Heimat_Wolfurt_2000_24

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Letzte Änderung 01.06.2021, 20:43
Gemeinde Wolfurt
Bereich oeffentlich
Schlagworte: wolfurt,imported
Erscheinungsdatum 01.05.2000
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Heft 24 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 2000 Bild 1: Das offizielle Wappen der Gemeinde Wolfurt, von der Landesregierung verliehen am 6. Oktober 1928, aber schon seit 1893 als Gemeindesiegel geführt. Inhalt: 121. 122. 123. 124. Wolfurt und Wolford Haltmayer-Sippe Vorsteher und Bürgermeister (3) Der kleine Lehrer, Schulen in Wolfurt. Bildnachweis: Reinhold Köb Bild 13 Siegfried Heim Bilder 24, 28 Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr und Karl Hinteregger oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Dorfbrunnen (Heft 23, S. 6) Nicht alle haben die Abschriften der alten Briefe ganz durchgelesen. Andere zeigten sich über den Inhalt dieser Zeit-Dokumente überrascht. Kann es stimmen, daß die 51 Bauern des Dorfes zusammen nur 83 Kühe hatten? Oder daß man von ganz weit unten an der Lauteracherstraße das Wasser vom Dorfbrunnen holen mußte? Genau hat der Bürgermeister den Bericht studiert. Aus den Akten der Gemeinde hat mir Dr. Sylv Schneider darauf zwei wichtige Ergänzungen gebracht. Danach haben sich die 57 Mitglieder der Brunnengenossenschaft Kirchdorf am Montag, 29. September 1952, noch ein letztes Mal zu einer Versammlung im Rößle getroffen. Sie stellten mit all ihren Unterschriften ein Ansuchen an die Gemeinde, diese möge beide Laufbrunnen an die neu errichtete Gemeinde-Wasserleitung anschließen. Dafür boten sie ihre Holzteile an und erklärten sich bereit, die Urkunde für das Grundbuch zu unterfertigen. Damit war die über 400 Jahre alte Genossenschaft also aufgelöst. Die wegen der großen Zahl der Anteile sehr komplizierte Übertragung im Grundbuch wurde aber bis zum Jahre 2000, also nun bald ein halbes Jahrhundert lang, noch immer nicht durchgeführt. Schon nach fünf Jahren erklärten die "ehemaligen" Mitglieder der Genossenschaft am 20. September 1957 mit ihrer Unterschrift, daß sie mit der Entfernung des (Kleinen) Brunnens an der Kreuzstraße einverstanden seien. Ausdrücklich entbanden sie die Gemeinde von der von ihr übernommenen Verpflichtung zur Erhaltung dieses Brunnens. Der Hauptbrunnen am Kirchplatz und die Waschhütte blieben ja vorerst noch bestehen. Aus beiden Verträgen läßt sich das Wohngebiet der zu versorgenden Genossenschaft genau abgrenzen. Es reichte noch immer von Franz Müller, Bregenzerstraße 11, bis zu Zilla Zoller, Kirchstraße 16, und von Dr. Hermann Mohr, Kellhofstraße 11, bis zum Schindlerhaus, Feldeggstraße 11. Auch Alois Klocker, Schloßgasse 4, war eingeschlossen. Hexen in Wolfurt (Heft 23, S. 30) In mehreren Gesprächen bestätigten mir Leser, sie hätten auch noch solche Hexen oder eben Frauen, denen man böse Künste zutraute, gekannt. Der Dornbirner Historiker Franz Kalb wußte von einer in Wolfurt 1813 geborenen Frau Ursula, die nach Hatlerdorf geheiratet hatte und dort unter dem Schimpfwort s Bockwible in argen Verruf kam. Danke! Über unsere Bitte im letzten Heft sind wieder viele Spenden auf unser Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt eingegangen. Damit können wir einen großen Teil der Druckkosten abdecken. Allen Spendern ein herzliches Danke schön! Dank sagen wir aber auch der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Siegfried Heim Wolfurt und Wolford Wahrscheinlich haben Sie jetzt an eine weltweit bekannte Strumpfmarke gedacht! Mir aber geht es um den Namen unserer Gemeinde Wolfurt. Im Jahr 1999 haben einige von unseren Nachbargemeinden ihren 750. Namenstag gefeiert. Da stellte sich auch die Frage nach der ersten Nennung des Namens Wolfurt. In Heft 22 bin ich kurz darauf eingegangen. In Büchern und alten Dokumenten habe ich noch mehr darüber gefunden. Ich kann jetzt das älteste Wolfurt-Datum auf 1219 korrigieren. Seit es bei uns eine Schule gibt, haben Lehrer den Schülern beigebracht, der Name Wolfurt bedeute wohle Furt, also so viel wie gute Furt. Im 18. Jahrhundert schrieb man auch meist Wohlfurt oder Wohlfurth. Wir erkennen das Gut-Sein in Wohl-Tat, in Wohl-Geruch und in Wohl- Wollen, aber gegen ein Wohl bei unserer Furt über die Ach gibt es einige Gründe. Ganz sicher war die Ach mit ihren vielen Hochwässern immer ein sehr gefährlicher Fluß, für dessen Überquerung schon die Römer eine Brücke bauten, weil ihnen die Furt der Räter zu risikoreich war. Auch im Mittelalter konnte die Furt nur in trockenen Sommerwochen eine gute sein. An anderen Flüssen mag es gute Furten gegeben haben, das Bestimmungswort wohl wurde aber nirgends zur Namensgebung für eine Furt verwendet. Flußübergänge benannte man meist nach der Habe, die dort an das andere Ufer gebracht wurde, etwa. Heufurt, Schweinfurt, Rindsfurt und Steinfurt, oder nach Leuten, die hier durchzogen, Frankfurt. Oft gab ihnen der Fluß selbst den Namen, Klagenfurt (Glan-Furt). Ein Sprachwissenschaftler, der in Wol-Furt ähnlich wie in Wal-Gau das alte Wort wälsch vermutete, deutete den Namen sogar als Furt ins Land der noch nicht alemannisch sprechenden Rätoromanen. Wahrscheinlich hat der Name Wolfurt aber gar keinen Bezug zu einer Furt über die Ach! Er taucht nämlich um 1220 zuerst als der eines Rittergeschlechtes auf. Dessen Burg sicherte den damaligen Zugang über den Steußberg in den von rivalisierenden Grafen umstrittenen Bregenzerwald. Viel näher an der Ach und an der Furt stand Burg Veldegg im Oberfeld. Diese konnte daher auch eher den Flußübergang kontrollieren. Am Fuß der Burg Wolfurt übernahm die Häusergruppe um die Kapelle St. Nikolaus den Namen. Vorerst galt er nur für diesen Ortsteil. Die Papsturkunde von 1249 stellt ihn in die richtige Reihenfolge: ...Kaenalbach, Ahe, Wolfurt, Berge, Staige, Rikembach, Swarzahe... Wolfurt lag demnach abseits der Furt, durch die Ansiedlung Ach und den Weg über das Oberfeld vom Fluß getrennt. Noch lange, im Sprachgebrauch der Einheimischen bis ins 19. Jahrhundert, hielt sich der Name Wolfurt für die Häuser des Kirchdorfs und unterschied diese von denen an der Ach, in Unterlinden und in den anderen Teilen der Gemeinde. Bild 2: Gaststube im Rößle 1935 Alte Gasthäuser (Heft 23, S. 46) Zu gut sind uns die abgebildeten Gaststätten noch bekannt, wenigstens von außen. Daß es aber vereinzelt auch Bilder vom Innenleben in den Gaststuben gibt, bewies Georg Klettl, der mir zwei alte Fotos überließ. Eines zeigt eine fröhliche Gesellschaft bei Bier und Gesang um 1935 im Rößle. Von links: Georg Böhler (Steonowiorts Hansiorgos), Josef Bernhard (Schrinars Seppl) mit einer jungen Dame, Gebhard Höfle (Kiorchomoastor) ebenfalls mit Dame, Gebhard Schwärzler (Liborats Geobärtle), Rößlewirt Eugen Müller und seine damals ganz junge Frau Dora. Ahnenforschung Aus Freyung in Bayern hat der 85jährige Otto Zuppinger geschrieben und sich mit zahlreichen Fotos nach seinen Wolfurter Ahnen erkundigt. Er und vor ihm sein Vater haben seit 1891 die dortige Filiale der Spulenfabrik Zuppinger geleitet und sie zu einem Betrieb mit 100 Beschäftigten ausgebaut. Den älteren unter uns, besonders den Rickenbachern, ist der Name Zuppinger noch sehr geläufig. Einiges über den für unsere Gemeinde so wichtigen Spulenfabrikanten, Müller und Großbauern Joh. Walter Zuppinger finden Sie auch in diesem Heft oder in Heft 22 in den Artikeln über die Vorsteher. 4 5 Erstmals in der Gründungsurkunde der Pfarrei vom Jahre 1512 und dann auch mehrfach in dem von Landschreiber Witweyler 1596 aufgeschriebenen Hofsteigischen Landsbrauch meint man mit Wolfurt das ganze heutige Gemeindegebiet, etwa bei den Vorschlägen zur Ammann-Wahl: .... drey ehrliche männer, ain von Lauterach, den andern von Hard und den driten aintweders von Wolfurt, abm berg oder von Schwartzach...' Wie schreibt man Wolfurt? Ab jetzt wechselte die Schreibart des nicht mehr verstandenen Wortes oft in Wollfurt, Wolffurt, Wohlfurth und andere Formen, bis seit etwa zweihundert Jahren mit Wolfurt das alte Original vom Jahre 1219 wieder gebräuchlich wurde. Fast überall hatten die Schreiber im 13. und 14. Jahrhundert auf über dreißig erhaltenen Pergamenten und Siegeln für die Ritter die lateinische Form MILES DE WOLFURT verwendet. Nur vereinzelt taucht einmal ein WOLFFURT auf.2 Völlig verändert finden wir den Namen im ältesten Brunnenbrief von 1517 beim Edlen und Vesten Jakoben von Wohlfurth uf Wohlfurth? Im Jahre 1591 unterschrieb Pfarrer Fischer sein Testament eigenhändig mit Sebastianus Vischer Pfarherr zue Wolffurt. Der bekannte Geograph Merian bezeichnete 1643 unser Schloß in seiner Beschreibung Schwabens auf einem Bild der Stadt Bregenz gar mit Wolffort.4 Wieder hundert Jahre später schuf Blasius Hueber seine Vorarlbergkarte von 1774. Da verwendete er bereits die Schreibart Wohlfurt. Dagegen beharrte das Kaiserliche Oberamt weiterhin auf dem altertümlichen th im Auslaut. In einem Schreiben von 1775 nannte es die fünf Hofsteig-Gemeinden Luterach, Hardt, Wohlfurth, Schwartzach und Stüßberg.5 Die gleiche Schreibung Wohlfurth gebrauchte zu dieser Zeit auch noch der Hofsteig-Ammann Joseph Fischer. In den ersten Seelenbeschrieben ab 1760 verzichteten die Pfarrer J. Andreas Feurstein und Lorenz Gmeiner dagegen jetzt auf das erste h und schrieben auf jede neue Buchseite ihr Wolfurth. Der erste Wolfurter Vorsteher Joh. Gg. Fischer tat es ihnen 1811 noch gleich. Ebenso schrieb auch das Königl. Bayr. Amtsgericht 1808 an Jakob Schertler in Wolfurth. Zu dieser Zeit verfaßte aber der Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider bereits ab 1802 seine Chronik.6 Und dort verzichtete er auch auf das zweite h und schrieb durchgehend das moderne Wolfurt. So schrieben es auch ab 1814 der gelehrte Pfarrer Graßmayer und danach die meisten Vorsteher. Damit schien diese Schreibart zur Regel zu werden. Es folgten aber noch einige Rückfälle. Aus unerklärlichen Gründen wählte in Bregenz der Historiker Weizenegger in seinem dreibändigen Werk Vorarlberg, verfaßt um 1820 und herausgegeben von Pater Merkle im Jahre 1839, durchgehend die ausgefallene Schreibart Wolffurth. Er fand aber keine Nachahmer. Die Lehrer und im Familienbuch von 1850 auch der Gemeindeschreiber blieben bei Wolfurt. Der Vorste6 Bild 3: Hohen-Bregentz und ganz rechts Schloß Wolffort auf einer Merian-Karte von 1643. Vier Jahre später haben die Schweden die Burg Hohen-Bregenz gesprengt. her ließ jetzt sogar einen Stempel Gemeinde Vorstehung Wolfurt anfertigen. Nur die vorgesetzten Ämter brauchten noch etwas länger. Aus Innsbruck kamen 1870 die Verleihung der ersten Postmeisterstelle an Vorsteher Mayer in Wolfurth und die Genehmigung zur Führung einer Stampiglie Postamt Wolfurth ab 1. Jänner 1871. Immer seltener tauchte dann aber in amtlichen Schreiben das altmodische th auf, häufiger noch in privaten Briefen. Als die Vorarlberger Landesregierung der Gemeinde Wolfurt mit der schönen Urkunde vom 6. Oktober 1928 die Führung des alten Ritterwappens als Gemeindewappen bestätigte, stand die Schreibung des Namens Wolfurt in seiner heutigen Form aber nicht mehr in Frage. (Siehe Titelbild!) 7 Bild 4: Ältestes WolfurtDokument (1220) im Landesarchiv: .... aut in Wolfurt semper et in Luterach .... .... Cunradus et frater suus milites de Wolfurt Kaiser für seine vielen Heerzüge nach Italien und zuletzt für seinen Kreuzzug Ritter aus ganz Europa um sich sammelte. Zu solch fahrenden Rittern, die ihr Schwert je nach Aussicht auf Erfolg und Beute wechselnden Herren liehen, gehörten einige Zeit später ja auch die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt. Das berühmteste Bild eines englischen Söldnerführers hat Paolo Uccello 1436 an die Wand des Doms von Florenz gemalt. Er betitelte es mit Johannes acutus eques britannicus. Die Florentiner nannten den gefürchteten Herzog Giovanni acuta, den Scharfen Hans, Ritter aus Britannien. Die Sage von Ritter Wolfford Wo aber stammte dieses Ritterwappen her? Wer trug zuerst den wilden Wolf und das Wasser der Furt auf seinem Schild? Die ältesten Dokumente, die von dem Geschlecht Zeugnis geben, stammen aus der Zeit um das Jahr 1220. Als in Lindau die Seelsorge in den Orten rund um Bregenz geregelt wurde, traten unter den Zeugen zwei Brüder auf: Cun. etfrater suus milites de Wolfurt. Das Pergament mit dem Lindauer Schiedsspruch enthält, allerdings ohne genaue Datumsangabe, die älteste erhaltene Namensnennung von Wolfurt im Vorarlberger Landesarchiv.7 Genau datiert, und zwar auf den 31. März 1219, ist eine Weißenauer Urkunde im Stiftsarchiv St. Gallen. Papst Honorius nimmt darin das Kloster Weißenau unter seinen Schutz, dazu mit all dessen Besitz auch ein Gut in Wolfurt, ... predium in Wolfurt ... Hier ist Wolfurt also erstmals8 als Ort genannt, ein zweites Mal dann auch 1226 bei der Schenkung der Kapelle an Weißenau. Das Adelsgeschlecht hatte sich um diese Zeit bereits über Lindau bis Überlingen ausgebreitet und wurde jetz rasch hintereinander mehrfach in Urkunden erwähnt.9 Die Ritter von Wolfurt galten als Gefolgsleute der Staufer. Man darf annehmen, daß schon Kaiser Friedrich Barbarossa, zu dessen Hausmacht seit der Schenkung von 1157 der Kellhof und die Kapelle St. Nikolaus gehörten, einen seiner Ritter mit der Burg belehnt hat. Unter den Erben von Schloß Wolfurt, auch unter den nachfolgenden Adelsgeschlechtern der Leber, Reichart und Greiffenegg, blieb über Jahrhunderte die Sage vom schottischen Stammvater M'Dewr the Wolf erhalten. Das schottische Wolfford oder Wolvesford hätte sich hier zu Wolfurt gewandelt. Als erster schrieb Weizenegger die Sage um 1820 auf.10 Sie ist keineswegs unglaubwürdig, wenn man weiß, daß der 8 Ritter Konrad Von ihm gibt es zwar kein gemaltes Bild, aber die Forschungen von Karl Heinz Burmeister in den Archiven Schwabens, Ungarns und Italiens stellen uns den mächtigen Feldherrn und Herzog als wichtig- Bild 5: Joannes acutus, der Scharfe Hans, sten Vertreter der Ritter mit dem Wolfs- ein britischer Söldnerführer schild doch deutlich vor Augen.11 In der Vorarlberger Geschichtsschreibung hatte man das Geschlecht lange vernachlässigt. In Ungarn war im Jahre 1308 der Franzose Karl von Anjou König geworden. Um die Macht des einheimischen Adels zu brechen, rief er westeuropäische Ritter ins Land. Unter ihnen befanden sich auch die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt. König Karls Sohn Ludwig der Große, die Ungarn nennen ihn Lajos Nagy, schuf aus Ungarn ein Großreich von der Adria bis zur Ostsee. Als er 1348 auch das Königreich Neapel eroberte, standen neben dem deutschen Herzog Werner von Urslingen die beiden Wolfurter Ritter an der Spitze seiner Söldnerheere. Ulrich wurde Statthalter des Königs in Neapel, Konrad Befehlshaber in Apulien. Als Herzog Werner zum Gegner überging, kam es zu einem grausamen Bürgerkrieg. Italienische Chroniken12 berichten von der ungewöhnlichen Tapferkeit und der Kriegskunst der Wolfurter. Konrad führte seine Scharen durch das Land, plünderte die Städte Foggia, Capua und Aversa und erpreßte von den Gefangenen riesige Lösegeldsummen. Nach seinem Vater Wolf von Wolfurt nannte man ihn jetzt Currado Lupo, Konrad den Wolf. Mit ungeheuren Schätzen an geraubtem Gold und Kirchenschmuck und mit vielen entführten Frauen und Mädchen kehrten die Ritter auf ihre Besitzungen in Ungarn und Schwaben heim und erwarben dort Burgen und Ländereien. 9 Transportunternehmen Wolford und in Florida in den USA eine Autowerkstätte Wolford.14 Am Muddy Creek nahe Kremmling in Colorado wurde erst 1996 ein riesiger See aufgestaut, der den Namen Wolford Mountain Reservoir trägt. Und eine Wolfsfurt über die Lahn gab es einst in der Nähe von Gießen.'15 Wolford Und dann gibt es natürlich auch noch die weltbekannte Bregenzer Firma Wolford, deren Name bei Damen mit schönen Strümpfen und bei Besitzern von steigenden Aktien einen gleichermaßen guten Klang hat. Ich habe mich nach der Herkunft des Namens erkundigt und von der Firmenleitung freundliche Auskunft bekommen. Der Firmenname hat natürlich keinerlei Zusammenhang mit Wolfurt. Es gibt ihn erst seit 1950. Er ist eine Neuschöpfung, wahrscheinlich vom Firmengründer Reinhold Wolff gemeinsam mit seinem Geschäftsfreund Walter Palmers erfunden. Aus dem Geschlechtsnamens Wolff und der nach der erfolgreichen Firma Ford klingenden Endung wurde er zusammengefügt. Palmers selbst hat den Markennamen WOLFORD am 7. April 1950 beim Patentamt in Wien angemeldet. Seit diesem Jahr ist er für den Bereich Gemischtwaren geschützt, von Ackerbau-Erzeugnissen und Arzneimitteln bis hin zu Baustoffen und Maschinen und natürlich auch für Bekleidung und für Web- und Wirkwaren. Die Wolford-Geschichte klingt wie ein modernes Märchen. Hier will ich als Gegenstück zur mittelalterlichen Erfolgsgeschichte des Ritters Konrad ein paar Daten daraus aufzeigen und vielleicht einige Leser auf deren Aufarbeitung im 50. Jubiläumsjahr neugierig machen. Reinhold Wolff, geboren 1905 in Hard, hatte mit seinem Vater Johann Wolff und seinen Brüdern in Hard im Jahre 1928 die Firma Vlbg. Wirkwaren Gebr. Wolff gegründet. Vor allem mit ihrer Unterwäsche konnte sich die Firma seither durchsetzen und beachtlich ausweiten. Ein Filialbetrieb gibt seit 1960 an unserer Achstraße als Näherei Wolff auch vielen Wolfurterinnen einen Arbeitsplatz. Im weltpolitisch kritischen Jahr 1936 gründete Reinhold Wolff allein eine Wirkwarenfabrik in England und hatte dort mit 100 Mitarbeitern bei der Erzeugung feinster Damenwäsche großen Erfolg. Bei Kriegsbeginn wurde er 1940 auf der abgelegenen Insel Man interniert und dann 1944 im Gefangenenaustausch nach Hard entlassen. Unter ungeheuren Schwierigkeiten begann er dort 1946 in der alten Mühle mit der Erzeugung von Socken und Strümpfen. Die große Nachfrage zwang ihn schon 1948 zum Bau einer Fabrik auf dem ehemaligen Exerzierplatz in Bregenz. Ab 1950 und jetzt unter dem Markennamen WOLFORD fertigte er auf alten amerikanischen Maschinen Damenstrümpfe aus Kunstseide und bald auch aus Nylon und Perlon. Im Jahre 1965 waren bereits über 1000 Mitarbeiter in den ständig erweiterten und jetzt mit modernsten Maschinen ausgerüsteten Werkshallen beschäftigt. Die nachfolgenden Jahrzehnte brachten mit immer neuen modischen Produkten und der Gründung zahlreicher Handelsniederlassungen eine Ausweitung von Wolford auf ganz Bild 6: Schloß Wolfurt 1950 Auf dem Millenniumsplatz in Budapest stellt seit 1896 ein Relief den König Lajos Nagy mit seinen Rittern und den ihm huldigenden Frauen von Neapel dar. Die Legende erzählt, er habe den Frauen die Freiheit geschenkt. Als Gesandter des Königs reiste Ulrich 1352 zum Papst nach Avignon. Dieselbe hohe Ehre fiel 1355 seinem Bruder Konrad zu, an dessen Seite damals Marquard aus dem aufstrebenden Geschlecht der Edlen von Hohenems als Begleiter ritt. Neben seinen Schlössern in Ungarn, im Schwabenland und in der Schweiz besaß Konrad die Burg Guglionese im Apennin. Er kaufte 1363 Burg und Stadt Arbon und siegelte den Vertrag mit seinem italianisierten Namen CORADUS D UULFORT. Ein Jahr später ließ er aber in einen (vermutlich geraubten) Kelch wieder sein CUNRADUS DE WOLFURT MILES eingravieren. Diesen Kelch stiftete er im Kloster Pfäfers ob Sargans der Muttergottes. Reue über seine Untaten spricht aus der Stiftungsurkunde: ".... Ritter Konrad ...für das Heil seiner Seele, für das Seelenheil seiner Vorfahren, und für das Seelenheil aller derjenigen, die von ihm in Leib und Gut, tödlich oder auf irgend eine andere Weise verletzt worden sind."'13 Im Jahre 1369 ist er gestorben. Mit der Sage vom Ritter Wolfford aus Schottland läßt sich am ehesten das späte und dann plötzlich sehr häufige Auftauchen des Namens Wolfurt ab dem Jahre 1219 erklären. Am Talrand gab es ja schon lange Zeit vorher eine Ansiedlung, für welche aber bis in das 12. Jahrhundert nur der Name der Kapelle St. Nikolaus bekannt war. Die Ortsnamen Rickenbach, Lauterach, Schwarzach, Bildstein und Buch kommen in anderen deutschsprachigen Ländern noch mehrfach vor. Der Name Wolfurt ist dagegen einmalig. Nirgendwo sonst habe ich ihn bis jetzt gefunden. Am ehesten hat er noch einen ähnlich klingenden Doppelgänger in Wolfforth, einer kleinen Stadt nahe der Wüste Llano estacado in West-Texas. In England gibt es ein 10 11 Europa und darüber hinaus. Nach dem Tod des Gründers Reinhold Wolff im Jahre 1972 formten die Nachfolger die Firma 1988 in eine Aktiengesellschaft um. Der Aufwärtstrend blieb ungebrochen. Bei nunmehr rund 3000 Mitarbeitern meldete die Firmenleitung 1999 für das letzte Geschäftsjahr bei 1, 83 Milliarden Schilling Umsatz einen Gewinn von über 16 Prozent.16 Wahrhaftig viel Geld und hohe Ehre für den schönen Namen! Wie aber schrieb Theresia Mohr-Wachter in ihrem Bekenntnis zum Heimatdorf? Mi Wolfurt, des ischt m 'r des liobscht uff-or Wealt. I gab 's um koa andors und nitt um viel Geald! Siegfried Heim Die Haltmayer Im Mai 1999 besuchte überraschend Brigadier Med.-Rat Dr. Manfred Haltmayer aus Wien seine Verwandten in Wolfurt. Die nahmen das zum Anlaß eines kleinen Sippentreffens im Kultursaal der Gemeinde. Ich habe dazu die vielen Wolfurter Haltmayer-Stämme durchforscht. Weil weit mehr als hundert Nachkommen-Familien unter uns leben, möchte ich hier einige Ergebnisse vorlegen. Sie berichten vom Werden und Vergehen des einst bedeutendsten Wolfurter Geschlechtes. Der Name Haltmayer wird auch Haltmayr, Haltmeier oder Haltmeyer geschrieben. Er ist zusammengesetzt aus dem alten halt und meier. halten bedeutet ursprünglich behüten, versorgen. Der Meier ist der Verwalter eines Hofes oder auch eines ganzen Landes. Die Bregenzer Haltmayer Während der seltene Geschlechtsname um 1600 in Wolfurt noch unbekannt war, vermeldet das erste Bregenzer Taufbuch zwischen 1587 und 1661 die Taufen von insgesamt 76 Haltmayer-Kindern von 39 unterschiedlichen Elternpaaren. Schon um das Jahr 1500 hatte ein Hans Haltmayer das Schloß Niedegg - so hieß damals die Riedenburg - besessen.1 Ein Andreas Haltmayer, geboren 1599 in Bregenz als Sohn des Bauern Johann Haltmayer, studierte in Dillingen und wirkte als Jesuit lange Zeit in Innsbruck.2 Wahrscheinlich stammen auch die Hörbranzer Haltmayer, die sich heute Haltmeier schreiben, aus Bregenz. Ihr bekanntester Vertreter war Dr. Georg Haltmeyer, 18031867, der als Gründer der Technischen Universität am Karlsplatz in Wien gilt. In Hörbranz umfaßt das Geschlecht noch fünf Familien. Fünf weitere gibt es in Bregenz. Sonst ist der Name in Vorarlberg äußerst selten geworden. Nebenbei sei nur noch vermerkt, daß eine Petra Haltmayer aus dem Allgäu derzeit zu den WeltcupSchiläuferinnen zählt. 1 2 3 Kleiner, Der hofsteigische Landsbrauch, LMV 1900, S. 135 Burmeister, Siegel der Edlen von Wolfurt, Eisenstadt 1984, S. 26 ff GA Wolfurt, Brunnenbriefe. Siehe Heimat Wolfurt, Heft 23/1999! VLA, Merian, Topographia Sueviae, Frankfurt 1643 GA Wolfurt, Fischer-Chronik, S. 46 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 VLA, Helbok-Regesten, Nr. 362, S. 176 VLA, Helbok-Regesten, Nr. 353, S. 173 Damit möchte ich meine Aussage in Heft 22, S. 14, auf 1219 korrigieren. VLA, Helbok-Regesten, Nr. 363, 381, 390, 419, 440 Weizenegger-Merkle, Vorarlberg 1839, Bd. 2, S. 350 Burmeister, Ritter Konrad von Wolfurt, LMV 1982 und Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Lindau 1984 Zitiert in Bronner, Werner von Urslingen, Aarau 1828 (VLA) Burmeister, Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Lindau 1984, S.40 Mitteilung von Wolford-Bregenz v. 22.3.1995 Forschungen von Michael Sinz im Internet, Januar 2000 VN, Wolfordin Topform, 10.7.1999, Titelseite 5 6 7 8 9 Die Wolfurter Haltmayer In Wolfurt gehen die Anfänge des für unser Dorf so wichtigen Geschlechtes auf die Zeit des Dreißigjährigen Krieges zurück. Durch die Pest war 1635 die Hälfte der Bevölkerung ums Leben gekommen. Manches Haus stand leer. Damals ist aus Bregenz der Stammvater Mathias Haltmayer als Adlerwirt nach Rickenbach zugezogen. Er ist laut dem ältesten Bregenzer Taufbuch3 am 10. Februar 1610 in Bregenz als Sohn des Kaspar Haltmayer und der Ursula Höfle geboren worden. Kaspar taucht als Leitname des Geschlechtes bei den Nachkommen noch oft 13 10 11 1 13 14 15 16 12 auf, ebenso wie der der Mutter Ursula und der Schwester Magdalena. Auch der Geschlechtsname Höfle deutet auf eine Verbindung nach Wolfurt, " wo er in der Pfarre häufig vorkam. Seither gibt es in den Pfarrbüchern zwei Haltmayer-Stämme. Das Familienbuch zählt bis zum Jahre 1760 bereits 20 Familien auf. Im Jahre 1760 besaßen sie zehn der insgesamt 148 Wolfurter Häuser und zwei weitere in Schwarzach. Von ihnen allen lebt der Name heute nur mehr in den Familien der Brüder Kurt und Norbert Haltmayer fort. In Wolfurt gehören zum Stamm Haltmayer I vor allem die Gerber-Haltmayer im Kirchdorf und die Küfer in der Bütze, zum Stamm II die sehr einflußreichen Rickenbacher Wirte von Adler und Kreuz. Die beiden Stämme gehen auf zwei Brüder zurück, zwei Söhne des Rickenbacher Adlerwirts Mathias Haltmayer.4 Georg Haltmayer, gest. 27.1.1723, war der Stammvater der Gerber, und Kaspar Haltmayer, gest. 8.3.1720, war der Stammvater der Wirte. Ihren Nachkommen ist weiter unten ein umfangreiches Kapitel gewidmet. Vorher möchte ich jedoch einige wichtige Vertreter des Geschlechts herausheben. Mathias Haltmayer, 1610-1684, der Gründer Pest, Hunger und Krieg! In ganz schweren Zeiten waren Mathias und seine Schwester Magdalena in Bregenz zur Welt gekommen. Starke Klimaveränderungen hatten in wenigen Jahrzehnten zu einer Reihe von Mißernten und zum Niedergang des Weinbaus geführt. Im Jahre 1609 waren in Bregenz 16 Hexen verbrannt worden, die meisten davon aus Wolfurt. Weitere Hinrichtungen folgten. Im Jahre 1618 begann der Dreißigjährige Krieg, in dem schließlich 1647 auch Bregenz erobert und geplündert wurde. Vorher war in mehreren Pest-Epidemien ein großer Teil der Einwohner gestorben, in den Hofsteiger Dörfern etwa die Hälfte. Wolfurt und Rickenbach hatten zusammen 70 Häuser mit rund 400 Einwohnern. Nach den Erscheinungen in Bildstein im Jahre 1629 begann dorthin ein gewaltiger Pilgerstrom zu fließen. Das eröffnete in diesen düsteren Zeiten in Rickenbach einem Gastwirt eine gute Chance. Um das Jahr 1640 dürfte Mathias seine Frau Anna Reinberger geheiratet und mit ihr den ersten nachweisbaren Rickenbacher Gasthof übernommen oder vielleicht selbst eröffnet haben. Von ihren Kindern finden sich sieben in den 1650 begonnenen Wolfurter Pfarrbüchem, davon nur die jüngsten drei in den Taufbüchern. Die Gastwirtschaft blühte auf, besonders als von 1663 bis 1670 in Bildstein die großartige Wallfahrtskirche gebaut wurde und nun jedes Jahr Zehntausende von Pilgern den Weg dorthin suchten. Ab wann das Gasthaus den Namen Adler getragen hat, ist nicht nachweisbar, wohl aber, daß hier schon 1661 Graf Karl Friedrich von Hohenems Einkehr gehalten hat.5 Das als Wirt erworbene Vermögen vergrößerte Mathias Haltmayer noch als Frachter und Handelsmann. Das erfahren wir aus einer in der Rickenbacher Kapellen-Chronik überlieferten Schrift, die einst den Rahmen des Nothelferbildes zierte. Am Rand des 14 Bild 7: Der ehemalige Gasthof Adler am Kellaweg um 1935. Auf dem Motorrad Hans Stark. als Hexentanzplatz berüchtigten Dellenmooses, wo jetzt ein Erddamm als Dellenmos Brug die Landstraße auf kurzem Weg durch den gefährlichen Schlattsumpf nach Schwarzach leitete, ließ Haltmayer 1676 eine Kapelle mit einem großen Nothelferbild errichten. Zwei Jahre zuvor hatte der Rickenbach mit zwei Überschwemmungen am 12. und am 23. August 1674 grosen Schaden gethan.6 Jetzt sollte das Nothelferbild nicht nur den Rickenbacher Besitz, sondern auch Haltmayers Fracht-Fuhrwerke schützen. Er empfahl sie daher St. Loy, dem Hl. Eligius, der als Patron der Schmiede und der Frachter gilt. Die leider inzwischen verschwundene Schrift lautete: Zu Ehren der Hl. Dreifaltigkeit, der Hl. Jungfrau Maria, St. Loy und St. Antonius. Matthias Haltmayer hat 1676 dieses Bild errichtet, folgende Wohltäter haben dasselbe bis jetzt erhalten: 1707 Kaspar Haltmayer, 1720 Anton Haltmayer, Bildstockmauer erbaut; 1776 Andreas Haltmayer renoviert; 1825 Leonhard Fink renoviert; 1865 JosefAnton Fischer; 1902 Johann Georg Fischer zum Adler; 1924 für die Kapelle renoviert Lorenz Gunz. Mit Ausnahme des letzten waren alle Wohltäter Adlerwirte und direkte Nachkommen des Mathias. Im Jahre 1914 wurde die Kapelle, die nahe beim Haus Dornbirnerstraße 15 stand, abgebrochen. Das alte Bild, vor welchem bis dahin noch die Wolfurter und die Schwarzacher Bittprozessionen eine Station gehalten hatten, wurde in die Kapelle Rickenbach übertragen. Kaspar Haltmayer, um 1640-1720, Adlerwirt und Hofsteig-Ammann Kaspar war vermutlich der älteste Sohn des Adlerwirts Mathias Haltmayer. Während wir aber dessen Geburtsdatum im Bregenzer Taufbuch finden können, ist das des Kaspar unbekannt. Im Trauungsbuch sind seine vier Eheschließungen eingetragen. Dabei fungierte bei der ersten im Jahre 1670 noch der Vater Mathias als Trauzeuge, bei den späteren dann seine Brüder Georg und Joseph. 15 Bild 8: Siegel des Kaspar Haltmayer Ammann zu Hofstaig um 1700 Kaspar übernahm den Gasthof Adler samt Frächterei und Weinhandel. Wegen seines hohen Ansehens und seines Vermögens wurde er in den Notjahren nach den Türkenkriegen zwischen 1695 und 1710 dreimal zum Hofsteig-Ammann gewählt. Als amtliches Siegel verwendete er ein Bild, auf dem zwei aufrechte Löwen ein mit einer fünfzackigen Krone geschmücktes riesiges Ei halten. Beim Adler sammelten sich 1706 die gegen die hohen Steuern rebellierenden 2000 Bauern aus dem Bregenzerwald und aus Dornbirn. Obwohl die Kapuziner sie aufhalten wollten, marschierten sie am 13. Mai 1706 mit Äxten, Säbeln, Sensen, Morgensternen und Gewehren zur Lauteracher Achbrücke und von dort mit Trommelwirbel in die Stadt Bregenz. Voller Angst flohen die Beamten und die kaiserlichen Soldaten. Auch später stand Haltmayer auf der Seite des Kämpfers Jerg Rohner.7 Seine Tochter Anna wurde 1729 sogar dessen dritte Ehefrau. später den Namen Engel bekam. Enkel Andreas übernahm den Adler. 1774 erbaute Urenkel Anton Haltmayer schließlich auch noch das Kreuz. Zu so großem Reichtum gelangte der tüchtige Wirt und Stoff-Fergger, daß er 1788 für 6300 Gulden das große Wolfegg-Haus an der Bregenzer Kirchstraße kaufen konnte. Nur zehn Jahre später verkaufte er es bereits wieder für sagenhafte 11 500 Gulden. Wir kennen das stolze Haus heute als unser Landesarchiv.9 Da konnte der alte Gasthof Adler an dem längst zur Nebenstraße gewordenen Kellaweg nicht mehr mithalten. Um das Jahr 1800 errichtete Johann Haltmayer, Wirt und Weinhändler und dazu auch noch Baumwoll-Fergger, seinen Gasthof ganz neu an der Straße nach Dornbirn. Johann Haltmayer, 1862-1924, Kreuzwirt Nach weniger als hundert Jahren war der Name Haltmayer aus fast allen Gasthöfen bereits wieder verschwunden. Als letzter sollte 1888 nach dem Tod der Wirtsleute noch das Kreuz versteigert werden. Von den elf Kindern waren etliche bereits gestorben. Drei Töchter waren Gastwirtinnen im Lamm und im Löwen geworden. Der Sohn Johann Georg ging als Jesuit in die Mission nach Brasilien. Johann, der jüngste Sohn, war Lehrer im Bregenzerwald. Jetzt gab er aber den Lehrberuf auf und wurde daheim in Rickenbach Kreuzwirt. Die letzten Weinberge am Rutzenberg ließ er aufgehen, den letzten Wolfurter WeinTorggel brach er 1897 ab. An dessen Platz hinter dem Kreuz baute er ungeheuer große Keller. Erstmals in Wolfurt verwendete er dabei Zement. In 20 riesigen Fässern konnte er jetzt fast 50 000 Liter Wein einlagern, den die neue Arlbergbahn kostengünstig aus Südtirol nach Schwarzach lieferte. Bald waren die Haltmayer-Weine im ganzen Land bekannt. Als die Stickerei ab 1901 große Gewinne abwarf, erbaute er als einer der ersten in Vorarlberg am Wiesenweg eine Halle für die neuen Schiffle-Stickmaschinen und ein paar Jahre später eine zweite, größere, dazu. Allem Neuen war er aufgeschlossen. Führend tätig finden wir ihn bei der Gründung von Feuerwehr und Raiffeisenkasse. Er wird Obmann des Turnvereins, der Vorarlberger Viehzuchtgenossenschaft und des Landes-Bienenzuchtvereins. 20 Jahre lang diente er der Gemeinde vorbildlich im Gemeinderat. Daß er dabei seine Gaststube nicht vergaß, die er im Jahre 1896 mit dem heute noch erhaltenen schönen Kreuz-Schild schmückte, beweist der hartnäckige Kampf mit dem Adlerwirt Alt-Vorsteher Fischer. Als nämlich der Lehrer Rädler im Auftrag der Gemeinde 1901 eine Straßenbahn nach Dornbirn plante, bekämpften sich die beiden Wirte bis aufs Blut. Jeder wollte die Haltestelle vor seiner Haustüre haben. Von Johann Haltmayers Söhnen starb Manfred 1921, Josef 1931. Damit erlosch nach 300 Jahren das Geschlecht der Haltmayer-Wirte in Rickenbach. Martin Haltmayer I., 1735-1818, Gerber im Kirchdorf Seit drei Generationen betrieb ein Zweig der Rickenbacher Haltmayer in einem klei17 Immer wieder litten der Adler und die umliegenden Häuser unter schlimmen Überschwemmungen durch den Rickenbach. Auf die Katastrophe von 1701 folgte nach einem Erschröcklichen Wolchenbruch eine weitere am späten Abend des 20. August 1702. Schon hatte das Wasser ein Haus, etliche Stadel und die neuerbaute Mühle im Tobel weggerissen, man hat geglaubt der Jüngste Tag werde Komen, die Rickenbacher haben mit einander ein Kapelen verlobt} Tatsächlich erbauten die Rickenbacher nun unter Leitung ihres Ammanns Haltmayer neben der Brücke eine Kapelle für ein großes Dreifaltigkeitsbild mit Mariens Krönung. Mehr als zweihundert Jahre lang beteten sie alljährlich am Dreifaltigkeits-Sonntag davor einen Psalter mit der Bitte um Schutz vor dem Wildbach. Die Kapelle mußte später an die steile Straße nach Bächlingen verlegt werden. Vor einigen Jahren wurde das Hochwasserbild ins Museum nach Bregenz gebracht. Ammann Kaspar Haltmayers Nachkommen weiteten den Familienbesitz gewaltig aus. Der Enkel Kaspar kaufte 1735 das zweite Rickenbacher Gasthaus, den Löwen. Sein Bruder Melchior erwarb gleichzeitig die Krone in Schwarzach, jenes große Gasthaus, das neben den Bildstein-Pilgern auch viele Wälder Frachter beherbergte und 16 Die Wolfurter Haltmayer Einige ihrer Hauptlinien in vier Haltmayer-Häusern. Die zahlreichen anderen Linien lassen sich daraus ableiten. nen Haus im Kirchdorf das ehrsame Gerber-Handwerk. Großvater Georg hatte 19 Kinder, Vater Kaspar 8 und nun Martin selbst auch 9. Eine so große Kinderzahl war damals durchaus üblich. Das ungewöhnliche ist aber, daß von diesen 36 Kindern 27 groß wurden und heirateten! Daraus ergibt sich eine überaus große Anzahl von Seitenlinien und Nachkommen. Martin scheint als erster zu Geld gekommen zu sein. Jedenfalls konnte er nach dem Loskauf der Kellhof-Güter von Ems im Jahre 1771 ein Stück des gräflich-emsischen Weingartens in der Bütze kaufen. Darauf erbaute er für seinen ältesten Sohn Michael im Jahre 1797 ein für jene Zeit außergewöhnlich großes Haus, heute Heims in der Bütze. Als dort am 13. Juli 1800 plündernde französische Soldaten eindrangen, wehrte sich Michael und wurde erschossen. Ein Jahr später überließ Vater Martin die Gerbe im Dorf seinem zweiten Sohn Mathias und übersiedelte selbst mit dem Rest der Familie in die Bütze. Von seinen Söhnen wurde Josef Goldschmied und erfolgreicher Kaufmann in Feldkirch.10 Von der Tochter Theresia stammen die Böhler-Holzerschmiede und die Bildstein im Röhle mit allein über 100 Nachkommen-Familien. Der Sohn Kaspar Haltmayer begründete in der Bütze die Linie der Küfer-Haltmayer. Martin Haltmayer II., 1803-1874, Gerber im Kirchdorf Schon sein Vater Mathias, ein Sohn von Martin L, hatte die Gerberei vergrößert und dazu zwei neue große Häuser nahe beim Engel im Kirchdorf gebaut. Viele Gesellen fanden hier Arbeit. Einige blieben im Ort und gründeten neue Fmilien. Darunter waren Josef Heim aus Hergensweiler, Gottfried Klien aus Hohenems und später Hermann Peter aus Hohenems. Das Vermögen des Gerbers stieg an. 1860 konnte er die ehemalige Dür-Schmiede im Röhle mit großem Grundbesitz kaufen, ein Jahr später sogar sein Nachbarhaus, den Gasthof Engel. Martin Haltmayer zahlte jetzt in Wolfurt am meisten Steuern, mehr als der reiche Müller Zuppinger in Rickenbach, doppelt so viel wie die großen Gastwirte.11 Dafür gehörte er auch viele Jahre lang dem Gemeinderat an. Den Höhepunkt erreichte das Gerbergeschäft, als Haltmayer um 1870 große Ballen von getrockneten Bisonhäuten aus dem Wilden Westen Amerikas bezog. Es war ja die Zeit, in der Buffalo-Bill und andere Jäger innerhalb weniger Jahre dort die riesigen Büffelherden nahezu ausrotteten. An Seilen sollen die Gerber die Häute zum Aufweichen von der Achbrücke ins Wasser gehängt haben. Unbekannt ist, ob Haltmayer damals Kontakt mit den Dutzenden von Wolfurtern gehalten hat, die kurz zuvor nach St. Louis und nach New Ulm in den Wilden Westen ausgewandert waren. Zweimal hat Martin IL geheiratet. Jede der Frauen schenkte ihm acht Kinder. Einige davon begründeten neue große Sippen. Der riesige Besitz wurde verteilt. Sohn Augustin bekam den Gasthof Engel und wurde dort 1890 erstochen. Zwei Jahre später übernahm der ehemalige Gerberknecht Peter das Gasthaus. Sohn Ferdinand bekam die Gerberei. Aber die goldenen Zeiten waren vorbei. Bald nach dem Ersten Weltkrieg mußte der einstmals so großartige Handwerksbetrieb eingestellt werden. 18 19 Die Haltmayer-Nachkommen Ungeheuer groß ist ihre Zahl - beinahe wie Sand am Meer! Mit der folgenden Auflistung, die ganz sicher noch große Lücken aufweist, will ich bewußt machen, wie stark das Blut eines einzigen Elternpaares das Leben der Dorfgemeinschaft bestimmt hat. Mathematiker wissen allerdings, daß in der 11. Generation nur mehr ein einziger von 1024 Blutstropfen Haltmayer-Blut ist. Ahnenforscher ergänzen aber dazu, daß bei diesem Abstand bereits sehr viele Vorfahrenpaare ident sind, daß also viele Wolfurter auf mehreren Linien vom Stammvater Mathias Haltmayer abstammen. Die Übersicht auf Seite 18 enthält nur jene vier Hauptlinien der Haltmayer, die über viele Generationen in den vier Stammhäusern verblieben sind. Weit mehr als hundert andere Familien stammen aus Seitenlinien. Nur mehr zwei tragen den alten Stammes-Namen. A Stamm der Gerber Im Jahre 1671 hatte (3a) Georg Haltmayer aus dem Adler in Rickenbach ins Kirchdorf geheiratet und dort in einem kleinen Haus im röle den Stamm der Gerber begründet. Sein Urenkel (6a) Mathias baute 1818 auf der Ostseite der Straße am Hang ein neues Gerberhaus und 1826 auf der Westseite für seinen Sohn (7a) Martin ein zweites, die große Gerbe. Im ostseitigen Haus wurden später die vielen Gesellen untergebracht. Mit ihrer Schwester Ingeborg Haltmayer-Cesa sind Kurt und Norbert Haltmayer als Kinder des (10a) Wilhelm Haltmayer noch in der um das Jahr 1975 abgebrochenen alten Gerbe im Dorf aufgewachsen. Dort wurde bald darauf der neue Gasthof Engel gebaut. Nahe Verwandte zu Gerbars sind die Familien Spirig und Ulimann. Sehr viele Familien leiten sich von Rosina Haltmayer, 1836-1880, einer Tochter des reichen Gerbers und Gemeinderates (7a) Joh. Martin Haltmayer, ab. Aus ihrer ersten Ehe mit Josef Anton Schertler im Röhle stammen u.a. Hans-Marteles und Thedoros (z.B. Wachters und Steifs), aber auch Holzarschmiods Böhler Augusts Kinder und Schuhmachar-Köbs an der Kellhofstraße. Aus Rosinas zweiter Ehe stammen Köbo Ferdeles Vorsteher Ferdinand Köbs Kinder im Strohdorf mit sehr vielen Familien und Kliens im Oberfeld, Heimich Kliens Kinder. Ein älterer Zweig der Gerber leitet sich von Theresia Haltmayer, geboren 1781 als Tochter des (5a) Martin Haltmayer, ab. Sie war in Spetenlehen mit dem Schmied Hieronymus Böhler verheiratet. Von ihrem Sohn Jakob Böhler, dem ersten Schmied im Holz, stammen alle 20 Bild 10: Gerberei Haltmayer im Kirchdorf um 1920 (z.B. Geigers im Röhle, Guldenschuhs in Unterlinden, Sammar-Fischers, Liberat-Schwärzlers, Klimmer Alberts u.a.) Von Theresias Tochter Anna Maria Haltmayer, die 1848 den Wagner Fidel Bildstein im Röhle geheiratet hatte, stammen allein mehr als hundert Familien in Wolfurt, Bregenz, Lauterach und weit zerstreut bis in Amerika. Hier nenne ich nur, stellvertretend für viele andere die Lislo Gmeiner Kassians im Röhle Lohansolar-Bernhards und Seppatone-Köbs Einen besonders großen Zweig begründete auch Aloys Haltmayer, 1763-1844. Er war ein Enkel des (4a) Kaspar Haltmayer und besaß ein Haus im Gässele hinter dem Alten Schwanen. Seine Frau M. Kath. Schwerzler war eine Tochter der Katharina Haltmayer, geb. 1737 im Löwen, und des Dellenmoosmüllers J. Gg. Schwerzler (Siehe weiter unten unter Adlerwirts!). Aloys Haltmayers Tochter Katharina Haltmayer, 17921856, heiratete den Feger Xaver Albinger. Von ihnen stammen Schnidarles (Eberles, Schandarm-Fischers, ...) Feogars (Albingers, Stenzels, ...) Hirschenwirts (Schertler Seppls im Flotzbach und Vonachs im Frickenesch) Hohls mit ihren vielen Familien an der Ach und im Röhle Metzgar Reiners und Frisör Reiners. Schließlich gehören zu dieser Sippe auch noch die Bäcker-Letsch im Hirschen mit unserem berühmten Maler Louis Letsch, 1856-1940, dem „Meister der Blume". 21 Holzerschmiods Noch älter ist der Zweig des Martin Haltmayer, 1732-1788, Schreiner auf dem Bühel. Er war ein Enkel des (3a) Georg Haltmayer. Von seiner einzigen Tochter Anna M. Haltmayer, die 1788 den Bildsteiner Lehrer Jakob Köb heiratete, der darauf das Schreinergeschäft übernahm, stammen u.a. die Familien der Schrinar-Köbs auf dem Bühel Gallar-Köbs (z.B. Aichholzers) Lehrar-Köbs Meßmars, Molars, Hilares, Seppatones, ... Ebenfalls auf (3a) Georg Haltmayer geht ein weiterer bedeutsamer Zweig zurück. Seine Urenkelin Magdalena Haltmayer heiratete 1770 Joh. Michael Ibele aus dem Schwabenland. Von ihnen stammen nicht nur die vielen Ibele-Familien in Bregenz und Flötzars Vonachs im Frickenesch, sondern auch die Dörfler-Mohr (Dr. Hermann Mohrs, Lehrer Mohrs und Gebhard Mohrs Kinder, sowie Albingers im Strohdorf). B Stamm der Küfer Als Seitenstamm der Gerber spalteten sich in dem vom Gerber (5a) Martin Haltmayer im Jahre 1797 erbauten Haus in der Bütze die Küfer-Haltmayer ab. Das Stammhaus kam 1891 durch die Einheirat von Josef Heim an die Familie Heim. Im Jahre 1992 wurde es (Bützestraße 4) durch Helmut Heims Kinder von Grund auf erneuert. Zu dieser Linie gehören also die vielen Familien Heims in der Bütze. Von den elf Kindern des ersten Küfers (6b) Kaspar Haltmayer heiratete Anna Maria 1840 den Ferdinand Mesch an der Kirchstraße. Von ihnen stammen Mäschos und Hans-Irgos Eugen Rists Kinder. Von Kaspar Haltmayers Tochter Kreszentia stammten als Enkel auch noch Räschles die ehemaligen Flaschner im Tobel. Kaspars jüngster Sohn Ferdinand Haltmayer übersiedelte als Postbeamter nach Innsbruck, der Enkel Dr. Alfons Haltmayer als Mathematikprofessor nach Wien. Von dort hält der Urenkel Dr. Manfred Haltmayer, Jg. 1921, Verbindung mit der Stammheimat Wolfurt. Er war als Brigadier einer der ranghöchsten Ärzte im österreichischen Bundesheer. Als begeisterter Reiter hat er um 1970 die Hippo-Therapie mitbegründet. C Stamm der Adlerwirte In seinem Gasthaus in Rickenbach begründete Stammvater (2) Mathias Haltmayer, 1610-1684, das Geschlecht der Wolfurter Haltmayer. Um das Jahr 1800 verlegte (6c) Johann Haltmayer den Gasthof Adler von der Nordseite des Kellawegs an die Dornbirnerstraße. Bis 1904 blieb dieser in Familienbesitz, wenn auch durch Einheirat von Schwiegersöhnen nacheinander unter den neuen Namen Zumtobel, Fink und 22 Fischer. Alt-Vorsteher (9c) Joh. Georg Fischer, der hier auch eine Brauerei betrieben hatte, mußte den Adler schließlich 1904 verkaufen. Seither ist er unter wechselnden Besitzern und Pächtern ein angesehener Gasthof geblieben. Zu den sehr zahlreichen Nachkommen des Adlerwirts (9c) J. Gg. Fischer zählen Dr. Elmar Fischer, Jg. 1936, Generalvikar für Vorarlberg, und Richard Kurt Fischer, 1913-1999, Bildender Künstler in Innsbruck. Barbara Haltmayer, eine Schwester der Adlerwirtin (7c) Katharina, war mit dem Seiler Nikolaus Klocker verheiratet. Von ihr stammen die Soalar-Klocker an der Hub. Zwei wichtige Seitenlinien aus dem alten Adler gehen von (4c) Anton Haltmayer aus. Dessen ältester Sohn Kaspar Haltmayer, 1713-1748, hatte 1735 von der Wirtsfamilie Köhlmayer den zwei- Bild 11: Brigadier Dr. Manfred Haltmayer, Wien ten Rickenbacher Gasthof Löwen gekauft. Die Enkelin Katharina, geboren 1737, heiratete den Dellenmoos-Müller Joh. Gg. Schwerzler. Ihre Nachkommen sind die Schwärzler-Dynastien aus Schwarzach, zu denen u.a. die Schwarzacher Kohler und die Pircher-Schwärzler in Bregenz zählen. Von ihnen nenne ich hier nur Hans Kohler, Jg. 1947, Bürgermeister in Rankweil. Ein weiterer Sohn des (4c) Anton war Melchior Haltmayer, 1715-1772, der als Kronen-Wirt in Schwarzach hohes Ansehen gewann. Die Enkelin Maria Anna Haltmayer, 1744-1817, wurde in Rickenbach die zweite Gattin des Hofsteig-Ammanns Josef Fischer. Dieser hatte als Nachfolger von Kaspar Haltmayer den Gasthof Löwen übernommen. Von ihren neun Kindern stammen die vielen Familien der Löwenwirtler-Fischer Zu diesen zählen auch Rößlewirts (z.B. Müllers im Röhle) Märtolars (z.B. Geigers im Röhle und Kirchbergers) Sammars und Alt-Adlerwirts. Manche davon sind bereits weiter oben genannt und besitzen also aus mehreren Linien Haltmayer-Blut. 23 Noch eine ganz besondere Linie geht von Maria Haltmayer, 1671-1721, aus, der ältesten Tochter des Ammanns (3c) Kaspar Haltmayer. Sie wurde durch ihre Tochter Ursula Gmeiner die Stammmutter aller Spetenleher-Fischer. Einer ihrer Enkel in Spetenlehen war der vprhin genannte Löwenwirt und HofsteigAmmann Josef Fischer, der also ebenso wie seine Ehefrau Haltmayerblut vererbte an die Löwenwirtler und die weiter oben bereits genannten Familien. Ein zweiter Enkel war Josefs Bruder Joh. Martin Fischer in Spetenlehen. Von dessen Sohn, dem ersten Wolfurter Vorsteher Joh. Georg Fischer, 1760-1817, 12 gehen noch einmal viele Linien aus: Schützenwirts in Spetenlehen Lammwirt-Fischers: z.B. Lehrer Mohrs, Vorsteher Hintereggers, Sternwirt Fischers Fischer Adolfs und Fischer Ruperts in Spetenlehen die Lutzo-Gmeiner in Spetenlehen und Ratzers im Strohdorf Fischer Hermanns und Fischer Alfreds auf der Steig Heims in der Bütze Nagler Kalbs im Tobel und noch viele andere. D Stamm der Kreuzwirte Im Jahre 1774 erbaute Anton Haltmayer, ein Sohn des Adlerwirts (5c) Andreas Haltmayer, auf dem Platz von zwei abgebrochenen oder abgebrannten alten Häusern den dritten Rickenbacher Gasthof Kreuz. Bis zum Tod von Josef, dem älteren Sohn des (9d) Johann Haltmayer, im Jahre 1931 blieb das schöne Haus in Familienbesitz. Beim plötzlichen Tod des zweiten Sohnes (lOd) Manfred im Jahre 1921 erwartete seine Braut ein Kind. So führt nun nach dem Enkel Manfred Füchsl, 1922-1984, die Linie weiter zu Füchsls am Wiesenweg. Aus früheren Kreuzwirt-Generationen sind zwar viele Kinder, aber nur wenige Enkel bekannt. Von (8d) Johann Haltmayer heiratete Tochter Paulina den Löwenwirt Franz Josef Fischer und wurde damit die letzte Löwenwirtin. Der bekannte Gasthof ist 1912 abgebrannt. Zwei weitere Töchter des Kreuzwirts, Maria Bild 12: Josef Haltmeyer, 1891-1931, Anna und Maria Katharina heirateten nacheinder letzte Haltmayer-Wirt 24 Bild 13: Die jüngsten Wolfurter Haltmayer (1999): Ingeborg, Norbert und Kurt Haltmayer mit ihren Ehepartnern. In der Mitte Reinhard, Jg. 1971. ander den Lammwirt Gebhard Fischer. Ihre vielen Nachkommen sind heute, wie auch die Löwenwirtler, weit in alle Welt zerstreut. Als einziger war Katharinas Enkel, der Sternenwirt Johann Fischer, in Wolfurt geblieben. Zu dieser Linie der HaltmayerNachkommen zählen also Heims Helga am Funkenweg und ihre Kinder. E Stamm der Stöoglar-Fischer Sogar aus einem fünften Haltmayer-Stamm leben noch Nachkommen in Wolfurt. Neben den Söhnen Kaspar und Georg hatte Adlerwirt (2) Mathias noch einen Sohn (3e) Josef Haltmayer, gestorben 1708. Dieser besaß nahe bei seinem Bruder Georg im Kirchdorf-Loch jenes Haus, das unter der Nummer Im Dorf 10 (Wolfs) im Jahre 1958 abgebrannt ist. Seine Urenkelin (6e) Ursula, Jg. 1798, heiratete Johann Fischer auf der Steig, den jüngeren Bruder des bekannten Sepp Fischer. Über Ursulas Enkel Hanne Fischer, 1866-1945, führt eine Linie zu dessen vielen Nachkommen Stöoglars an der Ach. 25 Noch einmal sei betont: Das sind zwar viele, aber noch lange nicht alle Wolfurter Haltmayer-Nachkommen. Einige von uns können sich jetzt vielleicht besser in dem riesigen Geschlecht zurechtfinden. Andere müssen weiter forschen. Hoffentlich wächst dadurch das Bewußtsein: Wir gehören zusammen! Siegfried Heim Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt (3) In Heft 20 und Heft 22 habe ich aus dem Leben der ersten dreizehn Wolfurter Vorsteher bis zum Jahre 1873 berichtet. Ihre Zeit war geprägt von Hungersnot und Arbeitslosigkeit, vom Beginn der Industrialisierung und den ersten Ansätzen zur Demokratisierung der Gemeinden. Ulmer, Burgen, 1925, S. 377 Ludewig, Vorarlberger an Hochschulen, 1920, S. 156 3 VLA, Taufbuch 181/1 4 Erhebungen von S. Heim im VLA und in den Wolfurter Pfarrbüchern, 1998 5 Welti, KellnhofWolfurt, aus LMV 1952, S. 8 6 GA Wolfurt, Schachtel 1804, Bericht aus alten Bücher I Heimat Wolfurt, Heft 13/1993, S. 21 und S. 28 ff. 8 Wie Anmerkung 6, GA Wolfurt, Schachtel 1804, Bericht aus alten Bücher 9 Schnell. Kunstführer 1324, Vlb. Landesarchiv, S. 3 10 Heimat Wolfurt, Heft 21/1998, S. 21 II Heimat Wolfurt, Heft 22/1999, S. 35 12 Heimat Wolfurt, Heft 20/1998, S. 11! 2 1 14. Joh. Martin Schertler (II.) Geb. 9.10.1841, gest. 18.4.1907 1879-1891 Die Wahlen von 1879 hatten also auch in Wolfurt das Übergewicht der Liberalen in der Gemeindestube beendet und wieder einen konservativen Schertler an die Spitze der Gemeinde gebracht. Schon sein Vater und sein Bruder waren ja Vorsteher gewesen.1 Trotz der vorangegangenen Auswanderungswelle nach Amerika war die Einwohnerzahl der Gemeinde bis zur Zählung von 1880 auf 1630 gestiegen. Darunter waren erst 31 Italienisch sprechende Trentiner. Aber deren Zahl würde in den nächsten 20 Jahren auf 231 anwachsen. In ihrer Armut und Ausgegrenzheit standen sie in den elenden Qartieren vor nahezu unlösbaren Problemen.2 Die 213 Bauern besaßen jetzt 426 Kühe, 254 Stück Galtvieh und 38 Pferde. Die meisten von ihnen waren hoch verschuldet. Nur zaghaft begannen sie, den Zusammenbruch des Getreide-Anbaus durch Steigerung der Milchwirtschaft auszugleichen. An der Hub und im Kirchdorf waren Sennereien gegründet worden. Erstmals bekamen die Bauern wenigstens ein paar Kreuzer für ihre Milch. Unter Führung von Oberlehrer Wendelin Rädler erbauten sie jetzt im Jahre 1882 sogar ein eigenes Bild 14: Vorsteher Joh. Martin Schertler, 1841-1907 27 26 Sennereigebäude am Röhle-Rank.3 Genau einhundert Jahre später ist es 1982 wieder abgebrochen worden. Viele Wolfurter arbeiteten wie die Trentiner in der Kennelbacher Fabrik. Außer für ein paar Knechte und Mägde gab es im Ort kaum Arbeitsplätze, am ehesten noch in den Gerbereien, Mühlen und Ziegeleien. Seine Brauerei betrieb der Adlerwirt ohne fremde Hilfe. Aus 4300 kg Gerste und 85 kg Hopfen braute er im ganzen Jahr 196 Hektoliter Bier. Einzig Zuppinger beschäftigte 1882 an den Drehbänken in seiner Spulenfabrik im Kessel bereits 45 Arbeiter. Aus 1500 Kubikmetern Holz verfertigten sie in einem Jahr über 1 1/2 Millionen Garnspulen im Wert von etwa 50 000 Gulden. Dazu begründete Joh. Walter Zuppinger mit seinen tüchtigen Söhnen zwei weitere Spulenfabriken mit jeweils über 100 Arbeitern, eine 1883 in Römerstadt in Mähren, die zweite 1891 in Freyung in Niederbayern. Zum Anlernen der dortigen Arbeiter nahm er etliche Werkmeister aus Wolfurt mit. Für die kleinen Leute hatte gerade das erste Stickerei-Fieber eingesetzt. Gebhard Fischer, Seppos auf der Steig, hatte 1869 eine Hand-Stickmaschine aus der Schweiz in Betrieb genommen und 1874 sieben weitere dazu gestellt. Das wirkte ansteckend. Im September 1883 konnte der Vorsteher bereits 34 Sticker mit zusammen 43 HandStickmaschinen melden. Im Jahr 1882 richtete er, einer Idee Rädlers folgend, im Schulhaus die erste Gemeindekanzlei ein. Sogar ein hauptamtlicher Gemeindeschreiber wurde in der Person von Lorenz Schertler, einem Neffen des Vorstehers, gefunden und angestellt. Mustergültig ordnete dieser nun die alten Akten und Bücher. Im Dachboden der Schule wurde dafür ein feuersicheres Archiv angelegt.4 Im Februar 1880 kam mit Joh. Gg. Sieber ein besonders aktiver neuer Pfarrer nach Wolfurt, der sich zusammen mit den Casino-Leuten entschieden gegen die immer noch mächtigen Liberalen wandte. Wöchentlich traf er sich mit Vorsteher, Gemeindearzt Dr. Elsler, Schulleiter Rädler und einigen anderen wichtigen Leuten in der hinteren Stube des Postmeisters und Sternenwirts Eduard Böhler, um das Gemeindegeschehen zu besprechen. Zuerst sollte der Friedhof erweitert werden. Dazu mußten ein neuer Pfarrhof erbaut, der alte samt dem Pfarrstadel abgebrochen und die Zufahrtsstraße verlegt werden. Für den Platz des Pfarrhofs wurde ein großer Fels weggebrochen. Die Steine fanden Verwendung beim Bau der Sennerei, für Wuhrmauern an der Ach und natürlich auch für den Neubau des Pfarrhofes. Für diesen hatte Pfarrer Sieber eine überdimensionale Planung mit großartigen Baikonen vorgesehen. Zwar reduzierte der Bauausschuß dieses Vorhaben, aber die Kosten beliefen sich schließlich doch auf 6954 Gulden und stürzten die Gemeinde in beachtliche Schulden. Über Betreiben des Pfarrers hatte die Gemeinde den Friedhof schon 1881 als Katholischen erklärt. Nun durften Andersgläubige und Selbstmörder nur mehr in einem Winkel ohne Grabschmuck beerdigt werden! Ausnahmen hat es für Bessere aber manchmal gegeben. Bild 15: Pfarrers Stadel, Pfarrhof, Kirche und Friedhof bis 1882. Eine Skizze von Engelbert Köb. Die Kirche erhielt 1885 durch die Schwarzacher Firma Behmann eine neue Orgel für den tüchtigen Organisten Fidel Kalb. Das Kirchenschiff ließ der Pfarrer durch Engelbert Köb prächtig ausmalen. Gemeinsam mit seinem Bruder Hilar schuf dieser auch einen neuen Hochaltar für das hochgeschätzte Flatz-Bild Maria Krönung. Für die weiten Wege der Leichenzüge schaffte die Gemeinde 1884 einen Todtenwagen an. Der Versuch der Gemeinde, gegen den seit 1881 im Adler bestehenden Sparverein eine Konkurrenz-Sparkasse zu errichten, scheiterte vorerst am Einspruch der Behörden.. Erst 1889 gelang dem unermüdlichen Rädler die Gründung seiner Raiffeisenkasse. Das Vereinsleben blühte auf. Für die Schützen kaufte die Gemeinde 1880 den bis dahin privaten Schießstand an der Hub. 1890 erhielten sie neue Gewehre und eine neue Fahne. Als Organist Fidel Kalb 1885 die Leitung der Musik übernahm, formte er sie durch zusätzliche Instrumente zu einer Türkischen Musik um. In Rickenbach bestand seit 1886 ein Turnverein. Für den Winter stellte ihm die Gemeinde als Turnraum zwei Klassen im alten Schulhaus zur Verfügung. Im Jahre 1889 erreichte Vorsteher Joh. Martin Schertler dann die Gründung der Freiwilligen Feuerwehr. Bald wurden aber wieder alle männlichen Gemeindebürger als Hilfsmannschaft zu den alljährlichen Feuerwehrübungen verpflichtet. Den Wolfurter Männerchor hatte VorsteherSchertlerzusammen mit Postmeister Böhler und Organist Kalb schon in seinem ersten Vorsteher-Jahr neu gegründet. Sogar die politischen Gegner Zuppinger und Altvorsteher Fischer sangen im Baß mit. Als der Chor aber dem Kaplan ein Ständchen gesungen hatte, traten die liberalen Sänger geschlossen aus. Mit nur mehr 14 schwarzen Sängern mußte der Verein nach einigen Jahren aufgeben. Daneben wurden auch noch andere Sorgen an den Vorsteher herangetragen. Er mußte für die Einhaltung der Polizeistunde sorgen: Punkt 11 Uhr! Bei Übertretungen zahlte 28 29 der Wirt zwei, jeder Gast einen Gulden in die Armenkassa. Ruhestörer auf der Gasse wurden arretiert und mit ein bis drei Tagen Arrest bestraft. Selbverständlich mußten die Gasthäuser während des Sonntags-Gottesdienstes geschlossen bleiben. Und fast jede Ausschuß-Sitzung hatte sich mit Ehegesuchen zu befassen. Immer mehr Wolfurter überstiegen die alten Schranken und suchten sich fremde Frauen. Dafür mußte dann jeder 50 Gulden Weibereinkaufstaxe bezahlen. Sogar der Drechsler Joh. Gg. Anwander, der sich im fernen Römerstadt in Mähren am Aufbau von Zuppingers neuer Spulenfabrik beteiligte und dort 1887 seine Julia ehelichen wollte, mußte zuerst daheim in Wolfurt bare Gulden hinlegen! Die damit verbundene Gemeinde-Bürgerschaft konnte allerdings unendlich wichtig werden. So wurde etwa die nach Dornbirn zuständige todkranke Witwe Philomena Maier samt ihren zwei Kindern im August 1883 einfach aus Wolfurt mit dem Fuhrwerk nach Dornbirn abgeschoben. Dort ist sie ein paar Wochen später gestorben. Jetzt mußte sich Dornbirn um die Waisen kümmern.5 Langsam wirkte sich jetzt die Arlbergbahn auf die Wirtschaft aus. Das Loch durch den Berg band unser Land enger an die Monarchie. Kaiser Franz Joseph hatte die neue Bahn 1884 selbst eröffnet. Als er dann im Österreichischen Hof in Bregenz Audienz hielt, machten ihm auch Vorsteher Schertler und die ganze GemeindeVorstehung ihre Aufwartung. Begleitet wurden sie von der Musik, den Veteranen und den Schützen. Vorsteher Joh. Martin Schertler hatte sein Vaterhaus an der Kirchstraße (heute Nr. 11) übernommen. Seine erste Frau Maria Anna Halder war eine Tochter des (10.) Vorstehers Josef Halder. Sie schenkte ihm 6 Kinder. Die zweite Frau Juditha Fischer war eine Schwester des Kunsthandwerkers Johann Fischer, Schnidarles Hannes, der ihre Wohnung mit wunserschönen Möbeln ausgestattet hatte.6 Sie gebar ihm weitere 10 Kinder, die nun alle zusammen in Alt-Vorstehers Hus aufwuchsen. Tochter Maria wurde die zweite Frau des (13.) Vorstehers Adlerwirt Fischer und damit die Ahnfrau namhafter Enkel. Von Sohn Rudolf, bekannt als Zeichner, ChorVorsteher und Theaterspieler, stammen die Schuh-Meusburger. Sohn Albert hatte als Schuhmacher mit seinen Schwestern ein Schuhgeschäft in Wolfurt und ein zweites an der Kaiserstraße in Bregenz aufgebaut. Der älteste Sohn Josef wurde Kapellmeister und ab 1891 Gemeindeschreiber in der neuen Kanzlei. Von ihm hören wir im nächsten Kapitel beim Musikstreit. Vom jüngsten Sohn Siegfried, Lehrer in Mittelberg und in Hard, leben zahlreiche Nachkommen. Einer davon ist Roman Schertler an der Lorenz Schertlerstraße. 15/1 Lorenz Schertler 1891-1901 Geb. 2.10.1857, gest. 16.12.1936 Alle drei Jahre gab es Neuwahlen in den 18köpfigen Gemeinde-Ausschuß und noch immer waren sie hart umkämpft. Noch einmal trat der mächtige Altvorsteher Adlerwirt Fischer 1891 gegen den neuen Kandidaten der Konservativen um den Posten des Vorstehers an. Erst im dritten Wahlgang setzte sich der neue knapp mit 10 von 18 Stimmen durch: Lorenz Schertler, der tüchtige und beliebte bisherige Gemeindeschreiber, der gleichzeitig Ziegel-Fabrikant war. Adlerwirt Fischer mußte sich mit dem Posten des I. Gemeinderates begnügen. Die große und mit Doppelmayrs Dampfpresse hochmoderne Ziegelei im Flotzbach leiteten der Vater des Vorstehers und der Bruder Jakob.7 Die drei alten Ziegeleien an der Ach konnten Bild 16:Vorsteher Lorenz Schertler, 1857-1936 nicht mehr mithalten und wurden alle um das Jahr 1890 abgebrochen. Die Umstrukturierung der Landwirtschaft war jetzt in vollem Gange. Lehrer Rädler lehrte in Fortbildungskursen und Abendschule modernen Obstbau. 1894 wurde unter Patronanz des Vorstehers ein Viehzucht-Verein gegründet, der mithelfen sollte, den Milchertrag zu steigern. Neuen Streit gab es aber auch wieder. Diemal kam er von der Musik. Vorsteher J. Martin Schertlers ältester Sohn Josef, 1864-1898, hatte bei der Militärmusik gedient und war 1887 Kapellmeister bei der Wolfurter Blasmusik geworden. Er führte 1888 die ersten Vereins-Statuten ein und verlangte besseren Probenbesuch. 1893 trat er mit einigen Musikanten aus der Alten Musik aus und gründete mit neuen Statuten die Harmonie-Musik. Ein unglaublicher Streit um Fronleichnamsprozession, Christbaum-Feier und Neujahrs-Blasen war die Folge. Über gegenseitiges Stören hinaus kam es zu Raufereien und Ehrenbeleidigungen. Quer durch die anderen Vereine und sogar durch die Gemeindevertretung ging der Riß. Selbst als Kapellmeister Schertler 1898 plötzlich starb und der junge Franz Rohner die Stabführung der inzwischen an Mitgliedern und Leistungsvermögen weit überlegenen neuen Musik übernahm, dauerte der Streit an. Erst Vorsteher Schertlers Nachfolger Fidel Kirchberger gelang 1901 durch die Mithilfe von Lehrer Rädler ein Zusammenschluß der beiden Kapellen. Seit- 30 31 her nennt sich der Verein Bürgermusik Wolfurt. Franz Rohner wurde wieder Kapellmeister und blieb es unglaubliche 55 Jahre lang bis 1956. In Rickenbach war 1888 unter den acht Todesopfern, die eine vom vergifteten Brunnen ausgehende Cholera-Epidemie gefordert hatte, auch der verdienstvolle Mechaniker Josef Anton Dür gewesen. Sein Sohn und auch der Schwiegersohn waren mit der Führung der Mechaniker-Werkstätte überfordert. Im Herbst 1892 kaufte sie der Härder Schlosser Conrad Doppelmeyer.8 Nach der Überlieferung hatte Dür selbst seinen Betrieb schon ein paar Jahre früher seinem einstigen Lehrbuben angetragen. Sehr klein begann Doppelmeyer am Rickenbach. Noch nach sieben Jahren stand er im Steuerkataster zu den Gemeindewahlen 1900 mit 112 Kronen erst auf Platz 44, weit hinter Zuppinger mit 1076 Kronen und den vielen Wirten, Händlern und Stikkern. Das hat sich dann aber bald gewaltig geändert! Seine Nachbarn, die Gebrüder Gunz von der Mühle im Tobel, hatten 1896 ein erstes Kraftwerk gebaut und Strom für einen Motor und für elektrisches Licht erzeugt. Da schloß sich auch Doppelmeyer an. 1897 arbeiteten die Brüder Gunz ein Projekt zur Stromversorgung für die Gemeinden Schwarzach und Wolfurt mit einem größeren Werk an der Schwarzach aus. Sie verkauften es schließlich an den Rankweiler Ingenieur Albert Loacker. Schon im Jahr 1900 brannten die elektrischen Lampen in vielen Häusern der beiden Gemeinden, früher als anderswo im Land. Denn elektrischen Strom gab es seit 1886 zwar in der Schindler-Fabrik in Kennelbach und einige Jahre danach in den anderen großen Fabriken in Vorarlberg, kaum aber in Privathäusern. Der Vorsprung zahlte sich für Wolfurt bald aus. Im Jahre 1898 hatte man hier nämlich die ersten Schiffle-Stickmachinen aufgestellt. Bis jetzt wurden sie mit Dieselmotoren betrieben. Neue Maschinen wurden aber ab jetzt überall mit problemlos zu bedienenden Elektromotoren ausgerüstet. Diese Frankenmühlen lösten ab 1902 ein wahres Stickereifieber aus. Weil seit der dritten Durchmimmerierung der Häuser im Jahre 1843 über 50 neue Häuser im ganzen Dorf verstreut gebaut worden waren und bereits weitere im Bau waren, führte der Vorsteher zum 1. Jänner 1900 die vierten Hausnummern ein. Von Nr.l in der Höll führten sie bis zu Nr. 290 im Schlatt. Diese Nummern (D) wurden erst 1954 unter Bürgermeister Gunz durch neue mit Straßenbezeichnungen (E) ersetzt. Dreimal wurde Lorenz Schertler bei Gemeindewahlen ganz klar wiedergewählt, zuletzt im Jahre 1900. Doch dann wollte sein Vater die Leitung der Ziegelei an beide Söhne übergeben. Im Frühling 1901 legte Lorenz sein Amt als Vorsteher zurück. In der Not nach dem großen Weltkrieg holten ihn die Wolfurter dann aber noch einmal in das Vorsteher-Amt. 16. Fidel Kirchberger 1901-1906 Geb. 16.11.1853, gest. 27.5.1916 Im Mai 1901 mußte der Ausschuß für den zurückgetretenen Vorsteher einen Nachfolger suchen. Fast einstimmig fiel die Wahl auf den angesehenen Schuhmacher Fidel Kirchberger, der bisher als I. Gemeinderat schon Stellvertreter des Vorstehers gewesen war. Kurz zuvor hatte sich Kirchberger umtaufen lassen. Fidel Kalb war im Tobel als zwölftes von dreizehn Kindern der Familie Kalb zur Welt gekommen und als 14jähriger mit Mutter und Geschwistern nach Unterlinden (Kirchstraße 19; das alte Kirchberger-Haus ist um 1965 abgebrochen worden) übersiedelt. Bald zeigte sich bei dem jungen Schuhmacher eine besondere musikalische Begabung. Er wurde Organist, Leiter von Bild 17: Vorsteher Fidel Kirchberger, 1853-1916 Kirchenchor und Männergesangsverein und dazu 1885 auch noch Kapellmeister der Blasmusik. Im späteren Musikstreit litt er sehr unter seinem Geschlechtsnamen Kalb. Weil er hören mußte, ein Kalb könne kein Ehrenamt bekleiden, wechselte er im September 1895 durch Erlaß der k.u.k. Statthalterei seinen Namen auf Kirchberger. Nun konnte er Vorsteher werden. Die früheren Konservativen nannten sich seit 1896 Christlich-soziale Partei. Weil er zu ihrem endgültigen Durchbruch in der Wolfurter Gemeindestube maßgeblich beigetragen hatte, wurde Pfarrer Joh. Georg Sieber (1826-1902) im Juli 1902 zum ersten Ehrenbürger der Gemeinde ernannt. Die Rickenbacher Liberalen nannten ihn wenig respektvoll Hans-lrg uf-m Bühol. Im November 1902 ist er gestorben. Am 15. September 1902 wurde die Wälderbahn eröffnet. Vergeblich hatten sich die Wolfurter lange Zeit um eine Trassierung auf dem linken Ach-Ufer bemüht. Auch Rädlers Eingaben um eine Normalspurbahn wurden abgewiesen. So war denn auch der Schmalspurbahn in der engen Schlucht keine gute Entwicklung beschieden. Nach einem langen Todeskampf wurde das Bähnle am 29. Jänner 1985 endgültig stillgelegt. Um Wolfurt besser an den Verkehr anzubinden, hatte Rädler schon 1897 begonnen, gemeinsam mit Dornbirn und Lustenau eine Straßenbahn von Kennelbach über Dornbirn nach Altstätten in die Schweiz zu planen. Vergeblich! Schon beim ersten Teilstück der Tram von Dornbirn nach Lustenau blieb der Erfolg aus. 32 33 Bild 18: Vorsteher Kirchberger mit seiner Familie beim Holzhacken vor seiner Stickerei in Unterlinden. Wie die meisten Handwerker legte jetzt auch der Vorsteher sein Schuhmacher-Werkzeug beiseite und baute an sein Haus in Unterlinden eine große Stickerei an. Dort holten sich er und seine Kinder ihren Anteil am Geldsegen aus der Schweiz. Fidel Kirchberger war mit M. Anna Fischer, Märtolars, einer Tochter des (9.) Vorstehers und Lindenwirtes J.Gg. Fischer, verheiratet. Von ihren 13 Kindern starben einige sehr früh. Georg, der als Jus-Student eingerückt war, fiel als erster Wolfurter Soldat im Weltkrieg. Die meisten der Kinder blieben ledig. Nach dem Tod der Eltern übersiedelten sie um 1925 in den Alten Schwanen im Kirchdorf, den sie von einer Tante geerbt hatten. Seither wird das ehemalige Gasthaus oft Kirchbergers Hus genannt. Eine Tochter heiratete nach Bregenz, der Sohn Albert nach Wolfurt. Die Familien der Enkel Loni und Bertel Kirchberger leben unter uns. 17. Ferdinand Köb 1906-1919 Geb. 27.7.1872, gest. 10.3.1957 Aus der Vorsteherwahl vom 5. November 1906 ging Ferdinand Köb als Sieger hervor. Nur eine Gruppe um den verdienstvollen Gemeinderat Engelbert Köb, Lehrers, versagte ihm die Gefolgschaft. Köbs Vater Johann Köb stammte aus Bildstein. Er war in Amerika gewesen und hatte dann in Wolfurt Rosina Haltmayer geheiratet, die vermögende Witwe nach dem Ziegeleibesitzer Josef AntonSchertlerim Röhle. Bereits ihrem ersten Gatten hatte sie elf Kinder geboren, nun folgten in ihrer zweiten Ehe weitere fünf, ehe sie mit 44 Jahren starb. Johann Köb mußte das nach einem Brand wieder aufgebaute Haus (Bregenzer Straße 15) verkaufen und 1889 mit seinem 15jährigen Sohn Ferdinand und dessen vier jüngeren Schwestern nach Unterlinden (Kirchstraße 13, Waibels) übersiedeln. Zehn Jahre später erhielt der tüchtige Ferdinand noch unter Vorsteher Lorenz Schertler die Stelle des Gemeindeschreibers. Und jetzt wurde er sogar Vorsteher, 13 Jahre lang und in ganz schwerer Zeit! Mit Otto Böhler (Steornowiorts Hans-Iorgos) als neuem Schreiber in der Kanzlei hatte er einen verläßlichen Helfer an der Seite. Bild 19: Vorsteher Ferdinand Köb, 1872-1957 35 Also wenigstens eine gute Brücke nach Kennelbach! Die alte Brücke von 1839 war ja nur ein privater Holzsteg für die Fabriks-Arbeiter. Fünf Jahre lang plante Rädler namens der Gemeinde verschiedene Varianten. Schließlich setzte er die allerneueste Idee durch, eine in Paris entworfene Stahlbetonbrücke. Am 24. Juni 1904 wurde sie eingeweiht. Die hohen Kosten von 62 477 Kronen sollten durch einen Brückenzoll hereingebracht werden. Damit hatte das Kirchdorf endlich einen guten Zugang nach Bregenz. Seit 1899 besaß Zuppinger das erste Telefon in Wolfurt. 1904 schloß Rädler sein Kalkwerk an der Telefonzentrale in Kennelbach an. Das Gemeindeamt erhielt erst 1914 einen Anschluß. Gemeinsam mit Schwarzach und dem größten Teil von Bildstein bildete Wolfurt einen Sanitätssprengel. Im Jahre 1902 baute nun Wolfurt für den langjährigen Gemeindearzt Dr. Embacher ein eigenes Doktor-Haus an der Hub. Der neue Pfarrer Adolf Nachbauer sammelte in kurzer Zeit 43 000 Kronen für neue Glocken. Die Rickenbacher hatten die Sammlung verweigert, weil sie ja die Glocken ohnehin nicht hören würden. Das Geld reichte aber auch so. Die sechs herrlichen Glocken, gegossen bei Graßmayer in Feldkirch aus alten Kanonen, kosteten 28 000 Kronen, die Aufstockung des Turmes um 7 Meter auf nunmehr 57 Meter kam auf rund 14 000 Kronen. Es reichte sogar noch für eine Uhr, die bei jeder vollen Stunde an fünf Glocken anschlug. Die Stickerei blühte. Es waren goldene Zeiten, wohl die allerbesten bisher für unsere Gemeinde. Mit dem Tod von J.W. Zuppinger 1903 und der Übersiedlung des Adlerwirts J.Gg. Fischer nach Götzis 1904 löste sich die liberale Partei auf. Ab jetzt vertraten mit Kreuzwirt Johann Haltmeyer und dem Müller Lorenz Gunz zwei konservative Politiker die Interessen der Rickenbacher. 34 Bild 20: Der Gemeindevorstand 1909: v.l. die Gemeinderäte Engelbert Köb, Lorenz Böhler, Gebliard Schertler, Vorsteher Ferdinand Köb und Gemeinderat Remigius Brauchle. Bild 21: Ein Stickereilokal von 1908, ausgestattet mit elektrischem Licht: Emilian und Philomena Büchele im Schlatt. Zunächst steuerte 1907 das Stickerei-Fieber seinem Höhepunkt zu. Handwerker gaben ihren Beruf auf, Arbeiter verließen die Fabrik. Wirte, Krämer und Bauern schafften sich Schiffle-Stickmaschinen an, mit denen man täglich 50 Franken verdienen konnte. Es wurde gebaut wie noch nie. Allein im Jahre 1907 entstanden 23 Neubauten. Darunter waren neben 13 Sticklokalen 7 Wohnhäuser und sogar 3 Villen im altdeutschen Stil: Villa Zuppinger an der Bahnhofstraße, Villa Schertler an der Lauteracherstraße und Villa Köb an der Bucherstraße. Der Mangel an Arbeitskräften und die hohen Löhne zogen Fremde an. Das Gemeindeamt notierte 450 Anmeldungen. Zwar folgte schon 1908 die erste Absatzkrise in der Stickerei. Aber bei der Volkszählung von 1910 ergab sich für Wolfurt doch die Rekordmarke von 2265 Einwohnern. Diese Entwicklung machte auch eine Erweiterung des Friedhofes notwendig. Nach Verlegung der damaligen Bucherstraße wurde auf Pfarrers Bühel ein neuer Friedhof angelegt. Für die ungeheure Summe von 32 000 Kronen ließ die Gemeinde nach Plänen des Bregenzer Architekten Rusch durch den Wolfurter Maurermeister August Klien eine Umrandung mit Arkaden errichten. Als die neuen noblen Grabstätten ab 1909 an die Familien versteigert wurden, erhielt die Gemeinde das meiste Geld wie36 der zurück. Am 29. Oktober 1911 wurde der obere Friedhof eingeweiht. Anläßlich der Erinnerungsfeier an den Aufstand von 1809 kam der Kaiser zum großen Festumzug nach Bregenz. Dort wurde neben der Post ein Anton Schneider-Denkmal enthüllt, das unter den Namen der wichtigsten Freiheitskämpfer auch Jakob Schertler aus Rieden nannte. Es brauchte viele Einsprüche der Wolfurter Gemeindevertretung und Beweisführungen durch den Vorsteher, bis die Bregenzer endlich 1914 die Inschrift auf Wolfurt berichtigten. Allzu gerne hätten sie den berühmten Schützen-Major, von dem alle Vorsteher Schertler-Familien in Wolfurt stammen, für sich behalten. Große Bedeutung hatte in diesen Jahren der Katholische Arbeiterverein. Schon 1899 war er noch unter Pfarrer Sieber als Gegengewicht gegen die in Vorarlberg beginnende sozialdemokratische Bewegung gegründet worden. Pfarrer Nachbauer hatte parallel dazu 1904 auch einen italienischen Verein Societa italiana dei Lavoratori für die vielen in Wolfurt lebenden Fabriksarbeiter begonnen.9 Nun erfaßte der Kath. Arbeiterverein weitere Bevölkerungsgruppen mit Jugendhort, Jungfrauen-Congregation, Mütter-Verein und sogar mit einem Pius-Verein für alte Leute. Im Jahre 1910 gründe37 te er auch noch mit dem Arbeiter-Turnerbund eine Konkurrenz zum seit 1886 in Rickenbach bestehenden liberalen Turnverein. 1913 konnte der-erste Bauabschnitt des Vereinshauses bezogen werden. Das gewaltige Hochwasser von 1910 verwüstete nicht nur Feldkirch. Auch die Dorfbäche traten über die Ufer und richteten schwere Schäden an. Tagelang stand das Ried unter Wasser. Mit Unterstützung durch Land und Staat wurde jetzt ein großzügiges Verbauungsprojekt in Angriff genommen. Zahlreiche Sticker, die durch die neuerliche schwere Krise von 1912 arbeitslos geworden waren, arbeiteten jetzt mit Schaufel und Karrette an den Dämmen des Rickenbachs. Auch beim Bau der Straße durch das Lauteracher Ried nach Lustenau gab es Arbeit. Die Partnergemeinden, zu denen auch Wolfurt gehörte, kauften drei Felder der abgebrochenen Rheinbrücke nach Widnau und stellten sie 1916 anstelle des alten Hochstegs über die Dornbirner Ach auf. Dort tut die romantische Holzbrücke (beim Sender) noch immer gute Dienste. Im Jahre 1907 hatte Franziska Dür, Düro Franzele, das erste Auto nach Wolfurt gebracht. Nun stiftete die reiche Rentnerin 1913 die große Grödner Krippe für die Pfarrkirche. Dann aber begann am 1. August 1914 der Erste Weltkrieg. Am gleichen Tag noch wurden die ersten 100 Männer des Landsturms auf dem Platz vor dem Sternen vom Pfarrer verabschiedet. Sie rückten direkt an die Fronten in Serbien und in Galizien ein. Die ältesten vom Jahrgang 1872 waren 42jährige Familienväter. Etliche starben schon in den ersten Gefechten, andere fielen in Przemyl in russische Gefangenschaft. Das Kreuz inder Mitte des neuen Friedhofes wurde zum Kriegergrab, an dem immer mehr Namen aufgeschrieben werden mußten. Als Italien in den Krieg eintrat, rückten zu Pfingsten 1915 auch noch die Standschützen in den Gebirgskrieg in den Dolomiten ein. Unter ihnen waren grauhaarige Männer von 60 Jahren. Etwa 400 Wolfurter Soldaten standen schließlich an den verschiedenen Fronten. Daheim fehlten die Arbeitskräfte. Not setzte ein, die durch einen schweren Hagelschlag im Juni 1915 und eine Mißernte von 1916 noch verschärft wurde. Der Vorsteher stand mit Zwangsmaßnahmen zur Ablieferung von Milch, Mehl und Brennholz für die notleidenden Nicht-Bauern vor fast unlösbaren Problemen. Im Juli 1916 mußten die Kupferkessel als Kanonen-Metall abgeliefert werden, im September folgten ihnen die Glocken, auf die Wolfurt seit 1905 so stolz gewesen war. Schließlich forderte im September 1918 auch noch die Spanische Grippe hohe Opfer unter der geschwächten Bevölkerung. Am 3. November 1918 ging der Krieg zu Ende. Am anderen Tag wurden die Standschützen aus ihren Bergstellungen in die entbehrungsreiche italienische Gefangenschaft nach Albanien abgeführt. Von den anderen Fronten kehrten die Krieger nach Hause zurück. Nicht alle! Im Herbst 1919 kamen noch die ausgemergelten Standschützen aus Albanien und mit Engelbert Gasser am 19. April 1920 der letzte Gefangene aus Sibirien. 38 Viele aber waren in fremder Erde begraben worden, einige blieben vermißt. Als man 1930 für sie das Kriegerdenkmal baute, mußte man dort auf die Bronzetafel die Namen von 86 Gefallenen und Vermißten schreiben. Für Gott, Kaiser und Vaterland! Unter dieser Parole hatte man die Männer in den Krieg geführt. Nun waren der Kaiser verjagt und das Vaterland zerschlagen. Hoffnungslosigkeit breitete sich aus. In Bregenz wählte ein Soldatenrat beim Büchele-Beck schon am 2. November 1918 den Wolfurter Oberjäger Andreas Klocker zu seinem Anführer für eine geplante Revolution. Am 6. Dezember hielt der Lustenauer Lehrer Riedmann in Wolfurt eine Werbeversammlung für einen Anschluß an die Schweiz und bekam viel Beifall. Am 13. März 1919 wurde durch Postmeister Rudolf Böhler im Sternen eine Ortsgruppe der Bild 22: Der Arkaden-Friedhof mit den ersten Gräbern Christlichsozialen Partei gegründet. 1915. In der Mitte das Kriegerkreuz. Als am Ostersonntag, 20. April 1919, fremde Redner auch zu einer sozialdemokratischen Wahlversammlung ins Rößle einluden, wurden sie von aufgehetzten Buben und Jungmännern mit Ratschen, Trompeten und Schellen gestört und auf ihrer Flucht bis St. Antone an die Lauteracher Grenze verfolgt.10 Trotz dieser feindseligen Stimmung hatten die Sozialdemokraten in Wolfurt am 16. Februar 1919 bei der ersten Nationalratswahl im klein gewordenen Deutsch-Österreich doch 122 Stimmen erhalten.. Es war die allererste Wahl, bei der auch Frauen wählen durften und Steuerklassen keine Rolle mehr spielten! Viel mehr Stimmen, nämlich 551, wurden aber für die Christlichsozialen abgegeben. Bei der schon am 27. April 1919 folgenden Landtagswahl erreichten diese mit 567 Stimmen sogar eine Zwei-Drittel-Mehrheit. Damit zog jetzt auch Altbürgermeister Lorenz Schertler in unruhiger Zeit für vier Jahre in den Landtag ein. Seit 1909, als Vorsteher Ferdinand Köb fast einstimmig in seinem Amt bestätigt worden war, sollte nach der neuen Gemeindewahlordnung nur mehr alle fünf Jahre gewählt werden. Die 1914 fälligen Wahlen wurden aber wegen innenpolitischer Differenzen und dann wegen des Krieges verschoben. 39