Heimat_Wolfurt_Heft_03_1989_Mai

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Letzte Änderung 19.11.2012, 18:32
Gemeinde Wolfurt
Bereich oeffentlich
Schlagworte: wolfurt,imported
Erscheinungsdatum 01.05.1989
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Heft 3 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 89 Der Rickenbach. Im Jahre 1957 überschwemmte er gemeinsam mit der Minderach zweimal Schlatt und Kessel. Inhalt: 7. Der Rickenbach (Fischer) 8. Hofsteiger Bauern (Heim) 9. Der letzte Krieg (Heim) DIE A U T O R E N : Dipl.-Ing. Alfons Fischer, geb. 1920 in Wolfurt und hier wohnhaft, entstammt einem alteingesessenen Rickenbacher Geschlecht. Er hat Forstwirtschaft studiert und war 36 Jahre lang bei der Wildbach- und Lawinenverbauung in Vorarlberg leitend tätig. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Alfons Fischer DER RICKENBACH IN WOLFURT Porträt eines Wildbaches in seiner Umwelt EINLEITUNG Bild: Reproduktion von Hubert Mohr Mit der Kurzdiagnose aus dem Biotopinventar Vorarlberg, Teilinventar Nordvorarlberg, Gemeinde Bildstein, von Prof. Dr. Georg Grabher möchte ich beginnen: «Die Bildsteiner Bäche folgen vorgegebenen, mehr oder weniger tiefen Schichtfugen der granitischen Molasse. Es handelt sich durchwegs um von glatten Felsstufen und Rutschungsflächen durchsetzte Waldschluchten von wilder Ursprünglichkeit. Querende Wege und einige Hochwasserschutzbauten, Brücken etc., schmälern diese Beurteilung nicht wesentlich. Die Bäche selbst sind aufgrund der besonderen geologischen Unterlage als spezielle Typen anzusprechen. Die besondere Schutzwürdigkeit ergibt sich aus der weitgehenden Ursprünglichkeit und dem speziellen Bachtypus.» Der Aufsatz orientiert sich an wissenschaftlichen Fakten, hält sich aber nicht an die wissenschaftliche Systematik. «Ricke» ist ein althochdeutsches Wort und bedeutet nach Werner Vogt Felsenge oder Felsschlucht. Allein am Pfanderstock kommt der Name Rickenbach noch dreimal vor. Rickenbäche gibt es auch in der Schweiz und im süddeutschen Raum. Nach dem Vorarlberger Wörterbuch von Leo Jutz hat «Rick» die Bedeutung von Schlinge oder Knoten, z.B. an einer Getreidegarbe. Der Rickenbachunterlauf mäandrierte bis zu seiner Regulierung und Begradigung um 1850 in vielen Windungen zur Schwarzach. Es treffen daher beide Deutungen, sowohl für die Schluchtstrecke als auch für den Unterlauf zu. Unser Rickenbach ist ein rechtsufriger Zubringer der Schwarzach, in die er oberhalb des Kiesfängers, bzw. der Betonbrücke, einmündet (linksufrig und rechtsufrig bezieht sich auf die Betrachtung der Fließgewässer von der Quelle zur Mündung). Die Schwarzach mündet oberhalb des Senders als rechtsufriger Zubringer in die Dornbirner Ach und damit in den Bodensee. Das Quellgebiet liegt in Oberbildstein in rund 950 m Seehöhe, die Einmündung in die Schwarzach in rund 410 m Seehöhe. Der Bach durchfließt bis hm 18, 20 Bildsteiner Gemeindegebiet, bildet bis hm 17, 00 die Gemeindegrenze und durchfließt dann bis hm 0, 00 Wolfurter Gemeindegebiet (die Hektometrierung — hm — am Lageplan erfolgt von 100 m zu 100 m. hm 0, 00 ist die Einmündung in die Schwarzach, hm 14, 00 heißt, der Unterlauf ist 1.400 m lang). 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Das Einzugsgebiet des Rickenbaches beträgt 7, 5 km2. Davon entfallen 3, 9 km2 auf die Minderach, die als linksufriger Zubringer beim Kühlhaus Alge einmündet. Ich beschränke mich auf den Rickenbach mit 3, 6 km2 Einzugsgebiet, da in der Minderach die Verhältnisse ganz ähnlich sind. Als größere rechtsufrige Zubringer im Tobel sind noch der Staudachertobel- und der Hochtobelgraben zu erwähnen. Für fast alle Gewässer, die in die Rheintalebene oder in den Talboden des Walgaues abfließen, sind die fachlichen Zuständigkeiten heute getrennt. Die Mittel- und Oberläufe mit Wildbachcharakter gehören zum Zuständigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung, die flachen Unterläufe zum Zuständigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Am Rickenbach ist diese Grenze beim Einfangwerk der Unterlaufregulierung, direkt oberhalb der Brücke der alten Bildsteinerstraße bei der Firma Doppelmayr, das ist bei hm 14, 00. Daraus ergibt sich ein Einzugsgebiet von 3, 3 km2 im Tätigkeitsbereich der Wildbachverbauung und 0, 3 km2 im Tätigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Die Unterlaufregulierung ist überall ohne große Schwierigkeiten erreichbar. Die Schluchtstrecke ist dagegen nur schwer zugänglich. Das Einzugsgebiet wird randlich durch die Straße Rickenbach — Bannholz — Staudach — Bereuter—Gitzen—Oberbildstein— Geißbirn—Kapf— Dorf—Ankenreute—Rickenbach umfahren. Durch das Tobel führt nur die Straße Baumgarten—Grub—Dorf. Durch das Tobel führen auch noch die alten Kirch- und Schulwege als Fußwege von Bereuter und Baumgarten über Dellen und die Erscheinungskapelle ins Dorf und vom Staudach ins Dorf. Der Weg von Maschen nach Ankenreute ist verfallen und das Brückele schon viele Jahre zerstört. GEOLOGISCHE VERHÄLTNISSE Die Gesteine des Bildsteiner Stockes und des Pfänderstockes gehören zur Molassezone, die sich in einem 1.000 km langen Bogen am Nordrand der Alpen von Genf bis Wien erstreckt. Es handelt sich um junge Gesteine der Erdneuzeit, die im Oligozän, einer Zeitstufe des Tertiärs, vor ca. 30 bis 35 Mio. Jahren als Meeresablagerungen entstanden sind. In dieser Zeit wurden die Alpen nach Norden geschoben und zum Gebirge aufgefaltet. In unserer Gegend und weiter im Norden wurden durch große Flußsysteme Schotter, Sand und Schlamm, also schon Verwitterungsprodukte aus den Alpen, in flache Meeresbecken eingeschwemmt und versteinerten dort. Es entstanden Konglomerate und waagrechte Schichten von Sandsteinen und Mergeln von verschiedener Härte und Mächtigkeit. In den folgenden Jahrmillionen gingen die gewaltigen Faltungsvorgänge weiter. Das Gebirge der Alpen überfuhr bei uns den südlichsten Bereich der Molassezone und stauchte die Felsschichten wie eine Bugwelle vor sich her. Am Bildsteiner Berg ist diese Faltenmolasse vielfach aufgeschlossen. Entlang der «Bildsteiner Antiklinale», sie verläuft über Bächlingen, Platte, Dorf, Kapf nach Oberbildstein, wurde das Gestein zerbrochen und schräggestellt. Im Rickenbach fallen die Schichten in einem Winkel von 50 Grad bis 60 Grad von Süd 4 nach Nord ein, in der Minderach und im Schwarzachtobel dagegen fallen die Schichten genau umgekehrt in einem Winkel von ca. 35 Grad von Norden nach Süden. Am Pfänderstock wurden die Schichten nur noch gehoben und zeigen dort ein flaches Nordfallen. Diese verschiedenen Entwicklungen sind heute an den Geländeformen erkennbar. Das Einzugsgebiet des Rickenbaches liegt in der granitischen Molasse, die zur unteren Süßwassermolasse zählt. Es handelt sich hauptsächlich um kalkarme Glaukonitsandsteine. Ihre Sande und Tone wurden in den küstennahen, sumpfigen Gebieten abgelagert. Viele schöne Versteinerungen von Pflanzen, Tierfahrten, Muscheln und Tierzähnen weisen auf ein subtropisches Klima hin. In der Vorarlberger Naturschau sind u.a. schöne Schaustücke aus dem Rickenbach und dem Staudachertobel zu sehen. Sie geben viele Hinweise auf die Pflanzen- und Tierwelt von damals. Die Funde belegen das Vorkommen von Fächerpalmen, mehreren Arten von Zimtbäumen, Eichen, Feige, Gummibaum, Ebenholz, Edelkastanie und wilde Walnuß. Daneben gibt es aber auch noch heute vorkommende Pflanzenarten, wie Weiden, Ulmen, Sauergräser und Schilf. An sehr gut erhaltenen Blattformen konnten sogar typische Fraßbilder von Insektenraupen festgestellt werden und damit das Vorkommen von Schmetterlingen und Käfern nachgewiesen werden, obwohl sich von den Tieren selbst keine Reste erhalten haben. In der Naturschau können auch die im Unterstaudach gefundenen Versteinerungen der Zähne von Kleinsäugetieren eingesehen werden. Diese Funde waren eine wissenschaftliche Sensation. Durch sie wissen wir, daß der Küstenurwald von Zwerghirschen, Schweinchen, kleinen Paarhufern, Eichhörnchen und Hamstern belebt wurden und daß in den Tümpeln Krokodile und Süßwasserfische (Barben) lebten. In der Lehrmittelsammlung der Hauptschule Wolfurt befindet sich die ausgezeichnet erhaltene Versteinerung eines großen Blattes. Sie wurde 195 8 im Zuge der Verbauung des Rickenbaches im Bereich der ersten Felsbarriere, die von Ankenreute zum Kuien verläuft, bei einer Felssprengung freigelegt. Der Finder, ein innerösterreichischer Arbeiter, hat sie für den Gegenwert von einigen Kisten Bier an die Schule verkauft. Der Rickenbach hat sich in Millionen Jahren sein Bett entlang einer Schichtfuge eingegraben. Vor 1, 5 Millionen Jahren wurde das subtropische Klima durch die Eiszeiten abgelöst. Dabei gab es mehrere Kälteperioden und dazwischen Wärmeperioden. Über diese Zeiträume sind in unserer Heimat keine Spuren erhalten. Vor etwa 20.000 Jahren kam es zur letzten Kälteperiode, der Würmeiszeit. Der Rheingletscher erfüllte das ganze Rheintal und reichte weit ins schwäbische Land hinaus. Der Illgletscher wurde an den rechten Rand gedrückt. Er floß zeitweise sogar über das Bödele und Alberschwende gegen den Bregenzerwald und von Oberbildstein in den Vorderwald. Das Gletschereis reichte damals bis ca. 1.100 m Seehöhe und lag damit fast 150 m über der Schneiderspitze. Die Eisströme haben z.B. den Achrain und 5 Oberbildstein glattgehobelt und auf den flachen Stellen Moränenschutt abgelagert. Der Rickenbach war, wie alle Bäche, total plombiert. Beim Abschmelzen des Eises kam vor etwa 15.000 Jahren v. Chr. die Erosion wieder voll zur Wirkung. Die Moränen wurden zum Teil abgetragen und sind nur noch auf den verschiedenen flachen Büheln, die heute weitgehend landwirtschaftlich genutzt werden, vorhanden. Im Tobel wurden die Moränen bis auf das Grundgestein ausgeräumt. Übrig geblieben sind nur einige Kleinflächen an den Steilhängen. Der aufmerksame Beobachter findet auf den Büheln und vor allem in den Tobein viele Steine, die der Illgletscher mitgebracht hat. Am auffälligsten sind dabei die hellen Gneise aus dem hinteren Montafon. Das Bildsteiner Kriegerdenkmal und der Sockel des Alberschwender Kriegerdenkmales sind aus Findlingsblöcken gehauen, die in Geißbirn gefunden wurden. Das Geschiebe aus der Schlucht wurde im Bodensee, der damals bis über Feldkirch hinaufreichte, und später in den randlichen Tümpeln und Sümpfen abgelagert. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrtausende ein flacher Schwemmkegel, der mit Auwald bedeckt war. CHARAKTERISTIK DES BACHES Heute zeigt sich der Rickenbach als tief eingeschnittenes, bewaldetes Tobel, in einem relativ flachen, landwirtschaftlich genutzten Umland, seines weiteren Einzugsgebietes. Auffallend sind die vielen Felsstufen und die dazwischenliegenden Flachstrecken. Auf den Flachstrecken bleibt das Grobgeschiebe liegen, das auf weite Strecken vermoost ist. Die Felsstufen werden durch härtere Felsriegel gebildet, die meist schräg zum Bach von einem Einhang zum anderen ziehen. Linksufrig liegt der Fels in der Hangneigung von 50 Grad bis 60 Grad. Auf mehreren Flächen ist der Wald abgerutscht, sodaß große nackte Felsplatten anstehen. Der obere Rand des rechten Einhanges besteht fast zur Gänze aus senkrechten Felswänden mit Höhen von 10 bis 30 m. Hier findet man vereinzelt Kohleadern mit 2 bis 4 cm Stärke. Es handelt sich um Glanzkohle, wie sie im Wirtatobel abgebaut wurde. Die Felsschichten fallen parallel zum linken Einhang mit dem gleichen Gefälle in den Berg. Sie sind im Laufe der Jahrtausende durch Fußunterwaschung und nachbrechen der Schichtköpfe entstanden. Den letzten großen Felssturz habe ich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei hm 24, 40 beobachtet: Steine in der Größenordnung von bis zu 30 m3 haben den Bachlauf verlegt. Der Rückstau ist inzwischen verlandet und die Steine sind weitgehend durch Wald überwachsen. Unter den Felswänden liegen steile bewaldete Hangpartien. Die weichen Sandsteine verwittern relativ schnell zu Lehmböden, die zur Vernäßung neigen und rutschsüchtig sind. Es kommt daher im Tobel, vor allem bei Hochwasser, immer wieder zu Gschliefen mit Waldabrutschungen. Schadholz liegt an vielen Stellen im Bach und in den Einhängen. Feingeschiebe, weitgehend Sand und Letten, wird schon bei mittleren Hochwässern abgetriftet. Das Grobgeschiebe aus den Flachstrecken kommt nur bei schweren Hochwässern in Bewegung. 6 Aus den geologischen Gegebenheiten resultieren Gefällsverhältnisse, die für einen Wildbach wegen der vielen Flachstrecken untypisch, für die Bildsteiner Bäche dagegen typisch sind. Der Unterlauf durchfließt den flachen Schwemmkegel in einem künstlichen Gerinne. Das Gefälle beträgt zwischen hm 0, 00 und der Eisenbahnbrücke bei hm 6, 65 nur 0, 4 % und erhöht sich bis zur Landesstraßenbrücke nach Schwarzach auf 0, 8 %. Oberhalb der Brücke bis hm 14, 00 beträgt das Durchschnittsgefälle 1, 9 %. Die geringen Gefällsprozente am Schuttkegel sind ein Hinweis, daß der Rickenbach im Laufe der Zeit relativ wenig Grobgeschiebe, aber viel Feingeschiebe, Sand, Letten und Dreck gebracht hat. In Baugruben werden immer wieder die Schichten der großen Hochwässer angeschnitten. Der Mittellauf erstreckt sich von hm 14, 00 bis zur Einmündung des Hochtobelgrabens bei hm 37, 50. Auf den vielen Flachstrecken liegt das Durchschnittsgefälle zwischen 5 % und 10 %. Die Felsstufen haben ein Durchschnittsgefälle zwischen 10 % und 40 %. Das Durchschnittsgefälle des ganzen Mittellaufes beträgt aber lediglich 10 %. Die Oberläufe haben zum Teil glatte Felsgerinne und sind ebenfalls durch Felsbarrieren unterbrochen. Die Durchschnittsgefälle liegen aber höher. Alle Seitenzubringer, auch die vielen kleinen Gerinne, sind meist schon nach 100 m tief eingeschnitten und zum Teil nicht begehbar. In dieser kurzen Übersicht konnten die komplizierten Zusammenhänge der Geologie der Molasse nur angedeutet werden. An Unterlagen habe ich die «Einführung in die Geologie Vorarlbergs» von Dr. Krasser und ein «Geologisches Manuskript für das Schwarzacher Heimatbuch» von Dr. Krieg verwendet und eigene Beoachtungen eingebracht. Eine geologische Fundgrube ist die Naturschau in Dornbirn, das Lebenswerk von Siegfried Fußenegger. Wer tiefer in die geologischen Gegebenheiten eindringen will, muß sich mit Fachliteratur abgeben, z.B. «Molasse» von Heim/ Baumgartner. PFLANZENWELT Am Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren v. Chr. wurde unsere Heimat wieder grün. Die Rohböden wurden zuerst von niederen Pflanzen besiedelt: Aus der Untersuchung von Pollen, die sich im Torf erhalten haben, weiß man über die weitere Entwicklung ziemlich gut Bescheid. Nach Latschen und Krüppelbirken entwickelten sich Wälder aus Föhren und Birken, zu denen sich um ca. 8.000 v. Chr. Hasel und Fichte und etwas später die Eiche gesellten. In der wärmsten Periode der Nacheiszeit, etwa zwischen 5.500 bis 3.000 Jahren v. Chr. beherrschten Eichenwälder gemischt mit verschiedenen Laubholzarten die Landschaft. Buche und Weißtanne sind als letzte Arten erst in dieser Wärmeperiode eingewandert. Etwa um diese Zeit dürfte auch der erste Mensch in unsere Gegend gekommen sein. Beim Bau des Landgrabens oberhalb des heutigen Bahnhofs habe ich am Ende der zwanziger Jahre als Bub gesehen, daß große Eichenstämme ausgegraben wurden, die eine grauschwarze Farbe hatten und schon leicht versteinert waren. 7 Die Zeit der großen Laubholzurwälder ist erst vor etwa 1.000 Jahren mit den großen europäischen Rodungen zu Ende gegangen. In dieser Zeit wurde der Bildsteiner Berg besiedelt. Seither haben sich die land- und fortwirtschaftlichen Nutzungen zum heutigen Bild entwickelt. Ankenreute und Bereuter sind zwei typische Rodungsnamen. Bannholz steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit Rutschungen im Spetenlehengraben. Am Rickenbach sind 45 % des Einzugsgebietes mit Wald bestockt. Das entspricht dem österreichischen Durchschnitt, liegt aber 10 % über dem Vorarlberger Durchschnitt. Wald ist mehr als ein Haufen Bäume. Wald ist eine vielfältige, komplizierte Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren, die sich in langen Zeiträumen eingespielt hat. Heute sagt man dazu auf gut deutsch ein Biotop oder ein Ökosystem. Sein Erscheinungsbild wird, neben der Nutzung durch den Menschen, von vielen Faktoren geprägt, wie z.B. Grundgestein, Verwitterung und Gebirgsabtrag, Boden- und Bodenleben, Höhenlage, klimatische Einflüsse, wie Regen, Schnee und Lichtintensität. Dabei ist die Lichtintensität wieder von der Höhenlage oder von der Exposition Schattenseite oder Sonnenseite abhängig. Der Wald hat Nutz- und Schutzfunktion, die Voraussetzungen für das Leben und Überleben der Menschen sind. Für selbstverständlich genommen wird die Nutzfunktion, die Ernte von Holz, Pilzen, Beeren, Heilkräutern und Wild, und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen. Auch die Erholungsfunktion ist eine Nutzfunktion. Zu den Schutzfunktionen: Waldboden speichert wesentlich mehr Wasser als Wiesenboden und hat dabei großen Einfluß auf die Abflußverhältnisse und die Geschiebebilanz, z.B. in Wildbächen, und die gleichmäßige Schüttung von Quellen. Wald ist der größte Massenproduzent und Sauerstofflieferant. Unter Einsatz von Sonnenenergie wird im Blattgrün Kohlenstoff in Stärke und Zucker und dann von der Pflanze in Lignin und Zellulose umgewandelt. Dabei wird Sauerstoff freigesetzt. Wald hält auch Wasser und Schnee im Kronendach zurück und vermindert dabei den Abfluß und überlagert die Verdunstung durch Blätter und Nadeln. Wald schützt in den Höhenlagen vor Lawinen. Wald bremst den Wind und verbessert dadurch das Lokalklima, verhindert zu starke Verdunstung, verhindert Schnee-Einwehungen. Wald reinigt die Luft durch das Ausfallen von Gasen und Staub. Heute ist er dabei schon weit überfordert, wie das fortgeschrittene Waldsterben in den Kammlagen beweist. Dort werden die größten Mengen von Giftstoffen eingetragen. Wald schützt vor Lärm. Wald mildert das Kleinklima im Gegensatz zum Freiland sowohl zwischen Tag und Nacht, als auch zwischen Sommer und Winter. Die großen Waldgebiete, vor allem die tropischen Regenwälder, haben Einfluß auf das Großklima. Die Folgen der riesigen Rodungen im Amazonasgebiet und in den afrikanischen und asiatischen Regenwäldern sind erst zu ahnen. Wald ist die einzige große Lebensgemeinschaft, die sich bei einem natürlichen Gefüge, also beim Vorhandensein aller Etagen von der Krautschicht über die Buschschicht, die Stangenhölzer und Altbestände selbst erhält. Wald hat also einen ausgewogenen Nahrungs- und Produktionskreislauf. Er betreibt, um 8 es deutsch zu sagen, Recycling in geschlossenen Kreisläufen. Die hier nur angerissenen Wirkungen sind viel umfangreicher und viel komplizierter und können nur aus dem Zusammenspiel der vernetzten Lebensgemeinschaft Wald verstanden werden. Am Rickenbach kenne ich folgende Baumholzarten: Fichte (Rottanne), Tanne (Weißtanne) , Weißkiefer (Föhre), Douglasie (Exote aus Nordamerika), Lärche (im Rickenbach künstlich eingebracht), Eibe (kein Nadelbaum, sondern ein immergrüner Laubbaum, keine Harzgänge im Holz und in den Nadeln), Traubeneiche, Edelkastanie (vielleicht schon seit der Römerzeit), Weißbuche (Hagebuche), Birke, Erle, Weide, Zitterpappel, Feldulme, Bergulme (Basthäsel, Rüster), Holzapfel, Holzbirne, Wildkirsche, Eberesche (Vogelbeere), Eisbeere, Mehlbeere, Bergahorn, Spitzahorn, Feldahorn, Winterlinde, Sommerlinde, Esche, Wilder Nußbaum. Die Strauchschicht setzt sich wie folgt zusammen: Erle, Weide, (zahlreiche Formen, von breitblättrig bis schmalblättrig), Feldahorn, Rosen, Wacholder, Weißdorn, Schwarzdorn, Vogelkirsche, Spindelbaum (Pfaffenhütchen), Kornelkirsche, Faulbaum, Gemeiner Schneeball, Wolliger Schneeball, Heckenkirsche, Hartriegel, Schwarzer Holder, Roter Holder, Pulverholz, Liguster, Seidelbast, Stechlaub, Mispel. An Kletterpflanzen kenne ich noch Efeu, Waldrebe (Liera) und wilden Hopfen. Als Schlagpflanzen sind Himbeere und Brombeere zu erwähnen. Die Krautschicht ist viel artenreicher als das Holz. Wer hier einen genauen Überblick haben will, muß sich mit Pflanzensoziologie befassen. Ich möchte mich nur auf die auffalligsten, mir bekannten Arten beschränken, wie zum Beispiel: Einbeere, Vielblütige Weißwurz, Immergrün, Bärlauch, Schattenblume, Flockenblume, Rotes Waldvögelein, Nestwurz, Weiße Teufelskralle, Gelbe Taubnessel, Rote Taubnessel, Brennessel, Klebriger Salbei, Tollkirsche, Sauerklee, Lungenkraut, Geißbart, Sanickelkraut, verschiedene Veilchenarten, Aronstab, Schachtelhalme (Katzenschwänz), Schilf (Streueröhrle), Springkraut, Buschwindröschen, Himmelschlüssel, Wolfsmilch, verschiedene Seggen (haben dreieckigen Querschnitt), verschiedene Gräser, Bärlapp, Huflattich, Pestwurz, Waldmeister, Labkraut, Bingelkraut, Pfefferminz, Kresse, verschiedene Farnarten, viele Moosarten und Flechten. Die Flechten sind zum Teil sehr empfindlich gegen Luftverschmutzung und sauren Regen. Ihr Absterben löst daher Alarm aus, lange bevor die sichtbaren Schadbilder auftreten. Manches wäre noch über die halbwegs intakt gebliebene Pflanzen- und Insektenwelt an ungedüngten Weg- und Wiesenrainen und auf den Magerwiesen (nur fallweise mit Mist gedüngt), über die Artenverarmung auf den überdüngten Wiesen und die erstaunliche Pflanzenvielfalt der Streuewiesen zu sagen. Eine Besonderheit im Einzugsgebiet des Rickenbaches stellen die Viehweiden dar. Sie werden leider durch Kultivierung und Düngung, durch Aufforstung oder natürliches Zuwachsen immer mehr zurückgedrängt. Zuerst kommen die schönen Einzelbäume, hauptsächlich Eichen, Edelkastanien, Buchen und Birken dran. Dann geht 9 es den typischen Pflanzen der Trockenrasen an den Kragen. Ich darf einige Vertreter nennen, wie z.B. Silberdistel, Arnika, Heidelbeere, Preiselbeere, Adlerfarn, verschiedene Moosarten, Wacholder, Besenheide (blüht im Herbst hell violett und hat nichts mit der Erika zu tun, die im Frühling sattviolett blüht und nur auf Kalk vorkommt), Katzenpfötchen und Buchsbaumblättrige Kreuzblume. An tiefgründigen, etwas feuchteren Stellen blühen Trollblume und Schwalbenwurzenzian. Ich habe alle genannten grünen Pflanzen aufgeschrieben, wie sie mir eingefallen sind. Selbstverständlich werden sie wissenschaftlich in Gruppen und Familien eingeteilt. Viele sind anspruchslos und haben ein großes Verbreitungsgebiet, andere sind spezialisiert und stellen hohe Ansprüche, z.B. an Boden, Licht und Pflanzengesellschaft. Manche sind kalkliebend, andere kalkfliehend, die einen leben auf saurem Boden, wieder andere sind stickstoffliebend oder Stickstoff fliehend. Die einen sind Tiefwurzler, die anderen Flachwurzler, die einen sind Lichtholzarten, die anderen Halbschattholzarten oder Schattholzarten. Es gibt also viele Möglichkeiten zur Einordnung in Gruppen. Darüber gibt es eine Fülle von Fachliteratur PILZE Die Pilze stehen zwischen den Pflanzen und Tieren. Sie bilden mit über 10.000 Arten eine große und lebenswichtige Gruppe in unserer Umwelt. Sie unterscheiden sich von den grünen Pflanzen grundsätzlich durch das Fehlen des Chlorophylls oder Blattgrüns. Pilze leben zum Teil parasitisch und haben dabei eine enorme Bedeutung für das ganze Pflanzenleben. Sie sind zusammen mit Bakterien und Kleinlebewesen in der Lage, organische Substanz, wie Totholz, Blätter, Nadeln, abgestorbene Pflanzen, Früchte, Tierleichen, in einfache organische Verbindungen umzubauen, sodaß sie von den Pflanzen wieder aufgenommen werden können. Sie allein sind in der Lage, das Lignin des Holzes abzubauen. Andere Arten leben in Symbiose mit den Pflanzen, vor allem im Bereich des Feinwurzelsystems. Sie sind für viele Holzarten lebenswichtig. Heute werden z. B. auf Fichte oder Zirbe spezialisierte Pilze gezüchtet und damit zur Aufforstung vorgesehene, früher landwirtschaftlich genutzte Böden geimpft. Was wir von den Pilzen sehen, sind die meist kurzlebigen Fruchtkörper, die der Fortpflanzung dienen. Sie vermehren sich hauptsächlich ungeschlechtlich durch Sporen, aber auch geschlechtlich durch Kopulation von Geschlechtszellen. Im Boden lebt ganzjährig das Myzelium, ein fadenartiges Fasergeflecht. Dieses Geflecht ist bei vielen Arten sehr langlebig. Allgemein werden die Pilze in drei Gruppen eingeteilt, und zwar Algenpilze, Schlauchpilze und Ständerpilze. Für den Hausgebrauch unterscheiden wir Speisepilze, Giftpilze und typische holzzerstörende Pilze. Speisepilze und Giftpilze sind mehr oder weniger bekannt. Ich bin kein Fachmann, aber als Speisepilz kenne ich zum Beispiel den Eierschwamm, Parasol, Steinpilz, Birkenpilz, Schafchampignon, Reizker, 10 Schopftintling, Morchel und Bärentatze. Als Giftpilze den Fliegenpilz, Knollenblätterpilz und Pantherpilz. Jeden Herbst freue ich mich auch an den seltenen, sehr schönen Erdsternen. Zu den auffälligsten Holzpilzen gehören die Fruchtkörper der Porlinge, die meist schöne Konsolen produzieren. Am bekanntesten ist der echte Zunderschwamm, der hauptsächlich als Parasit auf der Buche lebt. Andere Arten sind ebenfalls spezialisiert und leben auf der Birke, Eiche, Weide oder Fichte. Andere sind weniger heikel und leben auf verschiedenen Laubholzarten oder ganz allgemein auf Totholz und erzeugen dort die Weißfäule. Der Hallimasch ist für die Rotfäule (Stockröte) der Fichte verantwortlich. Nach Auskunft der Biologen gibt es bei den Pilzen noch weiße Flecken, also noch Arbeit für Forscher. Als Abschluß der Pflanzenwelt noch ein paar Hinweise auf die Waldtypen am Rickenbach. Vom Grundgestein der granitischen Molasse her sind die Verwitterungsböden kalkarm und silikatreich und werden als Typ nach der österreichischen Bodenkarte als silikatische Felsbraunerden angesprochen. Sie reagieren sauer bis stark sauer. Der relativ hohe Fichtenanteil im Einzugsgebiet ist daher natürlich und nur fallweise künstlich eingebracht. Es handelt sich um Schluchtwälder, die aufgrund der Einzelstammnutzung und der schwierigen Bringungsverhältnisse noch eine weitgehend natürliche Zusammensetzung aufweisen. Das wird auch durch die Artenvielfalt dokumentiert. Das Waldbild zeigt rechtsufrig auf der Sonnseite und linksufrig auf der Schattseite unterschiedliche Typen. Auf der Sonnseite handelt es sich weitgehend um eibenreiche Buchenwälder (Taxo-Fagetum). Als Mischhölzer kommen alle Laubholzarten und in geringerem Maße die Nadelholzarten vor. Dabei ist auch der Anteil der Strauch- und Krautschicht wesentlich höher als auf der Schattseite. Auf den sonnseitigen oberen Felsrändern sind die Lichtholzarten Eiche, Edelkastanie, Linde, Birke und Wildkirsche stärker vertreten. Die Schattseite ist vom Buchen-Tannenwald (Abiete-Fagetum) mit einem fallweise bis zu 50% igen Weißtannenanteil geprägt. Hier sind als eingesprengte Holzarten nur noch die halbschatten- und schattentragenden Laubholzarten vertreten. Die Busch- und Krautschicht ist bei weitem nicht mehr so artenreich. Mit zunehmender Höhe geht auch der Laubmischwald immer mehr in den Nadelwald über, der die Oberläufe prägt und wesentlich artenärmer ist. DAS WALDSTERBEN Wer mit offenen Augen am Bildsteiner Berg oder sonst irgendwo wandert, dem müssen die Schadbilder der kranken Weißtannen, Fichten, Buchen und Eschen auffallen. Für alle, die das nicht wahrhaben wollen, darf ich auf die Waldzustandserhebung in Vorarlberg aus 1984, aufgrund der Infrarot-Luftbildauswertung hinweisen. Diese Karte zeigt im Einzugsgebiet des Rickenbaches fast durchwegs die Stufe 4 — krank! 11 Lediglich kleinere Waldflächen zwischen Baumgarten und Grub sowie Dellen und Gitzen sind als Stufe 3 — kränkelnd — ausgewiesen. Die Stufen 1 und 2 — sehr gut und gesund — scheinen nirgends auf. Das Waldsterben spielt sich auf zwei Ebenen ab. Vor allem im Buchen-Tannenwald ist im Altholz noch ein hoher Weißtannenanteil vorhanden. Der Weißtanne fällt als Tiefwurzler eine wichtige Stabilisierungsfunktion auf den rutschsüchtigen Molasseböden zu. Weißtannen-Jung wuchs bis ins Dickungsalter wird man aber vergeblich suchen. Die millionenfach vorhandenen Weißtannensämlinge wurden seit 25 bis 30 Jahren, neben Buche, Ahorn und vor allem den seltener eingesprengten Laubholzarten , durch überhöhte Rehwildbestände weggefressen. Dadurch ist eine ganze Waldgeneration ausgefallen. Daß die Weißtanne aufkommen würde, habe ich durch 20-jähriges Streichen mit Verbißmitteln in Ankenreute und Oberbildstein praktisch nachgewiesen. Der Einsatz der Chemie führt zwar zu gravierenden Zuwachsverlusten bis zu 50 %, aber besser 50 % als nichts. Die zweite Ebene des Waldsterbens basiert auf der Luftverschmutzung und in der Folge dem Sauren Regen. Schwefeldioxyd und Stickoxyde sind als Hauptverursacher heute unbestritten. Die Schwefeldioxyd-Werte aus Industrie und Hausbrand konnten durch den Einsatz schwefelarmer Heizöle und dem Einsatz von Erdgas stark reduziert werden. Die Stickoxyde, zu einem hohen Prozentsatz aus den Autoabgasen stammend, sind steigend und werden durch den Einsatz von Katalysatoren nach Ansicht der Fachleute in den nächsten Jahren zunächst bestenfalls stabilisiert werden. Durch Oxydation entstehen bei warmem Wetter, vor allem aus Stickoxyden, neue Schadstoffe, wie z. B. Ozon. Gase und Saurer Regen schädigen einerseits Blätter und Nadeln. Im Boden führen sie zu einer Übersäuerung, zur Schädigung des komplizierten Bodenlebens und zu einer Herauslösung der Schwermetalle aus dem Ton-Humus-Komplex des Bodens. Die freigesetzten Schwermetalle sind giftig — «Die Bombe tickt also im Boden». Wenn die ersten optischen Schäden am Baum zu sehen sind, ist das Feinwurzelsystem bereits schwer geschädigt oder weitgehend zerstört. Das schleichende Waldsterben ist durch Stammanalysen genau nachweisbar. Die Jahresringe und damit die Zuwächse am Holz sind in den letzten 20 bis 30 Jahren gravierend zurückgegangen. Der Wald ist heute keine Sparkasse mehr. Das Waldsterben wird in einem Gebirgsland zur Überlebensfrage. Das wird auf weite Strecken verdrängt, da von jedem Einzelnen und von der Gemeinschaft einschneidende Konsequenzen gefordert werden müßten. Allen, die sich für die Lebensgemeinschaft Wald interessieren, möchte ich das allgemein verständliche, reich bebilderte Buch «Rettet den Wald» anraten. Es ist vom bekannten deutschen Journalisten Horst Stern und weitern fünf deutschen Fachleuten verfaßt worden (Verlag Kindler) 12 TIERWELT Die Tierwelt gehört genauso zu unserem Lebensraum wie die Pflanzenwelt. Auch hier gibt es Allroundler und Spezialisten sowie geschlossene Kreisläufe z. B. in der Nahrungskette. Es gibt ausgesprochene Waldbewohner, ausgesprochene Riedbewohner und Pendler. Es gibt Pflanzenfresser, Allesfresser und Fleischfresser, jagdbare Tiere und geschützte Tiere, Wirbeltiere, Vögel, Amphibien, Insekten und Kleinlebewesen, ganzjährig hier lebende Tiere, Wechselwild, Höhlenbewohner, Winterschläfer, Nachttiere, Zugvögel, Singvögel, Raubvögel u.a. WIRBELTIERE Dazu gehören die allgemein bekannten Tierarten, die zum großen Teil auch bejagt werden. Ich habe im Laufe der Zeit alle im Rickenbach lebenden zu Gesicht bekommen und will sie ohne Systematik aufzählen: Reh, Fuchs, Dachs, Hase, Marder, Wiesel, Iltis, Eichhörnchen, Siebenschläfer, verschiedene Mäuse, Garns und Hirsch als seltenes Wechselwild und die Bisamratte als Einwanderer. VÖGEL Hier gibt es schon viel mehr Arten. Auch für sie treffen die allgemeinen Aussagen zu, die aber wesentlich erweitert werden müssen. Es gibt ganzjährig hier lebende Vögel, Zugvögel, die nur durchziehen und hier rasten, Zugvögel die hier brüten, Vögel die im Buchenwald, im Mischwald oder im Nadelwald leben, Höhlenbrüter und Bodenbrüter, Wasservögel, Kulturflüchter und Kulturfolger, Singvögel, Raubvögel u. a. Ohne Anspruch auf Vollzähligkeit darf ich einige Arten nennen, die ganzjährig im Tobel leben: Mäusebussard, Habicht, Sperber, Turmfalke, Waldkauz, Waldohreule, Grünspecht, Buntspecht, Kleinspechte, Elster, Eichelhäher, Tannenhäher (hauptsächlich im Oberlauf), Rabenkrähe, Kolkrabe, Amsel, Wasseramsel, Zaunkönig, Kohlmeise, Tannenmeise, Blaumeise, Haubenmeise, Kleiber, Wacholderdrossel, Misteldrossel, Grasmücke, Buchfink, Baumläufer. Als unerwartete seltene Tagesgäste sind mir in der Schlucht auch Wildenten, Fischreiher, Bleßhühner (Taucherle) und im Winter Kreuzschnäbel begegnet. Als Zugvögel und Brutvögel kommen vor: Wespenbussard, Roter Milan, Schwarzer Milan, Ringeltaube (Wildtaube), Waldschnepfe, Waldwasserläufer, Gelbe Bachstelze, Kuckuck, Star, Ringdrossel, Nachtigall. Als Kulturfolger leben im Siedlungsgebiet Star, Gimpel, Amsel, Spiegelmeise, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz, Rotkelchen, Haussperling, Mauersegler, Mehlschwalbe, Rauchschwalbe, Bachstelze, Grünfink. Am Unterlauf, einschließlich des Kiesfangers mit seiner reichen Vogel weit, kann man im Frühjahr und Herbst am Durchziehen sehen: Graureiher, Seidenreiher, Purpurreiher, verschiedene Entenarten, Fischadler, Störche, Eisvogel, Wiedehopf, Blaukehlchen und Schnepfen. 13 Als Zugvögel und Brutvögel: Stockenten, Bleßhühner, Sumpfrohrsänger, Wanderfalke, Pirol, Bachstelze, Distelfink u. a. Der Fasan ist ein eingesetzter Vogel. Darüberhinaus gibt es noch viele kleinere und größere, graue, braune, gesprenkelte und bunte Vögel, die ich nicht einordnen kann. Wer mehr über die heimische Vogel weit erfahren will, kann sich gerne an Penz Reinhold, Lauterach, wenden. Er kennt die Arten nicht nur nach Flugbild, Federkleid, Brutgewohnheiten, Lebensraum und Nahrungsbedarf, sondern auch an der Stimme. Als leicht lesbares und reich bebildertes Buch kann ich «Rettet die Vögel» angeben. Es ist ebenfalls vom deutschen Journalisten Horst Stern und weiteren vier Fachleuten verfaßt (Herbig Verlag). Nicht vergessen möchte ich die Fledermäuse, die zwar nicht zu den Vögeln oder Mäusen zählen, die aber hervorragende Flieger sind. Ihre Gattung ist eine eigenwillige Erscheinung im Naturhaushalt. Sie haben ein phantastisches Orientierungssystem, mit dem sie allen Hindernissen ausweichen können und mit dem sie ihre Insektennahrung im Fluge finden. Sie sind leider selten geworden, aber für aufmerksame Beobachter fliegen sie jetzt nach dem Winterschlaf wieder. AMPHIBIEN UND REPTILIEN Es handelt sich um wechselwarme Wirbeltiere. Am Rickenbach beobachtet habe ich die Erdkröte, verschiedene braune und grüne Froscharten, den Laubfrosch, verschiedene Eidechsenarten, die Blindschleiche, Ringelnatter und die Schlingnatter. Kreuzottern hat es vor 60 Jahren noch am Rutzenberg gegeben. WASSERGÜTE UND FISCHE Über die Wassergüte im Rickenbach kann Erfreuliches berichtet werden. Die Vorarlberger Umweltschutzanstalt hat am 2. 3. 1989 bei der alten Bildsteiner Brücke, Wasserproben entnommen und biologisch und chemisch untersucht. Aus dem Befund geht hervor, daß eine Vielfalt von Gewässerorganismen vorhanden ist. Es handelt sich durchwegs um Kleinlebewesen. Der Bachflohkrebs tritt massenhaft auf. Die große Gruppe der Köcherfliegen ist mit Larven verschiedener Art vertreten. Eintagsfliegen und Steinfliegenlarven, darunter zwei ausgesprochene Reinwasserformen, sind reichlich vorhanden. Dazu kommen noch verschiedene Zuckmücken und Kriebelmücken und vereinzelt auftretende Egelarten. Die chemische Wasseranalyse zeigt eine ausgezeichnete Sauerstoffversorgung des Wassers und nur eine geringe Nährstoffbelastung durch Stickstoff- und Phosphorverbindungen. Daraus resultiert eine Einstufung des Rickenbaches in die Güteklasse I bis II. Es handelt sich somit um ein gering bis mäßig belastetes Fließgewässer. Die Kleinlebewesen bilden in ihrer Gesamtheit eine sehr gute Nahrungsgrundlage für Fische. In den Gumpen im Tobel leben gesunde Bachforellen, die sich natürlich vermehren. Das Fischwasser ist verpachtet. 14 SCHNECKEN Sie gehören zu den wirbellosen Weichtieren. Im Tobel und auf den Dämmen des Unterlaufes kommen viele nackte und behauste Arten in unterschiedlichen Größen vor. Sie haben sicher auch ihre Bedeutung im Naturhaushalt und in der Nahrungskette. Ihre Bestimmung muß ich den Fachleuten überlassen. Wer einen Garten hat, kennt die Nacktschnecken genau. Feinschmecker halten es lieber mit den Weinbergschnecken. INSEKTEN Das vieltausendfältige Heer der Eintagsfliegen, Libellen, Uferfliegen, Schaben, Schrecken, Grillen, Läuse, Wanzen, Zikaden, Blattläuse, Schildläuse, Schlammfliegen, Käfer, Hartflügler, Köcherfliegen, Schmetterlinge, Schnabelfliegen und Zweiflügler ist nur für Fachleute voll überschaubar. Der Laie kennt in jeder Gruppe mehr oder weniger Arten. Landläufig werden die Insekten, ohne Rücksicht auf ihren Stellenwert in der großen Lebensgemeinschaft, als Schädlinge und in seltenen Fällen sogar als Nützlinge eingestuft. Näher eingehen möchte ich nur auf die wichtigsten Forstschädlinge. Sie kommen überall als sogenannter «Eiserner Bestand» vor und richten dabei keine größeren Schäden an. Zu schweren Schäden kommt es erst bei Massenvermehrungen. Dafür müssen aber gewisse Voraussetzungen Vorhandensein, wie z. B. großflächige Monokulturen oder größere Mengen geschädigtes oder geschwächtes Holz, wie z. B. nach großen Wind würfen, Schneebrüchen, oder durch das Waldsterben. Die Schädlinge sind fast durchwegs auf gewisse Holzarten spezialisiert. In einem gesunden Mischwald ist daher die Käfergefahr am geringsten. Blatt- und Nadelfraß, der sich bei Massenvermehrungen bis zum Kahlfraß großer Waldgebiete entwickeln kann, erfolgt hauptsächlich durch die Raupen der verschiedenen Nachtfalter, wie Schwärmer, Spinner, Spanner, Zünsler, Wickler und Motten. Es ist eine faszinierende, vielgestaltige und bunte Gesellschaft. Dabei sind viele Falter und Raupen zum Teil so gut an die Umwelt angepaßt, daß sie nur schwer zu finden sind. Die Nützlinge, vorwiegend Blattwespen und Schlupfwespen, legen ihre Eier in die Raupen der Schädlinge. Ihre Larven fressen die Wirtstiere auf und wirken dadurch als Regulator. Nach Massenvermehrungen der Schädlinge kommt es auch zu Massenvermehrungen der Nützlinge, die im Zusammenwirken mit Krankheiten die großen Populationen zum Zusammenbruch führen. Zu den größeren Schädlingen gehören die Bockkäfer, bis zu 5 cm Größe, die durch ihre übergroßen, zurückgebogenen Fühler auffallen und die etwas kleineren Rüsselkäfer, bis zu 2 cm Größe, die eine typische rüsselartige Kopfform haben. Bockkäfer sind Holzschädlinge am lebenden oder eingebauten Holz und leben auch zum Teil auf 15 faulem Holz. Ihre Larven fressen auffällige Bohrgänge, die beim Aufsägen oder Spalten des Holzes sichtbar werden. Rüsselkäfer sind im allgemeinen Rindenbrüter, die als Larven zwischen Rinde und Splint fressen und artspezifische Fraßbilder hinterlassen. Sichtbar sind bei beiden Arten meist nur die Ausflugslöcher der Käfer und fallweise das Bohrmehl auf der Rinde. Zu den Winzlingen zählen die Borkenkäfer, Bastkäfer und Splintkäfer. Sie sind nur wenige Millimeter groß. Ihre Larven leben zwischen Rinde und Holz. Die Käfer fressen Gänge aus und legen ihre Eier links und rechts ab. Die Larven fressen dann etwa im rechten Winkel weiter. Sie leben überwiegend auf geschädigtem Nadelholz und Laubholz und haben ihre charakteristischen Fraßbilder, wie z. B. der Waldgärtner auf der Kiefer, der Buchdrucker auf der Fichte, der Kupferstecher in der dünnen Rinde der Fichtenäste. Auffallend ist das Fraßbild des krummzähnigen Tannenborkenkäfers, der einen doppelten, nahe beieinander liegenden Längsgang ausfrißt. Die Borkenkäfer schwärmen je nach Witterung schon im März-April und bringen ebenfalls je nach Witterung zwei bis vier Generationen in einem Sommer hervor. Zur Bekämpfung muß das Holz rechtzeitig entrindet und die Rinde verbrannt werden. Teilweise wird heute das in Rinde liegende Holz mit Gift besprüht. Dabei werden die ausfliegenden Käfer vergiftet. Wenn das Holz in Rinde länger im Wald bleibt, kommt es zum Befall durch Holzbrüter. Der bekannteste ist der Nadelnutzholzbohrer. Sein Fraßgang führt senkrecht ins Holz. Die seitlichen Gänge sind sehr kurz und sind durch Pilze schwarz gefärbt. Auffällig, aber nur gering schädlich, sind die verschiedenen Gallen, die durch Gallenlenläuse an Fichtenästen und auf Ulmenblättern oder durch Gallwespen z.B. auf Rosen und Eichenblättern, oder durch die Buchengallmücke auf Buchenblättern entstehen. Als größten mitteleuropäischen Käfer (kein Forstschädling) möchte ich noch den Hirschkäfer erwähnen. Die Larve lebt im Moderholz der Eiche. Der Käfer schlüpft erst im sechsten Jahr aus. Er ist schon sehr selten. Den letzten habe ich am Rickenbach vor ca. 20 Jahren gesehen. Die Einordnung der Falter und Raupen, der Käfer und Larven, der Schadbilder und Fraßbilder, der Lebensansprüche und Lebensgewohnheiten erfordert ein umfangreiches Fachwissen. KLEINLEBEWESEN Die unübersehbare Zahl der Bodenlebewesen ist erst in Ansätzen bekannt. Über ihr Zusammenwirken besteht nur ein grobes Bild. Um sich eine Vorstellung zu machen, kann man sie in größere, kleine und kleinste Lebewesen einteilen. Zu den größeren Lebewesen, die man mit dem freien Auge erkennen kann, gehören die grabenden Wirbeltiere, wie Mäuse und Maulwurf, der Regenwurm und viele Insekten. Sie zerkleinern und vermischen die Bodenstreu. Auf einem Hektar Laubwald leben ca. 250.000 Regenwürmer. Ihr Gewicht übertrifft das Gewicht aller Säugetiere auf der Fläche um mehr als das Zehnfache. 16 Zu den Kleinlebewesen zählen kleine Würmer, Ringwürmer, kleine Insektenlarven und kleine Gliederfüßler, wie Milben und Springschwänze. Bei den Milben kennt man derzeit etwa 10.000 Arten und bei den Springschwänzen etwa 2.000 Arten. Diese Lebewesen sind zum Teil noch mit freiem Auge zu sehen. Ihr Gewicht beträgt noch einmal das lOOfache der Regenwürmer. Die Mikroweit ist nur unter dem Mikroskop zu sehen. Sie enthält sowohl pflanzliche Algen, Bakterien und Pilze als auch einzellige Urtierchen. Ihre Zahl geht in die Milliarden pro Quadratmeter Waldboden. Das ist eine kaum vorstellbare Größenordnung. Die Mikroweit scheint durch fressen und gefressen werden das Bindeglied zwischen dem toten Material und den kleinen Lebewesen zu sein. Diese unvorstellbare Masse der Kleinlebewesen ist imstande, die auf einem Hektar Laubwald jährlich anfallenden 41 Streu so gut wie restlos abzubauen und den Pflanzen wieder zugänglich zu machen. In den letzten Jahren muß man leider beobachten, daß der Abbau wegen der Schädigung des Bodenlebens nicht mehr voll funktioniert. Interessante Bakterien sind die Knöllchenbakterien. Sie sind in der Lage, den Luftstickstoff, der den Pflanzen nicht zugänglich ist, aufzunehmen und weiterzugeben. Sie leben z. B. an den Feinwurzeln der Leguminosen, wie Bohnen, Erbsen oder Wicken, und sind als kleine weiße Knöllchen zu sehen. Sie leben auch an den Wurzeln der Erle, die dadurch befähigt wird, als Pionierholzart sterile Schotterböden und Rutschflächen zu besiedeln. So hat sich der Kreislauf des Pflanzenlebens und des Tierlebens jeweils vom Großen zum Kleinen geschlossen. Aufgrund der massiven Eingriffe in die Umwelt in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ist es zu gravierenden Veränderungen im Naturhaushalt gekommen. Immer mehr Arten, Pflanzen wie Tiere, sterben aus oder sind vom Aussterben bedroht, die Anzeichen einer katastrophalen Entwicklung mehren sich. Der Glaube, daß die Lebensräume von Tieren und Pflanzen, wie z. B. Wald, Hochmoore oder Streuewiesen, nur untergeordnete Bedeutung haben und daß die wirtschaftliche Entwicklung und der Lebensstandard — dokumentiert z. B. durch die Überbewertung des technisch Möglichen und des Autos — unbedingt den Vorrang haben, erweist sich immer mehr als Irrglaube. Die Ursachen und Auswirkungen sind bekannt. Die Konsequenzen werden nur sehr zögernd gezogen. WETTER UND KLIMA: Vorarlberg liegt im Randbereich des ozeanischen Klimaeinflusses und hat daher hohe Jahresniederschläge. Die höchsten Werte fallen im Vorsommer, Juni, Juli. Ca.1/3des Niederschlages fällt als Schnee. Wir haben im Verhältnis zum inneralpinen Klima, kühle Sommer und milde Winter. 17 In Bildstein-Dorf, in 650 m Seehöhe, wird seit 1894 eine Niederschlagsmeßstelle betrieben. Seit 1931 wird auch der Schnee getrennt gemessen. Komischerweise wurden nie Temperaturen gemessen. Es stehen daher lange Meßreihen zur Verfügung, die in den Jahrbüchern des hydrographischen Dienstes in Österreich aufgearbeitet sind. Daraus möchte ich einige Zahlenreihen anführen. Gesamtniederschlag, Regen und Schnee: Monatsmittel Jahresmittel Zeitraum zwischen zwischen 86 mm, I 240 mm, VI 1931—1960 104 mm, I 220 mm, VII 1901—1980 90 mm, 1 +III 213 mm, VII Extreme Tagesniederschläge: 1971-1980 93 mm 1961—1970 106 mm 1931-1960 122 mm 1901-1980 200 mm Ein-Tagesmaximum Zwei-Tagesmaximum Drei-Tagesmaximum Vier-Tagesmaximum Zehn-Tagesmaximum 93 mm 115 mm 144 mm 178 mm 227 mm 1971—1980 1314 mm, 1972 1946 mm, 1974 —.— —.— Im Jahre 1957 lief zwischen Kennelbach und Schwarzach innerhalb von 5 Wochen zweimal ein Schadenshochwasser ab. In Bildstein wurden dabei folgende Niederschlagswerte gemessen: 10. 7. 1957 106 mm 11.7.1957 51mm 157 mm 18. 8. 1957 18 mm 19. 8. 1957 67 mm 85 mm Das 2. Hochwasser hat mit nur ca. dem halben Niederschlag die gleichen Schäden angerichtet wie das 1. Hochwasser. Das ist auf den ersten Blick unverständlich. Aber durch die Erosion des 1. Hochwassers ist es im Tobel zu zahlreichen Gschliefen und damit zum Abrutschen von Holz gekommen. Es lag daher viel loses Gestein, Sand und Dreck im Gerinne, das leicht aktiviert werden konnte. Niederschlag als Schnee: Schneefalle Zeitraum zwischen 1971-1980 22. 9. 1979 29. 4. 1980 Summe der Neuschneehöhen 57 cm, 1971/72 384 cm, 1977/78 Schneedecke zwischen 28. 12. 1977 30. 3. 1978 Gesamtschneehöhe gesetzt 13 cm, 22.11.71 102 cm, 27. 2.73 Mittlerer Jahresdurch schnitt 1640 mm 1557 mm 1585 mm Neuschneetage 14, 1971/72 57, 1977/78 Größter Neuschneezuwachs 8 cm, 21.11.71 50 cm, 11.12.76 7.6.1971 10. 6. 1965 29.5.1940 14.6.1910 7. 6. 1971 6. 6. und 7. 6. 1971 5.6. und 6. 6. und 7.6. 1971 um den 22. 8. 1975 um den 19. 7. 1976 Zeitraum 1971-1980 Starkniederschlagsmengen 1971—1980: Auch bei den Neuschneehöhen werden sich über längere Zeiträume die Mittelwerte angleichen, wie beim Gesamtniederschlag. Temperaturen: In Bildstein wurden keine Temperaturen gemessen. Die nächste annähernd vergleichbare Station ist in Ebnit, in 1100 m Seehöhe. Das paßt in etwa für das Einzugsgebiet in Oberbildstein. Zeitraum 1971-1980 Tagesmittel min. max. -15, 6°, 5. 3. +24, 0°, 17. 9. 14. 6. -24, 0°, 10. 2. +26, 5°, 16. 7. -24, 0°, 10. 2. +26, 5°, 14. 6. 1971 1975 1980 1956 1935 1956 1973 Monatsmittel min. max. - 3, 0°, I 1979 + 16, 3°, VIII 1973 - 1, 9°, + 14, 9°, - 1, 4°, + 13, 9°, I VII I VII, VIII Jahresmittel 6, 7° Die Tages werte, Monats werte und Jahres werte differieren stark, aber die langjährigen mittleren Jahresdurchschnitte, z. B. von 1931—1960 und 1901—1980, nur um 2, 8 cm. Von den extremen Tagesniederschlägen hat lediglich der vom Jahre 1910 ein Hochwasser ausgelöst. Damals waren ganz Vorarlberg, Graubünden, St. Gallen und weite Teile des Allgäus betroffen. Ursache war eine späte Schneeschmelze im Gebirge und eine Regenperiode von 3 Tagen, mit dem Exzeß vom 14. 6. 1910. Für die Auslösung einer Katastrophe müssen daher meist mehrere negative Faktoren zusammentreffen. Eine große Rolle spielen dabei die Wasseraufnahmefähigkeit oder Wassersättigung des Bodens, das Bewaldungsprozent, die Regenintensität, z. B. Starkregen über Stunden oder Landregen über Tage, die Überlagerung der Schneeschmelze durch Regenfälle, Regen bei gefrorenem Boden, geologische Gegebenheiten, die Gefällsverhältnisse u.a. 18 1931-1960 1901-1980 6, 5° 6, 3° 19 Ich möchte noch einige Beobachtungen anfügen, die das örtliche Kleinklima betreffen. Bekanntlich gibt es Unterschiede zwischen 1 Grad und 3 Grad, zwischen Freilandklima und Waldinnenklima. Im Wald ist es im Sommer kühler und im Winter wärmer. Die im Tobel abfließende kältere Luft verstärkt diesen Effekt. Im Sommer spürt man die angenehme Kühle deutlich. Im Winter erlebt man alle paar Jahre die Wirkungen dieser Überlagerungen. Im Gegensatz zu den umliegenden Wäldern kommt es im Tobel, z. B. bei gefrorenem Holz und Regen oder bei abnehmender Temperatur und Übergang von Regen in Schnee, immer wieder zu Eisanhang, der zu Wipfelbrüchen und zur Entwurzelung von Bäumen und ganzen Baumgruppen führt. So gesehen z.B. im Winter 1985/86 und 1988/89. Nach klaren Nächten kann man öfters örtliche Reifbildung, etwa zwischen Spettenlehergasse und Schlatt beobachten. Vor den Überbauungen im Kessel und im Bahnhof-Postbereich konnte man vom Rutzenberg aus die Grenze dieser Reifbildung gut als unregelmäßigen Halbkreis am Schwemmkegel des Rickenbaches, vom Brühl über die Bahnlinie bis zur Schwarzach beobachten. Diese Erscheinung beruht auf der Überlagerung der Abstrahlung durch ruhig abfließende Kaltluft aus dem Tobel, die gemeinsam zum Strahlungsfrost führen. An der Ach hat die aus dem großen Einzugsgebiet turbulent abfließende Kaltluft, bis zu einer Grenztemperatur genau den gegenteiligen Effekt. HOCHWASSEREREIGNISSE Aufgrund der geologischen Verhältnisse war der Rickenbach in der Siedlungsgeschichte immer ein gefährlicher Wildbach. Die Siedlungsdichte im Gefahrdungsbereich wird aus der Tatsache verständlich, daß Wasser für verschiedene Zwecke bis in die neuere Zeit, neben Holz, die einzige Energiequelle war. Schwere Hochwässer sind aus den folgenden Jahren überliefert: 1674 (zweimal), 1701, 1702, 1752, 1780, 1901, 1910, 1913, 1924, 1934, und 1957 (zweimal). Das folgenschwerste Hochwasser war 1702. Ein Felssturz hatte den Bach im Tobel aufgestaut, der dann mit verheerender Wucht durchgebrochen ist. Die meisten Ausbrüche erfolgten bei der Bildsteiner Brücke, dann bei der heutigen Landesstraßenbrücke, bei der Einmündung in die Minderach und im Ried. Immer wieder ist die Rede von weggerissenen, beschädigten und eingemurten Häusern und Ställen, von zerstörten Straßen und Brücken, von übermurten und verschlammten Feldern im Siedlungsbereich und auf den Feldern im Kessel, Brühl und im Ried, bis ins Birka. Schuldirektor Siegfried Heim hat in der Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach 1986» und in «Heimat Wolfurt — Heft 2» über die Hochwässer, die Steinbrüche, die alten Mühlen, die Gunz-Mühle, die Zuppinger-Mühle, die Firma Doppelmayr und viele andere Rickenbacher Angelegenheiten anschaulich berichtet. Das Büchlein kann allen Interessierten sehr empfohlen werden. 20 VERBAUUNGEN AM RICKENBACH Im Laufe der Jahrhunderte haben die Anrainer sicher nicht nur Hochwasserschäden aufgeräumt, sondern auch immer wieder örtliche Wuhrungen durchgeführt, um ihre Häuser und Gründe zu schützen. Die erste größere koordinierte Verbauung ist aus dem Jahre 1850 bekannt. Damals wurde der Rickenbach-Unterlauf begradigt und hat etwa die heutige Linienführung erhalten. Nach dem Hochwasser 1910 wurde 1911 und 1912 das Projekt der SchwarzachRickenbach-Regulierung genehmigt und für die Aufbringung des Interessentenbeitrages eine Wassergenossenschaft gegründet. An der Schwarzach kam das Projekt zur Ausführung. Die Verbauung des Rickenbaches wurde wegen des Ausbruches des Ersten Weltkrieges und später wegen Geldmangel zurückgestellt. 1925 verfaßte die Rheinbauleitung in Bregenz ein neues Projekt, das 1927 genehmigt wurde. Die Realisierung scheiterte wieder an der Aufbringung des Geldes. Nach dem Hochwasser vom 15. und 16. 7. 1934 konnte schon im Spätherbst 1934 ein weiteres Projekt vorgelegt und genehmigt werden. Die Arbeiten wurden durch die Wasserbauverwaltung noch im Spätherbst aufgenommen und 1936 fertiggestellt. Es ist die heute noch intakte Verbauung zwischen der Bildsteiner Brücke und der Einmündung in die Schwarzach. Diese Verbauung ist vor allem im Siedlungsbereich hart ausgefallen. Wenn man aber den Häuseraltbestand berücksichtigt, gab es schon damals für die Wasserbauer keine Alternative. Im Tätigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung wurden zwischen Doppelmayr und der Gunz-Mühle von 1850 bis heute nur örtliche Maßnahmen durch die Anrainer gesetzt. Bei den Hochwässern vom 11. 7.1957 und 19. 8.1957 wurde die Unterlaufregulierung jeweils weitgehend aufgeschottert, die Bildsteiner Brücke kurzfristig, die Landesstraßenbrücke über Stunden verklaust und der Verkehr unterbrochen. 20 ha Wiesen und Äcker waren zum Teil vermurt, zum Teil verschlammt und zahlreiche Keller unter Wasser gesetzt. Feuerwehr und Bundesheer wurden eingesetzt. Im Kühlhaus Alge waren mehrere 1001 Lebensmittel gefährdet. 195 8 hat die Wildbach- und Lawinenverbauung das Verbauungsprojekt zur Überprüfung und Genehmigung vorgelegt. Das Gesamterfordernis betrug S 1, 950.000, —. Davon bezahlte der Bund 55 %, das Land Vorarlberg 20 %, die Landesstraßenverwaltung 10 %, die Gemeinde Wolfurt 15 %. In den Jahren 1958 bis 1960 wurden zwischen der Gunz-Mühle und dem Fußweg Erscheinungskapelle-Dellen acht gemauerte Geschiebestausperren, ein Leitwerk in Drahtschotterbauweise, vier gemauerte Leitwerke und zwei Leitwerke in Trockenmauerung erstellt. Für die Sperren 1 bis 3 und alle Leitwerke konnte der nach dem Ersten Weltkrieg erbaute und beim Hochwasser 1957 teilweise zerstörte Schlittweg am rechten Ufer, zwischen hm 15, 20 und hm 19, 30 wieder hergestellt werden. Die Sperrenhöhe war in diesem Bereich durch die Druckrohrleitung zur Mühle Gunz vorgegeben. Alle Materialtransporte erfolgten mit Pferd und Zweiräderkarren bachaufwärts. Die Erschließung der Sperre 4 in hm 21, 33 erfolgte mit einer Seilbahn von der 21 6. Station an der Bildsteinerstraße aus. Zur Sperre 5 in hm 22, 80 wurde ein Schlittweg ab der 6. Station erstellt und das Baumaterial mit Pferd und Schlitten bergab transportiert. Die Sperre 6, in hm 25, 71, wurde unterhalb der Häuser von Staudach, von der Straße Mäschen-Staudach aus, mit einer Seilbahn erschlossen. Für die Sperre 7 in hm 27, 60 wurde der alte Weg Staudach-Dellen auf 120 m LKW-befahrbar gemacht und eine Seilbahn gebaut. Zur Sperre 8 in hm 34, 09 konnte der Fußweg Kirche, Erscheinungskapelle, Dellen auf 530 m Unimog-befahrbar gemacht werden. Die große Felsplatte im Tobel wurde mit einer Seilbahn überbrückt. Zur Betreuung der Arbeiterpartien mußten Küche und Unterkunftsbaracken viermal umgestellt werden. Es war in Summe eine komplizierte Baustellenerschließung und Baustelleneinrichtung, die durch die Unzugänglichkeit des Tobeis erzwungen wurde. Jeder Wildbach hat sein eigenes Gesicht, das in Jahrtausenden aus den Vorgaben der Natur entstanden ist. Die Verbauungsmöglichkeiten müssen den örtlichen Gegebenheiten angepaßt werden. In einem engen, zum Teil felsigen Tobel ohne größere natürliche Stauräume sind diese Möglichkeiten sehr beschränkt. Es ging darum, weggerissene Ufer durch Leitwerke gegen weitere Erosion zu sichern und an günstigen Stellen durch Sperrenbauten künstliche Stauräume zu schaffen. Die Sperren stehen durchwegs linksufrig und in der Sohle im Fels. Sie sind zum Teil schon verlandet, aber auf den flachen Verlandungsräumen wird weiterhin Grobgeschiebe aussortiert und zurückgehalten und durch den Wasserabfall an den Sperren Energie vernichtet. Durch diese Wildbachverbauungen wird der Geschiebetrieb reduziert und damit die Anzahl der Schadensereignisse vermindert. Im Katastrophenfall muß aber weiterhin zumindest mit Überflutungen gerechnet werden. FORSTLICHE NUTZUNG IM TOBEL Blockholz konnte durch Jahrhunderte, bis zur Erfindung des händisch betriebenen Wellenbockes, nur auf den wenigen Parzellen genutzt werden, die für Schlitten oder Pferde zugänglich waren. Aus dem Tobel konnten nur Brennholz und Buschein geholt werden und das auch nur dort, wo die Anlage von Fußwegen möglich war. Es wurden die schönsten Buchen und Tannen auf 2 m-Spälten aufgearbeitet und «am Buckel» heraufgetragen. Über lange Zeiträume wurde Tannenholz auch zu Rebstecken aufgespalten. Damit konnte der Bedarf in den eigenen Weingärten gedeckt werden. Es wurden aber auch größere Mengen vor allem in die Schweiz verkauft. Der Frächter Eugen Gunz hat als Bub mit seinem Vater und seinen Brüdern noch bis zum Zweiten Weltkrieg Rebstecken aus dem Tobel nach Staudach getragen. Den letzten Holzträger habe ich noch 1946, nach meiner Heimkehr aus der Gefangenschaft, kennengelernt. Es war ein Südtiroler, der auf dem Fußweg Ankenreute-Mäschen gegen Tabak und Schnapswährung Buchenspälten auf Klimmer's Bühel getragen hat. Flösserei war wegen der Enge des Tobeis, wegen der zu geringen Wassermenge und wegen der Grobsteinigkeit der Flachstrecken praktisch nicht möglich. In der GunzChronik sind zwei Versuche vor der Jahrhundertwende beschrieben. Einmal wurden 22 in zwei bis drei Tagen etwa 50 Block geflößt und geliefert und beim Bierkeller ausgezogen. Einige Jahre später wurden nocheinmal bei einem mittleren Hochwasser etwa 5 bis 6 m Brennholz herausgeflößt und an der gleichen Stelle ausgezogen. Die Triftstrecke dürfte dabei aber nicht mehr als 400 bis 500 m betragen haben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der bereits genannte Schlittweg auf 400 m verlängert und im Winter 1924/25 größere Mengen Nutzholz und Brennholz mit Pferd und Schlitten ans Land gebracht. Seither wird auf den erschlossenen kleinen Flächen Plenterwaldwirtschaft betrieben. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nocheinmal ca. 60 bis 70 Block mühsam über 100 bis 150 m durch den Bach bis zum Schlittweg geliefert und dann im Winter abgeführt. Mit dem Aufkommen der Seilwinden wurde die Holzbringung bergauf aktiviert. Aber es sind auch heute noch größere Waldgebiete nicht erreichbar. Nach wie vor dominiert die Einzelstammnutzung. Am ganzen Bidsteiner Berg wurden bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Birken gestümmelt und Besenreis gewonnen. Birkenbesen brachten als Winterarbeit einen bescheidenen Zusatzverdienst. Heute findet man die typischen Besenbirken nur noch selten. LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNG IM EINZUGSGEBIET Die flacheren Hänge und Rücken wurden seit der Rodung landwirtschaftlich genutzt. Es gibt praktisch nur Grünland mit Viehzucht und auf kleinen Flächen StreuObstbau. Die Nutzung des Adlerfarns in den Viehweiden als Streue ist stark zurückgegangen. Die Vollerwerbsbauern werden — wie überall — immer weniger. Die Nebenerwerbsbauern müssen vom Berg zur Arbeit auspendeln. In Summe ist das eine Entwicklung, die den Wald begünstigt, da die extensiv genutzten Viehweiden und die steileren, nicht mit Maschinen befahrbaren Bühel aufgeforstet werden oder von selbst zuwachsen. Die landwirtschaftlich genutzten Gründe am Schwemmkegel wurden zu einem guten Teil überbaut (Engerrütte, Brühl, Kessel, Bahnhof, Post). Die 50 ha große Grünfläche zwischen Bahnhof, Rickenbach und Schwarzach ist als Industriezone ausgewiesen und damit für Beton und Asphalt reserviert. Die verbliebenen Mähwiesen, Roßheuwiesen und Streuewiesen werden heute überdüngt (Klärschlamm-Orgien) und mit bis zu fünf Heuschnitten auch übernutzt. Von der früheren Blumenvielfalt sind fast nur noch Löwenzahn und Hahnenfuß übriggeblieben. STEINBRÜCHE IM TOBEL In den Vermögenssteuerbüchern der Gemeinde ist schon 1785 ein Steinmetz ausgewiesen. 1785 und 1797 ist u. a. ein Steinbruch in Rickenbach erwähnt. Abgebaut wurden in den zahlreichen Steinbrüchen in Schwarzach, Wolfurt und Bildstein stark gebankte Sandsteine der sogenannten Bausteinzone, die zu Stiegenstufen, Fenster23 stürzen, Grabsockeln, Schleifsteinen, Wetzsteinen, Backöfen, Pflastersteinen und Bausteinen etc. verarbeitet wurden. Das auffälligste Bauwerk aus diesen Steinen ist die Schwarzacher Kirche. Die Steine sind am Kopf wetterfest, verwittern aber in der Schichtfuge sehr schnell. Sie müssen daher in Mauern fachgerecht eingebaut werden. Im Rickenbach gab es noch im 19. Jhdt. rechtsufrig den Steinbruch an «Bohle'sBühel». Er ist heute eingewachsen und nicht mehr erkennbar. Etwa 80 m hinter der Gunz-Mühle ist rechtsufrig ein weiterer Steinbruch noch gut sichtbar. Linksufrig war der große Bächlinger Steinbruch. 40 m dahinter liegt die auffallende Kaverne, die zuerst als Steinbruch und dann 1874 bis 1890 als Bierkeller für die Adlerbrauerei genutzt wurde. Laut Gunz-Chronik wurden bis 1880 tausende zweispännige Fuhren Steine in die Schwarzacher Wetzsteinschleifen geliefert. Am 17.3.1935 ist der letzte Wolfurter Steinmetz, Josef Rünzler, gestorben. Sein Lehrbub, Anton Repolusk, baute im Sommer 1935 in Spetenlehen noch Steine für die Fa. Vetter in Dornbirn und für den Neubau des Backofens im Konsum Rickenbach ab. Dann hat der Beton endgültig seinen Siegeszug angetreten. WASSERKRAFTNUTZUNG AUS DEM TOBEL Die Wasserkraft wurde durch Jahrhunderte genutzt. Die Mühlen sind sicher so alt wie das Wasserrad. Am Rickenbach ist eine Mühle 1536, 1571, 1680, 1795 und 1797 erwähnt. 1680 und 1797 ist auch von einer Säge und 1795 von einem Lohrstampf die Rede. Er stand zwischen Doppelmayr und Gunz-Mühle. Der Standort der alten Hunds-Mühle war das heutige alte Doppelmayr-Haus. Zwischen Baumgarten und Grub stand früher die Baumgartner Mühle. Wegen der geringen Wasserführung im Oberlauf hatte sie einen Weiher, der das Wasser über Nacht aufstaute. Diese Mühle wurde zwischen 1870 und 1875 aufgelassen. Der Weiher ist im Gelände noch erkennbar. Unter Hinweis auf die Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach» möchte ich mich nur auf die Nutzung der Wasserkraft durch die Gunz-Mühle und die Firma Doppelmayr beschränken. Die Mühle wurde 1852 vom Mechaniker Josef Anton Dür im Bächlinger Steinbruch gebaut und 1853 von seinem Schwiegersohn Josef Gunz von Staudach übernommen. Zuerst wurde das Wasser knapp hinter der Mühle mit einem Holzwuhr gefaßt. Dieses Wuhr wurde beim Hochwasser 1957 weggerissen und hat wesentlich zur ersten Verklausung der Landesstraßenbrücke beigetragen. Einige Jahre nach der ersten Wasserfassung wurde der heute noch sichtbare Weiher linksufrig bei hm 17, 50 gebaut und das Wasser etwa 50 m weiter oben eingeleitet. Die Zuleitung zur Mühle erfolgte über 220 m mit Holzkähnern. Der Weiher war notwendig geworden, um die unregelmäßige Wasserführung aus der Baumgartner Mühle auszugleichen und eine Tagesreserve zu speichern. 1887 wurden Eisenrohre mit einem Durchmesser von 30 cm gekauft, die beim Bau des Arlberg-Tunnels als Wasserableitung gedient hatten. Daraus wurde 24 in mühevoller Handarbeit bis zum Weiher und von dort weiter bis zu hm 19, 00 eine Druckrohrleitung errichtet. Bei einer Länge von 350 m stand nun eine Fallhöhe von 20 m zur Verfügung. Das reichte aus, um 1890 die erste Turbine einzubauen. Gleichzeitig wurde auch die Mühle aufgestockt und ein Fahrstuhl eingebaut. 1896 kam ein Dynamo dazu, der das erste elektrische Licht lieferte. 1923 hatte die alte Turbine ausgedient und wurde ersetzt. 1931 wurde die Druckrohrleitung bis hm 22, 80 verlängert. Bei 730 m Länge kann nun eine Fallhöhe von 60 m abgearbeitet werden. Beim Hochwasser 1957 wurde die Rohrleitung an mehreren Stellen zerstört und in der Folge wieder instandgesetzt. Die Wasserfassung erfolgt seither bei der Wildbachsperre Nr. 5. Die Turbine wurde inzwischen zweimal überholt und betreibt heute das Kleinkraftwerk des Elmar Gunz. Nach dem Brand 1976 wurde die Mühle nicht mehr aufgebaut und der Betrieb zur Gänze nach Bludenz verlagert. 1848 bauten die Brüder Dür die alte Hundsmühle zu einer mechanischen Schmiede um. Um ihre zwei Wasserräder und später die Turbinen zu betreiben, wurde entweder schon 1848 oder 1852 beim Bau der neuen Mühle der Weiher gebaut. Er reichte bis knapp vor die Mühle und staute auch deren Unterwasser. 1892 kaufte Konrad Doppelmayr die Dür-Schmiede. Unserer Generation war der Weiher, in dem viele Rickenbacher schwimmen lernten, als Doppelmayr's Weiher bekannt. Im Winter wurden aus dem zugefrorenen Weiher mit Fuchsschwänzen Eisblöcke herausgesägt und in den Bierkeller der Adlerbrauerei hinter der Mühle transportiert (1874 bis 1890). Dann wurden die Eisblöcke in den inzwischen neu gebauten Bierkeller des Gasthauses Adler gebracht (1891 bis 1906). Später wurden die Eisblöcke in den Bierkeller nach Schwarzach und ins Schloßbräu nach Dornbirn verfrachtet. Ich kann mich noch gut an die Eisaktionen in den 30er-Jahren erinnern, die auch Zuppinger's Weiher mit eingeschlossen haben. 1913 wurde der hintere Teil des Weihers zugeschüttet und das Wohnhaus der Familie Gunz erbaut. Im Zweiten Weltkrieg wurde der Weiher 1941 aufgelassen und zugeschüttet. Nach einem Grundtausch sind dort heute Gunz's Garten und die Garagen situiert. NUTZWASSER UND BRAUCHWASSER AUS DEM TOBEL Durch Jahrhunderte wurde das Nutz- und Brauchwasser weitgehend aus dem Bach ausgeleitet. Später hat die Rickenbacher Brunnengenossenschaft die Quelle in Bächlingen gefaßt und drei Laufbrunnen, bei der Bildsteiner Brücke (existiert heute noch) beim Gasthaus Kreuz und beim Haus Dornbirnerstraße 3 (dieser wurde bis Ende der 50er-Jahre benutzt) betrieben. 1911 wurde im Rickenbach die linksufrige Quelle bei hm 18, 00 hinter dem alten Weiher gefaßt, ausgeleitet und mit der Bächlinger Leitung vereinigt. Jetzt war soviel Druck vorhanden, daß das Wasser in die Häuser eingeleitet werden konnte. 1953 wurde das Netz von der Gemeinde übernommen. 25 Das Gasthaus Mohren, heute Adeg-Bohle, hat das Brauchwasser zum Schnapsbrennen, Werkzeug waschen, Putzen usw. von altersher aus dem Rickenbach bezogen. Die Wasserfassung bei der Gunz-Mühle wurde beim Hochwasser 1957 zerstört und nicht mehr instandgesetzt. Für die Bierbrauerei im Adler (1874 bis 1906) wurde wahrscheinlich schon um 1874 eine Wasserleitung aus dem Tobel gebaut. Sie wurde beim Hochwasser 1957 ebenfalls teilweise weggerissen und durch den Adlerwirt Anton Geiger wieder hergerichtet. An den Laufbrunnen und Pumpbrunnen haben wir als Buben noch unseren Durst gelöscht. Sie sind heute fast überall verschwunden. Der moderne Mensch konnte lebendiges Wasser nicht sehen, das nutzlos in die Tröge plätscherte. WEINBAU AM SÜDHANG DES RICKENBACHES Der Weinbau spielte in Wolfurt durch Jahrhunderte eine große Rolle. Im 19. Jhdt. ging er zugunsten der Viehwirtschaft und des Obstbaues immer mehr zurück. Am Rutzenberg wurden die letzten Weingärten um 1880 aufgelassen. Einerseits hat die Reblaus um diese Zeit die Reben vernichtet, andererseits kam mit der Fertigstellung des Arlberg-Tunnels 1884 billiger Wein aus Südtirol. Mein Vater hat am Rutzenberg als junger Bursch um 1900 die Trockenmauern der Weinbergterrassen abgetragen und einen Teil des Weinberges aufgeforstet. Im heutigen Wald steht eine jahrhundertealte Trockenmauer, die zum Teil noch gut erhalten ist. Am Bühel sind die Übersteilungen der Weinbergterrassen heute noch gut zu sehen. Die damals gepflanzten Obstbäume gehen, genau wie der Wald, nacheinander am Sauren Regen durch Absterben der Wurzeln zugrunde. KIESABBAU IM TOBEL In der Molassezone sind keine brauchbaren Kies- oder Sandvorkommen vorhanden. Lediglich aus den Moränen im landwirtschaftlich genutzten Gebiet dürfte fallweise Kies oder Sand abgebaut worden sein. Die Parzellenbezeichnung Grub ist ein Hinweis auf einen derartigen Abbau. ZUM SCHLUSS EINIGE PERSÖNLICHE GEDANKEN UND ERINNERUNGEN Unter der engeren Heimat verstehe ich die kleine, überschaubare Welt, in die man hineingeboren wird, in der man seine Kindheit und Jugend erlebt, oder in der man als Erwachsener lebt und arbeitet. Ein Leben reicht bei weitem nicht aus, die unwahrscheinliche Vielfalt dieser kleinen Welt bis in alle Details zu erfahren und zu erforschen. Eine gute Kenntnis dieser überschaubaren Welt trägt aber sicher dazu bei, viele Erscheinungen der größeren Welt besser zu erkennen und zu verstehen. 26 Meine engere Heimat lag und liegt zwischen dem Bildsteiner Berg und dem Ried. Hier war und bin ich seit über 6 Jahrzehnten zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter unterwegs. Hier habe ich zahllose schöne und interessante Erfahrungen und Beobachtungen gemacht. Den ersten Naturkundeunterricht bekam ich bei meinem Vater Johann Georg Fischer. Er war in der kleinen Bauernschaft, im Ried und im Holz immer ein aufmerksamer und kritischer Beobachter, der viele Zusammenhänge im Naturgeschehen gekannt und weitergegeben hat. Manches verdanke ich auch meinem Großvater Ferdinand Gasser, Brunnenmacher und Bauer im Maschen. Auch er war mit der Natur vertraut und ein erfahrener Wassermann. Er hat Tüchel für Wasserleitungen und Brunnensäulen für Pumpbrunnen gebohrt. Dabei hat schon das Aussuchen der geeigneten Stangen viel Erfahrung mit Holz gefordert. Die Ventile für die Pumpbrunnen hat er aus Leder angefertigt. Als Bub habe ich oft beim Bohren geholfen und durfte beim Zurückziehen des Bohrers prüfen, ob das Mark des Stangenholzes noch mitten im Bohrkern lag. Wenn das Mark auswanderte, mußte mit Gefühl und Erfahrung der Hebel am langen Bohrer verstellt werden, bis die Richtung wieder stimmte. Für eine Rolle Kautabak oder ein Viertele hat er gerne mit der Wünschelrute Wasser geschmeckt. Aber nach Wasser gegraben hat er nur dort, wo er Hinweise in der Natur gefunden hat. Als Völksschüler haben wir dann im Rudel, zwei sind im Krieg geblieben, einer ist schon vor etlichen Jahren gestorben, Wald und Flur durchstreift, Wild angeschlichen, im Rickenbach von Hand Forellen gefischt, im Eulentobelgraben Krebse und im Flotzbach Miesmuscheln gesucht, in den Riedgräben Grobben und Elritzen gefangen, in den Lehmlöchern das vielfältige Pflanzen- und Tierleben beobachtet, abends dem Froschkonzert zugehört, und die Blumen, Schmetterlinge, Heuhopper und die vielen anderen Insekten der Mähwiesen als Selbstverständlichkeit betrachtet. Leider Gottes ist von dieser Vielfalt inzwischen vieles vernichtet worden. Sie ist durch Abwasser, die Autoabgase, durch den Sauren Regen, durch Überdüngung, durch Verrohrungen und Regulierungen der Kleingewässer, durch das Zufüllen aller Krottenlöcher, durch Überbauung und Versiegelung, unwiederbringlich zugrundegegangen. In der Realschule in Dornbirn hatte ich das Glück, Naturgeschichte vom originellen Professor Dr. Bär vermittelt zu bekommen. Ein Jahr vor der Matura kam der Anschluß mit Repressionen für uns Ungläubige. Nach der vorgezogenen Matura mußte ich am 1. April 1939 zum Reichsarbeitsdienst einrücken. Nach Kriegsausbruch wurden wir zur Wehrmacht überstellt. In 7 Jahren und 19 Tagen Reichsarbeitsdienst, Kriegsdienst und Gefangenschaft habe ich nicht nur härteste Strapazen, Zerstörung, Angst, Tod, Hunger und Elend, sondern auch bedingungslose Kameradschaft und selbstverständliche Hilfsbereitschaft erlebt. So waren zum Beispiel die vier Mann im Sturmgeschütz auf Gedeih und Verderben aufeinander angewiesen. Die Verpflegung wurde gemeinsam in einer Munitionskiste aufbewahrt und gemeinsam gegessen. 27 Siegfried Heim Trotz der Härte dieser Jahre ist mein Interesse für die Natur immer wach geblieben. Auf vielen Märschen und Fahrten kreuz und quer durch Europa habe ich, zwischen Caen in der Normandie und Orel südwestlich von Moskau und zwischen dem Polarkreis in Finnland und Marseille am Mittelmeer viele typische europäische Landschaften gesehen und in Erinnerung behalten. Nach meiner Verwundung bekam ich mit viel Glück einen dreimonatigen Studienurlaub und konnte in Wien das 1. Semester Forstwirtschaft inskribieren. Nach der glücklichen Heimkehr aus der Gefangenschaft habe ich im zerschossenen Wien mein Studium zwischen 1946 und 1949 unter heute kaum mehr vorstellbaren äußeren Bedingungen fortgesetzt und abgeschlossen. Die 36 Jahre meines Berufslebens verbrachte ich bei der Wildbach- und Lawinenverbauung. 17 Jahre habe ich im Bregenzerwald und Kleinen Walsertal gearbeitet. 19 Jahre war ich für ganz Vorarlberg zuständig. In diesem äußerst vielseitigen Beruf wird man nicht überheblich, steht man doch dauernd im ungleichen Kampf gegen die Naturgewalten. Das erfordert viel Verständnis für die Abläufe der Natur. Man muß mit Wasser, Rutschungen, Felsstürzen und Muren, mit Schnee und Lawinen, mit der forstlichen Problematik, vor allem im Schutzwald und an der Waldgrenze, aber auch mit den technischen Möglichkeiten in den hochgelegenen, schwer zugänglichen Wildbacheinzugsgebieten und Lawinenabbruchgebieten vertraut sein. Dabei konnte ich laufend neue Erfahrungen sammeln und auch vieles umsetzen. Der Wildbachverbauung wird heute vielfach der Vorwurf der Verbetoniererei gemacht. Dabei wird aber meist gerne übersehen, daß das österreichische forsttechnische System für Wildbach- und Lawinenverbauung seit 1884, also seit über 100 Jahren neben den technischen Verbauungen auch die schwierige und langwierige forstliche Arbeit auf der Fläche der Einzugsgebiete betreibt. Der praktische Umweltschutz datiert daher nicht, wie heute vielfach der Anschein erweckt wird, von gestern, sondern hat eine lange Tradition. So wurden z. B. allein seit den Lawinenkatastrophen 1951 und 1954, zwischen 1955 und 1988 rund 4, 400.000 Forstpflanzen versetzt, das sind ca. 130.000 Pflanzen im Jahresdurchschnitt. Derzeit werden 770 ha Aufforstungen, fast zur Gänze auf Extremstandorten, durch die Wildbach- und Lawinenverbauung betreut. Mit diesem Wissen können vielleicht auch gewisse hochgespielte Tänneleaktionen und Umweltaktivitäten, die als solche sicher zu begrüßen sind, sachlich und maßstäblich in ein größeres Umfeld eingeordnet werden. Praktische Forstwirtschaft wird nicht erst seit zwei Jahren betrieben. WOLFURTER GESCHLECHTER Der erste Wolfurter Häuserbeschrieb von 1594 (aus «Holunder» 1932/30) nennt eine Reihe Familien, die später ausgestorben oder verzogen sind: Kellnhofer (6 Familien), Wirt, Schnell, Weiß, Weinzürn, Eberlin, Tobler, Wörlin, Abstaig und andere. Aber weitere zehn Geschlechtsnamen sind seit 1594 nun fast 400 Jahre lang in der Gemeinde erhalten geblieben: Böhler, Dietrich, Flatz, Höfle, Müller, Reiner, Schwärzler, Sohm, Thaler und Vonach. Übersicht über die ältesten Familiennamen in den Wolfurter Häuserlisten 1594 1760 1809 1843 1900 1950 Albinger — 2 3 3 3 4 Anwander — 3 3 1 1 Bildstein — 2 3 6 2 — Böhler 2 9 11 15 19 16 Dietrich 1 3 3 3 1 2 Dür — 6 5 9 5 — Fischer — 6 7 10 19 14 Flatz 2 4 7 4 — 2 Gasser — 1 4 3 1 4 Geiger — 7 5 7 8 7 Gmeiner — 6 17 7 20 18 Guldenschuh — 1 — 1 _ 2 Haltmayer — 10 7 6 4 1 Höfle 1 6 6 8 8 10 Kalb — 4 8 8 8 7 Klocker — 1 7 9 4 9 Köb — 1 4 g 17 24 Lenz — — 1 4 5 1 Mäsch — 2 1 4 1 1 Mohr — 1 3 2 5 7 Müller 2 5 3 4 9 7 Reiner 1 2 5 3 3 4 Rohner — 12 15 20 13 10 Rünzler — 1 1 2 2 — Schelling — 2 2 3 3 6 Scheiter — 2 5 6 13 15 Schneider — 4 7 10 3 1 Schwärzler, Schwerzler 4 14 12 22 20 18 Sohm 2 4 2 1 — 1 Stadelmann — 2 1 1 2 2 Stülz — 4 4 3 — _ 29 Thaler 2 2 3 1 3 8 Vonach 5 6 5 4 4 3 28 Der Grund, warum diese 33 Geschlechter fast unverändert bis ins 19. Jahrhundert den Großteil der Einwohner von Wolfurt ausmachten, liegt im mittelalterlichen Hofsteigischen Landsbrauch. Danach durften nur mit Sondergenehmigung des gräflichen Vogts «frembde leut» in Wolfurt aufgenommen werden. Außerdem mußte jeder für die Einheirat oder den Zuzug nach Wolfurt zwischen 10 und 60 Pfund Pfennig bezahlen, das wären heute etwa 5.000 bis 30.000 Schilling. Noch vor 100 Jahren betrug die «Einkaufstaxe», die jeder Bräutigam für eine fremde Frau erlegen mußte, 50 bis 100 Gulden (etwa 10.000 Schilling). Zugezogene Familien versuchten, für viel Geld das Wolfurter Bürgerrecht zu erwerben. Andernfalls wurden nicht selten Witwen, Waisen und Kranke einfach aus dem Dorf «abgeschoben». Trotzdem finden wir bis 1900 eine ganze Reihe neuer Familiennamen unter den Hausbesitzern: Rhomberg Hopfner 1 1 1 Albrecht 1 Huber 1 Rist 1 Ammann Roth Huster 1 1 3 Arnold Schirpf Hutter 1 1 1 Bernhard 2 Schedler Kaufmann ] 1 Bohle Scheffknecht 2 Kirchberger 1 1 Brauchle 1 Klien ] Sinz Doppelmayr 1 1 1 Kresser 1 Stenzel Drechsel 1 Verklärer Lüber 1 1 Fait 1 Wacker Malin 1 1 Fehle 1 Waldinger Matt 1 1 Feldkircher 2 Widmer Meusburger 1 2 Forster 4 Nagel 1 Winder 1 Gmeinder 1 Wohlgenannt Öhe 1 1 Göppel 1 Österle 1 Würz 4 Gunz 1 Zehrer Peter 1 2 Heim 2 Zuppinger Putzer 1 2 Hinteregger Hohl 1 Rädler 1 Am allermeisten neue Namen kamen in der Mitte unseres Jahrhunderts nach Wolfurt: Zuerst die Südtiroler: Ebnicher, Sepp, Andergassen, Kompatscher, Ladurner . . . , dann die Flüchtlinge aus dem Osten: Seichter, Sawtsenko, Kovacs . . . , dann die vielen Siedler aus dem Bregenzerwald und aus Bregenz: Albrecht, Bader, Baldauf, Bechter, Benger, Eugster, Lingenhel die Tiroler, Steirer, Kärntner: Aichholzer, Glantschnig, Hiesmayr, Kussian . . . , die Jugoslawen: Barisic, Blesic, Cubanovic, Manitasevic . . . , die Türken: Atay, Basar, Cengiz, Özdemir, Yilmaz . . . Das «Blaue Buch» von 1978 zählt in Wolfurt bereits mehr als 1100 verschiedene Familiennamen auf. Viel wichtiger als die Namen sind aber die Menschen, die diese Namen führen. Sie alle tragen ein Stück zur Fortentwicklung unserer Gemeinde bei. Aus dem Hofsteigischen Landsbrauch Die für Wolfurt gültigen Gesetze wurden 1544 aufgeschrieben und später durch neue Satzungen ergänzt. Die einundzwanzigste Satzung von 1570 verbot den Hofsteigern auf Antrag der Bregenzer Obrigkeit die gastliche Aufnahme von Fremden: «Nach dem bisher wider und über alles der oberkeit verschaffen, vil underthonen ditz gerichtz Hofstaigs, allerlay frembdes hergeloffenes volk, landstraiffer, betler und dergleichen unnütz gesind, one vorwissen und willen berüerter oberkait der herrschaft Bregentz auf- und angenommen, auch denselben herberg und underschlouf gegeben, von denen zuvil zeiten, sonderlich disem gericht Hofsteig, wie meniglichem bewüsst ist, vil args und Übels, fürnemblich aber durch eingefüerte laidige krankhait der pestilentz und in ander mer weg, allerlay angst und not zuegestanden und begegnet ist. Zu abstellung und fürkumung desselben soll hinfüro kain underthon noch einsäss in disem gericht Hofstaig gesessen, gar kain dergleichen frembd hergeloffenes volk, landstraiffer, betler und sollich unnützes gesind, ohne wissen und bewilligung ir der oberkait, nit auf noch annemmen. Und ob schon ein herrschaft eingesessen weibs bild sich mit ainem sollichen frembden herkommen mann verheüraten solte oder würde, soll doch derselbig, one zuvor erfolgt der oberkait wissen und willen auch nit eingelassen oder angenomen werden, kains wegs. Alles bey straf zehen pfund pfening, und welcher dieselben an gelt zuebezahlen nit vermöchte, der solls in venknus abbüessen one gnad. Zu den 33 alten waren also — meist durch Zuzug — im 19. Jahrhundert 53 neue Namen gekommen. Darüber hinaus hatten Industrialisierung und Eisenbahnbau ab 1870 jedes Jahr etwa 100 neue Gastarbeiter ins Dorf gebracht, die nur im Fremdenbuch, nicht aber bei den Hausbesitzern aufscheinen. Neben deutschen und Schweizer Namen finden sich sehr viele italienische (Sarteno, Vesco, Castelrotto, Fait, Sperandio, Purin, Debortoli, Dalraj, Zortea, Berlanda, Tomaselli, Girardelli, Nicolussi, Paoli, Moretti, Devigili, Zoldo, Giacomo, Martini, Micheli, Casanova, Bigotti...). Die meisten blieben nur wenige Jahre und zogen dann wieder in ihre Heimat oder in die Industriegemeinden. 30 31 Siegfried Heim DER LETZTE KRIEG! (Mit diesem Beitrag soll eine Diskusssion ausgelöst werden. Ergänzungen und Richtigstellungen und besonders persönliche Beiträge von Zeitzeugen erbittet der Verfasser.) Quellen: Schelling: Festung Vorarlberg Gespräche mit Zeugen. Vor 50 Jahren begann am 1. September 1939 der große Zweite Weltkrieg. Noch leben viele Soldaten, aber nur selten erzählen sie von ihren erschütternden Erlebnissen draußen an den Fronten. Aus dem Blickwinkel eines damals 10- bis 14jährigen Buben möchte ich an die Ereignisse daheim in Wolfurt erinnern. 1938 war Hitler einmarschiert. Wir sahen Flugzeuge, braune Uniformen, große Hakenkreuzfahnen, einen Fackelumzug. Als 10jährige Schüler wurden wir ins «Jungvolk» der Hitlerjugend aufgenommen. Wir freuten uns an Sport und Zeltlagern und spürten nicht, daß wir mit Marschieren, Geländespiel und Luftgewehrschießen schon militärisch gedrillt wurden. Das Dorfleben veränderte sich. Die Männer wurden einberufen. Wir hörten Fanfaren zu Siegesmeldungen im Radio, lasen die Schlagzeilen in der Zeitung und wurden als «deutsche Jungs» in der Schule zum Appell gerufen. Bald rückten auch Familienväter und die Schüler der oberen Gymnasialklassen ein. Feldpostkarten kamen aus Frankreich und Norwegen, aus Libyen, Murmansk, vom Kuban und aus Kreta. Jetzt sahen wir schon manchmal ein verhärmtes Frauengesicht, ein paar Tränen. Die Kirchen waren übervoll. Schülerinnen strickten Schals für die erfrierenden Armeen in Rußland. Schulklassen sammelten Heilkräuter, Sanddornbeeren und Altpapier. Weil die Männer fehlten, wurden Kriegsgefangene in der Landwirtschaft eingesetzt, zuerst Bauernsöhne aus Frankreich, dann Serben. Polnische Mädchen wurden dienstverpflichtet. Unsere Danuta war noch nicht 18 und erzählte stolz, daß ihre Brüder in der britischen Armee gegen Deutschland kämpften. An der Eisenbahn in Kennelbach arbeiteten russische Gefangene. Im kältesten Winter mußten sie ohne Handschuhe Eisenschienen schleppen. Der Wachsoldat schaute weg, wenn wir bei den bärtigen, ausgemergelten Männern für unser Jausebrot Holzspielzeug eintauschten. In den Lebensmittelgeschäften fehlten alle Süßigkeiten. Aber Schokolade und Südfrüchte hätten wir Bauernkinder ohnehin fast nie bekommen. Wir hatten zwei Kühe im Stall, dazu ein paar Schweine und Schafe. Wir pflanzten Kartoffeln und Mais an, auch Weizen und Gemüse. Jeden Nachmittag und die ganzen 32 Ferien hindurch arbeiteten wir Schulkinder in Feld, Acker, Wald und Stall. Dafür kannten wir keinen Hunger. In der Stadt war das anders. Blasse Mütter und schmale Kinder kamen zum «Hamstern» ins Dorf. Für Wäsche und Geschirr versuchten sie, ein paar Liter Milch oder eine Tasche voll Kartoffeln einzutauschen. Bargeld hatte fast keinen Wert mehr. Der Bürgermeister ließ den Schulplatz und große Ried- und Achfelder zu Äckern umbrechen und verpachtete kleine Stücke an die hungernden Familien. 1944 zerbrachen die deutschen Fronten. Jetzt kamen zahlreiche Flüchtlinge ins Dorf. Zuerst waren es ausgebombte Frauen und Kinder aus Berlin und dem Ruhrgebiet, dann kamen Volksdeutsche aus Rußland und Siebenbürgen. Sie hungerten und froren in den Massenquartieren im Schwanensaal und im Sternen. Immer häufiger kamen Todesnachrichten aus dem Feld. Mütter weinten an Birkenkreuzen auf dem Friedhof. Verwundete mit riesigen Verbänden marschierten mit zur Heldenehrung am Kriegerdenkmal. Frauen trugen jetzt dreifache Lasten bei schweren Arbeiten, in Verwaltung und Erziehung. Einzelne rückten sogar zum Roten Kreuz oder zum Nachrichtendienst ein. Unser ältester Bruder war noch nicht 16 Jahre alt, als er mit seinen Mitschülern zur Bewachung italienischer Arbeiter beim Stellungsbau in Verona eingezogen wurde. Erstmals sahen wir die Mutter weinen, als auch der Vater von den neun Kindern weg einrückte. Sogar wir Schüler spürten jetzt, daß der Krieg verloren war. Aber niemand sprach darüber, es war zu gefährlich. Trotz strengen Verbotes begannen wir am Radioapparat zu drehen. Wir fanden Sender Luxemburg und konnten jetzt die alliierten Propagandasendungen mit den deutschen vergleichen. Täglich zählten wir die amerikanischen Großbomber, die von Italien aus am hellen Tag Einsätze nach Süddeutschland flogen. Oft waren es 400 Stück. Ein Regen von Stanniol fiel vom Himmel, mit dem sie das deutsche Radar störten, manchmal auch ein leerer Zusatz-Benzintank. Nur selten schoß irgendwo deutsche Flak. Einmal verfolgte eine deutsche Me 109 einen versprengten Bomber über Bregenz. Wir sahen die Fallschirme sich öffnen und waren mit unseren Fahrrädern schnell bei der Absturzstelle im Fußacher Ried, wo noch Munition in den Flammen explodierte und ein toter Soldat neben einem Streueschochen lag, während seine Kameraden vom Grenzschutz gefangen abgeführt wurden. Mehrmals wurden nachts die stark geschützten Rüstungsbetriebe in Friedrichshafen bombardiert. In unserer Dummheit bewunderten wir vom Dachboden aus das Farbenspiel, als Scout-Flugzeuge zwischen den Scheinwerferfingern große «Christbäume» setzten, als Leuchtgranaten ein Feuerwerk an den Himmel zauberten und sich der Horizont über dem See unter dem anhaltenden Wummen der Bombenteppiche blutigrot färbte. Für die nun folgenden Seiten entnehme ich Zeitangaben aus Georg Schellings «Festung Vorarlberg». 33 Ende April kam die Front an den Bodensee. Der Volkssturm faßte beim Vereinshaus scharfe Munition und Panzerfäuste. Jetzt weinte auch Papa, als er noch einmal unseren kleinsten Bruder aus Mamas Armen nahm, ehe er mit den alten Wolfurter Männern zur Bewachung des Harder Seeufers abmarschierte. Im Land hatten französische Tiefflieger ein Terrorregiment angetreten. An einem sonnigen Morgen (nach Schelling am 25.4.45 um 8.10 Uhr) bewunderten wir die saubere Formation, mit der 24 Maschinen in mittlerer Höhe Lauterach überflogen, über dem Ried der Reihe nach abkippten und mit Bomben und Bordwaffen einen Angriff auf einen Zug in Lauterach exerzierten, der viele Menschenleben kostete. In den folgenden Tagen machten die wendigen Flugzeuge Jagd auf alles, was sich bewegte, auf Pferdefuhrwerke und auf einzelne Feldarbeiter. In die Kirche schlugen Schüsse ein, Stülzes Haus mußte gelöscht werden und schließlich wurde die 15jährige Luise Bilgeri unter der Haustür des Kaplanhauses tödlich getroffen. Wir bereiteten uns auf den Einmarsch fremder Soldaten vor. Weil man uns fürchterliche Greuelgeschichten von betrunkenen Kriegern erzählt hatte, vergruben wir die Schnapsballons unter dem Heustock. Auf requirierten Pferdewagen trafen deutsche Verwundete ein und nahmen in der Bütze Quartier. Sie hatten genug vom Krieg, stellten sich selbst Entlassungspapiere aus und baten um Zivilkleidung. Auszeichnungen und Uniformen versteckten sie, die Waffen warfen sie weg. An allen Wegen fanden wir Karabiner und Munition, aber auch Handgranaten und Panzerfauste. Unser Schutzengel hatte damals wohl große Sorgen mit uns! Spät abends am Samstag, den 28. April 1945, hatte Hauptmann Petzold in Hard den Hofsteiger Volkssturm aufgelöst: «Mit solchen Soldaten kann man keinen Krieg gewinnen!» Auf Feldwegen schlichen die Männer heim nach Wolfurt, Bildstein und Buch, immer in Angst vor der SS, die Deserteure sofort erschoß. Zwei Tage lang hielten sich die Männer daheim versteckt. Flüchtende Truppen eilten auf der Straße vorbei. Am meisten staunten wir über die «Wlassow»-Soldaten mit den farbigen Gesichtern. Manche trugen große Turbane und aufgenähte schwarze Tiger. Am Montag, 30. April, marschierten die Franzosen im Leiblachtal ein. Granateinschläge dröhnten, die Bordkanonen der Tiefflieger rasselten. Unsere Nachbarn beluden ein Pferdefuhrwerk mit Habseligkeiten und flohen nach Bildstein. Auf der Unterlindenstraße ging eine große Flak in Stellung. Voll Angst packten wir schnell zwei Koffer und unsere vier kleinsten Geschwister auf einen Handwagen. Auch eine Nachbarin vertraute uns ihre zwei Jüngsten an. Sie selbst wollte beim Haus bleiben. Mein 15j ähriger Bruder und Michel, der alte Knecht, wollten ebenfalls daheim zu Haus und Vieh schauen. Wir anderen flohen durch den Ippachwald nach Buch. Mit zwei weiteren Familien fanden wir dort freundliche Aufnahme bei Bekannten. Mich schickte man mit dem Fahrrad wieder heim. Am anderen Morgen begann der Angriff auf Bregenz. Riesige 34 Rauchsäulen quollen aus der brennenden Stadt, eine besonders schwarze stieg aus den Lagern der Autowerkstätte Anwander auf. Gefährliche Jagdbomber hämmerten immer wieder auf die Flüchtlinge herab, die gruppenweise über die Achbrücken hasteten. Ich fuhr wieder als Kurier nach Buch und hörte noch, wie am späten Vormittag die Achbrücken und die Kennelbacher Kanalbrücke gesprengt wurden. Mittags wurde Bregenz besetzt, gegen Abend erschienen die Franzosen in Kennelbach. Am 2. Mai schneite es in Buch. Ein Bote berichtete mittags, jetzt sei auch Wolfurt besetzt. Schnell hoben wir wieder Koffer und Kinder auf den Wagen und verabschiedeten uns von den herzensguten Gastgebern. Eine weiße Windel sollte als Fahne unser Gefährt schützen. Im Ippachwald standen schwer bewaffnete deutsche Soldaten. Scheu und grußlos eilten wir vorbei. Menschenleer das Oberfeld! Aber auf dem Kirchplatz war Betrieb. Französische Soldaten hatten ein deutsches Kettenkrad erbeutet und jagten darauf lauthals jubelnd wie Buben in waghalsigen Kurven umher. Von uns nahm niemand Notiz. Daheim war alles in Ordnung. Weinend vor Freude schloß unsere Nachbarin ihre Kinder in die Arme. Dann gab es viel zu erzählen: Ganz früh am Morgen des 2. Mai hatte ein französischer Stoßtrupp die Ach überschritten und die Häuser durchsucht. Ein junger deutscher Soldat hatte sich bei Scheffknechts auf einem Baum versteckt. Eine MP-Garbe holte ihn herab. In Diems Stube starb er wenige Stunden später (Aussage Familie Diem). Französische Pioniere errichteten schnell einen Notsteg über die eingeknickte Kennelbacher Brücke. Weil die Brücken in Lauterach und Hard viel schwerer zerstört waren, marschierte nun eine ganze Armee durch Wolfurt. Im Röhle stellten noch einmal deutsche Soldaten ein Maschinengewehr auf. Ein paar MP-Garben warfen auch sie nieder. Noch ein Toter! Alle Häuser wurden durchgekämmt, entwaffnete deutsche Soldaten zusammengetrieben, ihre Gewehre beim Gasthof Lamm zerbrochen. An allen Häusern wehten weiße Fahnen. Von Dornbirn her schlugen deutsche Granaten im Röhle und im Oberfeld ein, rissen aber nur Erdtrichter auf. Während sich schon Kraftfahrzeuge und Panzer ins Dorf wälzten, erreichte die französische Vorhut Rickenbach. Als Gebhard Böhler am Haus eine weiße Fahne befestigte, zerschmetterte ihm eine deutsche Pak-Granate von der nahen Bachbrücke her den Rücken. In einem französischen Lazarett ist er gestorben (Aussage Familie Böhler). Die Panzerkolosse bogen vom Kirchplatz Richtung Lauterach ab. In den Kurven wühlten sie die Straße so tief auf, daß Personenautos kaum mehr folgen konnten. Fingerdick lag Staub auf den Fenstersimsen. Gemeindediener Gmeiner schellte Befehle der Franzosen aus. Später wurden auch Plakate angeschlagen. In Französisch und Deutsch verlautbarten sie etwa folgendes: 1. Dieses Gebiet untersteht der französichen Armee. 2. Wer deutsches Militär verbirgt oder unterstützt, wird erschossen. 35 3. Waffen, Landkarten und Fotoapparate müssen sofort abgeliefert werden. 4. Plünderer werden erschossen. 5. Während der Dunkelheit besteht strenges Ausgangsverbot. Die gesammelten Fotoapparate und Karten wurden beim Schulhaus zerstampft. Dutzende Panzerfäuste warf man in die Schützenlöcher bei der Achbrücke. Vielleicht sind sie später zugeschaufelt worden! Am anderen Tag wurde Bilgeris Luise zusammen mit den beiden gefallenen deutschen Soldaten in ein gemeinsames Grab gelegt. In den meisten Häusern quartierten sich französische Truppen ein. Frauen und Mädchen versteckten sich. Aber die Soldaten verhielten sich korrekt. Wir mußten ein Schaf abliefern. Auf der Steig errichteten farbige Hilfstruppen ihre Feuerstellen und ließen die geschächteten Schafe am Spieß schmoren. Die Soldaten trugen grob gewobene Kaftans mit gewaltigen Kapuzen und sahen aus wie Kurden. Als sie Marketenderware empfingen, sah ich den ersten Kaugummi. Und dann zogen die Marokkaner mit Hunderten Mulis ein! An Bütze- und Unterlindenstraße beschlagnahmten sie alle Bauernstädel — drei Monate lang. Die weißen Offiziere bezogen Zimmer, die braunen Soldaten lagerten im Heu. Die Kommandantur war in Kartonagen-Gmeiners Büro, die Küche in Zwickles Schopf. Mit den Franzosen hatte die Bevölkerung kaum Kontakt. Mädchen, die sich — manchmal als Flüchtlinge vom Hunger getrieben — mit ihnen einließen, wurden als Huren beschimpft. Mit den Marokkanern schlössen wir schnell Freundschaft. Sie waren wie Kinder und verschenkten Kekse und Schokolade an unsere kleinen Geschwister. Mühsam erlernten sie auf unseren ältesten Fahrrädern das Fahren. Auf den Hausplätzen zerklopften sie farbige Steine und legten riesige Mosaiks mit dem Fünfstern der Armee aus. Weil die meisten Mohammed oder Omar hießen, wurden sie von den Offizieren nur mit der Nummer gerufen. «Dus», «Disuit» und «Dris» ließen sich von unserer Mutter für ein paar Konservendosen scharfe Bügelfalten in ihre Hosen nähen, uns Buben belieferten sie für bunte Stecknadeln mit Tabak. Ihre Muliherden trieben sie einfach in die saftigen Wiesen und in die jungen Weizenfelder auf die Weide. Am Sonntag führten sie ein Muli-Wettreiten durch. Abends brauten sie Kaffee in großen Kesseln. Dann aber sotten sie wieder Rinderdärme und Igel. Uns graute! Böse wurden die gutmütigen Männer nur, wenn wir ihnen im Spiel ihre Turbane abstreiften und das kleine Zöpfchen mitten auf dem glattrasierten Schädel belachten, oder wenn wir sie an den Schweinestall lockten. Das waren wohl religiöse Verstöße, deren Schwere wir nicht ahnten. Aufschloß Wolfurt residierte nun Colonel Jung mit dem Militärkommando für Vorarlberg. Gelegentlich landete ein Fieseler-Storch im Feld und brachte einen Ordonnanz-Offizier. Sonntags standen ein Dutzend Offiziere unbeweglich die ganze 36 Messe durch in der Kirche. Am 14. Juli feierten die Franzosen ihren Nationalfeiertag in Bregenz mit einer Militärparade — ein geschmückter Ziegenbock voran. Auch auf Schloß Wolfurt gab es ein großes Fest samt Feuerwerk. Im August wurden die Marokkaner mir ihren Mulis ins Montafon verlegt. Plünderungen und Vergewaltigungen, wie sie von anderen Kriegsschauplätzen berichtet wurden, hatte es bei uns nicht gegeben. Eine einzige Ausnahme: Zwei Wolfurter Burschen fanden an der Bucherstraße zwei Bucher Mädchen mit durchschnittenen Kehlen auf. Beide waren offenbar sexuell mißbraucht worden. Französische Offiziere und ein Militärarzt stellten Nachforschungen an (Zeuge P. Schwerzler). Mehrfach wurden marokkanische Soldaten ausgepeitscht. Die Spannungen zwischen ihnen und ihren Kolonialherren waren deutlich spürbar, sie führten ja auch zehn Jahre später zum grauenhaften algerischen Aufstand. Die Bauernarbeit im Ried hatte schon in der ersten Maiwoche wieder begonnen, als noch große Kolonnen von deutschen Gefangenen an der Landstraße rasteten. Die Mutter suchte mit uns nach unserem Bruder, der ja auch noch Soldat geworden war. Ein paar Tage später kam er zu Fuß daheim an — mit etwas mehr als 16 Jahren schon ein entlassener Soldat. Fast täglich kehrten jetzt Männer heim, viele verwundet und halb verhungert, andere krank an Leib und Seele. Aus Rußland kamen manche erst nach Jahren zurück. Noch viele Birkenkreuze mußten gesteckt werden. 99 Namen am Kriegerdenkmal mahnen: der letzte Krieg! KRIEGERWAISEN Im Ersten Weltkrieg mußten am 1. August 1914 99 Wolfurter Männer und Väter nach Galizien und Serbien einrücken, denen bis zum Frühjahr weitere 220 folgten. «Mancher, mancher wird nicht mehr kommen!» schrieb der Chronist Engelbert Köb, der selbst ein Jahr später als Standschütze starb. Zu den ersten Opfern im Herbst 1914 gehörten vier Familienväter: Köb Albert, Lehrers, Maler im Strohdorf. Er hinterließ seine Frau Mina mit 4 Kindern zwischen 11 und 6 Jahren: Paul, Martha, Albertina und Anna. Gmeiner Albert, Lislo, Sticker in Rickenbach. Er hinterließ seine Frau Anna mit 8 Kindern zwischen 14 und 1 Jahr: Rosa, Albert, Franz, Otmar, Augusta, Maria, Raimunda und Ida. Rohner Josef, Schwarzvinälars, Sticker im Kirchdorf. Er hinterließ seine Frau Agatha, die in Erwartung war, mit 6 Kindern zwischen 9 und 2 Jahren: Franz, Hirlanda, Laura, Viktor, Eugen und Frieda. Als siebtes wurde 1915 Fina geboren. Böhler Alfred, Bergers, «Rasierers» im Kirchdorf. Er hinterließ seine Frau Agatha mit 5 Kindern zwischen 11 und5 Jahren: Agatha, Karl, Reinhilde, Alfred und Emilie. Ohne Väter wuchsen sie auf. 25 Jahre später mußten sie selbst oder ihre Ehegatten in den Zweiten Weltkrieg einrücken. 37 Siegfried Heim So heo s i ghört! (3) In der langen Geschichte der Hofsteiggemeinschaft hat jedes der sechs Dörfer aufsein Eigenleben gepocht. Bei aller Notwendigkeit zur Zusammenarbeit führte das immer wieder zu kleinen Sticheleien, aus denen auch manche Rauferei zwischen Buben und Burschen der Nachbardörfer erwuchs. Heute bekennen sich die Bewohner stolz zu den Übernamen, die ihnen einst freche Lausbuben als Schimpfwörter nachriefen: Wolfurtar — Hafoloabar Der Hafenlaib aus grobem Vesenmehl war — ohne Fleisch! — ein Essen für arme Leute. Luttorachar — Türbbolar Turrbo nannte man die Torf-Schollen, die mit Gestank in den Öfen und Rauchkesseln qualmten. Hardar — Mu-Fohar Die Harder wollten den Mond in einer Wasserstande fangen. Mit einem feinen Lächeln hat uns Wolfurtern der Lauteracher Chronist Elmar Fröweis ein Gedicht gewidmet: Glück ghet Z'Wolfurt hei's amolo brennt, so tuot ma se verzeih. Scho seiond etle Kerle grennt und heiond Glogga lütto wello. Wio se dra sind, seit der oa: «I tur-om nit reacht trouo, ma sioht koa Lüt, ma hört koa Gschroa, mir weorond ou koan Blödsinn bouol» «Wolback, lütto ohne Brand, des künnt no lustig wem! Ma lacht üs us im ganzo Land, und wirkle siohst koan Rouch, luog herol» Koanar sioht-om drübr us, so schiofist des ioz gloffo, und Glogga glongond langsam us, am liobsto wärond se vrschloffo. A jedar reachnot, was ioz kumm, mit Stillom und mit Lutom. Do sioht oan Rouch und dreit se um und rüoft in Turm: «Gottlob, as kut-om!» Schwarzachar — Schlifar An der Schwarzach kreischten Tag und nacht die großen Schleifen, in denen Wetzsteine geformt wurden. Bildstar — Beosorisar Bildsteiner Bauern verdienten ein paar Kreuzer am Verkauf von Birkenbesen. Buochar — Pfundlöoblar Man belächelte die Bucher, weil sie sich in der Wirtschaft nur «a Löoble», ein kleines Stück Brot leisten konnten. Die Hofsteiger hatten natürlich auch Übernamen für ihre anderen Nachbarn: Kengolbachar — Käsknöpflar Breogozar — Seebrünzlar Dorrobirar — Süoßlar Elmar Fröweis, Jahrgang 1933, Volksschuldirektor in Lauterach, ist der Verfasser des Lauteracher Heimatbuches 1985. Einige seiner Mundartgedichte aus Dorf und Ried liegen in dem Bändchen «Zilata und Furcha», Vorarlberger Verlagsanstalt, Dornbirn, 1982, vor. 38