine neue Hausnummer (B) erhielten. Mit Hilfe von vier Wolfurter Schätzleuten wurden alle Grundstücke im Bayerischen Kataster für die Steuereinhebung erfaßt. Die ebenfalls 1807 durchgeführte Volkszählung ergab 1143 Einwohner, 581 männliche und 562 weibliche. Schon am 15. Nov. 1806 hatten die Bayern die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. 99 ledige Männer standen in Schneiders Listen. Der Reihe nach wurden viele davon nun zu den Soldaten gerufen. Panik brach aus. In überstürzten Massenhochzeiten heirateten 22 Jungmänner, andere flüchteten aus dem Land.6 Jetzt forderte der köngl. bayr. Landrichter Joh. Nepomuk Matz den Schützenhauptmann Jakob Schertler in Unterlinden auf, die abwesenden Rekruten unverzüglich zu stellen.7. Die meisten der eingezogenen Männer starben ein paar Jahre später im Winter 1812 in Rußland. Im April 1809 kam es zum Aufstand gegen die Bayern, der mit einer Niederlage endete. Erst jetzt konnte die Behörde die neue Gemeindeordnung durchsetzen. 1811 wurde erstmals gewählt. Der frühere Hofsteig-Geschworene Joh. Georg Fischer wurde vom königl. bayr. Landrichter als Friedensrichter vereidigt und nahm mit seinen beiden Räten am 1. Oktober 1811 die Tätigkeit in der Gemeinds Vorstehung auf. Bild 7: Mathias Schneider schrieb in seine Chronik (Schneider 2): Pro 1811 den Iten Ocktber hat die Neue Gemeinds Vorstehung angefangen, und dato bey dem Königl Landgericht Bregenz beEidiget worden, alwo das allgemeine Gericht aufgehört hat. Zu Wolfurt Erstens ist als Friedens Richter erwählt Joh. Georg Fischer alt Geschworener) 2ten als Rath ist detto Joh. Zumtobel zu Rikenbach 3ten detto detto Johan Anwander zu wolfurt und als Gemeinds Waibel Kaspar Müller zur Linden. Diese haben alle Wochen jedes mall am Dinstag einen Verhandlungs Tag, jede Parti welche verhandlet wird hat 24 x zu bezahlen. 1. Joh. Georg Fischer (I.) 1811-1817 Geb. 10.6.1760, gest. 18.7.1817 Im Stammhaus der Spetenleher Fischer (Hofsteigstraße 27) war er als einziger Sohn des Martin Fischer (1729-1767) und der Christina Höfle zur Welt gekommen. Seine Sippe besaß damals großen Einfluß. Onkel Johann Fischer (1725-1776) war Kellhof-Ammann gewesen. Der andere Onkel, Löwenwirt Joseph Fischer (1723-1809), hatte sogar durch insgesamt sechs Perioden das wichtige Amt eines Hofsteig-Ammanns ausgeübt. Er hatte 1771 die Kellhofer aus der Herrschaft des Grafen von Hohenems freigekauft. Als Wolfurt seine erste Schule bauen mußte, hatte er als Rickenbacher dafür gesorgt, daß sie im Jahre 1778 nicht, wie sonst allgemein üblich, in die Nähe der Kirche, sondern möglichst weit nach Rickenbach an die Grenze zur Hub kam. Nun, da die Bayern die auseinanderstrebenden Dörfer Wolfurt und Rickenbach zu einer Gemeinde Wolfurt vereinigt hatten, war es des ersten Vorstehers Aufgabe, dieses Band zu festigen. Auch Buch und das mit damals 831 Einwohnern viel größere Bildstein mußten ja zusammen die Gemeinde Berg bilden. Während diese zwei sich aber schon nach wenigen Jahren wieder trennten, hielt die Verbindung in Wolfurt trotz mancher 11 10 Seine Frau Barbara Rohner hatte ihm 13 Kinder geboren. Von ihnen stammen die Schützenwirt-Fischer in Spetenlehen, Fischer Adolfs, Ruperts, Ratzers und die Familien Gmeiner-Mathis, aber auch die Lammwirt- und Sternenwirt-Fischer mit ihren vielen Familien. Zu den Nachkommen des ersten Wolfurter Vorstehers zählen auch die Nagler-Kalb im Tobel, Heims in der Bütze und noch einige andere. Bild 8. Haus Gmeiner-Mathis in Spetenlehen. Das Fischer-Stammhaus war ab 1811 das erste Wolfurter Gemeindeamt. 2. Xaver Flatz 1817 Geb. 10.2.1761, gest. 23.12.1843 Im Juni 1817 trat der zweite Wolfurter Vorsteher sein Amt an. Nach zwei Monaten legte er es bereits im August wieder zurück. Die Bürde der Verantwortung war im Hungerjahr 1817 allzu schwer für ihn. Im Sommer 1816 hatte es wegen des anhaltenden Regens keine Weizenernte gegeben, im Herbst fielen auch Kartoffeln und Mais völlig aus. Im Sommer 1817 vernichteten das höchste im Rheintal jemals verzeichnete Hochwasser und ein Hagelwetter abermals die Ernte. Eine ganz schreckliche Hungersnot war die Folge.9 Da berief die Gemeinde in der höchsten Not den 72 Jahre alten ehemaligen Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider an ihre Spitze. Xaver Flatz diente aber noch viele Jahre lang als Gemeindekassier. Zu seiner Zeit gab es in Wolfurt gleich drei Xaver-Flatz-Familien, die alle aus Buch stammten und miteinander nahe verwandt waren. Vorsteher Flatz war an der Kreuzstraße im Dorf geboren worden, besaß zuerst an der Hub das Haus HofSteigstraße 14 (Soalars) und erbaute dann 1818 ein neues Haus, Flotzbachstraße 15 (Ruoschos). Weil seine beiden Kinder früh starben, blieb er auch nach drei Ehen ohne Nachkommen. Die nächsten Verwandten sind die Mohr-Familien, die alle von seiner Schwester Viktoria Flatz abstammen. Schwierigkeiten mit der von Rickenbach so weit entfernten Pfarrkirche seither unverändert. Dazu dürfte neben Vorsteher Fischer - vor seinem Haus in Spetenlehen verläuft nach alter Tradition die Grenze zu Rickenbach - besonders der Einfluß seines Schwagers, des hochangesehenen Schützenmajors Jakob Schertler, beigetragen haben. So lenkte also Vorsteher Fischer Wolfurt durch die kriegerische Bayernzeit. Als Vorarlberg am 7. Juli 1814 zu Österreich zurückgekehrt war, wollte man aber wieder die alte Gerichtsordnung einführen. Am 23. Mai 1816 wählten die Hofsteiger den Schwarzacher Kronenwirt Joh. Georg Haltmeyer zu ihrem allerletzten Ammann. Vergeblich! Kaiser Franz I. ließ die Gemeinden selbständig bestehen. Der gewählte Ammann Haltmeyer in Schwarzach mußte sich mit dem Titel Gemeinderepräsentant zufrieden geben. Noch lange Zeit verwaltete er eine gemeinsame Hofsteiger Kasse und berief jedes Jahr alle sechs Vorsteher zu sich, um mit ihnen neben anderen Problemen die Erhaltung gemeinsamer Brücken, der Ippachstraßen und vor allem der aufwendigen Straße über das Farnach in den Bregenzerwald zu beraten. Vorsteher Fischer erlebte am 4. Juli 1814 den Einzug des neuen Pfarrers Alois Graßmeyer. Dieser war früher Pfarrer von Hörbranz gewesen und dann von den Bayern nach Ingolstadt vebannt worden. Nun kehrte er heim und wurde vom GemeindeAusschuß an der Zollbrücke in Rieden mit Trummel und Pfeifen und fliegenden Fahnen begrüßt. Nach dem Te Deum in der Kirche krachten Böllerschüsse und Salve der Musketen} Es gab also 1814 in Wolfurt schon die Schützen, aber noch keine Blasmusik. Diese entstand erst zwei Jahre später und übte ab 1816 in einem Raum im Gasthof Engel beim Sammer (s Ammanns) Joh. Georg Fischer, einem gleichnamigen Vetter des Vorstehers. Dieser mußte sein Amt wegen einer schweren Erkrankung 1817 abgeben, wenige Monate später starb er, erst 57 Jahre alt, an Lungensucht. 12 3. Mathias Schneider 1817-1821 Geb. 24.2.1745, gest. 20.1.1833 Auf ihn richteten sich im Notjahr 1817 die Hoffnungen der hungernden Wolfurter, denn er war weit über das Dorf hinaus bekannt und allgemein geschätzt. Er stammte aus dem Ammann-Schneider-Geschlecht und besaß ein Haus an der Kirchstraße, dort wo heute Kirchstraße 29 steht. Viele Jahre lang hatte er als Gotteshaus-Ammann die Güter des Klosters Mehrerau bis zu deren Verkauf im Jahre 1807 verwaltet. Maßgebend war er bei der Verteilung der Wälder und des Riedes in Aktion und wurde als Feldmesser auch in die anderen Hofsteiggemeinden geholt. Die Bayern hatten ihm 1806 die Erstellung der Rekrutenlisten und die Vorarbeiten für den Steuerkataster anvertraut. Als Wuhrmeister war er dazu noch für die Dämme an der Ach verantwortlich. 13 Bild 9. Haus Schertler an der Hub. Das 1997 schön renovierte große Rheintalhaus ist eines jener Häuser, die Gotteshaus-Ammann Schneider um 1808 erbaut hat. Hier lebte 100 Jahre später der Vorsteher Lorenz Schertler. Für eine Hochzeit für Sponsalia & Kupelieren und 3mal verkünden Für Versehen durch die ganze Pfarre, für Pfarrer & Meßmer Für jede Heil. Meße, welche bei Besingnißen zu lesen gemacht werden Bei Begräbnißen für Seelgeräth, Begraben und Grab gehen durch 4 Wochen , solle dem H. Pfarrer bezahlt werden und dem Meßmer 2 fl 24 x 15 x 24 x 2 fl 2 x 36 x Nun mußte er sich um die Versorgung der Familien mit Nahrungsmitteln und um die Saat in den Feldern kümmern. Dann organisierte er die Gemeindeverwaltung mit Kassier, Gemeindediener, Schulaufseher, Dorfmeistern, Nachtwächter und anderen Ämtern. Aus seiner Amtszeit sind viele Rechnungsbelege erhalten geblieben, die Aufschluß über die Finanzen der Gemeinde geben. Damals hatte ein Gulden (1 fl) noch 60 Kreuzer (60 x). Ein Taglöhner verdiente pro Tag 30 x, ein Handwerker 40 bis 48 x. Ein Kilogramm Mehl kostete 10 x, ein Liter Milch 4 x. Die Hebamme bekam 50 fl Wartgeld im Jahr. Der Pfarrer erhielt von der Gemeinde jährlich 50 fl Holzgeld, 25 fl 36 x Opferweingeld und 22 fl 30 x Wachsgeld. Dem Vorsteher selbst wurde ein Jahresgehalt von 51 fl ausbezahlt, dazu aber noch Dieethen anläßlich der vielen Gänge zum Landgericht nach Bregenz. In der kleinen Schule an der Hofsteigstraße unterrichteten zwei Lehrer in zwei Stuben fast 200 Kinder. Für die Unterweisung seiner 94 Schüler in der zweiten Klasse erhielt Oberlehrer J. Gg. Müller 1818 ein Jahresgehalt von 121 fl. Unterlehrer Rochus Sohn bekam für 96 Schüler in der ersten Klasse nur 71 fl. Kein Wunder, daß er bei der ersten Gelegenheit kündigte und eine Stelle als Gerichtsdiener in Bregenz annahm! In einer gemeinsamen Sitzung mit Representant J. Gg. Haltmeyer, Vorsteher Jakob Flatz von Schwarzach und einigen Deputierten wurden in der Behausung des Pfarrers Aloys Graßmeyer 1818 die Stohlgebühren festgelegt, die dem Pfarrer zustanden. Einige davon waren: Für Taufen eines Kindes dem Pfarrer & Meßmer 36 x 6x detto für Aussegnung einer Kindbetterin Pfarrer & Meßmer 14 Im Jahre 1819 schickte Vorsteher Schneider eine Zählung an das Landgericht. Darin wies er ganz genau 194 Häuser mit 7705 Seelen aus. Bei den Tieren zählte er 75 Pferde, 245 Kühe und 10 Ziegen, keine Ochsen, keine Schafe, keine Schweine! Also im Durchschnitt fast 6 Personen in jedem Haus und meist nur eine Kuh! Auch nachdem er nach vier Vorsteherjahren 1821 zurückgetreten war, half Schneider den Nachfolgern noch häufig beim Schriftverkehr mit den Behörden und führte die Steuerbücher. Seine Erinnerungen hielt er in einem großen Notizbuch Märckwürdige Begebenheiten fest, das uns als wertvolles Zeitdokument überliefert geblieben ist.10 Ganz außergewöhnlich ist die Bemerkung, die Pfarrer Barraga über ihn nach seinem Tod im Jahr 1833 in ein Pfarrbuch schrieb: Er war klug, verständig, geschickt und fromm!" Mathias Schneider war zweimal verheiratet und hatte 18 Kinder. Für sie baute er drei damals besonders große und schöne Häuser: Rädlers (Kellhofstr. 6), Schertlers (Flotzbachstr. 11) und den Hirschen (Kirchstr. 31). Außerdem kaufte er für seinen Sohn Lorenz das Sammüllerhaus (Kellhofstr. 5). Heute leben in Wolfurt noch zahlreiche Schneider-Nachkommen12, den Namen Schneider tragen aber nur mehr die vielen ausgewanderten Kindeskinder in Amerika und in Augsburg. In Saskatchawan, Kanada, ist 1997 über diese Schneider aus Wolfurt und ihre Herkunft ein Buch erschienen.13 4/1 Leonhard Fink 1821-1824 Geb. 5.2.1777, gest. 21.4.1860 Als Schneiders Nachfolger wurde im April 1821 mit Leonhard Fink wieder ein Rickenbacher gewählt. Er stammte vom Sulzberg und hatte 1818 die Adlerwirtin Katharina Haltmayer als deren dritter Ehemann geheiratet. Schon ihr zweiter Mann, der Lehrer Johann Zumtobel aus Dornbirn, hatte als Adlerwirt die Rickenbacher im Gemeinderat vertreten. Sofort nach der Hochzeit war auch Fink Gemeinderat und nach drei Jahren nun Vorsteher geworden. Unter die vielen Aufgaben, die er zu lösen hatte, fallen die Auseinandersetzungen mit der Gemeinde Schwarzach, das damals eine eigene Pfarrei errichten wollte. Und Pfarrer Thomas Geiger von Bildstein wollte die jährlichen Stolgebühren des Habers, des Weihnachts Kreuzers und der 2 Pfingstpfennige auch nicht mehr an die Kirche Wolfurt zahlen, wie es seine Vorgänger seit der Pfarrwerdung 1790 immer brav getan hatten. 15 Bild 10. Der Adler in Rickenbach. Mehrmals waren Adlerwirte auch Gemeindevorsteher. Dann richteten sie hier auch das Gemeindeamt ein. Umgekehrt zahlte Vorsteher Fink immer noch jedes Jahr 3 fl 20 x, die Zehdengarben, an den Pfarrmeßner von St. Gallus in Bregenz, wie es schon 1512 (!) ausgemacht worden war. Alle Ausgaben für Reparaturen an Kirche und Pfarrhof trug damals noch die Gemeinde. Aus Sulzberg hatte Vorsteher Fink 1822 seine betagten Eltern nach Wolfurt geholt, wo sie nahe der Kirche auf dem Bühel (Oberfeldgasse 3) bei ihrer Tochter Katharina Flatz wohnten. Hier hat wohl Vater Joh. Georg Fink seine Sulzberger Chronik fertiggestellt, über die Kreishauptmann Ebner berichtet14. Vater Fink ist dann ganz plötzlich am 27. Juli 1823 bei einem Sturz über die Kammerstiege im Adler gestorben15. verschwägert sein durften. Empfohlen wurden als Revisoren Gegner des Vorstehers oder ein Alt-Vorsteher16. Bei der Wahl Vonachs war wieder die Macht des Geldes und einer mächtigen Verwandtschaft zum Tragen gekommen. Er stammte aus der Flötzer-Vonach Familie an der Ach, die mit den Ammann-Sippen der Fischer und der Schneider mehrfach verschwägert war. Sein Vater Anton Vonach hatte die reiche Witwe Franziska Rohner geheiratet und war dadurch Wirt im großen Gasthof des Ammanns Jerg Rohner (Kreuzstraße 1, abgebrannt 1869) geworden. Hier war nun Andreas Vonach mit 2 Pferden und 5 Kühen'7 der weitaus größte Bauer im Dorf. Zu seinem Hof gehörte auch seit 1731 der Kleine Brunnen als zweiter Dorfbrunnen. Nur elf Monate blieb Vonach bis zum Dezember 1824 im Amt. Mag sein, daß ihm der Vorsteher-Gehalt von 51 fl samt den Extra Dieethen von 29 fl, deren Empfang er am 11.12.1824 bestätigte, Mühe und Ärger des Amtes nicht aufwogen. In seine Amtszeit fällt ein hoher Besuch in Bregenz. Am 6. Juli 1824 rückten die Wolfurter Schützen zur Paradierung bei S. K. K. Hocheit Prinzen von Österreich aus. Es handelte sich um Erzherzog Franz Karl, den Vater des späteren Kaisers Franz Joseph I: Für diesen Ausmarsch zog der Schützenhauptmann Andreas Klocker bei der Gemeinde 44 fl ein. Auch die Mußigkanten von Wolfurt erhielten 24 fl 24 x. Also Schützen und Musikanten schon damals gemeinsam! Von Vorsteher Vonachs elf Kindern stammen die Flötzer-Vonach im Frickenesch und die Tobler-Schwerzler, aber auch die Ölz in Dornbirn und die Tizian in Bregenz. 6. Bernhard Bildstein 1824-1829 Geb. 20.4.1785, gest. 24.11.1840 Auf den reichen Vorsteher Vonach folgte mit Bernhard Bildstein wieder ein Dörfler. Er war das elfte von 13 Kindern des einzigen Wolfurter Krämers Crispin Bildstein in Hanso Hus neben der Kirchenstiege am Dorfplatz. 1806 hatte er Magdalena Dörler aus Hard geheiratet und mit ihr sein neues großes Haus in der Bütze bezogen (Schellings, Bützestraße 15). Gute Zeiten waren in das Land eingezogen, Krieg und Hungersnot überwunden. In fast jedem Haus klapperte ein Webstuhl. Man wob seit ein paar Jahren kaum mehr Leinen aus selbst angebautem Flachs. Aus der Schweiz brachten jetzt Fergger die aus Amerika eingeführte Baumwolle. In Lohnarbeit fertigten die Weber daraus feine Tücher, vor allem die zarten und kostbaren Musselin-Stoffe. Reich wurden davon allerdings nur die Fergger, etwa die Blattmacher-Schneider, die Fabrikanten-Gmeiner und die Haltmayer-Wirte in Rickenbach. Aber auch das Handwerk hatte jetzt goldenen Boden. In rascher Folge wurden Röhle, Ach und Bütze besiedelt. Auch Rickenbach wuchs bis in den Schlatt-Sumpf hinaus. In drei großen Ziegeleien an der Ach brannten die Schertler, die Dür und die Klocker den im Flotzbach gegrabenen Lehm zu Ziegeln und die im Bett der Ach gesammelten 17 5. Andreas Vonach 1824 Geb. 29.11.1777, gest. 1.7.1850 Im Jänner 1824 übergab Vorsteher Fink die Gemeindeakten mit einer genauen Aufstellung an seinen Nachfolger Vonach. Dieser war nach der neuen österreichischen Gemeindeordnung gewählt worden, die alle drei Jahre Neuwahlen vorsah. In Landgemeinden mußte jeder stimmfähige Bürger Mann für Mann persönlich seine Stimme für die Vorsteher- und für die Gemeindedienerwahl abgeben. Nur in den Städten war ausnahmsweise eine doppelte Wahl erlaubt. Hier wurden zuerst Wahlmänner und dann durch diese der Vorsteher gewählt. Mit dem Vorsteher bildeten die zwei nächstgereihten Gemeinderäte und der Gemeindediener den Gemeindeausschuß. Ein Gemeindekassier zog alle Gemeindegelder ein und bezahlte die Rechnungen. Dem Vorsteher war das ausdrücklich verboten. Die Gemeinderechnungen mußten von gewählten Revisoren überprüft werden, die zum Vorsteher weder verwandt noch 16 Steine zu Kalk. Zahlreiche Fuhren von Wolfurter Ziegeln gingen in die Schweiz und über den See und brachten viel Geld ein. Im Jahre 1826 spendierte Vorsteher Bildstein den Bregenzer Kapuzinern 700 Wolfurter Ziegel für ihr Klosterdach. Zwischen der unteren Straße und der Lauteracher Kirche dehnte sich aber immer noch ein riesiges Getreidefeld aus. Noch war die Ernte von Dinkel und Hafer die Grundlage der Ernährung. Der Anbau von Bodobiora nahm aber zu und allmählich verdrängte auch das Türggo-Mehl beim täglichen Stopfar und beim Hafoloab das Dinkelmehl.18 Über Anordnung des Landgerichts schaffte die Gemeinde am 18. Juli 1825 für 1 fl ein sehr gut gestochenes Siegel an, das seither die Akten zierte. Ein altes Siegel war aber auch noch vorhanden. Im Herbst 1826 grassierte die Angst vor der Tollwut. Der Vorsteher mußte den Bregenzer Waasenmeister rufen. Dieser erschoß an vier aufeinander folgenden Tagen 37 der Wuth verdächtige Katzen und zog dafür außer dem Taglohn von je 40 x auch noch 4 x für jeden Schuß ein. In den nächsten Tagen mußte er alle frey herumlaufenden Hunde erschlagen. Auch der Wolfurter Jäger Lorenz Klocker verrechnete für ein Pfund Pulver 48 x, für zwei Pfund Schrot 32 x, dazu drei Taglöhne zu je 40 x, zusammen also 3 fl 20 x. Am 2. September 1828 zog der neue Pfarrer Franz de Barraga ein. Dessen missionarische Bestrebungen führten schnell zu argen Differenzen mit der Gemeinde. Eigenmächtig und gegen den Willen des Vorstehers ordnete er für den Winter 1828/29 die Erstellung einer dritten Klasse in der Scheune des alten Schulhauses an. Die Gemeinde sollte dafür bezahlen. Mit Hilfe des Landgerichts setzte der Pfarrer seine berechtigte Forderung durch. Bereits seit 1806 galt in Österreich nämlich 80 als höchste zulässige Schülerzahl, die nur in Ausnahmsfällen überschritten werden durfte. Wolfurt hätte längst eine zusätzliche Klasse gebraucht. Die dritte Klasse blieb bestehen und machte natürlich ab jetzt auch die Besoldung eines weiteren Unterlehrers notwendig. Als der Pfarrer gar scharf gegen die Wirtshäuser predigte, setzte ihm der Vorsteher das Opferweingeld auf die Hälfte herab. Bald danach trat er aber zurück. Im Jänner 1829 wurde mit Joh. Martin Schertler ein neuer Vorsteher gewählt. Dieser suchte zwischen dem Pfarrer und dem Alt-Vorsteher zu vermitteln. Es kam zu einer Aussprache, allwo der Pfarrer davon geloffen. Am 19. Jänner 1829 übergab Bildstein das Amtsinventar an Schertler. Da wurden in der Bütze Bücher und Kisten aus der Stube auf einen Wagen geladen und zu Schertlers Stube in Unterlinden geführt, die ab jetzt als Kanzlei dienen mußte. Das Protokoll ist erhalten geblieben.19 Es umfaßt in 67 Punkten Hunderte von Aufträgen, Cirkularen, Gmeinds Rechnungen, Kapital Briefe, Weisen-Bücher, Steur & andere Bücher, aber auch ein harthölzerner Komothkasten samt schreibpolt mit zwey kleinen & sechs grosen Schubladen Bild 11: Strohdorf und Hub auf der Negrelli-Karte von 1826. 1. Gasthof Sternen 2. Erste Volksschule 3. Platz des heutigen Rathauses 4. Platz der heutigen Hauptschule, damals ein Getreideacker. eine Mit Eisen beschlagene Kisten in welcher zehen & drei alte Bücher sind zwey Gmeinds Singnet (Siegel) ein Müntzsorten Verzeichniß ein Messerner (aus Messing) Einsatz mit Wiener gewicht ein & ein halben Bayerischen Metzen (Getreidemaß) mit Eisen beschlagen ein & ein halb Bayerische Maaß aus Sturz (aus Weißblech). Demnach fühlte sich der Vorsteher immer noch, wie einst im Mittelalter, auch für die in der Gemeinde von Kaufleuten und Wirten verwendeten Maße, Gewichte und Geldsorten verantwortlich. Bildstein zog sich weitgehend aus der Gemeindepolitik zurück. Ein Jahr vor seinem Tod erbaute er 1839 noch für seinen Sohn Franz das schöne Haus Bützestraße 10 (Königs). Franz Bildstein verkaufte es aber bereits 1853 an Martin Dür, den Vater der später hier geborenen ersten Autofahrerin Düro Franzele. Bildstein wanderte nach Amerika aus und baute in der Nähe von New Ulm in Minnesota eine große Farm auf.20 Die Kinder von Vorsteher Bildsteins Tochter Magdalena übersiedelten nach Weiler und verkauften das Elternhaus (Schellings) ebenfalls. 18 19 7/1 Joh. Martin Schertler 1829-1832 Geb. 6.2.1793, gest. 18.6.1856 In der großen Familie des weit über Wolfurt hinaus geschätzten Schützenmajors Jakob Schertler und seiner zweiten Frau Maria Anna Fischer, einer Schwester des ersten Wolfurter Vorstehers, waren in der Schar der 14 Kinder zwei besonders tüchtige Söhne herangewachsen. Josef Anton Schertler (1791-1867) erhielt schon 1825 die verantwortungsvollen Aufgaben eines Gemeindekassiers übertragen. Der Ziegelfabrikant wurde der Begründer der großen Sippe der Röhle-Schertler, zu denen auch die Säge-Schertler in Kennelbach, die Sonnenwirt-Schertler in Schwarzach und die Kalkwerk-Rädler vom Wälderhof zählen. Den jüngeren Bruder Joh. Martin Schertler wählten die Wolfurter 1829, als es Probleme mit Pfarrer Barraga gab, zu ihrem Vorsteher. Schertler suchte nach allen Seiten zu vermitteln. Seine Arbeit fand bei den vorgesetzten Behörden Anerkennung. Den Streit um den Standort der geplanten Kirche vermochte er aber nicht zu schlichten. Dazu trug wohl bei, daß mit dem Maler Ferdinand Schneider (Kirchstraße) und dem Fergger und Blattmacher Jakob Schneider (Kellhofstraße) zwei Dörfler die AusschußPlätze als Gemeinderäte besetzten und Rickenbach dort gar nicht vertreten war. Schertler mußte also jetzt die Volksschule dreiklassig führen. Er stellte als Lehrer Gebhard Höfle, Jakob Müller und Ferdinand Stülz an. Zu den großen Kosten zählte damals noch die Erhaltung der Farnacher Straße in den Bregenzerwald. 30 bis 50 Gulden waren jedes Jahr zu bezahlen. Standesrepräsentant Haltmeyer verrechnete die Kosten ganz genau. So traf es z. B. 1831 auf Wolfurt 46 fl 46 1/2 x. Halbe Kreuzer! Um das Jahr 1830 begann man unter Anleitung von Kreisingenieurs-Adjunkt Alois Negrelli mit der Erstellung eines zweiten Dammes im Staudenvorland an der Ach. Innerhalb der heutigen Dammstraße konnte dadurch wertvoller Boden gewonnen werden. Der Kirchenstreit - darüber berichtet ein eigener Beitrag - führte im Jahre 1832 zum Umsturz in der Gemeinde. Ein Rickenbacher wurde Vorsteher. Das Landgericht setzte aber Alt-Vorsteher Schertler als Leiter des Kirchenbaus ein. So gut machte er seine Sache, daß ihn Ingenieur Kink im Kollaudierungsprotokoll von 1835 lobte: ... daß man diese entsprechende Bauausführung... der ununterbrochenen Wachsamkeit und sorgfältigen Nachsichtspflege des Bauaufsehers Schädler und des Inspizienten Matt zu verdanken hat... Aber Schertlers große Zeit als Vorsteher folgte erst später in seiner zweiten Periode ab 1840. 4/2 Leonhard Fink 1832-1840 Geb. 5.2.1777, gest. 21.4.1860 In ganz schwieriger Situation übernahm also der Rickenbacher Adlerwirt, der schon 1821-1824 Vorsteher gewesen war, noch einmal dieses Amt. Ganz sicher hatten seine kämpferisch vorgetragenen Argumente für einen anderen Kirchenstandort ihre Berechtigung. Die neue Kirche sollte in der Mitte der langgezogenen Gemeinde stehen. Sie würde ideal zu dem schon 50 Jahre früher dort erstellten Schulhaus passen. Die Rickenbacher Kinder sollten nicht wie Stiefkinder behandelt werden, die auch bei rauher und kalter Witterung einen gar weiten Weg auf sich nehmen müssen. Täglicher Meßbesuch vor Beginn des Unterrichts war ja damals Pflicht. Als sich aber schließlich die Behörden doch für den alten Standort entschieden, mußte Vorsteher Fink die Finanzierung übernehmen und den ungeliebten Kirchenbau organisieren. Weitere Aufgaben warteten. Eine der größten war die Bekämpfung der Schadensfeuer, die so oft die durch offene Herdstellen gefährdeten alten Holzhäuser vernichteten. Schon 1834 verlangte das Landgericht die Anschaffung einer fahrbaren Feuerspritze. Die Gemeinde wehrte sich vorerst mit Hinweis auf die Kirchenbaukosten und die noch fehlenden drei Altäre. Schließlich ließ sie aber doch durch den 1835 zugewanderten Drechsler und Mechaniker Carl Zuppinger eine Spritze anfertigen. Nach deren Überprüfung durch das Kreisamt bezahlte die Gemeinde im Juli 1838 die verlangten 750 Gulden. Noch im gleichen Jahr erließ der Vorsteher eine umfangreiche Feuerordnung21. Danach sollten im Brandfall jeweils der Vorsteher, die beiden Ausschüsse oder die gewählten Dorfmeister die Leitung der Löscharbeiten übernehmen und schleunigst die notwendigen Anordnungen treffen. Neben Alt-Vorsteher Schertler wurden etliche Schmiede und Schlosser zu Maschinisten der neuen Fahrfeuerspritze bestimmt, die sie von Hand an den Brandplatz ziehen sollten. Falls man die Spritze mit Pferden in andere Ortschaften ausführte, hatte Schertler dafür zu sorgen, daß das Gefährt nicht durch aufsitzende Männer überladen wurde. Bei einem Auswertigen Brandlermen soll dem ersten Paar Pferdt für ihren Eifer und Thätigkeit 2 fl 42 x, und dem anderen Paar 2fl, und dem 3ten Paar 1 fl zum Voraus vergütet werden. Das dritte Paar mußte Feuerhaken und Feuerleitern nachführen. Von den zwei alten Tragspritzen wurde die eine dem Schmied Lorenz Dür im Röhle anvertraut, die andere dem Schmied Joseph Böhler in Spetenlehen. Eine Reihe von Nachbarn wurden zur Bedienung bestimmt. Der Meßmer wurde verpflichtet, bei Ausbrechenden Feuersbrünsten Lermen zu leuthen. Den Brunnenmeistern im Dorf und in Rickenbach wurde aufgetragen, ihre Feuerweyer und Feuerbronnen in guter Ordnung zu halten. Außerdem waren der Müller im Holz, 21 20 Zuppinger zur Linden (Draiars Weiher) und der Müller zu Rickenbach verhalten, ihre Weyer auf der Stelle loos zu lassen. Bei sechs Wasserfallen konnten die Dorfbäche für die Feuerspritzen aufgestaut werden. Zur Sicherheitswacht wurden in Wolfurt (d. i. das Kirchdorf), in der Mitte im Dorf (Strohdorf) und in Rickenbach je zwei Männer bestellt. Andere hatten für die geflüchteten Wahren zu sorgen. Weitere 16 Männer, meist Holzer und Flötzer, wurden zu Zabinnen u. Flozer Haken bestimmt. Schließlich wurden mit Lorenz Schneider zu Wolfurt (Sammüllers) und Joh. Georg Reiner zu Steig bei Rickenbach noch zwei Feuerreiter aufgestellt, die Alarm zu schlagen und Meldungen zu überbringen hatten. Alle übrigen wurden verpflichtet, ihre Feuerkübel oder auch andere Schöpfgeschiere mit sich zu nehmen und sich am Brandplatz zur Verfügung zu stellen. Diese Feuerordnung wurde am 10. Dezember 1838 dem Landgericht zu Kenntnis gebracht. Über 50 Jahre lang hatte sie Gültigkeit, bis im Dezember 1889 durch die Gemeinde eine Freiwillige Feuerwehr gegründet wurde. Eine ganz entscheidende Veränderung im Erwerbsleben der Wolfurter Gemeindebürger fällt ebenfalls in Finks Vorsteherzeit. Im Jahre 1836 hatten die Harder Textilfabrikanten Jenny und Schindler in Wolfurt angeklopft. Sie wollten die Wasserkraft der Bregenzerach für eine große Spinnerei-Fabrik nützen. Die Wolfurter lehnten glatt ab. In Fabriken sahen sie eine große Gefahr für die Hausweberei, die damals unter dem Konkurrenzdruck schon arg angeschlagen war. Da bauten Jenny und Schindler 1837 einfach drüben in Kennelbach, wo es allerdings an Arbeitskräften mangelte. Kennelbach war ja damals eine Parzelle der Gemeinde Rieden. Es hatte nur 156 Einwohner, acht mal weniger als Wolfurt. Arbeitslose Weber mußten nun froh sein, jenseits der Ach für einen Arbeitstag von 13 (!) Stunden wenigstens 30 Kreuzer zu verdienen. Auch Schulkinder wurden während der langen Ferienzeit in der Fabrik angestellt. Als Aufstecker erhielten sie allerdings nur 12 Kreuzer pro Tag. Dafür konnte man gerade ein Kilogramm Mehl und einen halben Liter Milch kaufen. Als bei der nächtlichen Heimfahrt von der Arbeit am 24. April 1839 das mit 30 Personen überfüllte Fährschiff kenterte, ertranken zwei Jungfrauen und fünf Kinder. Der jüngste war der 7jährige Franz Xaver Geiger von der Kreuzstraße im Kirchdorf. Mit 7 Jahren nachts auf dem Heimweg von der Fabrik! Am anderen Morgen um 5 Uhr hätte er dort drüben wieder anfangen müssen! - Noch im gleichen Jahre bauten die Fabrikanten einen Holzsteg über die Ach. Im Jahre 1839 ließ Vorsteher Fink mehrere Bauten ausführen. Im Schulhaus wurde der Schopf untermauert, um Platz für die Fahrspritze zu schaffen. Dazu wurde ein Gestell zum Aufhängen der Schläuche errichtet. Gleichzeitig wurde der Pfarrhof für den schon 1836 eingezogenen Pfarrer Josef An22 Bild 12: Fabrik Kennelbach und Fabriksbrücke. Der hölzerne Steg wurde erstmals 1910 und dann endgültig 1932 weggerissen. ton Hiller renoviert. In die Pfarrküche wurde sogar - wohl erstmalig in Wolfurt! - ein Kuchelferger, ein Wasserabgießbecken aus Stein, eingemauert. Zum neuen Pfarrer hatte Vorsteher Fink ein ausgezeichnetes Verhältnis. Am 24. Jänner 1839 stiftete die Gemeinde unter seiner Vorstehung eine Kaplanei. Pfarrer, Vorsteher und die beiden Ausschüsse sammelten von Haus zu Haus das notwendige Kapital. Noch im gleichen Jahr begann die Gemeinde mit dem Bau des Kaplanhauses, in welches als erster im April 1840 Kaplan Gebhard Gorbach aus Bregenz einzog.22 Ab jetzt gab es zwei Sonntagsmessen. In allen kirchlichen Belangen und beim Religionsunterricht in der Schule konnte der Pfarrer seine Arbeit mit dem Kaplan teilen. Fast 150 Jahre lang! Bis im Jahre 1985 der letzte Kaplan German Amann Pfarrer wurde und die Kaplanstelle wegen des Priestermangels nicht mehr nachbesetzt werden konnte. Gemeinsam mit Pfarrer Hiller führte Vorsteher Fink 1839 wieder einmal eine Volkszählung durch: 230 Häuser, 236 Familien, 1311 Familienmitglieder und 21 Dienstboten. Zusammen 1332 Einwohner, 621 männlich, 711 weiblich. 16 sind Fremde aus Österreich, 14 weitere aus dem Ausland. Nach insgesamt elf Jahren gab Leonhard Fink 1840 das Vorsteheramt ab, doch blieb er der Gemeinde noch viele Jahre in verschiedenen Aufgaben verbunden. Den Adler übernahm 1844 Josef Anton Fischer, Sammers aus dem Engel, der Finks Stieftochter Katharina Zumtobel geheiratet hatte. Sie begründeten die Sippe Altadlerwirt-Fischer, die bald wieder einen Vorsteher stellen sollte. Alt-Vorsteher Fink starb ohne eigene Nachkommen als 83jähriger 1860. 23 7/2 Joh. Martin Schertler 1840-1856 Geb. 6.2.1793, gest. 18.6.1856 Als Vorsteher hatte Schertler 1832 wegen des Kirchenstreites dem Adlerwirt weichen müssen, aber schon bald stand er wieder an dessen Seite im Ausschuß. Bei wichtigen Beschlüssen wie Feuerordnung oder Kaplaneistiftung wirkte er entscheidend mit. Nun wurde er im Mai 1840 selbst wieder zum Vorsteher gewählt und am 17. Mai 1840 beim Landgericht in Bregenz vereidigt. Zudem übernahm er die Leitung der Blasmusik als Nachfolger von Steinhauer Andreas Rohner, der sie seit ihrer Gründung dirigiert hatte. Als am 29. Mai 1841 die Ganze Mußickgesellschaft bei der Ankunft das Gouverneurs Klemenz gespielt hatte, holte Kapellmeister Schertler dafür beim Gemeindekassier 24 Gulden ab. Der Pfarrhof erhielt 1841 endlich einen Brunnen. Der Maurer Gebhard Dür mauerte die Brunnenstube und Josef Anton Lenz lieferte die Täüchel, jedes der hölzernen Rohre für 34 x. Im November 1842 rechnete der Maler Kolumban Schneider ab:... im Monathe August 1842 Die Häuser im ganzen Dorf numeriert - die Nr für 4 x beträgt für 252 Häuser 16 fl 48 x. So stark hatte die Häuserzahl zuletzt zugenommen, daß man sich 1842 zu einer neuen Durchnumerierung der Häuser veranlaßt sah. Kolumban Schneiders Großvater Anton Schneider hatte 1784 die ersten 155 Nummern (A) aufgemalt. Bei den Bayern waren es 1807 schon 183 gewesen (B). Nun also 252 Hausnummern (C) von der Höll bis zum Schlatt. Sie sollten bis zum Jahre 1900 halten, als bei der vierten Numerierung Putzers Haus im Schlatt mit 290 die höchste Nummer (D) erhielt. Für jedes Haus bezahlte die Gemeinde seit langer Zeit jedes Jahr an die Stadt Bregenz pauschal je 15 x Zoll für die Benützung der Achbrücke in Lauterach. Schwerer lasteten die großen Kosten für die 1838 eröffnete neue Wälderstraße durch das Schwarzachtobel auf der Gemeindekasse, bis auch dort Zoll eingehoben werden durfte. Der Jahresgehalt des Vorstehers wurde erstmals 1845 auf 75 Gulden erhöht, weil die Einwohnerzahl auf über 1500 gestiegen war. Der Kammacher (Kampler) Josef Mohr, der Ururgroßvater unseres derzeitigen Bürgermeisters Erwin Mohr, erhielt als Gemeindediener jetzt 60 Gulden. Dagegen bekam der Lehrgehülf Jakob Müller, nun 43 Jahre alt und bereits seit 25 Jahren als Unterlehrer an der Volksschule im Dienst, am 6. Mai 1848 für den abgelaufenen Winterkurs nur 41 Gulden. Nur mit Nebenverdiensten konnte er sein Hungerleiderleben fristen. So bezog er etwa am 6. Hornung 1848 sechs Gulden für gelieferte Buschein zur Beheizung des Schulzimmers. Das war der ortsübliche Preis für 300 Buschein. Auch der Vorsteher selbst lieferte noch im gleichen Jahr 100 weitere Buschein für zwei Gulden an die Schule. Meist wurde dort aber mit Torf geheizt. Ganze sechs Gulden gab der Kassier aus für gegrabene gederte23 und aufgeladene Schollen zum Heizen der Schulöffen, 9 fuder a 40 x. Wie muß es wohl in den überfüllten Schulstuben geduftet haben, wenn auch noch ein Torffeuer mottete! In diesen Jahren war bittere Not im Dorf eingekehrt. Es gab kaum Arbeit und kaum mehr ein geregeltes Einkommen. Der Vorsteher war laufend mit Schätzungen und Pfändungen durch das Landgericht und durch die Advokaten beschäftigt. Aus nichtigen Anlässen wurden Möbel, Kleider, Arbeitsgeräte, aber auch Grundstücke und ganze Häuser versteigert. Seit dem Revolutionsjahr 1848 - in Wien hatte auch der Wolfurter Kunststudent Gebhard Schneider am Studentenaufruhr teilgenommen - lastete ein fast unerträglicher Behördendruck auf den einfachen Leuten. Nicht zu Unrecht fürchteten junge Burschen die Einberufung in einen der blutigen Kriege, die die Monarchie von allen Seiten bedrohten. Als erste flüchteten 1851 Ferdinand Heim vom Oberfeld und Franz Xaver Schneider aus Rickenbach nach Amerika. Ihre Briefe lösten eine gewaltige Auswanderungswelle aus.24 In den folgenden 20 Jahren bis 1872 suchten 200 Wolfurter ein neues Glück in den USA. Das waren 13 % der 1500 Einwohner. Manche brachten es im Wilden Westen zu Grund und Wohlstand. Viel mehr blieben verschollen. Nur ein einziges Mal hatte es Vorsteher Schertler mit Rückwanderern zu tun. In einer auf den 23. Februar 1854 eigens einberufenen Sitzung nahm er den ehemaligen Blattmacher Jakob Schneider mit seiner unglücklichen Frau Juditha, beides Nachkommen des reichen Vorstehers Mathias Schneider, wieder als Gemeindebürger in Wolfurt auf25. Allerdings mußten sie das übliche Einbürgerungsgeld bezahlen. Einbürgerungsgeld und Weibertaxe hatte es nach dem Hofsteigischen Landsbrauch zur Verhütung von Überfremdung schon seit dem Mittelalter gegeben. Mit Beschluß vom 29. Juni 1852 formulierte die Gemeindevertretung beides neu26: 1. Solte sich ein Gemeindsangehöriger um die Heurathsbewilligung ansuchen, u. mit einer fremden Weibsperson verehelichen wollen, so wurde vom Ausschuß festgesetz, daß eine solche fremde Weibsperson sich mit einem Gerichtlich Bestättigten Vermögen per 400 fl Sage in Worten Vier Hundert Gulden Rw. ausweise u. nöthigen fals dafür Bürgschaft zu leisten, bevor sie in der Gemeinde angenommen wird. 2. Nach dem früheren Gemeindebeschluß, Soll eine fremde Mannsperson, der sich in die hießige Gemeinde verehelichen oder ansäßig machen will, so hat derselbe an die Gemeinde, oder an den hiesigen Lokallarmenfond 50 fl Sage fünzig Gulden zu bezahlen. 3. Des gleich auch, wen eine Fremde Weibsperson, wen sie als Gemeindsbürgerin aufgenomen wird, Zwanzig u. fünf Gulden Rw. an den hiesigen Lokalarmenfond zu bezahlen, bevor ihr die aufnahm als Gemeindsbürgerin aufgenommen wird. (Die vielen Rechtschreibfehler möge der Leser dem Gemeindeschreiber in Anbtracht der damals sehr mangelhaften Schule nachsehen!) In den Jahren 1849 und 1850 hatte der junge Kaiser Franz Joseph zur Unterdrückung aller etwaigen liberalen Regungen ein ganzes Armeekorps mit 6000 Mann nach Vorarlberg verlegen lassen. Obwohl die Not dieser Zeit durch die Einquartierung der vielen meist fremdsprachigen Truppen noch gesteigert wurde, begann man ab dem Jahre 1850 den Fasnat-Zistag 21 jeweils mit Theater und Umzug zu feiern. Tragisch 25 24 mutet uns heute an, daß dabei die Armut der Weber noch zur Zielscheibe derben Spottes gemacht wurde. Daß es in der Fasnat auch zu Differenzen mit den fremden Soldaten, ja sogar zu Tätlichkeiten gegen den Vorsteher kam, erfahren wir aus den Lebenserinnerungen des Chronisten Ferdinand Schneider28: Von den Fastnacht-Spiele erstes im Jahr 1850. Das erste das ich gesehen habe wurde gespielt „Hans im Glück". Wehinger Mechaniker war Hans im Glück mit einem gewaltigen Goldklumpen, brachte es mit Handeln und Schachern zu einem schleiffer Karren, der ihm noch da er Waßer trinken wollte am Brunnen im Schwanen hineinfiel; dann war noch ein Leinenweber auf einem Wagen mit vielen Kindern sehr arm, es war fulgo Berüthers Hannesle der das das Geschäft gut versteht, dann ein Gerichtsschreiber der dem armen Weber alles zur Versteigerung aufgeschrieben hat, seine Frau & Kinder bettelten es war eine lustige Cumödi. auch hatte man eine ausgestopfte Kuh auf einem Wagen sehr intreßant, wieder auf einem andern Wagen eine Weiber Mühle, wo man alte Weiber jung gemahlen hatte, es war zum tod lachen wann man so eine alte Schachtel durch die Mühle lies und dann so eine schöne Jungfrau herausnahm Dann wieder auf einem andern Wagen eine Räuberhöhle, der Glaser auf dem Büchel war Hundsattler oder Räuber-Hauptmann, dieser wurde hingerichtet. Jos. Klocker Glaser war Scharfrichter, bei Naglertonis Haus war der Galgen aufgestellt (Die alte Nagelschmiede des Anton Kalb stand an dem Platz, wo erst später 1860 der neue Schwanen gebaut wurde). Die Räuber haben das schönste Leben, in den meisten Häusern hat mann Ihnen Schnaps, Most, Fleisch und Gugelhupf zum Stehlen hergerichtet, die noch tagelang zu Eßen und Trinken gehabt haben, ein Feldpater war auch dabei der Guldenschuh, auch ein Polizist war der horig Schuhmacher auf Steig. Dann die Musik per Wagen alle nobel Kostumirt, viele in Weibertracht mit Ohrenglonker, auch war Militär dabei beim Spiel. leider war der Ausgang dieses Spieles ein sehr trauriger, es war viel Militär in Wolfurt und Umgebung, da gab es eine furchtbare Streitigkeit mit dem Militär, das sogar Herr Vorsteher Martin Schertler alt, eine tüchtige Orfeige bekam, wann nicht ein Offizier sogleich Alarm schlagen ließe, so hätte es furchtbare Metzlerei gegeben, dem Scharfrichter haben die Soldaten den Säbel abgebrochen und dem Höfle an der Hub, mußten sich mit halben Kleidern flüchten, die Händel gingen im Rößle an. schuld war Schädlers Hannes & Schürpf Franz Anton, es sprang alles auseinander das Spiel wurde nicht zu Ende gebracht, ich war 9 Jahre alt, sprang wie ein Reh nach Hause hinter den Ofen, abends kam noch die Garnison von Bildstein herab und umringten das Gasthaus zum Adler, ist aber nichts mehr vorgefallen in Rickenbach. Um nicht zu vergeßen war noch eine Warme Küche auf einem Wagen wo Meschachers Hannesle die feinsten Trester Würste29 für die feinsten Schüblinge ausgab aber dafür kein Geld nahm. 26 Mit einiger Bitterkeit schied Vorsteher Schertler aus dem Amt. Er sei nur der Partei zulieb so lange geblieben, schrieb er auf eine seiner letzten Abrechnungen. Welcher Partei? Gab es denn jetzt Parteien? Die Staatspolitik hatte sich nach der Revolution von 1848 wieder verändert. Mehr denn je war sie im neuen Absolutismus durch Beamte und Militär beherrscht. Im Konkordat von 1855 überließ der Staat die Ehegesetzgebung und die Aufsicht über die Schule fast zur Gänze der Kirche. Dagegen wehrten sich auch im Lande Vorarlberg viele Leute. Es bildeten sich Interessengruppen. Die Liberalen, angeführt von dem Fabrikanten Carl Ganahl in Feldkirch, fanden vor allem bei den Fabrikanten und den reichen Bürgern Anhänger, aber auch bei Handwerkern und Bauern. Die Ausstrahlung der liberalen Ideen wirkte bald bis in die Dörfer hinaus. Bei uns in Wolfurt vertraten vor allem der sehr belesene Rickenbacher Schlosser Josef Anton Dür und der vom kleinen Drechsler an Draiars Weiher zum Industriellen und Großmüller im Kessel aufgestiegene Carl Zuppinger eine andere Meinung als die Konservativen. Das Amt des Vorstehers unparteiisch zu führen, war schwer geworden. Im Jänner 1856 gab es Schertler nach insgesamt 19 Jahren Einsatz für Wolfurt ab. Wenige Monate später starb er. In seinen zwei Ehen mit der schon 1833 verstorbenen Anna Maria Haltmayer und mit Christina Flatz waren ihm zwölf Kinder geboren worden. Fünf davon waren früh gestorben. Zwei von seinen Söhnen und dann noch ein Enkel sind später auch Vorsteher geworden, zuerst Josef Anton Schertler 1872, dann Joh. Martin Schertler jun. 1879 und schließlich der Enkel Lorenz Schertler 1891. Von seinem Haus in Unterlinden aus beteiligte sich Joh. Martin sen. an den Ziegeleien an der Ach. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Josef Anton Schertler im Röhle kaufte er zu dessen oberem Ziegel werk (Achstraße 1) bald auch die große KlockerZiegelei (am Platz von Bützestraße 28). Dazu baute er 1838 auf der anderen Straßenseite das Gasthus Schiffle {Hansmarteies Hus, Bützestraße 41). Doch Vorsteher Schertler hatte noch größere private Pläne. Als sein ältester Sohn Josef Anton mit Agatha Dür eine der Erbinnen aus der begüterten Ziegler-Dür-Sippe heiraten wollte, baute er für ihn 1851 an der Ecke der neuen Wälderstraße ein großes steinernes Haus als Verwaltungszentrale für die Ziegeleien. Wir haben es noch als die Post am Platze des heutigen Gemeinde- und Postamtes gekannt. Hier waren damals die Fuhrwerke untergebracht, die den Lehm vom Flotzbach an die Ach und dann Kalk und Ziegel zu den Baustellen im Oberland und in der Schweiz führten. Hier kamen auch des Vorstehers Enkel Jakob und Lorenz Schertler zur Welt, die ein paar Jahrzehnte später die Firma ganz ins Flotzbach hinab verlegten. Sehr, sehr viele Kindeskinder stammen aus ihren Häusern. Viele andere stammen aber auch aus des Vorstehers eigenem Haus an der Kirchstraße, das sein jüngerer Sohn Johann Martin jun., übernahm. Ihm werden wir in einem der Fortsetzungskapitel begegnen. 27 Mit Vorsteher Schertlers Rücktritt gingen die ersten 50 Jahre der selbständigen Gemeinde Wolfurt zu Ende. Ganz bestimmt waren es nicht die guten alten Zeiten. Mit Krieg hatten sie begonnen, Hungersnot, Streit und Arbeitslosigkeit hatten viel Leid gebracht. Aber immer wieder haben sich die Menschen in unserem Dorf aufgerafft und Mut und Kraft zum Weitermachen gefunden. Heimat Wolfurt, Heft 13, S. 6 ff. 2 GA, Schulchronik I, S. 6 3 Marktgemeinde Wolfurt, Wolfurt in Chroniken und Berichten, Festgabe 1982, S. 52 4 VLA, Landgericht Bregenz, Hds 130, fol 200-257. 5 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 6 Lies nach Mit Napoleon nach Rußland in Heft 7, Seite 12, nach GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 7 GA, Schachtel 1/1808 8 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 53 9 Heimat Wolfurt, Heft 10, S. 4 und Heft 11, S. 11 nach Chronik Schneider 2, S. 4. 10 Die Chronik Schneider 2 im GA Wolfurt. " Pfarrarchiv, Familienbuch Ic, S. 126. 12 Siehe auch Heimat Heft 13, S. 38! 13 Wilfred Schneider, The Schneider Family, ISBN 0-921257-91-0 und GA Wolfurt 14 Ebner-Tagebuch 1839 unter 3. April 15 GA, Chronik Schneider 2, S. 65/2). 16 GA Wolfurt, Schachtel 1825 17 GA, Brunnenbrief 1823 18 Wolfurter Dialekt: Bodobiora = Kartoffeln, Tiirggo = Mais, Stopfar = Riebel (Schmarren), Hafoloab ist ein spezielles Gericht, nach welchem die Wolfurter ihren Übernamen Hafoloabar bekommen haben. 19 GA, Schachtel 1829 20 Meinrad Pichler, Auswanderer, S. 121 21 GA, Schachtel 1838 22 Rapp, Generalvikariat Vorarlberg, 1896, Band II, S. 798 23 gedörrte 24 Siehe die Reihe Auswanderer in Heft 5/S.25, 9/35, 11/32, 13/40 und 15/36! 25 Heft 13, S. 40 26 GA, Schachtel 1852 27 Faschings-Dienstag 28 GA Wolfurt, Chronik Schneider 3, S. 24 29 Trester sind die stinkenden Obstrückstände vom Schnapsbrennen. 1 Siegfried Heim Alois Negrellis Arbeiten in Wolfurt Was erinnert in Vorarlberg noch an den genialen Planer des Suezkanals? Nennt man in den Schulklassen seinen Namen überhaupt noch? - Mit einem neuen Buch und mit einer Ausstellung haben die drei Heimatforscher Bußjäger-Concin-Gerstgrasser vor kurzem Negrellis Spuren in Vorarlberg aufgezeichnet.1 Mit dem folgenden Beitrag möchte ich für Wolfurt ihr Werk ergänzen. Alois Negrelli Ritter von Moldelbe Geboren 23.1.1799 in Primiero (Trentino). Gestorben 1.10.1858 in Wien. Als Ingenieur im Straßen-, Wasser- und Eisenbahnbau in Österreich und in der Schweiz führend tätig. Planer des Suezkanals, der nach seinem Tod in den Jahren 1859 bis 1869 unter Leitung von Ferdinand de Lesseps erstellt wurde. Zwischen 1822 und 1832 arbeitete Negrelli in Vorarlberg, ab 1826 als KreisingenieursAdjunkt. Von seinen vielen Arbeiten berühren mindestens vier die Gemeinde Wolfurt: 1. Rheinkartenwerk. 1825 - 1827. Ein genauer Plan der Gemeinde. 2. Wälderstraße. Planung 1827. 3. Pfarrkirche St. Nikolaus. Bauplan 1829. 4. Achdamm. Erweiterung 1832. 1. Das Rheinkartenwerk Es wird als Baudirektionsplan P 13 im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck verwahrt. 97 Blätter beinhalten eine genaue Aufnahme des Vorarlberger Rheintals von Liechtenstein bis zum Bodensee. Unter Leitung von Baudirektions-Adjunkt Duile und dessen Vertreter Baudirektions-Praktikant Alois Negrelli wurden sie in den Jahren 1825 bis 1827 von Negrelli selbst und seinen Mitarbeitern gezeichnet. Seit 1985 besitzt das Gemeindearchiv Wolfurt Schwarzweiß-Kopien von den Wolfurter Blättern: Blätter 67 u. 68, Rickenbach und Schwarzach, aufgenommen im September und Oktober 1826 von Alois Negrellis Bruder Baudir.-Praktikant Franz Negrelli. Blätter 74 u. 75, Lauterach, Wolfurt und Kennelbach, aufgenommen 1826 von Baudir.Praktikant Ignatz Leeb. Blatt 83, Bregenzerach bei Wolfurt, aufgenommen im September 1826 von k.k. Straßenmeister Johann von Hörmann. 29 28 Bild 13: Die Ach auf der Negrellikarte von 1826. l.Wuhrstadel Z. Ziegeleien Schertler und Dür am Achdamm 5. Platz der heutigen Achbrücke Bild 14. Die Wälderstraße hat die St. Antone-Straße ersetzt. Das Rheinkartenwerk ist die dritte und weitaus genaueste Karte unseres Gemeindegebietes. Die älteste ist die Vorarlberg-Karte von Blasius Hueber aus dem Jahre 1774. Von den Wolfurter Straßen zeigt sie nur die kurz zuvor 1772 unter Maria Theresia gebaute neue Landstraße von Lauterach durch das Ried nach Dornbirn und die alte Hauptstraße von der Lauteracher Achbrücke über St. Antone nach Rickenbach. Die zweite ist die Artillerie-Karte von 1818 im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien (eine Photo-Kopie im VLA in Bregenz). Dieser Plan, der der Kriegsstrategie und der Unterbringung des österreichischen Heeres dienen sollte, zeigt erstmals die Häuserreihen am Talrand in Wolfurt, die Bäche und die Feldwege. Er wurde von Offiziersanwärtern der Artillerie gezeichnet, das Blatt 49 G von einem Fähnrich Weiß. Die Blätter des Rheinkartenwerks (NegreIli-Karte P13) aus dem Jahre 1826 weisen erstmals jedes Wolfurter Haus, jede Straße und auch die kleinen Feldwege und Hekken aus. Obstgüter umgeben die Häuser. Das offene Gebiet von der unteren Straße bis nach Lauterach ist aber ein riesiger Getreideacker, in dem man damals abwechselnd Dinkelkorn und Hafer anbaute. Das Ried reicht noch bis zur Brühlstraße herauf. Ein breites Achbett ist von der heutigen Achstraße und vom Kennelbacher Berg 30 begrenzt. Sogar ein Fährschiff ist eingezeichnet, denn über die Ach gab es damals ja nur eine Brücke in Lauterach. Weil die Zeichner nur das Rheintal aufnehmen mußten, sind die auf den Wolfurter Büheln (z. B. beim Schloß) eingetragenen Einzelheiten ungenau und manchmal auch falsch. Trotzdem sind die Rheinkarten für jeden Heimatforscher eine unentbehrliche Grundlage. Ihnen folgen dann 1857 als vierte Landkarten die Katasterpläne, die nun auch alle Bau- und Grundparzellen genau angeben. Ein Vergleich mit den 30 Jahre älteren Negrelli-Karten zeigt viele interessante Veränderungen. 2. Die Wälderstraße Zusätzlich zum Saumweg von Wolfurt über den Steußberg bestand schon 1561 ein erster Karrenweg als landstraß von Schwarzach über das Farnach nach Alberschwende. Um das Jahr 1772 wurde er zur Fahrstraße ausgebaut und mußte nun von den Hofsteig-Gemeinden bis zur Grenze von Alberschwende erhalten werden. Es kam zu vielen Streitigkeiten, weil die Kosten den Hofsteigern im Verhältnis zum geringen 31 Nutzen unzumutbar hoch erschienen. Am 5. Februar 1827 legte Kreisingenieurs-Adjunkt Alois Negrelli dem Kreisamt erstmals einen Plan für eine ganz neue Straße durch das Schwarzachtobel und dazu einen Kostenvoranschlag mit der ungeheuren Summe von 42 000 Gulden vor. Fast die Hälfte davon hätten die Hofsteig-Gemeinden und Alberschwende aufbringen müssen. Erst 1836 bis 1838 wurde die neue Straße unter der Leitung von Negrellis Nachfolger Kreisingenieurs-Adjunkt Martin Kink durch das Tobel gesprengt. Beim Zoll in Alberschwende wurden nun für jedes taleinwärts geführte Pferd 3 Kreuzer Maut eingehoben.2 Als Zubringerstraße wurde etwa gleichzeitig an Stelle der zu schmal gewordenen alten Straße von der Lauteracher Brücke über St. Antone nach Rickenbach die neue Wälderstraße von Lauterach ins Strohdorf nach Wolfurt gebaut. Weil darauf regelmäßig die Postkutsche verkehrte, wurden an ihr kurz nacheinander ein Postamt in Lauterach und 1868 auch eines in Wolfurt errichtet. Bis dahin hatte ein Wolfurter Bote täglich die für Wolfurt bestimmten Briefe in Bregenz abgeholt. Durch den Bau der Wälderstraße erhielt Wolfurt endlich wieder den für die Wirtschaft so notwendigen Anschluß an den überregionalen Verkehr, den es 60 Jahre vorher durch den Bau von Maria Theresias Landstraße durch das Ried verloren hatte. Das Rheinkartenwerk von 1826 zeigt also noch keine Wälderstraße, wohl aber die St. Antone-Straße nach Spetenlehen. Der Katasterplan von 1857 weist dagegen die Wälderstraße aus. In den paar Jahren waren an ihr auch bereits eine ganze Reihe von Häusern gebaut worden. Der St. Antone-Weg hat seither immer mehr an Bedeutung verloren. 1982 wurde er durch die Autobahn endgültig abgeschnitten. Die Wälderstraße ist dagegen als Landesstraße weiterhin ein wichtiger Zubringer. 3. Pfarrkirche St. Nikolaus Die heutige Pfarrkirche von Wolfurt ist keine Negrelli-Kirche! Viele Veröffentlichungen (u.a. DEHIO, S. 407) haben das bisher angenommen. Der Erweiterungsbau wurde aber 1833/34 nach neuen Plänen von einem ungenannten „k.k. Hofbaurath" der Hofkanzlei in Innsbruck erstellt. Ich kann diese Feststellung nach Studium des umfangreichen Kirchenbauakts des Kreisamts3 treffen. Damit muß ich auch manche frühere Äußerung korrigieren (etwa in Heimat Wolfurt, Heft 4-1989, S. 58 u. 60, und in Rheticus, Heft 4-1994, S. 478). Bis jemand den Namen jenes planenden Hofbeamten findet, nenne ich unseren Kirchenplan einfach den Hofbaurathsplan von 1832. Über die ganze Baugeschichte berichtet ein eigener Beitrag: Als die Wolfurter ihre Kirche bauten. Zwar hatte Negrelli 1829 zwei Pläne mit Kostenvoranschlägen für einen Kirchenerweiterungsbau erarbeitet, aber das Urteil der Hofkanzlei darüber war vernichtend! 32 Bild 15: Alois Negrellis Plan für die Wolfurter Kirche aus dem Jahre 1829. Er enhält auch den Grundriß der früheren Kirche. 33 Nach dreijährigem Streit - Lesen Sie darüber im oben genannten Kirchenbaubericht! - schickte das Gubernium 1832 ein ganz anderes ... dem ursprünglichen Antrage des Bregenzer Kreisingenieurs in jeder Hinsicht vorzuziehendes KirchenerweiterungsProjekt..., das der k.k. Hofbaurath in Innsbruck gezeichnet hatte. Als der Bau nach dem Hofbaurathsplan ausgeführt wurde, arbeitete Negrelli, dessen Pläne für eine Dorfkirche bei unseren Behörden keine Billigung gefunden hatten, bereits an größeren Aufgaben in der Schweiz. außerhalb des Dammes noch Plaz genug übrich bleibt, um ihre Hölzer gehörig abzulagern, worinn eigentlich der Grund zur eingereichten Beschwerde zu suchen ist... Der Katasterplan 1857 zeigt, daß die meisten der durch den neuen Damm gewonnenen Grundstücke bereits als Äcker Verwendung fanden. Als erster hatte dort (am Platz Achstraße 4) der Ziegeleibesitzer Dismas Dür schon 1835 ein Haus gebaut. Jetzt wurde der alte Achdamm bald auf beiden Seiten besiedelt. Erst 1866 bis 1870 wurde der von Negrelli 1830 begonnene zweite Damm bis zur Lauteracher Brücke verlängert. Seither gräbt sich die Ach in die Tiefe. Die Hochwassergefahr scheint gebannt zu sein. 1 4. Die Achdamm-Erweiterung Schon seit dem Mittelalter mußten sich die Hofsteiger gegen die Überflutung ihrer Äcker durch das Hochwasser der Bregenzerach wehren. 1771 ließ Kaiserin Maria Theresia zum Schutz ihrer beiden neuen Straßen von Bregenz nach Dornbirn und nach Fußach am Wolfurter Achufer den ersten großen Damm bauen, der bis heute als Achstraße erhalten geblieben ist. Die Rheinkarte von 1826 zeigt außerhalb dieses Dammes nur Stauden-Vorland und Kiesbänke mit Inseln. Als einziges Gebäude hatten die Wolfurter am Damm ihren Wuhrstadel errichtet, in dem Werkzeug und Baumstämme zur Abwehr der Fluten gelagert wurden. Um das Jahr 1830 ließ Alois Negrelli parallel zum ersten Damm im Vorland einen zweiten errichten, die heutige obere Dammstraße bis zum Kinderspielplatz. Die gewonnenen Grundstücke wurden am 5. Dezember 1831 versteigert. Mit dem Erlös konnten die Kosten das Dammes nahezu gedeckt werden. Gegen den neuen Damm protestierten aber jetzt einige „Wuhr-Interessenten", die bisher hier ihre auf der Ach aus dem Bregenzerwald geflößten Baumstämme gelagert hatten. Sie gaben an, der neue Damm staue das Hochwasser, sodaß es weiter oberhalb beim Haus des Jos. Ant. Höfle den alten Damm überflute. (J. A. Höfles Haus, Iorgobuobos, ist 1908 abgebrannt. Dort steht heute die „Beschützende Werkstätte", Bregenzerstraße 33.) Landrichter Maldoner lehnte die Beschwerde mit Hilfe eines umfassenden Berichtes von Kreis Ing. Adj. Alois Negrelli ab.4 Hier ein paar Zitate aus dem Bericht: ... Verkauf von 5 1/2 Jauchert der Wuhrinsel... (das sind rund 2 1/2 Hektar) ... Wenn bey großen Überschwemmungen die Ach bey Jos. Ant. Höfle über die Straße getreuen ist, hatte der Damm, welcher damals nicht existierte und weiter unten liegt, keine Schuld daran ... ... Wenn das Waßer über die Straße tretten u. Schaden bringen kann, so ist es schlecht genug, daß die alten erfahrenen Männer von Wolfurt bisher ... keine Mittel ergriffen haben. ... daß es gut seyn würde, wenn dieselbe auf eine Strecke von 36 Klafter (fast 70 Meter) um 1 Fuß erhöht würde, was mit 100 Haufen Kieß leicht geschehen kann ... ... Kann an den veräußerten Gründen bey Wolfurt keine Abänderung mehr stattfinden, weil diese durchaus nicht nöthig, u. der Damm schon größtentheils hergestellt ist, u. der Kreisingenieur ist vollkommen überzeugt, daß den Beschwerdeführern 34 Bußjäger-Concin-Gerstgrasser, Alois Negrelli und seine Spuren in Vorarlberg, Bludenz 1997, ISBN 3-901833-00-5. Diesem Buch sind viele der folgenden Daten entnommen. 2 Nach Walter Johler, Bregenzerwald-Heft 6/1987, S. 20 ff. 1 VLA, Repetit. KA1/57 von 1829 ff, Kirchenbau Wolfurt. Alle Akten ab Nr. 1238/1829 sind abgelegt bei Nr. 546/1837, Schachteln KAI, 90-92. 4 GA Wolfurt, Schachtel 1832 35 Siegfried Heim Als die Wolfurter ihre Kirche bauten Die uralte Kirche St. Nikolaus war zu Beginn des 19. Jahrhunderts viel zu klein geworden. In einem Akt für das Landgericht schrieb der Vorsteher im Jahre 1821, sie sei 1512 erbaut und 1760 renoviert worden und befinde sich in gutem Zustand, nur sei sie zu klein. Dabei kamen ja seit einigen Jahren die Bildsteiner und die Schwarzacher nicht mehr zur Sonntagsmesse. Aber die Einwohnerzahl von Wolfurt war stark im Steigen begriffen. Wir besitzen von der alten Kirche nur ein einziges Bild, aber dazu den genauen Grundrißplan, den Negrelli 1829 aufgenommen hat. Das Bild ist eine Skizze von Hannes Fischer. Er hat sie 1918 nach Angaben von Joh. Baptist Höfle angefertigt. Höfle, 5 alt Küofarle von der Hub, war 1826 geboren worden und hatte als siebenjähriger Bub noch den Abbruch der alten Kirche gesehen. Im Gegensatz zum NegrelliPlan weist die Fischer-Skizze eine Seitentüre und statt vier nur drei Seitenfenster auf. Sonst stimmen die beiden Grundrisse weitgehend überein. Demnach hatte die alte Kirche einen fast quadratischen kleinen Chor, ein rechteckiges Schiff mit hohen gotischen Fenstern, eine winzige Sakristei im Erdgeschoß des Kirchturms und ein kleines „Vorzeichen", eine Überdachung beim Haupteingang. Zum Läuten der vier Glokken führte vom Kirchenschiff eine steile Treppe direkt in den Turm hinauf. Bis 1814 war der rauhe Lorenz Gmeiner 33 Jahre lang Pfarrer in Wolfurt gewesen. Dann folgte ihm der aus Brixen stammende ehemalige Franziskanerpater Alois Grasmeyer, ein gelehrter Herr, der aber auch die Gaumenfreuden und den Wein schätzte. Als er 1827 gestorben war, herrschte Priestermangel. Im Jahre 1819 war das Vorarlberger Unterland nämlich als einziges österreichisch gebliebenes Stück der aufgeteilten Diözese Konstanz zu Brixen geschlagen worden. Nun fehlte es an Nachwuchs. Trotzdem bewarben sich gleich vier Geistliche um die begehrte Pfarre Wolfurt. Dazu nahm Generalvikar Galura in einem Schreiben an das Ordinariat in Bregenz1 Stellung:.... Diese Pfarre ist eine der gut dotierten und der angenehmsten im ganzen Lande: eine halbe Stunde von der Hauptstraße entfernt, eine Stunde von Bregenz, in einer schönen und fruchtbaren Gegend. Die Gemeinde braucht einen außerordentlichen Seelsorger, indem sie von den zwei verstorbenen Pfarrern, welche die Wirtshäuser zu sehr liebten, ziemlich vernachlässigt worden ist. Daher sind Unglauben, Verachtung des Heiligen, Roheit und auch Säumen mit dem Eifer für die Schule recht zu finden Vor allem muß das unterzeichnete Amt pflichtgemäß bemerken, daß da ein Seelsorger notwendig sei, der ein Feind des Wirtshausbesuches ist Der Generalvikar empfahl dann von den vier Kandidaten den Pfarrer von Damüls, Franz de Barraga, weil er.... einer der gesittetsten undfrömmsten Priester des Landes sei, der stets zu Hause ist und alle Wirtshäuser meidet.... Die drei anderen Geistli36 Bild 16: Eine Skizze von Hannes Fischer ist neben dem Negrelliplan das einzige Bild von der alten Wolfurter Kirche. chen hielt der Generalvikar .... für die sehr bedenkliche Pfarre Wolfurt nicht für geeignet.... So wird im September 1828 Franz de Barraga, ein 40jähriger aus Wien stammender Theologe, neuer Pfarrer von Wolfurt. Sofort beginnt er mit der Missionierung der sehr bedenklichen Pfarre. Von der Kanzel aus verdammt er die Wirtshäuser und scheut sich auch nicht, die Namen von unfolgsamen Besuchern zu nennen. Er läßt sich von Frauen das wichtigste aus der Gemeinde berichten. Vor allem kümmert ihn die Keuschheit. Den Frauen verbietet er die Kirchenstiege, weil dort böse Buben ihre Knöchel sehen könnten. Drei ausgewählte Jungfrauen läßt er das Verhalten der anderen kontrollieren2. Er verdammt ledige Mütter und will unehelich geborene Kinder nicht kirchlich beerdigen lassen. Die hölzerne Standlaube am Fuß der Kirchenstiege muß abgebrochen werden. Durch Jahrhunderte war sie der Versammlungsort des Gerichts Kellhof gewesen. Hier hatten die Grafen von Hohenems Gericht gehalten und die wehrfähige Mannschaft gemustert. Nun muß die Tanzlaube weg, weil sich dort am Abend manchmal Burschen und Mädchen treffen. Bald liegt der Pfarrer im Streit mit der ganzen Gemeinde, be37 sonders mit Vorsteher Bildstein, der ihm das Opferweingeld von 20 auf 10 Gulden herabgesetzt hat. Das allerwichtigste Anliegen des neuen Pfarrers ist die Erweiterung der zu kleinen Kirche. ... Als Gefertigter das erste Mahl dieß Gotteshaus durchschaute, konnte er sich der Thränen nicht enthalten, daß die angesehene Wolfurter Gemeinde ein so elendigliches Haus zu ihrer Andacht besitzt.... So schreibt er ein Jahr später.3 Kreishauptmann Ebner unterstützt ihn:... die derzeitige Kirche faßt nur 482 Personen, die Gemeinde hat aber 984 Individuen, welche die dortige Pfarrkirche besuchen sollen. ...4 .Wolfurt hatte zu dieser Zeit etwa 1200 Einwohner, für die der Pfarrer am Sonntag jeweils nur eine Messe feiern durfte. Im Jänner 1829 gab Vorsteher Bernhard Bildstein sein Amt ab. Ihm folgte Joh. Martin Schertler, der allgemein sehr geschätzte Sohn des Schützenmajors Jakob Schertler in Unterlinden. Gemeinsam mit Pfarrer Barraga bat er das Kreisamt um einen Kirchenbauplan. Kreisingenieur Ducati gab diese Aufgabe an seinen Adjunkten Alois Negrelli weiter. Negrelli untersuchte am 13. März 1829 die alte Kirche und legte am 21. April seinen Bericht beim Kreisamt vor. Als Beilagen hatte er auch bereits einen Bauplan und einen Kostenvoranschlag erstellt.5 In Negrellis umgangreichen Bericht heißt es u. a.:.... Bei der am 13. v. M. vorgenommenen Untersuchung hat sich nun gezeigt, daß die erwünschte Vergrößerung der befraglichen Kirche sich des Leichten, und der Volkszahl der Gemeinde Wollfurt welche sich auf 1148 Seelen beläuft, ganz angemeßen vornehmen läßt. ... ... Der Thurm, und die östliche, und nördliche Seite dieser auf einer sehr anmuthigen kleinen Anhöhe gelegenen Kirche würden beibehalten werden ... ... Aus diesem Gesichtspunkte ausgegangen, daß nemlich der Thurm und ein bedeutender Theil der alten Kirche stehen bleibt, war man beim Entwürfe des Adaptierung-Antrages an deren Bauart gebunden, daher an keine modernere fürgedacht werden konnte. ... ... Gewölb läßt sich sich nicht leicht eines anbringen, weil die stehenbleibende Seitenwand dessen Last zu tragen nicht vermögend seye ... ... Die neu zu erweiternde Kirche gewährt übrigens folgenden, nach den bestehenden höchsten Vorschriften bemeßenen Raum von 4 Quadratfuß für jede Person, und zwar im Langhause für 612 im Präsbiter für 102 und auf der Emporkirche für 126 Zusammen also für 840 Communicanten ... Der beigefügte Plan gab Aufschluß über den Grundriß der bisherigen Kirche und des Friedhofs. Die vorgesehene Erweiterung erschien ungemein kostengünstig. Der Voranschlag sah Barauslagen in der Höhe von 3591 Gulden und dazu noch Fronarbeiten vor. Besonders interessant ist eine Aufstellung über die ortsüblichen Preise des Baumaterials und über die Löhne. Demnach bekam ein Handlanger einen Taglohn von 30 Kreuzern, also einen halben Gulden. Maurer und Zimmerleute erhielten pro Tag 38 44 Kreuzer, ein Schreiner sogar 48 Kreuzer. Ein Handwerker konnte also, wenn er genug Arbeit fand, mit einem Jahresverdienst von höchstens 200 Gulden rechnen. Dagegen nimmt sich Negrellis Jahresgehalt von 350 Gulden geradezu fürstlich aus. Negrelli war sich über die Unzulänglichkeit seines vom Sparstift des Pfarrers beeinflußten Planes durchaus im klaren. Am 10. Mai 1829 stellte er ihn persönlich im alten Schulhaus der Gemeinde vor. Diese bedankte sich zwar, doch wünschte sie eine wesentlich größere Erweiterung um 6 Schuh noch breiter und auch einen neuen Chorabschluß mit einem Rundel, also gebogen wie der Chor der schönen Barockkirche in Bildstein. Schon am 17. Juli brachte Negrelli einen ganz neuen Plan und einen Kostenvoranschlag von nunmehr 5190 Gulden. Beide Akten mußten nun vom Kreisamt dem Gubernium in Innsbruck vorgelegt werden, von wo sie an die dortige Hofkanzlei weitergeleitet wurden. Hier erfahren wir also von dem komplizierten Instanzenzug, der in Metternichs Beamtenstaat der Obrigkeit alle Macht zukommen ließ: Gemeindevorstehung - Landgericht Bregenz - Kreisamt Bregenz - Gubernium Innsbruck - Hofkanzlei Innsbruck. Die meisten zu jener Zeit in Vorarlberg erstellten wichtigen Akten und Pläne liegen daher seit damals im Tiroler Landesarchiv. Das Urteil der Hofkanzlei über den Negrelliplan war vernichtend! - Sie schlug Änderungen mit einem massiven Deckengewölbe vor, die etwa 15 000 Gulden gekostet hätten. Das war für die Gemeinde unfinanzierbar. Ein schrecklicher Streit war die Folge. Es bildete sich eine Rickenbacher Partei unter Führung von Adlerwirt Leonhard Fink, die in Anbetracht der hohen Kosten einen völligen Neubau der Kirche beim Schulhaus in der Mitte der Gemeinde verlangte. Drei Jahre lang wanderten zahlreiche Schreiben über die vielen Instanzen nach Innsbruck und zurück und etliche Kommissionen reisten auf dem weiten Weg über den Arlberg an. Die Gemeinde mußte das vorbereitete Bauholz verkaufen, um es vor dem Verfaulen zu bewahren. Der fanatisch kämpfende Pfarrer Barraga verscherzte es sich mit allen Seiten. Dekan Josef Stadelmann verwarnte ihn und schrieb an den Bischof: ... Barraga hängt in allem, er macht sich immer odioser, ... erfragt niemand was nach, ist stolz und unbeugsam ... zu wünschen wäre, Barraga möchte auf eine Kaplanei oder auf ein subalternes Benefizium versetzt werden. ...6 Auch Landrichter Maldoner urteilte hart über den Pfarrer und versuchte, ihn ganz von dem im Jahre 1832 endlich in Aussicht stehenden Kirchenbau auszuschließen:... Altvorsteher Schertler bemerkte hiebei, daß der Pfarrer die Gemüther nur aufrege, u. daß es für die gute Sache förderlich wäre, wenn sich der Pfarrer um den Kirchenbau gar nicht annehme. Auch der Herr Dekan Stadelmann bemerkte, daß sich der Pfarrer in Wolfurt in dieser Bausache sehr unklug benehme. Was läßt sich aber auch von diesem Pfarrer erwarten, welcher, wie dem Landgerichte wiederholt angezeigt wurde, laut u. öffentlich erklärte, daß er fürchte, eine Todsünde zu begehen, wenn er sich nicht um diesen Bau annähme. Diejenigen, welche nicht für diesen Bau seyen, erklärte er in der öffentlichen Kirche als mit einer Tod39
  1. heimatwolfurt
19980701_Heimat_Wolfurt_21 Wolfurt 01.07.1998 Heft 21 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juli 1998 DasWolfurter Wettersegenkreuz. Eine wertvolle alte Goldschmiedearbeit. Inhalt: 102. 103. 104. 105. Wohnen in Wolfurt GFG, der Ornath-Händler Goldschmiede aus Wolfurt Schnapsbrenner 106. 107. 108. 109. Kammerdiener Kalb (2) Altes Geld Aus Lutzos Notizbuch Flucht in die Höhle Autoren Mag. Christoph Volaucnik, Jg. 1961. Bekannt durch viele Veröffentlichungen in Geschichtswerken und Fachzeitschriften. Als ehemaliger Wolfurter hat er uns schon mehrere Beiträge zur Verfügung gestellt. Volaucnik arbeitet jetzt für das Archiv der Stadt Feldkirch und forscht in seiner Freizeit auch für uns. Mag. Meinrad Pichler, Jg. 1947. Er ist Direktor des Gymnasiums Gallusstraße in Bregenz und hat als namhafter Historiker eine ganze Anzahl von Werken zur neueren Geschichte Vorarlbergs herausgegeben. Besondere Bedeutung hat für uns Wolfurter sein Buch Auswanderer in die USA. Zuschriften und Ergänzungen Das letzte Heft (Nr. 20) hat wieder viel Beifall gefunden. Die Beiträge über die ersten Vorsteher und über die Flatz-Familien haben, wie auch die Geschichte vom Silbersee, zu einer ganzen Anzahl von Nachbestellungen geführt. Dorns Kinder (Heft 20, Bild 19) Martha Hinteregger erinnerte sich, daß auf dem Bild außer Klemens auch die älteste Schwester Antoinette fehlt. Sie sei ihr immer den schönen Namen der unglücklichen französischen Königin neidig gewesen. Der Ippachwald (Heft 18, S.16 und Heft 19, S. 14) Dazu hat das Katholische Bildungswerk Wolfurt am Sonntag, 17. Mai 1998, eine Lehrwanderung durchgeführt: Vom Ippachwald zur Paradieswiese. Mehr als hundert interessierte Wanderer stiegen den steilen Pfad durch den Wald hinauf. Dabei erinnerten sie sich daran, daß auf diesem Weg einst unsere Bildsteiner Vorfahren zur Taufe und zum Friedhof nach Bregenz oder später nach Wolfurt getragen worden sind. Auf der wunderbaren Lichtung Hoamolitto setzten sich Jung und Alt noch einmal zusammen. Kammerdiener des Kaisers (Heft 19, S. 46) Zu unserer Freude hat nach dem Lesen dieses Beitrages der Bregenzer Historiker Meinrad Pichler den Kammerdiener Kaspar Kalb zum Gegenstand seiner Forschungen in den Wiener Archiven gemacht. Er berichtet darüber in diesem Heft. Dabei hat er dort gleich auch noch einen verschollenen Rickenbacher entdeckt: Mathias Kalb, geboren am 24. Februar 1775, war das 15. von 18 (achtzehn) Kindern des mit Kaspar Kalb nicht verwandten Sebastian Kalb. Die Familie lebte im Haus Bildnachweis Karl Hinteregger Bild 2 Alle anderen aus der Sammlung Heim, meist Reproduktionen von Hubert Mohr oder Karl Hinteregger. Bitte ! Diesem Heft 21 liegt wieder ein Erlagschein bei. Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Wegen der geringen Auflage sind die Druckkosten doch relativ hoch. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Bild 2: Erlebte Heimatkunde auf Hoamolitto 3 domus 127. Es stand am Platz von Hofsteigstraße 53 beim Kreuz und ist 1897 abgebrannt. Nach dem Tod des Vaters und der meisten Geschwister wurde Mathias Kalb Soldat und galt schon 1805 als verschollen. Nun hat ihn Pichler in den alten Schritten in Wien als Schätzmeister bei den Handschuhmachern gefunden. Seine nächsten Verwandten wären heute Kirchberger-Kalbs aus dem Alten Schwanen. Barmherzige Schwestern (Heft 17, S. 61) Aus Zams hat wieder Sr. Isabella Schedler geschrieben und sich für ein Heftchen bedankt. Dann erzählt sie aus ihren Erinnerungen: Im Kriegsjahr 1918 nahm Igels Hilda sie einmal mit zur Schule. Dort bekamen hungernde Schüler in der großen Pause aus einem Kessel einen Teller Gerstensuppe mit großen schwarzen Su-Kichora (Saubohnen) geschöpft. Später machte sie mit der dritten Klasse unter Lehrer Bitriol einen Ausflug: Eine lustige Fahrt mit dem Wälderbähnle nach Doren, dann zu Fuß über das Tobel nach Krumbach und nach fröhlicher Einkehr wieder zurück. Einsetzender Regen zwang die Klasse zum Unterstehen. Da hielt ein sechssitziges Luxusauto. Alle die vielen Mädchen wurden auf den Polstern übereinander gestapelt. Die Buben band man mit einem Seil auf dem Gepäcksträger und auf den Trittbrettern fest. So erreichten sie alle noch rechtzeitig den Zug am Bahnhof in Bozenau. Auswanderer (Hefte 5, 9, 11, 13 und 15) Wieder sind etliche Briefe von Nachkommen der Wolfurter Auswanderer nach Amerika eingetroffen. Aus Monticello in Iowa schreibt Brenda Knipper, eine Urenkelin des 1888 von der Hub nach Petersburg bei Dubuque ausgewanderten Mathias Bildstein. Während die einst sehr zahlreichen Bildstein im Kirchdorf, in der Bütze, an der Hub und im Röhle mit Klara Bildstein 1951 ausgestorben sind, leben noch zahlreiche aus Wolfurt stammende Bildstein-Familien in Bregenz, Lauterach und eben in Amerika. Dort bewirtschaftet z. B. Jim Bildstein (Jg. 1943) in Delaware County eine Großfarm mit mehreren Quadratkilometern Grund. Natürlich gibt es auch in Wolfurt noch ein paar Dutzend (entfernt) Bildstein-Verwandte - aber keiner kennt den reichen Onkel in Amerika! Aus Fremont in Ohio schreibt Marilyn Fisher. Sie gehört zur Sippe der StöoglarFischer und ist zu den Seppar-, Klosos- und Schnidarles-Fischer in Wolfurt verwandt, aber auch zu ßafto/zar-Schwerzlers und zu Bäschle-Köbs. Ihr Ahn Nikolaus Fischer ist mit seiner großen Familie 1853 aus dem Haus Wälderstraße 10 (Dürs) ausgewandert (Siehe Heft 8, S. 7!). Bruder und Vater waren Sternen-Wirte im Strohdorf gewesen. Nun sucht auch sie Bilder und Informationen für ein Familienbuch. Siegfried Heim Wohnen in Wolfurt Ein Dach über dem Kopf haben! - Grundbedürfnis für alle Menschen, so wie Essen und Schlafen. Ein Haus bauen! - seit ewigen Zeiten ein Urtrieb tief in uns. Kinder bauen ihr erstes Haus aus den Küchenstühlen und einer Wolldecke. Und welch großen Stolz haben sie ein paar Jahre später auf die selbst genagelte Bretterhütte hinter dem Haus oder gar auf dem Baum! Auch die Großen streben nach einem Ziel: nach einem Platz, wo man trocken und warm und in Frieden mit den Nachbarn wohnen kann. Das war immer so, von den Höhlen der Steinzeitjäger angefangen bis zu den Luxusvillen unserer Tage. In den letzten fünfzig Jahren hat sich das Bauen überschnell entwickelt, auch bei uns in Wolfurt. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft haben die meisten der 200 Wolfurter Bauernhäuser ihre alte Funktion mit Stall und Stadel verloren, aber auch als Wohnung für eine Großfamilie mit Großeltern und Tanten stehen sie nicht mehr hoch im Kurs. Viele wurden daher abgebrochen. Bei den meisten anderen wurden die Stadel zu Garagen, Geschäften oder Wohnungen umgebaut. Die Fassaden erhielten durch neue Beläge, "moderne" Fenster und Haustüren ein verändertes Aussehen. Einige wenige von den alten Häusern wurden behutsam restauriert. Die letzten der schönen Rheintalhäuser prägen das Bild unserer Gemeinde. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, denn ihre Entwicklung hat mehr als 1000 Jahre lang gedauert. Das Einraumhaus Als die Alemannen um das Jahr 500 in unser Land kamen, waren die aus Stein gebauten römischen Villen in Brigantium mit ihren Säulenreihen und den Hypocaust-Zentralheizungen bereits dem Verfall preisgegeben. Die neuen Siedler erbauten ihre schlichten Häuser in der Nähe von Bächen und Wäldern, bei uns in Wolfurt also am Tobelbach, am Holzerbach in Unterlinden, an der Hub und am Rickenbach. Beim alemannischen hus trugen starke Holzpfosten ein Strohdach. Die Wände bestanden aus einem dick mit Lehm beschmierten Rutengeflecht. Im Lauf vieler Jahre entwickelte sich aus diesem Pfostenbau in manchen Ländern das Fachwerkhaus, bei uns aber das gestrickte Haus. Zuerst bestand es aus einem einzigen Raum. Mittelpunkt war die offene Feuerstelle, die für Licht und Wärme sorgte. Es gab weder Fenster noch einen Kamin, wohl aber genug Fugen für den Abzug des Rauchs. Auf dem festgestampften Lehmboden lag Laubstreu als Schlaflager für die ganze Familie und auch für die Haustiere. An den Wänden hingen Werkzeuge und Waffen. Im Rauch unter dem Dach hielten sich die Vorräte am längsten. Als Tür diente ein Tierfell, das durch große Holzklötze (Riegel) gesichert werden konnte. Für Getreide gab es außerhalb des Hauses eigene Speicher. 4 5 Vorstufen zum Rheintalhaus Viele Jahrhunderte lang genügte das hölzerne Einraumhaus den bescheidenen Ansprüchen der Bauern, während sich in Klöstern und Städten bereits die Steinbaukunst entwickelte. Auch die Burgmauern auf den nahen Hügeln mußten meist von den leibeigenen Bauern aus massiven Steinen aufgetürmt werden. Das Bauernhaus machte erst etwa um das Jahr 1200 den Schritt zum Zweiraumhaus.2 Eine Wand teilte jetzt den Schlafraum von der Wohnküche ab und hielt den Rauch fern. Auch aus der Küche leitete ein großer Rauchfang über dem offenen Feuer den quälenden Rauch durch das Dach hinaus, wenigstens bei günstigem Wetter. Drei Räume Um das Jahr 1500 fand bei uns das Bauernhaus dann schließlich seine Dreier-Grundstruktur irut Küche, Stube und Gaden3. Ein Fundament aus Bruchsteinen schützte die Holzwände vor Bodenfeuchtigkeit. An die Stelle des Strohdaches war ein flaches Schindeldach getreten, das durch schwere Steine gehalten wurde. Scheibenlose Löcher, die durch Läden verschlossen werden konnten, ließen Licht und Luft ein. Wichtigster Raum blieb die Küche, die sich als Flurküche quer durch das ganze Haus zog. Ein abgedecktes Kellerloch im Küchenboden hielt die Feldfrüchte feucht und kühl. Noch immer war ein Laublager im Gaden die gemeinsame Schlafstelle der Familie, nur erwachsene Kinder schliefen auf der Brüge4 unter dem Dach. Wasser schöpfte man aus dem nahen Bach. Schon 1517 legten die Dörfler unter Ammann Sebastian Schnell5 nach dem Vorbild der Städte Düchelrohre vom Schloßbühel zum Kirchplatz und erhielten so ihren ersten gemeinsamen Brunnen. Aber noch bis in unser Jahrhundert, als es neben vielen hauseigenen Laufbrunnen auch längst Pumpbrunnen gab, versorgten sich manche Familien mit Trink- und Waschwasser aus den klaren Bächen. Ein an das Haus angebauter Schopf war zum Vorratsstadel für Getreide, Stroh und Brennholz geworden. In dem darin eingebauten kleinen Stall hatten die Kuh und das Schwein ihre Verschläge. Über dem Schweinestall gackerten in einem Holzkäfig die Hühner. Der Stall diente aber auch als Abort. Erst viel später wurde im Stall oder auch außerhalb neben dem Misthaufen ein Hüsle mit einem Sitzbrett erstellt. Für nächtliche Bedürfnisse hatte man ja im lichtlosen Gaden den Nachthafen. Das Rheintalhaus Im 18. Jahrhundert bildeten sich dann aus dem Dreiraumhaus mehrere Formen unseres Hofsteiger Rheintalhauses heraus. Hauptgrund der Veränderung war der Bedarf nach einem Arbeitsraum für die nun vermehrt auch im Dorf ansässigen Handwerker und nach einem größeren Keller. So baute man jetzt Häuser, in denen die drei Räume unterkellert und damit in den ersten Stock gehoben wurden. Zur Haustüre, die weiterhin auf der Traufenseite des Hauses direkt in die Küche führte, mußte man jetzt über eine hohe Außenstiege hinaufsteigen. Das Baumaterial hatte sich stark verändert. Eine Reihe von Steinbrüchen am Steußberg Die Entwicklung des Flurküchen-Hauses 6 7 V. Das große Rheintalhaus - etwa ab 1700 Bild 5: Kleines Rheintalhaus. Schulstraße 4, Knores. Erbaut 1873, abgebrochen 1984. lieferte jetzt leicht bearbeitbare Mergelsteine für die Mauern des Kellergeschosses und für den Keller selbst, der schließlich ein massives Gewölbe bekam. Mit dem an der Ach gebrannten Kalk konnte man die Mauern festigen. Wichtigster Baustoff blieb aber das Holz aus dem Ippachwald. Aus Tannenstämmen fertigte man die mit der schweren Axt beschlagenen Balken, aus denen die Hauswände gestrickt wurden, und Pfättona und Rafo6 für den Dachstuhl. Breite Fleocka1 brauchte man in großer Zahl für Wände und Decken. Durch den Rauch aus der Küche wurden sie so gebeizt, daß ihnen Fäulnis und Wurmfraß nichts anhaben konnten. Die Fenster besaßen jetzt Butzenscheiben, kleine kreisrunde Glasscheibchen, die in Bleirahmen eingelötet waren. Etwa ab 1750 wurde das flache Schindeldach durch das viel steilere Ziegeldach abgelöst, unter welchem nun auch noch eine Schlafkammer Platz fand. Daneben setzte sich bei vermögenden Familien um diese Zeit auch schon immer mehr die zweistöckige Form des Rheintalhauses durch, die mit zusätzlichen Kammern mehr Schlafplatze für die Großfamilien und für jeden Erwachsenen ein eigenes Bett bot. Gelegentlich und ab 1850 sehr häufig wurden die Kammern als Quartier vermietet. Zusätzlich gewann man durch einen Anbau hinter dem Haus noch einige Räume. Die steinerne Außenstiege wurde fast überall durch hölzerne Innenstiegen ersetzt. Die schwere eichene Haustüre führte jetzt ins Unterhus, einen kleinen Raum am Fuß der steilen Stiege. Die Türe besaß außer dem mächtigen Schloß noch einen Balken als ausziehbaren Nachtriegel, der tagsüber in die dicke Mauer geschoben wurde. Oben in der Küche brannte noch bis etwa 1850 meist ein offenes Feuer unter dem Rauchfang. Wenn die Haustüre geöffnet wurde, trieb der Luftzug den Rauch bis in den Dachboden hinauf. Der Küchenboden bestand über dem Kellergewölbe aus gestampftem Lehm und war mit Steinplatten belegt. Er mußte ja unbedingt feuerfest sein. Trotzdem forderten Feuersbrünste immer wieder Opfer unter den leicht brennbaren Holzhäusern. 8 9 Bild 6: Großes Rheintalhaus. Kirchstraße 2, RichHöfles. Erbaut vor 1760, abgebrochen 1973. Bild 7: Genossenschaftsbrunnen Hub. Neu erstellt 1891. Eine zweite Feuerstelle neben dem Herd beheizte den Ofen in der Stube. Dort wurde nun im 19. Jahrhundert an vielen Orten eine Kust eingebaut, eine beheizte steinerne Ofenbank, die sich zum in den Steinhäusern der Stadt längst bekannten Kachelofen entwickelte. Auch der Herd hatte eine Sandsteinplatte mit zwei Löchern für Kessel und Pfanne und einen direkten Rauchabzug in den Kamin bekommen. In seiner Chronik berichtet Vorsteher Flatz, daß 1860 auch in Buch schon sehr viele Häuser Sparöfen und Kunstherde besäßen.8 Die Steinplatte auf dem Herd wurde bald durch eine gußeiserne Platte mit Ringen ersetzt. Ein eingebautes küpfernes Schiff hielt ständig ein paar Liter warmes Wasser bereit. Das Wasser trug man noch bis 1950 fast überall in Kübeln vom Brunnen in die Küche. Die Wäsche wurde im Freien oder in einer eigenen Waschhütte gewaschen. Hausgemeinschaften und Einzelhöfe hatten inzwischen die Quellen auf den Büheln in ihren Brunnenstuben gefaßt. Mit den großen Brunnen im Dorf, in Unterlinden, Strohdorf, Spetenlehen und Rickenbach gab es in der Gemeinde nun mehr als 50 Laufbrunnen. Dazu kamen seit dem 19. Jahrhundert sehr viele Golggar-Pumpbrunnen. Sie taten noch gute Dienste, bis 1953 das erste Gemeinde-Wasserwerk in Betrieb ging. Und wie war es mit den Badezimmern? Die Germanen hatten, so berichten römische Geschichtsschreiber, noch nackt in den Flüssen gebadet. Die Römer entwickelten in ihren Thermen eine hohe Badekultur. Wannenbäder weist auch der berühmte Klosterplan von St. Gallen aus dem Jahre 820 auf. Und aus Albrecht Dürers großartigen Graphiken erfahren wir, daß zumindest in den Städten noch am Ende des Mittelalters Gemeinschaftsbäder üblich waren. Dann aber begann jene Zeit, wo man Nacktheit mit Sünde in Verbindung brachte. Jetzt erlaubte man dem Wasser keinen Zutritt mehr zur Haut, außer an Gesicht, Händen und Füßen. Mangelnde Hygiene hatte katastrophale Folgen bei Infektions- und Kinderkrankheiten. So war es ein großer Fortschritt, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts wenigstens eine 10 schmale hölzerne Badgelte für den Säugling in Gebrauch kam. Im Winter wuschen nun nach dem Säuglingsbad auch die größeren Geschwister in dem warmen Wasser ihre Füße. Zwei geradezu luxuriöse Badezimmer lassen sich erstmals in der 1907 erbauten Villa Schertler in der Bütze nachweisen, ab 1936 auch eines im Schloß. Nur ganz wenige Badewannen wurden auch in anderen Häusern eingebaut. In den Bauernhäusern tat dagegen höchstens einmal vor hohen Festtagen eine Waschgelte mit heißem Wasser gute Dienste. Voll Neid hörte man davon, daß es in Kennelbach bereits seit 1925 ein Volksbad mit vier Badewannen und ab 1939 ganz moderne Badeanlagen im Kameradschaftshaus gab.9 In Wien gab es das erste Volksbad übrigens auch erst ab 1887. Bei uns in Wolfurt wurden Badezimmer erst in den vielen neuen Einfamilienhäusern ab 1948 allgemein üblich. In den alten Rheintalhäusern wurden sie erst später nach und nach eingebaut. Seither hat übertriebene Hygiene auch schon wieder manches Unheil angerichtet. Zurück zur Küche mit dem alten Feuerherd! Die rußigen Wände bekamen jedes Jahr beim Frühjahrsputz einen frischen Anstrich. Mit selbst gelöschtem Kalk wurden sie gwißlot. Obwohl die Küche düster und dem Durchzug ausgesetzt war, blieb sie noch lange der wichtigste Raum für die Familie. Hier wurde gegessen und hier spielten auch die Kinder, wenn ihnen nicht im Hinterhaus ein Stühle zur Verfügung stand. Die gute Stube blieb ihnen meist verschlossen. Dort, wo der Glaskasten allerlei Schätze und Dokumente barg und wo das große Kanabee und der prächtige Herrgottswinkel Würde und Ernst verlangten, hatten sie nur an hohen Feiertagen Zutritt. Hier waren die gestrickten Wände und die Fleckendecke durch eine Täfelung (a gstemmts Täfor) verschönert worden. Auch außen hatten die rohen Balken gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein ansehnliches Kleid aus Schuppenschindeln bekommen. Dazu gab es jetzt auch Krützstöck mit größeren Scheiben und mit Fensterläden und Vorfenstern für den Winter. 11 Bild 8: Nachtlopf: An bluomoto Nachthafo. Bild 9: Einfamilienhaus mit Kniestock: Wälderstraße 9. Im Gaden standen neben den Ehebetten mehrere Kinderbetten mit rauhen Laubsäcken, doch hatte nur selten jedes Kind ein Bett für sich allein. Das große Lawor auf dem Waschtisch wurde eigentlich nur von Hebamme und Doktor benutzt, wenn sie um Hilfe gerufen werden mußten. Die verschiedenen Nachthafo unter dem Bett, im Nachtkästle oder im Stuhl brauchte man dagegen alle Tage. Seit die Küche nicht mehr direkt neben dem Stall, sondern einen Stock höher lag, hatte man über dem Stall als Abort a Hüsle von der Ströüe-Bo10 abgeteilt. Ein winziges Fensterchen im Bretterschirm ließ Luft in den kalten Raum. Im Schulhaus und im Vereinshaus mußte so ein Plumps-Klo über mehrere Stockwerke funktionieren. Spülklosetts wurden erst mit dem Fließwasser nach 1950 eingeführt. Drunten im Unterhus führte eine Türe direkt in den Stall, eine andere in die Werkstatt und die dritte über hohe Steinstufen in den dunklen Keller hinab. In dem feuchten Raum wurden neben dem in Eichenfässern gelagerten Most auch Obst auf einer Brüge, Kraut in der Stande, Käse im Kästrog, eingekalkte Eier, Essig und Bodobiora kühl gehalten. Eine Werkstatt in der Größe von zwei Stuben mußte damals, als es noch keine Maschinen gab, dem Handwerksmeister samt Gesellen und Lehrling für ihr Gewerbe ausreichen, dem Schreiner, dem Sattler und dem Küfer genau so, wie dem Gerber und dem Schmied. Sehr häufig war in Wolfurt die Werkstatt aber als Webkeller eingerichtet, wo auf dem großen Webstuhl eigener Flachs zu kostbarem Leinen und später Baumwolle zu Tuch gewoben wurden. Nach 1870 stellte man hier Handstickmaschinen und ab 1900 fast überall Stickautomaten auf. Im oberen Stock waren die Schlafkammern für die großen Kinder und für andere Familienangehörige, die hier das Hausrecht besaßen. Oft gehörten altledige Tanten und Onkel zur bäuerlichen Großfamilie, bei der Arbeit genau so wie beim gemeinsamen Essen. In den Kammern standen auch die Vorratstruhen, angefüllt mit Korn, mit 12 Nüssen oder mit Schnitz11, die die Bäuerin auf dem Vordächle oder im Ofenrohr gedörrt hatte. Den Kamin hatte man zu einer Rauchkammer ausgeweitet. Das dort aufbewahrte Selchfleisch von der im Winter geschlachteten Sau mußte, in schmale Binden zerteilt, für ein ganzes Jahr ausreichen. Ganz wichtig war auch der Dachboden. Ufzug hieß der große Raum damals, weil man an einem Seilzug über eine Rolle oder einen Wellenbaum12 schwere Lasten bis unter die Dachbodenbalken heben konnte. Am meisten Platz brauchten da droben die großen Gestelle, an denen die Türkenkolben, ordentlich zu Paaren gebunden, zum Trocknen hingen. Daneben lagerte das Heizmaterial für Herd und Ofen: Buschla, Schittor, Kreos, an vielen Orten auch Schollo oder Trestorkäsle13. Und natürlich war noch Platz für abgelegten Hausrat, alte Werkzeuge und Möbel und vielerlei Kram, der in Schachteln und Kisten auf neue Verwendung wartete. Denn weggeworfen wurde nichts, gar nichts! Bis die neue Zeit das Dorf, die Menschen, ihr Denken und Wünschen völlig veränderte. Bis der Stall geschlossen und die Wiesen verbaut wurden! Die jungen Leute arbeiteten ungeheuer schwer, als sie nach dem großen Krieg die ersten Einfamilienhäuser mit eigenen Händen aufmauerten. Kleine Kniestockhäuser waren es zuerst, mit einem angebauten Holzschopf. Ein Elektroherd mit Zusatzofen und der erste Kühlschrank waren der große Stolz der jungen Hausbesitzer. Jeden Freitag kam die Schwiegermutter zum Baden! Am Samstag brauchte man das Wasser aus dem Boiler für die eigene Familie. Ein paar Jahre später wurden die neuen Häuser schon zweistöckig gebaut. Eine Garage und eine Fernsehantenne gehörten jetzt selbstverständlich dazu, und auch eine Waschmaschine, ja sogar ein Telefon. Und dann überschlug sich das Häusle-Bauen im ganzen Land. Schwarzarbeiter auf der einen, übermoderne Architekten auf der anderen Seite streuten Häuser, Paläste, 13 Betonblocks und Reihenhäuschen wirr und kunterbunt in die Felder und auf unsere schönen Bühel. Alle paar Jahre stellten neue Propheten neue Forderungen auf. Baubehörden und Flächenwidmungsplaner hatten einen schweren Stand. Kritisiert wurde alles und gebaut auch. Der Hausbau war jetzt den kurzzeitigen Modetrends genau so unterworfen wie Damenkleidung oder Haarfrisur. Kratzputz wurde von schwarzem Eternit abgelöst, Sichtbeton von rohen Schirmbrettern und großflächigen Schaufenstern am Wohnzimmer. Von einer Einheitlichkeit der Dachformen, wie sie sich bei uns durch ein ganzes Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, war keine Rede mehr, von Grundrissen, die einer Familie ein ganzes Leben lang genügen sollten, noch viel weniger. Beinahe wäre ein paar Jahre lang sogar das Einraum-Haus wieder modern geworden. Bild 10: Zweistöckig: Wälderstraße 12. Ein Bauplatz in Wolfurt vereinigte zwei der von den meisten Bauwerbern angestrebten Werte in sich. Erstens versprach die Nähe zu den Städten Bregenz und Dornbirn gute Berufsmöglichkeiten. Dann aber bot die Lage im Grünen, nahe bei Wald, Berg und See, auch einen hohen Freizeitwert. Das lockte immer mehr Zuwanderer an, auch als die Bauplatzspreise schwindelnde Höhen erklommen. In seinem Bildband Wolfurt, Ein Dorf verändert sich hat unser Dorffotograf Hubert Mohr das Geschehen dieser Jahre festgehalten. Die meisten heutigen Wolfurter schätzen ihre schönen Wohnungen, die Wärme des neuerdings wieder eingebauten Kachelofens und das Kanapee ebenso wie die Sitzgruppe draußen auf der Terrasse. Für manche ist die Wohnung aber nur mehr Schlafplatz. Am Sonntag suchst du sie vergeblich daheim. Irgendwo auf einer Jacht auf dem See sind sie vielleicht oder am Rasenmähen beim Wochenendhäuschen. Oder aber sie sind zu Nomaden geworden und stecken mit ihren Wohnwagen im Stau am Brenner. Wohnen? - Das heißt doch eigentlich Daheim sein! Warm und trocken und in Frieden mit sich selbst und mit den Nachbarn! ' Kreuzweise übereinander gestapelte Balken (Stricke) werden durch Holzzapfen fest verbunden. 2 Zeitangaben nach Ilg, Volkskunde Vorarlbergs, Band III, S. 291 3 Das Gaden ist die Schlafkammer der Eltern neben der Küche. 4 erhöhtes Holzgestell, auch zur Einlagerung von Vorräten. 5 Siehe Heft 13, S. 26! 6 Die Pfätte (Mz. Pfättona) ist der tragende Längsbalken am Dachstuhl, auf dem die Rafen aufliegen.Diese tragen dann die Dachlatten und die Ziegel. 7 Eine Flecke ist ein schweres starkes Brett, das, genau wie auch der Strick, durch Behauen eines Baumstammes angefertigt wurde. 8 Joseph Flatz, Buch 1860, S. 23 9 Bild 11: Blockwohnungen: Lerchenstraße 11. Sinz, Kennelbach, S. 347 Lagerplatz für Streue '' Dörrobst aus zerschnittenen Äpfeln und Birnen ' 2 Ein drehbarer Baumstamm als Wellenbaum ist im Ufzug des alten Schertlerhauses (AltvorStehers) in Unterlinden erhalten geblieben, I3 Buschein (Reisigbündel), Scheiter, Zweige, Schollen (Torfstücke) und käseförmig gepreßte und getrocknete Maischereste l0 Bild 12: Außergewöhnliche Architektur: Fattstraße 37. 14 15 Siegfried Heim G.F.G., der Ornath-Händler Gallus Fidel Gantner Es war im Jänner 1977, als sich bei mir daheim im Oberfeld ein älterer Herr als Heimatkundler Ernst Geel aus Sargans vorstellte und in urwüchsigem Bündner Dialekt nach dem Ornath-Händler Gallus Fidel Gantner in Wollfurt bey Bregenz am Bodensee erkundigte. Der seltsame Name elektrisierte mich. Ich hatte ihn schon viele Jahre früher gehört. In der schattigen Achschlucht in Buch besitzt unsere Familie seit 200 Jahren einen schroff abfallenden Waldteil. Wenn der Vater uns Buben dort die Marken suchen ließ, fanden wir immer wieder auf uralten eibenen Pfählen das Brennmal GFG. Was hieß das wohl? Daheim zeigte der Vater uns dann den vergilbten Marckenbeschrieb aus dem Jahre 1794, in welchem sich neben unserem Ahnherr Crispinus Bildstein, dem Krämer in Hanso Hus an der Wolfurter Kirchenstiege, auch sein Schwager mit eigener Hand ich Gallus Fideli Gantner Fahnenschneider in Wolfurt, als inhaber bemelten Holtz bezeichnet.1 Bild 14: Haus Kirch'straße 22, Rasiorars. Von Fidel Gantner 1772 erbaut. Gall Fidel Gantner (Ganter, Ganther) aus Bregenz-Wolfurt,.Silber- und Paramentenhändler. In den Jahren 1804-1840 lieferte dieser Händler eine ganze Reihe von Kirchengeräten, namentlich Kelche, in Aargauer Pfarrkirchen. Die letzteren haben zumeist kupfervergoldete Füße. Er ließ die Kunden im Glauben, er habe sie selbst gemacht. Die Kelche gleichen auffallend denjenigen des bisher unbekannten Augsburger Meisters IM ... und stammen wahrscheinlich aus dessen Werkstätte 2 Nach den Wolfurter Büchern müssen wir die vielen Geschäfte Gantners auf einen Vater G.F.G. und einen gleichnamigen Sohn aufteilen. Die erste Eintragung hat Pfarrer Jos. Andr. Feuerstein 1772 gemacht: Domus 57 an der Kirchgaße. Gallus Fidelis Gantner von Veldkirch, natus 751 7bris 8, nupsit 1772 Catharina Bildstainin von Wolfurth? Aus Feldkirch stammte also der junge Handelsmann, der 1772 eine der Töchter des schon 1753 verstorbenen ersten Wolfurter Arztes Antonius Bildstein, eine Schwester des Krämers Crispin Bildstein, zur Frau nahm. Zu seiner Hochzeit hatte er im Jahre 1772 ganz neu das Haus 57 in die Kurve der Kirchstraße gestellt. Es trug später noch vier andere Nummern und ist heute unter Kirchstraße 22 (Rasiorars) eines jener schönen alten Rheintalhäuser, die unser Dorfbild prägen. Gantners Frau Katharina starb schon 1791 bald nach der Geburt ihres neunten Kindes. Er heiratete noch im gleichen Jahr Elisabeth Achberger de Besenreuthe, die ihm weitere 8 Kinder gebar, zusammen also 17 Kinder. Viele davon starben allerdings schon in den ersten Lebensjahren. Es muß ein tüchtiger Mann gewesen sein, der in der Zeit der Franzosenkriege ein internationales Handelsgeschäft aufbauen und betreiben konnte. In der Schweiz sind seine Lieferungen in den Aargau 1804 in Mühlau, 1805 in Bünzen, 1813 und 1815 in Waltenschwil nachgewiesen.4 Seine letzte Reise führte Gantner aber nach Tirol. 1817 17 Bild 13: Gantners Schrift: ich Gallus Fideli Gantner Und nun tauchten also Dokumente auf, aus denen ersichtlich wurde, daß jener G.F.G. geschäftliche Beziehungen bis weit in die Schweiz unterhalten hatte. Nach Sargans hatte er zum Beispiel für 25 Gulden ein Meßgewand geliefert. Später fand ich den auffälligen Namen noch oft im Archiv. Als Fahnenschneider bezeichnete Gantner sich selbst, weil er Kirchenfahnen für die damals noch so häufigen Prozessionen herstellte. Ornath-Händler läßt aber den Schluß zu, daß er auch die mit kostbaren Goldfäden und mit Stickereien gezierten Meßgewänder samt Stola und Manipel in seinem Angebot führte. Und eine Forschungsarbeit der Schweizer Historikerin Dora Fanny Rittmeyer (+1966) zählt ihn sogar zu den Goldschmieden: 16 Jäner löte Gall. Ficlele Gantner Fahnenschneider, ist zu Innspruck auf einer Reise an Einem Schlag, welchen er an der Neujahr Nacht bekommen gestorben.5 Durch seine engen Beziehungen zu den Goldschmieden von Bregenz, Augsburg und Feldkirch, hatte Gantner auch veranlaßt, daß zwei seiner Nachbarn im Wolfurter Kirchdorf, die Vetter Joseph Geiger und Joseph Haltmayer, Zugang zu dem außergewöhnlichen Kunsthandwerk fanden. Beide wurden selbst Goldschmiede in Feldkirch. Ihr Leben hat Christoph Volaucnik im anschließenden Beitrag beschrieben. Zwei von den Söhnen Gantners führten das Handelsgeschäft weiter. Der gleichnamige Sohn Gallus Fidel Gantner junior, 1786-1863, belieferte weiterhin die Schweizer Kirchen. Er wird dort von den späteren Forschern mit seinem Vater als eine Person gesehen. Die Familie Gantner galt nach 50 (!) Jahren in Wolfurt immer noch als fremd und mußte jedes Jahr als Beisassen zwei Gulden Fremdengeld bezahlen. 1823 gelang dem Sohn in einem gut vorbereiteten Treffen endlich die Einbürgerung: & Vorstehung durch freiwillige Sammlung von den Gemeindsangehörigen, eingehoben werden solle. Wolfurt den obig. Dato Jos. Aloys Grasmayer PfarrerVorsteher Fink Joh. Georg Kloker Kirchenpfleger Fidele Gantner Ornathändler Kontrakt geschehen in der Behausung des Fidel Gantner Ornathändler zu Wolfurt den 14ten May 1823. In Gegenwart des Hl. Pfarrer Graßmayer, Vorsteher Fink & Gemeinds Rath Klocker, wurde vom gedachten Gantner folgende Kirchenornat in dem billichsten Preise aberkauft, wie folgt. 1.1 Ein Rauchmantel 2.1 Ein Rauchfas 3.1 Ein Stohl zu Kirche 90 fl 15 f 5 f 24 x betragt 110fl 24 x R.W. Nachdeme äusserte sich Gantner, daß er, wie auch schon sein Vater sei. das betreffende Beysas Geld, schon so viele Jahre her an die Gemeinde Wolfurt mit 2fl Jährl. bezahlt haben, und macht gegenwärtig das ansuchen, daß er für sich, und für seine gegenwärtige & nachkommende Kinder, in das Gemeindsbürger recht, mit einer billichen Ausgleichung einverleiben lassen wolle. Mitthin wurde auf gegenseitiger Kontrachirung folgende Ausgleichung gütlich geschlosen, das Gantner für das jähr!. Beysas Geld, überhaupt - 45 fl 24 x sage vierzig & fünf Gulden 24 x R.W. von obiger Summe abzusetzen habe, und somit seye er und seine Familie für je und allzeit wie andere Gemeinds Bürger anzusehen und zu behandeln. Wenn allso diese Schuldigkeit von obigem guthaben abgesetzt wird, so bleibt die Gemeinde dem Gantner - 65 fl. Welcher Betrag auf anlangen des Hl. Pfarrer, 18 Schon 1814 hatte noch Vater Gantner in der Bütze ein neues Haus C 83 gebaut, das bis heute als Bützestraße 7 (Hintereggers) erhalten geblieben ist. Dort lebte jetzt der Sohn Gallus Fidel mit seiner Familie. Aber die Geschäfte gingen schlecht. 1841 mußte er das Haus verkaufen. Er zog zu seiner Tochter Katharina ins Röhle. Sie war dort (heute Bregenzerstraße 8, Geigers) mit Gebhard Klocker, einem Sohn des Kirchenpflegers, verheiratet und begründete mit ihm die große Sippe der Stricker-Klocker. Verarmt starb der einst hochangesehene Ornathändler im Jahre 1863. Auch ein jüngerer Sohn des Fahnenschneiders, Franz Xaver Gantner, geboren 1801, betrieb einige Zeit den Ornathandel. Beim Unterlindenbrunnen war er im ehemaligen Haus Frickenescherstraße 1 mit Anna Maria Bildstein, einer Tochter des Vorstehers Bernhard Bildstein und Enkelin des Krämers Crispin Bildstein, verheiratet. Auch ihn dürften finanzielle oder private Probleme bedrängt haben. Der Pfarrer notierte bald zu seinem Namen: ist itzt nicht mehr bey seiner Frau. Gantner ging nach Amerika und ließ 1855 seinen Sohn Bernhard nachkommen. Ein weiterer Sohn des ersten Fahnenschneiders, Alois Gantner, geboren 1797, hatte mit seiner Familie noch einige Zeit das Vaterhaus an der Kirchstraße bewohnt. Auch er mußte es 1837 an den Orgler Martin Rohner verkaufen. Gantner übersiedelte nach Rankweil und wanderte von dort ebenfalls mit seiner ganzen Familie nach Amerika aus. So war das Geschlecht der Gantner nach weniger als hundert Jahren schon wieder aus Wolfurt verschwunden. Einzige Nachkommen in Wolfurt und Umgebung sind die vielen Familien der Stricker-Klocker. Ob die alten Meßkelche und das schöne Wettersegen-Kreuz in unserer Kirche oder die prachtvollen Meßgewänder, die zum größten Teil in der Kapelle Rickenbach aufbewahrt werden, allenfalls von der Ornathändlerfamilie stammen, wäre noch zu untersuchen. Einen ganz besonderen Goldschatz hat Gantner aber ohne eigenes Zutun nach fast 200 Jahren noch auf indirekte Weise nach Wolfurt gebracht. Kehren wir dazu zum Anfang dieses Artikels zurück! Als Ernst Geel die erbetene Auskunft bekommen hatte, bedankte er sich dafür mit einer alten Schweizer Zeitung. In den Heimatblättern aus dem Sarganserland vom September 1937 fand sich ein Bericht über den Wolfurter Kelch von Pfäfers.6 Zum ersten Mal hörte ich von dieser großen Kostbarkeit in der Schatzkammer der Schweiz in Zürich. Zwar hatte der aus der Schweiz stammende Gründer des Vorarlberger Landesmuseums Samuel Jenny den Kelch schon 1888 im Jahresbericht beschrieben und ebenso Andreas Ulmer in 19 seinem Burgenbuch von 1925. Dann aber war der Kelch wohl in Vergessenheit geraten. In Benedikt Bilgeris Standardwerk zur Geschichte Vorarlbergs von 1971 fand er jedenfalls keinen Platz. Bei den Vorbereitungen zur Markterhebungsfeier konnte ich nun mit der alten Sarganser Zeitung das Interesse von Museumsdirektor Prof. Elmar Vonbank auf den Wolfurter Kelch lenken. Er griff die Idee auf und brachte durch Zusammenarbeit mit Prof. Karl-Heinz Burmeister und anderen Wissenschaftlern innerhalb eines Jahres im Mai 1982 eine große Ausstellung Die Wolfurter zustande.7 Glanzstück war natürlich der 1364 von Ritter Konrad von Wolfurt gestiftete Meßkelch, der mit Zustimmung der Eidgenössischen Kommission erstmals außerhalb der Schweiz im Landesmuseum in Bregenz und dann auch in Wolfurt gezeigt wurde. Die Forschungen in den Archiven Italiens und Ungarns ergaben jetzt unglaublich viel interessanten Stoff über die Ritter von Wolfurt als Söldnerführer in Neapel und Apulien, Herzöge in Ungarn, Gesandte beim Papst in Avignon, aber auch als Äbte und Äbtissinnen und reiche Burgenbesitzer rund um den Bodensee. Ausführlich berichtete Prof. Burmeister darüber in mehreren Arbeiten.8 Schließlich gelang es dem Verhandlungsgeschick von Bürgermeister Hubert Waibel sogar, im Jahre 1985 eine originalgetreue Kopie des Kelchs in den Besitz der Gemeinde zu bekommen. Ein weiter, aber schließlich doch erfolgreicher Weg von Gantner über Geel, Heim, Vonbank, Burmeister und Waibel bis in die Schatzvitrine der neuen Marktgemeinde Wolfurt! Mögen Gantners Name und seine bestickten Ornate auch längst verstaubt und vergessen sein, vom goldenen Wolfurter Kelch und vom Ritter Konrad lernt heute doch jedes Wolfurter Schulkind. Christoph Volaucnik Zwei Wolfurter Goldschmiede in Feldkirch Joseph Geiger und Joseph Haltmayer In einem Dorf wie Wolfurt gab es früher neben den Bauern auch Handwerker, die aber zumeist für den Bedarf der Bauern arbeiteten wie Schmiede, Zimmerleute oder Müller. Handwerker anderer Berufssparten und besonders solche, die sich auf die Erzeugung von Luxuswaren spezialisiert hatten, konnten nur in einer Stadt ihrem Beruf nachgehen und mußten daher ihr Dorf verlassen und in der Fremde ihr Glück versuchen. Wie schwierig der Aufbau einer Existenz in einer fremden Stadt war bzw. wie schwer man es einem Fremden machte, kann am Beispiel des Wolfurter Goldschmiedes Joseph Geiger nachvollzogen werden. Als Joseph Geiger im Jahre 1793 beim Feldkircher Stadtrat um die Verleihung eines Bürgerrechts, also des Rechtes sich in Feldkirch als Bürger niederzulassen, ansuchte, wurde er abgelehnt.1 Da er sich mit dieser Ablehnung nicht abfand und Einspruch erhob, entstanden einige Akten, die auch biographische Hinweise enthalten. Er wurde am 18. März 1767 in Wolfurt als Sohn des Johann Caspar Geiger und der Agnes Haltmayer geboren. Sein Großvater Kaspar stammte aus Buch und hatte 1711 nach Wolfurt geheiratet. Seine Eltern lebten im Haus No. 22 im Loch, das heute noch gut erhalten als Haus Im Dorf 6, existiert. Sein Vater Johann Caspar wurde 1738 geboren und verstarb 1780. Seine Mutter Agnesa Haltmayerin, 1735 geboren, war eine Tochter des Gerbers Kaspar Haltmayer aus der Parzelle Röhle und verstarb am 9.12.1767, also neun Monate nach der Geburt ihres Sohnes. Der Vater heiratete bereits am 11.4.1768 seine zweite Frau Francisca Winder. Aus dieser Ehe stammten sechs Kinder.2 Joseph Geiger machte seine Berufsausbildung zum, wie es in den Dokumenten heißt, „Gold- und Silberarbeiter" in Bregenz. Da er keine Zeugnisse der Zunft vorweisen konnte, verhörte der Bregenzer Stadtrat die Witwe des Lehrmeisters und stellte aufgrund dieser Befragung eine Bestätigung aus.3 Im Feldkircher Stadtratsprotokoll wird erwähnt, daß Geiger zwar ein Vermögen von 550 Gulden besaß, man diese aber für die Gründung einer eigenen Werkstätte als nicht ausreichend ansah. Der Hauptgrund für die Ablehnung dürfte der Schutz der zwei bereits vorhandenen Goldschmiede und ihrer auf der Walz befindlichen Söhne vor einem neuen Konkurrenten gewesen sein. Diese Abschottung des heimischen Handwerks gegen neue Konkurrenz war eine allgemein übliche Haltung des Stadtrates und besonders der Zünfte und wurde in diesem Fall auch ganz offen im Protokoll vermerkt.4 Geiger wiederholte sein Ansuchen im Jahr 1794, es wurden sogar übergeordnete Behörden wie das Landgericht und das Kreisamt eingeschaltet.5 Er legte auch die erforderlichen Papiere vor.6 In einem Brief Geigers vom 25.10.1794 aus Wolfurt weist er darauf hin, daß man ihm die Aufnahme als Bürger versprochen habe, wenn es ihm gelin21 Privatarchiv Heim Rittmeyer, Von den Bregenzer Goldschmieden, Zeitschrift „Montfort", 1966 ' Pfarre Wolfurt, Catalogus II, Seelenbcschrieb von 1772 4 Wie Fußnote 2 5 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 59. 6 Verfaßt von Th. Nigg, abgedruckt in Fortsetzungen im Wolfurter Informationsdienst ab 1980 7 VLM, Katalog 99, Die Wolfurter, Bregenz 1982 8 Burmeister, Das Edelgcschlecht von Wolfurt, Museumsverein Lindau 1984 und Burmeister, Die Siegel der Edlen von Wolfurt, Burgenländische Forschungen VII, Eisenstadt 1984 : 1 20 gen sollte, eine Bürgerstochter zu heiraten. Er meint dazu richtigerweise, daß es ihm schwer falle, dieser Forderung nachzukommen, wenn er nicht in der Stadt leben dürfe. Doch wovon sollte er leben, wenn weder der Goldschmied von Zwickle noch der Gürtler Schädler Gehilfen brauchten? Ein Schreiben des Stadtrats zu dieser eher ungewöhnlichen Forderung nach Brautsuche hat sich nicht erhalten, sie ist jedoch im Stadtratsprotokoll vom 28.10.1794 festgehalten. Man bewilligte ihm auf die Einwände Geigers hin den unentgeltlichen Aufenthalt in Feldkirch auf ein halbes Jahr und versprach ihm die Aufnahme als Bürger, wenn es ihm gelingen sollte eine anständige und „vermögliche" Bürgertochter oder eine auswärtige Frau mit Vermögen zu heiraten.7 Zum besseren Verständnis dieser Bedingungen sei erklärt, daß ein Fremder sich in Feldkirch als Bei- oder Hintersäß niederlassen durfte, wenn er eine Gebühr bezahlte und man bei ihm während dieses halben Jahres auf die Gebühr verzichtete. Der Stadtrat verlangte bei der Bürgeraufnahme immer einen Vermögensausweis, da der Bürger ja im Unglücks- oder Krankheitsfall und daraus folgender Verarmung Anspruch auf Unterstützung hatte und man das Risiko armer Bürger minimieren wollte. Natürlich war das Vermögen eines Bürgers auch für das Steueraufkommen der Stadt wichtig. Geiger gelang es tatsächlich, das Herz einer Bürgerstochter für sich zu gewinnen. Im Jahre 1795 teilte er daher den Behörden mit, daß er gedenke „eine ziemlich bemittelte, und einiger Massen schön wohl bejahrte Bürgerstochter zu verehelichen." Seine Braut war Catharina Doldin, Tochter des Bäckermeisters Isidor Dold, der im Haus No 52, heute Schmiedgasse 52 (Himmer), lebte.8 Geiger war bereit, 400 Gulden Einkaufsgeld und die üblichen fünf Gulden für einen Feuerkübel zu bezahlen. Am 8. Juni 1795 gab er die Heirat mit der 36-jährigen Catharina Doldin bekannt.9 Wie ihm diese Brautwerbung gelungen ist und wovon er in diesem halben Jahr lebte, ist nicht zu eruieren. 1796 half er bei der Verpackung des besonders wertvollen Feldkircher Kirchensilbers in Packkisten für die Flucht dieses Kirchenschatzes nach Schloß Forsteck in die sichere Schweiz.10 Man benötigte sechs Kisten dafür. Diese Flucht fand wegen der aus Süddeutschland heranrückenden Franzosen statt. Der Feldkircher Stadtrat ließ gleichzeitig als weniger wertvoll eingestuftes Kirchensilber zum Einschmelzen in die Münzprägestätte in St.Gallen transportieren und kaufte mit dem Erlös Kriegsmaterial. 1806 entnahm der Stadtrat nochmals Gegenstände aus dem Kirchenschatz zum Einschmelzen. Dieser heute unvorstellbare Vorgang war jedoch durch ein amtliches Dekret und einen Beschluß der Landstände gedeckt." Über Geigers Tätigkeit als Gold- und Silberschmied finden sich noch zwei Eintragungen in den Archivbeständen. 1799 befanden sich russische Truppen unter Führung des Generals Suworow in Feldkirch, waren in Bürgerhäusern einquartiert und schonten das Eigentum der Bürger nicht. Der Stadtmagistrat nahm alle diese Kriegsschäden, Russische Erlittenheiten genannt, in einem eigenen Protokoll auf. Der Bäkkermeister Franz Josef Lisch gab zu Protokoll, daß ihm die Russen silberne Schuhschnallen aus dem Kasten gestohlen hätten. Diese habe er vom Goldschmied Geiger 22 um 24 Gulden gekauft. Er bat um Schadenersatz.12 1801 verdiente Geiger sieben Gulden für das Lampenputzen in der Feldkircher Pfarrkirche St.Nikolaus.13 Seine Frau Katharina Doldin verstarb 1809 im Alter von 50 Jahren. Joseph Geiger heiratete 1810 Crescentia Seger von Braz, die 11 Jahre lang bei ihrem Vetter Spitalverwalter Caspar Leo in Dienst stand. Geiger zahlte für seine Frau 100 Gulden Bürgereinkaufstaxe.14 Aus dieser Ehe stammten sieben Kinder, drei Töchter und vier Söhne. Leo war übrigens der Pate aller Kinder. Patin war Josefa Haltmayer, Ehefrau des ebenfalls aus Wolfurt stammenden Goldschmiedes Haltmayer. Wo hat Geiger in Feldkirch gewohnt? 1796 erwarb er von Felix Schwarzhans ein Haus und einen Garten in der „Krezgasse". 15 Ende 1805, anfang 1806 wird im Stadtratsprotokoll die Versteigerung des Hauses von Geiger erwähnt und die Einräumung eines Pfandrechtes für Geiger bestätigt.16 Ob es sich hierbei um eine freiwillige oder zwangsweise Versteigerung handelte, ist nicht eruierbar. 1797 bis 1813 wohnte die Familie Geiger im Haus No 71, das ist heute das Haus Gymnasiumgasse 2.17 Um 1815 zog sie in das Haus 184, Schmiedgasse 8, das heutige Furtenbachhaus, um. In diesem Haus wohnte auch sein Schwager, der Baumeister Franz Xaver Seeger mit seiner Familie.18 1822 ersteigerte er das Haus 193, heute Schmiedgasse 16, und blieb dort bis 1844.Am 15.7.1844 kaufte Adolf Gorhan dieses Haus.19 Es fällt auf, daß Geiger eigentlich immer in oder Nahe der Schmiedgasse wohnte. Geiger dürfte sich mit dem Hauskauf 1801 verschuldet haben, wie erhaltene Schuldverschreibungen aus diesen Jahren beweisen. Blieb Geiger seinem erlernten Beruf treu? Ab 1813 wird Joseph Geiger als aktiver Unternehmer und Pächter immer wieder in den Akten genannt. 1813/14 war er Pächter der städtischen Ziegelgrube und des städtischen Kalkwerkes.20 1816 ist er Associe des Ziegelstadelpächters Seger, vermutlich seines Schwagers, und sucht in dieser Funktion um die Zuteilung von Brennholz an. 1820 verpachtete die Stadt Josef Geiger auf sechs Jahre die Ziegel- und Kalkbrennerei.21 1819 hatte er das Amt eines Vorspannkommissärs, der für militärische Transporte Pferde zu organisieren und die Unkosten zu verrechnen hatte.22 1820 erhielt er den Posten des Holzmeisters verliehen. In dieser Funktion war er für die Verwaltung des städtischen Holzlagerplatzes, der auf dem heutigen Rösslepark lag, und für die Holzverteilung an die Bürger verantwortlich. 2 ' Er gab diesen Posten erst 1844 auf. 1837 hatte er auch das Amt eines Marschdeputierten inne, der für die Verrechnung des Marschkonkurrenzfonds zuständig war. Mit diesem Fonds wurden die Unkosten der militärischen Truppenverschiebungen und Einquartierungen beglichen.24 Es stellt sich angesichts dieser Aufzählung von Beschäftigungen die Frage, ob er das Goldschmiedehandwerk aufgegeben hat. Im Pachtvertrag 1820 wird er als Goldarbeiter bezeichnet, in den Taufbüchern ist bei der Geburt des Sohnes Ferdinand 1816 als Beruf des Vaters „Handelsmann" vermerkt, während er bei den späteren drei Kindern immer als Goldschmied bezeichnet wird. Joseph Geiger verstarb am 18. März 1845. 23 Ein zweiter Wolfurter Goldschmied, Josef Haltmayer, geboren am 1.April 1775 in Wolfurt als Sohn des Martin Haltmayer und der Maria Rieglin, suchte am 2.4.1805 um das Feldkircher Bürgerrecht an. Er entstammte einer seit 1650 im Wolfurter Kirchdorf beheimateten Familie und war ein Cousin Geigers.25 Über eine Beratung seines Ansuchens konnten keine Unterlagen gefunden werden. Am 22.6. teilten die Feldkircher Gürtler und Goldschmiede dem Stadtmagistrat mit, daß Haltmayer sich im unmittelbar an Feldkirch angrenzenden Weiler Heilig Kreuz, der damals zur Gemeinde Tisis gehörte, angesiedelt hatte. Sie baten um Einschaltung des Vogteiamtes und um die Ausweisung Haltmayers. Sie begründeten diese Maßnahme mit den gesetzlichen Vorschriften, welche die Ausübung eines Kommerzialgewerbes, wie es der Goldschmied war, nur in Städten erlaubte. Ob der Stadtmagistrat wirklich das Vogteiamt einschaltete, konnte nicht nachgewiesen werden. Am 17.1.1807 erhielt Haltmayer endlich das Bürgerrecht verliehen, mußte aber vorher noch eine Umsiedlungsbewilligung vorlegen, sein Vermögen in der Stadt Feldkirch versteuern, 150 Gulden in bar als Einkaufsgebühr bezahlen und einen Feuerkübel anschaffen.26 Am 24.8.1807 heiratete er Josefa Mangengin aus Vandans. Die beiden hatten wenige Tage vor der Heirat einen Heiratsvertrag abgeschlossen, der die Einbringung von 500 Gulden von der Braut und 450 Gulden vom Bräutigam als Heiratsgut vorsah.27 Aus dieser Ehe entstammten 6 Kinder, vier Mädchen und zwei Knaben.28 Rätsel gibt sein 1810 gestelltes Ansuchen um die Baubewilligung für eine Werkstätte im Gewölbe des Hauses Marktgasse 183 auf, da sich dieses Haus nach den erhaltenen Hausnummernverzeichnissen nicht in der Marktgasse, sondern in der Schmiedgasse befand.29 Es war das Nachbarhaus des Hauses No. 184, heute Schmiedgasse 4, in dem die Familie Haltmayer seit ca. 1816 nachweisbar ist.30 Vermutlich ist Haltmayer bzw. dem Schreiber des Ansuchens ein Irrtum in der Hausnummer passiert. Haltmayer ließ 1819 das ganze Haus neu decken. Das feuergefährliche Holzschindeldach wurde durch viel sichere Dachziegel ersetzt, was von der Stadt Feldkirch aus feuerpolizeilichen Gründen finanziell gefördert wurde.31 Über Haltmayers Arbeit als Gold- und Silberschmied ist nur durch einige wenige Akten etwas zu erfahren. Aus dem Jahre 1820 hat sich eine Bestätigung erhalten, daß er an den Postwagenkondukteur Thomas Lechtaler in Wien vier Dutzend silberne und einen vergoldeten Weinkegel übersandte.32 Unklar bleibt natürlich, um was es sich hier handeln könnte. 1821 stellte er für den Hohenemser Juden Markus Steinbach Löffel her, die dieser in Tirol verkaufen wollte. Es waren dies ein Dutzend silberne Löffel, zwei Dutzend silberne Vorlegelöffel, die inwendig vergoldet waren, und ein Dutzend silberne Kaffeelöffel.33 Alle diese Gegenstände trugen als Beschaumarke das Feldkircher Wappen und das Meisterzeichen. Damit garantierte die Stadt Feldkirch den richtigen Silbergehalt der Waren. 1828 kam es zu einer amtlichen Untersuchung wegen der Punzierung von Eßlöffeln. 24 Im Akt wird erwähnt, daß Ware, die Haltmayer nicht auf Bestellung anfertigte, oft Jahre im Geschäft lag. Weiters berichtet er, daß sein Sohn Josef ebenfalls den Goldschmiedberuf erlernt habe und sich auf der während der Gesellenzeit vorgeschriebenen Wanderschaft befand.34 Josef Haltmayer scheint ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen zu sein. Jedenfalls konnte er sich im Verlauf der Jahre einigen Grundbesitz erwerben. Er verfügte über Äcker in Altenstadt, Streuewiesen in Tisis, Torfmähder in Ruggel und über einen Weinberg in der Berggasse am Ardetzenberg.35 Es kann daraus geschlossen werden, daß er neben dem Handwerk auch eine kleine Landwirtschaft betrieb, also ein typischer Ackerbürger war. Er verstarb am 22. Mai 1843. Der Sohn erhielt 1838 die Betriebsbewilligung verliehen.36 1847 baute er seine Werkstätte aus.37 Vater und Sohn waren beide in der Feldkircher Großhammerzunft aktiv. Der Vater hatte 1828 den Posten eines Kerzenmeisters inne, der Sohn war 1861 Kerzenmeister und 1862 Zunftmeister.38 Läßt man diese bewegten Lebensläufe nochmals Revue passieren so fällt auf, daß zuerst ungern gesehene Fremde sich voll in das Leben dieser Stadt integrierten. Es sind dies recht typische Karrieren. Feldkirch stand wie jede Stadt für „Fremde" offen, ja lebte in gewissem Maß vom Zuzug. Das war sicherlich ein typischer Unterschied zu Landgemeinden, die sich meist abschlossen und Zuzug nicht gerne sahen. Interessant ist auch die enge verwandtschaftliche Beziehung dieser zwei Goldarbeiter und der Umstand, daß beide Familien sowohl in ihrer Heimat Wolfurt als auch in Feldkirch in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten. Stadtarchiv Feldkirch, Handschrift 41, Seite 100, 1.8.1793 Biographische Recherchen wurden freundlicherweise von Siegfried Heim durchgeführt 'STAK Akt FI Sch 100/18 4 wie Fußnote 1 5 STAF, Hds.42, 124 6 STAF Hds. 42, 304, 26.4.1794 ' STAF, Hds.43, 492, 28.10.1794 "STAF, Sch 33, 1807 9 STAF, Hds.44. 155. 1795 und 8.6.1795 10 STAF. Hds. 563, 70 " Ludwig Kapp, Topographisch - historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg. Bandl.Brixen 1894. S.66 12 STAF. Akt 2396. In diesem Protokoll ist ein zweiter Fall von Diebstahl silberner Schuhschnallen verzeichnet. Ein nach Vaduz gehender Feldkircher wurde von russischen Dragonern aufgehalten und ihm die Schuhschnallen abgenommen. Heute noch gehören diese Schnallen zum Bestandteil der Feldkircher Tracht. "STAF. Hds. 568. 61. 1801 14 Vorarlberger Landesarchiv. Landgericht Feldkirch, Sch 22. Akt 1443 " STAF, Hds. 193, Dok. 31 16 STAF, Einlaufprotokoll 2. 31.1.1807, Publ. 52 2 1 25 17 STAF, Häuserbuch von Leopold Manner. Dort 1797 bis 1809 Geiger angegeben. Nach Akt F I Sch 83/24 bis 1813 dort nachweisbar. 18 Reinhard Sessler, Die Schmiedgasse in Feldkirch. Manuskript. o.J., S.30. Alfons Leuprecht, Die Familie Seeger in Vorarlberg. o.O., o.J.,S 98. Ob Geiger nur Untermieter oder Mitbesitzer war, ist unklar. 19 STAF, Abschrift Seelbeschrieb vom Jahre 1818. Verfachbuchabschrift I, S.162. Reinhard Sessler, Die Schmiedgasse in Feldkirch. Manuskript.o.J., S. 49-50, Abschrift Verfachbuch 13.12.1844, fol. 5876 20 STAF, Akt 686 21 STAF, F II Sch 35/20. Hier auch Hinweis auf Pachtvertrag mit Geiger von 1813. Abschriften Verfachbuch 7.6.1820 22 STAF, Repertorium 19, 1819 23 STAF, Einlaufprotokoll 1820, 4.3.1820 24 STAF, F II, Sch 73/19 25 Biographische Informationen von Siegfreid Heim erhalten 26 STAF, Einlauf- und Ratsprotokoll 2, 1807 27 STAF, Hds. 194, Dok.2 28 STAF, Abschrift Seelenbeschrieb 1818 2 " VLA, Lg Feldkirch, Sch 24, No.2364, 1810 30 Sessler, Schmiedgassc, S.21. Sessler geht vom Jahr 1818 aus, doch beschreibt Haltmayer einen Brand beim Nachbarn im Jahre 1816 und daraus resultierenden Schäden an seinem Haus 31 STAF, FI, Sch 82/ 31 32 VLA, Lg Feldkirch, Sch 78, 1820. Akt 2026 " VLA, Lg Feldkirch, Sch 81, 1821, Akt 1271 34 VLA, Lg Feldkirch, Sch 12, 1828, Pub XIX 405 35 STAF, F I, Sch 1/ Steuerakt No. 238 "STAF, FII 11/1 37 STAF, F II Sch 2/23 38 Manuskript Angelo Steccanella: Feldkircher Künstler und Handwerker. Dem Autor sei für die Überlassung des Manuskriptes gedankt. Christoph Volaucnik Von Schnapsbrennern und Bierbrauern Die Hofsteiggemeinden sind unter den Freunden und Kennern hochprozentiger alkoholischer Getränke als Herkunftsregion des „Subirers" und anderer Obstschnäpse bekannt. Die Auszeichnung von Schnapsbrennern aus dieser Region auf Fachmessen und die lobende Erwähnung in der Fachliteratur spricht für die gute Qualität dieser Produkte. Wenn wir aber versuchen, die historische Entwicklung des Schnapsbrennens zurückzuverfolgen, muß man leider feststellen, daß sich in den Archiven kaum Dokumente zu diesem bäuerlichen Nebenerwerb finden lassen. Nur bei strittigen Fällen, Beschwerden und Klagen kam es zur Erstellung von Akten, die sich heute unter Umständen in den Archiven auffinden lassen. Diese Dokumente bieten dem heutigen Leser die Möglichkeit, einen kurzen Einblick in ein Segment des Wolfurter Dorflebens vor gut 160 Jahren zu nehmen, allerdings nur aus der Sicht des Beschwerdeführers und des aktenführenden Beamten. Eine umfassende Darstellung des Schnapsbrennens oder der Trinkgewohnheiten unserer Vorfahren ist mit den folgenden kurzen Berichten nicht möglich und nicht beabsichtigt. 1839 beschwerte sich der Schnapsbrenner Joseph Anton Böhler aus Wolfurt über seine neu entstandene Konkurrenz, acht von der Behörde bewilligte Brennereigewerbe.1 Mit seinem Protest setzte er den Beamtenapparat des Bregenzer Kreisamtes und der Innsbrucker Regierung in Bewegung. Im Tiroler Landesarchiv haben sich die Eingabe Böhlers und die Stellungnahme des ranghöchsten Vorarlberger Beamten, des Kreishauptmanns Ebner, erhalten. Böhler behauptete, daß er im Jahre 1826 der einzige Schnapsbrenner in Wolfurt gewesen sei und erst später der Rößlewirt Johann Kalb, außerdem Martin Schertler, Jakob Schneider, Josef Anton Fischer, Johann Fischer, Kaspar Haltmayer, Joseph Rohner und Joseph Müller ebenfalls zu Konzessionen für das Schnapsbrennen kamen. Im Akt wird diese Dichte von Schnapsbrennern im kleinen Ort Wolfurt als „für das allgemeine Wohl nicht rätlich" bezeichnet und festgestellt, daß der Lokalbedarf damit um das Doppelte überschritten wurde. Sechs Tafernen und zwei Schankwirtschaften soll es 1839 in Wolfurt gegeben haben. Bezüglich seiner verstorbenen Konkurrenten Baptist Rohner und Nikolaus Fischer sowie von Haltmayer und Müller behauptete er, daß sie wegen der hohen Besteuerung sehr schnell mit der Produktion aufgehört hätten, und unterstellte ihnen Schwarzbrennerei. Im Dorf sollen 20 bis 25 Bauern für den Eigenbedarf gebrannt haben. Zu den übrigen Bauern meinte Böhler, daß sie nicht genügend Früchte für die Branntweinerzeugung hatten. Er warf der Konkurrenz auch vor, daß sie heimlich den Branntwein zu Hause ausschenkte und auch kleinweise verkaufte. Als Maßgrößen beim Kleinausschank nennt er" Seidel, Halbe und Maaß". Er befürchtete, daß es durch den unbewilligten Ausschank dieses 27 26 scharfen Getränkes zu Exzessen im Dorf käme und die Dorfjugend verdorben würde. Böhler schätzte, daß in Wolfurt nur zwei Branntweinbrennereien bestehen konnten, neben der seinen noch die des Rößlewirtes Kalb2. Kalb war das Branntweingewerbe angeblich von der Gemeinde bereits zugesichert worden, obwohl die Konzessionsverleihung Sache des Landgerichtes war. Sachlich und informativ fiel der Bericht des Kreishauptmannes aus. Er bestätigte, daß in Wolfurt viele Wein- und Obstgartenbesitzer die Früchte zu Branntwein brannten und jeder seinen eigenen Destillationsapparat besaß. Er meinte, daß die Branntweinerzeugung in Wolfurt ein wichtiger Wirtschaftszweig war und daß man amtlicherseits nichts dagegen einzuwenden hatte, da für den Eigenbedarf erzeugt wurde und kein Ausschank stattfand. Als die oben erwähnten acht Wolfurter um eine ordentliche Brennkonzession ansuchten, lehnte zuerst Ebner ihr Ansinnen ab. Ebner meinte, daß die Entscheidung für oder gegen die Konzessionserteilung schwierig wäre. Es handelte sich ja nur um eine Nebenbeschäftigung der Bauern (die wohl einen wichtigen Teil des Einkommens darstellte), andererseits stufte er den Branntweinkonsum in den Landgemeinden als schädlich ein. Ebner war aber Realist genug zu erkennen, daß gegen einen übermäßigen Schnapskonsum kein direkter Zwang von „oben" her Erfolg hatte. Letztendlich sprach er sich für die Erteilung von Konzessionen aus, da die Schnapsbrennerei damit unter polizeiliche, amtliche Aufsicht kam und der Staat durch die hohe Besteuerung der Schnapsbrennerei Einnahmen hatte. Wenn dem durstigen Wolfurter Wasser, Milch, selbsterzeugter Most und Wein zuwenig waren und er ein Bier wollte, mußte er sich in die Nachbargemeinden begeben. In den Jahren 1839 bis 1841 haben ein Kennelbacher und zwei Harder um Bierbraukonzessionen angesucht. Aus den dabei entstandenen Akten kann man einiges über die Bierbrauereien erfahren. 1841 suchte Joseph Sohm aus Kennelbach um die Gewerbekonzession für eine Bierbrauerei in seinem Heimatort an.3 Kennelbach war damals ein Ortsteil der Gemeinde Rieden, und Sohm hatte von der dortigen Gemeindevorstehung bereits die Bewilligung erhalten. Das Landgericht Bregenz, der Vorgänger der heutigen Bezirkshauptmannschaft, lehnte sein Gesuch jedoch ab. Aus der Begründung für die Ablehnung kann man entnehmen, daß man damals nur während weniger Monate im Jahr, nämlich während der kältesten Jahreszeit, ein gutes Bier bekam. Der Landgerichtsbeamte drückte sich bei der Qualitätsbeschreibung des Bieres während des Sommers und Herbstes recht drastisch aus. Er meinte, daß nur wenige ohne Ekel und Widerwillen imstande wären, dieses Bier in der warmen Jahreszeit zu trinken. Das ist mit der Unmöglichkeit einer dauernden kühlen Lagerung des Bieres zu erklären. Die einzige Kühlmöglichkeit war die Einlagerung von Eis in den Kellern während des Winters. Es soll damals im Gebiet des Landgerichtes Bregenz sehr viele Brauereien gegeben haben. Das Landgericht gibt 15 Brauereien an bei einer Bevölkerung von ca. 20 000. Die Situation der Bierbrauer wird nicht gerade als besonders gut beschrieben. Sie Bild 15: Der Brennhafen. Fahrbare Schnapsbrennerei mit Emil Dür um 1965. sollen keine ausreichenden Betriebsfonds gehabt haben, obwohl gerade dieser Beruf bedeutende Finanzreserven erforderte. Viele Inhaber von Bierbraukonzessionen hatten den Beruf nicht erlernt und waren daher auf Brauknechte angewiesen, die für sie arbeiteten. Als positives Beispiel für gute Bierbrauereien nannte der Landgerichtsbeamte Lindau. In dieser bayrischen Stadt sollen die zwei Brauereien das ganze Jahr über gutes Bier ausgeschenkt haben. In Bregenz gab es 1841 vier Brauereien und in Lauterach zwei. Am Ende des Berichtes vertröstete der Beamte die Kennelbacher damit, daß die nächste Brauerei nur eine halbe Stunde von ihrem Dorf entfernt an der Achbrücke stand, worunter er die Bregenzer Achbrücke verstand. Sohm legte gegen die Ablehnung seines Ansuchens erfolglos in Innsbruck Beschwerde ein. In Hard kam es 1839 und 1841 zu Ansuchen um Bierbrauereieröffnungen. Andreas Büchele von Hard erhielt 1839 die Konzession erteilt.4 Im Akt wird unter anderem betont, daß es wünschenswert sei, wenn „das herrschende Getränk des Branntweins und des Mostes unter der arbeitenden Klasse verdrängt werde". Damit waren die Arbeiter der Textilfabrik Jenny gemeint. Da Büchele den Beruf nicht erlernt hatte, war auch er auf einen Brauknecht angewiesen. Büchele hat von seiner Konzession jedoch niemals Gebrauch gemacht. 1841 suchte der gelernte Bierbrauer Caspar Brüstle in Hard um die Bierbrauerkonzession an.5 Im Akt werden die bei Sohm genannten Argumente über die Bierbrauereien wiederholt. Es wird aber noch ergänzt, daß Brüstle mit seinem Vater erst kürzlich ein Wohn- und Badehaus erworben hätte, ein Keller für die Bierlagerung aber fehle. Als Grund dafür wird sehr hoch stehendes Grundwasser genannt, was auch die Ursache für das völlige Fehlen von Brauereien in den Rheindeltagemeinden 28 29 gewesen sei. Auch hier folgt erneut das Argument über den Most- und Branntweinkonsum der Textil- und Holzarbeiter. Die Gemeinde sprach sich übrigens für die Konzessionserteilung an Brüstle aus, da es in Hard noch keine Bierbrauerei gab. Wenn wir die vielen Details dieser Berichte zusammenfassen, so fällt auf, daß der Schnapskonsum in Vorarlberg früher wahrscheinlich um einiges höher war als heute. Dies kann vermutet werden aufgrund der doch recht hohen Anzahl von Erzeugern und des Hinweises auf den Schnapskonsum der Arbeiter. Interessanterweise konnte in Altenstadt bei Interviews mit Zeitzeugen, ehemaligen Gastwirten und Kindern von Gastwirten, erhoben werden, daß Arbeiter jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der Wirtschaft noch ein „Budele" Schnaps tranken. Bei den Bierbrauern fällt auf, daß in allen drei Akten die mangelnde Qualität des Bieres und die fehlende Berufsqualifikation kritisiert wird. Genau dieselben Ergebnisse ergab eine Studie über die Bierbrauereien in Götzis. Die Behörden verwendeten in ihren Berichten dieselben Argumente. Meinrad Pichler Kammerdiener Kaspar Kalb: eine Ergänzung In der Heimat Wolfurt vom Juni 97 hat Siegfried Heim einen Artikel über Kaspar Kalb geschrieben, der eine ungewöhnliche Karriere als kaiserlicher Kammerdiener gemacht hatte. Als Kenner der örtlichen Verhältnisse hat Heim besonders den familiären Hintergrund dieses Wolfurters ausgeleuchtet und den Kaiser, dem Kalb hauptsächlich diente, gewürdigt. Mich hat diese von Heim erstmals vorgestellte Persönlichkeit dermaßen interessiert, daß ich bei meinen folgenden dienstlichen Wienaufenthalten jeweils auch ein wenig in Wiener Archiven nach Spuren von Kaspar Kalb suchte. Einiges war dabei zu erfahren, vieles wird für immer im Dunkeln bleiben. Studium Kaspar Kalb wurde als neuntes von 17 Kindern des Anton und det Benedikte Ka\b am 9.1.1756 in Wolfurt geboren. Das Geburtshaus, das vermutlich von Anton Kalb erbaut wurde, steht heute noch im Strohdorf. Als Paten fungierten Andreas Haltmeier und die Schwester des Vaters, Anna Kalb. Daß gerade Kaspar von den elf Söhnen für eine Bildungslaufbahn ausgewählt wurde, wird damit zusammenhängen, daß die Eltern selbst schon zur damaligen Dorfelite gehörten (der Vater konnte beispielsweise schreiben) und eben dieser Knabe von den Eltern oder vom Pfarrer als besonders begabt angesehen wurde. Wo Kalb das Gymnasium absolviert hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheint er aber eine Zeitlang in der Mehrerau gewesen zu sein, da der dortige Oberamtmann im Jahre 1771 aus einer Ausbildungsstiftung der Pfarre Bildstein 27 Gulden erhielt und zwar „für Caspar Kalb an sein Handwerkdeputat für erlernte Rechnungskunst". Und weil es im darauffolgenden Jahr keine Ansuchen um handwerkliche Ausbildungsunterstützungen gab, erhielt Kalb nochmals 28 Gulden. Ab 1775 finden wir Kaspar Kalb als Student der Philosophie in Wien. Die Reichshauptstadt war damals für alle, die nicht Theologie oder Medizin studierten, die erste Adresse. Die Reise dorthin war zwar etwas beschwerlich aber billig. Die Studenten begaben sich meist zu Fuß nach Ulm und trachteten von dort aus auf einem Floß billig donauabwärts mitgenommen zu werden. Eine solche Wienreise dauerte manchmal mehrere Wochen. Aus den Aufzeichnungen der Willi'schen Stipendienstiftung der Pfarre Bildstein ist in den folgenden Jahren zu entnehmen, daß Kapar Kalb kein besonders eifriger Student war, daß er das Philosophiestudium nach einigen Jahren abbrach, um mit Jus zu beginnen, und daß sich seine Studien sehr lange hinzogen, ohne daß sie mit einer akademischen Würde abgeschlossen worden sind. Mehrmals mußten väterliche Garantien die fehlenden Zeugnisse ersetzen. 1784 wurde ihm das Stipendium schließ31 Tiroler Landesarchiv, Jüngeres Gubernium, 1839, Gewerbe 4981, Fasz.865 Johann Kalb, 1799-1875, war von 1835 bis 1842 Rößlewirt und einige Jahre lang auch Gemeinderat. Er ist ein Vorfahre der Wolfurter Nagler-Kalb. 3 TLA. Jüngeres Gubernium. 1841, Gubernium 4569, Fasz.869 4 TLA, Jüngeres Gubernium, 1839, Gewerbe 22969, Fasz. 866 5 TLA, Jüngeres Gubernium, 1841, Gewerbe 6439, Fasz. 869 2 1 30 Wachter und Joseph Bergmann. Dem Bregenzer Bernhard Kiene war er bei der Besorgung einer Hofknechtstelle behilflich und auch sein Wolfurter Dorf- und Namenskollege Mathias Kalb kam vermutlich in den Genuß seiner Protektion. Dieser war zuerst beim Magistrat der Stadt Wien als „Schätzmeister bei den Handschuhmachern" angestellt, ehe er in gleicher Funktion 1832 an den Hof wechselte. Schließlich ist mit Sebastian Kalb ein Neffe des Kammerdieners nach Wien nachgereist, der ihm im Alter offensichtlich eine große Hilfe war und dafür vom betagten Onkel finanziell unterstützt wurde. Sebastian Kalb war selbständiger Bortenmacher, konnte aber offensichtlich ohne die Unterstützung seines Onkels von diesem Geschäft kaum leben. Jedenfalls wurde er nach dem Tod Kaspar Kalbs in den 1850er Jahren verarmt per Schub in seine Heimatgemeinde Hard zurückgebracht. Ein Leben und Sterben ohne Aufsehen Seinem Beruf entsprechend, in welchem Unterordnung, dauernde Präsenz und Diskretion die Grundtugenden zu sein hatten, scheint Kaspar Kalb ein zurückgezogenes und sparsames Leben geführt zu haben. Eine Zeitlang (bis 1824) war er verheiratet und hatte seine Privatwohnung in der Mariahilferstraße. Kinder hatte er keine. Nach dem Tod seiner Frau hat Kalb im Kirchberg'schen Stiftungshaus für Hofbedienstete am Spittelberg Wohnung genommen, wo er bis zu seinem Tode am 16. April 1841 blieb. Er beschäftigte eine Hausmagd, die in den letzten beiden Monaten von einer Krankenpflegerin unterstützt wurde. Bis zu seinem 85. Geburtstag im Jänner 1841 hat Kalb in der kaiserlichen Kammer gearbeitet. In seinem Testament hatte er eine „Stille Beerdigung" gewünscht mit dem einzigen Zusatz, daß zehn Armen, „die beim Ceremonial erscheinen je 20 Kreuzer" zu geben seien. Und auch die übrigen Bestimmungen des kurzen Testaments waren recht unspektakulär: Die Magd sollte die Einrichtung ihres Zimmers und der Küche erhalten, seinem Neffen Sebastian Kalb, der die letzten Verfügungen zu vollstrecken hatte, wurden alle übrigen Einrichtungs- und Kleidungstücke zugesprochen, die nur einen Schätzwert von 260 Gulden ausmachten. Seine Ersparnisse hatte der Erblasser in relativ komplizierten und - wie sich für die Erben erweisen sollte - unsicheren Transaktionen angelegt. Insgesamt hatte der Kammerdiener ein enormes Vermögen von 40.000 Gulden angespart, das zu gleichen Teilen an alle 12 lebenden Kinder seiner Brüder Johann Georg (Wolfurt), Benedikt (Hard), Andreas (Bregenz) und Balthasar (Wolfurt) gehen sollte. Allerdings meldete ein Wiener Kaufmann, dem Kalb einen Kredit von 20.000 Gulden gewährt hatte, wenige Tage nach der Testamentseröffnung seine Insolvenz an und aus der Masse war nicht mehr viel zu holen. Auch ein gewisser Freiherr von Bendern, der Kalb 4000 Gulden schuldete, zögerte lange mit der Rückzahlung. Wieviel die Erben tatsächlich erhalten haben, läßt sich aus dem komplizierten Verlassenschaftsakt, der erst 50 Jahre nach Kaspar Kalbs Tod geschlossen wurde, nicht mehr exakt feststellen. Jedenfalls haben drei Generationen von Wiener Notaren und Bregenzer Rechtsanwälten ordentlich mitverdient. Dies umso mehr, als 1885 der ohnehin komplizierte Erbfall neu aufgerollt wer34 den mußte, da man bei der Erstabwicklung eine Harder Nichte vergessen hatte. Zumindest auf diese Art blieb der bescheidene Kammerdiener Kaspar Kalb noch weit über seinen Tod hinaus in vieler Munde und zu unserem Glück in den Akten. Quellen: Stadtarchiv Wien, Verlassenschaften 2/2408/1841 Haus-, Hof- und Staatsarchiv Wien, Akten des Oberstkämmereramtes 507 und 864/1807, 176/809/1830, 172/580/1837,37/8/1841 Vorarlberger Landesarchiv, Hs. U. Cod. Pfa. Bildstein 11 Hof- und Staats-Schematismus des österreichischen Kaiserthums (Jahre 1799 bis 1841) Siegfried Heim: Kammerdiener des Kaisers. In: Heimat Wolfurt, Heft 19, 6/97 Ivan Zolger: Der Hofstaat des Hauses Österreich, Wien 1917. 35 Siegfried Heim Vom Gulden zum Schilling Um das Jahr 2000 soll unsere Währung vom uns so lieb gewordenen Schilling auf den von vielen noch gefürchteten Euro umgestellt werden. Solche Veränderungen bringen viel Kopfzerbrechen mit sich. Dabei haben wir im Lauf der Geschichte doch schon etliche bewältigt. Und wenn ein vereinigtes Europa einen einzigen Krieg unter Nachbarn verhindern kann, dann ist dafür kein Preis zu hoch. Geld hat eine lange Geschichte. Der ursprüngliche Naturalien-Tauschhandel war schon in der Bronzezeit durch Bezahlung mit Metallstücken ergänzt worden. Den Lydern in Kleinasien schreibt man die Erfindung von geprägten Münzen um 700 v. Chr. zu. Bei Persern, Griechen und Römern entwickelte sich daraus schnell der Handel mit Geld. Könige und Kaiser prägten immer mehr Münzen aus Gold, Silber und auch aus Kupfer. Denar Die erste in unserem Land zur Zeit von Christi Geburt eingeführte Münze war der aus Silber geprägte römische Denar. Als Brakteat trug er nur auf einer Seite das Bild des jeweiligen Kaisers. Im Landesmuseum sind viele solche in langer Zeit schwarz gewordene Silberdenar zu sehen. Die meisten wurden in Brigantium gefunden, einige auch an der Römerstraße in Lauterach. Pfennig Im Reich Karls des Großen war um 800 n. Chr. aus dem Silberdenar ein Silberpfennig geworden. Zum Schutz gegen Verfälschungen wurde er abgewogen. Ein Pfund ( 1 1 / libra) mußte 240 Pfennige enthalten. 12 Pfennige (12 d / denar) galten als ein Schilling (1 s / solidus). Als Münzen wurden aber nur die Pfennige geprägt. 1 1 = 20 s = 240 d 1 s= 12d Diese Währung galt bei uns mit den Konstanzer Pfennigen bis zum Ende des Mittelalters, im übrigen Österreich meist mit Friesacher oder mit Wiener Pfennigen. In England galt diese Einteilung sogar bis 1971 (!): 1 Pfund Sterling = 20 Shilling, 1 sh = 12 pennies. Was konnte man bei uns im Mittelalter dafür kaufen? Einigen Aufschluß geben die Zchentbücher des Klosters Mehrerau, in denen die Mönche schon um 1290 fein säuberlich aufschrieben, was ihre Lehensnehmer jedes Jahr zu bezahlen hatten.' Ein Schwein kostete 8 s, also 96 Silberpfennige. Ein neun Pfund schwerer Käslaib kostete 6 Pfennige. Das Dorf Wolfurt gehörte zwar damals zum Kellhof und damit zum Kloster Weißenau. 36 Aber Rickenbacher Namen tauchen in den Mehrerauer Büchern häufig auf: ruozinberc (Rutzenberg), slattingen (Schlatt), rikkenbach, dictus spaete (Spetenlehen), de molendino in rikkenbach (aus der Mühle in Rickenbach). Der Hof auf dem Rutzenberg schuldete jährlich als Lehenszins 13 s. 2 scap. 50 ova. De orto 3 s. Das waren 13 Schillinge (156 Silberpfennige), 2 Schweinsschinken, 50 Eier und dazu aus dem Garten eigens noch 3 Schillinge. Das Gut im Schlatt kam dagegen mit der Zahlung von 18 den, also dem Wert von drei Käslaiben davon.2 Von viel größeren Summen erfahren wir aus Kaufverträgen. Im Jahre 1402 verkaufte Junker Hans für 500 Pfund Pfennige die Hälfte von Schloß Wolfurt an das Kloster Mehrerau.3 Ritter Ulrich von Schwarzach verkaufte 1451 seine Burg Veldegg im Wolfurter Oberfeld samt einem Haus in Bregenz und einem Hof in Schwarzach für 944 Pfund Pfennige ebenfalls an Mehrerau.4 Welch ungeheure Massen von Silberpfennigen mußten da bewegt, abgewogen und in mächtigen Truhen verschlossen werden, auch wenn sicher nicht alles bar bezahlt wurde! Gulden und Taler Kaufleute benötigten für große Werte andere Geldeinheiten als die Silberpfennige. In Florenz hatte man deshalb schon 1252 Goldstücke zu Münzen geprägt, die Florentiner Gulden. In Schwaz in Tirol ließ Herzog Sigismund (der Münzreiche!) ab 1484 aus Silber eine große Münze im Wert eines Guldens prägen, die bald als Taler (von Joachimsthal in Böhmen) in alle Welt hinaus ging. Der Pfennig war zum silbernen Kreuzer geworden. 3-Kreuzer-Stücke wurden als Groschen geprägt, an manchen Orten auch 4er als Batzen oder 6er als Sechser. Diese Münznamen kennen wir heute noch aus alten Volksliedern. Im Jahre 1753 versuchte Kaiserin Maria Theresia, Ordnung in die von Land zu Land verschiedenen Geldsorten zu bringen. Sie schuf in Übereinkunft mit Bayern für Österreich die Conventionswährung: 1 Taler = 2 Gulden = 120 Kreuzer 1 fl (Gulden) = 60 x (Kreuzer) Der Maria-Theresien-Taler aus Silber gewann weit über Österreich hinaus Bedeutung. Im Orient blieb er bis in das 20. Jahrhundert ein beliebtes Zahlungsmittel. Er wird in Wien auch heute noch geprägt. Das Gleiche gilt für den Dukaten aus Gold, der schon im 14. Jahrhundert aus Venedig nach Österreich kam und bei uns immer noch als Wertanlage geschätzt wird. Die Geldknappheit wegen des Siebenjährigen Krieges gegen Preußen zwang Maria Theresia, im Jahre 1762 auch erstmals Papiergeld auszugeben. Sie ließ Banknoten mit Werten zwischen 5 und 100 Gulden drucken. Die Bancozettel haben aber schon in der ersten Inflation von 1809 den größten Teil ihres Wertes verloren. Das Vertrauen auf Papiergeld ist seither auch von anderen Regierungen noch mehrmals arg miß37 braucht worden. Silbergulden und die ab 1760 aus Kupfer geprägten Kreuzer hatten ihren Wert behalten. In den Hohenemser Fallbüchern wurden um 1760 die Abgaben aus dem Kellhof Wolfurt aufgeschrieben. Eine Kuh kostete 8 bis 16 Gulden, ein Roß 12 bis 24, manchmal auch mehr als 30 Gulden. Die Wolfurter Bauernhöfe wurden im Steuerbuch von 1785, als Ried und Ippach noch nicht verteilt waren, im Durchschnitt mit etwa 1000 Gulden bewertet, nur wenige mit mehr als 2000 Gulden.5 Für 4500 Gulden löste Hofsteig-Ammann Joseph Fischer 1771 den Kellhof Wolfurt mit vier dazu gehörigen Höfen aus dem Besitz der Gräfin Rebecca von Hohenems.6 Der aus Buch stammende Holzmüller Johann Stadelmann konnte 1772 das Schloß Wolfurt samt dem großen Bühel für 3600 Gulden kaufen.7 Auch die kleinen Dinge hatten ihren Preis. Im Jahre 1822 rechnete der Schulaufseher mit der Gemeinde ab: 1 Reißbley (Bleistift) 3 x (Kreuzer) 1 Buch Schreibpapier 12 x 1 Dutzend Tintengläser 12 x 1 Büschel Schreibfedern 20 x 1 Lesebuch 20 x 1 Bettnoster (Rosenkranz) 7 x 8 Den Ausgaben muß man immer den Arbeislohn entgegenstellen. Ein Taglöhner erhielt für einen ganzen Tag Arbeit in Feld oder Wald oder auch bei einem Handwerker nur 30 x, also einen halben Gulden. Dabei waren die Grundnahrungsmittel keineswegs billig: 1 Kilogramm Mehl 10 x 1 Liter Milch 4x Zudem lasteten auf den meisten Höfen große Schulden bei Kirche, Schulfond oder bei den Geldverleihern in der Stadt, für die jährlich 5 Prozent Zinsen bezahlt werden mußten. Silbergulden Im Jahre 1857 stellte Österreich seine Währung auf das Dezimalsystem um. Jetzt galt: 1 fl (Gulden) = 100 x (Neukreuzer) Nur mehr 4- und 8-Guldenstücke wurden jetzt aus Gold geprägt, 2er und 1er dagegen aus Silber. Einige Preise aus dem Wolfurter Gemeindeblatt von 1891: 1 kg Maismehl 11 x l kg Mehl 18 x 1 kg Schweineschmalz 60 x 1 1 Wein (über die Gasse) 32 x Goldkronen Schon 1892 kam die nächste Umstellung, diesmal auf Goldkronen. Für einen Gulden erhielt man zwei Kronen. Neue Einheiten also jetzt 1 K (Krone) = 100 h (Heller) In den auf die Jahrhundertwende folgenden goldenen Stickerzeiten stand bei uns in Wolfurt der Schweizer Franken besonders hoch im Kurs. Da bezahlten die Sticker nicht selten mit einem Füf-Libar (Fünf-Franken-Stück). Als dann 1914 aber der Weltkrieg ausbrach, verschwand ganz schnell alles Hartgeld in den Sparstrümpfen. Die Regierung mußte Papiergulden drucken lassen. Das Papiergeld verlor ständig an Wert. Die Inflation steigerte sich bis 1922 in rasender Eile. Postmeister Rudolf Böhler notierte wichtige Preise in seiner Chronik: 1914 1917 1922 " 1 kg Mehl 0,38 K 0,70 K 550,- K 1 kg Maismehl 0,21 0,74 450,1 kg Butter 2,20 5,80 2 400,1 kg Rindfleisch 2,10 5,60 800,1 kg Schweinefleisch 2,30 6,50 2 000,Damit war aber das Ende der Teuerung noch nicht erreicht. Die Preise stiegen noch einmal auf das Zehnfache. Eine Briefmarke kostete 1914 noch 10 Heller, 1923 aber 1500 Kronen.9 Der Staat druckte riesige Banknoten. Die größte vom September 1922 hatte einen Nennwert von 500 000 Kronen. Der Stundenlohn eines Arbeiters lag jetzt bei 10 000 Kronen. Im Jahre 1923 konnte Bundeskanzler Seipel mit einer riesigen Anleihe vom Völkerbund die Inflation endlich stoppen. Bild 17: Inflation beim Tanzabend: 1919 kostete der Eintritt noch 2 Kronen, 1924 dagegen 4000 Kronen. 38 39 Schilling I Mit Datum vom 1. Jänner 1925 wurde eine ganz neue Währung eingeführt. Für 10 000 Kronen bekam man jetzt 1 Schilling. 1 S (Schilling) = 100 g (Groschen) Das Geld erwies sich jetzt als stabil. Für die allermeisten Österreicher wurde ihr Alpen-Dollar sogar bald sehr rar. Nach dem Schwarzen Freitag, dem 25. Oktober 1929, war eine furchtbare Weltwirtschaftskrise ausgebrochen, die überall zu Arbeitslosigkeit und Hunger führte. Einige Preise vom Wolfurter Turnfest 1930: 1 großes Bier 1,- S 1 Limonade 0,40 S 1 Liter Wein 3,20 S 1 Schübling mit Brot 0,60 S Reichsmark Am 12. März 1938 marschierten deutsche Truppen in Österreich ein. Ab 17. März galt auch bei uns die deutsche Reichsmark. Für eine Reichsmark mußte man 1,50 Schilling umwechseln. 1 RM (Reichsmark) = 100 Rpf (Reichspfennig) Durch die Zwangswirtschaft blieben während des langen folgenden Krieges die Preise absolut stabil. Genau wie 1938 galt auch noch 1945 1 kg Mehl 0,45 RM 1 1 Milch 0,30 RM Schilling II Nach Kriegsende führte Österreich am 20. Dezember 1945 wieder die SchillingWährung ein. Für eine Reichsmark erhielt man jetzt einen Schilling. Allerdings bekam jeder Bürger nur 150 S in die Hand. Alles andere wurde auf Sperrkonten verrechnet. Kubikmeterweise wurden Papier-Reichsmark eingesammelt und vernichtet. Nicht wenige sollen auch in den Öfen der Schwarzhändler verbrannt worden sein. Groschen gab es noch keine. Als Münzen verwendete man noch weiterhin die alten Reichspfennige mit dem Hakenkreuz. Weil zusätzlich die Besatzungssoldaten ihre schon 1944 in den USA gedruckten Alliierten Militärschillinge auf den Markt warfen, hatte niemand Vertrauen in das Papiergeld. Es entstand schnell ein Schwarzmarkt mit einer seltsamen Währung aus Schnaps, Butter und Zigaretten. Das Gesetz vom 19. November 1947 brachte neue Schilling-Banknoten und jetzt endlich auch wieder österreichische Münzen. Und wieder erhielt jeder Staatsbürger nur 150 neue Schillinge. Diesmal wurde das übrige Geld gleich um zwei Drittel abgewertet. Ab 1948 brachte der Marshallplan mit seinen ERP-Mitteln die Grundlagen zur Gesundung der Wirtschaft. Mit der Vollbeschäftigung setzte gleichzeitig eine starke Geldentwertung ein. Bis 1952 stiegen die Lebenshaltungskosten auf das Sie40 benfache. Eine Reihe von Lohn-Preis-Abkommen minderten das Ansehen unseres Geldes. Das änderte sich mit dem Raab-Kamitz-Kurs ab 1953. Im Jahre 1955 gab es zum Staatsvertrag sogar die ersten silbernen 25er-Münzen. Zwar verschwanden sie ebenso schnell bei den Sammlern wie 1976 die wie aus einem Märchen auftauchenden Gold-Tausender, aber die Finanzwelt hatte Vertrauen zu unserem kleinen Land gefaßt. Längst stellt sich unser Schilling selbstbewußt als öS und seit einiger Zeit als ATS frei austauschbar der Konkurrenz aus den anderen Industrienationen. Das erwarten wir im nächsten Jahrtausend auch vom neuen Euro, von unserem Euro. 1 Benedikt Bilgeri, Zinsrodel Mehrerau, 1940 Wie 1, Seite 13 'Andreas Ulmer, Burgen, 1925, S. 390 4 Wie 3, S. 394 5 Volaucnik. Sozialstrukturen, Heimat Wolfurt, Heft 6, S.16 fi Welti, Kellnhof Wolfurt, LMV 1952, S. 11 7 Wie 3, S 397 8 GA Wolfurt, Schachtel 1822, Schule " Karl Gcrstgrasscr, 100 Jahre Raiffeisen Thüringen, 1995. Diesem Buch sind auch einige der nachfolgenden Daten entnommen. 2 41
  1. heimatwolfurt
19970601_Heimat_Wolfurt_19 Wolfurt 01.06.1997 Heft 19 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juni 1997 Wein aus Wolfurt! Schon die Emser Chronik von 1616 berichtet vom schönen Wein wachs in Wolfurt. Inhalt: 90. Weinbau in Wolfurt 91. Ippachwald (2) 92. Wie hoch liegt Wolfurt? 93. Wolfurter Wappen in St. Polten 94. Kammerdiener des Kaisers 95. Emser Chronik Autoren: Werner Vogt, Landesbeamter i. R., Jg. 1931, wohnhaft in Hard. Er ist Leiter des Bregenzerwald-Archivs in Egg und Verfasser des Vorarlberger Flurnamenbuchs. Darüber hinaus hat er sich durch vielerlei Publikationen und zahlreiche Führungen durch Gemeinden und Alpen einen Namen als Heimatkundler gemacht. Für uns hat er bereits den Artikel Wotfurter Alpbesitzungen verfaßt (Heft 14). Bildnachweis: Emser Chronik Werner Vogt Raimund Mohr Hubert Waibel Siegfried Heim Sammlung Heim/Mohr Zuschriften und Ergänzungen Nachkriegsjahre 1945 - 1949 (Heft 17, S. 9 und Heft 18, S. 3) Ein Brief des Dornbirner Geschichtelehrers Professor Dr. Wratzfeld hebt aus den wie immer hochinteressanten Beiträgen den von Burkhard Reis über die Nachkriegsjahre besonders lobend heraus. Die vielen ergänzenden Zuschriften lassen auf das Interesse der Leser an diesem Artikel schließen. Leider sind keine weiteren Ergänzungen eingetroffen, obwohl sich doch viele von uns noch gut an jene ereignisreichen Tage im Mai 1945 erinnern können. Dokumente aus der Turmkugel (Heft 18, S. 7) Ein Akt im Gemeindearchiv weist nach, daß unser Kirchturm im Jahre 1845, also noch vor Abschluß der Bauarbeiten an der Kirchenerweiterung, von einem Blitz getroffen und schwer beschädigt wurde. Als Patronatsherr mußte der Kaiser ein Drittel der Kosten übernehmen. Am 13. Mai 1846 ließ er durch das k.k. Kreisamt in Innsbruck 339 Gulden 10 Kreuzer an die Gemeinde Wolfurt ausbezahlen. Berichtigung zu Seite 13: Aus der Chronik des Ferdinand Schneider (GA, Schneider III, S. 227) erfahren wir, daß der Kirchturm schon 1904 erhöht wurde. Die Arbeiten führte Baumeister Kröner aus Feldkirch durch. Aussiedler aus Südtirol (Heft 18, S. 30) Hocherfreut meldete sich Frau Ida Wucher. Als 20jähriges Mädchen war sie mit ihrer Mutter Magdalena Prantl ebenfalls wie Ladurners aus Schenna nach Wolfurt gekommen. Begeistert erzählte sie von der Bauernarbeit dort, von der Kastanienernte und vom Schlachten. Fast jedes Jahr verbringt sie ein paar Tage daheim in Schenna. Auch Ladurners bedankten sich außerordentlich nett für die Zusammenstellung ihrer Familiengeschichte und schickten sogar ein Heftchen nach Schenna. Suchbild 8 (Heft 18, S. 54) Besonders eifrig diskutierten die Gäste beim Geburttstagsfest für Pfarrer August Hinteregger, zu dem er seine 1927er Jahrgänger nach Bildstein eingeladen hatte, über dieses Bild. Man freute sich über die Schoßa der Mädchen, die Frisuren und die gnagloto Schuoh der Buben und über die schönen Rößlein, die auch auf das Schulfoto durften. Auf Umwegen gelangte das Bild auch in die Schweiz zu Frau Maria Haldner in Garns. Als Maria Buhmann hatte sie einige Jahre bei ihrer Tante Sophie in der Gerbe im Loh gewohnt und hält seither Kontakt zu den Mitschülerinnen von damals. Titelbild und 22 2 14 18,19 3,4,5,7,9,10,12 6, 8, 11, 13,15, 16,17, 20, 21, 23 Bitte ! Diesem Heft 19 liegt wieder ein Erlagschein für den Heimatkundekreis bei. Konto 87 957 RaibaWolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Wegen der geringen Auflage sind die Druckkosten doch relativ hoch. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Werner Vogt Über den Weinbau in Wolfurt Es ist reizvoll, diesem einst blühenden Wirtschaftszweig, dem Weinbau (besser Rebenbau) in den Wolfurter Gemarkungen nachzugehen. Darüber wurde bereits einmal in Heimat Wolfurt (Heft 2, S. 32) berichtet. Nach Aufarbeitung vieler Urkunden und Schriftstücke, die den Beständen des Vorarlberger Landesarchivs, zum geringeren Teil auch des Gemeindearchivs entstammen, ergibt sich das Bild einer seit dem Spätmittelalter in Wolfurt bestehenden erstaunlichen, ja großartigen Rebenlandschaft. Nahezu lückenlos reihen sich da die Rebberge von der Bregenzerach nach Süd bis an die Schwarzacher Gemeindegrenze. Dabei waren nicht nur am Bergsaum, sondern auch in der Ebene Rebgärten anzutreffen. Die Rebanlagen in Wolfurt waren in Bezug auf Ertrag, also auf Qualität und Quantität, verschiedenen Einflüssen der Natur unterworfen. Mitbeteiligt scheinen auf: Bodengunst, Witterung, Sortenwahl, Schädlinge und Rebenkrankheiten. Zudem waren auch von der Grundherrschaft entsprechende Belastungen zu erwarten. Wir führen als Besitzer der Rebanlagen auf: Kloster Mehrerau bei Bregenz, Kloster Minderau (Weißenau) bei Ravensburg, Kloster Hirschthal in Kennelbach, Propstei Lingenau, der Pfarrer von Bregenz und ab 1512 der Pfarrer von Wolfurt; die weltlichen Herren oder Herrschaften von Bregenz/Montfort, das Gericht Hofsteig, die Adeligen von Schloß Wolfurt, die Wolfurtsberger, die Grafen von Hohenems, die Ritter von Schwarzach, weiters einflußreiche Bregenzer Bürger. So blieb den ansässigen Wolfurtern nur der geringste Teil zu eigen. Rebberge scheinen auch vermehrt Spekulationsobjekte gewesen zu sein, um Einfluß und Macht vorzuzeigen. An dieser Entwicklung konnten die Ortsbewohner nur einen bescheidenen Einfluß nehmen. Es gilt als erwiesen, daß sich die meisten Grundbesitzer bei den alljährlichen mühevollen Arbeiten in den Rebbergen nie die Hände schmutzig machten, vielmehr diese nur beim Einheimsen des Ertrages weit offen hielten. So war den Wolfurtern meist nur gestattet, als Pächter aufzutreten, um mit wechselndem Geschick die Arbeiten in den Weinbergen der Herren durchzuführen. Als Lohn winkte ein von der Witterung abhängiger Ertrag, der durch die Darreichung der Hälfte oder eines Drittels an die Grundherren (oft bis zu deren Haustüre) gemindert wurde. Erst als die Feudalzeit zu Ende des 18. Jahrhunderts vorbei war, konnten mit Hilfe obrigkeitlicher Anordnungen (Pragmatische Sanktion, Säkularisierung der Klöster, Grundentlastung) Wolfurter Bauern solche Liegenschaften aufkaufen und in ihr Eigentum überführen. Es war aber ohnehin für den Weinbau schon zu spät. Die Aufzeichnungen berichten vermehrt von ungünstiger Witterung, Frost, Kälte, Regen, fehlendem Blütenansatz, Mißwuchs, Krankheiten und Schädlingen. Da blieb nur ein Ausreißen der unrentabel gewordenen Reben übrig. Bedingt durch die kleinflächige Parzellenstruktur der Rebberge erfolgte eine Umwandlung zu Grünland, meist unter Anpflanzung von witterungsbeständigen Obstbäumen. Die aufkommende Industrie bot in Wolfurt ab dem 19. Jahrhundert gute Verdienstmöglichkeiten. Umso leichter fiel die Abkehr vom zeit- und lohnkostenintensiven Rebbau. Nun wurden die Hände der Kleinlandwirte frei für Industriearbeit. Zwar war auch dort die Entlohnung gering, aber sie brachte dennoch Bargeld in die vielfach verschuldeten Familien. Jetzt wechselten auch die Trinkgewohnheiten der Wolfurter. Gerne wurde dem eigenerzeugten Most von Äpfeln und Birnen zugesprochen. Auch der in zwei Betrieben preisgünstig hergestellte Gerstensaft Bier vermochte durchaus mitzuhalten. Für Liebhaber des Rebensaftes konnten die ausschenkenden Gastwirte nach dem Bau der Arlbergbahn (1884) preisgünstigen Wein aus Innerösterreich und Südtirol anbieten. Eine mehr als 600 Jahre anhaltende Weinbauherrlichkeit und Weintradition von der Acherbünt bis nach Rickenbach war damit verklungen. Außer Namen und Urkundenberichten gibt es keine Zeugnisse mehr. Schon lange vergessen sind die Mühen und Schweißtropfen unserer Ahnen. Ob die heutige Wohlstandsgesellschaft in nostalgischer Suche wieder zu einem Weinbau auf den Wolfurter Hängen zurückfinden wird? Wohl kaum! Wenngleich solche Hoffnungen oberhalb Rickenbach vor einigen Jahren wieder „angesetzt" worden sind. Die meisten Plätze, auf denen vor Jahren Wein gedieh, sind jetzt von stattlichen Wohnbauten belegt. Es ist aber wert, die einstige Rebenlandschaft von Wolfurt in Erinnerung zu behalten. Sie war ein wichtiger Teil unserer schönen Heimat! Über den Rebbau im allgemeinen, über den jahreszeitlichen Arbeitsablauf, über Arbeitsgeräte, Weintraubengewinnung und Weiterverarbeitung gibt die einschlägige Vorarlberger Weinbauliteratur genügend Hinweise. Herausarbeiten möchten wir für Wolfurt im Anhang das Verbreitungsgebiet. Dabei klingen längst vergessene Flurbezeichnungen an, die durch ihr urkundliches Auftreten und die Anführung von Anrainern eine Einordnung in die heutigen Parzellen ermöglichen. In einer langen zeitlichen Abfolge hören wir von Grundherrren, Pächtern und Abhängigkeitsverhältnissen, auch von der Witterung und von wechselhaften Erträgen und Mißernten. Bewußt klammern wir Fragen der Anbaumethodik, Sortenwahl und Ertragsstatistik aus. Jedenfalls soll auch der Wolfurter Wein nach Aussagen des Historikers Weizenegger gesund und leicht gewesen sein, er machte heiter, verursachte keine Kopfbeschwerden und ließ auch keinen lettigen Munde zurück. (Weizenegger, 1839, Band I., S. 283). Doch er geriet in manchen Jahren nicht so gut, so schlecht, daß ihn die Leute nicht einmal geschenkt annehmen wollten. 4 5 Die Rebberganlagen zu Wolfurt Von Nord nach Süd läßt sich auf folgenden Gütern Weinbau nachweisen: In der Acherbünt (östlich des ehemaligen Wälderhofs). Im Weidach (Wida), erwähnt auch in der Lärche, in der Höll und in Gestratsrüte. Vermehrt finden sich dort Rebanlagen des Klosters Mehrerau, der Frauen vom Hirschthal (Kennelbach) und des Emsischen Kellhofes zu Wolfurt. In der Bütze. Verschiedene Anlagen mit den vorigen Besitzern. Urkundlich genannt dort der Marttorkel; dazu 1615 der Torkel des Hilarius Fröwis, ob dem Tor hinaus; der Heiligkreuz-Torkel der Präbende Bregenz (Ecke Bützestraße-Rittergasse); der Nonnentorkel oder Frauen von Hirschthal-Torkel. (Anmerkung: Ein Torkel, früher meist Torggel geschrieben, war eine Traubenpresse samt dem dazu gehörigen Gebäude.) Im Kehlegger. Verschiedene Reben der Herrschaft, Kloster Mehrerau, Kellhof, Pfarrer von Wolfurt, Private (Es ist etwa der Bereich zwischen der heutigen Lauteracherstraße, der Neudorf- und der Unterlindenstraße). Daneben noch der urkundlich genannte Weingarten bei der Kemenate. Im Moosmann. Verschiedene Private und Kloster Mehrerau. (Der alte Flurname Moosmann wird heute als Moosmahdgasse falsch geschrieben). Dazu gehört noch am Attelbach (das ist der Unterlauf des Tobelbachs). Im Kaisermann und im Grafengarten (abgegangene Bezeichnungen zwischen Bregenzerstraße, Röhleweg und Bützestraße). Im Ellhofer {Kellhofer/Nellhofer). Diese durch eine Mauer geschützten Reben zwischen Bützestraße, Kellhofstraße und Dorfweg gehörten zum Emsischen Kellhof und zum Schloß Oberfeld. Pfaffenreben. Der Weingarten südlich vom alten Pfarrhaus in das Tobel hinab war ehemals Stauferbesitz, gehörte dann dem Kloster Weißenau und schließlich dem Pfarrer von Wolfurt. Im Altengarten. Diese Reben standen etwa am Platz des heutigen Bauernhofs Stöckler an der Bucherstraße. Am Buggenstein. Östlich des Pfarrhofes an der alten Bucherstraße. Daran anschließend Wolfersgarten, auch Schintzenberg genannt, mehr gegen die Rütte zu. Ein Besitz des Klosters Weißenau, auch der Herren von Wolfurtsperg. Veldegg. Rebgärten bei der ehem. Burg auf dem Hexenbühel (Herren von Veldegg, später Kloster Mehrerau). Im Tobel. Reben und ein Torkel standen im Tobel etwa beim Haus Tobelgasse 6. In der Tobelhalde. Die Reben östlich des heutigen Hauses Schloßgasse 3 hießen urkundlich 1517 des Junker Jonas Reben. Schloßreben hieß die felsdurchsetzte Halde, die südöstlich vom Schloß steil gegen den Holzerbach abfällt. Im Holz, urkundlich auch Reben im Schwarzenland, Reben im Rebenacker, Reben bei der Holzermühl und ob der Schmitten. 6 Kellerhalde unter der Linden. Sie liegt bergwärts der Häuser Kirchstraße 10 und 12 und gehörte einst der Präbende Bregenz. Dazu an der Keller Breitenweg und in der Altwegg unterhalb der Kirchstraße nördlich der Raiffeisenstraße. Im Vogelsang hieß der Rebberg oberhalb Kirchstraße 6 und 8. Humershalden (von Hofsteigammann Humer) oder Unter der Linden nannte man die Reben ob Dreiers Säge. Narrenberg. Ein großer ehemals Hofsteigisch/Montfortischer Amtsweingarten. Verschiedene Hausbesitzer zu Wolfurt waren verpflichtet, Mist zu liefern. Andere auf dem vorderen Steußberg mußten Reben schneiden oder in Fronarbeit Rebstickel liefern. Der zugehörige Narrenberger Torkel oder Herrschaftstorkel stand auf Grundparzelle 1354. Im Himmelrich. Diese Rebberge waren den Stadtammännern Metzger von Bregenz, später der Präbende Bregenz zugeeignet. Opfenbacher. Oberhalb vom Gasthaus Krone in Spätenlehen. Ein Rebberg, der um die Hälfte des Ertrages verliehen war. Der gepreßte Wein mußte dem Lingenauer Pfarrer sogar zugestellt werden! Spätenlehen. Verschiedene kleine Anlagen (Hofsteigisch und Kloster Mehrerau). Im Gügger. Kleinere Rebhalden zuoberst im Spätenlehen an der Bildsteiner Grenze, verpachtet um halben Ertrag an das Kloster Mehrerau. Im Flotzbachfeld. Verschieden Rebgärten in sogenannten „Ehäften". Das sind Güter, welche im Eigenbesitz lagen und eingezäunt werden durften. Zudem waren sie nicht dem „Feldrecht" unterworfen wie die anderen Flotzbachfelder. Feldrecht heißt Pflicht zum Anbau einer gemeinsamen Fruchtfolge, aber auch Recht zur allgemeinen Viehweide nach der Ernte und bei Brachezeit. Im Bannholz. Heute Rutzenbergstraße 23 bis 65. Ehemals Bregenz/Montfortischer Besitz, nach 1451 Übergang an das Haus Habsburg/Österreich. Auch als Bannholz seiner Kaiserlichen Majestät bezeichnet. Ursprünglich ein gebannter Wald, aus dem nur Bauholz für die Herrschaftstorkel gehauen werden durfte. Im Brand. Kleine ehemalige Rebberge bei Rutzenbergstraße 17 bis 23. Rutzenberg. Die größte von den ehemaligen Rebanlagen, auch Herrschafts- oder AmtsWeingarten mit Fronverpflichtung wie beim Narrenberg. Sie lag nordöstlich von Rutzenbergstraße 3 bis 17, der zugehörige Torkel stand in der S-Kurve. Östlich anschließend in das Rickenbachtobel hinein die Reben im Schedlerstobel bis zur Bildsteiner Gemeindegrenze. Ein Altbregenzisch/Montfortisches Lehen. Die Schedler waren Lehensnehmer. Urkundlich befand sich 1537 dort Schedlers Burgstall, herstammend von jener sagenhaften Burg auf dem Kuien. Groppersbühel ob Rickenbacherstraße 11, dazu Gilgenhalde ob Kellaweg 7 und Kellenhalde oberhalb des Kellawegs bis zur Bildsteiner Grenze. Diese drei Rebberge besassen Rechte im Kellentorkel (bei Haus Kellagweg 7). In Buchungen an der Steig der alten Bildsteiner Straße. Der zugehörige Torkel stand einst 100 m nordöstlich vom Haus Bächlingen im Winkel an der Gemeindegrenze, aber schon auf Bildsteiner Boden. Hier ist jener einzige Bereich in Wolfurt, wo seit 7 etwa 15 Jahren der Rebenbau wieder fröhlich auflebt. Domach und Krämer waren Bünten westlich von Rickenbach mit Rebgärten. Fälle, (etwa bei der heutigen Araltankstelle) und Im Brühl (heute Augasse-Weberstraße) hatten Rebanlagen mit Zinsverpflichtung gegenüber dem Kloster Mehrerau. Und hier endet unsere Reise durch fast 50 Wolfurter Rebberge. In der folgenden Auswahl aus den Urkunden finden sich aber noch mehr bekannte und auch längst vergessene Wolfurter Namen. Aus den Urkunden A. Bereich Ach bis Kirchdorf 1370 herman vo Schwarzach überläßt seinem Schwäher Hans vo Schönstein ... einen Weingart zu Wolfurt... wingart im Tobel nebent der Kilchen ... verkauft Peter Maiser Bürger zu Bregenz daraus Zins ... wingart ze Wolffurt an Huffenweg get darus eindrittail ... Junker vo Schwarzach hat ein drittail us dem Walderblehen burg und holz zu Wolfurt, und vom Gut sol ein Juchart Acker zu ainem Weingarten gemachet werden ... (Anmerkung: ident mit der Burgstelle Veldegg-Oberfeld) hans Keller genannt Schuchli zu Wolfurt git der Prebende Bregenz Weinzinse aus dem Wingart ze Wolfurt vor der gassen di ma nempt die Lerch, vom Wingart an der Keller Breitenweg gelegen stosst an das Veld und der Neffinen wingart, vom Wingart zu Wolfurt an der Kellerhalden sind 6 stuck mit reben ... 2 schopf reben in der bützin item 6 stuck reben in der lerchen item weingart in der buzin under der Heergassen alles um ein drittail Ertrag an das Kloster Mehrerau (Abt u. Convent) um halben eimer Wein von dem wolfurtsperger ... um ain drittail vom Weingarten lyt ob der Küchen uff dem buggenstain ... item ein drittail von halb Juch reben in der büzi ... item ein drittail von henni grüls Weingart... geht dem Kloster in der Weißenow zue ... Gärtle und Reben am Buggenstain und ob dem Velde die Wissenhalden sind mit Reben bestockt... Aigen Stukken um drittails des Wins zu Wolfurt In der Buzin under der Heergassen ... item 6 stukk reben In der lerchen - baid gestifft von Elsbet Rainoltin des hainrich Metzgers Wittiben ... 9 1399 1402 1436 1439 1446 1457 Bild 2: Weinberge in Rickenbach. Ausschnitt aus der Katastralmappe von 1857. 1464 1467 8 1474 Weingart in der häher bizi - item in der niderin bizi item Weingart zu Kenlegg zu Wolfurt bi der Kemenat, hat inn der Spekker zu Bregentz item lütis Wingart zu Kenlegg ... 1494 1 Juch Weingart zu Buggenstain item 2 Juch der Wolfurtsperger item 4 Juch Weingart im Widach - um Drittel an Kloster Weißenau ... 1503 haini Veldegg leistet den Sondersiechen ... ab 1/2 Juch Reben in der bützin, an Kellhof Reben... 1515 Kellhofurbar: Kellerhalde 3 1/2 Juchart reben hat der yntel frick 1 Juchart reben in der büzy hat Peter haberstro 1 Juchart reben im Kenlegger hat der Jos Schobloch 1 Juchart reben in büzy hat Jacob Vogt, hans von ach, Peter frick, hans hainrich und jerg winzurn - diselben haben och inne 3 Juch reben in bützy an 10 stukken 1536 Weingart 1 1/2 Juch Reben an der Kemnat item Weingart in der bützy zum Weiler genant zu Wolfurt, stoßt an den Merttorggel, an lutracherstroß, und frauentorggel im Hirschtal... (Anmerkung: im Hofsteigischen Zinsbuch enthalten) 1559 Reben im Widach des Hansen Cleiners reben, drittail Weins in das Frauenkloster Hirschthal ... 1569 1 Juch Reben Kellhofgut in Bützy hat inne Jacob Vogt item von reben im Wydach In gestrasrüti ... 1571 rebgärten im Kenlegger - item wingart in Buzi item Reben im Nüwsatz Flotzbachfeld item Gozhus wingart am Attelbach - um Hälfte des Wins an Kl. Mehrerau 1595 weg mißratung und rebmangels die reben im Moßmaan ußgehowen und wurd vom Abt zu hewpoden vergunnt... 1597 Weingart im Widach in Gestraß Reutin item Reben in der Bizin genant Büchelman item Weingarten im Altengarten item Weingarten an der Fatt Weingart an Buggenstain ... gozhuswingart Wolfurtsgarten und an der Wingart Buggenstain und zu Oberveld - um halben wins an Kloster im Hirschthal ... 1601 Rebgertlin im Buggenstain - item Reben in der Undern Bützi ... 1610 Kloster Mehrerauw Reben im Buggenstain - im Wolfurtsgarten - im Einhofer - Reben im Newsatz 1615 des St. Mangen pfrundt zu Bregentz Reben im Widach, stoßt an ynsel, der herre abt hat Reben abgen lassen im Widach an fatt des Hilary Fröwisen Torggel ob dem Tor hinuß ... 1615 hans Gmainer ussem im buech hat 3 stuck reben zu Indern Büzin ... 1629 bartle Mosman der Samatschnider zuo Wolfurt git Zins us sinen reben auf der huob 10 1669 rebgarten in der bitze aber 3 tail reben in der buzi mit Torggel item der torggel ist eingefallen - das Holz haben die Gmeinder geteilt, die hoftstatt haben der Pfründ Bregenz überlassen die hernach Jörg Möschen um 10 fl erkaufft... 1670 des Lehen hanß Künzen reben in der bütze verdorben, hat er nachmalig ausgereut und ist zu graßboden machen laßen vergunt, stoßt an unser heilig kreutz reben desgleichen bei reben in Marx Höflin in der bützin ... Im Einkünfteverzeichnis der Pfarrpräbende Bregenz folgen interessante Eintragungen, welche über Ertrag und Witterung damaliger Zeit Bescheid geben: 1671 empfang ich us den reben in der bützi jarlich 7 Som (Anm.: Ein Som ist die Traglast eines Pferdes und faßt 3 aimer. Ein aimer hat etwa 57 Liter.) 1672 ist vil hagel darüber, daher nur noch 11 aimer 1673 hat der Blüeh und von regen geschadet nur 11 aimer 1674 hat es abermal und vil hagel nur 4 aimer geben 1675 weg kelt und regen, trauben erst am 6. November ableßen nur 3 aimer 1676 trotz übel erfroren noch 5 aimer 1677 haben unsre gut gewimlet in 12 aimer 1678 ist alda sehr edler Wein erwachsen 13 aimer 1679 ebenso und köstlich 20 aimer - detto 1680 köstlich 17 aimer 1681 wegen kelte und regen nur 8 aimer 1682 ebenso nur 7 aimer und 1683 besser 18 aimer 1764 Gemäß Verfachbuch sind noch Rebanlagen nachzuweisen in: Kelegger, im Widach, in der Bützi, im Nellhofer. 1766 Eintrag im betr. Urbar des Klosters Mehrerau (VLA Hdschr. Cod. 120) mit dem interessanten Hinweis auf ältere Rechtsverhältnisse: ... Die Inhaber des Kloster Mehrerauischen Lehenshofes zum Schlössel Oberfeld, und zwar Joseph Som vom halben Burghof, Antom Som vom viertel Burghof und Johann Müller vom anderen viertel Burghof zinsen dem erwähnten Kloster zu Eindrittel-Weinertrag aus dem zum Schlössel zugehörigen Gottshaus Rebgertel im Elhofner zu Wolfurt gelegen. Sie sind auch schuldig in des Gozhaus Rebgertel den Baumist und die Rebstücklein zu liefern ... Zur Erinnerung: Zum ehemaligen Schlößle Oberfeld (heute Hexenbühel) gehörten ein ansehnlicher Besitz an Acker- und Wiesenflächen und die erwähnten Rebgärten. Deren letzter weltlicher Herr, Ritter Ulrich von Schwarzach, verkaufte seinen Besitz 1451 an das Kloster Mehrerau. Dieses bewirtschaftete den umfangreichen Besitz nicht selbst, sondern vergab dieses Lehen an willige Pächter für Zinsleistungen. 11 In der Katastralmappe vom Jahre 1857 der Gemeinde Wolfurt sind enthalten: Grundparzelle 2, 4 und 142, Rebgarten; zusammen 9 ar Grundparzelle 83 - die Schloßreben, ca. 8 ar Grundparzelle 1232 - Unterlinden, ca 6 ar Grundparzellen 1319, 1320, 1338, 1339 im Narrenberg, ca. 15 ar Grundparzelle 2657 im Frickenesch, Reben, ca. 3 ar Grundparzelle 2580 im Bannholz, ca. 4 ar Grundparzellen 1528-1534, 1520, 1521, 1651,1654,2570 und 2568, an dem Rutzenberg gelegen, zus. ca. 70 ar Grundparzellen 2548 und 2549, im Kella, ca. 6 ar Zusammen eine Rebfläche von etwa 121 ar Zuletzt: 1886 Gemäß Parzellenprotokoll: ... die neuangelegten Reben im Buggelstain auf Grundparzelle 144 ... ... die Reben im Schwarzenland (Gp.83) und im Rebenacker (Gp.90-95) ... und Baumbgart, Speicher, 2 schopf Reben und Reblaitern, alles in einem Einfang under der Linden ... 1709 In den herrschafts Weingart der Narrenberg sambt Torggel, gehen darein 4 Zinß fuder Mist und 9 2/3 tagewerk in fron ... 1765 Im Steuerprotokoll sind noch genannt: Rebgarten im Himmelrich, der Probsty Lingenowen Reebgarten, Rebgarten am Narrenberg ... C. 1444 1488 1474 1488 1536 B. 1457 1474 1489 1490 1528 1536 1571 1597 1601 1615 1682 12 Bereich Unterlinden bis Steig 1446 Wingart im Spätenlehen so Conrad Wolfensperger hat... Weingarten in der alt Wegg und an Kaysermans Wingart (gehört das drittail Kloster Weißenauw) ... des Herrschafts Weingarten im Narrenberg und Vogelsang ... sollen die hofstetten Mist und Stickhel führen ... in des Bruederhofsguet wingarten und wingarten der apfenbach ... der Weingarten Opfenbach, gat darus ein Eimer wins an den Probst zue Lingenauw ... wingart zu spätenlehen und wingart Im banholz, gand zinse di der ersamb hainrich von fröwis Kirchher an der Egg daran erkoft und bezalt hat... Wingart das Vogelsang - Wingart in der Humelhalden Wingart dem Haberstro im Narrenberg ... Weingarten der Opfenbach genant sind 2 Juchart item der Weingart Guggelstain darob und Weingart zun Vogelsang ... Weingarten der Gugger so Marte Wilhelmen ist... Weingarten Narrenberg hat inn hans Fink um Hälfte Ertrag ... Wingart zu Spätenlehen und im Banholtz so weilund Conradt Wolfurtsperger gestiftet hat... haben in den Kayserlichen Weingarten im Narrenberg die Bruder und Berghöfler schuldig den S. V Tung in den Wingart Narrenberg zefiren ... Gemäß Verfachbuch hat hans Kundig zu Wolfurt ein Haus, Hofstatt, Kraut 1571 1604 1615 1691 1709 1765 Bereich Rickenbach lenhart Wolfersperger von den Reben gegen Schedleren im Tobel ... zinst Othmar Schedler ab Reben im Dobel zue Rickenbach ... an herrschafts Weingarten Rutzenberg sind Mist und Stickel von den Underthanen zu firen ... Reben zu Rikkenbach im Tobel Gemäß Hofstaig Urbar: Weingarten in Gilgenhalde zue Rickenbach Weingarten im Banholz an das Kaysl.Mayst. Banholz gelegen Weingarten in des Schedlerstobel und torgel daran stoßt uf an des Schedlers burg stall seiner Kays. Mayst. Weingarten der Rutzenberg 1 Juch Reben im vellis, git der hans von Ach 1 Juch Reben zue Rikhenbach an helbern, git hans von Ach ... in das Gotteshaus in der Auw bei Bregenz geben halben Wein so Weingarten Ruzenberg des Gozhus ist um halb wins verlihen und ab Gozhus Wingart ob der Stayg... und ist ain halb Fuder wins us dem Torgel im Ruzenberg führen für den Keller auf das Schloss zu Bregentz ... das Gotshauß Weingarten im Obern und Undern Brand sind 1 1/2 Juch ... das Kayßl. Weingart zu Ruezenberg und dem Ambts Rebgart Torggel ... Gemäß Verfachbuch: Martin Som der Müller zu Rikhenbach, ab sinen Reben und Pomgart der Groppersbühel negst bey der Müllin ... item 7 schopf reben im guet Bechling negst bey bildsteiner Torgel gelegen ... herrschafts reben und Weingart der Ruezenberg samt Torggel ist zehendfrey und gend darein 8 fuder Zünßmist und 19 1/3 Tagwerck frondienst von der Underthanen am Steußberg ... Im Verfachbuch sind noch genannt: ... Reben in schedlerstobel des Joseph Roner Schuechmacher ... ... Reben im Rutzenberg ... ... Reben im brüll in wingarten Mehreraw guet... 13 Siegfried Heim Der Ippachwald (2) Der erste Teil in Heft 18 befaßte sich vor allem mit der Geschichte des Ippachwaldes und mit der Arbeit im Wald. Im zweiten Teil stellen wir nun die Bäche, die Straßen und die Wanderwege vor. Die beigefügten Skizzen sollen Ihnen das Zurechtfinden erleichtern. Sie sind aber auch eine Einladung, diese Wege wieder einmal aufzusuchen. Ein paar alte Geschichten lockern den Stoff auf. Den Abschluß bilden dann noch ein Kapitel über die Jagd und über das Forstrecht. Bild 3: Mergelkuppe am Bereuter, vom Gletscher abgeschliffen. Die Waldbäche Gebirgsbildung Die Schluchten unserer Bäche schneiden so tief in den Steußberg ein, daß an vielen Stellen Felsplatten und senkrechte Felswände sichtbar werden. Es sind Mergelfelsen. Als sich im südlichen Vorarlberg die Alpen schon weit aus dem Urmittelmeer gehoben hatten, befand sich bei uns noch ein großes Meeresbecken. Da hinein lagerten die Alpenflüsse das mitgeschwemmte Material ab. Es war vor allem Granitsand mit beigemischtem Ton. Durch Kalkwasser verfestigte sich der Sand allmählich zu Mergel. Aus reinerem Sand bildete sich der härtere Sandstein, den wir an den Südhängen des Steußberges antreffen. Vor etwa 20 Millionen Jahren war der Meerestrog schließlich voll. Später wurden auch die neu gebildeten Felsschichten, in denen vielerlei Reste von Tieren und Pflanzen versteinert sind, durch den Gebirgsdruck angehoben. Dabei ergab sich eine Bruchstelle, ein Knick, der sich von Rickenbach über Bildstein zum Sulzberg und weiter ins Allgäu zieht. So entstand vor etwa 5 Millionen Jahren unser Steußberg. Endgültig formten ihn aber erst die gewaltigen Eisströme der Gletscher, die in den Eiszeiten ihre schweren Lasten vom Rheintal her über die Flanken des Steußbergs in das Tal der Rotach ergossen. Vor etwa 10 000 Jahren ging die letzte Eiszeit zu Ende. In das öde Land stießen Pflanzen und Tiere vor. Seit 8000 Jahren deckte ein Urwald den Berg zu. Vor 1000 Jahren rodeten die Menschen dann zwei Drittel davon. Den Rest kultivierten sie zu unserem heutigen Wald. In unserem niederschlagsreichen Land entspringen rund um den Steußberg viele Quellen. Weil sich parallel zum Gesteinsknick des Berges eine ganze Reihe von Falten von Ost nach West ziehen, zwingen diese den Wolfurtern Bächen auch eine Flußrichtung nach Westen statt zur nahen Bregenzerach auf. Nur die Bäche östlich vom Ippach-Brünnele, der Plattenbach und der Bildgraben, finden noch einen Weg nach Norden zur Ach hinab. 14 Der Tobelbach Hinter einem Felsgrat rinnen aus dem Moos am Saustall zwei Bäche. Während der Plattenbach durch das Sustall-Loh nach Osten fließt, sucht der Tobelbach den weiten Weg nach Westen. Er umgeht das Hinterfeld und erreicht nahe der Alten Bucherstraße die Rütte. Hier haben die Dorfbewohner vor vielen hundert Jahren ihre Brunnenstuben gegraben und durch lange hölzerne Düchelleitungen den Brunnen am Dorfplatz mit Wasser versorgt. Der Dorfbach floß damals noch durch das Töbele am Fuß der Weinberge des Pfarrers zum Dorfplatz, dann an den Haustüren der Gasthäuser Rößle, Alter Schwanen und Lamm vorbei in die Bütze und Richtung Ried. Heute wird er schon am Waldrand auf der Rütte in einem Schlammbecken gefangen und zur Ach abgeleitet. Nur ein kümmerliches Rinnsal fließt noch durch das Tobel in eine Versickerungsanlage mit sieben Gruben hinter dem Kindergarten im Dorf. Auch das Haldenbächlein, das einst von der Schloßgasse her zur Versorgung des Dorfes beitrug, versickert dort. Nur bei starken Niederschlägen muß sein Überwasser in den alten Unterlauf des Tobelbachs zur Neudorfstraße geleitet werden. Der Ippachbach Der nach dem Rickenbach zweitgrößte Wolfurter Bach heißt auch Sackgraben, Holzerbach, Schuolarbächle und im Unterlauf Landgraben. Seine Quelle hat er am Oberen Schach in den Gitzner Büheln oberhalb des Dreiländerblicks. Die Parzelle Sack muß er in Betonrohren unterqueren. Danach schneidet er an der Rappenfluh tief in den Mergelfels ein, sodaß sich eine bis zu 20 m hohe Wand gebildet hat. An Hoamolitto vorbei sprudelt der Bach ins Mösle hinab, nimmt dort noch andere Rinnsale auf und bricht dann beim Dachsfelsen am Frickenesch nach Norden Richtung Dreigassen durch das Felsband. Im Holz hat seine Kraft früher den Schmiedehammer und die 15 Oberhalb von Spetenlehen versorgt er eine Reihe von Brunnenstuben und wird dann durch Rohre in den Eulentobelbach geleitet. Der Rickenbach Dieser weitaus größte von allen Bächen am Steußberg entspringt nördlich von Gallin in Oberbildstein und nimmt unterhalb von Baumgarten den vom Schneiderkopf herabfließenden Hochtobelgraben auf. Dann stürzt er sich durch die tiefe Staudachschlucht und das Mühletobel ins Tal. Über den Rickenbach und sein ganzes Umfeld hat uns Alfons Fischer schon eingehend berichtet (Heimat Wolfurt, Heft 3, S. 1. Einen weiteren kurzen Beitrag mit einer Skizze des alten Unterlaufs der Bäche gibt es auch in Heft 6, S. 39.). Die Kraft des Rickenbachs gab den Impuls zum Entstehen der Firmen Mühle-Gunz und Schlosserei Doppelmayr. Unter den Fabrikshallen durch fließt der einstmals gefährliche Wildbach durch einen Kanal in den Kessel und vor der Stöonorno Brugg in die Schwarzach. Bild 4: Wasserscheide in den Gitzner Büheln. Knapp dahinter liegt im Wald der höchste Punkt von Wolfurt. Mühlräder getrieben. Unterhalb des Schlosses lockte sein frisches Wasser in Draiars Weiher (dem Silbersee) sogar die Dorfjugend zum Schwimmen. Heutzutage wird es in Rohren bis an die Unterhub hinab geleitet. Ein Teil muß sogar den Umweg zum Unterlauf des Tobelbachs im Neudorf machen, um dessen altes Bett wieder mit Leben zu füllen. In Unterlinden hat der Bach früher bei Überschwemmungen einen hohen Lehmkegel aufgeschüttet und dann den Weg ins Strohdorf genommen. Dort ist das kleine Himmelreichbächlein, das am Frickenesch entspringt, zu ihm gestoßen. An der Schule vorbei ging der Lauf weiter, hinab is Loamloch. Noch bis vor hundert Jahren tranken Mensch und Tier aus dem heute verrohrten Bach. Beim Lehmloch ist er wieder frei. Hier nimmt der Ippachbach von rechts den Tobelbach und von links den Eulentobelbach auf. Als großer Landgraben unterquert er den Güterbahnhof. In sein kostbares Bergwasser mischen sich die Schollenwässer aus den Neuwiesengräben. Weit unten beim Sender bildete der Landgraben früher die Gemeindegrenze gegen Lauterach. Heute wird er über Lauteracher Grund in die Dornbirnerach abgeleitet. (Siehe Heft 9, Seite 28!) Der Eulentobelbach Seine beiden Quellen sickern am Bereuter aus den Büheln unterhalb der alten Sennerei. Durch das dunkle Eulentobel, auf dessen rechter Schulter die Lichtung Hoamolitto und danach auf der linken das sonnige Meschen liegen, erreicht er die Ebene an der Hub. Wie alle anderen Bäche ist auch er im Wohngebiet verrohrt. Als Flotzbach tritt er unterhalb der Brühlstraße wieder zu Tage und erreicht im Lehmloch den Landgraben. Zu seinem Einzugsgebiet gehört auch der Bannholzbach, der bei Meschen entspringt. 16 Bild 5: Die Rappenfluh. Gefährliche Steilwände am Ippachbach. Noch rinnt aus den Moospolstern des Ippachwaldes reichlich klares Wasser durch die Bäche ins Tal herab und speist unseren Grundwassersee. Selbst anhaltende Trockenzeiten und Frost können sie nicht zum Versiegen bringen. Ein gewaltiges Kapital für die Zukunft, das es zu hüten gilt! Straßen durch den Ippachwald Die älteste Straße durch den Ippachwald war schon vor mehr als 1000 Jahren der Saumweg vom heutigen Kirchdorf über das Holz hinauf nach Buggenegg auf den Steußberg. Über Alberschwende und die Lorena stießen hier die ersten Siedler in den Bregenzerwald vor. Vom Steußberg führte ein Weg zu den ältesten Bucher Höfen auf die Siegerhalde hinab. Als die zahlreicher gewordenen Bucher eine direkte Verbindung ans Land suchten, entstand ein zweiter Saumweg, die Alte Bucherstraße. 17 1. Wolfurter Gemeindeholzteil Katzensteig 2. Wolfurter Gemeindeholzteil Frickenesch Die Gemeinde Wolfurt besitzt (einschl. einiger weiteren kleinen Parzellen) insgesamt 6,85 ha Wald. 3. Lauteracher Gemeindeholzteil Ippachbrünnele mit 5,57 ha Wald 4. Harder Gemeindeholzteil Gschliof und Kohlgrub 8,48 ha Wald Dann stieg der Holzbedarf in den großen Hofsteigdörfern im Tal. Erst jetzt begann man, mit Schlittenstraßen die Waldteile zu erschließen. Eine solche Straße - sie ist im Kataster von 1857 in einer Breite von einigen Metern (!) eingezeichnet - führte von der Ach auf der Trasse der 1996 neu gebauten Erlenstraße auf das Oberfeld und dort an der nördlichen Kante am Bergarhus vorbei zum Waldrand hinauf. Ihr letztes Stück von der Neuen hinüber zur Alten Bucherstraße besteht noch als Fahrstraße. Das Kirchdorf versorgte sich mit zwei Holzstraßen. Eine war die Alte Bucherstraße. Die zweite führte durch das Tobel ins Holz und in die Dreigassen hinauf. Über die Schloßgasse hatte sie einen bald mehr benutzten weiteren Anschluß. 18 Keinen direkten Zugang hatte das Frickenesch. Die Holzstraße von Unterlinden herauf erschloß nördlich davon am Ippachbach die Wälder bis zu den Dreigassen. Vom Strohdorf stieg man dagegen über das Himmelreich südlich vom Frickenesch in die Wälder an der Hohlgaß hinauf. Mit dieser wichtigen Holzstraße vereinigte sich oberhalb des Himmelreichs eine weitere Straße von der Hub durch das Eulentobel. Als 1929 eine zum Bau der Illwerkemasten neu angelegte Fahrstraße (beim heutigen Wasserspeicher) in zwei Kehren den steilen Bühel überwand, verloren die alten Holzstraßen zum Himmelreich und ins Eulentobel hinab ihre Bedeutung. Seither sind sie von Dornen überwuchert worden und nicht mehr passierbar. 19 Heute erlauben vier Straßen von Wolfurt aus die Zufahrt zum Ippachwald: Neue Bucherstraße Alte Bucherstraße Schloßgasse (Steußbergweg) Frickenescherweg A. Die Neue Bucherstraße Die Landesstraße L 14 über Buch nach Alberschwende beginnt bereits in der Bütze. Ihr erstes Stück, die Kellhofstraße, hieß um 1800 noch berggassen. Dort wo jetzt die Autos beim Schwanenmarkt parken, war bis 1950 ein großer öffentlicher Holzlagerplatz. Hier haben seit dem Mittelalter die Lauteracher und die Harder Bauern ihr Ippachholz von Has und Hund (Schleppschlitten) auf die schweren Block-Wagen umgeladen. Buch war bis 1935 ganz ohne Autostraße. Die Alte Bucherstraße und je ein Weg vom Schneider zur Siegerhalden und von Fischbach zur Mereute waren ja nur Karrenwege. Um das Jahr 1927 machte der Bucher Pfarrer Lutz in sehr vielen Artikeln im Vorarlberger Volksblatt unter dem Titel Aus dem Ippachwald auf diesen unhaltbaren Zustand aufmerksam. Jetzt begann das Land endlich, eine Autostraße in das abgelegene Dörfchen zu planen. Die ersten Pläne sahen eine Trasse von der Achbrücke her auf der alten Ächler Holzstraße am Nordrand des Oberfeldes vor. Nach der Überlieferung soll der Einfluß des Wolfurter Schwanenwirts Kalb und des Lammwirts Fischer eine Umplanung zum Kirchdorf erzwungen haben. Mit einer ganz neuen Trasse durchschnitt man nun die Felder bis zum Waldrand. Dort hatten die Illwerke gerade im Jahre 1929 einen großen Mast für ihre Überlandleitung nach Deutschland aufgestellt. In der Zeit schlimmster Arbeitslosigkeit von 1931 bis 1935 fanden nun zwei Gruppen von Arbeitern an der neuen Straße einen Verdienst. Fast alles wurde händisch mit Pickel, Schaufel, Brecheisen und Schubkarren gemacht. Mit möglichst wenig Steigung folgte man in unzähligen Kurven den Linien, die die Natur vorgab. Durch Felskanten sprengte man enge Tunällor. Das machte den Bau so interessant, daß in der Folge viele Vorarlberger die neue Kunststraße besichtigten und so zum ersten Mal in ihrem Leben nach Buch kamen. Über den großen Bucher Ippachbach führte nun eine moderne Betonbrücke, die noch heute den gestiegenen Anforderungen genügt. Die romantischen Tunnels mußten allerdings bei der Straßenrenovierung in den 80er Jahren verschwinden. Ein einziges blieb als Denkmal alter Straßenbaukunst neben seinem neuen größeren Bruder stehen. Alle paar Jahre kam es an dem steilen Hang, wo der Waldhumus nur in dünner Schicht auf dem Molassefels aufliegt, zu Rutschungen, Große Muren verlegten dem Bucher Boten Fridolin Scheffknecht oft den Weg. Er mußte mit seinem Kohle auf einem Leiterwagen die kleinen Kaufläden und das Gasthaus in Buch versorgen. Seit 1956 ermöglicht eine neue Straße nach Fischbach bei Vermurungen eine Umleitung des Verkehrs nach Alberschwende. So war zum Beispiel die Fahrt durch den Ippach nach einem gewaltigen Felssturz am 19. Juli 1981 gleich für mehrere Monate gesperrt. Natürlich ist die neue Straße auch für die Holzbringung von großer Bedeutung. Bis zu ihrem Bau hatte man die Stämme aus den Holzteilen an der Ach in steilen Riesen an die Ach rutschen lassen. Flößer brachten das Holz dann in gefährlicher Arbeit zum Schwellwuhr nach Kennelbach oder zum Rechen nach Hard. Vorher hatten die Besitzer ihr Holz mit dem Malhammer oder mit der Axt gemalt, damit jeder seine Stämme am Ziel wieder erkennen konnte. Die Aufgabe der Flößer bestand darin, die Stämme vom Ufer aus mit dem Flötzarhoggo, einer langen Stange mit eisernem Stoßhaken, in die Strömung zu bringen. Das war oft sehr gefährlich. Das Bucher Sterbebuch nennt eine ganze Reihe von Männern, die beim Flößen ums Leben kamen. Die letzten großen Holztriften auf der Ach fanden um das Jahr 1950 statt. Seither holt man die Stämme mit starken Wellenbock-Seilwinden aus den Tobein an die Straße herauf. Holzmale 1. Anschlagmal des Wolfurter Waldaufsehers zur Kennzeichnung der zum Fällen genehmigten Bäume. Im Original 42 x 29 mm groß. 2.-7. Triftmale, genehmigt von der BH Bregenz für die Flößerei auf der Ach im Triftjahr 1926. 2. Kaspar Steurer, Sägewerk, Schwarzach. Für 600 m3 Blockholz. 3. Johann Schertler Zimmermeister, Lauterach. 150 m3. 4. Norbert Hartmann, Dampfsäge, Hard. 440 m3. 5. Rudolf Bösch, Baugeschäft, Lustenau. 300 m3. 6. Kalb und Heim, Wolfurt-Bütze. 60 m3. 7. Baltus Scheffknecht, Wolfurt-Ach. 40 m3. Weitere 1000 m3 wollte auch noch die Gemeinde Hard aus ihrem Ippachteil flößen. Sie beantragte ein eigenes Triftzeichen. (Aus Sammlung Heim) 20 21 B. Die Alte Bucherstraße Ursprünglich war garmannesbuch von Bildstein aus über die Siegerhalden besiedelt worden. Der Kirchgang nach Bregenz und später nach Wolfurt ließ aber einen Saumweg nach Wolfurt entstehen, der sich schließlich zu einer schmalen Fahrstraße für Fuhrwerke entwickelte. Von der Berggasse beim Wolfurter Friedhof abzweigend durchquert er in einem Hohlweg zwischen Buggenstein (Stöcklers Bühel) und Tobelbach den Tobelwald und erreicht auf der Rütte den eigentlichen Ippachwald. Hier quert bim Bänkle am Waldrand der Wolfurter Höhenweg. Hier beginnt auch die neu ausgebaute Forststraße, für die auf der Ächler Holzstraße eine Verbindung zur Neuen Bucherstraße geschaffen worden ist. Schon nach 350 Metern Hohlgasse erreichen wir im Ippach den Holzplatz. Vom Holzplatz geht es über die kleine und die große Katzostoag hinauf auf die Anhöhe beim Ippabrünnele. Die Wälder zu beiden Seiten gehören bereits zum Lauteracher Ippach. Beim Ippachbrünnele erfrischt klares Quellwasser Mensch und Tier. Oft rasten hier müde Wanderer am Fuß des alten Wegkreuzes. Eine steile Straße zweigt zu den Wäldern am Sustall ab. Ganz flach, manchmal sogar leicht abwärts, führt die Alte Bucherstraße jetzt durch den Harder Ippach und überquert dabei mehrere Bäche. Der größte ist der Plattenbach, der vom Saustall kommt und über steile Felsplatten zur Ach hinabspringt. Nach dem Bildgraben geht es wieder aufwärts zum Gschliof. Einen fünf Meter hohen Damm haben die Straßenbauer hier aufgeschüttet und dann eine ganz neue Straße in zwei steilen Kehren in den Kohlgrubenwald hinauf gezogen. Eine Tafel weist uns auf die Alte Bucherstraße, die von hier ab nur mehr als schmaler Pfad erhalten geblieben ist. Die Wolfurter Bergsteiger haben ihn erst 1975 wieder begehbar gemacht. Kurz nach einer Tafel, die die Gemeindegrenze gegen Buch anzeigt, ist unterhalb des Weges in den 30er Jahren ein 2000 Tonnen schwerer Felsbrocken abgebrochen. Die etwa 30 m lange und bis zu 10 m tiefe Spalte hat sich zwei Meter breit geöffnet. Lange fürchtete man, der schwere Klotz würde die knapp darunter vorbeiführende Neue Bucherstraße zerschmettern. Er liegt aber nun schon 60 Jahre lang ruhig da und Bäume sind auf ihm gewachsen. Über den großen Bucher Ippachbach - nicht verwechseln mit dem Wolfurter Ippachbach - hat der Alpenverein einen neuen Steg erstellt. Bis ins 19. Jahrhundert bestand hier eine gedeckte Holzbrücke. Davon erfahren wir aus dem Bucher Sterbebuch: Auf dem Heimweg vom Nikolausmarkt fiel am 6. Dezember 1838 ein 76jähriger Mann bei finsterer Nacht von der gedeckten Brücke ins Wasser und starb. Nun ist es nicht mehr weit bis zu den Wiesen in der Bucher Parzelle Ippach. Im Gartland treffen wir auf die Neue Bucherstraße. Bis hierher, bis zum ehemaligen Gasthaus Engel, soll im 30jährigen Krieg die Pest eingeschleppt worden sein. Als die schreckliche Krankheit nicht weiter über den Bach in die Gemeinde vordrang, errichteten fromme Leute dort, wie sie es versprochen hatten, eine kleine Pestkapelle. Bis 1760 gingen die Bucher jeden Sonntag nach Wolfurt zur Messe. Jetzt wollten sie eine eigene Pfarre. Sie behaupteten, sie seien zwei Stunden weit von der Pfarrkirche Wolfurt entfernt, mit der Sackuhr ordentlich abgemessen (Rapp III. S. 73). Im Sommer bedrohten Erdrutschungen den Weg und hätten schon oft Versehgänge des Pfarrers so behindert, daß Sterbende ohne Sakramente blieben. Außerdem werfe es in Buch so viel Schnee, daß einer vor seines Vatters Hause den Schnee 11 Schuh tief gemessen habe. 3 1/2 m tief! Das war nun dem Wolfurter Pfarrer zuviel! Soviel Schnee sei hier seit Menschengedenken nirgends gefallen, außer etwann ein schwarzen Lugenschnee. Und die Distanz nach Wolfurt betrage nur eine, höchstens I 1/4 Stunden. Wie dem auch sei - die Bucher bekamen 1760 ihren ersten Pfarrer. Aber noch mehr als 170 Jahre lang trugen sie auf der alten Straße Bündel von Rebstecken und Heugeschirr nach Wolfurt und tauschten sie bei Hanso Hus gegen einen Stumpen Mehl oder 7: andere Krämerware. Mehr als 16 000 Bild Bänkle. Eingang zur Alten Bucherstraße. Bim Stück hölzerne Heugabeln und Handrechen wurden in manchen Jahren von Buch aus in den ganzen Bodenseeraum exportiert (Bucher Chronik von Vorsteher Joseph Flatz, 1860, S. 41). Viele Lebensmittel trugen die Frauen vom Wochenmarkt von Bregenz bis nach Buch: Alles oder das meiste tregt der Bewohner auf seinen Schultern daher, namentlich Lebensmittel, diese werden dann gewöhnlich aus der benachbarten Stadt Bregenz hieher getragen und zu dieser unnatürlichen Arbeit werden dann von manchen unbarmherzigen brutalen Hausvätern ihre Weiber und Töchter angehalten, seien sie auch in Umständen wie sie immer heißen mögen, da wird weder auf dieses, noch auf die Ungestümmigkeit der Witterung keine Rücksicht genommen. Dieses bildet zumal im Winter bei heftiger Kälte oder sonstigem Unwetter beim Sturm oder Schneien einen tragisch komischen Anblick, wenn man derartige Geschöpfe mit ungeheuren Lasten auf den Schultern, und noch sonstige Bagage am Arm, schnaubend ermattet und mit Schweis überronnen daher wanken sieht, gewöhnlich noch ohne Kopfbedekkung mit zerstreuten in der Luft herum fliegenden Haaren, im Sommer gewöhnlich noch barfuß, halbgekleidet was sehr unanständig und der Moralität sehr zuwider ist, und anderen Nachbargemeinden sehr zum Aerger gereicht. (Bucher Chronik, S. 46). Die Straße verdiene diesen Namen nicht, sie sei ein schlechter elender holp23 22 Bild 8: Ippa-Brünnele. Ölbild von Engelbert Köb aus dem Jahre 1914. Bild 9: Die Paradieswiese Hoamolitto. Rechts unten am Waldrand verläuft die Gemeindegrenze. riger Fahrweg (S. 4). Schon einige Jahre vorher hatte im Jahre 1855 der k.k. Bezirksvorstand den Hofsteiger Vorstehern, die in ihren Ippachteilen für die Erhaltung der Wege verantwortlich waren, die bittere Klage der Bucher vorgelegt, daß die Straße durchgehends zu schmal sei, indem sich ihre Breite nur auf das Maß der beiden Räder beschränkt... Der Fuhrmann könne nicht neben dem Pferde gehen. Lauterach verpflichtete sich zum Ausbau auf 9 Schuh Breite. Ein elender Karrenweg ist die alte Straße trotzdem bis zur Eröffnung der neuen im Jahre 1935 geblieben. Dann ließ man sie endgültig verfallen. Die Ippachbrücke stürzte ein. Erst 1975 erstellte der Wolfurter Alpenverein auf der alten Trasse einen neuen, schönen Wanderweg. Seither haben viele Erholungssuchende dieses herrliche Stück Wald entdeckt. Und noch schönere Gebiete erschließt seit 1996 die neue Forststraße vom Gschliof in die Kohlgrubwälder. C. Der Steußberg-Weg Der steile Straße an Schloß und Schmiede vorbei in den Wald hinauf ist also der älteste Weg durch unser Ippach. Bei der Besiedlung des Bregenzerwaldes traten bekanntlich vor 1000 Jahren die Montforter und die mit den Staufern verbündeten Pfullendorfer als Konkurrenten auf. Die Montforter hatten ihren Weg vom Hofsteig in Rickenbach über das Farnach und Alberschwende nach Ungenau und weiter nach Andelsbuch. Der Stützpunkt der Pfullendorfer und der Staufer war der Kellhof mit seiner Kapelle St. Nikolaus. Ihr Saumweg führte direkt über den berütterberg hinauf nach buggenegg, dann durch die roßgass und die Abendreute nach Alberschwende und weiter über die Lorena zu den „Reichspfarren" Schwarzenberg und Egg. Für das erste Stück ins Holz hinauf gab es drei Zugänge: den wichtigsten durch das Tobel, daneben einen links über die Rütte und einen rechts von der kirchgassen her (beim Haus Zilla Zoller, Kirchstraße 16). Der unterste Teil der Schloßgasse (bei HausNr. 1) wurde erst zum Umbau des Schlosses durch den Bregenzer Kaufmann Jakob Huter um das Jahr 1856 ausgebaut. Die Schloßgasse liegt jetzt im Schatten einer Baumreihe. Früher waren die Mulde links und der Hang dahinter ein Weinberg. Junker Jakob von Wolfurt erlaubte 1517 den Dörflern, hier eine Quelle für den ersten Dorfbrunnen zu fassen. Die beiden Mühlen im Holz, wurden 1852 durch die Hammerschmiede mit dem großen Wasserrad ergänzt, die seit 1980 zum Heim des Alpenvereines umgestaltet worden ist. Vom Schmiedeweiher führte bis 1950 eine steile Hohlgasse direkt über die Dreigassen auf die Ebene am Sandigen Weg hinauf. Durch sie schleppten die Fuhrleute ihr Blockholz zur Schmiede herab. Oft war die Gasse so vereist, daß eine Fahrt mit dem schwerbeladenen Homer zu einem gefährlichen Wagnis wurde. Nur mehr ein schmaler Pfad erlaubt heute rüstigen Wanderern einen direkten Aufstieg von der Schmiede zu den Dreigassen. Die neue Forststraße umgeht dieses Gebiet nach links am Rand des Hinterfelds und erreicht auf einer neuen Trasse in einem großen Bogen den Sandigen Weg. Hier oben teilen sich die Straßen. Nach links überquert eine kurze Sackgasse die Quellbäche des Tobelgrabens und endet an der oberen Grenze des Gemeindeholzteils. Nach rechts wurde die alte Saumstraße noch bis in die Dreigassen hinab ausgebaut. Den steilen Anstieg nach Süden bewältigt bis zum Ellobogo eine dritte Straße. Von dort müssen wir dem uralten Saumweg folgend durch eine ausgewaschene Hohlgasse bis in die Ebne hinauf steigen, wo wir auf die ganz neue Forststraße zum Ippachbrünnele treffen. Hier auf der Ebne kreuzen wir den Berütterweg, der nach rechts über den Ippachbach hinüber zur Paradieswiese Hoamolitto führt. 25 24 Wir haben nun noch das schwierigste Stück des alten Steußbergweges vor uns. Rechts fällt die Rappenfluh senkrecht zum Bach hinab. Direkt auf der Felskante verläuft hier die Gemeindegrenze. Mehrere parallele Gassen und Steige führen steil nach Osten hinauf. Solche Saumwege waren ja im Mittelalter nicht ausgebaut. Je nach Witterung und Last wählte der Säumer seinen Weg. Bei vereister Bahn mied er die gefährlichen Hohlgassen und schonte so die wertvollen Beine von Mensch und Tier. Bei Neuschnee wich er den Lichtungen und Viehweiden aus und suchte den schneearmen Weg unter den Tannen. Mit schweren Lasten legte er hier heroben eine zusätzliche Serpentine ein. Sonst scheute er den steilsten kürzesten Weg keineswegs. Auf alle Fälle aber war er (wie wir auch) froh, wenn er beim Sack die Höhe erreicht hatte und nun die sanften Hügel von Bereuter und Gitzen vor sich sah. Hier im Sack verläuft die Wolfurter Gemeindegrenze links, knapp hinter den ersten Tannen am Waldrand, noch weit hinauf zu den Gitzner Büheln, wo bei 825 m ihr höchster Punkt liegt. Die meisten von uns wählen aber den Weg nach rechts zum Dreiländerblick am Bereuter. Den Gehtüchtigen sei aber auf alle Fälle noch der wunderschöne Übergang über Buggenegg und Roßgaß (Weitwanderweg 204) nach Alberschwende empfohlen! D. Der Frickenescherweg Das Frickenesch gehörte bis 1806 wie Meschen zu Bildstein. Die beiden einsamen Höfe auf dem markanten Aussichtsberg besaßen bis ins 19. Jahrhundert als Zugang nur einen steilen Pfad vom Holz her und einen Fußsteig über den Rebberg-Kamm. Die Fahrstraße zu den Höfen wurde erst zum Bau der Illwerke-Masten 1929 errichtet. Vom Frickenesch steigt die Hohlgaß nach Süden leicht an. Sie bildet hier ein Teilstück des Wolfurter Höhenwegs, der dann das Eulentobel quert und die Wanderer nach Meschen und zum Rutzenberg bringt. Die Hohlgaß biegt aber schon vor dem Bach scharf nach Osten hinauf ab. Hier liegt links der zweite große Holzteil der Gemeinde Wolfurt, ein Mischwald mit vielen Buchen. Kurz danach überqueren wir die Grenze nach Bildstein und treffen auf die wunderschöne Lichtung Hoamolitto. Litto ist das alte Wort für eine Halde zum Heuen. Diese nennt der Volksmund jetzt meist Stefano Veowoad (Stephans Viehweide) oder neuerdings auch Paradieswiese. Sie ist ja auch wirklich ein Paradies für Wanderer. Besonders der mit verschiedenen Bäumen bestockte kleine Hügel in der Mitte und der darin verborgene hohe Jägerstand locken Kinder unwiderstehlich an. Für den Botaniker und den Schmetlerlingskundler erschließt sich an den Waldrändern ein reiches Feld. Am Weg gedeihen sogar noch Edelkastanien, die als Kesten bei unseren Vorfahren besonders geschätzt waren. Kleine Markierungen verraten, daß hier auch der europäische Weitwanderweg 204 von Frankreich nach Wien durchgeführt wird. Für unsere jungen Schi-Sportler klingt es unglaublich, daß ihre Großväter in den 30er und 40er Jahren diese Strecke für ihre Abfahrtsrennen benutzt haben. Die muti26 Bild 10: Im Sack. Auch hier verläuft die Gemeindegrenze zu Wolfurt knapp hinter dem Waldrand. gen Burschen steckten sich damals selbst eine Rennstrecke durch die steilen Viehweiden bis zum Schneiderkopf hinauf aus. Schlüsselstelle blieb aber jedes Jahr die Gleitstrecke durch die meist eisige Hohlgasse. Dann galt es noch, am Flötzerkopf genug Geschwindigkeit aufzunehmen und ohne Sturz das Ziel, weit unten nahe der Kirchstraße in Unterlinden, zu erreichen. Das erste Wolfurter Abfahrtsrennen auf dieser Strecke gewann am 22. Jänner 1932 Josef Brugger mit einer Zeit von 5 Minuten 42 Sekunden (!) vor Hermann Winkel und Herbert Gasser. Später waren dann meist Jielg Tschull oder Herbert Bechter die Sieger. Die Ippachstraßen bringen heute außer Waldarbeitern auch viele erholungssuchende Wanderer in den Wald und auf die Höhen von Bildstein und Buch. Wer außer den angeführten Straßen auch noch ein paar von den kleinen Verbindungswegen kennt, dem öffnen sich in zahlreichen Varianten Rundwege durch Wälder und über Bühel, die zu jeder Jahreszeit Naturschönheiten anbieten. Von den vielen Waldpfaden und Jägersteigen zähle ich hier nur die wichtigsten auf. Ich nenne sie den Höhenweg, den Berütterweg, den Saustallweg und den Gitznerweg. Auf der beigefügten Skizze (S. 18 und 19) sind sie eingezeichnet. Der Höhenweg ist markiert und mit Geländern gesichert. Der Saustallweg ist als Forststraße ausgebaut. Der Berütterweg und der Gitznerweg werden aber wie auch der Steußbergweg kaum mehr begangen und sind daher an vielen Stellen zugewachsen und nur mehr als schmale Pfade erkennbar. Der Wanderer muß hier unbedingt mit Bergschuhen ausgerüstet sein. 27 1. Der Höhenweg Fast jeder Wolfurter und sehr viele Gäste sind schon über den Höhenweg am Waldrand von der Ach bis Rickenbach gewandert. Er besteht seit 1968, doch wurden bereits 1962 da oben vom neu gegründeten Verkehrs verein 20 Ruhebänke aufgestellt. Aber erst 1968 waren die Tobelüberquerungen fertig, sodaß Wegweiser gesetzt werden konnten. Dabei galt folgende Regelung: Die von Wolfurt bergwärts nach Buch oder Bildstein führenden Wege sollten „weiß-blau" markiert werden, die Querwege dagegen „weiß-rot". So wurde denn auch der Höhenweg schon damals weiß-rot gekennzeichnet. Er beginnt bei der Achbrücke als Fortsetzung des Achuferwegs. Auf der Sportplatzstraße bringt er uns zuerst in die Schlucht der Bregenzerach. 1847 wurde diese Straße im damaligen Flußbett der Ach zur ehemaligen Fabriklerbrücke aufgeschüttet. Hier rodeten 1947 die Fußballer ihren Platz. 1975 eröffneten die Schützen den neuen Schießstand, den sie mit einer Kassettendecke aus kostbaren alten Schützenscheiben geschmückt hatten. Dort wo bis 1932 eine gedeckte Holzbrücke den Arbeitern einen eigenen Zugang zur Schindlerfabrik ermöglichte, steigen wir steil ins Oberfeld hinauf. Nach links folgen wir der Markierung auf dem ehemaligen Ächler Holzweg. Beim Illwerke-Mast queren wir am Waldrand die Neue Bucherstraße. Über die Forststraße gelangen wir zur Alten Bucherstraße, die wir beim Bänkle an der Rütte überqueren. An der Staumauer vorbei, die den Tobelbach hier in ein Rohr zwängt, steigen wir Richtung Schloß in die Parzelle Holz zum Steußbergweg hinauf. Gleich nach dem Schmiedeteich zweigen wir wieder ab. Ein schmaler Pfad bringt uns zur Brücke über den Ippachbach und ins Frickenesch hinauf. Immer wieder laden uns Ruhebänke mit herrlicher Aussicht auf Gebhardsberg und Bodensee zum Verweilen. Vom Frickenesch leitet uns die Markierung durch die Hohlgaß, der wir aber nur bis zur einem lichten Buchenwald folgen. Dort steigen wir über steile Stufen im Mergelfels zum Eulentobelbach hinab. Auf der anderen Seite finden Einheimische den alten Weg weiter geradeaus ins Staudach oder auch den direkten Zugang von der Hub zum Bereuter. Die Markierung bringt uns aber nach Meschen hinab und von dort auf die Straße zum Rutzenberg. An dessen sonnigen Halden wurde noch im 19. Jahrhundert viel Wein angebaut. Jetzt sind sie ein bevorzugtes Siedlungsgebiet geworden. Über die Wingertgasse finden wir zur Kapelle in Rickenbach hinab. 2. Der Berütterweg Der Bergrücken vom Strohdorf bis hinauf zur Schneiderspitze heißt in alten Kirchenbüchern berütterberg. Das ist ein Name, der uns wie Rütte und Schwende an die Rodungen vor 1000 Jahren erinnert. Von den Höfen am Bereuter führen etliche Wege ins Tal, einer davon direkt nach Norden zur Furt über die Bregenzerach als ehemaliger Kirchweg und kürzeste Verbindung nach Bregenz. Wir gehen ihn umgekehrt hinauf zum Berufter. Das erste Stück von der Achbrücke herauf folgen wir dem Höhenweg bis zur Neuen Bucherstraße. Gleich am Beginn der dort abzweigenden Forststraße verlassen wir diese und kürzen auf einem Pfad über einen Waldbühel nach Nordosten zur Alten Bucherstraße ab. Die alten Dokumente nennen diesen Weg den Bregenzer Weg. Um das Jahr 1850 tadelte das Bezirksgericht Bregenz die Gemeinde Wolfurt mehrmals, weil sie den Bregenzer Weg nicht genug pflegte. Die Bucher hatten geklagt. Sie brauchten ihn. Als letzte ging bis zum Bau der Neuen Bucherstraße Anna Hopfner (die Wolfurter nannten sie einfach Buochar-Anna) fast jeden Tag aus Buch auf dem Bregenzer Weg nach Kennelbach in die Fabrik, im Sommer meist barfuß. Wenn ein Unwetter tobte, übernachtete sie manchmal bei ihrer Arbeitskollegin Bischofs Anna, die bei Mohro Emile am Kirchplatz im Quartier war. Jeden Werktag barfuß aus Buch in die Fabrik! Bis 1935 auf diesem schmalen Pfad! Beim Holzplatz am Fuß der Katzensteig überqueren wir die Straße und steigen durch den Gemeindewald aufwärts. Unser Weg führt an einem Futterstand der Jäger vorbei. Ganz nahe liegt rechts über dem Tobelbach drüben das Hinterfeld mit der neuen Forststraße. Wir bleiben aber auf der Ostseite des Baches und steigen durch eine teilweise verwachsene Hohlgasse steil aufwärts. Erst auf dem neu aufgeschütteten Damm überqueren wir den Bach und erreichen den Sandigen Weg. Gleich klettern wir auf steilem Pfad weiter hinauf zur Ebne. Eine neue Straße führt von hier nach links über den Saustall zum Ippachbrünnele. Wir überqueren sie aber und steigen in die dahinter liegende romantische Schlucht des Ippachbaches hinab. Links bleiben die steilen Wände der Rappenfluh zurück. Jenseits des Baches kommen wir bald zur Paradieswiese Hoamolitto. Sie ist bereits Bildsteiner Boden. Die schöne Holzerhütte allerdings, die Böhlers Oskar rechts am Waldrand auf einen Felsen gestellt hat, die steht noch auf Wolfurter Grund. Ein halbes Dutzend Wege trifft hier zusammen. Eine Straße geht hinüber zur Staudachstraße und weiter zur Dellen. Dort könnten wir in der abgelegenen Kapelle das fromme Bild von St. Martin und St. Wendelin besuchen, das der Kennelbacher Maler und Krippenbauer Engelbert Karg schon 1910 gemalt hat. Durch das kühle Tobel des Rickenbaches gelangt man dann auf einem selten begangenen Weg zur Erscheinungskapelle und zur Wallfahrtskirche Maria Bildstein. Von der Hohlgaß herauf kommt der Weitwanderweg 204. Ortskundige finden auch die schmalen Pfade, die direkt nach Meschen oder auf der anderen Seite ins Mösle hinab führen. Wir aber wählen den Weg durch Wald und Wiesen hinauf zu den Häusern am Bereuter. Dort ist bei der ehemaligen Sennerei einer der schönsten Aussichtspunkte des ganzen Berges. Nur mehr selten steigt ein Bergler auf dem Berütterweg ins Tal. Vielleicht war Gottlieb Böhler der letzte. Er hat ihn mir gezeigt. Da heroben auf dem Bereuter war er daheim. Der Schulinspektor hatte ihn als jungen Lehrer aber nach Schröcken versetzt. Um 6 Uhr früh fuhr von Kennelbach aus der erste Zug der Wälderbahn nach Bezau. Jeden Montag, im Sommer und im Winter, bei Regen und bei Neuschnee, oft noch in dunkler Nacht, eilte Gottlieb den steilen Weg durch die Wälder zur Ach- 28 29 Bild 11: Bim Imbohüsle im Su-Stall. Klimmers Albert 1932. Bild 12. In der Kohlgrub. 30 cm hoch decken Kohlenreste den Lehmboden am Gitznerbach. brücke hinab und war rechtzeitig am Bahnhof. Im Jahre 1954 noch auf dem gleichen Weg, auf dem einige Jahrzehnte früher Bildsteiner Leute zur Fabrik in Kennelbach und einige Jahrhunderte früher die Gläubigen zur Sonntagsmesse nach St. Gallus in Bregenz gegangen waren! 3. Der Saustallweg Su-Stoag und Su-Stall liegen oberhalb vom Ippabrünnele. Sie haben ihre Namen lange Zeit zu Recht getragen. Hinter einem Hügelrücken hat sich hier ein Moos gebildet, aus dessen Wasservorräten zwei Bäche entspringen. Durch diesen Sumpf mußten die Pferde der Lauteracher Bauern einst die schweren Holzstämme schleppen. Oft sanken Roß und Fuhrmann tief in den Morast ein - ein Saustall! Nicht viel besser war der nasse Weg hinab zum Brünnele, die Sausteig. Hier haben die Forstwegbauer saubere Arbeit geleistet, das Wasser abgeleitet und einen festen Damm durch den Sumpf aufgeschüttet. Die Lichtung am Saustall ist ein besonders idyllischer Ort. Ippachwanderer nennen den Platz Bim Imbohüsle. Ab dem Jahre 1932 betrieb der Bienenzuchtverein hier nämlich eine Waisel-Zuchtstation. Sie wurde allerdings zu Kriegsende ausgeplündert und daher schon 1947 wieder abgebrochen. Ganz in der Nähe haben die Jäger ihr Forsthaus St. Hubertus erbaut. Zwei ganz neue Forststraßen erschließen von hier aus gegen Osten die Holzteile des Lauteracher Ippachs, eine links des Plattenbachs leicht abwärts ins Saustall-Loch, die andere steil aufwärts. Auf der dritten umgehen wir nach rechts die Quelle des Tobelbachs. Weit hinab nach Westen bringt sie uns zur Ebne. Hier finden wir Anschluß an den Steußbergweg und und an den Berütterweg. 4. Der Gitznerweg Wer der Alten Bucherstraße bis ins Gschliof gefolgt ist, könnte dort leicht die Markierungstafel nach Buch übersehen, denn die neue Forststraße zur Kohlgrub folgt steil aufwärts der Trasse des Wegs nach Gitzen. Den von den Fuhrleuten früher so gefürchteten steilsten Teil des Weges haben die Planer mit zwei Kehren und einigen heute schon wieder überwachsenen „Krainer"-Wänden aus aufgestapelten Baumstämmen überwunden. Durch den großen Holzteil der Gemeinde Hard erreichen wir hier die östlichste Wolfurter Waldparzelle, die Raimund Mohr mit weißblauen Marken gut gekennzeichnet hat. Daran schließt sich auf Bucher und Bildsteiner Gebiet die Kohlgrub am Gitznerbach an. Das war früher der abgelegenste Winkel des Ippachwaldes. Hier stellten die Kohlenbrenner ihre Meiler auf und gewannen die wertvolle Holzkohle, die sie in Ledersäcken zur Straße trugen, um sie teuer an die Schmiede zu verkaufen. So einträglich dürfte das Geschäft gewesen sein, daß schließlich ein Waldgebiet von über 30 Hektar Fläche in privater Nutzung dem Gericht Hofsteig entzogen wurde. So konnte es 1796 auch nicht verteilt werden und wurde überraschend als Keil im Bucher Ippach der Gemeinde Bildstein zugeschlagen. Noch heute sind der Hämmerlewald mit über 9 Hektar Fläche und seine Nachbarholzteile die größten Waldparzellen im Ippach. Längst brennt man keine Kohlen mehr. Beim Bau der neuen Forststraße, die nach der Überquerung des Gitznerbachs auf Bildsteiner Gebiet am Tobel des Bucher Ippachbachs endet, wurden drei Kohlplätze angeschnitten. Bis zu 30 Zentimeter liegt hier Kohlenstaub, durchsetzt mit Hühnerei-großen Kohlenbrocken. 31 30 Bild 14: Die Russenhütte. Eine alte Holzerhütte in der Kohlgrub. Das Kohlenbrennen hatte früher bei uns große Bedeutung, weil man nur mit Holzkohle jene hohen Temperaturen erreichen konnte, die man in der Schmiede, beim Brennen von Kalk und auch in der Töpferei benötigte. In der Chemie fand sie ebenfalls vielerlei Verwendung, z. B. bei der Erzeugung von Schwarzpulver. Holzkohle enthält 80 % Kohlenstoff und verbrennt rauchlos. Die Kohlenbrenner - davon kommen die Geschlechtsnamen Kohler und Köhler stapelten getrocknetes Holz möglichst dicht zu einem bis zu vier Meter hohen Meiler auf, wobei sie einen mit Spänen gefüllten Feuerschacht aussparten. Dann deckten sie das Holz mit Zweigen und Erde luftdicht ab. Nach dem Entzünden bestand die Kunst des Brennens darin, die Luftzufuhr zum glühenden Holz so zu beschränken, daß dieses nicht verbrannte, sondern eben verkohlte. Das geschah durch entsprechendes Öffnen und Schließen von Luftlöchern. An der Farbe des entweichenden Rauches, anfangs schwefelgelb, dann blaß und schließlich farblos, ließ sich der Fortgang ablesen. Wenn Teer und Holzgas ausgetrieben waren, wurde das Feuer erstickt. Beim Abräumen der Erde mußte die Glut mit viel Wasser gelöscht werden. Dann wurde die fertige Kohle noch zerkleinert und in Ledersäcke abgefüllt. Der ganze Brand hatte mehrere Wochen gedauert Auf seinen Schultern trug der Kohlenbrenner die Säcke aus dem Tobel heraus zu den Fuhrwerken der Händler. Er sah jetzt aus - schwarz as wio an Kohlobrennar. Gemeinsam mit den Gerbern und den Bergknappen feierten die Kohlenbrenner am 24. August das Fest ihres Schutzpatrons. Der Apostel Bartholomäus ist ja nach der Legende in Armenien eines schrecklichen Martertodes gestorben, als ihm seine Feinde bei lebendigem Leib die Haut abzogen. Er wird daher mit einem Messer in der Hand dargestellt und von all jenen als Patron verehrt, die mit Leder zu tun haben. 32 Auf einem Hügel überrascht uns ein moosüberwachsenes Holzhaus. Der Waldbesitzer hat es nach dem Ersten Weltkrieg erbauen lassen, damit er seinen Holzarbeitern den täglichen weiten Weg ins Tal ersparen konnte. Wie aus einem Märchen sieht es heute aus. Von der Russenhütte erzählt man aber eine tragische Geschichte. In dieser abgeschiedenen Waldhütte überlebten entflohene russische Kriegsgefangene 1945 das Kriegsende. Der Hunger trieb die Männer schließlich heraus. Einzeln tauchten sie mehrmals bei den abgelegenen Höfen am Bereuter auf und bettelten um Brot. In seinem Stall geriet ein Bildsteiner Bauer in Panik, als er sich plötzlich einem bärtigen Mann in zerfetzten Kleidern gegenüber sah. Er griff nach dem Karabiner, den er verborgen gehalten hatte, und streckte den Fremdling mit einem Schuß nieder. Die Leiche versteckte er. Einige Zeit später suchten Buben nach einem Pferd, das ihnen in den Wald hinab entlaufen war. Bei der Holzerhütte entdeckten sie fremde Männer. Als sie daheim davon erzählten, wurden die französischen Besatzungstruppen alarmiert. Eine Patrouille fing die fast verhungerten Flüchtlinge ein und führte sie ab. Erst später wurde der Leichnam des verschwundenen Soldaten bestattet. Über den verrohrten Gitznergraben, der weiter unten in den Ippachbach mündet, gehen wir ein Stück zurück und steigen an der Wolfurter Gemeindegrenze in den Wald hinauf. Zur Orientierung dienen uns die weißblauen Marken oder auch die roten Pfeile, die die Wolfurter Jäger zur Kennzeichnung ihres Reviers an die großen Tannen gemalt haben. Weiter oben geht der Jägersteig in einen Traktorweg über und bald erreichen wir die Wiesen der Gitzner Bühel. Hier stehen wir an der Wasserscheide zwischen dem Bucher Ippachbach und seinem Wolfurter Namensvetter, zwischen Bregenzerach und Dornbirnerach. Wenige Meter hinter dem Waldrand findet sich der höchste Punkt der Gemeinde Wolfurt, 825 m 33 über dem Meer. Am Ostende des Oberen Schachs (ein Schach oder Schachen ist ein kleiner Wald) sammeln sich die Rinnsale aus den Büheln zur Quelle des Wolfurter Ippachbachs, der von hier aus den weiten Weg am Schloß vorbei bis zum Sender im Ried auf sich nimmt. Rechts vom Schach finden wir einen kleinen Weg in den Sack hinab, links führt die Straße über den von den Gletschern der Eiszeit blank geschliffenen Berütterberg nach Gitzen oder hinab zum Dreiländerblick. Eine wunderbare Landschaft, die uns der Herrgott so nahe vor unsere Haustür gesetzt hat! Jagd im Ippach Nach der Eiszeit belebten Tiere der Tundra unser Land. Damals haben Steinzeitjäger dem Mammut und dem Ren nachgestellt und sich über jeden erlegten Schneehasen gefreut. Später waren es Bär, Luchs und Wolf, die in den Urwäldern Hirsch und Reh jagten, aber schließlich den vordringenden Menschen weichen mußten. Auch die ersten Siedler auf den Anhöhen am Steußberg dürften ihren kargen Mittagstisch noch manchmal mit einem Stück Wildbret aufgebessert haben. In der einsetzenden Feudalzeit beanspruchten aber die Edelleute auf den Burgen und die Mönche vom Kloster das alleinige Jagdrecht für sich. In dem im Jahre 1577 aufgeschriebenen Teil des Hofsteigischen Landsbrauchs (LMV 1900, S. 143) klingt das Bedauern der Hofsteiger durch: .... So soll kain underthon noch einsess ditz gerichtz Hofstaigs in dem vorst der herrschaft Bregentz kainen hasen, fux und tachs fahen, dergleichen kain richtstatt zufahung der vögel machen, oder in dem vorst voglen, er hob dann zuvor von vogt und ambtleuten dessen sondere Vergünstigung und erlaubnus. Alles bey Vermeidung der oberkait straf. Damals war auf allen Höfen noch der Ertrag der eigenen Äcker die Grundlage der Ernährung. Und in diesen Äckern richteten vor allem die Wildschweine oft große Schäden an. Da konnten sich die Bauern nur noch durch Wildern helfen. Bilgeri berichtet darüber (Vorarlberg III, S. 99): Groß war der Schreck bei den Regenten in Innsbruck, als 1541 die wegen Wildschadens verdrossenen Leute von Steussberg, Farnach, Buch und einige von Alberschwende sich zu gemeinsamer Jagd verbanden, ohne zu fragen, viele Wildschweine erlegten und die Beute unter sich aufteilten.... Es gelang damals den Behörden nicht, die Wilderer auszuforschen und zu bestrafen. Aus dem Landsbrauch (S. 154) erfahren wir auch, daß die kaiserlichen Vögte noch immer, so wie früher die Grafen von Bregenz, den Hof auf der Steig in Rickenbach als ihren Jagdstützpunkt verwendeten. Mit ihrem Gefolge und mit Hunden und Jagdfalken ließen sie sich hier verpflegen:.... Ain Inhaber des hofs zu Staig... ist schuldig, den Jägern und hunden zueessen zegeben Item so ain adlsperson von der herrschaft Bregentz wegen zu dem geiaid (Jagd) kerne und ainfalken oder habich mit ime brächt, ist ain pawmann (Bauer) oder Inhaber solches hofs schuldig demselben zueessen und zetrinken zegeben wie solches ainer adels person gebürt. Er pawmann soll auch dem habich oderfalken ain huen geben .... 34 Im 18. Jahrhundert wurde das Jagdrecht dann von der kaiserlichen Hofkammer gegen eine beachtliche Pachtsumme dem Gericht Hofsteig überlassen. Die eifrige Bejagung der Reviere durch gerichtseigene und ab 1806 durch gemeindeeigene Jäger ließ die Wälder nahezu wildleer werden. Wir erfahren davon aus den Aufzeichnungen von Ferdinand Schneider (Chronik Schneider III im GA), der selbst nicht nur Oberschützenmeister und der beste Schütze, sondern auch ein begeisterter Jäger war. Wenn es ihm einmal gelungen war, einen Fuchs vor die Büchse zu bekommen, schrieb er darüber ein Gedicht. Ein einziges Mal erlegte er ein Reh, eine Ricke. Er hatte sie mit Vogelschrot angeschossen, weil er überhaupt nicht mit dem Auftauchen eines Rehs gerechnet hatte. In Bregenz verkaufte er das Tier... hat 35 Pfund gewogen für 13 Gulden Silber, das war meine größte Jagdbeute ... Als sorgfältiger Chronist zählt Schneider (S. 61) all seine Jagderfolge genau auf: 1 Reh, 5 Füchse, 6 Hasen, eine Unmasse Vögel aller Art... Unter den Vögeln waren insgesamt 74 Jäken (Eichelhäher), aus deren Federn er sich ein Kissen machte. Als im Jänner 1874 sechs Jäger bei gemeinsamer Jagd gar einmal eine Wildente erlegten, brachten sie diese im Triumph dem Fabrikanten Schindler in Kennelbach, der ihnen dafür fünf Gulden zukommen ließ. Den allergrößten Erfolg hatten aber drei andere Jäger, die am 1. Februar 1874 gleich zwei Füchse schossen. Mit spürbarem Neid setzte Chronist Schneider unter sein Gedicht die Bemerkung: Es waren bei dieser Jagd die Jäger Johann Müller Schuster, Peter Flatz Gabelmacher, und Josef Böhler Küffer, die besten Jäger in Wolfurt. Ein paar Jahre früher galt Mathias Geiger, Schützos von der Inselstraße, als bester Jäger. Für jährlich sieben Gulden verpachtete die Gemeinde die Jagd lange Zeit an ihn. Er bildete dann jeweils eine Jagdgesellschaft von sieben Jägern, darunter zeitweise auch der Vorsteher Josef Halder und der angesehene Rickenbacher Mechaniker Josef Anton Dür. Auch in unserem Jahrhundert verpachten die Gemeinden die Jagd namens der Grundbesitzer an interessierte Jäger. In Buch wird der Pachtschilling jährlich an die Grundbesitzer ausbezahlt. Wegen des hohen Verwaltungsaufwandes bei so vielen Parzellen verwendet die Gemeinde Wolfurt das Geld dagegen direkt für ihre Forstmaßnahmen, also auch für die Erhaltung der Forstwege. Die Jagd hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Nach dem zweiten Weltkrieg kam es zu einer ungeheuren Zunahme des Wildes. Auf Grund der Wildschadensberichte und der Bestandsmeldungen sah sich das Forstamt bald zu hohen Abschußempfehlungen genötigt, die aber von den Jägern nicht immer eingehalten wurden. Trotzdem waren die Zahlen der gemeldeten Abschüsse überraschend hoch. Im Jagdjahr 1959/60 wurden in den drei Revieren Wolfurt, Bildstein und Buch zusammen folgende Tiere erlegt: 4 Hirsche, 51 Rehe. 12 Hasen und 90 (!) Füchse Im folgenden Jahr 1960/61: 5 Hirsche, 67 Rehe, 14 Hasen und 43 Füchse Genau 10 von den vielen Rehen wurden jedes Mal im Wolfurter Revier geschossen 35 schossen wurden dort in den letzten fünf Jahren zusammen nur mehr 4 Rehe. Hasen konnten 1992 noch 3 erlegt werden, im letzten Jahr kein einziger mehr. Was werden unsere Urenkel einmal zu den Zahlen von 1992 sagen? Und der Chronist und Vogeljäger Schneider würde sich sicher auch noch für die 1996/97 im Wolfurter Revier abgeschossenen Vögel interessieren: 3 Fischreiher, 3 Wildenten, 89 Eichelhäher(l), 57 Raben, 5 Elstern, 6 Wildtauben. Und dazu noch 4 Füchse. Nur 4 Füchse! - obwohl sich Fuchs und Dachs, die man wegen der Tollwut mit Giftködern ausrotten wollte, in den letzten Jahren wieder vermehren! Das ist gut so, denn unser Wald braucht das Raubwild. Er braucht auch den Jäger! Man findet im Ippach bereits wieder junge Weißtannen und junges Laubholz. Ihr Jäger, schaut dazu! Dann wollen wir Wanderer auch auf den Wegen bleiben und das Wild in seinen Verstecken in Ruhe lassen! Forstrecht Eine wachsende Zahl von Mitbürgern zeigt Interesse an unserem Wald. Da sind zuerst einmal die Waldbesitzer, die nach schönen Tannen, aber auch nach Schäden Ausschau halten. Sie sind vor allem am Holzzuwachs interessiert. Pro Hektar wachsen im Ippach jährlich bis zu 5 1/2 Festmeter Nutzholz zu. Dann sind da die Jäger, die für ihren Jagdpachtschilling natürlich entsprechend viel Wild und möglichste Ruhe im Wald haben möchten. Da kommen fallweise auch Pilzsammler und andere, die Ausschau nach Heilkräutern, Beeren, Haselnüssen und anderen Waldfrüchten halten. Auch Fischer steigen durch den Ippachwald zur Ach hinab. Weitaus am größten ist aber in den letzten Jahren die Zahl der Spaziergänger geworden, die plaudernd in Gruppen oder als meditierende Einzelgänger auf einsamen Wegen die abgelegensten Waldwinkel entdecken. Zu ihnen sind zuletzt auch noch hastende Jogger und sportliche Mountainbiker gestoßen. Aber auch jenen, die nicht selbst durch den Wald streifen, muß wie uns allen die reinigende Kraft des Waldes für Luft und Wasser ein ganz besonderes Anliegen sein. Seine lebensnotwendige Funktion für die Gesundheit von Mensch und Tier ist heute unbestritten. Da stoßen die verschiedensten Interessen aufeinander. Da liegt Konfliktstoff, der durch die neuen Forststraßen verstärkt werden könnte. Darum habe ich ein wenig in den Forstgesetzen geblättert. Das Bundesforstgesetz 1987 hat erstmals die Waldbenützung zum Zwecke der Erholung umfassend geregelt und die Rechte des Waldeigentümers zugunsten der Allgemeinheit eingeschränkt: § 33. Jedermann darf den Wald zu Erholungszwecken betreten und sich dort aufhalten. Ausgenommen sind Forstgärten, Holzlagerplätze, Neuaufforstungen und ähn37 Bild 15: Weidmanns Heil! Metzger Reiner und Flatz Bild 16: Im Frickenesch hat der Jagdaufseher Franz Isidor mit zwei erbeuteten Füchsen. (Um 1930) Müller, Rößlewirts, einen Rehbock erlegt. (Um 1930) und in jedem Jahr auch 3 Enten. Was hätte wohl der Chronist Schneider hundert Jahre früher zu solchen Zahlen gesagt? Der Wildbestand wuchs weiter an. Sogar Gemsen wechselten ein und wurden zum Standwild. Etwa 30 Jahre lang fielen dem Wildverbiß alle Weißtannensprößlinge und fast aller Nachwuchs an Laubbäumen zum Opfer. Erst in den 80er-Jahren setzte ein Umdenken ein, das zum Abschuß aller Gemsen und zu einer drastischen Reduzierung des Rehwildes führte. Das Forstamt konnte zuletzt die Abschußempfehlungen senken. Jagdaufseher Arno Hagspiel hat mir die Zahlen der letzten fünf Jahre für den Wolfurter Ippach gegeben: 1992/93 zum Abschuß empfohlen 24 Rehe, erlegt 24 1993/94 21 Rehe, erlegt 19 1994/95 18 Rehe, erlegt 11 6 weitere Rehe wurden aber im Ried von Autos getötet. 1995/96 zum Abschuß empfohlen 18 Rehe, erlegt 15 dazu auf der Straße getötet 3. 1996/97 zum Abschuß empfohlen 15 Rehe, erlegt 11 dazu bis März bereits 3 überfahren. Die Jagd im Wolfurter Ried ist seit dem Bau der Autobahn nahezu vernichtet. Ge36 liche Einrichtungen. Lagern bei Dunkelheit, Zelten, Befahren oder Reiten sind nur mit Zustimmung des Waldeigentümers zulässig. Für das Schifahren gelten besondere Bestimmungen. § 34. Befristete Sperren von Waldflächen sind nur zulässig zur Holzfällung, Holzbringung, Waldschadensbekämpfung und für wissenschaftliche Zwecke. Wenn die Dauer der Sperre vier Monate übersteigt, ist eine Genehmigung durch die Behörde notwendig. Wer in den Wald kommt, muß sich aber natürlich an eine ganze Reihe von Regeln halten. Viele davon finden sich in der Vorarlberger Naturschutzverordnung von 1979 und 1988: § 1. Wildwachsende Pflanzen dürfen weder mißbräuchlich genutzt noch mutwillig beschädigt oder vernichtet werden. § 2 und 3. Zahlreiche Pflanzen sind vollkommen oder wenigstens teilweise geschützt. Von den teilweise geschützten dürfen nur oberirdische Teile und nur für den persönlichen Bedarf gepflückt werden. § 4. Kräuter, Beeren und Pilze dürfen nur für den persönlichen Bedarf gesammelt werden, Pilze nur in einer Menge von höchstens 2 kg Frischgewicht je Person und Tag. § 5. Freilebende Tiere dürfen nicht mutwillig beunruhigt oder verfolgt, gefangen oder getötet werden. Für die Jagd gelten besondere Bestimmungen. Neben Säugetieren und Vögeln sind auch geschützt die Reptilien (Eidechsen, Blindschleichen, Schlangen) die Amphibien (Salamander, Molche, Frösche, Kröten) Schmetterlinge, Waldameisen, Libellen und Käfer. Ebenfalls geschützt sind ihre Brutstätten (die Vogelnester, aber auch Tümpel und Ameisenhügel). Uns allen steht der Ippachwald also offen, uns allen ist er aber auch anvertraut. Kein Zaun für Wanderer, wohl aber Abschrankungen für alle nicht zum Forst gehörigen Fahrzeuge! Kein Lärm, kein Müll, kein Feuer! Keine frei laufenden Hunde! - Wir alle, der Waldbesitzer, der Jäger und der Spaziergänger, gemeinsam müssen wir dieses kostbare Stück unserer Heimat hegen und für unsere Kindeskinder erhalten! Siegfried Heim Wie hoch liegt Wolfurt? In einer offiziellen Broschüre des Statistischen Zentralamts in Wien habe ich die Höhenangaben der sechs Hofsteiggemeinden nachgeschlagen: Hard 400 m Lauterach 415m Wolfurt 434 m! Schwarzach 434 m Bildstein 659 m Buch 725 m Von Wolfurt nach Schwarzach geht es aber doch aufwärts? Ja, das schon! Aber die Meereshöhe der Ortschaften wird eben als Differenz vom Meeresspiegel der Adria zur Schwelle der Kirche gemessen. Und da steht unsere Pfarrkirche auf dem Kirchenbühel halt gleich hoch wie die Schwarzacher Kirche in der dortigen Ebene. Tiefer liegt unser Gemeindeamt 415 m! Noch wesentlich tiefer liegt der niedrigste Platz unserer Gemeinde fast beim Sender unten an der Einmündung der Schwarzach in die Dornbirnerach, der Westpunkt 402 m! Von dort hat die Dornbirnerach also nur mehr sieben Meter Gefälle bis zum Bodensee 395 m. Reißender fließt die Bregenzerach dem Bodensee zu. Ihr Flußbett unter der Kennelbacher Brücke 414m zwischen Wida und VKW noch 407 m. Auch unsere Talebene ist nicht waagrecht. Vom Ried steigen die Felder bis zur Ach und zum Berghang beachtlich an. Folgende Angaben habe ich im Bauamt gefunden, die meisten in Spezialkarten aus der Vermessung Stolitzka-Zech aus dem Jahre 1973: Schilfwiesen im untersten Birka und Äcker im untersten Neuwiesen Weitried Bauernhof Rohner im Schreibern Zimmerei Berchtold Schule Mähdle Frächterei Schertler im Flotzbach Wasserwerk Wälderstraße Martins weg Schulhof der Hauptschule Altersheim Schule Bütze 404 m 405 m 408 m 409 m 410 m 411m 411m 412 m 413 m 414 m 416 m 39 38
  1. heimatwolfurt
19960201_Heimat_Wolfurt_18 Wolfurt 01.02.1996 Heft 18 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 1997 Bild 1: Die Turmkugel hoch über dem Kirchdorf. Zuletzt wurde sie im Jahre 1985 von Spenglermeister Walter Schwerzler und Architekt Peter Konzet geöffnet. Inhalt: 83. Kriegsende 1945, Nachtrag 84. Aus der Kirchturmkugel 85. Ippachwald (1) 86. Einwanderer (3) 87. Soldatentod im Schnee 88. Ein Pergament Bildnachweis: Karl Hinteregger Bilder 1, 2, 21 Helmut Schertler 6, 8, 9, 11 Raimund Mohr 12 Siegfried Heim 5, 7, 10, 13, 14, 15 Sammlung Heim 3, 4, 16, 17, 18, 19, 20, 22 Zuschriften und Ergänzungen Fast ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis auf Heft 17 nun endlich Heft 18 folgt. Aus einer Reihe von Anfragen war zu entnehmen, daß es mit Interesse erwartet wird. Mutterpfarre Weißenau (Heft 17, S. 4) Die Frauen der Pfarre Wolfurt nahmen diesen Beitrag zum Anlaß, ihren Sommerausflug 1996 nach Weißenau zu machen. Sie haben dort eine Führung durch die großartige Barockkirche bekommen und vor dem Heiligblut-Altar gebetet. Damit ist wohl ein Neuanfang für unsere fast 400 Jahre lang unterbrochenen Beziehungen zum Kloster Weißenau gemacht. Das Landesarchiv verwaltet noch etliche Urkunden zu Weißenau und Wolfurt: Am 5. September 1447 verlieh Abt Ulrich von Weißenau sein Klostergut auf dem Bühel zu Wolfurt an Ulrich Böler. Am 31. Juli 1573 verlieh Abt Michael von Weißenau das Gut, das vormals Peter Böler innehatte, gegen Entrichtung von Zehent und eines Drittels vom Kornertrag an Hans Schnell von Wolfurt. Mir ist übrigens in dem Artikel ein Fehler unterlaufen, für den ich mich entschuldigen möchte. Die Mönche von Weißenau standen in Konkurrenz mit den Benediktinern von Mehrerau, nicht mit den Zisterziensern. Das für unsere Pfarre noch weit wichtigere Kloster Mehrerau war seit seiner Gründung im Jahre 1097 (vielleicht schon ein paar Jahre früher) bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 eine Benediktinerabtei. Sein Einfluß auf Wolfurt und ganz Hofsteig bedarf noch einer eigenen Untersuchung. Die Zisterzienser kamen erst 1854 nach Mehrerau, nachdem man sie aus Wettingen in der Schweiz vertrieben hatte. Nachkriegsjahre 1945 -1949 (Heft 17, S. 9) Dieser Artikel von Burkhard Reis hat ein vielfältiges Echo gefunden und mit seinen interessanten Bildern zu mancher Diskussion angeregt. Es ist höchste Zeit, daß die noch lebenden Zeitzeugen ihr Wissen weiter geben. Wir sind für jede Notiz dankbar. Ernst Maurer bestätigt die Angaben über Ludwig Gmeiners unbrauchbar gemachtes Auto (S. 22). Er habe selbst als junger Arbeiter in der Mechan. Werkstätte Reimair in Lauterach den Keil neu gehärtet, allerdings nicht in einem Hochofen, sondern in einem speziellen Härtungsofen. Zur Ausweisung der Reichsdeutschen (S. 22) erinnert sich Ernst Maurer, daß er damals in seinem Heimatort Sulzberg-Eibelesmühle gemeinsam mit Bekannten mehrmals deutsche Staatsbürger samt Koffern voll Wäsche und Eßgeschirr über die Grenze nach Bayern geschmuggelt habe. Für Direktor Welter von den Bregenzer MichelWerken hätten sie sogar Möbel geschleppt. Umgekehrt wurden deutsche Soldatenbräute, einmal sogar mit einem Säugling, über die Grenze eingeschleust, damit sie 3 Danke ! Sehr viele Leser unserer Zeitschrift haben mit dem letztes Mal beigelegten Erlagschein Spenden auf unser Konto 87 957 Raiba Wolfurt einbezahlt. Allen sagen wir herzlichen Dank! Besonderen Dank auch der Gemeinde Wolfurt, die den beachtlichen Abgang trägt. Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1997 durch Herrn Klocker vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim. Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard. A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H.. A-6922 Wolfurt hier ihre österreichischen Partner heiraten konnten. Vorerst war allerdigs nur eine geheime kirchliche Eheschließung möglich. Hildegund Mathis-Gmeiner berichtet, daß Franziska Gmeiner (Knores Zischgele, Jg. 1914) am 1. Mai 1945 eine Gruppe von Frauen und Mädchen zuerst in Rickenbach zu Bürgermeister Rohner und dann Richtung Dorf geführt habe. Sie riefen laut, sie wollten die Sprengung der Brücken verhindern und die friedliche Übergabe der Gemeinde erreichen. Hildegunds Vater, der gerade vom Hilfsgrenzdienst in Gaißau heimgekehrt war, verbot ihr das Mitgehen. Lina Schmid-Schwärzler wurde nach dem Einsatz im RAD zur Dienstleistung in der Hutfabrik Egg verpflichtet, wo man Elektroteile für die Rüstung fabrizierte. Das Bild von der Musterung des Jahrgangs 1918 (S. 34) wurde für viele zum Suchbild. Paul Schwerzler hat mir folgende Namen angegeben: Vorne sitzend v. 1.: Paul Schwerzler, Bütze; Johann Simioni, Strohdorf. Zweite Reihe v. 1.: Julius Amann, Postmeisters; Franz Mitterdorfer, Rickenbach (Sein jüngerer Bruder Mario ist 1943 gefallen); Karl Büchele, Schlatt; Erich Künz, Ach; Karl Rohner, Ach (gestorben schon 1939). Hinten v. 1.: Schöllnberger (ein jüngerer Bruder des Schneidermeisters Ernst Schöllnberger in der KellhofStraße); Anton Wolfgang, Rickenbach (gefallen 1945); unbekannt (vermutlich aus dem Wida). Der Jahrgang 1918 war mit 22 Geburten der zweitkleinste in unserem Jahrhundert. Weniger Kinder, nämlich 20, waren nur 1916 zur Welt gekommen, als die meisten Männer im Krieg waren. Georg Klettl hat mir ein paar Notizen vom Geschehen rund um das Vereinshaus 1945 gebracht. Er war damals als 15jähriger dort daheim: Ich erinnere mich noch daran, daß in Wolfurt ein RAD-Lager errichtet werden sollte. Dort wo jetzt das Heinzle-Haus in der Neudorfstraße steht, wurde der Rasen von RAD-Männern abgehoben und zu sauberen Würfeln aufgestapelt. Für uns Buben war der Aufmarsch der Männer am Morgen eine Sensation: blitzblanke Spaten, glänzende Stiefel, gute Disziplin. Es blieb aber beim Rasenabheben. Als sich die Front von Frankreich her dem Bodensee näherte, wurden im Vereinshaus 4 oder 5 LKW voll Werkzeug (Pickel, Schaufeln, Schlägel, hölzerne Schubkarren etc.) eingelagert. Es gehörte der Organisation Todt und war zum Bau von Befestigungsanlagen bestimmt. Nach wenigen Wochen wurde alles wieder abtransportiert. Bald darauf wurde auf der Nordseite des Vereinshauses ein Holzschuppen aufgestellt. Hinein kamen eine Gulaschkanone (Kochkessel) und ein großer Holztrog. Auch eine Pumpe und eine Wasserverteilung mit 5 Hahnen wurden installiert. Der große und der kleine Saal wurden mit Pritschen und Strohsäcken aus Papierspagat ausgelegt. Dann wurde im April 1945 die bisher in Schlünders im Südtirol stationierte Volkssturmabteilung hierher verlegt. Beim „Besensturm" waren Männer aus Bregenz und Umgebung, lauter ältere Semester. Unser Vater war auch dabei, natürlich als Sanitäter. Die Volkssturmmänner sollten bei der Verteidigung des Bodenseeufers in Hard zum Einsatz kommen. Ende April waren die Volksstürmler plötzlich nicht mehr da. An zwei Namen erinnere ich mich noch: Kommandant war der Schuldirektor Niederer aus Gaißau, Koch war ein Herr Rüscher aus Vorkloster. Dann kam der Einmarsch der Franzosen und Marokkaner mit gewaltigem Kriegsmaterial und unzähligen Mulis. Auf Instrumentenmachers Wiese beim Vereinshaus standen jede Menge Dodge und Jeeps (Autos), aber auch Kanonen und anderes Kriegsgerät. Die Panzer waren auf der Wälderstraße abgestellt. Viele hatten Käslaibe aufgeladen, die die Soldaten in den Käsereien im Allgäu erbeutet hatten. Eine große Anzahl Marokkaner schlief im großen Saal auf den vom Volkssturm verlassenen Pritschen. Drei Schmiede waren bei Schmied Köbs einquartiert. Sie hatten die Werkstatt beschlagnahmt und beschlugen nun dort ihre Mulis. Diese weideten in allen Feldern, am meisten unten in den Lehmlöchern. Die Marokkaner waren im allgemeinen diszipliniert. Sie wurden von den französischen Oberen strenge behandelt. Ich erinnere mich noch, daß unsere Mutter ihnen einen ganzen Einweckhafen voll Innereien kochen mußte. Ein fürchterlicher Gestank erfüllte unsere ganze Wohnung. Unvergeßlich! Ganz andere Erinnerungen verbindet Frau Gebhardine Ciaessens mit dem Kriegsende. Als Tochter von Bürgermeister Ludwig Hinteregger, der damals die Verantwortung für Wolfurt wieder übernahm, erhielt sie Einblick in das tragische Geschehen um die Kriegstoten in Wolfurt: Bei dem Tieffliegerangriff am Nachmittag des 1. Mai 1945 hörten meine Mama und ich den Einschlag im benachbarten Kaplanhaus. Im Hausgang wurde die 15 Jahre alte Luise Bilgeri getroffen, als sie in den Keller laufen wollte. Sie wurde über die Stiege hinab geschleudert. Eine Flüchtlingsfamilie, die schon vorher dort Zuflucht gesucht hatte, glaubte zuerst, die Großmutter werfe ihnen noch ein Kleiderbündel zu. Schnell wurden die Krankenschwester Epiphanie und Herr Klettl vom Roten Kreuz verständigt. Ein Transport war nicht möglich. Innerhalb von 12 Stunden ist Luise innerlich verblutet. Das Sterbebuch der Gemeinde hält dazu fest: Luise Bilgeri, geb. 22.5.1930, am 2. Mai 1945, 4.30 Uhr früh, verstorben. Leberdurchschuß durch Tieffliegerangriff am 1. Mai 1945. Am 2. Mai brachte man zwei tote deutsche Soldaten zu uns. Sie lagen zuerst im Tenn. Dann wurde jeder in einen Sarg gelegt und bis zur Beerdigung unter der ersten Arkade des Friedhofs aufgebahrt. Ihr gemeinsames Grab bekamen sie im unteren Friedhof links vom Eingang in der dritten Reihe an der Mauer. Der eine war ein unbekannter Soldat. Er trug nur mehr einen Rosenkranz bei sich. Die Papiere und die Erkennungsmarke hatten ihm wahrscheinlich seine Kameraden abgenommen, um die Angehörigen zu verständigen. Dazu ist im Sterbebuch, bezeugt von Bürgermeister Hinteregger, notiert: Unbekannter Soldat, am 2. Mai 1945, 6 Uhr, gefallen bei Haus 23. (Haus 23 ist Scheffknechts Haus hinter dem Wälderhof an der Ach.) 5 4 Der zweite Soldat trug sein Soldbuch bei sich: Herbert Hümpel, geb. 3.1.1927, aus Kirch-Mummendorf, Bez. Grevenmühlen, Mecklenburg. Das Soldbuch und ein paar Fotos aus seiner Heimat blieben vorerst bei uns. Jeden Suchdienst habe ich angeschrieben. Weil Mummendorf im von den Russen besetzten Gebiet lag, kam erst im November 1952 die erste Anfrage von seinen Eltern. Vom Roten Kreuz in Hamburg hatten sie eine Nachricht erhalten. Ich konnte ihnen das Soldbuch zuschicken. Ende der 60er Jahre wurden die beiden Toten vom Österr. Schwarzen Kreuz exhumiert und auf dem Kriegerfriedhof bei der Evangelischen Kirche in Bregenz neu beigesetzt. An Hümpels Finger steckte noch sein Ring mit den eingravierten Buchstaben H.H. Für die Übermittlung dieser Erinnerung an ihren einzigen Sohn äußerten sich die Eltern dankbar. Inzwischen konnte die einzige Tochter auch schon das Grab ihres Bruders besuchen. Im Sterbebuch bezeugt Bürgermeister Hinteregger: Kanonier Herbert Hümpel ist am 2. Mai 1945, 6 Uhr, in Wolfurt-Oberfeld beim Einmarsch der Franzosen durch Kopfschuß verstorben. Einige Seiten weiter ist im Sterbebuch auch der Tod des Familienvaters Gebhard Böhler (Heft 17, S. 10) vermerkt: Verstorben am 2. Mai 1945, um 18.15 Uhr, in Tuttlingen in der Karlsschule. Lungen- und Leberdurchschuß beim Einmarsch der Franzosen am 2. Mai 1945. Die Leiche wurde nach Wolfurt überführt und am 27. Juli 1947 beigesetzt. Vier junge Menschen mußten also am letzten Kriegstag allein noch in Wolfurt sterben. Einige Zeugen berichten sogar von einem weiteren Todesopfer. In einer Wiese neben der heutigen Nußgasse wurde ein deutscher Maschinengewehrschütze durch einen Lungendurchschuß schwer verletzt. Arthur Fischer berichtet, daß man ihn in sein Elternhaus, in die ebenerdig gelegene Wohnung seines Bruders Eugen, brachte. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Einwanderer 2, Italiener (Heft 17, S. 39) Dieser Bericht wurde in Kennelbach diskutiert. Die Nachkommen der Wolfurter „Italiener" wissen noch, daß ihre Eltern besonders unter dem Übernamen „Tschinggo" gelitten hätten. Das Spottwort stammt angeblich vom italienischen „cinque" (fünf). Die Italiener waren übrigens tief-katholisch. Pfarrer Nachbauer verlangte 1905 für sie einen ständigen italienischen Seelsorger. In Scharen gingen die Männer am Palmsonntag oder am Karsamstag zu den Kapuzinern in Bregenz zur Beichte. Daheim mußten sie dann ihren Beichtzettel vorlegen. Barmherzige Schwestern (Heft 17, S. 60) Einen wunderschönen Brief hat Sr. Isabella Schedler aus Mils geschickt. Unter anderem erzählt sie darin, wie sie als Schülerin 1923 helfen durfte, die neue kleine Glocke über die Berggasse zur Kirche hinauf zu ziehen. Siegfried Heim Dokumente aus der Turmkugel In Bildstein ließ Pfarrer Hinteregger anläßlich von Instandsetzungsarbeiten an seinen Kirchtürmen auch die Turmkugeln öffnen. Dabei fand sich in einem gut verschlossenen Behälter ein handgeschriebenes Dokument aus dem Jahre 1711. Weil die Wallfahrtskirche damals noch zur Pfarre Wolfurt gehörte, ist die Botschaft auch an uns gerichtet. Msgr. Gerhard Podhradsky und Werner Vogt haben sie für uns gelesen und kommentiert. Im Bildsteiner Pfarrbrief vom 25. Aug. 1996 wurde sie abgedruckt. Hier nur ein Auszug: Jesus Maria et Joseph Anno 1692 seindt die Thürnx zue bildtstain bey der Kirchen undt walfahrt erbawet, undt nach 19 verflossenen Jahren widerumb repariert, undt die Kupplen erhöchet worden. Daran haben gearbaithet M. Philipp Geiger undt bartholome böler in Bildtstain, Hanß Stadelmann, undt bartholome böler, zwey Zimmermann. Solche Rupien saindt gedäckht worden von H. Georg broz Landtaman2 undt Seinem Sohn Christian broz von Rankhwil. Zue der Zeitt:.... Nun berichtet der Schreiber, daß der Kaiser (Josef I.) gestorben sei und sein Bruder Karl um das Erbe in Spanien Krieg führe. Ludwig XIV von Frankreich sei in das Land eingedrungen. Die Ungarn hätten ihren Aufstand beendet. Aber noch führten die Schweden gegen die Polen und Dänemark gegen die Schweden langwierige Kriege. Er zählt auch die kirchliche Obrigkeit mit Papst Clemens XI. und dem Bischof von Konstanz Joannes Franciscus auf und fährt dann fort: Zur Zeitt, da H. Pfarrer in Bregenz Jo. Caspar Boch Administrator Episcopalis3 undt Ihro Gnaden Jo. Andreas Pappus v. Trazberg Archiducalis Administrator4 in Bildtstain der Kirchen waren. DD. Beneficiati5 in bildtstain waren zue der Zeitt R.D. Franciscus Casparus Frewis Brigantinus6 .... 1 2 3 4 5 Türme Georg Brotz aus Batschuns war Ammann im Gericht Rankweil-Sulz Verwalter des Bischofs Verwalter des Erzherzogs Die Herren Benefiziaten waren die Inhaber der vier aus Opfergaben der Pilger gestifteten und erhaltenen Pfründen in Bildstein. Im 18. Jahrhundert wirkten an der Wallfahrtskirche ständig vier Priester. aus Bregenz 6 6 7 R.D. Jo. Jacobus Reinhardt Wangenensis .... R.D Fran. Xaverius Wechinger Dornbürensis1 .... R.D. Jacobus Fer Weilhaimensis .... Aeditus hoc tempore: Joannes Schindel in Ranchwilanus simul et Ludemoderator.8 Parochus in Wolffurt R.D. Joannes Egendter Beznaviensis.9 Amanus im gericht hoffstaig H. Georg Ronner in Wolffurth.10 Also 1711 zur Zeitt, da die 4 vor Arlenbergische Herrschaften Ser betrangt waren mit Kriegß beschwerden, winther-quartier, durchzüg in Italien11, undt was daß Meriste12, mit haimmischen großen Uneingkeitten, oder bellis intestinisli. Aus Christlichem Mittleiden vor alle obbemelte Personen So einer Solcher solte noch in der quall des Fegfeürs aufgehalten werden Sollen betten alle gegenwerthige ein hailig undt Andächtiges Vatter Unsser undt Ave Maria.14 Amen. geschechen in bildtstain den 18. July 1711. — Soweit also das Bildsteiner Dokument. Der Wolfurter Kirchturm stammt als ältester Teil der heutigen Pfarrkirche wahrscheinlich noch aus dem 15. Jahrhundert. Vermutlich hat erst Pfarrer Franz Josef Feurstein im Jahre 1728 das alte gotische Satteldach durch eine Turmspitze ersetzen lassen. Jedenfalls läßt sich seither auch in Wolfurt eine Turmkugel nachweisen. Beim großen Kirchenumbau von 1833 ließ Pfarrer Barraga dieselbe öffnen. Er schreibt darüber15: 1834. DerSommer war unerhört warm und sehr trocken. Es regnete nur einige Mahl; daher konnte auch die im vergangenen Jahr aufgebaute Kirche sehr gut austrocknen und mit dem Thurm verputzet werden. - Der Thurmknopfhat 22 Zoll'6 im Durchmesser. Im selbigen fand sich ein kleines 1 1/4 Zoll langes Schächtchen von Holz, es schloß in sich das Evangelium des H. Johannes, ein Wachs17 und ein Zettelchen mit den Worten Franciscus Feurstein parochus18 1728, den 28. Oktober. In einer blechernen Büchse wurde es mit einigen Noten abermahl in selbigen gelegt. Leider ist diese Büchse mit dem ältesten Dokument von 1728 seither verschollen. Franz von Barraga, von 1828 bis 1835 Pfarrer in Wolfurt, schrieb aber auf eine kleine 7 Bild 2: Blick von der Kirchturmkugel auf den Dorfplatz hinab (1985) Rolle Pergament einen zweiten Brief an uns, den er 1834 in die Turmkugel einlegte: Lectori Salutem!19 1833 ist die alte Kirche, die im Langhause 9 Klafter oder 54 Schuhe, und in der Breite ohne Mauer 4 Klafter oder 24 Schuhe hatte20, stückweis so abgebrochen worden, daß der Gottesdienst immer in der Kirche gehalten werden konnte; indem das 13 aus Dornbirn Mesner war zu dieser Zeit Johann Schindl aus Rankweil, zugleich auch Lehrer. In Bildstein hatte nämlich ein Jahr vorher der Benefiziat Dr. Jakob Halder eine der ersten Schulen im weiten Umkreis errichtet. 9 Der aus Bezau stammende Wolfurter Pfarrer Egender hatte einige Jahre früher nur mit großer Mühe verhindern können, daß sich Bildstein als Pfarre selbständig machte. Hofsteig-Ammann Georg Rohner war zuvor einer der Anführer bei den erfolgreichen Aufständen des „Gemeinen Mannes" gegen die Willkür der kaiserlichen Vögte gewesen. Lies über ihn und die im folgenden Absatz beschriebene Not in unserem Land in „Heimat Wolfurt", Heft 13, S. 28! 1 ' Durchmärsche von Soldaten nach Italien 12 das ärgste mit Bürgerkriegen. Gemeint sind die Aufstände des "Gemeinen Mannes", bei denen Bregenz zweimal von den Bauern besetzt worden war. 14 Demnach wurde das Schreiben öffentlich verlesen. Schon zu deren Lebzeiten wurde dabei für die Obrigkeit um Erlösung aus den Qualen des Fegefeuers gebetet. 15 im Anhang zum Pfarrfamilienbuch I C, Pfarrarchiv Wolfurt 16 17 18 22 Zoll sind etwa 57 Zentimeter Wachsfigur. Solche wurden häufig von Pilgern geopfert oder als Andenken gekauft. 19 Pfarrer Ein Gruß: Dem Leser sei Heil! 20 17,10 Meter lang und 7,60 Meter breit 8 9 neue Gebäude sich schnell erhob, und im obigen Jahre mit dem Dache versehen werden konnte. 1834, am Feste Maria Geburt stand die neue Kirche11 vollendet da. Baumeister war Peter Bilgeri von Lauterach, Bauer22 Sebastian Rüscher von Bitzau, die Maurer aus dem Bregenzerwald. Vorsteher L. Fink.23 Bauinspizient Anton Matt von Bregenz. Kassier MartinSchertler,Altvorsteher.2'1' Der Kosten beläuft sich gegen 6.000 Gulden. Freiwillige Beiträge der Pfarrkinder und das Drittel davon von seiner Majestät dem Kaiser Franz I. als Patron in den Fußstapfen des Klosters Mererau decken diese Unkosten.25 Unter Leitung des Zimmermeisters Fetz von Eck im Bregenzerwald ist den 26. August 1834 der Thurmknopf abgenommen worden. Es fand sich in demselben beiliegendes Schächtchen Nr. I von Franz Jos. Feuerstein, Pfarrer zu Wolfurt. Ad. 28 Oktober 172426. Derzeit ist Pfarrer Franz De Barraga, gebürtig von Wien, erzogen zu Innsbruck, wegen Priestermangel nach Vorarlberg berufen, war Kaplan zu Rankweil und Schwarzenberg, dann Pfarrer in Damüls. 1834 ist der Tit. Dekan zu Schwarzach, Joseph Stadelmann; der Hste. H. Generalvikar u. Weihbischof, Johannes von Tschiderer; der Hste. H. Fürstbischof zu Brixen, Bernard Galura; Seine päpstlichen Heiligkeit heißt Gregor der XVI. Den... September 1834 ist der Thurmknopf oder die Kugel vergoldet wieder an seine Stelle gesetzt worden - von Spengler Joseph Schwerzler. Nur etwas mehr als 40 Jahre ruhte das Dokument diesmal in der vergoldeten Kugel. Man hatte den Turmhelm mit kleinen grün glasierten Ziegeln eingedeckt. Diese hielten den rauhen Westwinden aber nicht stand. Dekan Josef Anton Waibel, von 1867 bis 1879 Pfarrer in Wolfurt, sah sich 1877 gezwungen, den morsch gewordenen TurmDachstuhl zu erneuern und mit einem Blechdach zu versehen. Bei vielen Wolfurter Es war eigentlich keine neue Kirche, sondern eine großzügige Erweiterung. Turm und linke Wand der alten Kirche blieben erhalten. Siehe Heimat, Heft 4, S. 59 u. 60! 22 Polier, Bauführer 23 Leonhard Fink (1777-1860) aus Sulzberg, Adlerwirt in Rickenbach, war in Wolfurt schon 1821-22 und dann wieder zur Zeit des Kirchenbaus ab 1832 Vorsteher. 24 Altvorsteher Joh. Martin Schertler (1793-1856), ein Sohn des Schützenmajors Jakob Schertler in Unterlinden, beaufsichtigte von Seiten der Gemeinde den Bau. Später wurde er 1850 bis 1853 ein zweites Mal Gemeindevorsteher. 25 Nach der Auflösung des Klosters Mehrerau im Jahre 1806 war das Patronat über die Pfarre Wolfurt im Umweg über den bayerischen Staat an das österreichische Kaiserhaus gekommen. Die mit dem Patronat verbundene Verpflichtung zum Beitrag am Neubau der Kirche soll der Kaiser aber sehr lange nicht eingelöst haben. Jedenfalls konnte der Brixner Weihbischof Georg Prünster die Kirche erst am 25. Juni 1849 einweihen (Rapp, S. 801). 26 Dieses Datum differiert mit Barragas Eintragung im Pfarrbuch (siehe weiter oben!) um vier Jahre. 27 68 Fuß sind etwa 21,5 Meter, für einen Dachbalken eine erstaunliche Länge. 21 Häusern setzte man einige von den vom Kirchturm entfernten grünen Ziegeln auf das Dach, um sich damit einem zusätzlichen Schutz zu unterstellen. Auf dem Turm wurde natürlich auch die Kugel geöffnet und darin ein dritter Brief hinterlegt: Lectori salutem! 1877 wurde der Thurm renovirt u. mit Eisenblech gedeckt. Dabei kam zur Verwendung: 7 (sieben) lange Stück Holz, wovon das längste 68 Fuß.27 Eisenblech 2400 Quadrat Fuß.28 Die Kugel wurde neu verfertigt aus Kupfer u. im Feuer vergoldet. Durchmesser 20 Zoll.29 Das Kreuz ganz neu. Die ganze Länge 12 Fuß 8 Zoll.30 Das Baucomite bildeten: Franz Hinteregger, Gemeindeausschuß, Dorfmeister, Hauptleiter des Baues.31 Jos. Anton Schedler, Gemeinderath.32 Jos. Anton Geiger, Altkirchenpfleger.33 Arbeiter des Baues: Josef Gmeiner (Strohdorf), Zimmermeister Johann G. Schwärzler (Unterlinden) Josef Schwärzler (Tobel)34 Dachdecker: Martin Schwärzler, Flaschner (Schifflewirth)35 Seine Gehilfen: Wilhelm Schwärzler, Sohn des Obigen Alexander „ Johann Köb von Bildstein, Geselle bei Obigen. 28 29 30 31 Das entspricht einer Fläche von 240 m2. Die neue Kugel war also mit nur mehr 53 Zentimeter Durchmesser etwas kleiner als die alte. Ziemlich genau 4 Meter. Franz Hinteregger (1845-1919) wohnte in der Bütze. Als Dorfmeister war er für Straßen, Bäche und Brunnen im Dorf verantwortlich. 32 Josef Anton Schertler (1829-1916), Flotzbach. Auffallend ist, daß der Pfarrer die Schreibart Schedler verwendete. 33 Jos. Anton Geiger (1820-1888), Rochusles 34 Alle drei waren Zimmerleute aus bekannten Familien: Gmeiner von Disjockeles (später nannte man sein Haus Knores) im Strohdorf. J.G. Schwerzler von Zimborars in Unterlinden. Sein Haus am Anfang der Frickenescherstraße in Unterlinden zeigt noch heute auffallenden Zimmermannsschmuck. Er hat 1905 auch Kreuz und Kugel auf die Turmspitze gesetzt. Josef Schwerzler (1850-1915), der schwarz Toblar, stellte 1911 das Kreuz im oberen Friedhof auf. 35 Das Gasthaus Schiffte stand am nördlichen Ende der Bützestraße. Sohn Wilhelm ist später nach Kennelbach übersiedelt, Alexander nach Amerika ausgewandert. 10 11 Bild 3: Für die neuen Glocken baute die Pfarre 1905 auch eine neue Glockenstube und erhöhte den Turm auf 57 Meter. Bild 4: Frau Agatha Schneider, 1895-1985, Wohltäterin der Kirche Bild 5: Der 1833 eingemauerte Grundstein der Kirche wurde 1994 freigelegt. Die Vergoldung des Hahnes kostet ungefähr 30 fl. Die Kosten übernahm J.G. Kalb (Schwanenwirth). Das Kreuz verfertigte Jos. Anton Dür, Mechaniker, aus eigenen Kosten.36 Der übrige Kosten des Baues kommt ungefähr auf 1500 fl öst. Wrg. u. wird durch Zuschlag auf die Gemeindesteuer gedeckt. (Die Kugel aus Kupfer kostet ungefähr 40 fl u. die Vergoldung 100 fl). Der Bau begann den 17. Juli 1877 unter dem Vorst. J.G. Fischer17. Der Thurmknopf mit Kreuz und Hahn ist unter Leitung des J.G. Schwerzler (Unterlinden) Samstag d. 11. Aug. 1877 wieder auf dem Thurm befestigt worden. Beigelegt wurde das Bild des göttl. Herzens Jesu u. der Zettel mit dem Gebet: „Akt der Sühne ". Der Zeit ist Pfarrer: Jos. Anton Waibel, Dekan, geb. zu Hohenems. Kaplan: Wilhelm Müller. 36 General-Vikar u. Weihbischof: Johann Amberg Fürstbischof zu Brixen: Vincenz Gasser Seiner päpstl. Heiligkeit: Pius IX. Hier schreibt Pfarrer Waibel ein Kompliment an seinen politischen Gegner: J. A. Dür (1818-1888), Gründer der Groß-Schlosserei in Rickenbach, aus der später die Firma Doppelmayr hervorging, war ein Anführer der Liberalen. 37 Vorsteher Joh. Georg Fischer (1847-1918) war Adlerwirt in Rickenbach und ebenfalls ein Liberaler. Als Pfarrer Nachbauer 1904 Spenden für neue Glocken sammelte, verweigerten die Rickenbacher ihre Zustimmung und sammelten lieber für eine zweite Kirche mitten im Dorf. Trotzdem brachte der Pfarrer 43.000 Kronen zusammen und konnte damit das schönste Geläute im Land anschaffen. Zur Erichtung einer größeren Glockenstube mußte die Turmspitze 1905 abgenommen werden. Dabei wurde die Kugel geöffnet. Die beiden alten Briefe darin kamen in das Pfarrarchiv. Im Trubel der Ereignisse beim Aufrichten des neuen Turmes - er war mit 57 Metern um 11 Meter höher als der alte! - dürfte der Pfarrer auf das Einlegen eines neuen Turm-Dokumentes vergessen haben. Vielleicht ist ein solches aber auch bei späteren Reparaturen verloren gegangen. Jedenfalls ist keines bekannt. Ganz neu eingedeckt wurde der Turm samt dem Kirchendach dann erst wieder im Herbst 1985. Diesmal hinterlegte Lehrer Peter Heinzle als Vorsitzender des 12 13 Pfarrgemeinderates wieder einen gut geschützten Brief in der Turmkugel. Dieser ist eigentlich für unsere Nachkommen im nächsten Jahrhundert bestimmt. Hier folgen daher nur einige Auszüge: Wolfurt, am 30. Okt. 85 In den Monaten Sept. und Okt. 1985 wurde die dringend nötige Erneuerung des Kirchendaches und der Turmeindeckung vorgenommen. Gleichzeitig wurde das größtenteils holzwurmbefallene Gebälk imprägniert und die gesamte Fassade gestrichen. (Aufzählung der beteiligten Baufirmen und der für den Bauverantwortlichen Mitglieder des Pfarrgemeinderats.) ... Die Arbeiten wurden durch extrem schönes und trockenes Herbstwetter besonders begünstigt und verliefen ohne Unfälle. Die Finanzierung der enormen Kosten (ca. 2 Mill. S - das ist etwa der halbe Wert eines Einfamilienhauses samt Grund) konnte zu einem großen Teil durch die Erbschaft der Wwe. Agathe Schneider, geb. Geiger, gestorben 1985, erfolgen. Gott vergelte ihr diese übergroße Wohltätigkeit! Die Marktgemeinde Wolfurt hat derzeit etwa 6500 Einwohner, davon etwa 4500 Katholiken. Gastarbeiter aus der Türkei u. Jugoslawien stellen mit ihren Familien etwa 1/10 der Bevölkerung. Wolfurt hat sich in den vergangenen 30 Jahren vom Bauerndorf zur Industrie gemeinde entwickelt. Es bleibt zu hoffen, daß verantwortliche Gemeindepolitiker diese Entwicklung in Bahnen lenken können, die zum Wohl aller Wolfurter und auch unserer Nachkommen gereichen. Das Jahr 1985 war für die Pfarre und die Marktgemeinde Wolfurt ein Jahr großer Veränderungen. Nach 28jähriger, überaus segensreicher Tätigkeit trat Pfarrer Gebhard Willi (Jg 1913 - Ehrenringträger der Markigem. Wolfurt) in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Kaplan German Amann Den Generationswechsel begann im verg. Herbst der Gemeindearzt Dr. Lothar Schneider (Jg 1920). Er war 28 Jahre Gemeindearzt in Wolfurt, davon viele Jahre einziger Arzt Ähnlich lange im Amt war Bürgermeister Hubert Waibel (1960-85). Er wurde im Mai von Erwin Mohr abgelöst In luftiger Höhe wartet diese Urkunde nun hoffentlich viele Jahre lang auf den ersten Leser. Sehr lange schon wartet eine andere Urkunde im Fundament der Pfarrkirche St. Nikolaus. Im Dezember 1994 wurden die Grundmauern freigelegt, weil man sie entfeuchten wollte. Dabei entdeckten die Arbeiter 2 Meter rechts vom Hauptportal in nur 70 Zentimeter Tiefe einen Stein mit seltsamer Inschrift. Eine Untersuchung ergab, daß es sich um einen alten Grabstein handelte. Eingemeißelt war unter dem Christuszeichen IHS auch das Datum Mai II 1770 zu erkennen. Bei der Errichtung dieses Fundaments im Jahre 1833 sollte der alte Sandstein wohl etwas schützen, das dahinter verborgen ist. Pfarrer Barraga berichtet darüber im Familienbuch bei den Aufzeichnungen über den Wolfurter Kirchenbau: 14 Den 28. April 1833 wurde vom Hochwürdigen Gnädigen Herrn H. Dekan, k.k. Schuldistriktsinspitient und fürstbischöflichen Geistlichen Rathe zu Bregenz in Schwarzach Joseph Stadelmann, nachdem er eine sehr angestande Rede hielt und die Stelle des Hochaltars eingesegnet hatte, unter dem Schalle der türkischen Musi38 der Eckstein gesetzt. Rechts an der forderen Seite der Kirchenmauer. Er hatte die Aufschrift, die die Jahrzahl enthält: Fördere, o Gott! dieß Werk von uns Wolfurtern zu Deiner höchsten Verherrlichung. Er wurde ausgehöhlt, und in die Höhle wurde ein Fläschchen gut versiegelt gelegt, welches einige Notizen z. B. von den zu leistenden Auslagen, von den Nähmen der regierenden geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, enthält. Auch wurden einige kleine Münzen beigelegt. Pfarrer Amann konnte der Versuchung, nach den kleinen Münzen zu greifen, widerstehen. Er ließ den Stein ungeöffnet. Der Graben wurde wieder zugeschüttet. Darin meine ich des Pfarrers Botschaft an uns zu hören: Unsere Kirche wird weiterhin auf festem Grund stehen! 38 gemeint ist die damalige Wolfurter Blasmusik 15 Siegfried Heim Der Ippachwald (1) Neue Straßen Seit 200 Jahren bewirtschaften im Ippach mehrere hundert Grundbesitzer ihre oft sehr kleinen Waldparzellen. Jedes Jahr holten sie früher, als es noch keine modernen Heizungen mit Kohle oder Öl gab, das notwendige Brennholz für Herd und Kachelofen aus dem eigenen Holztoal (Waldteil). Schöne Stämme sparte man für Bauvorhaben oder auch zum Verkauf. Durch steile Riesen ließen die Holzer die glatten Stämme über die Hänge herab rutschen. Starke Pferde schleppten die schweren Lasten zu den Holzplätzen. Nur auf Schneebahnen konnte man sie von dort ins Tal bringen. Die Umstrukturierung der Landwirtschaft brachte ab 1950 auch für den Wald große Veränderungen. Zentralheizungen und Elektroherde verdrängten die Holzöfen. Während die Arbeitslöhne stiegen, sanken die Holzpreise immer tiefer. Auch Zugpferde wurden selten. Neue Waldbesitzer hatten oft kaum mehr Bezug zu ihrem Waldteil. Wege und Marken verfielen. Manche Waldteile wurden jahrzehntelang nicht mehr bewirtschaftet. Mehrmals versuchte die Gemeinde, die Waldbesitzer zu einem gemeinsamen Straßenbau zu bewegen. 1965 legten die Forstfachleute des Landes zusammen mit Waldaufseher Paul Geiger einer Grundbesitzerversammlung sogar baureife Pläne vor. Eine Einigung kam aber nicht zustande. Überall im Land wurden Wälder durch neue Straßen erschlossen. In Wolfurt ließ man dagegen die alten weiter verfallen, abrutschen, ausschwemmen, vermuren. Große Waldflächen waren für Traktoren nicht erreichbar. Im Winter 1988/89 wurden dann aber endlich oberhalb von Frickenesch drei Waldwege saniert. Jetzt erstellte die Forstbehörde durch Dipl.-Ing. Siegfried Tschann und Ing. Roland Eine ein neues Projekt für den Ippachwald, das den Ausbau von 5,2 km Waldstraßen vorsah. Sofort nahmen einige „grüne" Gemeindevertreter ablehnend Stellung. Sie erhielten Unterstützung durch ein Gutachten des Landschaftsschutzes: Eine intensive Waldbewirtschaftung würde zu Fichten-Monokulturen führen! Dem widersprach Dipl.-Ing. Tschann in einem Gegengutachten heftig: Die Ippach-Forststraße gehöre zu den dringensten Aufgaben im ganzen Bezirk. Jetzt lud die Gemeinde alle Grundbesitzer zu einem Informationsabend am 6. April 1990 in die Aula der Hauptschule ein. Das aufgelegte Projekt fand Zustimmung. Eine Reihe von Waldbesitzern forderte sogar eine Ausweitung auf weitere Waldteile. Am 4. Mai 1992 wurde schließlich in einer Versammlung in der Aula der Hauptschule die Bringungsgenossenschaft Ippachwald gegründet und ein Ausschuß mit Vertretern aus Hard, Lauterach, Schwarzach und Wolfurt gewählt. Obmann wurde 16 Bild 6: Bei der Alten Schmiede wurde die Forststraße 1993 neu angelegt. Im Hintergrund erkennt man den Einschnitt des alten Dreigassenwegs. Helmut Schertler. Zwar erklärten 113 Waldbesitzer spontan ihren Beitritt, aber nun mußten mit großem Aufwand weitere 200 Unterschriften eingeholt werden. Schließlich taten alle 331 Besitzer mit, lückenlos alle! Sonst hätte man ja Mautstraßen bauen müssen. Der Ausschuß erarbeitete Satzungen und eine Wegeordnung. Schon 1992 wurde die Zufahrt von der Neuen zur Alten Bucherstraße ausgebaut. Ab August 1993 begann der Bagger mit der Arbeit am Dreigassen-Weg bei der Alten Schmiede im Holz. Die Bauleitung hatte mit Gottfried Mathis ein Mann übernommen, der seine Erfahrung im Straßenbau von der Wildbachverbauung einbrachte. Bis zum Sandigen Weg hatten die Planer ein Stück weit eine neue Trasse wählen müssen, von dort hinab zu den Dreigassen, hinauf zum Ellbogen und nach links hinein über den Tobelbach konnte man alten Gassen oder Wegrechten folgen. Im März 1994 begann man mit der Sanierung der Alten Bucherstraße hinauf über die Katzensteig zum Ippachbrünnele. Es folgten das schwierige Stück über die Sausteig zum Saustall und drei anschließende Stichstraßen, von denen eine die Holzteile bis weit herab in der Ebene bei Hoamolitto erschließt. Eine zweite am Saustallgraben ließ diesen Naturbach möglichst unberührt. Im März 1995 kam das zweite Baulos der Alten Bucherstraße vom Ippachbrünnele zum Gschliof an die Reihe. Die sumpfigen Murablagerungen im Gschliof selbst mußten mit einem 5 m hohen Damm überquert werden. Daran wurde noch ein ganz neues Straßenstück in die Kohlplatzwälder hinauf angeschlossen. So hatte die Genossenschaft nun mit 6 1/2 km Straßen etwa 180 Hektar Bergwald für die Bewirtschaftung mit Maschinen erschlossen. Zu den Kosten von 6 Millionen Schilling mußte jeder Eigentümer einen Anteil bezahlen, den überwiegenden Teil finanzierten aber Land und Gemeinde. Diese günstige Lösung war nur durch den 17 Bild 7: Veranwortlich für die neuen Straßen: Gottfried Mathis, Helmut Schertler, Ing. Roland Erne, Paul Geiger. Bild 8: So sah die Sausteig bis 1994 aus: eng und matschig. großen Einsatz der Verantwortlichen möglich. Weil sie weitgehend den alten Wegerechten gefolgt waren, mußte nur ganz wenig Holz geschlagen werden. Keine einzige Sprengung war notwendig geworden. Durch dieses Beispiel angeregt, hatte sich in einer weiteren Gründungsversammlung am 17. März 1994 eine zweite Genossenschaft Ippachwald II gebildet, die die anschließenden Wälder auf Bucher und Bildsteiner Kohlplatz-Gebiet erschließen wollte. Unter Obmann Herbert Böhler und seinem Stellvertreter Raimund Mohr stießen sie im Winter 1995/96 mit einer 800 m langen Stichstraße bis in die Schlucht des Bucher Ippachgrabens vor. Dabei mußten sie den Gitznergraben queren und den Steilhang mit Hilfe von etlichen Krainerwänden (Konstruktionen aus Baumstämmen) überwinden. So wurden hier in dem abgelegensten Teil des Ippachwaldes weitere 33 Hektar erschlossen. Am 4. Oktober 1996 konnten die fertigen Straßen den neuen Besitzern vorgestellt werden. Landesrat Schwärzler und Bürgermeister Mohr eröffneten in einer kleinen Feier bei der Alten Schmiede die neuen Zugänge zu unserem Wald. Aus der Geschichte Gemeinschaftswald Der Ippachwald deckt eine Fläche von insgesamt etwa 600 Hektar. Er erstreckt sich von Wolfurt an der Ach entlang unterhalb von Buch bis zum Alberschwender Unterrain. Durch bewaldete Tobel ist er mit dem Asenenwald bei Alberschwende und dem Bildsteiner Täschenwald verbunden. Jenseits der Ach schließen sich die ausgedehnten Wälder über Hohwacht und Fluh bis zum Pfänder und durch das Wirtatobel zum 18 Hirschberg an. Von 415 m Meereshöhe am Achufer des Wolfurter Sportplatzes steigt der Ippachwald steil zur 973 m hohen Schneiderspitze auf. Im Mittelalter hatten zwischen 900 und 1200 n.Chr.G. Hofsteiger Siedler zuerst die Wolfurter Bühel und die sonnigen Südhänge des Steußbergs in Bildstein gerodet und dann auch die flachen Ebneten und die sanften Halden am Osthang in Fischbach und Buch. Den steilen, feuchten und schattigen Nordhang des Steußbergs ließen sie ungeschoren. So blieb dort der große Ippachwald erhalten. Sein uralter Name, im Volksmund Ippa, stammt wohl von den zahlreich vorkommenden Eiben (Iba). In überreichem Maß lieferte er den Siedlern das Bauholz für ihre Häuser und das Brennholz zur Beheizung ihrer Kochstellen. Die Bauern der alemannischen Markgenossenschaften und der sich daraus entwickelnden Dörfer bewirtschafteten den Wald und die Felder lange Zeit gemeinsam. Gemeinsam trieb ein Hirt das Vieh aller Höfe auf die Waldweiden. Gemeinsam erntete man an bestimmten Tagen Beeren, Holzäpfel, Eicheln und andere Waldfrüchte. Unter Aufsicht von Ammann und Geschworenen des Gerichts Hofsteig wurden jedes Jahr vom banwart die zum Fällen bestimmten Bäume gemalen (mit einem Mal versehen). Der Bannwart war ein vereidigter Aufseher (Siehe Hofsteigischer Landsbrauch, LMV 1900, Seiten 138 u. 149!) Jeder husröchi (jedem Haus mit einer rauchenden Feuerstelle) wurde eine bestimmte Anzahl von Bäumen zugelost. Das Los entschied also, ob einer seine Stämme vom nahen Frickenesch oder etwa in einem abgelegenen Ippachteil fällen durfte. Wer ein Haus oder einen Stadel baute, erhielt vom Gericht kostenlos das dazu notwendige Holz. Zu den Pflichten des Ammanns gehörte die regelmäßige Kontrolle der Marken, mit denen die Gerichtswälder abgegrenzt waren. Es scheint immer wieder Holzfrevel gegeben zu haben. Jedenfalls gibt der aus dem Mittelalter in die Neuzeit übernom19 Bild 9: Behutsam wurde der neue Dreigassenweg der Natur angepaßt. Bild 10: Im Gschliof war die Alte Bucherstraße nur mehr ein morastiger Pfad. Eine neue Forstsraße erschließt jetzt hier die Kohlplatzwälder. mene und 1544 aufgeschriebene Hofsteigische Landsbrauch strenge Anweisungen: Die an die Gemeindehölzer angrenzenden Nachbarn sollten die Marken anerkennen und .... darüber nit greifen noch dem tigen Hofstaig in dessen Waldungen, hölzern, gesteüd und gestreyppt ainichen schaden zuefüegen, weder wenig noch vil darinnen howen oder wegg tragen ... (S. 179. Ein tigen ist ein Bezirk.). .... Item am berg soll niemands in gemainen höltzern reuten noch holz howen, dann mit der andern willen .... (S. 149). Tannenholz durfte nur als Zimmermannsholz verwendet und nicht als Brennholz vergeudet werden: .... das bueche holtz zuebrennen und das tenni holtz zue gezimbern und gebewen und änderst nit. Dann welcher zimerholtz verwüesten würde, der soll ainer herrschaft fünf pfund pfening strafgelt zuebezalen schuldig und verbunden sein. Desgleichen soll auch kainer kainjung büechelin erkimin genannt, noch kain berend pomb ob den marken abhowen .... Also standen junge Buchen {erkimin, wörtlich Erdkeim) und Beerensträucher (berend pomb) unter besonderem Schutz. (S. 146). Aus den abgelegensten Tobein konnte man das Holz nicht herausführen. Dort stellten die Kohlenbrenner ihre Meiler auf und erzeugten die wertvolle Holzkohle: Item es soll niemands kolen, dan an den enden, dahin ain jeder von dem amman gewisen und beschaiden würdet (S. 146). Auch die Wagner wurden in jene Tobel gewiesen, aus welchen man das Holz auf dem Rücken heraufschleppen mußte: Item die wangner des gerichtz Hofstaigs sollen auch holtz howen an denen orten und enden, dahin man nitfaren kan, sonder zu ruck und unden auftragen muess; auch sy von amman und ge rieht beschaiden werden (S. 146) Gefälltes Holz mußte binnen eines Zeitraums von einem Jahr und 6 1/2 Wochen aus dem Wald entfernt sein, sonst durften es andere wegführen. 20 Das Eichenholz galt als besonders wertvoll. Daraus wurden die für die Brücken benötigten Balken geschlagen. Aber auch die Küfer brauchten es für Fässer und Standen. Eine bestimmte Menge Brennholz wurde dem Pfarrer für den Pfarrhof zur Verfügung gestellt. Anderes nahm die Gemeinde für sich selbst, besonders zur Herstellung von Dücheln (hölzernen Rohren) für die Dorfbrunnen, für Brücken und für Zäune. Die Aufteilung des Waldes Über viele Jahrhunderte fanden die Hofsteiger mit dieser Holzordnung ihr gutes Auskommen. Am Beginn des 18. Jahrhunderts häuften sich aber Streitigkeiten wegen des Gemeinschaftswaldes. Im Jahre 1706 beklagte sich Alt-Ammann Haltmayer vor Gericht bitter über die Unordnung in den Wäldern, die unter seinem Nachfolger aufgekommen war (Heimat, Heft 13/29). Mißbrauch der Schlägerungsrechte führte dazu, daß Ammann Jerg Rohner den jungen Pfarreien Lauterach und Hard ihr ius lignandi cumulative (das Recht, für den Pfarrer beliebig viel Holz zu schlagen) beschneiden wollte und dabei im Jahre 1728 beim Klerus auf Widerstand stieß (Rapp II, S. 274). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mußte der gemeinsame Wald in den sechs Dörfern von Hofsteig insgesamt 602 alt berechtigte Häußer versorgen. Dazu waren aber zuletzt noch 34 neu berechtigte sogenante Neübäüler gekommen, die auch Holz beziehen wollten. Als Andreas Haltmayer, ein Sohn des angesehenen Rickenbacher Adlerwirts, im Jahre 1773 ein ganz neues Gasthaus, das heutige Kreuz, erbaute, wies ihm das Gericht noch kostenlos das gewöhnliche Quantum von 45 Stämmen als Bauholz zu. Das Mißtrauen der sechs Dörfer gegeneinander und gegen die Obrigkeit waren aber 21 bald danach so groß geworden, daß die Geschworenen des Gerichts Hofsteig schließlich am 3. Juni 1794 die Aufteilung der Gerichtswälder beschlossen. In der Begründung dazu heißt es: Da aus den vorangeführten zu vertheillenden Waldungen das Holz zu sämtlichen Brücken, Stegen und jeder Gemeinde aufliegenden Wuhrungen, zu den Pfarrkirchen, Pfarr u. Schulhäusern, zur beheitzung der Letzteren und zu den Brunnen Deücheln des ganzen Hofsteiges immer unbestimmt und uneingeschränkt ausgefolgt, durch derley zu weitschichtige und eigenmächtige Holzschläge aber verschiedene zu mannigfaltigen Uneinigkeiten anlaßgebende Ungleichheiten unterlaufen; und das Holz selbst oder zum größten Nachtheile der Waldungen geschlagen, oder manchesmal gar unnütz und geringen Theils verwendet worden, so muß diesen dem Waldstande äußerst schädlichen Unfügen durch die gegenwärtige Theilung möglichst abgeholfen, und diese allgemeine Beschwerden auf jede der 6 bemelten Gemeinden verhaltnißmäßig ausgeglichen werden. (Abschrift im GA Wolfurt, cod 64) Die Geschworenen richteten ein entsprechendes Ansuchen an das k.k. Kreis- und Oberamt. Erst ein Jahr später stimmte Kreishauptmann Indermauer am 6. Oktober 1795 dem Teilungsplan zu. (Der verhaßte Kreishauptmann Ignaz Anton von Indermauer ist übrigens ein Jahr später von wütenden Bauern im Kloster St. Peter in Bludenz erschlagen worden.) Ein großes Gesetz mit 17 Paragraphen regelte den Ablauf der Teilung. Es enthielt zuerst eine genaue Aufstellung über die Bedürfnisse der einzelnen Dörfer: Hard 151 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 16 1/2 Anteile für Pfarre, Schule, Brunnen und Brücken Lauterach 124 alt berechtigte Häuser 2 neue dazu 32 Anteile für die Gemeinde, davon 16 allein für die Brunnen Wolfurt für 150 alt berechtigte Häuser für 6 neu berechtigte Häuser zum Unterhalt der Pfarrkirche 2 1/2 des Pfarr Haußes 1 des Schulhaußes und Heitzung 2 Zimmer 4 der Brünnen 20 der betreffenden Brücken 7 1/2 der Gerneindswuhren 6 die Riedbrucken und Stegen 2 Für Wolfurt wurden also mit 43 Gemeindeanteilen weit mehr als für Hard oder Lauterach berechnet. Die Wuhren galten für die Bäche, nicht für die mit eigenen Wäldern ausgestattete Achwuhr. Schwarzach 53 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 18 Gemeindeanteile 22 Bild II: Krainerwände ermöglichen den Bau von Serpentinen am steilsten Hang. Steusberg (Bildstein) Buch 85 11 34 3 alt berechtigte Häuser neue dazu 31 1/2 Gemeindeanteile alt berechtigte Häuser neue dazu 11 1/2 Gemeindeanteile Im Ippach gab es einige große private Waldungen, die von einer Verteilung natürlich ausgenommen werden mußten: Konkurrenzwälder der Achwuhr, Klosterwaldungen zum Kloster Hirschthal in Kennelbach, Herrschaftswälder im Besitz der Deuring von Bregenz und die riesigen unzugänglichen Waldungen am Kohlplatz. Außerdem behielt das Gericht einige Eichenwälder für sich, weil deren Holz zur Erhaltung der überörtlichen Brücken dienen sollte: den Kellawald hinter Rickenbach, das Spetenlehenhölzele zwischen Wolfurt und Meschen und das Hölzele ob dem Strohdorf. Zur Verteilung bestimmt wurden fogende Wälder: 1. der sogenannte Ippach (ohne Privatwälder) 773 Juchart 2. die in der Gemeinde Steusberg befindliche Taschen 69 Juchart 3. der Sonder ober dem Dorfe Schwarzach 159 Juchart 4. die Asenen an der äußersten Gränze Hofsteig gegen das Gericht Alberschwende 136 5/16 Juchart 5. Entlich das Tobelholz gleich unter den Bildsteinerischen Viehweiden an dem Bache Rickenbach genant 9 Juchart 23 Zusammen also 1146 5/16 Juchart. Ein Hofsteiger Juchart entspricht 44,59 Ar. Demnach wurden also im Jahre 1796 insgesamt 511,14 Hektar Wald verteilt. Seit genau 200 Jahren sind die Steußbergwälder in Privatbesitz. Zunächst wurden den Dörfern Buch, Bildstein und Schwarzach die in ihrer Umgebung liegenden Flächen zugesprochen. So erhielt Buch mit seiner kleinen Anzahl von Häusern das kleinste Stück. Bildstein bekam den Asenenwald, das Tobelholz und dazu noch Teile von Sunder und Ippach. Schwarzachs Anteil reichte weit in den Sunder hinauf. Die manchmal recht willkürlich gezogenen Grenzen wurden zehn Jahre später, als die Bayern das Gericht Hofsteig im Jahre 1806 auflösten, zu Gemeindegrenzen der Steußbergdörfer. Den großen Rest des Ippachs teilten sich Hard, Lauterach und Wolfurt. Wolfurt bekam den an das Dorf angrenzenden nächstgelegenen Teil. Für Lauterach blieb der mittlere und für Hard der östlichste Ippachteil im Gemeindegebiet Wolfurt an der Grenze gegen Buch. Diese Flächen mußten mit haltbaren Marken gekennzeichnet werden. Dann wurden sie den sechs Gemeinden anvertraut. Diese nahmen nun durch eigene Vertrauensleute die weitere Verteilung vor. Zuerst steckte aber jedes Dorf ein großes Stück für seine eigenen Verpflichtungen ab. So entstanden Kirchenwald, Brunnenwald und Gemeindeteil. Erst jetzt wurde der Rest zu Parzellen vermessen. Dann mußte jeder der 156 Wolfurter, 126 Lauteracher und 157HarderHausbesitzer sein Los ziehen. Den Neubäulern wurde nur ein Drittel-Teil zugestanden. So kamen die Wolfurter zu ihren Holzteilen am Sandigen Weg und im Mösle. Die Lauteracher mußten bis an die Katzensteig und zum Saustall hinauf, die Harder gar bis zum Plattenbach und zum Kohlplatz. Innerhalb der ersten zwei Jahre durften die Holzteile ausgetauscht werden, dann erst wurden sie verbuchen und gehörten nun unzertrennlich zum Haus wie Haustür oder Kamin. Diese im 13. Paragraphen niedergeschriebene Bestimmung ließ sich aber nicht lange halten. Als nach den Napoleonischen Kriegen viele neue Häuser gebaut wurden, besaßen diese alle keinen Holzteil. Jetzt wurden gegen das Gesetz Parzellen geteilt und verkauft. Winzige Riemen entstanden, oft nur mehr etwa 20 Ar groß. Noch mehr Markpfähle steckten noch mehr Grenzen ab. Eine intensive Nutzung setzte ein. Möglichst viele Tannen wollte jeder haben. Buschwerk und Laubholz wurden gerodet. Mit der Stockhaue verpflanzte der Besitzer den Anflug junger Tannen und Fichten so, daß sich bald alle Lichtungen schlossen. Die Waldweide war ja abgeschafft worden. So verwandelte sich der lichte Mischwald innerhalb von zwei Menschenaltern in eine dunkle Tannen-Monokultur. Eine Untersuchung des Holzbestandes im Ippach, bei der in den große Wäldern der LAWK (Achwuhr) alle Bäume ab 16 Zentimeter Stammdurchmesser aufgenommen wurden, ergab im Jahre 1950: 70 % Weißtannen + 27 % Rottannen + 3 % Laubholz (!). Dieses unglaubliche und in Österreich wohl einmalige Verhältnis änderte sich aber in 24 den folgenden Jahren rasch. Die Bestände an Rehwild nahmen nach dem Krieg gewaltig zu. Auch Hirsche und Gemsen wechselten ein und wurden zum Standwild. Wildverbiß vernichtete einige Jahrzehnte lang jeglichen Nachwuchs von Weißtannen. Entstandene Lücken füllten Waldbesitzer daher nur mehr mit Jungfichten aus den Baumschulen auf. Die Weißtannen erwiesen sich aber in dieser Zeit auch als besonders empfindlich gegen die jetzt vom Westwind herbeigetragenen Luftschadstoffe. Ihr Nadelkleid wurde immer schütterer. Die einst so stolzen Wipfel verkümmerten zu Storchennestern. Übergroßer Befall durch schmarotzende Misteln zeigt an, daß auch schon junge Tannen wie fast alle alten schwer krank sind. Fichten halten sich dagegen bis jetzt viel besser. Trotzdem müssen wir uns um die Zukunft unseres Waldes Sorgen machen. Waldarbeit Längst arbeiten auch bei uns moderne Forstarbeiter mit Motorsäge, Schälmaschine, Seilzug und Lkw-Kran. Die Werkzeuge, mit denen die älteren von uns noch selbst im Holz gearbeitetet haben, rosten irgendwo hinten im Schopf vor sich hin. Zwölfjährige Schüler, denen ich sie dort gezeigt habe, hielten an Zabie für ein Kriegsgerät. Das ist der Grund, warum ich hier wenigstens die wichtigen aufschreiben möchte. Für Dich könnte es ein Anlaß sein, ihre Handhabung Deinen Enkeln zu erklären! Weil der eigene Holzteil jede Familie Jahr für Jahr mit Brennholz für Herd und Ofen versorgen mußte und der Hof auch sonst Holz in vielerlei Formen benötigte, gehörte die Arbeit im Wald zum Alltag im bäuerlichen Leben. Das begann damit, daß die Marken immer wieder kontrolliert wurden. Schadhafte mußten ersetzt werden. Am besten schlug man einen neuen ibenen (aus unverwüstlichem Eibenholz gespaltenen), mit einem Brennmal gekennzeichneten Markpfahl neben den morsch gewordenen alten. Fehlende Marken wurden gemeinsam mit dem Nachbarn im Beisein des Waldaufsehers neu eingemessen. Dabei kam es manchmal zu Streit, besonders wenn eine große Tanne genau auf der Grenze gewachsen war. Nur mit Genehmigung des Waldaufsehers durfte und darf man Tannen fällen. Der ganze Ippachwald gilt ja als Schutzwald. Daher werden im sogenannten Plenterbetrieb nur einzelne schlagreife Bäume herausgeschnitten. Kahlschlag ist verboten. Der Aufseher wählt die Bäume sorgfältig aus und kennzeichnet sie doppelt. Mit seinem Anschlaghammer entfernt er in Augenhöhe und am Stock je ein Stück Rinde und schlägt ein besonderes Zeichen in das freigelegte Holz. Das Mal im Stock muß auch nach dem Fällen noch zur Kontrolle sichtbar bleiben. Zum Fällen waren früher zwei Personen notwendig. Nicht selten arbeitete die Bäuerin an der Seite ihres Mannes. Zuerst wurde die Fallrichtung des Baumes bestimmt. Er sollte nach Möglichkeit auf eigenen Grund zu liegen kommen und beim Fallen keinen Schaden im Jungwald anrichten. Ob das gelang, entschied schließlich eine mit Säge und Axt sorgfältig angebrachte große Kerbe auf der Fallseite des Stammes. Dann wurde die große Waldseogo (eine Zugsäge) auf der anderen Seite angesetzt. Mit gleichmäßigen Zügen trieben die beiden Säger einen sauberen Schnitt durch das 25 Mark des Stammes bis fast zur Kerbe vor. Manchmal hatte sich der Bauer vorher bekreuzigt. Er war sich der Gefahr bewußt, die mit dem Sturz einer Tanne und noch mehr einer Buche immer verbunden war. Zuletzt setzte er am Sägeschnitt einen Keil an. Vorsichtige Schläge darauf brachten den Baum bis zum Wipfel hinauf zum Erzittern. Jetzt neigte er sich langsam und dann schneller, und schließlich prasselte er mit fürchterlicher Wucht auf die Erde. Jedes Mal ein aufregendes Geschehen für alle, die es miterleben durften! Waren alle angeschlagenen (gekennzeichneten) Tannen gefällt, so griff der Bauer zur Axt. Mit wuchtigen zielsicheren Schlägen hieb er Ast für Ast vom Stamm. Auch hier lauerten Gefahren, wenn federnde Äste plötzlich brachen oder gar der Stamm am Hang zu rollen begann. Nun mußte die Rinde entfernt werden. Sommerholz, das ab Beginn des Safttriebs, wenn d Buocha gruonond (grünen), gefällt worden war, ließ sich leicht schälen. Dazu mußte man nur mit der Axt alle Meter eine Kerbe in die Rinde ziehen. Dann konnte man rumpfo, mit dem Schellar oder einfach mit einem zugespitzten Ast die ganze Rinde abziehen. D Rümpf (große Rindenstücke) wurden dann zum Trocknen ausgelegt. Dabei rollten sie sich ein und galten jetzt als wertvolles Brennmaterial. Zimmermannsholz sollte beim Trocknen keine Sprünge bekommen und später als Balken oder Bretter am Haus bei allen Wetterlagen ohne Schwinden und Drehen möglichst ruhig bleiben. Deshalb mußte man es unbedingt in der Zeit der langen Nächte um Weihnachten und zudem bei einem truckno Zoacho (trockenes Tierkreiszeichen), am besten im Stoabock odor im Stior, fällen. Der Wipfel blieb samt seinen Ästen am Stamm. Die Rinde des saftlosen Baumes ließ sich aber nicht schälen. Man mußte sie mit der scharfen Schneide des Räpplars in kleinen Fetzen wegschneiden. Räpplo, manche sagten dazu auch fräggolo, galt als sehr anstrengende Arbeit und gab leicht Schwielen und Blasen. Winterholz blieb beim Trocknen ganz hell. Vom Zimmermann ließ man sich einen Holzrodel schreiben, eine Liste der benötigten Balken mit ihren Längen. Mit einem Zumaß von etwa 10 Zentimeter wurden die Stämme danach zu Blöcken abgelängt und zum Abtransport uf d Seogo (ins Sägewerk) vorbereitet. Dabei war do Zabie (Zappin) mit seinem scharfen Haken und dem starken Stiel ein unentbehrliches Werkzeug. Falls man die Straße aber nur durch steile Riesen (Rutschbahnen) erreichen konnte, in denen die Blöcke beim Aufprall auf die Felsen nicht selten Schaden nahmen, mußte man ein größeres Zumaß zugeben. Im Sägewerk bekam die unansehnlich gewordene Stirn des Blocks dann durch einen Kappschnitt wieder eine schöne Form. Das im Saft gefällte Sommerholz wurde meist durch Pilzbefall unansehnlich schwarz, Für die vielen Bretter und Latten, die auf dem Bauernhof benötigt wurden, eignete es sich trotzdem. Nur wenn es stockrot oder gar angefault, gebrochen, krumm oder büchse (besonders hart und kaum bearbeitbar) war, wurde es als Brennholz abtransportiert. Daheim zerschnitt man es mit der Waldsäge in ein Meter lange Stücke und spaltete diese mit Keilen und Schlegol (großer Hammer) zu handlichen Speolta. Ein großer Keil hieß an Weggo. Wer nun Zeit und Kraft hatte, holte den Seogbock aus dem Schopf (Schuppen) und zerschnitt darauf jede Speolto mit Spa-Seogo oder Fuchsschwanz in vier Klötze. Erst Ende der 30er Jahre konnten sich moderne Bauern dafür a Fräso (Kreissäge) anschaffen. Tagelang war man anschließend am Schitto. Mit der Axt spaltete der Bauer dabei die Klötze zu kleinen und großen Scheitern und zu feinen Spreißeln. Sorgfältig wurde bim üborgento Mo (über sich gehender Mond) an der Hauswand eine mächtige Schittor-Bieg zum Trocknen aufgerichtet. Aber die Arbeit im Wald war noch nicht fertig. Die Äste waren samt dem angefallenen Buschwerk zum Trocknen aufgestellt worden. Jetzt hackte man sie in 60 Zentimeter lange Stücke und band diese auf dem Buscholbock zu festen Buschla, außen die gespaltenen Äste, innen das feine Kreos (Zweige). Im Schatten der großen Tannen starb oft Jungholz aus Mangel an Licht ab. Solche Dürling mußten ebenso gefällt werden wie Jungtannen, denen Sturm oder übergroße Scheelasten die Wipfel abgebrochen hatten. Sie ergaben die auf dem Bauernhof so notwendigen Stangen und Pfähle und manchmal auch Kichoro-Stiogla (Bohnenstangen) für Mamas Garten. Noch einmal ging der Bauer durch seinen Holztoal, versetzte da und dort mit der Stockhaue eine junge Tanne auf einen frei gewordenen Platz und schaute nach den Marken. Ganz übereifrige Waldbesitzer stiegen sogar manchmal auf die Bäume zum 26 27 Bild 14: Am 4. Oktober 1996 eröffnet Landesrat Schwärzler mit den Bürgermeistern Kolb (Lauterach) und Mohr (Wolfurt) die neuen Ippachstraßen. Bild 12: Ein Damm über den Gitznergraben wird aufgeschüttet. Bild 13: Verantwortlich für die Kohlplatzstraße: Raimund Mohr und Herbert Böhler. Stümmolo. Durch Steigeisen und Bauchstrick gesichert, sägten sie die untersten Äste und die vertrockneten Aststummel ab. Dadurch wollten sie besonders gleichmäßigen Wuchs und astfreies Stammholz erzielen. Jetzt wartete man nur noch ufa guote Schliottbah, auf genügend Schnee. Beim ersten Frost spannten die Fuhrleute ihre Rösser ein und hängten ihnen 5 Scheollogschior um, einen Kranz mit einem Dutzend hell tönenden Schellen. Unter lautem Gebimmel zogen Gruppen von Fuhrwerken aus Lauterach und Hard mit Has und Hund (zwei schwere, stabile Blockschlitten) durch die Berggasse ins Ippach hinauf. Den Hund stellten sie beim Holzplatz ab. Auf dem Has ketteten sie oben im Holzteil ein paar Block fest und schleiften sie durch die vereisten Hohlgassen herab. Bei zu großer Geschwindigkeit legte der Fuhrmann rechtzeitig an Kretzar, eine starke kurze Kette, um die Schlittenkufen und bremste so die gefährliche Fahrt. Wenn alle ihre Last am Holzplatz abgeladen hatten, deckte man die verschwitzten Pferde mit einem dicken Roßkutzo zu und setzte sich zu einer kräftigen Jause zusammen. Dann stieg man gemeinsam ein zweites Mal auf. Es war Einbahnverkehr festgelegt. Kein Fuhrwerk durfte der Kolonne begegnen. Bei der zweiten Fuhr hob man am Holzplatz mit Zabie und lautem Ho-ruck! das hintere Ende der Stämme auf den zweiten Schlitten, den Hund, und lud die erste Fuhr noch oben darauf. In flotter Fahrt ging es jetzt ins Dorf hinab und über den Kirchplatz bis zum Lagerplatz bei der Mauer am einstigen BlitzeWeingarten. Es war inzwischen Nachmittag geworden. Bei guter Schneebahn fuhren die schweren Schlitten weiter nach Lauterach und Hard. Oft mußten die Stämme aber abgeladen werden. Dann holte der Fuhrmann sie ein paar Tage später mit seinem stabilen Block-Wagen. Inzwischen hatten andere Waldbesitzer ihre Hornar (Handschlitten) in die Dreigassen hinauf geschleppt. Große Fuhren von Buscheln wurden dort aufgeladen, manchmal auch die getrockneten Rinden oder Stanga und Speolta. In sausender Fahrt lenkten starke Männerarme die Schlitten durch die Hohlgasse herab. Hoffentlich ohne Umwerfen ! Es war ein gutes Gefühl, wenn dann endlich gnuo Holz vom Wändo die Familie wenigstens von einer von ihren vielen Sorgen befreite. Den größten Klotz sparte man uf Baschas-Tag (St. Sebastian, 20. Jänner), aber auch nachher wollte man noch überall eine warme Stube. 28 29 Siegfried Heim Familie / Personenzahl Detomaso Flora 5 Paßler Kassian 6 Kompatscher Anton 7 Piasinger Karl 7 Ladurner Rosa 7 Lechner Anna 5 Sepp Gottfried 5 Wolf Franz 4 Fischer Katharina 3 Ebnicher Maria 5 Gatterer Anton 4 Gottardi Josef 2 Plattner Raimund 2 Prantl Magdalena 2 Santa Alois 7 Nicolussi Emma 4 Moschen Anton 10 Meist nur kurzzeitig anwesende Einzelpersonen oder Paare 37 Zusammen H-Nr. 1945 und heutige Anschrift 51 75 77 142 203 204 204 206 233 242 279 279 294 319 351 388 300 Feldeggstraße 2, Klosos Im Holz 2, Paßler Im Holz 8, Hinterfeld Frickenescherweg 5, Draiars Flotzbachstr. 16, Schädlars Flotzbachstr. 18, Jokobos Flotzbachstr. 22, Wächterhaus Hofsteigstr. 48, Seppos Brühlstraße 30, Lutzo-Ferdes Dornbirnerstr. 16, Soalars Inselstraße 5, Kassians Bützestraße 22, Toblars Hansirg Flotzbachstr. 17, Lindinger Achstraße 50, Im Wida Achstraße 14, Zwickle Einwanderer 3 In Einwanderer 1 versuchte ich aufzuzeigen, daß ein ganz großer Teil der alteingesessenen Wolfurter Familien ursprünglich aus Nachbargemeinden zugezogen ist. In Einwanderer 2 ging es um die Fremden aus dem Schwabenland, aus der Schweiz und aus dem Trentino. Dieses dritte Kapitel ist nun zwei Volksgruppen gewidmet, die durch die politischen Umwälzungen in der Mitte unseres Jahrhunderts ihre Heimat aufgeben mußten und von denen einige Familien zu uns verschlagen wurden, Südtiroler und Sudeten-Deutsche. Daran schließt sich noch die Lebensbeschreibung einer nach Wolfurt zugewanderten jüdischen Frau an. Aussiedler aus Südtirol Seit dem Mittelalter besaß Tirol ein geschlossenes deutschsprachiges Siedlungsgebiet bis zur Salurner Klause. Für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg gegen Österreich bekam Italien von seinen Bundesgenossen das Trentino und Südtirol bis zum Brenner zugesichert. So wurde denn auch im Friedensvertrag von St. Germain am 10.9.1919 ganz Südtirol mit 240 000 deutsch sprechenden Einwohnern zu Italien geschlagen. In der Zeit des Faschismus begann eine scharfe Italianisierungspolitik mit dem Verbot der deutschen Sprache in Ämtern und Schulen. Vor allem in den Städten wurden italienische Einwanderer angesiedelt. 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Umsiedlungsabkommen. Wer sich für die deutsche Staatsangehörigkeit entschied, sollte seine Heimat verlassen müssen. Trotz dieser Drohung optierten 90 % der Südtiroler für Deutschland. Sofort begann deren Aussiedlung. Bis 1942, als die Kriegsereignisse der Aktion ein vorzeitiges Ende bereiteten, waren bereits 75 000 Südtiroler über den Brenner nach Norden transportiert worden. Etwa 11 000 davon landeten in Vorarlberg, wo man für sie in den größeren Orten eilig die für jene Zeit recht komfortablen Südtiroler-Siedlungen erstellte. Diese reichten aber bei weitem nicht aus, so daß man in allen Dörfern weitere Wohnungen suchte. In Wolfurt besitzen wir eine Aufstellung über die im Sommer 1945 anwesenden Südtiroler. Gebhardine Hinteregger-Claessens mußte damals im Auftrag der Gemeinde alle anwesenden Ausländer aufschreiben, da deren Versorgung mit Lebensmitteln ein großes Problem war. Nach 189 „Reichsdeutschen" waren die 122 Südtiroler vor 20 Schweizern und 20 „Tschechen" die mit Abstand größte Gruppe. So setzte sie sich zusammen: 122 Südtiroler Einige von den Südtiroler Familien hatten um diese Zeit Wolfurt bereits wieder verlassen, weil sie in den Siedlungen von Bregenz oder Lochau eine Wohnung erhielten. Darunter war die Familie Pörnbacher. In Ober-Olang an der Rienz im Pustertal hatte Georg Pörnbacher seinen Hof verkaufen müssen. Über Innsbruck und Riefensberg war er mit seiner Frau Anna und den 11(!) Kindern schließlich nach Wolfurt gekommen und hatte im Bergarhus im Oberfeld ein bescheidenes Unterkommen gefunden. Die älteren Buben mußten einrücken. Paul fand 1944 bei Monte Cassino den Tod, auch sein Bruder Johann starb an den Folgen einer schweren Vewundung. Von den anderen Geschwistern leben heute noch vier in Lochau. Moschens sind eigentlich keine Umsiedlerfamilie. Vater Anton war schon um das Jahr 1930 zum ersten Mal aus Meran nach Vorarlberg gekommen und hatte hier seine Frau gefunden. Als er um 1940 zum zweiten Mal mit seiner nun großen Familie kam, fand er bei Hammorschmiods an der Achstraße eine Wohnung. 30 31 Nach dem Krieg hofften viele Südtiroler auf eine Korrektur des Vertrags von St. Germain und auf eine Heimkehr ihres Landes zu Österreich. Vergeblich! Das Abkommen der Außenminister Gruber und De Gaspari vom September 1946 brachte herbe Enttäuschungen. Aber wenigstens waren die deutschen Familiennamen jetzt wieder zugelassen. In den Schulen wurde wieder deutsch gesprochen. Die Forderung nach weiteren Rechten und deren Ablehnung durch die italienische Regierung führten 1966 zu Terroraktionen. Masten und Siegesdenkmäler wurden gesprengt und in der Folge viele junge Südtiroler zu langjähriger Kerkerhaft verurteilt. Erst das 1969 beschlossene „Paket" brachte Entspannung. Seither wuchs die Einwohnerzahl Südtirols auf über 440 000 (im Jahre 1997) an. Davon bekennen sich 68 % zur deutschen Sprache, 4,4 % zur ladinischen und nur 27,6 % zur italienischen. Die Gemeinschaft in der Europäischen Union läßt hoffen, daß sich nie mehr Familienväter „aus nationalen Interessen" in einem blutigen Krieg gegenüber stehen werden. Nur ganz wenige von den Südtirolern, die 1940 und 1941 zwangsweise zu uns ausgesiedelt worden waren, wagten es 1945, wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Bei uns blieb ihnen die österreichische Staatsbürgerschaft aber noch lange Zeit versagt. Bei der Zählung vom 31. 12. 1950 gliederte das Gemeindeamt die Wolfurter noch in 2228 Österreicher, 98 Südtiroler, 21 Deutsche und 39 andere, zusammen also 2386 Einwohner. Zur Jungbürgerfeier 1952 wurde Josef Ebnicher nicht eingeladen. Er war jetzt 21 Jahre alt, in Wolfurt zur Schule gegangen und nun längst ein tüchtiger Arbeiter und geschätzter Sänger im Rickenbacher Chor. Der Ausschluß von den Jungbürgern tat bitter weh! Erst über langwierige Ansuchen wurden im folgenden Jahrzehnt die meisten von den Südtiroler Einwanderern endlich eingebürgert. Seither wurden sie aber völlig in die Dorfgemeinschaft integriert. Ein Beispiel davon zeigt der folgende Beitrag. geschrieben, klingt zwar nach dem romanischen „la torre" (der Turm). Er ist aber sehr wahrscheinlich wie auch der des benachbarten Naturns vorrömischen Ursprungs. Das rätische litrun bedeutet am Bach. Der Name ist erstmals in einem Steuerbuch von Trient im Jahre 1242 zu finden: ...profeno de lidurno....... für Heu aus Ladurn ... Jede Familie, die den Hof bewirtschaftete, wurde seither Ladurner genannt. Für die meisten wurde es der Geschlechtsname. Am 20. April 1525 kaufte ein Jakob Ladurner aus Rableid bei Schnals den Ladurnhof. Von seinen sechs Söhnen stammen all die vielen Ladurner-Familien, die sich seither über den ganzen Vintschgau ausgebreitet haben. Rund 4000 Namen zählt das Sippenbuch als seine Kindeskinder auf. Von ihnen ist in der 12. Generation die Familie Karl Ladurner nach Wolfurt gekommen. Der Ladurnhof selbst stand seit 1525 bis 1918 ununterbrochen im Besitz der direkten Nachkommen des Jakob Ladurner. Dann wurde er in der Notzeit am Ende des Weltkriegs verkauft. Unter den neuen Eigentümern verheerten zwei Brände große Teile des uralten Hofes. Schon 1937 kauften andere Ladurner aus Algund den Stammhof ihrer Ahnen zurück und betreuen ihn seither. Alle Vorfahren der Wolfurter Ladurner waren Bauern: zuerst Linter-Bauer in Rabland, dann Widmer in Plars, Leiter auf Vellau bei Algund, Kestpamer in Grätsch und schließlich Oberstauger in Schenna. So hatte eine Ladurner-Linie in neun Generationen vom Stammhof auf Ladurn den Weg durch den Untervintschgau zu dem nur etwa 25 Kilometer entfernten Oberstaugerhof in Tschivon, einem Ortsteil von Schenna, gefunden. Dort begründete Josef Ladurner mit seiner Frau Anna im Jahre 1870 die Familie der Stauger, zu der auch die Wolfurter Ladurner ursprünglich zählten. Auf dem Oberstaugerhof wurde 1905 Karl Ladurner in eine lange Reihe von zehn Geschwistern geboren. Schenna liegt direkt oberhalb von Meran am Eingang in das Passeiertal. Auf einer sonnigen Terrasse am Südwesthang des 2581 Meter hohen Ifinger breiten sich inmitten riesiger Obstwälder die schönen alten Bauernhöfe aus, von denen viele in den letzten Jahrzehnten zu modernen Pensionen umgebaut worden sind. Abwärts bis ins Tal decken Weinberge die Hänge. In ihnen reifen die berühmten blauen Meraner Kurtrauben. Und über dem Dorf kann man bis weit hinauf in den Wäldern die süßen Edelkastanien ernten. Heute ist Schenna ein Kurort mit über 6000 Betten. Im Winter tragen eine Reihe von Seilbahnen und Liften die Gäste bis auf 2300 Meter in das Schizentrum Meran 2000 hinauf. Im Sommer gehören die verschiedenen Burgen zu den Hauptanziehungspunkten. Die bekannteste davon ist Schloß Schenna, das der beliebte Habsburger Erzherzog Johann für sich kaufte. In einem riesigen neugotischen Mausoleum wurden der Erzherzog und seine Frau Anna, die Postmeisterstochter von Aussee, hier in Schenna begraben.2 Und hier in diesem schönen Schenna wuchs also auch Karl Ladurner auf. Als nach dem ersten Weltkrieg italienische Soldaten einmarschiert waren und bald darauf fa33 Die Ladurner Die Ladurner zählen mit über 20 Namensträgern zu den stark aufstrebenden jungen Sippen in Wolfurt. Vor gut fünfzig Jahren ist ein Ehepaar Ladurner mit vier kleinen Kindern aus dem Südtirol zu uns gekommen, hat gearbeitet und gespart und schließlich mit den erwachsenen Kindern etliche Einfamilienhäuser gebaut, in denen nun die Schar der Enkel heranwächst. Im fremden Land haben die Ladurner einen guten Platz gefunden, wo das uralte Vintschgauer Geschlecht feste Wurzeln schlagen konnte. Ladurn ist ein einsamer Berghof, 809 Meter über dem Meer auf einer wasserarmen Bergschulter am Eingang ins Schnalstal. Von Naturns herauf führt hier jener steile Weg hinauf zu den Gletschern am Similaun und hinüber ins Ötztal, auf dem schon vor mehr als 5000 Jahren der berühmte „Ötzi" seinen Tod im Eis fand. Auch auf dem Ladurnhof hat man vorgeschichtliches Arbeitsgerät ausgegraben.1 Der Name Ladurn, in den ältesten Urkunden auch de Lidurni, ex Ludurn oder Latturn 32 wurde Vater Karl Ladurner zur deutschen Wehrmacht in den Krieg eingezogen. Nun lag die Obsorge für die Kinder für viele Jahre ganz allein bei der Mutter. Sicher tat sie sich dabei in dem fremden Land, wo sie von manchen Alteingesessenen wegen ihrerfremden Sprache scheel angesehen wurde, anfangs schwer. Aber sie fand wenigstens Landsleute mit ähnlichem Schicksal in der Nachbarschaft. Bei Jokobos waren die Südtiroler Familien Sepp und Lechner mit einer ganzen Reihe von Kindern eingezogen und auf der anderen Straßenseite wohnten in der ehemaligen Schertler-Schlosserei jetzt auch noch Santas. So war im Flotzbach eine richtige kleine Kolonie entstanden, in der die Südtiroler sprachlich dominierten. Die Wohnungen waren zwar alt, aber sie boten wenigstens genug Platz. Die Kinder spielten auf der Straße und rund um die Ziegelschuppen, in denen es viele herrliche Verstecke gab. Die größeren Buben entdeckten bald auch die Tümpel und die großen Eichen im nahen Ried. Dort ist dann auch der 14jährige Josef Sepp, als er mit seinem Fahrrad noch schnell die Geleise überqueren wollte, von einem Zug überfahren worden. Neben der Angst um die Männer an der Front lastete auf den Frauen vor allem die Sorge um das tägliche Essen. Die Lebensmittelkarten reichten nicht aus. Gegen Kriegsende hungerten die Kinder. Ihre Mütter konnten ja nicht auf Vorräte aus dem eigenen Kartoffelacker zurückgreifen. Noch schlimmer wurde es in den ersten Monaten nach dem Krieg. Da dachte Mutter Ladurner wohl an die vollen Fleischtöpfe daheim auf dem Oberstaugerhof in Schenna und faßte einen verzweifelten Entschluß. Kurzerhand packte sie ihren jetzt zehnjährigen Ludwig und den siebenjährigen Karl, setzte sich mit den Buben in den Zug und fuhr mit ihnen zum Brenner. Das war im Sommer 1945 ein recht waghalsiges Unternehmen. Ein Weiterkommen schien aber da oben ganz unmöglich. Die Grenze war von schwer bewaffneten Besatzungssoldaten hermetisch abgeriegelt. Nur Leute mit genügend Stempeln in ihren Papieren durften passieren. Die meisten Reisenden wurden barsch zurückgewiesen, natürlich auch Frau Ladurner. Von der anderen Seite her winkte aber ihr Schwager Max. Ein Brief hatte ihn hierher bestellt. Nun konnte er sich ihr wenigstens so weit nähern, daß eine Verständigung möglich war. Onkel Max redete den Buben zu, sie sollten eine Stunde weit in den Wald hinauf klettern, dort die Grenze überqueren und ihn dann auf seiner Seite suchen. Schweren Herzens verabschiedete sich die Mutter von ihren Kindern. Der 10jährige faßte seinen kleinen Bruder an der Hand und stieg mit ihm tapfer in den von Felsen durchsetzten Hochwald hinauf. Die Mutter wartete am Schlagbaum. Endlich, nach mehr als drei Stunden, kam Schwager Max wieder und deutete ihr, daß er die Buben glücklich gefunden habe. Erleichtert konnte sie zu ihren anderen Kindern ins Flotzbach heimfahren. Nach fünf schweren Jahren im Krieg und in russischer Gefangenschaft kehrte endlich am Heiligen Abend 1946 auch der Vater wieder zurück. 1948 kam mit Josef das sechste Kind und 1952 als jüngstes noch Hubert zur Welt. Die großen Buben wurden inzwischen auf dem Oberstaugerhof wie eigene Kinder gehalten. Sie hatten genug zu 35 Bild 16: Der Oberstaugerbauer von Schenna. Großvater Josef Ladurner jun., geboren 1871. schistische Gesetze den Lebensraum der Südtiroler arg einengten, fand er mit seinen vielen Geschwistern wenigstens Arbeit und ein Auskommen auf dem großen Oberstaugerhof. Als er sich aber eine eigene Existenz aufbauen wollte, mußte er den Hof verlassen und als Maurer im Tal Arbeit suchen. 1935 heiratete er seine Frau Rosa und zog mit ihr zuerst nach Naturns, wo sie die Kinder Ludwig, 1935, und Anna, 1936, zur Welt brachte. Dann übersiedelten sie nach Latsch. Hier wurden wieder zwei Kinder geboren, Karl, 1938, und Erika, 1940. Inzwischen stellte Mussolinis Politik die Südtiroler vor eine bittere Entscheidung. Trotz aller italienischen Drohungen und obwohl Hitler Deutschland bereits in den Krieg geführt hatte, bekannten sich Karl und Rosa Ladurner wie die meisten ihrer Landsleute zum Deutschtum. Weil Karl als Maurer beweglicher war als die Bauern, die zuerst ihre Höfe verkaufen mußten, erhielt er schon bald den Ausweisungsbefehl. Der Zug der Auswanderer brachte die Familie Ladurner im Sommer 1941 nach Vorarlberg und zwar gleich nach Wolfurt. Hier fanden die Eltern mit ihren vier Kindern zwischen ein und sechs Jahren zuerst eine provisorische Unterkunft im obersten Stock des Gasthofs Rößle am Kirchplatz. Schon Mitte November konnten sie ins Flotzbach übersiedeln. Bei Schädlars Seppl hatte man für sie im zweiten Stock eine Wohnung eingerichtet, die nun für 18 Jahre ihre Heimstätte war. Frau Rosa erwartete wieder ein Kind. Im Februar 1942 kam Albert als ihr fünftes zur Welt. Drei Wochen danach 34 Bild 17: Familie Karl und Rosa Ladurner in Wolfurl (1956). Vier von den sieben Kindern waren noch im Südtirol zur Welt gekommen: Ludwig, Anna, Karl und Erika. Die drei jüngsten wurden in Wolfurt geboren: Albert, Josef und Hubert. Bild 18. Schlossermeister Ludwig Ladurner, 1935-1996 essen und mußten bei der Bauernarbeit fest mithelfen. Natürlich gingen sie in Schenna auch zur Schule und lernten dort im täglichen Unterricht jeweils eine Stunde Italienisch. Nach fünf Jahren kehrte Ludwig, jetzt ausgeschult, nach Wolfurt heim und begann eine Schlosserlehre in der Firma Doppelmayr. Karl folgte ihm ein Jahr später und absolvierte 1951/52 sein achtes Schuljahr wie 1944/45 sein allererstes wieder in Wolfurt. Jetzt erst war die Familie komplett. Der Vater hatte als Maurer Arbeit bei J.R. Schertler in Lauterach und später in der Firma Julius Bonath gefunden. Um das Jahr 1957 konnte er an der Kolumbanstraße einen Baugrund kaufen und dort ein großes Wohnhaus errichten. Wie es damals üblich war, machte er mit Hilfe aller Familienmitglieder die meisten Bauarbeiten selbst. Sogar Sand und Kies schaufelte er schon am frühen Morgen im Flußbett der Ach zusammen. Und jeden Abend werkte er nach „Feierabend" noch bis in die Nacht hinein auf seiner eigenen Baustelle. Dabei hat er sich wohl überarbeitet. Er konnte noch mit seiner Familie in das neue Haus übersiedeln, aber schon im Juni 1964 ist Karl Ladurner, erst 59 Jahre alt, gestorben. 36 Die sieben Kinder wuchsen zu tüchtigen Menschen heran, erlernten Berufe und gründeten alle eigene Familien. Darüber hinaus waren Ludwig und Karl viele Jahrzehnte lang eifrige Mitglieder der Bürgermusik. Ludwig arbeitete nach der Schlosserlehre etliche Jahre bei Sulzer in Winterthur. Dann errichtete er ein eigenes Haus an der Weiherstraße und machte sich als Schlossermeister selbständig. Neben der täglichen schweren Arbeit in der Werkstatt suchte er einen Ausgleich als Flügelhornist bei der Musik und bei langen Wanderungen in den Bergen. Zwar konnte er auch große Erfolge bei sportlichen Wettkämpfen im Schi-Langlauf oder beim Radfahren verbuchen, aber am liebsten stieg er allein in die Berge hinauf. Als der 61jährige am 23. August 1996 wieder einmal die Rote Wand besteigen wollte, stürzte er am Ostgrat in den Tod. Nun führt sein Sohn Manfred Ladurner, Jahrgang 1963, die Schlosserei weiter. In dessen Kindern Ramona und Lukas wächst bereits die vierte Ladurner-Generation in Wolfurt heran. 37 Flüchtlinge aus dem Sudetenland Das Ende des Zweiten Weltkrieges erlebten in Wolfurt auch viele Flüchtlinge, Kriegsgefangene und Zwangsdeportierte. Die meisten machten sich sofort auf den Rückweg in ihre Heimatländer. Andere wagten das nicht. Bis zum Sommer 1945 blieben jedenfalls noch über 70 Angehörige von Oststaaten im Ort, vor allem Tschechen, Letten, Ungarn und Polen. Zu ihnen stießen 1946 und 1947 weitere Vertriebene aus dem Osten, darunter vier Familien aus dem Sudetenland: Familie Kröner mit 4 Personen Familie Heider mit 4 Personen Familie Seichter mit 4 Personen Familie Hanke mit 2 Personen Später kamen auch noch die Familien Bürger, Schmutzer und Rentsch. Die Sudeten sind ein Grenzgebirge zwischen Tschechien und Schlesien. Nach ihm wurden alle Angehörigen der deutschen Minderheit in der Tschechoslowakei als Sudetendeutsche bezeichnet. Viele Jahrhunderte lang waren sie Österreicher gewesen. Beim Zerfall der Donaumonarchie beanspruchte 1918 die neu ausgerufene CSR das Sudetenland für sich. Gegen den Willen der Minderheiten wurden mehr als 3 Millionen Deutsche, aber auch 700.000 Ungarn und 500.000 Galizier mit den 7 Millionen Tschechen und 2 Millionen Slowaken vereinigt. Das führte sofort zu Spannungen, die durch den Nationalismus aller Seiten noch gesteigert wurden. Als Hitler mit Billigung von England und Frankreich im September 1938 die Abtretung der Sudetenländer an das Reich erzwang, holten sich auch Ungarn und Polen ihre Anteile von der Slowakei. Gegen alles Recht besetzten Hitlers Truppen im März 1939 auch die Rest-Tschechei. Im Protektorat Böhmen und Mähren wurden die Tschechen nun grausam unterdrückt. Im September begann dann der Krieg, der mit seinem schrecklichen Ende 1945 auch das bittere Ende des 700 Jahre alten engen Zusammenlebens von Deutschen und Tschechen in Böhmen und Mähren brachte. Mit Ausnahme des Ostteils der Slowakei, den Rußland für sich beanspruchte, wurden die Grenzen von 1918 neu aufgerichtet. Diesmal wollte sich die CSR aber des Minderheitenproblems auf andere Art entledigen. Die Deutschen wurden enteignet und des Landes verwiesen. In grausamen Todesmärschen schon 1945 und dann mit mehr als 1000 überfüllten Eisenbahnzügen 1946 wurden die 3 Millionen Deutschen vertrieben. Sehr, sehr viele starben dabei. Unter den Flüchtlingen war auch der 16jährige Walter Rentsch, der später viele Jahre lang der Wolfurter Gemeindevertretung angehörte. Von einem Sudetentreffen brachte er die folgende Kopie eines tschechischen Plakates mit. Der erste Teil in tschechischer Sprache schließt mit den Worten .... Kazde vraceni se zpet pres hranice se tresta smrti 38 Dann folgt die deutsche Übersetzung: Preklad: Befehl des Militärkommandanten. Die Einwohner deutscher Volkszugehörigkeit der Stadtgemeinden 1. Schluckenau, N.-Grafenwalde, Kaiserswalde, Königsheim, Rosenhain, Harrachsdorf, 2. Georgswalde, Philippsdorf, 3. Königswalde, 4. Schönau, Kl. Schönau, Ludvikovicky, Leopoldsruh, Dorf- und Stadtgemeinde Hainspach, Röhrsdorf ohne Unterschied des Alters und des Geschlechtes, verlassen am 25. Juni 1945 um 5 Uhr früh ihre Wohnungen und versammeln sich ad 1. am östlichen Rande der Stadtgemeinde Schluckenau aufdem Wege Richtung Fugau, ad 2. bei „ Weidmannsheil" auf der Straße nach Königswalde, ad 3. am westlichen Rande der Stadtgemeinde, ad 4. bei der Kreuzung der Straße und der Eisenbahnstrecke Schönau-Schluckenau. Diese Anordnung betrifft nicht die nachstehend angeführten Personen und die Familien derselben: I. 1. Ärzte, Tierärzte, Apotheker, Pflegepersonal und Feuerwehr. 2. Gewerbetreibende und Angestellte der im Gange befindlichen Versorgungsunternehmungen. 3. Schmiede, Schlosser, Kraftfahrzeug-Reparaturwerkstätten, Schneider und Schuhmacher, die ihr Gewerbe betreiben. 4. Angestellte der im Gange befindlichen Fabriken und Unternehmungen. 5. Angestellte der Eisenbahn, der Post sowie der Verkehrsunternehmungen. Die unter Nr. 1 - 5 angeführten Personen haben sich mit einer Bestätigung der zuständigen Narodni vybor (Spravni komise) über ihre Beschäftigung auszuweisen. Falls sie sich entfernen, werden sie zurückgeführt und entsprechend bestraft. IL Die Ausweisung findet keine Anwendung auf Angehörige der kommunistischen und der sozialdemokratischen Partei, die sich mit einer Legitimation der Partei legitimieren und nachweisen können, daß sie wegen ihrer Gesinnung und der bejahenden Einstellung zur CSR. verfolgt d.h. inhaftiert oder ihres Postens enthoben wurden. Jeder Einzelperson, auf sie sich die Ausweisung bezieht, ist es gestattet, mitzunehmen: a) Lebensmittel auf 7 Tage und b) die allernotwendigsten Sachen für ihren persönlichen Bedarf in einer Menge, die sie selbst tragen kann; c) Personalbelege und alle Lebensmittelkarten samt der Haushalts-Stammkarte. Wertsachen: Gold, Silber und alle aus diesen Metallen hergestellten Gegenstände (Ringe, Broschen usw.), Gold- und Silbermünzen, Einlagebücher, Versicherungen, Bargeld, mit Ausnahme von 100 RM. pro Kopf sowie Photoapparate sind in ein Säckchen einzulegen oder in verschnürte Papierpäckchen einzupacken, unter Beischließung eines genauen schriftlichen Verzeichnisses dieser Wertsachen und unter Anführung der genauen Anschrift des bisherigen Wohnortes, der Wohnung und der Hausnummer. Diese Wertsachen in Säckchen werden an der Versammlungsstelle abgegeben. 39
  1. heimatwolfurt
19951001_Heimat_Wolfurt_16 Wolfurt 01.10.1995 Heft 16 Zeitschrift des Heimatkundekreises Oktober 1995 Das alte Kirchdorf. Federzeichnung von Edmund Schwerzler 1992 nach einem Foto von 1910. Inhalt: 75. Schwerzler und Schwärzler 76. Heimkehrer 77. Einwanderer 1 Zuschriften und Ergänzungen Bildnachweis: 3 Edmund Schwerzler, 5 Siegfried Heim, 14 Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim Berichtigung: Pfarrer August Hinteregger wußte, daß seine Tante Agatha Fischer im Kloster den Namen Sr. Gregoria (nicht Georgia) bekommen hatte. Bitte, berichtigen in Heft 15, S. 15 und S. 19! Natürlich haben viele erkannt, daß sich Sr.Epiphania 1970 (nicht 1971) verabschiedete. Also falsch auf Seite 14, richtig auf Seite 18 oben! Danke für einige Überweisungen auf unser Konto Raiba Wolfurt: Heimatkundekreis 87 957 Ehepaar Grobl (Heft 15, S. 2): Die Erzählungen und Dokumente Luise Grobls haben unter ihren Verwandten in Amerika einen wahren Wolfurt-Boom ausgelöst. Zuerst kamen die Ehepaare Ruth und Robert Zacher, Zeitungsmanager in St. Louis, und Pat und John Martin, Geschichte-Professor in Glendale. Ihnen folgte das Ehepaar Mary Ann und Joe Mann, früher coal-miner, jetzt Antiquitätenspezialist in Pinckneyville, mit Schwester Dr. Jacinta Mann, Univ.-Professorin in Greensburg. Sie besuchten das Geburtshaus ihres Urgroßvaters an der Flotzbachstraße und natürlich die Kirche, fotografierten unser schönes Land vom Gebhardsberg aus und bestiegen sogar die Schneider-Spitze, die den Namen ja von ihren Schneider-Vorfahren hat. Natürlich ließen sie sich auch Hafoloab und Su-Biorar nicht entgehen. Zahlreiche Bilder und Schriften wurden ausgetauscht. Für September 1995 war dann ein großes Schneider-Treffen in St. Louis angesagt, von dem sie wieder nach Wolfurt berichten wollen. Das ehemalige Schneider-Haus, uns allen besser bekannt als Lenas Hus, Flotzbachstraße 11, wird derzeit gerade umgebaut. Es ist den Besitzern hoch anzurechnen, daß dabei das historisch bemerkenswerte Wohnhaus mit den kostbaren Zimmermannsarbeiten auf der Giebelseite (hier auf einem Bild von 1993) erhalten bleibt. Das Haus hat der reiche Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider (Siehe Heimat 13 / S.37!) im Jahre 1805 gleich- Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt 1 zeitig mit dem für die Raiba abgebrochenen Rädlerhaus an der Kellhofstraße erbaut. 1818 überließ er es seinem jüngsten Sohn Josef Gebhard, der hier viermal verheiratet war. Nur in Amerika leben zahlreiche Nachkommen weiter. Unter den nachfolgenden Besitzern des Hauses waren die Pf ersolar, die 1994 aus Ostdeutschland ihr Stammhaus aufsuchten. Schließlich kaufte der um Wolfurt hochverdiente Vorsteher und Landtagsabgeordnete Lorenz Schertler das schöne Haus, das nun seine Enkel besitzen. Zu einem Kurzbesuch kam am 28. Juli ganz unabhängig von den Schneidern auch Dr. Thomas Sneider, Univ.-Professor in Fort Collins, mit seiner Gattin (Heft 5, S. 29). Er ist mit den obigen Schneider-Familien nicht verwandt, sondern stammt von einer Nichte des Malers Gebhard Flatz in Rickenbach. Er besuchte sein „Stamm"-Haus am Kellaweg und zeigte sich von der Schönheit unseres Landes ebenfalls beeindruckt. Krankenschwestern (Heft 15, S. 3): Für diesen Beitrag bedankte sich neben Sr.Paulina vor allem auch Sr.Auxilia aus Feldkirch. Dann aber protestierte sie freundlich auch im Namen ihrer Mitschwestern Sr.Anna, Sr.Imelda und Sr.Christiana gegen die Formulierung „im Antoniushaus in Feldkirch". Zwar sei das schon richtig, aber sie seien alle dort nicht als Pfleglinge, sondern als aktive Pflegerinnen im Altersheim. Liebe Schwester Auxilia und Mitschwestern! Das haben wir auch gar nicht anders aufgefaßt. Wir wünschen Euch allen weiterhin Gesundheit und Tatkraft und gelegentlich auch ein Wiedersehen in Wolfurt! Ein ganz besonders lieber Brief kam von Sr.Angelina Neuhauser aus Hall. Sie trug als Oberin damals 1962 die Verantwortung für die ganze Ordensprovinz und mußte wegen des akuten Schwesternmangels viele Stationen schließen. Wolfurt ließ sie, wie sie jetzt schreibt, als eine Anstalt freudvoller Zusammenarbeit bestehen. Und dann schließt die nunmehr 90jährige Schwester mit Ich wünsche sehr „ Wolfurt" bleibt! und nimmt uns alle hinein in ihr Gebet. Danke, Mutter Angelina! Schließlich hat sich auch Werner Mohr als langjähriger Leiter der Pfarrkrankenpflege über die Zusammenstellung gefreut und sich herzlich bedankt. Hausnamen (Heft 15, S. 22): Auf diesen umfangreichen und sehr arbeitsaufwendigen Artikel habe ich eigentlich mehr Reaktionen erwartet, unter Umständen auch böse Briefe oder empörte Anrufe. Nichts dergleichen! Beim Durchlesen treten einem viele alte, längst vergessene Bekannte vor die Augen und sicher tauchen da auch Fragen auf. Bis jetzt brachte nur Luise Sinz-Sieber in Kennelbach zwei Ergänzungen: Haus Nr. 62: Naglars im Tobol nannte man auch Metzgars, weil ihr Großvater Josef Anton Kalb, 1821-1908, den Beruf eines Hausmetzgers ausübte. Sein Sohn Metzgars Hannos wurde Stammvater der Stülzes-Kalb in der Bütze, Metzgars Ludwig im Tobol ist Luises Großvater. Berichtigung zu Haus 301 auf S. 26 und auch zum Text auf S. 23: Nicht aus der Sonne in Kennelbach stammte Hans Sohm, sondern aus der Krone. Gute Bekannte nannten ihn daher Kronowiorts Hänsle. 2 Siegfried Heim Schwerzler und Schwärzler Die Geschichte eines alten Wolfurter Geschlechtes Seit 500 Jahren lassen sich in Wolfurt Schwerzler nachweisen. Die älteste Urkunde von 1503, gesiegelt vom Hofsteig-Ammann Sebastian Schnell, nennt einen Jakob Swärtzler.1 In einem weiteren Dokument von 1565 gibt es in Wolfurt einen Gallus und einen Gregor Schwärtzler.2 Anno 1594 gab es in den 70 Wolfurter Häusern schon 4 Schwerzler-Familien, 1760 waren es bereits 14. Im Jahre 1850 gehörten den Schwerzlern 26 von den 252 Häusern. Damals trugen rund 170 Wolfurter, also jeder zehnte Einwohner, den Namen Schwerzler. Auch 1900 besaßen sie noch 20 von den 290 Wolfurter Häusern. In zahlreiche Äste verzweigt waren sie immer noch das größte Geschlecht. Seither sind viele Linien erloschen. Nach dem Blauen Buch 1989 schreiben sich von den rund 7000 Wolfurter Bürgern nur mehr 30 Schwerzler und 34 Schwärzler. Einige von den Schwärzler-Familien sind in den letzten Jahrzehnten neu zugewandert. Trotzdem sind sie mit den Schwerzlern zusammen in Wolfurt von den Böhlern, Köb und Mohr an Zahl weit überholt worden. Beide Namen zusammen sind ein einziges Geschlecht. Welche Schreibart ist nun richtig, e oder ä ? Das ist nicht leicht zu entscheiden. Die älteste Schreibart ist Schwärtzler. Sie findet sich auch im ältesten Wolfurter Häuserverzeichnis von 1594. Damals standen nach dem Pestjahr 1593 von den 70 Wolfurter Häusern 10 leer. In den anderen 60 Häusern mit ungefähr 390 Einwohnern gab es vier Schwärtzler-Familien: Michael, Koni (Konrad), Melch (Melchior) und Hans Schwärtzler.3 Der Name Schwärzler stammt ganz sicher vom Wort „schwarz". Sein Ursprung liegt vielleicht bei einem dunkelhaarigen Stamm1 2 3 VLA, Breg. Regesten 366 VLA, Breg. Regesten 600 VLA, Holunder 1932 / 30 Wappen der Familie Schwerzler, gezeichnet von Edmund Schwerzler. Überliefert im VLA. 3 vater. Wahrscheinlicher aber kommt er von einem Färber, der mit Hilfe von Ruß Leinwand und Leder schwärzte (mittelhochdeutsch swerzen). Außer in Wolfurt sind die Schwärzler ebenfalls schon seit 500 Jahren in Lingenau nachweisbar. Lingenau war ja von Hofsteig aus besiedelt worden und hatte im Mittelalter enge Beziehungen zu Wolfurt. Auch heute gibt es in Lingenau noch etwa 8 SchwärzlerFamilien, dazu noch ein ganzes Dutzend im benachbarten Hittisau und ein weiteres Dutzend in Langenegg. Alle schreiben sich einheitlich Schwärzler. Bei uns hat die Schreibart mehrfach gewechselt. Bei Beginn der Matrikenbücher im Jahre 1650 schrieb Pfarrer Lorenz Leuthold noch das alte Schwärtzler. Sein Nachfolger Christoph Duelli begann im Jahre 1664 mit Schwerzler. Diese neue Schreibart hielt sich in vielen Fällen unverändert bis heute. Ab 1814 führte zwar Pfarrer Alois Grasmeyer, der auch viele andere Wolfurter Namen abänderte, das ursprüngliche Schwärzler wieder ein. Aber die Wolfurter, die inzwischen selbst schreiben gelernt hatten, folgten ihm nicht. Daher schrieben auch Grasmeyers Nachfolger bald wieder das in Wolfurt übliche Schwerzler. Anders in Schwarzach! Dort stellte der aus Wolfurt stammende Tuch-Fergger Josef Schwerzler um das Jahr 1835 ganz plötzlich seinen Namen auf Schwärzler um. Als sein Sohn Gebhard Schwärzler 1857 Vorsteher von Schwarzach und 1865 gar Landtagsabgeordneter wurde, wirkte sich das auch auf seine Wolfurter Namensvettern aus. Zuerst machte es der Maurer Gebhard Schwerzler, Färbarles, der seit 1864 im Haus Hofsteigstraße 13 wohnte, dem gleichnamigen Schwarzacher Vorsteher nach. Seine zahlreichen Nachkommen, Liborats, Schnidars und Ludwigos, schreiben sich seither alle Schwärzler. Vom Oberfeld stammte der angesehene Bregenzer Kaufmann und Historiker Kaspar Schwerzler. Während seine Wolfurter Schwestern ihren Namen behielten, ließ er seine Forschungsarbeiten unter Kaspar Schwärzler erscheinen. Auch Baholzers auf der Steig schreiben sich heute noch Schwerzler. Ihr berühmter Onkel aber, Pfarrer Martin Schwärzler, Ehrenbürger von Bezau und Erbauer der dortigen Kirche, hatte in seiner Studentenzeit um 1890 plötzlich das ä in seinen Namen genommen. Ihm folgten sein Bruder Johann und dessen Sohn Martin, der Spengler im Tobel. So schreibt sich also heute Klamporars Marte im Tobol, Jg. 1908, Martin Schwärzler. Sein leiblicher Vetter Baholzars Marte uf-or Stoag, ebenfalls Jg. 1908, schreibt dagegen Martin Schwerzler. Wer hat da recht? Wohl beide! Beide Schreibarten sind nach der Überlieferung gerechtfertigt. Eines verbindet aber auf alle Fälle die Schwerzler und die Schwärzler: ein gemeinsamer Urahn Jakob Swärtzler vor 500 Jahren und eine lange Ahnenreihe in Wolfurt. Schwerzler-Unterschriften aus dem Jahre 1805 Unter Kriegserlittenheiten (GA Wolfurt) gaben die Wolfurter Hausbesitzer ihre Schäden aus dem Kriegsjahr 1805 zu Protokoll und bestätigten mit ihrer Unterschrift. Hier eine Auswahl der Schwerzler-Namen. Links hat sie der Gemeindeschreiber alle mit ä vorgeschrieben. Rechts die persönlichen Unterschriften. In Nr. 9, Naiolars Husan der Ach, akzeptierte Joseph Schwerzler als einziger das ä. Seine Nachkommen haben allerdings alle wieder mit e geschrieben. Nr. 26 ist Filitzos Husan der Kellhofstraße. Mit ungelenker Hand schrieb der alte Franz Joseph, der noch keine Schule besucht hatte, das e. Nr. 66 ist Holzmüllars Hus, Im Holz 1. Martin schrieb sogar noch mit dem alten tz. Nr. 77 ist das Haus Frickenescherweg 6, aus dem die Zimborar stammen. Nr. 80 ist Kirchstraße 17 in Unterlinden, wo Murars daheim waren. Nr. 109 ist Hofsteigstraße 20 an der Hub. Weil Thomas als 48jähriger Mann, wie andere Wolfurter damals auch, das Schreiben noch nicht gelernt hatte, kritzelte er ein Kreuz. Dazu notierte der Gemeindeschreiber: da er des schreiben unkundig hat er dis Handzeichen gemacht. Die anderen Schwerzler ließen sich durch Zeugen vertreten. 4 5 I. Der Anfang. Stamm Georg. Genaue Unterlagen besitzen wir erst seit 1650 in den Pfarrbüchern. Die Schwerzler beginnen dort mit 1. Georg Schwärtzler und seiner Frau Agatha Feursteinin, denen am 9. Jänner 1652 eine Tochter Maria geboren wurde. Georg war um das Jahr 1640 Ammann des Gerichts Hofsteig gewesen. Eine von ihm gesiegelte Urkunde aus diesem Jahr wird im Landesarchiv aufbewahrt.4 Seine Frau Agatha dürfte eine nahe Verwandte seines Vorgängers im Ammann-Amt Jakob Feurstein aus Rickenbach gewesen sein. Von ihren Kindern sind nur Maria, Anna, Balthasar und Melchior im Taufbuch vermerkt. Etliche sind nämlich schon vor 1650 geboren, darunter Martin und der als Stammhalter wichtige Johann, die wir aus dem Traubuch kennen. Im Totenbuch findet sich unter dem 9. Juli 1665 die von Pfarrer Duelli in neuer Schreibart gemachte Eintragung Mortuus est Amann Georg Schwerzler. 2. Johann Schwerzler besaß einen Hof in Und der linden, also an der Frickenescherstraße. Auch er, den die Hofsteiger Hanß Schwertzier Ammans Sohn zue Wolfurth nannten, wurde in Lauterach zum Hofsteig-Ammann gewählt und zwar gleich viermal für jeweils drei Jahre. Allerdings kam er dadurch in arge Schwierigkeiten.5 Seine Frau Maria Müller gebarihm 11 Kinder, darunterden Stammhalter Felix. Am2. Mai 1722 ist Ammann Johann Schwerzler gestorben. 3. Felix Schwerzler (L), 1683-1733, zog mit seiner Frau Maria Kündig ins Kirchdorf. Direkt beim Dorfbrunnen erwarben sie zwei Häuser. Vom einen, das schon 1795 abgebrochen wurde, ist nur mehr die winzige Bauparzelle beim Brunnen als „Fitz-Gärtle" erhalten geblieben. Das zweite, aus dem die meisten der heute in Wolfurt lebenden Schwerzler und Schwärzler stammen, steht noch als Mohro Emiles, Kellhofstraße 1, gegenüber vom Pfarrheim und wird derzeit von türkischen Gastarbeitern bewohnt. Noch mehr als 100 Jahre lang hießen die weit in ganz Wolfurt verstreuten Nachkommen aus diesem Haus Felixos, eine Familie sogar bis in unsere Tage Filitzos. Von all diesen Familien liegt eine Fülle von Daten vor. Hier kann ich daraus nur einen kurzen Auszug bringen. Er soll uns allen, besonders aber den Schwerzlern und Schwärzlern, helfen, sich in dem riesigen Geschlecht zu orientieren. Die Schwerzler-Frauen mögen verzeihen, daß sie hier nicht aufscheinen. Aber es geht ja nur um die Namen. Daher muß ich mich auf die männlichen Linien beschränken. Die Bande des Blutes führen dagegen noch in unzählige andere Richtungen. Fast jede Wolfurter Familie hat ein paar Tropfen Schwerzler-Blut. Aus Felixos Hus am Dorfplatz stammen die meisten Schwerzler-Familien. Auf dem kleinen grünen Platz davor stand bis 1795 noch ein zweites Schwerzler-Haus. Felixos Toblars, Büoblars, Hannes, Stenzlars, Liborats, Schnidars, Ludwigos, Tirolars, Filitzos, Hafnars und Murars, alle aus einem Stamm ! Toblars 1. Georg Schwärtzler, Ammann 1640, gestorben 1665 2. Johann, Ammann 1689-95 und 1701-07, gestorben 1722, Unterlinden 3. Felix (I.), 1683-1733, Kirchdorf 4. Felix (IL), 1723-99, Kirchdorf (Kellhofstr. 1) 5. Franz Josef, 1781-1850. Er heiratete ins Tobel (Tobelgasse 6) 6. Gebhard, 1818-94, Tobel 7. Ferdinand, 1843-1916. Er heiratete in die Bütze (Lauteracherstr. 2). Fünf Brüder und eine Schwester wanderten nach Amerika aus. Sein Bruder Josef Gebhard hatte im Elternhaus im Tobel acht Kinder und den Enkel Wilhelm (1930). 8. Martin (I.), 1875-1945. Sechs Söhne und drei Töchter in der Bütze. 9. Martin (IL), (1931), Fattstraße 3 7 4 5 VLA, Urkunde vom 23.4.1640 Siehe Heimat, Heft 13, S. 21 und S. 28 ff! 6 Seine Söhne Ferdinand (1967) und Alexander (1970) sind neben Peter (1949, Franziskas Sohn, Lauteracherstr. 2) die einzigen jungen männlichen Toblar in Wolfurt. Büoblars Anfang wie oben bei Toblar 4. Felix (IL), 1723-99 5. Josef Anton, 1774-1840, Ach (Bregenzerstr. 30, Scheoffkneochts) 6. Lorenz, 1815-1897, Kirchdorf (Kreuzstraße 7) 7. Andreas, 1860-1930, Kirchdorf-Loch (Im Dorf 3) 8. Julius, 1907-1995, Im Dorf 3a Nur der Sohn Herbert (1957) trägt den Namen weiter. Hannes Anfang wie Büoblar 5. Josef Anton 6. Johann Evangelist, Hanne, 1819-1877, Loch (Im Dorf 10, Köbs) 7. Johann Martin, 1861-1922, Röhle (Bregenzerstr. 6) 8. Franz, 1896-1964, Röhle, Hannes Franz Er blieb wie auch sein Bruder Hannes Ludwig (1898-1957) ohne Schwerzler-Nachkommen. Stenzlars Anfang wie Büoblar 5. Josef Anton 6. Andreas, 1820-1886, Kirchdorf (Schloßgasse 1) 7. Josef Anton, 1858-1899, Kirchdorf oo Paulina St^-zel, daher Stenzlar 8. Josef Anton, 1899-1951, Tschuppa-Tone Keine Schwerzler-Nachkommen. Die Tochter Sieglinde, 1926-1983, heiratete Leopold Hasler. Von Antons Schwester Frieda, verheiratet mit Johann Köb, ging der Hausname Stenzlar auf eine Schloßburo-Sippe über. Liborats Anfang wie Toblar 4. Felix (IL) 5. Josef Xaver, 1762-1832, Strohdorf (Kirchstraße 9, Kaufmanns) 6. Gebhard, 1795-1862, Rickenbach (Hofsteigstraße 51, Kaufmanns) 7. Josef Schwärzler, 1834-1883, Hub (Hofsteigstraße 13, Festinis) 8. Liberat, 1867-1909, Hub (Flotzbachstraße 1) 9. Karl, 1897-1962, Hub 10. Hubert (1936), Eulentobel 12 Sein Bruder Dr.Paul Schwärzler (1939) ist nach Schwarzach übersiedelt. Schnidars Nahe Verwandte zu Liborats 7. Josef Schwärzler 8. Josef, 1871-1965, Schneidermeister, Hub (Hofsteigstr. 24) 9. Gebhard, 1906-1989, Hub Kinder, aber keine Schwärzlerenkel Ludwigos Nahe Verwandte zu Liborats 7. Josef Schwärzler 8. Ludwig, 1876-1932, Hub (Flotzbachstraße 8) 9. Oswald, 1905-1990, Hub 10. Ludwig (1931), Wuhrweg 17 11. Roland (1963), Bützestraße 4 Tirolars Anfang wie bei Toblars 4. Felix (IL), 1723-1799 5. Johann Georg, 1756- , seit 1786 verheiratet mit Katharina Winkler, die aus Tirol stammte. Kein eigenes Haus. 6. Fidel, 1788-1859, Rickenbach (Dorbirnerstraße 8, Mohro Veres) 7. Fidel, 1819-1856, Rickenbach 8. Josef, 1854-1927. Er erbaute 1887 das Haus Flotzbachstr. 10 (Tirolars) 9. Johann, 1894-1976 10. Karl (1929), verzogen Seine Schwester Alwine heiratete Florian Gollob. Filitzos Sie stammen nicht von Felix (IL), sondern von dessen älterem Bruder Josef. 3. Felix (L). Aus Felixos entstand der Hausname Filitzos. 4. Josef, 1720-1770. Sein Haus stand im Kirchdorf direkt am Brunnen (Fitz-Gärtle) 5. Franz Josef, 1747-1814. Er erwarb 1795 auf der anderen Seite der Kellhofstraße ein größeres Haus und brach sein Elternhaus ab. Filitzos Hus ist 100 Jahre später 1895 für den Schwanen-Biergarten ebenfalls abgebrochen worden. 6. Josef Anton, 1785-1865, Kirchdorf 7. Johann Martin, 1823-1885, Kirchdorf. Er war der erste Instrumentenmacher und gründete im Jahre 1851 die „Neue Musik". Bis zu seinem Tod war er deren Kapellmeister. 8. Johann Georg, Jg. 1865, Filitzo Hamide, Baumeister. Er brach das Elternhaus ab und übersiedelte nach Bregenz. Seine Schwester Johanna, verehelichte Gmeiner (1867-1932), war viele Jahre lang die Wolfurter Hebamme. 8 9 9. Paul Adalbert, 1902-1986, Im Wida 1, Maurermeister in Lauterach. Er kehrte 1961 mit seiner Familie nach Wolfurt zurück. 10a. Burkhard (1939), Augasse 19 Zwei Schwerzler-Söhne: Christian (1963) und Claus (1967) 10b. Klaus (1944), Im Wida 1 Hafnars Anfang wie bei Filitzos 5. Franz Josef 6. Andreas, 1796-1853. Er erbautel827 auf der Steig das Haus Hofsteigstraße 39 {Benzars) 7. Wilhelm, 1837-1908, Spetenlehen (Hofsteigstraße 36, Klimmars) 8. Albert, 1878-1965. Hafnars Albert wanderte nach Amerika aus. Mit seinem Bruder Wilhelm Schwerzler (1881-1971), ging auch diese Linie zu Ende. Murars Anfang wie bei Filitzos 3. Felix (I.) 4. Johann Georg, 1727- , Unterlinden (Kirchstraße 17, Klockars) 5. Johannes, 1766-1827, Unterlinden 6. Josef Anton, 1807-1840, Unterlinden 7. Martin, 1835-1912, Strohdorf (Kirchstraße 3), Maurer 8. Josef Anton, 1865- , Strohdorf. Murars Seppatone war Maurer und Feuerwehrhauptmann. Mit seiner Tochter Murars Anna, 1901-1982, endeten die Murar-Schwerzler. Durch ihre Ehe mit Fridolin Böhler ging der Hausname auf die Murar-Böhler über. II. Stamm Jakob Holzmüllars, Baholzars, Klamporars, Zimborars, Naiolars, Flaschnars Eng verwandt zum obigen Stamm des Ammanns Georg Schwärtzler ging in Wolfurt gleichzeitig ein zweiter Schwerzlerstamm auf. Georg und Jakob dürften Brüder gewesen sein. Darauf läßt die Gleichartigkeit der Leitnamen in ihren Familien schließen. 1. Jakob Schwärtzler lebte mit seiner Familie im Holz. Dort war er zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges vermutlich bereits Inhaber der Mühle im Holz. Seine erste Frau Maria Stadelmann gebar ihm sehr viele Kinder, darunter die Söhne Martin, Rochus, Johann, Kaspar, Anton und Sebastian. Seine zweite Frau Maria Böhler blieb kinderlos. Stammvater Jakob starb am 6. Februar 1696. Holzmüllars 1.Jakob 2. Johann, im Holz, gestorben 1722 3. Johann, im Holz, 1695-1761 10 4. Josef, 1725-1764, Holz (Im Holz 1) Josef hatte einen älteren Bruder Georg im Nachbarhaus (Im Holz 3), der dort nach einer Urkunde von 1731 die obere Mühle im Holz betrieb.6 Georgs Schwiegersohn Johann Stadelmann kaufte 1772 das Schloß und wurde durch seinen Schwiegersohn Franz Xaver Köb Stammvater der Schloßburo-Köb. Von ihm stammen aber auch die Holzarschmiod-Böhler im Stammhaus Im Holz 3. 5. Johann Martin, 1762-1826, Holz 6. Johann, 1813-1859, Holz, Holzmüller 7. Josef Anton, 1854- , Holzmüller Seine Tochter Johanna Schwerzler heiratete 1924 Ludwig Gunz aus Bildstein. Damit erhielt der Stammsitz der Holzmüller nach 300 Jahren Schwerzler den neuen Namen Gunz. Baholzars Anfang wie Holzmüllars 5. Johann Martin, Holz 6. Johann Martin (IL), 1797-1858. Er heiratete ins Bannholz. 7. Johann Martin (III.), 1833-1908, Bannholz. 8. Josef Anton, 1865-1923. Sein Bruder Martin Schwärzler wurde Pfarrer und Ehrenbürger von Bezau. (Siehe Anhang!) Als das Haus im Bannholz (nahe bei Rutzenbergstraße 25) 1915 abgebrannt war, übersiedelte die Familie auf die Steig (Rutzenbergstraße 1). 9. Josef Anton, 1904-1979. Frickenescherweg 4. Im Elternhaus auf der Steig blieben seine Geschwister Baholzars Kathrie und B. Marte. 10. Jakob Schwerzler (1948). Er erwarb und renovierte im Röhle das Haus Bregenzerstraße 7. Als Stammhalter der Holzmüllar-Baholzar trägt er zufällig auch den Vornamen des Urahns Jakob. Klamporars Ein Zweig von Baholzars 7. Johann Martin (III.) 8. Johann Schwärzler, 1867-1909, Strohdorf (Rebberg 8, Berchtolds) 9. Martin Schwärzler (1908), Spengler. Er erwarb das Haus und den Hausnamen des Klamporars (Spenglers) Raschle im Tobel (Tobelgasse 4). Drei Söhne: Edwin (1934), Ludwig (1938) und Walter (1940). Zimborars Ein mächtiger Ast aus dem Stamm Jakob setzte sich vom Holz herab für lange Zeit in Unterlinden fest. Am längsten besaßen die Schwerzler dort die Häuser Frickenescherstraße 6 (Guldenschuhs) und 7 (Müllers). Die Familie Müller gehört zu ihren direkten Nachkommen. 6 VLA, Urkunde 6993 v. 1.2.1731, gesiegelt von Hofsteigammann Jörg Rohner 11 Müllers Haus in Unterlinden ist ebenfalls ein Stammhaus der Schwerzler 1. Jakob. Urahn der Holzmüllar. 2. Sebastian, 1658-1736. Unterlinden. 3. Georg, 1695-1757 4. Anton, 1736-1799, Hub (Eulentobel 2, Gassers). Von seiner Frau Elisabeth haben die Lislo-Gmeiner, die ebenfalls aus dieser Familie stammen, ihren Hausnamen. 5. Josef, 1773-1845. Er kehrte wieder in ein Schwerzlerhaus nach Unterlinden zurück (Frickenescherweg 6, Guldenschuhs). 6. Joh.Georg (I.), 1809-1881, Zimborar (Zimmermann) in Unterlinden. 7. Joh.Georg (IL), 1848-1890, Unterlinden, Zimmermann 8. Joh.Martin, 1877-1916. Zimborars Hansmarte, Sticker. 9. Edmund (1912). Er übersiedelte nach Feldkirch (Siehe Anhang!). Damit ist dieses einst sehr große Schwerzler-Geschlecht in Wolfurt erloschen. Naiolars Ein großer Ast aus den Unterlindener Schwerzlern. Anfang wie bei Zimborars 3. Georg, 1695-1757, Unterlinden 4. Sebastian, 1729-1788, Unterlinden 5. Joh.Josef, 1773-1837. Er erwarb 1804 an der Ach ein Haus am Platz des späteren Wälderhofs (Bregenzerstraße 28). Seither wurde dieses als Naiolars (Nähers) bezeichnet. 12 6. Joh.Georg (I.), 1810- , Ach 7a. Joh.Georg (IL), 1848-1915, Hansirg. Von einem Naiolar-Onkel erbte er in der Bütze das Haus Bützestraße 2. Sein einziger Sohn Josef starb 1914 als Soldat in Galizien. 8a. Rosa Schwerzler, 1892-1943. Durch ihre Ehe mit Eugen Rist kam Naiolars Hansirgo Hus in der Bütze in den Besitz der Familie Rist. 7b. Joh.Baptist, 1854-1919, Hambadist. Er übernahm das Elternhaus an der Ach, das aber 1897 abbrannte. 1906 erbaute er ein neues Haus weiter unten an der Ach (Achstraße 25). Der einzige Sohn Joh.Georg starb 1915. 8b. Olga Schwerzler, 1886-1969, Böglar-Olga, Achstraße 25 9b. Elmar Schwerzler, 1925-1944. Mit seinem Tod im Kriegslazarett starb auch diese Linie aus. 7c. Lorenz (L), 1851-1919. Er heiratete in die Bütze (Bützestraße 13, Kalbs). 8c. Lorenz (IL), 1890-1957. Naiolars Lorenzle starb kinderlos als letzter Mann aus diesem Zweig. Von seiner Schwester Adelheid Schwerzler kam das Haus durch ihre Ehe mit Ferdinand Kalb an die Familie Kalb. Flaschnars Eine Seitenlinie von Naiolars an der Ach 5. JohJosef, 1773-1837 6. Martin, 1820-1881, Flaschner (Spengler). Erkaufte 1871 den Gasthof „Schiffle" an der Ach (Bützestraße 41) und wurde Wirt. Nach seinem Tod übersiedelte die große Familie nach Kennelbach. Ein Sohn William K. Schwerzler ist 1951 in New Jersey, USA, gestorben. III. Stamm Johann Dellomoosmüllars Noch ein weiterer Schwerzler-Stamm bestand in Wolfurt schon vor 1650, zu den beiden anderen vermutlich nahe verwandt. 1. Johann Schwerzler. Der Pfarrer schrieb seinen Namen Hanß Schwärtzler. Aus den Pfarrbüchern kennen wir zwei Ehefrauen, Maria Straßer, gest. 1656, und Katharina Natter, außerdem vier von den Kindern aus der ersten Ehe: Michael, Anton, Barbara und Franz. 2. Anton, 1650-1722. Er wohnte mit seiner Familie als nächster Nachbar zu Felixos direkt hinter dem alten Schwanen im Gässele. Dieses dritte Schwerzlerhaus im Kirchdorf wurde schon 1911 abgebrochen und seither nicht mehr aufgebaut. 3. Josef, 1691-1754, im Gässele 4. Johann Georg, 1732-1793. Er erwarb 1786 die Mühle an der Minderach und wurde Dellenmoosmüller. (Siehe Anhang!) 5. Josef Schwärzler, 1776-1847, Tuch-Fergger, Schwarzach 6. Gebhard Schwärzler, 1815-1896, Fabrikant, Bürgermeister von Schwarzach. Über ihn und seine Nachkommen berichtet ein eigener Artikel im Anhang. 13 Pfarrer Martin Schwärzler Zwar standen am Anfang der SchwerzierReihen zwei mächtige Hofsteig-Ammänner. Ihre vielen Nachfolger blieben aber in den meisten Fällen schlichte Bauern und Handwerker. Nur ganz wenige traten ins Licht der Öffentlichkeit. Einer davon war Pfarrer Martin Schwärzler. In einem kleinen Bauernhaus auf dem Rutzenberg, zu dem auch ein Steinbruch gehörte, lebte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Familie Martin Schwerzier, Baholzars. Mutter Katharina, geb. Fischer, schenkte zwischen 1864 und 1875 neun Kindern das Leben. Vier Büblein tauften sie Gebhard. Alle vier starben innerhalb der ersten Lebenswochen. Johanna, die älteste, heiratete 1889 Josef Pfarrer Martin Schwärzler Höfle, Dello-Seppl in Rickenbach. Ihren Sohn Martin Höfle, 1892-1992, haben wir alle als unseren 100jährigen Dorfpolizisten gekannt, Josef Anton Schwerzier, der älteste Sohn, übernahm den Hof, der dann 1915 abgebrannt ist. Jetzt übersiedelte er mit seiner großen Familie herab auf die Steig. Das alte StöoglarHus dort heißt seither Baholzars. Die zweite Tochter Maria Rosa blieb ledig, der zweite Sohn Johann heiratete ins Strohdorf und wurde der Stammvater von Klamporars im Tobel. Der jüngste von den Söhnen, geboren am 21. Jänner 1872 im Bannholz, wurde nach dem Vater Johann Martin getauft. Ein paar Jahre später fiel der körperlich schwächliche Bub in der Wolfurter Volksschule dem neuen Pfarrer Johann Georg Sieber durch seine Begabung auf. Der Pfarrer sorgte dafür, daß Martin schon mit 11 Jahren nach Brixen im Südtirol ins Knabenseminar Vizentinum geschickt wurde. Dort absolvierte das Studentlein, sicher oft vom Heimweh geplagt, alle acht Gymnasialklassen. Nur die Sommerferien durfte Martin daheim auf dem steilen Bannholzbühel verbringen. Seine Eltern ersparten ihm das sonst für Studenten übliche Betteln um eine Unterstützung. Dafür half er in der Landwirtschaft mit. 1891 legte Martin die Matura ab, blieb aber in Brixen. Unter dem verändert geschriebenen Namen Schwärzler trug er sich im Priesterseminar ein. Zu Peter und Paul 1895 salbte ihn 15 Das alte Schulhaus. Federzeichnung von Edmund Schwerzler. Zusammenfassung Das Geschlecht der Schwerzler hat sich in Wolfurt, ausgehend von einem 1503 urkundlich genannten Jakob Swärtzler, in drei großen Stämmen ausgebreitet. Um das Jahr 1850 erreichte es mit etwa 170 Namensträgern die größte Zahl. Seither sind die Schwerzler, von denen sich viele inzwischen Schwärzler schreiben, auf etwa ein Drittel zusammengeschmolzen. Im Mannesstamm erloschen sind in Wolfurt zuletzt folgende Sippen: Hannes mit Franz Schwerzler +1964 Murars mit Josef-Anton + Stenzlars mit Anton +1951 Holzmüllars mit Josef-Anton + Schnidars mit Gebhard +1989 Zimborars mit Edmund (verzogen) Tirolars mit Johann +1976 Naiolars mit Lorenz +1957 Hafnars mit Wilhelm +1971 Flaschnars mit Martin +1881 Die heute in Wolfurt lebenden Schwerzler und Schwärzler gehören fast alle den alten Sippen Toblars, Büoblars, Liborats, Ludwigos, Filitzos, Baholzars oder Klamporars an. Einige sind aber auch erst in den letzten Jahren aus dem Vorderwald zugezogen. Auf nur mehr wenigen jungen Familien ruhen die Schwerzler-Erwartungen für das nächste Jahrhundert. Dazu wünschen wir ihnen alles Gute! 14 der Brixner Bischof zum Priester. Am Sonntag, 9. Juli 1895, feierte Martin Schwärzler in Wolfurt seine erste heilige Messe. Die Wolfurter machten, angeführt von ihrem späteren Ehrenbürger Pfarrer Sieber und von Vorsteher Lorenz Schertler, aus der Primiz ein eindruckvolles Fest. Neun Tage lang koordinierte „Dekorationsmeister" Ferdinand Schneider die Vorbereitungen. Außer beim Elternhaus wurden entlang der Hauptstraße für den Festzug weitere acht (!) bekränzte Bogen aufgestellt: in Rickenbach, Spetenlehen, Hub, Strohdorf, Unterlinden, dann der größte am Kirchplatz und schließlich noch je einer am Kirchenportal und beim Pfarrhof.1 Schüler, Kongregation, Männer und Frauen holten den Primizianten mit ihren Kirchenfahnen in Rickenbach ab. Beide Musikkapellen, die alte und die neue, begleiteten den Zug. Geschlossen marschierten die Feuerwehr und die Turner. Die Schützen hatten sich eigens verstärkt. 195 Männer sollen es gewesen sein, die ihre alten Gewehre mit den auf allen Büheln aufgestellten Böllern um die Wette knallen ließen. Nur gut, daß Geistlichkeit und Honoratioren in Kutschen fahren durften, der Primiziant wäre sonst müde zur Kirche gekommen! Einen Monat später, nach verschiedenen Einladungen zu „Nachprimizen" in die Nachbargemeinden, trat der Neupriester seinen ersten Dienstposten als Frühmesser in Dornbirn an. Neun Jahre lang wirkte er hier in St. Martin, in der Pfarre, die seinem Namenspatron geweiht war. Dann aber wurde er 1904 nach Bezau gerufen. Keiner von den älteren Pfarrherren hatte sich um diese große, schöne Pfarre beworben, denn hier mußte dringend eine neue Kirche gebaut werden. Der Pomp bei seiner Primiz in Wolfurt mag einer der Gründe gewesen sein, daß sich der neue Pfarrer bei Vorsteher Feuerstein in Bezau jegliche Feier bei seinem Einzug verbat. Mit umso größerer Tatkraft machte sich der kleine, bescheidene Mann ans Werk. In verhältnismäßig kurzer Zeit war die Planung für eine große neue Kirche abgeschlossen, die Finanzierung gesichert. In den Jahren 1907 und 1908 entstand der gewaltige B au. Auch die gesamte Einrichtung wurde erneuert, die Altäre, die Bänke, die Orgel, die Glocken, sogar der Friedhof. Der Stolz und die Freude der Bezauer über ihre Kirche waren ungeheuer groß. Sie sind noch immer stolz, auch wenn mancher moderne Kunstkritiker glaubt, über das Stilgemisch von Historismus und Nazarenermalerei ein wenig lächeln zu müssen. Unbeeinflußte Besucher stellen immer wieder fest: Eine Kirche, die zum Schauen und zum Beten einlädt! In den Jahrzehnten seiner priesterlichen Seelsorge gewann Pfarrer Schwärzler durch seine 2 1 Pfarrkirche Bezau, erbaut 1908 gütige und liebevolle Art, durch seine Frömmigkeit und Bescheidenheit, die Herzen seiner Pfarrkinder. Schon 1929 ernannte ihn die Gemeinde Bezau nach 25 Jahren als Pfarrer zu ihrem Ehrenbürger. Er blieb noch bis ins hohe Alter im Dienst. Das einzige, was sich der den Armen gegenüber immer freigiebige, selbst aber völlig anspruchslose Geistliche gönnte, waren einige große Wallfahrten nach Rom, Lourdes und ins Heilige Land.2 1940 trat er von seiner Pfarrstelle zurück, blieb aber als Katechet im Schuldienst, besorgte den Erstkommunionunterricht und stand auch gerne anderen Pfarren als Aushilfe zur Verfügung. Sein 50jähriges Priesterjubiläum ging in den Wirren des Kriegsendes 1945 fast unter. Das 60jährige feierte der rüstige Greis ganz nach seiner bescheidenen Art in aller Stille am Gnadenaltar der Landesmutter in Rankweil. Da hat er sicher seine Verwandten und uns alle in Wolfurt auch in sein Gebet eingeschlossen! Wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag ist Pfarrer Martin Schwärzler nach kurzer Krankheit am 14. November 1961 gestorben. Neben dem Südportal seiner Pfarrkirche widmeten ihm Pfarrei und Gemeinde Bezau ein Ehrengrab. Bezauer Pfarrblatt, Festausgabe zum 29. Juni 1955 GA, Chronik Schneider 3, S. 204 17 16 Edmund Schwerzler Ein künstlerischer Tausensassa! So nennt ihn das Kultur-Journal anläßlich einer SchwerzlerAusstellung in Vaduz im November 1990. Ein Multitalent, wie es nur selten vorkommt! Vielen von uns ist Edmund noch gut bekannt, auch wenn er nun schon seit einigen Jahrzehnten im Oberland daheim ist. Zwar ist mit seinem Wegzug die uralte Sippe der Zimborar in Unterlinden erloschen, aber auch die Toblar-Schwerzler zählen ihn zu ihrer Familie. Edmunds Vater Johann Martin Schwerzler, Zimborars Hansmarte, war ein Sticker. Die Mutter Klara Rohner, Toblars Klara, stammte wie ihr Bruder Theodor Rohner (Bürgermeister von 1938 bis 1945) mütterlicherseits aus dem Tobel. 1909 hatten sie geheiratet und bald danach eine Wohnung im Haus Unterlindenstraße 23 bei Ferdinand Köb bezogen. Dort kamen nun drei Buben zur Welt, Franz 1910, Edmund 1912 und Herbert 1914. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges mußte der Vater einrücken, wurde in Serbien schwer verwundet und ist 1916 im Lazarett gestorben. Eine harte und entbehrungsreiche Kindheit und Jugend für die Buben ging, als sie gerade ihre Berufe erlernt hatten, in die bitteren Soldatenjahre im Zweiten Weltkrieg über. Franz starb nach einem Unfall schon 1939. Herbert heiratete 1948 nach Hard. Edmund, dessen Zeichentalent schon in der Volksschule aufgefallen war, schloß 1947 an der HTL seine durch den Krieg unterbrochene Ausbildung als Hochbauzeichner ab und fand eine Anstellung bei einem Architekten und später im Landeshochbauamt. 1950 heiratete er Wilhelmine Broch und übersiedelte nach Feldkirch. Aus der glücklichen Ehe entstammen der Sohn Franz Schwerzler in Gisingen und die Tochter Gisela, verehelichte Meier in Schellenberg. Neben seinem Beruf entwarf Edmund manchen Plan für die in Wolfurt gebauten Einfamilienhäuser. Mit den Freunden in der alten Heimat, besonders mit den ehemaligen Musikkameraden, hielt er weiterhin Kontakt. Edmund 18 Schwerzler Zwar hatte er immer schon gerne "gezeich- net", aber so richtig entfaltete sich sein künstlerisches Talent erst spät. Jetzt entstanden aus Edmunds Hand in seiner Freizeit vielfältige Werke: graphisch gestaltete Urkunden, Brandmalereien, Wappenzeichnungen, sogar originelle Keramikfiguren für Ofenkacheln. Vollends verschrieb er sich der Kunst, nachdem er 1976 in den Ruhestand getreten war. Seither hat er vor allem mit Federzeichnungen vielen Menschen Freude bereitet. Zuerst schuf er Bilder von Feldkircher Motiven, dann auch solche aus ganz Liechtenstein, wo er seit dem Tod seiner Frau Mina bei der Tochter eine dritte Heimat gefunden hat. Porträts und Wappenserien stellte er dem Schulamt als Lehrbehelfe zur Verfügung, dazu auch Bilder zur Geschichte von Liechtenstein. Regelmäßig gestaltete er die Titelseiten des Pfarrblattes von Levis und des Gemeindeblattes von Schellenberg mit seiner feinen Feder. Ein wahrer Meister wurde Edmund noch auf einem anderen Gebiet. In Erinnerung an die bescheidenen Spielzeuge seiner Kindheit verschaffte er sich noch einmal eine „Laubsäge"Ausrüstung. Für die Kinder zuerst, dann als Zimmer- und Weihnachtsschmuck stellte er kostbares Kunsthandwerk her. Seine mit großer Feinfühligkeit und Ausdauer gestalteten Arbeiten stießen bei den Ausstellungen in Vaduz 1990 und in Sargans 1991 auf begeisterte Zustimmung. Sicher hat Edmund Schwerzier mit seiner Freude an schönen Dingen, seiner Hilfsbereitschaft und seinem bis ins hohe Alter unermüdlichen Schaffen die Menschen seiner Umgebung und sich selbst reicher gemacht. Wir Wolfurter wünschen ihm noch für viele Jahre Gesundheit und Kraft! Baueraus Liechtenstein. Porträt von Edmund Schwerzier 19 Als zweiter Schwerzler heiratete 1750 Anton Schwerzler, 1724-1797, nach Schwarzach. Er war ein Sohn des (3.) Josef aus dem Stamm III. im Gässele. Seine Frau Maria Meßlang war eine Schwarzacherin, die nun mit ihm im domus 33 bey der Kirchen sechs Kinder aufzog.3 Im Jahr 1764 kauften sie die Dellenmoos-Mühle. Diese alte wichtige Mühle nutzte die Wasserkraft der Rinne, eines alten Kanals, der an der Grenze zu Wolfurt Wasser aus der Schwarzach in die nahe Minderach leitete. Das Wasserrad trieb nicht nur eine Mühle, sondern mit Riemen-Transmissionen auch ein Sägewerk und eine Lederwalke und später dazu noch eine Wetzsteinschleife. Alles gehörte viele Jahre lang der Müllerfamilie Sailer in domus 1 im Dellen Mos, bis 1761 nach dem Tod des erst 24jährigen Franz Xaver Sailer der Rickenbacher Johann Georg Böhler die Mühle kaufte. Aber schon nach drei Jahren verkaufte Böhler am 1 windtermonath 1764 die Mahlmühle samt Haus,-Säge, Walke und Gut (Wiese) mit allem Inventar für 1940 Gulden an Anton Schwerzler.4 Zwar beeinspruchten der Altmüller Johann Sailer und der Wolfurter Geschworene und Rößlewirt Martin Flatz den Kauf, zogen aber ihre Einsprüche bald wieder zurück. Weihnachtssterne. Laubsägearbeiten von Edmund Schwerzler Wie die Schwerzler nach Schwarzach kamen Fast noch mehr Bedeutung als für Wolfurt erhielten dieSchwerzlerfür unseren Nachbarort Schwarzach. Besonders Gebhard Schwärzler hat im 19. Jahrhundert dem damals noch sehr kleinen Dörfchen überregionale Beachtung verschafft. Als erster Schwerzler war ein Holzmüllar nach Schwarzach gekommen. Franz Schwerzler, geboren 1687 als Sohn des (2.) Johann aus dem Stamm II. Jakob im Holz, hatte 1717 Maria Fischer, eine Tochter des Hofsteig-Geschworenen Franz Fischer in Spetenlehen, geheiratet. Mit ihr erwarb er das domus 25 im dorff in Schwarzach.1 Dort ist er 1761 gestorben. Sein 1722 geborener Sohn Johann Schwerzler übernahm das Haus. Von seinen Nachkommen wurde der 1840 in Schwarzach geborene Jesuitenpater Franz Xaver Schwärzler ein bedeutender Mann in der Kaiserstadt Wien. Als Provinzial der Jesuiten erbaute er dort deren Canisiuskirche.2 Mehr als 22 Jahre lang war nun Anton Schwerzler Dellenmoosmüller. Am 14. Mai 1786 wollte er Mühle und Säge an einen ehemaligen Wolfurter Nachbarn, an Josef Marth aus dem Lo beim Kirchdorf, verkaufen. Marths Frau Magdalena Köb und seine Mutter Maria Künz waren Schwarzacherinnen, er selbst der letzte aus der alten Wolfurter Sippe Marth, deren Ahnin Anna Martin im Jahre 1595 unter der Folter sterben mußte, weil sie angeblich die Reben in der benachbarten Bütze verhext hatte. Jetzt brachte Marth seinen Kauf nicht durch. Es war damals üblich, daß jeder schaf (Grundverkauf) nach dem Gottesdienst bei der Kirche veröffentlicht wurde. Wieder kam ein Einspruch, diesmal von Johann Georg Schwerzler, dem jüngeren Bruder des Verkäufers. Johann Georg, 1732-1793, lebte bis dahin mit seiner großen Familie im Schwerzler III - Stammhaus domus 38 im Gäßele hinter dem alten Schwanen im Wolfurter Kirchdorf.5 Seine Frau Katharina Haltmayer war eine Tochter des verstorbenen Rickenbacher Löwenwirts. Ihr Stiefvater, der neue Löwenwirt Joseph Fischer, hatte schon früher und auch jetzt wieder das Amt des Hofsteig-Ammanns inne und damit einen großen Einfluß auf alle Rechtsgeschäfte. Das dürfte den Ausschlag gegeben haben, daß die Dellenmoosmühle nach Ablauf der gesetzlichen Einspruchsfrist am 11. Juni 1786 Joh. Gg. Schwerzler zugesprochen wurde. 3 1 2 4 Pfarrarchiv Wolfurt, Seelenbeschrieb 1760 Josef Walser: Johann Kohler, Tyrolia 1918, S. 120 Wie Anmerkung 1 VLA, Schaffbuch Schwarzach 1758 / 84 1/2 Wie Anmerkung 1 5 20 21 Marth hatte das Nachsehen. Er ist kurze Zeit später nach Bregenz übersiedelt. Mit dem Familienerbe aus dem Löwen konnte Schwerzler die Mühle bezahlen. Er mußte auch die auf ihr lastenden Schulden übernehmen, 300 Gulden an den Hohenemser Juden Ofenheimer und 149 Gulden auf den pfanenberg in Bregenz.6 Diese Schulden hatten wohl seinen Bruder Anton zum Verkauf gezwungen. Jetzt überließ Joh. Gg. Schwerzler das Wolfurter Haus im Gässele seiner ältesten Tochter Maria Katharina, die noch im gleichen Jahr 1786 ihren Mann Aloys Haltmayer heiratete. Er selbst zog mit seiner Frau Katharina und den Kindern Ursula, Anna, Maria, Josef, Johann und Kaspar Schwerzler ins Dellenmoos.7 Mit seinen heranwachsenden Söhnen bewirtschaftete er die Mühle. Mutter Katharina hatte in Wolfurt noch zwei angesehene Vettern, den Adlerwirt Johann Haltmayer und den Kreuzwirt Josef Anton Haltmayer. Beide betrieben neben ihrer Gastwirtschaft einen Weinhandel und dazu noch eine Tuch-Ferggerei. Damals stand ja in fast jedem Haus ein Handweb^tuhl. Die Fergger versorgten die Weber mit Garn und vermittelten den Verkauf der Tücher. Bisher hatten die Weber den im eigenen Feld angebauten und selbst gesponnenen Flachs zu grober Bauern-Leinwand verarbeitet. Nun erzeugten sie aus der neumodischen, aus Südländern importierten Baumwolle feine Tücher. Ein Fergger wurde als Fabrikant bezeichnet. Das Beispiel seiner Wolfurter Verwandten führte nun dazu, daß auch des Dellenmoosmüllers ältester Sohn Josef ein solcher Fabrikant wurde. Er war 1776 noch im Gässele geboren worden und jetzt in Schwarzach als Müllers Sepp bekannt. Mit großem Einsatz weitete er sein Geschäft aus, -\ - allem durch die Umstellung von Weiß- auf Buntweberei in der Konjunktur nach den Napoleonischen Kriegen. Schließlich konnte er um 1835 gleich zwei große Häuser in Schwarzach bauen, eines (Gebhard-Schwärzlerstraße 5) für sich, das zweite für seinen jüngsten Sohn Gebhard (das markante, vor kurzem erneuerte DürKaufhaus, Hofsteigstraße 53). Um diese Zeit hatte Josef Schwerzler seinen Namen bereits auf Schwärzler umgestellt. 1847 ist er gestorben. Vorsteher Gebhard Schwärzler Josefs Sohn Gebhard Schwärzler, 1815-1896, hatte schon 1843 die Leitung der Baumwollfabrikation übernommen. Kurz zuvor hatte er noch in seinem Haus an der Hofsteigstraße eine Gemischtwarenhandlung eröffnet.8 Bis zu 200 Weber in Schwarzach und auf dem Steußberg woben an ihren Handwebstühlen für ihn. Schwärzler erkannte aber, daß VLA, Schaffbuch Schwarzach 1782 / 84 Pfarrarchiv Wolfurt, Familienbuch I c fol 81 8 Hans Kohler: Gebhard Schwärzler und seine Nachkommen, Eigenverlag Rankweil. 1992. Aus diesem Buch stammen auch viele von den folgenden Daten. Sie werden ergänzt aus Pfr. Josef Walser: Johann Kohler und Gebhard Schwärzler, Verlag Tyrolia, 1918. 7 6 er dem Konkurrenzdruck der Maschinenwebereien auf die Dauer nicht gewachsen sein würde. 1856 errichtete er daher selbst eine Fabrik mit 84 mechanischen Webstühlen in Schwarzach. Für den Antrieb sorgte ein Wasserrad am Kanal der Dellenmoosmühle. Später wurde zusätzlich eine Dampfmaschine eingebaut. Nach dem frühen Tod seines Sohnes Gebhard, dem er die Führung der Fabrik übergeben hatte, verkaufte er diese 1883 an F.M. Hämmerle in Dornbirn. Schon 1857 hatten die Schwarzacher Gebhard Schwärzler zu ihrem Vorsteher gewählt. Bis 1873 blieb er in diesem Amt und 1885 übernahm er es noch einmal für drei Jahre. 1888 wurde dann sein Schwiegersohn Johann Kohler Vorsteher und führte als solcher bis 1910 Schwärzlers Werk fort. In diesem halben Jahrhundert gaben die beiden ihrem Ort ein ganz neues Aussehen. Vorsteher Gebhard Schwärzler Die Entwicklung hatte schon mit der Erstellung der Wälderstraße durch das vorher unzugängliche Schwarzachtobel im Jahre 1838 eingesetzt. Gastwirte und Handwerker hatten davon . Vorteile, aber natürlich auch der Fergger, der seine Wälder Weber besuchte. Jetzt wurde eine Eisenbahn durch das Rheintal geplant. Als sich die Wolfurter mit aller Kraft gegen eine Linienführung über ihr Gebiet wehrten, plante der Feldkircher Fabrikant Carl Ganahl eine direkte Trasse parallel zur Reichsstraße durch das Lauteracher Ried nach Dornbirn. Vorsteher Schwärzler war inzwischen 1865 auch in den Vorarlberger Landtag gewählt worden. Obwohl er in weltanschaulichen Fragen manchen Kampf gegen Ganahl, den Anführer der den Landtag beherrschenden Liberalen, austrug, konnte er diesen doch dazu bewegen, Schwarzach als Tor zum Bregenzerwald mit einem eigenen Bahnhof auszustatten und dazu eine ganz neue Trasse zu wählen. Um die Bedeutung Schwarzachs zu unterstreichen, organisierte Schwärzler 1869 hier die erste große Landesausstellung für Landwirtschaft und Gewerbe, zu der Besucher aus weitem Umkreis kamen. Landeshauptmann Froschauer nahm die Eröffnung vor. Aus Innsbruck erschien sogar der kaiserliche Statthalter Freiherr von Lasser. Prompt ernannten ihn die Schwarzacher zu ihrem ersten Ehrenbürger.9 9 Christoph Volaucnik, Heimatbuch Schwarzach, 1990, S. 220 22 23 Zum neuen Bahnhof erbaute Schwärzler auf eigene Kosten eine Straße, die heute nach ihm benannt ist. Lange wehrte er sich dagegen, daß die Wolfurter, die ein paar Jahre früher die Eisenbahn noch verschmäht, aber inzwischen ihren schweren Planungsfehler erkannt hatten, eine eigene Bahnhofsstraße durch den Schlatt bekamen. Über Initiative von Fabrikant Zuppinger und des neuen Wolfurter Vorstehers Adlerwirt Fischer wurde eine solche 1874 doch eröffnet, aber die Wolfurter mußten sie dann fast hundert Jahre lang einschließlich der Brücke auf Schwarzacher Gebiet selbst erhalten. Gegenüber vom Bahnhof eröffnete Schwärzler 1872 bei Aufnahme des Bahnbetriebes auch gleichzeitig das 20-Betten-Hotel „Bregenzerwald" mit Stallungen für 40 Postpferde, die den zunehmenden Verkehr von der Schnellzugsstation (!) Schwarzach in den Wald bewältigen mußten. Erster Hotelier wurde Schwärzlers Sohn Karl. Hundert Jahre später nannten die Schwarzacher ihr immer noch beliebtes Restaurant einfach die „Reste". 1978 ist sie abgebrochen worden.10 Aus dem Familienvermögen stiftete Tochter Paulina Schwärzler 1884 eine private Mädchenschule an der Hofsteigstraße, in der die Schwarzacher Mädchen bis 1938 von Barmherzigen Schwestern unterrichtet wurden. Noch lange danach diente das Haus der Gemeinde als Arzt-Ordination. Als die Rickenbacher im Jahre 1876 auf „Löüowiorts Guot" ihre schöne Kapelle erbauten, stiftete Gebhard Schwärzler im Andenken an seine aus dem Löwen stammende Großmutter Katharina das wertvolle Chorfenster, das noch heute seinen Namen trägt. Er gedachte aber auch der Schwarzacher Kirche, zu deren Friedhof er 1869 die Arkaden erbauen ließ, mit großzügigen Zuwendungen. Mit einem Legat von 4000 Kronen bestimmte er schließlich noch den Bau einer großen Lourdes-Kapelle, die dann sein Schwiegersohn Kohler 1897 an der Schwärzlerstraße errichtete. Ein Jahr zuvor war Gebhard Schwärzler am 24. Februar 1896 gestorben. Schwärzlers Familie. Im Jahre 1838 hatte der 23jährige Gebhard Schwärzler die ein Jahr ältere Maria Anna Pircher geheiratet. Sie war eine Tochter des Eisenschmieds Josef Pircher in Bregenz, der dort am Leutbühel einen Handel mit Metallwaren betrieb. Innerhalb von 13 Jahren brachte Maria Anna 11 Kinder zur Welt, von denen viele bedeutende Vorarlberger Familien abstammen. Allzu früh ist Mutter Maria Anna 1867 gestorben. Als ihre Kinder 1878 die Eisenhandlung Pircher erbten, verlagerte sich ein Teil des Familieninteresses nach Bregenz. Schwarzach blieb aber noch lange Zeit der Mittelpunkt der großen Familie Schwärzler. Zum Abschluß hier nur noch zwei Beispiele für die Fortsetzung des Schwerzler-Stamms III, der Dellomoosmüllar: 6. Gebhard Schwärzler, Schwarzach, Vorsteher und Fabrikant 7. Maria Anna, 1840-1926, Schwarzach, verehelicht mit Johann Kohler, Vorsteher, Landtags- und Reichsratsabgeordneter, Gründer der Christlich-sozialen Partei in Vlbg., Gründer der Raiffeisenbewegung und des Genossenschaftsverbandes für Vorarlberg. 8. Ignaz Kohler, 1883-1962, Obmann des Vlbg. Genossenschaftsverbandes 9. Hans Kohler, 1914-1990, Schwarzach, Verbandsanwalt 10. Hans Kohler (1947), Bürgermeister und Landtagsabg. in Rankweil. Aus dieser Linie stammen neben vielen Kohler- und Schertlerfamilien in Schwarzach auch einige Wächter- und Lingenhölefamilien in Bregenz. 6. Gebhard Schwärzler, wie oben 7. Karl, 1844-1912, Wälderhofwirt in Schwarzach, ab 1878 Geschäftsführer der Firma Pircher in Bregenz, Obmann beim Bau der Herz-Jesu-Kirche. 8. Karl Anton, 1881-1963, Dipl.Ing., Gründer von Elektro-Pircher, Geschäftsführer der Firma Pircher. Seine Schwester Karoline Redler-Schwärzler wurde 1944 von einem NS-Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. 9. Paul Schwärzler (1925), Ing., Firma Pircher 10. Karl Schwärzler (1952), Dipl.Ing., Firma Pircher Aus dieser Linie stammen u.a. auch die Bregenzer Familien Kleiner mit Generalabt Sighard Kleiner (1904), Redler, Kispert und Emerich. Eine übergroße Fülle von Zusammenhängen und Schicksalen verbirgt sich hinter all diesen Namen und ihren nüchternen Daten. Freud und Leid haben durch Jahrhunderte die Menschen in Familien und Sippen zusammengeführt und verbunden. Es wird uns bewußt, daß jeder von uns nur ein winziges Glied in einer langen Kette ist. Ein Glied, das gehalten wird und halten muß. 10 Emil Gmeiner. Heimatbuch Schwarzach. 1990. S. 237 24 25 Siegfried Heim Heimkehrer Vor 50 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Millionen von Menschen irrten durch das zerschossene und zerbombte Europa. Viele waren aus ihrer Heimat vertrieben worden und suchten nun hungernd, frierend und ohne Hoffnung in endlosen Flüchtlingszügen einen trockenen Platz wenigstens für die nächste Nacht. Dabei kreuzten sich ihre Wege manchmal mit den langen Kolonnen der feldgrauen Männer, die in die Gefangenschaft marschierten. Die Soldaten der zerschlagenen deutschen Wehrmacht waren fast alle, sofern sie die grauenvollen Schlachten der letzten Kriegswochen glücklich überlebt hatten, in Gefangenschaft geraten. Eingepfercht in große Lager quälte sie hinter dem Stacheldraht neben Hunger, Nässe, Kälte und Krankheiten vor allem die Sorge um die Zukunft. Um einen Wunsch drehten sich die Gespräche der Gefangenen jeden Tag und wohl auch die stillen Gebete in der Nacht: Heim! Endlich heim! Aus Wolfurt waren über 400 Männer in den Krieg gerufen worden. Viele waren gefallen. Die Volkssturmleute und einigen Invalide waren entlassen worden. Von den anderen konnten nur ganz wenige der Gefangenschaft entrinnen. Die meisten mußten dort noch Monate oder sogar Jahre auf die Heimkehr warten. Ganz unterschiedlich lange Wege lagen vor ihnen, bis sie wieder daheim, daheim in Wolfurt, ihren Angehörigen die Hände schütteln konnten. Ein paar Heimkehrer haben mir von diesem Weg erzählt. Ein Fußmarsch von einem Tag für den einen, ein Leidensweg von mehreren Jahren für manchen anderen. Ein Tagesmarsch - Friedrich Heim Geboren im Dezember 1928 in der Bütze, bekam Friedrich als 15jähriger Schüler der 4. Gymnasialklasse erstmals Soldatendrill zu spüren, als er im Jänner 1944 für eine Woche zur „vormilitärischen Ausbildung" in das Lager Suggadin bei Gargellen einberufen wurde. Wesentlich härter wurde der Monat im „Wehrertüchtigungslager" Moserkreuz am Arlberg im Sommer 1944, wo er gemeinsam mit Raimund Mohr mit Sport und täglichem Exerzieren für das Soldatenleben vorbereitet wurde. Daheim wartete auf Friedrich und seine Jahrgänger Adolf Schwärzler und Karl Gasser schon die Einberufung, die die 16jährigen „Hitlerjungen" am 1. Oktober 1944 zum Einsatz nach Ronca bei Verona in Italien rief. Bewaffnet mit Handgranaten und belgischen Beutekarabinern versahen sie dort Wachdienst beim Bau der letzten deutschen Verteidigungsstellung am Nordrand der Po-Ebene. Besser als die zugeteilten Männerrationen an Wein und italienischen „Populare"-Zigaretten schmeckten den Buben die Weintrauben, die sie von ihren gutmütigen Arbeitern erhielten. Es waren ja lauter Bauern aus den 26 Kinder müssen in den Krieg. Als ihr ältester Sohn Friedrich im Herbst 1944einberufen wurde, ließen Heims noch schnell ein Familienbild machen. Anton und Frieda Heim mit ihren Kindern Elsa, Friedrich, Erich, Siegfried, Helmut, Adolf, Hilde, Gertrud und Ernst. umliegenden Dörfern, die man hier zur Zwangsarbeit eingeteilt hatte. Auf Weihnachten wurde Friedrich entlassen. Aber schon nach ein paar Tagen mußte er zum RAD (Reichsarbeitsdienst) nach Saalfelden einrücken. Keine Spaten wurden mehr ausgeteilt, sondern sofort Gewehre. Eine fürchterliche Schinderei war das Exerzieren unter der Gasmaske bis zur völligen Erschöpfung. Wie eine Erlösung empfanden die Jungmänner die Einberufung zur Wehrmacht im März 1945, obwohl die Fronten bedenklich nahe herangerückt waren. Zu Josefi 1945 rückte Friedrich in die Untersteinkaserne in Bludenz zur Funkerausbildung ein. Wenige Wochen später brachen die Fronten endgültig zusammen, die französische Armee besetzte Vorarlberg. Für die letzten Abwehrkämpfe wurden auch noch die 16- und 17jährigen Funker in die Stellungen in der Felsenau bei Feldkirch verlegt. Hautnah erlebten sie dort am 3. Mai mittags die Sprengung der wichtigen Illbrücke. Jetzt ließ 27 Hauptmann Bartels seine Soldaten im Schwimmbad Felsenau antreten: „ Der Krieg ist aus. Jeder kann gehen , wohin er will!"1 Schnell wurden für alle Entlassungspapiere ausgestellt. Aus Feldkirch rollten bereits französische Panzer auf die Letze, um von dort in den Walgau vorzustoßen. Ein junger Kamerad nahm Friedrich mit zu sich heim ins nahe Nenzing und versorgte ihn dort mit Zivilkleidung. Gemeinsam warfen sie erst jetzt ihre Waffen und die Uniformen ins Tobel. Als die bald danach einrückenden Franzosen die Häuser nach versprengten deutschen Soldaten durchsuchten, fielen ihnen die beiden schmalen jungen Männer nicht auf. Eine Woche lang arbeitete Friedrich nun bei seinem Bauern in Acker und Stall. Dann wagte er den Heimweg. Am frühen Morgen verabschiedete er sich in Nenzing. Problemlos kam er an den vielen französischen Truppen in Feldkirch und Rankweil vorbei. Vom Militär hatte er ja außer den Schuhen und dem alten italienischen Rucksack nur mehr sein Soldbuch und den Entlassungsschein bei sich. Am Kobel in Götzis stoppte ihn ein marokkanischer Wachposten. „Papiere!" Jetzt stellte sich als Segen heraus, daß der Spieß eine Woche vorher seinen großen Stempel auf den Entlaßschein gedrückt hatte. Nur diesen Stempel mit dem großen Vogel studierte der fremde Soldat andächtig. Dann gab er das Papier zurück und winkte zum Weitermarsch. In Hohenems mußte Friedrich seine aufgequollenen Füße im Dorfbach kühlen. Es kostete ihn nachher viel Mühe, sie wieder in die schweren Schuhe zu quetschen. Weiter nach Dornbirn, nach Schwarzach! So sah der müde Wanderer die riesige graue Marschkolonne nicht, die auch heute wieder am Rand der Landstraße im Ried rastete. Seit einer Woche jeden Tag: deutsche Gefangene zu Fuß aus dem Klostertal und den anderen Alpentälern auf dem Weg nach Frankreich! Und nach der Arbeit im Riedacker ging auch heute wieder Friedrichs Mutter mit anderen Frauen aus den umliegenden Dörfern die Kolonne entlang. Vergeblich suchte sie. Daheim in der Bütze aber konnte sie ihn eine halbe Stunde später in ihre Arme nehmen, Friedrich, den ältesten von ihren sechs Buben. 11. Mai 1945. Mit noch nicht einmal 16 1/2 Jahren bereits ein entlassener Soldat! Ein paar Wochen später wird er wieder zur Schule gehen. Flucht im Kohlenwaggon - Heinrich Hölle Jahrgang 1922. Die Matura am Gymnasium Bregenz war 1941 um einige Monate vorverlegt worden, weil die Prüflinge alle schon ihre Einberufung in der Tasche hatten. Zuerst im April 1941 für ein halbes Jahr zum RAD: Flugplatzbau im besetzten Frankreich. Mit Heinrich war auch Doppelmayrs Arthur dort im Einsatz. Dann durften sie noch einmal ein paar Wochen heim. Am 8. Dezember 1941 rückte Heinrich zu den Gebirgsjägern in die Klosterkaserne nach Innsbruck ein: Rekrutenausbildung! Geschliffen werden, gehorchen! Anschließend Lehr1 gang für ROB (Reserveoffiziersbewerber), dann Einsatz in Italien und Jugoslawien bis Februar 1945. Von einem Offizierslehrgang bei Prag werden die Fahnenjunker am 20. April 1945 in die Schlacht um Berlin geworfen, in eine der letzten blutigen Schlachten des Krieges. Straßenkämpfe in der zerbombten Stadt. Am 1. Mai die Nachricht: „Der Führer ist gefallen!" Der Krieg ist aus. Jetzt nur nicht in die Hände der Russen fallen! Flucht durch unterirdische Kanäle aus dem russischen Einschließungsring. Es gelingt den Männern wirklich, sich bis zu den amerikanischen Linien durchzuschlagen. Aber die Amerikaner lösen bereits ihre Brückenköpfe auf der Ostseite der Elbe auf und ziehen sich auf das Westufer zurück. In den Trubel mischen sich nun auch die eingesickerten deutschen Soldaten und überqueren die letzte Pontonbrücke kurz vor deren Abbruch. Dann erst werden sie gefangen und entwaffnet. Zwei Wochen lang geht es in Fußmärschen im Raum Lüneburg von Lager zu Lager, bis die Männer am 17. Juni endlich das Munsterlager erreichen. Hier hausen schon Tausende von Gefangenen in Erdlöchern hungrig, durchnäßt, verdreckt - umgeben von Stacheldraht und Minengürtel, in der Nacht bestrahlt von riesigen Scheinwerfern. Die Ruhr ist ausgebrochen. Heinrich trifft Gassers Heribert und den Bregenzer Kapellmeister Wolf, beide schon von der heimtückischen Krankheit erfaßt. Die Angst vor der Epidemie, dazu Hunger und Heimweh treiben Heinrich nach einem Monat zur gefährlichen Flucht. Im Morgengrauen des 22. Juli durchklettert er gemeinsam mit einem Tiroler Freund die Sperren, erreicht einen Bahndamm und springt auf einen mit Flüchtlingen überfüllten Zug auf. Der bringt sie nach Essen ins Ruhrgebiet. Auf einem Nebengeleise entdecken sie an einem Kohlenzug die Aufschrift „Klagenfurt". Von einer deutschen Weichenstellerin erfahren sie, daß der Zug tatsächlich zur Versorgung der englischen Besatzungstruppen in Kärnten bestimmt ist. Inzwischen haben die beiden drei „Bims"-Brote und ein paar Büchsen „Corned beef' organisiert und die Feldflasche mit Wasser gefüllt. Jetzt graben sie sich tief in die Kohle ein. Vom 24. Juli bis zum 9. August bummelt der Lastzug nun durch die zerstörten Bahnanlagen über Frankfurt, Nürnberg und München nach Süden. Immer wieder gelingt es den Ausreißern, aus den haltenden Waggons abzuspringen, bei deutschem Bahnpersonal etwas Eßbares zu erbetteln oder wenigstens die Feldflasche wieder mit Heinrich Höfle als Soldat Lies nach bei Schelling, Festung Vorarlberg, Teutsch 1980, Seiten 162 ff ! 28 29 Wasser zu füllen und dann, unbemerkt von der Wachmannschaft, das fahrende Versteck wieder zu erreichen. Dann muß Heinrich seinen Gefährten verlassen. Sein Ziel liegt ja jetzt im Westen. Auf der Suche nach einem Unterkommen trifft er in Garmisch zufällig Mathias King, einen Kennelbacher, der aus amerikanischer Gefangenschaft entflohen ist. Mit Hilfe eines ortskundigen bayerischen Försters überqueren die beiden nun von Mittenwald aus über den hochalpinen Franzosensteig die Tiroler Grenze und erreichen an Leutasch und Seefeld vorbei die Eisenbahn bei Zirl. Ohne Fahrkarten besteigen sie einen Personenzug. Eine Schaffnerin, der sie sich anvertrauen, versteckt sie in ihrem Dienstabteil vor der französischen Militärstreife. Bekannte Schilder tauchen an den Bahnhöfen auf: Feldkirch! Dornbirn! Schwarzach! Nur jetzt nicht mehr in eine Kontrolle laufen! Kurz vor Lauterach lassen sie sich aus dem bremsenden Zug fallen. Schräg durch die Wiesen finden sie den Weg an die Ach nach Wolfurt. Es ist Samstag, der 11. August 1945, der Samstag vor Portiunkula. Mama Höfle kommt gerade auf ihrem Fahrrad von der Beichte aus der Kirche. Von dem schmalen Feldweg, der hinter Hohlo-Schnidars Hus in die Bützestraße einbiegt, läuft ihr ein abgezehrter junger Mann in Uniform in den Weg. Aus Tausenden würde sie ihn sofort erkennnen, ihren einzigen Buben, Heinrich! Einige Zeit mußte er sich noch versteckt halten. Er besaß ja keine Entlassungspapiere. Immer noch wurden Männer von der Militärstreife aufgegriffen und nach Frankreich abtransportiert. Die Bürgermusik, die jetzt manchmal für Colonel Jung im Schloß Wolfurt aufspielen mußte, besorgte ihrem Klarinettisten wenigstens einen Passierschein. Dann meldete sich Heinrich im Lehrerseminar an. Am 28. Februar 1946 erhielt er endlich von der französischen Ortskommandantur in Bregenz sein so heiß begehrtes „Certificat de Demobilisation". Entlassen! Entlassen nach fünf verlorenen Jahren. Vom Eismeer nach Hause - Eduard Köb Schmieds Eduard wurde 1917 geboren. Beim „Anschluß" Österreichs an Deutschland war er also gerade 21 Jahre alt und wurde daher sofort, noch zu Friedenszeiten, am 2. Dezember 1938 zu den Gebirgsjägern nach Landeck eingezogen. Noch vor Kriegsbeginn wurde er mit seiner Einheit an die polnische Grenze verlegt. Ab 1. September 1939 marschierten sie in Polen ein, im Mai des nächsten Jahres in Frankreich. Eduard arbeitete die meiste Zeit als Hufschmied für seine Tragtierkompagnie. Im Herbst 1940 wurde die Truppe schließlich nach Kirkenes in Nord-Norwegen verlegt. Auch dort begann am 22. Juni 1941 der Angriff auf Rußland. Drei Jahre lang krallten sich die Gebirgsjäger unter großen Verlusten an der Eismeerfront fest. Dann warf sie der russische Großangriff vom 6. Oktober 1944 zurück. Am 8. Oktober geriet Eduard schwer verwundet in Gefangenschaft. Mit einem durchschossenen rechten Handgelenk und zahlreichen Granatsplittern in beiden Beinen humpelte er den weiten Weg in ein Zeltlager bei Murmansk. Kein Arzt, keine Wundbehandlung, zwei Wochen nur der eigene provisorische Notverband auf den Wunden! Dann ins Lager Babajwo bei Leningrad. Qualvolle Nächte auf einer mit Blut und Eiter 30 beschmierten Wolldecke. Hunger! Eisige Kälte! - Ein Schmied wurde gesucht. Eduard bestand die angeordnete Prüfung und führte nun in einer winzigen Werkstatt die Reparaturen an den Kolchosewerkzeugen durch. Dort hatte er seine wichtigste Begegnung. Der Pan Major, ein Arzt als Leiter des Lagers, verlangte die Reparatur des zerbrochenen Bügels seiner Hornbrille. Eine Schmiedearbeit? Eduard schaffte es. Mit Blech von einer Konservendose und Kupfernieten aus einem Kabel des abgewrackten LKWs legte er über den gebrochenen Hornbügel eine kunstvolle Hülse. Das anerkennende Staunen des Arztes äußerte sich aber nun keineswegs in einer Behandlung der verkrusteten Wunden, sondern vorerst nur in einem mehrfachen „bolschoi spassibo", einem großen Dankeschön. Dann aber erhielt Eduard fast jeden Abend einen zusätzlichen Schöpfer „Kasch", jenen dürftigen Griesbrei aus Buchweizen oder Hirse, der die Gefangenen am Leben halten sollte. Und als am 23. September 1945 der Pan Major den ersten Transport von schwerkranken Österreichern zur Heimkehr zusammenstellte, da suchten und fanden seine Augen auch den Schmied. Fast fünf Wochen dauerte die Fahrt durch Rußland und Polen hinab nach Rumänien, wo sie im Entlassungslager Marmaros-Sziget ihre Papiere erhalten sollten. Täglich gab es eine Handvoll Trockenbrot, aber oft kein Wasser. Wenn der Zug auf freier Strecke hielt, rannten Halbverhungerte hinaus auf die Felder und suchten nach ein paar Zuckerrüben. Manchmal verpaßten sie die Abfahrt und blieben zurück, einem ungewissen Schicksal überlassen. Dann ging es endlich nach Westen, an die tschechisch-österreichische Grenze. Am 31. Oktober 1945 wurden die kranken Männer zu Fuß, die meisten ohne Schuhe, in einem qualvollen stundenlangen Marsch bei Bernhardstal über die Grenze nach Österreich geführt. Weiterfahrt nach WienHütteldorf. Fünf unfaßbare Tage dort: warmes Essen! ein Strohlager! Wasser! Freiheit! Dann setzte man die Heimkehrer in einen Personenzug der Westbahn. Noch konnte man keine Ankunftsmeldung in die Heimat voraussenden. Eine unendlich lange Bahnfahrt durch die vier Besatzungszonen mit ihren strengen Militärkontrollen. Ganz allein stieg Eduard spät in der Nacht in Schwarzach aus, ganz allein mit seinen Gedanken zwischen Hoffnung und Angst. Bei Flatzo Beppe bog er gerade um die Hausecke, als das nahe Schulglöcklein zwölfmal zur Mitternacht schlug. Einen Augenblick mußte er innehalten, mußte dem Schall lauschen, der ihm sagte, daß er nun Eduard Köb als Soldat 31 daheim sei. Dann stand er im dunklen Garten unter dem Schlafzimmerfenster seiner Eltern bei der Schmiede im Strohdorf. Mit ein paar Steinchen weckte er Vater und Mutter. Welch ein Wiedersehen mit dem Totgeglaubten! Am anderen Tag mußte Eduard zuerst die zerlumpten und verlausten Überreste seiner Uniform verbrennen. In den folgenden Wochen erreichte er erst nach mehreren Vorsprachen im Invalidenamt einen Röntgentermin und eine Aufnahme in das Lazarett Valduna. Hier wurden endlich, mehr als ein Jahr nach der schweren Verwundung an der Eismeerfront, Eduards Verletzungen genau untersucht. Dann operierte Dr. Bösch die schlimmsten Splitter heraus. Andere waren bereits weit durch die Muskeln gewandert und wurden erst später frei. Da arbeitete Eduard aber schon lange wieder an Esse und Amboß. Und dort, an seiner Werkbank, habe ich ihn unlängst, 50 Jahre nach Kriegsende, bei seiner Arbeit angetroffen. Dort hat er mir von der Arztbrille in Rußland und von der Schulglocke erzählt. Weit über die Ozeane - Hubert Mohr Jahrgang 1922, Lehrer Mohrs ältester Sohn. An der Handelsakademie - sie hieß damals Wirtschaftsoberschule und war im beschlagnahmten Kloster Mehrerau untergebracht konnte er noch schnell seine Kriegsmatura ablegen, ehe er im Oktober 1941 gemeinsam mit Bernhard Albertani und Arthur Rauth zur Wehrmacht einrücken mußte. Sie machten ihre Ausbildung in der Nachrichtenabteilung des Gebirgs-Artillerieregiments in Villach. Als die Amerikaner 1942 in Nordafrika gelandet waren und nun von Casablanca aus durch Algerien nach Tunesien vorstießen, wurde dort mit neu aufgestellten Divisionen ein weiterer Kriegsschauplatz eröffnet. Von Neapel aus setzte im Jänner 1943 auch Hubert mit seiner Fernsprechausrüstung in einer Ju 52 nach Tunis über. Aber nur wenige Monate konnten die deutschen Truppen in den Bergen Tunesiens dem an Menschen und Material weit überlegenen Gegner standhalten, auch nicht nach der Vereinigung mit Rommels Afrika-Corps, dessen Reste sich aus Libyen hieher zurückzogen. Gemeinsam mit Geigers Emil, den er kurz zuvor getroffen und auf seinem Funkerwagen mitgenommen hatte, geriet Hubert am 9. Mai 1943 in amerikanische Gefangenschaft. In Etappen wurden die Männer mit LKWs nach Bizerta und dann mit Schiffen über Bone nach Algier gebracht. Von einem Lager aus durften sie auf vorgedruckten Karten ein erstes Lebenszeichen nach Hause schicken. Dann verlud man die Gefangenen zusammen mit amerikanischen Truppen und Kriegsmaterial in große Frachter. Von Oran aus fuhr ein riesiger Geleitzug mit über 30 Transportern und zahlreichen Kriegsschiffen an Gibraltar vorbei und dann in weitem Bogen - immer besorgt nach deutschen U-Booten und Flugzeugen Ausschau haltend - westlich um Irland herum durch den Atlantik nach Glasgow in Schottland. Hier wurden die Gefangenen an polnische Wachmannschaften übergeben. Von den Amerikanern waren sie stets korrekt behandelt worden. Das änderte sich nun. Das Lager bei Perth im Norden von Schottland blieb den Gefangenen in unangenehmer Erinnerung. Zum ersten Mal gab es auch Klagen über das Essen. Der tägliche „porridge "Haferbrei war schlecht zubereitet und reichte bei weitem nicht aus. Jeder durfte aber einen 32 Brief schreiben. Wenn diese Post über das Rote Kreuz auch weite Umwege zurücklegen mußte, so kam sie schließlich doch in Wolfurt an: Die Eltern wußten, daß ihr Sohn lebte! Ende Juli 1944 transportierte man die Gefangenen mit der Eisenbahn zurück nach Glasgow und verstaute sie dort in die Laderäume der „Aquitania". Diese war damals mit 40 000 BRT eines der größten und modernsten Passagierschiffe der Welt und brachte Hubert und Emil ebenso schnell wie die Nobel-Reisenden des Oberdecks in sechs Tagen über den Atlantik nach New York. Allerdings durften sie jeden Tag nur für eine knappe Stunde zum Luftschnappen an Deck. Bei der Entlausung auf der Einwanderungsinsel nahm man den Kriegsgefangenen allen privaten Besitz ab. Ein unangenehmer Gruß des neuen Kontinents! Sie sollten in den kommenden drei Jahren, weit über das Kriegsende vom Mai 1945 hinaus, noch viele andere Seiten kennen lernen. Jetzt trennten sich die Wege der beiden Wolfurter. In wahren Irrfahrten durchquerten beide die Staaten, nach wenigen Wochen immer wieder in ein anderes Lager verlegt. Huberts Weg führte durch Pennsylvania und West Virginia nach Kentucky in das Lager Camp Campbell. Von hier aus wurden die Gefangenen zur Arbeit in den riesigen Tabakplantagen eingesetzt. Weitere Stationen waren in Indiana, Missouri und in Colorado. Arbeit gab es neben der Landwirtschaft auch in Bautrupps oder in einer Großwäscherei. Aus Wolfurt traf die erste Post ein! Bei einem Ernteeinsatz nahe von Greely begegnete Hubert Österles Alfred, der ebenfalls als „prisoner ofwar" das große weiße „PW" auf dem Rücken trug und nun für kurze Zeit mit Hubert das Zimmer teilte. Inzwischen war der Krieg in Europa zu Ende gegangen. Der Weg der Gefangenen führte aber immer weiter nach Westen. Im Winter 1945/46 sägten sie in den Rocky Mountains auf über 3 000 m Höhe Eis für die Kühlhäuser. Dann ging es über Salt Lake City durch die Wüste Nevada nach San Francisco an den Pazifischen Ozean. In Oakland wurden die Gefangenen im März 1946 wieder auf Hochseeschiffe verladen, diesmal auf die berühmt-berüchtigten „Liberty"-Schiffe, die aus dem Japankrieg heimkehrten. Unter der Golden Gate-Brükke durch führte der Kurs nun weit über den Pazifik nach Süden in die Tropen Mittelamerikas. Durch die Schleusen des Panamakanals erreichten sie den stürmischen Atlantik. Jetzt zeigte sich die fragwürdige Qualität der Lastschiffe in erschreckendem Maße. Schwer setzte die Seekrankheit den ehemaligen Gebirgsjägern auf der Fahrt Hubert Mohr als Soldat 33 nach Osten zu. Nach insgesamt 24 Tagen auf See mußten viele an das Ufer getragen werden, als die Schiffe endlich in Bristol in Südwest-England angelegt hatten. Mehr als 40 000 Kilometer hatte Hubert nun seit seiner Gefangennahme in Tunis hinter sich gebracht, mehr als eine Fahrt rund um die Erde! Von Bristol führte die Wachmannschaft die Gefangenen mit der Bahn nach Nottingham. Noch einmal drei Monate Lager! Dann trennte man die Österreicher von den Deutschen. Das war wohl das Signal zur Entlassung. Plötzlich fand sich auch Geigers Emil wieder ein. Ein Zug brachte die Österreicher durch London nach Dover, eine Fähre nach Calais. Immer noch unter amerikanischer Bewachung fuhren Hubert und Emil mit der Eisenbahn durch Frankreich nach Straßburg, bei Kehl über den Rhein und dann durch das völlig zerstörte Ulm nach Salzburg. Im Lager Hallein wurden die Vorarlberger an französische Wachen übergeben. In Viehwaggons transportierte man sie nach Innsbruck. Lager Reichenau. Ein letztes Antreten! Dann verteilte ein französischer Soldat die Entlassungsscheine. 18. Juli 1946 ! Endlich frei! Jetzt nur schnell zum Zug nach Vorarlberg! Die letzten 200 km als freier Mensch nach dem langen Weg als Gefangener. Von Lauterach zu Fuß mit Emil nach Wolfurt, auf dem Rücken das „PW", über der Schulter ein selbst genähter Seesack mit ein paar Habseligkeiten. Vater und Mutter Mohr sitzen gerade beim Abendessen. Da sehen sie durch das Fenster die zwei abenteuerlich gekleideten Männer auf der Lauteracherstraße bei Toblers Rank. Hubert ist daheim! Über alle Berge - Erich Kilga In Kennelbach ist Erich, Jahrgang 1922, in einer großen Familie aufgewachsen. Dort hat er auch in der Schindlerfabrik seine Schlosserlehre absolviert. Als 18jähriger mußte er zum RAD und dann zum Militär einrücken. Er machte den Rußlandfeldzug mit. Schon 1943 wurde er aber zu einer neu aufgestellten kroatischen Infanterie-Division abkommandiert, die zum Einsatz gegen Titos Partisanenarmee in Jugoslawien bestimmt war. In der Stadt Knin wurde Erichs Einheit am 1. Dezember 1944 von starken Partisanenverbänden eingekesselt. Bei einem Ausbruchsversuch wurde sein Trupp aufgerieben und versprengt. Einige Zeit irrten die Männer durch die Gegend, bis sie schließlich von Partisanen aufgegriffen wurden. Sofort nahm man ihnen Uniformen und Schuhe weg. In Unterwäsche - im Dezember! - marschierten sie in die Gefangenschaft. Im Lager Sibenik an der Adria gab es am 5. Tag die erste Verpflegung. Fluchtversuche wurden mit dem Tode bestraft. Eines Tages suchte man nach Schlossern. Erich wurde ausgewählt und mußte nun alte Benzinfässer zu Kochkesseln umarbeiten. Am Arbeitsplatz erhielt er eine einigermaßen ausreichende Essensration, während im Lager der Hunger viele Opfer forderte. Nach einem Monat wurde er einer Gruppe zugeteilt, die in einer Fabrik erbeutete deutsche Fahrzeuge, aber auch Panzer englischer oder amerikanischer Herkunft reparieren mußte. Schließlich kam er in ein Lager nach Split. Dort sahen die Gefangenen das Fest, mit dem ihre Bewacher im Mai 1945 die Niederlage Hitler-Deutschlands feierten. Das war aller34 dings die einzige Nachricht, die von außen in das Lager getragen wurde. Und die Hoffnung auf baldige Heimkehr erlosch schnell wieder, als die Lagerleitung zwei bis fünf Jahre Zwangsarbeit verlautbaren ließ. Im Juni löste das übermächtige Heimweh in Erich eine Kurzschlußhandlung aus. In einem günstigen Augenblick rannte er beim Weg zur Arbeit plötzlich davon. Stundenlang keuchte er, von einer Deckung zur nächsten hastend, in die steilen Karstberge hinauf. Er wußte, er rannte um sein Leben. In der Nacht verkroch er sich im Gebüsch. Er trank aus einem Bach und verschlang gierig die wenigen Beeren. Zur Orientierung diente ihm die Adria. Immer wieder sah er das Meer, als er, scheu allen Menschen ausweichend, über die Berge Dalmatiens nach Norden eilte. Schwieriger wurde es, als er von Rijeka aus, das damals Fiume hieß, den Weg ins Landesinnere suchen mußte. Jetzt wagte es Erich manchmal, in abgelegenen Gegenden einsame alte Leute oder die hier häufig anzutreffenden Schäfer nach der Richtung zu fragen. Viele sprachen Deutsch, gaben bereitwillig Auskunft und schenkten ihm oft auch ein Stück Brot oder Käse. In den Bergen bei Laibach teilte ein Schäfer-Ehepaar mit dem abgehetzten Flüchtling sogar sein Abendessen und gab ihm Herberge für die Nacht. Ohne Dank schlich sich Erich voll Angst und Mißtrauen am frühen Morgen aus der Hütte. Als er an diesem Tag eine Straße überqueren mußte, glaubte er sich von einem plötzlich auftauchenden Auto-Konvoi aus beobachtet. Erschreckt rannte er ziellos davon, irrte den ganzen Tag durch die Berge und wagte sich erst in der Abenddämmerung wieder an eine Hütte. Als eine Frau auf sein vorsichtiges Klopfen die Türe öffnete, erkannte Erich überrascht seine Gastgeber von gestern wieder. Er war im Kreis gelaufen. Aufs neue nahmen ihn die guten Leute auf, versorgten ihn am nächsten Tag noch mit Proviant und beschrieben ihm den Weg über die Karawanken nach Kärnten. Ein unvergeßliches Erlebnis für den scheuen Mann, der nun schon seit zwei Wochen in den Wäldern lebte! Tatsächlich erreichte er am anderen Tag bei Nötsch Kärntner Gebiet. Hier vertraute er sich zwei im Kartoffelakker arbeitenden Frauen an. Gastfreundlich nahmen sie ihn auf und versteckten ihn tief im Heu. Auch sie warteten ja auf ihre noch vermißten Männer. Zwei Tage später watete Erich durch tiefen Schnee hoch oben am Sonnblick vorbei über die Hohen Tauern und hinab nach Böckstein im Gasteiner Tal, Erich Kilga als junger RAD-Mann 35 immer auf der Hut vor englischen Patrouillen, die noch nach versprengten SS-Leuten suchten. Bei den Bauern bekam er jetzt mehrmals Hilfe, ein Nachtlager im Heu, einen Teller Suppe, eine Beschreibung des Weges, eine Warnung vor Kontrollposten. An Zell am See und Mittersill vorbei führte ihn sein Weg nun durch den Pinzgau nach Krimml, dann weiter über den Gerlospaß und durch das Zillertal nach Jenbach. Hier warnte ihn der Fahrdienstleiter vor den Militärstreifen in der Eisenbahn. Trotzdem schlich sich Erich in den letzten Waggon und ließ sich erst kurz vor Innsbruck aus dem langsam durch die beschädigten Bahnanlagen fahrenden Zug fallen. Dann marschierte er noch bis Landeck. So nahe der Heimat verließen ihn einen Augenblick lang Kraft und Mut. Er stellte sich in einem amerikanischen Entlassungslager. Ein Offizier, dem er seinen langen Fluchtweg von Split her und sein Ziel im nun nur mehr 100 km entfernten Kennelbach auf der Landkarte zeigen mußte, warnte ihn vor den Franzosen am Arlberg. Die würden ihn wahrscheinlich in ein Lager nach Frankreich mitnehmen. Er empfehle ihm eine Fortsetzung der Flucht über die Berge. Ein erstaunlicher Rat von einem „feindlichen" Offizier! So schlich Erich nach einer Rast bei den Eltern eines ebenfalls noch vermißten Kriegskameraden in Pettneu auch noch über das Kaiserjoch in den Lechtaler Alpen ins Außerfern hinüber. Auf Umwegen fand er hinauf auf den Tannberg und kam todmüde im damals noch einsamen Adler in Hochkrumbach an. Frau Strolz, die Wirtin, kochte für ihn und verbarg ihn in einem abgelegenen Hinterzimmer. Das war gefährlich für sie, denn noch immer drohte nach dem Kriegsrecht für die Beherbergung von flüchtigen Soldaten die Todesstrafe. Und immer wieder durchkämmten Suchpatrouillen die abgelegenen Hütten! Gut gestärkt und mit einer Jause im Sack machte sich Erich auf den letzten großen Marsch durch den Bregenzerwald. Abseits der befahrenen Straßen, meist nahe der Bregenzerach, kam er am späten Abend nach Alberschwende. Ein Nachtlager noch bei einem Bauern, dann der steile Aufstieg auf den Schneiderkopf. Jetzt gab es kein Halten mehr! In großen Sprüngen rannte der von seinen Gefühlen überwältigte Mann über Gitzen und Bereuter durch den Ippachwald hinab ins Oberfeld. Hier sah er zum ersten Mal wieder nach langer Zeit den Kennelbacher Kirchturm und die Hausdächer des Heimatdorfs, die über die Ach herüber grüßten. Alle Müdigkeit war verflogen, alle Strapazen verweht. Tränen der Freude stiegen in Erichs Augen. Noch traute er sich nicht über die Achbrücke. Weiter oben, beim Meterstein, watete er durch den seichten Fluß. Zuhause war die Überraschung groß! Das Umarmen und Erzählen nahmen lange kein Ende. Fast alle hatten ihn ja tot geglaubt, denn zu Weihnachten 1944 war jener schrecklich gefürchtete offizielle Brief vom 17.12.1944 bei der Familie Kilga zugestellt worden: Seit dem Durchbruch am 3.12.1944 aus der Umklammerung nördlich Knin ist Ihr Sohn bei Straza vermißt. . . . Ob er verwundet wurde oder fiel oder in Gefangenschaft geraten ist, konnte bis heute nicht festgestellt werden. Leider kann ich Ihnen auch nicht irgendwelche Hoffnung machen . . . . Im aufrichtigen Mitgefühl grüße ich Sie Heil Hitler! Reittmayer (Oberleutnant und Kompanieführer) 36 Umso größer jetzt die Freude! Getrübt wurde sie nur durch die Ungewißheit über das Schicksal von Erichs Vater Alois Kilga. Dieser hatte am Tag nach dem Einmarsch der Franzosen einigen alten Bregenzer Volkssturmmännern in der Schlosserei Unterschlupf gewährt. Sie hatten sich nach der Auflösung der Front auf dem Pfänder im Wald verborgen und wollten nun heim nach Bregenz. Ihr Versteck war aber beobachtet worden. Daher wurden sie jetzt von den Franzosen gefangen genommen. Vater Kilga entkam nur ganz knapp dem drohenden Standgericht. Er wurde mit den Volksstürmlern nach Bourges in Frankreich verschleppt und kehrte erst acht Monate später zu Weihnachten 1945 wieder heim. Für Erich hatte die Heimkehrerstelle in Bregenz Entlassungspapiere ausgestellt. Nun erhielt er auch Lebensmittelkarten und fand wieder Arbeit in seiner alten Firma. Mit seinen drei Brüdern gehörte er bald zu den Stützen des FC Kennelbach und nützte nun seine schnellen Beine, die ihm in den Karstbergen das Leben gerettet hatten, als flinker Flügel stürmer. 1947 heiratete er Erna Gunz und übersiedelte zu ihr an den Rickenbach nach Wolfurt. Als Schlosser wechselte er bald zur Firma Doppelmayr. Für seine fünf Kinder hat er vor einigen Jahren die Geschichte seiner Flucht aufgeschrieben. Er schließt sie mit der überzeugten Feststellung, „ ... daß man mit eisernem Willen und der Sehnsucht nach einem intakten Zuhause vieles und fast alles mit ein bißchen Glück bewältigen kann." Vier lange Jahre - Otto Klocker Jahrgang 1927, ältester Sohn von Rudolf und Anna Klocker an der Ach. Otto hatte mit 16 Jahren die Handelsschule abgeschlossen und arbeitete bereits ein Jahr bei der Landkrankenkasse. Nun wurde er nach einem WE-Lager in Maurach am Achensee am 9. August 1944 zum RAD nach Schweidnitz in Oberschlesien eingezogen. Mit dabei war sein Jahrgänger Rudi Guldenschuh. Nur drei Monate dauerte die Ausbildung mit Spaten und Gewehr, denn die einbrechenden Fronten rund um das Reich forderten Soldaten. Also schon im November 1944 Einberufung zu den Gebirgsjägern nach Villach. Nur eine einzige Woche (!) dauerte dort die Grundausbildung in der Wehrmacht, dann wurden die 17jährigen Soldaten bereits nach Postojna in Jugoslawien verlegt. Der schöne Ort im Karst hieß damals Adelsberg und lag mitten im Partisanengebiet. Während des letzten Kriegswinters wurde die Fortsetzung der Ausbildung daher zum gefährlichen Partisaneneinsatz. Als sich der Krieg bereits seinem Ende zuneigte, erhielt Otto am 29. März noch eine Fahrkarte zur ROB-Ausbildung nach Tirol. Umsonst die Freude! Am gleichen Tag noch riegelten die Partisanen alle Verbindungen nach Deutschland ab. Die Balkantruppen waren eingeschlossen. Ottos Einheit kämpfte sich an die Adria durch und hielt sich dort noch einige Wochen. Durch einen Granattreffer wurde er am 6. Mai - in Vorarlberg war der Krieg schon zu Ende! - verwundet. Zum Glück trafen ihn nur kleine Splitter, denn es gab kein Verbandszeug mehr. Am 7. Mai geriet er dann in die Gefangenschaft der Partisanen. Was das Schicksal in den nun folgenden vier Jahren für Otto bereit hielt, würde Bände füllen. Ich versuche es mit bruchstückhaften Schlagworten: Marschkolonne mit Verwun37
  1. heimatwolfurt
19950601_Mehrzweckhallenordung Fussach 01.06.1995 -' l.. r Date-i:ha11eord . » HALLENORDNÜNG DER MEHRZWECKHALLE FÜßACH FÜR VERANSTALTUNG Die Benutzer der Mehrzweckhalle Fußach haben bei Veranstaltungen folgendes einzuhalten und zu beachten: 1. Für Veranstaltungen stehen der Hallenraum samt Galerie und Tribüne, der Vorraum, die WC-Anlagen, die Bar, die Küche und der Abrechnungsraum zur Verfügung. Die Garderoben dürfen zum Umkleiden von Mitwirkenden verwendet werden. 2. Die angeführten Räume stehen von der Ihnen mit Schreiben vom Uhr bis Uhr zu angeführten Benüfczungsgebühr zur Verfügung. 3. Die Tische und Stühle sind selbst aufzustellen und nach der Reinigung wieder sorgfältig an den vorher sauber gekehrten Platz zu stellen: Je 5 Stühle übereinander und pro Wagen 15 Tische! dem Irgendwelche Beschädigungen an der Einrichtung sind Gemeindeamt Fußach (Hallenwart) am folgenden Tag bekanntzugeben. Stühle mit fehlenden Gummisfcoppern bitte umgehend aussortieren und Stopper anbringen (Schulwart ), da der Fußboden sonst be- schädigt wird. Der Veranstalter haftet für alle Beschädigungen. 4. Die Mehrzweckhalle ist betischt für 528 Personen zugelassen (420 im Saal und 108 auf der Galerie). Gemäß Bestuhlungsplan vom 8.12.1979 sind in der Breite max. 9 Reihen mit entsprechend breiten Gängen gestattet. Bei den Ausgangsfcüren (Glastüren) sind die Vorhangschlösser spä- testens ab dem Personeneinl&ß au entfernen» Die Zugänge zu den Notausgängen sind freizuhalten. 5. An der Halle bzw. den überlassenen Räumlichkeiten dürfen keine Veränderungen vorgenommen werden wie Z.B. Einschlagen von Nägeln/ Schrauben, Herstellen von Anstrichen usw. ! 6. Es dürfen keine Reißnägel und kein Tixo oder ähnliches verwendet werden! 7. Das Tor in den Geräteraum muß geschlossen bleiben. Die Aufstellung von Z.B. Tombolapreisen im Geräteraum ist nur nach vorherigem Einvernehmen mit der Gemeinde möglich. Der Raum ist jedenfalls auch nach einer derartigen Verwendung umgehend zu reinigen und sind die Geräte erforderlichenfalls an den vorgesehenen Platz zu stellen. 8. Mit den überlassenen Räumlichkeiten und Einrichtungsgegen- r ständen ist sorgsam umzugehen. 9. Bei jeder Veranstaltung/ bei der die Besucher Straßenschuhe tragen, muß die Halle gereinigt werden (z.B. auch bei der PreisVerteilung für das Ortsschirennen/ beim Nikolausturnen u.dgl. 10. Bei jeder Veranstaltung sind beim Verlassen der Räume alle Lichter zu löschen! Küche und und Bar sind aufzuräumen, der Saal, VorNebenräume einschließlich WC-Anlagen sind zu kehren bzw. von bei zu säubern; gröberen Ver-unreinigungen SamstagUhr (bis das Veranstaltungen bis späte-stens Sonntag, 7 . 00 Reinigungspersonal kommt); sonst nach Vereinbarung. n. 12. An der Decke der Bar sind weiße Ringe angebracht. Die Dekoration und ähnliches darf nur an diesen Ringen befestigt werden (kein Tixo/ Reißnägel usw. ) . Die Errichtung einer weiteren Bar auf der Galerie oder im Geräteraum ist nicht gestattet. 13. Die Dekoration darf keinesfalls an den Stromschienen be<< festigt werden. Wer sich nicht daran hält muß damit rechnen, daß die Dekoration vor der Veranstaltung wieder abgenommen werden muß. Dekorationen und ähnliches dürfen ausschließlich an den Befesti- gungsschienen angebracht werden. Die passenden Haken befinden sich in der Küche beim Schulwart. Die Haken sind nach der Veran- staltung bei der Abnahme der Dekoration wieder zu entfernen. An den Wänden dürfen keine Netze angebracht werden. Das Dekorationsmaterial muß möglichst schwer entflammbar sein und ist im Deckenbereich außer Reichweite von Personen anzubringen. Bei besonderen Dekorationen ist hinsichtlich Gewicht vorher das Einvernehmen mit der Gemeinde herzustellen. 14. Spülg^räte - Die Bedienungsanleitungen für die Geräte, insbesondere auch für die Spülgeräte, sind zu beachten! Es darf ausschließlich das von der Gemeinde bereitgestellte Spülmittel verwendet werden! 1 5. Spül- und Putsmittel, ausgenommen für die Spülgeräte, Ab<a trockner u.a. sind selbst zu stellen. Beschädigte Gläser sind nach jeder Veranstaltung auszuscheiden. *» 1 6. Bei der Friteuse ist das Öl in den bereitgestellten Blech- behälter (keinesfalls in d^n Abguß) abzulassen. 17. Toilettenpapier ist im Damen-WC, links. .f 18. Parkverbotskennzeichen aufstellen und wieder entfernen! 19. Es ist ein ausreichender Parkplatzordnungsäienst zur EinWeisung der Fahrzeuge zeitgerecht bereitzustellen. Die Personen des Ordnungsdienstes haben eine entsprechende Armbinde zu tragen oder müssen durch andere Merkmale erkennbar sein. 20. Der Lichfcschalter für die Parkplatz beleuchtung ist auf der Galerie, links. Am Ende der Veranstaltung wieder loschen! 21. um die Sperrstundenverlängerung ist frühzeitig beim Gemeindeamt anzusuchen. 22. Die Hallenmiete sowie die Steuern und Abgaben sind spätestens 4 Wochen nach der Veranstaltung unter Verwendung der die Gemeindekasse Fußach an entrichten. Die Reinicruncrskosten sind bei Abholuncr der Hallen- entsprechenden Formulare .» Schlüssel 23 * zu im Gemeindeamt zu bezahlen. Bier» Limonaden und Säfte, auch für die Bar, sind aus - schließlich von der Brauerei Fohrenburg zu beziehen. 24. Abfälle - Die Abfallkübel (Resbmüll) sind nach der Veranstaltung umgehend in den Container neben dem Eingang zu zu entleeren. Papier, Metall und Glas ist zu trennen. Während der Nachtstunden dürfen keine Flaschen in die Abfall- Container geworfen werden! 25. Bei Unklarheiten ist umgehend das Einvernehmen mit dem Hallenwart herzustellen. Den Anweisungen des Hallenwartes ist Folge zu leisten. 26. Die Gemeinde Fußach übernimmt für Veranstalter, Mitwirkende und Besucher keine Unfall- und Schadenshaffcung. 27. Hallenbesichtigungen/ Vorbereitungsarbeiten usw. vor einer Veranstaltung, aber während der Hallenbenützung durch die Schulen oder einen anderen Verein, dürfen nur nach vorherigem Einvernehmen mit den Hauptverantwortlichen (z.B. Obmann) erfolgen. Außer den Garderoben dürfen die Räume hiezu nicht mit Straßenschuhen betreten werden! 28. Für Reparaturen, fehlende Hilfsmittel usw. sowie sonstige Vorkommnisse befindet sich im Geräteraum ein Meldeheft Der Bürgermeister: Ernst Blum Fußach, 1.6.1995 ^ \ HALLENORDNUNG fü r d e n Sportbetri e b in d e r Me h r z We c k h a II e Alle Vereine Organisationen usw., die den Tumtrakt der Mehrzweckhalle Fußach (Halle, Umkleideräume, Dusche, WC, Geräteraum) benutzen, sind verpflichtet, die folgend angeführten Vorschriften einzuhaken: * l. Das Betreten des Tumtraktes außer den Umkleideräumen ist nur mit leichten Turnschuhen * (ohne abfärbende Besohlung) oder barfuß gestattet. Die Tumschuhe dürfen erst im Umkleideraum angezogen werden. 2. Aue schulfi-emden Benutzer haben den Turntrakt bis spätestens 22.30 Uhr zu verlassen. 3. Ohne verantwortliche Aufsicht (Mindestalter 18 Jahre) ist jeder Sportbetrieb untersagt. 4. Die verantwortliche Aufsicht hat unmittelbar vor und nach Beendigung der Hallenbenützung die beanspruchten Räume zu kontrollieren. Etwa festgestellte Schäden oder Veruru-einigungen sind am folgenden Tag dem Gemeindeamt Fußach zu melden. 5. Alle in der Halle benutzten Geräte sind wieder ordentlich an die vorgesehenen Plätze zu verräumen. Für Reparaturen, fehlende Hilfsmittel usw. sowie sinstige Vorkomnuusse befindet sich im Geräteraum ein Meldeheft. Geräteschäden sind umgehend im Gemeindeamt zu melden. 6. Die verantwortliche Aufsicht hat alle Außentüren ordnungsgemäß zu versperren. 7. Nach dem Training sind alle Lichter zu löschen und während der Heizperiode alle Fenster zu schließen. 8. In sämtlichen Räumen des Tumtraktes ist RAUCH VERB OT! 9. Aue Räume sind rein zu halten. Auf Sauberkeit in den Toiletten ist besonders zu achten. 10. Das Deponieren von Tumkleidung ist untersagt. 11. FußbaUtraining ist nur mit speziellen Hallenbällen erlaubt. 12. Das Betreten des Tumtrabtes ist unbefugten Personen untersagt. 13. Für aÜe Schäden, die durch die Benutzung entstehen, ist der betreffende Verein verantwortlich und haftbar. 14. Sollte ein Raum zu einem bestimmten Termin, zu dem er bereits einem Verein zur Benutzung zugesprochen ist, für schulische Veranstaltungen oder gemeindliche Zwecke benötigt werden, so hat der betreffende Verein zurückzustehen. 15. Es sind nur hallengerechte Sportgeräte in gereinigtem und trockenem Zustand zu verwenden. 16. Den Anweisungen der Hallenaufsicht bzw. von hierzu von der Gemeinde befugten Personen ist Folge zu leisten. 17. Das Nichteinhalten dieser Hallenordnung hat den Entzug der Benutzung dieser Halle zur Folge. s );: \-^. Fußach, 1.6.1995 T.. a "M u ^ ^i31 ^ Der Bürgermeister Ernst Blum Datei:spü1er « GESCHIRRSPÖLMASCHINE . . 1. Standrohr einsetzen 2. Türe schließen 3. Hauptschalter "EIN" warten bis Maschine gefüllt ist 4. wenn Kontroll-Lampe brennt = befcriebsbereit 5. "WASCHEN" drücken bis Maschine startet REINIGEN . . 1. Maschine "AUS" 2. Ablauf pumpe (schwarzer Druckknopf) betätigen bis Maschine entleert ist. 3. Restes leb herausnehmen Maschine reinigen * REINIGUNGSMITTEL . Nach jedem 6.- 7. Maschine füllen Waschgang Reinigungsmittel (weiß) * Keinen Glanzspüler einfüllen; ist fix angeschlossen. in die Datei:spü1er a* *» GLASERSPULER: 1. Standrohr einsetzen 2. Ture schließen ** 3. Hauptschalter "EIN" .* warten bis Maschine gefüllt ist 4. wenn Kontroll-Lampe brennt = betriebsbereit 5. "WASCHEN" drücken bis Maschine startet REINIGEN . . 1. Maschine "AUS" 2. Standrohr ziehen Wasser läuft aus 3. Resfcesieb herausnehmen Maschine reinigen REINIGUNGSMITTEL . . Nach jedem 6.- 7. Waschgang Reinigungsmittel (weiß) in die Maschine füllen. Glanzspüler (blau) bei Gläserspüler unten rechts nur einmal einfüllen.
  1. _fu
  2. _fu1995
  3. hallenordnung
19950301_Heimat_Wolfurt_15 Wolfurt 01.03.1995 Heft 15 Zeitschrift des Heimatkundekreises März 1995 Wolfurter Ordensschwestern 1989. Vorne Sr. Angelika Gunz, Sr. Auxilia Devich, Sr. Anna Moosbrugger und Sr. Clarina Mittelberger. Dahinter Sr. Karla Thaler, Sr. Josefa Maria Hager, Sr. Regina Pichler, Sr. Isabella Schedler und Sr. Christiana Lipburger. Inhalt: 71. 72. 73. 74. Die Krankenschwestern Hausnamen Bier für St.Louis (Auswanderer 5) Vornamen Zuschriften und Ergänzungen Bildnachweis 2 Sr.Leonis Maurer, 2 Alfons Kalb, 1 Meinrad Pichler, alle anderen sind Fotos oder Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim Druckfehler In Heft 14 sind wieder zwei Jahreszahlen falsch. Aufmerksame Leser haben das sicher bemerkt: Seite 4: Johann Michael Beer I. von Bildstein wurde 1696 in Au geboren. Seite 20: Die Lauteracher Eisenbahnbrücke wurde am 30. Juni 1872 in Betrieb genommen.—Bitte ausbessern ! Auch im neuen Wolfurtbuch „Ein Dorf verändert sich&quot; wurden bereits zwei Fehler entdeckt: Bild 238, Text im Anhang, letzte Zeile: Der Zimmermannsgeselle bei Sammüllers Eduard hieß nicht Moosbrugger, sondern Muxel Leonhard. Bild 77: Hier wurde ein fremdes Bild eingeschoben. Das war nicht der alte Altar von Rickenbach, sondern der von Farnach. Wir bitten um Entschuldigung! Danke! Den dem letzten Heft beigelegten Erlagschein haben die meisten Bezieher unserer Zeitschrift wieder genutzt. Andere werden das noch tun: Konto 87 957 Raiba Wolfurt. Einige sehr namhafte Beträge sind eine Bestätigung für die Wertschätzung unserer volkskundlichen Arbeit. Allen sagen wir herzlichen Dank ! Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1995 wieder durch Frau Carmen Haderer vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Die Gemeinde trägt ja dankenswerterweise den Abgang. Abbestellen - Bestellen Sollte jemand kein Interesse am weiteren Empfang der Hefte haben, so bitte ich um telefonische Information. Für den Papierkorb sind uns die Büchlein zu schade. Es besteht übrigens immer wieder Nachfrage nach den vergriffenen alten Heften, besonders nach den Nummern 1 bis 5. Kann sie jemand abgeben? Auch Neubestellungen nehmen wir gerne an. Wir schicken „Heimat Wolfurt&quot; ja nicht als Postwurfsendung, aber doch an alle, die die Zusendung wünschen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Stammvater Fischer (Heft 14, S. 1): Immer noch zeigen sich Fischer-Nachkommen überrascht darüber, daß ihr Stammvater in Wolfurt ein Pfarrer gewesen ist. Sebastian Fischer findet sich aber nicht nur in den Ahnentafeln der Fischer, sondern genau so bei Heims, Hintereggers, Höfles, Mohrs und noch bei vielen anderen Familien. Fußball und Liebe (Heft 14, S. 2): Der erste FC-Tormann im Jahre 1947 sei Doppelmayrs Arthur gewesen. Das berichten übereinstimmend einige alte Fußballer. Wegen seines Studiums stand er allerdings nicht immer zur Verfügung. Arthur war aber auch Leichtathlet und stellt noch heute bei den Turnern und auf dem Tennisplatz seinen Mann. Ein Hauch Barock (Heft 14, S. 3): Der Bericht über den Baumeister Johann Michael Beer I. von Bildstein hat besonders Pfarrer Hinteregger und Bürgermeister Lenz gefreut. Letzterer hat darüber sogar in der Gemeindevertretung berichtet. Die Bildsteiner suchen nun nach einer Möglichkeit, das Andenken an ihren wohl berühmtesten Bürger zu festigen. Die Ach und die Ächler (Heft 14, S. 9): Wegen dieses Artikels ist eine ganze Reihe von Nachbestellungen eingetroffen. Altbürgermeister Emil Geiger erkannte auch die beiden Männer auf dem Bild Seite 35: Hinten links von Schertlers Alfred Zwickles Johann, rechts Österles Pepe. Aus Bregenz schickte Walter Präg einen umfangreichen und interessanten Fachbeitrag. Er nimmt Bezug darauf, daß die Ach bis ins Mittelalter einfach die „bregez&quot; hieß. Der gleiche Flurname findet sich bei anderen Gewässern am Tannberg, im Schwarzwassergebiet und in Unterdamüls. Zum selben keltischen Stammwort gehören auch „Brigach&quot; und „Breg&quot;, die Quellflüsse der Donau. Demnach hat nicht die Stadt Bregenz dem Fluß den Namen gegeben, sondern umgekehrt ist der Flußname auf die keltische Siedlung auf seiner Uferterrasse übertragen worden. Wolfurter Alpbesitzungen (Heft 14, S. 48): Hierher paßt als Ergänzung ein Beitrag, den der aus Wolfurt stammende Historiker Christoph Volaucnik in der Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von 1917 für uns ausfindig gemacht hat. Dort wird aus dem Hofener Urbar von 1620 berichtet, daß das Kloster Hofen (im heutigen Friedrichshafen) um 600 Gulden in Wolfurt einen Besitz erworben hat. ,Es ist dies Haus, Hof, Stadel, Kraut- und Baumgarten samt ganzer Ehäfti an der Huob zu Wolfurt, unweit Bregenz schon jenseits der ersten Brücke über die Ach gelegen, das, wie es ausdrücklich in dem Aufschrieb heißt, um deswillen gekauft wurde, damit das Hofische Vieh, wenn es in und aus den Alpen getrieben wird, eine gewisse Herberg und Weid habe.&quot; Solch mehrtägige Viehtriebe mit Rastplätzen kennt man heute noch vom Wöster-Vieh im Bregenzerwald. In Wolfurt erinnern sich ältere Leute noch an den jährlichen großen Auf1 trieb von Lochau über Wolfurt nach Sibratsgfäll, den das tiefe Dröhnen der Rumpeln, das Jauchzen der Hirten und der Ruf „Do Stadlar kut!&quot; schon lange vorher ankündigten. Ahnenforscher aus der Fremde - Auswanderer. Wieder sind verschiedene Gruppen von Leuten aufgetaucht, um in Wolfurt nach ihren Ahnen zu fragen. Zuerst kamen in den ersten Juni-Tagen 1994 fünf Geschwister Pfersich aus Osterfeld in der ehemaligen DDR. Ein Leben lang hatte ihnen ihr Vater, der dort als Bergmann unter Tage arbeiten mußte, von seiner sonnigen Heimat Wolfurt erzählt. Wilhelm Pfersich, Jahrgang 1901, war in Schertler Lenas Haus an der Flotzbachstraße aufgewachsen und hatte Wolfurt 1925 verlassen. Leider erlebte er die Wende in Ostdeutschland nicht mehr. Umso begeisterter äußerten sich seine Kinder über unser schönes Land, schauten vom Gebhardsberg und vom Pfänder ins Tal, besuchten die Bürgermeister von Wolfurt und Bildstein und blätterten in den alten Kirchenbüchern. Erstaunt zeigten sie sich, aus beengten Industriewohnungen kommend, daß zur Zeit die beiden schönen alten Bauernhäuser, in denen einst ihr Großvater gewohnt hatte, praktisch leer stehen: Sattler Köbs auf der Steig und Schertler Lenas im Flotzbach. Ganz überraschend tauchte dann im Oktober aus Oberösterreich ein weiterer Sohn des Wilhelm Pfersich auf, der nach seinem Vater fragte und erst bei uns die Adressen seiner fünf Stiefgeschwister fand. Zu Weihnachten hat er zum ersten Mal mit ihnen gesprochen. Unsere Krankenschwestern 1995: Sr.Paulina und Sr.Barbara Im September kam Scott Brunner aus Green Bay, Wisconsin/USA, um auf den Spuren seines Vetters Wilfred Schneider (Heft 13, S. 38) ebenfalls einige Tage lang seine wiedergefundenen Wolfurter Verwandten und die schönsten Plätze am Steußberg zu besuchen. Übrigens hatten beide eigens zu diesem Zweck ein erstaunlich gutes Deutsch gelernt. Scott schreibt sogar schon seine Briefe in Deutsch. Jetzt kann er auch die noch erhaltenen Grabsteine seiner Auswanderer-Vorfahren in Amerika entziffern. Im Oktober 1994 überraschte uns dann noch das Ehepaar Grobl aus Naperville, Illinois/USA. Luise Grobls Urgroßvater Matthew Schneider ist 1866 aus dem Haus Frickenescherstraße 4 nach Amerika ausgewandert. Als Bauunternehmer kam er zu Besitz und gründete auch eine Blasmusik, die Pinckneyville-Band. Dagegen ist sein begabter Bruder, der Oberschützenmeister und Numerant Ferdinand Schneider, völlig verarmt 1917 daheim in Wolfurt gestorben (Heft 13, S.39). Frau Grobl hat inzwischen u.a. eine Reihe von Liedtexten aus Österreich, die ihr Urgroßvater aufgeschrieben und in der Familienbibel aufbewahrt hatte, zum Übersetzen geschickt. Für sie bedeuten die mit Bleistift bekritzelten Papiere eine wichtige Verbindung zur alten Heimat. Von ihrer riesigen Schneider-Verwandtschaft haben weitere Gruppen ihren baldigen Besuch in Wolfurt angekündigt. Von den vielen Weihnachtsgrüßen, die die Auswanderer an uns alle richteten, möchte ich nur einen aus dem Indianerland Colorado für alle anderen sprechen lassen: May the Great Spirit watch over you as long as the gross grows and the water flows! 2 Siegfried Heim Die Krankenschwestern Still knien die Ordensfrauen beim Gottesdienst in der Wolfurter Kirche St.Nikolaus. In der zweitletzten Bank vor dem Kreuzgang auf der Frauenseite. Andächtig ins Gebet versunken, gebeugt das Haupt, dunkel die schlichte Tracht, ein schmaler weißer Leinenstreifen nur über der Stirn. Dann eilen sie schnell wieder ihre Wege. Sr.Paulina muß zu den Kranken. Sr.Barbara geht heim in die Schwesternwohnung beim Altersheim an der Gartenstraße. Dort führt sie den Haushalt. Sie ist ja mit fast 79 Jahren „im Ruhestand&quot;. In St.Leonhard im Pitztal, hoch oben in den Tiroler Bergen, wurde sie 1916 als 15. von 16 Kindern auf einem kleinen Bergbauernhof geboren. Schwere Arbeit gehörte zu ihrer Jugend, besonders als die Brüder in den Krieg eingezogen wurden. Drei sind gefallen, ein vierter beim Heuziehen verunglückt. Erst 1945 konnte Maria Haid ins Kloster in Hall eintreten, wo sie 1947 als Sr.Barbara ihr Gelübde ablegte. Viele Jahre lang hat sie dann in 3 den Sanatorien Innsbruck und Rum gearbeitet. 1991 wurde sie nach Wolfurt gerufen. Wenn Gott es will, kann sie bei uns in zwei Jahren ihre Goldene Profeß feiern. Sr.Paulina (Rosalia) Brem wurde 1932 in Münster, im Tiroler Unterinntal, geboren. Schon 1954 trat sie ins Kloster Hall ein, erhielt dort die Ausbildung zur Diplomkrankenschwester und legte 1959 ihr Gelübde ab. Nun tat sie Dienst an den Krankenhäusern in Hall und in Kufstein und dann in der Hauskrankenpflege in Innsbruck. Schließlich wurde sie als Stationsschwester ins Sanatorium Mehrerau versetzt. Der Schwesternmangel zwang 1992 die Kreuzschwestern zur Aufgabe ihrer dortigen Niederlassung. Jetzt übernahm Sr.Paulina die Hauskrankenpflege in Wolfurt. An ihrem langen Werktag arbeitet sie eng mit dem Pfarrer, den Gemeindeärzten und den Spitälern zusammen. Oft wechselt sie schon früh ab 6 Uhr die ersten Verbände, mißt Fieber und Blutdruck, salbt wunde Rücken und reicht ihren Kranken die vorgeschriebenen Medikamente. Viele einsame Alte brauchen ihren oftmaligen Besuch, neben Pflege auch Zuspruch und Rat oder aber auch ein gemeinsames Gebet. Denn Sr.Paulina sieht ihre Aufgabe in einer ganzheitlichen Pflege, in Heilung für den wunden Leib verbunden mit seelsorglicher Hilfe. Jeden Monat einmal bringt sie über Wunsch sogar die Hl. Kommunion ins Krankenzimmer und immer wieder soll sie den Pfarrer holen. Wenn sie an einem Tag manchmal besonders viele Besuche zu machen hat, leistet ihr das Auto unentbehrliche Dienste. Sie schätzt es aber auch für den Besuch der Gottesdienste, besonders zur Frühmesse bei den Kapuzinern in Bregenz und zu einem kurzen Innehalten in der dortigen Lourdesgrotte. Schnell ist sie dann wieder bei den Kranken, darf vielleicht sogar einen Sterbenden in seiner letzten Stunde begleiten. „Wir sind gerne in Wolfurt&quot;, sagt Sr.Paulina. „Ich spüre die Freude der Patienten und daß ich erwartet werde. Da komme ich gern!&quot; Unsere Krankenschwestern! Pflegerinnen, Helferinnen, Trösterinnen. Christen! Kreuzschwestern Unsere Krankenschwestern sind „Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz&quot; aus dem Provinzhaus Hall in Tirol. Sie nennen sich selbst schlicht „Kreuzschwestern&quot;. Ihr Gründer ist der Schweizer Kapuziner und Sozialapostel Pater Theodosius Florentini, 1808 -1865. Der begabte arme Ladiner Bauernbub aus dem Münstertal hinter dem Ofenpaß ließ schon während seines Studiums durch besondere Leistungen aufhorchen und wurde bereits mit 22 Jahren zum Priester geweiht. Bald geriet er in den Schweizer Kulturkampf, wurde von der liberalen Regierung steckbrieflich mit einer Fangprämie von 600 Franken gesucht und schließlich wegen „Aufwieglerei&quot; zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Große Gebiete derSchweiz waren damals noch außerordentlich arm und rückständig. Erst 1848 wurde die Schulpflicht eingeführt. Die christliche Bildung sah P. Theodosius als seine Hauptaufgabe 4 und begründete deshalb 1844 in Altdorf eine neue Kongregation nach der Regel des Hl.Franziskus von Assisi. Daraus erwuchs unter der ersten Generaloberin Mutter Maria Theresia Scherer der Orden der Kreuzschwestern. Im Jahre 1856 errichteten sie ihr erstes Mutterhaus zu Ingenbohl oberhalb von Brunnen am Vierwaldstätter See. Dort ist seither der Hauptsitz der Kreuzschwestern. Von Anfang an hatte das Kloster eine ungeheure Ausstrahlung. Die Idee von der „Caritas&quot;, der tätigen Nächstenliebe, faszinierte viele junge Frauen. Auch aus Wolfurt wählten einige den Weg nach Ingenbohl. Eine davon war Franziska Schwerzler von Toblers in der Bütze, die dort um das Jahr 1900 als Sr. Nivarda eintrat. Anna Maria Bildstein aus dem Röhle ging 1914 als Sr. Gottfrieda in das Kloster Heiligenkreuz in Cham im Kanton Zug. Mutter Maria Theresia Scherer, Mitbegründerin der Kreuzschwestern von Ingenbohl Ungeheuer groß wurde bald der Aufgabenbereich, dem sich die Schwestern stellten: Schulen zuerst und Mädchenheime, dann Fortbildungsschulen und Lehrerbildungsanstalten. Von Anfang an aber auch Armen- und Waisenhäuser, bald auch Krankenhäuser und Lazarette in Kriegen und bei Cholera-Epidemien. Ihre ganz besondere Fürsorge schenkten die Kreuzschwestern aber den allerärmsten Mitmenschen in Taubstummenschulen, Heimen für geisteskranke Kinder und in den damals noch so gefürchteten Irrenanstalten. Von allen Seiten rief man nun nach ihnen. Schnell breitete sich der Orden über die Schweiz hinaus besonders in der österreichisch-ungarischen Monarchie bis Böhmen und Kroatien aus. Jede Stadt wollte ihr Spital den Schwestern anvertrauen. Nach Vorarlberg holte sie zuerst 1874 der liberale Bürgermeister Dr. Waibel von Dornbirn. Er war selbst Arzt und übergab nun die 100 Jahre alte und furchtbar verwahrloste Kaserne an der Sägerbrücke den Schwestern, die daraus das spätere Stadtspital formten. 1876 kam der Orden nach Innsbruck. Dort wuchs mit den Aufgaben die Zahl der Schwestern so stark an, daß 1904 eine eigene Ordensprovinz mit über 200 Schwestern errichtet werden konnte. Sie erbauten 1910 für sich ihr neues Provinzhaus in Hall. Von Hall aus wurden nun die großen und kleinen Niederlassungen in den Städten und die zahlreichen Krankenstationen in den Dörfern betreut. Wichtigste Zentren in Vorarlberg 5 ziehung junger Menschen und bei der Pflege von kranken, alten oder von behinderten Hilfsbedürftigen den sich ständig wandelnden Anforderungen. Während sich aber in manchen Provinzen weiterhin zahlreiche junge Frauen in feierlicher Profeß zum Ordensleben bekennen, gehören zur Provinz Hall nur mehr etwas über 200 Kreuzschwestern. Von diesen sind viele schon weit über 6o Jahre alt. Wohl harren sie bewundernswert lange bei ihrer Arbeit aus, aber schließlich müssen sie doch in die Obhut ihrer Mitschwestern im Mutterhaus zurückkehren. In Vorarlberg sind 1995 nur mehr sechs Stationen besetzt. Geblieben ist das Institut St. Josef in Feldkirch mit Schulen, Internat und vielerlei Aufgaben in der Pfarre und in der Sonderschule Jupident. Daneben gibt es noch fünf von den einst so zahlreichen Niederlassungen für Krankenpflege: Bludenz, Götzis, Dornbirn, Lustenau und -ja, Gott sei Dank! - und Wolfurt. Krankenpflege in Wolfurt Seit 1928, also nun schon fast 70 Jahre lang, wirken Haller Kreuzschwestern als Krankenschwestern in Wolfurt. Hier hatte von 1916 bis 1936 der aus Buch stammende Pfarrer Simon Stadelmann die Verantwortung als Seelsorger. Und Sorgen gab es für ihn gar viele in den Jahren nach dem verlorenen Weltkrieg. Zu Hunger und Arbeitslosigkeit hatte sich tiefe Verzweiflung gesellt. Ohne große Hoffnung wanderten ab 1923 ganze Gruppen von jungen Menschen nach Amerika aus. Alte und Kranke aber blieben oft in ihrer Not allein. Familie Schwerzler, Toblars in der Bütze, kurz bevor Franziska als Sr.Nivarda um 1900 ins Kloster eintrat. VaterFerdinand, Mutter Anna Maria, Franziska mit den Brüdern Josef und Martin und Tante Maria Anna Dür. wurden das 1911 in Feldkirch errichtete Institut St. Josef mit dem dazu gehörigen Antoniushaus und das Sanatorium Mehrerau. Auf seine große Blüte folgte für den Orden die schwere Heimsuchung in den Jahren 1938 bis 1945. Aus den Schulen und Kindergärten wurden die Schwestern entlassen, die Häuser alle für Lazarette beschlagnahmt. Als Krankenpflegerinnen waren die ausgebildeten Fachkräfte aber gerade in der Kriegsnot unentbehrlich, wenn man ihnen die Arbeit auch schwer machte. Neueintritte waren verboten. Nach 1945 bestürmten Bürgermeister, Pfarrer und Ärzte die Ordensoberin und baten um Wiedererrichtung der verwaisten Stationen. Viele Wünsche konnten nicht mehr erfüllt werden. Im Gegenteil: Ein neuer Zeitgeist im anbrechenden Wohlstandszeitalter machte Berufungen zu karitativem Dienen immer seltener. Der Nachwuchsmangel zwang dieMutter Oberin, immer mehr von den einst so zahlreichen Stationen zu schließen. Zuletzt wurden die Kreuzschwestern sogar noch aus dem wegen der hervorragenden Pflege so sehr geschätzten Sanatorium Mehrerau abgezogen. Weltweit wirken derzeit etwa 7 000 Kreuzschwestern in 15 Provinzen und drei Missionsgebieten. In ihrem ungeheuer groß gewordenen Aufgabengebiet stellen sie sich bei der Er6 Pfarrer Stadelmann hatte von der segensreichen Arbeit der Kreuzschwestern in einigen Nachbarorten gehört. Um aber eine Station nach Wolfurt zu bekommen, mußten zuerst die finanzielle Grundlage und eine Wohnung bereit gestellt werden. Den Anstoß dazu gab ein Vermächtnis. In „Draiars Seago&quot; am Holzerbach in Unterlinden lebte 1923 „s Agathle&quot;, Maria Agatha Böhler, 1848 dort geboren und nun 75 Jahre alt. Ihr Vater Martin Böhler, ein Verwandter der Holzer-Schmiede, hatte Mühle und Säge 1842 vom „Draiar&quot; (Spulendrechsler) Carl Zuppinger erworben. Nun war er längst tot und auch die Mutter Kreszentia und die sechs Geschwister waren gestorben. Als Agatha selbst erkrankte und beim Pfarrer Hilfe suchte, gab ihr dieser den Rat zu einer Stiftung. Darauf vermachte sie in einem Testament ihren Grundbesitz, bestehend aus einem Acker im Schmerzenbild und drei Streueparzellen im unteren Weitried, einer noch zu errichtenden „Kreuzschwesternstiftung in Wolfurt&quot;. Sie bestimmte auch den Stiftungszweck: „armen und kranken Personen der Gemeinde Wolfurt billige Pflege durch Barmherzige Schwestern vom hl. Kreuz angedeihen zu lassen&quot;. Am 18. Sept. 1924 starb Agatha Böhler. Ihre Stiftung besteht bis heute fort und auch alle vier Grundstücke sind noch in deren Besitz. Zunächst sollte ein Krankenpflegeverein gegründet werden. Ein Proponentenkomitee, bestehend aus Pfarrer Stadelmann, Vorsteher Ludwig Hinteregger, Sprengelarzt Dr. Eugen Lecher, Wagnermeister Johann Heitz und den Damen Mina Österle und Regina 7 troffen, „daß zwei Schwestern für die Krankenpflege bis spätestens 20. April in Wolfurt eintreffen werden&quot;. Als Bedingungen stellte sie, wie an anderen Orten in Vorarlberg auch, „freie, vollständig eingerichtete Wohnung, inbegriffen Licht, Wasser, Brennmaterial&quot;, dazu einen Monatsgehalt von 60 Schilling für jede Schwester und jährlich „ein Paar neue Schuhe und Schuhflicken&quot;. Die Wohnung wurde rechtzeitig fertig, Kohle und gehacktes Holz standen bereit. Wasser mußten die Schwestern allerdings beim Gemeindebrunnen vor dem Schulhaus in Kübeln holen. Am 19. April bewilligte der Kassier auch noch ein Lebensmittelpaket aus Köbs Lädele, denn heute sollten die Schwestern eintreffen. Mit zwei Autos holten sie der Pfarrer, der Vorsteher, der Gemeindearzt und Kassier Heitz am Bahnhof in Bregenz ab und geleiteten sie in ihr neues Heim. Am 20. April 1928 nahmen Sr. Agnes und Sr.Gordiana ihre segensreiche Tätigkeit auf. Schon eine Woche zuvor hatte der Krankenpflegeverein mit jetzt 263 Mitgliedern unter Obmann Pfr.Stadelmann seine Statuten beschlossen. Nun wurde mit Sr.Oberin Knoflach in Hall ein umfangreicher Vertrag ausgefertigt, der neben der Versorgung der Schwestern auch deren Aufgaben genau regelte. Aus dem Kassabuch Die Eintragungen von Kassier Heitz bei der Einrichtung der Schwesternwohnung 1927/ 28 nennen nicht nur alte Wolfurter Geschäfte und Handwerker, sondern sind auch als Information über die damaligen Preise interessant. Eine kleine Auswahl: 19.10.27 29.10.27 Rudolf Fischer, Möbel für Wohn- und Schlafzimmer Johann Bernhard, Möbel für Küche u. Fremdenzimmer Conrad Bohle, Kissen und Decken Albert Klimmer, Verschiedenes Franz Jos. Köb, neue Unter- u. Obermatratzen und ein Diwan Anton Haneberg, Schreinerarbeiten Julie Böhler, Näharbeiten Hirschbühl, Küche reinigen Rosa Grass, Näharbeiten Johann Bernhard, ein Tisch und ein Betstuhl Albert Loacker, ein Bügeleisen Josef Rohner, 2 Mtr. Brennholz Martin Fischer, Holz spalten Wilhelmina Köb, Lebensmittel S 1.021,00 471,00 183,14 28,00 512,80 53,60 19,10 1,50 13,41 37,30 27,78 51,00 15,00 6,22 120,00 113,30 Draiars Seogo am Holzerbach im Unterlinden. Hier wohnte bis 1924 Agatha Böhler, die mit ihrem Besitz den Grundstein für den Krankepflegeverein legte. Fischer, übernahm die Vorarbeit und die Ausarbeitung von Statuten. Am Ostermontag, 5.April 1926, wurde im Vereinshaus der Krankenpflegeverein gegründet. Schon im ersten Jahr traten 267 Mitglieder bei, um sich mit einem Beitrag von 10,— S (damals für die meisten viel Geld!) unentgeltliche Pflege im Krankheitsfall zu sichern. Längst hatte der Pfarrer Bittbriefe an die Kreuzschwestern in Hall geschickt. Die ersten Antworten waren Absagen: „heuer leider noch nicht&quot;. Aber Pfr.Stadelmann gab nicht auf. Gerade hatte die Gemeinde das Haus gegenüber der Schule gekauft und das Postamt vom Sternen dorthin verlegt. Über Ersuchen des Pfarrers machte nun Frau Maria Winder ihre Mietwohnung im zweiten Stock frei und übersiedelte mit Unterstützung durch den Krankenpflegeverein in Böhler Ottos Haus beim Sternen. Jetzt konnte die Wohnung über dem Postamt als künftige Schwesternwohnung adaptiert werden. Der Wagnermeister Johann Heitz, Gründer und Leiter der Sanitätsabteilung der Wolfurter Feuerwehr, beaufsichtigte als verantwortlicher Kassier die Reparatur der Räume und die Anschaffung der notwendigen Fahrnisse. Als die Beiträge der Mitglieder und die bei Sterbefällen reichlich fließenden Spenden nicht ausreichten, half der Pfarrer mit einem Darlehen aus. Es eilte plötzlich, denn aus Hall war mit Schreiben vom 15. Februar 1928 endlich die so sehnlich erwartete Mitteilung von Sr. Oberin M.Augusta Knoflach einge8 11.11.27 24.11.27 11.12.27 9. 1.28 13.1.28 17. 2.28 1. 3.28 6. 4.28 9.4.28 19.4.28 Aus den folgenden vielen Posten noch zwei zum Vergleich: 3. 9.28 Monatsgehalt für zwei Schwestern (je 60 Schilling) 16.3.29 Engelbert Brauchle, Schuhreparatur und zwei Paar neue Da hatten die Schwestern also im Dienst für die Wolfurter Kranken bereits ihre ersten Schuhsohlen durchgelaufen! 9 Johann Heitz, Mitbegründer des Krankenpflegevereins Pfarrer Simon Stadelmann, Gründer des Krankenpflegevereins Wolfurt Die Post kurz vor dem Abbruch 1965. Von 1928 bis 1963 wohnten im zweiten Stock die Krankenschwestern. Ein Jahr später konnte der Pfarrer voll Freude in der Versammlung des Krankenpflegevereins berichten: „Das Samenkorn ist mit Gottes Hilfe aufgegangen, es trägt bereits herrliche Blüten.&quot; Von Anfang an war man mit den Schwestern sehr zufrieden. Schon in den ersten zehn Monaten machten sie 1850 Krankenbesuche und hielten 15 Tag- und 59 Nachtwachen. Diese Zahlen stiegen in den nächsten Jahren auf mehr als das Doppelte. Die Gemeinde zeigte ihre Anerkennung dadurch, daß sie dem Verein die Wohnung kostenfrei überließ. Im Jahre 1932 starb der um den Verein hochverdiente Kassier Johann Heitz. Seine Tochter Maria Heitz übernahm für viele Jahre das oft unbedankte Amt. In der Zeit der Wirtschaftskrise war ja auch der auf 7, später sogar auf 6 Schilling ermäßigte Vereinsbeitrag für manche Familien kaum aufzubringen. Trotzdem stieg die Mitgliederzahl ständig. Die Zahl der Krankenbesuche kletterte 1934/35 auf 4233. Alle die weiten Wege durch das langgezogene Wolfurt machten die Schwestern damals zu Fuß. Aber auch in ihrem bescheidenen Heim in der Post stellten sich jeden Tag Kranke und Verletzte an. Für ein Vergelt&#39;s Gott ließ man sich dort Verbände wechseln, eitrige Wunden mit Kamillentee baden oder eine Ziehsalbe auf einen heißen Abszeß auflegen. Und immer 10 taten die Krankenschwestern ihre Arbeit fröhlich, die Kranken freuten sich auf jeden Besuch. Bei Visitationen durch die Mutter Oberin aus Hall kam aber ein Problem zur Sprache: die weite Entfernung zur Kirche. Zu viel Zeit nahm der tägliche Weg zur Messe und zur Abendandacht in Anspruch. Und gerne wären die Schwestern öfter vor dem Altar gekniet, um neue Kraft für ihren Beruf zu holen! Mehrmals hatte die Oberin inzwischen neue Schwestern nach Wolfurt geschickt (Siehe Anhang!), bis im Oktober 1933 mit Sr.Epiphania jene Klosterfrau einzog, die nun in den folgenden 37 Jahren bei uns durch ihr Beispiel an Fleiß, Bescheidenheit, Einsatzfreude, Güte und Frömmigkeit das Bild der Krankenschwestern am meisten prägte. Ihr zur Seite stand, nicht minder geachtet und beliebt, ab 1935 Sr.Theodora. Unermüdlich sah man die beiden, „dio Klenn&quot; und „dio Groß&quot;, wie man sie in Wolfurt bald liebevoll nannte, mit schnellen Schritten durch das Dorf zu ihren Kranken eilen. Nach ein paar Jahren erhielten sie vom Orden die Genehmigung zum Gebrauch von Fahrrädern. Das Erlernen des Radfahrens muß für die nicht mehr ganz jungen Frauen in 11 ihrer langen Ordenstracht eine besonders arge Prüfung gewesen sein, aber mit ihrem Gottvertrauen meisterten sie auch diese ohne größere Verletzungen. Nun stand ihnen mehr Zeit für die Kranken zur Verfügung und auch der weite Weg zur Kirche fiel nicht mehr so sehr ins Gewicht. Andere, schwerere Prüfungen standen den Schwestern und dem Krankenpflegeverein bevor. Im Februar 1936 war Pfarrer Simon Stadelmann, der Gründer und langjährige Obmann des Vereins, gestorben. Kaplan Johann Rein übernahm die Leitung. In seinem Tätigkeitsbericht vom März 1937 berichtet er noch von der Rekordzahl von 281 Mitgliedern, die die Arbeit der Schwestern über alles schätzen. 4200 Krankenbesuche haben diese im Berichtsjahr gemacht, dazu 120 Nachtwachen gehalten. Ein Jahr später ist der Anschluß Österreichs an Deutschland vollzogen, der Verein der N.S.Volkswohlfahrt unterstellt. Das Vereinsvermögen von 3562,41 Schilling wurde am 20. März 1938 in 2374,94 Reichsmark umgewechselt und beschlagnahmt. Bald danach wurde der Verein dann am 27.6.39 ganz „liquidiert&quot;. Nach außen aber änderte sich wenig: NS-Leute sammelten nun bei den gleichen Mitgliedern jährlich 4 RM ein. Und - fast ein Wunder in jener antichristlichen Zeit! - die Schwestern Epiphania und Theodora taten unverändert ihren Dienst an den Kranken. Zwar war das Schreiben des Kreisleiters vom 16. Jänner 1940 für Sr.Epiphania mit „Heil Hitler&quot; an die „Krankenschwester Elise Härle in Wolfurt&quot; gerichtet, aber es erlaubte ihr ausdrücklich, weiterhin im Auftrag der NSV die Krankenpflege durchzuführen. Als Vergütung wurden ihr monatlich von der Kreisamtsleitung in Bregenz 60,- RM überwiesen. Eine katholische Ordensfrau ganz offiziell im Dienst der NS-Kreisleitung! Welche Anerkennung für ihr selbstloses Wirken sogar durch dieses Regime! In den Anweisungen stand dann allerdings auch: „Es ist selbverständlich, daß sich Ihre Tätigkeit ausschließlich auf die Krankenpflege beschränken muß.&quot; Aber ihr stilles Beten und auch ihre Kirchenbesuche konnte den beiden Schwestern wohl niemand nehmen. Die im Grundbuch verankerte Kreuzschwesternstiftung erklärte der Bürgermeister allerdings für unmöglich. Er löste sie am 3. September 1942 mit Hilfe der deutschen Gemeindeordnung auf und übernahm die vier Grundparzellen in Gemeindebesitz. So wurde das auch vom Amtsgericht im Grundbuch eingetragen. Doch danach fragten die Schwestern nicht. Ihre Arbeit war ja davon nicht betroffen. Sie fragten auch nicht nach Rang, Herkunft und Weltanschauung ihrer Patienten. Als gegen Kriegsende immer mehr Flüchtlinge in Notquartieren untergebracht wurden, kümmerten sie sich auch um diese. Es wird erzählt, daß sie manchmal ein Stück Brot oder ein Stück Selchfleisch, das ihnen eine Bäuerin zugesteckt hatte, zu den hungernden Flüchtlingen trugen. Sie selbst streckten ihre karge Kost mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Dann kam im Mai 1945 das Kriegsende. Bald danach besprach der damalige Pfarrer Wilhelm Brunold mit dem wieder in seinem Amt befindlichen Bürgermeister Ludwig Hin12 teregger und dessen Bruder, dem Instrumentenmacher Gebhard Hinteregger, die zukünftige Gestaltung und Finanzerung der Krankenpflege. Nach Rückfrage bei den Schwestern sahen sie von einer Neugründung des aufgelösten Krankenpflegevereins ab. Zur Deckung der Kosten wurde eine jährliche Haussammlung mit freiwilligen Spenden beschlossen, die durch weitere Spenden anläßlich von Sterbefällen ergänzt werden sollte. Das neue Modell der Pfarrkrankenpflege ohne Verein bewährte sich, auch wenn es sonst nirgends im Land so gehandhabt wurde. Weiterhin konnten alle Bedürftigen im Ort ohne Unterschied der Person betreut werden. Gebhard Hinteregger kümmerte sich um die Organisation und trug selbst, unterstützt von Frau Berta Gmeiner, Fideles, die vielen kleinen und großen Spenden zusammen. Am 7. Jänner 1945 hatte Pfr. Brunold noch 3850 RM in ebenso viele österreichische Schillinge umgetauscht und dann als Grundstock an Hinteregger übergeben. Seither funktionierte die freiwillige Finanzierung. Auch die ehemalige „Kreuzschwesternstiftung&quot; wurde wieder errichtet. Die Gemeindevertretung beschloß am 19.8.1948, die im Jahre 1942 enteigneten Grundstücke zurück zu geben. Sie wurden 1949 neu für die Stiftung verbüchert. Ein erster Wermutstropfen war, daß vom Provinzhaus aus das unzertrennliche Wolfurter Schwesternpaar getrennt wurde. Im August 1945 übernahm die „große&quot; Sr.Theodora einen Posten in Lingenau, ein Jahr später in Lustenau. Sieben Jahre lang mußte die „kleine&quot; Sr.Epiphania die anfallende Arbeit meist allein bewältigen, nur kurzzeitig konnte ihr der Orden Helferinnen senden. Umso größer war die Freude, als Sr.Theodora 1952 nach Wolfurt zurückkehrte. Zehn Jahre später wurde dann im März 1962 Sr.Epiphania nach Götzis versetzt. Der Mangel an Schwesternnachwuchs zwang um diese Zeit die Provinzoberin Sr.M.Angelina Neuhauser, eine ganze Reihe von Niederlassungen in Vorarlberg zu schließen. Mit Kennelbach und Lauterach sollten auch aus Wolfurt die Schwestern abgezogen werden. Allenfalls hätte dann noch eine auf der Platte in Bregenz bestehende Schwesterngemeinschaft Wolfurt mitbetreut. Damit war man aber in Wolfurt nicht einverstanden. Nacheinander intervenierten im Mutterhaus zunächst Pfarrer Willi und Bürgermeister Waibel, dann auch Gemeindearzt Dr.Schneider und vor allem der in Hall sehr geschätzte Obmann Gebhard Hinteregger. Wahrscheinlich hat auch das Gebet und Hoffen der Kranken dazu beigetragen: das Wunder geschah! Die Station Wolfurt blieb erhalten und - schon im Oktober 1963 kehrte Sr.Epiphania zurück. Für die Schwesternwohnung wurde ein Ersatz notwendig, weil die alte Post zum Abbruch bestimmt worden war. Obmann Hinteregger fand eine gute Unterkunft im Haus Rohner, Kreuzstraße 1, nahe bei der Kirche. Er kümmerte sich 1963 noch sehr um die Einrichtung und um den Umzug der Schwestern in ihr neues Heim. Ein Jahr später starb er. Die Obmannstelle übernahm sein Bruder, Altbürgermeister Ludwig Hinteregger. 13 Sr.Theodora und Sr.Epiphania, seit 1966 Ehrenringträgerinnen. Längst wollte man sich auch von Seiten der Gemeinde, die schon bisher die Wohnung gestellt und manche Unkosten getragen hatte, bei den beiden Schwestern für ihr Lebenswerk bedanken. Jetzt wußte Sozialreferent Hubert Mohr einen Weg. Nach dem neuen Gemeindegesetz konnte die Gemeinde einen Ehrenring schaffen. Auszug aus dem Sitzungsprotokoll vom 22.9.1966: In Würdigung ihrer aufopferungsvollen und vorbildlichen Tätigkeit in der Krankenpflege wird einstimmig beschlossen, den ehrw. Srn. Theodora (Paula) König und Epiphanie (Elisabeth) Härle den Ehrenring der Gemeinde zu verleihen. Am Sonntag, 4.Dez.l966, überreichte Bürgermeister Waibel in einer Festsitzung der Gemeindevertretung im Beisein von Vertretern des Ordens und der Pfarre die ersten Wolfurter Ehrenringe an die sichtlich erfreuten Schwestern. Doch deren Lebensjahre gingen nun zur Neige. Im Mai 1971 verabschiedete sich die gebrechlich gewordene Sr.Epiphania und kehrte ins Provinzhaus Hall zurück. Dort starb sie am 3.November 1970. Eine große Abordnung aus Wolfurt nahm an ihrem Begräbnis teil. Schon zwei Monate spät