Heimat_Wolfurt_2002_26

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Letzte Änderung 01.06.2021, 20:44
Gemeinde Wolfurt
Bereich oeffentlich
Schlagworte: wolfurt,imported
Erscheinungsdatum 01.04.2002
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Inhalt des Dokuments

Heft 26 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 2002 Bild 1: s Doktor-Hus an der Hub. Erbaut 1905. Inhalt: 130. Ärzte in Wolfurt 131. Elektrizität 132. Malerfamilie Schneider 133. Das älteste Bild 134. Anna selbdritt 135. Menschen um uns 136. Alte Häuser Bildnachweis: Bild 16 Sammlung Johann Kaufmann Bilder 27 u. 28 VLM, Flatz-Katalog 2000 Bilder 15 u. 20 Siegfried Heim Bild 30 Karl Hinteregger Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Vorsteher und Bürgermeister (4) (Heft 25, S. 6) Das Echo auf den letzten Teil der Bürgermeister-Serie, die sich mit den kritischen Jahren des 20. Jahrhunderts befaßte, war durchaus positiv, obwohl bei genauer Durchsicht sicher einiges zu beanstanden oder auf alle Fälle zu ergänzen wäre. Das hat bis jetzt - trotz Aufforderung - niemand getan. Lediglich Alt-Bürgermeister Emil Geiger berichtet, daß er damals 1950 mit seinen 27 Jahren der weitaus jüngste Bürgermeister im Lande gewesen sei. Mord und Totschlag (Heft 25, S. 47) Im Sterbebuch von 1839 fand ich endlich die Totschlag-Geschichte von Toniles Bub. Das Unglück ereignete sich am 29. Juni 1839, nachts 1/4 vor 11 Uhr an der Hub. Gestorben ist Franz Xaver Flatz, verehelicht in Alberschwende und beiläufig 30 Jahre alt. Die Leiche wurde nach Alberschwende überführt und dann dort am Iten Juli l. J. beerdiget. Dieser Mann wurde an der Hub der Pfarre Wolfurt mit einem Stiletstich, der 6 3/4 Zoll tief war, u. durch den Magen, Leber und eine Schlagader gieng, plötzlich getödtet. So heo s i ghört (25) (Heft 25, S. 63) Zum Mundart-Beitrag ist eine Berichtigung von meinem Bruder Adolf Heim eingegangen, die ich ganz hinten im Heft wiedergebe. Danke! Auf unser Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt sind mit den in Heft 25 ausgesandten Erlagscheinen wieder viele Spenden eingegangen. Damit konnte ein beachtlicher Teil der Druckkosten abgedeckt werden. Allen Spendern sagen wir ein herzliches Danke schön. Unser besonderer Dank gilt aber wieder der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt! Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Siegfried Heim Bittere Medizin Die Arzneikunst, die uns heute mit hochqualifizierten Ärzten und großartig ausgestatteten Krankenhäusern unser ganzes Leben lang umsorgt, hat einen langen und schwierigen Weg zurückgelegt. Auf ihre Entwicklung in Wolfurt möchte ich hier zurückschauen. Angefangen hat sie wohl bei allen Naturvölkern mit den Erfahrungen über Wunden und Krankheiten. Weise Frauen und Medizinmänner gaben ihr Wissen um Heilpflanzen, Salben und „Behandlungen" weiter. Erste Höhepunkte der Medizin kennen wir von den Priestern des Altertums und von der Schule des Hippokrates in Griechenland. Im Mittelalter zeigte sich wenig Fortschritt. Arzneikunst erschien vielen als eine Art von Zauberei. Große Kenner der Natur wie Hildegard von Bingen und Albertus Magnus waren Ausnahmen. Erst am Beginn der Neuzeit reformierte der 1493 in Einsiedeln geborene Paracelsus die Medizin in Mitteleuropa. Wundärzte begleiteten im Dreißigjährigen Krieg die Söldnerheere. Gegen Pest und Cholera, die in schrecklichen Epidemien Städte und Dörfer menschenleer fegten, wußten sie aber keinen Rat. Bei vielen Krankheiten suchte man Heilung in den Bädern. Von der geheimnisvollen Kraft mancher Quellen erhoffte man sich wahre Wunderdinge. Unter den Heilwässern in Vorarlberg findet sich auch der Rickenbach. Zwar heißt es 1605 von der Badstube am Rickenbach, sie sei „zergangen". Aber 1694 wird dort noch einmal ein „Meister Caspar Gasser, Barbierer von dem Bad neben der Mülin zu Rikhenbach" ' erwähnt. Es dürfte der gleiche Kaspar Gasser gewesen sein, der um 1700 als Besitzer der Taverne in Spetenlehen genannt wird, aus der später der Gasthof Krone wurde. Unsere vergilbten Sterbebücher geben allerlei Hinweise auf die Krankheiten und auch auf die allerältesten Wolfurter Ärzte. Einer davon war Antonius Bildstein. In Dornbirn, das damals aus mehreren zu einem Gericht zusammengefaßten Dörfern bestand, war er 1706 geboren worden. Sein Vater Michael Bildstein war hier der Gemeindearzt, den man damals chirurgus nannte. Gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Mathias erhielt auch Anton eine Ausbildung zum Chirurgus. Mathias wurde später selbst Arzt in Dornbirn. Anton kam als junger Doktor zuerst nach Hard, wo er seine Frau Katharina Dörler kennen lernte. Um das Jahr 1739 ließ sich das junge Paar dann in Wolfurt nieder. Der Arzt hatte das große Haus neben der Kirchenstiege erworben, das man später nach einem seiner Nachkommen Hanso Hus nannte.2 Die Tätigkeit eines Dorfarztes war in jenen Hungerjahren noch sehr eingeschränkt. Zu seiner Ausstattung gehörten scharfe Messer. Er führte damit verschiedene Operationen durch und amputierte sogar zerquetschte oder von Wundbrand be4 Bild 2: Hanso Hus. Hier lebte um 1750 der erste bekannte Wolfurter Arzt, der Chirurgus Antonius Bildstein. fallene Glieder. Er öffnete bei manchen Krankheiten eine Vene, um durch „zuAder-Lassen" im Körper neue Kräfte zu aktivieren. Bei „Schwerblütigkeit" setzte er Blutegel auf Bauch und Oberschenkel. Die Verstopfung bekämpfte er mit einer Klistier-Spritze. Bei Wasser-Leiden führte er schon Katheter ein. Mit einer Zange riß er schmerzende Zähne aus. Er verband Wunden und versuchte, mit einem glühenden Eisen eiternde Wunden zu desinfizieren. Mit Schindeln und straffen Verbänden behandelte er Beinbrüche und Verrenkungen. Und in allerhand Tiegeln und Töpfen verwahrte der Chirurgus seine Salben, Pülverchen und getrockneten Heilpflanzen, von denen man sich Abhilfe von den verschiedensten Leiden versprach. - Wahrhaft bittere Medizin! Auch zu komplizierten Geburten wurde der Arzt gerufen. Doch allzu oft war seinen geschickten Händen hier der Erfolg versagt. Die Sterbebücher mit den Aufzählungen von Kindbetterinnen und ihren notgetauften „Engeln" lassen viel Leid erahnen. Die Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe war für die meisten Familienväter viel zu teuer. Der Ertrag seiner Kunst vermochte den Arzt Anton Bildstein und seine neun Kinder in dem großen Haus am Kirchplatz nicht zu ernähren. Er gebrauchte sein scharfes Messer bald auch, um den Bauern damit ihre Bärte zu stutzen. Balbierer schrieb der Pfarrer jetzt zu seinem Namen. Schon im Alter von 47 Jahren starb er. Keiner von seinen vielen Söhnen wählte den Arztberuf. Crispin Bildstein, 1740-1819, richtete im Arzthaus den ersten Wolfurter Krämerladen ein. Unter seinen zahlreichen Wolfurter Nachkommen finden sich ein Pfarrer und ein Vorsteher und der bedeutendste aller Wolfurter Ärzte, der Ehrenbürger Prof. Dr. Lorenz Böhler. Ein anderer Sohn des Anton war Johannes Bildstein, geb. 1746. Der Enkel Josef Anton Bildstein, 1773-1846, begründete als Wagner an der Hub jenes große 5 Geschlecht, aus dem nicht nur Dutzende von Wolfurter Familien stammen, sondern u.a. auch die Lauteracher und Feldkircher Bildstein und der Lecher Schilift-Pionier Sepp Bildstein. Wenn Antonius Bildstein, der Stammvater all dieser angesehenen Familien, von der Not getrieben, sich vom Chirurgus zum Balbierer wandeln mußte, so war eine der Ursachen auch, daß viele Kranke aus Furcht vor dem Arzthonorar lieber Zuflucht zu alten Hausmitteln oder gar zu Zaubermitteln nahmen. Solche fand man in den „Egyptischen Geheimnissen", einem noch um 1800 in vielen Auflagen verbreiteten Buch, das geschäftstüchtige Verleger fälschlich dem Bischof Albertus Magnus zuschrieben.3 Der gelehrte Dominikanermönch war um 1250 als Naturwissenschaftler selbst der Zauberei verdächtigt worden. Für Bild 3: Egyptische Geheimnisse. Titelseite eines uns klingen die ihm später zugeschriemedizinischen Zauberbuches benen und trotz kaiserlichem Verbot verbreiteten Rezepte ganz unglaublich. Aber noch bis etwa zum Jahr 1850 folgten ihnen nicht wenige Leute. Man hatte dem Buch ja mit Totenkopf und Kreuz, die in schwarzem Siegellack aufgeprägt worden waren, und mit lateinischen Zauberformeln einen magisch anziehenden Anstrich verliehen. Einige Rezepte aus den Egyptischen Geheimnissen des Albertus Magnus: Gegen Husten Brate Zwiebel, schmiere die Fußsohlen damit, es wird besser; oder man nehme starken Branntwein, tauche ein weißes Tüchlein darin, und schmiere die Fußsohlen damit; Morgens und Abends, es hilft. Gegen Blasensteine Man brenne einen im März gefangenen Hasen mit Haut und Haar zu Pulver, nehme gestoßenen Petersilien-Saamen und Honig, bereite eine Latwerge daraus, gebe sie dem Patienten Morgens früh nüchtern und Abends beim Schlafengehen, so bricht der Stein. Gegen Zahnweh Lorbeerpulver für 2 Kreuzer, Venchelpulver für 2 Kreuzer. Eine Hand voll weiß Mehl und ein Ei, dises zu einem Küchlein gebacken, und nächtlich warm über die Ohren gelegt. 6 Für neuen Haarwuchs Nimm Hundsmilch und bestreich den Ort damit, wo du Haare haben willst, es wächst gewiß Haar. Gegen Durchfall Nimm Hasel-Zapfen zwei Theil, Roßknochen zwei Theil, ein Theil Schuhsohlen, mache alles zu Pulver. Morgens und Abends 2 Löffel davon eingeben. Gegen anhaltendes Fieber Dagegen ist ein gutes Mittel eine große Kreuzspinne, welche man in einer Nuß dem Patienten etliche Tage am Hals hängen läßt, doch muß der Patient nicht wissen, was in der Nuß ist. Gegen Halsbräune (Diphtherie) Gut ist ein ganzes Schwalbennest, klein gestoßen und in Wein gesotten; der hieraus entstandene Brei wird dem Kranken um den Hals geschlagen. Zwischen die Rezepte eingefügt finden sich aber auch reine Zaubersprüche, etwa: Gegen Fußweh Satora robote Netabe rottota S. + Gegen solche „Rezepte" und gegen den Wildwuchs von kaum ausgebildeten Wundärzten, Badern, Barbieren, Wurzelkrämern und Bauchschneidern wandte sich Kaiserin Maria Theresia, die 1764 die allgemeine Schulpflicht eingeführt hatte, mit zwei Sanitätsgesetzen von 1767 und 1770, in denen sie ausdrücklich die Anpreisung von Zaubermitteln verbot. Sie verlangte ab jetzt als Abschluß der ärztlichen Lehr- und Wanderjahre eine Prüfung an der Hochschule. Einer der ersten, der in Wolfurt den neuen Normen entsprach, war der „Kyrurg" Georg Gmeiner, 1766-1827, der sich in manchen Schreiben selbst als „Wundarzt und Geburtshelfer" bezeichnete. Er war 1766 in Unterlinden geboren worden, im heute noch stehenden Haus Frickenescherweg 4. Aus dem gleichen Haus stammte auch sein Onkel Lorenz Gmeiner, der von 1781 bis 1814 als Pfarrer die große Pfarrei Wolfurt durch die Franzosen- und Bayernzeit lenkte. Der junge Arzt Georg Gmeiner erwarb zu seiner ersten Hochzeit 1794 ein Haus am heutigen Sternen-Platz (Kirchstraße 1. Es ist 1949 abgebrannt). Für lange Zeit wurde dieses Haus damit zum Wolfurter „Doktor-Hus ". Der Winter 1796/97 brachte für den Arzt die erste große Belastungsprobe. Durchziehende Soldaten hatten die „Schwarzen Blattern" eingeschleppt, die Pocken. Innerhalb weniger Monate raffte die schreckliche Seuche 57 Kinder dahin, die meisten ein oder zwei Jahre alt, nur wenige 4 oder 5 Jahre. Dagegen verschwindet im Sterbebuch fast die Notiz des Pfarrers vom 15. September 1796: „Sex milites caesarei et tres gallicani quorum nomina ignota". Sechs kaiserliche und drei französische Soldaten, deren Namen unbekannt waren, hatte man nach einem schweren Gefecht in Wolfurt begraben müssen. Sicher mußte auch der Gemeindearzt den vielen Verwundeten Hilfe leisten. 7 Bild 4: Doktor Rohner-Hus im Strohdorf Ungeheuer groß war die Kindersterblichkeit, verursacht vor allem durch falsche Ernährung, Vitamin-Mangel, aber auch fehlende Hygiene. Ganz erschütternd und für uns fast unfaßbar sind die Zahlen aus Pfarrer Gmeiners Sterberegister: 1790 42 Verstorbene davon 32 Kinder unter 7 Jähren 1791 52 Verstorbene davon 29 Kinder 1792 52 Verstorbene davon 34 Kinder. Auf diese Not waren jetzt auch die kaiserlichen Behörden aufmerksam geworden. Mit einer Reihe von Verordnungen versuchten sie, den Ausbildungsstand der Hebammen zu verbessern. Hebammen trugen ja einen großen Teil der Verantwortung für die Gesundheit im Ort. Außer Geburtshilfe und Betreuung von Wöchnerin und Säugling war ihnen die Behandlung von vielerlei Frauenleiden anvertraut. Sie stillten Blutungen und legten Katheter an. Für Wolfurt ließ der Wundarzt Georg Gmeiner seine eigene Frau Magdalena Höfle zur Hebamme ausbilden. Nach siebenjähriger Tätigkeit starb sie 1804 sehr früh. Gmeiner heiratete noch im gleichen Jahr die 1885 in Schwarzach geborene Anna Maria Greussing. Auch diese wurde nun für Jahrzehnte Hebamme für Wolfurt und Schwarzach. 1815 unterzog sie sich der von den Behörden geforderten Prüfung und erhielt dafür ein Diplom. Vorsteher Mathias Schneider, der ab 1817 die noch junge Gemeinde durchorganisierte, gewährte ihr nun für ihre Tätigkeit ein jährliches „Wartgeld" von 50 Gulden. Ihr Gatte, der als Arzt ohne Wartgeld ganz auf HonorarEinnahmen angewiesen war, holte diesen Betrag jeweils ab. Als 1824 der neue Vorsteher Vonach sein Amt antrat und dafür jährlich 51 Gulden zuerkannt erhielt, mißgönnte er der Hebamme ihren Lohn. Es kam zu einem häßlichen Streit mit ihr und ihrem Ehemann. Der Vorsteher warf dem Arzt häufigen Gasthausbesuch und Spielsucht und der Hebamme eine ganze Anzahl von Pflichtversäumnissen bis zur Beherbergung von Huren vor. Gmeiner antwortete mit 8 einer Verleumdungsklage beim Landgericht und bekam Recht. Der Vorsteher mußte nach nur elfmonatiger Amtszeit gehen.4 Wenige Jahre danach starb 1827 der Wundarzt nach 33jähriger Tätigkeit in Wolfurt. Von seinen sechs Kindern studierte damals der Sohn Gebhard Gmeiner in Wien Medizin. Als 19jähriger Student verstarb er dort schon 1830. Noch zu Lebzeiten des Vaters hatte die Tochter Anna Maria Gmeiner den Alberschwender Gemeindearzt Joh. Martin Rohner, 1790-1864, geheiratet. Dieser stammte aus Wolfurt und war im späteren Gasthaus „Rößle" an der Kirchenstiegen geboren worden. Er hatte Napoleons Rußland-Feldzug heil überstanden, 5 In Wien hatte er 1820 sein Arztdiplom erhalten. Nun verzichtete er auf seine Arztstelle in Alberschwende und übernahm die Praxis seines erkrankten Schwiegervaters. Nur wenig ist über seine Tätigkeit überliefert, außer daß er recht rauhe Umgangsformen hatte und in Erinnerung an seine Soldatenzeit häufig französisch und russisch fluchte. Beim Landgericht ging 1833 eine Anzeige ein, weil er ohne Einverständnis der Angehörigen, aber im Beisein von Pfarrer Barraga, einen verstorbenen jungen Mann untersucht hatte. Er habe dem Leichnam den Bauch aufgeschnitten und die Eingeweide heraus genommen.6 Solche Eingriffe erschienen den meisten Leuten als Frevel. In einem Rundschreiben vom 25. Jänner 1842 an alle Gemeinden7 fragte das k.k. Landgericht nach der Todtenbeschau. Es waren Klagen vorgebracht worden, .... daß Leichname sogleich nach ihrem Ableben entweder in Schupfen, Gängen u. abgelegenen Kammern, mit gänzlicher Vernachläßigung einer ferneren Aufsicht untergebracht, oder sogleich nach gemachtem Todtensarg vor Ablauf von 48 Stunden in Todtensarg gelegt, u. mit dem Sargdeckel fest verschloßen worden Die Behörden waren besorgt, es könnten Scheintote bestattet werden, .... wovon uns die Vorzeit die gräßlichsten Beyspiele aufgezeichnet hat.... In dem angeordneten Antwortschreiben hielt der neue Pfarrer J. A. Hiller fest, daß so etwas in Wolfurt nicht zu befürchten sei. In diesen Jahren machte die Medizin gewaltige Fortschritte. In einer Preisliste für chirurgische Verrichtungen, herausgegeben vom k.k. Gubernium im Jahre 1821, werden bereits eine Reihe von höchst komplizierten Operationen genannt:8 Für die Operation einer Hasenscharte 2 fl Für Luftröhrenöffnung 7 fl Für den Kaiserschnitt bei einer Lebenden 10 fl Für den Blasensteinschnitt 20 fl Solche Eingriffe waren mit großen Schmerzen verbunden, denn sie fanden praktisch ohne Narkose statt. Nur höchst selten verwendete man Hanf-Absud oder andere pflanzliche Drogen, häufiger starke Eingaben von Alkohol. Erst ab 1844 verbreitete sich von den Städten aus der Gebrauch von Lachgas für Betäubungen. Bald folgten Äther und Chloroform. Erst mit diesen beiden Narkosemitteln konnte sich die Chirurgie in der zweiten Hälfte des 19. und im 20. Jahrhundert entwickeln. 9 Bild 5: Die Post im Strohdorf beherbergte von 1860 bis 1905 die Arztpraxis und von 1928 bis 1963 die Krankenschwestern. Von einem sehr frühen Kaiserschnitt berichtet das Sterbebuch der Pfarrei Buch. Im Jahre 1834 lag die Frau des Vorstehers Böhler in argen Wehen. Mit mehreren anderen Ärzten wurde auch der Kreis-Physikus von Soltmann aus Bregenz gerufen. In höchster Not wagte dieser einen Kaiserschnitt. Vergebens! Frau und Kind überlebten den Eingriff nicht. Und immer noch war die Kindersterblichkeit entsetzlich groß: 1849 66 Taufen / 54 Verstorbene, davon 24 weniger als ein Jahr alt 1850 58 Taufen / 79 Verstorbene, davon 33 weniger als ein Jahr alt 1851 64 Taufen / 56 Verstorbene, davon 23 weniger als ein Jahr alt. Im Durchschnitt starben also 42 (!) Prozent der Kinder im ersten Lebensjahr. Im Jahre 1864 ist der „Doktor" Georg Gmeiner gestorben. Eine ganze Reihe von verschiedenen Ärzten bemühten sich in den folgenden Jahren um die Wolfurter Kranken. Als Doktorhaus diente viele Jahre lang eine Wohnung im 1851 vom späteren Vorsteher Josef Anton Schertler aus Stein erbauten schönen Haus Schulstraße 1, der im Jahre 1965 abgebrochenen Post. Der Pfarrer führte dieses neue Haus provisorisch ein paar Jahre lang unter der Nummer „154", was später die Nachforschungen recht kompliziert machte. Nachweisbar9 sind die Ärzte Joh. Gmeiner und Franz Müller mit ihren Familien im Haus C 149 (Wälderstraße 1, Köbo Ferdeles) und Johann Moritz mit seiner Familie in C 147 (Wälderstraße 10, Düros). Weil sie aber in der damals sehr armen Gemeinde kein Wartgeld und wahrscheinlich auch nicht genügend zahlende Patienten bekamen, blieben die meisten nur wenige Jahre. Folgende Namen konnte ich ausfindig machen:10 Dr. med. Johann Gmeiner, 1827-1862, Studium in Wien, promoviert 1857. Noch zu Lebzeiten von Rohner praktizierte er von 1857 bis 1862 in Wolfurt. Schon als 35jähriger ist er am 2. Februar 1862 gestorben, nach dem Sterbebuch im Haus „154" (Post). Beerdigt wurde er in Lauterach. 10 Dr. med. Franz Müller, 1820-1868, Studium in Wien und in Innsbruck, promoviert 1844. Als Wundarzt kam er mit seiner Familie 1865 nach Wolfurt. Schon nach drei Jahren ist er am 10. April 1868 im Haus „154" an Brustwassersucht und Altersschwäche gestorben. - Altersschwäche? Mit 48 Jahren? - Müller hinterließ seine Frau Cäcilia und fünf Kinder im Alter zwischen 5 und 18 Jahren. Dr. med. Johann Moritz, geb. 1825, zuständig nach Feldkirch. Im Taufbuch findet er sich 1869 als Geburtshelfer. Mit seiner Frau und den drei Buben verließ er Wolfurt bald wieder. Dr. med. Dünser, Arzt in Wolfurt etwa von 1871 bis 1877. Im Taufbuch findet wir ihn in diesen Jahren oft als Geburtshelfer, einmal 1877 auch als Spender der Nottaufe. Daten und Vorname werden aber nirgends genannt. Im Jahre 1875 war Vorsteher Schertler in sein neues Zieglerhaus im Flotzbach übersiedelt und hatte das Haus „154" an den Kronenwirt Sohm verkauft. Es blieb aber Doktorhaus. Dr. med. Franz Josef Gmeiner, 1847-1915, geboren in Alberschwende, Studium in Innsbruck, promoviert 1877. Als junger Arzt begann er 1877 seine Praxis in Wolfurt, bildete sich zum Homöopathen aus und arbeitete zeitweise als Kurarzt im Heilbad Obladis in Tirol. 1880 übersiedelte er nach Dornbirn und schon 1883 nach Bregenz. Dort wirkte er als gesuchter Augen- und Lungen-Spezialist noch 30 Jahre lang." Dr. med. Schnetzer. Auch ihn kennen wir nur aus den Pfarrbüchern. Schon im Mai 1879 wird er im Sterbebuch als „von hier" bezeichnet und dann bis 1883 mehrmals im Taufbuch als Geburtshelfer. Dr. med. Fritz Elsler. Er stammte aus Ried in Tirol und hatte von 1883 bis 1890 in Wolfurt die Stelle eines Gemeindearztes inne. Bekannt geworden ist seine gemeindepolitische Tätigkeit mit den Casino-Leuten.12 1882 hatte Pfarrer Sieber den Friedhof vergrößert und 1883 den ersten Todtenwagen für Beerdigungen eingeführt. Im Jahre 1888 ging vom verseuchten Rickenbacher Brunnen eine Typhus-Epidemie aus, die acht Todesopfer forderte. Darunter befand sich auch der Mechaniker Dür, der mit seiner Groß-Schlosserei das Stammwerk der Firma Doppelmayr geschaffen hatte. Laut Sanitätsgesetz von 1889 mußte das ganze Land flächendeckend in Sanitätssprengel aufgeteilt werden. So wurde für Wolfurt, Schwarzach und Bildstein (ohne Farnach) ein gemeinsamer Sprengel erstellt und von den Vorstehern J. M. Schertler, Johann Kohler und Urban Grabher in einer gemeinsamen Sitzung am 15. September 1889 im Löwen in Rickenbach dem Wolfurter Gemeindearzt Dr. Elsler anvertraut. Die Bedingungen waren aber so schlecht, daß Elsler ein Jahr später kündigte. Dr. med. Bilgeri. Auch der im Dezember 1890 zum Sprengelarzt bestellte Dr. Bilgeri wurde mit der Festsetzung des Wartgeldes so lange vertröstet, bis er Wolfurt schon nach zwei Jahren wieder verließ. 11 Erst jetzt erstellten die drei Gemeinden gemeinsam einen ordentlichen Vertrag:13 1. Der Sprengelarzt erhält jährlich ein Wartgeld von 400 Gulden, das in vier Raten ausbezahlt wird. 2. Folgende Gebühren werden festgelegt: a) Ganggeld für Hausbesuche in Wolfurt 50 Kreuzer in Schwarzach 1 Gulden in Bildstein 1 Gulden b) Totenbeschau in Wolfurt 80 Kreuzer in Schwarzach 1 Gulden 50 Kreuzer in Bildstein 1 Gulden 50 Kreuzer c) Ordination im Hause 30 Kreuzer. 3. Die Kündigungsfrist beträgt 3 Monate. Dr. med. Martin Hauser. Am 8. Juli 1892 wurde der obige Vertrag von Dr. Hauser aus Kappl bei Landeck unterzeichnet. Schon ein Jahr später kündigte er ihn wieder und ging nach Silz in Tirol. Trotz mehrfacher Ausschreibung konnte lange Zeit für den großen Sprengel mit der kleinen Rendite kein Arzt mehr gefunden werden. Der Schwarzacher Vorsteher Johann Kohler, der als Reichsratsabgeordneter über gute Kontakte verfügte, bemühte sich vergeblich sogar in Wien und in der Steiermark. Ein paar junge Mediziner, die sich die Verhältnisse im Sprengel wenigstens angeschaut hatten, verließen Wolfurt schnell wieder. Kranke mußten daher teure auswärtige Ärzte holen lassen. Im Jahre 1885 hatte der Sticker Gebhard Gmeiner, Lutzo-Schrinars, das Doktorhaus - es führte jetzt wieder die richtige Nummer C 261 - erworben. Weil aber ArztPraxis und Wohnung meist leer standen, drohte er 1894, die Wohnung anderweitig zu vergeben. Da schlössen die Sprengel-Gemeinden, bei denen Wolfurt jetzt durch den neuen Vorsteher Lorenz Schertler vertreten wurde, einen Vertrag mit ihm. Für jährlich 150 Gulden konnte der Vorsteher ab 1. Mai 1894 Räume für eine Arztpraxis mit Apothek-Zimmer und Wohnung (im Haus Schulstraße 1) mieten. Dr. med. Franz Lutz aus Steinhaus im Südtiroler Ahrntal bezog diese Räume, verließ sie aber schon nach einem Jahr wieder. Das „Wartgeld", der Grundgehalt des Arztes, war mit jährlich nur 400 Gulden einfach zu niedrig, auch wenn die Fabrik Jenny und Schindler für die Betreuung ihrer Arbeiter noch zusätzliche 100 Gulden beisteuerte. Schon im Herbst 1896 mußte die Stelle neu ausgeschrieben werden. Diesmal bewarb sich der bereits 58 Jahre alte Doktor Embacher, der bisherige Gemeindearzt von Blons. Dr. med. Johann Embacher, 1839-1923, Studium in Wien, promoviert 1868. Er stammte aus Kössen in Tirol und trat am 1. März 1897 die Sprengelarztstelle in Wolfurt an. 26 Jahre lang behielt er sie bis in das hohe Alter von 84 Jahren. Die Einwohnerzahl des Sanitätssprengels war stark im Steigen und lag 1900 bei etwa 3500 Menschen, die der Doktor - zu Fuß! - zu betreuen hatte, zum Teil auf abgelegenen Höfen in Bildstein und in Schwarzach. 12 Allein unter den über 2000 Wolfurtern gab es jetzt jedes Jahr im Durchschnitt 73 Geburten und 51 Sterbefälle. Und noch immer lag die Kindersterblichkeit mit etwa 20 Prozent Verstorbenen im ersten Lebensjahr sehr hoch. Als Todesursachen gab der Arzt bei den Kindern am häufigsten Durchfall, Bronchitis und Fraisen oder Gichter (durch Vitamin-Mangel verursachte Krämpfe) an, daneben manchmal auch Lebensschwäche, harte Geburt, Keuchhusten und andere. Als Ergänzung zu diesen nüchternen Prozentzahlen biete ich dem interessierten Leser umseitig eine Skizze des Wolfurter Friedhofs mit den vielen Kindergräbern von 1906 an! Nach langen Verhandlungen erbaute die Gemeinde 1905 für Dr. Embacher ein gemeindeeigenes Haus an der Hub (heute Schulstraße 12, Titelbild), das nun bis zum Jahre 1965 das Wolfurter Doktor-Hus blieb. Bild 6: Vor der Rädler-Arkade im neuen Friedhof, 1912. Von links: Oberlehrer Rädler, Kaplan Hagspiel, Dr. Embacher, Pfarrer Nachbauer Im Februar 1906 bekam es der Arzt noch einmal mit den so gefürchteten „Blattern " zu tun. Von Lustenau herauf, wo die Krankheit etliche Todesopfer forderte, waren sie durch Frau Emerenz Holzer eingeschleppt worden. Die arme Emerenz wurde eingesperrt und streng bewacht, die gesamte Bevölkerung geimpft und alle Bälle und Zusammenkünfte in der Fasnat abgesagt. Mit Erfolg! Die Verbreitung der Seuche blieb aus. Überaus viele Tote forderte dagegen die „Spanische Grippe " von 1918 unter der vom Krieg arg geschwächten Bevölkerung. Dr. Embacher war jetzt 80 Jahre alt und - nach schriftlichen Aufzeichnungen im Gemeindeamt - eigentlich dienstunfähig, fast erblindet und schwerhörig. Trotzdem behielten ihn die knauserigen Sprengelgemeinden. Er verlangte ja nicht einmal in den Jahren der Inflation die ihm zustehende Lohn-Aufbesserung. Die Kranken mußten also wieder Hilfe in den Nachbargemeinden suchen. Am 8. November 1923 ist der gute alte Doktor gestorben. Mit Dr. Embacher und seiner Frau Kreszentia waren von ihren sieben Kindern nur die Tochter Emilie Embacher und die Stieftochter Emma Klotz nach Wolfurt gekommen. Emilie wurde 1901 die Ehefrau des Schwanenwirts Joh. Gg. Kalb und damit die Mutter des Wolfurter Schwanenwirts Siegfried Kalb und seiner 13 Friedhofs-Aufnahme 1906 Wegen des Platzmangels auf dem Friedhof ordnete Pfarrer Nachbauer 1906 eine Bedarfserhebung an. Die Zählung am 22. April 1906 ergab insgesamt 605 Gräber: 1 Priestergrab für den 1902 beerdigten Pfarrer J. Gg. Sieber 15 Separatgräber (Familiengräber), z.B. für Schwanen- und Lammwirt 459 Reihengräber, unglaublich eng beieinander 127 „Engel"Gräber für die vielen verstorbenen Kleinkinder 3 Selbstmörder-Gräber in ungeweihter Erde in der Friedhofsecke. Als Folge dieser Zählung ließ die Gemeinde unter Vorsteher Ferdinand Köb und Bauleiter Gemeinderat Engelbert Köb den „oberen" Friedhof mit den Arkaden erbauen. 1911 konnte er eingeweiht werden. Das große Holzkreuz in der Mitte des Friedhofs wurde 1914 zum „Kriegergrab", zur Gedenkstätte für die in fernen Ländern gefallenen Soldaten. Zur Kirche gehörte seit Gründung der Pfarrei Wolfurt im Jahre 1512 ein anfangs sehr kleiner Friedhof. „ et in ac apud capellam coemeterium " heißt es im Erhebungsbrief. In Ausnahmsfällen, etwa bei der Beerdigung eines Priesters, wurde das Grab also innerhalb der Kirche ausgehoben. Als es auf dem Friedhof dann zu wenig Platz gab, mußte jedes Grab schon nach wenigen Jahren neu belegt werden. Für die unverwesten Knochen errichtete man jetzt beim Kirchturm ein Beinhaus. Es enthielt einige Hundert Schädel und wurde erst 1833 beim Neubau der Kirche unter Pfarrer Barraga abgebrochen14. Jetzt wurde der Friedhof ab dem bisherigen Priestergrab, das am Platz der später errichteten Lourdes-Kapelle stand, um ein beachtliches Stück gegen Westen (in der Skizze oben) erweitert. Schon 1882 gewann Pfarrer Sieber beim Abbruch des alten Pfarrhofs und des Pfarrer-Stadels neuerlich Platz für eine Ausdehnung nach Osten. Im Jahre 1906 war nun der Friedhof wieder zu klein geworden. In langen Reihen standen ringsum die weißen Kreuzchen für die verstorbenen Kleinkinder. Mit dem Arkaden-Friedhof von 1911 fand die Gemeinde das Auslangen bis zum Jahre 1988. Dann mußte auf dem anschließenden Hügel der große Terrassen-Friedhof, der auch Platz für Urnengräber einschließt, gebaut werden. Nur mehr ganz vereinzelt findet man ein Kindergrab. Schau noch einmal hin: 1906 waren es noch 127! 14 15 Schwestern Elsa Mohr und Anna Schertler in Bregenz. Emma Klotz heiratete den Sticker Ferdinand Köb in der Bütze. Von ihren drei Töchtern haben wir alle noch die erst 1998 verstorbene Ferdinanda Grabher von der Unterlindenstraße gekannt. Dr. med. Eugen Lecher, 1884-1964, geboren in Dornbirn, Studium in Wien, promoviert 1919. Am Wilhelminen-Spital in Wien hatte er sich im Anschluß an sein Studium noch einer Spezial-Ausbildung in Frauen-Heilkunde unterzogen und 1923 eine Privatpraxis in Dornbirn eröffnet. Noch im gleichen Jahr bewarb er sich um die Arztstelle in Wolfurt, die er 1924 antrat. Unermüdlich war er mit seinem Fahrrad und der bald abgegriffenen ledernen Arzt-Tasche durch seinen großen Sprengel unterwegs. Im Winter zog der Schäferhund „Rexl" den Schlitten mit der Tasche nach Bildstein hinauf. Das Einkommen blieb bescheiden. Erst in den 30er-Jahren konnte sich der „Doktor" für die besonders bei Nacht oft beschwerlichen Krankenbesuche ein Auto anschaffen. Als 1928 medizinisch ausgebildete Krankenschwestern nach Wolfurt kamen, war sein Verhältnis zu diesen anfangs sehr reserviert. Für ein „Vergelt 's Gott" verbanden die beliebten Schwestern ja jetzt Wunden, legten Salben auf heiße Abszesse auf und übernahmen mit Rat und Tat einen großen Teil der Kranken-Versorgung. So sehr man ihre aufopferungsvolle Tätigkeit in Wolfurt15 schätzte, so waren sie für den Arzt doch eine beachtliche Konkurrenz. Dr. Lecher hatte schon 1924 zusammen mit Wagnermeister Johann Heitz innerhalb der Feuerwehr eine Rettungsabteilung gegründet, die mit einem fahrbaren Liegebett ausgerüstet war. Er blieb bis zu seiner Pensionierung Mitglied der Feuerwehr und des Roten Kreuzes, dessen Ortsgruppe sich aus der Rettungsabteilung entwickelt hatte. In zahlreichen Schulungen lehrte er Erste Hilfe. Auch hier schuf er sich eine Konkurrenz, denn bei vielen Verletzungen und Verstauchungen suchten die Wolfurter jetzt ausgezeichnete (und preisgünstige) Hilfe bei Postmeister Anton Klettl, dem Ortsleiter des Roten Kreuzes. Fast nur bei schwereren Erkrankungen ging man zum Arzt, der auch schmerzende Zähne zog und unter Zuhilfenahme von Lachgas sogar manchmal auf dem schlichten Liegebett in seiner Ordination einen Leistenbruch operierte. Jetzt gab es bereits Krankenhäuser. Zu schweren Operationen ließ man sich in das „Spital" in Hohenems bringen, dessen jüdische Ärzte einen ganz besonders hohen Ruf hatten. Auch im „Sanatorium" Mehrerau suchte man Heilung, seltener in den Krankenhäusern von Bregenz und Dornbirn. Entbindungen fanden aber noch bis etwa zum Jahr 1950 immer zu Hause im Gado statt. Dazu holte man die erfahrene Hebamme, die zusammen mit einer Pfleogare Mutter und Kind versorgte. Wenn aber Komplikationen eintraten, rief man nach Dr. Lecher, der ja als Geburtshelfer speziell ausgebildet war. Gar manche Wolfurter haben ihm ihr Leben zu verdanken. Die Kindersterblichkeit sank enorm. Große Fortschritte in der Hygiene und in der Kinderernährung trugen dazu bei. Aber es sank auch die Anzahl der Geburten. In den Jahren von 1901 bis 1910 schwankte die jährliche Geburtenzahl in Wolfurt bei etwa 2200 Einwohnern noch 17 Bild 8: Dr. Eugen Lecher mit Frau und Adoptivtochter Hedl. Bild 9: Fahrbare RettungsBahre der Feuerwehr 1924 Bild 10: Dr. Lecher in seinem ersten Arztauto 1930 16 zwischen 57 (1906) und 80 (1908) und lag im Durchschnitt bei 70 pro Jahr. Von 1931 bis 1940 pendelte sie dagegen bei annähernd gleich viel Einwohnern zwischen 23 (1937) und 44 (1939) und lag im Durchschnitt mit 33, 5 unter der Hälfte der ersten zehn Jahre des 20. Jahrhunderts. Die Zeit der Großfamilien war vorbei! Es wandelten sich auch die Anforderungen an den Arzt. Krankenkassen und Krankenversicherungen ermöglichten vielen Menschen jetzt einen Arztbesuch. Die nach dem Krieg ab 1948 ansteigende Bevölkerungszahl machte die Teilung des Sanitätssprengeis notwendig. Im Jahre 1955 wurde für Schwarzach und Bildstein ein eigener Sprengel festgelegt, der von 1956 bis 1987 dem Schwarzacher Gemeindearzt Dr. Walter Hinteregger anvertraut wurde. Gleichzeitig hatte 1955 in Wolfurt Dr. Lecher seine Pensionierung angemeldet. 32 Jahre lang hatte er hier in schwierigen Friedenszeiten und in den Notjahren während und nach dem Zweiten Weltkrieg seinen Arztdienst verläßlich versehen. Jetzt übersiedelte er mit Frau und Adoptivtochter Hedl ins Feldmoos nach Bregenz. 1964 ist er gestorben. Beerdigt wurde er im Familiengrab in Dornbirn. Dr. med. Lothar Schneider, Jg. 1920, ein Sohn des Gymnasial-Direktors und ehemaligen Unterrichtsministers Dr. Emil Schneider. Bis 1955 war Dr. Schneider Arzt am Stadt. Krankenhaus in Bregenz gewesen. Am 1. Jänner 1956 trat er die neue Stelle in Wolfurt an. Sein Sanitätssprengel umfaßte jetzt das ganze Gemeindegebiet mit rund 3000 Einwohnern. Weil das nun schon 50 Jahre alte Doktorhaus zuerst umgebaut werden sollte, mußte Dr. Schneider einige Zeit lang in der Schulküche Ordination abhalten. Mit seiner Freundlichkeit und Geduld und vor allem mit seiner Einsatzbereitschaft durch alle 24 Stunden des Tages gewann er schnell das Vertrauen der Mitbürger. Wieder hatte sich in den letzten Jahren viel geändert. Fast alle Haushalte besaßen jetzt Telefon. Fast alle Leute waren jetzt in der Krankenkassa versichert. Manche machten es sich nun leicht und ließen den Arzt bei jedem Husten oder Fieber und auch bei eingebildeten Krankheiten ins Haus kommen, und das nicht selten sogar nach Mitternacht. Es gab aber auch noch Stunden schwerster Prüfung. Pest und Cholera waren längst aus dem Gedächtnis entschwunden, seit 1888 auch der Typhus als Epidemie. Noch lange hatten Pocken, Scharlach und Diphtherie ihre Opfer gefordert. Aber seit Kleinkinder und Schüler dagegen geimpft wurden, galten auch sie als überwunden. Eine einzige Geißel war noch geblieben: die Kinderlähmung, die gefürchtete Poliomyelitis. Alle paar Jahre durchzog sie als Epidemie die Lande, forderte Menschenleben oder machte Kinder zu Krüppeln. Drüben in Amerika bot der Bakterienforscher Dr. Salk seit 1953 seine sicher wirkende Schutzimpfung an. Aber unsere Behörden zögerten zu lange. Als im Frühjahr 1958 die Epidemie wieder ausbrach, fühlten sich Ärzte und Eltern verlassen. Täglich las man Todesmeldungen in der Zeitung. Die einzige Eiserne Lunge in der Valduna konnte die Vielzahl von eingelieferten und in höchster Todesangst nach 18 Luft ringenden Gelähmten nicht alle aufnehmen. Völlig gesunde Buben und Mädchen waren nach zwei Krankheitstagen tot! Und der Arzt wußte keinerlei Hilfe für die verzweifelten Eltern. Als junger Lehrer und Vater habe ich im benachbarten Buch diese Wochen selbst erlebt. Seltsame Rezepte aus dem „finsteren" Mittelalter wurden wieder hervorgeholt. Während einzelne Mütter ihre Kinder mit starkem Bohnenkaffee abwuschen und ihnen auch solchen einflößten, taten andere das gleiche mit Schnaps! Viele rieben ihre Kinder mit zerschnittenem Knoblauch ein und hängten ihnen eine Kette aus Knoblauchzehen um den Hals. Und als zwei Kinder verstorben waren, verbot man den Mitschülern die Teilnahme am Begräbnis. Nur zu Hause durften sie noch beten! Nur beten! Weit mehr als einhundert Todesopfer forderte diese letzte Seuche damals im Bild 11: Dr. Lothar Schneider Land Vorarlberg, dazu gab es viele bleibend Invalide. Seither impfte man auch bei uns gegen Polio. Der Gemeindearzt war jetzt kein Einzelkämpfer mehr. Für Blut- und Harn-Untersuchungen und auch zum Röntgen arbeitete er eng mit benachbarten Laboratorien zusammen. Und bei schweren Erkrankungen konnte er in ein Krankenhaus einweisen. Aber sein Wartezimmer blieb stets übervoll. Schließlich benötigte er sogar noch spezielle Sprachkenntnisse, um auch den vielen eingewanderten türkischen und jugoslawischen Patienten helfen zu können. Im Jahre 1965 übersiedelte Dr. Schneider mit seiner Familie an die Unterlindenstraße, wo er in einem neuen Haus seine eigene Praxis und auch weiterhin eine eigene Arzt-Apotheke eingerichtet hatte. Als in den 70er-Jahren die Einwohnerzahl auf über 6000 gestiegen war, mußten die Gemeinde-Verantwortlichen an eine Erweiterung der ärztlichen Versorgung denken. Im Jahre 1977 wurde mit Dr. Vorhofer ein zweiter Gemeindearzt eingestellt. Er ordinierte vorerst im alten Doktorhaus an der Schulstraße. Gleichzeitig richtete Mag. Wolf im Unterlinden-Zentrum an der Lauteracherstraße die erste selbständige Apotheke ein. Noch bis zum September 1984 blieb Dr. Lothar Schneider im Dienst. Dann über19 ließ er die Praxis seinem Sohn Dr. Gerold Schneider und zog sich in den Ruhestand nach Bregenz zurück. In seiner Bescheidenheit lehnte er eine ihm von der Gemeinde für den 28jährigen aufopferungsvollen Einsatz zugedachte Ehrung ab. Seither hat sich die medizinische Versorgung der Menschen in unserem 8000Einwohner-Dorf immer schneller verändert. Eine ganze Anzahl von Ärzten hat sich hier niedergelassen. Ich entnehme ihre (wahrscheinlich schon wieder überholte) Liste dem letzten „Blauen Buch" aus dem Jahre 2000: Praktische Ärzte Dr. Roland Gmeiner Dr. Michael Tonko Dr. Rudolf Vorhofer Dr. Agnes Thurnher Fachärzte Dr. Herwig Meusburger Dr. Christof Breier Dr. Christian Allhoff Dr. Peter Huemer Dr. Markus Lunardon Apotheke Mag. pharm. Rainer Wolf Achstraße 33a Unterlinden 24 Fattstraße 1 Kreuzstraße 2 Frauenheilkunde und Geburtshilfe Innere Medizin Zahn- und Kieferheilkunde Zahn- und Kieferheilkunde Zahn- und Kieferheilkunde Bützestraße 9 Bildsteinerstraße 5 Kirchstraße 2a Lauteracherstraße 3 Kellhofstaße. 1 Lauteracherstraße 1 Das ist eine ganz unglaubliche Entwicklung und Bereicherung, wenn man bedenkt, daß hier noch bis 1976 Dr. Schneider ganz allein gewirkt hat. Zusätzlich stehen uns zahlreiche Fachärzte in den nahen Städten zur Verfügung, sowie auch die ausgezeichnet ausgestatteten Krankenhäuser mit ihren Ambulanz-, Operations-, Bestrahlungs- und Rehabilitations-Einrichtungen. Nicht vergessen soll der Beitrag der Natur-Heilpraktiker sein. Eine große Rolle spielen aber auch Maßnahmen für eine gesunde Ernährung und für sinnvolle Freizeitgestaltung mit Bewegung und Entspannung. Wesentlich ergänzt wird das Gesundheits-Programm durch Bestrebungen gegen den Mißbrauch von Alkohol, Nikotin und anderer Suchtgifte. Schutzimpfungen machen uns immun gegen viele Krankheiten, die in vergangenen Jahrhunderten Tod und Entsetzen ins Dorf brachten. Durch unser ganzes Leben sind wir ärztlich umsorgt. Es beginnt mit Mutter-KindPaß und Säuglings-Fürsorge und setzt sich fort über die zahlreichen Schuluntersuchungen bis zu mancherlei Vorsorge-Untersuchungen für Gesunde, für Frauen, für Schwangere, für Schwerarbeiter und Risiko-Berufe. In den letzten Jahrzehnten des Wohlstandes und der sozialen Sicherheit hat sich 20 unsere Einstellung zum Leben und zum Sterben völlig verändert. Die Lebenserwartung ist sehr hoch geworden. Schon spricht man sogar von unwertem Leben in den Pflegeheimen und von aktiver Sterbehilfe. Stark gesunken ist dagegen die Anzahl der Geburten. Am besten wird das an den nüchternen Zahlen der Statistik sichtbar: Ende der 50er- und in den 60er-Jahren lag in dem mit seinen vielen neuen Einfamilienhäusern rasch wachsenden Wolfurt die Rate mit bis zu 33 Geburten auf 1000 Einwohner überdurchschnittlich hoch. Die allerhöchste absolute Geburtenzahl brachte dann das Jahr 1972 mit 147 Geburten. Das war bei 6305 Einwohnern immer noch eine hohe Rate von 23. Dann sank sie aber mit der Entwicklung der „Anti-Baby-Pille" schlagartig ab. Die letzten drei Jahre: Einwohner Geburten Sterbefälle 1999 7931 87 45 2000 7960 79 50 2001 7984 69 38 Damit ist die Geburtenrate (von früher 33) auf durchschnittlich 9, 8 gesunken, im letzten Jahr 2001 sogar auf sehr niedrige 8, 6! Und die Kindersterblichkeit? - Im Jahre 1999 sind zwei Kleinkinder gestorben, im Jahre 2000 eines und 2001 keines. Kein einziges! - Wenn du jetzt so ganz schnell über diesen letzten Satz hinweg gelesen hast, dann blättere doch zurück zu den 127 kleinen weißen „Engel"-Kreuzlein von 1906! Was haben die Ärzte, denen ich am Anfang „Bittere Medizin" unterstellt habe, mit ihrem Forschergeist und ihrem großen Einsatz alles geleistet! - Und doch hat all dieses menschliche Bemühen seine Grenzen. Irgendwann holt der unerforschliche Tod uns alle heim! Ärzte aus Wolfurt Neben den oben genannten Wolfurter Gemeindeärzten Joh. Georg Gmeiner und Joh. Martin Rohner möchte ich hier noch ein paar Namen von Ärzten nennen, die ebenfalls aus Wolfurt stammten, ihren Beruf aber in der Fremde ausgeübt haben. Dr. Balthasar Gmeiner, 1791-1863. Er war ein Neffe des Wolfurter Gemeindearztes J. Gg. Gmeiner (I.) und stammte wie dieser aus dem Haus an der Frickenescherstraße. Er hatte in Wien studiert und dort 1820 promoviert. Schon 1826 erlangte er die bedeutende Stelle eines Stadt-Wundarztes von Feldkirch, die er bis 1862 innehatte. 1863 ist er in Feldkirch gestorben.16 Dr. Joh. Georg Gmeiner (II.), 1804-1851. Er war der jüngste Bruder des Balthasar. Als Militärarzt verschlug es ihn bis in die Walachei. Gestorben ist er schon 1851 in Wien. Sein Enkel diente später in Wien als k.u.k. Offizier. Dr. Karl Wilhelm Rohner, geb. 1832 im Strohdorf. Er war nach dem Tod von sechs Geschwistern der älteste lebende Sohn des Gemeindearztes Joh. Martin Rohner. 21 Während sehr viele seiner Alterskollegen in den 50er-Jahren des 19. Jahrhunderts nach Amerika auswanderten, wählte er Australien als Ziel. Dort soll er „in Chiltern, Victoria" gearbeitet haben. Prof. Dr. Lorenz Böhler, 1885-1973. Er gilt als Begründer der modernen UnfallChirurgie und war schon zu Lebzeiten weltweit bekannt. Im Jahre 1957 ernannte ihn die Gemeinde Wolfurt zum Ehrenbürger. Viele Jahrzehnte lang leitete er das von ihm gegründete legendäre Unfall-Krankenhaus an der Webergasse in Wien. Eine lange Reihe von Büchern sind von ihm und auch über ihn geschrieben worden. Seine 1991 von Inge Lehne herausgebrachte Biographie wird in Wolfurt jedes Jahr als Teil des „Böhler-Preises" an die besten Schüler vergeben. Prof. Dr. Jörg Böhler, geb. 1917. Er hat zwar immer in Bozen, Wien oder Linz gelebt und gearbeitet, aber Wolfurt regelmäßig besucht. Von hier erhielt er auch seinen „Heimatschein". Als Unfall-Chirurg wurde er der Nachfolger seines berühmten Vaters Lorenz Böhler. Er leitete das Unfall-Krankenhaus in Linz und ab 1972 das große neue „Lorenz-Böhler-Krankenhaus" in Wien. Dr. Josef Hinteregger, 1888-1947. Erwuchs als Sohn des Andreas Hinteregger auf dem Bühel in Wolfurt auf. Schon als Student beteiligte er sich in Verbindung mit amerikanischen Wissenschaftlern an der Erforschung der in Wolfurt wegen Jodmangel weit verbreiteten Kropf-Erkrankungen. Seine Schwestern mußten dazu die Station für die Versuchs-Ratten betreuen. Nach zehn Dienstjahren in Oberösterreich war Hinteregger 24 Jahre lang Gemeindearzt in Satteins. Er starb bei einem MotorradUnfall. Auch seine beiden Söhne studierten Medizin. Dr. Walter Hinteregger wurde von 1956 bis 1987 der erste Gemeindearzt in Schwarzach. Dr. Georg Hinteregger war von 1958 bis 1994 Gemeindearzt in Alberschwende. Prof. Dr. Emil Beck, 1931-2001. Er wurde im „Engel" im Kirchdorf geboren. Während seines Studiums in Wien wurde er von seinem Lehrer Prof. Lorenz Böhler besonders gefördert. Als Unfall-Chirurg begleitete er dessen Sohn Jörg nach Linz und kehrte mit ihm nach Wien zurück. Im Jahre 1974 wurde er der erste Leiter des neuen Vorarlberger Unfall-Krankenhauses in Feldkirch. Später erhielt er den Lehrstuhl für Unfall-Chirurgie in Innsbruck. Seine letzten Lebensjahre verbrachte er in Feldkirch. Die Marktgemeinde Wolfurt verlieh ihm ihren Ehrenring. Sicher gibt es noch weitere Ärzte aus Wolfurt, deren Namen hier fehlen. Stellvertretend für jene, die in den letzten Jahrzehnten diesen verantwortungsvollen Beruf gewählt haben, nenne ich nur mehr zwei: Dr. Norbert Böhler, Jg. 1951. Er wuchs als Sohn des Zimmermeisters Eduard Böhler an der Bützestraße auf. Seit vielen Jahren ist er Gemeindearzt in Schruns. Dr. Gerold Schneider, Jg. 1954. Er ist ein Sohn des Gemeindearztes Dr. Lothar Schneider und übernahm 1984 dessen Arztpraxis an der Unterlindenstraße. Nach wenigen Jahren gab er die Gemeindearzt-Stelle auf und unterzog sich einem FachStudium. Heute arbeitet er als geschätzter Facharzt für Augen-Heilkunde in Dornbirn. Bild 12: Bekannte Ärzte aus Wolfurt, 1992: Prof. Dr. Emil Beck und Prof. Dr. Jörg Böhler vor dem Bild von Prof. Dr. Lorenz Böhler. 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 Werner Vogt, Alte Vorarlberger Heilbäder, Feldkirch 2001, S. 101 Siegfried Heim, Heims Ahnen, Privat, 2001, S. 20 Albertus magnus, egyptische Geheimnisse, 20. Auflage, ohne Angabe des Verlages mit Ausnahme der vermutlich gefälschten Herkunftsbezeichnung „Toledo", antiquarisch in Privatbesitz Forschungen von Dr. Johann Greißing in Landesgerichtsakten im VLA, die er freundlich zur Verfügung gestellt hat Heimat Wolfurt, Heft 7/1991, 'S. 21 Wie Anm. 4, Forschungen Dr. Greißing GA Wolfurt, Schachtel 1842 Walter Hinteregger, Gesundheitswesen, Heimat Schwarzach, 1990, S. 178 GA Wolfurt, Familienbuch 1850, cod. 19 Die meisten aus: Zirker, Ärzte in Vorarlberg 1814-1914, Regensburg 1998, aus Alemannia studens, Band 3 Andere aus Gemeinde- und Pfarrbüchern Hinteregger, wie Anm. 8, S. 179 Heimat Wolfurt, Heft 24/2000, S. 28 GA Wolfurt, Schachtel 1892 Vorsteher Schertler für Landeskunde, Schachtel 1883 im GA Heimat Wolfurt, Heft 15/1995, S. 3 Zirker, Ärzte in Vorarlberg 1814-1914, Regensburg 1998, aus Alemannia studens, Band 3 22 23 Siegfried Heim Strom für Wolfurt „s Eläcktrisch" im Jahre 2002! - Tausend Apparate jeden Tag vom Wecker am Morgen über Kaffeemaschine und Telephon bis zum Fernseher noch spät am Abend! Dazwischen all die unzähligen Maschinen und Automaten in Werkstatt, Büro und im Straßenverkehr! Strom-Ausfall im Jahre 2002? - Nicht auszudenken! Wir sind völlig abhängig geworden von der Elektrizität. Da ist es vielleicht ganz gut, wenn wir uns einmal an die Anfänge vor gut 100 Jahren zurückerinnern. Der Historiker Dr. Reinhard Mittersteiner hat letztes Jahr die Elektrizitätsgeschichte unseres Landes gründlich erforscht und uns in seinem Buch Kraftfelder' zugänglich gemacht. Zu Weihnachten 2001 haben die Vorarlberger Kraftwerke ihr 100Jahr-Jubiläum gefeiert. Anlaß dazu war, daß das E-Werk Schindler in Rieden als Vorgänger der VKW am 24. Dezember 1901 erstmals Strom in das dörfliche Ortsnetz Rieden eingespeist hat. Die Stadt Bregenz bekam erst 1903 Strom, Hard und Lustenau folgten 1905. Und Wolfurt? Unsere Gemeinde war zusammen mit Schwarzach mehr als ein Jahr früher dran. Bei uns leuchteten die Glühlampen schon ab Mai 1900. Als allererste Gemeinden im Land wurden wir flächendeckend mit der neuen Energieform versorgt. Wie hat das alles begonnen? Große Wissenschaftler hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts die Grundlagen der Elektrizität erforscht: Galvani, Volta, Faraday, Ampere, Ohm und andere. Fünfzig Jahre später griffen die Techniker die Ergebnisse der Forschungen auf und machten daraus Geld. Als Begründer der E-Technik gilt Werner von Siemens, 18161896, der 1866 eine Dynamo-Maschine erfand und damit 1879 eine erste elektrische Lokomotive und 1881 die erste elektrische Straßenbahn baute (Schon 1902 fuhr eine solche Tram von Dornbirn nach Lustenau!). In Amerika erfand Thomas Alva Edison, 1847-1931, im Jahre 1879 eine brauchbare Kohlenfaden-Glühlampe und richtete damit 1882 in New-York erstmals ein Ortsnetz für 400 Haushalte ein. Seit 1883 erzeugten sowohl Siemens als auch Edison in ihren Firmen serienweise Glühlampen. Der rasche Siegeszug des neuen Lichtes konnte beginnen! Mittersteiner hat nun in seinem Buch manches richtig gestellt, was wir Lehrer bis jetzt falsch gelehrt haben, weil es falsch in unseren Büchern stand und immer wieder falsch abgeschrieben wurde: 1. In Kennelbach brannte 1884 das erste elektrische Licht der ganzen öst.-ung. Monarchie. (Dr. Hans Nägele in Feierabend 1932 / 30, S. 17) Falsch! Schon 1870 und 1873 leuchteten elektrische Bogenlampen in Wien. Auf der „Internationalen Electrischen Ausstellung" erstrahlten 1883 an der Rotunde in Wien sogar bereits 3400 Glühlampen. (Mittersteiner, S. 21 u. 22) 2. Die Schindler-Fabrik in Kennelbach bekam als erste Fabrik elektrische Beleuchtung. Falsch! 24 Schon 1884 installierte die Firma F.M. Hämmerle in ihrem Werk in DornbirnFischbach die erste Fabriks-Beleuchtung in Vorarlberg. Im Juli 1886 folgten Getzner im Werk Bludenz-Klarenbrunn und als dritte dann am 29. September 1886 die Firma Jenny und Schindler in ihrer großen Spinnerei in Kennelbach. (Mittersteiner, S. 29) Diese Richtigstellungen können der Pionierleistung Friedrich Schindlers, 1856-1920, auf dem Gebiet der Elektrizität keinen Abbruch tun. Seine Forschungen ab 1882 in der oberen Villa in Kennelbach, seine Thermo-ElektrikPatente für die Welt-Ausstellung 1893 in Chicago, der Bau der Kraftwerke Rieden und Andelsbuch und die Gründung der „Elektra" sind Marksteine in der Elektrizitäts-Geschichte Vorarlbergs. Bild 13: Plazidus Gunz, 1861-1920 Jetzt aber endlich zu „Strom für Wolfurt"! Dessen Geschichte ist vor allem mit zwei Namen verbunden, mit Plazidus Gunz und mit Albert Loacker. Pazidus Gunz, 1861-1920 Als junger Weber heiratete der aus Bildstein-Staudach stammende Josef Gunz 1853 in die Familie des Rickenbacher Schmiedes Lorenz Dür ein. Der Schwiegervater vertraute ihm die neu aufgebaute Mühle an und begründete damit die Firma MühleGunz. Die junge Familie wohnte äußerst bescheiden in der Mühle. Von den 16 Kindern der tüchtigen Mutter Christina starben 11 ganz jung. Die anderen mußten von Kindheit an schwer arbeiten.2 Plazidus hatte glücklich die Pocken überstanden, trug aber davon tiefe Narben im Gesicht. In der Schule war er einer der besten, allerdings wurde sein Schulbesuch als mangelhaft eingestuft. Allzu oft versäumte er den Unterricht, weil er in Mühle und Landwirtschaft helfen mußte. Schon früh zeigte sich bei ihm die technische Begabung der Dür-Ahnen. Ohne besondere Ausbildung galt er als ausgezeichneter Schreiner, Schlosser, Schmied, Mühlenmacher und Dreher. Das meiste davon hatte er sich selbst in der benachbarten Schlosserei seines Onkels Josef Anton Dür angeeignet. Nach absolviertem Militärdienst widmete er sich nun dem Ausbau der Mühle. 25 Bild 14: Die Gunz-Mühle um 1900. Hier brannte zu Weihnachten 1896 das erste elektrische Licht in Wolfurt. Im Jahre 1890 schafften die Brüder Gunz bei der Firma Rüsch in Dornbirn eine Turbine an. (Mehr darüber im Anhang unter Vor der Elektrizität) Im gleichen Jahr übersiedelten Plazidus und sein jüngerer Bruder Christian nach Bludenz, wo sie die alte Mühle bei St. Peter mit ihrem Wasserrecht erworben hatten. Sofort begannen sie mit der Renovierung. Dazu gehörte auch der Einbau einer gebrauchten Turbine, die sie preisgünstig bei Samuel Jenny in der Mühle Lauterach-Lerchenau aufgetrieben hatten. Äußerste Sparsamkeit gehörte zu den Prinzipien der Gunz-Brüder. Wo immer möglich, kauften sie gebrauchte Einrichtung und richteten diese mit ihren geschickten Händen wieder her. Im Jahre 1891 wurde die Kunstmühle Gunz in Bludenz eröffnet. Bei einer folgenden Renovierung der Mühle in Rickenbach setzte Plazidus bei seinen Brüdern im Jahre 1896 seine Idee durch, auch hier, ähnlich wie in den Fabriken von Kennelbach und Dornbirn, elektrisches Licht einzuführen. Für 300 Gulden kaufte er bei der Firma Josef Oser in Krems eine kleine Dynamo-Maschine und setzte sie selbst auf die Turbine auf. .... Welch eine Freude hatten wir als es zum ersten mal gebrant hat, der Plaze ist bereitz die gantze Nacht bei der Dinamomaschine gestanden und hat den Schöpfer gelobt für diese Erfindung. Es wurde bald bekannt das Müllers elektrisches Licht haben. Die Nachbarn .... sind herbei geeilt und haben das Wunderding bewundert Sobald es in Rickenbach im Betrieb war, ist der Plaze nach Bludenz geeilt mit der Aufgabe, das mus in Bludenz auch gemacht werden. Es hat aber nichts kosten sollen. Der Albert Loaker war damals ein noch junger Elektrotechniker und der Plaze hat in Erfahrung gebracht, das er eine Djinamomaschine habe, die aber nicht gehe. Das hat dem Plaze schon gefallen, denn die kranke Djnamomaschine wurde nach Rickenbach gebracht. Der Loaker und Plaze 26 haben den Anker sowie die Spulen neu gewikelt mit Anstrangung aller ihrer Kenntniße und haben die Maschine zum gehen gebracht. Dieselbe wurde zuerst in Rickenbach ausbrobiert und als sie die Lebensfähigkeitsprobe bestanden hatte hat man dieselbe in möglichst feierlicher Weiße nach Bludenz überführt und in der Bludenzermühle zur Überraschung der ganzen Bludenzer gegend in Bewegung gesetzt (Gunz-Chronik, S. 455. Die oft fehlerhafte Rechtschreibung ist dadurch zu erklären, daß der Verfasser Lorenz Gunz wegen seines mangelhaften Schulbesuchs das Schreiben erst beim Militär erlernt hat.) Seit 1896 brannte also elektrisches Licht in der Mühle Rickenbach, seit April 1897 auch in Bludenz, jeweils mit einer Spannung von 110 Volt. Im gleichen Jahr 1897 nahm jetzt auch Johann Walter Zuppinger in seiner Mühle im Kessel einen großen Generator in Betrieb. Ganz sicher wollte er nicht hinter der Müller-Konkurrenz zurückbleiben. Plazidus Gunz hatte aber bereits neue Pläne. .... er hat sich mit dem nicht begnügt, daß wir nur allein Licht haben und ist dann auf den Gedanken gekommen, man müße die Wasserkraft im Schwarzachtobel ausnützen für die Gemeinden Schwarzach und Wolfurt Ein völlig neuer Gedanke im Lande Vorarlberg! Bisher hatten die meist liberalen Fabrikanten in der Elektrizität nur einen Weg zur weiteren Produktionssteigerung in ihren Fabriken gesehen. Kaum einer hatte an den Annehmlichkeiten des neuen Lichtes die Nachbarn teilhaben lassen, schon gar nicht die Einwohner eines ganzen Dorfes! Plazidus Gunz ließ bei Ingenieur Julius Rhomberg (So wird er in der Gunz-Chronik genannt. Vermutlich handelt es sich um den Dornbirner Ingenieur Leopold Rhomberg. Siehe Mittersteiner, S. 75) Pläne für ein E-Werk und ein Ortsnetz ausarbeiten. Bei Troll und Hefel und anderen Mitbesitzern der Wetzstein-Schleifen im Schwarzachtobel sicherte er sich die Wasserrechte und beantragte bei der k.u.k. Bezirkshauptmannschaft Bregenz schon 1897 die Baugenehmigung. Nach zwei Bürgerversammlungen legte er die Pläne den Gemeinden vor. Dort fand er in den fortschrittlichen Casino-Männern Johann Kohler und Wendelin Rädler3 starke Befürworter. Die Zuschrift der Gebrüder Gunz betreffend die Anlage einer elektrischen Beleuchtung in u. für Wolfurt sowie der Plan der Hauptstromleitung wurde zur Einsicht genommen. Dieses Unternehmen wird begrüßt mit der Versicherung daß ihm seitens der Gemeindevertretung die bestmögliche Unterstützung zu theil werde. (Gemeindevertretung Wolfurt, Protokoll v. 14.10.1897) Nun schlössen die Brüder Gunz mit der Elektrofirma Ganz u. Co. in Budapest(!) einen Bauvertrag für das zukünftige Werk ab. 4 Durch Einsprüche der Schwarzacher Anrainer verzögerte sich der Baubeginn. Erst nach einem langen Instanzenweg erhielten die Gebrüder Gunz von der B.H. Feldkirch endlich am 10. Februar 1900 27 die Baubewilligung. Inzwischen hatte Plazidus Gunz enge Kontakte zu Albert Loacker geknüpft. Im Mai 1899 hatte er diesem alle seine Pläne und die an der Schwarzach erworbenen Rechte für bare 1000 Gulden verkauft. Zum Kaufpreis gehörte auch noch die unentgeltliche Lieferung von Strom „für einen 15 PfK Elektromotor" solange das Werk besteht. Plazidus betreute weiterhin die technische Einrichtung und die Lichtmaschine in der Mühle in Wolfurt. In Bludenz setzte er sich mit Erfolg für die Gründung eines Städtischen E-Werks ein, das dann am 1. Jänner 1901 in Betrieb ging. Für seine Frau baute er ein elektrisches Bügeleisen, das auch als MusWärmer für die Kinder Verwendung fand. Bekannt wurden seine elektrische Christbaum-Beleuchtung, der AusbrüteBild 15: Das E-Werk am Rickenbach 2002. Apparat für Hühnereier und der ScheinElmar Gunz vor dem unter der Werkbank werfer, mit dem er vom Giebel seines arbeitenden Generator. Hauses aus in die Stadt hinaufleuchtete. Im Jahre 1911 baute er für die Stadtpfarrkirche St. Laurentius das erste elektrische Läutewerk in Vorarlberg, das er mit einem Fest am Katharinentag 1913 der Öffentlichkeit vorstellte.5 Um die Stadt Bludenz machte sich Plazidus Gunz aber auch als christlich-sozialer Politiker und als Gründer der Raiffeisenkassa verdient. Schon im Alter von 60 Jahren ist er im Sommer 1920 plötzlich gestorben. Seine technische Begabung lebte und lebt in zahlreichen Nachkommen weiter. Die Mühle in Bludenz mußte allerdings unter dem Druck der globalisierten Getreide-Weltwirtschaft im Jahre 1997 geschlossen werden. Die Mühle im Rickenbach-Tobel ist schon 1976 abgebrannt. Geblieben ist dort aber ein winziges E-Werk. Noch immer wird es, wie schon vor 106 Jahren, aus den alten Rohren vom Rickenbach betrieben. Mit Sorgfalt betreut Elmar Gunz, Jg. 1931, ein Enkel des Plazidus, den Generator, der das Gunz-Haus mit Licht und Wärme versorgt. Und den Energie-Überschuß von etwa 150 000 kWh im Jahr, den speist er, durch Sondervertrag mit den VKW geregelt, in unser Landes-Netz ein. Immerhin ausreichend für etwa dreißig Einfamilienhäuser! - Strom aus Wolfurt! Albert Loacker, 1873-1956 Albert Loacker hatte sich nach seiner Schlosserlehre in Rankweil bei der Elektro-Firma Ganz u. Co in Budapest zum Fachmann für Elektro-Technik ausgebildet. Im Jahre 1895 eröffnete er dann in Rankweil das erste ElektroInstallationsgeschäft in Vorarlberg. Der junge Mann hatte große Pläne. Mit einem Kraftwerk an der Frutz wollte er fast ganz Vorarlberg von Bludenz bis Bregenz mit Strom versorgen. Für ein solches Gemeinschaftswerk waren aber die Gemeinden und Städte des Landes noch nicht reif. Es war schwer genug, Geld und Interessenten für kleine lokale E-Werke aufzutreiben. Loacker verlegte sein Geschäft zuerst nach Dornbirn und dann 1902 nach Bregenz. Inzwischen hatte er Plazidus Gunz kennen gelernt und ihm die ersten Kenntnisse der Bild 16: Albert Loacker, 1873-1956 Elektro-Technik beigebracht. Während Gunz noch auf die Genehmigung seines Kraftwerks im Schwarzach-Tobel wartete, begann Loacker schon mit den Vorarbeiten dazu. Im Frühling 1899 traten die Gebrüder Gunz ihre Rechte an ihn ab. Darauf schloß die Gemeinde Wolfurt mit Loacker am 20. Juni 1899 ihren ersten Vertrag ab, in welchem sie ihm u. a. ein Elektro-Monopol in ihrem Gemeindegebiet einräumte. Erst jetzt fixierte Loacker am 31. August 1899 den endgültigen Ablösevertrag mit den Brüdern Gunz und begann sofort mit dem Bau von Kraftwerk und Ortsnetz. Ab Mai 1900 konnte er die beiden Gemeinden Schwarzach und Wolfurt mit Strom versorgen. Jetzt erkannten Jenny und Schindler, deren Werk Rieden seit 1891 genügend Strom für die Fabriken in Kennelbach lieferte, daß auch die Errichtung von Ortsnetzen ein Geschäft werden könnte. Ab 1901 belieferten sie Rieden und 1903 die Stadt Bregenz, während Loacker mit seinen beschränkten Mitteln 1903 nur noch Lauterach anschließen konnte. Um Hard lieferten sich die beiden Konkurrenten dann 1905 einen häßlichen Kampf in den Tageszeitungen, den schließlich Schindler für sich entschied. Resignierend schrieb Loacker schon 1904 in einem Brief an die Gemeinde Wolfurt: .... Sie werden mir zugeben müssen, dass ich der erste war, der es wagte in Vorarlberg Elektrizitätswerke unter Verhältnissen zu gründen, wo deren Gewinn ein fraglicher war, und niemand getraute sich damals für so eine Sache Geld 29 28 herzugeben, weil er den Wert eines Elektrizitätswerkes nicht schätzen konnte. Nachdem ich der Firma Jenny & Schindler im Jahre 1900 & 1901 einen weiteren Beweis erbringen konnte, dass die Errichtung elektrischer Zentralstationen ein gewinnbringendes Unternehmen sein könnte, da entschloss sich jene Firma zur Vergrösserung ihrer damaligen Kraftanlage und dazu noch Rieden und Kennelbach Strom abzugeben, später kam dann auch Bregenz dazu, und nun auch Lustenau und Hohenems, aber angefangen in solchen Gemeinden habe ich .... (Brief im GA Wolfurt) Das ist also der eigentliche Anfang der VKW als Versorger der Allgemeinheit: 1897 eine Idee von Plazidus Gunz 1899 deren Verwirklichung durch Albert Loacker in Schwarzach und Wolfurt 1901 die Nachahmung durch Jenny und Schindler in Rieden. Loacker mußte sich ab jetzt auf sein Werk an der Schwarzach beschränken. Seine Installations-Monteure waren allerdings im ganzen Land tätig, besonders auch bei der Errichtung des großen Kraftwerks Andelsbuch. In Lauterach (heute Antoniusstraße 14) besaß er eine große Werkstätte für Motoren- und Freileitungsbau, die zuletzt sein Chef-Monteur Bargehr betreute. Viele Jahre lang gehörte Albert Loacker dem Stadtrat in Bregenz an. Vom Land Vorarlberg wurde er als Fachmann sowohl bei der Übernahme der Schindler-Werke durch das Land als auch bei der Gründung der 111-Werke 1924 zugezogen. In Tirol konnte er bis 1914 noch die Kraftwerke Fügen, Uderns, Ried, Kaltenbach und Stumm (im Zillertal) errichten. Im Alter von 84 Jahren ist der um unser Land so hochverdiente Mann 1956 in Bregenz gestorben. Bild 17: Rickenbach um 1925 mit dem Loacker-Trafo und den alten Stromleitungen. Die Entwicklung in Wolfurt Am 26. Juni 1899 hatte die Gemeinde Wolfurt also den ersten Vertrag mit Loacker geschlossen und diesen am 19. August noch ergänzt. Sie erkannte darin die von Loacker vorgeschlagenen Strombezugs-Bedingungen und Tarife an. Loacker erhielt ein Stromdurchleitungs-Monopol für 40 Jahre und ein Verkaufs-Monopol für Elektro-Material und Lampen. Die Preise mußten allerdings den allgemeinen Marktpreisen angepaßt werden. Die Stangen für die Leitungen durften auf Gemeindegrund an den Straßenrändern aufgestellt werden. Den Strom für eine große Lampe auf dem Kirchplatz lieferte Loacker kostenlos. Eine für jene Gründerzeit bezeichnende Ausnahme vom Leitungs-Monopol wurde auch noch in den Vertrag aufgenommen. Vorsteher Lorenz Schertler und sein Bruder Jakob beabsichtigten, für ihre große Ziegelei im Flotzbach ein eigenes Kraftwerk im Wirthatobel zu errichten. (Sie haben daran übrigens bis zum Sommer 1903 gebaut, dann aber nach einem Hochwasser-Schaden ihre Pläne und Rechte an Loacker verkauft. Dieser legte die Pläne beiseite, zumal er von Schindler keine Durchleitungsrechte durch Kennelbach bekam.) 30 Die Gemeinde bildete ein Elektrizitäts-Komitee, bestehend aus Vorsteher Lorenz Schertler Adlerwirt Joh. Georg Fischer Kreuzwirt Johann Haltmayer Gemeinderat Fidel Kirchberger und Oberlehrer i. R. Wendelin Rädler. Nach einer Begehung wurden im November 1899 die Leitungsmasten aufgestellt. Loacker offerierte die geplanten 22 Straßenlampen mit 4200 Meter Kupferdraht und 170 Isolatoren für 1046 Gulden. Die 6 Lampen (sechs!) für das Schulhaus sollten 80 Gulden kosten, die 5 für den Pfarrhof 133 Gulden. Eine einzelne Leuchte samt Kohlenfaden-Lampe kam auf stolze 2.30 Gulden. Für einen Monteur berechnete Loacker gar pro Tag 5 Gulden. Das war in einer Zeit, wo Taglöhner noch um einen Gulden arbeiteten, sehr viel. Das Werk im Schwarzachtobel war im März 1900 fertig. Sofort begann es mit der Stromlieferung, im Mai dann auch für Wolfurt. Zwei Turbinen von der Firma Rüsch in Dornbirn nützten 70 Meter Gefälle der Schwarzach. Diese lieferte bis zu 300 Liter Wasser pro Sekunde, bei Vereisung oder anhaltender Trockenheit aber leider oft nicht einmal 50 Liter. Zwei Generatoren erzeugten Strom mit einer Spannung von 3000 Volt, der in vier hölzernen Trafo-Häuschen auf die von Loacker (nach Empfehlung durch die Berliner AEG) vorgeschlagene Haushalts-Spannung von 220 Volt transformiert wurde. Von der Maximal-Leistung von 45 Kilowatt mußten 15 Kilowatt kostenlos für die Wasserrechte an Troll, Hefel u. Co. abgegeben werden. Zwei Aufseher betreuten das Kraftwerk in abwechselnden Arbeitsschichten von je 12 Stunden. Sofort nach der Inbetriebnahme schafften die vielen Wolfurter Sticker ElektroMotoren an. Bald reichte die Leistung des Werkes nicht mehr aus, den steigenden 31 Bedarf zu decken. Schon im ersten Winter 1900/01 kam es zu großen „Kalamitäten": Die Lampen brannten „schlecht oder fast gar nicht", die Motoren liefen auf halben Touren. Eine vorübergehende Besserung erreichte Loacker durch Strom-Zukauf von Schindler aus dessen Werk Rieden. Schon im Juni 1901 und später noch mehrmals bot Loacker sein Werk den beiden Gemeinden zum Kauf an. Sie getrauten sich aber nicht, den inzwischen auf 350 000 Kronen geschätzten Betrieb selbst zu übernehmen und zu führen. Bis März 1902 waren von den insgesamt fast 450 Häusern aber erst 90 angeschlossen. Sie besaßen zusammen 1207 Glühlampen und 40 Motoren. Dazu kamen noch 6 Bügeleisen von je 500 Watt. Diese galten als ausgesprochene Luxus-Geräte und kosteten dementsprechend auch je 42 Gulden (oder 84 Kronen). Der Strompreis war pro Lampe pauschaliert. Die Benutzer schalteten ihre Lampen daher nur aus, weil die Kohlenfaden-Lampen eine Brenndauer von höchstens 1000 Stunden hatten und jede neue Lampe 1.40 Kronen kostete. In Rieden und in Dornbirn hielten die E-Werke eine Spannung von 150 Volt. Gerne hätte sich Loacker jetzt den Nachbarn angepaßt. Wolfurt weigerte sich aber, die teure Umstellung zu genehmigen. Inzwischen hatten die Wolfurter Lausbuben die Straßenlampen als Ziel für ihre Steinwürfe entdeckt. Schon im März 1902 verlangte Loacker von der Gemeinde Schaden-Ersatz und Ausforschung der Übeltäter. Im Lande hatte eine Hochkonjunktur der Stickerei mit den neuen Schiffle-Stickmaschinen eingesetzt. Im Zentrum Lustenau liefen 1903 insgesamt 111 Maschinen, alle von ratternden Benzin- oder von komplizierten Gas-Motoren angetrieben. Jetzt konnte Wolfurt den Vorteil des eigenen E-Werkes ausnützen! In Wolfurt surrten im gleichen Jahr bereits 45 Schiffle-Stickmaschinen (in Relation zur Einwohnerzahl also deutlich mehr als in Lustenau), und die besaßen alle einen bequemen ElektroMotor! (Nach Mittersteiner, S. 137) Jetzt wurden auch Lauterach und Lustenau wach. Lauterach schloß 1903 einen Vertrag mit Loacker zum Anschluß an das Wolfurter Netz, Lustenau einen mit Schindler. Weil Loacker nicht einmal genug Strom für den rasch wachsenden Bedarf in Wolfurt hatte und Schindler die Hilfslieferungen ab 1. April 1903 einstellte, legte sich die Gemeinde Wolfurt gegen den Anschluß von Lauterach quer. Loacker schaffte als Energie-Reserve jetzt eine teure Dampf-Lokomobile an, eine riesige Dampfmaschine mit Generator, und stellte das Ungetüm in Lauterach in der Nähe des Bahnhofs auf. Für den Strom aus Schwarzach, aber auch zur Einspeisung des mit Hilfe der Lokomobile in Lauterach erzeugten Stroms in das Wolfurter Netz, baute Loacker eine Verbindungsleitung von der Kapelle Rickenbach an der Ziegelhütte im Flotzbach vorbei nach Lauterach. Die Gemeinde Wolfurt, seit 1901 vom neuen Vorsteher Fidel Kirchberger geführt, klagte wegen Besitzstörung, konnte aber die Fertigstellung der Leitung nur verzögern. Damit schadete sie am meisten ihren eigenen Stickern, die den Strom aus der Lokomobile dringend gebraucht hätten. Die Sticker verlangten nun in einer Krisen32 Bild 18: Gasthof Rößle um 1910. Davor auf dem Kirchplatz der große Kandelaber, für den Loacker kostenlos Strom liefern mußte. Sitzung am Neujahrstag 1904, die Gemeinde solle „auf Grund der schlächten Licht und Kraftzusendung von Herrn Albert Loacker" die Auflösung des MonopolVertrages mit diesem beschließen. Sie wollten Strom von dem leistungsfähigeren Schindler-Werk in Rieden beziehen. Fast zwei Jahre dauerte nun der (vermutlich von Schindler geschürte) Streit. Die Gemeinde verlor schon ihre beiden ersten Prozesse beim Bezirksgericht in Bregenz, dann auch noch im September 1905 die beiden Berufungs-Prozesse am Kreisgericht in Feldkirch und mußte die Kosten in der Höhe von 932 Kronen übernehmen. Trotzdem entschloß sie sich zur Berufung an das Höchstgericht in Wien. Sie hätte wohl auch dort verspielt, wenn nicht Loacker nun Konzessionen nach den Tarifen von Schindler gemacht und die Gemeinde damit zum Zurückziehen der Klagen gebracht hätte. Inzwischen lief die Lokomobile in Lauterach seit Jänner 1904 fast ohne Probleme. Nur am 12. Februar 1905 kam es noch einmal zu einem Strom-Ausfall von einer Viertelstunde. Großer Schneefall hatte das Wasser der Schwarzach plötzlich fast verschwinden lassen. Es dauerte einige Zeit, bis die Lokomobile in Schwung war. Loacker mußte sich entschuldigen. Das Verhältnis zu ihm war nach den Prozessen für lange Zeit vergiftet. In einem Brief an die Gemeinde klagte er über „Hass und Verläumdung". Ein anderes Mal mußte er von der auffallend großen Menge zerschlagener Isolatoren berichten. Im März 1906 konnte Loacker aber wieder einen Strom-Liefervertrag mit Schindler abschließen, der ihn aller Sorgen enthob und den Einsatz der Lokomobile als Reserve entbehrlich machte. Schindler brauchte ihn jetzt wieder. Für das von ihm erworbene Netz Dornbirn, vor allem aber als Verbindung zum großen neuen Werk in Andelsbuch wollte er eine Ringleitung durch Wolfurt bauen und dazu war Loackers Einverständnis notwendig. Andere Sorgen stellten sich ein. 1907 stellten Loackers Inkassanten fest, daß nicht 33 wenige Leute in Wolfurt größere und hellere Lampen eingeschraubt hatten. Das war natürlich bei den pauschalierten Anlagen ein arger Mißbrauch des Vertrauens und mußte entsprechend bestraft werden. Jetzt empfahl Loacker den Einbau von „Zählern". Inzwischen hatte er auch in seinem Bereich die in Bregenz und Dornbirn gebräuchliche Spannung von 150 Volt eingeführt. Immer mehr von den neuen Osram-Lampen traten an die Stelle der bisher verwendeten Kohlenfaden-Lampen. Auer von Welsbach hatte ja schon 1902 Metallfäden in seine Glühbirnen eingebaut. Nach vielen Versuchen hatte schließlich eine Osmium-Wolfram-Legierung die besten Eigenschaften gezeigt. Nach langen zähen Verhandlungen schloß Loacker am 13. Juni 1908 einen neuen Vertrag mit der Gemeinde, der sich weitgehend an Schindlers Tarifen in Bregenz orientierte. Damit waren nun beide Seiten für lange Zeit zufrieden. Im Jahre 1913 hatten einige durch die Stickerei-Krise verarmte Wolfurter ihre Stromzähler manipuliert. Seither mußten die Zähler und die Sicherungs-Kassetten plombiert werden. Im Jahre 1916 wurde die Hauptleitung nach Lauterach begradigt, um die eingesparten Kupferdrähte wie die Glocken vom Kirchturm als Kanonen-Metall abliefern zu können. Große Schwierigkeiten bereitete die Inflation nach dem Weltkrieg mit den immer wieder überholten und neu festzulegenden Tarifen. Bis zum 1. Jänner 1925 stiegen die Stromkosten auf das 9500-fache des Vorkriegspreises und wurden jetzt mit vielen Nullen geschrieben. Im Februar 1924 konnten die VKW endlich ihre Hochspannungsleitung auf Holzmasten von Rieden über die Ach und durch die Wolfurter Felder nach Schwarzach und weiter nach Andelsbuch verlegen. Um dem Chaos mit den verschiedenen Spannungen, das ja von Ort zu Ort verschiedene Anschlüsse für die vielen Elektrogeräte und auch für die jetzt zahlreich gewordenen Glühbirnen verlangte, ein Ende zu bereiten, gab es seit 1924 eine internationale Empfehlung zum Übergang auf die Normalspannung von 220/380 Volt. Das führte natürlich in Wolfurt, wo man erst 1908 von den jetzt wieder geforderten 220 Volt abgegangen war, zu neuem Ärger. Zuerst änderte Loacker in Wolfurt die Spannung nur in dem von der Trafo-Station bei der Kapelle Rickenbach versorgten Bereich. Zahlreiche der neuen Glühbirnen brannten dort schnell durch und mußten auf Kosten der Lieferfirma ersetzt werden. Erst 1927 wagte Loacker die Umstellung des Bereichs Hub. Er nahm die alten Lampen zurück und lieferte neue zum halben Preis. Die Motoren wickelte er auf eigene Kosten in seiner Werkstatt in Lauterach neu. Im Dezember 1931 notierte Loacker befriedigt, jetzt sei schon „ein großer Teil" von Wolfurt auf die moderne Spannung von 220/380 Volt umgestellt. Bregenz und Dornbirn stellten erst 1932 um, Hard 1934 und Kennelbach gar erst 1936! Die Illwerke bauten im Winter 1929/30 ihre große Überlandleitung von Bürs bis ins Ruhrgebiet. Es war die allererste 220 000 Volt-Anlage in Europa. Seither beherrschen ihre Masten die schönen Wolfurter Bühel vom Bannholz über das Schloß bis 34 zur Ach. Bald galt es für die Buben als Mutprobe, die Masten bis zu den drei „Schiffle" zu ersteigen. Am meisten bewunderten wir Königs Max, wenn er ganz oben an der Spitze auf dem „Blitzableiter" (Erdseil) seine Turnkünste vorführte. Im Jahre 1930 stand Loacker vor der Notwendigkeit, sein nun schon dreißig Jahre altes E-Werk an der Schwarzach zu modernisieren. Das Netz Schwarzach-LauterachWolfurt mußte jetzt fast 10 000 Glühlampen und dazu gegen 500 Motoren und 600 Koch- und Heizgeräte versorgen. Nachdem Loacker das ganze Werk noch einmal ohne Erfolg den Gemeinden zum Kauf angeboten hatte, legte er es aus wirtschaftlichen Erwägungen still und bezog ab 1931 den gesamten Strom von den VKW, die seit 1929 Eigentum des Landes Vorarlberg waren. Laufend wurden „elektrische" Herde angeschlossen, zu denen zwingend ein Zähler vorgeschrieben werden mußte. Im Jahre 1936 bekam sogar die Schule einen ersten Elektro-Herd, auf welchem nun die Schulschwestern und andere bekannte Köchinnen die Wolfurter Frauen in Kochkursen ausbildeten. Im gleichen Jahr erhielt auch die Pfarrkirche ein „elektrisches" Geläute, 25 Jahre nachdem der Wolfurter Elektro-Pionier Plazidus Gunz sein erstes in Bludenz installiert hatte. Wenn aber der alte Mesner Johann Köb jetzt die starken Motoren des Läutewerks einschaltete, war das Netz so überlastet, daß alle Lampen im Kirchdorf zu zucken begannen. Allmählich wurden die alten Haus-Installationen den neuen Erfordernissen angepaßt. Für das Bügeleisen hatte man bisher einen Schraubkontakt anstelle der Glühbirne einschrauben müssen. Nun wurde eine Steckdose an der Wand angebracht, allerdings noch eine ohne Erdungsschutz. Die Stromzuführung von der Holzstange an der Straße zur Haus wand erwies sich mehrfach als gefährliche Todesfalle. So kostete eine Berührung mit den Drähten unter anderen ein siebenjähriges Kind in Rickenbach, den 16jährigen Rudolf Seichter im Oberfeld und noch 1955 den 42jährigen Maler Julius Loitz, der in Ausübung seines Berufes beim Gasthaus Adler verunglückte, das Leben. Wo Motoren oder ein Elektro-Herd verwendet wurden, mußten anstelle der beiden „Licht"-Drähte nun die vier „Starkstrom"-Drähte zugeführt werden. Seit Kriegsende wurden diese meist zu einem weniger gefährlichen „Dachreiter" geführt und ab 1960 sogar durch ein isoliertes (selbst-tragendes) „Setra"-Kabel. Später verlegten die VKW nach und nach fast alle Leitungen im ganzen Land unter die Erde. Wer die Verhältnisse in anderen Bundesländern oder gar in den Staaten des östlichen Auslandes kennt, weiß das dankbar zu schätzen! Die vielen neuen Elektrogeräte führten anfangs häufig zur Überlastung der als Lichtleitungen verlegten Anschlüsse im Haus. Wenn die damals gebräuchlichen Schraub-Sicherungen dann durchbrannten, behalfen sich nicht wenige „Bastler" mit „Flicken" derselben mit Hilfe von Drähten. Das war dann immer wieder die Ursache, daß Häuser in Brand gerieten. Nicht einmal das Schloß war ausreichend sicher installiert. Als Fritz Schindler jun., der Sohn des Kennelbacher Elektro-Pioniers, 1936 dort eingezogen war, hatte man 35 hat, nicht verzichten. Daher schreibe ich an den Schluß ein großes „Danke schön" an Friedrich Schindler, an Plazidus Gunz, Albert Loacker und an die VKW! Was war denn vor der Elektrizität? Sie ist ja heute unsere wichtigste Energie-Form. Energie ist aber - so lernen es die Schüler - die Fähigkeit, eine Arbeit zu verrichten. Arbeit gab es aber wohl immer schon. Am Beispiel der Wolfurter Familie Dür-Gunz möchte ich von der Entwicklung der Arbeitsbewältigung erzählen. Lorenz Dür wurde 1788 in „Hannes Franzo Hus" am Röhle-Rank geboren. Nach seiner Lehrzeit durchwanderte er zur Zeit der Franzosenkriege als Schmiedegeselle Süd-Deutschland und die West-Schweiz. Nach Ablegung der Meisterprüfung erbaute er 1812 im Getreidefeld gegenüber seinem Elternhaus eine Schmiede und ein Jahr später ein Haus (Es steht noch heute unter der Nummer 11, Schorrers, an der Bregenzerstraße). Seine Frau Johanna Köb gebar ihm dort fast jedes Jahr ein Kind, insgesamt fünfzehn. Dazu mußte sie noch als Schmiede-Gesellin am Amboß schaffen: .... Wenn der Mann in der Schmiede war und mit dem Hammer auf dem Amboß das Zeichen gab zum Daraufschlagen, dan mußte das Weib, wenn sie gerade mit dem beschäftigt war dem Kind Muß zu geben, die Pfanne wegwerfen und in die Schmiede springen zum den Gehilfen machen (Gunz-Chronik, S.444) Später baute der Schmied einen schweren Fall-Hammer und dazu einen GöppelAntrieb. Jetzt führten seine Buben einen alten Gaul um den Goppel und ersetzten damit die Muskelkraft ihrer Mutter durch die des Pferdes. Drei von den Dür-Buben erlernten ebenfalls das Schmiede-Handwerk. Ihnen genügte der Göppel-Hammer bald nicht mehr. 1846 kaufte ihr Vater für sie die uralte und zerfallene Hunds-Mühle am Rickenbach. Sie hatte den Namen davon, daß ihr Müller schon im Mittelalter verpflichtet war, die Jagdhunde des Grafen von Bregenz zu versorgen. Als Mühle hatte sie ausgedient, aber ihre Wasserkraft stand nun den jungen Schmieden zur Verfügung. Sie bauten das Haus (heute Rickenbacherstraße 9, Stammhaus Doppelmayr) neu auf. Mit hölzernen Känern leiteten sie das Wasser des Rickenbachs auf zwei Wasserräder und betrieben damit ihre neue Hammerschmiede, dazu aber zeitweise auch eine Säge, eine Nudlerei, eine kleine Maismühle und einen Lor-Stampf, in welchem Baumrinde für die Gerber zerquetscht wurde. Schon 1852 erbauten sie dann weiter hinten im Tobel eine neue große Mühle, die sie zwei Jahre später ihrem Schwager Josef Gunz überließen. Auch die neue Mühle wurde durch ein Wasserrad vom Rickenbach angetrieben. Mit seinen heranwachsenden Söhnen Josef, Lorenz, Plazidus und Christian erweiterte der Vater Josef Gunz den Betrieb ständig. Ein Lor-, ein Knochen- und ein GerstenStampf wurden angefügt, dazu Landwirtschaft und Frächterei und schließlich sogar 37 Bild 19. Durch einen ElektroDefekt ist das Schloß am 12. Dez. 1939 abgebrannt. vieles großzügig renoviert. Den Stromverbrauch eines nachträglich noch eingebauten großen Bade-Boilers dürfte man aber unterschätzt haben. Jedenfalls sollen dessen überhitzte Zuleitungen die Ursache jenes Großbrandes gewesen sein, dem das Schloß am 12. Dezember 1939 zum Opfer fiel. Noch immer leitete Albert Loacker sein angesehenes Unternehmen in Bregenz und die Stromversorgung in unserem Netz. Sein Bruder besuchte in regelmäßigen Abständen die Häuser und kassierte die Stromrechnung ein. Wir schätzen diese Besuche wohl mehr als die Mutter, denn für uns Kinder hatte der weißbärtige Mann immer „a Pfefformünzle" in der Tasche. Im Jahre 1939 legte Loacker in einem gedruckten Heft die neuen Tarife vor, die im nationalsozialistischen Staat für das ganze Reich einheitlich gestaltet werden sollten. Das seit vielen Jahren stillstehende Werk nannte sich jetzt „Elektrizitätswerk an der Schwarzach" mit dem Untertitel „Gegründet 1899". Mitten im Krieg übernahmen dann am 1. Jänner 1943 die VKW das von Loacker geschaffene und betreute Netz Schwarzach-Wolfurt-Lauterach und beendeten damit dessen 44 Jahre alte Eigenständigkeit. Wie sich die Elektrizität seither entwickelt hat, haben wir selbst erlebt. Wir erinnern uns an den Bau der zweiten großen Illwerke-Überlandleitung vom Ried durch das Kella und über die Schneiderspitze nach Deutschland im Jahre 1957. Wir erinnern uns an den Bau von Zwentendorf und an die Aufrufe zum Strom-Sparen während der Öl-Krise. Wir haben die Einführung von Fernseher, Computer und Handy erlebt. Ganze Lichterketten erhellen die Straßen, grelle Halogen-Scheinwerfer am Güterbahnhof auch das einst so friedliche Ried. Wir schimpfen über vieles und wir kaufen noch mehr. Auch wenn da und dort einer vor gesundheitsschädlichen Strahlungen aus Kabeln und Elektro-Geräten warnt -, wir möchten doch alle auf die Annehmlichkeiten, die uns die Elektrizität gebracht 36 Bild 20: Noch nach mehr als 100 Jahren tun die Arlberg-Rohre im Rickenbach-Tobel ihren Dienst. eine Malzkaffee-Rösterei, die erst 1893 wegen der Konkurrenz durch Kathreiner aufgegeben werden mußte. Längst reichten die Wasserräder nicht mehr für den steigenden Energie-Bedarf. Eine Verbesserung brachte die von Onkel Josef Anton Dür selbst angefertigte Turbine. Dazu sollte aber auch der Druck des Wassers erhöht werden. Eine Rohrleitung ins Tobel erschien den sparsamen Gunz-Brüdern zu teuer. Da hörten sie davon, daß die beim Bau des Arlberg-Tunnels bis 1884 verwendeten Abwasserrohre nun als Schrott verkauft wurden. Statt 80 Gulden Neuwert kostete ein Rohr nur noch 5 Gulden. Gekauft! Die arg beschädigten Rohre waren 6 m lang und hatten 30 cm Durchmesser. Bei einer Wandstärke von 4 mm wog jedes über 200 kg. Jetzt mußten sie repariert werden: .... An den meisten Röhren hat etwas gefält Die eingetrückten Röhren hat man in folgender Weiße hergerichtet. Man hat das defekte Rohr hinten und vorne auf einen Stein gelegt und die eingedrückten stellen rotwarm gemacht indem man mit Buschein und Holz ein festes Feuer gemacht hat. Wenn die genanten stellen warm genug waren, haben es 4 Mann gepakt und an einem teil fest gemacht und dan eine alte Schrotwalze in das Rohr hineingegeben mit 28 cm, dann durch das Rohr eine Kette gezogen, die Walze die etwas konisch war angebunden und mit einem vierfachen Seilflaschenzug, der an das Zugseil angemacht wurde, nach Willkür vorwärts gezogen. Und dann sind immer 4 junge Männer mit je einem Eisenschlegel bereit gestanden und wenn die Walze nicht vorwätz gehen wollte hat es geheißen Darauf. Daß muste ales aber schnell gehen, also es hat damals schon geheißen, mann mus das Eisen schmieden wenn es warm ist. .... dann kam die zweite aufgäbe, das Hinmontiren es war ebenfals keine leichte aufgäbe, es war schon Herbst bei allem Wetter must man weiter machen, den ganzen Tag nass, man muste die Röhren durch den Bach hineintra38 gen, 4 Mann haben sich aufgestellt, zwei vorne und zwei hinten, es wurde nämlich an der Flansche eine Eisenstange mit einem Haken angebracht und dann hat es geheißen Marsch. Die Röhren bis zum Weyer hat mann bis Ankereute mit Pferden geführt und in den Bach hinunter gelasen und die anderen wurden wie schon gezeigt hinein getragen Im September haben wir angefangen die Röhren herzuführen und an Weinachten hat mann die Mühle mit der Neuenwasserleitung in Betrieb gesetzt. Da hatten wir eine Große Freude (Gunz-Chronik, S. 451 ff, verfaßt vom Müller Lorenz Gunz) Welch gigantische körperliche Leistung der jungen Männer war da notwendig! Zuerst schlugen sie fünf Wochen lang mit schweren Eisen-Schlegeln auf die glühenden Rohre ein. Dann trugen sie zu viert die 230 kg schweren Lasten durch das rutschige Bachbett hinauf. Jeder Fehltritt hätte alle Träger gefährdet. Noch einmal also ein Triumph der Muskelkraft! Im Jahre 1890 bauten die Brüder Gunz dann eine neue Turbine von der Firma Rüsch aus Dornbirn ein, die nun bis 1923 genügend Energie für die Mühle lieferte. Zusätzlich trieb sie ab 1896 die von Plazidus Gunz aufgesetzte Dynamo-Maschine an und lieferte das erste elektrische Licht in Wolfurt. Außer bei der Gunz-Mühle gab es noch einige andere Wasserräder in Wolfurt. Die Tobel-Mühle hinter dem Rößle am Fuß des Kirchenbühels konnte nie große Bedeutung erreichen. Zu gering war das Wasser-Aufkommen des Tobelbachs im Sommer und auch im Winter. Seit dem Mittelalter mehrfach erwähnt ist dagegen die Mühle im Holz, die die Kraft des Holzer-Baches (auf den Karten heißt er Ippach-Bach) ausnützte. Sie gehörte ursprünglich zum Schloß und war bis etwa 1920 im Besitz der Holz-Müller Schwerzler in Betrieb. Nur wenige Meter daneben lag die schon 1731 erwähnte obere Mühle im Holz, die seit 1852 den Holzer-Schmieden gehörte. Wegen der Wasserkraft hatte Jakob Böhler in diesem Jahr seine Schmiede von Unterlinden an den Mühlteich im Holz verlegt, wo zwei neue Wasserräder nun Fall-Hammer, Blasebalg und Drehbank antrieben. Immer noch wurde aber in der oberen Mühle Dinkel-Korn gemahlen und Gerste gestampft und der berühmte Chirurg Dr. Lorenz Böhler hat als Bub manchen Mehl-Stumpen ins Dorf hinab getragen. Um 1890 bauten die Holzer-Schmiede August und Adolf Böhler auch hier eine Turbine ein, die zusätzlich zu den Mühlsteinen noch eine Werkzeug-Schleifmaschine antreiben mußte. Um das Jahr 1935 wurde die obere Mühle stillgelegt, die Schmiede erst 1950. Die allererste Hammerschmiede mit Wasserrad-Antrieb hat in Wolfurt aber schon 1824 Joh. Baptist Rohner am Unterlauf des Holzer-Baches in Unterlinden erbaut. Allerdings verkaufte er sie schon nach zehn Jahren wieder. Seine Familie nahm den Hausnamen „Hammorschmiods" mit in ihr neues Haus an der Ach. Die Schmiede kaufte 1835 der aus der Schweiz zugewanderte Drechsler („Draiar") Karl Zuppinger und ließ sich dort nun seine Drehbank durch das Wasserrad antreiben. 39