Wolfurt

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Dokumente aus Wolfurt

Heimat Wolfurt Heft 00 Inhaltsverzeichnis
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Zeitschrift des Heimatkundekreises Mit Unterstützung durch die Marktgemeinde Wolfurt seit 1988 herausgegeben von Siegfried Heim Inhaltsverzeichnis Heft 1 1. Zeittafel für Wolfurt u. Hofsteig 3 2. Bauern und Fabrikler 16 3. Franzosenkrieg 1800 (Chronik Schneider I.) 20 Heft 2 4. Sozialstrukturen (1) 5. Hofsteiger Bauern 6. Der Weg zum März 1938 Heft 3 7. Der Rickenbach 8. Wolfurter Geschlechter 9. Der letzte Krieg 1939-1945 Heft 4 10. Wolfurter Mundart 11. Kriegsende 12. Pfarrkirche St.Nikolaus Heft 5 13. Schlösser in Wolfurt 14. Pfarrer Barraga 15. Auswanderer (1) 16. Autos 17. Chronik Köb (1) Heft 7 24. Das Vereinshaus 25. Mit Napoleon in Rußland (Chronik Schneider IL) 26. Lehrer Köbs, Chron. Köb (2) 27. Streifzüge der Gedanken Heft 8 28. Volkszählungen Strohdorf, Hub und Flotzbach 29. 30. St.Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt Heft 9 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Auswanderer (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz Heft 10 40. Unser tägliches Brot (1) 41. Kriegstagebuch Fischer Heft 12 49. 500 Jahre Seelsorge in Wolfurt 50. Nachbarn in der Bütze 51. Veres Stickerei 52. Die Kommunistin 53. Wendelin Rädler 54. Rogges Brot und kernes Brot 2 12 24 42 Heft 13 55. Ein Hofsteiger Siegel 56. Hofsteig 57. Ammänner 58. Der Gemeine Mann 59. Die Schneider 60. Mutter in Nöten, Auswand.(4) 61. Dorfschmiede 62. Stammvater Fischer 63. Fußball und Liebe 64. Kügolo Heft 14 65. Ein Hauch Barock 66. Die Ach und die Ächler 67. Ein Kuß; Kloster Hirschthal 68. Wolfurter Alpen 69. Fremdenverkehr 1903 70. Steuerverzeichnis 1873 Heft 15 71. Die Krankenschwestern 72. Hausnamen 73. Bier für St.Louis, Auswanderer (5) x. Kurt von Wolfurt 74. Vornamen 3 4 22 29 33 47 Heft 16 75. Schwerzler und Schwärzler 76. Heimkehrer 77. Einwanderer (1) Heft 17 78. Mutterpfarre Weißenau 79. Nachkriegsjahre 1945-1949 80. Einwanderer (2) 81. Das Erbe aus Indien 82. Kindstaufe in Bildstein x. Tanzen verboten Heft 18 83. Kriegsende 1945, Nachtrag 84. Aus der Kirchturmkugel 85. Ippachwald (1) 86. Einwanderer (3) 87. Soldatentod im Schnee 88. Ein Pergament x Gemeindediener x Inhaltsverzeichnis 3 26 42 3 23 38 3 29 32 2 6 21 24 27 30 3 6 14 28 35 40 46 50 52 54 4 9 37 54 57 59 3 7 16 30 45 49 52 1 52 54 3 12 19 23 35 38 3 9 45 48 52 54 1 11 25 30 34 4 16 3 22 36 43 44 Heft 6 18. Das Kirchdorf 2 19. Häuserverzeichnis 1926 10 20. Sozialstrukturen (2) 13 21. Wasser und Wald 39 22. Tagebuch (Chr. Schneider III.) 45 23. Spatzecklo 48 Heft 11 42. Inhaltsverzeichnis 1 43. Unser tägliches Brot (2) 5 44. Dr. Lorenz Böhler 15 45. Kalb's Creek, Auswanderer (3) 32 46. Der Schnitztrog 34 47. Altvorstehers Haus 37 48. Ein altes Dokument 41


Heimat Wolfurt Heft 01 1988 Juni
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 1 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juni/88 Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Obwohl erst vor drei Monaten ein diesbezüglicher Aufruf an die Bevölkerung erging, hat sich in unserer Gemeinde bereits ein «Heimatkunde-Kreis» zusammengefunden und in intensiver Arbeit auch schon die erste Ausgabe einer heimatkundlichen Zeitschrift fertigstellt. Zu diesem sehr vielversprechenden Start in die Vergangenheit unseres Dorfes möchte ich mich bei allen, die daran mitarbeiten, besonders aber bei Direktor Siegfried Heim, herzlich bedanken. Ich bin überzeugt davon, daß das Kennenlernen und Verstehen unserer Vergangenheit ein entscheidender Schritt in die Zukunft sein kann. Somit wünsche ich unserem Heimatkundekreis viel Erfolg und darf die volle Unterstützung der Marktgemeinde in jeder Hinsicht zusagen. Ihr Bürgermeister Grüß Gott! Immer mehr Menschen aus unserem Ort, auch die Schulen und die Gemeinde, fragen wieder nach den Wurzeln und dem Wachsen unserer Gemeinschaft. Im Heimatkundekreis treffen sich Leute, die ihr eigenes Wissen mehren möchten, aber auch die Ergebnisse ihrer Forschungen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen wollen. Vorträge werden geplant und eine Zeitschrift soll Wissenswertes festhalten und verbreiten. Dieses erste Heft will mit einer Zeittafel ein paar Grundlagen vermitteln und vielleicht auch schon ein paar Fragen aufwerfen. Wir ersuchen unsere Leser um Stellungnahmen und Vorschläge, die wir gern nächstes Mal abdrucken. Darauf freuen sich schon alle Mitarbeiter. Siegfried Heim Inhalt: 1. Zeittafel für Wolfurt und Hofsteig (Heim) 2. Bauern und Fabrikler (Heim) 3. Franzosenkrieg 1800 (Volaucnik) Siegfried Heim DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Mag. Christoph Volaucnik, geboren 1960 in Bregenz, hat seine Jugendjahre in Wolfurt verbracht und wohnt jetzt in Bregenz. Er hat Geschichte studiert und arbeitet im IndustrieArchiv in Feldkirch. Altertum: Um 10.000 v. Chr. Die letzte Eiszeit geht zu Ende. Am Ufer des Bodensees nimmt die Landschaft langsam ihre heutige Gestalt an. Rhein, Ach und Bergbäche schütten die Talsohle auf. Der Ippachwald bedeckt den Steußberg, noch lange Zeit reicht der Riedsumpf bis an den Kellahang. Um 500 v. Chr. Die keltischen Räter besiedeln das Land. 15 v. Chr. Die Römer erobern Vorarlberg. Am Fuß des Steußbergs führt die Straße von Chur nach Brigantium. 259 n. Chr. Die Alemannen zerstören das römische Brigantium 496 n. Chr. Chlodwig besiegt die Alemannen. Der Gotenkönig Theoderich bietet den Flüchtlingen Schutz im Bodenseeraum. Mittelalter: Um 500 n. Chr. Die Alemannen besetzen das Rheintal bis Dornbirn. Sie bilden Markgenossenschaften, die in Dreifelderwirtschaft den Boden bebauen. 610 Kolumban und Gallus bringen das Christentum. 742 Die Franken unterwerfen Alemannien. 746 Die alemannischen Adeligen werden in Cannstatt getötet. Franken regieren den Argengau, zu dem auch das Hofsteiger Gebiet gehört. Ab 800 halten die fränkischen Grafen in Schwarzach Gericht. Um 800 weisen St. Galler Urkunden bereits- Obst- und Weinbau in unserem Gebiet nach. 853 Lauterach wird urkundlich genannt. In Hofsteig errichten freie Leute ihre Einzelhöfe, aus denen später Weiler und Dörfer entstehen. 891 «Allen soll alles gemeinsam sein!»: Felder, Weiden, Wälder, Wiesen, Wege, Gewässer und das Ried. 895 Dornbirn wird als «Torrinpuirron» urkundlich genannt. Um 920 Ulrich von Buchhorn wird als erster Graf von Bregenz Herr unseres Landes. Um 955 Der Kellhof, in dessen Bereich später die Kapelle St. Nikolaus und Schloß Wolfurt gebaut werden, fällt nach Graf Ulrichs Tod an Marquard, den Stammvater der Pfullendorfer Grafen. 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt / Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt In Konstanz stirbt der Hl. Gebhard, ein Sohn des Grafen Ulrich von Bregenz. Ab 1075 Der Streit zwischen Kaiser und Papst verwüstet das Land. 1079 Bregenz wird niedergebrannt. 1089 Auch Hofsteig fällt mit halb Bregenz an die Pfullendorfer Grafen. 1094 Kloster Mehrerau wird gegründet. Es gewinnt bald Besitz und Einfluß in unserer Gegend. Ab 1050 bis 1400 werden große Teile des Steußbergs und des Bregenzerwaldes von Hofsteig aus gerodet. 1167 Bregenz kommt mit Hofsteig an Markgraf Hugo von Tübingen, den Stammvater der Grafen von Montfort. Lindau dagegen und der Wolfurter Kellhof fallen an Kaiser Friedrich Barbarossa. Kellhof und Hofsteig bleiben jetzt bis 1806 getrennt. 1167 wird die Kapelle St. Nikolaus in Wolfurt urkundlich erwähnt. 1180 Zur neuen Pfarre Alberschwende gehören einige Rickenbacher Höfe. Noch 1810 sind sie nach Alberschwende zehentpflichtig. Um 1200 Kriege der Staufer gegen die Weifen. In unserem Gemeindegebiet entstehen die Burgen Veldegg, Wolfurt und Kujen. 1226 oder kurz davor erscheint der Name «Wolfurt» erstmals urkundlich als der eines Rittergeschlechts. 1249 besitzt Lauterach eine Kapelle St. Georg. 1260 wird Hofsteig erwähnt. Ammänner verwalten die Höfe. 1289 wird Schloß Veldegg im Oberfeld urkundlich genannt. 1291 Ludwig von Wolfurt studiert als erster Vorarlberger in Bologna. Um 1300 breitet sich das Geschlecht der Ritter mit dem Wolf im Wappenschild in Süddeutschland und in der Schweiz aus. Ritter, Chorherren, Äbte und Äbtissinnen. 1338 Das Montfort-Erbe wird an der Schwarzach geteilt. Das alte Gericht Schwarzach wird aufgelöst. Während Dornbirn und Höchst an Feldkirch fallen, kommt Hofsteig zu Bregenz - Tettnang. Bregenz sichert sich auch die wichtigen Flößerrechte auf der Ach und den Holzhandel. Die Schwarzach ist die Grenze zwischen den Pfarreien Bregenz und Dornbirn. 1349 Wolfurter Ritter als Söldnerführer und Statthalter in Neapel und Apulien. 1350 bis 1450 Wolfurter Ritter als Grafen in Ungarn. 1352 Graf Ulrich von Wolfurt als ungarischer Gesandter beim Papst in Avignon. Einer seiner Ritter ist Marquard von Ems. 1364 Ritter Konrad stiftet den Wolfurter Kelch für Pfäfers. 1370 Hochblüte des Wolfurter Rittergeschlechts im Bodenseeraum als Besitzer vieler Burgen, als Äbte und Äbtissinnen. 4 995 1371 Schloß Wolfurt wird von den Lindauern erobert und zur Hälfte in Besitz genommen. 1379 Das Urbar der Grafschaft Bregenz weist in Hofsteig 44 Güter von wohlhabenden freien Leuten nach. 1391 Die Vorarlberger Eidgenossenschaft mit dem jetzt zu Bludenz-Werdenberg gehörigen Kellhof Wolfurt richtet sich gegen Bregenz. 1391 Der Herrenbund mit Bregenz und Hofsteig richtet sich gegen die Eidgenossen und Habsburg. Schwere Kriegsnot in den folgenden Jahren. 1402 Die Hälfte von Schloß Wolfurt wird an Mehrerau verkauft. 1402 Der Kellhof wird von Bludenz-Werdenberg an Graf Wilhelm von Bregenz verkauft. 1405 Herzog Friedrich verbrennt Hard, das zu Graf Wilhelm hält. 1405 Graf Wilhelm verbrennt Schloß Veldegg. Es gehört zu dieser Zeit dem Ritter Ulrich von Schwarzach. 1405 bis 1408 Appenzellerkrieg. Die Bauern verbrennen viele Burgen im Land, darunter wohl auch Burg Kujen, von der später nur mehr der «Burgstal» nachzuweisen ist. 1406 Die Eidgenossen besiegen Graf Wilhelm und verbrennen Lauterach und die Bregenzer Vorstadt. Viele freie Hofsteiger und der ganze Kellhof schwören zu den Eidgenossen. 1407 Die Bauern belagern Bregenz und plündern das Kloster Mehrerau. Sie werden aber am 13. Jänner 1408 entscheidend geschlagen. 1443 Die Hofsteiger erhalten ihre erste Kaplanei in Lauterach, zu der sie 1476 die Kirche St. Georg erbauen. 1445 Die Appenzeller verwüsten das Rheintal. Hofsteig kommt mit der Bezahlung von «brandschatzgeld» in große Schwierigkeiten. Um 1450 Das erste Geschlecht der Ritter von Wolfurt ist ausgestorben. 1451 Hofsteig wird mit der halben Herrschaft Bregenz an die Habsburger verkauft und kommt damit zu Österreich. 1451 Ulrich von Schwarzach verkauft Veldegg an Kloster Mehrerau. Mehrerau besitzt 452 Leibeigene, darunter viele aus Wolfurt. 1458 Die Grafen von Bregenz verkaufen den Kellhof mit ausgedehnten Gütern in Wolfurt, Lauterach, Bildstein, Kennelbach, Langen und anderen Gemeinden an Ritter Marquart IV. von Hohenems. 1463 Die Familie Leber, reiche Wein- und Holzhändler aus Bregenz, erhält Schloß Wolfurt als Lehen. 1464 In Kennelbach wird das Kloster Hirschthal erbaut, das dort bis zum Brand von 1796 besteht und auch Beziehungen zu Wolfurt unterhält. 1484 In Buch wird eine Kapelle erbaut. 5 Neuzeit: 1493 Wolfurt erhält für seine Kapelle St. Nikolaus eine eigene Kaplanei. 1512 Wolfurt hat bis jetzt zur Pfarre St. Gallus in Bregenz gehört. Nun wird es selbständige Pfarrei. Eingeschlossen sind auch die Bewohner von Schwarzach, Bildstein und Buch. 1515 Mark Sittich I. löst vom Kaiser den Kellhof endgültig für Hohenems ein. 1517 Das Kirchdorf Wolfurt erhält den ersten Dorfbrunnen. 1518 Unter Kaiser Maximilian wird zwischen Lauterach und Bregenz die erste Brücke gebaut. Die Holzbrücke besteht bis 1916. Die Straße von Bregenz nach Wien führt 250 Jahre lang von der Brücke schräg durch die Felder am St. Antone nach Rickenbach. 1520 Jakob Leber wird vom Kaiser geadelt und begründet das zweite Rittergeschlecht von Wolfurt. 1523 Ferdinand von Habsburg kauft die zweite Hälfte von Bregenz für Österreich. 1525 Unter dem Einfluß lutherischer Prediger erheben sich die Bauern im Allgäu und bedrohen unter Mithilfe der Vorderwälder Bregenz. Die Hofsteiger bleiben ausdrücklich beim alten Glauben und retten unter Mark Sittichs Führung Bregenz. Dieser läßt 50 aufständische Bauern henken. 1529 Abt und Konvent von St. Gallen suchen vor den Aufständischen Zuflucht auf Schloß Wolfurt. Abt Kilian ertrinkt 1530 beim Durchreiten der Ach. 1537 Die Bregenzer beklagen sich über die Qualität des Wolfurter Weines. 1541 Wildschweinplage. Die Bauern greifen zur Selbsthilfe und erlegen viele Tiere. 1544 Der Hofsteiger Landsbrauch wird aufgeschrieben. Er regelt die Erbfälle und den Gerichtstag, wie auch die Verwaltung und Nutzung von Feld und Wald. Das Gericht Hofsteig umfaßt ein Gebiet von etwa 60 km2. Der Hauptort ist Lauterach, wo alle drei Jahre der Ammann neu gewählt wird. 1544 Vertrag über die linksseitige Achwuhrung. 1546 bis 1552 Im Schmalkaldischen Krieg ziehen die Hofsteiger mehrmals zur Landesverteidigung an die Bregenzer Klause. Einzelne Hofsteiger kämpfen aber auch auf der Seite der Protestanten. Galli Küng wird deshalb als Spion und Mordbrenner im Jahre 1552, nachdem er auf der Folter gestanden hat, in Bregenz «zu dem Rad, Vierthailen und Brand» verurteilt und hingerichtet. 1550 Die Pest! 1573 Die Lauteracher Brücke wird vom Hochwasser weggerissen. 1593 Die Pest! 1594 Das älteste Häuserverzeichnis zählt in Wolfurt 70 Häuser auf, davon sind 10 unbewohnt. 27 Häuser werden zum Dorf gerechnet, 43 zur «Staig». Zusammen leben hier 350 Einwohner. 6 1595 Hexenprozeß gegen Anna Martin wegen der Weinreben in der Bütze. 1603 Bastian Kölnhofer führt 55 Kellhofmänner zur Musterung nach Ems. 1613 Junker Laux von Wolfurt ist unter Erzbischof Mark Sittich Stadthauptmann von Salzburg. 1615 Graf Kaspar von Hohenems verleiht den Kellhof neu. Zum Kellhof gehören 200 Leibeigene. 1616 Neuvermarkung der Wälder. Sie sind Genossenschaftsbesitz wie die meisten Äcker. 1616 Die «Embser Chronik» beschreibt den schönen Weinwachs von Wolfurt. 1618 Jetzt löst sich auch Lauterach als selbständige Pfarrei von Bregenz. In Lauterach wird eine Schule eingerichtet, die auch Wolfurter Kinder aufnimmt. 1618 bis 1648 Der Dreißigjährige Krieg 1616 bis 1631 Eucharius von Wolfurt regiert als Fürstabt in Kempten. Er mehrt den Besitz des Klosters und treibt die Gegenreformation voran. 1628 bis 1635 Kriegsnot, Einquartierung, Pest! In dieser Notzeit wird Bildstein ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Dort soll nach der Legende 1629 die Mutter Gottes erschienen sein. 1646 Hard wird selbständige Pfarrei und baut eine Kirche am See. 1647 Die Schweden erobern Bregenz und brandschatzen das Land. Hofsteig wird auf Fürsprache der Schweizer Eidgenossen verschont. 1650 Das Rittergeschlecht der Leber von Wolfurt ist ausgestorben. Seit 1650 sind in Wolfurt Pfarrbücher erhalten. 1663 In Bildstein erbaut Michael Kuen eine Barockkirche, die 1676 eingeweiht wird. Sofort gibt es Streit zwischen den Bildsteiner Krämern und den anderen Hofsteigern um den Brothandel und den Weinausschank. 1676 Auch Buch erbaut eine Kirche. Beide Kirchen bleiben aber vorerst bei der Pfarre Wolfurt. 1676 Eine Hungersnot zwingt Erwachsene und Kinder zum Betteln und zur Arbeitssuche im Ausland. Der Maisanbau beginnt. 1689 Obersthauptmann Kreis berichtet von der «ellendbetriebten» Zeit in Vorarlberg. 1700 Flachsanbau und Export von Garn und Leinen bringen etwas Geld ein, werden aber hoch besteuert. 1702 Hochwasser in Rickenbach. 1705 Jerg Roner aus Wolfurt klagt als Vertreter des «Gemeinen Mannes» in Wien gegen die Willkür der Beamten. 2.000 aufrührerische Bauern besetzen von Rickenbach aus die Stadt Bregenz und verjagen den Vogteiverwalter. Jerg Roner wird 1710 zum Hofsteigammann gewählt. 7 1707 Der Bregenzer Amtmann und unbeliebte Steuereinheber Benedikt Reichart baut Schloß Wolfurt neu. 1720 Durch die Not nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701—1714) verbreitet sich der Anbau von Mais. Um 1725 wird die Kartoffel eingeführt. 1723 Den Grafen von Hohenems fehlt es an Geld. Sie verpfänden all ihre Zehentrechte im Kellhof an Dornbirner Patrizier und an die Gemeinden. 1726 Bregenz erhält ein Direktorium (später Oberamt oder Kreisamt) und wird Verwaltungszentrum des Landes. 1729 Das Gericht Hofsteig kauft die Weingärten am Rutzen- und am Narrenberg. 1730 Wolfurt zählt 398 Kommunikanten (Erwachsene), Hard 427, Lauterach 434. 1750 Der Bregenzer Oberamtsrat Konrad von Tröndlin kauft Schloß Wolfurt. Er hat bei der Verteidigung von Bregenz 1744 im österreichischen Erbfolgekrieg eine unrühmliche Rolle gespielt. 1750 Beginn der Handstickerei. 1750 Beginn der Weberei, zuerst für Schweizer Unternehmer, ab 1770 auch für die k.k. Cottonweberei in Bregenz. Um 1750 werden erstmals Schindeldächer durch Ziegeldächer ersetzt. 1753 In Lauterach wird erstmals Torf gestochen («Schollen»). 1755 Die neue Vermögenssteuer vom Grundbesitz wird eingeführt. 1760 Häuser- und Einwohnerverzeichnis: «Seelenbeschrieb» von Pfr. Feuerstein mit ersten Wolfurter Hausnummern: In Wolfurt und Rickenbach zusammen gibt es 151 Häuser. Frickenesch und Bächlingen werden mit Meschen zu Bildstein gerechnet. 1760 Buch löst sich mit 30 Familien und 165 Einwohnern aus der Pfarrei Wolfurt und wird eine selbständige Pfarrei. 1765 Mit Hohenems fällt auch der Kellhof 300 Jahre später als Hofsteig an Österreich. 1768 Eine neue Reichsstraße von Lauterach nach Dornbirn nimmt Wolfurt den Verkehr weg. 1771 wird auch eine Straße von Lauterach nach Höchst gebaut. 1770 bis 1773 Hungerjahre! 1772 Der Bauer Johann Stadelmann kauft Schloß Wolfurt. 1773 An der Ach wird die Alte Insel gerodet und verteilt. Schon früher waren die meisten Felder verteilt worden. 1771 bis 1775 Die Ammänner Johannes und Joseph Fischer kaufen die letzten Kellhoffelder von Ems frei. 1774 Maria Theresia führt mit der Normalschule die Schulpflicht ein. 1778 Im Strohdorf wird das erste Schulhaus erbaut. 1781 In Schwarzach wird eine Pfarr-Expositur eingerichtet. 1782 Die Reformen Josef IL Auch der Frondienst wird reformiert. 8 1789 Das Volk feiert ohne den Pfarrer die von Joseph II. verbotenen Gottesdienste. 1792 Bildstein löst sich als selbständige Pfarrei von der Mutterpfarre Wolfurt. Die Bildsteiner Straße wird befahrbar gemacht. 1792 In Wolfurt wird das allgemeine Weiderecht auf den Feldern abgeschafft. 1793 Dornbirn erhält das Marktrecht. 1794 In Hofsteig stehen schon 148 Webstühle in Betrieb. Damit liegt das Gericht im Land bei der Baumwollweberei hinter Dornbirn an zweiter, bei der Musselinweberei an erster Stelle. 1794 Zweite Durchnumerierung der Häuser. 1795 Der Ippachwald wird auf die einzelnen Häuser in Hard, Lauterach und Wolfurt aufgeteilt. 1796 Franzosenkrieg! Gefechte in Wolfurt, 2 Bauern erschossen, 9 Soldaten gefallen. In Lauterach verbrennen sieben Häuser. 1796 In Kennelbach brennt das Kloster Hirschthal ab, wobei 6 Frauen den Tod finden. Das Kloster übersiedelt nach Bregenz-Thalbach. 1798 Auch das Ried wird verteilt. Private Nutzungen und neue Anbaumethoden bringen der Landschaft jetzt großen Aufschwung. Die 1.000-jährige Dreifelderwirtschaft der Markgenossen hat ihr Ende gefunden. Um diese Zeit verkauft das Kloster Mehrerau seine Schupf- und Erblehen, darunter 16 große Lehen in Wolfurt. 1799 Major Jakob Schertler führt die Hofsteiger gegen die Franzosen. 1800 Franzosenkrieg! Mehrere schwere Gefechte in Wolfurt und in Rickenbach. In der Bütze wird der Bauer Johann Kaspar Haltmayer in seinem Haus erschossen. 1802 Schwarzach erhält eine eigene Kaplanei. 1803 Die Wolfurter helfen beim Kirchenbau in Schwarzach. 1805 Neue Glocken für die Wolfurter Kirche. 1805 Beim Friedensschluß von Preßburg kommt Vorarlberg zu Bayern. 1806 Die alten Gerichte Kellhof und Hofsteig werden aufgelöst und dem neuen Landgericht Bregenz zugeteilt. Wolfurt wird eine selbständige Gemeinde. 1806 Das Kloster Mehrerau wird abgebrochen. 700 Jahre lang hatte es in Wolfurt großen Einfluß gehabt. 1808 Die neue Gemeindeordnung tritt in Kraft. Joh. Georg Fischer wird der erste Vorsteher. Der bayerische Steuerkataster erfaßt 1809 alle Grundstücke und die 185 Häuser, die nun schon ihre dritte Nummer tragen. Mathias Schneider zählt 1143 Einwohner und 266 Kühe. Hohe Steuern und der Stillstand von Stickerei und Weberei führen zu einer Wirtschaftskrise. 1809 Aufstand! Das von Truppen entblößte Vorarlberg ist rasch befreit. Hofsteiger Schützen unter Mayor Jakob Schertler beteiligen sich an Angriffen am Untersee und im Allgäu. Der Aufstand bricht zusammen. 9 Wolfurter Männer ziehen mit Napoleon nach Rußland. Vorarlberg gehört wieder zu Österreich. Die erste Musikkapelle in Wolfurt gegründet. Überschwemmung der Felder. Mißernte. Große Hungersnot im Frühjahr! Wolfurt ist ein Getreideort. Es erntet 3.250 Viertel Vesen-Weizen, 1.125 Viertel Dintel-Weizen, 1.280 Viertel Haber, keine Gerste, aber auch schon 1.620 Viertel Türken und dazu noch Kartoffeln, Obst und Wein. (Ein Bregenzer Viertel entspricht 21,7 Liter Korn.) 1818 Fähnrich Weiß zeichnet eine genaue Landkarte von Vorarlberg. 1819 Wolfurt kommt vom Bistum Konstanz zum Bistum Brixen. Die Bevölkerung wächst stark an. Die alte Kirche vermag die Gläubigen nicht mehr zu fassen. 1824 Nun löst sich auch die Pfarre Schwarzach als letzte von der Pfarre St. Nikolaus in Wolfurt. 1827 Negrelli läßt eine Karte vom Rheintal zeichnen. 1830 Steinbrecher machen die Ruine Veldegg dem Erdboden gleich. 1830 Auf dem Kirchplatz wird die alte Tanzlaube abgebrochen. Daneben ist «Hanso Lädele» der einzige Kaufladen im Ort. 1830 Die Rickenbacher beantragen einen Kirchen-Neubau in Unterlinden. 1833/34 Die alte Kirche wird nach Negrelli-Plänen bedeutend erweitert. 1834 Michaelis-Bub wird wegen Kindermord gehenkt. 1837 Jenny und Schindler bauen nach Ablehnung durch die Wolfurter ihre große Textilfabrik in Kennelbach. 1837 Hochwasser reißt die hölzerne Lauteracher Brücke weg. Ein Pferdefuhrwerk stürzt in die Fluten. 1837 Der Maisanbau hat sich seit 1809 fast verdoppelt. 1838 Der Schützenverein wird gegründet. 1838 Die Schwarzachtobelstraße wird eröffnet. 1839 An der Fähre nach Kennelbach sind bei der nächtlichen Heimkehr von einem 13-stündigen Arbeitstag in der Fabrik zwei Frauen und fünf Kinder ertrunken. Der jüngste von den sieben Fabriks-«Arbeitern» ist der siebenjährige Xaver Geiger. Jetzt wird ein hölzerner Fabriks-Steg gebaut, der bis 1932 seinen Dienst tut. 1839 Neben der Pfarrei wird eine Kaplanei Wolfurt eingerichtet. 1843 Die vierten Hausnummern. Jetzt sind es schon 252 Häuser mit 268 Familien. 1.492 Einwohner, davon 179 Fremde. 1850 bis 1880 werden in Wolfurt viele Freilicht-Theater aufgeführt, darunter «Wilhelm Teil», «Die Räuber» und die «Jungfrau von Orleans». 1850 bis 1870 wandern etwa 120 junge Wolfurter nach Amerika aus. 10 1812 1814 1816 1816 1817 1852 Die Schmiede im Holz erbaut. 1856 Beginn der Braunviehzucht im Montafon, die sich ab 1870 auch im Rheintal schnell ausbreitet. 1857 Ein Katasterplan mit Bau- und Grundparzellennummern wird gezeichnet. 1865 Der Gesangsverein wird beim «Schützenwirt» Fischer in Spetenlehen gegründet. 1866 In Kennelbach gründen Kaplan Ammann und Lehrer Rädler mit dem «Vorarlberger Volksblatt» eine wichtige politische Zeitung, die bis 1972 besteht. 1866 bis 1870 Ein zweiter Achdamm wird aufgeschüttet. Jetzt kann auch die Neue Insel kultiviert werden. 1868 Die erste Post wird eingerichtet. 1868 Im «Rößle» wird von Lehrer Wendelin Rädler das zweite Casino gegen den Liberalismus gegründet. In den Gasthäusern und in der Gemeindestube tobt ein heftiger Streit zwischen «Kasinern» und dem freidenkerischen Leseverein der Liberalen. 1869 Die erste Handstickmaschine! Bald folgen viele. 1869 Sechs Mühlen sind in Betrieb. Als Hauptnahrung wird das Habermus jetzt endgültig durch den Türken-Stopfer verdrängt. 1872 Eisenbahnbau von Bregenz nach Bludenz durch das Ried. Eine Führung durch das Dorf hatten die Wolfurter abgelehnt. Arbeitskräftemangel in der Industrie. Die ersten Welschen aus dem Trentino lassen sich in Wolfurt nieder. Ihre Anzahl steigt bis 1900 auf 239 an, dann übersiedeln viele in die neuen Mietshäuser nach Kennelbach. 1872 Im Strohdorf wird ein neues Schulhaus gebaut, es besteht bis 1979. 1873 Der Wolfurter Kunstmaler Gebhard Flatz (1800-1881) bringt aus Rom sein großes Altarbild mit. 1874 Drei Barmherzige Schwestern treten in den Schuldienst in Wolfurt. 1874 Der Kameradschaftsbund wird gegründet. 1878 Lauterach baut eine neue Kirche östlich der Straße, die alte stand westlich. 1879 Gemeindediener Joh. Böhler wird ermordet. 1880 Wolfurt hat 272 Häuser mit 1.623 Einwohnern. 213 Bauern besitzen 38 Pferde, 426 Kühe, 254 Stück Galtvieh, 192 Schweine, 106 Ziegen und null Schafe. Um 1880 Die letzten Weinberge am Kirchenbühel und am Rutzenberg werden aufgelassen. 1881 In Rickenbach wird ein Spar- und Vorschußverein gegründet. 1882 Die erste Gemeindekanzlei eingerichtet. 1882 Die Molkereigenossenschaft Wolfurt erbaut die Sennerei Kirchdorf. 11 1884 Ein neuer Pfarrhof wird gebaut und der Friedhof vergrößert. 1884 In Kennelbach brennt das erste elektrische Licht von ganz Österreich 1884 Die Arlbergbahn wird eröffnet. Sie verändert ganz entscheidend Landwirtschaft und Handel in Vorarlberg. 1886 Die Kapelle Rickenbach wird eingeweiht. 1886 Die Liberalen gründen den ersten Wolfurter Turnverein. 1886 Die Achrain-Straße von Dornbirn nach Alberschwende wird eröffnet. 1888 Für Wolfurt und Schwarzach erscheint das erste Gemeindeblatt. Aus ihm entwickelt sich eine Zeitung für den ganzen Bezirk Bregenz. 1888 Wegen verseuchter Brunnen rafft eine Typhus-Epidemie 8 Rickenbacher dahin, darunter den Mechaniker Dür, der am oberen Rickenbach zwei mechanische Schmieden errichtet hat. 1889 Die Feuerwehr wird gegründet. 1889 Die Raiffeisenkasse gegründet. Lehrer Wendelin Rädler (1835—1913) fördert in ganz Vorarlberg das Zustandekommen von 80 Raiffeisenkassen und sehr vielen Genossenschafts-Sennereien. 1890 Die drei alten Ziegeleien an der Ach werden abgebrochen. 1893 Konrad Doppelmayr übernimmt die Dur-Schmiede am Rickenbach und gründet die Firma Doppelmayr. 1898 Die erste Schiffle-Stickmaschine. 1899 Der Katholische Arbeiterverein wird gegründet. 1899 Die fünfte und letzte Durchnumerierung der Wolfurter Häuser mit Nr. 1 in der HÖH an der Ach und Nr. 290 bei Putzers an der Schwarzacher Grenze. Weitere Nummern werden jetzt bei Neubauten in der ganzen Gemeinde verstreut. 1900 Albert Loacker beginnt mit der Elektrifizierung Wolfurts aus dem E-Werk Schwarzach. 1901 Der Musikstreit ist beendet. Kapellmeister Franz Rohner übernimmt für 56 Jahre den Dirigentenstab. 1901 Dornbirn wird Stadt. 1902 Die Wälderbahn wird eröffnet. 1902 Pfarrer Johann Georg Sieber (1826-1902) wird der erste Wolfurter Ehrenbürger. 1903 Neue Kirche in Schwarzach, westlich der Straße. Die alte stand östlich im Friedhof. 1903 Das Grundbuch wird eröffnet. 1904 Ein höherer Kirchturm. 1904 Erste Betonbrücke nach Kennelbach. 1905 Neue Bronzeglocken. Sie läuten nur bis 1916. 1907 Hochblüte der Stickerei. 1907 Lehrer Wendelin Rädler (1835-1913) erhält vom Kaiser das Goldene Verdienstkreuz. Er hat sich als Kassengründer und Sozialreformer verdient gemacht. 1907 Franzele Dür bringt das erste Auto nach Wolfurt. 1910 Wolfurt hat jetzt 2265 Einwohner. Durch den Stillstand der Stickerei setzt wirtschaftliche Not ein. Wolfurt hat 143 Schiffle-Stickmaschinen und 26 Handmaschinen. 1910 Der obere Friedhof mit den Arkaden wird gebaut. 1910 Hochwasser! Beim Einsturz der Holzbrücke ertrinkt der Spinnereimeister Karg. 1911 Kennelbach löst sich von Rieden und wird selbständige Gemeinde. 1913 Das Vereinshaus wird erbaut. Erst 1922 erhält es aber den großen Saal. 1914 bis 1918 Erster Weltkrieg. Schon am 1. August 1914 rücken die ersten von 180 Landsturmmännern ein. Zu Pfingsten 1915 folgen ihnen 60 Standschützen. 87 Männer kehren nicht mehr heim. 1916 Neue Brücke in Lauterach. 1919 Die Gemeinde Rieden-Vorkloster schließt sich an die Stadt Bregenz an. 1922 Nur 11 Schulanfänger. 1923 Viele Auswanderer nach Amerika. Tiefstand der Bevölkerung: 1798 Einwohner. 1923 Neue Stahlglocken. 1923 Bregenz wird Landeshauptstadt. 1925 Aufnahme des Omnibusverkehrs. Verkehrszählung: Am 9. August fahren insgesamt 191 Motorfahrzeuge durch das Dorf, am folgenden Tag 167. 1926 Ein Krankenpflegeverein wird gegründet. Kreuzschwestern aus Hall versorgen ab 1928 die Kranken. 1929 Die erste Illwerke-Leitung wird durch Wolfurt gebaut. 13 12 1930 Das Kriegerdenkmal wird eingeweiht. 1931 Der Schiverein wird gegründet. 1931 Die obere Straße wird geteert. 1933 Fahrzeug-Zählung in Wolfurt: 400 Fahrräder, 25 Motorräder, 10 Luxusautos (PKW), 10 Lastautos. 1935 Neue Straße nach Buch. 1938 Anschluß an Deutschland. 1939 Schloß Wolfurt abgebrannt und bald unter Dr. Fritz Schindler neu aufgebaut. 1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg. 99 Wolfurter Männer sterben in fernen Ländern. 1945 Die Achbrücke wird gesprengt. Franzosen und Marokkaner besetzen das Dorf. Bei der Verteidigung sterben noch drei deutsche Soldaten. Auch ein Wolfurter Mädchen und ein Familienvater finden den Tod. Schloß Wolfurt wird Sitz der Militärkommandatur für Vorarlberg. 1940 bis 1950 In der Kriegsnot nimmt der Ackerbau einen großen Aufschwung. In Gärten, Feldern und im Ried werden hauptsächlich Kartoffeln und Mais angebaut, aber auch Weizen, Raps, Rüben und Kraut. 1947 Der Fußball-Club Wolfurt wird gegründet. 1953 Erstes Wasserwerk Wolfurt wird eröffnet. 1954 Ab jetzt gibt es Hausnummern mit Straßenbezeichnungen. Es stehen schon über 400 Wohnhäuser. 1955 Der Ackerbau verschwindet. Viele Landwirtschaften werden aufgegeben. Im allgemeinen Wirtschaftsaufschwung beginnt die Zersiedelung der Felder und Bühel. 1957 Professor Lorenz Böhler (1885-1973), ein Pionier der Unfall-Chirurgie in Wien, wird der zweite Wolfurter Ehrenbürger. 1957 Zweite Illwerke-Leitung durch Schlatt und Kella wird gebaut. Nach 1960 Die Industrie-Ansiedlung beginnt: Wolf, Pawag, Roylon, Doppelmayr weiten die Betriebsstätten aus. 1961 Eine Hauptschule wird eröffnet. 1964 Eine Musikschule fängt an. 1964 Die untere Straße wird als Hauptstraße ausgebaut, die alte Römerstraße am Fuß des Berges verliert den Durchzugsverkehr. 14 1967 Das neue Postamt im Strohdorf wird erbaut. 1967 Neue Volksschule Bütze. 1967 Totenkapelle wird eingeweiht. 1970 Erstmals erscheint der Gemeinde-Informationsdienst. 1971 Ein neues Gebäude für die Hauptschule. 1975 Bevölkerungsrekord: 6637 Einwohner, davon 1197 fremdsprachige Gastarbeiter. 1976 Viehzählung: Nur mehr 23 Viehhalter. Sie besitzen 4 Pferde, 158 Kühe, 166 Stück Galtvieh, 242 Schweine, 10 Ziegen, 21 Schafe. 1976 Neue Volksschule Mähdle. 1977 In Wolfurt wird ein Gendarmerieposten eröffnet. 1978 Das «Blaue Buch» zählt 1081 Häuser auf, davon noch 13 Bauernhöfe. 1979 Das Altersheim wird eröffnet. 1980 Nach jahrzehntelangem Kampf werden Pfändertunnel und Autobahn durch Wolfurt in Betrieb genommen. 1981 Das Wälderbähnle stellt seinen Betrieb ein. 1981 Verkehrszählung: An einem gewöhnlichen Werktag fahren 711 Autos in einer Stunde durch die Bützestraße. Auf der Hohen Brücke sind es 1408 Autos. 1982 Am 1. Mai 1982 wird Wolfurt Marktgemeinde. Kultursaal und Bücherei werden eröffnet. 1982 Güterbahnhof und Groß-Zollamt werden eröffnet. Im Industriegebiet lassen sich neue Firmen nieder. 1983 Groß-Postamt wird eröffnet. 1983 Zweites Wasserwerk wird eröffnet. Der tägliche Wasserverbrauch ist auf über 300 1 pro Einwohner gestiegen. 1984 «Hofsteig»-Sporthalle in Wolfurt und «Hofsteig»-Saal in Lauterach eröffnet. 1985 Lauterach wird Marktgemeinde. 1985 Nach 30 Jahren Wirtschaftsaufschwung zeigen sich verstärkt Verkehrsmüdigkeit, Waldsterben, Ablehnung von Beton und Asphalt, Sehnsucht nach unberührter Natur. 15 Siegfried Heim Bauern und Fabrikler Die Arbeitswelt unserer Vorfahren I. Dreifelderwirtschaft Um das Jahr 500 nach Christi Geburt besetzten alemannische Siedler unser Land. Am Fuß des Steußberges errichteten sie an den Waldbächen oberhalb der alten Römerstraße sechs kleine Weiler: Kellhof am Tobelbach Hub am Eulentobelbach Unterlinden am Holzer Bach (Ippachbach) Spetenlehen am Bannholzbach Strohdorf am Himmelreichbächlein Rickenbach Den fruchtbaren Boden unterhalb der Straße bebauten sie mit Getreide. Alle Arbeit wurde gemeinsam verichtet, angeleitet von einem erfahrenen Ammann und seinen Helfern. Dazu teilte man die Felder in drei «Esche». Im ersten Esch wurde Winterweizen gesät, meist die widerstandsfähige Sorte «Vesen», aber häufig auch «Däntel». Im zweiten Esch wuchs eine Sommerfrucht, meist «Haber», nicht selten auch Gerste. Den dritten Esch ließ man ein Jahr «brach» liegen. Dorthin trieb der Dorfhirt das wenige Vieh. Auch die Auen an der Ach und das Ried dienten der Viehweide, doch stand die Viehzucht an Bedeutung weit hinter dem Ackerbau. «Allen soll alles gemeinsam sein», steht in einer St. Galler Urkunde von 891: Felder und Ackerweide, Weiden, Wälder, Holzschläge, Schweinemast, Wiesen, Wege, Wässer, Fischereien, Nutzung des Rieds. Ausgenommen war das «ehaft Gut», die eingezäunte Hofstatt beim Haus, wo jeder für sich privat Kraut, Flachs und Obst anbauen konnte. Als die Bevölkerung zunahm, wurden die Wälder auf dem «berg» gerodet. Hofsteiger Siedler setzten sich um 1000 n.Chr. in Bildstein, Buch und im Vorderwald fest. Später legten sie auch die Unterfelder gegen Lauterach trocken und gewannen neue Getreide-Esche. Immer größerer Wertschätzung erfreute sich der Weinbau. An den sonnigen Hängen und in der Bütze gedieh ein Weißwein, «herb, sauer und haltbar», der als «Bregenzer» bis nach Augsburg gehandelt wurde. Um 1600 lieferte Hofsteig jährlich etwa 150.000 1 Wein. II. Hunger 1000 Jahre lang hatte sich die Dreifelderwirtschaft bewährt. Im 18. Jahrhundert vermochte sie die zahlreicher gewordene Bevölkerung nicht mehr zu ernähren. Kriege, Klimaverschlechterung und Mißwirtschaft führten immer wieder zu Hungersnöten. Obersthauptmann Kreis berichtet 1676 aus Vorarlberg an die Regierung, daß die Hälfte der Bevölkerung am Hungertuch nage und mit Weib und Kindern «das liebe brodt bettlendt vor der thür suechen müessen». Ein Großteil der alten und jungen Leute, Buben und Mädchen, müsse jedes Jahr in der Fremde als Maurer, Zimmerleute und Hirtenbuben Arbeit suchen «als gegen Elsas, Pfaltz, Lothringen, Burgundt, Schwaben, Franckhen und Saxenlandt». Gastarbeiter also — und Bettler! Einflußreiche Dorfgewaltige zäunten gegen den alten «Hofsteigischen Landsbrauch» Stücke aus der gemeinsamen «Almende» für private Nutzung ein. Benedikt Bilgeri erzählt 16 in seiner «Geschichte Vorarlbergs», wie Georg Rohner aus Wolfurt vergeblich Recht für den «Gemeinen Mann» beim Kaiser in Wien suchte und dann die Bauern 1706 zu bewaffnetem Aufstand gegen die Beamten in Bregenz führte. III. Felderverteilung Rettung in der großen Not hätte der Anbau der aus Amerika eingeführten neuen Früchte Mais und Kartoffeln bringen können, die einen weit höheren Flächenertrag als Weizen bringen. Dem standen aber die alten Bräuche im Wege. In den Getreide-Eschen war kein Platz! Nur in den «Neuwiesen» im weit entfernten Ried begann man vorerst zaghaft mit dem Anbau von «Türggo und Bodobiera». Endlich setzte sich um 1750 der «Gemeine Mann» durch: Die Getreide-Esche wurde zerstückelt und auf die einzelnen Bauern verteilt. Private Nutzung erbrachte nun bald weit höhere Erträge. Daher wurden 1795 auch noch der Ippachwald und 1798 das ganze Ried an die 166 Bauern verteilt. Der Maisanbau nahm rasch zu. Im Jahre 1817 übertraf die Maisernte mit 1620 Vierteln bereits den Hafer mit 1280 Vierteln. Weitaus an der Spitze lag aber noch immer der Vesenweizen mit 3250 Vierteln. Ein Viertel wurde in Wolfurt auch «Staren» genannt und faßte etwa 21,71 Körner. Wolfurt war also noch immer von Getreidefeldern umgeben, doch wurde das allmorgendliche Habermus nun langsam vom Türkenmus und ab 1850 vom Türken-Stopfer verdrängt. Die Arbeit in Feld und Garten galt nicht als Plage. Um 1860 beschreibt sie der Arzt Kaspar Hagen in seiner Bregenzer Mundart als «lustiges Leben». Das Leben am Bodensee. Am Bodesee, am Bodesee Do ist a lustigs Leabe! Ma hot a wackre Husmaskost,l Hot Hereleable,2 Bier und Most, A munters Zottele? Kaffee, De Susar4 vu der Reabe. Wo ist der Friehling o so nett? A so a gottvolls Bleie?3a Ma gärtlat5 froh um Hus und Stal Und bstellt de Bode-n-iberal, Ma sait und setzt und ackeret, Lot wachse und lot treie.6 Im Summer ist ma zittle7 wach, Ma bloacht und tricknet d'Wescha. As zittnet8 d'Frucht a Halm und Ast, Ma mait und schnidt und haltet Rast, Ma lescht de Durst us Krueg und Bach Und schwimmt im See wie d'Frescha. Der Hierbst, a Zitt, fidel und reg, Lot breache, schwinge, fimmle.^ Ma schittlet Obß, ma priglet10 Nuß. Drescht noch-em Takt im Stadel duß,11 Fillt Kammer, Mahreneast12 und Treg, De Torkel noch-em Wimmle.B Der Winter, sus14 a ruha Ma, Drait d'Spindel, trillet's15 Rädle, Macht, daß ma gern de-n-Ofe mag, Bringt Stubat, Schlittbah, Klosetag,16 's lieb Krippele und Maschgara17 Und Freid fier Bue und Mädle. A jede Johrszitt, Bluest18 und Schnee, Wie's golde Korn und d'Reabe Freit Dorf und Stadt, freit Hof und Hus; Drum rief i kurlemusper19us: Am Bodesee, am Bodesee Do ist a lustigs Leabe! 1 Hausmannskost. 2 Herrenlaibchen, eine Bregenzer Brotart. 3 Kaffeeschälchen. 3a Blühen. 4 Weinmost, Sauser. 5 bestellt den Garten. 6 gedeihen, fett werden. 7 zeitlich. 8 reift. 9 den weiblichen Hanf ausziehen und vom männlichen sondern. 10 schüttelt. 11 draußen. 12 Aufbewahrungsort für auszureifendes Obst. 13 nach der Weinlese. 14 sonst. 15 dreht. 16 Nikolaustag. 17 Masken. 18 Blüte. 19 recht fröhlich. Kaspar Hagen, 1820—1885, Stadtarzt / Bregenzer Mundart Zur täglichen Arbeit gehörte damals also der Umgang mit Getreide, Wein und Obst und auch mit Hanf und Flachs. 17 IV. Fabriksarbeit Die Folgen der Felderverteilung wurden schnell sichtbar: Starkes Anwachsen der Bevölkerung. Erbteilung der Bauerngüter. Neue Häuser in den Getreidefeldern. Die sechs alten Weiler wachsen zu einem Straßendorf zusammen. Ab 1800 beginnt die Besiedlung von Ach, Bütze, Flotzbach und Schlatt. Der Hunger aber blieb, denn die Felder konnten die zahlreicher gewordenen Einwohner nicht ernähren. Man war auf Nebenverdienste angewiesen. Schon um 1750 waren in den meisten Häusern Webkeller eingerichtet worden, wo die Männer für Schweizer Händler Flachs zu Leinwand und bald auch Baumwolle zu feinem Tuch verwoben. Frauen und Mädchen versuchten, mit feinen Handstickereien ein paar Kreuzer zu verdienen. 1837 bauten Jenny und Schindler ihre große Fabrik in Kennelbach. Die Wolfurter hatten ihnen vorher den Platz verweigert. Weil die Konkurrenz durch die Fabriken die Handweber brotlos gemacht hatte, suchten bald etwa 300 Arbeiter jenseits der Ach einen Verdienst, darunter sehr viele Kinder aus Wolfurt. Über die Arbeitsbedingungen erzählt Egon Sinz in «Kennelbach»: 300 Arbeitstage gab es damals und keinen Urlaub. Jeden Tag wurde 14 Stunden gearbeitet, von 5 Uhr früh bis 12 Uhr und nach einstündiger Mittagspause wieder von 1 Uhr bis 8 Uhr am späten Abend. Der Taglohn für Facharbeiter lag bei 50 Kreuzern. Dafür konnte man 5 kg Mehl kaufen. Die Kinder verdienten aber nur 12 Kreuzer im Tag, das reichte gerade für 1 kg Mehl und1/2lMilch. Strenge Aufseher kontrollierten die Arbeit und verhängten oft noch Lohnabzüge als Strafe. Geradezu unfaßbar erscheint uns heute, daß zu der langen Arbeitszeit oft noch ein langer, beschwerlicher Fußmarsch kam. Anfangs gab es nicht einmal eine Brücke über die Ach. Nach Arbeitsschluß drängten gegen 200 Leute zum kleinen Fährboot und mußten dort noch lange Wartezeiten auf sich nehmen. Das Sterbebuch der Pfarre Wolfurt zählt die Namen von 2 Jungfrauen und 5 Kindern auf, die ihr Leben verloren, als das überladene Schifflein in der stürmischen Nacht des 24. April 1839 kenterte: Franz Xaver Geiger, Kirchdorf, 7 Jahre Maria Agatha Gmeiner, Strohdorf, 21 Jahre deren Schwester Katharina Gmeiner, 16 Jahre Franziska Kresser aus Hohenweiler, 13 Jahre Anna Maria Schwerzler, Hub, 21 Jahre deren Schwester Rosa Schwerzler, 10 Jahre Jakob Krug, Hub, 9 Jahre Und doch nannte Kreishauptmann Ebner 1843 die Fabriksarbeit einen «leichten Verdienst». Die Hungerjahre vorher müssen noch viel schlimmer gewesen sein! Allmählich wurde die Stundenzahl gesenkt, aber 1902 betrug sie immer noch 6 mal 10 Stunden. Kinderarbeit in der Fabrik war jetzt verboten. Italienische Einwanderer hatten den Dienst in den Spinnereien übernommen. Jetzt aber begann in Wolfurt die goldene Zeit der Sticker. An die Plätze der alten Webstühle stellte man neue Stickautomaten. Und wieder mußten 10jährige barfüßige Mädchen bis zu 15 Stunden täglich die eintönige Arbeit als Fädler an den rasselnden Maschinen übernehmen. Wen wundert es da, daß bald «s'Uszehro», die Geißel Tuberkulose, im Dorf reiche Ernte einholte? 18 V. Äcker werden Heuwiesen Durch viele Jahrhunderte hatten Wolfurter Bauern das Korn für ihr karges tägliches Brot selbst angebaut. Eine tiefgreifende Veränderung brachte der Eisenbahnbau. 1856 hatte die bayrische Südbahn Lindau erreicht. Billiges Korn überschwemmte bald den Bregenzer Kornmarkt. 1872 wurde die Vorarlbergbahn eröffnet, 1884 der Arlbergtunnel. Große Umwälzungen in der Wirtschaft zerbrachen die alten Strukturen: Belebung des Handels. Vernichtung der Frächterei und vieler Handwerksberufe. Vernichtung des Getreidebaus und des Weinbaus. 1882 ließ der Wolfurter Pfarrer den letzten Weinberg im Tobel eingehen, 1898 brach der Kreuzwirt den letzten Weintorkel ab. Der Getreidebau warf keinen Ertrag mehr ab, der Bauernstand war tief verschuldet. Da rief der Wolfurter Lehrer Rädler nach der Idee Raiffeisens zur Selbsthilfe auf. Er lehrte Milchwirtschaft und Obstbau. 1882 gründete er die Sennerei Kirchdorf, 1884 folgte die Sennerei Hub. Vorschußverein Rickenbach ab 1881 und Raiffeisenkasse Wolfurt ab 1889 sorgten für notwendiges Kapital. Die Viehställe wurden vergrößert. Dreschflegel und Sichel verschwanden mit Flachsbrechel und Hanfhechel auf dem Dachboden. Das monatliche Milchgeld wurde zur Grundlage des Familieneinkommens. VI. Ausblick Am schwersten traf ab 1955 die dritte Bodenreform die Landwirtschaft mit Industrialisierung und Zersiedelung der Felder. 1880 hatte Wolfurt 213 Bauern mit 426 Kühen gezählt. 1976 waren es noch 23 Bauern mit 158 Kühen. 1988 sind es nur mehr ein Dutzend, die voll Sorge auf die EWG-Landwirtschaft blicken: Bringt sie das Ende? In den Betrieben ist die Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden gesunken, Lohn und Urlaub sind gewachsen. Die Kinder dürfen lernen und spielen. Die Sorgen aber sind nicht kleiner geworden, nur anders. Und weise Leute sagen, daß man sich die Sorgen selber macht. Wir dürfen uns jedenfalls dankbar unserer Vorfahren erinnern, die in viel schwereren Zeiten mit ihrer Hände Arbeit den Grundstock zu unserem heutigen Wohlstand gelegt haben. 19 Christoph Volaucnik Franzosenkrieg im Jahre 1800 Vorarlberg wurde ab 1792 in die Wirren des französischen Krieges verwickelt und geriet durch die Kampfhandlungen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges in eine langjährige Wirtschaftskrise. In den Franzosenkriegen wurde die Verteidigung des Landes neben den regulären kaiserlichen Truppen noch zum größten Teil von der Landwehr durchgeführt. Die Landwehr stand zwischen 1796 und 1800 immer zur Verteidigung Vorarlbergs bereit. Auch im Gericht Hofsteig waren die Schützen für die Verteidigung Vorarlbergs aufgeboten worden und 1800 wurde die Gemeinde Wolfurt in die Kriegswirren hineingezogen. Am 8. Mai 1800 erschienen die Franzosen am Rhein. Das österreichische Militär zog sich nach Füssen zurück und am 12. Mai rückten die Franzosen von Lindau nach Bregenz ein. Die Bregenzerwälder, Oberländer und Hofsteiger entschlossen sich, gegen die Franzosen weiterzukämpfen. Über die Kampfhandlungen im Gebiet Wolfurt vom Mai bis Juli 1800 hat sich im Vorarlberger Landesarchiv eine Wolfurter Chronik aus dieser Zeit erhalten, die von einem Maler Anton Schneider verfaßt wurde. Sie schildert die Ereignisse in Wolfurt und Vorarlberg von 1784 bis 1804, ist aber leider nicht mehr ganz vollständig. Aus dieser Chronik sollen die Ereignisse des Jahres 1800 wiedergegeben werden. Nach dem Einmarsch der Franzosen waren Soldaten nach Wolfurt gekommen und hatten von der Bevölkerung Essen und Trinken verlangt, waren aber nach Erhalt der Lebensmittel wieder abgezogen. Die Franzosen haben sich nicht über die Lauteracher Brücke hinausgewagt und sind in Lauterach und Wolfurt nur sporadisch zu Patrouillengängen erschienen. Die Bevölkerung wurde am 17. und 18. Mai zum Abbruch der Schanzen und Befestigungen in Bregenz kommandiert. Der Chronist vermerkt zu dieser Arbeit, daß diese Schanzen von den selben Bauern erst vor wenigen Monaten auf Befehl des österreichischen Militärs errichtet und für die Befestigungen Äcker, Felder und Wälder vernichtet worden waren. Die Schützen der Alberschwender Landwehr stießen am 18. und 20. Mai bis an die Lauteracher Achbrücke vor und eröffneten mit den Franzosen ein Feuergefecht. Besonders das Feuergefecht am 20. Mai muß sehr stark gewesen sein, da die Wolfurter Bevölkerung durch den Gefechtslärm stark verängstigt wurde. Die Einwohner eilten zur Kirche, um einen Psalter und einen Rosenkranz zu beten. Während der Gebete wurden der Barbier und der Pfarrer aus der Kirche geholt, um die Verwundeten der Alberschwender Schützen ärztlich zu versorgen und ihnen seelsorgerischen Beistand zu geben. Die Bevölkerung floh darauf aus der Kirche, da sie den Einmarsch der Franzosen befürchtete. Völlig überraschend zogen die Franzosen sich am selben Tag aus Bregenz zurück. Tags darauf rückten 3 Kompagnien kaiserlicher Truppen in Wolfurt ein und blieben bis zum 24. Mai in Wolfurt einquartiert. An diesem Tage hatten die Franzosen Bregenz in einer Zangenbewegung von der Klause und von Weiler-Langen her angegriffen und eingenommen. Die Österreicher konnten noch rechtzeitig aus Bregenz fliehen. In Wolfurt traf an diesem Tag der Befehl ein, daß sich die Wolfurter Schützen sammeln und nach Gaißau oder Hörbranz ziehen sollten. In der Reihe der Schützen gab es aber gegen diesen Befehl Widerstand, sodaß beschlossen wurde, die Entwicklung der nächsten Stunden abzuwarten. In der Nacht wurde aus Lauterach Gefechtslärm gehört, der die Leute aus dem Schlaf riß und zur Flucht führte. Es wurde ein Bote nach Lauterach geschickt, der nach einigen Stunden berichtete, daß die kaiserlichen Truppen aus Lautersch geflüchtet wären und die Franzosen wieder an der Lauteracher Brücke wären. 20 Am nächsten Tag, Sonntag dem 25. Mai, zogen sich die Schützen nach Bildstein zurück und warteten dort auf weitere Befehle. Als am 26. Mai von einem Wolfurter einige Franzosen bei der Kennelbacher Fähre gesichtet wurden, kam es im Dorf wiederum zu Panik, da man mit einem Einmarsch der Franzosen rechnete. Die Franzosen hatten aber das Fährschiff nur konfisziert und nach Lauterach gebracht, um damit den Achübergang bei Kennelbach zu unterbrechen. Die Schützen waren alarmiert worden und zogen von Bildstein nach Wolfurt zurück. Sie marschierten an die Achbrücke und wurden in ein Feuergefecht verwickelt. In der Nacht erhielten sie den Befehl zum Rückzug nach Bildstein, errichteten aber Wachtposten im Oberfeld. Die Schützen wurden in den Parzellen Bereuter, Staudach, in Buch und Bildstein untergebracht. Sie patrouillierten jeden Morgen und Abend durch das Dorf und die Felder. Auch die kaiserlichen Soldaten führten täglich von Dornbirn her Patrouillengänge bis nach Lauterach und Wolfurt durch. Die Franzosen entsandten zweimal Spähtrupps nach Wolfurt, die aber nur bis zum Schmerzenbild und bis in den Ortsteil Bütze kamen. Die auf den Feldern arbeitenden Bauern flüchteten bei Ankunft der französischen Spähtrupps in das Dorf und schlugen Alarm. Wolfurt hatte durch die Brückenbesetzung und durch die Vernichtung der Fährverbindung keine Verbindung mehr mit Bregenz. Bregenz hatte aber als Getreidemarkt für Wolfurt eine lebenswichtige Bedeutung. Der Kornpreis war durch die Kriegsereignisse bereits stark gestiegen und zusätzlich zur Teuerung kam es zu einem spürbaren Mangel an Getreide. Die Schützen hatten in Schloß Wolfurt, Frickenesch und dem Oberfeld weitere Wachtposten anfang Juni errichtet. Besondere Bedeutung sollten die Wachen am Flotzbach und am Rickenbach erhalten. Französische Patrouillen waren Mitte Juni zweimal auf diese Wachen gestoßen. Am 30. Juni waren 160 französische Reiter und Infanterie am Rickenbach erschienen, hatten sich aufgestellt und die Wolfurter Schützen überrascht. Ein Teil der Rickenbacher Schützen eilte vom Dorf zu den Franzosen, während der zweite Teil der Schützen zuerst zur Ach marschierte und von dort erst zum Rickenbach kam. Die Franzosen griffen an und versuchten, möglichst rasch zum Schloßbühel zu gelangen, um die dort befindlichen Schützen gefangen zu nehmen und die «Kanon» zu vernichten. Die im Schloß liegenden Schützen waren rechtzeitig nach Frickenesch geflohen, hatten sich dort neu gesammelt und einen Angriff von der Höhe auf die Franzosen begonnen. Sie konnten das Dorf von den Franzosen befreien und diese bis nach Lauterach zurücktreiben. Der Kampf hatte von halb 8 Uhr bis 12 Uhr gedauert und mehrere Tote gefordert. Die Schützen haben die Wachen neu besetzt und sich nach Bildstein zurückgezogen. Der kommandierende französische General übermittelte noch am selben Tag den Gemeinden Wolfurt, Rickenbach und Schwarzach eine Kapitulations-Aufforderung. Er drohte den Gemeinden bei weiterem Widerstand mit Plünderungen, Morden und Brandlegungen. Der Pfarrer von Wolfurt wurde mit der Abfassung eines Bittbriefes beauftragt. Er erklärte darin, daß die Wolfurter an den Kämpfen unschuldig wären und Wälder und Tiroler Schützen den Kampf geführt hätten. Weiters versprach die Gemeinde, alle Forderungen der Franzosen zu erfüllen, Brandschatzung zu zahlen und Vieh freiwillig abzuliefern. In der Gemeinde herrschte große Angst und man rechnete mit keiner Schonung durch die Franzosen. Eigentümlich scheint der Inhalt des Bittbriefes bezüglich der eingesetzten Schützen. In mehreren Stellen in der Chronik werden ausdrücklich die «Rickenbacher Schützen», «unsere Schützen» als Verteidiger genannt. Der Pfarrer dürfte hier aus Furcht vor der französischen Vergeltung die Rolle der Wolfurter Schützen vermutlich heruntergespielt haben. Die erwartete Strafaktion blieb vorerst 21 aus. Erst am 12. Juli 1800 brachen die Franzosen aus Bregenz auf und marschierten in Richtung Feldkirch. Die Wolfurter schickten Johann Dür aus dem Tobel nach Bregenz, um sich über die Lage zu informieren. Der Aufmarsch über die Achbrücke erfolgte nachts. Im Schutze der Dunkelheit wurde eine Abteilung französischer Soldaten dem Achdamm entlang nach Wolfurt geschickt. An einer Stelle in den Inselgründen teilten sich die Soldaten in zwei Gruppen und marschierten durch die Felder dem Dorf zu. Bregenzerwälder Schützen, die am Ortsrand auf Wache standen, bemerkten die angreifenden Franzosen und flohen, nachdem sie Alarmschüsse abgegeben hatten, vor den Angreifern. Die Franzosen stürmten Richtung Schloß, um die dort befindlichen Bregenzerwälder Schützen gefangennehmen zu können. Bei der Einnahme des Schlosses wurden mehrere Schützen und Franzosen getötet. Die Franzosen haben die Schützen bis nach Bildstein und Alberschwende verfolgt. Dort wurden sie von den Schützen bereits erwartet und erst nach dreimaligem Sturmangriff der Schützen zogen sich die Franzosen wieder bis Wolfurt und Lauterach zurück. In Lauterach verschanzten sich die Franzosen hinter einem «Hag» und es wurden den ganzen Tag in Lauterach noch Feuergefechte geliefert. In der Gemeinde herrschte wegen der Kampfhandlungen Furcht, Schrecken und Ratlosigkeit. Die Franzosen hatten bei der Einnahme von Wolfurt in viele Häuser eingebrochen, geplündert und einen Mann, Michael Haltmayer, in seinem Haus erschossen, da er sich geweigert hatte, ihnen Geld zu geben. Er wurde in aller Stille beerdigt, da die Franzosen das Glockenläuten verboten hatten und aus Furcht nur 3 bis 4 Personen es gewagt hatten, die Beerdigung zu besuchen. Am Abend kam der Befehl für die Bregenzerwälder Schützen, sich wieder bis Alberschwende zurückzuziehen. Die Wolfurter haben ihre eigenen Schützen den Wäldern hinterhergesandt, um das Dorf frei von Schützen zu haben. Am folgenden Tag, Montag dem 13. Juli, wurden 4 Wolfurter zu den Franzosen gesandt mit der Nachricht, daß die Schützen das Dorf verlassen hätten und die Gemeinde um Schonung beim Einmarsch bitte. Die Wolfurter zogen den Franzosen mit Branntwein und Brot entgegen und der Chronist vermeint dazu, daß es trübe Zeiten wären, da man dem Feind entgegenziehen müsse. Die einrückenden Franzosen schonten das Dorf aber in keiner Weise. Sie haben bei den Hausdurchsuchungen mit Äxten die Türen und Läden aufgeschlagen, sind sogar in der Kirche eingebrochen, wobei sie aber nur die Kerzen stahlen. Der Chronist kommentiert diese Plünderung mit einem Vergleich. Er sagt, daß die Franzosen «wie wütende Hund herum gefohren» und mit Wut und «garosch» (=Rage, Zorn, Empörung, Wut) in das Dorf gekommen wären. Die Franzosen blieben zwei Tage im Dorf und marschierten dann in den Bregenzerwald weiter. Ab dem 17. Juli erfolgte eine neuerliche Einquartierung von Franzosen in Wolfurt. Die Bevölkerung hatte die Soldaten (100 Mann) mit Suppe, Brot, Fleisch und Branntwein zu verköstigen. Für einen Brückenbau in Gaißau mußten täglich 10 Männer für die Bauarbeiten abgestellt werden und Kornlieferungen an die französische Armee durchgeführt werden. Weiters schrieben die Franzosen der Gemeinde bis zu einem bestimmten Datum die Herstellung der Gemeindestraßen vor. Im Dezember 1800 wurden 3 Wolfurter als Wegführer und Fuhrleute für einen Truppentransport nach Schwarzenberg verpflichtet. In den folgenden Jahren litt die Bevölkerung Wolfurts unter ständigen Truppeneinquartierungen und unter Fuhrdiensten für das Militär. Kriegerische Auseinandersetzungen im Dorf gab es glücklicherweise keine mehr für die nächsten 145 Jahre. 22 Siegfried Heim So heo s i ghört! (Nicht-Wolfurter sollten sich unseren Dialekt vorlesen lassen, wenn er ohne phonetische Zeichen geschrieben wird.) Deon und heon, deonna und heonna, ummar und umme: umme gi Kennolba, gi Breogoz, gi Lindo, id Schwiz, gi Amerika dünn und homm, dunna und homma, uffar und abe: abe in Keor, gi Luttora, gi Nuschlou, gi Wion, id Steiormark, uf Italien domm und hunn, domma und hunna, abar und uffe: uffe in Ufzug, gi Bildsto, gi Schwarza, is Oborland, uffe uffo Mo duß und hinn, dussa und hinna, inar und usse: usse is Riod, gi Locho, is Dütscho dinn und huß, dinna und hussa, ussar und ine: ine is Gado, is Buoch, ad Egg, is Muntofu, is Tirol, ine is Dorf und usse gi Rickoba, usse id Kelte, ine ad Werme! Füor s Klennst Rita, rita, Rößle! Z Breogoz stoht a Schlößle, z Riodoburg a Kappele. D Moatla trägond Schappele. Buobo trägond Moio. D Henna leggond Oior. D Wibor neommond s us und Heorro schleockond s us. Was wir planen Vortrag: Gewerbe im vorigen Jahrhundert Zeitschrift: Geologisches aus Wolfurt Lesung: Aus der Schneider-Chronik Führungen: In und um die Kirche Quer durch Rickenbach Wir werden Sie rechtzeitig einladen. Bitte, lassen sie uns die Adressen von weiteren Interessenten zukommen, denen wir dieses und die folgenden Hefte zuschicken dürfen!


Heimat Wolfurt Heft 02 1988 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 2 Zeitschrift des Heimatkundekreises Nov. 88 Handwerker. «Schnidarles» Schreinerei an der Schulstraße 1912. Meister und Gesellen arbeiteten bei gutem Wetter im Freien. Inhalt: 4. Entwicklung der Wirtschaft I. (Volaucnik) 5. Hofsteiger Bauern (Heim) 6. Auf dem Weg zum März '38 — Wolfurt in den 30er Jahren (Natter) Gewerbe im vorigen Jahrhundert DIE AUTOREN: Mag. Christoph Volaucnik, geboren 1960 in Bregenz, hat seine Jugendjahre in Wolfurt verbracht und wohnt jetzt in Bregenz. Er hat Geschichte studiert und arbeitet im IndustrieArchiv in Feldkirch. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Alexander Natter, geboren 1952, ist in Wolfurt aufgewachsen und wohnhaft. Er ist Lehrer an der Berufsschule in Bregenz und leitet in Wolfurt das Katholische Bildungswerk. Die Bilder: Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern», 1983, und Nachdrucke aus Ernst Mummenhoffs «Der Handwerker», 1924; und aus privaten Sammlungen. Unter diesem Titel hielt Mag. Volaucnik am 27. September 1988 einen Vortrag im Kultursaal, der den Zuhörern die Veränderungen der Einnahmequellen der Bevölkerung im Laufe der Zeit bewußt machte. Wir beginnen heute mit dem Abdruck des Manuskriptes. Der Leser möge nicht vergessen, daß das arme Bauerndorf Wolfurt im Jahre 1809 nur 1.143 Einwohner und auch 1880 erst 1.623 Einwohner zählte, während die industrialisierte Marktgemeinde heute fast 7.000 Einwohner beherbergt. Christoph Volaucnik I. Wirtschaft 1.1 Landwirtschaft Die Landwirtschaft bildete im 18. und 19. Jahrhundert für den größten Teil der Bevölkerung den Haupterwerbszweig und prägte die Lebenssituation, den Alltag und die Sozialstruktur des Dorfes. Im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts kam es in der Agrarstruktur der Hofsteiggemeinden zu einem Umbruch. Während Jahrhunderten erfolgte der Getreideanbau in gemeinschaftlichem Feldbetrieb und wurde die Weide gemeinsam benützt. In Wolfurt, wie übrigens auch in den anderen Hofsteiger Gemeinden, wurde eine Dreifelderwirtschaft geführt, die auf einem Wechsel von Anbau und Brache aufbaute. Im 18. Jahrhundert gab es in Wolfurt 4 bedeutende Felder:1 das Unterfeld, das hochgelegene Oberfeld, das Weidach- und das Flotzbachfeld. In einem Turnus wurde das Brachfeld auf dem Unterfeld und dem Oberfeld abgewechselt, während die anderen Felder mit Korn und Hafer bebaut wurden. In einem Bericht von 1793 wurde der Erdäpfel- und Türkenanbau als nachteilig für das Dreifeldersystem bezeichnet. Der Türken wurde damals fast nur auf dem Brachfeld gepflanzt und der vermehrte Anbau dieses immer wichtiger werdenden Nahrungsmittels setzte dem uralten Dreifeldersystem ein Ende. Eine Weide in den Feldern war durch den Türkenanbau nicht mehr möglich, sodaß es 1792 zur Aufhebung der Weide im Gebiet der Gemeinde Wolfurt kam. Diese Aufhebung der Weide erfolgte nach einer geheimen Abstimmung am 24. August 1791. Trotz des klaren Ausgangs der Abstimmung beschwerten sich die Mehrerauer Lehensbauern beim Abt der Mehrerau, daß sie durch die Aufhebung der Weide ihre Felder nicht mehr instandhalten können, da ihre Felder zu weit auseinanderliegen. Über den Umfang des Ackerbaus, die für den Ackerbau verwendete Grundfläche und die Ernteergebnisse sind leider nur wenige Unterlagen vorhanden. Als einzige brauchbare Quelle stehen die Erinnerungen des Feldvermessers und letzten Klosterammanns der Mehrerau, Mathias Schneider, zur Verfügung. Er erwähnte für 1814 folgende Getreidearten mit bebauter Fläche:2 Vesen Hafer Roggen Weizen 77 34 3 0 Jauchart Jauchart Jauchart Jauchart Gerste 5 Jauchart Erdäpfel 49 Jauchart Hanf 9 Jauchart Türken 77 Jauchart (Anmerkung: Ein Jauchart entspricht in Hofsteig 44,59 Ar) 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Besitzer von n-Kühen Jahr 1785 1794 1846 1888 Besitzer Total 148 139 288 213 Kühe Total 317 343 358 426 1 28 27 98 2 86 61 82 3 28 28 22 4 11 11 2 5 3 8 2 6 1 2 2 2 7 Durchschnittliche Zahl pro Besitzer 2,26 2,10 1,70 2,00 Prozentzahlen Kühe 1785 1794 1846 1880 1 14,2 19,4 47,1 2 61,4 43,8 39,4 3 14,2 20,1 10,5 4 7,8 7,9 0,9 5 2,1 5,7 0,9. 6 0,7 1,4 0,9 Weizenschnitt mit Schnidarles Rudolf und seinen Helfern 1940 im Ried Ein weiterer Hinweis findet sich in den Erinnerungen des Malers Engelbert Köb, der über seine Jugendzeit berichtet.3 Für die Zeit 1870-80 gibt er an, daß die Felder zwischen Wolfurt und Lauterach, auf denenjetzt geheut wird, mit Hanf, Hafer, Weizen, Gerste und Türken bebaut waren. Er berichtet, daß man im Spätsommer vor lauter Türken in den Feldern den Himmel nicht mehr gesehen habe. Köb gibt also selbst den Hinweis, daß sich ab 1870 die Landwirtschaft von Getreideanbau zu reiner Viehzucht gewandelt habe. Diese Umwandlung dürfte mit der Einfuhr billigen Getreides nach Eröffnung der Vorarlbergbahn und der Arlbergbahn in engem Zusammenhang stehen. Gegen diese billigen Importe war der Anbau in Vorarlberg nicht mehr konkurrenzfähig, während die Nachfrage nach gutem Vieh und Milchprodukten gestiegen sein dürfte. Neben dem Ackerbau waren die Viehzucht und die Milcherzeugung eine wichtige Einnahmequelle und Ernährungsgrundlage der bäuerlichen Bevölkerung. Es wäre aber verfehlt, die heutige Viehzucht mit Hochleistungsrindern als Bezugsrahmen für die Landwirtschaft des 18. und 19. Jahrhunderts zu nehmen. Kleinbäuerliche Substinenzwirtschaft dominierte die Landwirtschaft, da die Erträge aus der Milcherzeugung in der Selbstversorgung der Bauernfamilien aufgegangen sein dürfte. Die Bauern verfügten in der Regel nur über ein bis zwei Kühe, sodaß ein Verkauf der Milcherträge bzw. des Tieres kaum möglich war. Anhand der Angaben in den Vermögenssteuerbüchern von 1785, 1794 und 1846 können folgende Angaben über die Betriebsgrößen nach Kuhbesitz gemacht werden:4 4 Interessanterweise ändern sich die Betriebsgrößen und die durchschnittliche Zahl der Kühe pro Besitzer in diesen knapp 100 Jahren kaum. Einen kleinen Einbruch gibt es nur im Jahre 1846 als der Durchschnitt auf 1,7 Stück pro Besitzer abfiel. Bei einer genaueren Durchsicht der Steuerbücher fällt unter der Bauernschaft eine kleine Gruppe von «Mittelbauern» auf, die über 4 bis 5 Stück verfügen. Im Dorf gab es aber nur wenige «Großbauern», die neben einem sehr großen Viehbestand auch über beachtlichen Grundbesitz verfügten. Die wenigen bedeutenden Bauern hatten auch Alprechte im Bregenzerwald für die Sommerung ihres Viehs. Während 1785 nur die zwei reichsten Bauern im Dorf Weiderechte am Hirschberg hatten, werden 1794 bereits 8 Bauern genannt, die über Alpweiderechte verfügten, wobei 3 auf die Alpe Hirschberg, 4 auf die Alpe Ries und 1 auf die Alpe Kreyen (Egg) fallen. Auch die Handwerker besaßen Vieh und landwirtschaftliche Fläche. Neben den Kühen gab es in der Landwirtschaft natürlich weiteren Viehbesitz, der sich im ausgehenden 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts stark vermehrte. Dazu einige Zahlen:5 Jahr 1807 1869 1880 1910 1923 Pferde 46 56 38 88 56 Rinder 49 Kälber 36 178 249 314 Schafe 2 20 35 248 Ziegen Schweine Stiere 1 5 1 19 113 406 12 235 209 192 427 206 5 Seit der Jahrhundertmitte kam es zu Verbesserungen in der Landwirtschaft Vorarlbergs. Der Vorarlberger Landwirtschaftsverein versuchte, durch Vorträge, Kurse und Ausstellungen die Bauern über die Errungenschaften der modernen Agrarwirtschaft zu informieren. Wie aus den Jahresberichten und dem Wochenblatt des Landwirtschaftsvereins hervorgeht, wurden auch in Wolfurt Vorträge von Wanderlehrern des Landwirtschaftsvereins abgehalten. Aus diesen Vorträgen entwickelte sich in einigen Vorarlberger Gemeinden Landwirtschaftliche Fortbildungsschulen. Auch in Wolfurt wurde von Wendelin Rädler 1869 die Gründung einer solchen Schule erörtert. In der Gemeindesitzung vom 11.6.1869 wurde dieser Antrag abgelehnt. Im Protokoll wurde dazu folgendes vermerkt: «(diese Schule) ist im Volk unbekannt und nicht für notwendig erachtet, da die Landwirtschaft regelmäßig betrieben wird.»6 Einen bedeutenden Fortschritt für die Wolfurter Landwirtschaft bedeutete die Gliederung der Sennereigenossenschaft im Jahre 1871. Diese Genossenschaft begann mit 34 Mitgliedern und verarbeitete in ihrer ersten Arbeitsperiode 47.513 Maß Milch. Im Betriebsjahr 1874 hatte sich der Mitgliederstand auf 48 Personen erhöht und 53.210 Maß Milch wurden zu 4.825 Pfund Butter, 9.212 Pfund Käse, 4.826 Pfund Zieger und 39.906 Maß Molke verarbeitet.7 und Geräte. So wurde im Jahresbericht des Landwirtschaftsvereins angegeben, daß der Mechaniker Fischer 6 Getreideputzmühlen mit Handbetrieb und der Mechaniker Dür 5 Dreschmaschinen, 4 Getreideputzmaschinen und 5 Strohstühle im Berichtsjahr 1871 erzeugt hatten.9 Es wurden durch die Gemeinde auch der Obstanbau und die Bienenzucht gefördert. 1897 wurde in einer Gemeindeausschußsitzung über den Nutzen des Obstanbaus diskutiert und festgestellt, daß dieser «für die Lehrpersonen ebenfalls lohnend wäre in die Hand genommen und mit den Schülern praktiziert werden solle .. .»10 Wendelin Rädler erreichte, daß die Gemeinde für die Bepflanzung der Gemeindegründe 50 Birnenbäume bestellte und einpflanzen ließ." Rädler war auch der Initiator einer Gemeindebaumschule, die der Bevölkerung die theoretische und praktische Obstbaumpflege näherbringen sollte. Er konnte 1899 die Verwendung der Inselgründe als Gemeindebaumschule im Gemeinderat durchsetzen. Diese Obstbaumpflanzungen sollten das Ortsbild von Wolfurt in unserem Jahrhundert entscheidend prägen. Das nunmehr vorhandene Obst hatte nicht nur als Grundsubstanz für den Most eine Bedeutung, sondern war für die Nahrungs- und Vitaminversorgung der Bevölkerung wichtig. 1897 wurde auch von den Lehrern und den Lehrschwestern für Anschauungsszwecke ein Bienenhaus errichtet, um die Schüler praktisch in die Bienenzucht einzuführen. Die Unkosten für die beiden Bienenhäuser wurden mit Gemeindemitteln bestritten.12 1.2 Handwerk Über die Geschichte und die Bedeutung des Wolfurter Handwerks im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert haben sich nur wenige Quellen erhalten. Bei der Darstellung der Handwerksgeschichte des Dorfes sind wiederum die Vermögenssteuerbücher 1755, 1771, 1785, 1794, 1816 und die Erwerbssteuerverzeichnisse von 1838 und 1881 als Quellen heranzuziehen.1 Aus diesen Steuerbüchern wurde folgende Strukturdarstellung des Handwerks versucht: 1755 3 1 1771 1 1 1 1 1785 1 2 2 1 1794 1 1 1 1 3 2 1 3 1838 4 3 1 3 3 1 1 1 4 1 3 2 1846 2 3 1 1 1 1 1 3 2 5 1 1881 5 1 3 3 1 2 3 2 1 5 3 1 1 7 Metall Nahrung Bau Auch der Viehbestand in Wolfurt stieg ab 1870 enorm an. Die Gemeinde unterstützte diese intensive Viehzucht mit dem Ankauf von Zuchtstieren. Einzelne Bauern erhielten für den Ankauf des Zuchtstiers von der Gemeinde das Geld, mußten das Tier den Gemeindeangehörigen aber zur Verfügung stellen. 1873 wurden beispielsweise wegen der ungenügenden Zahl von Stieren und der ständig steigenden Zahl an Rindern und Kühen von der Gemeinde 4 Stiere eingekauft.8 Die in Wolfurt ansässigen Mechaniker und Schlosser verfertigten besonders für die Landwirtschaft Maschinen 6 Schmied Schlosser Mechaniker Müller Bäcker Metzger Melber Zimmermann Schreiner Steinmetz Maurer Ziegler Glaser Spengler Ofensetzer 2 2 2 1 1755 Textil Leder Weber Schneider Schuster Strumpfwirker Sattler/Tapezierer Gerber Stricker Seiler Hafner Wagner Drechsler Küfer Barbier/Friseur Stickferker 2 1 2 1771 1 2 2 1785 1794 1 2 1 3 1838 1 2 1 1846 1881 1 3 4 1 10 1 1 2 1 1 1 1 1 4 1 1 1 1 1 1 2 - 2 Wie man in der Tabelle sieht, war die Berufsstruktur im ausgehenden 18. Jahrhundert auf die Bereiche Metall-, Holz-, Leder- und die in einem eigenen Kapitel noch zubehandelnde Textilverarbeitung beschränkt. Eher gering ist der Bereich Nahrungsmittelgewerbe vertreten. Die im 19. Jahrhundert steigende Zahl der Schmiede und Schlosser dürfte mit der Nachfrage nach technischen Erzeugnissen für den landwirtschaftlichen Bedarf erklärt werden. Zu einer Auffächerung der Berufsstruktur im Baugewerbe kam es erst im 19. Jahrhundert (Glaser, Ziegler, Maurer). Die Entwicklung dürfte mit dem allgemeinen Bevölkerungswachstum und dem erhöhten Bedarf an Wohnhäusern im 19. Jahrhundert zusammenhängen. Als eine neue Berufsgruppe im Baugewerbe werden im Steuerbuch von 1846 die Ziegler genannt. Der bedeutendste und vermögendste Ziegler war 1846 Josef Anton Schertler, der über sehr beachtlichen Grundbesitz im Schätzwert von 8.750 Gulden, über Kapitalbesitz von 7.370 Gulden und einen Viehbestand von 3 Kühen und 2 Pferden verfügte. Als wichtigster Besitz in der VermögensaufstellungSchertlerswird jedoch sein Kalk-und Ziegelofen genannt. Eine weitere Ziegelhütte war in den Händen von 2 Besitzern, die ihren Anteil an der Hütte mit 250 Gulden angaben und nur über ein bescheidenes Vermögen verfügten. Als ein weiterer Ziegler wird 1846 ein Josef Dür genannt, der zu den vermögenden Bürgern zählte. Diese Ziegelhütten befanden sich im Flotzbach und an der Ach, wobei die Flotzbacher Hütten in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vergrößert und modernisiert wurden. Auf eine noch ältere Tradition konnten die Wolfurter Steinmetze zurückblicken, die in mehreren Steinbrüchen Sandstein abbauten. Die in den Steuerbüchern von 1785 und 1797 genannten Steinmetze verfügten neben den Anteilen am Steinbruch auch über landwirtschaftlichen Besitz und Vieh. Neben dem in Rickenbach in Privatbesitz befindlichen Steinbruch gab es im Dorf unter dem Pfarrhof einen in Gemeindebesitz befindlichen Steinbruch, der von der Gemeinde verpachtet wurde.2 In einer von der Handelskammer 1904 veröffentlichten Statistik des Baugewerbes befanden sich in Wolfurt 3 Steinmetze und 4 Zimmermeister, aber kein Maurer.3 Eine besondere Bedeutung und einen guten Ruf hatten im 18. und im 19. Jahrhundert die lederverarbeitenden Betriebe. In einem amtlichen Bericht des Jahres 1791 über die «Professionisten» der Herrschaft Bregenz wurden die Wolfurter Rot- und Weißgerber Caspar Haltmayer, Anton Höfle und Josef Greußing als «beachtliche Gerber mit Lederhandel» bezeichnet.4 Die Bezeichnung der Behörde läßt den Rückschluß zu, daß diese Gerber nicht, wie damals bei den Landhandwerkern üblich, nur für den lokalen Bedarf arbeiteten, sondern einen überregionalen Lederhandel begonnen hatten. Im Steuerbuch von 1785 wird eine Gerberei genannt, die einen Ledervorrat im Wert von 500 Gulden hatte und ab 1794 wird als großer Gewerbebetrieb eine «Lohstampf» genannt. In dieser Lohstampf wurde von den Gerbern Rinde (Eiche und Tanne) zu einer Masse gestampft, die als Gerbemittel verwendet wurde. Im Lauf des 19. Jahrhunderts ging die Anzahl der Gerber zurück, doch blieb als bedeutender Gerbereibetrieb die Fa. Ferdinand Haltmeyer im Kirchdorf bis zur Jahrhundertwende erhalten. Über die Ausbildung, die Auftragslage und die Betriebsgröße der Wolfurter Handwerker sind keine Informationen erhalten geblieben. Die Steuerbücher des 18. und teilweise des 19. Jahrhunderts geben aber über das Vermögen, den landwirtschaftlichen Besitz und den Hausbesitz der Handwerker Auskunft. Bei einer Untersuchung des Viehbesitzes der Handwerker fällt auf, daß 1785 und 1794 bei den Handwerkern noch bedeutender Viehbesitz vorhanden war, der aber 1846 stark zurückging. Dazu einige Zahlen: 1785 waren von 16 vorhandenen Handwerkern 14 Kuhbesitzer und 4 Pferdebesitzer, 1794 waren von 21 Handwerkern 19 Kuhbesitzer, während 1846 von 28 ausgewiesenen Handwerkern nur noch 21 Viehbesitzer waren. Fast alle Handwerker 9 Die Maurer haben die große Mauer am Tobelbach fertiggestellt und halten sie mit nassen Tüchern feucht. Jetzt legen sie die Rollierung für die Unterlindenstraße (1913) 8 verfügen auch über landwirtschaftlichen Grund und über Hausbesitz, waren also mit Sicherheit in der Landwirtschaft tätig und dürften, wie in allen Landgemeinden Vorarlbergs damals üblich, den Beruf des Handwerkers nur nebenberuflich ausgeübt haben. In der Reihe dieser «Bauernhandwerker» gab es aber auch Armutsfälle, die kaum über Grundbesitz und keinen Viehbestand verfügten, also ganz auf ihre Einnahmen als Gewerbetreibende angewiesen waren. 1794 gehörten von den 21 genannten Handwerkern 4 zu den ärmeren Schichten im Dorf, da sie kaum Grund und nur unbedeutendes bis kein Vermögen hatten. Größere Gewerbebetriebe wie die 2 Mühlen, die Lohstampf und der Steinbruch dürften aber wahrscheinlich professionell betrieben worden sein, obwohl auch der Müller, Gerber und die Steinmetze Viehbestand und teilweise bedeutenden Grundbesitz hatten. Da es sich aber bei diesen Betrieben um kapitalintensive Gewerbe handelte, kann doch mit einer professionellen Tätigkeit gerechnet werden. Bedeutende Umwandlungen erlebte das Handwerk im 19. Jahrhundert. Durch gesetzliche Neuordnung, die von der völligen Freiheit der Handwerksausübung bis zur Reglementierung in der Gewerbegesetznovelle von 1884 ging, wurde die Existenz des Handwerks stark betroffen. Die Entwicklung der Industrie bedeutete für das Handwerk eine Konkurrenz in den Bereichen der Wasserkraftnutzung und vor allem in der Personalrekrutierung. Auch die Maschinenstickerei, die ab 1870 in Vorarlberg einen bedeutenden Aufschwung nahm, bot manchem armen Handwerker einen beliebten neuen Erwerbszweig. Die Kalkhütte an der Bregenzerstraße 1908 10 Wie sich diese Umformungen auf das Wolfurter Handwerk auswirkten, ist nur schwer nachzuweisen. Wie vorhin bereits erwähnt, handelte es sich bei den Handwerkern in den letzten Jahrzehnten des 18. Jahrhunderts um Personen mit starkem landwirtschaftlichen Hintergrund. Wie diese Personen, die sich ja nicht alleine von den Einnahmen aus dem Handwerk ernähren konnten, diese Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich überstanden, ist quellenmäßig leider nicht nachvollziehbar. Für das Jahr 1832 hat sich im Gemeindearchiv eine Stellungnehme der Gemeinde erhalten, die über die Lage des Handwerks Auskunft gibt. Darin wird das Gewerbe als unbedeutend bezeichnet, die Gewerbetreibenden nur als Taglöhner eingestuft, die als Schneider und Schuster bei den Bauern um Lohn arbeilen.' Die Gemeinde gibt aber über die übrigen Gewerbetreibenden keinerlei Auskunft. Leider gibt es für dieses Jahr kein Steuerbuch, das über die finanzielle Lage und Besitzverhältnisse der Bevölkerung und besondes der Handwerker Auskunft geben könnte. Im Steuerbuch von 1846 wird aber eine große Anzahl verschiedenster Handwerksberufe genannt, die in Wolfurt sicher auf die längere Tradition zurückblicken können. Die Gewerbenovelle von 1884 schrieb die Gründung von Zwangsberufsgenossenschaften vor. In Wolfurt war es am 26.10.1883 zu einer vorbereiteten Sitzung und im Frühjahr 1884 im Gasthaus Adler zu den kurz hintereinander folgenden konstituierenden Sitzungen der Berufsgenossenschaften der Handelsleute und Wirte, der Handwerker und der Sticker gekommen.6 Als Vorstand der Handwerkergenossenschaft wurde der bereits erwähnte Ziegler Josef Anton Schertler gewählt. Das Interesse an dieser Berufsgenossenschaft scheint, wie aus einem zeitgenössischem Zeitungsartikel zu entnehmen ist, nicht sehr groß gewesen zu sein/ Die Handwerksgenossenschaft Wolfurt wurde in den folgenden Jahren auf die Gemeinden Schwarzach und Bildstein ausgedehnt und wies im Jahre 1892 94 Mitglieder auf.8 1899 wurde vom Gemeindevertreter Wendelin Rädler die Gründung einer Gewerblichen Fortbildungsschule in Wolfurt vorgeschlagen.9 Es kam in dieser Angelegenheit zu einer Sitzung mit den Wolfurter Volksschullehrern und dem Vertreter der Gewerbegenossenschaft Conrad Doppelmayr. Da die Schülerzahl aus dem Handwerkerstand zu gering für eine staatliche Subvention war, wurde beschlossen, die Fortbildungsschule in kleinem Stil zu gründen, wobei ursprünglich mit 3 Stunden Schulzeit pro Woche während der Wintermonate gerechnet wurden. Im Lehrplan waren gewerbliches Zeichnen, Rechnen und Schriftverkehr vorgesehen. Die Handwerkergenossenschaft übernahm die Bezahlung der Lehrergehälter freiwillig und ersuchte die Stickereigenossenschaft und die Genossenschaft der Händler um finanzielle Unterstützung. Der Unterricht wurde probeweise im November 1899 eingeführt, wobei die Stundenzahl auf 4 Stunden erhöht wurde.10 Über die Schülerzahl und das Lehrpersonal gibt eine Statistik des Jahre 1903 Auskunft. Es wurden 36 Schüler von 2 Lehrern während 7 Wochenstunden unterrichtet." Die Kursdauer betrug 7 Monate. 1906 befaßte sich der Gemeindeausschuß mit der Gewerblichen Fortbildungsschule. Die Gemeinde stellte fest, daß die Zahl der Gewerbetreibenden und damit auch die Zahl der beschäftigten Lehrlinge immer mehr zurückgehe. Die Frequenz der Schule ließ stark nach und die ganze Problematik wurde dem Schulausschuß zur Beratung vorgelegt.12 Über das Ergebnis dieser Verhandlungen sind keine Unterlagen vorhanden. Im Sitzungsprotokoll 1909 der Handelskammer findet sich ein Hinweis auf die Gewerbliche Forbildungsschule Wolfurt. Die Handelskammer stellte in diesem Jahr die Subvention an die Schule wegen Untätigkeit ein.13 11 1912 scheint es zu einem Wiederbelebungsversuch der Schule gekommen zu sein, da der Kammerrat Praeg sich in einer Subventionssitzung der Handelskammer für eine neuerliche finanzielle Unterstützung der Schule einsetzte.14 Auffallend ist besonders der Hinweis in der Gemeindesitzung von 1906, daß die Anzahl der Gewerbetreibenden in Wolfurt stark zurückgehe. Über die Ursache dieses Rückgangs können nur Vermutungen angestellt werden. Es ist möglich, daß der Stickereiboom für das mangelnde Interesse der Schüler verantwortlich war.15 1.3 Textilverarbeitung in Wolfurt Seit dem Mittelalter wurde von den Bauern Flachs angebaut und für den Eigenbedarf Leinwand gewoben. Über professionelle Leinwandweber in Wolfurt wird in einer vom Oberamt in Bregenz erstellten Übersicht aus dem Jahre 1767 berichtet.1 Josef und Joachim Geiger sowie ein Martin Herburger werden als für den allgemeinen Verkauf und auf Lager arbeitende Leinwandweber erwähnt. In den Steuerbüchern von 1762 und 1771 werden diese beiden Weber mit ihrem Vermögen genannt.2 Josef Geiger besaß 1762 ein Haus (Wert 190 Gulden), 2 Kühe und verfügte über beachtlichen Grundbesitz. Es gelang ihm, bis 1771 sein Vermögen beachtlich zu vermehren. Sein Gut wurde auf 600 Gulden geschätzt, er besaß jetzt 3 Kühe und hatte ein Reinvermögen von 821 Gulden. Er gehörte mit diesem Vermögen und dem beachtlichen landwirtschaftlichen Besitz zu den besser verdienenden Handwerkern und Bauern im Dorf. Jacob Geiger, ebenfalls Weber, war mit einer Kuh und einem Vermögen von 75 Gulden vergleichsweise eher arm. Neben diesen professionellen Webern gab es eine Reihe von Bauern, die während des Winters grobe Bauernleinwand, auch «BLÄZ» genannt, für den Eigenbedarf woben. Diese grobe rauhe Leinwand war wegen ihrer mangelnden Qualität nicht für den Verkauf geeignet und diente allein der Selbstversorgung. In der amtlichen Wirtschaftsübersicht von 1767 wird neben der Leinwandweberei bereits die Baumwollweberei für Wolfurt genannt. Im Auftrag der Bregenzer Baumwollmanufaktur «von der Trave», der ersten Baumwollmanufaktur in Vorarlberg, ließ der Rickenbacher Georg Haltmayer auf 4 Webstühlen Baumwollgarne verarbeiten.3 Im Wolfurter Steuerbuch von 1795 wird der Adlerwirt Johann Haltmayer als Handelsmann und Baumwollgarnhändler bezeichnet.4 Es ist für die Frühindustrialisierung typisch, daß ein Wirt und Händler die Aufgabe eines Baumwollverlegers übernahm. Er verfügte über das notwendige Kapital für den Einkauf der Baumwolle, hatte die notwendigen Geschäftskontakte und konnte daher leichter in dieses lukrative Geschäft einsteigen. Bezeichnend für seine Stellung im Dorf dürfte eine Angabe im Steuerbuch sein, in der festgestellt wird, daß er seine Einnahmen aus dem Baumwollhandel nicht genau kenne und daher für diese Einnahmen nicht versteuert wurde. Wie verbreitet die Baumwoll- und Flachsspinnerei in Wolfurt war, zeigen die Nachlaßinventare des ausgehenden 18. Jahrhunderts. Diese in den sogenannten Waisenbüchern verzeichneten Inventare geben immer wieder Flachs- und Hanfgespinst, Spinnräder und Kunkeln als Besitz an. Beispielsweise hinterließ ein Johann Georg Kalb 1787 70 Schneller Garn, 25 Pfund reinen Hanf, eine Haspel, 3 Spinnräder und 2 «Stuhl» (Webstühle). Im Nachlaß des Altammann Böhler von 1787 fanden sich 3 Haspeln, 3 Kunkeln und 3 Flachsbrechen.5 12 Im Jahre 1801 werden in den Statistiken der Vorarlberger Zollbehörden 3 Wolfurter Baumwollverleger mit der Anzahl der von ihnen beschäftigten Heimspinner und Heimweber genannt. Es waren dies: Josef Anton Gmeiner, Josef Anton Meßmer und Johann Martin Fischer.6 Gmeiner hatte an 32 Heimweber Webarbeiten vergeben und an 91 Haushalte 1.015 Pfund Baumwolle zum Verspinnen übergeben. Im Zeitraum 1800—1801 legte er den Zollbehörden 196 Stück Baumwollgewebe zur Numerierung vor. Meßmer hatte 29 Weber beschäftigt, 114 Spinnern 1.105 Pfund Baumwolle zum Verspinnen übergeben und 165 Baumwollstücke zur Verzollung vorgelegt. Fischer ließ von seinen 12 Webern 16 Baumwollstücke erzeugen. Lediglich über die Person des Josef Anton Gmeiner sind einige Informationen erhalten geblieben. Er wird im Vermögenssteuerbuch von 1795 genannt.7 Er war Hausbesitzer, hatte bescheidenen landwirtschaftlichen Grundbesitz und verfügte über das beachtliche Vermögen von 2.155 Gulden. Schulden hatte er in der Höhe von 343 Gulden bei Privatpersonen in Altstätten, Kanton St. Gallen, das als wichtiger Baumwollieferungsplatz für Vorarlberg während der Frühindustrialisierung galt. Es ist anzunehmen, daß diese Schulden aus Baumwollieferungen stammten. Laut Steuerbach hatte er «800 Gulden auf dem Gewerb liegend», was auf den beachtlichen Kapitaleinsatz im Baumwollverlagswesen hinweist. 1802 wurde Gmeiner eines Zollvergehens beschuldigt und in Bregenz verhört. Im erhaltenen Verhörungsprotokoll gibt Gmeiner über seine persönlichen und geschäftlichen Verhältnisse Auskunft.8 Er stand 1802 im 33 Lebensjahr, hatte 2 Kinder und bezeichnet sich selbst als Weber und Fabrikant. Gmeiner erklärte, daß der Schweizer Weber Jakob Lüpfi für ihn gearbeitet habe. Da Lüpfi über keinen eigenen Webstuhl verfügte, arbeitete er im Hause Gmeiners und wob zwischen dem 14. April und 14. Juni insgesamt 4 Baumwollstücke. Ein weiterer Schweizer Weber, Jakob Rohner, der in Rickenbach wohnte, arbeitete ebenfalls für Gmeiner. 13 Interessant ist der Hinweis auf die Schweizer Weber, die als Facharbeiter während der Frühindustriealisierung in Vorarlberg arbeiteten und technisch vermutlich besser ausgebildet waren als die Vorarlberger Weber. Auch für Dornbirn und Rankweil-Sulz sind aus diesen Jahren Hinweise auf den Aufenthalt Schweizer Weber vorhanden. Der Ausgang der Untersuchung gegen Gmeiner ist nicht erhalten geblieben. Er wirkte jedenfalls weiter als Baumwollverleger, da er 1815 und 1818/19 als «Baumwollfabrikant» aktenmäßig aufscheint.9 Er wird im Steuerbuch von 1815 als Besitzer von nunmehr 2 Häusern erwähnt und hat seinen bisher eher schwachen Grundbesitz durch ein Bergteil am Ippach vergrößert.10 Die Baumwollweberei als wichtiger Erwerbszweig der Bevölkerung dürfte während der bayrischen Besatzungszeit, wie im übrigen Vorarlberg auch in Wolfurt, stark zurückgegangen sein. Nach der Rückkehr Vorarlbergs zu Österreich und der damit verbundenen Öffnung der großen Monarchie als Absatzmarkt für Vorarlberger Baumwollprodukte kam es in den Jahren 1818/19 zu einem neuerlichen Aufblühen der Baumwollverarbeitung in Vorarlberg. Nach den verheerenden, durch Mißernten bedingten Hungerjahren 1816/17 bot sich ab 1818 eine bedeutende Verdienstmöglichkeit mit der Weberei, wobei die Spinnerei seit der Eröffnung des mechanischen Spinnereibetriebes in Dornbirn-Juchen im Rückgang gewesen sein dürfte. Für das Jahr 1818/19 hat sich für Wolfurt eine sehr wertvolle Quelle erhalten, die den Umfang der Weberei in Wolfurt dokumentierte. In einer Produktionsstatistik für den Bregenzer Raum werden für die Gemeinde Wolfurt die von Verlegern bestellten und von Heimwebern erzeugten Baumwoll- und Mousselinstücke genannt. Insgesamt wurden in diesem Jahr in Wolfurt 908 Stück Baumwollgewebe und 117 Stück Mousselingewebe gewoben.11 Wolfurt war in den Hofsteiggemeinden der bedeutendste Webereiproduktionsort, gefolgt von Steußberg (Buch und Bildstein) mit 713 Stück 14 Baumwollgewebe und Lauterach mit 404 Stück. Neben den bereits bekannten Wolfurter Verlegern Gmeincr und Moser mit zusammen 100 Stück Baumwollgewebe, ließen 9 Dornbirner, 2 Hohenemser, 1 Bildsteiner, l Schwarzacher und 1 Bregenzer Verleger in Wolfurt arbeiten. Im Wolrurter Gemeindearchiv befinden sichfürdie 30-er und 40-er Jahre des 19. Jahrhunderts einige Hinweise auf Weber, die aber keine Auskunft über die Produktion und die Lage dieser Weber geben. In Akten aus dem Jahre 1832 werden ein Weber Johann Klocker im Dorf und ein Weber Jakob Schneider in Rickenbach erwähnt. In den Konskriptionslisten für die Militärstellung 1838 und 1839 werden auch die Berufe der zur Stellung berufenen Männer genannt. 1838 waren von 20 angetretenen Männern 3 Weber, 1839 von 17 ganze 3 Weber.12 Diese Konskriptionslisten haben jedoch als Quelle für die Häufigkeit des Weberberufes keine große Aussagekraft. Interessant ist, daß 1832 ein Blattmacher in Wolfurt existierte, der von der Erzeugung von Bestandteilen für Webstühle lebte.13 Dieser Beruf konnte nur in einem Dorf mit einer entsprechenden Zahl von Webern existieren. Im Bevölkerungsverzeichnis von 1846 werden unter 20 Handwerkern aber nur mehr 1 Weber und 2 Blattmacher aufgezählt. Aus dem Jahre 1848 gibt ein Akt über die Aufdingung eines Lehrjungen beim Wolfurter Webermeister Ferdinand Kalb, Auskunft. Die in vielen Vorarlberger Fabriken zu diesem Zeitpunkt bereits durchgeführte Mechanisierung der Weberei hat diesen wenigen Webern in Wolfurt aber kaum noch Überlebenschancen gegeben und dürfte zu einem Stillstand der Weberei geführt haben, die für die betroffene Bevölkerun natürlich finanzielle Probleme gebracht haben dürfte. Eine gewisse Ausnahme spielte dabei die Buntweberei, da in diesem Bereich eine Mechanisierung aus technischen Gründen erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erfolgte. Die Buntweberei als Ausweg setzte aber auch für den Weber gewisse Erfahrung und Spezialisierung voraus. Als Ausweg bot sich die Arbeit in der 1838 eröffneten Kennelbacher Spinnerei. 1.4 Die Stickerei Die Lohnstickerei für Schweizer Handelshäuser dominierte im ausgehenden 18. und 19. Jahrhundert das Wirtschaftsleben in den landwirtschaftlichen Gebieten Vorarlbergs.1 Mit der Einführung der Maschinenstickerei wurde auch Wolfurt vom Stickereifieber erfaßt und veränderte die Gemeinde grundlegend. Die Bevölkerung verlegte sich auf die Stickerei und vernachlässigte die bisher dominierenden Wirtschaftszweige, wobei die Sticker sich in eine Abhängigkeit von der Konjunktur begaben.2 In guten Absatzjahren konnte unter der Ausnützung aller Familienmitglieder (Kinderarbeit) der Sticker sehr gute Einnahmen erzielen, während Absatzkrisen zu schweren finanziellen Einbußen führten. 1905, einem Krisenjahr, wurde keine Faschingsunterhaltung durchgeführt, da in der Gemeinde kein Geld vorhanden war.3 Trotz dieser ständigen Konjunkturschwankungen erhöhte sich die Anzahl der Stickereimaschinen in Wolfurt ständig. Während 1887 in Wolfurt 124 Handstickmaschinen waren, stieg die Zahl der Schifflistickmachinen 1900 auf 100, 1910 auf 143 Schiffli- und 26 Handstickmaschinen und bei der letzten Zählung vor dem I. Weltkrieg 1914 wurden in Wolfurt 115 Pantographen, 7 Automaten und Punchmaschinen gezählt.4 Die Stickereimaschinen wurden in der Regel in der Schweiz gekauft und in Raten abgezahlt. Während des Stickereibooms im Jahre 1900 15 sollen, wie in einem zeitgenössischen Zeitungsartikel erwähnt wird, viele unbrauchbare, ausgeleierte Stickmaschinen von Wolfurtern in der Schweiz zu überhöhten Preisen gekauft worden sein.5 Mit diesen Maschinen soll laut Zeitungsbericht maneher Sticker 24 Stunden durchgearbeitet haben, um möglichst viele Stiche zu erreichen. Die Qualität der Stickereien auf diesen allen Maschinen dürfte aber schlecht gewesen sein und zum schlechten Ruf (= billige Ware) der Vorarlberger Stickereien in der Schweiz beigetragen haben. Um an den großen Aufträgen mitmischen zu können, wurde die Qualität der Ware vernachlässigt und nur bedeutende Mengen produziert. Als Mittel für die Qualitätsverbesserung in der Stickerei wurden von der Stickereischule Dornbirn Kurse in den einzelnen Stickereidörfern abgehalten. In Wolfurt fand beispielsweise 1901 ein solcher Kurs statt, der mit einem Kurs für Nachsticker fortgesetzt wurde. Diese Kurse wurden von der Wolfurter Stickereigenossenschaft mitorganisiert und teilweise finanziert. In Wolfurt gab es 1907 12 Sticklokale mit 4 bis 6 Maschinen, wobei die Masse der Sticker nur eine Stickereimaschine besaß.6 In engem Zusammenhang mit dem Stickereiboom steht auch die vermehrte Bautätigkeit in Wolfurt um 1906/07, als neben normalen Wohnhäusern auch vermehrt Villen und Stickereilokale errichtet wurden. Trotz des Reichtums und Wohlstands, der sich mit der Stickerei in der Gemeinde etablieren konnte, muß auf die Schattenseiten dieses Booms hingewiesen werden. Als Arbeitskräfte in den Stickereilokalen wurden hauptsächlich Jugendliche und Kinder verwendet, wobei keine gesetzlichen Arbeitszeitbestimmungen vorhanden waren. Der Gewerbeinspektor erklärte 1885 in einem Bericht: «. . . die Arbeitskräfte der Kinder in so übertriebenem Masse ausgebeutet wurden, daß die in den Stickereigegenden domicilierend Ärzte und sonstigen Menschenfreunde den physischen Ruin der jungen Generation mit Sicherheit voraussahen, falls dem eingerissen Treiben nicht in irgend einer Weise Einhalt gethan würde .. .»7 Der in St. Gallen beheimatete Stickereiverband, der seine Tätigkeit auf die Ostschweiz und Vorarlberg erstreckte und eine Vereinigung der großen Stickereihandelshäuser und der Einzelsticker war, einigte sich 1886 auf eine Arbeitszeitregelung in den Stickereien, wobei die Arbeitszeit von 7 Uhr bis 18 Uhr festgesetzt wurde.8 Als Druckmittel für die Einhaltung der Bestimmung wurde der Liefer- und Abnahmeboykott gegen «Ausbeuterfirmen» beschlossen. Als Vorarlberg sich 1892 vom Verband löste, war auch die Einhaltung dieser Regelung nicht mehr möglich und das Gewerbeinspektorat konnte nur nach den allgemeinen Bestimmungen des Gewerbegesetzes vorgehen.9 Die Stickerei wurde durch den I. Weltkrieg schwer getroffen und konnte sich nie mehr von diesem Rückschlag erholen. 1.5 Händler und Nahrungsversorgung Die ersten Quellen über Krämer und Händler in Wolfurt stammen aus dem ausgehenden 18. Jahrhundert. 1785 wird im Steuerbuch erstmals ein Krämer genannt. Im Steuerbuch von 1794 wird der Krämer Krispin Bildstein mit seinem Vermögen und seinen Schulden genannt.2 Bildstein, der 1755 noch als Wirt bezeichnet wird, gehörte zu den vermögendsten Personen im Dorf, hatte 4 Kühe und 1 Pferd im Stall und verfügte über bedeutenden Grundbesitz. Besonders interessant ist die Nennung seiner Schulden. Er hatte Schulden in Augsburg und Pavia; was auf Warenschulden hinweist und auch Rückschlüsse auf die Herkunft der von Bildstein verkauften Waren und auf seine Handelsbeziehungen zuläßt. Augsburg war das Handelszentrum Süddeutschlands und der Hinweis auf Schulden in dieser Stadt kann so interpretiert werden, daß Bildstein aus dieser Stadt Konsumgüter bezogen hat. 1798 suchte der Rösslewirt Baptist Rohner, der neben seiner Wirtschaft eine Branntweinbrennerei und eine Bäckereigerechtsame besaß, um eine Handelskonzession für Tuch, Zucker, Kaffee und Lichteran.3 Gegen dieses Ansuchen protestierten in einem Beschwerdebrief die anderen 4 Wolfurter Krämer. Sie hatten mit ihrem Protest Erfolg, da das Oberamt Rohner die Handelskonzession verweigerte. 4 Krämer in einem Dorf war für die damalige Zeit eine sehr hohe Zahl und es ist möglich, daß hier der Einfluß der Frühindustrialisierung sich bemerkbar machte.4 Die in der Heimindustrie beschäftigten Weber und Spinner verfügten, eine gute Konjunkturphase vorausgesetzt, über Bargeld, eine ständige Einnahmequelle. Diese Geldmittel wurden in Heimindustriegegenden in der Regel für den Einkauf von Konsumgütern verwendet. Es ist auch für Wolfurt, der führenden Webereigemeinde in Hofsteig, mit einer Veränderung des Konsumverhaltens zu rechnen, die sich in einer Vermehrung der Krämer im Dorf ausdrückte. Im Jahre 1840 gab es in Wolfurt nur mehr 3 Krämer und einen Mehlhändler.5 Ob das Ansuchen des Michael Lau aus dem Jahre 1828 um Verleihung einer Händlerkonzession für Kaffee und Zucker angenommen wurde, geht aus den erhaltenen Akten nicht klar hervor.6 Zur unmittelbaren Lebensmittelversorgung der Bevölkerung dienten Bäcker und Metzger. In der Tabelle der Handwerksberufe ist aber die geringe Zahl der Bäcker während des ganzen Untersuchungszeitraumes deutlich zu erkennen. Dies ist nur mit der Annahme zu erklären, daß Brot im eigenen Haushalt erzeugt wurde und auch Hausschlachtungen durchgeführt wurden. Eine weitere Erklärungsmöglichkeit ist die Verbindung der Bäckergerechtsame mit einigen Wirtshäusern im Dorf. So besaßen 1798 die Wirte Baptist Rohner (Rössle) und Johann Haltmayer in ihrem 16 17 Wirtshause eine Bäckereigerechtsame, wobei diese «ex radice» war. Bei dieser Rechtsform lag die Gewerbeberechtigung auf dem Hause selbst und setzte keine Gewerbeausbildung des Hausbesitzes voraus. Diese Form der Gewerberechtsame wurde in den Steuerbüchern aber nicht erwähnt, da sie nicht zu versteuern war, während die «Profession» der anderen Handwerker mit einer Pauschalsumme versteuert wurden (20 Gulden). Über die Brotpreisgestaltung im 19. Jahrhundert hat sich im Gemeindearchiv ein Brief des Wolfurter Bäckers erhalten. Die Brotpreise wurden amtlich verordnet und in Wolfurt galt, wie in allen Gemeinden des Amtsbereiches Bregenz, der Bregenzer Brottarif. 1838 bat der Wolfurter Bäcker (Name im Akt nicht genannt) die Bregenzer Tarife für Wolfurt abzuschaffen, da die Tariftabelle erst mit 8 bis 14 Tagen Verspätung in Wolfurt eintreffe.7 Aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts haben sich im Gemeindearchiv zahlreiche Brotbeschauprotokolle erhalten. Durch ein Gemeindeorgan wurden bei den Bäckern Gewichtskontrollen und Preisüberprüfungen durchgeführt, wobei bei Nichteinhaltung der vorgeschriebenen Gewichte und Preise das Brot durch die Gemeinde beschlagnahmt und an die Gemeindearmen ausgegeben wurde. Über den Fleischverzehr und die Nahrungsgewohnheiten haben sich keine schriftlichen Hinweise finden lassen, sodaß Vermutungen angestellt werden müssen. Der Fleischbedarf dürfte auch in Wolfurt, wie in allen Vorarlberger Gemeinden des 19. Jahrhunderts eher gering gewesen sein und die Ernährungsgrundlage aus Mehl- und Kartoffelspeisen bestanden haben. In einem Brief des Landgerichts Bregenz an die Gemeinde Wolfurt aus dem Jahre 1832 wurde festgestellt, daß neben der bereits erwähnten Brottaxe auch die vom Stadtmagistrat Bregenz festgesetzte Fleischtaxe in den Gemeinden nicht eingehalten werde. Ein Metzger wird in Wolfurt erst 1832 genannt, der vermutlich Lohnarbeiten ausführte. Über den Getränkekonsum und die Getränkeerzeugung in der Gemeinde sind ebenfalls nur wenige Nachrichten erhalten. Der im Mittelalter und in der frühen Neuzeit so bedeutende Weinbau spielte im 19. Jahrhundert keine sehr bedeutende Rolle mehr und dürfte mit der Eröffnung der Arlbergbahn und der damit verbundenen Einfuhr von billigem Südtiroler Wein ganz zugrunde gegangen sein. Im Steuerbuch von 1785 werden beim Wirt Johann Haltmayer in der Vermögensaufstellung unter anderem der Weinvorrat im Keller und Reben genannt und auch bei den Privatpersonen Josef Anton Haltmayer und Amtsamman Josef Fischer werden Reben und Weinvorräte im Kellerals zu versteuerndes Vermögen aufgezählt.9 Im Kartenwerk vom Jahre 1857 wurden noch einige Weinberge in Wolfurt und in Rickenbach eingezeichnet. Viel wichtiger dürften damals die kleinen Bierbrauereien gewesen sein, die sich in den Gasthäusern befanden. 1853 suchte der «Rössle»-Wirt Caspar Haltmayer bei der Gemeinde um eine Bierbrauereikonzession an und erhielt vom Gemeindeausschuß auch die Genehmigung.10 Eine weitere Brauerei war die bis 1902 bestehende Brauerei des Johann Georg Fischer." Weiters spielte die Branntweinerzeugung in Wolfurt eine große Rolle. 1798 besaß der «Rössle»-Wirt Baptist Rohner eine Branntweinerzeugungskonzession und 1842 nahm der Gemeindevorsteher Martin Schertler in einem Brief an das Kreisamt Stellung zur Einfuhrzollerhöhung von Obstbranntwein. '2 Er erklärte darin, daß im Inland zu viel Fruchtbranntwein erzeugt werde, der Obstpreis dadurch heruntergesetzt 18 werde und daher den Bauern die Obstkultur nicht mehr am Herzen liege. Es könnte sich bei diesem Fruchtbranntwein um die heute noch bekannte Spezialität «Subircn> handeln. Die Branntweinerzeugung muß aber im allgemeinen historischen Kontext des 19. Jahrhunderts gesehen werden. In einem Akt des Kreishauptmann Ebner wird der Alkoholismus als das größte soziale Übel in Vorarlberg während des 19. Jahrhunderts genannt. Die Trinkwasserversorgung in Wolfurt hat sich im 19. Jahrhundert auf der Basis der Brunnenversorgung abgespielt und konnte mit dem enormen Bevölkerungswachstum und der dadurch bedingten erhöhten Nachfrage nach Trinkwasser nicht Schritt halten. In einem Zeitungsartikel von 1893 wird über das schlechte Trinkwasser in Wolfurt geklagt.0 Im Kirchdorf befand sich der Dorfbrunnen, der oft kein Wasser führte und bei Regen getrübtes Regenwasser hatte. Wegen diesem unhaltbaren Zustand kam es im Rössle zu einer Versammlung der Brunnengenossenschaft, auf der die Suche nach einer Quelle für die allgemeine Wasserversorung beschlossen wurde. Im Zeitungsartikel wird die durch die Industrie stark zugenommene Bevölkerung als Grund für die Wasserprobleme genannt. Der Schwanen. Einstmals zentrales Gasthaus mit Bäckerei, Handlung und Tanzsaal. 19 1.6 Industrielle Betriebe in Wolfurt Im 19. Jahrhundert befanden sich in Wolfurt nur zwei industrielle Betriebe: die Spulenfabrik Zuppingcr und die Maschinenfabrik Doppelmayr. Der Gründer der Spulenfabrik Zuppinger war Konrad Zuppingeraus dem Kanton Zürich, der 1873 in Wolfurt eine kleine Holzspulenfabrik errichtete. Unter seinem Sohn Johann Walter wurden Filialbetriebe in Mähren und Bayern errichtet. In Wolfurt wurde die Produktion von Holzspulen 1909 eingestellt. Die Familie Zuppinger hatte auch Mühlen errichtet und nach Stillegung der Spulenfabrik den Mühlenbetrieb weitergeführt. Die Maschinenfabrik Doppelmayr geht auf die mechanische Werkstätte des Josef Dür zurück. Der Nachfolger Dürs, Konrad Doppelmayr, hat mit der Herstellung von Getrieberädern und landwirtschaftlichen Geräten den Anfang der Maschinenfabrik gemacht. Mit dem Eintritt Emil Doppelmayrs in die Fabrik im Jahre 1910 wurde das Produktionsprogramm auf Lasten- und Personenaufzüge erweitert. In den dreißiger Jahren unseres Jahrhunderts erstellte die Fa. Doppelmayr in Zürs den ersten modernen Umlaufschlepplift Österreichs und spezialisierte sich daraufhin auf die Erzeugung von Skiliften. Bedeutende Textilbetriebe entstanden erst in den zwanziger Jahren in Wolfurt. 1.1 Landwirtschaft 1 Benedikt Bilgeri, Der Getzreideanbau im Lande Vorarlberg. Dornbirn 1947, S. 212—215 2 Mathias Schneider, Wolfurter Chronik. «Merkwürdige Begebenheiten». Manuskript. Gemeindearchiv Wolfurt 3 Vorarlberger Volksblatt 10. 10. 1929 4 Gemeindearchiv Wolfurt, Steuerbücher 5 Beiträge zur Statistik der Bodenkultur in Vorarlberg mit Nachweisung der Ernteergebnisse des Jahres 1870. Innsbruck 1871, S. 8 Ergebnisse der in Vorarlberg am 31. 12. 1910 vorgenommenen Volks- und Viehstandszählungen. Bregenz 1911. S. 3 6 Gemeindeausschußprotokoll 16. 11. 1869, zukünftig mit GAPr abgekürzt 7 Beiträge zur Statistik der Bodenkultur in Vorarlberg mit Nachweisung der Ernteergebnisse des Jahres 1872. Innsbruck 1873, S. 29 8 GAPR 5. 2. 1873 9 Beiträge zur Statistik der Bodenkultur in Vorarlberg mit Nachweisung der Ernteergebnisse des Jahres 1871. Innsbruck 1872, S. 49 10 GAPR 28. 3. 1897 11 GAPR 6. 9. 1898 12 GAPR 29. 10. 1898,22.9. 1899 und 23. 10. 1899 13 GAPR 17. 3. 1897 und 28. 3. 1897 1.2 Handwerk 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 Steuerbücher Gemeindearchiv GAPR 17. 11. 1880 Handelskammer Feldkirch, Archiv, Präsidiumssitzungsprotokoll 1904, S. 46 Vorarlberger Landesarchiv, KOA 1 Seh 104, Nr. 111, 1791. Landesarchiv wird mit VLA abgekürzt werden Gemeindearchiv Wolfurt Seh 1800 Vorarlberger Volksblatt 9. 5. 1884 Vorarlberger Landbote 23. 1. 1885 Feldkircher Zeitung 15. 10. 1885 GAPR 23. 10. 1899 GAPR 22. 11. 1899 Österreichische Statistik, Band 77, S. 176 GAPR 27. 3. 1906 Handelskammer Feldkirch. Archiv, Präsidiumssitzungsprotokoll 1909, S. 112 Handelskammer Feldkirch. Archiv, Präsidiumssitzungsprotokoll 1912, S. VII GAPR 23. 10. 1899 1.3 Textilverarbeitung 1 Kaspar Schwärzler, Tabelle über die in der Graf- und Herrschaft Bregenz und Hohenegg befindlichen Fabriken. Manufakturen und Commercialprofessionisten 1767. In: Archiv für Geschichte und Landeskunde Vorarlbergs 1906/7. S. 58 2 Gemeindearchiv Wolfurt, Vermögenssteuerverzeichnis 1762, Folio 49 und Folio, S. 177 3 Schwärzler, Tabelle S. 57 20 21 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 Gemeindearchiv Wolfurt, Gemeindearchiv Wolfurt, VLA, KOA 1 Seh 145 Gemeindearchiv Wolfurt, VLA, KOA 1 Seh 144 VLA, KOA 1 Seh 145 Gemeindearchiv Wolfurt, VLA, KA 1 Seh 239 Gemeindearchiv Wolfurt, wie 12 Steuerbuch 1795 Waisenbuch Wolfurt, I./5 Folio 413 und I./6 Folio 324 Steuerbuch 1794 Siegfried Heim Vermögenssteuerverzeichnis 1815 Schachtel 1800 1.4 Stickerei 1 2 3 4 5 7 8 9 VLA, KA II Seh 38. IV 1931 + IV 2404, Stickstückferker Ansuchen aus Wolfurt 1857 GAPR23. 10. 1899 Ferdinand Schneider, Wolfurter Chronik, Original Gemeindearchiv Wolfurt. S. 227 Gerhard Alge, Die Entstehung, Entwicklung und Bedeutung der Vorarlberger Stickerei bis 1914 und ihre Beziehung zur Schweiz. Diplomarbeit Wien 1978, S. 36 und 54 Schneider Chronik s. 230 Vorarlberger Volksblatt 4. 1. 1900/6 Schneider, Chronik S. 233 und 234 Bericht Gewerbeinspektorat 1885, S. 406 Feldkircher Zeitung 30. 1. 1892 und Gewerbeinspektorat S. 407 Schneider Chronik S. 189 Feldkircher Zeitung 12. 11. 1892 1.5 Händler und Nahrungsmittelversorgung 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 Gemeindearchiv Wolfurt, Steuerbuch 1785, Folio 34 Gemeindearchiv Wolfurt, Steuerbuch 1794, Folio 28 VLA, KOA 1 Seh 145 VLA, KOA 1 Seh 145, Kommerz 1804 Gemeindearchiv Wolfurt, Steuerbuch 1840 VLA, KA 1 Seh 516 Zoll Gemeindearchiv Wolfurt, Seh 1800, Gewerbe, 1838 Gemeindearchiv Wolfurt, Seh 1800 Steuerbuch 1785, Folio 306 + 332 Gemeindearchiv Wolfurt, Gemeindebeschluß Nr. 10, 1853 Einkommenssteuerverzeichnis 1873 und Heinrich Wurm, Historisches Verzeichnis der Österreichischen Braustätten und Brauereifirmen. Linz 1980, S. 81 12 VLA, KA 1 Seh 526, Zoll 3374 13 Vorarlberger Landbote 10. 2. 1893 Dieser und einige folgende Artikel sind teilweise aus Schriften zur Vorarlberger Geschichte zusammengetragen. Für besonders interessierte Leser schreibe ich sie hier auf: ( 1) Bilgeri, Geschichte Vbg., 1971-86 ( 2) Bilgeri, Getreidebau, 1948 ( 3) Burmeister, Geschichte, 1980 ( 4) Burmeister, Landesmuseumsverein 125/1982 ( 5) Burmeister, Die Wolfurter, 1984 ( 6) Heim, Zeittafel, 1985, Heimat Wolfurt 1 ( 7) Heim, Steußberg, 1983 ( 8) Heim, Schlösser, 1983 ( 9) Heim, Jüngste Marktgemeinde, 1982 (10) Kleiner, Hofsteiger Landsbrauch, 1902 (11) Welti, Kellnhof Wolfurt, 1952 (12) J. Heinzle, Ortskunde, 1967 (13) Bernhard, Jungbürgerbuch, 1978 (14) Heimatbuch Lauterach, 1953 und 1985 (15) Häfele, Bilder aus der Geschichte, 1922 (16) Gunz, Familienchronik, 1892 (17) Pfarrer Feurstein, Seelenbeschrieb Ia, 1760 (18) J. Walser, 400 Jahre Pfarre, 1912 (19) Anwander, Pfarre St. Nikolaus, 1931, Holunder 30 (20) Weizenegger-Merkle, 1839 (21) Rapp, Generalvikariat, 1896 (22) «Hofrieden» im VLA Anmerkungen im folgenden Text beziehen sich auf diese Quellen. Ackerbau in Hofsteig Bis zum Jahre 700 n. Chr. hatten die Alemannen das Unterland bis zum Kummenberg besiedelt, während im Oberland weiterhin die Rätoromanen fest verwurzelt waren. An der Kummen-Grenze trafen sich auch die Einflußsphären des Bistums Konstanz im Norden und des Bistums Chur im Süden. Durch Jahrhunderte blieb diese Teilung bestehen. Der Unterschied reichte in die Belange von Wirtschaft, Recht und Kultur hinein. (13/Seite 14) Benedikt Bilgeri weist in seinem «Getreidebau» diese Grenzen auch im Ackerbau nach.(2) Lange Jahre gehörte das Unterland zum «Vesen»-Gebiet der Alemannen im Bodenseeraum, das Oberland aber zum Gebiet des «Mischkorns», das sich über Liechtenstein nach Graubünden fortsetzte. Bregenzerwald und Allgäu aber bildeten aus klimatischen Gründen das «Haben>-Gebiet, zu dem als Ausnahme in der Ebene auch noch Hofsteig gezählt werden muß. 23 22 Die Milchwirtschaft spielte im Lande schon seit der Keltenzeit eine beachtliche Rolle, auch Obst- und Weinbau besaßen neben der Schweinezucht eine gewisse Bedeutung. Den Hauptanteil bei der Ernährung trug aber immer der Getreidebau Acht Getreidesorten wurden in Wolfurt angebaut: Vesen, Däntel, Weizen, Hafer, Roggen, Gerste. Hirse und Türken. 1. Vesen, «feaso», «Spelz», «Dinkel», auch einfach «Korn» genannt, ist ein widerstandsfähiger Winterweizen, bei dem die Körner wie bei Gerste mit dem Spelzblättchen verwachsen sind und von diesen Hülsen vor dem Mahlen befreit werden müssen. Enthülste Früchte heißen dann «Kernen». Drei Malter Vesen ergaben nur ein Malter Kernen. Für die Alemannen war Vesen weitaus das wichtigste Getreide. Sie hatten den Vesenanbau von den Römern übernommen (Getreidefund aus dem 1. Jhdt. in Brigantium), doch findet sich Vesen auch schon in Schweizer Pfahlbauten. Ins Oberland drang der Vesenanbau erst im 17. u. 18. Jhdt. vor. Aus Lustenau und Höchst wurde lange Zeit Vesen-Saatgut ins Schwabenland exportiert (Weizenegger-Merkle). Während Vesen im übrigen Österrreich unbekannt war, gab es in Vorarlberg noch 1913 mehr Vesen als Weizen im Verhältnis 165 ha zu 101 ha. 1944 wurden nur mehr 8 ha Vesen angebaut. Seither ist der alemannische Weizen bei uns verschwunden. In Niederösterreich wird Dinkel aber in allerneuester Zeit für die «Hildegard-Medizin» angebaut. Die Heilige Hildegard von Bingen (1098—1179), die große Mystikerin und Naturwissenschaftlerin, setzte das Dinkelkorn an die Spitze ihrer Ernährungslehre und pries seine Vorzüge an. Ihre Anhänger suchen heute wieder im einfachen Essen mit DinkelVollkorn Gesundheit und Kraft. 2. Däntel (auch «Dintel» genannt, nicht verwechseln mit Dinkel-Spelz), ist ein Winterweizen mit starken Grannen und Einzelkörnern («Einkorn»). Er läßt sich als ältester Weizen schon in der Steinzeit nachweisen und hatte in Vorarlberg das gleiche Verbreitungsgebiet wie Vesen. Im übrigen Österreich war er unbekannt. Um 1850 wurde er in Wolfurt noch angebaut. Der Müller Gunz berichtet in seiner Chronik, daß man damals aus Vesen und Däntel nur 40 % Mehl mahlte, während der neu eingeführte Weizen 75 % Mehl ergab. Der Rest wurde allerdings noch einmal untergeteilt in Kleie und das grobe «Jaumehl», aus dem sparsame Hausfrauen noch Hafenlaib kochten. Seit 1930 ist der Däntelanbau ganz verschwunden. 3. Weizen, vor allem der Zweikorn-Weizen «Emmer», wurde von alters her im Oberland angebaut, am häufigsten allerdings als «Mischkorn» oder «Halbkorn» mit Roggen vermischt. Erst im 19. Jhdt. setzten sich neue Weizensorten durch und verdrängten mit ihrem höheren Ertrag die alten Sorten Vesen und Däntel. Durch Getreide-Importe aus Ostösterreich, Frankreich, Argentinien, Kanada und anderen Staaten ist der mit Unwetter-Risiko behaftete Weizenanbau im Lande Vorarlberg seit Mitte des 20. Jahrhunderts nahezu ganz verschwunden. 4. Hafer, «Haber», wurde aus klimatischen Gründen in höheren Lagen angebaut, wo Vesen nicht mehr gedieh. 1576 berichtet Junker Hans Georg v. Wolfurt «Zue Alberschwendi gibt man in dem großzehenden keine andre frucht als haber.»(2/200) Auch Schleh schreibt 1616 in seiner Emser Chronik (S. 28) «Ob Alberschwendi liegt das Gericht Lingenaw, dessen Kirchensatz auch dem Abt von Bregenz gehörig, beyde Wilde Bergechte örther jedoch ohne Felsen allda kein ander Frucht als Haber wachßt.» Vom Steußberg (Bildstein und Buch) erhielt das Kloster Mehrerau 1601 nur 4 Viertel Vesen, aber 149 Viertel Haber als Zehent. Auch 1817 bestand die Steußberger Getreideernte noch zu 95% aus Haber nämlich 3800 von 4034 Vierteln. Getreidemaße: Ein Bregenzer Viertel faßte 21,5 Liter Kernen, d. s. etwa 13 kg, ein Feldkircher Viertel faßte 24,9 Liter, ein Alberschwender Viertel 30,6 Liter. Jedes Gericht, ursprünglich jeder Hof, hatte seine eigenen Maße. 1 Viertel sind 4 Vierling (zu je 5,4 Liter), 4 Viertel sind 1 Scheffel (86 Liter). 8 Viertel sind 1 Malter (172 Liter). In Bregenz gab es allerdings auch noch einen großen Malter von 18 Vierteln (demnach 387 Liter). Im 19. Jahrhundert wurde das Viertelmaß verdrängt. Jetzt galt: 1 Metze faßt 2 Staren, das sind 61,5 Liter (2/181). In Wolfurter Bauernhäusern findet sich noch heute der mit Brandzeichen geeichte halbe Staren für etwa 15 Liter Körner. Gunz berichtet: «Das Getreide wurde gemessen mit Staren, Vitel (so sagte man in Wolfurt zum Viertel) und Vierling. Ein Star hatte ungefähr 42 alte Pfund oder 19 kg». (16/170) 24 25 Zurück zum Haberanbau. Während im Unterland fast überall Vesen das Hauptgetreide für das tägliche Brot war, bildete das konservative Hofsteig eine Ausnahme. Hier stand Haber an der ersten Stelle. Von 1447 steht im Mehrerauer Zehentbuch aufgeschrieben: «acht malter haber und vier malter vesen, alles Bregentzer meß, nämlich in dem dorffe zuo Wolfurt.» Ein ähnliches Verhältnis gilt vom hofsteigischen Schwarzach, das 1603 nördlich des Flusses 33 Viertel Haber und nur 11 Viertel Vesen abführte, während der Zehent an die Emser Grafen in dem zu Dornbirn gehörigen südlichen Teil umgekehrt zu 8 Viertel Haber 32 Viertel Vesen betrug. (2/206) Auch als in Wolfurt um 1870 der Türken zum Hauptgetreide geworden war, so daß «Stopfar» und «Hafoloab» nicht mehr aus Vesenmehl, sondern aus Türkenmehl und Türkengrieß gekocht wurden, gab es am Morgen noch ab und zu ein Habermus, «. . . dann ist man auf den ganzen Tag gefüttert.» (16/156) Noch 1938 kochte uns unsere alte Großtante Karolina manchmal ein dickes Habermus oder einen Haberstopfer, sonst galt damals Hafer eigentlich nur als Pferdefutter. Als 1888 Pfarrer Kneipp in Wörishofen den Bohnenkaffee verdammte und Malzkaffee empfahl, begann Plaze Gunz in Rickenbach für die allerorts entstehenden Kneippvereine Hafer zu Malz zu rösten. Die erste Malzrösterei Vorarlbergs war ein gutes Geschäft, bis sie nach fünf Jahren der Konkurrenz von Kathreiners Malzkaffee unterlag. Aber noch einige Zeit wurden Hafer als Farbmalz für dunkles Bier und sogar Roggen als KaffeeErsatz für die Kneippianer geröstet. Den Rauch roch man bis Schwarzach. (16/429, 434 u. 521) 5. Roggen wurde bis ins 18. Jhdt. im Unterland noch fast gar nicht angebaut, im Oberland meist nur als Halbkorn mit Weizen vermischt. Auch im 19. Jhdt. blieb der Roggenanbau im Land unter 10 % der Getreidefläche. Erst der Getreide-Import mit der Arlbergbahn machte um das Jahr 1900 das billige Schwarzbrot zum täglichen Brot. Der Müller Gunz berichtet im Jahre 1895 vom billigen Importgetreide, daß 100 kg bester Weizen franko Schwarzacher Bahnhof nur noch 9 bis 12 Gulden (samt Sack) kostete, Roggen gar nur 6.50 bis 8 Gulden und Türken sogar nur 5.50 Gulden (16/346). 6. Gerste wurde ursprünglich wie Weizen auch nur im Oberland angebaut, vor allem im Montafon. Weit verbreitet war im Oberland die «Mengfrucht», eine Mischung von Gerste und Hafer, auch «Mischelkorn» oder «Rauchkorn» (= rauhes Korn) genannt. Sehr spät wurde in den Hanglagen im Unterland etwas Gerste angebaut. So meldete Streußberg im Hungerjahr 1817 die Ernte von 90 Vierteln Gerste. Das waren aber nur 2 % der Getreideernte, die damals ja noch fast zur Gänze aus Hafer bestand. Ob der Adlerwirt J. Gg. Fischer, der von 1874 bis 1906 in Rickenbach in seiner Waschküche das erste Bier für die Wolfurter braute, dazu eigene Gerste röstete oder Malz kaufte, konnte ich nicht mehr feststellen. Die Gunz-Mühle hatte ihre Gersten-Stampfe schon 1852 eingehen lassen, in der HolzMühle konnte man noch bis 1920 seine Gerste «rollen» lassen. Dabei wurde sie von den Hüllspelzen befreit, so daß man daraus mit Bohnen und rußigem Speckdie in Wolfurt noch heute so beliebte «Kichoro»-Suppe zubereiten konnte. 26 7. Hirse läßt sich als Getreide zwar schon in den Pfahlbauten nachweisen und wurde auch im Mittelalter im ganzen Land angebaut, aber niemals in den Getreide-Eschen, sondern nur wie Hanf, Flachs und Rüben am Rand der Flur in kleinen «Ländern», also eingezäunten Gärten. Daher war Hirse auch nicht Großzehent-pflichtig, sondern wurde mit dem Kleinzehent besteuert, der meist in bar bezahlt werden konnte. Aus Hirse kochte man Hirsebrei, nur ganz selten backte man Brot daraus. Es gab Rispenhirse «Hirsch» und Kolbenhirse «Fenk». Beide sind im 18. Jhdt. verschwunden, in Hofsteig schon viel früher. Jedenfalls heißt es in Mehrerau 1577 vom Hofsteiger Kleinzehent, daß man ihn «von Obst, Rüben, Bohnen, Erbsen, Hanf und Werk (= Flachs) und sonst von nichts mehr geben müsste». (2/80) «Türggo-Usmacho» bei Familie Reiner an der Lauteracherstraße 8. Mais, «Türken», Welschkorn. Mais stammt aus Amerika und war daher wie auch die Kartoffel im Mittelalter bei uns noch völlig unbekannt. Aber schon um 1600 tauchte das Welschkorn aus Italien, wo es «gran turco» genannt wurde, über die Pässe in Tirol und 1650 in der Schweiz auf. Von dort verbreitete er sich bis 1710 über das ganze Rheintal, aber wegen der Dreifelderwirtschaft konnte er nur in Bündten und Gärten, nicht aber in den großen Getreide-Eschen angebaut werden. Türken brauchte viel mehr Pflege als die alten Getreidesorten Vesen und Haber und reifte selbst im iöhnbegünstigten Rheintal so spät, daß die althergebrachte Brachweide im Herbst unmöglich wurde, wenn sich der Türkenanbau ausweitete. Andererseits konnte sich Vorarlberg am Ende des 17. Jhdts. nicht mehr selbst ernähren. Krieg, Mißernte und Einquartierung von Soldaten führten zu Hungersnöten. Obersthauptmann Kreis berichtet 1676 an die Regierung (2/85): 27 «. . . dahero mehr alß der halbe theil underthonen nit allein höchst beschmertzlich schon eine geraumbe zeit an dem hungertuch nagen, sondern wie es mir selbsten alß anderen, die noch ein stuckh brodt zu essen, täglich erfahrlich, mit weib und kündern hier und aller orthen hin, das liebe brodt b'ettlendt vor der thür suechen müessen . . . » « . . . zue deme mueß sich disses rauhe bergige landt mit handarbeiten, alß von villenmaurern, zimmerleuthen und stainmetzen, außerhalb des vatters thür, als gegen Elsas, Pfaltz, Lothringen, Burgundt, Schwaben, Franckhen und Saxenlandt hin ernehren und erhalten, gestalten, daß allejahr, so ich allergnawist bißher beobachtet, über die 7 bis 8000 alte und jungeleuth, kinder, bueben und megdlein, welch letztere mit spinen und viechhüetten sich ernehren müessen, außer dem landt begegen.» Man stelle sich das heute, 300 Jahre später, im reichen Vorarlberg vor: Die Hälfte der Einwohner in Hungersnot am Betteln! Ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung als arbeitsuchende Gastarbeiter in fremden Ländern! Es wurde noch schlimmer. Als Ludwig XIV. 1681 das Elsaß besetzte und 1689 bis 1697 der Pfälzische Krieg in ganz Süddeutschland wütete, mußten die Vorarlberger Saisonarbeiter zu Hause bleiben, wodurch die Not ganz unerträglich wurde und zu Raub und Totschlag führte. Ein Hofsteiger Gerichtsprotokoll schreibt 1689: « . . . eine solche ellendt betriebte zeit...» (2/88) Hunger tut weh und macht erfinderisch: Weitere Rodungen waren nicht mehr möglich, denn der ganze Vorderwald war schon ein Getreideland. Der Flächenertrag mußte gesteigert werden! Das konnte nur mit dem neuen Welschkorn gelingen. Aber dann mußten zuerst Brachfeld und Brachweide aufhören. Um das Jahr 1700 kam es überall im Land zu Mißständen. Ammänner und Richter mißbrauchten vielfach ihre Stellung in Eigennutz und Verwandtenwirtschaft. Durch private Nutzung und Verschwendung schmolz auch der Gemeinbesitz des Gerichts Hofsteig an Weide und Wald zusammen. Das Gericht beschaute keine Zäune und Gräben, man befolgte die Satzungen des Hofsteiger Landsbrauches nicht mehr. Die Reichen drangen mit Düngung und zweimaligem Mähen auf Kosten der Armen ins gemeinsame Weideland vor. (1/III/222 ff.) Die Unzufriedenheit des «Gemeinen Mannes» führte zu bösen Auftritten gegen die Richter und den Ammann. Als Sprecher der einfachen Leute verfaßte Georg Roner von Wolfurt eine Anklageschrift und suchte Hilfe beim Kaiser in Wien. 1706 kam es sogar zum bewaffneten Aufstand. Eine Änderung der Verhältnisse trat aber erst ein, als Georg Roner selbst 1710 und noch einmal 1713 zum Hofsteig-Ammann gewählt wurde. In den folgenden Jahren wurden die Almenden des Gerichts auf die einzelnen Dörfer verteilt, nur der Ippachwald, die Auwälder an der Ach und das Ried blieben noch fast 100 Jahre im Gemeindebesitz. (1/III/232 und 273) Die Esche wurden auf die einzelnen Bauern aufgeteilt. Jetzt stand dem privaten Maisanbau nichts mehr im Wege. Die Anbauflächen stiegen ständig. 1727 weigerten sich die Hofsteiger noch, von der neuen Frucht, die bisher mit Kleinzehent besteuert worden war, von nun an Großzehent in natura abzuliefern, mußten aber schließlich doch den Zinsknechten den zehnten Kolben samt Stroh überlassen. Im Mehrerauer Zinsbuch von 1731 steht: «Allda wird das der Orten vor wenig Jahren entstandene und eingeführte Welschkorn unter den Großzehent gerechnet, daher in natura bezogen.» (Bilgeri, Holunder 1927/42) 28 In Wolfurt stieg der Welschkorn-Zehent von 78 Vierteln im Jahre 1732 auf 126 Viertel 1761. (2/93) 1817 übertraf in Wolfurt die Türkenernte mit 1620 Vierteln schon deutlich die Haberernte mit 1280 Vierteln. An der Spitze lag noch immer der Vesen mit 3250 Vierteln. Aber das allmorgendliche Habermus wurde langsam vom Türkenmus und schließlich vom TürkenStopfer verdrängt. Dazu eine Tabelle über die Getreideernte von Wolfurt im Notjahr 1817 im Vergleich mit den Nachbargemeinden. Ernteergebnisse 1817 in Vierteln (1 Viertel ist rund 13 kg). Vesen Wolfurt Lauterach Schwarzach Steußberg Kennelbach 3250 5850 1000 Haber 1280 2080 Dintel 1125 1530 Gerste Türken 1620 2120 unbekannt 100 3800 90 300 250 220 54 30 0 0 0 90 0 0 20 (2/65 ff) Eines von den 200 Wolfurter Bauernhäusern: Waibels in Unterlinden. Ein riesiger «Ufzug» für Vesen- und Türken-Korn und ein großer Keller für Obst, Kartoffeln und Most. 29 Das waren schon beachtliche Türken-Ernten, aber sie verdoppelten sich in den nächsten Jahrzehnten noch. 1840 hatte der Maisanbau im Lande alle anderen Getreidesorten hinter sich gelassen: Jetzt erntete Vorarlberg bereits 80.000 hl Mais gegenüber 55.000 hl Vesen und Gerste. (Bilgeri, Holunder 1934/20) Noch mehr verschob sich das Bild bis 1884. Aus diesem Jahr liegt eine detaillierte Angabe der Anbauflä


Heimat Wolfurt Heft 03 1989 Mai
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 3 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 89 Der Rickenbach. Im Jahre 1957 überschwemmte er gemeinsam mit der Minderach zweimal Schlatt und Kessel. Inhalt: 7. Der Rickenbach (Fischer) 8. Hofsteiger Bauern (Heim) 9. Der letzte Krieg (Heim) DIE A U T O R E N : Dipl.-Ing. Alfons Fischer, geb. 1920 in Wolfurt und hier wohnhaft, entstammt einem alteingesessenen Rickenbacher Geschlecht. Er hat Forstwirtschaft studiert und war 36 Jahre lang bei der Wildbach- und Lawinenverbauung in Vorarlberg leitend tätig. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Alfons Fischer DER RICKENBACH IN WOLFURT Porträt eines Wildbaches in seiner Umwelt EINLEITUNG Bild: Reproduktion von Hubert Mohr Mit der Kurzdiagnose aus dem Biotopinventar Vorarlberg, Teilinventar Nordvorarlberg, Gemeinde Bildstein, von Prof. Dr. Georg Grabher möchte ich beginnen: «Die Bildsteiner Bäche folgen vorgegebenen, mehr oder weniger tiefen Schichtfugen der granitischen Molasse. Es handelt sich durchwegs um von glatten Felsstufen und Rutschungsflächen durchsetzte Waldschluchten von wilder Ursprünglichkeit. Querende Wege und einige Hochwasserschutzbauten, Brücken etc., schmälern diese Beurteilung nicht wesentlich. Die Bäche selbst sind aufgrund der besonderen geologischen Unterlage als spezielle Typen anzusprechen. Die besondere Schutzwürdigkeit ergibt sich aus der weitgehenden Ursprünglichkeit und dem speziellen Bachtypus.» Der Aufsatz orientiert sich an wissenschaftlichen Fakten, hält sich aber nicht an die wissenschaftliche Systematik. «Ricke» ist ein althochdeutsches Wort und bedeutet nach Werner Vogt Felsenge oder Felsschlucht. Allein am Pfanderstock kommt der Name Rickenbach noch dreimal vor. Rickenbäche gibt es auch in der Schweiz und im süddeutschen Raum. Nach dem Vorarlberger Wörterbuch von Leo Jutz hat «Rick» die Bedeutung von Schlinge oder Knoten, z.B. an einer Getreidegarbe. Der Rickenbachunterlauf mäandrierte bis zu seiner Regulierung und Begradigung um 1850 in vielen Windungen zur Schwarzach. Es treffen daher beide Deutungen, sowohl für die Schluchtstrecke als auch für den Unterlauf zu. Unser Rickenbach ist ein rechtsufriger Zubringer der Schwarzach, in die er oberhalb des Kiesfängers, bzw. der Betonbrücke, einmündet (linksufrig und rechtsufrig bezieht sich auf die Betrachtung der Fließgewässer von der Quelle zur Mündung). Die Schwarzach mündet oberhalb des Senders als rechtsufriger Zubringer in die Dornbirner Ach und damit in den Bodensee. Das Quellgebiet liegt in Oberbildstein in rund 950 m Seehöhe, die Einmündung in die Schwarzach in rund 410 m Seehöhe. Der Bach durchfließt bis hm 18,20 Bildsteiner Gemeindegebiet, bildet bis hm 17,00 die Gemeindegrenze und durchfließt dann bis hm 0,00 Wolfurter Gemeindegebiet (die Hektometrierung — hm — am Lageplan erfolgt von 100 m zu 100 m. hm 0,00 ist die Einmündung in die Schwarzach, hm 14,00 heißt, der Unterlauf ist 1.400 m lang). 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Das Einzugsgebiet des Rickenbaches beträgt 7,5 km2. Davon entfallen 3,9 km2 auf die Minderach, die als linksufriger Zubringer beim Kühlhaus Alge einmündet. Ich beschränke mich auf den Rickenbach mit 3,6 km2 Einzugsgebiet, da in der Minderach die Verhältnisse ganz ähnlich sind. Als größere rechtsufrige Zubringer im Tobel sind noch der Staudachertobel- und der Hochtobelgraben zu erwähnen. Für fast alle Gewässer, die in die Rheintalebene oder in den Talboden des Walgaues abfließen, sind die fachlichen Zuständigkeiten heute getrennt. Die Mittel- und Oberläufe mit Wildbachcharakter gehören zum Zuständigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung, die flachen Unterläufe zum Zuständigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Am Rickenbach ist diese Grenze beim Einfangwerk der Unterlaufregulierung, direkt oberhalb der Brücke der alten Bildsteinerstraße bei der Firma Doppelmayr, das ist bei hm 14,00. Daraus ergibt sich ein Einzugsgebiet von 3,3 km2 im Tätigkeitsbereich der Wildbachverbauung und 0,3 km2 im Tätigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Die Unterlaufregulierung ist überall ohne große Schwierigkeiten erreichbar. Die Schluchtstrecke ist dagegen nur schwer zugänglich. Das Einzugsgebiet wird randlich durch die Straße Rickenbach — Bannholz — Staudach — Bereuter—Gitzen—Oberbildstein— Geißbirn—Kapf— Dorf—Ankenreute—Rickenbach umfahren. Durch das Tobel führt nur die Straße Baumgarten—Grub—Dorf. Durch das Tobel führen auch noch die alten Kirch- und Schulwege als Fußwege von Bereuter und Baumgarten über Dellen und die Erscheinungskapelle ins Dorf und vom Staudach ins Dorf. Der Weg von Maschen nach Ankenreute ist verfallen und das Brückele schon viele Jahre zerstört. GEOLOGISCHE VERHÄLTNISSE Die Gesteine des Bildsteiner Stockes und des Pfänderstockes gehören zur Molassezone, die sich in einem 1.000 km langen Bogen am Nordrand der Alpen von Genf bis Wien erstreckt. Es handelt sich um junge Gesteine der Erdneuzeit, die im Oligozän, einer Zeitstufe des Tertiärs, vor ca. 30 bis 35 Mio. Jahren als Meeresablagerungen entstanden sind. In dieser Zeit wurden die Alpen nach Norden geschoben und zum Gebirge aufgefaltet. In unserer Gegend und weiter im Norden wurden durch große Flußsysteme Schotter, Sand und Schlamm, also schon Verwitterungsprodukte aus den Alpen, in flache Meeresbecken eingeschwemmt und versteinerten dort. Es entstanden Konglomerate und waagrechte Schichten von Sandsteinen und Mergeln von verschiedener Härte und Mächtigkeit. In den folgenden Jahrmillionen gingen die gewaltigen Faltungsvorgänge weiter. Das Gebirge der Alpen überfuhr bei uns den südlichsten Bereich der Molassezone und stauchte die Felsschichten wie eine Bugwelle vor sich her. Am Bildsteiner Berg ist diese Faltenmolasse vielfach aufgeschlossen. Entlang der «Bildsteiner Antiklinale», sie verläuft über Bächlingen, Platte, Dorf, Kapf nach Oberbildstein, wurde das Gestein zerbrochen und schräggestellt. Im Rickenbach fallen die Schichten in einem Winkel von 50 Grad bis 60 Grad von Süd 4 nach Nord ein, in der Minderach und im Schwarzachtobel dagegen fallen die Schichten genau umgekehrt in einem Winkel von ca. 35 Grad von Norden nach Süden. Am Pfänderstock wurden die Schichten nur noch gehoben und zeigen dort ein flaches Nordfallen. Diese verschiedenen Entwicklungen sind heute an den Geländeformen erkennbar. Das Einzugsgebiet des Rickenbaches liegt in der granitischen Molasse, die zur unteren Süßwassermolasse zählt. Es handelt sich hauptsächlich um kalkarme Glaukonitsandsteine. Ihre Sande und Tone wurden in den küstennahen, sumpfigen Gebieten abgelagert. Viele schöne Versteinerungen von Pflanzen, Tierfahrten, Muscheln und Tierzähnen weisen auf ein subtropisches Klima hin. In der Vorarlberger Naturschau sind u.a. schöne Schaustücke aus dem Rickenbach und dem Staudachertobel zu sehen. Sie geben viele Hinweise auf die Pflanzen- und Tierwelt von damals. Die Funde belegen das Vorkommen von Fächerpalmen, mehreren Arten von Zimtbäumen, Eichen, Feige, Gummibaum, Ebenholz, Edelkastanie und wilde Walnuß. Daneben gibt es aber auch noch heute vorkommende Pflanzenarten, wie Weiden, Ulmen, Sauergräser und Schilf. An sehr gut erhaltenen Blattformen konnten sogar typische Fraßbilder von Insektenraupen festgestellt werden und damit das Vorkommen von Schmetterlingen und Käfern nachgewiesen werden, obwohl sich von den Tieren selbst keine Reste erhalten haben. In der Naturschau können auch die im Unterstaudach gefundenen Versteinerungen der Zähne von Kleinsäugetieren eingesehen werden. Diese Funde waren eine wissenschaftliche Sensation. Durch sie wissen wir, daß der Küstenurwald von Zwerghirschen, Schweinchen, kleinen Paarhufern, Eichhörnchen und Hamstern belebt wurden und daß in den Tümpeln Krokodile und Süßwasserfische (Barben) lebten. In der Lehrmittelsammlung der Hauptschule Wolfurt befindet sich die ausgezeichnet erhaltene Versteinerung eines großen Blattes. Sie wurde 195 8 im Zuge der Verbauung des Rickenbaches im Bereich der ersten Felsbarriere, die von Ankenreute zum Kuien verläuft, bei einer Felssprengung freigelegt. Der Finder, ein innerösterreichischer Arbeiter, hat sie für den Gegenwert von einigen Kisten Bier an die Schule verkauft. Der Rickenbach hat sich in Millionen Jahren sein Bett entlang einer Schichtfuge eingegraben. Vor 1,5 Millionen Jahren wurde das subtropische Klima durch die Eiszeiten abgelöst. Dabei gab es mehrere Kälteperioden und dazwischen Wärmeperioden. Über diese Zeiträume sind in unserer Heimat keine Spuren erhalten. Vor etwa 20.000 Jahren kam es zur letzten Kälteperiode, der Würmeiszeit. Der Rheingletscher erfüllte das ganze Rheintal und reichte weit ins schwäbische Land hinaus. Der Illgletscher wurde an den rechten Rand gedrückt. Er floß zeitweise sogar über das Bödele und Alberschwende gegen den Bregenzerwald und von Oberbildstein in den Vorderwald. Das Gletschereis reichte damals bis ca. 1.100 m Seehöhe und lag damit fast 150 m über der Schneiderspitze. Die Eisströme haben z.B. den Achrain und 5 Oberbildstein glattgehobelt und auf den flachen Stellen Moränenschutt abgelagert. Der Rickenbach war, wie alle Bäche, total plombiert. Beim Abschmelzen des Eises kam vor etwa 15.000 Jahren v. Chr. die Erosion wieder voll zur Wirkung. Die Moränen wurden zum Teil abgetragen und sind nur noch auf den verschiedenen flachen Büheln, die heute weitgehend landwirtschaftlich genutzt werden, vorhanden. Im Tobel wurden die Moränen bis auf das Grundgestein ausgeräumt. Übrig geblieben sind nur einige Kleinflächen an den Steilhängen. Der aufmerksame Beobachter findet auf den Büheln und vor allem in den Tobein viele Steine, die der Illgletscher mitgebracht hat. Am auffälligsten sind dabei die hellen Gneise aus dem hinteren Montafon. Das Bildsteiner Kriegerdenkmal und der Sockel des Alberschwender Kriegerdenkmales sind aus Findlingsblöcken gehauen, die in Geißbirn gefunden wurden. Das Geschiebe aus der Schlucht wurde im Bodensee, der damals bis über Feldkirch hinaufreichte, und später in den randlichen Tümpeln und Sümpfen abgelagert. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrtausende ein flacher Schwemmkegel, der mit Auwald bedeckt war. CHARAKTERISTIK DES BACHES Heute zeigt sich der Rickenbach als tief eingeschnittenes, bewaldetes Tobel, in einem relativ flachen, landwirtschaftlich genutzten Umland, seines weiteren Einzugsgebietes. Auffallend sind die vielen Felsstufen und die dazwischenliegenden Flachstrecken. Auf den Flachstrecken bleibt das Grobgeschiebe liegen, das auf weite Strecken vermoost ist. Die Felsstufen werden durch härtere Felsriegel gebildet, die meist schräg zum Bach von einem Einhang zum anderen ziehen. Linksufrig liegt der Fels in der Hangneigung von 50 Grad bis 60 Grad. Auf mehreren Flächen ist der Wald abgerutscht, sodaß große nackte Felsplatten anstehen. Der obere Rand des rechten Einhanges besteht fast zur Gänze aus senkrechten Felswänden mit Höhen von 10 bis 30 m. Hier findet man vereinzelt Kohleadern mit 2 bis 4 cm Stärke. Es handelt sich um Glanzkohle, wie sie im Wirtatobel abgebaut wurde. Die Felsschichten fallen parallel zum linken Einhang mit dem gleichen Gefälle in den Berg. Sie sind im Laufe der Jahrtausende durch Fußunterwaschung und nachbrechen der Schichtköpfe entstanden. Den letzten großen Felssturz habe ich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei hm 24,40 beobachtet: Steine in der Größenordnung von bis zu 30 m3 haben den Bachlauf verlegt. Der Rückstau ist inzwischen verlandet und die Steine sind weitgehend durch Wald überwachsen. Unter den Felswänden liegen steile bewaldete Hangpartien. Die weichen Sandsteine verwittern relativ schnell zu Lehmböden, die zur Vernäßung neigen und rutschsüchtig sind. Es kommt daher im Tobel, vor allem bei Hochwasser, immer wieder zu Gschliefen mit Waldabrutschungen. Schadholz liegt an vielen Stellen im Bach und in den Einhängen. Feingeschiebe, weitgehend Sand und Letten, wird schon bei mittleren Hochwässern abgetriftet. Das Grobgeschiebe aus den Flachstrecken kommt nur bei schweren Hochwässern in Bewegung. 6 Aus den geologischen Gegebenheiten resultieren Gefällsverhältnisse, die für einen Wildbach wegen der vielen Flachstrecken untypisch, für die Bildsteiner Bäche dagegen typisch sind. Der Unterlauf durchfließt den flachen Schwemmkegel in einem künstlichen Gerinne. Das Gefälle beträgt zwischen hm 0,00 und der Eisenbahnbrücke bei hm 6,65 nur 0,4 % und erhöht sich bis zur Landesstraßenbrücke nach Schwarzach auf 0,8 %. Oberhalb der Brücke bis hm 14,00 beträgt das Durchschnittsgefälle 1,9 %. Die geringen Gefällsprozente am Schuttkegel sind ein Hinweis, daß der Rickenbach im Laufe der Zeit relativ wenig Grobgeschiebe, aber viel Feingeschiebe, Sand, Letten und Dreck gebracht hat. In Baugruben werden immer wieder die Schichten der großen Hochwässer angeschnitten. Der Mittellauf erstreckt sich von hm 14,00 bis zur Einmündung des Hochtobelgrabens bei hm 37,50. Auf den vielen Flachstrecken liegt das Durchschnittsgefälle zwischen 5 % und 10 %. Die Felsstufen haben ein Durchschnittsgefälle zwischen 10 % und 40 %. Das Durchschnittsgefälle des ganzen Mittellaufes beträgt aber lediglich 10 %. Die Oberläufe haben zum Teil glatte Felsgerinne und sind ebenfalls durch Felsbarrieren unterbrochen. Die Durchschnittsgefälle liegen aber höher. Alle Seitenzubringer, auch die vielen kleinen Gerinne, sind meist schon nach 100 m tief eingeschnitten und zum Teil nicht begehbar. In dieser kurzen Übersicht konnten die komplizierten Zusammenhänge der Geologie der Molasse nur angedeutet werden. An Unterlagen habe ich die «Einführung in die Geologie Vorarlbergs» von Dr. Krasser und ein «Geologisches Manuskript für das Schwarzacher Heimatbuch» von Dr. Krieg verwendet und eigene Beoachtungen eingebracht. Eine geologische Fundgrube ist die Naturschau in Dornbirn, das Lebenswerk von Siegfried Fußenegger. Wer tiefer in die geologischen Gegebenheiten eindringen will, muß sich mit Fachliteratur abgeben, z.B. «Molasse» von Heim/ Baumgartner. PFLANZENWELT Am Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren v. Chr. wurde unsere Heimat wieder grün. Die Rohböden wurden zuerst von niederen Pflanzen besiedelt: Aus der Untersuchung von Pollen, die sich im Torf erhalten haben, weiß man über die weitere Entwicklung ziemlich gut Bescheid. Nach Latschen und Krüppelbirken entwickelten sich Wälder aus Föhren und Birken, zu denen sich um ca. 8.000 v. Chr. Hasel und Fichte und etwas später die Eiche gesellten. In der wärmsten Periode der Nacheiszeit, etwa zwischen 5.500 bis 3.000 Jahren v. Chr. beherrschten Eichenwälder gemischt mit verschiedenen Laubholzarten die Landschaft. Buche und Weißtanne sind als letzte Arten erst in dieser Wärmeperiode eingewandert. Etwa um diese Zeit dürfte auch der erste Mensch in unsere Gegend gekommen sein. Beim Bau des Landgrabens oberhalb des heutigen Bahnhofs habe ich am Ende der zwanziger Jahre als Bub gesehen, daß große Eichenstämme ausgegraben wurden, die eine grauschwarze Farbe hatten und schon leicht versteinert waren. 7 Die Zeit der großen Laubholzurwälder ist erst vor etwa 1.000 Jahren mit den großen europäischen Rodungen zu Ende gegangen. In dieser Zeit wurde der Bildsteiner Berg besiedelt. Seither haben sich die land- und fortwirtschaftlichen Nutzungen zum heutigen Bild entwickelt. Ankenreute und Bereuter sind zwei typische Rodungsnamen. Bannholz steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit Rutschungen im Spetenlehengraben. Am Rickenbach sind 45 % des Einzugsgebietes mit Wald bestockt. Das entspricht dem österreichischen Durchschnitt, liegt aber 10 % über dem Vorarlberger Durchschnitt. Wald ist mehr als ein Haufen Bäume. Wald ist eine vielfältige, komplizierte Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren, die sich in langen Zeiträumen eingespielt hat. Heute sagt man dazu auf gut deutsch ein Biotop oder ein Ökosystem. Sein Erscheinungsbild wird, neben der Nutzung durch den Menschen, von vielen Faktoren geprägt, wie z.B. Grundgestein, Verwitterung und Gebirgsabtrag, Boden- und Bodenleben, Höhenlage, klimatische Einflüsse, wie Regen, Schnee und Lichtintensität. Dabei ist die Lichtintensität wieder von der Höhenlage oder von der Exposition Schattenseite oder Sonnenseite abhängig. Der Wald hat Nutz- und Schutzfunktion, die Voraussetzungen für das Leben und Überleben der Menschen sind. Für selbstverständlich genommen wird die Nutzfunktion, die Ernte von Holz, Pilzen, Beeren, Heilkräutern und Wild, und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen. Auch die Erholungsfunktion ist eine Nutzfunktion. Zu den Schutzfunktionen: Waldboden speichert wesentlich mehr Wasser als Wiesenboden und hat dabei großen Einfluß auf die Abflußverhältnisse und die Geschiebebilanz, z.B. in Wildbächen, und die gleichmäßige Schüttung von Quellen. Wald ist der größte Massenproduzent und Sauerstofflieferant. Unter Einsatz von Sonnenenergie wird im Blattgrün Kohlenstoff in Stärke und Zucker und dann von der Pflanze in Lignin und Zellulose umgewandelt. Dabei wird Sauerstoff freigesetzt. Wald hält auch Wasser und Schnee im Kronendach zurück und vermindert dabei den Abfluß und überlagert die Verdunstung durch Blätter und Nadeln. Wald schützt in den Höhenlagen vor Lawinen. Wald bremst den Wind und verbessert dadurch das Lokalklima, verhindert zu starke Verdunstung, verhindert Schnee-Einwehungen. Wald reinigt die Luft durch das Ausfallen von Gasen und Staub. Heute ist er dabei schon weit überfordert, wie das fortgeschrittene Waldsterben in den Kammlagen beweist. Dort werden die größten Mengen von Giftstoffen eingetragen. Wald schützt vor Lärm. Wald mildert das Kleinklima im Gegensatz zum Freiland sowohl zwischen Tag und Nacht, als auch zwischen Sommer und Winter. Die großen Waldgebiete, vor allem die tropischen Regenwälder, haben Einfluß auf das Großklima. Die Folgen der riesigen Rodungen im Amazonasgebiet und in den afrikanischen und asiatischen Regenwäldern sind erst zu ahnen. Wald ist die einzige große Lebensgemeinschaft, die sich bei einem natürlichen Gefüge, also beim Vorhandensein aller Etagen von der Krautschicht über die Buschschicht, die Stangenhölzer und Altbestände selbst erhält. Wald hat also einen ausgewogenen Nahrungs- und Produktionskreislauf. Er betreibt, um 8 es deutsch zu sagen, Recycling in geschlossenen Kreisläufen. Die hier nur angerissenen Wirkungen sind viel umfangreicher und viel komplizierter und können nur aus dem Zusammenspiel der vernetzten Lebensgemeinschaft Wald verstanden werden. Am Rickenbach kenne ich folgende Baumholzarten: Fichte (Rottanne), Tanne (Weißtanne) , Weißkiefer (Föhre), Douglasie (Exote aus Nordamerika), Lärche (im Rickenbach künstlich eingebracht), Eibe (kein Nadelbaum, sondern ein immergrüner Laubbaum, keine Harzgänge im Holz und in den Nadeln), Traubeneiche, Edelkastanie (vielleicht schon seit der Römerzeit), Weißbuche (Hagebuche), Birke, Erle, Weide, Zitterpappel, Feldulme, Bergulme (Basthäsel, Rüster), Holzapfel, Holzbirne, Wildkirsche, Eberesche (Vogelbeere), Eisbeere, Mehlbeere, Bergahorn, Spitzahorn, Feldahorn, Winterlinde, Sommerlinde, Esche, Wilder Nußbaum. Die Strauchschicht setzt sich wie folgt zusammen: Erle, Weide, (zahlreiche Formen, von breitblättrig bis schmalblättrig), Feldahorn, Rosen, Wacholder, Weißdorn, Schwarzdorn, Vogelkirsche, Spindelbaum (Pfaffenhütchen), Kornelkirsche, Faulbaum, Gemeiner Schneeball, Wolliger Schneeball, Heckenkirsche, Hartriegel, Schwarzer Holder, Roter Holder, Pulverholz, Liguster, Seidelbast, Stechlaub, Mispel. An Kletterpflanzen kenne ich noch Efeu, Waldrebe (Liera) und wilden Hopfen. Als Schlagpflanzen sind Himbeere und Brombeere zu erwähnen. Die Krautschicht ist viel artenreicher als das Holz. Wer hier einen genauen Überblick haben will, muß sich mit Pflanzensoziologie befassen. Ich möchte mich nur auf die auffalligsten, mir bekannten Arten beschränken, wie zum Beispiel: Einbeere, Vielblütige Weißwurz, Immergrün, Bärlauch, Schattenblume, Flockenblume, Rotes Waldvögelein, Nestwurz, Weiße Teufelskralle, Gelbe Taubnessel, Rote Taubnessel, Brennessel, Klebriger Salbei, Tollkirsche, Sauerklee, Lungenkraut, Geißbart, Sanickelkraut, verschiedene Veilchenarten, Aronstab, Schachtelhalme (Katzenschwänz), Schilf (Streueröhrle), Springkraut, Buschwindröschen, Himmelschlüssel, Wolfsmilch, verschiedene Seggen (haben dreieckigen Querschnitt), verschiedene Gräser, Bärlapp, Huflattich, Pestwurz, Waldmeister, Labkraut, Bingelkraut, Pfefferminz, Kresse, verschiedene Farnarten, viele Moosarten und Flechten. Die Flechten sind zum Teil sehr empfindlich gegen Luftverschmutzung und sauren Regen. Ihr Absterben löst daher Alarm aus, lange bevor die sichtbaren Schadbilder auftreten. Manches wäre noch über die halbwegs intakt gebliebene Pflanzen- und Insektenwelt an ungedüngten Weg- und Wiesenrainen und auf den Magerwiesen (nur fallweise mit Mist gedüngt), über die Artenverarmung auf den überdüngten Wiesen und die erstaunliche Pflanzenvielfalt der Streuewiesen zu sagen. Eine Besonderheit im Einzugsgebiet des Rickenbaches stellen die Viehweiden dar. Sie werden leider durch Kultivierung und Düngung, durch Aufforstung oder natürliches Zuwachsen immer mehr zurückgedrängt. Zuerst kommen die schönen Einzelbäume, hauptsächlich Eichen, Edelkastanien, Buchen und Birken dran. Dann geht 9 es den typischen Pflanzen der Trockenrasen an den Kragen. Ich darf einige Vertreter nennen, wie z.B. Silberdistel, Arnika, Heidelbeere, Preiselbeere, Adlerfarn, verschiedene Moosarten, Wacholder, Besenheide (blüht im Herbst hell violett und hat nichts mit der Erika zu tun, die im Frühling sattviolett blüht und nur auf Kalk vorkommt), Katzenpfötchen und Buchsbaumblättrige Kreuzblume. An tiefgründigen, etwas feuchteren Stellen blühen Trollblume und Schwalbenwurzenzian. Ich habe alle genannten grünen Pflanzen aufgeschrieben, wie sie mir eingefallen sind. Selbstverständlich werden sie wissenschaftlich in Gruppen und Familien eingeteilt. Viele sind anspruchslos und haben ein großes Verbreitungsgebiet, andere sind spezialisiert und stellen hohe Ansprüche, z.B. an Boden, Licht und Pflanzengesellschaft. Manche sind kalkliebend, andere kalkfliehend, die einen leben auf saurem Boden, wieder andere sind stickstoffliebend oder Stickstoff fliehend. Die einen sind Tiefwurzler, die anderen Flachwurzler, die einen sind Lichtholzarten, die anderen Halbschattholzarten oder Schattholzarten. Es gibt also viele Möglichkeiten zur Einordnung in Gruppen. Darüber gibt es eine Fülle von Fachliteratur PILZE Die Pilze stehen zwischen den Pflanzen und Tieren. Sie bilden mit über 10.000 Arten eine große und lebenswichtige Gruppe in unserer Umwelt. Sie unterscheiden sich von den grünen Pflanzen grundsätzlich durch das Fehlen des Chlorophylls oder Blattgrüns. Pilze leben zum Teil parasitisch und haben dabei eine enorme Bedeutung für das ganze Pflanzenleben. Sie sind zusammen mit Bakterien und Kleinlebewesen in der Lage, organische Substanz, wie Totholz, Blätter, Nadeln, abgestorbene Pflanzen, Früchte, Tierleichen, in einfache organische Verbindungen umzubauen, sodaß sie von den Pflanzen wieder aufgenommen werden können. Sie allein sind in der Lage, das Lignin des Holzes abzubauen. Andere Arten leben in Symbiose mit den Pflanzen, vor allem im Bereich des Feinwurzelsystems. Sie sind für viele Holzarten lebenswichtig. Heute werden z. B. auf Fichte oder Zirbe spezialisierte Pilze gezüchtet und damit zur Aufforstung vorgesehene, früher landwirtschaftlich genutzte Böden geimpft. Was wir von den Pilzen sehen, sind die meist kurzlebigen Fruchtkörper, die der Fortpflanzung dienen. Sie vermehren sich hauptsächlich ungeschlechtlich durch Sporen, aber auch geschlechtlich durch Kopulation von Geschlechtszellen. Im Boden lebt ganzjährig das Myzelium, ein fadenartiges Fasergeflecht. Dieses Geflecht ist bei vielen Arten sehr langlebig. Allgemein werden die Pilze in drei Gruppen eingeteilt, und zwar Algenpilze, Schlauchpilze und Ständerpilze. Für den Hausgebrauch unterscheiden wir Speisepilze, Giftpilze und typische holzzerstörende Pilze. Speisepilze und Giftpilze sind mehr oder weniger bekannt. Ich bin kein Fachmann, aber als Speisepilz kenne ich zum Beispiel den Eierschwamm, Parasol, Steinpilz, Birkenpilz, Schafchampignon, Reizker, 10 Schopftintling, Morchel und Bärentatze. Als Giftpilze den Fliegenpilz, Knollenblätterpilz und Pantherpilz. Jeden Herbst freue ich mich auch an den seltenen, sehr schönen Erdsternen. Zu den auffälligsten Holzpilzen gehören die Fruchtkörper der Porlinge, die meist schöne Konsolen produzieren. Am bekanntesten ist der echte Zunderschwamm, der hauptsächlich als Parasit auf der Buche lebt. Andere Arten sind ebenfalls spezialisiert und leben auf der Birke, Eiche, Weide oder Fichte. Andere sind weniger heikel und leben auf verschiedenen Laubholzarten oder ganz allgemein auf Totholz und erzeugen dort die Weißfäule. Der Hallimasch ist für die Rotfäule (Stockröte) der Fichte verantwortlich. Nach Auskunft der Biologen gibt es bei den Pilzen noch weiße Flecken, also noch Arbeit für Forscher. Als Abschluß der Pflanzenwelt noch ein paar Hinweise auf die Waldtypen am Rickenbach. Vom Grundgestein der granitischen Molasse her sind die Verwitterungsböden kalkarm und silikatreich und werden als Typ nach der österreichischen Bodenkarte als silikatische Felsbraunerden angesprochen. Sie reagieren sauer bis stark sauer. Der relativ hohe Fichtenanteil im Einzugsgebiet ist daher natürlich und nur fallweise künstlich eingebracht. Es handelt sich um Schluchtwälder, die aufgrund der Einzelstammnutzung und der schwierigen Bringungsverhältnisse noch eine weitgehend natürliche Zusammensetzung aufweisen. Das wird auch durch die Artenvielfalt dokumentiert. Das Waldbild zeigt rechtsufrig auf der Sonnseite und linksufrig auf der Schattseite unterschiedliche Typen. Auf der Sonnseite handelt es sich weitgehend um eibenreiche Buchenwälder (Taxo-Fagetum). Als Mischhölzer kommen alle Laubholzarten und in geringerem Maße die Nadelholzarten vor. Dabei ist auch der Anteil der Strauch- und Krautschicht wesentlich höher als auf der Schattseite. Auf den sonnseitigen oberen Felsrändern sind die Lichtholzarten Eiche, Edelkastanie, Linde, Birke und Wildkirsche stärker vertreten. Die Schattseite ist vom Buchen-Tannenwald (Abiete-Fagetum) mit einem fallweise bis zu 50% igen Weißtannenanteil geprägt. Hier sind als eingesprengte Holzarten nur noch die halbschatten- und schattentragenden Laubholzarten vertreten. Die Busch- und Krautschicht ist bei weitem nicht mehr so artenreich. Mit zunehmender Höhe geht auch der Laubmischwald immer mehr in den Nadelwald über, der die Oberläufe prägt und wesentlich artenärmer ist. DAS WALDSTERBEN Wer mit offenen Augen am Bildsteiner Berg oder sonst irgendwo wandert, dem müssen die Schadbilder der kranken Weißtannen, Fichten, Buchen und Eschen auffallen. Für alle, die das nicht wahrhaben wollen, darf ich auf die Waldzustandserhebung in Vorarlberg aus 1984, aufgrund der Infrarot-Luftbildauswertung hinweisen. Diese Karte zeigt im Einzugsgebiet des Rickenbaches fast durchwegs die Stufe 4 — krank! 11 Lediglich kleinere Waldflächen zwischen Baumgarten und Grub sowie Dellen und Gitzen sind als Stufe 3 — kränkelnd — ausgewiesen. Die Stufen 1 und 2 — sehr gut und gesund — scheinen nirgends auf. Das Waldsterben spielt sich auf zwei Ebenen ab. Vor allem im Buchen-Tannenwald ist im Altholz noch ein hoher Weißtannenanteil vorhanden. Der Weißtanne fällt als Tiefwurzler eine wichtige Stabilisierungsfunktion auf den rutschsüchtigen Molasseböden zu. Weißtannen-Jung wuchs bis ins Dickungsalter wird man aber vergeblich suchen. Die millionenfach vorhandenen Weißtannensämlinge wurden seit 25 bis 30 Jahren, neben Buche, Ahorn und vor allem den seltener eingesprengten Laubholzarten , durch überhöhte Rehwildbestände weggefressen. Dadurch ist eine ganze Waldgeneration ausgefallen. Daß die Weißtanne aufkommen würde, habe ich durch 20-jähriges Streichen mit Verbißmitteln in Ankenreute und Oberbildstein praktisch nachgewiesen. Der Einsatz der Chemie führt zwar zu gravierenden Zuwachsverlusten bis zu 50 %, aber besser 50 % als nichts. Die zweite Ebene des Waldsterbens basiert auf der Luftverschmutzung und in der Folge dem Sauren Regen. Schwefeldioxyd und Stickoxyde sind als Hauptverursacher heute unbestritten. Die Schwefeldioxyd-Werte aus Industrie und Hausbrand konnten durch den Einsatz schwefelarmer Heizöle und dem Einsatz von Erdgas stark reduziert werden. Die Stickoxyde, zu einem hohen Prozentsatz aus den Autoabgasen stammend, sind steigend und werden durch den Einsatz von Katalysatoren nach Ansicht der Fachleute in den nächsten Jahren zunächst bestenfalls stabilisiert werden. Durch Oxydation entstehen bei warmem Wetter, vor allem aus Stickoxyden, neue Schadstoffe, wie z. B. Ozon. Gase und Saurer Regen schädigen einerseits Blätter und Nadeln. Im Boden führen sie zu einer Übersäuerung, zur Schädigung des komplizierten Bodenlebens und zu einer Herauslösung der Schwermetalle aus dem Ton-Humus-Komplex des Bodens. Die freigesetzten Schwermetalle sind giftig — «Die Bombe tickt also im Boden». Wenn die ersten optischen Schäden am Baum zu sehen sind, ist das Feinwurzelsystem bereits schwer geschädigt oder weitgehend zerstört. Das schleichende Waldsterben ist durch Stammanalysen genau nachweisbar. Die Jahresringe und damit die Zuwächse am Holz sind in den letzten 20 bis 30 Jahren gravierend zurückgegangen. Der Wald ist heute keine Sparkasse mehr. Das Waldsterben wird in einem Gebirgsland zur Überlebensfrage. Das wird auf weite Strecken verdrängt, da von jedem Einzelnen und von der Gemeinschaft einschneidende Konsequenzen gefordert werden müßten. Allen, die sich für die Lebensgemeinschaft Wald interessieren, möchte ich das allgemein verständliche, reich bebilderte Buch «Rettet den Wald» anraten. Es ist vom bekannten deutschen Journalisten Horst Stern und weitern fünf deutschen Fachleuten verfaßt worden (Verlag Kindler) 12 TIERWELT Die Tierwelt gehört genauso zu unserem Lebensraum wie die Pflanzenwelt. Auch hier gibt es Allroundler und Spezialisten sowie geschlossene Kreisläufe z. B. in der Nahrungskette. Es gibt ausgesprochene Waldbewohner, ausgesprochene Riedbewohner und Pendler. Es gibt Pflanzenfresser, Allesfresser und Fleischfresser, jagdbare Tiere und geschützte Tiere, Wirbeltiere, Vögel, Amphibien, Insekten und Kleinlebewesen, ganzjährig hier lebende Tiere, Wechselwild, Höhlenbewohner, Winterschläfer, Nachttiere, Zugvögel, Singvögel, Raubvögel u.a. WIRBELTIERE Dazu gehören die allgemein bekannten Tierarten, die zum großen Teil auch bejagt werden. Ich habe im Laufe der Zeit alle im Rickenbach lebenden zu Gesicht bekommen und will sie ohne Systematik aufzählen: Reh, Fuchs, Dachs, Hase, Marder, Wiesel, Iltis, Eichhörnchen, Siebenschläfer, verschiedene Mäuse, Garns und Hirsch als seltenes Wechselwild und die Bisamratte als Einwanderer. VÖGEL Hier gibt es schon viel mehr Arten. Auch für sie treffen die allgemeinen Aussagen zu, die aber wesentlich erweitert werden müssen. Es gibt ganzjährig hier lebende Vögel, Zugvögel, die nur durchziehen und hier rasten, Zugvögel die hier brüten, Vögel die im Buchenwald, im Mischwald oder im Nadelwald leben, Höhlenbrüter und Bodenbrüter, Wasservögel, Kulturflüchter und Kulturfolger, Singvögel, Raubvögel u. a. Ohne Anspruch auf Vollzähligkeit darf ich einige Arten nennen, die ganzjährig im Tobel leben: Mäusebussard, Habicht, Sperber, Turmfalke, Waldkauz, Waldohreule, Grünspecht, Buntspecht, Kleinspechte, Elster, Eichelhäher, Tannenhäher (hauptsächlich im Oberlauf), Rabenkrähe, Kolkrabe, Amsel, Wasseramsel, Zaunkönig, Kohlmeise, Tannenmeise, Blaumeise, Haubenmeise, Kleiber, Wacholderdrossel, Misteldrossel, Grasmücke, Buchfink, Baumläufer. Als unerwartete seltene Tagesgäste sind mir in der Schlucht auch Wildenten, Fischreiher, Bleßhühner (Taucherle) und im Winter Kreuzschnäbel begegnet. Als Zugvögel und Brutvögel kommen vor: Wespenbussard, Roter Milan, Schwarzer Milan, Ringeltaube (Wildtaube), Waldschnepfe, Waldwasserläufer, Gelbe Bachstelze, Kuckuck, Star, Ringdrossel, Nachtigall. Als Kulturfolger leben im Siedlungsgebiet Star, Gimpel, Amsel, Spiegelmeise, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz, Rotkelchen, Haussperling, Mauersegler, Mehlschwalbe, Rauchschwalbe, Bachstelze, Grünfink. Am Unterlauf, einschließlich des Kiesfangers mit seiner reichen Vogel weit, kann man im Frühjahr und Herbst am Durchziehen sehen: Graureiher, Seidenreiher, Purpurreiher, verschiedene Entenarten, Fischadler, Störche, Eisvogel, Wiedehopf, Blaukehlchen und Schnepfen. 13 Als Zugvögel und Brutvögel: Stockenten, Bleßhühner, Sumpfrohrsänger, Wanderfalke, Pirol, Bachstelze, Distelfink u. a. Der Fasan ist ein eingesetzter Vogel. Darüberhinaus gibt es noch viele kleinere und größere, graue, braune, gesprenkelte und bunte Vögel, die ich nicht einordnen kann. Wer mehr über die heimische Vogel weit erfahren will, kann sich gerne an Penz Reinhold, Lauterach, wenden. Er kennt die Arten nicht nur nach Flugbild, Federkleid, Brutgewohnheiten, Lebensraum und Nahrungsbedarf, sondern auch an der Stimme. Als leicht lesbares und reich bebildertes Buch kann ich «Rettet die Vögel» angeben. Es ist ebenfalls vom deutschen Journalisten Horst Stern und weiteren vier Fachleuten verfaßt (Herbig Verlag). Nicht vergessen möchte ich die Fledermäuse, die zwar nicht zu den Vögeln oder Mäusen zählen, die aber hervorragende Flieger sind. Ihre Gattung ist eine eigenwillige Erscheinung im Naturhaushalt. Sie haben ein phantastisches Orientierungssystem, mit dem sie allen Hindernissen ausweichen können und mit dem sie ihre Insektennahrung im Fluge finden. Sie sind leider selten geworden, aber für aufmerksame Beobachter fliegen sie jetzt nach dem Winterschlaf wieder. AMPHIBIEN UND REPTILIEN Es handelt sich um wechselwarme Wirbeltiere. Am Rickenbach beobachtet habe ich die Erdkröte, verschiedene braune und grüne Froscharten, den Laubfrosch, verschiedene Eidechsenarten, die Blindschleiche, Ringelnatter und die Schlingnatter. Kreuzottern hat es vor 60 Jahren noch am Rutzenberg gegeben. WASSERGÜTE UND FISCHE Über die Wassergüte im Rickenbach kann Erfreuliches berichtet werden. Die Vorarlberger Umweltschutzanstalt hat am 2. 3. 1989 bei der alten Bildsteiner Brücke, Wasserproben entnommen und biologisch und chemisch untersucht. Aus dem Befund geht hervor, daß eine Vielfalt von Gewässerorganismen vorhanden ist. Es handelt sich durchwegs um Kleinlebewesen. Der Bachflohkrebs tritt massenhaft auf. Die große Gruppe der Köcherfliegen ist mit Larven verschiedener Art vertreten. Eintagsfliegen und Steinfliegenlarven, darunter zwei ausgesprochene Reinwasserformen, sind reichlich vorhanden. Dazu kommen noch verschiedene Zuckmücken und Kriebelmücken und vereinzelt auftretende Egelarten. Die chemische Wasseranalyse zeigt eine ausgezeichnete Sauerstoffversorgung des Wassers und nur eine geringe Nährstoffbelastung durch Stickstoff- und Phosphorverbindungen. Daraus resultiert eine Einstufung des Rickenbaches in die Güteklasse I bis II. Es handelt sich somit um ein gering bis mäßig belastetes Fließgewässer. Die Kleinlebewesen bilden in ihrer Gesamtheit eine sehr gute Nahrungsgrundlage für Fische. In den Gumpen im Tobel leben gesunde Bachforellen, die sich natürlich vermehren. Das Fischwasser ist verpachtet. 14 SCHNECKEN Sie gehören zu den wirbellosen Weichtieren. Im Tobel und auf den Dämmen des Unterlaufes kommen viele nackte und behauste Arten in unterschiedlichen Größen vor. Sie haben sicher auch ihre Bedeutung im Naturhaushalt und in der Nahrungskette. Ihre Bestimmung muß ich den Fachleuten überlassen. Wer einen Garten hat, kennt die Nacktschnecken genau. Feinschmecker halten es lieber mit den Weinbergschnecken. INSEKTEN Das vieltausendfältige Heer der Eintagsfliegen, Libellen, Uferfliegen, Schaben, Schrecken, Grillen, Läuse, Wanzen, Zikaden, Blattläuse, Schildläuse, Schlammfliegen, Käfer, Hartflügler, Köcherfliegen, Schmetterlinge, Schnabelfliegen und Zweiflügler ist nur für Fachleute voll überschaubar. Der Laie kennt in jeder Gruppe mehr oder weniger Arten. Landläufig werden die Insekten, ohne Rücksicht auf ihren Stellenwert in der großen Lebensgemeinschaft, als Schädlinge und in seltenen Fällen sogar als Nützlinge eingestuft. Näher eingehen möchte ich nur auf die wichtigsten Forstschädlinge. Sie kommen überall als sogenannter «Eiserner Bestand» vor und richten dabei keine größeren Schäden an. Zu schweren Schäden kommt es erst bei Massenvermehrungen. Dafür müssen aber gewisse Voraussetzungen Vorhandensein, wie z. B. großflächige Monokulturen oder größere Mengen geschädigtes oder geschwächtes Holz, wie z. B. nach großen Wind würfen, Schneebrüchen, oder durch das Waldsterben. Die Schädlinge sind fast durchwegs auf gewisse Holzarten spezialisiert. In einem gesunden Mischwald ist daher die Käfergefahr am geringsten. Blatt- und Nadelfraß, der sich bei Massenvermehrungen bis zum Kahlfraß großer Waldgebiete entwickeln kann, erfolgt hauptsächlich durch die Raupen der verschiedenen Nachtfalter, wie Schwärmer, Spinner, Spanner, Zünsler, Wickler und Motten. Es ist eine faszinierende, vielgestaltige und bunte Gesellschaft. Dabei sind viele Falter und Raupen zum Teil so gut an die Umwelt angepaßt, daß sie nur schwer zu finden sind. Die Nützlinge, vorwiegend Blattwespen und Schlupfwespen, legen ihre Eier in die Raupen der Schädlinge. Ihre Larven fressen die Wirtstiere auf und wirken dadurch als Regulator. Nach Massenvermehrungen der Schädlinge kommt es auch zu Massenvermehrungen der Nützlinge, die im Zusammenwirken mit Krankheiten die großen Populationen zum Zusammenbruch führen. Zu den größeren Schädlingen gehören die Bockkäfer, bis zu 5 cm Größe, die durch ihre übergroßen, zurückgebogenen Fühler auffallen und die etwas kleineren Rüsselkäfer, bis zu 2 cm Größe, die eine typische rüsselartige Kopfform haben. Bockkäfer sind Holzschädlinge am lebenden oder eingebauten Holz und leben auch zum Teil auf 15 faulem Holz. Ihre Larven fressen auffällige Bohrgänge, die beim Aufsägen oder Spalten des Holzes sichtbar werden. Rüsselkäfer sind im allgemeinen Rindenbrüter, die als Larven zwischen Rinde und Splint fressen und artspezifische Fraßbilder hinterlassen. Sichtbar sind bei beiden Arten meist nur die Ausflugslöcher der Käfer und fallweise das Bohrmehl auf der Rinde. Zu den Winzlingen zählen die Borkenkäfer, Bastkäfer und Splintkäfer. Sie sind nur wenige Millimeter groß. Ihre Larven leben zwischen Rinde und Holz. Die Käfer fressen Gänge aus und legen ihre Eier links und rechts ab. Die Larven fressen dann etwa im rechten Winkel weiter. Sie leben überwiegend auf geschädigtem Nadelholz und Laubholz und haben ihre charakteristischen Fraßbilder, wie z. B. der Waldgärtner auf der Kiefer, der Buchdrucker auf der Fichte, der Kupferstecher in der dünnen Rinde der Fichtenäste. Auffallend ist das Fraßbild des krummzähnigen Tannenborkenkäfers, der einen doppelten, nahe beieinander liegenden Längsgang ausfrißt. Die Borkenkäfer schwärmen je nach Witterung schon im März-April und bringen ebenfalls je nach Witterung zwei bis vier Generationen in einem Sommer hervor. Zur Bekämpfung muß das Holz rechtzeitig entrindet und die Rinde verbrannt werden. Teilweise wird heute das in Rinde liegende Holz mit Gift besprüht. Dabei werden die ausfliegenden Käfer vergiftet. Wenn das Holz in Rinde länger im Wald bleibt, kommt es zum Befall durch Holzbrüter. Der bekannteste ist der Nadelnutzholzbohrer. Sein Fraßgang führt senkrecht ins Holz. Die seitlichen Gänge sind sehr kurz und sind durch Pilze schwarz gefärbt. Auffällig, aber nur gering schädlich, sind die verschiedenen Gallen, die durch Gallenlenläuse an Fichtenästen und auf Ulmenblättern oder durch Gallwespen z.B. auf Rosen und Eichenblättern, oder durch die Buchengallmücke auf Buchenblättern entstehen. Als größten mitteleuropäischen Käfer (kein Forstschädling) möchte ich noch den Hirschkäfer erwähnen. Die Larve lebt im Moderholz der Eiche. Der Käfer schlüpft erst im sechsten Jahr aus. Er ist schon sehr selten. Den letzten habe ich am Rickenbach vor ca. 20 Jahren gesehen. Die Einordnung der Falter und Raupen, der Käfer und Larven, der Schadbilder und Fraßbilder, der Lebensansprüche und Lebensgewohnheiten erfordert ein umfangreiches Fachwissen. KLEINLEBEWESEN Die unübersehbare Zahl der Bodenlebewesen ist erst in Ansätzen bekannt. Über ihr Zusammenwirken besteht nur ein grobes Bild. Um sich eine Vorstellung zu machen, kann man sie in größere, kleine und kleinste Lebewesen einteilen. Zu den größeren Lebewesen, die man mit dem freien Auge erkennen kann, gehören die grabenden Wirbeltiere, wie Mäuse und Maulwurf, der Regenwurm und viele Insekten. Sie zerkleinern und vermischen die Bodenstreu. Auf einem Hektar Laubwald leben ca. 250.000 Regenwürmer. Ihr Gewicht übertrifft das Gewicht aller Säugetiere auf der Fläche um mehr als das Zehnfache. 16 Zu den Kleinlebewesen zählen kleine Würmer, Ringwürmer, kleine Insektenlarven und kleine Gliederfüßler, wie Milben und Springschwänze. Bei den Milben kennt man derzeit etwa 10.000 Arten und bei den Springschwänzen etwa 2.000 Arten. Diese Lebewesen sind zum Teil noch mit freiem Auge zu sehen. Ihr Gewicht beträgt noch einmal das lOOfache der Regenwürmer. Die Mikroweit ist nur unter dem Mikroskop zu sehen. Sie enthält sowohl pflanzliche Algen, Bakterien und Pilze als auch einzellige Urtierchen. Ihre Zahl geht in die Milliarden pro Quadratmeter Waldboden. Das ist eine kaum vorstellbare Größenordnung. Die Mikroweit scheint durch fressen und gefressen werden das Bindeglied zwischen dem toten Material und den kleinen Lebewesen zu sein. Diese unvorstellbare Masse der Kleinlebewesen ist imstande, die auf einem Hektar Laubwald jährlich anfallenden 41 Streu so gut wie restlos abzubauen und den Pflanzen wieder zugänglich zu machen. In den letzten Jahren muß man leider beobachten, daß der Abbau wegen der Schädigung des Bodenlebens nicht mehr voll funktioniert. Interessante Bakterien sind die Knöllchenbakterien. Sie sind in der Lage, den Luftstickstoff, der den Pflanzen nicht zugänglich ist, aufzunehmen und weiterzugeben. Sie leben z. B. an den Feinwurzeln der Leguminosen, wie Bohnen, Erbsen oder Wicken, und sind als kleine weiße Knöllchen zu sehen. Sie leben auch an den Wurzeln der Erle, die dadurch befähigt wird, als Pionierholzart sterile Schotterböden und Rutschflächen zu besiedeln. So hat sich der Kreislauf des Pflanzenlebens und des Tierlebens jeweils vom Großen zum Kleinen geschlossen. Aufgrund der massiven Eingriffe in die Umwelt in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ist es zu gravierenden Veränderungen im Naturhaushalt gekommen. Immer mehr Arten, Pflanzen wie Tiere, sterben aus oder sind vom Aussterben bedroht, die Anzeichen einer katastrophalen Entwicklung mehren sich. Der Glaube, daß die Lebensräume von Tieren und Pflanzen, wie z. B. Wald, Hochmoore oder Streuewiesen, nur untergeordnete Bedeutung haben und daß die wirtschaftliche Entwicklung und der Lebensstandard — dokumentiert z. B. durch die Überbewertung des technisch Möglichen und des Autos — unbedingt den Vorrang haben, erweist sich immer mehr als Irrglaube. Die Ursachen und Auswirkungen sind bekannt. Die Konsequenzen werden nur sehr zögernd gezogen. WETTER UND KLIMA: Vorarlberg liegt im Randbereich des ozeanischen Klimaeinflusses und hat daher hohe Jahresniederschläge. Die höchsten Werte fallen im Vorsommer, Juni, Juli. Ca.1/3des Niederschlages fällt als Schnee. Wir haben im Verhältnis zum inneralpinen Klima, kühle Sommer und milde Winter. 17 In Bildstein-Dorf, in 650 m Seehöhe, wird seit 1894 eine Niederschlagsmeßstelle betrieben. Seit 1931 wird auch der Schnee getrennt gemessen. Komischerweise wurden nie Temperaturen gemessen. Es stehen daher lange Meßreihen zur Verfügung, die in den Jahrbüchern des hydrographischen Dienstes in Österreich aufgearbeitet sind. Daraus möchte ich einige Zahlenreihen anführen. Gesamtniederschlag, Regen und Schnee: Monatsmittel Jahresmittel Zeitraum zwischen zwischen 86 mm, I 240 mm, VI 1931—1960 104 mm, I 220 mm, VII 1901—1980 90 mm, 1 +III 213 mm, VII Extreme Tagesniederschläge: 1971-1980 93 mm 1961—1970 106 mm 1931-1960 122 mm 1901-1980 200 mm Ein-Tagesmaximum Zwei-Tagesmaximum Drei-Tagesmaximum Vier-Tagesmaximum Zehn-Tagesmaximum 93 mm 115 mm 144 mm 178 mm 227 mm 1971—1980 1314 mm, 1972 1946 mm, 1974 —.— —.— Im Jahre 1957 lief zwischen Kennelbach und Schwarzach innerhalb von 5 Wochen zweimal ein Schadenshochwasser ab. In Bildstein wurden dabei folgende Niederschlagswerte gemessen: 10. 7. 1957 106 mm 11.7.1957 51mm 157 mm 18. 8. 1957 18 mm 19. 8. 1957 67 mm 85 mm Das 2. Hochwasser hat mit nur ca. dem halben Niederschlag die gleichen Schäden angerichtet wie das 1. Hochwasser. Das ist auf den ersten Blick unverständlich. Aber durch die Erosion des 1. Hochwassers ist es im Tobel zu zahlreichen Gschliefen und damit zum Abrutschen von Holz gekommen. Es lag daher viel loses Gestein, Sand und Dreck im Gerinne, das leicht aktiviert werden konnte. Niederschlag als Schnee: Schneefalle Zeitraum zwischen 1971-1980 22. 9. 1979 29. 4. 1980 Summe der Neuschneehöhen 57 cm, 1971/72 384 cm, 1977/78 Schneedecke zwischen 28. 12. 1977 30. 3. 1978 Gesamtschneehöhe gesetzt 13 cm, 22.11.71 102 cm, 27. 2.73 Mittlerer Jahresdurch schnitt 1640 mm 1557 mm 1585 mm Neuschneetage 14, 1971/72 57, 1977/78 Größter Neuschneezuwachs 8 cm, 21.11.71 50 cm, 11.12.76 7.6.1971 10. 6. 1965 29.5.1940 14.6.1910 7. 6. 1971 6. 6. und 7. 6. 1971 5.6. und 6. 6. und 7.6. 1971 um den 22. 8. 1975 um den 19. 7. 1976 Zeitraum 1971-1980 Starkniederschlagsmengen 1971—1980: Auch bei den Neuschneehöhen werden sich über längere Zeiträume die Mittelwerte angleichen, wie beim Gesamtniederschlag. Temperaturen: In Bildstein wurden keine Temperaturen gemessen. Die nächste annähernd vergleichbare Station ist in Ebnit, in 1100 m Seehöhe. Das paßt in etwa für das Einzugsgebiet in Oberbildstein. Zeitraum 1971-1980 Tagesmittel min. max. -15,6°, 5. 3. +24,0°, 17. 9. 14. 6. -24,0°, 10. 2. +26,5°, 16. 7. -24,0°, 10. 2. +26,5°, 14. 6. 1971 1975 1980 1956 1935 1956 1973 Monatsmittel min. max. - 3,0°, I 1979 + 16,3°, VIII 1973 - 1,9°, + 14,9°, - 1,4°, + 13,9°, I VII I VII, VIII Jahresmittel 6,7° Die Tages werte, Monats werte und Jahres werte differieren stark, aber die langjährigen mittleren Jahresdurchschnitte, z. B. von 1931—1960 und 1901—1980, nur um 2,8 cm. Von den extremen Tagesniederschlägen hat lediglich der vom Jahre 1910 ein Hochwasser ausgelöst. Damals waren ganz Vorarlberg, Graubünden, St. Gallen und weite Teile des Allgäus betroffen. Ursache war eine späte Schneeschmelze im Gebirge und eine Regenperiode von 3 Tagen, mit dem Exzeß vom 14. 6. 1910. Für die Auslösung einer Katastrophe müssen daher meist mehrere negative Faktoren zusammentreffen. Eine große Rolle spielen dabei die Wasseraufnahmefähigkeit oder Wassersättigung des Bodens, das Bewaldungsprozent, die Regenintensität, z. B. Starkregen über Stunden oder Landregen über Tage, die Überlagerung der Schneeschmelze durch Regenfälle, Regen bei gefrorenem Boden, geologische Gegebenheiten, die Gefällsverhältnisse u.a. 18 1931-1960 1901-1980 6,5° 6,3° 19 Ich möchte noch einige Beobachtungen anfügen, die das örtliche Kleinklima betreffen. Bekanntlich gibt es Unterschiede zwischen 1 Grad und 3 Grad, zwischen Freilandklima und Waldinnenklima. Im Wald ist es im Sommer kühler und im Winter wärmer. Die im Tobel abfließende kältere Luft verstärkt diesen Effekt. Im Sommer spürt man die angenehme Kühle deutlich. Im Winter erlebt man alle paar Jahre die Wirkungen dieser Überlagerungen. Im Gegensatz zu den umliegenden Wäldern kommt es im Tobel, z. B. bei gefrorenem Holz und Regen oder bei abnehmender Temperatur und Übergang von Regen in Schnee, immer wieder zu Eisanhang, der zu Wipfelbrüchen und zur Entwurzelung von Bäumen und ganzen Baumgruppen führt. So gesehen z.B. im Winter 1985/86 und 1988/89. Nach klaren Nächten kann man öfters örtliche Reifbildung, etwa zwischen Spettenlehergasse und Schlatt beobachten. Vor den Überbauungen im Kessel und im Bahnhof-Postbereich konnte man vom Rutzenberg aus die Grenze dieser Reifbildung gut als unregelmäßigen Halbkreis am Schwemmkegel des Rickenbaches, vom Brühl über die Bahnlinie bis zur Schwarzach beobachten. Diese Erscheinung beruht auf der Überlagerung der Abstrahlung durch ruhig abfließende Kaltluft aus dem Tobel, die gemeinsam zum Strahlungsfrost führen. An der Ach hat die aus dem großen Einzugsgebiet turbulent abfließende Kaltluft, bis zu einer Grenztemperatur genau den gegenteiligen Effekt. HOCHWASSEREREIGNISSE Aufgrund der geologischen Verhältnisse war der Rickenbach in der Siedlungsgeschichte immer ein gefährlicher Wildbach. Die Siedlungsdichte im Gefahrdungsbereich wird aus der Tatsache verständlich, daß Wasser für verschiedene Zwecke bis in die neuere Zeit, neben Holz, die einzige Energiequelle war. Schwere Hochwässer sind aus den folgenden Jahren überliefert: 1674 (zweimal), 1701, 1702, 1752, 1780, 1901, 1910, 1913, 1924, 1934, und 1957 (zweimal). Das folgenschwerste Hochwasser war 1702. Ein Felssturz hatte den Bach im Tobel aufgestaut, der dann mit verheerender Wucht durchgebrochen ist. Die meisten Ausbrüche erfolgten bei der Bildsteiner Brücke, dann bei der heutigen Landesstraßenbrücke, bei der Einmündung in die Minderach und im Ried. Immer wieder ist die Rede von weggerissenen, beschädigten und eingemurten Häusern und Ställen, von zerstörten Straßen und Brücken, von übermurten und verschlammten Feldern im Siedlungsbereich und auf den Feldern im Kessel, Brühl und im Ried, bis ins Birka. Schuldirektor Siegfried Heim hat in der Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach 1986» und in «Heimat Wolfurt — Heft 2» über die Hochwässer, die Steinbrüche, die alten Mühlen, die Gunz-Mühle, die Zuppinger-Mühle, die Firma Doppelmayr und viele andere Rickenbacher Angelegenheiten anschaulich berichtet. Das Büchlein kann allen Interessierten sehr empfohlen werden. 20 VERBAUUNGEN AM RICKENBACH Im Laufe der Jahrhunderte haben die Anrainer sicher nicht nur Hochwasserschäden aufgeräumt, sondern auch immer wieder örtliche Wuhrungen durchgeführt, um ihre Häuser und Gründe zu schützen. Die erste größere koordinierte Verbauung ist aus dem Jahre 1850 bekannt. Damals wurde der Rickenbach-Unterlauf begradigt und hat etwa die heutige Linienführung erhalten. Nach dem Hochwasser 1910 wurde 1911 und 1912 das Projekt der SchwarzachRickenbach-Regulierung genehmigt und für die Aufbringung des Interessentenbeitrages eine Wassergenossenschaft gegründet. An der Schwarzach kam das Projekt zur Ausführung. Die Verbauung des Rickenbaches wurde wegen des Ausbruches des Ersten Weltkrieges und später wegen Geldmangel zurückgestellt. 1925 verfaßte die Rheinbauleitung in Bregenz ein neues Projekt, das 1927 genehmigt wurde. Die Realisierung scheiterte wieder an der Aufbringung des Geldes. Nach dem Hochwasser vom 15. und 16. 7. 1934 konnte schon im Spätherbst 1934 ein weiteres Projekt vorgelegt und genehmigt werden. Die Arbeiten wurden durch die Wasserbauverwaltung noch im Spätherbst aufgenommen und 1936 fertiggestellt. Es ist die heute noch intakte Verbauung zwischen der Bildsteiner Brücke und der Einmündung in die Schwarzach. Diese Verbauung ist vor allem im Siedlungsbereich hart ausgefallen. Wenn man aber den Häuseraltbestand berücksichtigt, gab es schon damals für die Wasserbauer keine Alternative. Im Tätigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung wurden zwischen Doppelmayr und der Gunz-Mühle von 1850 bis heute nur örtliche Maßnahmen durch die Anrainer gesetzt. Bei den Hochwässern vom 11. 7.1957 und 19. 8.1957 wurde die Unterlaufregulierung jeweils weitgehend aufgeschottert, die Bildsteiner Brücke kurzfristig, die Landesstraßenbrücke über Stunden verklaust und der Verkehr unterbrochen. 20 ha Wiesen und Äcker waren zum Teil vermurt, zum Teil verschlammt und zahlreiche Keller unter Wasser gesetzt. Feuerwehr und Bundesheer wurden eingesetzt. Im Kühlhaus Alge waren mehrere 1001 Lebensmittel gefährdet. 195 8 hat die Wildbach- und Lawinenverbauung das Verbauungsprojekt zur Überprüfung und Genehmigung vorgelegt. Das Gesamterfordernis betrug S 1,950.000,—. Davon bezahlte der Bund 55 %, das Land Vorarlberg 20 %, die Landesstraßenverwaltung 10 %, die Gemeinde Wolfurt 15 %. In den Jahren 1958 bis 1960 wurden zwischen der Gunz-Mühle und dem Fußweg Erscheinungskapelle-Dellen acht gemauerte Geschiebestausperren, ein Leitwerk in Drahtschotterbauweise, vier gemauerte Leitwerke und zwei Leitwerke in Trockenmauerung erstellt. Für die Sperren 1 bis 3 und alle Leitwerke konnte der nach dem Ersten Weltkrieg erbaute und beim Hochwasser 1957 teilweise zerstörte Schlittweg am rechten Ufer, zwischen hm 15,20 und hm 19,30 wieder hergestellt werden. Die Sperrenhöhe war in diesem Bereich durch die Druckrohrleitung zur Mühle Gunz vorgegeben. Alle Materialtransporte erfolgten mit Pferd und Zweiräderkarren bachaufwärts. Die Erschließung der Sperre 4 in hm 21,33 erfolgte mit einer Seilbahn von der 21 6. Station an der Bildsteinerstraße aus. Zur Sperre 5 in hm 22,80 wurde ein Schlittweg ab der 6. Station erstellt und das Baumaterial mit Pferd und Schlitten bergab transportiert. Die Sperre 6, in hm 25,71, wurde unterhalb der Häuser von Staudach, von der Straße Mäschen-Staudach aus, mit einer Seilbahn erschlossen. Für die Sperre 7 in hm 27,60 wurde der alte Weg Staudach-Dellen auf 120 m LKW-befahrbar gemacht und eine Seilbahn gebaut. Zur Sperre 8 in hm 34,09 konnte der Fußweg Kirche, Erscheinungskapelle, Dellen auf 530 m Unimog-befahrbar gemacht werden. Die große Felsplatte im Tobel wurde mit einer Seilbahn überbrückt. Zur Betreuung der Arbeiterpartien mußten Küche und Unterkunftsbaracken viermal umgestellt werden. Es war in Summe eine komplizierte Baustellenerschließung und Baustelleneinrichtung, die durch die Unzugänglichkeit des Tobeis erzwungen wurde. Jeder Wildbach hat sein eigenes Gesicht, das in Jahrtausenden aus den Vorgaben der Natur entstanden ist. Die Verbauungsmöglichkeiten müssen den örtlichen Gegebenheiten angepaßt werden. In einem engen, zum Teil felsigen Tobel ohne größere natürliche Stauräume sind diese Möglichkeiten sehr beschränkt. Es ging darum, weggerissene Ufer durch Leitwerke gegen weitere Erosion zu sichern und an günstigen Stellen durch Sperrenbauten künstliche Stauräume zu schaffen. Die Sperren stehen durchwegs linksufrig und in der Sohle im Fels. Sie sind zum Teil schon verlandet, aber auf den flachen Verlandungsräumen wird weiterhin Grobgeschiebe aussortiert und zurückgehalten und durch den Wasserabfall an den Sperren Energie vernichtet. Durch diese Wildbachverbauungen wird der Geschiebetrieb reduziert und damit die Anzahl der Schadensereignisse vermindert. Im Katastrophenfall muß aber weiterhin zumindest mit Überflutungen gerechnet werden. FORSTLICHE NUTZUNG IM TOBEL Blockholz konnte durch Jahrhunderte, bis zur Erfindung des händisch betriebenen Wellenbockes, nur auf den wenigen Parzellen genutzt werden, die für Schlitten oder Pferde zugänglich waren. Aus dem Tobel konnten nur Brennholz und Buschein geholt werden und das auch nur dort, wo die Anlage von Fußwegen möglich war. Es wurden die schönsten Buchen und Tannen auf 2 m-Spälten aufgearbeitet und «am Buckel» heraufgetragen. Über lange Zeiträume wurde Tannenholz auch zu Rebstecken aufgespalten. Damit konnte der Bedarf in den eigenen Weingärten gedeckt werden. Es wurden aber auch größere Mengen vor allem in die Schweiz verkauft. Der Frächter Eugen Gunz hat als Bub mit seinem Vater und seinen Brüdern noch bis zum Zweiten Weltkrieg Rebstecken aus dem Tobel nach Staudach getragen. Den letzten Holzträger habe ich noch 1946, nach meiner Heimkehr aus der Gefangenschaft, kennengelernt. Es war ein Südtiroler, der auf dem Fußweg Ankenreute-Mäschen gegen Tabak und Schnapswährung Buchenspälten auf Klimmer's Bühel getragen hat. Flösserei war wegen der Enge des Tobeis, wegen der zu geringen Wassermenge und wegen der Grobsteinigkeit der Flachstrecken praktisch nicht möglich. In der GunzChronik sind zwei Versuche vor der Jahrhundertwende beschrieben. Einmal wurden 22 in zwei bis drei Tagen etwa 50 Block geflößt und geliefert und beim Bierkeller ausgezogen. Einige Jahre später wurden nocheinmal bei einem mittleren Hochwasser etwa 5 bis 6 m Brennholz herausgeflößt und an der gleichen Stelle ausgezogen. Die Triftstrecke dürfte dabei aber nicht mehr als 400 bis 500 m betragen haben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der bereits genannte Schlittweg auf 400 m verlängert und im Winter 1924/25 größere Mengen Nutzholz und Brennholz mit Pferd und Schlitten ans Land gebracht. Seither wird auf den erschlossenen kleinen Flächen Plenterwaldwirtschaft betrieben. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nocheinmal ca. 60 bis 70 Block mühsam über 100 bis 150 m durch den Bach bis zum Schlittweg geliefert und dann im Winter abgeführt. Mit dem Aufkommen der Seilwinden wurde die Holzbringung bergauf aktiviert. Aber es sind auch heute noch größere Waldgebiete nicht erreichbar. Nach wie vor dominiert die Einzelstammnutzung. Am ganzen Bidsteiner Berg wurden bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Birken gestümmelt und Besenreis gewonnen. Birkenbesen brachten als Winterarbeit einen bescheidenen Zusatzverdienst. Heute findet man die typischen Besenbirken nur noch selten. LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNG IM EINZUGSGEBIET Die flacheren Hänge und Rücken wurden seit der Rodung landwirtschaftlich genutzt. Es gibt praktisch nur Grünland mit Viehzucht und auf kleinen Flächen StreuObstbau. Die Nutzung des Adlerfarns in den Viehweiden als Streue ist stark zurückgegangen. Die Vollerwerbsbauern werden — wie überall — immer weniger. Die Nebenerwerbsbauern müssen vom Berg zur Arbeit auspendeln. In Summe ist das eine Entwicklung, die den Wald begünstigt, da die extensiv genutzten Viehweiden und die steileren, nicht mit Maschinen befahrbaren Bühel aufgeforstet werden oder von selbst zuwachsen. Die landwirtschaftlich genutzten Gründe am Schwemmkegel wurden zu einem guten Teil überbaut (Engerrütte, Brühl, Kessel, Bahnhof, Post). Die 50 ha große Grünfläche zwischen Bahnhof, Rickenbach und Schwarzach ist als Industriezone ausgewiesen und damit für Beton und Asphalt reserviert. Die verbliebenen Mähwiesen, Roßheuwiesen und Streuewiesen werden heute überdüngt (Klärschlamm-Orgien) und mit bis zu fünf Heuschnitten auch übernutzt. Von der früheren Blumenvielfalt sind fast nur noch Löwenzahn und Hahnenfuß übriggeblieben. STEINBRÜCHE IM TOBEL In den Vermögenssteuerbüchern der Gemeinde ist schon 1785 ein Steinmetz ausgewiesen. 1785 und 1797 ist u. a. ein Steinbruch in Rickenbach erwähnt. Abgebaut wurden in den zahlreichen Steinbrüchen in Schwarzach, Wolfurt und Bildstein stark gebankte Sandsteine der sogenannten Bausteinzone, die zu Stiegenstufen, Fenster23 stürzen, Grabsockeln, Schleifsteinen, Wetzsteinen, Backöfen, Pflastersteinen und Bausteinen etc. verarbeitet wurden. Das auffälligste Bauwerk aus diesen Steinen ist die Schwarzacher Kirche. Die Steine sind am Kopf wetterfest, verwittern aber in der Schichtfuge sehr schnell. Sie müssen daher in Mauern fachgerecht eingebaut werden. Im Rickenbach gab es noch im 19. Jhdt. rechtsufrig den Steinbruch an «Bohle'sBühel». Er ist heute eingewachsen und nicht mehr erkennbar. Etwa 80 m hinter der Gunz-Mühle ist rechtsufrig ein weiterer Steinbruch noch gut sichtbar. Linksufrig war der große Bächlinger Steinbruch. 40 m dahinter liegt die auffallende Kaverne, die zuerst als Steinbruch und dann 1874 bis 1890 als Bierkeller für die Adlerbrauerei genutzt wurde. Laut Gunz-Chronik wurden bis 1880 tausende zweispännige Fuhren Steine in die Schwarzacher Wetzsteinschleifen geliefert. Am 17.3.1935 ist der letzte Wolfurter Steinmetz, Josef Rünzler, gestorben. Sein Lehrbub, Anton Repolusk, baute im Sommer 1935 in Spetenlehen noch Steine für die Fa. Vetter in Dornbirn und für den Neubau des Backofens im Konsum Rickenbach ab. Dann hat der Beton endgültig seinen Siegeszug angetreten. WASSERKRAFTNUTZUNG AUS DEM TOBEL Die Wasserkraft wurde durch Jahrhunderte genutzt. Die Mühlen sind sicher so alt wie das Wasserrad. Am Rickenbach ist eine Mühle 1536, 1571, 1680, 1795 und 1797 erwähnt. 1680 und 1797 ist auch von einer Säge und 1795 von einem Lohrstampf die Rede. Er stand zwischen Doppelmayr und Gunz-Mühle. Der Standort der alten Hunds-Mühle war das heutige alte Doppelmayr-Haus. Zwischen Baumgarten und Grub stand früher die Baumgartner Mühle. Wegen der geringen Wasserführung im Oberlauf hatte sie einen Weiher, der das Wasser über Nacht aufstaute. Diese Mühle wurde zwischen 1870 und 1875 aufgelassen. Der Weiher ist im Gelände noch erkennbar. Unter Hinweis auf die Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach» möchte ich mich nur auf die Nutzung der Wasserkraft durch die Gunz-Mühle und die Firma Doppelmayr beschränken. Die Mühle wurde 1852 vom Mechaniker Josef Anton Dür im Bächlinger Steinbruch gebaut und 1853 von seinem Schwiegersohn Josef Gunz von Staudach übernommen. Zuerst wurde das Wasser knapp hinter der Mühle mit einem Holzwuhr gefaßt. Dieses Wuhr wurde beim Hochwasser 1957 weggerissen und hat wesentlich zur ersten Verklausung der Landesstraßenbrücke beigetragen. Einige Jahre nach der ersten Wasserfassung wurde der heute noch sichtbare Weiher linksufrig bei hm 17,50 gebaut und das Wasser etwa 50 m weiter oben eingeleitet. Die Zuleitung zur Mühle erfolgte über 220 m mit Holzkähnern. Der Weiher war notwendig geworden, um die unregelmäßige Wasserführung aus der Baumgartner Mühle auszugleichen und eine Tagesreserve zu speichern. 1887 wurden Eisenrohre mit einem Durchmesser von 30 cm gekauft, die beim Bau des Arlberg-Tunnels als Wasserableitung gedient hatten. Daraus wurde 24 in mühevoller Handarbeit bis zum Weiher und von dort weiter bis zu hm 19,00 eine Druckrohrleitung errichtet. Bei einer Länge von 350 m stand nun eine Fallhöhe von 20 m zur Verfügung. Das reichte aus, um 1890 die erste Turbine einzubauen. Gleichzeitig wurde auch die Mühle aufgestockt und ein Fahrstuhl eingebaut. 1896 kam ein Dynamo dazu, der das erste elektrische Licht lieferte. 1923 hatte die alte Turbine ausgedient und wurde ersetzt. 1931 wurde die Druckrohrleitung bis hm 22,80 verlängert. Bei 730 m Länge kann nun eine Fallhöhe von 60 m abgearbeitet werden. Beim Hochwasser 1957 wurde die Rohrleitung an mehreren Stellen zerstört und in der Folge wieder instandgesetzt. Die Wasserfassung erfolgt seither bei der Wildbachsperre Nr. 5. Die Turbine wurde inzwischen zweimal überholt und betreibt heute das Kleinkraftwerk des Elmar Gunz. Nach dem Brand 1976 wurde die Mühle nicht mehr aufgebaut und der Betrieb zur Gänze nach Bludenz verlagert. 1848 bauten die Brüder Dür die alte Hundsmühle zu einer mechanischen Schmiede um. Um ihre zwei Wasserräder und später die Turbinen zu betreiben, wurde entweder schon 1848 oder 1852 beim Bau der neuen Mühle der Weiher gebaut. Er reichte bis knapp vor die Mühle und staute auch deren


Heimat Wolfurt Heft 04 1989 September
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 4 Zeitschrift des Heimatkundekreises Sept. 89 KIRCHDORF WOLFURT Ältestes Foto. Der alte Kirchturm war nur 46 m hoch. Links der 1895 abgebrochene Bauernhof Schwerzier, Filitzos. Inhalt: 10. Wolfurter Mundart (Helmut Heim) 11. Kriegsende (Flatz) 12. Pfarrkirche (Heim) Helmut Heim DIE A U T O R E N : Helmut Heim, geb. 1932 in Wolfurt, Schreinermeister. Hubert Flatz, geboren 1921 in Wolfurt, Finanzbeamter. In vielen Vereinen aktiv. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Sammlung mundartlicher Ausdrücke, Reime und Redewendungen aus Wolfurt Die hier aufgezeichnete Mundart will das ehemalige dörfliche Leben unserer Gemeinde aufzeigen und entstammt daher vornehmlich dem bäuerlichen und handwerklichen Alltag. Sehr viele dieser Ausdrücke sind aus dem heutigen Wortschatz bereits verschwunden. Einige sind nicht «ur-wolfurterisch», sondern aus andern Regionen irgendwann zugewandert, wie ja auch früher schon manche Fremdwörter Eingang in unsere Mundart fanden. Trotz etlicher Mängel, so hoffe ich, regt diese Niederschrift einige Leser dazu an, selber im Gedächtnis nach Altem zu graben und auf Papier festzuhalten, um diese Mundartsammlung zu ergänzen und zu bereichern. A abe Berichtigungen Wir korrigieren mit Ihrer Hilfe gerne alle Fehler, die Sie uns nennen. 1. Heimat Wolfurt, Heft 3, Seite 1: Inhalt: 8. Wolfurter Geschlechter (Heim) 2. Wolfurt in alten Bildern, Ausgabe 1981; Bild 25: Gottlieb Böhler berichtigt: Das Fischer-Haus ist nicht 1958, sondern am 18. 3. 1955 abgebrannt. Er hat mit großen Schülern Möbel herausgetragen. 3. Ebendort, Bild 42: Helmut Heim erkannte, daß das Bild aus Königs Album nicht im Unterfeld sein kann. Wer kann es lokalisieren? 4. Ebendort, Bild 55: Theresia Geiger wußte, daß das Bild nicht im Strohdorf, sondern bei Geigers im Röhle aufgenommen wurde. abe aberwendig Aggs abheldig aläg Ale allat allpot allomarsch! ament Ambalascht Angl Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Sau und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt - «as abéd»- es wird weniger «ar heat fest gabed» - sein körperliches oder geistiges Befinden hat sich verschlechtert, - «gang abe!» - gehe hinunter! - «aberwendig mache» - jemanden umstimmen, abspenstig machen, auf die Gegenseite bringen - Axt - z. B. Hanglage einer Wiese, schräg - z. B. Hanglage einer Wiese - Liebkosung Wange an Wange - immer - immer wieder, öfters - allowante! - verschwinde! hau ab! - am Ende, vielleicht, «I kumm ament a klä zu dir.» Ich komme auf ein Weilchen zu dir. - Jute - Achse, Zapfen, Bolzen, Türangel, Fischangel, jener Teil des Messers, der im Griff steckt, Angel der Bienen, usw. - Drehpunkt, Zirkelpunkt, Mittelpunkt 1 Angelpunkt arlückele arkulpe Arang Apedengar ästimiire äschbliziire - etwas herausfinden, etwas entdecken - etwas bewältigen, das Letzte an Kraft herausholen, «I heas gad no arkulpet» - Anstoß «Kumm nim an Arang!» - Beginne, fange an, getraue dich! - Himmelschlüssel, Aurikel - etwas schätzen, hochachten - erklären Beare Bämsel belfere bearhäm bearig, bärig Bettbrunzarle Betthäs bizele, biz - Schiebetruhe, «Mistbeare», «Bschüttebeare» - Pinsel - krachen, schießen, Geschützdonner - hinkend, nicht gut zu Fuß, fußmarod - schön, gut - Bettsoachar - Buschwindröschen - Bettwäsche aller Art, nicht Leibwäsche - wenig Bemperlewasser - alkoholfreies Getränk (oft mit Jgsottes zubereitet) B, P bägere barentig parat baschge Balise baff Bare Bändt palästere - bitten, mahnen, auffordern - pur, rein, unverfälscht, «Des ischt doch barentige Essig», sagt, wer sauren Most vorgesetzt bekommt - fertig, bereit - etwas bewältigen - beidseitig geschliffenes Stemmeisen - überrascht - Futtertrog, Turngerät - Band, Türbeschlag, Schöbändt - Scheinband, Kette um Kühe anzubinden - jemanden etwas zu Leide tun, Ausdruck beim «Spatzsecklspiel» (Wenn die Schaufel beim Schlagen den Boden berührt rufen die Mitspieler: «Bode palästeret») - weinen - kleine Verletzung, kleine Wunde - baldigst, «jo beider» - ja gewiß - kleinwüchsiges Tier, Winzling, «Du klenna Beanzgar», sagt man auch zu einem Buben, der wohl vom Wuchs her klein, sonst aber schneidig ist - «a warme, belzbachene Underhose» belzbache leitet sich ab von Barchent. Rauher Barchent, ein Baumwollgewebe, wurde früher oft zu warmer Unterwäsche verarbeitet. Die aufgerauhte Seite hatte eine weiche, pelzoderflaumähnlicheOberfläche Pflädder, Pfläder - Fladen z. B. «Kuhpflädder» pfluddere, pfludderig, Pfluddere - z. B. Verspritzen einer breiigen Masse, Aufkochen einer dicken Suppe usw., schwabbelig - Übername für dicke Frau pfludere - z. B. wenn eine Henne sich den Staub aus den Federn schüttelt, wenn jemand eine «nasse» Aussprache hat, wenn jemand beim Lachen Speisereste von sich gibt - fauchen der Katze; Geräusch, wenn die Luft aus einem Fahrradreifen entweicht, unterdrücktes Lachen, usw. - Pickel, Akne - rechtes Maß «Der kennt koa Pfacht» pfutzge Pfuze Pfacht, Pfarcht pfächte, pfächtle - einschränken, «Di tut ma denn ou no a klä pflichte.» Dir bringt man das rechte Maß schon noch bei. Pfannebreat, Pfannekneacht pfuche pfnitze pfnäschte pfuse pflenne pfundig Pilgere - Brett mit Halterung für den Pfannenstiel um die heiße, rußige Pfanne auf den Tisch zu stellen. - fauchen, apfuche — anfahren, unfreundlich sein - niesen - keuchen, vor Anstrengung schwer atmen - stark winden, stürmen; ruhen, dösen, schlafen - weinen - schön, gut - zahnloser Kiefer 3 belle Bele beider Beanzgar belzbache pfuballe, Pfuballe - Ball spielen, Ball 2 Birling Biestkuche bige, Big - kleiner Heuhaufen, «Schoche» - Auflauf aus Biestmilch (Die Milch einer Kuh gleich nach dem Kalben wird bei mäßiger Wärme zum Gerinnen gebracht) - beigen, «Schitterbig» Bötere böterle Böterlebohrar bögle Botsche, Bötschä Boh Bodebira Beckele Boaz Brüllekalb - binand, benand, - beieinander bejanand bigotr, bigöllar blangere Bläkte Bläktus Blutsugar bloge, Blog Bluascht blose, Blose blug - bei Gott - etwas sehnsüchtig erwarten, «Ma blanger'et uf des erschte Obscht» - Blatt - Schimpfname - Blutegel; Schimpfname für rücksichtslosen Ausbeuter - quälen, Plage - Blütezeit, «d Bluascht» - die Blüten - blasen, Blasinstrument - durchsichtig, dünn; neugeborene Mäuse und Vögel z.B. sind blug, sie haben eine dünne durchsichtige Haut. Blug ist eine frischverheilte Wunde. Blug ist auch jene Stelle an einem Kleidungsstück, die abgewetzt, dünn und durchsichtig ist. - dicke Blutwurst - Blase, «Sublötere», «Soafeblötere», Blase an der Ferse - Einer der sich nicht traut, langweiliger Mensch - weinen, «Si bläget wi a Kälble» - etwas sehnsüchtig erwarten - viel reden, nichts sagen - Schwätzer, dummer Angeber - schwer, «I he ble-iene Füeß» - fallen Kater spielen mit Puppe, Puppe nur sehr, fast, ziemlich Kügelchen des Rosenkranzes oder einer Halskette altes Wort für «kugele» (Kinderspiel) langweiliger Mensch bügeln Hausschuhe, Schimpfname für ungeschickten Menschen, «duat dear aber bötschig» - Heuhahn, Heuboden, Ablage für Brennholz, Zwischenboden in der Tenne - Kartoffeln - Tasse, «a irdes Beckele» - eine Tasse aus Ton - Eifer - sagt man, wenn man jemanden in den April schickt Pritsche, - behelfsmäßiges Bett; Brett mit dem der Mist auf den Wagen pritsche, pritschle glattgeschlagen wurde («Mistpritsche»), schlagen in Wasser, plantschen Brieme bromig, Brom brisele, brisle brocke Broß Brentöwilar Brentöwinar Broatdatschar Brünnerling Prüge, Brüge - Bremsen - rußig, schwarz, Ruß, «Bromiga Fritag» - Band durch Ösen ziehen, (Schuhe, Mieder) «ibrisele, zubrisele», leichter Schneefall «As briselet a klä.» - pflücken - Sprossen der Obstbäume - Apfelsorte - Apfelsorte - Apfelsorte - Ablage, Obst-, Mist-, Holz-, Heuprüge. Das Wort kommt von Prügel, Holzrundling. Eine Lehmgrube (Lacheloh) wurde mit Rundlingen abgedeckt und darauf der Mist gelagert - Mistprüge. Ein Zwischenboden in der Tenne aus Rundhölzern war eine Heuprüge. - Nachtgeschirr aus Holz - Holzkübel - abblättern, z.B. von Mais, Bohnen usw. - weinen - besessen - schlagfertig 5 Blunze Blotere Blöterlar bläge blangere bläfere, läfere Bläferar ble-ie bohle Bole bobbele, Bobbe bos, blos bode bödelet Brunzbrente Brente brätschle briage bseasse bschosse - etwas, z.B. Boden des Korbes mit Äpfel bedeckt 4 bschnotte, gschmotte Bschüttebine Bschüttebeare Bschüttekübel bschüse bsetzt bschlahe, bschlage - knapp, gerade noch, beengt, eingezwängt - zweirädriger Karren mit Holzbehälter für Jauche - einrädriger Karren mit Holzbehälter, «Lägelebeare» - Holzkübel mit langem Stiel - ergiebig sein, «Rogges Brot bschüst besser as Kernes» Schwarzbrot ist ergiebiger als weißes. - fest, dick, mollig - Tätigkeit des Zimmermannes, mit der Axt aus Rundholz Kantholz zu schlagen; des Schmied's, Pferde, Wagen, Truhen usw. zu beschlagen; des Schuhmachers, Holz- und Ledersohlen der Schuhe mit «Kappenägel» haltbarer und rutschfester zu machen. «An bschlahena Stöa» - ein behauener Stein - Schuhmacherutensil (Eisenfuß auf Holzsockel) - Steinpflaster, Besatz aus Stoff, «Ahbollebsetzä» - Kopfsteinpflaster. «A Hemp falsch bsetze» - war bei einem Hemd der Kragen zerschlissen so wurde manchmal am Hinterteil des Hemdes Stoff weggeschnitten, daraus ein neuer Kragen genäht und das fehlende Hinterteil mit einem oft andersfarbigen Stoff «falsch bsetzt». - klopfen - Kälbchen - Kinderschreck, böser Mann, unfolgsamen Kindern wird mit dem «Bulema» gedroht, der nachts unterwegs ist und schlimme Kinder mitnimmt. - gebundenes Heu wird auf dem Rücken getragen, auch Holz und anderes, von bürden, aufbürden. - weitausholende, lange Schritte - Konfetti, Abfall der Punschmaschine - reichen - gebündeltes Brennholz - Gestell auf dem die Buschein gebündelt, gepresst und gebunden werden Bündt Bühle pumpelusisch Butzge butznersch Budl Putsch Pulge Butte Butterfaß Buhlade Buttermodi - Wiese beim Haus - Beule - Sprache die man nicht verstehen kann, Kauderwelsch - kleiner Apfel, Rest eines gegessenen Apfels - total verrückt - kl. Flasche, Maß, «Milchbudl», «Schnapsbudl» - Tonflasche mit Henkel - kl. Holzfäßchenetwa 3 bis 5 Liter, Transport und Trinkgefäß - Transportgefäß mit Schulterriemen, ursprünglich aus Holz, «Milchbutte», «Schmalzbutte» - Holzfaß, das um eine Achse gedreht wird, um Butter zu schlagen, Rührkübel. - Bauchladen der Hausierer, aus Holz Budille, Budelle - Bauchflasche Bschlahfuaß Bsetzä - bsetze pumpere Busele Bulema - Holzform, Maß um den geschlagenen Butter die richtige Form und Größe zu geben. «D Buttermodi» war meist aus einem Stück weißem Ahornholz geschnitzt u. manchmal mit einer eingeschnittenen Blume verziert, welche sich dann auf dem «Butterstöckle» erhaben darstellte. Buchtel, Wuchtel - Mehlspeise büaze - ausbessern, flicken, reparieren, stopfen von Kleidern, Wäsche, Zäunen, Werkzeugen usw. Burde Buacharschriat Punschbolle büte Buschela Buschelebock D,T dante, dantig, Dantar dämpfig dasig DächlemacharTatsch, Tatsch, Tatsche tätschle - langsam sein, unentschlossen sein, von tändeln träse, träße, Träß - schimpfen, jammern, stets nörgelnde Frau - «a dämpfigs Roß» - Asthma beim Pferd - trübes Wetter, getrübte Stimmung; leichtes Unwohlsein Regenschirmflicker - Schlag, Knall, Blitz, etwas Zerdrücktes - leicht schlagen, Art von Liebkosung 7 Buaschtschüppe - Büschel harten Grases, welche von den Kühen verschmäht werden 6 dengele, Dengelstö, Dengelhammer, Dangel -Die Sense wird auf dem «Dengelstö» dünn gehämmert. Der dünngeschlagene Teil der Sense Daffatöpfel deare - Apfelsorte - dörren, Dörrobst. Äpfel wurden geschält, in Scheiben geschnitten, auf Schnüre aufgefädelt und außen an der Hauswand wie Girlanden unter die Fenster gehängt und von Sonne und Wind getrocknet. Birnen hingegen wurden meist in Blechen auf dem Holzherd oder Kachelofen gedörrt - nicht dauerhafte, nicht ernstzunehmende Liebschaft - Wagendeichsel - Gerede, Gejammer, viel Aufhebens um nichts - schleichen - Gerede, durcheinanderreden - Kauz, Eule - donnern, Donner - unschlüssig sein - nichtssagender Geschmack bei Speisen. Ein Bild, eine Tapete kann auch dötrlos sein, farblos, langweilig, nichtssagend - Maulwurfsgrille - gut gedeihen bei Kindern und Tieren; «übeltröijig» - schlecht gedeihend - Speichel oder Speisen aus dem Mund rinnen, Kinderlatz; Schimpfname - Birnensorte - Tannenreisig - Geselchtes - Delle, Vertiefung, Rabenvogel - Fuß verschiedener Tiere z.B. «Hennetöpe», Katzetöple» usw. - Tintenklecks Dolder Docke toag trätze Trucke - Baumwipfel - Puppe aus Holz; Fußteil einer Bank, Konsole - Birne die abgelagert, weich und innen braun ist, zu unterscheiden von «mahr» - reizen - Truhe, Trog, Kiste, Behälter, Schimpfname. «Kiestrucke», «Gschiertrückle» - Werkzeugkiste, «Katzetrückle», «Kästrucke», «Spöütztrückle», «Kudrtrückle». - sehr einfältiges, gutmütiges Weibsbild - Truhe - von trügen, «an trogena Ma» - man sieht es ihm nicht an - Trog «Sutrügel» - Schimpfname - Trichter aus Holz oder Metall - Presse für Obst und Wein - Bahre, «Mistträge», mit ihr wurde der Mist auf dem Acker verteilt. schwindeln, schwindlig - erster Brand beim Schnapsbrennen, trübe, unsauber die kleine Trommel schlagen Trommel träumen, Traum Balken drehen Techtelmechtel Diggsl Termäne diche Dischkurs, dischgeriire Totevogel, Dotevogl dore, Dörar dötterle dötrlos Trodel Trog troge Trügel Trachtar Torkel Träge trümmle, trümmlig Trub trümmele Trummekübel tröme, Tröm Tröme dreie trole, Trölar drülle, Drülle Drüllebubbar trödle, Trödlar Tresterkäsle trostle drin Drohscht, drohschtig Trumm demol, a demmol - dieses Mal, vor etlichen Tagen, kürzlich, letzthin Dorle tröije triele, Trielar Döübela Dohs Diges Dohle Tope, Töple Tolgge 8 - rollen, kurzes Rundholz drehen, Wirbel im Wasser Spielzeugkreisel, Bezeichnung für kleinen Buben ohne Eile sein, langsamer Mensch; Händler Obsttrester in eine Form gepresst und getrocknet (Brennmaterial) - ohne weiteres, getrost, «red trostle lut, si hört koan Tun.» - aufgeregt sein, «I bi iez ghörig drin gsi» - Schwüle, schwül - Stück 9 trümsle, Trümslar tschare Tschügge Tschole Tüchl - langsam sein, etwas einfältiger, langsamer Mensch - kaputt - Schimpfname - gutmütiger, friedfertiger, manchmal etwas einfältiger Mensch - Holzrohre. Die alten Wasserleitungen von den Quellfassungen («Brunnestube») zu den Laufbrunnen waren alle aus durchbohrten Holzstangen gefertigt. - Werkzeug, Berufsstand Hochgewachsene Stangen der Weißtanne wurden mit einem langen Bohrer durchbohrt. Die Rundlinge wurden von beiden Enden her angebohrt. Leicht gebogene Stangen wurden während des Bohrens gerade gespannt. Es war eine sehr anstrengende, schweißtreibende Tätigkeit, deshalb ist heute noch die Redewendung erhalten: «Ar suft wi an Tüchlbohrar.» - Mais, wurde früher auch «Welschekorn» oder «Türkewoaze» genannt - Apfelsorte mit besonders großen Früchten - Teil des Faßes «A Tuge abesufe» - getrocknete Torfschollen, Brennmaterial - Übername der Lauteracher - stottern - Donnerstag - stoßen von Schafen oder Ziegen «Böckle, böckle, tütsch» E eapamöl eapas eadde, Eadd eere Eappr Eggoaß Engera - manchmal - etwas - jäten, Unkraut - pflügen - Erdbeeren - Eidechse - Engerlinge Tschick, tschick - Stück Kautabak; müde, erschöpft Tüchlbohrar F,V Fas Fasnat Falott - abgeschrägte Kante - Fasching - Nichtsnutz, Spitzbube Türke Türkeöpfel Tuge, Duge Turbe Türbelar dudere Dunnschtag tütsche Vatterunsarhals - Sunntagshals - Luftröhre «As ischt mr in Vatterunsarhals ku», sagt man, wenn man sich verschluckt hat feand, feandrig fendere, Fenderar Feal Fealbar fitze, Fitz foppe, Foppar Vorstehar Fleaka Flegel Fotogen flöüze, Flöüzar Flöüzarhoke flacke - voriges Jahr, letztjährig - herumlungern, umherziehende Nachtbuben - Wunde - Weide - schlagen, Peitschenschlag, Blitz - hänseln; lästiger, andere ausspottender Mensch - Bürgermeister - etwa 6 cm dicke Bohlen. Aus ihnen fertigte man gespundete Wände und Decken - Dreschwerkzeug, Schimpfname - Petroleum - flößen, Holz triften, Brennholz fischen, Berufsstand - Flößerhaken - liegen 11 Türkische Musig - ehemalige Musikkapelle in Wolfurt 10 Fläre fludere Flause frötzle fräggele freze frette, Gfrett Friedhofsjodlar Fratz Firggar Firgge firgge Fise Függe vrdimmet vrdwire vrhe-ie vrplempere vrquante vrrumpfele vrbudle vrsufe vrschustere vrdrüllet vrdatteret vrdruckt vrseckle vrschosse vrpfife 12 - Wunde, Schürfwunde - flattern - Hirngespinnst, Ohrfeige - reizen - entfernen der Baumrinde kleinweise mit Beil - abweiden des Grases durch Vieh - rackern, mühen, Plage - starker Husten - freches Kind - Ausguß, Abwasch, Waschbecken, in der Stickerei Mittelsmann zwischen Fabrikanten und Heimarbeiter - beim Mühlespiel eine Doppelmühle - scheuern, aufscheuern, sich wehtun «d Schuh heat mi gfirrget» - Bezeichnung für Rothaarigen «du rota Fise» - Bezeichnung für Rothaarigen - vermodert, verschimmelt, z.B. Stockflecken in Wäsche durch feuchten Aufbewahrungsort - verirren, sowohl räumlich als auch geistig nicht orientiert - kaputtmachen - vergeuden - versorgen, verräumen - zerknittern - zerknittern von Papier - ertrinken, versaufen z.B Geld - verpfuschen, nicht zum Vorteil veräußern, verkaufen - verdreht - erschreckt, in Verlegenheit sein - hinterhältig - jemanden zum Besten halten - verliebt sein, gebleichte Farben, erschossen - verraten vrpfifebüxle vrluse, vrdluse vrbutze vrsohle vrgitzle Fürfeall fuxe fürbe, Fürbat ful Fulfieber Funzl Füdletasse Füdlar Füdle fudig fuhre, fuhrig Furgge - verspekulieren - auslesen, sortieren - verputzen von Mauerwerk; Geld verjubeln; jemanden nicht leiden können - «Dean kane nit vrbutze» - schlagen, züchtigen, «sFüdle vrsohle» - verzweifeln - Lederschürze - jemanden ärgern, «as juxet mi» - nichts gelingt mir - kehren, Kehricht - faul, müde - vorgetäuschte Krankheit, Ausrede um länger als üblich schlafen zu können, übergroße Müdigkeit - Petroleumlicht, Schimpfname - Nachtgeschirr - Kinderschlitten - Hinterteil bei Mensch und Tier; Öse einer Nadel; unteres Ende eines Baumstammes - «fudig to» - jemanden reizen, spöttisch - fette Speisen «führend». Sie «tond zu». - Mistgabel G gäge, umgäge, gägig Gägarle gazge gad nö gaffe Galoscha Gade galt, Galtveah Gaude gänge - fallen, umfallen, «a gägigs Fuder» - einseitig geladenes Heufuder, das jeden Augenblick umfallen kann - kleiner Mann der unsicher auf den Füßen steht - gackern, weinen - gerade noch - starren; zuschauen, wo man wegschauen sollte - alte ausgetretene Schuhe, Gummiüberschuhe - Elternschlafzimmer - milchlos - Lustbarkeit - stechen der Wespen und Bienen - von geangelt 13 gängig galle - gutgehend - Obst einsammeln nach dem Gallustag. Mit dem Spruch: «Galletag ischt gsi, was ifindghörtmi!.»zogen die Kinder, mit einem Sack und einem Stecken, durch die Felder und nahmen alles Obst, das noch auf den Bäumen hing und darunterlag mit nach Hause. Der Brauch verschwand bei uns während des zweiten Weltkrieges. - Schlagmesser mit gebogener Spitze - gestern - kl. Schuppen oder Anbau an Scheune - Bottich, «Wöschgelte» - mögen wollen, «I gear hüt gär nidd schaffe» - flaches Holzgefäß um die Milch zu entrahmen - bei gutem Humor z.B. - richtig, recht, viel, «as heat ghörig gschne-it», « as göht ghörig» - geheuer, nicht geheuer - böse, zornig, geizig, Zorn, Geiz, «is Alter waggst nüt meh, as d Negel und de Gitt» - Mitesser - geizig, Geiz - Geißlein - Ziegenkot Früher rieben sich die Kinder den Zeigefinger der einen Hand, am Zeigefinger der anderen und riefen: «Gizgägele, ätsch,» um andere Kinder zu ärgern. Das nannten sie: «Usgiggsle» - Hahn - knarren des Fußbodens, der Türe usw., «giire mit d Zähne» - schlagen mit dem Fuß - «I giab dr an Gingg» Glufe glongge Glonggar, Glöngge Glanet Gloach gmo Gmoand gmoant, gwähnt Gmüdr, Gmütsch gmüatle gmach gnot, d gnote Weag gnu,gnug Goub, Gob, Göble Goasl Goldgranätlar göüple go, gang - Nadel, «igluß» - einfädeln. Wenn ein älteres Mädchen einen Partner findet heißt es: «Iez ischt si doch no z glußt ku» - hin-und herschwingen - etwas Hängendes das baumelt oder schwingt z.B. «Ohreglonggar», Glockeglonggar» usw.; Schimpfname - Klarinette Glied einer Kette bescheiden, leutselig, nicht eingebildet Gemeinde geglaubt, gemeint Abfall beim Holzhacken Gettar gestet Gentar Gelte geare Gebse ghumöhrt ghörig ghürle, ughürle gittig, Gitt Gittwurm gizig, Giz Gizile Gizgägele, Giggsgägile Giggelar giire gingge gigampfe - gemächlich, gemütlich - gemächlich - schnell - genug - Kind, kleines Kind - Peitsche - Apfelsorte - balgen, spielen, Kinder, junge Katzen und Verliebte «göüplend mitanand» - gehen, gehe - schauckeln auf einem Brett, welches in der Mitte auf einem Lagerbock aufliegt, z.B. giiße - schreien, laut weinen, kreischen glumpig, Glump - schlecht, schlechte Ware glese - gläsern, «an glesena Krug», aus Glas glasig glare glotze glei gli - glänzend, leuchtend, «glasige Ouge starren starren sofort, gleich, «i kumm glei» egal, gleich, «as ischt mr gli» goaste, Goast Göppel - spuken, geistern, Gespenst - Antriebsgerät mit Übersetzung, (Getriebe) bei dem mittels Pferde- oder Menschenkraft, Maschinen angetrieben wurden. Als das Fahrrad aufkam, wurde es seiner Übersetzung wegen, oft auch «Göppel» bezeichnet. Wird heute meist abwertend für ältere Fahrräder gebraucht. - bedeutet etwa Gehege, Bezirk, «Deam bin i is Göü ku» heißt die Kreise eines andern zu stören. - Haus hüten, während einer Beerdigung z. B. kommt eine Nachbarsfrau «ga gome.» 15 gosche, Gosche - schimpfen, derber Ausdruck für Mund Göü gome 14 Gogummere - Gurke Grüsch gschwunde Gspane Gspusi gstumpet Gschwear schnudere, Schnuderar Gschnüder Gschtrüch, Gschrücht gschmotte, bschnotte gspriggelet gstearr Gsüff Gschlüder, gschlüdrig gschniglet Gschier Gsims Gsod Gsodstuhl gspundet gstemmt gschutzt gstäht gugge güggle Guggar Guggarklee Guggähne - Kleie, Viehfutter - ohnmächtig - Begleiter, Gefährte heimliche Liebschaft kurz, klein Geschwür, «i hea a Zagschwear» Rotznase hochziehen, Schimpfname golgge, Golggar - schwappen, «d Milch golgget i dr Butte» Pumpbrunnen gozig goazge gülde goldig gottsjömmerle toa grötig gragöle grütschle, Grütschlat Gräms Grotseage Grabe grizgrame - einzig, von Gotteinzig - Geräusch, wenn man sich z.B. verschluckt hat oder, wenn jemand nahe dem Ersticken ist. - golden, aus Gold «a güldes Krüzle» - lieb, süß, gut «a goldigs Humörle» - zum Erbarmen jammern - schlechtgelaunt - lärmen - schaukeln, Schauckel - Rahmen, Türrahmen, profilierte Kassettendecken, usw. wurden als Gräms (Gerahmtes) bezeichnet - Gratsäge - altes Wort für Spaten; Wassergerinne, Bach - knirschen mit den Zähnen, von griesgrämig - Katarrh, Rotznase - Katarrh - siehe bschnotte - gesprenkelt - steif - schlechtes Getränk - Schneematch, «legg hohe Schuh a, as ischt hütt gschlüdrig dußa.» - sauber hergerichtet, «si ischt gschniglet und kamplet» - Werkzeug, Kochgeschirr, Kuhgeschirr usw., «Gschierlumpe» - Gesimse, «Gsimshobel» - kurz geschnittenes Heu - Handgerät bei dem mittels eines Stanzmessers Heu kurz geschnitten wurde - Holzverband - Holzverband - schnell, ohne Überlegung, ungeschickt - gemächlich schauen im geheimen schauen Kuckuck, «d Guggar soll di hole» Sauerklee Urgroßvater Gsottes, Igsottes - Gesottenes, Eingesottenes (Marmelade) grenne, Grenne - Gesicht verziehen, Grimasse schneiden, «grenne, grenne, tuat nit weh, wer grennet der heat Lüs und Flöh.» grüscht grea gröte Greular gruabe Grüba gruste, kruste Graffl Gramure Grampe grampe - fertig, hergerichtet, von gerüstet - fertig, erledigt, gerichtet, angerichtet - gelingen, geraten - trüber Most mit Grauschimmer ruhen «gruabe git gut Buabe» Grammeln stöbern, suchen Plunder Durcheinander Pickel, schlechtes Pferd Arbeit mit dem Pickel, heute noch manchmal gebräuchlich für die Tätigkeit der Bahnarbeiter beim Geleisebau. Grabehoue 16 - Werkzeug um Riedgräben zu öffnen 17 Guggöre - von guggen - schauen und Öhr-Öffnung bedeutet Ausguck, oberstes Giebelloch unter dem First. Wenn Buben eine Hütte bauen, die windschief und wackelig ist, sagt man heute noch: «Do machend ir aber a ghörige Guggöre.» Wird auch verwendet für sinnloses, unüberlegtes Aufeinanderstapeln von Dingen. - Kind im Arm wiegen, auf den Schultern tragen - starker Regen, Wolkenbruch - Flasche guge Güse Guttere gumpe, Gumper - pumpen, tanzen, hüpfen, Pumpbrunnen, «gumpiga Dunnschtag», «Bschüttegumpar» Gumpe Guat gunne Güsch Gurglholz güne Gumelascht - Wasserloch - Wiese beim Haus - gönnen, «vergunne» - mißgönnen - Schimpfname für moralisch minderwertige Frau - nennt man das Holz einer Tanne, das in Alkohol umgesetzt wird, bevor es den Wald verläßt. - winseln des Hundes, weinen - Gummiband Hälegigar Häs Hagel Häslus heare Hemp Herelöable hetze hetzig, Hetz heane, heat, kett, hea oder heo herze - Schmeichler, Einschmeichler Kleidung insgesamt «Weachtaghäs und Sunntagshäs» Stier Filzlaus, «freach, wi a Häslus» rufen Hemd Herrenlaibchen - Brot treiben, jagen lustig, Lustbarkeit, Spaß haben, hat, gehabt, habe liebkosen hergoles, hargoles, hargolane, hargolante, hardigate - beim Herkules! helde Hennelar hinat Himbr Hindrhusar Hille hindrfür Hinderung - z.B. ein Mostfaß in eine Schräglage bringen - Hühnerhabicht, aber auch Mäusebussard - heute Nacht, kommende Nacht «a guts Hinatle» - Himbeere - Apfelsorte - Helligkeit, Lichtschein einer Feuersbrunst z.B. - verkehrt, umgedreht, an hinderfura Voaderwäldar» - Rückstand, «i bi im Hinderung» - Ringkampf, ringen - Haken, schlechtes Pferd, unansehliche Frau - Haken - «Türhouche» auch «Klobe» oder «Angln genannt, siehe «Klobe» - Großer Brachvogel - Heuschrecken - Regenguß, Unwetter - Birnensorte - Werkzeug, um Heu schüppelweise aus dem Heustück zu ziehen, (armlanger Stil mit einer Spitze aus Eisen und Widerhaken) 19 H händig - geschickt, anstellig bei Menschen, auch bei Pferden. Bei Werkzeugen bedeutet es gut in der Hand liegend, wird auch gebraucht bei Geräten, Maschinen und Fahrzeugen aller Art. Hoselupf, hoselupfe Hoge Houche Holipar Höühoppar, Höüstäffel Höüdearar Höübira Höülüchar Hächlar, Häklar - «igwaggsene Dreak» - alter hartnäckiger Schmutz auf der Haut (Füße und Hals) häze - klettern Habermus - Haferspeise Haras - Obst-, Kartoffelsteige Hasebläckta - Wiesenbärenklau halte - hüten (Vieh hüten) hebe, Hebe, - halten, festhalten, Griff, (Griff aller möglichen Werkzeuge Hebel, Heft meist aus Holz oder Horn), «heb ü» - halte an, «heb da Götte», «Ar gitt s Heft nit uss r Hand», - er bleibt am Ruder halse - umarmen, liebkosen häl - schmeicheln - rutschig 18 Houe, houe höüile, Höüile Honnar, Honnare Hoanze, hoanze - Heinzen, Stange mit Querstäben auf denen das Heu getrocknet wird Hoanzesteckar - starkes Rundeisen mit Spitze Holtscha, Hölzlar - Holzschuhe, Schlüpfer, vorwiegend für Stallarbeiten Holtschemachar - Holzschuhmacher Hülzebödnar, «Lüch» ist eine alte Bezeichnung für Loh-Loch und Licht siehe «lüche» - Gartenwerkzeug, «Grabehoue», schneiden, schlagen - jäten, kl. Haue mit Zweispitz «Friedhofshöüile» - Holz- und Heuschlitten; Kuh die oft ihre Hörner gebraucht Hurnussl Hurde - Hornisse - von Hürde, etwas übervoll beladen, siehe «Schoche» hunze, vrhunze - spotten, verspotten, etwas verderben, «um di Sach nit ganz zu vrhunze, gommerliaberga brunze» hürle, anehürle - in die Hocke gehen hüsle, Hüslarzüg - spielen, Spielzeug huremäßig, hurementig, hargotmentig - Diese, sowie ähnliche andere Wörter werden verwendet, um die Aussage der nachfolgenden Wörter zu verstärken, nicht aber um sie zu bewerten. - Schuhe mit Schweinsleder - Oberteil und Holzsohlen «zum ibrisele». Die «Hülzebödner» waren während und nach dem Zweiten Weltkrieg sehr aktuell. - steif, ungelenk, hölzern - Hornerschlitten, dessen Gleitfläche unbeschlagen ist. - leichter Heuwagen, dessen Achsen aus Holz sind. - Haupt, Kopf, «Kruthöple», Salothöple» - Holunderkompott - Heidelbeeren - viel, zahlreich, «es hoadlet gat» - springen - langsam, bedächtig, vorsichtig, «1 tur a klä hofele» - heikel, «du hoakliga Beatlar», wennjemanden das Essen nicht genehm ist, «noch em hoakle si kut nüt meh», wenn einem Mädchen die Freier nicht passen - Hohlaxt, wurde gebraucht um Brunnentröge zu fertigen oder Dachrinnen - Jauche, Jaucheloch - Kleidungsstück, abwertende Bezeichnung - eilen, pressieren, ungenau arbeiten, «nu nit hudle, vor em Sterbe» - sparsam - heuer, heurig, «i bi ou koan hüriga Has me» - Birnensorte I,J idressiirt irger, irgerle, Irger Irmel irde Jägge Jankar Imbe Imachstande Ilge jöüche Isegräs Isehemp Igsottes, Jgsottr juze, Juz, Juzar jucke iez - äußerst sparsam - arg, ärgerlich, Ärger - Ärmel - aus Erde - Ton, «a irdes Beckele» - Eichelhäher - Kleidungsstück - Bienen - von einmachen, faßähnlicher Maischebehälter - Lilie, Iris - jagen, treiben hartes Gras, das von den Kühen verschmäht wird Rüstung Marmelade, Eingesottenes jauchzen, Jauchzer hülze Hülzesolar Hülzeaggsar Höple Holdersuppe Hoadla hoadle hoppe hofele hoakle Holthesl Hoflache Hötel hudle, hudlig, Hudlar husle hür, hürig Husbira 20 - springen - jetzt 21 K Kante, Käntle Katze Känar Kathel Kaserol Kachel kachele Kampl, kample Karrezühar Kaiserbira käl Kareß Kabriza Kalfaktr Kassinar Kämme kartätsche Katzestoeg Kastättere, Kastezar - Gefäß aus Metall z.B. «Milchkante»; Zusammenstoß zweier Flächen z.B. «Stahlkante» (Schi) - Schöpfwerkzeug, meist aus Kupfer, um Maische aus dem Faß zu schöpfen, z.B. - Rinne aus Holz oder Blech, «Bschüttekänar», «Dachkänar» - Aufzugsrolle aus Holz; weibl. Vorname - Kochtopf - Schüssel aus Ton; Teil des Kachelofens, Fliese - Ofen setzen, Fliesen legen - Kamm, kämmen - Zigeuner, fahrendes Volk - Birnensorte - ecklig, widerlich, unflätig - «allad uf Kareß» - immer unterwegs sein - Eigenwilligkeit, Sturheit, «der heat wiider Kabriza» - ungehobelter, grober Mensch - Name für Mitglieder einer ehemaligen christl. sozialen politischen Gruppierung, gilt heute eher als Schimpfname - Kamin - durchkämmen von Flachs, Schafwolle usw. - steiler, schlechter Weg - Teil der alten Bucherstraße - Frucht der Edelkastanie, die früher bei uns sehr verbreitet war. Heute noch gebräuchlich für die Roßkastanienfrüchte Kearesel Kesslar kiibe Kiestrucke - Kellerassel - Pfannenflicker, gehörten zum «fahrenden Volk»; Schimpfname - schimpfen - Wagenaufsatz aus Holz um Kies und Sand aus der Bregenzer Ache zu holen. Mittels einer Winde (Wagenheber teils aus Holz) konnte man die Ladung auch kippen - Teil des Wagens - keimen, Keim - Kürbis - Kirchweihfest, dazu gehörten früher auch Tanz und Vergnügungen - wenig, ein bißchen - armlanges, daumendickes, vierkantiges Holz. Für jedes gebetete Vaterunser durfte eine Kerbe eingeschnitten werden. Am Vorabend des Nikolaustages wurde das «Kloseholz» ins Fenster gelegt oder dem Nikolaus, so er ins Haus kam, vorgezeigt. Je nach Anzahl der Kerben erntete man Lob oder Tadel. - Spannwerkzeug, Schraubkloben, Feilkloben usw. Auch ein «Türhouche» wird als «Klobe» bezeichnet, wenn er aus zwei Teilen geschmiedet ist. «Klobe» ist jener Teil, der die eigentliche «Angl», Achse festhält und umklammert. «An nerviga Klobe» kann auch sein ein dickes Stück Holz, ein schwerer Stein oder aber ein großer, starker Bub. - kratzen - wuchtig, schwer wirkend, stark dimensioniert - Spannwerkzeug, «Wöschkluppe», Schntdkluppe» usw. Kirpfe kide, Kide Kürbse Kilbe klä, a kläle Kloseholz Kichere, kichere - Bohne, lachen Klobe klube, klöube klobig Kluppe Kapelo, Kaplo - Kaplan Kapele - kleine Kapelle ke-ie, ke-i-ig - streiten, zuwider sein, «hei, bis iez nit so ke-i-ig» ke-ie, anke-ie, umke-ie Kefe Kelle Kear 22 - fallen, hinfallen, umfallen - Käfig - Werkzeug, «Murarkelle, Suppekelle, Wasserkelle, Wöschkelle, Spatzseckelkelle» - Keller kluppe, kluppig, - spannen, klemmen, geizig, Geizhals Kluppar Kotarkarre - zweirädriger, kleiner Karren mit Kistenaufsatz mit dem man die Buben auf den Weg schickte, um den Pferde- und Kuhmist von der Straße einzusammeln. Zur «Ausrüstung» gehörte noch die «Kotarschufl» und das «Kotarbreatle» - Halsteil des Pferde- und Kuhgeschirres 23 Komat Kostanzar - Birnensorte Länglar kotze - erbrechen Köngel, Kängel - etwas Hängendes z.B. Teil der Glocke, Rotznase Konsorten Klattere Klamperar Klosebira Klepfe, klepfe knöbefle knöüle knozge knausrig Knüse kräzebuggele Kräze kreable krüche Kröasl Kröaslar Kröl Kratte Kriepe, Kriep, Krippele kroase, Kroas krose, krös Kröse Krömle Krazat Krimskrams 24 Kriase Kriacha Kreas kraglet kreie Krottemüchele Krottehägl Krottemoie krotte Klammera Küngl Kust - Kirschen Wildform der Pflaume gehackte Zweige überaus, besonders, «s Bömmle ischt kraglet voll» krähen Kaulquappen Taschenmesser Löwenzahn sich mühen, anstrengen, nicht vorankommen Waldameisen Hase Kunst, bezeichnete früher vor allem Fertigkeiten und Eigenschaften von Menschen und Tieren, die allgemein nicht üblich waren. «A Kust» war daher, was etwa ein Seiltänzer auf einer «Kilbe» zeigte, das Verrenken der Glieder eines Akrobaten auf einem Jahrmarkt usw. Auch ein Bär, der tanzen konnte, machte «Küsta». Dagegen war ein Gemälde z.B. einfach «schö» oder auch weniger. Daß auch banalste Dinge in die Nähe von Kunst gerückt wurden, verdeutlicht folgender alter Spruch: «I ka a Kust, s Füdle butze mit dr Fust.» - Gleichgesinnte, Genossen, wird meist abwertend gebraucht - eingetrockneter Schmutz oder Kot - Spengler - Birnensorte - Viehglocke aus Blech, knallen mit der Peitsche - wenig - knien - «as knozget mr i de Schuhne» wenn man Wasser in den Schuhen hat. - geizig - dicker Bub - etwas auf dem Rücken tragen - geflochtener Rückenkorb mit Schulterriemen - kriechen, krabbeln - sich auf allen Vieren bewegen - Kreisel, Zirkel - Gerät um den Acker einzuteilen (Furchenbreite) - abgewinkelte Gabel, um den Mist vom fahrenden Wagen zu ziehen. - geflochtener Korb, «Öpfelkratte», «Kriasekrättle», «Krättlemachar» - Korbmacher - Futterkrippe, Darstellung der Geburt Jesu - kreisen, Kreis - «s Höü kroset» von kraus - reicher, geiziger Mann, Krösus - kl. Geschenk, Süßigkeit, von Kram - Mehlspeise, Kaiserschmarren - kleine, meist nutzlose Dinge Küstle - nennt man den liegenden gemauerten Rauchabzug des Kachelofens, auch Ofenbank genannt. Manchmal auch den oberen Teil des Kachelofens auf dem allerlei getrocknet, erwärmt und warm gehalten wird. «Küstle», kann auch sein ein Gesims aus Stein oder ein Brett an der Wand, das als Ablage dient. «Küstle» leitet sich ab von Hypocauste, so nannten die Römer ihre Fußbodenheizungen - Teil des Spinnrades - merkwürdig, sonderbar Kunkel kurios Kudr - Auswurf von Schleim z.B. bei Bronchitis, Abfall beim Hanfbrechen Kudrtrückle - Holzkistchen mit langem Stiel, wurde vor allem von den auch Spöüztrückle «Tschickern» (Kautabakessern) benötigt kugele Kumede, Komede kützle Kutze Kutzemusar - Kinderspiel mit irdenen und gläsernen kleinen Kugeln - Theater, überraschendes Ereignis «Gestet hemr a ghörige Kumede bejanand kett.», unüberschaubares Durcheinander - kitzeln - grobe Wolldecke - Apfelsorte; besonders dickes Kleidungsstück z.B. Mantel 25 L lamentiire Larve Lätsch läfere Läferar Latsche lächt Lägele, lägele Lache Lacheloh Lämmel lampe leaz Lebrosehus leacher Lederar lis lidere Lismar Liible libig - jammernd gestikulieren - Maske, Gesicht - «Schwobelätsch» - Knoten; ein beleidigtes Gesicht machen, «was machst ou duflir an Latsch» viel reden, nichts sagen Schwätzer von dummem, sinnlosem Zeug Legföhre; Schimpfname -lieh, «rotlächt» - rötlich, «langlächt» - länglich Jauche, Jauche ausbringen Pfütze Jauchegrube ein Stück z.B. Wurst oder Brot hängen, herunterhängen falsch, unrichtig, nicht gut Haus der Leprakranken, Landspital Bregenz loabe, Loabat - nicht aufessen, übriggebliebene Mahlzeitreste «des gloabet ischt besser as des geasse» - es ist gut, etwas Übriggelassenes zu haben. - «triele» - Speichel oder Speisen aus dem Mund rinnen - rütteln, wackelig, locker, nicht gut befestigt - weich, löst sich auf, Schnee bei Tauwetter - Brotlaibchen, «Herelöable» - streunende Hündin - brünstig z.B. Rind löübe lotere, loterig lösch Löable Löütsch, löütschig löüfig Load, loadig, load- Leid, schlecht gelaunt sein, «loadig si», «eapas z load tö» - ausgetrocknet, (bezeichnet bei allen Behältern und Gefäßen aus Holz das Schwinden desselben) - Apfelsorte - zu wenig gewürzt bei Speisen, ohne Geschmack - gerben - Strickweste - Leibchen, Jakett - fett, faißt, dick Loatsch, - liederliche Frau, liederliches Mädchen Löatschle Loatsche, loatsche, loatschig, veriotsched - abgenützter, ausgetretener Schuh; latschen, gehen; zerschlissen, ausgetreten bei Schuhen Loast - Schuhleisten Loase lose Loatsoal Lonarle loadwerke - eingedrückte Fahrspur z.B. im Schnee - horchen, hören - Leitseil, Teil des Pferdegeschirrs - Radsicherung am Wagen - etwas anstellen, jemanden etwas zu Leide tun Liecht - «Kirzeliecht» - Licht liecht, usliechte - lichter Wald, Bäume auslichten (lichter Wald - heller Wald) liecht - leicht, wenig Gewicht lüche Lohe Lorkäsle loh, loht, glöh löame, Loamsüdar - auslichten von Pflanzen z.B. Mais, Heu kleinweise aus dem Heustock ziehen. - Gerberlohe; Feuerschein, Feuer, «as brennt liechterloh» - verbrauchte Gerberlohe (Baumrinde) in Formen gepreßt und getrocknet (Brennmaterial) - läßt, gelassen - schwerfällig, langsam, langsamer Mensch Löre, Lüre, Glöre- beim Mosten wird ausgepreßte Maische mit Wasser angereichert und anderntags noch einmal gepreßt loufe - gehen lugg Lugge lützel Lusar luege lüttere lupfe - locker «nit lugg lo» - nicht locker lassen - Lücke - wenig - Lausbub, Lauskamm - schauen - läutern, säubern, zweiter Brand beim Schnapsbrennen - heben, tragen, «Hoselupf» 27 26 Lude - altes Wort für Lust. Bei uns ist das Wort nur noch in drohender Form bekannt, wenn etwa eine Mutter zu ihrem Sprössling, der etwas angestellt hat, sagt: «Du wirst denn Lude hea, wenn zobet d Dädd hoamkut!» - windig, wehen Miat Mies minder Mikte Mirz moan Mog Moikeafer Molle mords möt,mät Mose Moltschere Momele montsche, mantsche möüle moriksle Mores - Viehfutter, z.B. zerhackte Rüben, Kürbisse usw. - Moos - schlecht, wenig; «s Weattr wird minder» - schlechter «hür gitt as minder Höü asfeand» - weniger - Mittwoch - März - morgen - jammernde, ewig unzufriedene Frau - Maikäfer - Stier - von Mord, «an mords Stach, mords Kaib, mords Kog», z.B. - möchte - Fleck, Mal - Birnenbrot - Süßigkeiten - kauen ohne Zähne - laut schreien - jemanden unsanft behandeln, quälen luftig, lufte M marod mariasche maschgere mampfe Maläscht Malter mahre mahr Mahreneascht leicht krank altes Kartenspiel sich verkleiden unschön und viel essen Schwierigkeit, «des heat mr Maläscht gmachet» altes Maß, Holzgefäß, Mörtel warten, zuwarten abgelagert, reif, mürbe, weich, z.B. bei Obst, Käse ausgepolstertes Nest oder Versteck um hartes, unreifes Obst ablagern und reifen zu lassen. (Jeder von uns Brüdern hatte sein eigenes, verstecktes «Mahreneascht», Das konnte sein im «Bleazufzug» in einer alten Truhe, auf dem «Ströüestock» in einer Höhle, oder im «Schopf» hinter einem Maischefaß. Die Nester waren stets mit Lumpen oder Heu gepolstert.) - einer, der großes, handwerkliches Geschick hat, ohne eine Lehre absolviert zu haben - Wiese; Gras oder Heuzeile; dünne Zeilen aus halbdürrem Heu machen - mähen - Metzger, «Meksar, wetz mr s Meksarmeassr!» - danke - laute, lange Unterhaltung, Weihnachtsmette Mächlar Mahd, Mahde, mähdele meije Meksar merse Mett, Mette, Dermette - «J wir dr Mores lehre» heißt etwa: Ich werde dir zeigen, wer Meister ist, oder: Ich werde dir gutes Benehmen beibringen munggilebru - undefinierbare Farbe, «munggilebru bis schiißdräckgeal» murkse, abmurkse, Murksar - schlechte Arbeit leisten, töten, Arbeiter der alles verkehrt macht Mulaffe - «der heat ou no Mulaffe foal», sagt man zu jemanden der sich bei Festen, feierlichen Anlässen usw. unpassenderweise in den Vordergrund drängt - gesund, frisch, wach - leicht kränkelnd - schimpfen - eckiges Holzgefäß («Moltschere») - mit ihm wurden tiefe Löcher in die Ackererde gebohrt (Im Ried stand das Grundwasser in den Löchern, sodaß die Mäuse darin ertrankea Durchmesser der Löcher etwa 10 cm.) 29 mengsmol - viele Male, manchmal meangge, meanggig, Meanggar - jammern, Nörgler Melkar - Wiesenboxbart Mentag - Montag mentig - von Sakrament z.B. hurementig, saumentig, hargotmentig, kogementig mis 28 - unangenehm, schlecht muschbr mutlig mule Multe Musbohrar Musar mugge Muzzila, Muzz muzzele müge, mügig müchtelig, Müchtelar Munzela, Mumsala - Mäusefänger - Heureste auf der Wiese zusammennehmen - Kuß, liebkosen - gerne haben, nett, lieb - vermodert, feucht, schimmlig, Schimmelgeruch verbreitend, Schimpfname für langweiligen, nicht unternehmungslustigen Menschen - Fuseln, z.B. unter einem Bett nommas notig nötig notles nütig nüt, nünz nüschele Nüster - etwas - geizig, «an notiga Kog» - notwendig, «der heats nötig» - in Eile sein, «der heats notles» - schlecht, «an nütiga Siach» - nichts - flüstern, etwas suchen - Rosenkranz - kurzer Schlaf - wühlen, stöbern - Lustenau Nuggel, Noggel - Sauger, Babylutscher Nupparle nuhle Luschnou Nuschlou N namol, noamol nät, nacht nate, nachte Nascht Natpibolar - noch ein Mal gestern Abend, vorige Nacht dunkelwerden Ast Nachtvogel, Eule. Zu Kindern, die abends nicht ins Bett wollen, sagt man: «Gond is Bett, sus goht öü d Natpibölar i d Höör!» - wackeln - spielerische oder tändelnde Arbeitsweise, meist auch mit einem unzureichenden Werkzeug - durchgehend, bis zum Ende, z.B. «nanna usse is Ried heat as greanget.» - eiterndes Fingernagelbett - Großmutter - Großvater - schwer, wuchtig, groß - wässern, gießen - verrückt - Stirnfalten - zweiter Feiertag an Hochfesten, z.B. Ostermontag - Guten Abend, (Gruß) - kurz und leicht schlafen - fast, schier, nach, «i bi nöö gstorbe vor Angst.» - nachher o Oacharle Oamer Oachelekaffee oas, oan, oane oabar oalfe, oalf Oaße Obs Oferöhrlar Ofekatz Oggseoug Omahd Omahdstengel, Übrigstengel Ohreschlüfar Ohreglonggar Oier Ostnar ordile - Eichhörnchen Eimer, Holzgefäß, Maß Kaffeeersatz aus gebrannten Eicheln eins, ein, eine ohne Zutaten, einbar, pur elf Uhr, elf Furunkel Obst aufgewärmter Kaffee Mehlspeise Spiegelei (Ochsenauge) zweiter Heuschnitt Fruchtstand des Wisenbärenklau naggle näggele nanna, nanno Nagelbröü Nana Näne nervig netze nersch Nibela Noheiligtag Nobed nore noo, nooch nohar 30 - Ohrwurm - Ohrschmuck, Ohrgehänge - Eier - Ostwind - ordentlich 31 Roßripp - Spitzwegerich - Rain, «am Roh», «im Röhle» - Pferdekot - Stück, Teil z.B. Brot - von räumen, z.B. Reste von angebräunten Speisen in der Pfanne - schnell fahren oder laufen, «laß ruaßle» - ruhig - Runkelrübe; Schimpfname - Schimpfname; Wortspiel, Wortreim, besteht aus den Wörtern Runggel - Runkelrübe und Kunkel - Teil des Spinnrades. Ähnliche solche Wortspiele oder Reime sind: «holterdipolter, holperstolper, rumpes stumpes, rumpel pumpel rapedikap, usw. - Unke - Kruste auf einer Wunde - kümmerliche kleine Tannen und Fichten, «Rutze houe» nennt man auch das Säubern von Vieh- und Alpweiden von durch Flugsamen gewachsenen kleinen Fichten und Tannen R rantsche, Rantsch räple, Räplar räß Rallemus - viel und unnütz unterwegs sein, Frau die selten zu Hause ist - schälen von Baumrinde, Rindenschälwerkzeug - scharf, stark gesalzen, «räße Käs» - Mehlspeise Roh Roßbolle Rongge Rumat ruaßle rüabig Runggel Runggkunkel renke, Rank, - lenken, Kurve, Runde Ränkle ratsche, Ratsche - ratschen am Karfreitag, tratschen, Karfreitagsratsche «Rätschwib», Rätschkachel»; vrrätsche - verraten rangge Rabbe, Rabb Ralle, Rolle radibuz rapedikap reare, räre Reaf Renkschitt Reaketedohs riepse ribum ring, gring rööß röafle, Roaf - unruhig sitzen, hin- und herrutschen - Raben; schwarzes Pferd; aufgetakeltes Mädchen - Kater - alles - überstürzt, Hals über Kopf - weinen - Traggestell aus Holz mit Schulterriemen - Teil des Wagens - Wachholderzweige, wurden früher zum Räuchern des Specks verwendet - scheuern - Tauschhandel ohne Aufzahlung - leicht, schwächlich, klein gewachsener Mensch - sehr, fest, viel, stark, «as luftet hüt rooß» - Spiel mit alter Fahrradfelge Rudeguggar Rufe Rutze s spaniire, spanifle spatzseckle, Spatzseckl Spridla Spaseage Spinnewebb, Spinnebebb Spöütztrückle Spealte Spuntus Spore Spitzbira - auskundschaften - altes Spiel - fein gespaltenes Brennholz, Holzschiefer - Spannsäge - Spinne, auch Spinngewebe siehe «Kudrtrückle» grob gespaltenes Holz Angst Stoppeln; Teil des Reitsattels Rouchkesse, Rouchkessel - kleiner Rauchofen, (der Rauchkessel wurde an die Deichsel des Wagens gehängt um die Bremsen und Riegen von den Zugtieren fernzuhalten. Verbrannt, das heißt in Rauch umgewandelt wurden vor allem alte Schuhe und Lumpen) roufe, Roufe - streiten, raufen; Futterraufe Rotzhötl - derbe Bezeichnung für Taschentuch Röslebira 32 - Birnensorte - Birnensorte 33 Spunte - Zapfen des Faßes, ein mit Mehl, Obst usw. nur zum Teil gefüllter Sack. Auch zu einem kurzen, festen Bub sagt man «Spunte». - Holzverbindung, Spundwand, gespundeter Boden (Riemenboden z.B.), die Verbindung des Faßdeckels zum Faß ist gespundet. - dünne Waden laufen spähen Fernglas, Fernrohr freigiebig freigiebig wenn ein Redeschwall vermischt mit Speichel aus dem Mund kommt «mach ka Sparglamenter» - mache keine Dummheiten, räume das Feld, gib den Widerstand auf handeln, feilschen, markten; anrüchiges, unehrliches Handeln schräge, windschief, von scheel «der heat mi scheal agluget», «s Fuder ist schealb glade» «d Tür ist schealb» Scherenschleifer naschen schimpfen, derber Ausdruck für Mund Spund, Spundung Spatzewädl springe spechte Spektiv splendit spendabel spudere Sparglament schaggere scheal, schealb Schereschlifar schnöügge schnorre, Schnorre Schnorrewagglar schnorrle, usschnorrle Schapf, Schaff schwere schnädere schnattere schlättere, Schlättere schlottere schliete, schlietle schlifisele, Schlifisele Schiatze schlorgge, Schlorgge Schlotzar schlotze schloapfe Schlupfar schlüfe schlenze Schloufe Schiute Schmuttere Schmearbuh schmöüselig Schmirbe, Schmürbe Schmuz, schmuzig Schmalzbläckta Schmeala Schmelgar, Schmutzar schnelle Schnellar Schnitzkichera schnudere schnüze Schnifele Schnitzbrüh schnufe rodeln, schlittenfahren schlittschuhfahren, Schlittschuhe geronnene Milchteilchen aus dem Euter der Kuh nachschleifen der Füße beim Gehen, alte zerschlissene Schuhe, «lupfd Füaß, schlorgg nit so!» Kinderschnuller, Lutschbonbon mit Stiel lutschen, saugen ziehen, schleifen, schleppen, Holz ziehen z.B. Muff (zum Warmhalten der Hände) schlüpfen werfen, schwingen Schlinge, Schlaufe Rock Narbe, Absplitterung an einem Emailgeschirr z.B., Wunde an einem Baum - Dickwanst, «Schmear» - Schmalz; Fett - fettige, schmutzie Haare, unsaubere Kleidung z.B. - Kreme Schmirbetrückle - kl. Holzkistchen mit Wagenfett - Schmalz, Kuß, fettig - Wiesenunkraut - versch. Grasarten - Apfelsorte - knallen - Stachelbeere - Gericht aus gedörrten Birnen und Bohnen Rotznase hochziehen schneuzen kleines, geschnittenes Stück Brot oder Käse z.B. Brühe gesottenerDörrnbirnen.Name wird auch abwertend gebraucht für vielerlei Getränke und Flüssigkeiten. - atmen 35 - - Dampfplauderer - entfernen der Zweige bei Tannenästen z.B. - kl. Holzkübel - fluchen, von schwören - langandauerndes Erzählen - Laute der Gans, Redeschwall bei Frauen, zittern - schütteln, ausrutschen, fallen, Rausch - zittern, «ar schlotteret vor Angst» Schluechta - lange Triebe einer Pflanze, z.B. Brombeere Schlietegrennar - geschnitzter Kopf an einem herrschaftlichen Schlitten, ähnlich einer Galeonsfigur; Schimpfname für jemand, der unerwünscht ist, sich ungebeten einer Gruppe anschließt. Der Letzte. 34 Schnidesel Schöwinkel Schöbändt schore, Schorgrabe Schopf Schoche scholdere Schopploch Schrabnell Schrunta Schbage Schear Schelfere Scheafe, abscheafe Schiihuat Schick schitte, Schittrhufe Schindelise schiniire, scheniire Schickse - Schneidebank mit Haltevorrichtung - Scheinwinkel bei alten Fensterläden z.B., (es sind Verstärkungen der Eckverbindungen) - Scheinband, Türbeschlag - Mist entfernen im Stall, Mistrinne - Schuppen, Haarschopf - Haufen, «Höüschoche», «gschochetvoll» - übervoll - drängen, weiterbefördern, «Scholderar» - Kegelbursch - Futterloch zwischen Tenne und Stall - Geschoß, Schimpfname - Risse in der Haut der Innenhand, bes. an den Fingern Schnur, Spagat Maulwurf Haut, Schale von Früchten, Schimpfname Schale, «Kicherescheafa», abschälen Schwetar Schürpela, Schüppela Schrage Schrote Schwärtela Schwärtling - Pullover - Haarschuppen - Schope, Schöple - Rock, Röcklein Holzgestell, z.B. Bett, Bahre usw.; Schimpfname Werkzeug um den Heustock zu zerschneiden z.B. «Türkeschwärtela» - Umhüllungsblätter des Maiskolbens Außenbretter, die beim Einschneiden des Holzes entstehen und fast zur Gänze aus Baumkante bestehen sempere, semprig, Semperar - sich Zeit lassen, Herumtrödler - schlecht gelaunt sein, von seltsam - eigensinnig, selbstherrlich - Säge - Sense wund, schlecht heilende Wunde, wundgelaufene Füße Fensterbrett, Ablagebrett, Fachbrett schockoladefarbenes, süßes Nebenprodukt in der Käserei verschwenden, verschütten, vergeuden Samen Seifenblase freches Mädchen Landspital Bregenz Ferkel eine aufgeblasene Schweinsblase an einem Stecken war früher ein wesentliches Fasnatutensil unsittlich reden Birnensorte, Extraschnaps Sauerampfer häßlich sieden, Sud, leicht sieden, eine Wunde mit Ausfluß «sütterlet» gemächlich, langsam sein, gemächlicher Mensch sudeln beim Schreiben Lutschbonbon herumstehen, ohne Eile sein sealze sealbher Seage Seagas ser Simse Sig sode, gsodet Some Soafeblotere Soachtäsche Siachehus Süle Sublotere Suglogge lütte Subira, Subirar Surampfl sündwüascht süde, Sutt, sütterle südere, Südere sulfere Sugarle sumse, sumsig, Sumsar Sürfel stöane stoanig - leichter Sommerhut aus Stroh - abgebrochenes Stück Brot z.B. - Tätigkeit mit Beil, Scheiterhaufen, Mehlspeise - Schindelspalteisen - schämen - liederliches Mädchen schiege, vrschieget Schiegar - beim Gehen einen Fuß nachziehen, einseitig abgelaufene Schuhe, jemand der einen Fuß nachzieht, im übertragenen Sinn - wenn etwas nicht mehr richtig funktioniert, nicht mehr gerade läuft. Schamützl - Papiertüte, kl. Gefecht im Krieg Schese - Kutsche, Kinderwagen, Schimpfname Schwarzachar - Apfelsorte Schwozarmus 36 - Mehlspeise - Schluck - aus Stein, Steinfigur, Marmorboden usw., «an stöanena Bode» - steinig, viele Steine, «an stoaniga Weag» 37 Stoanat strible stöh stocke Stebel Stabelar Stehle Star - Geröllablagerungen der Bregenzer Ache z.B. - strampeln - stehen - gerinnen z.B. von Blut oder Milch - Stab; ausgeschossener, schlanker Bub - alter Name für Stuhl - Gestell, Ablagebrett, Fachbrett - rundes Holzgefäß mit Vorrichtung um die Körner vom Maiskolben zu trennen; altes Maß Steage Stäffel - Stiege - Stufe u Ugfell Urschl ugwährle utrease uhoamle uhandle uflease Uneglar Ukrut Üle Ülesoach usschoppe üssere usloh usku überku ufstifere Ufzig, Ufzug - Unglück - Ursula; gebraucht für ungeschicktes Mädchen - ungeschicktes, gefährliches Hantieren mit einem Messer z.B. oder mit offenem Feuer, «iz dur doch nit so ugwährle» - unanständig, ausgelassen - unheimlich - nicht handlich - auflesen z.B. Obst - Kälteschmerz an Zehen und Fingern - Unkraut Eule abwertend für Getränk ausstopfen, «laß di usschoppe» äußern, jemanden ausschließen standapee - sofort Strigel, strigle - Viehputzgerät, bürsten Stande, Ständele - Bottich aus Holz, Eimer um Kraut einzumachen Stahl Ströüe Stopfar Strähl, strähle - Stall - Streu, ungedüngtes nur einmal im Jahr gemähtes Riedheu - Riebel - Kamm, kämmen Strickbira - Birnensorte stoare, Stoare - wühlen, suchen, rühren, Baumstrunk, alter kranker Baum Studie - weißes Tuch, das früher zur Trauerkleidung der Frauen gehörte stuchewiß Stumpe, gstumpet Storze strub, gstrub stifere stiire stübe staliire strudle, Strudel Stubat, Stubatbuab 38 - blaß im Gesicht - ein nur z.T. gefüllter Sack z.B. Mehl, kurze Zigarre; kurz, klein, «Dm Lümple ghört s Stumpfe» - Strunk von Pflanzen aller Art - ungekämmt, ungepflegt, struppig, «Strubebuabe» - anstiften, aufhetzen - glotzen, glaren, ausdruckslos schauen -stauben,-Rausch, «er heat Stoub im Huat» - sich ereifern, um sich schlagen - Wasser das kocht; gischtschlagende Wellen bei Hochwasser; Wasserwirbel mit Sog; Mehlspeise - Besuch; Verehrer, der regelmäßig seine Angebetete in deren Elternhaus besucht - auslassen, z.B. Vieh auf die Weide - auskommen, sich vertragen - bekommen - aufwiegeln, anstiften - Dachboden. Der Dachboden war Lagerraum für Brennholz, Mais, Weizen, Tresterkäsle und vieles andere. All das wurde mit einem Seil, welches über eine Rolle lief, aufgezogen W waggse waggse Wäzlat wähne - wachsen, «der hört s Gras waggse - aus Wachs, «d Schi waggse», «a wäggsene Kirze» - Übrigbleibsel beim Butter schmelzen - meinen, glauben 39 wüggse, wüggsig - wüchsig, «s Bammle ischt wüggsig» wäh Wangnar Windebrügel Wiesbomm Wisbira Witfeldera - gut angezogen, nobel, elegant, «an wäha Ma», «der ischt wäh binand» - Wagenmacher - Teil des Heuwagens - Teil der Ausrüstung eines Heuwagens - Birnensorte - Birnensorte wüascht Wuetas - häßlich - das wilde Heer, Wodan (germ. Gott). Wenn der Sturm nachts heult und an den Fensterläden reißt, hört man noch manchmal: «S Wuetas ischt dußa.» Wenn wir Buben durchs Haus tobten und lärmten, konnte unsere Mutter sagen: «Ir dondjo as wis Wuetas. - Ausdruck des Erstaunens - Ausdruck des Erstaunens wolback wolvere Welschepflumma, Welschekichera, Welschenuß - Sorten ihrer Art mit besonders großen Früchten welleweag - doch noch, sowieso, selbstverständlich wesr - geschmacklos, trocken, hölzern, bei Rettich, Bohnen usw. wela, wele Wehle wehrte - welcher, welche - Wunde - wehrfähig, regsam z zalb Zalp gsi zab-ander zänne zapferäs zättele, Zatte, Zättele zehre zette Zettfuader Zeggar Ziach Ziischtag Zilat zittig Zigore Zick Ziegere Ziegerehund zmol zminder zöüchle zu, «zalb-zweita», «zalbfiifta» usw. zu Alp gewesen - den Sommer auf der Alpe verbracht zu zweit weinen, zornen sich in Gärung befindlicher Most - aus halbdürrem Heu kleine Heuzeilen machen, Heuzeile - reißen, «abzehre» - abreißen, «uszehre» - ausreißen, «Uszehre» Tuberkulose - gemähtes Gras oder halbdürres Heu gleichmäßig mit der Heugabel ausbreiten - halbdürres Heu wird auf einen Wagen geladen, um es vor dem Nachttau oder einem Gewitter zu schützen - Tasche - Bettüberzug - Dienstag - Ackerfurche, Buchzeile - reif bei Obst - Kaffeersatz - unguter Beigeschmack bei Most z.B. «Faßzick» und andern Getränken, auch bei Speisen - Nebenprodukt bei der Käsebereitung, Quark, Topfen - hölzernes Gerät, Vorrichtung bei der die Ziegermasse durch ein Sieb gedrückt wird. - plötzlich, zumalen - zu schlecht - von ziehen, locken 41 wette, mötte, witt, wender - möchten, wollen weage - Weg machen, Schnee schaufeln; Gewicht nehmen Weaps - Wespe Wetzstoaschlifar - Übername der Schwarzacher wislos - vergeßlich im Alter, kindisch durch Verkalkung wimsle windsch wodle Worb woade, Woad Wösch woalle, walle Wusch wüsche wühsche, Wuhsch 40 - wimmeln - verdreht, windschief - flattern, wedeln, z.B. Haare oder Blätter im Wind - Sensenstiel - weiden, Weide - Wäsche - schnell - «an Wusch Höh» - eine Gabel voll Heu «an Handwüsch» - soviel man mit den Händen fassen kann - wischen, schlagen - wünschen, Wunsch Zönggel Zoane Zuber Zühmeasser zünzle Zwickar Zwick zwider Zübela zwerescht, vrzwerescht ze-ije, Ze-ija - etwas Herunterhängendes z.B. hängende, grüne Rotznase - geflochtener Korb mit zwei Henkeln - gr. Bottich aus Holz, «Suzuber», «Waschzuber» Zugmesser wenn Kinder mit Feuer spielen z.B. bügellose Klemmbrille Zwitterwesen; dünne feste Schnur, (Ende der Peitschenschnur) schlecht gelaunt sein, zuwider sein Kinderreime Anna, Pfanna, Kesselboge A Vögele hocket ufemDach was se se-it ischt alls vrloge, und luaget wie ma Küechle bacht. goht is Gade D Küechle sind schö bache, holt an Fade, s Vogele foht a lachee goht is Tenn dö kut a n-alte Fleadermus henkt a Henn, und riißt dem Vögele s Schwänzle us. goht id Kucherührt a Mues S Vögele schre-it: o weh, o weh, mit dem lingge Töpefueß. iez hea ni gär köa Schwänzle meh! As reangelet, as schneeijelet, as goht an kühla Wind und wenn de Guggar d Möadla holet denn ischt as ou koa Sund. Rädle, Rädle louf gfunde, gstohle, koufl. Rita, rita, Rößle! und alle Z Wange stoht a Schlößle, z Riedeburg a goldes Hus, luagend dre-i Mareija drus. Oane spinnt Side, oane höklet Kride und oanefohtde heilig Sunneschi. Rita, rita, Rößle! Z Wange stoht a Schlößle, z Riedeburg a Koppele, d Moadla tragend Schappele, d Buabe tragend Moije d Henna leggend Oier d Wiber neamend s us und d Hearre schleakend s us. Ringa, ringa, reiha, s Kätzle goht ga meija; d Muetter ischt a Schwizare und heat an Stahl voll Gizele und alle machend mäh! Ringa, ringa, reiha, s Kätzle goht ga meija, hocket underem Holderstock, machend hock, hock hock! I und du und Müllars Kuh und Müllars Esel, der bischt du! Hanne uf er Tanne heat an Vogel gfange, friaßt e nit aloe und gitt dem Kindle ou a Böe. Michele, mächele, brunzt is Kächele, sKächelerinnt und s Michele stinkt - Zwiebeln - quer, verkehrt - hageln, Hagelkörner Einige Umstandswörter und ihre Abwandlungen omma oba unda uffe abe uffar abar domma dunna homm hunna doba hoba ine uße oben oben unten hinauf hinab herauf herab droben drunten heroben herunten droben heroben hinein hinaus inar ußar dinna dußa hinna hußa inna ussa hinda voanna umme ummar deanna heanna herein heraus drinnen draußen herinnen heraußen innen außen hinten vorne hinüber herüber drüben herüben 42 43 Annele, Annele, wo bischt gsi? Hinderem Hus im Gärtle. Wer ischt gär alls be-i der gsi? A Mandle mit am spitzige Bartle. Was heat as be-i der to? Rabbe, A spitzigs, spitzigs Fürzle glo! Adam und Eva Kumm fahrend mit der Schesa, d Schesa gäget um und d Adam ischt krumm. Abraham und Isaak schiißend in Papiirsack, d Papiirsack loht und d Abraham goht! mit Hoale, hoale, Kälbledräck, bis übermoan ischt gär alls weagg. (während des Singens wird das Weh-Wehchen des Kindes mit Speichel befeuchtet) Rabbe, s Hüsle brennt, As sind no sibe Junge din, Stroh ga lösche! Seppatone, großa Ma, heat a kurzes Hämple Ferdenant, schiißt i d Hand, würft de Drück is Schwöbeland. Edewart, heat Krotta im Sack. a. Hettest gloset, heftest ghört, hettest d Ohre nit vrstört. Kängelbacher, Hosekrachar, Zübolebißar, Hoseschiißar! Schneagg, Schneagg, krüch us! streck alle sibe Hörner us! So stoht de Tisch, so schwimmt de Fisch, goht Gige und so d Ohrefige. so Wenn des Wörtle wenn nidd wär, war Hennedräck Zucker und Kühdräck Butter. Fingerzählreim: Dear ischt is Wasser gfalle, Fina, patschina, dear heat en ussarzoge, heat Bobbestrümpfle a, dear heat en hoam tre-it, vrrissene, vrschissene, ... dear heat en is Bett gle-it, ' wo si sealber numma ma. und der klänne Butzl heats der Mamma gse-it. Vögele, Vögele, bick am Bömml As hockt a schöne Jungkfrou dömm. As kut an Bear vo Konstanz hear und büßt des Kindle gad dohear. Schenke, schenke, nümma gea. Sälzle, Schmälzte, Tupf, Elleboge, Tatsch! Lisele, Lisele, lupf d Fueß, wenn in mit der tanze mueß! Geabart, Geabart, butz de Bart! Moan a morge ischt Sumart. 44 Als vor etwa hundert Jahren viele Si machend allad quack, quack, quack. Italiener aus dem Trentino und dem Val Sugano nach Kennelbach kamen Tschuppatone, hempre pemp, viele wohnten auch in Wolfurt «im schiißt i d Hose, soacht is Hemp Quartier» -, kam es öfters zu Zwistigkeiten zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen. Die folgenden VersKarlema, heat Hosa a lein dürften aus jener Zeit stammen. und unda krumme Füaßle dra. Italienar, Benedikt, heat Nudla zwickt. böse Kaibe;; Buch ufschniide, Kutla trucke, Kateri, loht d Henna us und i. alls vrschlucke! Tone, gugg, was hone? Tschingga la more heats Füdle vrlore Sukegel heats wiider gfunde, heats a nan Bomm ufe bunde. Madlää, hender ou Henna mit Zäh? Ne-i mit Schnäbl, Bäbl! Liedchen: Hinat heane hinder hure Hanse Hütte O Italiano, hundert hungrig O ma bunella, hoorig Hase höre huste. Vögele fifa bis nach Amerika. Solang as Krut und Knöpfle gitt vareckend d Schwöbe nit. , , „„ Du heascht welle, iez schleack Kelle! Jokl mit dr Gige! Jokl mit dm Baß! Jokl heat id Hosa gschiasse! Jokl was ischt das? Judespöüzar hinderem Trog, wenn fürar kuscht, denn bischt an Kog. 45 Toblerantus, Bommbickus, drü Negel, Machend, wie der künnend! Durchs Jahr Neujahrswunsch I wüsch der a guets Nöüjohr, daß lang leabscht und gsund blibscht und, wennd stirbst, in Himmel kuscht. Spruch der Buben nach Gallustag Galletag ischt gsi, was i find ghört mi! Nu nidd hudle vor em Sterbe! Do Oa Holz git koe Krüz. künntescht gat Hooröl soache! Klänne Krotta händ ou Gift. Mit Esel späret ma d Roß! Nikolausgebet Vatter unsar, der du bischt, i woaß scho, wer de Grampus ischt, d Grampus ischt an Tüflma, wo alle Kinder packe ka. Was ma nidd im Kopfheat, heat ma id Füaß! Deam künnt ma underem Loufe d Schuh sohle. (Wenn jemand sehr langsam ist) Du kascht ga schiiße, wo nas gmeiht ischt. Vu der Arbat loufe, wie s Kind vm Dräck Dostoh, wie an Ölgötz Load, wie Sudräck Fasnatspruch Maschgere, Maschgere, roll-oll-oll, schiißt d Hafe ebe voll! Alter Silvesterbrauch An Silvester war es wichtig, zeitig Spruch der Funkensammler He, he, pfifato, früh aus den Federn zu kriechen. Buschla oder Stroh! Der Erste, der aufstand war der «Stubefuggs». Das war ein EhrenSo wird de Funke ho! titel. Schlief noch einer in den Vormittag hinein, so schlichen sich die andern mit Pfannendeckel und Nachtgebet* andern geräuschmachenden Utensilien Heiliga Sankt Vit! an dessen Bett und machten auf ein weck me zur Zit! Zeichen des Stubenfuchses laute Katzenmusik. Sie riefen und johlten. «Sylvester, Sylvester!» Der Langschläfer Nit zfrüh und nit z spoht, wurde den ganzen, weiteren Tag aber vor de Strudel agoht. *das besonders Kindern, die zum Bettnässen geneckt und Silvester genannt neigten, anempfohlen wurde. Mit dir ischt ma gstellt, wie a Dorf mit am nersche Pfarar. Ar hört gat s Gras waggse. Stur wie an Bock Dümmer, as d Nacht Dümmer, as Sudräck Ar goht mit der Kirche ums Dorf. (möglichst umständlich) An Kerle, wie an Gäge Der will glei Tür uss'er Angel hebe. (aufs Ganze gehen) Mit der Tür is Hus falle. . . Usseahe, wie an ghenkta Jud Zoege, wo Bartle de Moscht holet. . . Lüge, wenn ar s Mul uftuet Red oder schiiß Buhstabe! Ageo, wie sibe nackig Negar Du hinderfüra Voaderwäldar! All reacht, wie de Bettschiißar Di wird ma o


Heimat Wolfurt Heft 05 1990 April
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 5 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 90 SCHLOSS WOLFURT auf einem Foto aus dem Anfang unseres Jahrhunderts. So hatte der Bregenzer Kaufmann Jakob Huter 1856 das alte Schloß umgebaut und den massiven Turm mit einem romantischen Zinnenkranz im «Neuschwanstein»-Stil geschmückt. 1936 bekam der Turm seine heutige Form. Das Schloß ist 1939 abgebrannt. Inhalt: 13. 14. 15. 16. 17. Schlösser in Wolfurt (Heim) Pfarrer Barraga (Köb) Pfarrkirche (Heim) Autos (Heim) Chronik (Engelbert Köb) Zuschriften und Notizen Wie hoch ist der Wolfurter Kirchturm? Eine Reihe von Anfragen befaßte sich mit der in Heft 4 veröffentlichten Planskizze aus dem Pfarramt, die die Turmhöhe mit 57,30 m angibt: «In der Schule haben wir gelernt 65 m!» Ein erfahrener Handwerker berichtete sogar, wie er einst vom «Giggolar» bis zum Friedhof herab ein Seil ausrollte und nachher abmaß: 63 m. Mit modernsten Meßgeräten hat daher Karl Hinteregger den Turm im November 1989 noch einmal abgemessen: 56,92 m. Ein Gruß daher an alle Heimatkundelehrer: Der Wolfurter Kirchturm ist 57 Meter hoch. Zu Kriegsende 1945 (Heft 3/36) erinnert sich Albert Köb (Mesmers auf dem Bühel): «Luise Bilgeri wurde nicht mit den beiden Soldaten in ein gemeinsames Grab gelegt, sondern einen Tag später allein ein paar Grabreihen weiter hinten beerdigt. Ich habe dem Totengräber beim Graben geholfen.» Mundartausdrücke (Heft 4/1) Besonders viel Aufmerksamkeit hat Helmut Heim mit seinem Beitrag gefunden. Manche haben fröhlich darüber diskutiert. ArminSchertlerund Celine Gliebe haben selbst ergänzende Beiträge geschickt. Wir bitten alle Dialekt-Freunde, uns weitere Sprüche und Notizen zuzusenden, damit bald eine Fortsetzung folgen kann. Weit in die Fremde werden manche unserer Hefte als Gruß aus Wolfurt verschickt, aus dem fernen Wien erreichte uns ein Brief: Lieber Heimatkundekreis! Vielen Dank für die Heimatkundehefte. Sie sind interessant, informativ und erweitern meine Kenntnisse in diesen Bereichen gewaltig. Allein die Entwicklung in den 28 Jahren, die ich von Wolfurt fort bin, ist unglaublich. Jedesmal wenn ich nach Wolfurt komme, hat sich wieder was verändert. Z. B. hat die Bregenzerstraße ein ganz anderes Gesicht als zu der Zeit, als ich noch zu Hause war. Überall entstehen neue Häuser oder Wohnbauten oder auch öffentliche Gebäude, wo ich mir dann überlegen muß, was da früher gestanden ist — wie es ausgesehen hat. Ein bißchen wehmütig berührt mich, daß die vielen Wiesen verschwinden, wo ich mit König 's Kühe hüten war oder mit den Freunden gespielt habe. Das Bächle in der unteren Straße, in das ich nicht nur einmal «abgestürzt» bin, vermisse ich auch—alles Nostalgie — lassen wirs. 1 DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Heinrich Köb, geboren 1946, Hauptschullehrer in Wolfurt Berichtigungen 1. Die Kapläne (Heft 4/71): auf einen besonders schlimmen Fehler weisen mehrere aufmerksame Leser hin. In der Reihe wurde unser besonders beliebter Kaplan Pius Fäßler vergessen. Ich bitte den fröhlichen Pfarrer von Au um Verzeihung. Er feiert heuer das 20jährige Pfarrjubiläum. Am 13. September 1970 ist er von Wolfurt nach Au eingezogen. 2. Druckfehler (Heft 4/62, Zeile 12): statt Gelände richtig «Geläute». Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Die andere Seite ist, daß es jetzt viel mehr Möglichkeiten gibt, ob Freizeit, Schule oder Erwachsenenbildung und auch ein reges Vereinsleben. Ich komme immer wieder gerne das «Hoamweh abstroafa» und Dialekt «uffrischa». Auch meine Söhne sind mit dem Dialekt vertraut, denn jeder von ihnen kommt gern ins Ländle. Meine Haupt- und wesentlichste Erinnerung an Wolfurt ist die, daß ich überhaupt noch am Leben bin: Im Jahr 49 hatte ich Diphtherie, die der Arzt aber nicht erkannt hat. Dank Schwester Epiphania kam ich dann im letzten Augenblick noch zu meinem Luftröhrenschnitt und blieb dadurch am Leben. Die anderen Erinnerungen beziehen sich fast alle auf Flatz' Isidor, der für mich Vater, Großvater, Freund, Kumpel war und viel zu früh gestorben ist. 1958 sind wir an die Ach gezogen, und ich 1962 nach Wien. Damals ist der Kontakt zu Wolfurt und den Wolfurtern leider abgerissen. Schellings (Gliebe) Celine versorgt mich mit Informationen (Hinweis auf den Heimatkundekreis), Zeitungsausschnitten, Festbroschüren über Wolfurt. Sie ist meine Hauptquelle für Neues aus der Heimat. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und bleibe mit herzlichen Grüßen Eure Helga Klement (Berkmann) Siegfried Heim SCHLOSS WOLFURT Auszug aus einem Vortrag im November 1989 Das Schloß auf dem Bühel über dem Kirchdorf prägt wesentlich das Bild unseres Ortes. Es ist Privatbesitz der Familie Schindler, aber es gehört doch auch uns allen. Sage und Geschichte Chronist Ferdinand Schneider nennt um das Jahr 1880 vier Schlösser in Wolfurt: «Vom Schlößle Holz bei Unterlinden weiß die Geschichte nichts.» Vom Schloß Kuien auf dem Rutzenberg kennen wir immerhin die Sage von der goldenen Schlange. Schloß Veldegg auf dem Hexenbühel im Oberfeld und Schloß Wolfurt sind durch viele Dokumente bezeugt. Zuerst die älteste Sage, die Weizenegger in seiner Beschreibung Vorarlbergs aus dem Jahre 1839 (auf S. 350) berichtet: «Unter den Familienmitgliedern pflanzte sich die Erinnerung fort, daß die ursprünglichen Wolffurth im 13. Jhdt. aus politischen Gründen Schottland verließen, und eigentlich den Namen M'Dewr the Wolf— sprich Mac Diur the Wolf— führten. Sie sollen nach Italien gezogen seyn, und sich später in unserem Ländchen niedergelassen haben, wo ihr Name in Wolvesford — Wolfsführe — und nach und nach in Wolffurth überging.» Es gibt keinerlei Beweis für die Echtheit dieser Sage. Aber tatsächlich durchzogen in jenen Jahrhunderten zahlreiche Ritter die Länder Europas, manche als Abenteurer und in Minnediensten, viele als Söldner und Söldnerführer. Ich verweise auf das berühmte Fresko von Ucello im Dom von Florenz, das den britischen Söldnerführer John Hawkwood («Giovanni Acuto») in florentinischen Diensten zeigt. Diese Sage von M'Dewr the Wolf würde erklären, warum der Name Wolfurt erst so spät um das Jahr 1220 auftaucht und zwar als Name einer Burg, während die Ansiedlung beim Kellhof schon lange bestand und nachweislich schon 1172 eine Kapelle St. Nikolaus besaß. 2 3 Ab 1220 tauchen der Name Wolfurt und das Siegel mit dem Wolf auf vielen Dokumenten im Raum von Lindau bis Konstanz und Pfullendorf auf und bezeugen ein mächtiges Rittergeschlecht. Thomas Lirer zählt es in seiner Schwäbischen Chronik zu den bedeutendsten Geschlechtern Schwabens. Das Lindauer Geschlechterbuch nennt es «fürnehm in der Ritterschaft des Landes Schwaben». In Vorarlberg selbst war Schloß Wolfurt mit seinem Kellhof und dessen selbständigem Gericht aber ein Fremdkörper. Der Kellhof war 1167 als Königsgut in den Besitz des Kaisers Friedrich Barbarossa gekommen und mit der Stadt Lindau Reichsgut geworden. Mitten im Montfortischen Hofsteig war er jetzt Stützpunkt der Staufer, die bei der Besiedlung des Bregenzerwaldes mit den Grafen von Bregenz konkurrierten. Wahrscheinlich waren Kellhof und Schloß auch Rastplätze am staufischen Kaiserweg über die Alpen nach Italien. Hierin könnte die ursprüngliche Bedeutung der Ritter von Wolfurt liegen, die sich zwar im Bodenseeraum einen Namen machten, in Vorarlberg selbst aber bei späteren Geschichtsschreibern kaum Beachtung fanden. Erst Burmeister richtete ab 1982 mit seinen Forschungen und seinen Veröffentlichungen «Das Edelgeschlecht von Wolfurt» (1984 in Lindau!) und «Die Siegel der Edlen von Wolfurt» (1984 in Eisenstadt!) die Aufmerksamkeit der Historiker auf das Wolfswappen. Er weist nach, daß die Wolfurter im 14. Jahrhundert zwanzig Burgen besaßen, allerdings in Vorarlberg nur ihr Stammschloß, aber zehn am Untersee und im Schwarzwald, neun in Ungarn und eine in Italien. 10. Jenny Samuel: Der Wolfurter Kelch in Pfäfers, LM-Jahresbericht 1888 11. Nigg Theophil: Der Wolfurter Kelch, Heimatblätter aus dem Sarganserland 1937/7 12. Rapp Anna: Der Meßkelch aus Pfäfers, Schatzkammer der Schweiz, Landesmuseum Zürich 1980/40 13. Vogler Werner: Die Wolfurter in Pfäfers, LM-Jahrbuch 1982 14. Weizenegger-Merkle: Vorarlberg 1839/1-350 Die goldene Schlange von Wolfurt Als erster hat Pfarrer Barraga 1834 diese alte Wolfurter Sage im Pfarr-«Catalogus III» aufgeschrieben. Er erzählt vom Schloß Kuien: «Von diesem Schloße sah man öfters eine goldene Schlange über die Felswand hinabschießen u. aus (dem) Rickenbach Waßer schlürfen.» Franz Josef Vonbun hat die Sage in Oberländer Mundart in Verse gesetzt. Die erste Strophe lautet: «Ob Wolfurt ist a Zwingburg gsi, sie ist jetzt frile zämmekeit und nur verwetterts Murewerk ist d'Loabat vu der Herrlichkeit.» Fälschlich verlegen schon Ulmer und nach ihm auch Burmeister die Sage vom Kuien nach Schloß Wolfurt. Die Überlieferung weist sie aber eindeutig dem nach der Sage im Jahre 1408 von den Appenzellem verbrannten Schloß Kuien am Rickenbach zu. Ungefähr so habe ich sie von meinem Lehrer gehört: « Ufom Kujo im Bahholz obor Rikkoba ist amol a Schloß gstando. Döt dorn heot an böso Rittar gwohnt. Am heallo Tag heot ar Kouflütt uf or Stroß üborfallo und heot eona s Geold gnuh. No meh händ alle dio hoffürtig Tochtor vum Rittar gfürchtot. Dio ist vielmol mit ihrom wildo Roß miotta dur d Kornäckargritto und heot mit dor Goasol uschuldige Lütt gschlago. Viel Gold heot si im Keor zemmod treit. Abor wenn an armo Beattlar am Burgtoar klopfot heot, dann heot sie dio böso Hund ufon ghetzt. Zletscht händ d Buro d Appozellar us or Schwiz z Hilf gholot. In ar dunklo Nacht händ se d Burg übrfallo und azündt. Heolluf heot as brennt und dann ist alls zemmodgfallo und dio brennigo Balko händ deo böso Rittar arschlago. Des hoffürtig Fräulein ist im Rouch ufom Geold im Keor eländig vorstickt. 5 Literatur: Für besonders interessierte Leser füge ich hier eine Liste von Werken ein, die Schloß Wolfurt oder seine Ritter beschreiben: 1. Schwärzler Kaspar: Die Edelgeschlechter von Wolfurt a) Manuskript 1897 in der Schulchronik Wolfurt b) Volkskalender 1898 c) Volksblatt 1898/48-51 2. Ulmer Andreas: Burgen und Edelsitze 1925/385 3. Neurauter: Schlösser, Feierabend 1932/5 4. Gasser Siegfried: Schloß Wolfurt, Illwerke 1972 5. Burmeister Karl Heinz: Die Wolfurter, Landesmuseum 1982, Katalog 99 6. Burmeister Karl Heinz: Ritter Konrad, LM-Jahrbuch 1982 7. Burmeister Karl Heinz: Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Museum Lindau 1984 8. Burmeister Karl Heinz: Die Siegel von Wolfurt, Burgenländische Forschungen VII/1984 9. Bronner Franz Xaver: Herzog Werner von Urslingen, Aarau 1828 (aus italienischen Chroniken). 4 A bor d Seel vun-oro heot ka Ruoh gfundo. Sit do muoß seas Schlang im Keor goastoro und Buoß toa. All hundort Johr amol darfse ussar krücho und am Rikkoba Wassortrinko. Wenn däs an uschuldigs Sunntagskind sioht und ohne Angst stoh blibt, dann kan as dio arm Seel mit am Gebeott arlöso und kut viel Geold und Gold übor. Sus abor muoß dio glitzgorig Schlang wiedor zruck in Keor ine und ma hört se z Nacht rumplo und pflänno.» und ein anderer Baron mußten 100.000 Goldgulden, mehrere Freiherrn und Ritter 50.000, die Ritter und Schildträger von Neapel auch 50.000bezahlen; der Graf von Spreck und Wilhelm von Fogliano, die selbst um Sold dienten, verloren ihre Waffen, Harnische und Pf erde.» Mit den anderen Söldnerführern teilte Konrad von Wolfurt — die italienischen Chronisten nennen ihn «Wolfart» oder «Corrado Lupo», den Wolf— die unfaßbar große Beute von 500000 Goldgulden und die vielen Wagenladungen voll anderer Schätze: «Nebst dem beträchtlichen Geldschatze theilten sie unter sich auch eine Menge Streitrosse, reiche Harnische und Waffengeräthe, ferner ganze Haufen durch Kirchenraub zusammengebrachte silberne Kirchengefasse, Kreuze, Kelche, köstliche Priestergewänder, Altarschmucku. dgl., auch ganze Gewölbe voll theure Juwelen, Schmuckkästchen von großem Werthe, die sie den Gemarterten durch lange Qualen entrissen hatten. Nach dieser Theilung war jeder Soldat reicher als er erwartet hatte; das Heer zog sich über den Volturno zurück, und die Feldherrn gingen zu Rathe, ob sie sich trennen wollten. Die Deutschen trachteten mit ihrem Raube ins Vaterland zu entkommen; nur Conrad Wolfart mit einigen ungarischen Heerscharen blieb noch im Königreiche Neapel und ging nach Apulien in feste Plätze zurück. Die reichen Freibeuter nahmen, als sie schieden, viele Mädchen und Frauen, die sie ihren Männern geraubt hatten, mit sich auf die Reise, und schlugen den Weg nach Deutschland ein.» Ulrich machte mit seinen Schätzen nun Karriere als Graf in Ungarn. Unter anderem war er Herr von Ödenburg und ritt als Gesandter des Königs 1352 zum Papst nach Avignon. Konrad hatte sich zuerst nach Guglionesi in die italienischen Abruzzen zurückgezogen, doch dann finden wir auch ihn als Grafen in Ungarn. Auch er war 1355 Gesandter beim Papst. An seiner Seite ritt damals Marquard von Hohenems. 1365 kaufte Konrad Stadt und Burg Arbon am Bodensee. 1364 hatte er dem Kloster Pfafers den berühmten Wolfurter Kelch gestiftet. Selbstbewußt stellte er darauf sein Wolfswappen zu den Zeichen der vier Evangelisten. Der Kelch zählt heute zu den Kostbarkeiten der Schweizer Schatzkammer in Zürich. Die Gemeinde Wolfurt besitzt seit 1982 eine Kopie. Ebenso schnell wie die Wolfurter Ruhm und Reichtum gewonnen hatten, verloren sie auch alles wieder in wenigen Jahrzehnten. Schon 1402 mußten sie ihre Stammburg Wolfurt verkaufen, 1405 auch noch Burg Gießer bei Lindau «samt Mühle, Korn, Weinzehnten und aller Zugehör, dazu 40 Bauern mit ihren Weibern und Kindern, . . . » Die verschiedenen Ritterlinien im Schwarzwald und am Bodensee starben aus oder wurden Bürger in den Städten. Auch in Ungarn erlosch das Geschlecht um 1450. 7 Äbte und Raubritter Weil im Mittelalter die Klöster ungeheuren Einfluß hatten, versuchten Kaiser und Fürsten jeweils die Abtwahl zu beeinflussen. So kamen auch viele Wolfurter in den staufischen Klöstern zu hohen Ehren. Allein im wichtigen Pfafers (im oberen Rheintal) stellten sie dreimal den Abt. Um 1370 war Burkhart Abt in Pfafers und seine Schwester Agnes Äbtissin in Lindau. Im gleichen Jahr finden wir einen Konrad von Wolfurt als Prior in Chur, Wolfhard als Propst im Stift Waldsee und Guta von Wolfurt als Meisterin von Münsterlingen. Eine ungeheure kirchliche Machtfülle in der Hand eines einzigen Geschlechts! Weit größere weltliche Macht hatten aber die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt als Anführer von Söldnerheeren in Italien gewonnen. Für König Ludwig den Großen eroberten sie 1348 das Königreich Neapel. Italienische Chroniken berichten mit überschwenglichen Worten von ihrer Tapferkeit und Kriegkunst, aber auch von ihrer Grausamkeit und Geldgier. Von Konrad heißt es, als er die Stadt Foggia plünderte: «Erließ seine Soldaten nach Gefallen wirtschaften, sie bemächtigten sich der Häuser, der Geräthe, der Lebensmittel, und überließen sich ihren bösen Gelüsten mit Frauen und Jungfrauen; nicht zu frieden, die Bürger ihres Eigenthums beraubt, und das Glück der Familien gestört zuhaben, quälten sie die Hausväter noch überdies mit ausgesonnenen Martern, um von ihnen noch mehr Geld zu erpressen. Man schaudert bei der Beschreibung solcher Unthaten.» Auch Capua und Aversa wurden geplündert. Dabei machten die Söldner zahlreiche Gefangene, die sie nun durch grausame Martern zur Zahlung von ungeheuren Lösegeldern zwangen: «Die gefangenen Feldobersten, Raymund del Balzo, die beiden Grafen Robert und Tricario von San-Severino, der Graf von Santo-Agnolo 6 Holzhändler und Beamte Im 15. Jahrhundert kauften die Habsburger Stück um Stück von Vorarlberg, darunter auch Wolfurt. Als Lehen vergaben sie es an die Familie Leber aus Bregenz, die durch Handel mit Holz und Wein reich geworden war und nun noch nach Titel und Wappen strebte. Jakob Leber wurde schließlich um 1515 von Kaiser Maximilian geadelt. Er begründete das zweite Geschlecht «Ritter von Wolfurt». Wohl als Symbol seines Reichtums setzte er dem Wolf im Wappen eine goldene Krone auf. 1529 bis 30 stellten die Leber von Wolfurt ihr Schloß dem Fürstabt Kilian von St. Gallen und seinem Konvent zur Verfügung, der vor der Reformation hatte fliehen müssen. Kilian verunglückte beim Durchreiten der Ach. Die Leber hatten große Besitzungen in Bregenz. Ihnen gehörte das Gut Kronhalde. Auch am Deuring-Schlößchen hat man ihr Wappen mit dem gekrönten Wolf gefunden. Einige von den sechs Söhnen des Hans Jörg Leber trugen es noch einmal weit in die Welt hinaus. Junker Laux (Lukas) von Wolfurt diente den Grafen von Ems, die um 1600 auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. Erzbischof Mark Sittich machte ihn zum Stadthauptmann von Salzburg, der seinen Herrn mit ungeheuer zahlreichem Troß im Jahre 1608 zum Reichstag nach Regensburg geleitete. Sigmund von Wolfurt war Dompropst zu Konstanz. Als solcher verwaltete er die dortigen Güter des Salzburger Erzbischofs und versorgte diesen unter anderem auch mit Meersburger Wein. Ein Fenster im Münster trägt sein Wappen und das Todesjahr 1621. Johann Eucharius von Wolfurt wurde 1616 Fürstabt des Benediktinerklosters Kempten. Er machte es zu einem Zentrum der Gegenreformtion im 30jährigen Krieg. Das Kloster erwarb Dörfer und Schlösser und betrieb eine eigene Münzstätte. Seine Münzen mit dem Wolfurter Wappen sind heute besondere Raritäten. Um 1650 starb auch das Geschlecht der «Leber von Wolfurt zu Wolfurt» aus. Österreichische Beamte versuchten nun, mit Schloß und Wappen ihren Namen Klang und Geltung zu verschaffen. Ihr bedeutendster Vertreter ist Benedikt Reichart «von Wolfurt und Wellenstein», ein verhaßter Stadtammann und Steuereintreiber in Bregenz, der das Lehen ab 1695 besaß. Unter ihm bekam das Schloß jenes Aussehen, das wir von den ältesten Bildern kennen. Der Turm trug ein Satteldach. Ebenerdig war eine Schloß kapeile eingerichtet. Auf der Südseite deckte ein großer Weinberg den steilen Hang. Die letzte Adelsfamilie «von Wolfurt» war die des Bregenzer Amtsrats Konrad von Tröndlin-Greiffenegg, die das Schloß 1750 für 900 Gulden kaufte. 8 Schloßbauern Zum Schloß hatten einst auch die Bauern und die Mühle im Holz gehört. Längst hatten diese ihre Freiheit gewonnen. Im Jahre 1760 war Johann Stadelmann aus Buch (1725—1800) Besitzer des zweiten Hofes im Holz geworden (In diesem Haus lebte später der Wolfurter Ehrenbürger Dr. Lorenz Böhler). Johann Stadelmann trieb 1772 die 3600 Gulden auf, die die Witwe Tröndlin für das Schloß und allen dazugehörigen Grundbesitz verlangte und wurde der erste Schloßbauer. Seine Tochter Agatha heiratete 1799 Franz Xaver Köb aus Bildstein-Haag (1777—1859). Sie zogen in das alte Gemäuer ein und begründeten mit ihren 12 Kindern die große Sippe «Schloßburos» in Wolfurt. Von den Kindern wurde der Krämer Johann Köb (1805—1849) im Haus Kirchstraße 6 in Unterlinden Stammvater der Waldaufseher Köbs (Alwin, Anna...) an der Kirchstraße, der Gottfrieda Köb-Kalb in Unterlinden und der Schmied-Köbs an der Wälderstraße, aber auch vieler Tochterfamilien. Johann Baptist Köb (1814—1884) zog in die Bütze. Aus dem 1930 dort abgebrannten Haus stammen nicht nur die großen Familien von Vinzenz und Herbert Köb in der Bütze und von Johann Köb an der Schloßgasse («Stenzlers»), sondern neben anderen weit zerstreuten Köb-Familien durch ihre Großmütter auch die «Kapeller» und einige «Mohr»-Familien. Die Schloßbauern Xaver Köb und seine Söhne verkauften das Schloß 1856 an den Kaufmann Jakob Huter in Bregenz. Mit seinen zehn Kindern, darunter der Bürgermeister und Ehrenbürger Josef Huter (1844—1902), baute Jakob Huter das verwahrloste Schloß zu einem schönen Sommersitz um. Der Turm erhielt einen romantischen Zinnenkranz. An die Stelle der alten Wirtschaftsgebäude kam ein Wehrgang mit Wohnzimmern. Der alte Roßweg über die Halde wurde durch eine Fahrstraße ins Dorf erweitert. Von Huters Erben erwarb 1937 der Textilindustrielle Dr. Fritz Schindler aus Kennelbach das wieder arg baufällige und unbewohnte Schloß samt drei Hektar Grund. Schon ein Jahr vorher hatte er mit dem Umbau begonnen. Der Turm wurde ein Stück erhöht und mit Schwimmbad und Fernrohr ausgestattet. Wohnhaus und Wehrgang wurden komfortabel eingerichtet. Die neue Elektroinstallation wurde aber zur Ursache eines Großbrandes, der das Schloß am Abend des 12. Dezember 1939 fast völlig zerstörte. Unersetzbare alte Möbel, Türen und Deckengewölbe verbrannten. Es gelang Schindler, das Schloß nach Plänen von Architekt Tscharner bis zum Herbst 1940 wieder aufzubauen. Seine mutigen Flüge als einer der ganz wenigen Sportflieger von Altenrhein mußte er im Krieg einstellen. Immer noch wurden aber die prachtvollen Luxus-Autos, darunter das von 36 Elementen mit Energie versorgte große Elektro-Mobil des Schloßherren, von der Wolfurter Dorf-Jugend bewundert. 9 Als die Familie Schindler zu Kriegsende in die Schweiz flüchtete, vertraute sie das Schloß der getreuen Wirtschafterin Lisa an. Bald nahmen es die Franzosen in Besitz. In den unruhigen Maitagen 1945 verschwanden zwar einige Kostbarkeiten aus der Bibliothek, Insgesamt aber blieb das Schloß in gutem Zustand, weil die französische Militärregierung unter Colonel Jung ihren Sitz hierher verlegte und es von Militärpolizei bewachen ließ. Immer wieder kamen jetzt hohe Gäste auf Besuch, darunter General Bethouard und das Fürstenpaar von Liechtenstein. 1950 kehrte die Familie Schindler heim. Auch Dr. Fritz Schindler empfing nun häufig Gäste aus aller Welt, Fabrikanten, Künstler, Weltreisende oder den bekannten Radioprediger Pater Suso Braun. Die Söhne der Familie brachten eine besondere Form von exotischem Leben ins Schloß. Sie züchteten gefahrliche Giftschlangen, seltene Echsen und Krokodile. Alexander, der jüngste Sohn, widmete sich einige Jahre lang dem ebenso gefährlichen Auto-Rennsport. Seit dem Tode ihres Gatten ist nun Frau Friedel Schindler Besitzerin und Bewahrerin unseres schönen Wolfurter Schlosses. Franz de Barraga 1788—1835 • Seelsorger und Kirchenbauer (Vorwort von Siegfried Heim) Unter den sechs Wolfurter Pfarrern im 19. Jahrhundert gebührt Franz Xaver Barraga ein besonderer Platz. Im Jahre 1818 hatte der Papst aus Teilen der uralten Diözesen Chur, Konstanz und Augsburg das neue Generalvikariat Vorarlberg zusammengefügt. Bischof Bernhard Galura, der als erster Generalvikar seit 1820 in Feldkirch residierte, fiel die schwere Aufgabe zu, die hier aufeinander treffenden theologischen Schulen von Konstanz und Chur zu vereinen. Weil ein Priesterseminar fehlte, entstand drückender Priestermangel. Nur 156 von 176 Stellen waren besetzt. Die starke überalterte Geistlichkeit wehrte sich gegen neue Strömungen. (Nach Elmar Fischer, Die Seelsorge im Generalvikariat Feldkirch, 1968). Vor diesem Hintergrund müssen wir die in der Folge berichteten Auseinandersetzungen um Pfarrer Barraga in Wolfurt sehen. Im Pfarrbuch Catalogus Ic / Seite 4, findet sich über ihn folgende Eintragung: «Franz de Barraga, Viennensis, Tirolensis, zur Aushilfe von Tirol nach Vorarlberg berufen. War Kaplan zu Rankweil, Schwarzenberg, Pfarrer zu Damüls,nun hier seit dem 2. September 1828. - Starb allhier den 2ten November 1835.» Barraga war 1828 in die von seinen Vorgängern, «welche die Wirtshäuser zu sehr liebten», ziemlich vernachlässigte Pfarrgemeinde Wolfurt gekommen und hatte sofort mit dem Kirchenbau begonnen (Siehe Heft 4, Seite 58!). Damit schuf er sich erbitterte Gegner. Unbeirrt ging der Pfarrer seinen Weg. 1834 war der Rohbau der Kirche fertig. Aber auch des Pfarrers Kräfte waren verzehrt. Am Allerseelentag 1835 starb er - erst 47 Jahre alt. Das Diösezanarchiv in Feldkirch verwahrt eine Reihe von Barraga-Dokumenten. Vier davon hat Heinrich Köb für uns aufbereitet. 10 11 Bewerbungen um die Pfarrstelle Wolfurt im Jahre 1828 An das Ordinariat in Bregenz Daß die Pfarrei Wolfurt den 16. 12. dieses Jahres durch den Tod des Pfarrers Joh. Alois Graßmayer zur Erledigung gekommen sei, hat das unterzeichnete Amt zur gehörigen Zeit angezeigt. Daß diese Erledigung der vorarlbergischen Geistlichkeit bekanntgemacht worden sei, bezeugen die angeschlossenen Umlaufschreiben. Diese Pfarre ist eine der gut dotierten und der angenehmsten im ganzen Lande: eine halbe Stunde von der Hauptstraße entfernt, eine Stunde von Bregenz, in einer schönen und fruchtbaren Gegend. Kirche und Pfarrhaus sind auf einer Anhöhe, die Kirche ist schlecht und viel zu klein. Die Gemeinde etwa eine Stunde lang, zählt über 1200 Seelen und besteht aus 9 Parzellen: Wolfurt mit 139, Rickenbach mit 37, Ach mit 10, Holz mit 5, Steig mit 4, Frikkenesch mit 3, Bannholz mit 3, Meschen mit 2 und Bächlingen mit 2, zusammen 205 Häuser; 229 Familien. Vermutlich hat die Zahl seit der Zeit obiger vor einigen Jahren geschehenen Angaben zugenommen. Daß diese Gemeinde keinen gemeinen, sondern einen außerordentlichen Seelsorger erhalte, ist für selbe dringendes Bedürfnis, indem sie von den zwei verstorbenen Pfarrern, welche die Wirtshäuser zu sehr liebten, ziemlich vernachlässigt worden ist. Daher sind Unglauben, Verachtung des Heiligen, Rohheit und auch Säumen mit dem Eifer für die Schule recht zu finden. Wie könnte es anders sein? Vor allem muß das unterzeichnete Amt pflichtgemäß bemerken, daß da ein Seelsorger notwendig sei, der ein Feind des Wirtshausbesuches ist, der jahrum zu Hause bleibt, sich durch ein stilles, frommes und sanftes Benehmen Achtung verschafft, Eifer mit Geduld, Sanftmut mit Bescheidenheit verbindet. Auch eine äußere Bildung ist für ein Volk notwendig. Hat einen steten Verkehr mit der Hauptstadt und dem Auslande. Kurz, da muß ein anderer Boden gelegt werden. Um diese Pfarre haben sich beworben: 1. 2. 3. 4. Franz Xaver Barraga, Pfarrer von Damüls Gebhard Bechter, Pfarrer von Gaißau Jos. Stebele, Pfarrer in Warth Joh. Caspar Willam, Pfarrer im Silberthal zu 1 Der Bewerber Barraga wurde am 19. Juli 1788 zu Wien geboren, Priester seit dem 13. Dezember 1812, ist der deutschen und der lateinischen Sprache kundig, von ausgezeichnet guten Sitten. Die Theologie hat er zu Innsbruck absolviert, teils mit Vorzug, teils mit der ersten Klasse. Die Einstellungs- und Fähigkeitsprüfung hat derselbe am 17. und 18. September 1823 abgeschlossen, er hat in allen Gegenständen Noten erster Klasse erhalten. Dieser Priester diente etwa 15 Jahre in der Seelsorge, zehn Jahre in Tirol und fünf Jahre in Vorarlberg, zuerst an der großen Pfarre Rankweil, dann in Schwarzenberg und seit 1823 an der wildgelegenen Gebirgspfarrei Damüls. Überall weiset er sich durch höchst rühmliche Zeugnisse aus und das unterzeichnete Amt bezeuget, daß Barraga einer der gesittetsten und frömmsten Priester des Landes sei, der stets zu Hause ist, alle Wirtshäuser meidet und die Würde seines Standes durch sein anständiges Benehmen vor jedermann behauptet. Den Ermahungungen seiner Oberen unterwirft er sich ganz, die, wenn sie notwendig sind, und Mäßigung seines Eifers zum Gegenstande haben. zu 2 Der Bewerber Bechter ist am 25. Juli 1778 zu Bregenz geboren, Priester seit dem 22. 9. 1804, ist von guten Sitten, der deutschen und lateinischen Sprache kundig. Die Theologie hat er teils zu Linz, teils zu Innsbruck absolviert, mit den Noten der ersten Klasse, aus einigen Gegenständen auch mit Vorzug. Bei der im Mai 1823 abgehaltenen Fähigkeitsprüfung hat er aus allen Gegenständen die Note der ersten Klasse erhalten. Dieser Priester dient seit 1804 in der Seelsorge, fünf Jahre als Katechet in Bregenz, 13 Jahre als Kaplan zu Rorschach in der Schweiz, einige Zeit als Josephs-Benefiziat in Bregenz und seit 1823 als Pfarrer in Gaißau. Derselbe weiset sich durch sehr rühmliche Zeugnisse aus und das gezeichnete Amt bezeugt, daß er für Seelsorge Eifer und gute Talente habe, daß er sich genau seinem Berufe widme, dient zum Beweise, daß er ein Gebetbuch im Manuskripte vorgelegt hat. Dabei ist er nüchtern und unterwirft sich ganz höheren Anordnungen. Da er von schwerem Körper und etwas engbrüstig ist, dürfte ihm die Situation der Gemeinde Wolfurt, wie diese beschrieben worden ist, beschwerlich und immer beschwerlicher werden. zu 3 Pfarrer Stebele in Warth weiset sich durch keine Zeugnisse aus, wohl aber kann das unterzeichnete Amt bezeugen, daß es mit ihm zufrieden sei, muß aber pflichtgemäß beisetzen, daß er für die sehr bedenkliche Pfarre Wolfurt nicht für geeignet gehalten wurde. 12 13 zu 4 Über den Pfarrer Willam muß das, eben das, was über den Pfarrer Stebels gesagt wurde, bemerkt werden. Das unterzeichnete Amt bezieht sich auf den bei Beschreibung dieser Gemeinde aufgestellten Hauptgrundsatz. Das Patronat stand ehedem dem Stifte Mehrerau und stehet nun der hohen Landesstelle zu. den 31. März 1828 Bernhard von Galura (Generalvikar seit dem 16. 4. 1820) Nachdem der öffentliche Unterricht im Spätjahr 1829 seinen Anfang etwas später genommen hatte, fing Mesch eine Privatschule an, ohne hievon eine Meldung gemacht zu haben. Die Eltern, welche ihre Kinder zu dieser Privatschule schickten, waren meines Wissen: Ferdinand und Jakob Schneider, Jakob Böhler, Franz Josef Dür, Ziegler, Josef Schelling und andere, welche mir nicht genau bekannt sind. Die Kinder, welche diese Schule (Privatunterricht) besuchen wollten, waren teils der Schule entlassen, teils Pflichtige Kinder. 3. Frage: Haben Sie keine Kinder der Werktagsschule entlassen, damit selbe obige Privatschule des Joseph Anton Mesch besuchen könnten? Wie alt waren diese Kinder? Unter den schulpflichtigen Kindern, die entlassen wurden (werden wollten), waren Joseph und Katharina Schelling. Johannes aber wurde zum Entlassen unfähig, die Katharina aber zu jung befunden, und somit erfüllt keines die förmliche und legale Entlassung. Da der Katharina Schelling am gesetzlichen Alter nur vierzehn Tage mangelten, wurde sie als entlassen angesehen, und sie besuchte die Privatschule des Joseph Anton Mesch. Dabei kann sich Herr Pfarrer nicht erinnern, daß bei der Entlassung der Katharina Schelling die Absicht gewesen sei, sie darum vom Schulbesuche frei zu sprechen, damit sie die Privatschule des Joseph Anton Mesch besuchen könne. Joseph Schelling aber besucht die öffentliche Werktagsschule noch dermal. 4. Frage: Ist die Privatschule des Mesch mit ihrem Willen und Wissen gehalten worden, wußten auch die Vorstehung und das Inspektorat davon? Diese Privatschule wurde zwar mit Wissen, aber nicht mit Willen oder Übereinstimmung des hl.* Pfarrers gehalten. Über das Wissen und Wollen der Ortsvorstehung kann Herr Pfarrer keine Antwort geben. Allein die Distriktsinspektion äußerte sich vor dem Vater des Oberlehrers dahin, man möchte noch 14 Tage zusehen, ob aus der Privatschule wirklich etwas werde, oder ob sie sich selbst auflöse. Die Privatschule des Joseph Anton Mesch bestand somit noch nicht von amtswegen, sondern nur willkürlich. 5. Frage: Wann nahm diese Privatschule ihren Anfang, und wann endete sie? Diese Privatschule nahm ihren Anfang am 16.10.1829 und endete am 15.1.1830. Soviel dem hl. Herrn Pfarrer bewußt ist, ohne jedoch diese Angabe zuversichtlich zu machen. Soviel bewußt, hörte dieser Unterricht auf, fing dann wieder auf kurze Zeit an. (*hl. = «hochlöblich») 15 Pfarrer und Lehrer im Jahre 1830 (Eine Auseinandersetzung vor dem Dekan.) Einberufungsprotokoll des Hochwürdigen Herrn Franz Barraga, derzeit Pfarrer in Wolfurt, in bezug auf die, gegen selben unterm 30.1.1830 von einigen Gemeindeangehörigen in Wolfurt eingereichten Beschwerden. Geschehen in Schwarzach am 24. 2. 1830 im Dekanatshause durch den hiezu vom hochwürdigsten Generalvikariate unterm 11.2.1830 beordneten Dekan und geistlichen Rat Joseph Stadelmann. An dem oben angeführten Tage erscheint der Hochwürdige Herr Franz Barraga, Pfarrer in Wolfurt, 42 Jahre alt, Pfarrer daselbst seit dem 2. Feber 1828. Er gibt ihm die Zusicherung, auf die ihm vorgelegten Fragen gewissenhaft zu antworten. 1. Frage: Hatte nicht der nun selige Schulkandidat Gebhard Köb in Wolfurt eine Privatschule gehalten, mit welchem Eifer, auf wessen Bewilligung? Gebhard Köb hat nebst dem, daß er erwählter und in der Folge durch Dekret angestellter Lehrer war, auch einigen Kindern Privatunterricht aus den Gegenständen der deutschen Schule gehalten, mit gutem Erfolg und ohne Widerspruch. 2. Frage: Sind nicht auch im Spätjahre 1829 einige Eltern auf Entschluß verfallen, für einige ihrer Kinder durch den gegenwärtigen Schulkandidaten Jos. Anton Mesch Privatunterricht erteilen zu lassen? Welche Eltern widmeten ihren Kindern diese Privatschule und was für Kinder besuchten selbe? 14 6. Frage: Durch welchen Auftrag wurde diese Privatschule geendet? Hat Mesch von der ihm erfüllten Bewilligung, in den Häusern den Unterricht zu erteilen, Gebrauch gemacht? Indem Joseph Anton Mesch vorgab, das k.k. Landgericht hätte ihm die Bewilligung erteilt den Privatunterricht fortzusetzen, machte Herr Pfarrer die Anfrage bei dieser Gerichtsbehörde, ob dieses wirklich geschehen sei. Das belobte k.k. Landesgericht gab hierauf die Antwort, dasselbe habe dem Mesch die Erteilung des Privatunterrichtes in seinem Hause untersagt, ihm aber bewilligt, in den Häusern der Eltern und unter dieser ihrer Aufsicht nur ihren Kindern Unterricht zu erteilen, wenn keine besonderen Verhältnisse obwalten. (Gerichtsakt No. IV 22/316 vom 14.1.1830). Der Privatunterricht in dem Hause des Mesch erhielt hiedurch das Ende. Er fing dennoch auf einige Zeit wieder an, ohne jedoch fortzudauern. Ob jedoch Mesch von der ihm erteilten Bewilligung, in den Häusern der Eltern Instruktion zu erteilen, Gebrauch gemacht habe, ist dem hl. Pfarrer nicht bewußt. 7. Frage: Wäre Herr Pfarrer mit dem Unterricht der Kinder in den Häusern der Eltern zufrieden gewesen? Warum aber nicht mit dem Unterricht in der Wohnung des Lehrers Joseph Anton Mesch? Herr Pfarrer gab auf dieses Ansuchen den Bescheid, den er mündlich vom Herrn Distrikts-Inspektor vernommen hatte: Wenn nämlich die Gemeinde-Vorstehung die Verantwortung aller Nachteile und Folgen, die diese Schule etwa hervorbringen könnte auf sich nehme, könne diese Privatschule im Hause des Mesch fortbestehen. Diese Bewertung und Vorsorge hielt hl. Pfarrer darum notwendig, weil selbem der verderbliche Charakter dieser Schule vor Augen schwebte, indem Knaben und Mädchen von 13, 14, 16, 17 bis über 18 Jahren, folglich Kinder im gefährlichsten Alter, diese Schule besuchten. Es war zu vermuten, die Vorstehung werde sich für die Verantwortung einer so gefährlichen Sache um so weniger einlassen wollen und können, da ihr Amt als Vorstand mit jedem Jahr aufhören kann. Der Vorsteher Martin Schertler protestierte anfänglich gegen die Abweisung einer solchen Verantwortung. 10. Frage: Hat Ihnen der Schulkandidat Mesch nicht ein Zeugnis von der Vorstehung vorgelegt? Ist das Zeugnis echt? Durch verschiedene bittliche Zudringlichkeiten mag. hl. Vorsteher endlich zur Ausstellung des anliegenden Zeugnisses beredet worden sein, welches, so viel ich glaube, mit jenem ganz eins ist, welches mir Mesch vorlegte. 11. Frage: Warum waren Sie mit diesem Zeugnis nicht zufrieden, welche Umänderung verlangten Sie? Mit diesem Zeugnis wollte Herr Pfarrer nicht zufrieden sein, weil es Lügen enthält und mit dem Inhalt der Benachrichtigung des hl. k.k. Landgerichtes vom 14.1.1830 übereinstimmt, da nicht der Pfarrherr sondern das k.k. Landgericht den Privatunterricht eingestellt hatte. Daß Herr Pfarrer aber der Schule das Wort gesprochen habe, dessen erinnert er sich nicht und stimmt mit seiner ganzen Stellung gegen diese Schule nicht überein. Herr Pfarrer verlangte, wenn man ihn mit diesem Zeugnis nicht in Ruhe lassen wolle, es möchten alle Unwahrheiten ausbleiben. 12. Frage: Was geschah hierauf? Ist nicht der Ausschuß Schneider und der Lehrer Mesch zu Ihnen gekommen, und zu welchem Ende? Waren Sie bei derselben Ankunft zu Hause? In welcher Stunde kamen Sie nach Hause? Was hinderte Sie, diesen zwei Männern gleich Gehör zu geben? Jakob Schneider und der Schulkandidat kommen dann wieder in den Pfarrhof. Herr Pfarrer war noch abwesend, entweder in der Schule, die mündliche Prüfung abzuhalten oder bei einer Kranken, das aber selbigem nicht mehr bewußt ist. Bei dessen Ankunft befand sich in der Küche bei der Köchin eine arme Weibsperson, welche da dem hl. Pfarrer und Häuserin den Bericht erzählte, der ihr das hl. k.k. Landgericht darüber gegeben hatte, weil sie zu große Forderungen an die Armenkasse stelle. Nachdem Herr Pfarrer diese Klage angehört hatte, verließ er die Weibsperson in der Küche bei der Köchin und eilte seinem Zimmer zu. 17 Auf dem das löbl. k.k. Landgericht einmal diese Bewilligung in den Häusern der Eltern ihre eigenen Kinder zu unterrichten erteilt hatte, konnte und wollte Herr Pfarrer nichts entgegen sagen. Aber gegen den Unterricht der Kinder in der Wohnung des Lehrers Joseph Anton Mesch glaubte Herr Pfarrer sich aus den Gründen erklären zu müssen: Weil der XVII Bbsh. § 10 der politischen Schulverfassung dererlei Winkelschulen ohne Erlaubnis der Behörde untersagt. Mesch aber konnte diese Bewilligung, obschon er sich bewarb, nirgends erhalten. Die Gründe, wegen welchen Mesch insbesondere vom Lesedienste an der hiesigen Gemeinde-Schule abgewiesen wurde, hat das HW Inspektorat zu Hörbranz an die höheren Behörden eingereicht. 8. Frage: Haben die Eltern der Kinder, welche an dem Privatunterricht des Mesch teilnahmen, das Ansuchen um die Bewilligung dieses Unterrichts nicht erneuert und durch wenn? Das Ansuchen um den Fortbestand der Privatschule des Mesch wurde erneuert, und zwar durch den Gemeinderat Jakob Schneider. 9. Frage: Welchen Bescheid gaben Sie? Bewilligten Sie die Fortsetzung der Privatschule nicht unter einer Bedingung und unter welcher? Und warum dieses? 16 13. Frage: Haben Sie den Jakob Schneider und Mesch in dieser Stunde angehört? Warum nicht? Es war schon über 12 Uhr mittags, die zwei Männer trugen sich an des Nachmittags oder Abends wieder zu kommen, sie wollen den Herrn Pfarrer vom Speisen nicht abhalten, wozu Herr Pfarrer zufrieden war. Die zwei Männer entfernten sich. 14. Frage: Wann kehrten diese Männer zurück? Welchen ließen Sie vor? Worüber unterredeten Sie sich mit Schneider? Am Abend dieses Tages kamen der Gemeinderat Schneider und Mesch in den Pfarrhof und wurden in das gewöhnliche geheizte Wohnzimmer eingeführt. Jakob Schneider aber wurde alsbald im größeren Wohnzimmer dem Pfarrherrn vorgestellt. Mit Mesch sich in ein Gespräch einzulassen, fand der hl. Barraga für ganz überflüssig. Mit dem Gemeinderat Schneider unterredete sich Herr Pfarrer über ein Zeugnis ab Seite der Gemeindevorstehung in bezug auf die Übernahme aller Folgen und Nachteile aus dieser Privatschule. 15. Frage: Wann brachte man Ihnen dieses zweite Zeugnis? Ist es wirklich jenes, welches Ihnen vorgewiesen wurde? Warum gaben Sie auch über dieses Ihr Mißfallen und haben Sie dieses Mißfallen mit einem Schwall von Beschimpfungen gegen Mesch ausgedrückt. Am folgenden Tage hinterbrachte der Gemeindeausschuß Jakob Schneider ein in etwas vom ersten abgehendes Zeugnis. Ihn begleitete Ferdinand Schneider und der hiesige Vorsteher Martin Schertler. Das nun vorgelegte zweite Zeugnis schien nun mit dem schon vorgelegten übereinzustimmen. Herr Pfarrer fühlte bewunderndes Mißfallen, daß der Vorsteher, der Anfangs, wie eben bemerkt wurde, gegen die Übernahme aller bösen Folgen aus dieser Privatschule geradestehe, nun jetzt dieses Zeugnis unterschrieben hat und erklärte den gegenwärtigen Männern abermals, daß hl. Pfarrer diese Winkelschule nicht genehmigen kann, und dieses um so weniger, da dieser Schule ein Mann vorstehen will, der nicht vorteilhaftesten Sittenzeugnisse aufzuweisen imstande ist. Ja, im hohen Mißtrauen bei dem k.k. Philosophischen Studiendirektorat zu Salzburg laut Zuschrift vom 28. Dezember 1829 stehet. Indem selbes dem Ermessen des hl. Pfarrers überläßt, ob ihm (für Mesch) ein Zeugnis ausgestellt werden soll oder nicht. Hierauf setzte hl. Pfarrer noch andere Umstände auseinander, aus welchen man von Mesch jenes gute und unbescholtene Betragen nie erwarten kann, welches einem Schullehrer, folglich einem Muster für die Gemeinde eigen sein muß. Wenn Herr Pfarrer diesen Männern, also den Vorständen der Gemeinde, auch im Eifer sagte, daß Mesch ein Schuldenmacher, ein ordnungsloser Übertreter der nächtlichen Polizeistunden u.s.w. sei, so sagte er eine Wahrheit, die nur zu allgemein bekannt ist. 18 16. Frage: Kennen Sie auch die Eltern jener Kinder, welche an dieser Privatschule Anteil nehmen wollen, und was halten Sie von ihrem Charakter und Lebenswandel? Einige von den Eltern jener Kinder, welche an dieser Privatschule des J. A. Mesch Anteil nehmen wollten, sind dem hl. Pfarrer bekannt: z. B. Ferdinand und Jakob Schneider, Jakob Böhler (Schwanenwirt), Franz Josef Dür (Ziegler), Magdalena Schertler (Wittwe), Kaspar Thaler (Wittwer), Kreszenzia Schneider, Barbara Gasser (Sternenwirtin), Johann Schelling (Kronenwirt) usw. In bezug auf den Charakter und Lebenswandel dieser Eltern kann Herr Pfarrer kein genaues Urteil fällen; wenn auch einige derselben eine belobungswürdige Aufführung haben, so zeigen sich andere als nicht ganz tadellos. Und überhaupt zeigt sich der Charakter dieser Eltern durch die Widerseztlichkeit gegen die gute Absicht des Herrn Pfarrers, welcher es mit seinen Pfarrangehörigen überhaupt, in diesem Falle aber insbesondere gut meinte, nicht in jenem Lichte, welches einem wahren Seelsorger angenehm und willkommen sein kann. 17. Frage: Haben Sie wirklich gesagt, wie die Anlage erweist, daß alle Eltern, welche ihre Kinder zum Mesch in die Privatschule zu seinem Hause schicken, schlechte, liederliche Eltern sind? Hl. Pfarrer fuhr in seinem wahrlich nicht ungerechten Eifer fort: Wenn Eltern wider den kräftig ausgedrückten Willen des Pfarrers ihre Kinder in eine Schule, wo ältere Knaben und Mädchen täglich zusammen kommen, in eine Schule, die keineswegs von der Obrigkeit genehmigt, sondern vielmehr untersagt worden ist, in eine Schule, wo ein gewester Student, der ohne Zeugnisse von seinem Studierplatze nach Hause gekommen und auch nicht das beste Sittenzeugnis aus dem Präparander-Curse in Bregenz erhielt, so fühlte sich hl. Pfarrer zu dem Ausdrucke gezwungen, daß jene schlechte Eltern sind, wenn sie das, was ihnen auf Erden das teuerste Gut sein soll, wofür sie die erste Sorge tragen und vor Gott so strenge Rechenschaft geben müssen, welches die eigenen Kinder sind, nicht einem würdigen, tadellosen, ehrenhaften Lehrerindividiuum anvertrauen wollen. Wer kann einem Seelsorger, welcher die Aufsicht über die Sitten und Seelenbildung der Pfarrjugend von der Kirche und von dem Staate anvertraut ist, einen solchen Ausdruck verübeln, da er gewahr wird, daß für einen unschuldigen Teil seiner Herde Gefahr drohet, einmal gewiß drohen könne? Herr Pfarrer sagte nicht, daß die Eltern jener Kinder, die an der Privatschule des Mesch Anteil nehmen, überhaupt schlechte, liederliche Eltern sind, sondern dadurch diesen Verdacht auf sich ziehen, indem sie zu wenig kluge Ansicht gebrauchen, wenn sie ihre Kinder anvertrauen und was die Kinder beiderlei Geschlechts in einer kleinen Winkelversammlung, in einem Alter von 16 bis 18 Jahren werden könnten. 19 18. Frage: Da die Kläger vorgeben, sie seien durch Ihre Beschimpfungen gekränkt worden und deswegen Satisfaktion verlangen, werden Sie sich verpflichtet finden, selbe zu leisten oder die beleidigende Aussage zu beweisen? Zu einer Satisfaktion kann sich der Hw. Pfarrer um so weniger verstehen, da er aus wohlwollendem, für das Heil seiner Pfarrjugend glühendem Herzen, seelsorglich und nur bedingt gesprochen, und nur diesen befraglichen Fall im Auge hatte. Übrigens sei für gute und sorgenvolle Eltern erklärt, wenn sie für ihre Kinder die beste Sorge tragen und auch die tauglichen, von ihren Seelsorgern ebenfalls gebilligten Mittel wählen. Da eben die Eltern jener Kinder, welche an dieser Winkelschule Anteil nahmen, sich dem bestgemeinten Bestreben des hl. Pfarrers widersetzten und blind und widersetzlich ihre, zur Verfügung so empfängliche Jugend beiderlei Geschlechts vom mehrmals bemelten Alter, in die Gefahr schicken wollten und darüber dem Seelsorger viel Ungelegenheit und kummervollen Mißmut verursachten, stehet das Recht an dem hl. Pfarrer, durch Abbitte an ihn Genugtuung und pflichtschuldige Aussöhnung zu fordern. Auch muß bemerkt werden, daß die zwei Augenzeugen Jakob Schneider und Joseph Anton Mesch jede Kleinigkeit, welche während ihrer Gegenwart im Pfarrhaus vorging, bezeugen wollen, um den Pfarrer vor den Zeugen seiner höheren Behörden herabzusetzen. Z.B.: sein spätes Nachhausekommen, wer weiß woher? Seinen Aufenthalt bei einem Weibsbild in der Küche, das Urteil der Köchin, welches aber durch die beiden berichtigt wird. Schließlich bittet gez. Pfarrer den Vorsteher das Unschickliche und Fehlerhafte seines Zeugnisses: «Für alle Folgen, welche aus dieser Schule entstehen durften, haften zu wollen», vor Zeugen zu stellen. Das Urteil des Dekans, 1830 Hochwürdiges Fürstbischöfliches Generalvikariat! Unterm 11. Februar 1830, Nr. 137, präsentiert am 16.2., hat das Hochwürdigste Generalvikariat dem gefertigten Dekanate den Auftrag erteilt, den Herrn Pfarrer Barraga in Wolfurt über die gegen ihn erhobenen Beschwerden Punkt für Punkt zu vernehmen und sodann die anher angeschlossenen Akten wieder ans Generalvikariat zurückzusenden, welches hiermit durch Anschluß geschieht. a) Eingebogen in dieses Schreiben folgt das Protokoll über die Klagepunkte einiger Gemeindeangehörigen von Wolfurt gegen den Herrn Pfarrer Barraga auf eine gewisse Privatschule unter dem Schulpräparanden Mesch zu Wolfurt, welches Klageprotokoll unterm 30. Jänner 1830 an das hochlöbliche Kreisamt eingereicht worden ist. b) Sodann folgte auch das Einvernehmungsprotokoll des benannten Herr Pfarrers gegen eine Klageschrift der Vorstehung von Wolfurt vom 29. Jänner 1830, beim k.k. Landgericht Bregenz eingereicht. zu a) Die Privatschule, welche J. A. Mesch in Wolfurt unternehmen wollte, war eine Sache de pane lucrando; aber unter den Verhältnissen, wie selbe da zusammentrafen, nicht ganz zu billigen. Ganz ungeeignet hat Herr Pfarrer den Vorsteher in dieses Geschäft einbezogen, von ihm eine Gewährleistung verlangt, die eitel, nutzlos und im Benötigungsfalle immer zu spät ist. Aus dem Klageprotokoll ist ersichtlich, wie Herr Pfarrer Barraga zwar alles ordnen will, sich aber nicht Rat weiß und endlich hinter die Wüste gerät. zu b) Die Klage der Vorstehung, daß sich Herr Pfarrer in die Angelegenheiten der Gemeinde einmenge, ist, wenn er sich schon hinauszuwinden bemühet, richtig. Der jetzige Vorsteher ist ein friedliebender Mann und hatte nun schon durch ein Jahr eine eiserne Geduld. Der vorige Vorstand klagte gegen den Herrn Pfarrer beim k.k. Landgerichte in jeder Sache. Hl. Barraga verkündete, daß jeder Streit, ehe man vor Landgericht gehe, vor ihn gebracht werde, wodurch verschiedene Spannungen und Reibungen entstehen. Das k.k. Landgericht beschwerte sich beim Gefertigten schon öfter über Barraga. Wenn das Dekanat ihm derlei Dinge vorhält, gehet er zum Landgericht, verlangt Aufschlüsse und Antwort. Die im letzten Herbste von Seiner Fürstbischöflichen Gnaden mir aufgegebenen Erinnerungen an Barraga machte ich ihm bekannt, wie auch mehrere Beschwerden vom hl. Landgerichte in Bregenz. Ich gab ihm die geeigneten Warnungen und Schwarzach, wie oben Joseph Stadelmann, Dekan Geistl.-Rat Franz von Barraga, Pfarrer Die eigenhändige Fertigung des Herrn Pfarrer Franz Barraga bezeuget Josef Stadelmann 20 21 Belehrungen. Er achtete nicht darauf, schickte an mich über 30 inquisitorische Fragen über meinen Bericht, und stellte mich dadurch unter seine Verantwortung. Barraga hat mehrere Weiber, die ihm vieles zutragen und rachgierige Klagen über die Gemeindevorstehung und andere Personen anbringen. Besonders gewichtig ist bei ihm die Mutter des Präparanden Stülz, welche unter dem Namen «Flatzen Mägdlein» bekannt ist und zweimal im Zuchthaus war. Barraga schreibt immer Protokolle, Briefe an die Leute in der Gemeinde, fordert die Gemeindevorstehung zur Verantwortung, macht Berichte an das Landgericht, eilt allem vor. Mit Verhören kaum etwas fertig, rührt er um1/211 zur Schule, hält die Kinder über die Zeit auf. Barraga hängt in allem, macht sich immer odioser, der Unwillen nagt bei einigen gegen ihn tief, er fragt niemanden was nach, ist stolz und unbeugsam. Daß er im übrigen sehr sittlich und ordentlich ist, und bei sich alles gut meine, überall die gute Absicht habe, kann ihm nicht in Abrede gestellt werden. Wenn selbem das Hochwürdige Generalvikariat eine triftige Zurechtweisung in seine Schranken, die vierteljährliche Einsendung seiner Predigten und Schriftenlehren und das Ausarbeiten theologischer Aufsätze auflegen und erteilen wollte, und vielleicht auch damit in die Schranken zurückweisen wollte, daß seine Eingaben an das Landgericht, Gemeinde, Kreisamt, jedesmal die dekanamtliche Fertigung haben müssen, ohne welche sie nicht anerkannt würden, könnte seinem exzentrischen Magen auf einige Zeit Einhalt getan werden. Aber zu wünschen wäre, Barraga möchte auf eine Kaplanei oder auf ein subalternes Benifizum versetzt werden. In Wolfurt wird er noch Geschäfte machen und kehret sich an keine Maßregel. Es ist war, er hat einige sehr böse Männer, diese sind gerade seine Feinde, nehmen ihm das Zutrauen, agieren rastlos gegen ihn, er gegen sie usw. Unter tiefster Verehrung Dekanat Schwarzach am 2. März 1830 Josef Stadelmann Dekan Der Moralitätsbericht des Pfarrers im Jahre 1832 Hochwürdiges, Gnädigstes, Fürstbischöfliches Generalvikariat zu Feldkirch Gehorsamst Unterzeichneter hat hiemit die Ehre, den Moralitätsbericht von der Pfarre Wolfurt vom Jahre 1831/32 zu erstatten. 1. Kinder sind 48 zur Welt gekommen. Unter diesen befinden sich zwei uneheliche. Indem eines dieser ledigen Kinder von einem übrigens sehr ordentlich gebildeten Weibsbilde, welches zudem sehr honette Eltern hat, herkommt, so glaubt Rat Herr Dekan Stadelmann, der diese Familie sehr gut kennt, man soll denken, daß ein Zwang angeordnet worden sei. Sie ist in einem Wirtshause. Das Weibsbild des zweiten ledigen Kindes ist eine Keßlerstochter. Sie ist von einem Keßler aus einer anderen Pfarrei - nicht in Wolfurt - verführt worden. Nebst zweckdienlichem Unterricht ist sie unter strenger Aufsicht gestellt, zudem hat sie fürdermal die Transportierung ins Schwazer Arbeitshaus erbettelt, aber zugleich den Revers abgegeben, daß sie, wofern sie sich noch einmal verführen lasse, ins Arbeitshaus gehen wolle und müsse. 2. Obwohl der gerechte Gott seit einigen Jahren schauderhafte Beispiele der Bestrafung des Lasters der unmäßigen Trunksucht aufgestellt hat, so gibt es leider noch Fälle des Volltrinkens. Neigung zur Unterhaltung in den Wirthäusern ist die Quelle dieses Lasters. Dazu gesellt sich noch eine Dosis Leichtsinn und Prahlerei, als dürfte man das Geld nicht achten. Möchten derlei Menschen die Ermahnungen, Vorstellungen zur Gottesfurcht, daher zur Nüchternheit, Bescheidenheit, pflichtschuldige Anwendung des Geldes, zur milden Freude immer mehr und mehr zu Herzen nehmen. Stufenweise werden sie sich aus ihrem Abgrunde reißen. 3. Die Trunkenheit gab auch die traurige Veranlassung zu Raufereien, die sich zweimal ereigneten unter Burschen, und aus diesen Raufereien entstanden Feindseligkeiten, indem auch die Obrigkeit einschreiten mußte und Unkosten absetzte. 4. Fernere Veranlassung aus dem obenbenannten Besuche der Wirtshäuser entsteht das bei einigen wenigen übliche Nachtschwärmen. Nebst Darstellung dieses Gott mißfälligen Benehmens wird auch in die Hausväter und Hausmütter gedrungen, solchen Vaganten keinen Unterschlupf zu geben. Daß aber die Belehrungen, Zusprüche viele Früchte bringen, wird den Seelsorger bei all seiner schuldigen, rastlosen Arbeit vor dem Tabernakel recht häufig sein Gebet ausgießen und in Erkenntnis seines Nichts vertrauensvoll rufen: Herr rette uns, wir gehen zugrunde! (Math. 5) 23 22 Mit blutendem Herzen und Tränen in den Augen durchblicke ich die nun hingelegten schauderhaften Schattenseiten der Pfarre; aber es sei doch auch erlaubt, einige Züge hinzuzusetzen, die gewiß ohne Rührung nicht gelesen werden können. a) Ausgezeichnet ist der Eifer der Eltern, ihre Kinder in die drei Klassen zu schicken. Wöchentlich aber sehen sie auch durch die Mühe der Lehrer die schönen Fortschritte der Kleinen. Sehr fleißig erscheinen die der Werktagschule entwachsene Jugend bis 18 Jahre in der Wiederholungsschule. Nur der enge Raum der Schule zwang Kinder aus der dritten Klasse zu entlassen, die noch gern - ohne Pflichtigkeit - geblieben wären. b) Sehr fleißig erscheint man auch bei den Gottesdiensten vor- und nachmittags. Es ist kein Sonn- und Feiertag, an welchem man nicht zur hl. Beichte und Kommunion geht. c) Die Jungfrauen bereicherten sich auch, ein prachtvolles rotsamtenes, mit reichen Goldblumen gesticktes Muttergotteskleid anzuschaffen. Tränen floßen, als man selbes das erste Mal in der Kirche erblickte. d) Auch die Jünglinge leisteten Beiträge zu einem prächtigen und lieblichen Muttergottesmeßkleid. Das unterwartete Erscheinen desselben erfüllte die ganze Gemeinde mit innigem Wohlgefallen. e) In Hinsicht des Kirchenbaues sieht man einem erstaunlichen Resultat entgegen. f) Das wohllöbliche k.k. Kreisamt und das löbliche k.k. Land- und Kriminalgericht wie auch die Ortsvorstehung arbeiten mit besonderem Interesse für das Wohl der Gemeinde. Indem Gehorsam Gefertigter in engen Umrissen den Schatten und das Licht seiner Gemeinde darlegte, so bittet er um die fernere Huld und Gnade des Hochwürdigsten Gnädig, Fürstbischöflichen Generalvikariats, und hat die Ehre in tiefster Ehrfurcht sich zu empfehlen. Wolfurt, den 29. Jänner 1832 verbindlichster, treugehorsamster Franz de Barraga, Pfarrer Siegfried Heim Bis nach Amerika! Auswandererschicksale Wer in unseren Jahrzehnten erlebt, wie Einwandererwellen aus Kärnten und Steiermark, aus Jugoslawien und der Türkei unser Industrieland Vorarlberg auffüllen, kann sich kaum vorstellen, daß einige Jahrzehnte früher ganze Ströme junger Arbeiter die kinderreichen und brotarmen Täler unserer Heimat verlassen mußten, um in fremden Ländern kargen Verdienst zu suchen. Nach Amerika flohen die ersten Wolfurter, als um 1850 die Handweberei durch die Konkurrenz der Fabriken brotlos wurde. Eine zweite große Welle folgte schon um 1870, weil die Fabriken nur Hungerlöhne zahlten und aus Amerika Gold-Nachrichten lockten. Die dritte Flucht ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten setzte 1922 ein, als die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg den jungen Kriegsheimkehrern die letzte Hoffnung auf Arbeit in der Heimat raubte. Insgesamt etwa 200 Wolfurter wanderten nach Amerika aus. Von drei besonders großen Familien will ich berichten. Im Haus Nr. 121 an der Kreuzstraße lebte seit 1903 der Wagner Johann Heitz aus Neustadt im Schwarzwald mit seiner Frau Theresia, geborene Reiner, die drüben an der Kirchstraße aufgewachsen war. Von 1906 bis 1914 wurde ihnen fast jedes Jahr ein Kind geboren, 7 Buben und 2 Mädchen: Karl, Josef, Anna, Johann, Albert, Maria, Franz, Anton und Ludwig. Als ersten zog es 1926 Josef Heitz nach Amerika. Der 21jährige Schlosser hatte bis dahin bei Doppelmayr gearbeitet und brachte es später in Amerika selbst zu einem großen Betrieb mit 70 Beschäftigten. Auf seine ersten Briefe hin folgten ihm schon 1927 die vier erwachsenen Geschwister: Karl, der Wagner und Zimmermann; Anna, die ein paar Jahre später den Wolfurter Auswanderer Franz Schertler heiratete; Johann, ebenfalls Schlosser; Albert, erst 18jährig. Im Jahre 1931 wollten auch die Eltern mit den vier jüngeren Kindern nachreisen. Sie hatten sich schon das Visum besorgt, mußten ihr Vorhaben aber dann wegen der hohen Kosten von je 300 Dollar aufgeben. Nach des Vaters Tod und dem Brand ihres Hauses bauten sie sich zu viert das große Haus an der Kirchstraße. Dort betrieb Franz seine Schreinerei und Ludwig seine Wagnerei. Die Konditorei des Bruders Anton konnte nicht mehr eröffnet werden, denn er ist 1940 als einer der ersten Wolfurter Soldaten gefallen. Als die Wagner kaum mehr Arbeit fanden, ging auch Ludwig 1955 bis 63 noch für ein paar Jahre nach Amerika. 25 24 Zwei Generationen früher hatten 1841 der «Tobler» Gebhard Schwerzler und seine Frau Maria Anna Rusch im Elternhaus im Tobel eine Familie gegründet. Zwischen 1843 und 1862 wurden ihnen zwölf Kinder beschieden, 7 Buben und 5 Mädchen: Ferdinand, Maria, Kreszentia, Josef, Anna, Gebhard, Johann, Wilhelm, Martina, Fridolina, Leopold und Fidel. Ferdinand heiratete in die Bütze und Josef ins Elternhaus. Beide begründeten selbst große Familien. Aber für die anderen zehn war kein Platz. Da wanderten sechs von ihnen nach Amerika aus: Kreszentia, Gebhard, Johann, Wilhelm, Leopold und Fidel. Es war eine Ausnahme, daß mit Schwester Kreszentia auch ein Mädchen ins Ungewisse mitfuhr. Sonst zogen ja nur Buben aus. Die Schwestern Maria, Martina und Fridolina mußten daheim ledig bleiben. Einzig Anna fand noch einen Ehepartner in Wilhelm Rohner aus Lauterach. Von ihren acht Kindern wurde Theodor Rohner 1938 Bürgermeister vonWolfurt.In Amerika starb Leopold schon mit 19 Jahren. Die anderen fanden zum Teil Arbeit beim Aufbau der 1871 durch einen Großbrand zerstörten Stadt Chicago. Einige ließen sich vor 100 Jahren in Tissin, Ohio, nieder. Bis zum Zweiten Weltkrieg kam manchmal ein Brief mit einem Foto. Seither sind die Kontakte erloschen. * Noch ein Jahrzehnt früher lebten in Rickenbach im Loch (Kellaweg 4) Martin Schneider und seine Frau Anna Maria Flatz. Sie war eine Nichte des Malers Gebhard Flatz. Ihr Vater, der Bäcker und Mohrenwirt Josef Anton Flatz, war verarmt gestorben. «Marteles im Lo» waren mit 13 Kindern gesegnet, von denen 6 früh starben. Franz Xaver, der älteste Sohn, fuhr schon 1851 nach Amerika. Als sich 1853 wieder ein paar Wolfurter Familien auf den Weg machten, schloß sich ihnen auch der zweite Sohn Johann Gebhard Schneider an. Er war noch nicht 17 Jahre alt. Über sein abenteuerliches Leben und das Schicksal seiner Eltern, die ihm 1859 mit ihren letzten 5 Kindern nach Amerika folgten, berichtet Schneider als 80jähriger Greis in gebrochenem Englisch in einer Chronik. Sein Urenkel hat mir eine Abschrift geschickt. Ich versuche hier eine Übersetzung, weil ich glaube, daß ein solches Wolfurter AuswandererSchicksal manchen von uns nachdenklich machen könnte: Martin Kalb und deren Familien. Wir wanderten durch die Schweiz und einen Teil Deutschlands und kamen in fünf Tagen nach Antwerpen in Belgien. (Anmerkung: Von Basel aus gab es damals schon eine ganz neue Eisenbahn, die überfüllte Auswandererzüge nach Antwerpen brachte.). Von dort schifften wir uns am 28. Februar 1853 in einem Segelschiff namens «: etrol» nach Amerika ein und landeten nach 49 Tagen am 8. April in New York. Am 24. April 1853 kamen wir nach Fremont in Ohio. Meine zwei Onkel kauften 40 "acres" Land (das sind über 16 Hektar) im Osten von Lindsay. Den ersten Sommer arbeitete ich dort für die Überfahrt in dieses Land, die sie für mich bezahlt hatten. Im Winter von 1853 auf 1854 versuchte ich den Möbelhandel bei Adam Miller in Fremont zu erlernen. Aber als er mich Hund (a dog) nannte, wollte ich nicht länger bleiben. Ich verließ ihn und ging nach Scott Township. Dort arbeitete ich einen Sommer lang für Jakob Zimmermann aufseiner Farm. Auch für andere Farmer arbeitete ich bis zum Frühjahr 1856. Im Herbst 1855 wurde ich von Fieber befallen und konnte es nicht mehr los werden. Man sagte mir, ich brauche einen Klimawechsel. So ging ich im Frühjahr 1856 nach Iowa, wo ich ein paar Freunde aus der Heimat wußte. Als ich zu ihnen stieß, machten sie sich gerade aufden Weg nach Minnesota. Sie sagten, ich solle mitgehen. Das tat ich und blieb den Sommer über bei ihnen. Sie warnten mich vor dem kalten Winter. Daher kam ich im Spätherbst wieder nach Ohio zurück, zu meinem alten Freund Zimmermann in Scott Township. Den Winter über blieb ich bei ihm. Drei Monate lang arbeitete ich in der Landwirtschaft und besuchte gleichzeitig eine Englisch-Schule. Im Frühjahr 1857 brachen Joseph Böhler und ich nach Kansas auf. Jeder von uns übernahm dort ein Stück Staatsland fürje 114 Dollar pro Acre (40 ar). Im Frühling 1859 erhob sich der Goldrausch (Gold Excitement) von Pikes peak. Joe Böhler und ich verkauften unser Land in Kansas und trafen in einer Gesellschaft zu viert Vorbereitungen für den Weg nach Pikes Peak. Jeder kaufte ein Paar Ochsen und einen Wagen. Wir zogen nach Leavenworth City und besorgten uns dort Proviant für sechs Monate. (Anmerkung: City war damals natürlich noch keine Stadt, sondern ein von Indianern bedrohtes kleines Nest im Wilden Westen.) Als wir ein paar Hundert Meilen weit gekommen waren, trafen wir auf Hunderte von Goldsuchern. Sie waren auf dem Rückweg und berichteten, es sei nichts. Da wir große Vorräte mitführten, beschlossen wir nun, nach Kalifornien zu gehen. 27 Autobiography Of John Gephart Sneider Lebenslauf des Johann Gebhard Schneider. Von der Zeit, da ich, Johann Gebhard Schneider, die Heimat ("the Old Country") verlassen habe, bis zum gegenwärtigen Datum, dem 15. März 1915. Ich verließ meine alte Heimat, ein Dorf mit dem Namen Wolfurt, nicht weit vom Bodensee (Lake Constance), Vorarlberg, Tirol, am 18. Februar 1853 mit zwei Onkeln, den Herren Flatz, und einer Tante, Johanna Flatz, mit Martin Schwerzler, Joseph Böhler, 26 Fünf Jahre und vier Monate war ich in Kalifornien und schuftete in den Goldminen. Aber ich gehörte nicht zu den Glücklichen, diedortReichtum fanden. Als ich in die Minen ging, besaß ich 150 Dollar. Nach fünf Jahren Arbeit kam ich mit 750 Dollar heraus. Im Dezember 1864 machte ich mich auf den Weg nach Ohio. Ich wollte meinen Vater, die Brüder und die Schwester besuchen, die ich seit nahezu zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vater und Mutter waren mit unserer Familie 1859 ebenfalls in dieses Land gekommen, sechs Jahre nach mir. Meine Mutter war vier Tage nach Ihrer Ankunft in Fremont gestorben. DenRückweg von Kalifornien nach Ohiomachteich über das Meer (by water). Ich querte Pananama an der Stelle, wo jetzt der Panamakanal situiert ist. (1864 waren dort noch Urwald und Sümpfe.) Den Winter von 1864 auf 1865 wohnte ich mit Vater, Brüdern und Schwestern in Rice Township auf der Farm, wo mein Bruder Leonhard nochjetzt lebt. Im Frühling 1865 zog ich wieder westwärts nach Iowa. Ich arbeitete dort für die Eisenbahngesellschaft. Als Heizer auf einer BauLokomotive verdiente ich zwei Dollar pro Tag. Wäre ich jünger gewesen, so hätte ich das Eisenbahnergeschäft gelernt. Aber ich war schon in meinem dreißigsten Jahr, zu alt um noch eine Ausbildung als Eisenbahningenieur zu beginnen. Damals mußten alle noch als Heizer anfangen! Zu Winteranfang 1865/66 kam ich wieder heim. Am 22. Oktober 1866 wurde ich mit Mary Ann Reineck getraut. Für ein Jahr ließ ich mich in Fremont nieder. Dann kaufte ich sechs Acres Boden in Flat Brush, eine Meile westwärts von der Stadt Fremont. Darauf stellte ich ein Haus und machte es für 45 Jahr


Heimat Wolfurt Heft 06 1990 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 6 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 90 Im Dorf. Die Fronleichnamsprozession mit Kirchenchor, Schützen und Musik. Die Gemeinderäte tragen den Himmel. Links der «alte» Schwanen mit dem großen Sandsteinbrunnen am Dorfbach, rechts der neue Schwanen. Im Hintergrund die Waschhütte. Inhalt: 18. 19. 20. 21. 22. 23. Das Wolfurter Kirchdorf (Heim) Häuserverzeichnis 1926 Sozialstrukturen (Volaucnik) Wasser und Wald (Heim) Aus Großvaters Tagebuch (Ferdinand Schneider) Spatzecklo (Heim) Zuschriften Zu «Kriegsende 1945» (Heft 3/36) ist noch ein Brief eingegangen. Sicher wüßten andere Wolfurter noch mehr zu erzählen: Auch ich habe die letzten Kriegstage so in Erinnerung, daß die französischen Flieger im Tiefflug aufalles schossen, was sich da unten bewegte. Ob Radfahrer oder Kinder, es wurde einfach geschossen. Und so erlebte ich einen der Tagesangriffe. Wir Flotzbächler Buben, 12—14jährig, waren an diesen letzten Kriegstagen immer unterwegs. Die Jabo's (Jagdbomber) warfen nämlich nicht nur Bomben, sondern auch Flugblätter ab, auf die wir Buben natürlich scharf waren. Nun muß ich für alle Wolfurter, die damals noch nicht auf der Welt waren oder noch nicht in unserer Gemeinde wohnten, etwas ausholen. Die Unterhubstraße, das ist die Straße vom ehemaligen Doktor-Haus bis zum Hause Herburger (Fa. Stark), war damals nur ein kleiner staubiger Weg, beidseitig eingesäumt von hohen Hecken. Weit und breit aber kein einziges Haus, nur eine riesige Wiese und ein paar Äcker. Ausgerechnet über dieser Wiese flatterten die Flugblätter auf uns herab. Erwartungsvoll schauten wir Knirpse (Gasser Arthur,SchwerzlerKarl und ich) nach oben, als plötzlich einer von uns aufgeregt schrie: «Die Flugzeuge kommen zurück!» Tatsächlich wendeten sie nach dem Abwurf der Blätter über Rickenbach und stießen nun direkt aufuns herunter. Blitzschnell sausten wir in Richtung Straße, zu den kleinen Bäumen, um dort Schutz zu suchen. Wir standenja wie Zielscheiben ohnejede Deckungsmöglichkeit mitten aufder Wiese. Kaum lagen wir angstzitternd mit eingezogenen Köpfen hinter den Bäumen, als die Bord-Maschinengewehre schon zu hämmern begannen. Hinterher prasselten die leergeschossenen Patronenhülsen durch das Geäst auf uns herunter. Viele Jahre habe ich einige dieser Hülsen aufbewahrt. Wir Buben hatten Glück. Niemand wurde verletzt. Kein Glück hingegen hatte die damals 15jährige Luise Bilgeri, die bei diesem Angriff tödlich getroffen wurde. Ludwig Schwärzler DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Mag. Christoph Volaucnik, geboren 1961 in Bregenz. Er hat seine Jugendjahre in Wolfurt verbracht und wohnt jetzt in Bregenz. Nach seinem Geschichtestudium betreut er jetzt das Industrie-Archiv in Feldkirch. Ferdinand Schneider, 1845—1917, Wolfurt. Fabriksarbeiter, Musikant, Schauspieler, Chronist. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Serie «Wolfurt in alten Bildern», 1983 Berichtigung In Heft 5 muß die Inhaltsangabe auf der Titelseite berichtigt werden: 15. Auswandererschicksale (Heim) Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt 1 Siegfried Heim Das Kirchdorf Wolfurt Auszug aus einem Vortrag im März 1990. Dritter Teil der Serie Geschichte nach «Pfarrkirche» (Heft 4/54) und «Schlösser» (Heft 5/3). Unser Kirchdorf hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert. Es hat viel von seiner Bedeutung eingebüßt. 1. Schon seit 1870 hat es durch den Bau von Schule und Gemeindeamt im Strohdorf einen Konkurrenten erhalten, der später mit Vereinshaus und Post als weltliches Gemeindezentrum das Dorf weiter hinter sich ließ. 2. Die Kirche hat an Boden verloren. Nur mehr 30 % der Wolfurter besuchen die Gottesdienste. 3. Der Autoverkehr hat den Kirchplatz zerstört. Er ist kein Platz mehr, wo sich Wolfurter bei Gespräch, Spiel oder Versammlung treffen. Gasthäuser und Geschäfte wurden verlegt, der Brunnen abgebrochen. Gastarbeiter bewohnen die alten Häuser. Wir hören von Bemühungen um die Wiederbelebung des Dorfes und haben die Pläne gesehen. Wenn sie verwirklicht werden sollen, sind dazu Dörflerstolz, Traditionsbewußtsein und viel Mut notwendig. Kirchdorf und Bütze um das Jahr 1938. Eng drängen sich die alten Bauernhäuser um den Brunnen am Fuß der Kirche. Ein riesiger Obstwald und blumige Wiesen erstrecken sich bis ins Wida. Der Großteil der Mark wurde aber von allen Bauern in Dreifelderwirtschaft gemeinsam bebaut. Die drei Esche waren mit einem Zaun gegen «trib und trat» des Weideviehs geschützt. «Vällenthörer», das sind große Gattertore, ermöglichten den Zugang. Sie bestanden noch bis zur Auflösung der Dreifelderwirtschaft im 18. Jahrhundert. Eines weist der alte Brunnenbrief beim Haus Bregenzerstraße 6 («Hannes Franz») nach, welches noch um 1800 das nördlichste Haus des Dorfes war. Nach Westen endete das Feld ursprünglich bei Bütze- und Unterlindenstraße. Dort sollen nach der Überlieferung zur Pestzeit die Toten am Feldrain bestattet worden sein. Die jetzige Kreuzstraße hieß früher «Feld»-Straße. Als auch die Unterfelder westlich der Bützestraße kultiviert worden waren, wurde das zweite Vällenthor an das untere Ende der «Berg»-Gasse (heutige Kellhofstraße) verlegt. Markgenossenschaft Der Gotenkönig Theoderich hatte um 500 n. Chr. die vor dem Frankenkönig Chlodwig fliehenden Alemannen im Land um den Bodensee aufgenommen. Eine Hundertschaft überquerte die Ach und ließ sich an der alten Römerstraße am Fuß des Steußbergs nieder. Hier gab es genug Holz zum Bau von festen Häusern und zwischen Berg und Sumpf auch guten Boden für Getreideäcker. Das unentbehrliche Wasser lieferten die Waldbäche selbst in der Sommerhitze und in den Frosttagen des Winters. So drängte sich bald eine Gruppe von alemannischen Einraumhäusern im Tobel und am «Roa», wo die alte Römerstraße vom Oberfeld her den Talrand erreichte, nahe an den Tobelbach. Zu jedem Haus gehörte das «ehaft gut», eine eingezäunte Bündt für Obst, Reben und Flachs. 2 Kellhof des Königs 742 mußten sich die inzwischen christianisierten Alemannen doch noch den übermächtigen Franken unterwerfen. Fränkische Grafen übernahmen die Herrschaft. In Wolfurt entwickelten sich die beiden Herrschaftshöfe «zu staig» in Rickenbach und «kelnhof» am Tobelbach zu selbständigen Gerichten. Sie zogen immer mehr Besitz und unfreie Leute an sich. Ein Ammann verwaltete den Hof für den Grafen. Er sprach Recht und führte die waffenfähigen Männer an. 3 Von den Bregenzer Grafen fiel der Kellhof 955 an die Pfullendorfer Linie und 1167 an den Stauferkaiser Friedrich Barbarossa. Lange Zeit blieb er nun als selbständiges Gericht und Königsgut ein Fremdkörper im Hofsteiger Besitztum der Montforter Grafen. Zu seinem Selbstbewußtsein trug auch die Kapelle St. Nikolaus auf dem Rain bei, die die Pfullendorfer für ihren Hof gestiftet hatten. Viele freie Bauern unterstellten sich der Schutzherrschaft des Hofes oder auch des nahen Klosters Mehrerau. Ihre freiwillig abgetretene Habe erhielten sie als «Lehen» von ihrem Herrn wieder anvertraut, nur mußten sie jährlich eine Abgabe zahlen. Der «Großzehent» bestand in jeder zehnten Gabe von Vesen und Hafer, auch von Heu, und jedem elften Maß Wein. Der «Kleinzehent» wurde von Kälbern, Gänsen, Enten, Hühnern, Äpfeln, Birnen, Rüben, Bohnen, Erbsen, Nüssen, Hanf und Flachs genommen, aber auch von Milch, Butter, Käse, Eiern, Honig und Wachs. Statt in natura wurde der Kleinzehent später in bar oder durch Frondienst abgegolten. Daneben gab es noch andere drückende Steuern. Die schwerste war der «fal», der beim Ableben des Familienältesten «fällig» wurde, meist als «besthaupt» im schönsten Pferd oder Rind aus dem Stall und als «häsfal» im besten Kleid aus dem Kasten. Für diese Abgaben bot der Hof aber mehr als nur Schutz in Kriegszeiten. Er zwang unter Leitung der erfahrensten Männer das Dorf zu einer Gemeinschaft wie in einer großen Familie. Er verlieh Pflug und Wagen. Er stellte den Kessel, in dem der Hafer zum Enthülsen gesotten wurde, und die Mühle am Tobelbach. Der Hof hielt für alle im Dorf Hengst, Stier und Eber. Er bot auch Gastfreundschaft. Er stellte Herberge und Wirtshaus für Wanderer, Bettler und Landfahrer. Auf einem umzäunten Platz bestand die Möglichkeit zur Rast für Mann und Pferd. Der Hof stellte den Dorfschmied, den Metzgerzuber und die Badgelte. Ihm gehörte der Weintorggel. Der Hof besaß auch ein Armenhaus und versorgte die Waisenkinder. Er verlieh und kontrollierte Maße und Gewichte. So fand der Zehent vielfältige und nützliche Verwendung (nach Bilgeri in «Holunder» 1932/35). Vom Kellhof führte ein Säumerweg über Oberbildstein und die «Roßgasse» nach Alberschwende und weiter über die Lorena zu den freien Reichspfarren im Hinterwald . Der Montfort-Mehrerauer Teil des Bregenzerwaldes war schon früher von Hofsteig aus über Schwarzach-Farnach erschlossen worden. Barbarossas Sohn Heinrich schenkte 1226 die Kapelle St. Nikolaus an das Kloster Weißenau bei Ravensburg. Der Kellhof wurde mehrfach verpfändet. 1458 kauften ihn die reichen Grafen von Hohenems. Sie musterten nunmehr die Kellhofer Burschen in der Tanzlaube an der Kirchstiege und hielten dort Gericht! Durch Erbteilungen und Käufe waren die Gebiete von Hofsteig und Kellhof völlig ineinander verwachsen. Zum Kellhof gehörten jetzt 200 Leibeigene. 1603 führte Amann Bastian Kölnhofer 55 Männer zur Musterung nach Ems. 4 Kirchdorf am Steußberg Das Gericht Hofsteig mit Rickenbach und Schwarzach hatte längst seinen Hauptsitz nach Lauterach verlegt. Es war 1451 mit Bregenz an Habsburg-Österreich gekommen. Gemeinsam mit den emsischen Kellhofern errichteten die Hofsteiger 1512 eine selbständige Pfarrei Wolfurt. Abwechselnd durfte einmal das Kloster Mehrerau, dann wieder das Kloster Weißenau den Pfarrer stellen. Jetzt wurde die Tanzlaube bei der Kirche ein wichtiges Zentrum für die Leute von der Ach bis zur Schwarzach und für Bildstein und Buch. 1517 errichteten die Bewohner des Dorfes hier den ersten Dorfbrunnen. Durch hölzerne Düchel leiteten sie das Quellwasser vom Weinberg des Schloßherrn Jakob von Wolfurt her. Die Vällenthörer und die gemeinsamen Getreide-Esche erwiesen sich bei der Zunahme der Wohnbevölkerung nun immer mehr als Fessel. Um 1720 erzwang der einsetzende Anbau von Mais und Kartoffeln die Verteilung der Felder. Einzelne Bauern versetzten jetzt ihre Häuser aus dem engen Dorf in die neuen Felder. Der Pfarrer nennt sie im Seelenbeschrieb von 1760 «translata» oder «delocata». Reichere Bauern errichteten neue Höfe außerhalb des Dorfzauns im Röhle und in der Bütze. 1765 war der Kellhof mit Hohenems schließlich doch auch zu Österreich gekommen. Vier Wolfurter Bürger kauften 1771 die letzten Kellhofgüter, darunter den großen, von einer Mauer gegen den Tobelbach geschützten Weingarten in der Bütze, aus der Emser Herrschaft frei. Als erster baute ein Haltmayer-Sohn aus dem Dorf im Jahre 1800 ein Haus in die westlichste Ecke des Weingarten (heute Heims in der Bütze). Das zweite baute 1806 der Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider an die «Berggasse». Es war das spätere Rädlerhaus, das samt der Bütze-Mauer 1976 für die Geschäfte an der Kellhofstraße abgebrochen wurde. Vor der Mauer war noch genug Platz für die riesigen Holzstapel der Laute racher und Harder Bauern. Hier lagerten sie ihr Ippach-Holz, um es bei guter Schlittbahn oder auf schweren Blockwagen nach Hause zu führen. Der alte Brunnen bei der Tanzlaube und der 1811 errichtete «Kleine Brunnen» an der Kreuzstraße waren wichtige Treffpunkte der Dorfgemeinschaft. Jeden Morgen und Abend trieb jeder Bauer sein Vieh hierher zur Tränke. Ein paar Holzkübel voll Wasser wurden für den täglichen Bedarf in die Küche getragen. Bei gutem Wetter besorgten die Frauen am Brunnen und am Bach ihren Waschtag, bis eigene Waschhütten erstellt wurden. Für die Kinder und die Jugend des Dorfes waren Brunnen, Bach und Tanzlaube Mittelpunkt ihrer Spiele. Wegen unliebsamer Vorkommnisse bestanden die Nachbarn und der Pfarrer 1830 auf dem Abbruch der Laube. Rundum waren inzwischen Gasthöfe entstanden. In ihren Sälen gab es Fasnatunterhaltung, Theater, Hochzeits- und Totenschmaus. Aber auch Gemeindevertretungssitzungen und Musikproben wurden im Schwanen-, Rößle- oder Engelsaal abgehalten. 5 lungen geschlossen, die Brunnen abgebrochen, die Plätze dem seit 1955 einbrechenden Autoverkehr überlassen. 1953 hatte die Gemeinde mit ihrem Wasserwerk die Möglichkeit zur Erschließung und Zersiedlung der umliegenden Felder und Bühel geschaffen. Zwei Jahrzehnte lang lag Wolfurt an der Spitze der Zuwachsraten in Vorarlberg und verdreifachte seine Häuserzahl. Die alte Römerstraße am Berghang vermochte den Autoverkehr nicht mehr zu fassen, der Durchzugsverkehr wurde 1964 auf die neue Straße in der Bütze verlegt. Aber auch der Quell verkehr von den nahen neuen Siedlungen genügte, um die Lebensqualität am Dorfplatz entscheidend zu mindern. Die Jungen siedelten in ruhigere Eigenheime ab. Investitionen in die alten Häuser erschienen fragwürdig. Sie wurden vielfach Gastarbeiterfamilien überlassen, verwahrlost und abgewohnt. Manche stehen heute leer oder fast leer, einige wurden abgebrochen, nur wenige neu erstellt. Nur ein großzügiges Revitalisierungsprojekt kann das 1000jährige Kirchdorf noch retten. Das Kirchdorf 1760 (Zur folgenden Skizze) Das Rößle um 1910 an der alten Kirchstiege. Gasthaus, Bäckerei, Handlung, Theater- und Tanzsaal, Casino. Dort, wo der neue Lampenmast steht, wurde bis 1830 in einer Tanzlaube am Dorfbach Rat gehalten. 1982 wurde das Rößle abgebrochen. Auf dem Kirchplatz hielt die Bürgermusik ihre Platzkonzerte. Hier sammelten sich die Turner zu ihrem Festaufmarsch. Von hier aus zogen die Standschützen 1915 an die Dolomitenfront, hier standen die Dorfvereine bei den vielen Heldenehrungen des zweiten Weltkrieges. Es wechselten die Fahnen an der Kirchstiege, aber immer waren Dorf und Kirchplatz von regem Leben erfüllt. Im «Seelenbeschrieb» von 1760 legte Pfarrer Josef Andreas Feurstein erstmals ein numeriertes Häuserverzeichnis an, das zusammen mit späteren Landkarten eine Übersicht über das Dorf ermöglicht. 57 Häuser gehörten zum Kirchdorf. Kirche (K), Tanzlaube (T) und Pfarrhof (Pf) sind ohne Nummer. Vom Dorfplatz stieg die Landstraße steil auf den Bühel. Sie führte den Verkehr zur Achfurt und nach Bregenz. • Die Numerierung beginnt bei der Kirche: Nr. 1—6 «Auf dem Bühel». Die Köb-Häuser (1 und 2) sind 1911 abgebrannt. An der Stelle der Dorfschmiede (3) steht heute die Villa «Lug aus». Das Kinzhaus (4) ist 1880 abgebrochen worden. Erst 1839 entstand hier das Kaplanhaus. Nr. 7—13 waren die sieben Häuser «Zur Ach». Sie zählten nicht zum Dorf. Nr. 14—18 «Im Röhle». Das damals neue Haus 14 (Hannes Franz) stand bereits außerhalb des Vällenthores. Nr. 16+17 mußten 1826 der großen Haltmayer-Gerbe weichen. Dort steht jetzt der neue Gasthof Engel. Die wichtige «Bregenzerstraße» entstand erst nach 1810. Nr. 19—25 «Im Loch». Mit sechs Häusern dicht verbaut. Nr. 26—33 «An der Berggaßen». Aus der Enge des Dorfplatzes wurde das oberste Haus 26 schon etwa 1780 ans untere Ende der Berggasse (heute Mohr Zita) übertragen. Nr. 27 mußte 1860 dem «neuen» Schwanen weichen, Nr. 28 («Filitzos») wurde 1895 für den Schwanengarten abgebrochen. Nr. 29 («Veres» — Höfles) stand noch bis 1980. Nr. 30 («Stülzes») stand Das Kirchdorf zerfällt Die Gemeinde Wolfurt besaß im zwei Kilometer entfernten Rickenbach, das sich aus dem alten Weiler Steig zu einem selbstbewußten eigenen Dorf entwickelt hatte, ein zweites kleineres Zentrum. Auch hier gab es Dorfbrunnen, Gasthöfe, einflußreiche Gerwerbebetriebe und dörflichen Zusammenhalt. Im Wettbewerb der beiden Dörfer wurde ab 1870 der dazwischen liegende Weiler Strohdorf der lachende Dritte. Zwar war es den Rickenbachern 1830 nicht gelungen, eine neue Kirche hierher «in die Mitte» zu bauen, wohl aber wurde 1872 die neue Schule mit dem Gemeindeamt hier errichtet. Es folgten die Post, das Vereinshaus, auch Handelsgeschäfte und schließlich die Hauptschule mit den großen Sporthallen. Die Abwanderung der öffentlichen Einrichtungen ins Strohdorf hatte die Verödung von Kirchdorf und Rickenbach zur Folge. Nach und nach wurden Gasthöfe und Hand6 7 ursprünglich ganz einsam außerhalb des westlichen Vällenthores (V). Im Haus 31 lebte bis 1797 der einflußreiche Kloster-Ammann Nikolaus Müller, von dem es noch heute den Namen «Sam-Müllers» trägt. Nr. 33 war das einzige Gasthaus im Dorf, der «alte Schwanen». Hier tagten die Dorfverwalter. Der Wirt Joh. Georg Reiner trat in der Bayernzeit als «Amtsverweser» an den Platz des früheren Ammanns. Nr. 32 läßt sich nicht mehr lokalisieren. Da die «Berggasse» vom Dorfbrunnen bis zum großen Kellhofweingarten führte, trägt sie heute zu recht den Namen Kellhofstraße. Nur ihre steile Fortsetzung beim Kriegerdenkmal wird im Volksmund weiterhin Berggasse genannt. Nr. 34—37 «An der Feldgaßen». Heute heißt sie «Kreuzstraße». Das Haus 34 ist erst im Jahre 1879 zum Gasthof «Lamm» erweitert worden. Nr. 38—40 «Im Gäßele». Das Haus 38 ist 1911 abgebrochen worden. Nr. 41—44 «Im Tobel». Zum schon vor 1800 verschwundenen Haus 41 gehörte vermutlich die Kellhof-Mühle. Nr. 45—46 «An der Kirchstiegen». Das große «Hanso Hus» Nr. 45 war der einzige Kaufladen im Ort. Nach den Gottesdiensten stand er auch den Leuten von Buch und Bildstein offen. Der Besitzer Anton Bildstein war «Balbierer» und «Chirurg». Nr. 46 wurde erst 1850 zum «Rößle» umgebaut. Nr. 47—62 «An der Kirchgaßen». Heute heißt sie «Kirchstraße». Auch hier ist das erste Haus 47 direkt beim Dorfbrunnen schon um 1810 verschwunden. Nr. 51 wurde 1806 in der Bütze (bei der Rittergasse) neu aufgestellt. Andere Bauherren nützten aber bald den freien Platz. Das «Girschke»Haus 52 wurde etwa 1975 abgebrochen. 53 und 54 («Stenzlers») ist eines der wenigen erhaltenen alten Doppelhäuser, die beweisen, wie rar die Bauplätze im Dorf schon um 1750 waren. Daher hatten der reiche Rohner (57) und die beiden mächtigen Schneider (61 und 62) ihre neuen großen Häuser in das Getreidefeld gestellt. Nr. 57 ist 1869 abgebrannt, erst 1893 erbaute Lehrers Ludwig hier ein anderes. Die Schneiderhäuser sind miteinander 1907 abgebrannt. Nr. 63 «Auf der Halden» ist das letzte Haus, das noch zum Kirchdorf zählte. An ihm vorbei führte der alte Reitweg zum Schloß und ins Holz. Links waren damals noch ein zum Schloß gehöriger Weinberg und die älteste Quellfassung (X) für den Dorfbrunnen(B). Das Überwasser mußte später auch noch für den «kleinen Brunnen» bei Nr. 57 und die Waschplätze bei 28 und 54 reichen. Die Waschhütte auf dem Bühel (bei 2) besaß eigene Wasserrechte. Pfarrers Weinberg im Tobel bestand als letzter von den vielen Wolfurter Weingärten noch im Jahre 1882. 9 Häuser-Verzeichnis der Gemeinde Wolfurt nach dem Stande vom 31. Dezember 1926. 10 11 Christoph Volaucnik II. Sozialstrukturen im vorigen Jahrhundert Einleitung Der vorliegende Aufsatz stellt die Fortsetzung eines im Heft 2, November 1988, der Zeitschrift «Heimat Wolfurt» erschienenen Artikels dar. Während der erste Artikel die wirtschaftliche Entwicklung Wolfurts und die historischen Veränderungen des Berufslebens zum Thema hatte, sollen nun die sozialen Verhältnisse meiner Heimatgemeinde im 19. Jahrhundert skizziert werden. Der Aufsatz gliedert sich in zwei Teile, wobei zuerst anhand vorhandener Statistiken und Quellen die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse und dann im zweiten Teil der Wandel und Aufbau der Gemeindeinfrastruktur (Schule, Straßen) kurz vorgestellt werden sollen. Zum ersten Teil des Aufsatzes sei vorweg festgestellt, daß mit den zahlreichen Quellen des Gemeindearchivs eine statistische Darstellung der Bevölkerungszunahme, der Familiengröße des Jahres 1839, der Vermögensklassen und der Fremden im Dorf möglich war und dadurch zumindestens ein Einblick in das soziale Leben und in die gesellschaftlichen Abstufungen des Dorfes gewonnen werden konnte. Eine statistische Darstellung (quantitative Auswertung) von Quellen ist aber nur ein beschränktes Mittel für die Erforschung der Sozialgeschichte eines Dorfes und muß durch Forschungen zur Familiengeschichte, zur Hausgeschichte abgerundet werden. Gerade hier kommt dem Dorfchronisten eine wichtige Aufgabe zu, da er in detailreichen Forschungen Informationen gesammelt hat, die Basis für die sozialgeschichtliche Forschung sein könnten. Dieser Aufsatz kann daher nur als Skizze und Versuch einer dörflichen Sozialgeschichte verstanden werden. Im Jahre 1899 wurden die Wolfurter Häuser zum vierten und letzten Mal von der Ach bis in den Schlatt durchnumeriert. Diese Reihung galt bis zum 1. Jänner 1954. Dann wurden die heutigen Straßenreihungen eingeführt. Nur wenige von uns werden all die Namen kennen, die 1926 in der Gemeinde Geltung hatten. Vielleicht helfen sie Ihnen aber doch, sich wenigstens Ihre Nachbarn ins Gedächtnis zu rufen. Welche Häuser haben die Bau-Wut der letzten 40 Jahre überdauert? Viele Unterlagen über die alten Häuser finden Sie noch im Gemeinde-Archiv. 12 13 II. 1 Bevölkerungsentwicklung Jahr 1807 1819 1832 1833 1834 1835 1837 1839 1869 1880 1890 1900 1910 1923 männl. weibl. Total 1143 1069 1279 1209 1222 1214 1236 1332 1648 1623 1892 2070 2265 1798 Dienstboten Fremde Häuser Haushalte mit n-Personen 1 2 3 4 5 1- 5 6 7 8 9 10 6-10 11 12 mehr Total 6 26 30 46 41 38 26 13 9 7 5 1 2 in % 2,4 10,4 12,0 18,4 16,4 59,6 15,2 10,4 5,2 3,6 2,8 37,2 2,0 0,4 0,8 581 604 577 560 621 788 759 562 675 645 654 711 860 864 183 2 22 22 19 20 21 44 16 16 20 30 215 219 220 221 228 230 262 272 344 Wie aus dieser statistischen Übersicht hervorgeht, erlebte Wolfurt im 19. Jahrhundert einen bedeutenden Bevölkerungszuwachs, wobei interessanterweise der Zuwachs in den Jahren 1877 und 1880 20 % betrug, in der Zeitspanne von 1880 bis 1890 aber ein Zuwachs von 16,6 % zu verzeichnen war. Dieser enorme Zuwachs ging bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch weiter. Ein gewaltiger Rückgang der Bevölkerung setzte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ein, als die Bevölkerung bis zum Jahre 1923 auf 1798 zurückging. Der Aufschwung seit 1880 ist mit der großen Bedeutung und dem Aufschwung der Stickereiindustrie zu erklären und den Vergrößerungen in der Textilindustrie ab 1890. Die Stickerei konnte sich vom Rückschlag des Weltkrieges nicht mehr erholen, und durch diesen bedeutenden Verlust eines der wichtigsten Erwerbszweige der Gemeinde, kam es zu einer Abwanderung der Bevölkerung und sogar zu einer Auswanderungswelle vieler Wolfurter nach Amerika. Durchschnittliche Anzahl pro Haushalt: 4,9 Personen Diese Zahlen zeigen, daß 1839 eher die Kleinhaushalte dominierten. Eine Durchschnittszahl von 4,9 Personen pro Haushalt und die Tatsache, daß Haushalte mit bis zu 5 Personen mit 59,6 % am stärksten vertreten waren, zeigt die Dominanz des Kleinhaushaltes. Aber auch noch Haushalte mit 6 bis 7 Personen waren in Wolfurt recht stark vertreten, während Großfamilien mit 10 Personen selten waren. Leider gibt es für das 19. Jahrhundert keine weiteren derartigen Haushaltsverzeichnisse mehr, die über die Haushaltsformen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Auskunft geben könnten. Im Jahre 1839 waren von 241 gezählten Häusern lediglich 18 Häuser mit 2 Familien-Haushalten besetzt. II 2. Haushaltsstrukturen 1839 Aus dem Jahre 1839 hat sich ein Bevölkerungsverzeichnis mit Angabe der Familiengröße erhalten, das Aufschlüsse über die Haushaltsstrukturen und auf Familienstrukturen gibt. II 3 Vermögensstruktur Mit den im Gemeindearchiv befindlichen Vermögenssteuerverzeichnissen der Jahre 1785, 1797, 1846 und 1850 ist es möglich einen Einblick in die Vermögensstruktur der Gemeinde, den sozialen Aufbau und in die sehr bedeutende Verschuldung zu gewinnen. Diese Steuerbücher bestehen aus dem geschätzten Vermögen (Haus, Grund, Fahrnis und Kapital), den Schulden, wobei der Kreditgeber meistens genannt wurde, und, nach Abzug der Schulden von der Schätzsumme, das tatsächlich zur Verfügung stehende Vermögen, das zur Besteuerung herangezogen wurde. Um einen Eindruck von der Verschuldung zu erhalten, werden in den folgenden Tabellen das geschätzte und das versteuerte Vermögen dargestellt. 15 14 Kategorie in Gulden % % % % Versteuertes Vermögen % % % % 1785 1797 1846 1850 0- 500 500-1000 1000-1500 1501-2000 2001-2500 2502-3000 3000-3500 3501-4000 4001-4500 4501-5000 5001-5500 darüber 15,2 42,6 22,9 8,9 3,2 1,2 1,9 1,2 0,6 0,6 1,2 6,2 22,9 31,6 18,6 6,2 6,2 1,8 1,2 1,2 0,6 0,6 3,1 4,5 18,0 24,5 17,2 9,8 7,3 7,3 3,3 1,6 2,5 1,3 2,5 5,1 7,8 11,3 17,0 14,9 7,2 6,2 10,8 5,6 5,2 2,5 6,18 0- 500 500-1000 1000-1500 1501-2000 2001-2500 2502-3000 3000-3500 3501-4000 4001-4500 4501-5000 5001-5500 darüber kein Vermögen nur minus Schulden 1785 1797 1846 1850 47,7 21,6 13,3 3,8 0,6 1,9 1,2 0,6 0,6 8,2 29,2 32,2 12,5 4,7 5,0 1,8 1,3 0,6 0,6 0,6 3,1 10,1 20,0 13,1 13,1 8,2 3,7 3,3 2,9 2,1 0,4 0,4 0,4 2,5 29,9 26,8 12,9 12,4 6,2 11,3 6,7 6,7 3,6 1,1 2,6 1,03 8.2 Bei einer Gegenüberstellung der beiden Tabellen ist sichtbar, daß die Schulden der Bevölkerung den Vermögensstand von den mittleren Steuerklassen auf die Klasse bis 1000 Gulden drückte. Sehr viel deutlicher kann folgende Tabelle über die Verschuldung Auskunft geben. Schulden - Fälle: in Gulden keine 0- 100 101- 200 201- 300 301- 400 401- 500 501- 600 601- 700 701- 800 801- 900 901-1000 1001-1100 1101-1200 1201-1300 1301-1400 1401-1500 1501-1600 1601-1700 1701-1800 1801-1900 1901-2000 2001-2100 2101-2210 2201-2300 2301-2400 2401-2500 2501-2600 2601-2700 2701-2800 2801-2900 2901-3000 darüber Bei genauer Betrachtung der Tabelle fällt die Verschiebung im Bereich des geschätzten Vermögens vom Jahre 1785 bis 1797 auf. Es fand scheinbar eine Verbesserung der finanziellen Lage statt, da sich im Bereich zwischen 1000 und 3000 Gulden mehr Vermögenswerte befinden. Diese Verschiebung ist jedoch mit der damals stattgefundenen Riedteilung zu erklären, die jedem Gemeindebürger eine Wiese im Ried einbrachte und einen Vermögenszuwachs bedeutete. Bei einem Vergleich mit der Rubrik versteuertes Vermögen, ist an diesen Tabellen auch die Wirtschaftskrise in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu erkennen, die in Vorarlberg Arbeitslosigkeit und Verarmung mit sich brachte. Die Anzahl der vermögenslosen, völlig überschuldeten Haushaltsvorstände in Wolfurt stieg in diesem Jahr immerhin auf knapp 30 %, während diese Quote in den anderen Jahren sich bis 8 % bewegte. Auffallend ist auch der Rückgang der Steuerzahler von 244 im Jahre 1846 auf 194 im Jahre 1850. Anhand der Tabellen kann gezeigt werden, daß sich der größte Teil der Bevölkerung in den untersten und in den mittleren Steuerklassen befand und nur ein sehr kleiner Bevölkerungsteil in den höheren Steuerklassen, die in der Regel schuldenfrei waren und sogar noch über bedeutendes Kapital und über Zinsbriefe verfügten. 16 1785 15 3 18 16 16 28 19 12 7 5 3 2 1 1 2 1 — 1 1 — — — — — — — — — — — 1794 7 7 10 14 11 15 18 13 13 11 7 4 3 2 7 1 1 _ 3 — 2 — — — — 2 — — — — — 1846 2 4 14 13 11 7 11 15 11 14 13 8 11 7 13 16 11 6 6 4 3 7 _ — 2 2 4 _ 2 2 4 1850 3 9 7 9 11 7 10 13 8 7 9 17 15 8 10 8 4 8 9 6 3 9 — — 3 3 2 2 2 1 8 17 Diese Zahlen zeigen, daß es in Wolfurt kaum ein schuldenfreies Haus gab und daß die Schuldenhöhe gerade im 19. Jahrhundert stark anstieg. Die jährlichen Zinszahlungen müssen für die Bevölkerung eine große Belastung dargestellt haben und dürften wohl existenzgefährdend gewesen sein. Interessant ist auch die Angabe der Kreditgeber, die in den Steuerlisten genannt werden. Für das Steuerbuch 1785 wurden folgende Kreditgeber ermittelt. Bei folgenden Institutionen und Personen wurden in 136 Fällen Kredite aufgenommen und damit Schulden gemacht: Kirche Wolfurt in 5 Fällen Kloster Hirschtal 3 Privat 32 Kirche Wolfurt und Kloster Hirschtal 3 Kloster, Kirche, Privat 38 Kirche Wolfurt und Privat 27 Kloster Hirschtal und Privat 9 Unklar 18 Man sieht daraus, daß die meisten Personen bei mehreren Institutionen und Privatpersonen gleichzeitig Geld aufgenommen hatten. Mit diesen Krediten, die von den Klöstern und Kirchen ausgegeben wurden, erhielten diese Institutionen das für den Unterhalt des Pfarrers und der Kirche notwendige Kapital. Die Zinsen für diese Kredite waren mit 4 bis 5 Prozent über Jahrhunderte hinweg konstant. Als Kreditgeber fungierten im Dorf auch die reichen Bauern und Wirte, wie auch die zum Vormund von Waisen bestellten Verwandten, die das Erbe der Waisen damit sicherten, wobei dies unter Aufsicht der Gemeinde geschah. Unter den Privatkreditgebern tauchen im Steuerbuch auch immer wieder Bregenzer Bürger und besonders Wirte auf. In drei Fällen wurde auch die Weber-, Maurer- und Krämerbruderschaft in Bregenz genannt. Die durch die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten als skrupellose Geldverleiher gebrandmarkten Juden wurden nur in einem Fall erwähnt. Ein «Jud Mayer», ohne Ortsbezeichnung, wird neben anderen Privatpersonen und der Kirche Wolfurt in der Reihe der Kreditgeber genannt. Im Steuerbuch von 1794 werden auch die Pfarre Maria Bildstein und das Kloster Mehrerau als Kreditgeber angeführt. Mit der Errichtung der Spinnerei Kennelbach im Jahre 1838 ergab sich für viele Wolfurter eine Arbeitsmöglichkeit in der Fabrik. Doch war das Arbeitskräftepotential der Region Kennelbach-Wolfurt bald erschöpft, sodaß die Fabriksdirektion zur Anwerbung fremder Arbeiter überging und für die Unterbringung dieser Leute sorgen mußte. Nachdem in Kennelbach bald alle Quartiere belegt waren, versuchte die Fabriksleitung die Arbeiter auch in Wolfurter Häusern unterzubringen. Die Bevölkerungsstatistik von 1839 gibt auch über die Verteilung der Fremden in Wolfurter Häusern Auskunft. Von insgesamt 241 Wohnhäusern waren 10 mit Angehörigen anderer österreichischer Kronländer sowie 5 mit Ausländern belegt. Wem diese Häuser gehörten und ob es sich um Mietshäuser handelte, läßt sich heute nicht mehr nachweisen. Nur in einer einzigen Wolfurter Familie waren 6 Fremde als Untermieter gemeldet. Durch die Vergabe von Darlehen an Hauseigentümer in Kennelbach und Wolfurt erhielt die Fabrik zusätzlichen Wohnraum für Arbeiter, da als Bedingung für die Darlehen Arbeiter in das Haus aufgenommen werden mußten. Der Wolfurter Schneidermeister Fr. Eiselt erhielt 1872 von der Spinnerei ein Darlehen und verpflichtete sich, 5 Familien mit 33 Personen aufzunehmen.2 Es handelte sich dabei um die ersten Welschtiroler Arbeiter in der Spinnerei Kennelbach und auch vermutlich um die ersten Welschtiroler in Wolfurt. Die Zahl der italienischen Arbeiter in Wolfurt stieg bis 1910 auf 400 an.3 Neben diesen aus dem Trentino stammenden Arbeitern kamen auch andere Arbeitssuchende nach Wolfurt. In der Monarchie hatten diese Fremden sich nach ihrer Ankunft im Ort auf dem Gemeindeamt zu melden, sich auszuweisen und wurden anschließend in ein Fremdenbuch eingetragen. Im Gemeindearchiv Wolfurt hat sich dieses Fremdenbuch für die Jahre 1872 bis 1890 erhalten und gibt Auskunft über den Namen des Fremden, seine Heimatgemeinde, seinen Beruf, seine Wohnung in Wolfurt, seinen Arbeitsplatz und das Anmelde- und Abreisedatum. Leider wurde dieses Fremdenbuch nicht sehr sorgfältig geführt und nur teilweise das Abreisedatum eingetragen. Trotz dieser Mängel stellt dieses Fremdenbuch einen interessanten Einblick in das Sozialleben des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts dar. In der folgenden Tabelle soll ein Überblick über die Herkunft, den Beruf und die Verweildauer der Fremden gegeben werden. Natürlich beschränkten sich die Berufe der Fremden nicht allein auf die in der Tabelle genannten Berufe. Neben den genannten Berufen finden sich noch Näherinnen, die vermutlich «Störarbeit» durchführten, Weber, Säger, und Handelscomis. Die Zahlen dieser Berufe sind aber vergleichsweise gering, sodaß in der Tabelle nur die häufigsten Berufe aufgeführt wurden. Zur Verweildauer muß gesagt werden, daß sich nur für ein Drittel der Eintragungen im Fremdenbuch die Verweildauer eruieren läßt, da das Fremdenbuch sehr schlampig geführt und das Abreisedatum nur sporadisch genannt wurde. Trotzdem kann ein Überblick über die Aufenthaltsdauer der fremden Arbeiter gegeben werden. 19 II. 4 Die «Fremden» im Dorf In Wolfurt waren, wie in den 1832 einsetzenden Bevölkerungsstatistiken zu sehen ist, immer Fremde anwesend, wobei zwischen Ausländern, Bürgern anderer Vorarlberger Gemeinden und Angehörigen anderer Kronländer der Monarchie unterschieden wurde. Die Trennung zwischen Einheimischen und Fremden hatte vor allem rechtliche Gründe, da nach den damaligen Gesetzen im Krankheitsfalle die Heimatgemeinde für die entstehenden Unkosten haften mußte und die jeweilige Wohngemeinde die Fremden im Dorf erfasste und das Heimatrecht nur selten verlieh. 1839 befanden sich im Dorf 57 Fremde, wobei es sich um 15 Ausländer und 42 Angehörige anderer Kronländer oder anderer Vorarlberger Gemeinden handelte.1 18 Herkunft der Fremden 1873—1883 Taglöhner Fabriks- Sticker Dienst- Knecht arbeiter mädchen Handwerker Bauer Herkunft der Fremden 1884—1890 Taglöhner Fabriks- Sticker Dienst- Knecht arbeiter mädchen Handwerker Bauer Aufgliederung Rheintal Rheintal Total 57 Schwarzach 3 Bildstein 10 Buch 8 Lauterach 3 Hard 4 Höchst 9 Lustenau Dornbirn 5 Rieden Langen 2 andere Rheintalgemeinden 13 Vbg. Oberland 4 Vbg. Berggebiet 1 Bregenzerwald 8 Nordtirol 15 Südtirol 1 Welschtirol 43 Italien 5 Schweiz 1 Deutschland 1 Liechtenstein Österreich-Ungarn 55 1 5 2 1 2 15 7 3 3 16 4 2 23 10 2 17 5 10 2 1 6 27 3 15 3 2 4 1 1 22 1 1 1 1 _ 34 6 8 2 1 3 2 2 1 9 8 8 16 6 2 14 5 4 — 5 1 5 2 — — 61 8 14 4 3 1 3 3 7 1 4 13 19 3 31 14 4 3 8 30 11 16 3 6 4 2 — 1 1 5 — — 2 2 8 1 _ Aufgliederung Rheintal Rheintal Schwarzach Bildstein 2 1 Buch Lauterach Hard Höchst 2 Lustenau 3 Dornbirn Rieden Langen andere Rheintalgemeinden 2 Vbg. Oberland 4 Vbg. Berggebiet Bregenzerwald 2 Nordtirol 26 1 Südtirol Welschtirol 90 Italien Schweiz 1 2 Deutschland Liechtenstein Österreich-Ungarn 2 Verweildauer 2 2 1 2 1 7 9 20 12 41 11 22 9 11 3 1 3 15 2 3 3 17 5 25 6 1 2 9 - 2 1 1 2 2 3 6 16 14 1 17 - 2 2 1 1 1 3 2 2 1 2 7 1 1 1 - 2 9 1 1 .2 1 2 3 3 4 5 17 17 3 3 3 39 1 16 2 -. 2 2 1 - (1873-831884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-901873-8831884-90) Handwerker Taglöhner Fabriksarb. Sticker Dienstknecht Magd 1- 6M. 6-12 M. 1- 2J. 2 - 3J. 3 - 4J. 4 - 5J. 6J. 8J. länger 20 57 23 8 14 4 6 2 1 3 22 10 12 1 3 - 33 8 9 6 2 6 1 1 44 9 14 2 1 2 - 25 11 12 2 3 4 2 2 42 13 17 5 3 3 1 - 5 4 2 2 1 3 1 - 23 7 13 1 - 3 4 1 3 - - 17 10 4 2 1 1 - 27 6 7 1 - 21 Bei näherer Betrachtung der aus dem Fremdenbuch gewonnenen Informationen und Daten können Fabriksarbeiter, Taglöhner und in der Stickerei Beschäftigte als die häufigsten Berufe der Fremden angegeben werden. Die Fabriksarbeiter waren zum größten Teil in der Spinnerei Kennelbach beschäftigt, doch haben die Spulenfabrik Zuppinger und der Mechaniker Josef Anton Dür sowie sein Nachfolger Doppelmayr vielen Fremden Arbeit gegeben. Zuppinger hat einige Facharbeiter aus der Schweiz geholt, und der Mechaniker Dür beschäftigte zahlreiche Eisendreher, Metallarbeiter und Mechaniker. Die Aufenthaltsdauer dieser Fabriksarbeiter, der Textilarbeiter und auch der Metallarbeiter war, wie aus der Tabelle zu ersehen ist, eher kurz. Die Masse der Arbeiter wechselte nach 6 bis 12 Monaten die Arbeitsplätze. Dieses, als Fluktuation bezeichnete Phänomen, ist typisch für die Industriearbeiterschaft des 19. Jahrhunderts. Dieser häufige Wechsel des Arbeitsplatzes ist mit den Arbeitsbedingungen, der schlechten Bezahlung und den schlechten sozialen Verhältnissen zu erklären. Ein ähnliches Phänomen ist auch bei den Taglöhnern zu beobachten, die als ungelernte Arbeiter noch viel stärker den schlechten sozialen Bedingungen ausgesetzt waren. Interessant ist auch die Herkunft der Arbeiter und Taglöhner. Bei den Taglöhnern und Arbeitern ist die Zahl der Welschtiroler, Nordtiroler, Schweizer und Deutschen beachtlich hoch. Bei den Vorarlberger Arbeitern und Taglöhnern stammte ein bedeutender Teil aus den umliegenden Gemeinden, besonders in der Phase 1873—83 aus Bildstein. Auch die Anzahl der aus dem Bregenzerwald stammenden Arbeiter ist recht hoch. Die Stickerei erlebte im Untersuchungszeitraum die Mechanisierung und erste Blüte. Bei einer Betrachtung der Herkunftsorte der in der Stickerei Beschäftigten fällt das Nachbardorf Bildstein als Rekrutierungsschwerpunkt für Sticker und Fädlerinnen auf. Aus Lustenau, dem Zentrum der Vorarlberger Stickerei stammen in der Phase 1884—1890 zahlreiche Stickereiarbeiter. Aus dem Bregenzerwald stammte ebenfalls ein sehr großer Teil der Stickereiarbeiter und wurde in der Phase 1883—90 noch verstärkt. Auch die Stickereiarbeiter blieben nur verhältnismäßig kurze Zeit in Wolfurt. Die in Wolfurt arbeitenden Dienstmägde und Knechte dürften in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen sein. Als Herkunftsgebiete können das Rheintal, der Bregenzerwald und in der Phase 1884—1890 Nordtirol angegeben werden. Die Aufenthaltsdauer, besonders der Dienstmägde, war überraschend kurz, wobei in der Phase 1883—1890 die Verweildauer oft auf wenige Wochen und Monate zurückging. Erstaunlich hoch war die Zahl der Handwerker, die durch Wolfurt zogen, hier sich nach Arbeit umsahen und in der Regel nur kurz im Dorf blieben. Die Handwerksgesellen erhielten bis 1878 von der Gemeinde ein Dorfgeschenk, das als Unterstützungsgeld gedacht war und aus dem Armenfonds bezahlt wurde. Dieses Dorfgeschenk wurde aber von der Gemeinde eingestellt, da es sich um eine freiwillige Spende handelte und gesetzlich nicht festgelegt war.4 Die Herkunftsorte der Handwerker waren schwerpunktmäßig im Rheintal wiederum Bildstein, Schwarzach und Dornbirn. 22 Sehr viele Handwerker stammten aus dem Bregenzerwald, Nordtirol und auffallend viele der durchziehenden Handwerker aus Deutschland. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Nachbargemeinden Wolfurts, darunter besonders Bildstein, die häufigsten Herkunfsorte der nach Wolfurt kommenden Fremden waren. Besondere Bedeutung hatten auch die als Taglöhner und Fabriksarbeiter bezeichneten Welschtiroler, und auffallend hoch ist auch der Anteil von Arbeitern und Handwerkern aus der Schweiz und Deutschland. Der Gemeindeausschuß verhielt sich insgesamt eher ablehnend gegen die fremden Arbeiter. Die Gemeindeprotokolle enthalten einige interessante Stellungnahmen des Gemeindeausschusses zur Behandlung der Fremden im Dorf. In der Bekanntmachung 71 von 1860 wurde beispielsweise den Fabriksarbeitern verboten an der Ache Büsche abzuschneiden und abzuholzen, da diese Büsche für die Wuhrungen eine Bedeutung hatten.5 Als in den 80-er und 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts die Zahl der Welschtiroler Arbeiter enorm zugenommen hatte und ständig weiter wuchs, dürfte es zu einer Ablehnung dieser rasch wachsenden Bevölkerungsgruppe im Dorf gekommen sein. An zwei Stellen des Gemeindeprotokolls sind Hinweise auf diese Ablehnung zu finden. 1897 interpellierte das Ausschußmitglied Wendelin Rädler in einer Ausschußsitzung, daß den italienischen Arbeitern das unbefugte Holzsammeln in den Wolfurter Wäldern verboten werde und der Gemeindediener für die Ergreifung eines jeden Holzdiebes eine Prämie erhalten solle.6 Als 1899 ein Ansuchen für eine Gasthauskonzession gestellt und im Ausschuß beraten wurde, kam es nach einer Diskussion zur Ablehnung und folgender Bemerkung im Protokoll: «... es ist zu befürchten, daß es ein Tummelplatz der italienischen Elemente geben würde und die hiesige Bevölkerung dieses Gasthaus als unbehaglich empfinden wird .. .»7 Fremde wurden nur nach bestimmten Kriterien in den Gemeindeverband aufgenommen. In einem Gemeindebeschluß von 1853 wurde festgelegt, daß Quartiergeber für fremde Einzelpersonen und Familien 48 Kreuzer bzw. 2 Gulden in die Amtskasse zu zahlen hatten und daß Fremde, die in Wolfurt ein Anwesen kaufen wollten, für das Bürgerrecht als Mann 75 Gulden und als Frau 25 Gulden zu zahlen hatten.8 Mit der Veränderung der Heimatverbandgesetze im Jahre 1896, Reichsgesetzblatt Nr. 222 von 1896, wurde die Aufnahme in den Bürgerverband nach 10-jähriger Anwesenheit in der Gemeinde erleichtert. Die erste Aufnahme in den Bürgerverband auf Grund dieser Gesetzesänderung fand in Wolfurt im Jahre 1901 statt.9 Es wurden 32 fremde Familien, die sich seit 10 Jahren in der Gemeinde aufgehalten hatten, in den Heimatverband von Wolfurt aufgenommen, wobei aber nur von 9 Familien die Herkunftsorte bekannt sind. Es waren 4 Familien aus Bildstein, je 1 Familie aus Buch, Lauterach, Schwarzach, Hohenems und aus Kaltern. 1902 erfolgten nur 4 Aufnahmen, wobei 3 Familien ursprünglich aus Bildstein stammten. Die Aufnahmen von 1903 sehen sehr ähnlich aus, da 3 Familien und ein Lediger aus Buch, 3 nach Lauterach und je 1 nach Lustenau und Bildstein zuständig waren. Von diesen aufgenommenen Familien waren 4 in der 23 Stickerei tätig. Die Berufsstruktur und Herkunft von 1904 sieht etwas differenzierter aus. Von den 5 Familien stammten 3 aus Lustenau und 2 aus Alberschwende, wobei es sich um eine Sticker-, eine Fabriksarbeiter- und eine Taglöhnerfamilie handelte. Die meisten der neu in den Heimatverband aufgenommenen Familien stammten also aus Nachbargemeinden, wobei der größte Teil aus Bildstein stammte. Leider ist nur von einem Bruchteil der Familien der Beruf des Familienvorstandes bekannt, doch ist aus den wenigen Informationen die Bedeutung der Stickerei als Erwerbszweig zu ersehen. Aus dem Wolfurter Heimatverband schieden 1901 7 Wolfurter aus, wovon je 4 in den Gemeindeverband von Hörbranz, je eine in Lauterach, Feldkirch und Rieden aufgenommen wurden. 3 der Familienvorstände waren Handwerker, einer war Krämer und einer Taglöhner. Es ist anzunehmen, daß diese Personen während ihrer Berufsausbildung in die genannten Orte kamen und dort im erlernten Handwerksberuf sich niederließen. II.6 Die Fabriksarbeiter im Dorf Mit der 1838 gegründeten Spinnerei Kennelbach bot sich vielen Wolfurtern eine neue Arbeitsmöglichkeit. Über die soziale Stellung dieser «Fabrikler» in einem reinen Bauerndorf gibt es nur wenige Hinweise. Über das Selbstverständnis der Fabriksarbeiter sind uns aus dem ersten Bestandsjahr der Fabrik und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei Quellentexte erhalten geblieben. 1839 suchte ein junger Arbeiter bei der Gemeinde um die Heiratsbewilligung an.1 Er schreibt darin, daß er monatlich 30 Gulden verdiene und «glaube, daß die Beschäftigung als Spinner bei einem soliden Gemeindebürger mehr Sicherheit auf gutem und bleibendem Verdienst, besonders in Kennelbach bei den so eben erst gegründeten Fabriksentablisment bietet, als jedes bürgerliche Gewerbe und Beschäftigung . . .» Ob der junge Arbeiter daraufhin die Heiratsgenehmigung erhielt, ist nicht bekannt, doch zeigt sich in einem Brief, daß der garantierte, wenn auch schmale Verdienst,eine Bedeutung für das Selbstverständnis der Arbeiter hatte. Ferdinand Schneider, der fleißige Wolfurter Chronist, war selbst Arbeiter in Kennelbach und er hat in seiner Chronik die hohe Arbeitszeit, die Nachtarbeit und das patriarchalische Verhältnis zwischen dem Arbeiter und dem Fabriksherrn beschrieben. Kritik kommt nur selten in diesen Schilderungen vor, der Fabrikant wird sogar positiv dargestellt, während die Fabriksdirektoren, die Vorarbeiter und Abteilungsleiter scharf kritisiert werden. Über das Dienstende nach 27 Jahren Tätigkeit in der Fabrik schreibt er « . . . es war mir wie man einem eingefangenen Vogel den Käfig öffnete schnell heraus ohne noch einen Schnabel Hanfsamen zu nehmen.. .»2 An einer anderen Stelle seiner Chronik erwähnt er in einem Gedicht über eine Theateraufführung «... nur die armen Fabrikler bleiben fort.. .»3 Obwohl diese Aussagen stark subjektiven Charakter haben, zeigen sie doch, daß vom Selbstverständnis des jungen Arbeiters von 1839 nicht mehr viel übrig blieb und die harte Arbeit im Vordergrund des Denkens stand. Die Anzahl der Wolfurter, die in Kennelbach arbeiteten, ist nur für das Jahr 1871 bekannt. Damals waren neben 34 Kennelbachern 108 Wolfurter in der Spinnerei beschäftigt. Laut der Volkszählung waren also 6,6 % der Einwohner Wolfurts, Fabriksarbeiter in Kennelbach. Es muß aber auch die hohe Anzahl von Wolfurter Fabriksarbeitern bedacht werden, die in anderen Industrieorten in Vorarlberg und in Süddeutschland Arbeit gesucht hatten. Zahlenmäßig können diese Personen nicht erfaßt werden, doch geht aus mehreren Akten im Gemeindearchiv die Abwanderung dieser Arbeiter hervor. Zu den einheimischen Arbeitern kamen die fremden Arbeiter hinzu, die von der Gemeinde nicht gerne gesehen wurden, da sie ja kaum Steuern zu zahlen hatten. Die Gründung des Arbeitervereins wurde 1899 durch das Christlichsoziale Lager initiiert. Dieser eher dem konservativen Lager zugehörige Arbeiterverein bot seinen Mitgliedern Weihnachtsfeiern und Unterhaltung in Form von Tanz und Musik.5 25 II.5 Eheerlaubnis Die Gemeinde hatte auch über Ehegesuche abzustimmen. Der Bräutigam mußte bei der Gemeinde in seinem Ansuchen um die Heiratserlaubnis, seine finanziellen Verhältnisse, seinen Beruf und den Namen sowie die Herkunft seiner Verlobten angeben. Nach Erhalt der Informationen wurde im Gemeindeausschuß über das Ansuchen abgestimmt und diskutiert. Der Zweck dieser heute unvorstellbaren Vorschrift lag in der Angst vor Bettlerehen, die der Armenkasse der Gemeinde zur Last fallen würden. Man versuchte damit die Soziallasten der Gemeinde möglichst niedrig zu halten. Der Gemeindeausschuß scheint bei seinen Verhandlungen über Ehegesuche auch unter einem gewissen Druck von Seite der Bevölkerung gestanden zu sein. Im Gemeindeprotokoll von 1868 befindet sich eine Stelle, in der über den Vorwurf aus der Bevölkerung diskutiert wird, daß der Gemeindeausschuß zu liberal in der Behandlung von Ehegesuchen sei und sich die Zahl der «Bettlerehen» erhöht habe.1 In den Protokollen von 1867 bis 1890 werden 44 Eheansuchen genannt, wobei 28 Ansuchen angenommen und 16 abgelehnt wurden. In der Begründung der Ablehnung wird regelmäßig der Beruf und das mangelnde Vermögen des Bittstellers genannt.2 Auffallend ist bei den abgelehnten Gesuchen die Zahl der in den süddeutschen Industriezonen lebenden Wolfurter Metallarbeiter, die in Deutschland eine Braut gefunden hatten und bei der Gemeinde Wolfurt um die Eheerlaubnis ansuchten. Da mit der Genehmigung auch die Verpflichtung zum Unterhalt dieser in Süddeutschland lebenden Familie entstanden wäre und die Braut in Wolfurt unbekannt war, dürfte die Gemeinde die Erlaubnis nicht erteilt haben. Der Bräutigam konnte aber bei einer Ablehnung sich an die Bezirkshauptmannschaft wenden und dort einen Protest einlegen und erhielt nach längerem Schriftwechsel und mehreren Verhandlungen über die BH die Heiratserlaubnis. 24 II.7 Armenversorgung Über die Anzahl der Armen und das Ausmaß der Armut im 18. und 19. Jahrhundert ist für Wolfurt nichts bekannt, doch haben sich Informationen über die Armenpolitik der Gemeinde und über einige Einzelschicksale erhalten. Die Gemeinde Wolfurt hatte die Möglichkeit, unheilbar Kranke und Arme im Landspital in Bregenz-Rieden unterzubringen. Diese Institution entwickelte sich aus dem seit 1400 bestehenden Siechenhaus in Bregenz. Als dieses im 17. Jahrhundert durch Mißwirtschaft in finanzielle Probleme geriet, erklärten die das Siechenhaus mitfinanzierenden 7 Landgerichte Hofsteig, Lingenau, Alberschwende, Sulzberg, Hofrieden, Simmerberg und Grünenbach den Wunsch nach Errichtung eines eigenen Siechenhauses. Dieses Gebäude wurde 1614 errichtet und blieb bis zum heutigen Tag als Altersheim bestehen.1 Die Gemeinde Wolfurt benützte diese Institution im 19. Jahrhundert zur Unterbringung von Armen und wehrte sich im Jahre 1901, gemeinsam mit anderen Gemeinden, gegen die Auflösung des Landspitals. 1905 wurden über die weitere Zukunft des Landspitals Verhandlungen geführt, wobei die Gemeinden mit eigenen Armenhäusern für eine Auflösung des Landspitals, während die Gemeinden ohne ein eigenes Armenhaus für die Weiterführung dieses Hauses waren.2 Im August wurden diese Verhandlungen mit dem Ergebnis abgeschlossen, daß 13 Gemeinden das Landspital aufkauften und weiterführten.3 Das Armenwesen wurde in Wolfurt im 19. Jahrhundert zweimal organisiert und mit Statuten ausgestattet. 1823 versuchte die Gemeinde, nach vorheriger behördlicher Aufforderung, das Armenwesen zu regulieren und nach den vom Landgericht bzw. dem Kreisamt 1819 erlassenen allgemeinen Verordnungen zu organisieren. Es wurde eine Armenkommission eingerichtet, in der der Pfarrer und Gemeindevertreter waren. Die Gemeinde hatte die Pflicht, für den Unterhalt der Gemeindearmen aufzukommen und die Finanzierung der Armenversorgung zu regeln. Die Finanzierung der Unterstützungsgelder wurde zuerst durch milde Sammlungen in der Gemeinde hereingebracht, und erst bei Finanzierungsproblemen griff man zu einer Umlage, also einem Aufschlag auf die Gemeindesteuern. Weiters wurden Strafgelder, Prozente von Freiwilligen Versteigerungen und die Hundesteuer für die Finanzierung des Armenfonds verwendet. Die Armen hatten ihre Unterstützungsgesuche dem Armenrat vorzutragen, und dieser entschied über die Gewährung und die Höhe der Unterstützungszahlungen.4 Über die Armenpolitik der Gemeinde geben die Sitzungsprotokolle des Gemeindeausschusses hinreichend Auskunft. Es wurden im Rahmen der Armenversorgung den Armen Kleidungsstücke gekauft, ihren Kindern die Ausbildung vorfinanziert, für Kranke Arztkosten und Kuren bezahlt.5 Diese Unterstützungen waren aber von der Gemeinde auf Grund der allgemeinen Verordnung zu leisten. Für unsere Zeit erschreckend und ungemein hart sind aber Einzelschicksale und die Vorgangsweise der Armenkommission. 1867 beriet der Gemeindeausschuß über das 26 weitere Schicksal eines Mannes, der sein Vermögen verloren hatte. Es wurde beschlossen den Versuch zu unternehmen, ihn in der Fabrik unterzubringen und bei Nichtaufnahme in die Fabrik seine Verpflegung in einem Privathaus öffentlich zu versteigern.6 1868 erwarb die Gemeinde an der Ach ein Haus und Grundbesitz für die Einrichtung eines Armenhauses.7 Über dieses Haus, die Aufnahmebedingungen und die internen Verhältnisse sind leider keine Unterlagen vorhanden. 1874 wurde eine neue Armenordnung erlassen und wiederum eine Armenkommission einberufen. Als Einnahmen für den Armenfond fanden Pachtzinse aus den Armengütern, Grundstücke, die dem Armenfonds gehörten, das Armenprozent bei der Gemeindesteuer, Hundesteuern, Kapitalzinsen des Armenfonds, Strafgelder und Zuschüsse aus der Gemeindekasse Verwendung.8 Im selben Jahr adaptierte man auch das alte Schulhaus als Armenhaus.9 Die Versorgung der Armen sah so aus, daß der Arme ein Armenbuch erhielt und bei den einzelnen Häusern im Dorf, an bestimmten Tagen, einen sogenannten «Kosttag» einzuhalten hatte.10 Für die heutige Zeit, die durch Wohlfahrtsgesetze den Armen hilft, scheinen diese Vorgangsweisen unvorstellbar. III. Ausbau der Infrastruktur III.1 Schulen Das erste Schulhaus wurde 1778 im Strohdorf errichtet. Während des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Schüler in Wolfurt ständig, sodaß sich die Gemeinde veranlaßt sah, die*Zahl der Lehrer zu erhöhen und die Schulbauten zu vergrößern bzw. einen Neubau zu erstellen. 1834 waren in Wolfurt drei Lehrer angestellt, die aber keine fixe Anstellung hatten.1 Man entschloß sich dann aber zu einem festen Vertragsverhältnis mit folgender Begründung: «... daß man hoffen durfte daß das Schulwesen in einigen Gegenständen besser empor kommen und die Obliegenheit der bestätigten Lehrer mit großem Eifer und Eindruck bewirkt werden sollte ...» Die Lehrer waren in drei Gehaltsklassen eingeteilt und neben dem normalen Unterricht zur Abhaltung einer Wiederholungsschule am Sonntag und zum Vorbeten in der Kirche verpflichtet. Sie erhielten im Schulhaus eine Dienstwohnung und waren dem Schulausschuß der Gemeinde verpflichtet. Die Bezahlung der Lehrer wurde bis 1814 mit den Mitteln des Bruderschaftsgeldes bestritten, wobei das Bregenzer Rentamt dieses Geld ausbezahlte. Wie aus dem Akt des Jahres 1877 klar hervorgeht, war die Gemeinde wegen des Fehlens eines Schulfonds zur Zahlung der Lehrergehälter verpflichtet. Das Lehrergehalt und die Unterhaltskosten für die 3 Schulklassen bedeuteten für das Budget der Gemeinde eine Belastung, und als 1867 das Lehrergehalt gesetzlich erhöht wurde, sah sich die Gemeinde gezwungen, das Legat des 27 Pfarrers Hiller bzw. die Zinsen dieses Legats, zur Finanzierung der Mehrkosten heranzuziehen.2 Seit 1874 setzte man Barmherzige Schwestern als Lehrerinnen ein.3 Ein Bericht des Gemeindeausschusses von 1874 gibt Einblick in die damals verwendeten Schulrequisiten. Es wurden Landkarten Österreichs, Palästinas, Tier- und Pflanzenbilder, Haushaltskundewandkarten, eine Wandkarte des metrischen Systems, ein Kompaß und Meterstab angeschafft.4 1870/71 wurde ein neues Schulhaus geplant und errichtet.5 Es war für 220 bis 240 Schüler geplant, und das alte Schulhaus fand als Armenhaus und Turnsaal für Sportler Verwendung.6 Trotz der großzügigen Planung klagte man 1891 bereits über die erhöhte Schülerzahl und die Raumnot.7 1899 diskutierte der Gemeindeausschuß das Schulproblem und erklärte, daß im Schulhaus kein Zimmer mehr frei wäre. Als Ursache für diese Raumnot und Erhöhung der Schülerzahl wurde folgendes protokolliert: «. . . die Schullast die Gemeinde schwer drückte, in dem die Fabriken in Kennelbach eine große Anzahl Arbeiterfamilien und Schüler bringe...» Weiters wurde erklärt, daß diese Arbeiterfamilien für die Gemeinde auch keine Einnahmequelle bedeuteten, da sie ja kaum Steuern zu zahlen hatten.8 Zu den öffentlichen Pflichtschulen kam die im ersten Aufsatz bereits erwähnte Gewerbliche Fortbildungsschule, die man während der Wintermonate abhielt. selbst erhalten und gepflegt.3 Bis zum Bau dieser Straße bildete der Oberfeldweg die einzige Verbindung von Kennelbach nach Wolfurt. Auch über den Zustand der Ippachstraße finden sich Klagen.4 Diese Straße wurde von den Gemeinden Wolfurt, Hard und Lauterach gemeinsam erhalten, doch stellte ein Bericht vom Jahre 1863 fest, daß der Zustand der Straße sehr schlecht und ein Durchkommen auf ihn kaum mehr möglich sei. Der schlechte Straßenzustand wurde auch in Zeitungsartikeln beanstandet.5 1881 hatte die Gemeinde für die Erhaltung ihrer Straßen 2 Straßenmeister und 2 Wegmacher angestellt. Der Straßenbau und die Straßenerhaltung wurden auch als Arbeitsplatzbeschaffungsmöglichkeit für Arme betrachtet.6 In einer Gemeindeausschußsitzung des Jahres 1882 beschloß man die Armen im Dorf, sofern sie arbeitsfähig waren, in der Straßenpflege einzusetzen. Das System der Schotterung der Straßen blieb bis in das 20. Jahrhundert üblich, und erst mit der Asphaltierung der Oberen Straße im Jahre 1931 änderte und modernisierte sich der Straßenbau. III. 3 Brücken Die Gemeinde hatte für die Instandhaltung der Brücken im Gebiet Wolfurts zu sorgen. Im Ausgabebuch der Gemeinde aus dem Jahre 1816 wurden die Instandhaltungskosten der 18 «Bruggen» auf den Wolfurter Straßen als Ausgabeposten genannt. Die Gemeinde war auch für die Brücke über den Rickenbach verantwortlich, die als Verbindung in das Weitried diente. Vor der Brücke hatte sich nur ein Fußsteg an dieser Stelle befunden, und da sich im Weitried auch der größte Teil des Gemeindegrundbesitzes befand, war die Gemeinde nach einem bestimmten Aufteilungsschlüssel zur teilweisen Finanzierung der Reparaturkosten verpflichtet. Eine Verbindung mit Kennelbach existierte anfänglich nur in einer Fähre, die aber nach einem Unglück durch eine von der Spinnerei Kennelbach errichtete Holzbrücke ersetzt wurde. 1839 gab die Spinnerei den Bau der siebenjöchigen Holzbrücke in Auftrag. Diese Brücke war eine Mautbrücke, die nur für die Arbeiter gratis zu passieren war. Da diese Brücke den einzigen Übergang über die Bregenzerach oberhalb von Rieden darstellte, hatte sie für die ganze Region eine besondere Bedeutung. Erst mit dem Bau der Wälderbahn wurde die Frage eines Brückenneubaus in der Nähe des geplanten Bahnhofs interessant. In Wolfurt kam es zur Gründung eines Komitees «betreffs Verbindung mit der Bregenzerwälderbahn», das zur Aufgabe hatte «dahin zu sorgen, daß bei Ausführung des bestehenden Projekts der Bahnhof in tunlichster Nähe des Weilers Ach zu stehen kommt.»3 Dieses Komitee reichte nach zweijähriger Tätigkeit im Jahre 1897 ein Offert für eine Brücke und eine Petition an den Landtag ein. Als Hauptinitiator des Brückenbaus kann Wendelin Rädler genannt werden, der 1899 einen Plan und Kostenvoranschlag für eine hölzerne Brücke vorlegte und ein Jahr später im Gemeindeausschuß eine Petition verlesen ließ, in der er den Brückenbau gemeinsam mit Kennelbach vorschlug.4 Bei wei29 III.2 Straßen Mathias Schneider, Feldvermesser aus Wolfurt, hat in seiner Chronik auch über die Straßenabmessungen in Wolfurt im Jahre 1805 berichtet. Er schrieb, daß die Hauptstraße im ganzen Gericht Hofsteig 12 332 Klafter umfasse, wobei auf Wolfurt alleine 3 333 Klafter entfallen. Die Länge der Seitenstraßen im Gericht Hofsteig, gab er mit 6 794 Klafter an (11549,8 m), wobei die Seitenstraßen in Wolfurt 2 075 Klafter Länge (3 527,5 m) hatten. Schneider vermerkte weiter, daß es in Wolfurt noch besondere Nebenstraßen gebe, wie die Straße in die Berg, auf das Oberfeld, die Straße unter den Linden, im Strohdorf, an der Hub, Rutzenberg und Kellen. Alle diese Straßen waren lediglich geschottert, und die Straßenpflege bestand in der periodischen Neuschotterung, wobei die Gemeinde bis 1880 diese Arbeiten nicht durch eigene Arbeiter durchführen ließ, sondern die Arbeit an Bestbietende auf dem Versteigerungsweg vergab.1 In den verschiedensten Quellen finden sich immer wieder Klagen über die Beschaffenheit der Wolfurter Straßen. 1859 beschwerte sich die Direktion der Spinnerei Kennelbach über den schmutzigen und schlechten Zustand des Oberfeldweges und verlangte dessen Schotterung, da diese Straße für viele Arbeiter der tägliche Weg zur Spinnerei war.2 Die Spinnerei Kennelbach hat 1846 auf eigene Kosten eine Straße von der alten Kennelbacher Brücke (Obere Brücke bei der Spinnerei), dem Wolfurter Achufer entlang bis zu der Stelle gebaut, an der die Straße von Wolfurt in die Straße nach Lauterach einmündet. Diese Straße wurde von der Spinnerei auch 28 teren Verhandlungen schlug der Bregenzer Baumeister Kraushaar den Bau einer Betonbrücke vor, der nur unwesentlich teurer als eine Holzbrücke war, aber laut Sitzungsprotokoll «dauerhafter und an Eleganz einer Eisenbrücke kaum nachstehend».5 1901 fand in Kennelbach mit Landeshauptmann Rhomberg eine Besprechung statt, bei der die Errichtung einer «Concurrenz» für den Brückenbau beschlossen wurde.6 Der St. Galler Baumeister Westermann legte 1902 ein Offert für eine Betonbrücke «System Henebique» vor und nannte als Bausumme 447 000 Kronen. Ein Vertrag mit dieser Schweizer Firma wurde erst im September 1903 unterzeichnet und eine vertragliche Garantie für Hochwasserfestigkeit über 10 Jahre gegeben.7 Für die Finanzierung des Brückenbaus holte man auf Antrag Rädlers beim Landesausschuß die Bewilligung für eine Darlehensaufnahme von 33 000 Kronen mit 21-jähriger Amortisation ein. Im Juni 1904, nach einjähriger Bauzeit, wurde die Brücke dem Verkehr übergeben.8 III. 5 Entwässerung und Wasserversorgung Ein großer Teil des Gemeindegebietes von Wolfurt liegt im Ried, das ursprünglich aus Feuchtwiesen bestand und durch Entwässerung zumindest teilweise trockengelegt wurde. Bei der Riedteilung im Jahre 1792 legte die Behörde das Problem der Entwässerung und des Hochwasserschutzes vertraglich fest.1 Die Gemeinde wurde verpflichtet, den Rickenbach zu verwuhren, und die Grundbesitzer hatten jährlich die Abzugsgräben zu öffnen und von Stauden zu befreien. Diese Gräben kontrollierte jährlich zwischen dem 18. und 25. Mai ein Abgeordneter des Gemeindeausschusses, und bei nicht durchgeführter Öffnung der Wasserabzugsgräben wurde von der Gemeinde, auf Kosten des Grundbesitzers, der Graben geöffnet. Der Gemeindeausschuß hat auch jährlich durch Verlautbarung die Öffnung der Gräben angeordnet. Eine moderne wasserbautechnische Lösung der Rickenbachverbauung wurde erst um die Jahrhundertwende möglich, als in Vorarlberg im Zuge der Rheinregulierung auch der Plan einer Binnenwasserregulierung entstand. 1901 wandte sich die Gemeinde wegen der Regulierung des Rickenbachs an das Land und konnte eine Aufnahme in das Regulierungsprogramm erreichen.2 Nach einer Begehung des Rickenbachs mit Ingenieuren, machte man noch 1901 Pläne für eine Uferverbesserung. Die weitere Planung zog sich aber dahin, sodaß man erst 1906 ein Elaborat über die Regulierung des Rickenbachs und der Dornbirnerach im Gemeindeausschuß beraten konnte.3 Die Trinkwasserversorgung spielte sich im 19. Jahrhundert auf der Basis der Brunnenversorgung ab und konnte mit der enormen Bevölkerungsentwicklung und der dadurch bedingten erhöhten Nachfrage nach Trinkwasser nicht mehr Schritt halten. In einem Zeitungsartikel von 1893 wird über das schlechte Trinkwasser in Wolfurt geklagt.4 Im Kirchdorf befand sich der Dorfbrunnen, der oft kein Wasser führte und bei Regen getrübtes Wasser hatte. Wegen dieser unhaltbaren Zustände kam es im «Rössle» zu einer Versammlung der Brunnengenossenschaft, welche die Suche nach einer neuen Quelle für die allgemeine Wasserversorgung beschloß. Im Zeitungsartikel wird der durch die Industrie hervorgerufene Bevölkerungszuwachs als Grund für die Wasserprobleme genannt. 1907 wurde in Rickenbach eine Hochdruckwasserleitung für Trink- und Nutzwasser geplant und vom Gemeindeausschuß genehmigt.5 Ein weiterer Bereich der Gemeindeaufgaben waren die Wuhranlagen an der Bregenzerach. Seit 1833 versuchte man, das viele Hektar umfassende Überschwemmungsgebiet der Bregenzerach urbar zu machen. Über viele Jahre wurde der Flußlauf der Bregenzerach reguliert und konnten die entstehenden Inselgründe an der Ach als landwirtschaftlichen Grund genutzt werden. Dieser Grund war Gemeindebesitz und von der Gemeinde an Wolfurter Bauern verpachtet.6 III. 4 Straßenbahn Kennelbach-Dornbirn Die Gemeinde Dornbirn war in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beim Bau der Bodenseegürtelbahn übergangen worden und versuchte daher krampfhaft, eine Verbindung mit den verschiedenen Eisenbahnlinien zu erhalten. Dornbirn hatte sich beim Bau der Bodenseegürtelbahn eine Verbindung BregenzDornbirn-Schweiz vorgestellt, um damit eine direkte Verbindung in die für die Textilindustrie bedeutende Schweiz zu erhalten. Besonders mit der Blüte der Stickerei machte sich das Fehlen einer direkten Bahnverbindung in die Schweiz bemerkbar. Aus diesen Gründen wurde die Idee einer Straßenbahn Dornbirn-LustenauSchweiz geboren.1 Als der Bau der Wälderbahn beschlossen wurde, bemühte sich Dornbirn


Heimat Wolfurt Heft 07 1991 Februar
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 7 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 91 Das Vereinshaus. Der Bau wurde 1913 vom Katholischen Arbeiterverein begonnen und 1922 vom Kartell christlicher Vereine fertig gestellt. Seither ist es das Veranstaltungszentrum der Gemeinde Wolfurt (Foto um 1935). Inhalt: 24. Vereinshaus Wolfurt (Johler) 25. Mit Napoleon nach Rußland (Heim) 26. Lehrer Köbs Familie (Heim) 27. Theresia Mohr-Wächter DIE A U T O R E N : Mag. Reinhard Johler aus Alberschwende ist 1960 geboren. Er hat Geschichte und Volkskunde studiert und ist Assistent am Institut für Volkskunde an der Universität Wien. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, ist Hauptschuldirektor Theresia Mohr-Wachter, geboren 1929 in Wolfurt, ist Hausfrau. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Serie «Wolfurt in alten Bildern», 1983 Zuschriften Unsere Zeitschrift findet auch bei Wolfurtern «im Ausland» aufmerksame Leser. Sie geht nach Linz und Wien und sogar nach Belgien zu Spenglers Renate. Dieser Tage überraschten uns eine Spende und ein Brief aus der Schweiz. Stöcklers Rösle ist im Schlatt aufgewachsen und lebt nun als Frau Wanzenried in Schaffhausen. Auch sie schreibt eine Ergänzung zu «Kriegsende 1945» in Heft 3, Seite 36: Vielen herzlichen Dank für die sehr interessanten Heimatkundehefte, die ich gerne lese. Zu Kriegsende 1945: Am 2. Mai 1945 zwischen 4 und 5 Uhr morgens hat uns Herr Höfle Martin geweckt und gebeten, daß wir Rickenbacher Mädchen und Frauen zum Bürgermeister Theodor Rohner gehen und bitten, Wolfurt für die Feinde freizugeben, damit das Dorf nicht zerstört werde. Als wir dann bei ihm erschienen und die Bitte vorbrachten, sagte Herr Rohner: wir müssen nach Wolfurt (Anmerkung d. H.: So sagen alte Rickenbacher zum Kirchdorf) zum Ortsgruppenleiter fahren und ihn darum bitten. Als wir dann bis ins Dorf kamen, war schon alles in Aufruhr und die SS-Soldaten schickten uns retour. Vielleicht können sich noch einige daran erinnern. Vielen Dank und freundliche Grüße Rösle Wanzenried-Stöckeier Abrechnung: Für Druck und Porto sind in drei Jahren S 30.000,— auf Konto 87957 der Raiba eingegangen. Davon wurden bis jetzt S 29.000,— an die Gemeindekasse, die den größten Teil der Kosten trägt, abgeführt. Die Kontoführung wurde am 26. November 1990 namens der Gemeinde von Frau Carmen Haderer überprüft und in Ordnung befunden. Wer kann sich noch an die Rickenbacher Friedensvermittlerinnen erinnern? Wir bitten um Zuschriften und Ergänzungen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Reinhard Johler Zur Geschichte des «Vereinshauses in Wolfurt» (Zum gleichen Thema hielt der Auto vor zwei Jahren einen Vortrag im Pfarrheim.) 1991 jährt sich das Erscheinen der Sozialenzyklika «Rerum Novarum» von Papst Leo XIII., im Jahre 1993 die Gründung des ersten christlichen Arbeitervereins in Vorarlberg jeweils zum 100. Mal.1 Beides sind Daten, die nicht nur die katholische Sozialbewegung betreffen, sondern sie waren Gründungsanlässe, welche die politische, soziale und kulturelle Landschaft im Lande wesentlich - und bis heute - prägten. Nur in diesem Umfeld ist die Geschichte des Wolfurter Vereinshauses darstellbar. Denn es ist weitestgehend unbestritten, daß es zwei Entwicklungen waren, die das Bild Vorarlbergs bestimmt haben. Beide fußen im 19. Jahrhundert. Zum einen ist die starke Industrialisierung, vor allem ab den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts zu nennen. Vorarlberg war vor der Industrialisierung ein übervölkertes und katastrophal verschuldetes Land. Die Bauernwirtschaften waren, trotz frühzeitiger Intensivierung etwa bei der Käseproduktion im Bregenzerwald weder in der Lage die Bevölkerung mit Arbeit zu versorgen, noch zu ernähren. Die Menschen lebten von einer Mischökonomie, die aus kleiner Landwirtschaft, Heimindustrie und saisonaler Auswanderung (Schweiz, Frankreich) bestand. Hier wären etwa die Montafoner Krauthobler und Bauarbeiter oder bis nach dem Ersten Weltkrieg die Schwabenkinder zu erwähnen2. Die Industrialisierung Vorarlbergs beschränkte sich nahezu ausschließlich auf die Baumwollverarbeitung (Weberei, Spinnerei); ab 1870 gewann verstärkt die Spinnerei an Bedeutung . Gerade dieser kam in Wolfurt eine Schlüsselstellung zu. Und obwohl es in der Gemeinde keine Textilfabriksgründungen gab - zur Jahrhundertwende existierten lediglich zwei kleine fabriksmäßige Betriebe, nämlich die mechanische Schlosserei Doppelmayr und die Spulenfabrik Zuppinger im Ortsteil Rickenbach - war Wolfurt trotzdem durch das benachbarte Kennelbach in den Sog der Industrialisierung miteinbezogen. Zum einen fanden zahlreiche Wolfurter in den Kennelbacher Fabriken, zu anfänglich katastrophalen Bedingungen Arbeit. Zum anderen ließen sich ab 1880 auch zahlreiche italienische Arbeiter in der Gemeinde nieder. Wolfurt wurde damit frühzeitig zu einer Arbeiter- und PendlerGemeinde. Aber die Industrialisierung bedeutete mehr als die Errichtung von Fabriksgebäuden, sie veränderte die Lebensweise eines Großteils der heimischen Bevölkerung entscheidend. Man sprach im 19. Jahrhundert davon, daß die Fabriksarbeiter2 schaft industriös war und meinte damit, daß sie weniger sparsam, verschwendungssüchtiger und in moralischer Hisicht ausschweifender sei. Das Land sei geradezu von «americanischen Verhältnissen» geprägt. Die Folgen der Industrialisierung können hier nicht näher geschildert werden, aber eine lag geradezu in der Luft: Eine zahlenmäßig starke Arbeiterschaft ließ auch das Schreckgespenst vor einer mächtigen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung aufkommen . Daß dem schlußendlich nicht so war, lag an der zweiten Entwicklung, die schon näher zum Vereinshaus führt. Denn trotz einer bedeutenden Industrialisierung Vorarlberg war mit Niederösterreich die am stärksten industrialisierte Region entwickelte sich hier keine bedeutende sozialistische Arbeiterbewegung, ganz im Gegenteil: In der politischen Entwicklung nahm das Land Vorarlberg einen Sonderweg ein. Hier gewannen 1870 die Katholisch-Konservativen die absolute Mehrheit im Landtag und gaben diese in der Folgezeit auch nicht mehr ab. Dabei war gerade der Anteil der christlichen Arbeiter sehr hoch. In dieser Entwicklung hatten die katholischen Vereinshäuser als Versammlungs- und Verantaltungsorte eine zentrale Bedeutung, sie waren die eigentlichen Bastionen des politischen Katholizismus. Steinerne Zeugen Beide Entwicklungen sind in Vorarlberg bis heute bestimmend geblieben, von beiden Prozessen zeugen historische Schlüsselbauten: im Bereich der Industrialisierung sind Fabriksbauten und Arbeiterwohnhäuser zu nennen, für den Katholizismus stehen die Vereinshäuser. Beide Gebäudetypen sind Erinnerungen, sind «steinerne Zeugen» der Vergangenheit; sie haben dementsprechend einen kulturhistorischen Wert. Allerdings, beide Gebäudetypen waren Nutzbauten und sind daher in der Gegenwart bereits verschwunden oder vom Abriß bedroht. Für die Fabriksbauten ist momentan ein stärkeres Interesse des Denkmalschutzes feststellbar, man überlegt sich eine Erhaltung, Umwidmung und Neuadaptierung . Es gibt keinen Grund, der dagegen spricht, ähnliche Überlegungen auch für die immer geringer werdende Zahl von Vereinshäusern anzustellen. Enstehung der katholisch-konservativen Volksbewegung, der Kasiner Bis 1870 - einem wirklichen Schlüsseljahr in der politischen Geschichte Vorarlbergs - war das Land von den Liberalen regiert, die, gestützt auf ein äußerst eingeschränktes Wahlrecht, eine relativ sichere Landtagsmehrheit besaßen. Nur kurz zur Erinnerung: Wahlberechtigt war man damals aufgrund der Vermögens3 Verhältnisse. Die Wähler waren je nach Eigentum in 4 Wahlklassen eingeteilt. In der ersten Wahlklasse waren die Wohlhabendsten vereint, hier reichten oft nur wenige Stimmen zum Wahlerfolg, hingegen waren in der vierten Wahlklasse, wo etwa Bauern meist eingeteilt waren, oft mehrere Tausend Wähler für einen Sitz notwendig. Dieses Wahlsystem begünstigte die Reichen und benachteiligte andere, etwa besitzlose Arbeiter. Frauen waren weitestgehend ausgeschlossen. Zwar gab es in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Wahlreform, das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht wurde aber erst 1907 eingeführt, Frauen waren erst ab 1919 wahlberechtigt. Es verwundert daher nicht, daß vor 1870 die Wohlhabenden die politische Mehrheit inne hatten. Liberale wohnten vornehmlich in den Städten, sie waren Ärzte, Beamte und Fabrikanten. Der Landbevölkerung kam kein politisches Gewicht zu. Dies änderte sich abrupt in den späten 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zu dieser Zeit schlossen sich die katholisch-konservativen Kräfte in Vorarlberg zu einer Partei zusammen, die auf katholischen Vereinen beruhte. Diese Vereine nannten sich in Anlehnung an ihre Vorbilder im Großherzogtum Baden KASINOS. Diese Kasiner-Bewegung war, zumal ein Treffpunkt äußerst wichtig war, auch eine VEREINSHAUS-Bewegung. Das erste Kasino wurde 1867 in Bregenz, das zweite 1868 in Feldkirch und im selben Jahr als drittes, das in Wolfurt gegründet, welches gleichzeitig als Wanderkasino fungierte und abwechselnd in Wolfurt, Schwarzach, Lauterach und Kennelbach tagte. 1868 wurde dann das landesweit wichtigste Kasino in Dornbirn begründet. Mitglieder der Kasinos, der Vereinshäuser waren vor allem kleine Gewerbetreibende und Bauern. Damit wurden sie zu einer wahren Volksbewegung, die vom katholischen Klerus und insbesonders von Kaplänen geleitet wurden. In .den Kasinos wurden religiöse und politische Fragestellungen äußerst intensiv erörtert, sie dienten zur Bildung und Unterhaltung, vor allem aber interessierten sie ihre Mitglieder für das politische Geschehen. Politik wurde zu dieser Zeit durch die Vereinshäuser zu einem wahren Massenphänomen, das die gesamte Bevölkerung etwas anging, aber gleichzeitig auch zum ersten Mal politische Lager schuf, die einander unerbitterlich bekämpften. Dabei orientierte sich die Kasiner-Bewegung ganz an den politischen Vorgaben der katholischen Kirche und wurde daher als «politischer Katholizismus» bezeichnet. Neben den katholischen Vereinen, war im Kampf gegen den Liberalismus, das 1867 gegründete «Vorarlberger Volksblatt» von größter Bedeutung. Es sei nur kurz angeführt, daß in dieser rhetorisch brillanten Zeitung, die ein wahres Kampforgan war, wiederum Priester an führender Stelle wirkten. Und es sei auch erwähnt, daß manche von ihnen, wegen ihrer scharfen Schreibweise infolge von Ehrenbeleidigungs- und Verleumdungs-prozessen zeitweise im Gefängnis landeten. Dies mag die Form kennzeichnen, in der Politik betrieben und Auseinandersetzungen geführt wurden. Die Katholisch-Konservativen waren von einem vollstän4 digen Machtanspruch im Lande erfüllt. Derart nahmen sie sich auch früh der in Vorarlberg besonders drückenden «sozialen Frage» an. Diese Organisierung war der Grundstein für den Wahlerfolg 1870. Örtliches Zentrum und Veranstaltungsort war dabei das Vereinshaus. In diesem wurde die Politik besprochen und gemacht, die dann für ganz Vorarlberg galt. Das Vereinshaus, also das Haus der katholischen Vereine, war anfänglich oft ein Gasthaus mit einem katholisch gesinnten Wirt. Bald aber folgte, zügig von der ChristlichSozialen Partei vorangetrieben und finanziert, der Bau von eigenen Vereinshäusern. Zu nennen wären etwa der in Dornbirn oder die feierliche Einweihung des Vereinshauses Lauterach am 29. 10. 1911. Sehr oft aber waren die katholischen Arbeitervereine führend in der Errichtung tätig. Dies trifft auch auf Wolfurt zu. Dann wurde das Vereinshaus als «katholisches Arbeiterheim» bezeichnet. Entstehung und Bedeutung der katholischen Arbeitervereine In Vorarlberg setzte - wie bereits erwähnt - die Organisierung der katholischen Arbeiterschaft sehr früh ein. Diese beruhte zunächst auf Formen aus dem Handwerkermilieu, etwa den Gesellen- und Kolpingvereinigungen. Allerdings entsprachen diese nicht den Bedürfnissen der Fabriksarbeiter. Zwei Anlässe waren es nun, die zur christlichen Arbeiterbewegung bzw. zu den katholischen Arbeitervereinen führten. Zum einen hatte die sozialdemokratische Agitation ab 1890 eingesetzt, dem galt es etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, wollte man die Arbeiterschaft nicht verlieren. Und zum anderen erließ Papst Leo XIII. am 15. Mai 1891 die Enzyklika «Rerum Novarum», deren sozial-politische Konzeption zum Programm der katholischen Arbeitervereine wurde. Diese Vereine breiteten sich in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor allem in den Alpenländern der Monarchie aus. Der erste katholische Arbeiterverein in Vorarlberg wurde 1893 von Kaplan Längle in Dornbirn, der zweite von dem wichtigsten Arbeiterführer, von Dr. Karl Drexel 1896 in Hohenems und bereits der dritte zu Maria Himmelfahrt am 15. August 1899 in Wolfurt begründet. Der bedeutendste war jener von Dornbirn. Dort wurde im übrigen mit dem Bau des Arbeiterheims 1907 begonnen. Zweck der katholischen Arbeitervereine war die Sammlung des christlich gesinnten arbeitenden Volkes, die Pflege des katholischen und patriotischen Geistes, die religiöse und sittliche Hebung, die Förderung des Standesbewußtseins, die Fortbildung und schlußendlich die Abhaltung geselliger Veranstaltungen. Alle katholischen Arbeitervereine hatten eine sehr ähnliche Organisationsstruktur. An der Spitze stand der Präses, der in den meisten Fällen ein Priester war und dem die «Sorge für das geistige Leben des Vereins» oblag. Ihm wurde ein Obmann zur Seite gestellt, der als «weltlicher Arm» für die organisatorischen Belange verant5 wortlich war. Weiters bestand der Vereinsausschuß aus einem Obmannstellvertreter, einem Schriftführer, einem Kassier und zwei weiteren Mitgliedern.8 Gerade der Arbeiterverein Wolfurt ist ein passendes Beispiel für die soziale Zusammensetzung dieser Vereine. Denn die Bezeichnung «Arbeiterverein» täuscht ein wenig. Gemeint waren damit alle, die sich für die Anliegen der Arbeiter einsetzten. Vor allem der Vereinsausschuß war meist nicht mit Arbeitern, sondern von dörflichen Honoratioren besetzt. Im ersten Vorstand des Wolfurter Arbeitervereins saßen etwa zwei Sticker, ein Schreiner-meister, ein Dampfsägenbesitzer, ein Schlosser und ein Briefträger9. Noch ein Wort zur landesweiten Organisation. 1904 erfolgte der Zusammenschluß der bestehenden katholischen Arbeitervereine zum Vorarlberger Arbeiterbund. 1908 waren in diesem 12 Arbeitervereine mit insgesamt 1.024 Mitgliedern zusammengefaßt: Dornbirn, Hohenems, Wolfurt, Rieden-Vorkloster, Hard, Frastanz, Rankweil, Bregenz, Blumenegg/Thüringen, Lauterach, Nüziders und Ludesch. Für die katholischen Arbeiter wurde auch eine eigene Zeitung, das «Arbeiterblatt» gegründet. Daneben bestanden, wenn auch nicht in Wolfurt, eigene katholische Arbeiterinnenvereine und die katholische Arbeiterjugend. Bedeutender für die Gemeinde, wo die Stickerei ab der Jahrhundertwende eine wahre Blüte erlebte, war die Gründung des Stickerbundes am 1. Jänner 1907, der zur stärksten Organisation der katholischen Arbeiterbewegung werden sollte. Ende 1907 zählte der Stickerbund bereits 23 Ortsgruppen mit über 1.000 Mitgliedern. Die Ortsgruppe Wolfurt gehörte mit 113 Mitgliedern zu den stärksten in ganz Vorarlberg. Abschließend sei noch eine weitere Organisation genannt: Es wurde bereits darauf verwiesen, daß viele in Kennelbach arbeitende Italiener in Wolfurt wohnten. Es verwundert daher nicht, daß 1904 die «Societa Operaia Cattolica di Kennelbach e Wolfurt» (Katholischer Arbeiterverein von Kennelbach und Wolfurt) unter der Leitung von Leonardo Salvaterra gegründet wurde. Und es sei auch nur am Rande vermerkt, daß in einem Wahlkampf der spätere christlichsoziale Ministerpräsident von Italien De Gasperi unterstützt vom Wolfurter Pfarrer eine Rede hielt10. Der katholische Arbeiterverein Wolfurt wurde 1899 gegründet. Dem Gründungskomitee im Gasthaus «Sternen» gehörten Ferdinand Müller, Josef Weiß, Albert Köb, Anton Giesinger und Rudolf Böhler an. Weiters waren im neu gegründeten Verein Mitglieder: Johann Hohl, Rudolf Fischer, Gottfried Oehe, Johann Mesch, Joh. Martin Gmeiner, Gebhard Rünzler, Josef Schwärzler, Josef Anton Köb und Wenzel Meinl. Der Verein zählte also zum Zeitpunkt der Gründung 15 Mitglieder. 6 Zum 1. Präses wurde Kaplan Simon Stadelmann, zum 1. Obmann der Schuhmachermeister Josef Weiß gewählt. Die konstituierende Versammlung fand zu Maria Himmelfahrt, am 15. August 1899 im Gasthaus «Sternen» statt. Anwesend waren auch die Bruderverine von Dornbirn und Hohenems. Der Arbeiterführer Dr. Karl Drexel und der Reichsratsabgeordnete Loser hielten Reden. Der Zweck des Vereins läßt sich am deutlichsten aus den am 16. Juli eingereichten Statuten ermitteln. Genannt sind dabei: «Zweck dieses nichtpolitischen Vereines ist: 1. Förderung der Religiosität und Sittlichkeit der Arbeiter. 2. Fortbildung in Dingen von praktischer Nützlichkeit, sowie Wahrung und Warnung vor verderblichen Zeitbestrebungen. 12 3. Frohsinn und Geselligkeit und Gemeinschaft zu pflegen.» Der Arbeiterverein Wolfurt war ausgesprochen rührig und aktiv. So konnte schon 1900 die Vereinsfahne um 180 Gulden in Sigmarszeil angeschafft werden. Das Fest der Fahnenweihe mit der Fahnenpatin Fräulein Julie Böhler galt als besonders gelungen. Die Fahne zeigt auf der einen Seite den Schutzpatron aller katholischen Arbeitervereine, den Hl. Josef. Daher wurden die Jahreshauptversammlungen auch immer am Josefitag abgehalten. Bereits 1906 zählte der Arbeiterverein Wolfurt 52 Mitglieder13. Es kann nun im einzelnen weder näher auf die wechselnden Obmannschaften, noch auf die Vielzahl der Veranstaltungen eingegangen werden. Nur soweit: Nach einem Jahrzehnt des Bestehens konnte der katholische Arbeiterverein Wolfurt eine sehr positive Bilanz ziehen. 117 Ausschußsitzungen, 105 Vereins- und öffentliche Vorträge dienten dem Vereinsziel. Es wurde über nahezu alles referiert, so etwa über die Leichenverbrennung, über den Balkan, über London und über «400 Jahre Wolfurt». Ab 1900 ist die Abhaltung von Glückstöpfen und zu Weihnachten von Christbaum-Feiern belegt, deren Erträgnisse zur Vergrößerung des Vereinsfonds oder wie etwa 1902 zur Schaffung einer Bibliothek dienten. Es wurden Schießabende oder etwa 1910 Rednerclubs veranstaltet. Dazu kam eine rege Gesangssektion unter der Leitung des Oberlehrerers und späteren Bregenzer Bürgermeisters Mathias Wachter. 1909 wurde die Turnsektion gegründet, aus der sich dann der Arbeiter-Turnerbund Wolfurt mit dem ersten Obmann Albert Köb und als Turnwart Wilhelm Rünzler entwickelte . Zur selben Zeit wurde auch der Hort der erwerbenden Jugend (später Jugendhort) mit dem «Jugendvater» Martin Thaler begründet. Ein Überblick über die zahlreichen Feierlichkeiten und Veranstaltungen des katholischen Arbeitervereins Wolfurt kann auch durch das «Gemeinde-Blatt» 7 gegeben werden. Dort finden auszugsweise etwa am 16. 7. 1911 die Einladung des Arbeiter-Turnbundes zum 1. Schauturnen, am 3. 12. ein Familienabend zum Nikolaustag (beachtenswert: «Der Reinerlös wird zum Bau eines Vereinshauses verwendet»), am 24. 12. eine Christbaum-Feier mit Theater und Gabenverlosung und am 17. 3. 1912 die Einladung zur 13. Ordentlichen Generalversammlung im Gasthaus «Hirschen» unter Obmann Ferdinand Thaler am Josefitag. Ein zentrales Anliegen des katholischen Arbeitervereins Wolfurt war der Bau eines eigenen Heims. Zur Jahreshauptversammlung 1900 wurde zum ersten Mal der Bau eines Vereinshauses besprochen, 4 Jahre später stellte dann Pfarrer Nachbauer den Antrag auf Errichtung eines Vereinshauses. Fertigstellung des Vereinshauses konnte allerdings nicht mehr vom Arbeiterverein alleine getragen werden. Kaplan Nußbaumer versuchte daher, die katholischen Vereine für dieses Anliegen zu gewinnen.16 Dies gelang am 14. April 1921 mit der Gründung des «Kartells christlicher Vereine in Wolfurt». Dieses Kartell, dessen Statuten am 8. Mai genehmigt wurden, war ausdrücklich für den Bau und die spätere Verwaltung des Vereinshauses gegründet worden. Als Mitglieder wurden nur Vereine mit «christlicher Weltanschauung» aufgenommen. Die vier in den Statuten genannten Vereine waren: Heinrich Nußbaumer, Obmann Gebhard Mohr, Obmann Karl Schwärzler, Schriftführer 2. Bürgermusik-Verein Wolfurt: Adolf Fischer, Obmann Albert Gasser, Schriftführer 1. Katholischer Arbeiterverein: Der Bau des Vereinshauses Wolfurt Als erstes Vereinslokal diente dem katholischen Arbeiterverein ein ebenerdiger Raum im «Hanso Hus» der Geschwister Heim am Anfang zur Kirchenstiege. Veranstaltungen wurden entweder im Gasthaus «Sternen» oder im «Rößle» abgehalten. Die Platzfrage aber war schon in Hinsicht auf die steigende Mitgliederzahl durchaus dringend zu behandeln, zumal auch Ausweichlokale, wie etwa die leerstehende Stickerei von Albert Gmeiner in Unterlinden, nur ein Provisorium darstellten. Als erster konkreter Schritt wurde 1904 unter der Federführung von Kaplan Fridolin Hagspiel und dem Vereinsmitglied Maurermeister August Klien ein Bauausschuß bestellt. 1907 lag der erste Plan vor, aber der Baubeginn zögerte sich hinaus. Gleichzeitig wurde auch erwogen, statt eines Neubaues, entweder das Haus von Gebhard Gmeiner (neben dem Schulhaus) oder das Gasthaus «Sternen» zu erwerben. Erst 1910 wurde durch den Ankauf eines Bauplatzes von den Geschwistern Heim im Strohdorf eine Entscheidung gefällt. Der bereits vorliegende Plan wurde 1911 vom Feldkircher Baumeister Kröner umgearbeitet. Die Kosten für diese neue Planerstellung von 800 Kronen übernahm Pfarrer Nachbauer. Nachdem dem am 13. 2. 1913 von Albert Köb eingebrachten Antrag zustimmt wurde, konnte mit dem Bau sofort begonnen werden. Im November desselben Jahres konnte der Verein in den Teilbau einziehen. Dieser bestand aus einem Versammlungslokal im Erdgeschoß, einem Theater, das gleichzeitig als Turnsaal diente und einem weiteren Nebenraum im ersten Stock. Der Erste Weltkrieg verhinderte eine Fertigstellung des Vereinshauses, das wegen seiner Form spottweise auch als «Schlauchturm» bezeichnet wurde. Im Jahre 1920 - der Arbeiterverein zählte durch die Kriegsfolgen nurmehr 25 Mitglieder - wurden unter dem neuen Präses Heinrich Nußbaumer (Obmann Rudolf Schertler) kleinere Zubauten, wie etwa eine Galerie errichtet. Eine 8 Das Kartell christlicher Vereine. Unter Kaplan Heinrich Nußbaumer hatten sich 1922 die Wolfurter Vereine zur Fertigstellung des Vereinshauses zusammengeschlossen. Außer dem Arbeiterverein entsandte jeder Verein zwei Vertreter. Erste Reihe v. 1.: Kaplan Nußbaumer, Rudolf Schertler, Mina Österle, Flora Böhler-Gunz, Gebhard Fehle, Martin Thaler; zweite Reihe: Gebhard Mohr, Josef Schertler, Karl Schwärzler, Ernst Köb, Rudolf Fischer; dritte Reihe: Rudolf Guldenschuh, Johann Zwickle, Jos. Ant. Köb, Pfarrer Simon Stadelmann, Albert Gasser, Adolf Fischer. 9 3. Turnerbund Wolfurt: 4. Liederhain Wolfurt: Ernst Köb, Obmann Franz Köhler, Schriftführer Adolf Fischer, Obmann Albert Kirchberger, Schriftführer 1 Zu diesem Zeitpunkt ist auch eine umfangreichere Arbeit des Autors zur katholischen Arbeiterbewegung in Wolfurt geplant, die auch die umfangreichen Archivalien mitberücksichtigen soll. 2 Kapeller, Kriemhild: Saisonwanderung und Heimarbeit als notwendiger Nebenverdienst in Vorarlberg. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, NS Bd. 43, 1989, S. 275-295. 3 Johler, Reinhard: Behinderte Klassenbildung - am Beispiel Vorarlbergs. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, 2, 1986, S. 51-57. 4 Heim, Siegfried: Bauern und Fabrikler. Die Arbeitswelt unserer Vorfahren. In Heimat Wolfurt, H. 1, 1988, S. 16-19. Sinz, Egon: Kennelbach. Die Geschichte einer Industriegemeinde. Kennelbach 1987. 5 Zur Entwicklung der sozialdemokratischen und christlichen Arbeiterbewegung vgl. Greussing, Kurt: Im Prinzip: Hoffnung. Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870-1946 (= Beiträge zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, 4). Bregenz 1984. 6 Johler, Reinhard: Sammlung und Präsentation zur Industriegeschichte und Arbeiterkultur in Vorarlberg. In: Bockhorn, Olaf-Reinhard Johler (Hg.): Industriegeschichte und Arbeiterkultur in Österreich (Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde der Universität Wien, Bd. 14). Wien 1987, S.148-163. 7 Haffner, Leo: Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservatismus. Bregenz 1977. 8 Mittersteiner, Reinhard: Wachstum und Krise. Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890-1914. In: Greussing, Kurt (Hg.): Im Prinzip: Hoffnung, a.a.O., 73-132. 9 Moosmann, Herbert: Kath. Arbeiterverein Wolfurt. Entstehung - Rückblick. In: Wolfurt-Information, Nr. 92, 1989, S. 20-22. 10 Mittersteiner, Reinhard: Wachstum und Krise, a.a.O. 11 Schwärzler, Karl: Sechzig Jahre Kath. Arbeiterverein Wolfurt (Manuskript). 12 Statuten des «Katholischen Arbeitervereines Wolfurt» (Vorarlberger Landesarchiv). 13 Mittersteiner, Reinhard: Peripherie und Sozialismus. Diss. (Univ.) Wien 1988, S. 148. 14 Vgl. dazu die Protokollbücher. 15 Herburger, Josef: Die Turner und das Vereinshaus. In:WolfurterInformationsdienst, Nr. 17, 1973, S. 21f. 16 Vgl. Schwärzler, Karl: Sechzig Jahre, a.a.O. Sowie die Beiträge zur Festschrift «50 Jahre Vereinshaus Wolfurt». Feiern am 17. und 18. November 1973 (Wolfurter Informationsdienst, Nr. 17, 1973). 17 Satzungen des Kartells christlicher Vereine in Wolfurt vom 8. Mai 1921 (Vorarlberger Landesarchiv). Der Arbeiterverein behielt sich im Verwaltungsrat 2 Stimmen vor, hatte er doch den Teilbau und das Grundstück zur Verfügung gestellt.17 Bald darauf wurden auch andere Vereine (Jugendhort, Kongregation) in das Kartell aufgenommen. Die für die Errichtung notwendigen Finanzmittel konnten durch eine Haussammlung, durch den Reingewinn eines Volksfestes, durch unentgeltliche Arbeitsleistung der Mitglieder und durch ein Darlehen aufgebracht werden. 1922 wurde der Bau des Wolfurter Vereinshauses unter Einbezug des Arbeiterverein-Teilbaues vollzogen. Den endgültigen Plan hatte der Bregenzer Architekt W. Braun erstellt. Zu Pfingsten konnte dann das Vereinshaus Wolfurt feierlich eingeweiht und eröffnet werden. Das «Vorarlberger Völksblatt» berichtete darüber ausführlich: «Die katholischen Vereine von Wolfurt dürfen sich glücklich schätzen, nunmehr ein neues, sowohl den praktischen Anforderungen, als auch dem Schönheitssinn entsprechendes Vereinshaus zu besitzen. Es war wohl ein wagemutiges Unternehmen mit einer Unsumme von Sorge und Arbeit im Gefolge, in gegenwärtigen Zeiten einen so stattlichen und gut eingerichteten Bau zu erstellen, als welchen das Wolfurter Vereinshaus sich heute präsentiert.» Die Feier bestand aus einem Festgottesdienst, der kirchlichen Weihe und einem Festumzug der Vereine. Aber werfen wir noch einen Blick in das neueröffnete Vereinshaus: «Das neue, nunmehr fast fertige Haus enthält außer verschiedenen praktisch eingebauten Vereins- und Klubräumlichkeiten und einer Hausmeisterwohnung einen großartigen Festsaal von über 16 Metern Länge und 11 Metern Breite und mit zwei geräumigen Galerien. Einen gefälligen Eindruck machen die der bodenständigen Bauweise entsprechenden Holz-Vertäfelungen, die hölzernen Galeriebalustraden, der gleichartige Plafond mit einer zugleich architektonisch schmückenden Ventilationsvorrichtung in der Mitte. Die Bühne ist geräumig und zweckentsprechend gebaut und erhielt erst noch in den letzten Tagen die neuen, von Meister Ulrich Ender (Götzis) gemalten Szenerien. Auch im Äußeren bietet der Bau einen überaus gefälligen Anblick: mitten in freie Umgebung sich erhebend, läßt er seine schönen Verhältnisse im Eintrittsvestibül, Mitteltrakt mit dem Ventilationsaufsatz sowie Bühnenbau mit den kleineren Lokalitäten prächtig zur Geltung kommen.» 10 11 Siegfried Heim Zur Erinnerung ein paar Zahlen Mit Napoleon nach Rußland Franzosenkriege in Wolfurt «Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, Herr Jesus Christus!» beteten unsere Vorfahren. Unter diesen drei Geißeln litten sie ja immer wieder. Besondere Not kehrte um das Jahr 1800 ein. Die ersten Kriegsahnungen hat der Maler Anton Schneider schon 1787 gehabt. («Beschreibung des Franzosenkriegs», Chronik Schneider im Landesarchiv). «In Hißigem Dorf daß Hauß Numeriren an gefangen, der Aman Fischer und ein Geschworener war dar bey, der Martin Haltmayer, Schreiner auf dem Bühel, hat es müßen Numeriren. Auf dem Bühel hat man angefangen und also an die Ach hinaus und so fort. Jeder Man sagt, was doch das Ding bedeutten thue. Dan niemand weiß, auf was es an gesehen, doch muthmäßet man, daß es nichts Guttes werde andeuthen.» Erstmals wurden also im Jahre 1787 auf kaiserlichen Befehl Hausnummern an die Türen gemalt. Die Amtleute gingen durch das ganze Dorf, auch nach Schwarzach, Bildstein und Buch. Während der Maler die Nummer aufpinselte, schrieb der Ammann Leute und Besitz auf, «so gahr das Kind in der Wigen». Diese Hausverzeichnisse wurden in den folgenden Jahren verwendet für Steuerlisten, für die Einquartierung von Soldaten und zur Aushebung von Rekruten. Dreißig Jahre der Not und Unterdrückung folgten, Jahre von «Hunger und Krieg». Vom ersten Blutvergießen berichtet Pfarrer Walser (Volksblatt, 25. 10. 1912): «Nach dem Totenbuchjener Zeit wurde am 11. August 1796 Johann Michael Gasser von einer feindlichen Kugel hingestreckt. Am 16. September 1796 wollte der 66jährige Michael Hübe im Garten eine von einem andern vergessene «Schopete» (Flinte) holen und wurde dabei von den Kugeln der Franzosen getötet. An demselben Tage tobte in und durch Wolfurt ein heftiges Gefecht. Es fielen hier 6 kaiserliche Soldaten und 3 Franzosen. Die erstgenannten 2 Männer und 3 kaiserliche Soldaten konnten noch versehen werden. Gleichzeitig waren in Lauterach 10 Häuser von den Franzosen in Brand gesteckt worden.» Schwere Gefechte gab es auch im Sommer 1800 in Wolfurt. Darüber hat Volaucnik berichtet (Heimat 1/20). Dabei wurde im Juli 1800 Michael Haltmayer in seinem ganz neuen Haus im Bütze-Weingarten erschossen. «Auch haben die Franken am Sontag in vil Häußer ein gebrochen und geblündert und die Leyt ausgesucht und ihnen die Todesangst angetan.» Drei Tage lang wurde Wolfurt damals geplündert. 12 1789 Französische Revolution 1792— 1797 1. Franzosenkrieg 1796 Gefechte in Wolfurt 1799— 1802 2. Franzosenkrieg 1800 Gefechte in Wolfurt 1805 3. Franzosenkrieg 25. Dezember 1805 Vorarlberg an Bayern abgetreten 1806 Die alten Gerichte Kellhof und Hofsteig aufgelöst 1808 Wolfurt wird selbständige Gemeinde 1809 Aufstand. Wolfurter kämpfen im Allgäu 1812 Napoleon zieht mit der Großen Armee nach Rußland. Brand von Moskau. Winterkatastrophe 1813 Völkerschlacht bei Leipzig 1814 Napoleon nach Elba. Vorarlberg wieder zu Österreich 1815 Schlacht bei Waterloo. Napoleon nach St. Helena verbannt. Wiener Kongreß 1795 waren in Wolfurt die «Bergteile» im Ippachwald und 1798 die «Riedstücker» verteilt worden. 1808 gab es in Wolfurt 185 Häuser. Die 1143 Einwohner besaßen zusammen 266 Kühe. Sie ernährten sich hauptsächlich vom Getreideanbau. 1817 Große Hungersnot! Schwer hatte das Dorf auch 1804 unter den Einquartierungen der Kaiserlichen und 1805 unter denen der Franzosen zu leiden. Bayerische Rekrutenaushebung Im Frieden von Preßburg mußte Österreich Vorarlberg und Tirol an das Königreich Bayern abtreten. Sofort hatte der schreibkundige Gotteshausammann Mathias Schneider einer Liste aller wehrfähigen Männer zu erstellen. In seinem Buch «Märckwürdige Begebenheiten» (Schneider-Chronik 2) sind uns die 239 Namen erhalten geblieben. 13 Demnach gab es 1805 in Wolfurt: 99 23 21 96 ledige Männer von 17 bis 30 Jahren, ledige Männer von 30 bis 50 Jahren, «Verheurathete» von 17 bis 30 Jahren und Verheiratete von 30 bis 50 Jahren. Rekruten ohne gespilt Weg genohmen. Von Wolfurt hat man Anton und Johann Stülz zurlinden, Joseph Böhlerzurach, für Hofrieden durch das Spiel, Thomas Vonach nur weil er mit obigem zum Spiel ins Hofriedisch gegangen. Von Steusberg (Bildstein) hat man 6 Mann alles Ledige genohmen.» Als im Juni 1807 neue Konskriptionslisten erstellt wurden, «allwo alle Jünglinge Von 16 bis 40 Jahren sich haben müssen abmessen und Fixidiren lassen», kam es zum Weiberaufstand in Langenegg und Krumbach. Darauf quartierten die Bayern 4000 Mann Kavallerie und Infanterie ein, die auch Wolfurt außerordentlich belasteten. Das Gericht Hofsteig mußte 2700 Gulden Bußgeld zahlen. Außerdem mußte es am 15. Juli 1807 vier Rekruten stellen. Weitere 12 Mann, darunter 4 Wolfurter, wurden am 30. Juli ausgehoben: Josef Lenz von Rickenbach, Josef Anton Schwerzler Gugers, Joseph Dür im Tobel, Kaspar Gasser auf dem Bühel. Fünf Jahre später starben sie in Rußland. In seiner Kriegschronik (Schneider 1) ergänzt Schneiders Vetter Anton diese Darstellung: das Spiel in Schwarzach konnte nicht stattfinden, weil die Wolfurter in der Krone mit großem Geschrei aufbegehrten und sogar eine «Botillen» in den Tischwinkel zum neu aufgestellten Bregenzer Landrichter warfen. Zur Strafe dafür wurden drei Tage später einfach 4 Wolfurter und 6 Steußberger in Lauterach verhaftet und «geschloßner» (gefesselt) nach Bregenz und weiter nach Augsburg geführt. Vermutlich haben sich die Angehörigen der Verhafteten beschwert, denn «noch dazu hab man den Vatter Stültzen sambt dem jüngsten Sohn Martin auch zu haus abgeholt und auf Bregentz und in Arrest auf einige Tag geben.» Sie sollten so lange in Haft bleiben, bis man des Flaschenwerfers habhaft sei. Im April 1809 beteiligten sich auch die Wolfurter am allgemeinen Aufstand gegen die Bayern. Mit Schiffen fuhren sie mit bis Konstanz und Ludwigshafen und holten sich reiche Beute. Auch das bayrische Lindau wurde von den Vorarlbergern fürchterlich geplündert. «Ein jeder hat ein Sack a ufdem Bügel in die Stadt Bregentz gebracht, ich hab es selber gesehen», schreibt der Chronist. In ihrem Siegesrausch marschierten die Hofsteiger unter Major Schertler sogar mit nach Wangen und Kempten. Aber dort wendete sich das Kriegsglück. Im Gefecht bei Eglofs erlitten sie schwere Verluste. Mathias Schneider berichtet: «Es sind aber dieses Jahr diese Landes Völker, welche schon bis auf dem Buchberg bei Kempten gestanden, vom Königlich Bayr. und mit hilf der Königlich Würthenberg. Truppen zu Haus geschlagen worden, wobey unser Seite etliche Mann das Leben Verlohren, so wohl von Frey willigen als von dem Landsturm besonders und zwar erstens Joh. Georg Reiner als Hauptmann, Jos. Ant. Lenz, Ant. Geiger, Andreas Flatz.» Hauptmann Reiner war schwer verwundet in Gefangenschaft geraten. Er starb in Kempten (Walser, V.V. 29. 10. 1912). 15 Panik brach aus, als die Bayern nun die allgemeine Wehrpflicht einführten und die Ledigen der Reihe nach rekrutierten. Einige Jungmännerflohenaus dem Land, viele retteten sich durch schnelle Heirat vor dem Militär. «Anno pro Domine Jesu Christe 1806 haben Hochzeit gemacht.. . Welches aber aus sonderbaren Umständen geschehen. Es hat sich durch den Willen und Zulassung Gottes ereignet, daß der Kaiser (Napoleon), welcher zwar nur vor wenig Jahren den Zepter und Krone erhalten von Frankreich, aber Mahlen Krieg angefangen mit unserem Römischen Kaiser Franz des II. und so gesieget, daß er in kleiner Zeit bei 3 Monaten nicht nur ganz Vorarlberg und Tiroll, sondern auch bereits ganz Bömen, Ungarn, ja Wien selbsten, mit hilf des Bayerfürsten eroberet hat, welches alles geschehen vom Oktober bis Dezember. Dan den 14. November sind die Franken bei uns Eingerückt, nur zu Wolfurt bey 13 Compagnien, über Tausend Mann. In diesen Unglücks Tagen ist Seine Mayestät der Kaiser genöthiget worden, einen mit großem Verlust betreffenden Frieden mit Frankreich zu schließen, wo bey er auch ganz Tirol und Vorarlberg Nebst Villen andern Ortschaften Verlohren und abtretten müssen. Über diesen Friedens Contrackt hat der Kaiser von Frankreich den Fürsten von Bayern so belohnet, das er denselben Erstens zu Einem König gekrönet, und Zweytens mit Viellen Landschaften beehret, unter welchen auch ganz Tirol und Vorarlberg, samt allen Entzwischen liegenden Ort und Reichs Herrschaften gegeben worden. Aus diesem Umstände willen, und Forcht Militär stellen zu müssen, haben sich in allen Pfarreyen des Vorarlbergs sehr Viele Menschen Verheuratet, und zwar nur in der zeit zwischen Weihnächten und Herren Faßnacht, welche nur 8 Wochen lang gewesen . . . » Nun zählt Mathias Schneider fein säuberlich die 22 jungen Paare auf, die sich in Massenhochzeiten am 27. Jänner, 3., 11. und 17. Februar 1806 vor dem Soldat-Werden drückten. Es findet sich darunter auch sein Sohn: «Jakob Schneider Wolfurt mit Jungfrau Maria Agatha Schertlerin Underlinden». Er konnte dem Ehepaar das neue Haus an der Berggasse («Rädlers» an der Kellhofstraße) übergeben. Die Braut bekam ja von ihrem Vater, dem reichen Schützenmajor JakobSchertlerauch noch eine beachtliche Ausstattung. So gut hatten es die anderen 21 Paare in jener Fasnat wohl nicht! In den folgenden Jahren gab es nun fast keine Hochzeit mehr in Wolfurt. Die Ledigen aber holten die Bayern zu ihrer Armee: «Anno 1807 den 22ten Jäner hat mann anstattdem 19ten Jäner, alwo zu Schwarzach hätte sollen gespilt werden, die 14 Die siegreichen Bayern und Franzosen bestraften die Vorarlberger schwer. So nahm man den Wolfurtern am 27. Mai sogar das Fährschiff, ihre einzige Verbindung nach Kennelbach, weg und transportierte es nach Bregenz. Und vor allem wollten die Bayern noch mehr Soldaten. «Anno 1810 den 12. März abermahl Rekruten ausgehoben. Alle von 18 et 19 Jahr gleich weg genommen. Das Landgericht Bregenz hat 65 Mann gesteh.» Die meisten Familien versteckten jetzt ihre Söhne. Zu genau kannten die Häscher ihre Opfer aber aus den Listen, die Mathias Schneider ein paar Jahre früher erstellt hatte. «Aufdieses hat man Einigen Exekution eingelegt und zwar aufden ersten Tag 4 Mann, den zweiten 8 Mann, dendritten 12 Mann. So behalten bis die Forchtsamen Ihre Söhne Von der Frömbde her geholt und gestellt haben. Gestelt habe ich selbst den Michael Schneider, Ferdinant Rohner, Jos. Köb auf dem Bühel, Aloys Haltmayer Sohn, Jos. Böhlers Sohn an der Hub, Joh. Georg Schwärzlers Sohn zu Steig . . . Nach diesem hat mann alle am Joseph Tag mit ein und weg genommen bis nach Augspurg.... Die Exekution hat manchen 80, 90 bis 100 Gulden gekostet. Got helfe!» An anderer Stelle zählt der Chronist weitere Burschen auf, die mit seinem Sohn Michel am 19. März 1910 abgeführt wurden: «und sind den 20. Merz von Bregenz über kempten bis nach Augspurg transportirt, Von dort wider bis nach Lindau und über 5 Wochen dort, ohne Asentirt zu seyn, behalten worden. Nach diesem erst den 2. May nach Ingolstadt abgefürt worden. Von da ist der Sohn Johann Michl, Ferd. Rohner, Kaspar Gunz nach Neuburg zurück zu den Jägern gestellt worden. . . . 1810 den 17. May erhalten den 26. dis das Erste Schreiben des Michl Schneider. Die Attreß ist zu machen an Michael Schneider bey dem 7ten Leichten Infantry Bartalion Trauberg, bei Herrn Hauptmann GrafKunn Copagni, abzugeben in Neuburg an der Donau.» Weihnachten sollen ganze 1000 Mann mit 60 Pferden die rettende preußische Grenze erreicht haben. Das Volk empfand diese Katastrophe als ein Gottesurteil «Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen!» (Aus «Weltgeschichte» von Kinder.) Mathias Schneider notierte sich das, was ihm davon zu Ohren kam, so: «Der Kaiser Napoleon hat immer noch weiter geschlagen, daß er auch den Kaiser von Rußland angegriffen, und so weit gesieget, das er bis November 1812 nach Moskau und Polox (Smolensk?) gekommen, wo aber grosse schlachten Vor gekommen, in welchen der Napoleon das Kürzer gezogen, wodurch er Viele Tausend Mann und Kanonen und Geld Kasse Verlohren.» . . . «. . . die Meerern gestorben oder gefangen worden. Doch sey Dank ist unser Sohn den 24. Feber 1813 wider Glücklich nach Haus Kommen, hat nur ein Verhörten Fuß gehabt. Es ist auch sein Herr Oberleutnant und ein Herr Major mit ihm gekommen. Alle andern Vom Ganzen Gericht sind noch abwesend und unwissend wo. 1813 den 16. April hat der Sohn Michael wider mit 3 Compagnigen nach Augspurg von Lindau abreisen müssen.» Die Überlieferung hat Michael Schneiders Heimkehr aus der russischen Winterkatastrophe später dramatisch ausgeschmückt. «Es wird erzählt, er hätte eine ihm abgefrorene Zehe, in Papier eingewickelt, noch heimgebracht. Die Rettung sei ihm nur dadurch möglich geworden, daß er sich in der größten Not an einen Roßschweifhängen und weiterschleppen konnte.» (Walser, V.V. 25. 10. 1912). Schneider soll mit seiner Truppe im Oktober 1813 noch an der Völkerschlacht bei Leipzig teilgenommen haben, die das Schicksal Napoleons besiegelte. Nur zwei weitere Wolfurter kamen aus Rußland gesund heim, der Zimmermann Michael Köb aus Rickenbach und der Student Martin Rohner aus dem Kirchdorf, der später als Gemeindearzt noch französisch und russisch schimpfte. Über sie berichte ich an anderer Stelle. Die vielen anderen jungen Burschen aus unserer Gemeinde waren mit der ganzen Großen Armee in Rußland gefallen, im Eiswasser der Beresina ertrunken, von Kosaken erschlagen, im Schnee verhungert, von Wölfen zerrissen . . . Kaum eine Todesnachricht traf ein. Verzweifelt warteten die Eltern. Nur zögernd wurde nach Jahren manchem eine Totenmesse gelesen. «Am 12. November starb in Preußisch-Polen Anton Dür. Am 11. Februar 1813 starb als Soldat in Lindau Kaspar Gasser. Endlicham 14. Januar 1814 starb im Görzer Feldspital, erst 18 Jahre alt, Johann Gmeiner. Wahrscheinlich gehörte erzumletzten Aufgebot Napoleons.» (Walser, a.a.O.) Auch Chronist Schneider nennt noch ein paar Daten: «13. April 1817 ist Thomas Vonach, welcher aber schon Vor 4 Jahren Laut Totten Schein in Rußland im Spittal gestorben, die erste Bestattniß gehalten worden.» 17 Nach Rußland Kaiser Napoleon sammelte ein Vielvölkerheer, die «Grand Armee», mit 500 000 Soldaten. In den Reihen der Bayern marschierten auch rund 20 Wolfurter mit. Am 24. 6. 1812 überschritt Napoleon ohne Kriegserklärung den Njemen. Mit dabei die Preußen unter Yorck und die Österreicher unter Fürst Schwarzenberg. Die unterlegenen Russen wichen in die Weite ihres Landes zurück. Nach den blutigen Schlachten von Smolensk und Borodino besetzte Napoleon am 14. September Moskau. Nachschubschwierigkeiten und der Brand von Moskau zwangen ihn am 19. Oktober zum verspäteten Rückzug. Hunger, Kälte und die ständigen Angriffe der Kosaken zerrütteten die Große Armee. Nur 30 000 Mann gelang die Flucht über die Beresina. Um 16 «17. Februar 1820. JosefAnton Gantner, Königlich Bayr. Soldat, welcher im Feldzug nach Rußland hat ziehen müssen, dato für Todt erklärt worden und sein Vermögen unter die gesäzlichen Erben Vertheilt worden, in21tenJahr.» «2. April 1828 ist der Jüngling Joh. Georg Haltmeyer, Aloys, als Soldat in Rußland als Todt erklärt worden und die Erste Besingnis gehalten worden.» «10. April 1828 Sind 3 Jüngling als Soldat in Rußland als Todt erklärt worden Nemmlich Sebastian Schwärzler zu Steig, Martin Klocker und Joseph Köb mit 3 gegenwärtigen Prister.» «9. April 1828 ist der Ehrbare Jüngling Gebhart Köb, Examinierter Schullehrer, an einer lang tauernden Krankheit sellig entschlafen, und am Balmsonntag zur Erden Bestattet worden, und feyerliche Bestattniß gehalt worden nebst einer halbstund tauernden Leichbredig, es ist auch zugleich für sein Bruder Joseph Köb K. K. Soldat, der in Ruß gestorben und Todt erklärt worden, nebst obigem Bruder, die Besingnißen gehalten worden.» Wieder österreichisch Die Erleichterung und Freude des Chronisten klingt in seinen Berichten nun durch: «... die Festungen alle sind übergeben worden, die Militärische Truppen ziehen wider Heraus bis an die Rhein gräntzen, wo aber noch Besatzungen Liegen bleiben. Die National Garde wird widerum entlassen um nachhauß zu Kehren. Was das Glücklichste. Daß Tiroll und Vorarlberg mit Ausnahm des Landgerichts Weiler widerum Von dem unerträglichen Joch des Königs Von Bayern entlediget, und unter den Mildreichen Zepter des Hausses Österreich aufgenohmen worden, Von welchem wir 8 1/2 Jahr Entlassen Gewessen, Gott Sey Lob, Ehr und Dank. Den 6ten July 1814 Hat die Sonne Vom Hauß Ostreich unssere Gegenden das Erste mal wider Erfreuet, an welchem TagderKönigl. Kaiserliche Kommißär die Aufnahm Vorarlbergs Zu Bregenz feyrlichst befestiget, allwo die bayrische Wappen Hinweg geschah, und der Glänzende Adler wider aufgeführt worden!. . . Allwo solches Jubelgeschrey Vivat, Es Lebe der Kaiser von Ostreich, in der Ganzen Stadt Entstanden, das seyn eigenes Wort Kaum mehr gehört worden Die Ganze Stadt in allen Gassen sind mit Thännlein besetzt worden und viele der Herrlichsten Triumph Bögen errichtet, und mit Lob Sprüchlein Gezierd worden. . . . Wobey mit allen Gloken in allen Kirchen zusammen geLeuttet worden, und Ein Salve nach dem Andern von allen Militär und Stadt Commpagnien, auch die Völkerschaft von Dornbirn, von Wolfurt und Lauterach sind wider gegenwärtig gewessen. . . . Vor Freude haben Viele geweint, und Ville ge Jubelirt. 1816 den 26. Febr. als am Faßnacht Montag, ist zu Bregenz von der Bürgerschaft Zur Freude und Angedenken der So Siegreichen Schlacht bei Moskau, allwo Ponebart den rest bekommen, Ein Freudiger Rith im Kriegsordnung Vor gespielt worden. Welche durch Franzosen, Rußische und Kaiserliche Gavalery und Infanten Vorgekommen, die Schlacht gegen ein ander so Thättig gefürt, durch Mehrmaliges Hin und Her Treiben des Feindes, mit Kanonen und Muschgeten geschüzt, der gestalten, daß man Glaubte, alle Müssen zusammen geschoßen und Nider gesäbelt seyn, wobey Vielle Fenster von den Kanonen Schüßen gänzlich Verbrochen worden. Der Schaden soll sich über 70 fl belaufen haben, wofür aber nicht hat müssen bezahlt werden. Diesses Spiel ist so Schön und Herlich anzusehen, daß zu Keiner Erdenklichen Zeit solches gesehen worden. Die Haupt Rolle hat gespült H. Joseph Reiner auf dem Thamm als Rußischer Kaiser. Anno 1816 den 30ten May ist die Huldigung zu Inspruk für S. Kaiserl. Königl. Mayestät Franz des I. von Tiroll und Vorarlberg widerum abgelegt worden. . . . » Ein allerletztes Mal war dazu in den sechs Hofsteiggemeinden ein Ammann in der Person des Schwarzacher Kronenwirts Joh. Georg Haltmeyer gewählt worden. Das alte Gericht erhielt aber seine Rechte nicht mehr zurück. 19 Auch über das Ende des Franzosenkaisers berichtet der Chronist Mathias Schneider: «Anno 1813 hat man In ganz Vorarlberg ein Nationalgarde aufgeführt worden. Von 23 bis 30 Jahre Haben alle Taugliche Jünglinge müssen Hingehen, welche sich nicht mit einer Vorhin erhaltenen Looszahlung oder einer Anseßmachung haben Können ausweißen. Zu Wolfurt hat es 7 Mann genohmen: 1. FidelSchwerzler,2. Joh. Georg Guth, 3. Lorenz Stülz, 4. Fr. Jos. Rohner, 5. Joh. Georg Schwärzler Fr. Josephs, 6. Joseph Geiger Niklaus, 7. Mathias Gmeiner im Holz, dieser aber ist deserdirt.» «Napoleon ist bis Ende November 1813 wieder bis über den Rain nach Frankreich geschlagen worden. Den 10. Dezember sind die Kaiserl. Rußischen auch Kaiserl. Östereichische und sämtlich Alirte Truppen über Bassel und andern Orten in Frankreich gezogen, bis ihn Paris. Haben anstatt des Bonebart ein andern König aus der alten Königl. Famil v. Porbon gesetzt und den Bonebart nach der Insul Elba abgeschikt. Nach diesem sind die Allirten Mächte wider nach Haus zurukgekert, um dem Congres beyzu wohnen. Aber es tauerte nicht lang, 1815 ist der Bonebart von der Elba wider mit einer gewafneten Kriegsmacht nach Frankreich gekommen, und den Neugestellten König wider in die Flucht genöthiget, und einen solchen Anhang Vom Volke bekommen, daß die Alirten Mächten genöthiget wurden, abermal nach Frankreich zu Ziehen, und auch glüklich wider hineingekommen, die Bonebartische Macht gänzlich geschlagen und den Bonebart, welcher Ville Wochen gahr Vermißt gewessen, bis er wider aredirt und wider nach einer Insul St. Helena Trazbortirt worden, und Entlich alldort gestorben.» 18 «Anno 1817 den 1. Mai ist Vorarlberg widerÖstreichKaiserlich geworden, und Profisorisch aufgehört, Gott sey Lob und Dank. NB. Aber es ist nicht Viel Gutes erfolgt, seine Mayestät der Kaiser hat wohl ein Vertröstung schriftlich Heraufgegeben, aber es ist nicht erfolgt! Was der König von Bayern unter seyner Regierung Ein Gricht, welches ihm einträglich war, ist nicht mehr geändret worden. Zum Exempel. Vor hero haben wir für klein Zehend an die Mehrerau nur 22 fl bezahlen müssen; bei der Regierung des Königs von Bayern haben wir den klein Zehend in Natura entrichten müßen, unter diesem ist Verstanden Erdäpfel, Kraut, Hanf, Flachs, Ops, welches Jährlich Cirga 180 fl ausmacht anstatt 22 fl. So ist aber, da wir wider Kaiserl. geworden, nicht mehr das alt recht gestattet. . . . » Die von den Bayern eingeführten Gemeinden blieben bestehen. Unser Chronist Mathias Schneider wurde noch als 72jähriger im Hungerjahr 1817 der erste «österreichische» Vorsteher der Gemeinde Wolfurt. In der Bayernzeit hatten vor ihm Joh. Georg Fischer aus Spetenlehen und dann kurze Zeit Johann Flatz das Amt inne. Im Volk erzählte man noch lange Jahre von den schrecklichen Ereignissen im russischen Winter von 1812. Hunger, Leid und Zorn entluden sich in fürchterlichen Ergüssen. Noch 100 Jahre später schrieb uns Mathias Schneiders Enkel Ferdinand Schneider im Jahre 1912 einen solchen Text auf: Napoleons Titel anno 1814 herausgegeben. Wier in Gottes Zorn gemachter von der Insel Corsica heraus geschleudert, mit der blutigen Kappe gekrönter Kaiser der Franzosen, Ritter deß schwarzen Rabens Orden, Hauptanführer einer großen furchtbaren Räuberbande, Wurgängel der letzten Raste der unglücklichen Könige und Familien in Frankreich, Großheuchler in Egibten, Thron und Krön Räuber der Königreiche Neapel und Spanien, Banco Räuber von Hamburg Heiligthums, Schänder in Hanover, Thron umwälzer und unersätlicher Wolf in Deutschland, Königlicher Pferddieb in Berlin, Scherpfen Degen und Ringkragen Dieb, Riegel und Siegel aufbrecher deß grünen Gewölbes in Dresden, Erzblünderer aller fürstlichen Schatzkammern, groß Schatzausräuber in Haßenkaßel, groß BeutelSchneider und groß Verderber in Pohlen, Blutigel in Holland, gemeinde Vermögen Verblünderer und Wütrich in Frankreich, berichtigter Freibeiter all deß auf dem Continent sich befindlichen Englischen Eigenthums, Wiederhersteller deß Robespirischen Sistem, Bestürmer und Mordbrenner von Europa, vermummter Bandit der ganzen Erde, und wirklich bestellter Erzengels Satan, auch erster besitzer der höllischen Legion und verworfener Scheusal der Menschen.» Abgesehen von all den geschriebenen Bosheiten muß man doch staunen, welche Fülle von geographischen und historischen Kenntnissen — von Ägypten bis Robespierre — in diesen Text eingearbeitet wurden, die das Volk auch ohne Zeitung und Fernsehen schon kannte. Wir dürfen hoffen, daß der große Tote von St. Helena und der kleine Dichter all dieser «Tittel» einen gnädigen Richter gefunden haben! 20 Die drei Heimkehrer Von etwa 20 Wolfurter Burschen waren also 1813 nur drei dem Grauen des russischen Winters entkommen. Michael Köb, 1790-1878. Die Familie Köb stammte aus Bildstein und lebte im Haus C 227 in Rickenbach. Das Haus «Stases im Lo» ist 1908 mit der Lenz-Fabrik abgebrannt. An seinem Platz steht jetzt das Doppelmayr-Bürogebäude. 1810 wurde der 20jährige Michael Köb zum 7. bayrischen Infanterie-Regiment eingezogen. Von Kempten aus marschierte er 1912 nach Rußland und kehrte gesund wieder heim. Als Zimmermann lebte er ab jetzt im Vaterhaus. Dreimal heiratete er. Nach dem Tod seiner ersten Frau Theresia Fehle ehelichte der 61jährige seine zweite Gattin Magdalena Rusch und wurde ein Jahr darauf Vater. Als 67jähriger Witwer heiratete er ein drittes Mal und starb erst 1878 im Alter von 88 Jahren. Seine einzige Tochter Anastasia «Stase» heiratete einen Ferdinand Müller aus Langen. Ihre Söhne Gebhard 1875 und Ferdinand 1889 («Mühlemacher Ferde») müßten den älteren Rickenbachern eigentlich noch bekannt sein. Martin Rohner, 1790—1864 Das Pfarrfamilienbuch nennt bei den drei Söhnen des Joh. Baptist Rohner «an der Kirchstiegen» drei bemerkenswerte Berufe: 1. Franz Joseph Rohner, 1789 «miles» (Soldat) 2. Joh. Martin Rohner, 1790 «chirurgus» (Wundarzt) 3. Johannes Rohner, 1794 Waffenschmied Keiner von den drei Kriegern blieb am Dorfplatz daheim. Das Haus C 46 wurde vom nächsten Besitzer zum «Rößle» umgebaut. Jetzt steht dort das Pfarrheim. Martin Rohner wurde als junger Student der Chirurgie zur französischen Armee eingezogen. Aus dem Rußlandfeldzug von 1812 heil heimgekehrt, beendete er seine Studien und wurde Gemeindearzt in Alberschwende. 1827 heiratete er Anna Maria Gmeiner, die Tochter des Wolfurter Gemeindearztes Joh. Gg. Gmeiner (1766—1827) und Großnichte des streitbaren Wolfurter Pfarrers Lorenz Gmeiner, der die große Pfarre geschickt durch Franzosen- und Bayernzeit gesteuert hatte. Er übernahm die Praxis seines Schwiegervaters im Haus C 143 im Strohdorf («Böhler Ottos Haus» auf dem Sternenplatz ist 1949 abgebrannt). Viele Jahre war er ein geachteter Gemeindearzt. Gern erzählte er von seinen Kriegserlebnissen und galt als Original, weil er dabei auch französisch und russisch fluchte. Über seinen ausdrücklichen Wunsch wurde er nach seinem Tode 1864 von Kriegs-Veteranen zu Grabe getragen. Der alte Rußland-Heimkehrer Michael Köb ging mit dem Grabkreuzlein an der Spitze des Zuges. 21 Von Dr. Martin Rohners Kindern waren ein Sohn und eine Tochter nach Amerika ausgewandert. Sein zweiter Sohn Dr. Ferdinand Rohner (1839—1909) führte die Gemeindearzt-Praxis im Strohdorf fort. Vier Töchter hatte er, die alle «gute Partien» machten. Anna Maria, 1865, übersiedelte mit dem Holzhändler Lorenz Dür nach Hard. Rosalie, 1868—1927, heiratete den Fergger Fidel Gmeiner in Unterlinden und wurde die Mutter der «Kartonagen-Fideles». Maria Anna, 1872, wurde die Gattin des Wolfurter Oberlehrers Mathias Wächter. Von ihren 7 Kindern wurde Julius Bürgermeister von Bregenz und Festspielpräsident. Auch Frau Brigitte, die Gattin unseres Bildhauers Albrecht, ist eine Enkelin. Engelberta, 1881, heiratete den angesehenen «Büchele-Beck» Anton Büchele, der Adlerwirt beim Rathaus in Bregenz, der als Schützenmajor auch die Wolfurter Standschützen 1915 in die Dolomiten führte. Von seinen Kindern hat Anton Büchele die letzten Lebensjahre im Oberfeld verbracht. Michael Schneider, 1791—1827 Er war der Sohn unseres Chronisten Mathias Schneider(1745—1833), der als Verwalter der Mehrerauer Güter, als Feldmesser, Wuhrmeister und schließlich als Gemeinde-Vorsteher in ganz Hofsteig hohes Ansehen besaß. Sein Haus «an der Kirchgassen» (heute Kirchstraße 29) ist 1907 abgebrannt. Von den 18 Kindern aus zwei Ehen des Mathias Schneider stammen viele Wolfurter Familien ab, darunter Lehrer Köbs («Meßmers» und «Malers») und «Sammüller»-Böhlers. Etliche Schneider-Familien wanderten um 1850 nach Amerika aus, der letzte Namensträger in Wolfurt war der «Numerant» Ferdinand Schneider (1841—1917), der uns die bedeutende Schneider-Chronik 3 hinterließ. Wie es dem Michael Schneider auf dem Feldzug in Rußland ergangen ist, hat uns sein Vater geschildert. (Siehe weiter vorn auf den Seiten 16 und 17!). Als Soldat war er in der Garnisonsstadt Augsburg heimisch geworden. Nach dem glücklich überstandenen Krieg kehrte er dorthin zurück. Er übte den anspruchsvollen Beruf eines Blättersetzers aus. Ein «Blattmacher» fertigte Kämme für die damals wichtigen Handwebstühle an und mußte mit einem besonderen Eid deren Qualität beschwören. Sein Sohn Mathias Schneider (1826) zog von Augsburg nach Regensburg und gründete dort als Glasmaler eine bedeutende Firma, die Kirchenfenster für Bayern, aber auch nach Wien und nach Ungarn lieferte. Im Jahre 1885 fertigte er die drei schönen Chorfenster (Mutter Gottes, St. Gallus und St. Gebhard) für die Kapelle in Rickenbach an. Sein Bruder Josef Anton Schneider (1827—1898) wurde Drechslermeister in Augsburg und begründete eine geachtete Familie. Sein Urenkel Dipl.-Ing. Josef Schneider hat 1990 Wolfurt besucht und von seiner umfangreichen Ahnenforschung berichtet: 22 Die Industrialisierung brachte um 1870 auch in die Handwerkerfamilie Schneider große Not. Großvater Jakob Josef Schneider (1858—1934) trat daher als Modelldrechsler in den Dienst der aufstrebenden MAN-Werke Augsburg, wo auch fünf von seinen Söhnen Arbeit fanden. Darunter war Josef Schneider (1889—1983), der als Modell-Schreinermeister 47 Jahre lang im Werke arbeitete. Er konnte ein Haus kaufen, das allerdings in den Bombennächten von 1944 völlig zerstört wurde. Sein Sohn Josef Schneider (1917) durfte studieren und war dann 48 Jahre für M A N tätig. Als Ober-Ingenieur leitete er zuletzt die Abteilung für Werkplanung. Das Erbe der Schneider aus Wolfurt lebt nun fort in seinem Sohn Dr. Thomas Schneider (1953), der als Geograph unterrichtet. Die Familie widmet sich auch dem Malen und der Musik, immer noch, wie vor Napoleons Zeiten, als die Schneider den Hausnamen «Maler» bekamen. Wenn die Chronik unseres 20. Jahrhunderts einst vom Kriegsgrauen im russischen Winter von 1943 berichtet, dann hoffentlich auch mit dem versöhnlichen Ende, daß Malen und Musik schließlich die Kriegsschrecken überdauern! 23 Siegfried Heim Vor 100 Jahren Lehrers Engelbert und seine Zeit. Auszug aus einem Vortrag am 12. November 1990 über den Chronisten Engelbert Köb und seine Familie. Köbs auf dem Bühel Die drei größten Wolfurter Geschlechter sind die Böhler mit 152 Namen im Blauen Buch von 1989, knapp gefolgt von den Köb mit 149 Namen. Weit abgeschlagen liegen die Mohr mit immerhin 94 Namen. Ihnen folgen die übrigen 7.000 Wolfurter mit mehr als 1100 Namen, im Durchschnitt also etwa 6 Namensträger pro Geschlecht. Die Mohr gehen alle auf einen Stammvater zurück, Johann Jakob Mohr, der um das Jahr 1750 aus Schwarzach ins Eulentobel kam. Die Böhler gibt es schon seit 400 Jahren ununterbrochen im Dorf. Darüber hinaus haben sie ständig Zuzug aus Bildstein und Buch bekommen. Die Köb finden sich schon 1650 sehr zahlreich in Bildstein und Buch, aber erst 1760 taucht der erste Namensträger in Wolfurt auf. Ihm folgen nun rasch viele andere, die in Wolfurt bedeutende Familien gründen. Einer ist Franz Xaver Köb aus Hag-Bildstein (1777-1859) der im Schloß Wolfurt mit seinen 12 Kindern die Sippe «Schloßburos» begründet. Ein anderer ist Jakob Köb (1761-1840) aus Gallin in Bildstein, der «Galler». Er heiratet 1788 die einzige Tochter des Schreiners Martin Haltmeyer, Auf dem Bühel (jetzt Nr. 1). Es wird der Stammvater all der vielen Wolfurter Köb-Familien, die wir heute mit den Hausnamen «Gallars, «Schrinars uf om Bühol», «Lehrars», «Molars im Strohdorf», «Meßmars», «Seppatones» und «Hilares» benennen. Von Jakob Köbs 13 Kindern starben die meisten schon als Kleinkinder. Sohn Joseph erfror mit Napoleons Großer Armee 1812 in Rußland. Sohn Gebhard Köb starb tief betrauert als junger Wolfurter Schullehrer. 24 Sohn Martin Köb jedoch führte die Schreinerei des Vaters auf dem Bühel fort. Seine Nachkommen «Schrinars», bewohnen das Haus noch heute, also mehr als 200 Jahre lang. Allerdings mußten sie nach dem Großbrand von 1911 in ein Nachbarhaus ausweichen, bis sich Bernhard Köb um 1950 wieder auf dem alten Platz beim Bühel-Brunnen ansiedelte. Jakobs vierter Sohn Michael Köb, 1794-1852, wurde wie sein Vater und sein Bruder ebenfalls Schreiner- und Glasermeister. Neben dem Elternhaus erbauter er an der Landstraße im Oberfeld 1826 ein neues großes Haus (heute Hintereggers, Oberfeld 2). Mit seiner Frau Agatha Dietrich hatte er dort 9 Kinder. Diese Agatha scheint eine besonders unternehmungslustige Frau gewesen zu sein. Im Landesarchiv gibt es eine Notiz (gefunden von Chr. Volaucnik), wonach sie mit einem Compagnon Krüsy aus Bregenz 1835 in der alten Schmiede auf dem Bühel eine Baumwollfabrikation begonnen hat. Während aber zur gleichen Zeit Baumwollfabriken in Kennelbach und Dornbirn ihre Besitzer reich machten, hörte man vom Wolfurter Untenehmen bald nichts mehr. Michael Köb mußte 1840 sogar sein Haus verkaufen und an die Ach in «Hansmarteies» Haus an der Bützestraße übersiedeln. Dort starb er schon 1854. Nun mußte seine Witwe Agatha auch dieses Haus aufgeben und mit ihren 9 Kindern in die baufällige Schmiede auf dem Bühel ziehen. An dem schönsten Platz im Wolfurter Kirchdorf, wo heute die Villa Köb über dem Dorfplatz aufragt, setzte sich die «Galler»-Familie jetzt fest. Von Ihren Söhnen übernahm später Josef Anton Köb (1837-1919) das Haus und den Hausnamen. Er war Vater bzw. Großvater der bekannten Wolfurter Brunnenmacher Gallers Seppl und Gallers Erich und Urgroßvater der Aichholzer-Söhne, die wieder wie einst ihr Stammvater Jakob das Schreinerhandwerk ausüben. Lehrers Einen anderen Hausnamen gewann aber der ältere Galler-Sohn Johann Martin Köb (1831-1884), der «Lehrer». Eigentlich war er ja Schreiner und Glaser wie seine Vorfahren. Er arbeitete auch täglich in der Werkstatt. Daneben diente er noch dem Pfarrer im Ehrenamt als Mesner. In den sieben Wintermonaten aber vertrauten ihm die Wolfurter ihre großen Buben in der alten zweiklassigen Schule im Strohdorf an. Mit ihnen übersiedelte er noch als Unterlehrer für 10 Jahre auch in die 1872 errichtete (und 1979 abgebrochene) neue Volksschule. Der Chronist Lorenz Gunz berichtet ausführlich, wie er von seinem Lehrer Köb 12 saftige Tatzen bekam, und schließt dann: «Der Lehrer war ein braver Mann, ist 1884 gestorben, der Herrgott möge sein Tröster sein!» 25 Auch der Chronist Engelbert Köb erzählt nachdenklich aus dem Lehrerleben seines Vaters, als er den Funken im Oberfeld und die Funkenküchle beschreibt: «Es war Brauch, daß jedes Schulkind seinem Lehrer ein Geldgeschenk überbrachte. Die Ärmeren gaben 4, 10 oder 20 Kreuzer, die Besseren auch einen Gulden. Man betrachtete dies als Aufbesserung des damaligen schlechten Lehrergehaltes. Für diese paar lumpigen Gulden mußte der Lehrer den Alten das ganze Jahr schön tun.» Die Wolfurter mochten ihren «kleinen Lehrer» sehr gern. Um 1880 mußten alle Lehrer Prüfungen nach dem neuen Reichsvolkschulgesetz ablegen oder ihren Posten aufgeben. So erhielt auch der fünfzigjährige Lehrer Köb die Kündigung. Als 1882 Kaiser Franz Joseph nach Bregenz kam, ging der neue Pfarrer Joh. Gg. Sieber namens der Gemeinde zu ihm in den Österreichischen Hof und erreichte in einer Audienz tatsächlich, daß dem alten Lehrer die Prüfung erlassen wurde. Das Geld war also immer knapp beim Lehrer Köb, aber er gewann einen großen Schatz in seiner jungen Frau Agatha, die er aus der Feldstraße zu sich herauf in die alte Schmiede geholt hatte. Agatha Schneider (1829-1916) war eine Tochter des ersten Hirschenwirts Hilar Schneider und eine Enkelin des Gotteshausammanns Mathias Schneider, der als Verwalter der Mehrerauer Güter, als Feldmesser und Vorsteher in Hofsteig großen Einfluß besessen hatte. Etliche Schneider waren Maler und sie trugen auch den Hausnamen «Malers». Es ist nicht überraschend, daß Lehrers Buben von ihrer Mutter Agatha mit der Begabung und der Freude am Malen auch den Hausnamen «Malers» weitertrugen. In 12 Jahren gebar Frau Agatha 9 Kinder. Das erste, Josefa I., starb bei der Geburt 1861. Jetzt kamen hintereina


Heimat Wolfurt Heft 08 1991 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 8 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 91 Die Post. Das alte Gemeindehaus an der Schulstraße wurde 1965 abgebrochen. Hundert Jahre früher war es ein Zentrum der Schertler-Ziegeleien gewesen. Inhalt: 28. Volkszählungen 29. Strohdorf, Hub und Flotzbach 30. St. Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt DIE AUTOREN: Zuschriften Zu Heft 7 sind eine ganze Reihe von Rückmeldungen eingelangt. Einige bestätigen das Interesse an Mathias Schneiders Texten von 1812, seinem seltsamen Wortschatz, seiner ungewohnten Rechtschreibung. Andere erinnerten sich wieder an Lehrer Köbs «Buben», die sie noch gekannt haben, besonders an den immer zu Scherzen aufgelegten Ludwig, der als Schützenhauptmann, als Kirchenordner, als Ausgeher für die Metzgerei Rist und zuletzt noch als Ansager von Begräbnissen mit allen Wolfurter Gut-Freund war. Aus Lauterach kam ein Brieflein von Höfles Anni, die auch nach vielen Jahren im schönen Lauterach immer noch sieht, daß es dort «eben eben» ist, und sich gerne an ihre Strohdörfler Himmelreich-Bühel erinnert: Vielen herzlichen Dank für die zugeschickten Hefte. Ich hatte eine richtige Freude und gratuliere zu Eurem Heimatkunde-Kreis. Da ich nächstes Jahr ja auch 70 werde, kann ich in vielen Sachen mitdenken und gar Vieles ist in meinem Innersten recht lebendig erhalten. Besonders Lehrers Ludwig (Köb) sehe ich noch vor mir, wie er als Kirchenordner und Festführer bei vielen Anlässen fungierte. Als junges Mädchen machte ich im Postamt Lauterach Dienst. Als Ludwig mit einem Korb voll Würste und Fleisch beim Gasthof Engel mich bei der Heimfahrt am Abend erblickte, lud er mich ein, mit ihm einzukehren und ein Viertele zu trinken. Ich erinnere mich gerne daran, als ob es erst 10 Jahre her wäre. A uch die schönen Bühel sind mir die ersten Jahre sehr abgegangen, denn Lauterach ist eben eben. Grüße an die vielen Schönheiten in Wolfurt! Anni Germann Doppelmayr Arthur zeigte sich am Napoleon-Krieg interessiert. Er erzählt von den Nachkommen des Rußlandheimkehrers Michael Köb, die seine Nachbarn am Rickenbach waren. Die technische Begabung von «Mühlemacher Ferde» war weitum bekannt. Sein Sohn Ferdinand Müller betrieb ein Motorradgeschäft. Er begründete die Firma Gummi-Müller in Bregenz und gemeinsam mit seinem Wolfurter Freund Carl Müller (Kronenwirt) die Alemannia-Reifenfabrik. Die Enkel Dr. Kurt und Ing. Herbert Müller mußten 1942 wieder, wie 130 Jahre früher ihr Vorfahr, als junge Soldaten nach Rußland in den Krieg. Diesmal sind leider keine anderen Beiträge eingegangen. Einziger Autor ist daher Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor i. R. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern», 1983. Bitte! Diesem 8. Heft liegt der 3. Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87 957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druck- und Versandkosten abzudecken! Weitere Bestellungen erbitten wir schriftlich. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Herzliche Grüße schicken wir Wolfurter wieder hinaus an alle, die ihr Heimatdorf am Steußberg nicht vergessen haben. An alle Leser aber richten wir die Bitte, diese Hefte auch ihren interessierten Freunden zu zeigen. Mit Ausnahme von Heft 2, das leider vergriffen ist, könnten wir noch alte Hefte zur Verfügung stellen. DIE AUTOREN: Zuschriften Zu Heft 7 sind eine ganze Reihe von Rückmeldungen eingelangt. Einige bestätigen das Interesse an Mathias Schneiders Texten von 1812, seinem seltsamen Wortschatz, seiner ungewohnten Rechtschreibung. Andere erinnerten sich wieder an Lehrer Köbs «Buben», die sie noch gekannt haben, besonders an den immer zu Scherzen aufgelegten Ludwig, der als Schützenhauptmann, als Kirchenordner, als Ausgeher für die Metzgerei Rist und zuletzt noch als Ansager von Begräbnissen mit allen Wolfurter Gut-Freund war. Aus Lauterach kam ein Brieflein von Höfles Anni, die auch nach vielen Jahren im schönen Lauterach immer noch sieht, daß es dort «eben eben» ist, und sich gerne an ihre Strohdörfler Himmelreich-Bühel erinnert: Vielen herzlichen Dank für die zugeschickten Hefte. Ich hatte eine richtige Freude und gratuliere zu Eurem Heimatkunde-Kreis. Da ich nächstes Jahr ja auch 70 werde, kann ich in vielen Sachen mitdenken und gar Vieles ist in meinem Innersten recht lebendig erhalten. Besonders Lehrers Ludwig (Köb) sehe ich noch vor mir, wie er als Kirchenordner und Festführer bei vielen Anlässen fungierte. Als junges Mädchen machte ich im Postamt Lauterach Dienst.. Als Ludwig mit einem Korb voll Würste und Fleisch beim Gasthof Engel mich bei der Heimfahrt am Abend erblickte, lud er mich ein, mit ihm einzukehren und ein Viertele zu trinken. Ich erinnere mich gerne daran, als ob es erst 10 Jahre her wäre. Auch die schönen Bühel sind mir die ersten Jahre sehr abgegangen, denn Lauter ach ist eben eben. Grüße an die vielen Schönheiten in Wolfurt! Anni Germann Doppelmayr Arthur zeigte sich am Napoleon-Krieg interessiert. Er erzählt von den Nachkommen des Rußlandheimkehrers Michael Köb, die seine Nachbarn am Rickenbach waren. Die technische Begabung von «Mühlemacher Ferde» war weitum bekannt. Sein Sohn Ferdinand Müller betrieb ein Motorradgeschäft. Er begründete die Firma Gummi-Müller in Bregenz und gemeinsam mit seinem Wolfurter Freund Carl Müller (Kronenwirt) die Alemannia-Reifenfabrik. Die Enkel Dr. Kurt und Ing. Herbert Müller mußten 1942 wieder, wie 130 Jahre früher ihr Vorfahr, als junge Soldaten nach Rußland in den Krieg. Diesmal sind leider keine anderen Beiträge eingegangen. Einziger Autor ist daher Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor i. R. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern», 1983. Bitte! Diesem 8. Heft liegt der 3. Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87 957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druck- und Versandkosten abzudecken! Weitere Bestellungen erbitten wir schriftlich. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Herzliche Grüße schicken wir Wolfurter wieder hinaus an alle, die ihr Heimatdorf am Steußberg nicht vergessen haben. An alle Leser aber richten wir die Bitte, diese Hefte auch ihren interessierten Freunden zu zeigen. Mit Ausnahme von Heft 2, das leider vergriffen ist, könnten wir noch alte Hefte zur Verfügung stellen. Siegfried Heim Um 1900 sind in Hard und in Wolfurt sehr viele Italiener beheimatet. Die Entwicklung hält bis 1914 an. Der Erste Weltkrieg bringt einen gewaltigen Einbruch: In Hard fällt die Einwohnerzahl vom Rekordjahr 1910 bis zum Kriegsjahr 1923 um 600 ab. In Wolfurt fällt sie in der gleichen Zeit um fast 500. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre um 1945 bringen besonders starke Schwankungen durch Verluste, Flüchtlinge und einquartiertes Militär. Darüber habe ich keine Zahlen gefunden. Seit 1951 gibt es alle 10 Jahre genaue Volkszählungen. Weil es dabei um viel Geld geht, müssen die Angaben der Gemeinden von den Oberbehörden manchmal korrigiert werden. Daher finden sich in den Tabellen gelegentlich differierende Angaben. In allen aber zeigt sich das überdimensionale Wachstum der Industriegesellschaft unserer Hofsteiggemeinden «im Tal». Wie willst Du einem Wolfurter Schulkind, das vom Frickenesch aus auf das zersiedelte Feld schaut, beibringen, daß Wolfurt vor 50 Jahren nur 2.000 Einwohner hatte? Und erst Hard! Wie geht das dort weiter? Ist es ein Trost, daß sich nun auch die Berggemeinden Buch und Bildstein über ganz beachtliche Zuwächse freuen dürfen, weil die Talbewohner den hohen Wohnort der intakten Berglandschaft entdeckt haben? Bei allen Klagen sollten wir eines nicht vergessen: Durch viele Jahrhunderte mußten Hofsteiger auswandern, um in fremden Ländern als Maurer, Taglöhner, Söldner oder auch Bettler ihr tägliches Stück Brot zu bekommen. Nun dürfen wir es daheim verdienen! Es ist sogar noch genug für andere da. Gott sei Dank! Volkszählungen in Hofsteig Im Mittelalter war im montfortischen Gebiet am Steußberg das Gericht Hofsteig entstanden, in das im 18. Jahrhundert auch das Gericht Kellhof-Wolfurt integriert wurde. Innerhalb des 60 km2 großen Gerichtes bildeten sich vom Berg bis zum See feste Dorfgemeinschaften, die seit der Flurverteilung im 18. Jahrhundert auch gegenseitig anerkannte Grenzen und eigene Verwaltung besaßen. Sie alle unterstanden aber dem gewählten Hofsteigammann und den k. k. Behörden. Die Flächen waren verschieden groß und zwischen Wald und Riedsumpf unterschiedlich ertragreich. Seit Maria Theresias Zeiten gab es in den sechs Hofsteiggemeinden die ersten «Seelenbeschriebe» durch die Pfarrer, also erste genaue Aufschreibungen und Zählungen. Eine ältere Zählung liegt nur von 1594 vor. Sie erfaßte allerdings nur die Häuser. Damals hatte Hard 63, Lauterach 95 und Wolfurt 70 Häuser. Demnach dürfen wir die Einwohnerzahl im ausgehenden 16. Jahrhundert für Hard mit 350, Lauterach 530 und Wolfurt mit etwa 390 annehmen. Seither haben sich die Realitäten ständig verändert. Die älteste Vergleichsstatistik findet sich bei Mathias Schneider, der für die Bayern 1807 Konskriptionslisten anlegen mußte. Spätere Zahlen stammen aus offiziellen in Zeitungen verlautbarten Tabellen. Vergleichen Sie die umseitigen statistischen Zahlen und Kurven! Was da alles auffällt! 1807 gehört Bildstein zu den vier «großen» Hofsteiggemeinden, während Schwarzach noch klein und daher auch noch keine ständige Pfarre ist. Wolfurt liegt an der Spitze. Gleichmäßiges Anwachsen der bäuerlichen Bevölkerung bis 1837. Aber Hard hat durch seine Jenny- und Schindler-Fabriken die anderen überholt. Um 1880 ist auch Schwarzach groß geworden, während die Leute vom «Berg» aus Buch und besonders aus Bildstein ins Tal ziehen. 2 3 4 5 Siegfried Heim Strohdorf, Hub und Flotzbach Anmerkungen zu einem Dorfgeschichtevortrag am 14. Mai 1991. Spetenlehen mehr Verkehr brachte. Aber Sattler, Seiler, Schmiede, Wagner Wirte profitierten davon. Der Verkehr verschwand, als Kaiserin Maria Theresia 1768 die neue «Landstraße» von Lauterach durch das Ried nach Dornbirn bauen ließ. Nur ein paar Säumer in den Bregenzerwald und die Wallfahrer nach Bildstein belebten das nun abseits liegende Wolfurt noch ein wenig. Die Handstickerei der Frauen und die Webstühle der Männer brachten wenigstens eine kleine Einnahme. Fast jedes Haus hatte einen Webkeller. Die Weber wurden aber um 1840 alle durch die Konkurrenz der Fabriken arbeitslos. Die Not zwang viele zum Auswandern nach Amerika. Aus jedem dritten Haus zog ein junger Mann, selten auch ein Mädchen, in die Ferne. Allein aus dem Strohdorf waren es 23 Personen, dazu 11 aus der Hub, die sich auf den Weg nach Amerika machten. Von den meisten hat man nie mehr etwas gehört. Als Beispiel nenne ich die Familie Fischer. Nikolaus Fischer, ein Sohn aus dem heutigen Sternen an der Wälderstraße, hatte 1841 geheiratet und sein neu erbautes Haus im unteren Strohdorffeld (heute Dür, Wälderstraße 10) bezogen. Seine Frau Anna Geiger gebar jedes Jahr ein Kind. Das Brot reichte bald nicht mehr für die vielen hungrigen Mäuler. 1853 mußten Fischers ihr schönes Haus verkaufen. Am 22. April nahmen sie Abschied vom Strohdorf. Was muß das für ein Auszug gewesen sein! Neun Kinder - der älteste Bub war gestorben - : Rosa 12 Jahre, Sophie 9, Nikolaus 8, Maria 7, Joh. Georg 6, Katharina 4, Barbara 3, Anna 2, das kleine Agathle gerade ein halbes Jahr alt. Wo mögen sie im fernen Land ein Dach gefunden haben? Im Jahre 1838 hatten die Bregenzerwälder statt der beiden Saumwege über Berütter-Buggenegg und Linzenberg-Farnach endlich die vielbestaunte und gefährliche Fahrstraße durch das Schwarzachtobel bekommen. Gleichzeitig wurde in Wolfurt die Wälderstraße vom Strohdorf nach Lauterach gebaut. Rasch entwikkelte sich ein bedeutender Frachtverkehr. Da konnte auch ein tüchtiger Wirt ein Geschäft machen. Aus Bildstein-Geißbirn war 1842 der junge Jakob Böhler ins Tal gekommen und hatte sich als Steinmetz, Maler und Bildhauer einen Namen gemacht. Nun baute er den «Stern» zu einem großen Gasthof aus und betrieb dort auch eine Bäckerei und einen Gemischtwarenhandel. Sein Sohn Eduard Böhler, Sternenwirt und Bäckermeister, wurde dazu noch ab 1872 Postmeister. Der Stern war nun Post-Station für die Kutsche in den Bregenzerwald. Der Wirt gründete 1874 auch den ersten Veteranenverein des Landes. Neben den Fabrikanten Louis Schindler aus Kennelbach und Johann Gaßner aus Bludenz gehörten auch Geistliche und hohe Offiziere wie Feldmarschall-Leutenant Ritter von Burlou-Ehrwal aus Bregenz zu den Mitgliedern. 7 Eine Gemeinschaft wächst Im Laufe der Geschichte haben sich in Wolfurt zwei Dörfer entwickelt: das Kirchdorf aus dem staufischen Kellhof und Rickenbach aus dem montfortischen Hof zu Steig. In den letzten 200 Jahren versuchte man, mit Schule und Gemeindeamt im Strohdorf eine Klammer zwischen den beiden Ortschaften zu schaffen. Im Jahre 1760 gab es im Strohdorf um den alten Brunnen erst 14, am Eulentobelbach an der Hub 18 Häuser. Dort vermurte der wilde Bach manchmal die Straße. Daher heißt es im Hofsteigischen Landsbrauch von 1571: Item die Inhaber der Hueb sein schuldig den bach ob der strass vom brunnen an der Hueb bis an Speetenlehen dermassen zeleiten und zefüeren, damit der strass und sonsten niemands kain schaden widerfahre. Die Hochwässer von Holzerbach, Himmelreichbächlein und Eulentobelbach schütteten fruchtbare Lehmböden in die sumpfige Ebene. Darauf bauten die ersten Strohdörfer und Hübler Dinkelweizen und Haber an. Erst allmählich rodeten sie vor 1000 Jahren die sonnigen Bühel am Rebberg und im Himmelreich bis hinauf ins Frickenesch. Und noch viel später begannen sie mit der Entwässerung der Riedsümpfe, wo im «Nöü-Wiasa» und im «Wit-Riod» etwa ab 1750 «Türggo und Bodo-Biora» angebaut wurden. Am Südhang des Frickeneschs gedieh Wein und zwar der recht herbe weiße "Bregenzer" für die Bregenzer Herren. Erst 1729 konnten die Hofsteiger den sonnigen Rebberg kaufen. Sie nannten ihn «Narrenberg», wohl weil die schwere Winzerarbeit dort oben zuletzt kaum mehr Ertrag brachte. Um 1880 riß man die letzten Reben aus. Ursprünglich waren alle Häuser nur an der alten Römerstraße am Berghang gestanden. Daran änderte sich auch nichts, als mit Kaiser Maximilians Brücke von 1518 die Reichsstraße von Lauterach her über St.Antone und Unterhub nach 6 Bei der Fronleichnamsprozession kommandierte der schneidige Hauptmann manchmal über 100 Schützen. Auch bei den großen Freilicht-Theatern in Wolfurt war der-Sternenwirt unentbehrlich. Weil man den Frauen im Dorf damals noch den Zutritt zur Bühne verwehrte, spielte meist der Wirt die weibliche Hauptrolle, zum Beispiel 1875 in Schillers «Jungfrau von Orleans». Überhaupt war der Stern jetzt Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Jeden Sonntag trafen sich hinten in der Weinstube Pfarrer Sieber, AltvorsteherMartin Schertler, Gemeindearzt Dr. Eisler, Oberlehrer Rädler und Organist Fidel Kalb, der später unter dem neuen Namen Fidel Kirchberger Vorsteher wurde. Mit einigen Gleichgesinnten wurde Dorfpolitik gemacht. 1899 wurde hier im Sternen der Katholische Arbeiterverein gegründet, der bald mit seinen Sektionen Turnerbund, Jugendhort, Redeklub und Theatergruppe das Gemeindegeschehen wesentlich mitgestaltete. 1913 begann man mit dem Bau des Vereinshauses, das aber wegen des Weltkrieges erst 1922 fertig gestellt werden konnte. lernten. 1830 mußte im Stadel eine dritte Klasse eingebaut werden. Als auch diese nicht mehr ausreichte, wurde im unteren Strohdorf am «Holzer Bach» 1872 für 10.000 Gulden ein neues Schulhaus gebaut. Das alte wurde als Armenhaus und Turnraum verwendet und schließlich verkauft. Franz Pichler hat ihm vor ein paar Jahren ein völlig neues Gesicht gegeben (Hofsteigstraße 8). Ins neue Schulhaus zog mit den Barmherzigen Schwestern von der Kettenbrücke und Oberlehrer Wendelin Rädler ein neuer Geist ein. Neben Beten, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen lernten die Mädchen jetzt auch Stricken, Flicken, Nähen, Kochen und Gartenarbeit. Die Buben übten sich in Baumpflege, Bienenzucht und Milchwirtschaft. Oberlehrer Rädler gründete im ganzen Land Sennereien und Raiffeisenkassen und unterrichtete die Bauern unermüdlich in Vorträgen und einer eigenen Zeitung. Er sorgte dafür, daß 1882 in der Schule eine Gemeindekanzlei eingerichtet wurde. Vorsteher Joh. Martin Schertler arbeitete dort mit seinem Neffen Lorenz Schertler aus dem Flotzbach eng zusammen. Lorenz war ein ausgezeichneter Schreiber und ein Organisationsgenie, der seinem Onkel 1885 bis 1901 als Vorsteher nachfolgte. Seine Arbeit war so geschätzt, daß ihn die Wolfurter in der Not nach dem Weltkrieg von 1919 bis 1924 noch einmal zum Bürgermeister machten und ihn sogar in den Landtag wählten. Jetzt war also das Strohdorf mit Schule, Gemeindeamt und Vereinshaus endgültig der politische und kulturelle Mittelpunkt der Gemeinde geworden. Musik, Turner, Feuerwehr, Theater und Gesangverein blühten auf. Die durch Tradition und jahrhundertelange Geschichte getrennten Kellhofer und Hofsteiger, die Rickenbächler und Dörfler wuchsen zur Gemeinschaft der Wolfurter zusammen. Nach dem Bau der Eisenbahn von 1872 hatten Importe von Getreide, Wein und Kohle die alten Strukturen der Landwirtschaft zerstört. Der Weinbau am Rebberg und die Getreidefelder im Strohdorf und Flotzbach waren verschwunden. Aber Lehrer Rädlers Umerziehung zu Milchwirtschaft und Obstbau trug Früchte und gab Selbstbewußtsein. Daher entstanden jetzt 1891 gleichzeitig die großen und auch teuren Sandsteinbrunnen im Strohdorf und an der Hub. Freiwillig schlossen sich Brunnengenossenschaften zusammen, zahlten ihre Anteile und schufen in schwerer Fronarbeit Wasserfassungen aus Lehm und Beton. Brunnenmacher Ferdinand Gasser aus Meschen legte die hölzernen Düchelrohre. Schmied Eduard Köb und Installateur Josef Köb setzten schließlich eiserne an Stelle der morsch gewordenen hölzernen Brunnensäulen. Unter Aufsicht erfahrener Brunnenmeister pflegten die Nachbarn der Brunnen den jeweiligen «Tränktrog» und putzten auch den «Sudeltrog». Durstige Schulkinder und Wanderer schätzen die Brunnen heute sicher am meisten, aber die ganze Gemeinde freut sich, daß hier Seit 1778 wurde im Strohdorf Schulunterricht gehalten. Gegen den Willen der bäuerlichen Bevölkerung hatte Maria Theresia die Normalschule beschlossen. Unter Zwang errichteten die Wolfurter als südlichstes Haus im Strohdorf 1777 ein kleines Schulhaus, wo in zwei Stuben alle Wolfurter Kinder Lesen und Schreiben Schertlers Seppl um 1940 mit dem ersten Traktor im Flotzbach. 9 8 (Ludwigos) am Weg ins Flotzbach verkauften neben Nähsachen ein paar «zückerne Krömle». Schließlich kam mit der neuen Zeit auch ein Supermarkt ins Strohdorf. Seit 1953 wurde ununterbrochen am Schulhaus gebaut und erweitert. Heute deckt es mit Spielplätzen und Sporthalle eine riesige Fläche von fast 3 Hektar. Die alte Volkschule, deren Glöcklein einst den Arbeitsrhythmus im ganzen Dorf bestimmte, wurde 1979 abgebrochen. Die Hauptschule und mit ihr Musikschule, Bürgermusik, Sportvereine und Gemeinde bekamen großzügige Räume. Die Sporthalle von 1984 ist ein Vorzeigestück der Gemeinde geworden. Das Gemeindeamt selbst hat seit 1967 ein eigenes schwarzes Rathaus mit weißem Wolf. Dort ist auch Platz für die Post und für den erst 1977 eingerichteten Gendarmerieposten. Seit 1982 nennt sich Wolfurt Marktgemeinde. Marktgemeinde mit dem Mittelpunkt im Strohdorf, das nun nicht nur Kirchdorf und Rickenbach verbindet, sondern auch das ferne Wida, das Hinterfeld, das Kella und den Güterbahnhof verwaltet und versorgt. Aus dem Strohdorf kommt auch das köstliche Wolfurter Wasser, zuerst ab 1953 aus dem alten Pumpwerk bei der Schule, dann seit 1983 aus dem modernen Wasserwerk am Gänsbühel. Das lebensspendende Wasser, das zuerst die Hübler und Strohdörfler Bauern zu Brunnengenossenschaften verbunden hat, sollte uns alle in die Verantwortung für die Gemeinschaft Wolfurt einbinden. Steinhauers Gebhard vom Strohdorf, der langjährige Gemeindediener am Pumpbrunnen. noch klares Quellwasser sprudelt, während etwa die großen Brunnen im Dorf und zu Unterlinden dem Autoverkehr geopfert worden sind. Wie überall wechselten auch bei den Leuten am Brunnen gute und schlechte Zeiten. Die Stickerei hatte um 1907 viel Geld gebracht, aber auch lockere Sitten. Es folgten Not und Tod der Weltkriege, Arbeitslosigkeit und eine neuerliche Auswanderungswelle um 1924 nach Amerika. 1926 übersiedelte die Post vom Stern in das steinerne Gemeindehaus. Unter dem Vordach bediente Altvorsteher Ferdinand Köb die riesige Brückenwaage. 1928 zogen auch die Kreuzschwestern Theodora und Epiphania ein, die als Krankenpflegerinnen und Tröster in der Sterbestunde Wunderbares vollbrachten. Im Gasthof Stern folgten auf Böhler-Sternenwirts Köb-Sternenwirts, dann Keckeisens und schließlich Fischers. Da gab es ein Volksbad, eine Großmosterei, die erste Eismaschine. Auf Zwangseinquartierung im Krieg folgten neuer Glanz, die Kegelbahn, Metzgerei und Laden. Der Maler Albert Köb hatte 1903 die alte Schmiede am Strohdorf-Brunnen zu einer Stickerei umgebaut und dann 1911 zu «Molars Lado». Da gab es alles, was Kinderaugen begehrten: Sidobollo, Beorodräck, Leozeolto und vor allem Katzim-Sack. Konkurrenzläden gab es zuerst in Metzlers Lädele und dann bei Festinis. Auch Frau Meusburger im alten Haus am Strohdorfbrunnen und Frau Schwärzler 10 Ein paar Namen Ein paar Leute, die sich besonders für die Gemeinschaft eingesetzt haben, sollten nicht vergessen werden. Ich nenne zuerst ein paar Brunnenmeister und ihre wichtigsten Helfer. Am Strohdorfbrunnen trugen vor 100 Jahren Joh. Georg Rohner (Instrumentenmachers Urgroßvater), der Schmied Andreas Böhler (damals in Malers Haus), Johann Brauchle (Hofsteigstr. 3) und der Wagner Joh. Martin Gmeiner (Wälderstraße 1) die Verantwortung. Dann folgen Sternenwirt Eduard Böhler und der «Frickenescher» Johann Gmeinder, dessen Nachkommen noch heute für den Brunnen sorgen. Viele Jahre kümmerten sich Instrumentenmacher J. A. Rohner, Anton Haneberg (Hofsteigstr. 1) und Paul Köb (Malers) um klares Wasser, wie es deren Nachkommen auch heute noch tun. Am Hübler Brunnen war vor dem ersten Weltkrieg Josef Höfle Brunnenmeister. Als sein Haus (Eulentobel 1) 1918 abbrannte, zog er ins Kirchdorf. Fridolin Albrecht (Hofsteigstr. 20) übernahm die Leitung. An seiner Seite arbeitete als 11 Organisator unermüdlich viele Jahre Karl Schwärzler, Liberats. Brunnenmeister waren ab 1927 Gebhard Klocker, Seilers, 1928 Josef Schwärzler, Schneider in Hofsteigstr. 24, und ab 1934 Johann Gmeinder, Frickeneschers, der das wichtige Amt mehr als 30 Jahre innehatte. Seit 1967 ist Karl Köb, Schmieds, Brunnenmeister. Er wird unterstützt von Karl Bellmann, der die alte Hübler Sennerei beim Brunnen zu einem schönen Wohnhaus umgebaut hat. An der Nordgrenze von Strohdorf steht als erstes Haus von Unterlinden das Schertler-Haus seit über 200 Jahren im Besitz von «Altvorstehers» (Kirchstr. 11). Es gehörte einst dem Hofsteiger Schützenmajor Jakob Schertler (1749-1822). Von seinen 18 Kindern eroberten zwei Söhne mit ihren Familien ab 1814 zuerst das Röhle und dann die Ach, wo sie mit Ziegeleien und Kalkwerk die heutigen Firma Rädler begründeten. In den Ziegeleien wurde Lehm aus dem Flotzbach mit Holz aus der Ach gebrannt. Als die Eisenbahn billige Kohle ins Land brachte, erkannten Josef Anton Schertler und seine tüchtigen Söhne Jakob und Lorenz die Chance und bauten eine Großziegelei zu den Lehmlöchern. Schon 1851 hatte Vorsteher Martin Schertler das große steinerne Haus an der Kreuzung mit der Wälderstraße gebaut, das wir als «Post« gegenüber der Schule in Erinnerung haben. Es diente als Frachtstation und Verwaltungszentrum. Hier kamen seine Neffen Jakob und Lorenz zur Welt. Aber schon 1874 übersiedelten sie in ihr neues Haus im Flotzbach und erwarben dort in den folgenden Jahrzehnten weitere Häuser und riesigen Grundbesitz. Von Conrad Doppelmayr, damals noch ein kleiner Schlosser in Hard, ließen sie sich 1885 eine große Hydraulik-Dampf-Ziegelpresse konstruieren. Damit erwarben sie sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den vielen anderen Ziegeleien im Land. Riesige Lehmlöcher öffneten sich und wurden später «Krotto-Löchor» - heute würde man sie Biotope nennen. Sie dienten der Jugend als Eisplätze und wurden um 1960 die riesigen Müllhalden der Gemeinde. Heute deckt sie gnädiges Grün zu. Die Familie Schertler war fast immer im Gemeinderat vertreten und stellte bedeutende Bürgermeister. 1850-53 Erbauer der «Post» Schertler Joh. Martin Schertler Josef Anton 1872-73 Erbauer der Volksschule Schertler Joh. Martin 1879-91 Gemeindeamt Schertler Lorenz 1891-1901 und 1919-24. Nach ihm ist eine Straße im Flotzbach benannt. Das Doktorhaus an der Hub und die Schulstraße um das Jahr 1935 Außer gutem Wasser braucht man in Wolfurt auch einen guten «Doktor» Das Doktorhaus stand früher auf der Kreuzung beim Sternenplatz. Dort praktizierte zu Napoleons Zeiten der Gemeindearzt Georg Gmeiner. Seine Frau half ihm als Hebamme. 1827 übergab er die Praxis seinem Schwiegersohn Martin Rohner, der noch mit Napoleon in Rußland gewesen war (Siehe Heimat 7, Seite 21). Diesem folgte als Arzt sein Sohn Ferdinand Rohner. Noch eine ganze Reihe von Ärzten versorgten die Wolfurter, bis die Gemeinde 1903 ein eigenes Doktorhaus an der Hub erbaute (Schulstr. 12). Dort arbeiteten viele Jahre lang Dr. Eugen Lecher und nach ihm Dr. Lothar Schneider. Dieser verlegte seine Praxis an die Unterlindenstraße. Das Dr. Rohner-Haus war zuletzt viele Jahre lang Sitz der Raiffeisenkasse. Als es 1949 abbrannte, wanderte die Bank in mehreren Schritten ins Dorf hinein. Also hat das Strohdorf mit Arzt und Bank auch wichtige Institutionen verloren. 12 Den Anfang der Besiedlung im Flotzbach, das damals noch das große Weizenfeld für die Hub war, machte um 1790 der Steinhauer Johannes Rohner. Er brach sein altes Elternhaus im Eulentobel ab und erbaute ein neues am Anfang der Unterhubstraße. Sein Sohn Andreas Rohner (1791-1857) war dort seit 1811 verheiratet. Seine Frau Anna gebar ihm in 20 Jahren 15 Kinder. Alle fünfzehn starben schon als Kleinkinder. Andreas Rohner gründete 1816 die erste Wolfurter Musik und war lange ihr Kapellmeister. Als alter Mann baute er 1850 noch ein schönes neues Haus an der Flotzbachstraße (Nr. 8, Schwärzlers). Sein altes ist 1895 abgebrannt. Vielleicht sollten wir uns manchmal an den Kapellmeister Rohner erinnern, an seine Frau und die 15 Kinder, wenn wir an Schwärzlers schönem Garten vorbei gehen! 13 Zur Bayernzeit waren auch Arnolds und Schertler Lenas Haus und bald danach Ruschs gebaut worden (Nr. 9,11 und 15). Ins untere Flotzbach war aber als erster 1819 ein Crispinus Gmeiner vorgestoßen (jetzt Nr. 18, Elmar). Erst 1872 hatte er in Jakob Köb, dem Stammvater der Bäschle-Köbs (Nr. 20) einen Nachbarn bekommen, ehe 1874 als drittes Schertlers Haus (Nr. 16, Helmut) gebaut wurde. Im gleichen Jahr 1874 wurde auch noch im «Speck», das ist ganz weit unten im Ried an der damals neuen Eisenbahn, ein winziges Bahnwärterhaus erbaut. Dort lebte die große Familie Joh. Georg Köb (t 1908), aus der sich die Wolfurter Sippe der «Bahwächtar»-Köbs ableitet. Die Tochter Agatha begründete mit Josef Bernhard Mohr die größte Hübler Familie, Mohrs «a dor ussoro Huob». Sie ist 1917, als ihr Mann im Kriegseinsatz in den Dolomiten stand, von sieben kleinen Kindern weg ganz plötzlich gestorben. Gmeiner wurde unten an der Wälderstraße die Mutter von Zehrers Hans-Irg und von Zehrers Marte. Wir erinnern uns noch gerne an seine elektrische Türkenmühle und an den ersten Fernseh-Apparat in Wolfurt. Der Zimmermann Josef Anton Gmeiner erbaute 1873 sein Haus neben der Schule (das 1982 für die Sporthalle abgebrochen wurde). Seine Söhne «Knore» Hansmarte und «Disjockeles» Albert gaben das Handwerk auf und wurden Sticker. Hansmarte Gmeiner betrieb im Stammhaus der Gmeiner, gegenüber vom Stern, seine Wagnerei bis zum ersten Weltkrieg. Dann übergab er das Haus seinem Schwiegersohn, dem Vorsteher Ferdinand Köb. Von seinen zahlreichen Nachkommen macht neuerdings Professor Edelbert Köb als Leiter des zukünftigen Kunsthauses in Bregenz von sich reden. Ein weiterer Sohn aus dem Wagnerhaus war Gebhard Gmeiner, der Steinhauer, der 1880 gegenüber der Schule sein Haus aus Stein aufmauerte. Sein Sohn Gebhard Gmeiner schellte noch viele Jahre als Gemeindediener wichtige Nachrichten im Dorf aus. Zahlreich verbreitet sind die «Kassiänler», die auf den Schwarzacher Kassian Schertler zurückgehen. 1852 erwarb er das Haus Hofsteigstraße 16 und zog zehn Kinder groß, die in die verschiedenen Nachbarfamilien einheirateten. Als das Haus 1926 abbrannte, baute es sein Enkel Johann Gmeinder wieder auf, der später 33 Jahre lang Brunnenmeister an der Hub war. Dabei arbeitete er mit Engelbert Gasser, dem Milchmesser in der Sennerei zusammen. Auch die Gasserbrüder aus Meschen belebten mit ihrer fröhlichen Art das gesellige Leben an der Hub. Engelbert hatte 1921 ein Buch «Sechs Jahre Sibirien» geschrieben und von seiner abenteuerlichen Flucht über Wladiwostok und den indischen Ozean berichtet. Der Schreiner Albert Gasser «Fixenatte» war ob seines schlagfertigen Humors weitum bekannt. Der «Wanderlehrer» Josef Anton Gasser erhielt für seine Verdienste um die Sticker-Ausbildung den Titel Professor. Sein Enkel «Sigi» Gasser ist heute Bürgermeister der Landeshauptstadt Bregenz. Noch unzählige Geschichten berichten die alten Bücher im Archiv von den Schicksalen der Familien von Strohdorf und Hub. Weit mehr noch wissen deren Nachkommen. Gerne möchte ich ein anderes Mal noch einiges nachholen. Fast 100 Namensträger Mohr gibt es heute in Wolfurt. Sie stammen alle von jenem Jakob Mohr, der um 1750 aus Schwarzach ins Eulentobel kam. Sein Sohn Sebastian baute dreißig Jahre später das Stammhaus der Mohr an der Hofsteigstraße (heute Nr. 10, Ratzers). Von dort aus teilte sich die Sippe. Mohr Michael (1823-1913) begründete an der Kellhofstraße die Dörfler-Mohr, von denen wir stellvertretend den Lehrer Mohr und den Ehrenringträger Hubert Mohr mit ihren vielen Verwandten nennen. An der Hub aber ließ sich der Kaiserjäger und Kamm-Macher («Kampler») Josef Mohr (geb. 1807) nieder, dessen Enkel Josef Bernhard Mohr (1868-1942) mit sieben Kindern aus seiner ersten Ehe mit Agatha Köb und weiteren sieben aus seiner zweiten mit M. Anna Arnold besonders zahlreiche Nachkommen hinterließ, zu denen auch Bürgermeister Erwin Mohr gehört. Eine wichtige Schwärzler-Familie (mit «ä») lebte ab 1874 im Haus Hofsteigstr. 15 (Festinis), der Maurer Josef Schwärzler mit seinen 13 Kindern. Sohn Liberat erwarb das alte Doppelhaus, aus dem 1893 die Familie Rusch nach Amerika ausgewandert war, und vereinigte es zum Haus Flotzbachstraße 1. Sohn Josef Schwärzler, Schneidermeister, ließ sich mit seiner Frau Agatha Schwärzler zuerst im Loch an der Kellastraße in Rickenbach nieder, ehe er mit seinen sieben Kindern wieder an die Hub zurückkehrte. «Schnidars Bänkle» vor dem Haus Hofsteigstraße wurde ein beliebter Treffpunkt für junge Leute. Noch ein dritter Schwärzlersohn, Ludwig, erwarb ein Haus an der Hub (Flotzbachstr. 8), wo er eine große Stickerei einrichtete. Seine Frau Josefa betrieb dort in den dreißiger Jahren auch eine kleine Handlung. Aus Alberschwende hatte sich schon um 1725 ein Georg Gmeiner im Strohdorf festgesetzt, dessen Nachkommen wir als tüchtige Handwerker kennen. Johanna 14 15 Die alten Häuser von Strohdorf und Hub 1. Skizze nach dem Seelenbeschrieb von 1760. Nur schwer findet sich ein Neu-Wolfurter auf der beigefügten Skizze zurecht. Keine Schule, kein Gasthaus, keine Handlung! Dafür Bäche, Weinberge, Weizenfelder. 14 Häuser um den Strohdorfbrunnen, 18 im Eulentobel und an der Hub. Ab jetzt begann die Besiedlung der Felder. Die ersten Hausnummern hatte Pfarrer Feurstein 1760 in sein Buch eingetragen, insgesamt 150 Nummern vom Dorf bis nach Rickenbach. Strohdorf bekam 81 bis 94, Hub 95 bis 112. 2. Skizze nach dem Häuserverzeichnis von 1900 Weil immer wieder neue Häuser gebaut worden waren, gab es im Jahre 1900 zum fünften Mal neue Nummern, insgesamt 290. Die Nummern 153 bis 183 zählte der Gemeindeschreiber zum Strohdorf (31 Häuser), 184 bis 213 zur Hub. Weil er aber 202 bis 207 (6 Häuser) als Flotzbach separat bezeichnete, blieben für die Hub demnach noch 23 Häuser. Die Weinberge und die Weizenfelder sind verschwunden. Die neue Wälderstraße hat die alte Reichsstraße durch die Unterhub abgelöst. Auch Schulstraße und Flotzbachstraße sind wichtig geworden. Der Eulentobelbach ist an der Hofsteigstraße und im Flotzbach in ein neues Bett verlegt worden. Strohdorf: 153 + 154 Doppelhaus Schneider-Schelling. «Kaufmanns» ist am 8. Nov. 1935 abgebrannt. 155 Böhler Wilhelm, Schmied. Später «Schellings». 156 Schwerzler. «Murars» wurde um 1960 abgebrochen. 157 Höfle. «Der rich Höfle», später Metzgerei Fischer. Abgebrochen am 21. Nov. 1973 für die Rebberg-Garage. 158 Rohner, später Böhler. Das Doktor Rohner-Haus beherbergte auch die «Kassa». Es ist 1949 abgebrannt. 159 Böhler. Der wichtige Gasthof «Sternen». Post, Bäckerei, Handlung. 160 Lenz, später Schmied Köb. Abgebrochen 1983. Vereinshaus fehlt noch. (Erst 1913 gebaut!) 161 Zehrer. Mühle. Abgebrochen 1979. 16 17 Köb. «Briefbot Köbs», jetzt Dür. Albinger. Schreinerei. Abgebrochen 1979 zur Straßenbegradigung. Zweite Volksschule von 1872. Abgebrochen 1979 für Kultursaal. Gmeiner. «Knores». Abgebrochen 1982 für Sportplatz. Gmeiner. «Steinhauers». Gmeiner. Später Gemeindehaus und Postamt. Abgebrochen 1965 für Gemeindehaus. 168 Gmeiner. Wagner. Später «Sternowirt Köbs». 169 Vorklärer. Bildstein-Schmiede, später «Molars Lado». 170 + 171 Doppelhaus Schwerzler-Brauchle, später «Hanebergs» und «Ratzars«. 172 Brauchle. Jetzt Berchtolds. 173 Rohner. Das Haus am Strohdorfbrunnen. «Instrumentomachars». 174 Gmeinder. «Frickoneschars«. 175 + 176 Rohner-Lenz. Das baufällige «Salomoneum« - Doppelhaus wurde schon 1920 abgebrochen. 177 Lenz. «Flatzos Hüsle». Abgebrochen um 1950. 178 Schertler. «Kassians» ist 1909 und noch einmal 1913 abgebrannt. 179 Wacker. Hier lebte im Jahre 1900 die Familie des Bregenzer Künstlers Rudolf Wacker. Später «Festinis». 180 Rünzler. Steinmetz-Betrieb. Früher «Metzlers Lädele«, später «Flatzo Beppes» Fahrradgeschäft. 181 Erste Wolfurter Volksschule, dann Armenhaus. Jetzt Pichler. 182 Winder. Später Fischer, jetzt Ratzer. 183 Hopfner. Später «Festinis», Handlung. Abgebrannt 1913. 162 163 164 165 166 167 Hub 184 Bildstein. Abgebrannt 6. Aug. 1913. Später erstes Wolfurter «Cafe« Franz Boch. 185 Böhler. «Sternowirts Hans-Irg». Abgebrannt am 17. März 1902 und noch einmal am 19. Aug. 1913. Später «Hans-Irgo Georg«. 186 Höfle. Abgebrannt 1918. Jetzt Winder. 187 Gmeiner. Später Simma. Abgebrochen 1950 (?). 188 Wohlgenannt. Abgebrochen 12. März 1902. 189 Stenzel. Später Kressers Seppl. 190 Gmeiner. «Lislos». Später «Wanderlehrer» Gasser. 191 Klocker. Früher das Haus des Vorstehers F. Josef Halder, später «Soalars». 192 Schertler. Stammhaus der «Kassiänler». Später Gmeinder. Abgebrannt 22. Okt. 1926. 193 Klocker. Stammhaus der «Glaser« Klocker. 194 Albrecht. Jetzt Höfle. 18 19 195 Widmer. Später Küfer Köb Friedrich, dann «Schmieds Karle». 196 Sennerei Hub. Das Haus am Hübler Brunnen. An der Straße ist der Eulentobelbach seit 1931 verrohrt. 197 Schwärzler. «Schnidars». 198 Höfle. «Hermannos». 199 Fischer. «Schnidarles Hannes«. Jetzt Eberle. 200 Fischer. «Schnidarles Rudolf«. Abgebrannt 18. März 1955. 201 Lüber. Das Haus des Kapellmeisters Andreas Rohner. Später Schwärzler «Ludwigos». 202 Schwerzler. «Tirolars». 203 Schertler. Verwaltung der Flotzbächler Ziegelei. Später «Schädlars Seppl». Frächterei. 204 Schertler. «Schädlar Jokobos». 205 Köb. «Bäschles». 206 Bahnwärterhaus. Weit draußen im Ried. Abgebrochen um 1960. Z Die Ziegelei hatte wie alle Stadel und Schuppen keine Nummer. 207 Schertler. Hier wohnte später die Familie Rusch. Abgebrochen um 1980. 208 Schertler. Das Haus des Bürgermeisters Lorenz Schertler. «Lenas». 209 Arnold. Jetzt Mohr. 210 Lenz. Später Loitz. «Luitzos«. Jetzt Sinz. 211 Schwärzler. «Liberats». Früher ein Doppelhaus. 212 Höfle. «Des alt Küofarle» wurde 97 Jahre alt. Später Dietrich «Hansmarte». Abgebrochen 1978. Den um das Jahr 1900 an die Straße verlegten Eulentobelbach hat man 1931 wieder in seinem alten Bett hinter dem Haus verrohrt. 213 Mohr. «Kamplar»-Mohrs. Das ältere Mohr-Haus im Garten gegen die Krone war schon 1879 abgebrochen worden. Siegfried Heim St. Martin vom Strohdorf Der Heilige Martin (317-400 n. Chr.) wurde in Ungarn geboren und kam als römischer Reiteroffizier nach Gallien. Er ließ sich taufen und gründete das erste Mönchskloster in Frankreich. Als Bischof von Tour wurde er der Missionar Galliens und war wegen seiner Gerechtigkeit und Mildtätigkeit berühmt. Als Heiliger wird er besonders in Frankreich und Deutschland verehrt. Sein Feiertag, der 11. November, «Martini», gilt als Erntedanktag, Markttag, aber auch als Zinstag, an dem Schulden bezahlt werden mußten. Seine Symbole sind Schwert und Mantel, aber auch die Gans. Auch in unserem Land war er sehr beliebt. Sein Name wurde oft getauft. «Marte», «Martele», «Hansmarte» oder «Martina» und «Martin» hießen und heißen neuerdings wieder viele Wolfurter. Im Vorarlberger Landesmuseum findet sich im dritten Stock eine gotische Skulptur «St. Martin», datiert 1510. Sie ist 1,50 m hoch, aus Lindenholz geschnitzt und bemalt. St. Martins Schwert, mit dem er seinen roten, blau gefütterten Mantel teilt, ist abgebrochen. An der Stelle des linken Beins kniet ein flehender Bettler. Martins Blick geht in die Weite. Wie kommt die Figur mit dem Vermerk «aus Wolfurt» hierher? Spuren von Blattgold bei der Bemalung lassen vermuten, daß sie einst für einen Altar (St. Martin in Dornbirn?) oder eine Kapelle geschaffen wurde. Als bei der Barockisierung der Kirchen die gotischen Altäre abgebrochen wurden, könnte sie in ein Dornbirner Haus gekommen sein. Jedenfalls brachten Martin Albinger, geboren 1711 in Dornbirn, und seine Frau Anna Rimmele ihren Namenspatron aus Dornbirn mit - nach der Überlieferung sogar ihr ganzes Haus -, als sie sich 1740 direkt beim Strohdorfbrunnen in Wolfurt niederließen. Fortan beschützte St. Martin das Haus des «Caminfegers» Albinger und den Brunnen. Die Familie war mit vielen Nachkommen gesegnet. Tüchtige Handwerker gingen daraus hervor: die Bäcker Albinger vom Hirschen, die Feger Albinger im Dorf, die Schreiner Albinger bei der Schule. Aber auch die schöne Juditha im Hirschen, deren Sohn Louis Letsch der berühmte Maler geworden ist, und ihre Schwester M. Anna, die Mutter von «Schnidarles Hannes», gehörten zur Familie Albinger. 21 Beim «Schützen», aus dem die Ammänner und Vorsteher Fischer stammen, beginnt mit Spetenlehen der Raum Rickenbach. (Jetzt Gmeiner-Mathis) Ein kritischer Leser, der bisher mit gedacht hat, weiß sicher ein paar Hausnamen mehr, ein paar Ergänzungen, ein anderes Abbruchdatum. Ich bitte um Zuschriften. Die vielen «abgebrochenen« machen uns dankbar dafür, daß noch viele andere alte Häuser gut gepflegt und erneuert das heimelige Dorfbild von Hub und Strohdorf prägen. Das gefällt auch den Bewohnern der neuen Häuser. 20 1857 kaufte Joh. Georg Rohner das Haus am Brunnen, das immer noch St. Martin auf der Giebelseite trug. Sein Sohn Josef Anton Rohner richtete dort eine Werkstatt als Instrumentenmacher ein. Eines Tages hielt eine noble Kutsche vor dem Haus. Am anderen Tag stand es in der Zeitung, im Vorarlberger Tagblatt vom Mittwoch, 18. Dezember 1901: Wolfurt, 15. Dez- Heute Mittag 1/211Uhr fuhr S. k. k. Hoheit, Erzherzog Eugen in der Richtung Bregenz-Dornbirn durch unser Dorf. Plötzlich machte die Equipage bei Herrn Musik-Instrumentenmacher Rohner Halt. Es fiel dem hohen Herrn die an dem Hause angebrachte, uralte Hl. Martinus Statue auf und hochderselbe begab sich dann in die Wohnung, um das Alterthum zum Preise von 100 K zu erwerben. Herr Rohner, der freilich nicht ahnte, mit wem er die Ehre hatte, unterhielt sich mit dem hohen Besuche aufs Beste, zeigte ihm auch über Verlangen seine Werkstätte und dgl. Freilich war der gute Mann etwas in Verlegenheit als ihm bekannt wurde, wer dieser Herr sei, und erstaunt und erfreut über die Herablassung. Über die Herkunft der Statue ist nichts bestimmtes bekannt. Wahrscheinlich dürfte dieselbe aus der Pfarr kirche in Dornbirn stammen. Das Wohnhaus des Herrn Rohner stand vor Jahrhunderten in Dornbirn, wurde abgetragen und hier aufgestellt und mit ihm soll auch die Statue nach Wolfurt gekommen sein. In Instrumentenmachers Stube erinnert eine schöne Wandschrift an den hohen Besuch. Erzherzog Eugen schenkte die Figur dem Landesmuseum. Im Museumsbericht 41 von 1903 berichtete Konservator Carl von Schwerzenbach: Seine k. u. k. Hoheit, der hochwürdigst - durchlauchtigste Herr Erzherzog Eugen geruhten, dieses von höchstdemselben in Wolfurt erworbene wertvolle Stück dem Vereine als Geschenk zu überlassen. Vielleicht werden die Strohdörfler ihren Martin einmal heimholen, vielleicht eine Kopie in einem Bildstöcklein aufstellen! St. Martin vom Strohdorf; 1510 Er könnte uns an den Feger Martin Albinger, an den Vorsteher Martin Schertler, an den Wagner Martin Gmeiner, an Martin Mohr, an Zehrers Marte und Frickeneschers Martele und an all unsere Vorfahren erinnern. Er könnte dazu beitragen, daß St. Martins Gerechtigkeit und Mildtätigkeit rund um den Brunnen in der Gemeinschaft der Wolfurter nachgelebt werden! 22 23 Siegfried Heim In ihrer Freizeit stickte sie kostbare Altartücher und sogar Meßgewänder. Pfarre, Schule und Gemeinde Wolfurt haben ihr viel zu verdanken. Sr. Regina wehrt ab. Still will sie nur eine einfache «Barmherzige Schwester» von der Kettenbrücke sein. Ist sie die letzte in Wolfurt? Fast 100 Jahre lang hatten von 1778 bis 1872 im alten Schulhäuschen nur Männer unterrichtet. Für den Lehrberuf waren sie kaum ausgebildet. Die Schüler mußten Schulschwestern in Wolfurt Seit Oktober 1991 ist Unruhe in das sonst so stille Schwesternhaus Kirchstraße 45 eingekehrt. Mitten im Dorf baut die Gemeinde ihren vierten Kindergarten. Nach fast 60 Jahren im Schuldienst hat sich Schwester Regina zu ihrer Arbeit in Haus und Garten zurückgezogen. Oft steigt sie mit ihren 83 Jahren noch rüstig die steile Kirchstiege hinauf. Sie teilt Kommunion aus, spielt Orgel und singt mit ihrer sicheren Sopranstimme im Chor. Umsichtig pflegt sie die feinen Stickereien der Altarwäsche, schmückt das Priestergrab, betet da und dort bei einem Grabhügel, der einen ihrer ehemaligen Schüler deckt. In Heiligenblut am Großglockner wurde Sr. Regina 1908 in eine kinderreiche Bergbauernfamilie geboren. In Innsbruck erhielt sie die Ausbildung zur Lehrerin. Dort legte sie auch bei den Barmherzigen Schwestern an der Kettenbrücke die Ewigen Gelübde ab. Vom Mutterhaus aus tun die Barmherzigen Schwestern still ihren aufopferungsvollen Dienst in den Spitälern. Viele gehen hinaus in die Dörfer und betreuen dort Alte und Kranke oder sorgen für die Kinder in Kindergärten, Waisenhäusern und Schulen. Sr. Regina kam als junge Lehrerin 1932 nach Wolfurt an die Seite ihrer älteren Mitschwestern Sr. Sebastina und Sr. Gisela. Bis 1937 unterrichtete sie meist die Schulanfänger, oft in Klassen mit über 60 Kindern. 1938 erhielten die Schwestern Schulverbot. Katholische Erziehung stand im Widerspruch zum natinalsozialistischen Gedankengut. Kurze Zeit half Sr. Regina im Zillertal aus, betreute dann im Krieg die Pfarrkirche Wolfurt und arbeitete dazwischen in Innsbruck und im Stubaital. 1945 rief man sie an die Volksschule nach Wolfurt zurück. Wieder lehrte sie viele Erstkläßler das Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Beten. Dazu aber hielt sie sie immer freundlich und streng zu Ordnung und Sauberkeit an. Jahrzehnte lang wurden der immer mehr geschätzten Schwester dann die großen Mädchen, ab 1963 auch die großen Buben in der Oberstufe anvertraut. Ihrer Konsequenz und Geduld waren große Erziehungserfolge beschieden. Die Behörde ehrte sie dafür mit dem Titel Schulrat. Weit über das Pensionsalter hinaus blieb sie freiwillig im Dienst als Sonderlehrerin für lernschwache Kinder und bis zu ihrem 82. Lebensjahr als Religionslehrerin. Darüber hinaus gab sie für unzählige Wolfurter Frauen Koch-, Back- und Nähkurse. Dorfbekannt sind ihre Neujahrsbäckerein und ihre Schaumrollen. 24 Die Wolfurter Lehrerschaft 1933: Rudolf Wiedemann, Kaplan Rein, Pfarrer Stadelmann, Sr. Gisela Amann, Sr. Sebastina Oberhauser, Sr. Regina Pichler, Friedrich Schneider, Schulleiter Karl Mohr. in der Landwirtschaft und oft auch in der Fabrik schwer arbeiten. Da konnte auch die strenge Zucht mit dem Stock nur wenig zum Schulerfolg beitragen. Im Jahre 1867 brachte das «liberale» Reichsvolksschulgesetz Verbesserungen, vor allem eine gute Lehrerausbildung. Um diese Zeit tobte ein häßlicher Kulturkampf zwischen den freidenkerischen «Liberalen» und den «Konservativen». In Vorarlberg bestimmten die katholischen «Casinos» die Politik. Von fortschrittlichen Lehrern geführt - in Wolfurt von Wendelin Rädler - , erkannten sie die Bedeutung der Schulbildung. Schon 1872 wurde eine große neue Schule im Strohdorf gebaut. Dort wurde auch eine Wohnung für Barmherzige Schwestern von der Kettenbrücke eingerichtet. Als erste zogen 1874 Sr. Othmara und Sr. Gottfrieda ein. Lehrer Rädler übernahm 1876 die Schulleitung. Nun bestimmte ein neuer Geist den Unterricht. 25 Das Gebet stand an erster Stelle. Der tägliche Unterricht begann mit der Schulmesse. Auch die Rickenbacher mußten, selbst im kalten Winter, den weiten Weg zur Kirche machen. In der Schulbildung erreichten besonders Lesen und Schönschreiben bald einen hohen Stand. Aber auch praktischer Unterricht in Nähen, Kochen, Krankenpflege und Gartenarbeit war den Schwestern ein Anliegen. Hygiene und Ordnung wurde beachtet, das Gedächtnis mit Katechismusfragen und langen Gedichten geübt. Der Lohn waren neben guten Noten die begehrten Fleiß- und Hauchzettel und schöne Heiligenbildchen. So sehr schätzte die Gemeinde den unermüdlichen Dienst der Schulschwestern, daß sie 1897 eine dritte Barmherzige Schwester rief. Bis 1938 trugen nun neben dem Schulleiter drei Schwestern Lasten und Freuden des Unterrichts. Die wachsende Schüler- und Klassenzahl machte allerdings schon seit der Jahrhundertwende die Einstellung weiterer Lehrer notwendig. In der Schulchronik findet sich die Aufzählung der Schulschwestern mit ihren Dienstjahren in Wolfurt: 1874-1882 12. Sr. Leontina 1904 1874-1905 13. Sr. Zita Feichter 1904-1910 1883-1890 14. Sr. Rudolfina Brugger 1905-1906 1887-1898 15. Sr. Sebastina Oberhauser 1905-1938 1891-1893 16. Sr. Konstantina Streiter 1910-1913 1891-1892 17. Sr. Alfonsa Walzthöni 1914-1915 1893-1895 18. Sr. Katharina Sinz 1916-1920 1897-1900 19. Sr. Hildegund Gmeiner 1920-1931 1898-1922 20. Sr. Gisela Amann 1922-1938 1900-1904 1945-1957 1913-1916 21. Sr. Regina Pichler 1932-1937 11. Sr. Maria Bapt. Nagel 1904 1945-1990 Als der Platz im Schulhaus für n e u e Klassen benötigt wurde, übersiedelten die Schulschwestern näher zur Kirche, ins H a u s Bucherstraße 3 auf dem Bühel. 1921 vermachten der angesehene Schuhmacher Josef W e i ß und seine F r a u Maria ihr schönes B a u e r n h a u s am F u ß der Kirchenstiege den Schwestern als W o h n u n g . Als das fromme E h e p a a r starb, zogen die Schulschwestern ins H a u s Kirchstraße 45 ein. Seither gingen sie von dort aus den W e g hinaus zur Schule und noch viel öfter zum Gottesdienst hinauf in die Kirche. Die Schwestern wechselten. Einige zogen ins M u t t e r h a u s zurück und an a n d e r e Dienststellen. Einige starben in Wolfurt und wurden hier ins Schwesterngrab gebettet. I m m e r wieder kamen neue, als letzte 1932 Sr. Regina. Für die längst verstorbenen Mitschwestern Sr. Sebastina und Sr. Gisela fanden sich in unserer materialistischen Zeit keine Nachfolgerinnen mehr. U n b e i r r t geht Sr. Regina, jetzt meist begleitet von ihrer treuen Helferin Cilla Zoller, ihren W e g weiter. Vergelt's Gott! 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. Sr.Othmara Ernst Sr. Gottfrieda Oberhollenzer Sr. Adelheid Giselbrecht Sr. Epiphania Schmid Sr. Cantia Silier Sr.RosaLeimgruber Sr. Liliosa Ceol Sr. Armella Stauder Sr.Ignatia Kleber Sr.Ludwiga Weiser Siegfried H e i m Sieben Söhne im Krieg Am Abend des 17. August 1958 ist im Dorf beim «Engel» mit Wolfs Haus auch «Schloßburo Martes» altes Haus abgebrannt. Dort hatte im Ersten Weltkrieg noch die große Familie Köb gewohnt. Vater Johann, geb. 1854, stammte aus «Schloßburos» Sippe in der Bütze und hatte dort mit seiner Frau Barbara 1880 neben das Eltenhaus ein besonders großes neues Haus gebaut. Ein paar Jahre später mußte er es an die Familie Schirpf (Bützestr. 16) verkaufen. Köbs zogen mit ihrer groß gewordenen Familie ins Dorf. Der Vater arbeitete als Kleinstbauer (mit einer Kuh) oft im Taglohn bei Fuhrleuten und im Wald. Die Buben verdingten sich als Knechte, Sticker und Fabriksarbeiter. Dann kam 1914 der große Krieg. Darüber berichtet nun ein Brief von 1918 an den Kaiser in Wien, den uns Mohr Hubert aus dem Nachlaß seines Onkels, des Standschützenoffiziers Dr. Wilhelm Mohr, überlassen hat. Er stammt aus den Akten des «Unterländer Schützenbundes»: Sr. Majestät, dem Kaiser und König Karl I. Allergnädigster und durchlauchtigster Kaiser und Herr! Geruhen Ew. kaiserliche und königliche apostolische Majestät allergnädigst nachstehenden Bericht der untertänigsten Bundesleitung entgegen zu nehmen. Wohl keine Familie unserer Gemeinde wie auch der Umgebung hat dem Vaterlande während des gewaltigen Völkerringens so viele Opfer gebracht, wie jene unseres Mitgliedes Johann Köb, Bauers und Taglöhners in Wolfurt. Joh. Köb selbst hat dem Vaterlande 3 Jahre treue Dienste geleistet. Ebenso sind 3 Söhne aktiv in Heeresdiensten gestanden und rückten gelegentlich der Mobilisierung am 1. August 1914 ein. Im Verlaufe der Jahre 1915, 16 und 1917 sind weiters wieder 3 Söhne eingerückt. 27 26 Ew. Majestät Ruf hat nun am 15. Mai der letzte und siebente Sohn Folge geleistet und wurde bereits als felddiensttauglich anerkannt. Es stehen somit alle 7 Söhne im Felde, bzw. an der Front. Die allseits anerkannte Charakterfestigkeit der Eingerückten bürgt dafür, daß diese nicht nur ihr ganzes Können, sondern auch ihr Wollen Kaiser und Reich untergeordnet und restlos zur Verfügung gestellt haben. Die Auszeichnung zweier Söhne mit der silbernen, sowie der bronzenen Tapferkeitsmedaille, sowie auch von Ew. Majestät gestifteten «Kaiser Karl TruppenKreuz» mögen Zeugen der Verläßlichkeit dieser wackeren Leute sein, wie auch der Umstand, daß 1 Sohn (Julius), der bereits 1914 in russische Gefangenschaft geriet, derselben jüngst - und zwar oft mit Lebensgefahr - entwich. Dieser letztere wird demnächst wieder zu seinem Cadre einrücken. Leider mußte, - wie nur allzu begreiflich -, das Hauswesen dieses Soldatenvaters, den das Glück allerdings auch nicht mit irdischen Gütern gesegnet hat, empfindlichen Schaden leiden. Trotz alledem hat das Vertrauen Vaters Köb in sein Vaterland keine Einbuße erlitten; vielmehr: Köb hat durchdrungen von dem Bewußtsein, daß heute auch die Tat des Einzelnen Geltung hat, erst vor einigen Tagen 3 dem Gefangenenlager Ulm entwichene Russen aufgegriffen und dem K. u. K. Etappen-Stations-Kommando Bregenz überstellt. Wollen Ew. Majestät allergnädigst aus dem Vorstehenden erkennen, daß diesem wackeren Familienvater tatsächlich Anerkennung zu zollen ist. Mit Rücksicht auf die wirkliche Bedürftigkeit Köbs gestattet sich die alleruntertänigst gefertigte Bundesleitung, Ew. Majestät die Bitte zu unterbreiten, Ew. Majestät wollen huldvollst dem Johann Köb in Wolfurt Nr. 84 eine allergnädigste Anerkennung zuteil werden lassen. Wir konnten nicht erfahren, wie die Antwort des Kaisers in Wien auf den «alieruntertänigsten» Brief des Wolfurter Postmeisters und Sternenwirts ausgefallen ist. Aber ein gnädiger Herrgott ließ alle sieben Köb-Söhne von den Fronten in Serbien, Rußland und Italien gesund heimkehren. Ludwig Wilhelm Martin Johann Julius Vinzenz Josef Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang 1880 1882 1886 1887 1888 1897 1899 Vinzenz wanderte 1924 nach Amerika aus, die anderen sechs gründeten alle in der Heimat Familien. Johann heiratete ins «Stenzler»-Haus an der Schloßgasse. In seinen vielen Kindern, Enkeln und Urenkeln lebt auch in Wolfurt das «Schloßburo»-Blut fort. Mit der aufrichtigen Versicherung steter Lojalität zeichnet Alleruntertänigst f. d. Unterl. Schützenbund der Bundesobmann Rudolf Böhler 28 29 Siegfried Heim Unsere älteste Zeitung Nicht mehr alle Wolfurter halten «üsor Gmoandsblättle» in seinem Jahrgang 101, obwohl es äußerst kostengünstig über das Gemeindegeschehen informiert und eine Fülle von Anregungen bietet. Es betreut den ganzen Bezirk von Hohenweiler über Bregenz und Bezau bis Warth. Nur wenige Leser wissen, daß das Blatt vor mehr als hundert Jahren in Wolfurt gegründet worden ist. Zwei für ganz Vorarlberg sehr bedeutende politische Persönlichkeiten taten sich hier im Sommer 1888 zusammen und begannen ein Werk, das noch immer Bestand hat. Die Gründer von 1888 Freitag, 8. März 1991,10. Woche Jahrgang 101 Wendelin Rädler 1835-1913, Wolfurt Obmann Johann Kohler 1839-1916, Schwarzach Verwalter Die beiden Lehrer Johann Kohler und Wendelin Rädler waren ein Leben lang enge Freunde. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründeten sie den katholischen Lehrerverein für Vorarlberg. Sie errichteten die ersten Casinos und führten damit 30 31 den politischen Umsturz von 1870 im Lande Vorarlberg herbei. Während Johann Kohler als Vorsteher von Schwarzach einer der mächtigsten Parteiführer im Lande und schließlich Abgeordneter zum Reichsrat in Wien wurde, trieb Wendelin Rädler an seiner Seite die sozialen Reformen voran. Mit der Gründung von 80 Raiffeisenkassen und ebenso vielen Sennereien half er besonders dem verschuldeten Bauernstand. Maßgeblich trugen sie dazu bei, daß in Vorarlberg kaum ein Industrie-Proletariat entstehen konnte. Um ihre Ideen zu verwirklichen, brauchten die beiden Politiker ein Presseorgan. Schon bei der Gründung des «Volksblattes» 1866 durch Pfarrer Amann in Kennelbach, hatte Rädler, der bis 1872 Lehrer in Kennelbach war, mitgearbeitet und seither viele Artikel in diesem katholisch-politischen Blatt geschrieben. Nun schufen die beiden Lehrer ein kleinformatiges Wochenblatt für die Gemeinden Wolfurt und Schwarzach. Am 14. Juni 1888 unterzeichneten die damaligen Vorsteher Johann Martin Schertler und Gebhard Schwärzler den Gründungsvertrag. Am 1. Juli 1888 erschien die erste Nummer. Die Firma J. N. Teutsch in Bregenz besorgte den Druck. Bei 6 Verteilern in Wolfurt und 3 in Schwarzach mußten die Abonnenten ihr Blatt jeden Sonntag abholen. Das Echo war so positiv, daß sich in den folgenden drei Jahren nacheinander die Gemeinden Bildstein, Lauterach, Hard und Rieden (dazu gehörte damals noch die Parzelle Kennelbach) anschlossen. Ihnen folgten nun Fluh, Buch, Alberschwende, Langen, Lochau, Hörbranz, Möggers und Hohenweiler und nach dem ersten Weltkrieg auch Höchst, Fußach, Gaißau und Eichenberg. Mit Ausnahme der Stadt Bregenz waren damit alle Gemeinden von der Lorena bis zur Laiblach an gemeinsamen Informationen beteiligt. Als offizielles Amtsblatt wurde das Gemeindeblatt in fast allen Haushalten mit Interesse gelesen. Natürlich fanden auch die Mitteilungen der Vereine und die Inserate der Bauern und Händler viel Beachtung. Als Buben erhielten wir vom Viehhändler-Nachbarn eine kleine Belohnung, wenn wir ihm möglichst schnell das noch druckfeuchte Blättle brachten. Im März 1940 mußte das Gemeindeblatt auf Befehl der nationalsozialistischen Pressestelle in Berlin eingestellt werden. Erst im Juni 1945 durfte es mit einem Geleitwort von Landeshauptmann Urich Ilg wieder erscheinen. Jetzt versorgte es auch die Gemeinden des Bregenzerwaldes. Nun fehlte nur noch Bregenz. Im September 1948 tat dort Bürgermeister Othmar Michler, früher einmal Schulleiter in Wolfurt, den Schritt auf die Gemeinden zu und machte mit dem 57. Jahrgang das alte Wolfurt-Schwarzacher Blättle zum offiziellen Amtsblatt der Landeshauptstadt. Seither verlautbaren alle Gemeinden des Bezirkes hier ihre Gemeinde-Protokolle, Verordnungen und Kundmachun32 gen. Auch Arztnotdienste, Kirchliche Nachrichten und Bildungsprogramme machen das Blättle zu einer wichtigen Zeitung. Eine kleine Erinnerung an die Gründung vor mehr als 100 Jahren ist geblieben. Wolfurt, sonst immer am Ende des Alphabets, darf mit Schwarzach immer noch direkt nach der Landeshauptstadt den Reigen der vielen Gemeinden auf Seite 2 anführen.. Im Gemeindearchiv Wolfurt werden die meisten Gemeindeblätter aufbewahrt. Aus dem Jahrgang 1891 - also genau 100 Jahre alt - wählte ich ein paar Wolfurt betreffende Abschnitte in bunter Vielfalt aus. Im ersten Teil finden Sie die Volkszählungsergebnisse einiger Hofsteiggemeinden.. Vergleichen Sie dieselben und den dazu gehörigen Viehstand mit dem Jahr 1991! Die Verordnungen des Vorstehers betrafen fast nur Bauernprobleme. Unser Bürgermeister hat andere, größere - aber auch mehr Geld! Die Wahlen vom 26. Oktober 1891 standen ganz unter dem Einfluß von Rädlers katholischem «Casino» und von Pfarrer Sieber. Im zweiten Teil habe ich Einladungen von ein paar wichtigen Vereinen kopiert, dazu die Unterhaltungsangebote der vielen Gasthäuser von damals. Die Feuerwehr bekam ihr neues Spritzenhaus. Lehrer Rädler brachte auch noch (am 21. März 1891) einen Bienenzuchtverein zustande. Die Anzeigen im dritten Teil sollten uns im Vergleich mit unserer Konsum-GierGesellschaft ein bißchen nachdenklich machen, auch wenn wir über Unschlittkerzen und Modepäckle lächeln! 33 1 Siegfried Heim So heo s i ghört (8) Ma goht is Holz! Rieht s Weorkzüg her! Was nit ma mit? - D Waldseogo, a-n-Äx und do Be-iol, do Schlegol, zwo Biossa und zwä Räpplar. Do Buscholobock, d Zang und do Droht brucho-mor hüt no nit. Iotz pack üs no a Bindo Speock und an Ronggo Brot i! A Guttoro Most und a klä an Giggos hol i seol im Keor. D Farba Für-rot, himmol-blau, gräs-grüo, schiß-geol, munggele-bru, katzo-grau, stuchowiß und kohl-schwarz. Wenn d Mamm amol schimpft! Iotz heot der Triole do Triolar nit a-ghet und s ganz Häs vortriolot! (Alemannisch vom Bodensee) Einladung zum nächsten Vortrag zur Dorfgeschichte Siegfried Heim Rickenbach Ein selbstbewußtes kleines Dorf, eigenständig innerhalb der Gemeinde. Siedlungsgeschichte - Hochwasser - Gasthäuser - die Kapelle - Rickenbacher Geschichten - Lichtbilder. Der Vortrag wird zweimal gehalten, beide Mal im Kultursaal im Strohdorf. 1. Donnerstag, 14. November 1991, nachmittags 14.30 Uhr. (Besonders für ältere Wolfurter. Sie können uns dabei selbst alte Geschichten erzählen) 2. Dienstag, 19. November 1991, abends 20.00 Uhr. Postgebühr bar bezahlt. Drucksache


Heimat Wolfurt Heft 09 1992 April
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 9 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 92 Maria Bildstein feiert Jubiläum. Im Jahre 1692 wurden die beiden Türme gebaut. Damals gehörte die Wallfahrtskirche zu Wolfurt. Inhalt: 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Nach Amerika (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz BILDNACHWEIS: Titelbild: Kurt Gramer, München S 5, 8, 14, 17, 22: Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern» S 13, 16, 20, 21, 25, 26, 29, 32: Siegfried Heim Zuschriften und Ergänzungen zu Heft 8 DIE AUTOREN: Die Beiträge in diesem Heft sind von Siegfried Heim, 1931, HS-Direktor i. R. Zu «Volkszählungen» ist in der Zeitschrift «Montfort» 1991/4 von Kurt Klein eine sorgfältige Übersicht erschienen. Danach hat sich die Einwohnerzahl Vorarlbergs seit 1769 von 58700 auf jetzt 333000 verfünffacht. In der gleichen Zeit hat sie sich in Wolfurt von 726 auf 7326 verzehnfacht. In Österreich lebten 1991 pro km2 93 Einwohner, in Vorarlberg aber 128. In Wolfurt liegt die Dichte sogar bei 733 Einwohner pro km2. Die Zahlen von Heimat 8, Seite 4 und 5, werden weitgehend bestätigt. Bei den einander konkurrierenden Gemeinden Lauterach und Wolfurt war Lauterach erstmals von 1923 bis 1961 größer als Wolfurt. 1971 und 1981 lag wieder Wolfurt voran. 1991 hatte aber Lauterach fast 300 Einwohner mehr (7617). Schwarzach hatte 1850 noch genau 200 Einwohner weniger als Bildstein (701 /901). Erstmals 1869 überholte die expandierende Industriegemeinde die abnehmende Wallfahrtsgemeinde (869/807) Heute hat Schwarzach viereinhalbmal soviel Einwohner als Bildstein (3182/712). Zu «Schulschwestern»: Der Beitrag erreichte unsere letzte Schulschwester Regina auf ihrem Krankenlager an der Kettenbrücke. Sie hat sich seither gut erholt und ist wieder nach Wolfurt heimgekommen. Wir wünschen ihr Glück zur Genesung! In Innsbruck hat sie das Heftchen auch ihren Mitschwestern gezeigt und einige alte angefordert. Zwei Briefe sind seither gekommen: Sr. Leopolda (Hintereggers Annele, geboren 1917 in der Bütze. Sie war viele Jahre Kindergartenschwester in Egg.) bedankt sich besonders für die Mundart-Ausdrucke in Heft 4: «Ich hab immer wieder laut gelacht». Sie grüßt mit «Lang, lang ist's her .. !» Sr. Maria Regina Schertler (geboren 1929 im Strohdorf und von ihren Mitschülerinnen «Simones Helene» genannt) meint mit freundlichen Grüßen: «Beim Lesen tauchen Erinnerungen auf und führen zurück in eine Zeit, die etwas anders war als heute. Aber jede Zeit hat eben ihre Geschichte, die schön und lebenswert ist.» 1 Danke! Sehr viele Bezieher von «Heimat Wolfurt» haben große oder auch kleine Beiträge zur Deckung der Druckkosten auf Konto Raiba 87957 einbezahlt. Ihnen allen sei von Herzen gedankt! Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Siegfried Heim Bildstein und Wolfurt Zu Häuser im Strohdorf sind keine Beiträge eingelangt. Niemand klagt über die «Übernamen». Heute ist man auf Hausnamen stolz. Ich möchte aber gerne einige mehr kennenlernen. Bi «Ma goht is Holz» bi-n-i seol druf ku, daß i do Zabie vorgeosso heo. Zu den Anzeigen aus dem Gemeindeblatt hat man mich nach Mode, Fisolen und Unschlitt gefragt. «Mode» nannte man bei uns den von Pfarrer Kneipp propagierten Feigenkaffee. Er soll ursprünglich (nach Jutz) die Aufschrift «Mode d'emploi» (Gebrauchsanweisung, franz.) getragen haben. «Fisolen» nannte man im Oberland die Stangenbohnen. An vielen Orten hießen sie «Spizöla», bei uns aber «Kichora». In Lustenau unterscheidet man «Spizöla» und «Krüchora». «Uschlitt» heißt das minderwertige Rinderfett, das man zu Talglichtern und Unschlittkerzen verarbeitete. Mit Hilfe von Holzasche aus dem Kachelofen kochte man daraus auch Seife. Weil das ein langwieriger Vorgang war, betitelte man langweilige Menschen manchmal «Soafo-Südar.» Beim Jubiläum der Wallfahrt dürfen auch wir Wolfurter mitfeiern. Heuer, im Jahre 1992, läuten die Glocken von Maria Bildstein aus besonderem Anlaß: Vor 200 Jahren hat sich Bildstein von der Mutterpfarre Wolfurt gelöst und 1792 erstmals einen eigenen Pfarrer bekommen. Und vor 300 Jahren wurden 1692 die herrlichen Barock-Doppeltürme errichtet und damit der Kirchenbau abgeschlossen. Die Pfarre Bildstein wird dazu heuer eine Festschrift herausgeben. Ergänzend will dieser Beitrag die engen Beziehungen von Wolfurt zu Bildstein aufzeigen. Die Leute vom Berg Um das Jahr 610 hatten die irischen Mönche Kolumban und Gallus in Bregenz das Christentum gepredigt. Bald gehörte das ganze Umland von der Leiblach bis zur Schwarzach zur Pfarre St. Gallus in Bregenz. Im 12. Jahrhundert gab es in Wolfurt bereits eine Kapelle St. Nikolaus. Um diese Zeit hatten die Hofsteiger begonnen, die Hänge des Steußberges zu roden und zu besiedeln. «Steußberg» heißt nach der Meinung des Bildsteiner Pfarrchronisten eigentlich «Steigsberg». Die Leute vom Berg gehörten ja auch zum Hof Steig bei Rickenbach und zum Gericht Hofsteig, das seinen Sitz später nach Lauterach verlegte. Dort galt der Raum am Steußberg weiterhin als eine Einheit, etwa wenn bei der Ammannwahl drei Kandidaten vorgeschlagen wurden: «drey ehrliche männer, ain von Lauterach, den andern von Hard und den driten aintweders von Wolfurt, abm berg oder von Schwartzach» (Landsbrauch von 1544). «Abm berg» waren die Leute von Buch und Bildstein, das noch bis ins 18. Jahrhundert den Namen «Berg» trug. Die Leute vom Berg mußten viele Jahre mit den anderen Hofsteigern durch die Achfurt waten, wenn sie zum Gottesdienst nach St. Gallus in Bregenz gingen. Sie 3 2 beteiligten sich daher auch an der Errichtung einer neuen Pfarre St. Nikolaus in Wolfurt im Jahre 1512: «... wür gemaine Nachpurschafft zue-Wolfurth, und wür zue Schwartzach, am Berg und im Buech ...» (Stiftungsbrief) Fast 300 Jahre lang kamen jetzt die Leute vom Berg, ja sogar aus dem fernen Farnach, jeden Sonntag nach Wolfurt zur Kirche. Hier wurden sie getauft und getraut. Hierher trug man sie, oft durch Schnee und über steile Tobel, auf ihrem letzten Weg zum Wolfurter Friedhof. Wenn nach dem Kirchgang die Bauern auf dem Kirchplatz Wichtiges besprachen und die Frauen noch einige Einkäufe in «Hanso Hus» tätigten, lernte sich auch die Jugend kennen. So darf es nicht verwundern, daß viele Wolfurter nach Bildstein heirateten und noch mehr Bildsteiner ans Land kamen. Unter den 104 Hausbesitzern von 1760 in Bildstein findet man 14 Böhler, 10 Köb, 9 Gunz, 8 Gasser, 6 Höfle und 6 Geiger als die wichtigsten Geschlechter. Von ihnen stammen auch große Wolfurter-Familien ab. Die «Gallar»-Köb, (auch «Lehrars», «Schrinars uf om Bühol», «Molars») kamen 1788 von Gallin. Die «Schloßburo»-Köbs, zu denen auch «Stenzlars» und «Schmiods» zählen, kamen 1799 vom Haag im Farnach. Der Mohren-Bäcker Andreas Xaver Flatz holte 1783 aus Geißbirn die 18jährige Anna Köb nach Rickenbach, die ihm 13 Kinder schenkte. Darunter war auch Gebhard Flatz, der große Wolfurter Nazarener-Maler. Aus Geißbirn übersiedelte 100 Jahre später die Witwe Klara Schedler mit acht Kindern an die Kirchstraße. Etliche geachtete Wolfurter Familien haben von ihnen «Goaßbiorar» Ahnen. Aus dem Staudach kamen immer wieder «Pläzolar» und «Matheioslar»-Gunz herab. Ein Josef Gunz begründete 1853 die Mühle-Gunz-Familie. Andere aus der Gunz-Sippe ließen sich später in Rickenbach und im Holz nieder. Unter ihnen war ein anderer Josef Gunz, geboren 1892 und gestorben mit 99 Jahren 1991. Wie gesund die «Bildsteiner» sind, beweist sein Rickenbacher Nachbar Martin Höfle, geboren am 5. März 1892, der als unser Dorfältester heuer 100 Jahre alt geworden ist. Er ist ein «Dello»-Höfle, dessen Vater 1881 aus der Delle am «Berütter» ins Tal gezogen ist. 4 Eine Bildsteiner Familie in Wolfurt: «Dello-Korles» im Schlatt. Ein Bild von 1912. Vater Konrad Höfle (1857-1938) und Mutter Agatha Anwander (1856-1944) mit 12 Kindern: Wilhelm 1885, Karl 86, Rosa 87, Theresia 89, Josef 91, Julie 92, August 94 (gefallen 1917), Maria 95, Agatha 97, Magdalena 99, Anna 1900 und Georg 1903. Ein dreizehntes Kind ist gestorben. Vom Brunnenmacher Ferdinand Gasser und seinen 10 tüchtigen Kindern in Meschen stammen wohl über ein Dutzend Wolfurter Familien Gmeiner Jakob kam schon 1700 vom «Steußberg». Von ihm leiten sich die meisten Gmeiner ab, «Lutzo-Schrinars», «Lutzo-Ferdes» und «Lislos». Andere Gmeiner folgten später. Unübersehbar zahlreich sind die Böhler-Sippen. Einige trugen früher den Hausnamen «Bergar». Aber auch unter den Vorfahren der Fischer, Schertler, Hinteregger, Schwerzler und Heim finden sich Leute vom «Berg», wie eben bei fast allen Wolfurter Familien. Die einst so zahlreichen «Schelling», die um 1700 ebenfalls aus Bildstein nach Wolfurt gekommen waren, sind im Mannesstamm in Wolfurt erloschen. Sie sind die einzigen, von denen sich eine direkte Ahnenlinie zu jenem Martin Höfle nachweisen läßt, von dem im nächsten Abschnitt die Rede ist. Auch in unserer Zeit holen Bildsteiner Burschen manche junge Wolfurterin aus dem Nebel hinauf in die Sonne. Viele andere aber sagen sich «Lob do Beorg und züh is Tal!» und bereichern mit ihrem gesunden Berger Blut und ihrer Schaffenskraft unsere Gemeinde. 5 Die Wallfahrt Im Herbst 1629 ist den Brüdern Hans und Martin Höfle auf dem Weg zu Vaters Mühle im Baumgartnertobel im Nebel eine Frau erschienen «ganz weiß und glanzent wie die Sonn». Sie erinnerte die beiden an die vom Vater versprochene Kapelle. Als betagter Mann gab Martin Höfle 1676 vor einer kaiserlich-bischöflichen Kommission in Bregenz unter Eid das Geschehen zu Protokoll. Ein Jahr später starb er am 19. Mai 1677 - «sacris omnibus provisus» steht im Wolfurter Pfarrbuch, also «wohl versehen» - und wurde bei der Pfarrkirche St. Nikolaus begraben. Von seinen acht Kindern verehelichte sich nur die Tochter Magdalena. Einige Wolfurter Familien stammen von ihr, aber sie tragen andere Namen. Die Kunde von der Erscheinung und den ersten Gebetserhörungen verbreitete sich schnell im Land und in ganz Schwaben. Ab 1650 kamen Ströme von Pilgern nach Bregenz und wurden von den Kapuzinern durch Wolfurt und auf dem schmalen Steig über die Platte nach Bildstein geleitet. Pfarrer Lorenz Leuthold von Wolfurt hatte die Aufsicht über die von der Familie Höfle neu gebaute Kapelle mit dem Muttergottesbild, das dem Ort später den Namen Bildstein eintrug. Er sammelte auch die überreich fließenden Opfergaben und hinterlegte sie bei seinem Patronatsherrn, dem Abt von Mehrerau. Bald wurde der Ruf nach einer Kirche laut. Vom Bischof von Konstanz erhielt Michael Kuen aus Bregenz den Auftrag für die herrliche Barockkirche, die nun 1663-1676 erstellt wurde und 1692 noch die Fassade mit den Doppeltürmen bekam. Der Innenraum ist 32 Meter lang und 11 Meter, im Querschiff sogar 16 Meter, breit. Damit war die Kirche viel größer als alle anderen Dorfkirchen im Umkreis. Die Wolfurter Kirche war damals innen nur 24 Meter lang und 8 Meter breit. Trotzdem konnte die Bildsteiner Kirche die Pilger häufig nicht fassen. Die vier Geistlichen, die im 18. Jahrhundert die vier Pfründehäuser rund um die Kirche bewohnten, benötigten an den Feiertagen regelmäßig mehrere Aushilfen, vor allem für die acht Beichtstühle. Dabei war die Kirche eine reine Wallfahrtskirche ohne Taufstein und Friedhof. Die Bildsteiner selbst mußten weiterhin jeden Sonntag nach Wolfurt zur Messe. Zwar suchten sie schon 1698 um eine eigene Pfarre an. Aber Pfarrer Egender von Wolfurt wollte nicht auf die Opfergaben verzichten und Pfarrer Denig in Bregenz, der jetzt die Aufsicht über die Wallfahrt hatte, unterstützte ihn. So entschied der Bischof im fernen Konstanz gegen die Leute vom Berg. Nun mußten sie noch fast 100 weitere Jahre lang für Trauung, Kommunion und Beerdigung dem Wolfurter Pfarrer ihren österlichen Beichtzettel vorlegen. 6 Pfarrei Bildstein Erst Kaiser Josef IL sagte im Jahre 1788 den Bildsteinern das Recht auf einen eigenen Taufstein zu. Sofort erbauten sie schon 1789 einen eigenen Friedhof. Man darf sich nicht wundern, daß sich Lorenz Gmeiner, Pfarrer von Wolfurt und selbst aus Bildstein stammend, mit aller Kraft wehrte. Er wollte die 32 Bildsteiner Parzellen, in denen mit nun 524 Einwohnern ein Drittel seiner Pfarrangehörigen wohnte, nicht verlieren. Aber er kämpfte erfolglos. Traurig mußte er in sein Pfarrbuch schreiben: «anno 1789 der 31 Xber ist Bildstein von Wolfurt separiert worden». Und Chronist Geiger berichtet in Bildstein: «Am Neujahrstag 1790 ist der erste pfarrliche Gottesdienst gehalten worden. Ehrenprediger war der lustige Pater Wendelin von den Bregenzer Kapuzinern.» Pfarrer gab es allerdings noch keinen. Mehrere Lokalkapläne sorgten aber dafür, daß das Eigenleben der Pfarre beginnen konnte. Der erste «Bildsteiner» Täufling Martin Joseph Böhler aus dem Jungholz erhielt als Paten den wohledlen Herrn gräflichen Verwalter Martin Herburger aus Dornbirn und wurde am 18. Jänner 1790 demnach besonders feierlich getauft. Am 9. Februar 1790 beginnt das Sterberegister mit der fünfjährigen Anna Maria Lenz. Ihr folgen im gleichen Jahr weitere 22 Bildsteiner Verstorbene. Allerdings soll schon ein Jahr vorher Andreas Geiger, Wirt im Farnach, «als zweiter» auf dem neuen Bildsteiner Friedhof begraben worden sein. Die Bildsteiner Chronik berichtet davon unter «1790 den 27ten July» und fügt dazu «nicht im Sterbebuch». Wohl aber findet sich das Begräbnis dieses beim letzten Holzschlag in der nachher verteilten Gerichtswaldung «bey Sonderbrück» von einem Baum erschlagenen Andreas Geiger in Wolfurt im Sterbebuch ein Jahr früher am 30. Juni 1789 mit dem Zusatz: 49 Jahre, «arbore oppressus». Dort sind aus dem Jahre 1789 noch eine Reihe von Begräbnissen von Baumgarten, Bildstein, Kapf und «de Vokenbühl» angeführt. Anno 1790 aber wurde als einziger Bildsteiner nur mehr am 9. April der neunjährige Johann Schneider «de Ankereuthe» in Wolfurt beerdigt. So hatte sich Bildstein also von der Mutterpfarre Wolfurt gelöst. 1792 wurde endlich Ludwig Sauter aus Konstanz zum «Lokalkaplan» für Bildstein bestellt. Er wird heute als erster Pfarrer gerechnet - daher das Jubiläum «200 Jahre Pfarrei». Noch waren aber viele Streitigkeiten um Mesnerlohn, Stolgebühren und andere Belastungen auszustehen. Erst 1829 kaufte sich Bildstein mit einer einmaligen Abfertigung in Höhe von 550 Gulden endgültig von der Pfarre Wolfurt frei. 7 Inzwischen war während der Franzosenkriege im Jahre 1804 der Kreuzwirtssohn Andreas Haltmayer aus Rickenbach dritter Pfarrer von Bildstein geworden. Als am 31. Mai 1805 in Wolfurt drei neue Glocken geweiht wurden, lud der Wolfurter Pfarrer Lorenz Gmeiner auch die Nachbarn zum Fest. Aus Bildstein kam also der Rickenbacher Andreas Haltmayer und aus Lauterach Josef Anton Bildstein, ein geborener Wolfurter aus «Hanso Hus» im Kirchdorf. Aus Hard kam Columban Reiner, ein Sohn aus dem «alten Schwanen» in Wolfurt. Seinen Neffen Benedikt Gmeiner aus Unterlinden hatte Pfarrer Lorenz Gmeiner zum Pfarrer von Buch gemacht. Fünf Wolfurter Geistliche in allen fünf Hofsteiger Pfarren! Schwarzach war ja damals noch bis 1824 eine Filialkapelle von Wolfurt. Auch später haben die Pfarrer von Bildstein und Wolfurt engen Kontakt gehalten. Kaplan Leopold Berchtold aus Riezlern erbaute 1891-94 das heutige Pfarrhaus von Bildstein. Der spätere Pfarrer von Schwarzach, ein ausgezeichneter Botaniker und Historiker, ließ sich 1937 in Wolfurt nieder. Hier erforschte er aus den alten Büchern die ältesten Familien von Bildstein, Buch, Schwarzach und Wolfurt und schrieb sie fein säuberlich auf. 1940 ist er gestorben. Als Bildstein 1903 die von den Geschwistern Hämmerle gestiftete große Marienglocke mit einem Gewicht von 3521 Kilogramm erhielt, organisierte der Rickenbacher Schlosser Konrad Doppelmayr die 120 Männer, die die schwere Last um die steilen Kurven von Ankenreute auf den Berg schleppten. Kaplan Heinrich Nußbaumer aus Thal hatte 1921 in Wolfurt das Vereinshaus gebaut. 1939-69 war er als Pfarrer von Bildstein in schwerer Kriegszeit der streitbare Hüter des Gnadenbildes. Mit eigener Hand verputzte er die Kirche innen. Seine originellen Predigten zogen auch viele Pilger aus Wolfurt an. Bildstein machte ihn zum Ehrenbürger. Sein Kaplan Gebhard Willi, der ihm in der Kirche noch den Mörtel gemischt hatte, wurde später der langjährige und mit dem Ehrenring der Gemeinde ausgezeichnete Pfarrer von Wolfurt. Seit 1972 ist wieder ein Wolfurter, Pfarrer August Hinteregger, für das geistliche Wohl der Bildsteiner und der Wallfahrer verantwortlich. Er ließ die 300 Jahre alte Kirche renovieren und den 100 Jahre alten Pfarrhof erneuern. Fast jeden Sonntag und auch bei den Maiandachten mischen sich viele Wolfurter Pilger unter die Gläubigen von Bildstein. Andere ziehen es vor, ihre Sorgen und Freuden in stillem Gebet zur Mutter Gottes in die Erscheinungskapelle zu tragen. Schönes Bildstein Bevor sich die getrösteten Beter, nach Stärkung in einem der ausgezeichneten Gasthöfe, auf den Heimweg machen, lassen wohl alle noch die wunderbare Aussicht auf sich wirken. Über die Dörfer im Tal schweift der Blick zum Gebhardsberg und zum Bodensee. Es grüßen die Schweizer Berge mit Fels und Schnee. Dunkle Wälder an Kugel und Staufen laden zum Wandern. Wandern! Der Steußberg selbst ist ein herrliches Wandergebiet. Viele Wolfurter haben das erkannt. Sie lassen ihr Auto stehen und suchen die Ruhe in den schattigen Wäldern oder auf den sonnigen Hügeln vor ihrer Haustür. Die schmalen Wege, die abgelegene Höfe miteinander und mit dem Dorf verbinden, überziehen den Steußberg wie ein dichtes Netz. Sie ermöglichen es, dem an Ausflugssonntagen doch recht beträchtlichen Autoverkehr jederzeit auszuweichen. Dabei gibt es so viele Varianten, daß selbst Kenner des Wandergebietes immer neue Steige entdecken. Wenn ich nun die schönen alten Bildsteiner Flurnamen aufschreibe, ist das auch eine Einladung, diese Plätze alle zu besuchen. Kennst Du sie schon? 9 Neubau der Bildsteinerstraße 1933. Ohne Maschinen schafften es Bildsteiner und Wolfurter Männer (u. a. Gasser Gebhard, Lenz Josef, Fischer Eugen), die steile Straße nach Ankenreute für die Autos umzubauen. Die erste Fahrstraße war schon 1792 durch die Platte gesprengt worden. 8 Im Jahre 1760 teilte Pfarrer Feuerstein den Hang in drei «Berge»: «Berütterberg», dann jenseits des Rickenbachtobels «Bildsteinerberg» und schließlich hinter dem unzugänglichen Sonder-Wald der «Farnacherberg». Jetzt ein paar empfehlenswerte Abstiege: 8. Vom Schneider an Tomasinis Hütte vorbei nach Siegerhalden. 9. Vom Loch mit der schönsten Aussicht auf den Vorderwald und den Sulzberg hinab zum Halder und nach Buch. 10. Von Buggenegg den fast 1000 Jahre alten Säumerweg durch die «Roßgaß» hinab in die Abendreute und nach Alberschwende. Immer wieder Fernblicke zu Ifen und Kanis. 11. Von Gallin über das besonders im Herbst und im Frühling einmalig schöne Hochmoor (Naturschutzgebiet!) nach Hinterhaag und den Asenenweg hinab nach Alberschwende. I. Berütterberg Meschen, Staudach, Dellen, Bereuter, Sack, Baumgarten, Gitzen, Künzen; Mühle, Grub, Kreuzmoos, Vockenbühel, Vogelsang, Schneider, Mairen, Buggenegg, Loch. Besonders reizvolle Anstiege von Wolfurt aus: 1. Über die Alte Bucherstraße zum Ippa-Brünnele, dann hinauf zurRappenfluhSchlucht am Holzerbach (Ippachbach) und zum Sack. Am Waldrand weiter zum höchsten Punkt von Wolfurt in fast 800 m Höhe und zur Schneiderspitze (973 m hoch). 2. Über Alte Schmiede und Dreigassen zur Rappenfluh. 3. Von Frickenesch oder Meschen über «Stefano Veohwoad» zum Bereuter und über die Gletscherschliffe nach Gitzen. 4. Abseits der Straße führt von Gitzen ein kleiner Weg nach Künzen und den Oberlauf des Rickenbachs überquerend nach Vockenbühel. Oberhalb des uralten Schulhäusleins kommt man an der großen Eibe (Naturdenkmal!) vorbei zum Ferienheim in Oberbildstein. 5. Kenner steigen noch auf dem alten Staudacher Kirchweg über das RickenbachTobel ins Dorf hinauf. III. Farnacherberg Hinterhaag und Bereite, die einst auch zur Pfarre Wolfurt zählten, gehören längst zu Alberschwende. (Vorder-)Haag, Loban, Farnach, Jungholz, Gärtle, Oberschwende, Unterschwende, Sonderwald, Schanz, Grül, Tobel. 12. Das sonnige Farnach ist am besten von Schwarzach über die Steige beim Blindenheim Ingrüne oder über den Linzenberg erreichbar, natürlich auch vom Zoll in Alberschwende. Auch hier trifft man immer wieder wandernde Wolfurter, die jetzt auch häufiger den günstigen Wälderbus als Zubringer benützen. Ist es nicht schön, daß wir so leicht Zutritt zum «Berg» finden? Darum wünschen wir Wolfurter allen Bildsteinern ein schönes Festjahr 1992! IL Bildsteinerberg Ankenreute, Platte, Unterdorf, Dorf, Knobel, Taschen, Kapf, Gaißbirn. Heuwachs, Gallin, Wirth, Acker, Oberbildstein. 6. Wer der Autostraße ausweichen will, findet einen alten Wallfahrtssteig vom Kella über das Oberteilenmoos ins Unterdorf. 7. Auch am Kapf zweigt ein Wanderweg über den landschaftlich besonders schönen Höhenrücken hinüber nach Vockenbühel oder hinauf über den Wirth zum Ferienheim ab. 10 11 Siegfried Heim Die Familie Mohr in Wolfurt Unter den großen Wolfurter Geschlechtern stehen die Mohr mit 94 Namen im Blauen Buch von 1989 an dritter Stelle nach den Böhler mit 152 und den Köb mit 149 Namensträgern. Während aber die Böhler und die Köb aus vielen verschiedenen Stämmen bestehen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach Wolfurt kamen, gehen die Mohr alle auf einen einzigen Stammvater zurück, auf Martin Mohr, der 1785 im Haus Hofsteigstraße 10 (Ratzers) an der Hub geboren wurde. Die Sippengeschichte ist aber viel älter. Nach mündlicher Überlieferung soll ein «Mohr» aus dem Rheinland nach Dornbirn eingewandert sein. Dort gab es MohrFamilien schon nach dem Dreißigjährigen Krieg. Einige haben sich bis heute gehalten. Fast jeder Dornbirner kennt «Mohro Vere» im Hatlerdorf. In Dornbirn wurde 1693 Sebastian Mohr geboren. Er heiratete 1719 die Magdalena Danner in Schwarzach. Von ihren neun Kindern führen zwei Linien nach Wolfurt. Folgen wir zuerst der Hauptlinie. Der Sohn Jakob Mohr (1722-1798) heiratete 1748 nach Wolfurt. Sein Haus stand am Eingang ins Eulentobel. Es muß der Familie dort wohl zu eng gewesen sein, als in Wolfurt um jene Zeit die Felder verteilt wurden. Sebastian Mohr (1762-1841) brach daher das Elternhaus ab und erbaute, wahrscheinlich 1784 anläßlich seiner Eheschließung mit Viktoria Flatz, das heute noch erhaltene Mohr-Stammhaus Hofsteigstraße 10. Die Tocher Rosa, verehelicht mit Johann Winder aus Bildstein, hatte dort sieben Kinder. Weil die Winder-Brüder ledig blieben, kam das schöne Haus 1903 in den Besitz von Johann Fischer und später an dessen Tochter Cilla Ratzer. 4. Der Sohn Martin Mohr (1785-1826) aber begründete zu Napoleons Zeiten die beiden Mohr-Familien, auf die alle heutigen Wolfurter «Mohren» zurückgehen. 12 3. 2. 1. Mit seiner ersten Frau Anna Maria Böhler bezog er das Nachbarhaus Hofsteigstraße 13 (Festinis), wo sie ihm drei Söhne gebar. Früh verwitwet übersiedelte er mit den Buben ins Dorf. Dort hatte er 1812 das Haus Kellhofstraße 11 (Mohrs) erworben. Seine zweite Frau Ursula Ibele aus Bregenz schenkte hier weiteren vier Kindern das Leben, darunter Michael Mohr (5. M) den Stammvater der Dörfler Mohr. Zuerst aber zu den Hüblern! Linie Josef Mohr 5.J Josef Mohr, geboren 1807 als ältester Sohn aus der ersten Ehe des Martin, wuchs im Dorf auf. Als strammer Kaiserjäger hatte er seine Braut Maria Crescentia Halder vom «Falligen Bach» in Bregenz kennengelernt. Nach dem damaligen Brauch mußte er nach der Geburt des ältesten Sohnes Josef Bernhard 1833 noch die fünf Jahre Militärdienst für den Kaiser abdienen, bis er endlich die Eheerlaubnis bekam. An der Hub hatte er inzwischen nahe dem heutigen MohrHaus an der Hofsteigstraße ein Haus erworben. Als «Gemeindediener» trug er Stammhaus der Mohr an der Hub, Hofsteigstraße 28. Um das Jahr 1750 von Martin Kalb erbaut, 1872 von Josef Mohr gekauft. Seither in Familienbesitz. Es ist das südlichste Haus von «Wolfurt» an der Grenze zu «Rickenbach» 13 Alfons 1911 (gefallen 1942), Erwin 1912 (gefallen 1945), Reineide 13, Eduard 14 (unseren langjährigen Gemeinde- und Standesbeamten), Cäcilia 15, Anna 16, Josefina 17. Drei Wochen nach der Geburt der kleinen Fina war die Mutter gestorben. Als zweite Frau sorgte nun M. Anna Arnold für die sieben Waisen und schenkte ihrem Mann sieben weitere Kinder dazu: Gebhardina 1919, Ernst 21, Siegfried 22, Herbert 23, Georg 25, Heinrich 27, Josef 29. Fast alle von den 14 Kindern heirateten. Sieben Mohr-Familien davon bereicherten Wolfurt mit vielen Enkeln an der Hub, in der Unterhub, im Flotzbach, im Oberfeld und im Brühl. Einer von den Enkeln in der neunten Mohr-Generation ist unser Bürgermeister Erwin Mohr, geboren 1947. Bei vielen Nachkommen des Kaiserjägers Josef Mohr war sein schneidiges und kämpferisches Blut immer wieder zum Durchbruch gekommen. Und unerbittlich hat der Krieg auch bei ihnen seine Opfer geholt. «Alles liegt in Gottes Hand» steht auf Mohrs Familiengrab unter den obersten Arkaden. So war es auch bei einer zweiten «Kampler»-Mohr-Linie in der unteren Bütze: 6. J-V Franz Xaver Mohr, «Vere» (1841-1927), ein zweiter Sohn des Kammmachers Josef Mohr an der Hub, hatte wie sein Vater bei den Kaiserjägern gedient. Dann erwarb er das kleine Bauernhaus Unterfeldstraße 3, wo er nun als Maurer und Kleinbauer lebte. 7. J-V Sein einziger Sohn Josef Mohr (1891-1983) hatte mit seiner Frau Agatha Kaufmann die Kinder Katharina (1922) und Walter (1927-1945). 8. J-V Einziger Sohn war Walter Mohr, geb. 1927. Schon mit 17 Jahren mußte er in den Zweiten Weltkrieg einrücken. Ein Jahr später ist er 1945 gefallen. Im Mannesstamm erlosch damit diese Linie im Unterfeld. Mohrs an der Hub. Mit 14 Kindern die größte Wolfurter Familie in unserem Jahrhundert. Vorne Vater Josef Bernhard Mohr (1868-1942), seine zweite Frau Anna (geb. Arnold) und die Söhne Herbert, Siegfried, Heinrich, Josef, Ernst und Georg. Töchterchen Gebhardine fehlt bereits. Hinten die Kinder aus erster Ehe: Anna (Rusch), Eduard, Reineide (Vonach), Alfons, Cilla (Schwärzler), Erwin und Fina (Feßler in Kennelbach). Ein Bild von 1937. hohe Verantwortung. Daneben übte er den seltenen Beruf eines Kamm-Machers aus. Davon stammt der Hausname «Kampler», den seine vielen Nachkommen, die «Hübler Mohr», tragen. 6.J Josef Bernhard Mohr (1833-1902) war Maurer und Bauer und konnte 1872 das Nachbarhaus Hofsteigstraße 28 erwerben, das heute die Familie seines Enkels Josef Mohr bewohnt. Das alte Elternhaus daneben wurde schon 1879 abgebrochen. 1882 mauerte J. B. Mohr den Wolfurter Pfarrhof auf. Die älteste Tochter Maria Anna Mohr (1864-1908) heiratete ins Tobel im Kirchdorf. Von ihren Enkeln kennen wir u. a. den Kennelbacher Bürgermeister Dr. Egon Sinz und den Wolfurter Altgemeinderat Ludwig Gmeiner, Steinhauers. 7.J Der Sohn Josef Bernhard Mohr jun. (1868-1942) ist den älteren Hüblern noch als Vater einer der größten Wolfurter Familien bekannt. Seine erste Frau Agatha Köb hatte der junge Bauer aus dem kleinen Bahnwächterhaus im Flotzbach an die Hub geholt, wo sie ihm sieben Kinder gebar: 15 14 Stammhaus der Dörfler Mohr, Kellhofstraße 11. Es wurde 1776 vom Dorfplatz hierher übertragen. 1812 erwarb es Mohr Sebastian für seinen Sohn Martin. Seither in Familienbesitz. Die Brüder Mohr um 1925 in Unterlinden: Dr. Wilhelm Mohr auf der Dezimalwaage, Gebhard Mohr und der Schulleiter Karl Mohr. Linie Michael Mohr 5. M Aus der zweiten Ehe des Martin Mohr übernahm Michael Mohr (18231913) das Vaterhaus an der Kellhofstraße und begründete die Dörfler Linie der Mohr. 6. M Der älteste Sohn Josef Mohr, geb. 1841, wanderte als junger Bursch nach Amerika aus und heiratete dort. Von seiner großen Familie schickte er ein Bild. Der zweite, Martin Mohr (1849-1918), war Wegmacher und besaß das Haus Kellhofstraße 1 («Mohro Emiles») gegenüber vom Pfarrheim. Sein einziger Sohn Josef Anton Mohr, geb. 1896, ist 1915 als einziger Wolfurter Freiwilliger (nach Chronik Köb) in den Krieg gezogen und schon 1916 gefallen. 6. M-G Der dritte Sohn Gebhard Mohr (1854-1925) blieb im Elternhaus Kellhofstraße 11. In seinem Sohn Altgemeinderat Dr. Hermann Mohr (19061972), den Enkeln Günther Mohr (geb. 1940) und Klaus Mohr (1942) und ihren Familien besteht die Linie Gebhard Mohr fort. 16 6. M-F Ein weiterer Sohn des Michael war der Stückfergger Fidel Mohr (18591939), der mit seiner Frau Maria Gmeiner im Haus Kirchstraße 25 in Unterlinden eine einflußreiche Familie begründete. 7. M-F Der ältester Sohn Dr. Wilhelm Mohr, geb. 1890, war einer der Wolfurter Standschützen-Offiziere an der Dolomitenfront und setzte sich besonders für die Erbauung des Kriegerdenkmals im Jahre 1930 ein. Als Landesbeamter übersiedelte er mit seiner Gattin Elsa Kalb (aus dem Schwanen) nach Bregenz. «Lehrer» Karl Mohr (1894-1959), viele Jahre Schulleiter in Wolfurt und in mehreren Gemeindeinstitutionen tätig, erbaute für seine Familie 1937 das Haus Unterlindenstraße 32. Sein ältester Sohn ist unser Wolfurter Ehrenringträger Hubert Mohr (1922), dann folgen Emil Mohr (1925) und Raimund Mohr (1928). Ein weiterer Sohn des Fidel ist Gebhard Mohr (geb. 1897) mit den Söhnen Werner (1935), Helmut (1938) und Walter (1947). Die Linie Fidel Mohr blüht in Wolfurt in zahlreichen großen Enkelfamilien fort. 17 Mohro Veres in Rickenbach Siegfried Heim Vor der Gardinenfabrik Böhler wurde 1975 an der Dornbirnerstraße in Rickenbach das Gmeinerhaus abgebrochen, das im Volksmund meist «Mohro Veres» oder auch «Mohro Feliples» genannt wurde. Mehr als 100 Jahre lang hatte sich der Hausname Mohr hier noch gehalten, wenn auch diese Seitenlinie längst ausgestorben war. 2. V Jakob Mohr, der 1748 als erster Mohr ins Eulentobel gekommen war, hatte in Schwarzach einen Bruder Georg Mohr (1727-1777) mit einer großen Familie, aus der zwei Söhne nach Rickenbach übersiedelten. 3. V Johannes Mohr, geb. 1767, bewohnte mit seiner Familie das Haus Brunnengasse 4, kehrte aber auf seine alten Tage wieder nach Schwarzach zurück. Das Haus ist 1855 abgebrannt. Heute wohnt dort Höfle Martin. Franz Xaver Mohr (1769-1817) erwarb um 1795 das Haus des Kellhofammanns Johannes Albinger, Dornbirnerstraße 8. Von seinen 11 Kindern starben 9 im zartesten Alter. Er selbst wurde 1817 in Opfenbach vom «Schlagfluß» ereilt. Seinen Leichnam hat man nach Wolfurt überführt. 4. V Franz Josef Mohr (1806-1836) starb schon als 20jähriger auf einer Geschäftsreise (vermutlich Wetzsteinhandel) in Alt-Breisach am Rhein. Damit endete diese Mohr-Linie. Seine junge Witwe Agatha Schwerzler verehelichte sich 1837 mit Gebhard Gmeiner aus Bildstein, dessen Nachkommen noch lange fälschlich «Mohro Veres» oder auch nach einem Sohn «Mohro Filippos» genannt wurden. «Vere» war einer der Leitnamen im Geschlecht, der sich in Dornbirn und in Wolfurt lange gehalten hat. Der häufigste Leitname war aber «Josef» oder auch «Josef Bernhard». Beide sind noch heute in der Linie Josef Mohr verbreitet. In der Linie «Michael» taucht der Leitname eher zufällig bei den Urenkeln wieder auf. Viel häufiger sind dort die schönen Namen Martin, Gebhard, Karl und auch Johannes. Seit 1748 werden sie bei den Mohr in Wolfurt getauft. In dieser Zeit hat die Sippe als Bauern, Handwerker und Beamte, aber auch als Gemeindemandatare und Vereinsverantwortliche unendlich viel für die Gemeinschaft der Wolfurter getan. Und immer wieder mußten sie zu den Soldaten, immer wieder wurden Väter und Söhne aus den Familien gerissen. Wir wünschen dem starken Geschlecht der Mohren von Wolfurt weiteres Blühen und Gedeihen! 18 Ganz große Bäume Naturdenkmale in Wolfurt Unser Ried ist ein wunderschöner Naturpark. Herbststimmungen und Rauhreif erfreuen den Wanderer ebenso wie das Erblühen der Streuewiesen im Frühling. Ganz wesentlich wird die Landschaft von den großen alten Bäumen geprägt, von Eichen und Birken und riesigen Weiden. Etwa 50 Meter nordwestlich der Betonbrücke beim Kiesfänger steht im Auwald an der Kesselstraße versteckt eine besonders alte Weide, «an Feolbar» haben ihn unsere Eltern genannt. Mistelbefall und Baumschwamm zeigen an, daß seine Jahre gezählt sind. Bald wird ihn ein Sturm knicken. Vielleicht werden Menschen wieder die Hand an ihn legen, vielleicht die gleichen, die vor Jahren die eine Seite mit Bauschutt abgedeckt haben, oder jene, die jetzt unter seinem Blätterdach nach Grundwasser bohren. Begeistert und beeindruckt haben meine Schüler zu viert den mächtigen Stamm umspannt: 5,20 Meter! Mehr als 1,60 Meter Durchmesser. Das ist weit mehr, als die Biologiebücher erlauben. Dort lese ich (Dr. Amann, München 1954): «Silberweide, Weißweide. Stattlicher, mittelgroßer Baum. Wächst sehr rasch; wird 80-100 Jahre alt, bis 24 m hoch und über 1 m stark.» Unsere Vorfahren haben die Silberweide an vielen Gräben und Straßenrändern im Ried gepflanzt, indem sie einfach eine Weidenrute in den feuchten Boden steckten. Die Bäume wurden dann alle paar Jahre «gstümmolot» oder «abgworfo». Alle ihre Äste wurden abgesägt. Das starke Ausschlagsvermögen der Weiden ließ schon im nächsten Jahr aus dem knorrigen «Kopf» unzählige Ruten hervorschießen, die den «Kopfweiden» besonders im nebeligen Herbst ein koboldhaftes unheimliches Aussehen verliehen. Weil in den hohlen Stämmen nicht selten auch Eulen und anderes Getier Zuflucht fanden, hielt man sie für die Wohnung von Hexen und Geistern. 19 Ich habe die Weide an der Kesselstraße für die größte in Wolfurt gehalten. Nun aber hat mich das Buch «Vorarlberger Naturdenkmale 1991» von Krieg/Alge zu einer weit größeren geführt. Zwei Bäume in Wolfurt sind als Naturdenkmale geschützt. Der eine ist die bekannte Eiche am Wiesenweg südlich vom Holzwerk Berchtold. Sie hat einen Umfang von 4,40 m und ist 1,40 m dick. Sie erscheint mit ihrer Baumkrone von etwa 25 m Höhe noch sehr gesund, obwohl ihr das Überfahren der halben Wurzelscheibe mit schweren Lastautos und die Giftgase ganz bestimmt zusetzen. Mich überraschte, daß Dr. Krieg das Alter dieses Prachtbaumes auf erst 130 Jahre schätzt. Die Stieleiche (weil zwei oder drei Eicheln an einem langen Stiel hängen) wird über 30 m hoch, 2 m dick und nicht selten 500 Jahre alt. In Einzelfällen sollen Eichen aber auch über 2000 Jahre alte geworden sein. Im Naturdenkmal 1. Die Stieleiche am Wiesenweg hat Ried waren sie früher sehr häu- 4,40 m Umfang. fig. Im Schatten rasteten Bauersleute und Weidevieh. Beim Gewitter galt «Eichen sollst du weichen!» Hofsteiger Sauhirten trieben die Schweine der Genossenschaft täglich zur Eichelmast in die Ried-Allmende. Als man die Riedstücke 1798 verteilte, blieben die Bäume ausdrücklich gemeinsames Eigentum. Das wertvolle, harte und wetterbeständige Eichenholz benötigte man ja für Brücken, Fässer, Markpfähle, Schwellen und schwere Tore. Die gerbstoffreiche Rinde zerkleinerte man in den wasserbetriebenen «LorStampfen» am Rickenbach und im Bannholz zu Gerberlohe für die vielen Wolfurter Gerber. 20 Nur 200 Meter westlich von dieser Eiche steht mitten im «Wiosa» das zweite Wolfurter Baum-Denkmal. «Wiosa» nannten die Bauern das oberste Ried zwischen Wiesenweg, Flotzbach, «Schribare» und «Speock», das sie durch den tiefen Wiesengraben zum Speckgraben entwässerten. Hier sind noch ein paar besonders schöne alte Bäume erhalten geblieben, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Die größte Weide davon trägt seit 1985 eine winzige Tafel: «Dieser Baum steht unter Naturschutz.» Der gewaltige Stamm hat an der dünnsten Stelle einen Umfang von 6,50 m, ist also mehr als 2 m dick! Am Boden fanden wir sogar einen Umfang von 8 m und auch die Äste sind noch über 1 m dick. Nach Dr. Krieg ergab eine Bohrprobe an diesem Riesen ein Alter von 100 Jahren, also das Höchstalter für Silberweiden. Er fand den Baum noch «vital» und «ohne nennenswerten Pilzbefall». Das hat sich leider schnell geändert. Im November 1991 mußten wir etliche über einen halben Meter große Baumschwämme entdecken, von denen zwei sogar wegen ihres übergroßen Gewichtes zu Boden gestürzt waren. Auch die vielen Misteln in der Krone lassen ahnen, daß die Widerstandskraft dieses fast 30 m hohen Baumes im Schwinden ist. Naturdenkmal 2. Die hundertjährige Silberweide Schaut ihn noch an, Ihr zwischen Wiesenweg und Schreibern ist über 2 m dick Wolfurter! Von Spätherbst bis und hat 6,50 m Umfang. Sie ist der größte Baum in Frühjahr ist er sowohl vom Wolfurt. Wiesenweg als auch von der untersten Flotzbachstraße her (100 m nördlich der Illwerke-Masten) leicht zugänglich. Er wird bald fallen! Moderne Maschinenbauern pflanzen keine Riedbäume mehr. Sie haben keine Zeit mehr zum «Z'Nüne-Eosso» im Schatten der Eiche, kein Weidevieh mehr, das 21 Siegfried Heim Wolfurter Grenzen im Ried Seit einigen Jahren entdecken immer mehr Radfahrer und Wanderer die Schönheiten unserer Riedlandschaft. Wenn auch Güterbahnhof und Autobahn große Stücke beansprucht haben, so ist doch zwischen Wolfurt und Lustenau, Lauterach und Dornbirn ein herrliches Land geblieben, das uns allen gehört. Luft und Bäume, Wasser, Wild, Schilf und Hecken sind uns allen anvertraut. Vögel und Rehe wechseln über die Gemeindegrenzen und die Radfahrer erkennen solche meist auch nicht. Das ist gut so! Vielleicht möchte aber ein aufmerksamer Wanderer doch wissen, wie weit Einflußnahme und Verantwortung der Gemeinde Wolfurt im Ried reichen. Ihn möchte ich einladen, mir auf seinem Fahrrad zu folgen. Gleichzeitig bitte ich ihn aber herzlich, auf den Wegen zu bleiben und den Hund niemals frei stöbern zu lassen. Wir kommen in Tierreservate, deren Betreten in der Brutzeit vom 1. März bis zum 31. August abseits der Wege nicht gestattet ist. Kopfweide im untersten Holzried um 1940. Die Fichte auf ihrem Kopf brach der Sturm 1945 herab. Heute führt hier die obere Senderstraße am Güterbahnhof vorbei. I. Zum Südpunkt im Weitried. Wir haben auf der Kesselstraße die «Steinerne Brücke» erreicht (Punkt A auf der beigefügten Skizze I.). 50 Meter weiter westlich verbirgt sich rechts im Dickicht eine Riesen-Silberweide mit über 5 m Stammumfang. Links blicken wir über die Schwarzach in den Wolfurter Kiesfänger hinein. Mit großem Aufwand hat er 1990 ein völlig neues Aussehen bekommen. Nun soll er Geschiebefang und Biotop zugleich sein. Wenn die mit Sorgfalt ausgewählten Bäumchen in wenigen Jahren feste Wurzeln geschlagen haben und Buschwerk die Baustellen abdeckt, werden hier wieder seltene Vögel nisten. Schon jetzt sind Wasseramsel und Nachtigall heimisch. Hier sollen gefangene Serben 1943 den letzten Fischotter erlegt haben. Über die Steinerne Brücke fahren wir ans Südufer auf Schwarzacher Gebiet. Die Dammstraße links und der Weg gerade aus ins Mittelried führen nach Schwarzach. Rechts haben Schwarzacher Schrebergärtner ihre Hütten auf den ehemaligen 23 unter den Feibern wiederkäut. Sie schneiden keine Ruten mehr für «Zoanna, ObsKrätto und Wösch-Körb». EG-Bauern glauben, sie müßten schnelle Traktoren unbehindert über ihre Felder jagen. Zu viele Bäume sind deshalb schon verschwunden. Denkmal-Schutz für morsche Riesen ist zu wenig! Eine Gemeinde, die riesige Riedflächen dem Güterbahnhof und der Autobahn geopfert hat, muß umso mehr für die Natur tun. Im Wiosa, i dor Schribare, im Birka, im Nöü-Wiasa, im Wit-Riod! Wir müssen wieder Bäume pflanzen! Für Eulen und Meisen, für Wasser und Luft, für uns und unsere Enkel. 22 Müllplatz gebaut. Zwischen ihnen und dem Kiesfänger fahren wir rechts hinab ins Wolfurter Weitreid. Schon nach 100 m erreichen wir beim letzten Häuschen (B) die Grenze. Schnurgerade führt von hier ein Grenzgraben nach Südwesten zum Südpunkt (S) auf der Bundesstraße. Mit dem Fahrrad können wir ihm allerdings nicht folgen. Aber wenigstens ein Stück vom oberen Weitried wollen wir noch erkunden. Rechts hat barmherziges Buschwerk den häßlichen Wolfurter Müllberg aus den 60er Jahren überwuchert (C). Eines Tages muß er noch als Altlast saniert werden. Geradeaus könnte man mit gutem Schuhwerk auf dem linken Achdamm zur Hohen Brücke wandern. Wir biegen aber auf den Fahrweg links ab. Nach 100 Metern beginnt bei einer schönen Birkengruppe der Weitriedgraben. Er wurde wohl schon zu Maria Theresias Zeiten gegraben, als man hier unten, eine Stunde weit vom Dorf, schmale Kartoffeläcker anlegte, jeder vom Nachbarn durch einen Wasserabzugsgraben getrennt. Nach weiteren 100 Metern kommen wir zum wasserreichen Konradsgraben. Vom Schwarzacher Roßfäng her bringt er sein Wasser ins Wolfurter Weitried. Er wird noch um das Wolfurter Pfarrwidumsstück geleitet, ehe er sich in den Mittelriedgraben ergießt. Seit vielen Jahren verpachtet Wolfurter Südpunkt. Links von der Ampel bei Dornbirn-Nord endet unser Gemeindegebiet. 25 24 die Pfarre Wolfurt hier ihren großen Acker an fleißige Schrebergärtner, die auf dem steinlosen Moorboden Gemüse ziehen. Am Südende des Widums (D) fließt der große Schwarzacher Mittelriedgraben vorbei, quert das ganze Weitried und mündet erst 400 m unterhalb der Bundesstraße in den Scheidegraben. Wir sind noch 400 m vom Südpunkt (S) entfernt, aber mit dem Fahrrad müssen wir jetzt umkehren, zurück zur Steinernen Brücke (A). Auf der Kesselstraße erreichen wir die Hohe Brücke (E) und fahren auf der Nebenfahrbahn der Bundesstraße B190 nun etwa 700 m weit nach Süden. Dort kommt linken Achdamm ins Untere Weitried wandern. Bei (F) endet Wolfurt bei einem verfallenen Gemäuer. Es ist das ehemalige Einlaßbauwerk für den Scheidegraben. Weil hier immer wieder Hochwasser ausgetreten ist, hat das Land den Scheidegraben weit auf Dornbirner Gebiet unter der Autobahn durch zur Dornbirnerach umgeleitet. Hier findet Dein aufmerksames Auge in Hecken und Sumpfwiesen immer wieder neue Wunder. Natürlich kannst Du, statt diesen Abstecher zu machen, auch gleich die Runde zum Westpunkt anhängen. IL Zum Westpunkt im Schwarzen Zeug Heute wollen wir ganz weit hinab ins unterste Birka bis fast zum Sender. Bei der Anfahrt vom Flotzbach schauen wir nach den beiden Denkmal-Bäumen am Wiesenweg und gelangen dann auf der breiten Senderstraße am Güterbahnhof vorbei auf die Brücke über die Bundesstraße B190. (G) Ganz bewußt halten wir vorsichtig am Brückengeländer an und nehmen den Verkehrslärm auf. Der Blick zurück nach Wolfurt findet nichts mehr von den großen Streuewiesen im Kupferloch und im Holzried. Seit 1972 wurden hier auf tiefem Sumpf massive Schüttungen aufgebracht und große Gebäude erstellt: Güterbahnhof, Groß-Postamt, Zentral-Zollamt, Speditionen, Industriebauten und ÖBB-Kraftwagendienst. Sie werden überragt von den gewaltigen Portalkränen und den Masten für die Halogen-Scheinwerfer, die hier im einst so einsamen Ried die Nacht zum Tag machen. Unter der Brücke brausen stündlich bis zu 2000 Autos durch. Man versteht das eigene Wort nicht. Wir drehen uns weg und flüchten, nach Westen, ins Birka! Unter der Straße durch führt die kleine Birkastraße nach links an «Böscho Stadel» vorbei ins obere Birka. Dorthin, zu den großen Eichen und zur Jägerhütte am Birkagraben (H) gehen wir ein anderes Mal, am besten zu Fuß. Heute fahren wir auf der Senderstraße ein Stück Richtung Lustenau. Nach 100 Metern überqueren wir zum ersten Mal den von Bäumen gesäumten Zielgraben, der hier die Drainagegräben sammelt. Links, an der Neuwiesenstraße, hat sich ein fürchterliches Hüttenwerk angesammelt. 27 Der Scheidegraben am Südpunkt trennt das Wolfurter Weitried (rechts) von der Gemeinde Dornbirn. links aus dem Haselstauder Ried der tiefe Scheidegraben. Er wird unter dem Wirrwarr von Ampeln und Schildern an der Bundesstraße durchgeführt und bildet nun als «Scheide» nach Nordwesten die Grenze des unteren Weitriedes zwischen Wolfurt und Dornbirn. Am Straßenrand, direkt östlich der Verkehrsampel, stehen wir am Südpunkt (S). Hast Du gewußt, daß sich das Wolfurter Gemeindegebiet bis zur Autobahnauffahrt Dornbirn-Nord erstreckt? Große Eschen und Birken im Nordosten und ein kleiner Pappelwald im Nordwesten markieren den Grenzverlauf. Ein ruhiger Punkt ist das allerdings nicht. Wenn Du einen solchen suchst, könntest Du jetzt bei der Hohen Brücke (E) Dein Fahrrad abstellen und zu Fuß auf dem 26 Hennen, Truthühner, Schafe, meist auch ein bellender Hund und viel Mist kommen ins Bild. Die vielen schmalen Parzellen im «Nöü-Wiosa» waren zweihundert Jahre lang bis 1950 die wichtige Grundlage für die Ernährung der Wolfurter mit «Türggo und Bodobiora». Jetzt werden nur mehr wenige Äcker von Hobbygärtnern bewirtschaftet. Am Geländer über den Landgraben halten wir kurz an. In diesem tierfeindlich ausgemauerten Kanal fließt das Wasser all unserer klaren Waldbäche zwischen Kirche und Rutzenberg. Die schmale Straße an seinem rechten Ufer erschließt hier im Mittel-Neuwiesen und auch noch unterhalb der Autobahn die letzten Wolfurter Parzellen. Wir unterqueren die Autobahn und erreichen nach etwa 200 Metern den Lauteracher Grenzgraben (J). Stop! Vor uns liegt das Lauteracher Ried mit den großen schönen Bäumen. Die Schilffelder links sind Wolfurter Torfgründe, aus denen noch bis 1960 «Schollo» gestochen wurden. Die erste Lauteracher Parzelle hat ein Blumenfreund in einen prachtvollen Garten mit einem kleinen Häuschen umgewandelt. Daneben aber träumt noch unberührtes Ried mit Birken, Moos und Weidengebüsch. Die Senderstraße durchschneidet einen besonders schönen Teil des Rieds. Hier endet Wolfurt 200 m westlich der Autobahnunterführung 28 29 Vor ein paar Jahren nisteten hier noch der «Hoo-Lippar», der Brachvogel mit dem langen krummen Schnabel, und auch die scheue Bekassine, eine Schnepfe mit geradem Schnabel. Wir kehren um. Knapp vor der Autobahn (bei K) biegen wir nach rechts auf die schmale Asphaltstraße mit Auto-Fahrverbot ab, Richtung Dornbirn. Am Damm hat der Straßenmeister ein paar Büsche gepflanzt und ein paar Tümpel angelegt winzige Pflaster auf der fürchterlichen Wunde, die die Autobahn ins Ried geschlagen hat! Immerhin aber haben sich Frösche und Libellen schon hier niedergelassen. Nach rechts zieht der Landgraben ins untere Ried hinab. Nach 400 Metern wird er zum Grenzgraben zwischen Wolfurt und Lauterach. Sein rechter Damm ist stark überhöht. Noch bis vor 20 Jahren hat dieser harmlos scheinende Bach manchmal das Lauteracher Ried bis zu den Häusern von Hard überflutet. Der nächste Kanal ist der Zielgraben. Er muß die Abwässer der Autobahn aufnehmen. Die unauffälligen 25 Meter langen Mauern und die anschließenden großen Bodengitter gehören zu einem riesigen Rohrsystem, das wohl das Öl, nicht aber die Tonnen von Streusalz abfiltert. Die Schaumblasen auf dem Wasser im Frühjahr kommen allerdings vom oberen Birka her. Dort haben «Landwirte» mit Klärschlamm und Jauche überreich gedüngt. Wochenlang wäscht es den Dreck nun durch die Drainagegräben in Richtung Bodensee. Der dritte Bach ist der Unterlauf des Birkagrabens. Dann macht unser Radweg eine große Rechtskurve durch saure Wiesen, in denen noch Wollgras, Knabenkräuter und Mehlprimeln blühen und im Frühling der Kiebitz balzt. Bei der Kreuzung (L) biegen wir nach rechts ab, zu den Mäandern der alten Schwarzach. Die Schwarzach war seit dem Mittelalter, seit 1338, die historische Grenze zwischen dem Einflußgebiet von St. Gallus-Bregenz und St. MartinDornbirn. Das Dorf Schwarzach war damals durch Jahrhunderte geteilt. Auf alten Landkarten heißt der Fluß hier unten fälschlich «Rickenbach». Bis 1910 wälzte er sich unterhalb der Hohen Brücke durch zahlreiche Flußschlingen zur Dornbirnerach, an denen er oft über die Ufer trat. Nach dem Hochwasser von 1910 schnitt man die Mäander durch einen geraden Kanal ab. Dabei fielen etliche Hektar Sumpf im «Schwarzo Zug» von Dornbirn an Wolfurt. Der Müller Lorenz Gunz besaß daneben ein riesiges Feld. In seiner Chronik beschreibt er ausführlich 30 den «alten Rickenbach» und den neuen. Entgegen der Chronik und den Plänen wollen wir aber dabei bleiben: Der Rickenbach mündet schon beim Kessel oben in die Schwarzach. Unter der Hohen Brücke fließt die «Schwarzach» durch - auch wenn das blaue Flußschild dort fehlt. Die ersten Mäander, an denen wir entlang fahren, führen selten Wasser und sind wundervolle Inseln des Lebens in einer sonst arg strapazierten Landschaft. Bei den Eisengeländern der Brücke über den Zielgraben, der hier sein Wasser ins alte Achbett bringt, erreichen wir die Gunz-Wiesen. Darauf stehen noch (1992!) die Startrampen der Modellflieger. Wir stellen die Fahrräder ab. An der Hütte vorbei, die vor Jahren einmal als Kiosk beim Wälderhof stand, erreichen wir nach 200 Metern die Gemeindegrenze am Landgraben (M). Dieser verläßt hier allerdings in weitem Rechtsbogen die Grenze, weil er aus Überflutungsgründen noch ein gutes Stück parallel zur Dornbirner Ach geführt wird, ehe man ihn beim Sender unten einmünden läßt. Wer wasserfeste Stiefel hat, kann nun - nicht in der Brutzeit, bitte! - an den Mäandern entlang zur Hütte zurückwandern. Aufmerksame Augen entdecken hier manche Kostbarkeit. Der Bach ist tief in den Lehmgrund eingeschnitten. An den Steilufern sieht man gelegentlich den blaugrün schillernden Eisvogel. Ob er hier noch Bruthöhlen baut? Vielleich entdeckst Du sogar die Kielwellen, die eine scheue Bisamratte durch das Wasser zieht. Sie stammt aus Nordamerika, hat sich aber seit 80 Jahren über ganz Europa ausgebreitet und ist seit 1980 bei uns heimisch. Sie durchwühlt die Ufer. Der Höhleneingang ist nicht zu entdecken, er liegt unter dem Wasserspiegel. Dafür siehst Du wohl die überwachsenen Hügel von großen Dachsbauen. Vor 50 Jahren hat der Dachs in den Maisäckern im Neuwiesen schwere Schäden angerichtet. Seither haben ihn Menschen und Autos aus dem Ried verjagt. Der zähere Fuchs aber jagt hier noch, wie der Jagdaufseher berichtet. Nahe der Hütte ermöglicht ein Balken dem trittsicheren Wanderer den einzigen Übergang. Wir ziehen es aber vor, mit dem Fahrrad zurück zur Kreuzung (L) und dann nach rechts auf die Brücke (N) zu fahren. Hier beginnt das Gebiet der Stadt Dornbirn, das erst weit oben hinter dem First auf den Damülser Bergen endet. Dieser Radweg führt in die herrlichen Achauen bei Martinsruh und erschließt beim Werbenhof das weite Dornbirner und Lustenauer Ried. Wir bleiben aber auf 31 der Wolfurter Seite und fahren auf dem holprigen rechten Achdamm flußabwärts, durch wuchernde Hecken und an prächtigen Sumpfwiesen vorbei. Wir dürfen unsere Augen auch nicht verschließen, wenn wir entdecken, wieviel Plastikfetzen und Unrat das letzte Hochwasser (bis 4 Meter über dem Niedrigwasser!) in die Baumzweige gehängt hat. Leider! trotz Müllabfuhr in den Gemeinden. Das letzte Stück müssen wir zu Fuß auf schlechtem Pfad durch den seit Jahren nicht mehr abgeernteten Schilf gehen. Plötzlich ein Stacheldraht, eine gepflegte Wiese mit einer jungen Eiche! Wir sind am Ziel, am Westpunkt (W) unserer Gemeinde. Hier mündet links die Schwarzach in die Dornbirner Ach, die ab jetzt Grenzfluß zwischen Dornbirn und Lauterach ist. Das dunkle klare Wasser der Schwarzach mischt sich mit dem milchigtrüben der Dornbirnerach. Nur ein paar Hundert Meter weiter flußaufwärts leiten die Dornbirner nämlich das Abwasser ihrer gigantischen Kläranlage - chemisch neutralisiert! - in ihre Ach. Ein Wunder, daß hier noch Forellen und Nasen vom See heraufwandern! Die Wiese vor uns ist Lauteracher Gebiet. Die Wildnis um uns gehört noch zu Wolfurt. Ein kostbarer letzter Zufluchtsort für bedrohte Tiere! Ganz weit im Wolfurter Westen! Wir kehren um, zurück zur Kreuzung (L). Jetzt fahren wir nach rechts, unter der Autobahn durch. Hier dröhnt der Autoverkehr unheimlich. Wie schaffen es die Rehe nur, durch dieses Loch vom unteren ins obere Birka zu wechseln? Zu Weihnachten 1991 war es allerdings vom Hochwasser bis an den Rand gefüllt und dann zugefroren, also lange Zeit unpassierbar. Hundert Meter östlich der Unterführung steigen wir auf den Achdamm. Auf der anderen Seite erkennen wir in den Büschen ein rostiges Geländer und das zerfallene Einlaßbauwerk des Scheidegrabens (F). Von dort verläuft die WolfurtDornbirner Grenze nun ganz gerade durch das Weitried hinauf zum Südpunkt (S) bei den Ampeln der Auffahrt Dornbirn-Nord. Wir schauen noch einmal zu First und Säntis und über das letzte Stück unseres schönen Rieds, dann geht es weiter zur Hohen Brücke - der Verkehr hat uns wieder! Und noch ein Tip: Kumm widor! Ganz allein, zu Fuß, mit Fernglas und Fotoapparat. Im Frühling, wenn die Mehlprimeln zarte Pünktchen ins Moor setzen! Im Herbst, wenn die Birken gilben! Oder im Winter, wenn die Eichen bizarre Graphiken in den grauen Himmel zeichnen! - Und wenn es Dir gefällt, dann bestärke doch unsere Gemeindevertreter in deren Bemühen, das Ried - unser aller Ried - zu erhalten! Lebensraum Ried bedroht! Auszug aus Landeskorrespondenz Nr. 72 vom April 1991 Die Streuewiesen sind als Lebensraum einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt von größter Bedeutung. Ihre Erhaltung ist von einer naturschonenden Nutzung durch Landwirte und Erholungssuchende abhängig. Verschiedene Grundregeln müssen eingehalten werden: Das Betreten von Streuewiesen ist in der Zeit vom 1. März bis 31. August, ausgenommen für zulässige Verrichtungen in Ausübung des Grundeigentums, verboten. Die bodenbrütenden Riedvögel, wie der schon seltene große Brachvogel, dürfen bei der Brut und der 33 Am Westpunkt im Schwarzen Zeug. Links mündet die Schwarzach in die Dornbirner Ach. Rechts beginnt das Lauteracher Ried. 32 Aufzucht ihrer Jungen nicht unnötig gestört werden. Ebenso ist das Reiten auf den geschützten Wiesen verboten. Da Streuewiesen vorwiegend auf feuchten und nassen Moorböden wachsen, werden sie bei der hohen Trittbelastung durch die Pferde zerstört. Die im Ried bestehenden Gräben dürfen von den Grundeigentümern und Bewirtschaftern nur in der Zeit von 1. Oktober bis 31. März instandgehalten werden. Dabei sollen die Gräben nur so tief gezogen werden, wie es für die Ableitung des Oberflächenwassers unbedingt erforderlich ist. Verboten ist auch das Abbrennen der Streuewiesen. Dabei werden nicht nur Kleintiere zerstört, es führt auch zu unnötiger Luftverunreinigung. Lebensraum von größter Bedeutung? Und trotzdem S18-Pläne? Trotzdem ständig steigende Autozahlen? Steigende C02-Werte? Trotzdem .. ? Siegfried Heim Nach Amerika (2.) In Heft 4, Seite 25, habe ich über ein paar Auswandererschicksale berichtet. In Heft 8, Seite 7, steht von den 34 Leuten aus Strohdorf und Hub, die um 1850 eine neue Heimat in Amerika gesucht haben. Darunter war auch der Sternenwirtssohn Nikolaus Fischer mit seiner Frau und neun kleinen Kindern. Wir fragten uns: Wo mögen sie im fernen Land ein Dach gefunden haben? Ganz überraschend konnte der Bregenzer Historiker Mag. Meinrad Pichler eine Antwort geben. Ein Pfarrer Huber aus Alberschwende hat 1872 den Wilden Westen bereist und die Ansiedlungen der Vorarlberger besucht. Nach dem großen Aufstand der Sioux-Indianer von 1862 - viele Wolfurter wurden in der kleinen Stadt Neu-Ulm in Minnesota belagert, 500 Neuansiedler kamen ums Leben - war Ruhe eingekehrt. Pfarrer Huber berichtet in seinem Tagebuch, daß er die Familie Fischer im Besitz einer «schönen Heimat» in Fremont angetroffen habe. Gott sei Dank! Nach Notizen in den Wolfurter Archiven sind zwischen 1849 und 1872 insgesamt 198 Wolfurter ausgewandert. Das sind 13 Prozent der 1500 Einwohner! Zwei gingen nach Australien, alle anderen nach Amerika. Der Schwerpunkt ihrer Ansiedlungen lag in Wisconsin und in Minnesota am Oberlauf des Mississippi. Längst sind sie Amerikaner geworden. Im heurigen Jahr 500 nach Kolumbus stellt sich in Amerika die Frage nach der Geschichte. History-Vereine erforschen die Einwanderungswellen und die Wurzeln in Europa. Auch an unser Pfarramt sind eine Reihe von Anfragen gekommen. Wilfred Schneider reiste selbst aus British Columbia in Canada an und ließ sich zu den Häusern seiner Ahnen führen. Einer seiner Vorfahren hat 1806 das Rädlerhaus an der Kellhofstraße gebaut, ein anderer wohnte im Samüllerhaus. Auch Jakob Schertler, der Schützenmajor von 1809, gehört zu seinen Vorfahren. 35 Schollen aus dem Ried Getrockneter Torf war früher eine wichtige Einnahmequelle für Wolfurter Bauern. Das bestätigt auch eine Rechnung aus dem Gemeindearchiv, die der «Caminfeger» Albinger im Instrumentenmacherhaus am Strohdörfler Brunnen an die Gemeinde richtete. Ein Fuder getrocknete Scholllen entsprach etwa einem Taglohn, in der Kaufkraft aber nicht einmal 100,- S von heute. Quittung Pr 6 f wörtlich sechs Gulden R. W., füer gegrabener, gederter und aufgeladener Schollen zum Haizen der Schulöffen. Hr 9fuder a 40 Kreuzer. Hr Lizidanto von dem gemeinds kassier Joseph Schneider Namens der gemeinde richtig empfangen zu haben hiemit quittire. Dann 3 Tag die feuerstette besittigef1 und füer den Tag 48 Kreuzer. Macht zu Sammen 2 f24 X. Wolfurt den 11 ten November 1826 Fidel Albinger *} durchgeschaut, repariert 34 Aus Wisconsin schrieb Scott Brunner, der in die gleiche Verwandtschaft gehört. Sein Ahn, der Sattler Johann Georg Rohner, hat 1839 das Haus Bützestraße 11 (Rüsto Tones) gebaut. Aus New Hampshire meldete sich William Brander. Zu seinen Ahnen zählt ein Geiger Martin im Haus Schloßgasse 1 (Stenzlers). Vom gleichen Stammvater stammen u. a. «Gigars im Röohle», Geigers im Adler, «Höllbur-Gigars» und Geigers am Unterlindenbrunnen. Schließlich fragte auch noch John Fischer aus Florida an. Er stammt aus dem Geschlecht des ersten Wolfurter Vorstehers Johann Georg Fischer im Haus Hofsteigstraße 27 («Schützen»). Als der Enkel Ferdinand Fischer 1865 nach Fremont in Ohio kam, waren dort andere Wolfurter schon jahrelang ansässig. So heiratete er denn auch mit Johanna Schneider ein Wolfurter Mädchen aus der Verwandtschaft unseres großen Malers Gebhard Flatz. Von den vielen Fischer-Verwandten haben neben dem 94jährigen Dr. August Fischer auch eine Reihe von Rupert Fischers kleinen Enkeln aus dem Flotzbach ihrem unbekannten Vetter im sonnigen Florida Grüße geschickt. Wir warten gespannt auf die Antwort. Mag. Pichler arbeitet an einem Buch über die Auswanderung. Vielleicht könnte uns jemand Fotos oder Dokumente von Verwandten aus Amerika zum Kopieren überlassen? Von Martha Hinteregger bekam ich einen solchen Brief. Er stammt von ihrem «Vetter» Theodor Rohner, dem «Pfarrer in Amerika». aufgeweckte Theodor hatte bei Lehrer Martin Köb, Oberlehrer Wendelin Rädler und Schulschwester Gottfrieda Oberhollenzer eine gute Volksschule gehabt. Nun schickte Pfarrer Georg Sieber den elternlosen Buben ins Lehrerseminar nach Tisis. Haus und Hof mußten verkauft werden. Bald wurde Theodor von einem Internat ins andere gereicht. Über Wien kam er nach Böhmen, dann gar nach Irland und schließlich 1897 nach Amerika. In Milwaukee, Wisconsin, trat er in das Priesterseminar ein und feierte 1903 Primiz. Nach sechs Kaplanjahren wurde er 1909 Pfarrer in Mount Horeb und 1928 bis 1946 Stadtpfarrer in Beaver-Dam, Wisconsin. Krankheitshalber mußte er in Pension gehen, konnte aber 1953 noch sein goldenes Priesterjubiläum feiern. Zeitlebens hielt er Briefkontakt mit seinen Wolfurter Verwandten. Aus dem letzten Brief des greisen Pfarrers, dem er auch eine Zeichnung von den Häusern im Loch unter Engel und Schwanen anfügt, ist sein Heimweh spürbar: «Ob ich noch einmal in die Heimat komme . . .». 1955 wurde Theodor Rohner in die Ewige Heimat gerufen. Eine Inschrift am Pfarrergrab von Wolfurt empfiehlt ihn unserem Gebet. Eine alte Rechnung Konto 1826 Hab ich in die Schul 4 Stül gemacht, hab daß Holtz derzu gegeben, tut für 1 Stück 2 Gulden, also zusammen 8 Gulden. Weiters ich und der Sohn 1 Tag gewerchet, für Kost und Lohn tut 30 Kreuzer, zusammen 1 Gulden. Weiters einen Weg grösser gemacht, tut 36 Kreuzer, weiters für Negel 6 Kreuzer. Summa 9 Gulden 42 Kreuzer. Meister Frantz Xaver Schertler, Schreiner in Wohlfurth. Den 14 Jenner 1826 Der Schreiner Schertler (1747-1833) hat im Jahre 1800 «Schrinars Hus», Lauteracherstraße 6, gebaut. Es wurde 1971 abgebrochen (Reiners Armin). Aus diesem Haus stammen die vielen Familien Schertler Veres und Schertler Bernhards (Villa). Wer die Rechnung nachrechnet, muß beachten, daß ein Gulden damals 60 Kreuzer hatte. Für einen Gulden arbeiteten zwei Männer einen Tag lang. 37 Der Pfarrer in Amerika Eine bedeutende Wolfurter «Rohner»-Familie hatte ihren Hof im Loch, direkt neben der Kellhof-Weingartenmauer. Die Alten kannten das Haus noch als «Hollagoggols», heute ist es umgebaut (Im Dorf 4). Aus diesem Haus stammten die Steinbrecher-Rohner (Haldobuob) und die Instrumentenmacher-Rohner im Strohdorf. Hier wurde auch Theodor Rohner am 19. Jänner 1877 geboren. Schon mit drei Jahren verlor er die Mutter, mit 15 Jahren auch den Vater und die Stiefmutter. Der 36 Siegfried Heim Die Michaelskapelle von St. Gallus Bis zur Gründung unserer Pfarrei St. Nikolaus im Jahre 1512 gehörte Wolfurt zu St. Gallus in Bregenz. Dort wurden die Wolfurter getauft, dort wurden sie auch zur letzten Ruhe bestattet. Längst ist der alte Friedhof bei der Kirche aufgelassen. Adelige und Geistliche wurden im Mittelalter meist in einer Gruft oder einer Krypta innerhalb der Kirche begraben. Zu solchen Ehren könnten in St. Gallus die Ritter von Wolfurt gekommen sein, falls sie nicht doch eine Gruft in der Nikolauskapelle in Wolfurt besaßen. Einen kleinen Hinweis finden wir in der Michaelskapelle. Sie ist nach Art einer Krypta unter den Chor von St. Gallus gebaut und nur von außen über eine kleine Stiege auf der Südseite zugänglich. Nur ganz selten wird die Türe für eine Führung geöffnet. Eine solche Gelegenheit hatte letztes Jahr Dr. Paul Gmeiner, ein alter und begeisterter Wolfurter. Er schickte mir Skripten, die die Bregenzer Historikerin Frau Reckefuß-Kleiner zusammengestellt hat. Sie basieren auf Forschungen von Landesarchivar Viktor Kleiner von 1911 und von Andreas Ulmer 1926 (Zeitschrift Alemania). Die Wände der Michaelskapelle sind mit Fresken geschmückt, die dem Bregenzer Maler Urrich Geser um 1500 zugeschrieben werden. Sie sind von großem kunsthistorischem Wert und für Wolfurt besonders interessant. Im Jahr 1911 beschrieb sie Landesarchivar und Landeskonservator Viktor Kleiner wie folgt: «Gleich beim Eingang in die Gruftkapelle fällt unser Blick auf das umfangreiche Votivbild der Familie Kaisermann. Rechts halten kleine Engel einen einfachen Vorhang. Davor stehen der Heilige Gallus im Mönchsgewand mit dem Abtstab und die Muttergottes mit dem Christkind auf dem Arm. Vor ihnen kniet von rechts nach links die Stifterfamilie: drei Ehepaare der Familie Kaisermann. Zu ihren Füßen lehnen die Wappen und über ihren Häuptern sind die 38 Inschriften angebracht: Johann Kaisermann, 11386, und seine Gattin Maria von Wolfurt, 11415, deren Sohn Heinrich Kaisermann, 11465, und seine Frau Elsbeth Schmidin, 11465 (aus der nachmals so berühmt gewordenen Familie der Schmid von Wellenstein), dann deren Sohn Hans Kaisermann (wahrscheinlich der Stifter des Bildes), gestorben nach 1498, und dessen Frau Elsbeth Zollerin von Zürich. An der Stirnseite des langgestreckten Kapellenraumes sieht man das schlecht erhaltene Bild des Heiligen Michael mit der


Heimat Wolfurt Heft 10 1992 September
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 10 Zeitschrift des Heimatkundekreises September 92 Die 92er. Ein besonders starker Jahrgang. 1942 zum 50er trafen sie sich mit ihrem alten Lehrer Wachter vor dem Kreuz. Mit diesem Bild grüßen wir Martin Höfle, unseren einzigen 100er. Inhalt: 40. Unser tägliches Brot (Heim) 41. Kriegstagebuch 1939-1946 (Fischer) Zum Titelbild Die 92er. «Hür schle-it jeda Stoaro us», soll Pfarrer Sieber 1892 gestaunt haben, als es so ungewöhnlich viele Geburten gab. Es wurde ein ganz besonders guter Jahrgang mit Frauen und Männern, die das Wolfurter Gemeinschaftsleben geprägt haben. Neben Oberlehrer Wachter sitzen Altbürgermeister Ludwig Hinteregger und Lehrer Alfons Fischer aus Tisis, Altadlerwirts. Du kennst sicher viele andere. Ich finde da: Sofie Köb - Gallers, Katharina Gunz im Kessel. Martha Jochum auf dem Bühel, Rosa Gmeiner - Steinhauers, Katharina Rohner - Haldobubs, Katharina Kalb Naglers, Gebhardina Böhler in Bregenz - Seppos, Rosa Schertler im Röhle, Rosa Rist in der Bütze, Berta Schertler - Altvorstehers, Katharina Gorbach - Eichenbergers, Julie Höfle - Dello Korles, Johann Arnold - an der Hub, Josef Gunz - Pläzolar, Johann Gmeinder - Frickeneschers, Paul Bohle - Mohrenwirts, Rudolf Fitz - Schwanenwirt, Hermann Fischer auf der Steig, Gebhard Klocker - Seilers, Gebhard Lohs an der Ach, Karl Podlipnik und natürlich Martin Höfle, der sich bescheiden an die Wirtshaustür drückt. DIE AUTOREN: Zuschriften und Ergänzungen zu Heft 9 Bildstein. Bis jetzt stand in vielen Schriften, die einen Druckfehler im «Rapp» nachdruckten, die Bildsteiner Kirche sei am 2. Mai 1676 eingeweiht worden. Inzwischen hatte ich Gelegenheit, in den uralten Bildsteiner Originalchroniken zu blättern und fand, daß sie schon an 2. Mai 1670 eingeweiht worden ist. Die Bauzeit betrug demnach 7 Jahre 1663 bis 1670. Ich bitte, dies in Heft 9 auf Seite 6 zu berichtigen. In Bildstein ist inzwischen eine sehr schöne bebilderte Festschrift erschienen, die auch allen Wolfurtern zu empfehlen ist. Schönes Bildstein - eine Reihe von Wanderern haben mir inzwischen bestätigt, wie sehr sie die Schönheiten von Stefano Veohwoand, Rappenfluh, Oberteilenmoos, Gallin . . . bis zur Roßgaß schätzen und daß sie auch nach den alten Parzellennamen Ausschau halten. Mohr-Sippe. Nicht alle Familienangehörigen wollten glauben, daß die Hübler und die Dörfler Mohren verwandt sind. Nun arbeiten sie an einer gemeinsamen Dokumentation. Große Bäume. Wer hat inzwischen die Riesenweide im Wiosa gefunden, angefaßt, mit staunenden Augen umgangen? Dir. Krieg von der Vorarlberger Naturschau hat den Beitrag, der ihn in seinem fast aussichtslosen Kampf für unser Ried unterstützen sollte, mit Befriedigung zu Kenntnis genommen. Wolfurter Grenzen im Ried. Das Heft Birken-Schwarzes-Zeug aus der Reihe «Natur und Landschaft» von Max Albrecht u. a. führt uns mit herrlichen Farbbildern und Karten wissenschaftlich und volkstümlich in die Tier- und Pflanzenwelt der bedrohten Landschaft ein. Es ist noch - kostenlos - im Gemeindeamt erhältlich. Unschlitt (S. 2 in Heft 9): Zu recht wurde berichtigt: In Wolfurt sagte man «Uschling» zu dem Darmfett der Rinder, mit dem man auch die Hände gegen Schrunden einfettete. Außerdem hing im Schopf ein «Su-Seckol», mit dem man die Waldsäge «gäng» machte und die «Seogass» vor Rost schützte. Nach Amerika hat sich ein vielfältiger Briefwechsel entwickelt. John Fischer schickte aus Florida eine Kopie der Todesanzeige des Wolfurter Malers Gebhard Flatz vom 19. Mai 1881, die in seiner Familie seither aufbewahrt wird. Einer seiner Angehörigen hat im Jahre 1945 als amerikanischer Offizier den Vetter Hermann Fischer an der Rutzenbergstraße auf der Steig besucht. Nun will John Fischer nächstes Jahr mit seiner Frau auch nach Wolfurt kommen (Heuer besucht er die Tochter in Singapore). Schon jetzt grüßt er alle Fischer-Familien: «Please give my most sincere best wishes to the Fischers of Wolfurt.» Heuer im Juli war Johann Heitz aus St. Louis in USA mit Sohn und drei Töchtern auf Besuch bei seinen Brüdern in Wolfurt. Der rüstige 85jährige Mann spricht drüben in 1 Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor i. R. Hofrat Dipl. Ing. Alfons Fischer, geboren 1920 in Wolfurt. Er war Leiter der Wildbachund Lawinenverbauung in Vorarlberg. Unseren Lesern hat er in Heft 3 den «Rickenbach» vorgestellt. Die Bilder sind den Sammlungen von Hubert Mohr, Siegfried Heim und Alfons Fischer entnommen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Amerika seit 65 Jahren nur Englisch, «herüben» aber bringt er uns mit fröhlich im urwüchsigen Wolfurter Dialekt erzählten Jugendgeschichten zum Lachen. Er weiß noch genau, wo er und seine sechs Brüder einst Äpfel gestohlen haben, und wo die noblen Rickenbacher ihre offenen Autos vor den Gasthöfen stehen hatten, so daß man ihnen leicht «Roßbollen» auf die Sitze legen konnte. Johann Heitz ist 1908 geboren. 1911 erwarb sein Vater das alte Geiger-Haus an der Kreuzstraße und betrieb dort eine Wagnerei. Wie seine Brüder durfte Johann eine Handwerkslehre machen, was nach dem Ersten Weltkrieg keine Selbstverständlichkeit war. Aus seiner Schlosserlehre bei Doppelmayr erinnert er sich noch an den alten Chef Konrad, an seinen Meister Adolf Kaufmann und die Handvoll Mitarbeiter, die damals noch im alten Stammhaus landwirtschaftliche Geräte erzeugten. Er zählt auf: Vögel, Liberato Gebhardle, Lislo Albert (sein Vetter), Feogars Herbert... Als 19jähriger wanderte er 1927 mit vier Geschwistern nach Amerika aus. In 21 Tagen brachte sie der 21.000 BRT-Dampfer«New York» von Hamburg nach New York (Heute fliegen sie in 8 Stunden von Chicago nach Zürich!). Als Schlosser suchte er Arbeit in St. Louis, aber in den Krisenjahren 1929 bis 1931 war er oft arbeitslos. Nur der Zusammenhalt der Geschwister bewahrte ihn vor der größten Not. Seither aber ging es aufwärts. Schon 1949 machte er mit dem 9jährigen Sohn John den ersten Besuch in der Heimat. Woran sich der heute 52jährige «Bub» noch erinnert? An das «Castle» Schloß Wolfurt natürlich mit den französischen Offizieren. An die Kegelbahn beim Engel, in der er mit den Dörfler Buben spielte. An den «milkroom with Mary Heitz» in der Sennerei. An Rasierers Agathle, den ersten weiblichen «barber», der ihm die Haare schnitt. Und an den «Cable Car» auf den Pfänder, in dem sich die alte Großmama Theresia so fürchtete, weil auch sie dort 1949 zum ersten Mal fuhr. Was sich verändert hat? Oh, alles! vor allem die Autobahn. Als ihnen Vater Johann mit dem Mietauto von Kloten her den Weg wies, kamen sie richtig nach Wolfurt in die untere Straße - wo früher fast keine Häuser standen! - Die Abzweigung Kellhofstraße versäumte er, weil er Rädlers Hans suchte. - Dort steht jetzt die Raiffeisenbank! Schule und Post suchte er jetzt. - Er fand sie nicht mehr! Erst beim Kreuz und der Kapelle Rickenbach erkannte er, daß er zwei Kilometer zu weit gefahren war. Die obere Straße ist noch fast unverändert,Gott sei Dank! Die leitete ihn nun sicher heim, heim ins Haus seiner Brüder an der engen Kurve im Dorf. Was Vater Heitz nicht versteht? Daß die Geschäfte mittags geschlossen sind, daß sie abends geschlossen sind, daß wir soviel Freizeit haben. Aber er erkennt an, daß es uns auch gut geht, daß wir schöne (schönere!) Häuser haben mit vielen Blumen, daß er gerne nach Wolfurt kommt. Auch aus Etrechy in Frankreich ist ein Brief gekommen. Frau Amara Alaux war selbst schon zweimal in Wolfurt, um im Pfarramt nach ihren Ahnen zu forschen. Sie gehört zu einem Geiger-Stamm aus Bildstein: Von «Schützo Mathisos» im Röhle ist als letzte Frau Agatha Geiger-Schneider, die große Wohltäterin für Kirche und Pfarrheim, gestorben. Als entfernt Verwandte leben in Wolfurt noch «Schützos» von der Inselstraße 13 (Österle-Moosbrugger), aber auch Kressers Luise und Franziska von der Achstraße 29. Frau Alaux kam schon mit drei Jahren aus Dornbirn nach Paris, dann nach Beirut im Libanon und schließlich wieder nach Frankreich. Dort ist sie jetzt daheim, aber hier in der alten Heimat am Steußberg sucht sie nach den Wurzeln ihrer Familie. 2 Schließlich kam noch ein langer Brief von Marianne Barcatta aus Buenos Aires in Argentinien. Sie grüßt ihre Mitschüler und die 1931-Jahrgänger und erinnert sich besonders noch an Deuring Erich, Böhler Lorenz, Gunz Elmar, Waibel Agnes, Bohle Helga, Schwerzler Herta und Doppelmayr Traudi. Sie wohnte einst bei «Ammans» am Kellaweg, direkt am Rickenbach, und erzählt von lauter «sehr guten Nachbarn»: Waibels, Starks, Konzetts, Gmeiners, Winkels und Adlerwirts. Schon 1940 hatte Marianne ihre Mutter verloren. Die Schwestern Hermine und Luise erkrankten schwer an Tbc, Hermine starb. Der einzige Bruder Siegfried Barcatta mußte in den Krieg und fiel 1944 am Dnjepr in Rußland. Marianne kam an verschiedene Pflege und Arbeitsplätze. Als auch noch ihr Vater - die Wolfurter schätzten den tüchtigen Maurer - gestorben war, folgte sie 1958 ihrer letzten Schwester Luise nach Argentinien. «Am Anfang hab ich so geweint!» Dann aber half ihr die Arbeit über das Ärgste hinweg. Nun ist sie verheiratet, hat Kinder und Enkel. «Argentinien hat auch seine Schönheiten, aber man muß weit fahren, um Berge und Wälder zu sehen. Das ist, wonach ich so Sehnsucht habe!» An anderer Stelle schreibt sie: «Die Welt ist verrückt. Keiner ist zufrieden. Statt Gott zu danken für die Gesundheit und für die herrliche Natur, tun sie alles ruinieren.» Das wollen wir uns zu Herzen nehmen, liebe Marianne! Wir schicken Dir Grüße aus Rickenbach übers Meer und wünschen Dir Gesundheit und eine gute Fahrt zu den fernen Bergen und Wäldern. Die Michaelskapelle von St. Gallus ist der Bregenzer Historikerin Frau ReckefußKleiner ein besonderes Anliegen. Mit Herrn Dr. Kaltenhauser vom Bundesdenkmalamt und Herrn Dr. Swozilek vom Landesmuseum hat sie über den bedenklichen Zustand der «Wolfurter» Fresken gesprochen und deren Restaurierung reklamiert. Leider werden sie noch einige Zeit auf der Warteliste bleiben müssen. Frau Reckefuß will sich auch um die Erstellung von Fotos kümmern. Für ihre Bemühungen sagen wir ihr herzlichen Dank. Edith Fessler (Waibels Edith aus Rickenbach) hat im Konstanzer Münster das Wolfurter Wappen entdeckt. Gleich nach dem Eingang findet es sich im linken Seitenschiff in einem alten Glasfenster. Es ist noch das alte Ritterwappen mit einem seitenverkehrten Wolf und erinnert an Sigmund von Wolfurt, einen der berühmten sechs Söhne des Hans Jörg von Wolfurt. Ulmer berichtet über ihn (Burgen, Seite 394):Sigmund studierte 1588 in Ingolstadt und dann am Germanicum in Rom und wurde Kanonikus und Domdekan in Konstanz. Für den prunkliebenden Salzburger Erzbischof Mark Sittich, dem auch sein Bruder Laux von Wolfurt als Stadthauptmann von Salzburg diente, verwaltete er die Domprobstei in Konstanz. Welti schreibt (Graf Kaspar, Seite 86), daß Sigmund seinen Herrn in Salzburg auch mit Meersburger Wein versorgte. Im Domfenster wird 1621 als das Todesjahr Sigmunds angegeben. Um 1650 starb das zweite Wolfurter Rittergeschlecht aus. Welcher Wolfurter Fotograf macht uns einmal ein Bild vom Wolfurt-Fenster in Konstanz? 3 Siegfried Heim samt den unreifen Kolben an das Vieh verfüttert. Auch das Obst war sehr rar. Von einem Markttag zum anderen stiegen die Preise den ganzen Winter über und bis zum Sommer 1817 ungeheuer an. Dabei gab es keinen Verdienst mehr. Alle Fabrikation hatte aufgehört. Aber die nächste Ernte war noch weit entfernt. Die Situation wurde im Juni noch verschärft durch die rasche Schneeschmelze. Alle Flüsse und der Bodensee traten über die Ufer. In Hard und Fußach drang das Wasser in die Kirchen ein. In Bregenz stand es auf dem Kornmarktplatz zwei Schuh tief. Feldfrüchte und Heu wurden weitgehend vernichtet. Dazu kamen noch einige Hagelwetter, die in den verbliebenen Getreidefeldern, Weinbergen und Obstgärten fürchterlichen Schaden anrichteten. «Ein solches Theur Beträngtes Jahr, daß es den Hunger und die Noth nicht genugsam bescheiben kann.» (Originaltext im Anhang). Andere alte Chroniken berichten immer wieder von solchen Notjahren, etwa daß im fürchterlich langen Winter von 1572 Menschen von Wölfen zerrissen worden seien. Im anschließenden Notsommer hätten die Leute das Gras auf dem Feldern gegessen. Ebenso war es mehrmals im 17. Jahrhundert. 1676 berichtete Obersthauptmann Keis an die Regierung: «... dahero mehr alß der halbe theil underthonen nit allein höchst beschmertzlich schon eine geraumbe zeit an dem hungertuch nagen, sondern wie es mir selbsten alß anderen, die noch ein stuckh brodt zu essen, täglich erfahrlich, mit weib und kündern hier und aller orthen hin, das liebe brodt bettlendt vor der thür suechen müessen ...» Man stelle sich das heute, 300 Jahre später, im reichen Vorarlberg vor: Die Hälfte der Einwohner in Hungersnot am Betteln! Ein Großteil der arbeitsfähigen Bevölkerung als arbeitsuchende Gastarbeiter in fremden Ländern! (Siehe Heft 2, Seite 28!) Konnte man denn keine Nahrungsmittel einführen? Nein! Es fehlte ganz einfach das Geld. Es fehlten die Handelsstrukturen und auch die leistungsfähigen Transportfahrzeuge. «Theurung» hieß daher die Hungersnot. Unser tägliches Brot Dieser Beitrag ist den «Jungen» gewidmet, die durch Gottes Fügung in langer Friedenszeit in einem reichen Land leben dürfen. «Unser tägliches Brot gib uns heute» beten wir im «Vater unser». Oft gedankenlos! Ganz selbstverständlich nehmen wir, daß unser Tisch reichlich gedeckt ist. Unsere Kühlschränke sind voll. Die Regale im Lebensmittelgeschäft quellen über von wohlschmeckenden Angeboten. Ellenlang sind die Speisekarten in den Gasthöfen. Das ist nicht überall auf der Welt so. Das war bei uns auch nicht immer so. Hunger Die letzten Hungerjahre bei uns waren die Nachkriegsjahre 1945 und 1946, als es für Geld nichts mehr zu kaufen gab. Mit Wäsche und Geschirr versuchten blasse Mütter aus der Stadt, für ihre Kinder ein paar Liter Milch oder eine Tasche voll Kartoffeln einzutauschen. Ich erinnere mich noch an eine Flüchtlingsfrau aus dem Barackenlager im Weidach, wo Flüchtlinge lebten, die nur ihr nacktes Leben gerettet hatten. Mit einem Säugling auf dem Arm und einem Kleinkind an der Hand war sie in einen Acker in der Wolfurter Lärche gegangen. Mit bloßen Händen hatte sie nach den unreifen kleinen Kartoffeln gescharrt und ein paar in ihre Tasche gesammelt. Da war der Bauer gekommen. Schimpfend zerrte er nun die weinende Frau mit den Kindern durch die lange Straße, um sie im Gemeindeamt zur Anzeige zu bringen. Viel schlimmer noch hatten es unsere kriegsgefangenen Männer in den Lagern, wo manche die Hälfte ihres Körpergewichts verloren. Viele waren so geschwächt, daß sie keine Widerstandskraft mehr gegen Krankheiten besaßen. Deutsche verhungerten in russischen Lagern, Russen in deutschen, zu Hunderten, zu Zehntausenden. Hungerjahre hatte es auch 1917 bis 1919 nach dem Ersten Weltkrieg gegeben. Aber die letzte ganz schlimme Hungerkatastrophe war die von 1817, über die der Vorsteher Mathias Schneider berichtet. Im Sommer 1816 war das Wetter anhaltend naß und kalt. Auf den Bergen blieb der Schnee liegen, Die Kartoffeln faulten wegen der Nässe. Die Hauptfrucht, der Türken, wurde überhaupt nicht reif. Bis Allerseelen ließ man ihn stehen, dann wurde das Stroh 4 Jeder Bauer ein Selbstversorger Die Dreifelderwirtschaft des Mittelalters brachte es mit sich, daß sich im Dorf jeder nach seinen Kräften an der gemeinsamen Arbeit beteiligen mußte, damit er auch Anspruch auf seinen Ernteanteil hatte. «Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen», sagte man damals. Auch nach der Verteilung der Felder im 18. Jahrhundert war noch jeder im Dorf ein Bauer: der Doktor genau so wie der Pfarrer, der Wirt, der Schmied und der Schuster. Mit Lebensmitteln versorgte sich jeder selbst. Der Acker lieferte Dinkelkorn und Hafer, später auch Kartoffeln und Mais, dazu Kraut und Rüben. Eine oder zwei Kühe im Stall reichten aus für Milch, Butter und Käse. Wenn 5 eine Kuh «galt»1 ging, halfen die Nachbarn einander aus. Auch mit Fleisch und Schmalz versorgten sich die Bauern selbst. Geschlachtet wurde immer im Winter, Konservierung war ja ursprünglich nur im Rauch des Kamins möglich.Eier aus dem Hühnerstall, frisches und getrocknetes Obst, ein wenig Gemüse und Gewürze aus dem Garten und dazu noch ein paar Beeren ergänzten den Küchenzettel. Beeren und gedörrtes Obst waren neben Honig die einzigen Süßigkeiten. In Hanso Hus war einer der ganz wenigen Läden der großen Pfarre. Aber Lebensmittel gab es hier kaum zu kaufen, denn Geld hatte ja niemand. Nur die Bucherinnen schleppten manchen «Stumpen»2 Mehl, den sie für Holzwerkzeug oder Rebstecken eingetauscht hatten, durch den Ippachwald heim. Für Steuern und Abgaben und für Kleidung und Werkzeuge sparte man mühsam Kreuzer und Gulden zusammen, die sich jeder Bauer durch seinen Nebenverdienst als Schreiner, Schuster, Wagner, Schmied, Gerber, Küfer, Seiler oder einfach als Taglöhner verdienen konnte. Nur selten gelang es, Eier, Obst oder auch Brennholz und Torf in die Stadt zu verkaufen. Im Acker Ackerbau war also bis 1870, als er von der Viehzucht abgelöst wurde, die Grundlage der Ernährung in unserem Dorf. In Heimat 2, das leider vergriffen ist, haben Magister Volaucnik und ich in zwei Artikeln darüber berichtet. Von den sieben seit alters her bekannten Getreidesorten wurden in Wolfurt hauptsächlich Dinkel und Hafer angebaut. In dreijährigem Wechsel gab es zuerst Dinkel (bei uns hieß er «Feoso», Vesen, oder einfach Korn), dann Hafer (Haber) und im dritten Jahr Brache als Weidegebiet für das Vieh. Gemeinsam ging man zur Arbeit «is Feold». Unzählige Fußwege stammen noch aus j ener Zeit. Da gab es das Oberfeld und das große Unterfeld. Das Unterfeld war zuerst nur das fruchtbare Gebiet zwischen oberer und unterer Straße, dann kamen nacheinander die Felder bis zur Linie Unterfeld-Neudorfstraße-Schertlerstraße und schließlich bis zur Lärche-Fatt-Schmerzenbildstraße dazu. Um diesen riesig groß gewordene Esch ging noch bis 1938 die «Ösch»-Prozession an Christi Himmelfahrt, um Segen für die Äcker zu erbitten, als es dort längst fast nur mehr Graswiesen gab. Der mehrstündige Prozessionsweg führte über Oberfeld, Achstraße, Lärchenstraße, Fattstraße, Schmerzenbild zur Wälderstraße und dann über dir Kirchstraße zurück zur Kirche. Später ging man in umgekehrter Richtung. Nach der Entdeckung Amerikas 1492 waren zwei ganz wichtige Feldfrüchte nach Europa gekommen: Kartoffeln und Mais. Ab etwa 1730 wurden sie auch bei uns bekannt. Aber in den Eschen war kein Platz für sie. Nur in den Hausgärten und am äußersten Ende des Gemeindegebietes, im Neuwiesen und im Weitried, begann zögernd der Anbau. Das Ried mußte zuerst mühsam durch Gräben entwässert werden. 2 galt = ohne Milch! hier, weil die Kuh hochträchtig war. Stumpen = kleiner oder halbgefüllter Sack. 7 6 Als dann im 18. Jahrhundert Feld und Ried an die etwa 150 Wolfurter Bauern verteilt worden waren, stieg der Anbau von Mais rasch an. Er überholte zuerst um 1810 den Hafer und um 1840 auch den Vesen. Bald rollten die Bäuerinnen ihren «Hafoloab» 1 , us Türggo 2 -Meohl» statt aus dem billigen «Jau-Mehl» 3 . Jetzt verdrängten auch TürggoMuos und Türggo-«Stopfar» 4 das altgewohnte Habermus. «Hafoloabar» blieb aber der Spottname für die Wolfurter. Die Nachbarn wollten damit sagen: Die Wolfurter haben nichts zu essen als die Teignudel aus grauem Vesenmehl. Erst viel später kamen die «Speck-Seele» 5 oder gar «Speock und Krut» 6 dazu, die aus der ehemaligen Hauptspeise «Hafoloab» heutzutage eine delikate Beilage machen. Das ganze Jahr über gab es im Acker viel Arbeit. Sie begann schon im Herbst mit der Vorbereitung für das nächste Jahr, mit Aufräumen und Düngen, mit Ackern und Eggen, mit Instandhaltung von Marken, Gräben und Wegen. Das Werkzeug mußte hergerichtet werden: «Vum Wangar» 7 brauchte man einen neuen Stiel, «vum Schmiod» eine neue Haue. Die Böden wiesen verschiedene Qualitäten auf. Gegen die Ach zu waren sie steinig und lettig, das Schwemmland der Bäche war meist lehmig. Im Ried war der Schollenboden 8 zwar steinlos, dafür aber oft durch hochstehendes Grundwasser naß. Jeder Bauer sicherte sich seinen Besitz durch Marken, im Ried durch mit Sorgfalt gepflegte Gräben. Zäune waren im Ackerland nur hinderlich. Einen Markpfahl ausreißen oder gar eine Mark versetzen gehörte zu den ganz großen Freveln. Gute Marken verhinderten Streit. Vorsichtige Bauern schützten sich doppelt, indem sie zum Markstein noch «Zügo» 9 ins Erdreich setzten: flache Steine oder auch Ziegelsplitter. Eine beim «Eren» 10 verschwundene Grenzmark konnte danach wieder gesetzt werden. Nicht selten aber mußte das «hülzerne Gricht» 11 , zu Hilfe geholt werden. Das Eren und das Eggen besorgten jene wenigen Bauern, die Pferde besaßen, im Lohnauftrag. Für Neubruch 12 brauchte man zwei Pferde, für die lockeren Riedböden genügte eines. Für die schweren Lehmböden im unteren Rickenbach und in Engliswies Hafoloab = Hafenlaib. Ein Hafen ist ein Topf. Türggo = Türken, Mais, türkisches Korn 3 Jaumehl = graues, minderwertiges Dinkelmehl 4 Stopfar = Riebel. Der Grieskoch sättigt (stopft voll). Seele = ein Speckstreifen, in den Hafenloab eingelegt, machte diesen besonders schmackhaft. Speock und Krut = Selchfleisch und Sauerkraut. 7 Wangar = Wagner 8 Schollen = Torf Zügo = Zeugen Eren = acken, pflügen hülzernes Gricht = hölzernes Gericht. Ein vom Gericht Hofsteig bestimmtes Niedergericht aus Vertrauensmännern, die in Streitfällen vermitteln sollten. Es besteht auch in der heutigen Rechtsordnung noch als «Gemeindevermittlungsamt» fort, allerdings meist nur noch bei Ehrenbe\eiäigungen. 12 Neubruch = eine Wiese wird zu Ackerland umgebrochen. 8 9 1 brauchte man sogar Vorspann 1 . Da zog oft ein Pferd gemeinsam mit zwei Ochsen den schweren Pflug. Dem Pflug folgten der Hund und die flinken Buben mit der Haue, denn das «Ise»2 warf oft Mäuse ans Tageslicht. Auch die gefürchteten «Engora» 3 mußten eingesammelt werden. In manchen Jahren wimmelte das Feld davon. Viele von den kleinen Äckern waren aber nur schmale Riemen. Sie wurden mit der Grabe, einem Vorläufer unseres Spatens, umgegraben. Mit der Haue wurden die Schollen zerkleinert. «Do Bro houo» 4 galt als besonders schwere Arbeit, nach der manche müde Frau über Kreuzweh klagte. Von der Sonne hart gebrannte Lehmbrocken boten argen Widerstand. Im Ried zerfielen die Furchen dagegen fast von selbst. Da konnte man mit dem «Schollar», einem stabilen Holzrechen, den Boden lockern. Jetzt mußte man noch den richtigen Zeitpunkt für die Aussaat abwarten. «Benedikt 1 macht Zübola dick» galt zwar nur für das Stecken der Zwiebeln. Um diese Zeit sollte aber auch die Frühjahrssaat von Getreide schon im Boden sein. Für «Türggo und Bodobiora» 2 galt dagegen: «Steckst me im April, kumm-i wenn-i will. Steckst du me im Mai, kummi glei.» Türken wurde auf alle Fälle erst ab dem 1. Mai gesteckt, Frühkartoffeln dagegen doch oft schon im April. Ganz wichtig war dabei «do Mo», das Mondzeichen aus dem Bauernkalender: «Undorgento» 3 für Zübola und Bodobiora, für «Randig» 4 und «Rätig» 5 und Rüoba, «üborgento» 6 für Türggo und Korn und alles; was oben Früchte tragen sollte. Man achtete aber auch auf die Tierkreiszeichen: Für die Kartoffeln «a truckos Zoacho» 7 , am besten «im Stior», niemals «im Wassorma», sonst wurden sie wässrig und faulten. Manche aber sagten: «Des best Zoacho ist Miost bis a-d Knü8!» und legten eher Wert auf gute Düngung. Kartoffeln wollten alten Stallmist, Mais eher «a guote Bschütte 9 ». So stank es denn auch auf allen Feldstraßen anfangs Mai ganz fürchterlich, wenn die Jauchefuhrwerke auf dem Weg waren. Da gab es neben den großen «Bschütte-Fässern» auch noch die hochrädrigen «Bschütte-Bina 10 », die man mit dem Schöpfkübel füllte und leerte, «Bschütte-Beora 11 » und allerlei kleine Fässer, die auf Handwagen die scharfe «Hüsle-Bschütte 12 » zu den Äckern brachten. Ins Ried führte man Mist. Die Fuder hatte man daheim kunstvoll gebaut und mit dem «Pritschbreot» 13 geglättet, damit ja nichts auf dem Weg verloren ging. Die Riedböden hatten so wenig Tragkraft, daß die Eisenreifen der schweren Wagen oft einschnitten. Dann steckte das Fuhrwerk bis auf die Achsen im Sumpf. Mit dem «Kröl»14 wurde abgeladen. Mit «Beoro» oder «Miost-Zoanno 15 » verteilte man den Mist. In langen Reihen wurden mit der Haue Löcher vorbereitet. Für die richtigen Abstände sorgte eine Markierung mit dem «Kreislar»16, der mit seinen drei Zähnen Spuren ins Vorspann = vor das Zugtierpaar werden weitere ein oder zwei Zugtiere vorgespannt. Ise = Pflugeisen, Pflugschar Engora = Engerlinge, Maikäferlarven Bro = der Brach oder die Brache ist ein vom Pflug abgelöstes Rasenstück, aber auch der ganze unbebaute Acker 10 Benedikt = 21. März, Tag des Hl. Benedikt Bodobiora = Bodenbirnen, Kartoffeln 3 Undorgento = untergehender Mond Randig = Rote Rüben 5 Rätig = Rettich übergento = übergehender Mond; Mondbahnwechsel, die man aus dem Volkskalender las. Nicht verwechseln mit abnehmendem und zunehmendem Mond! a truckos Zoacho = ein trockenes Zeichen 8 Knü = Knie 9 Bschütte = Jauche (beschütten) 0 Bino = Zweiradkarren mit Behälter für 200 bis 5001 Flüssigkeit. Beoro = Einradschubkarren. Die «Bschütte-Beoro» faßt 70 bis 130 1 Jauche, die «Miost-Beoro» eine entsprechende Menge Mist. Hüsle-Bschütte = Jauche aus dem Abort. 13 Pritschbreot = Brett mit Handgriff 4 Kröl = Zughaken Zoanno = großer Korb mit zwei Henkeln Kreisler («Kröoslar») = Ackerwerkzeug 11 1 Erdreich zog. Nach dem Einbrigen des Düngers wurden die sorgfälltig ausgewählten Saatkartoffeln «gstupft» und dann mit lockerer Erde zugedeckt. Vom Mais wurden drei Körner in jedes Loch «gstupft», weil man sicher genug Pflanzen haben wollte. Gingen alle auf, so mußten zwei von den dreien wieder ausgerissen werden. Bei all der schweren Arbeit fand man immer noch Zeit für einen Gruß und ein Scherzwort zu den Nachbarn im Feld nebenan. Zum «z Obod-Eosso» 1 setzte man sich zusammen «as Grabo-Ort» 2 und ließ sich zu «Brot und Käs» den herben Most aus dem «Butsch» 3 schmecken. Es war ein gutes Gefühl, wenn nach Tagen schwerster Arbeit der Acker bestellt war. Das Gedeihen mußte man weitgehend dem Herrgott und seinem Wetter überlassen. So sprach denn auch vom 3. Mai an, vom Fest Kreuz-Auffindung, der Priester täglich den Wettersegen. Und täglich beteten die Gläubigen ihr «Vor Blitz, Hagel und Ungewitter bewahre uns!» Das taten sie bis zum zweiten Kreuzfest, dem «Hoalig-Krüz-Tag» am 14. September, an dem das Vieh von den Alpen kam. Groß war auch die Beteiligung an allen Prozessionen und andächtig beteten alt und jung: «Segne unsere Äcker und Güter! Wende ab von denselben alles Ungewitter und befehle, daß der Himmel uns gebe zu seiner Zeit den Regen, zu seiner Zeit die Sonne!» Trockenzeit im Frühjahr und anhaltende Nässe im Sommer beeinträchtigten die Ernteaussichten. Wenn gelbe Wolken über dem See Hagel androhten, legte die Großmutter voller Angst geweihte Palmzweige ins Herdfeuer. Mit Glockengeläute versuchte man, die Gefahr zu bannen, und schimpfte auf die Schweizer, die mit Kanonenschüssen den Hagel über den Rhein herüberjagten. Schwerer Regen walzte das unreife Korn nieder. In den Nestern wuchsen «Windla» 4 und «Distla» und der Rostpilz breitete sich aus. In guten Jahren stand die Frucht dagegen schön. Die paar Vögel und die Mäuse schmälerten die Ernte kaum. Nur wenige Bauern stellten Vogelscheuchen auf. Eher hängte man an einen Stock «an tota Rabb» 5 oder ein glitzerndes Blech. Bodobiora und Türggo brauchten ständige Pflege. «Eotto» 6 -«uffo Knü»- beugte tagelang und immer wieder die Rücken. «Hüflo7»- «mit dor Houo»- ließ die schnurgeraden «Zilota 8 » entstehen. Dabei durften die jungen Pflanzen nicht beschädigt werden.. Allzu leicht entstanden sonst bei den Kartoffeln grüne «Sunnoluogora 9 », die als giftig galten. Gegen die gefürchtete «Krut-Füle 10 » wußte niemand einen Rat. Gegen die Mäuse, die in manchen Jahren zu Hunderten in die Kartoffeläcker kamen, konnte man sich wehren. Z-Obod-Eosso = (Abendessen) Jause um vier Uhr. Grabo-Ort = Ackerrand am Graben Butsch = Tonflasche Windla = Zaunwinde, ein gefürchtetes Unkraut 5 tota Rabb = toter Rabe eotto = jäten hüflo = häufeln, mit der Haue Erdreich an die Pflanzen bringen a Zilat (zwo Zilota) = Zeile Sunnoluogora = Sonnenschauerinnen. In grünen Knollen entwickelte sich das Nachtschattengift Solanin 10 Krut-Füle = Krautfäule 12 Im Ried bohrte man alle paar Zeilen mit dem «Mus-Boahrar 1 » etwa ein Meter tiefe Löcher bis ins Grundwasser. Da hinab stürzten die Nager, wenn sie nachts durch den Acker huschten, und ertranken jämmerlich. Wie erschraken wir aber, als sich einmal auch eine große Ringelnatter in dem Bohrloch gefangen hatte! Während des Zweiten Weltkriegs suchten Schüler und Erwachsene in ganzen Kolonnen regelmäßig nach Kartoffelkäfern - erfolglos! Aus Amerika kommend hatten die gefräßigen Tierchen sich schon über Frankreich ausgebreitet und gebietsweise den Kartoffelanbau vernichtet. Erst 1945 wurden die ersten bei uns entdeckt. Als sie sich in den folgenden Jahren schnell vermehrten, spritzte man tödlich giftige Arsen-Lösungen. Im «Türggo-Ackar» drohten ebenfalls Schädlinge. Engerlinge fraßen die Wurzeln ab. Der «Zünzlar» 2 bohrte sich durch das Stengelmark, so daß die abgestorbenen Spitzen wie verbrannt aussahen. Hin und wieder ließen Brandpilze die Kolben zu unförmigen schwarzen Klumpen aufquellen. Die mußte man sorgfälltig vernichten, sonst hätten die Sporen sich über den ganzen Acker verbreitet. Auch Raben rissen manchmal die unreifen Kolben auf und der Dachs brach in einer einzigen Nacht an die 50 Stück ab. Da war man froh, wenn endlich Föhntage im Herbst «do Türggobart 3 » trockneten und die milchigen Körner an den Kolben hart machten. Erntezeit! Das Getreide schnitt man fast überall mit der Sichel, selten mit der «Seogass4», für die es einen speziellen Getreide-«Worb 5 » mit langen Rechenzähnen gab. Erst ab 1930 kamen Lohn-Dreschmaschinen auf (z. B. bei Schnidarles Rudolf an der Schulstraße). Vorher drosch man von Hand mit Flegeln auf den Dielenbrettern im «Tenn 6 ». Große Siebe, aus dünnen Holzspänen geflochten, trennten die Spreu von den Körnern. Geschickte Hände arbeiteten noch mit der «Schwinge», einem flachen Korb. Darin blieben nur die schweren Körner liegen - genau wie beim Goldwäscher die Körner in seiner Pfannne. Im August wartete man, bis bei den Kartoffeln «s Krut abgstando 7 ist», dann zog die ganze Familie mit Wagen, Säcken, Kisten und Kübeln zur Ernte ins Ried. Manche rissen mit der Haue die Zeilen auf, andere gruben mit der Furke. Da kollerten jedesmal 10 bis 15 große und kleinere gelbbraune Früchte heraus. Die wurden in Körbe oder Kübel gelesen und zum Fuhrwerk getragen. «Git as us8?» grüßten die Nachbarn. »As goht a so!»9 oder «Mior sind z-frido!» war die Antwort. Daheim wurden die Kartoffeln auf dem Hausplatz gut getrocknet und dann «vortleoso 10 »: «Fule» und «fleockige» sollten eigentlich keine darunter sein. «Klenne Böbbele 11 », oder auch übergroße und seltsam Mus-Boahrar = Mäusebohrer Zünzlar = Zündler, eine schädliche Raupe 3 Türggobart = die langen Griffelfäden der weiblichen Maisblüten. Die Kinder spielten damit, die Buben rauchten den trockenen Türkenbart. 4 Seogass = Sense 5 Worb = Sensenhalterung mit zwei Griffen 6 Tenn = die Tenne. Großer Arbeits- und Vorratsraum im Stadel 7 abgstando = welk 8 Git as us? = Ist die Arbeit ergiebig? 9 As goht a so = Es geht einigermaßen, 10 vortleoso = auslesen, sortieren 11 Böbbele = kleine Knollen 2 1 13 geformte Riesen kamen «zu-n Su-Bodobiora» als Schweinefutter. Besonders schöne, eigroße Früchte wurden als «Somo 1 -Bodobiora» für das nächste Jahr im Keller dunkel gelagert. Die große Menge der anderen waren «Eoß-Bodobiora». Sie sollten die große Familie bis zur nächsten Ernte ernähren. Und die Mutter brachte auch täglich mindestens einmal ein Kartoffelgericht auf den Tisch. «Nöüe» mit Butter, Salz und Milch waren ein Leckerbissen und wurden «mit zamt dor Mundur 2 » verzehrt. Dann folgten jeden Tag «brotene 3 » oder «gsottene», «Biree4» oder «Bodobiora-Knedol 5 », aber auch «Küochle» und «Nudla» und andere Köstlichkeiten. «Tschips» und «Bommfritt» gab es allerdings damals noch nicht. Im Winter durfte kein Frost an die Kartoffeln kommen, sonst schmeckten sie süßlich und verdarben. Im Frühling trieben sie lange Keime in Richtung auf das Kellerfenster. Man mußte sie mehrmals sorgfältig «abkido» 6 , um noch einen Vorrat über den Sommer zu retten. Je nach der Wetterlage wurden die Maiskolben nacheinander im September und oft erst im Oktober reif. Der eine füllte sein«Handwägele», der andere den großen «LoattorWago» bis «a-d Gättor 7 uffe». Das war jedesmal ein Fest! «Undorom Vorschutz 8 » vor dem Stadel wurde die Ladung abgekippt. Flinke Hände machten sich daran, die Schutzhülle von den Kolben zu reißen, «do Türggo usmacho». Drei «Schwärtola 9 » blieben stehen und wurden mit denen eines zweiten Kolbens verknüpft. Gelblich weiß glänzten jetzt in langen Reihen die Körner, bis zu 400 auf einem Kolben. Nur «wißo Türggo» pflanzte man bei uns. Aber wir freuten uns, wenn als Irrläufer auch einmal ein dunkelroter oder polentagelber darunter war. Auf langen Gerüsten wurden die Kolbenpaare nun «im Ufzug10» aufgehängt. Die Katze mußte dafür sorgen, daß die Mäuse nicht dahinter gingen. Die schönsten «Schwärtola» hatte die Mutter auch versorgt. Daraus flocht sie später starke Bänder für allerlei Zwecke. Wenn die letzten Kolben vom Vorjahr aufgebraucht waren, holte man «do ersto Trag » neue Kolben in die Kammer herab. Am kantigen Eisen eines großen Getreidekübels, «Staro» 12 hieß er, wurden die Körner abgerieben. «An Stumpo» von etwa 20 kg brachten wir zu Zehrers Mühle. Je nach Verlangen mahlte Marte daraus «Türggo-Meohl», «Türggo-Grioß» oder «Türggo-Bruch 13 ». Jetzt konnte die Mutter wieder «Muos», «Stopfar», «Polento» und natürlich «Hafoloab» kochen.. Und der «Bruch» reichte auch noch mit der «Grüsch14» für die Hühner und die Schweine. Somo = Samen mit zamt dor Mundur = samt der Schale (Montur) brotene = gebratene Biree = Püree, Kartoffelbrei 5 Knedol = Knödel abkido = Keimlinge wegreißen 7 Gättor = Gestelle aus Latten oder Sprossen, die der Ladung Halt geben. 8 Vorschutz = großes Vordach am Stadel Schwärtola = Schutzblätter am Maiskolben 10 Ufzug = Aufzug, der Dachboden 11 Trag = das Getragene, ein Armvoll 12 Staro = der Star ist ein altes Getreidehohlmaß mit 21, 51 Inhalt 13 Bruch = gebrochene Getreidekörner 14 Grüsch = Kleie 2 1 11 Pflügen in Unterrickenbach 1940; Wegen des schweren Lehmbodens hat Konrad Immler vom Oberteilenmoos drei Kühe eingespannt. Den Pflug führt sein Sohn Emil. Auf den Äckern wurde zuletzt das «Türggo»-Stroh mit einem scharfen «Gettar 1 » abgeschnittten. Das Kartoffelkraut mottete tagelang auf kleinen Funken. Spätherbst! Das Bauernjahr begann von neuem. Hoffentlich wieder ein gutes! * Der zweite Teil dieses Beitrages mit den Kapiteln «Zu Tisch», «Hungerjahr 1817» und «Wettersegengebet» folgt in Heft 11. Gettar = schweres Schlagmesser 15 14 Kriegstagebuch Im Jahre 1939 wurde der 19jährige Maturant Alfons Fischer in den Krieg einberufen. Sieben Jahre später-sieben lange bittere Jahre - kehrte er heim. An fernen Fronten zum Mann gereift, ausgezeichnet, verwundet, gefangen! Nun packte er seine in engen Bleistiftnotizen geschriebenen Tagebücher samt dem Eisernen Kreuz und dem Verwundetenabzeichen in eine Schachtel und versorgte sie - gleichsam mit den sieben verlorenen Jahren seiner Jugend - am Dachboden. Fast 50 Jahre später hat er sie nun wieder gesucht. Ihn bedrängen die Fragen unserer jungen Generation. Junge Historiker von links und von rechts bieten oft zu einfache Antworten an. Umso wichtiger ist es, daß Alfons Fischer uns allen und ganz besonders den ehrlich suchenden Geschichtsforschern seine Tagebücher zur Verfügung stellt. Sie sind weder ein Heldenepos noch ein Sensationsbericht. Manche Seiten wirken trocken und langweilig- das gab es im Krieg auch! An anderen Stellen überschlagen sich die Ereignisse - da war keine Minute frei, weder zum Schlafen noch zum Schreiben! Gerade dadurch aber werden die Aufzeichnungen zu einem wertvollen ehrlichen Dokument. Alfons Fischer, Jahrgang 1920, ist neben drei jüngeren Schwestern der einzige Sohn einer Wolfurter Bauernfamilie. Auch Vater Hans-Jrg war sieben Jahre Soldat gewesen, davon vier im Ersten Weltkrieg. Nun hielt er sich von politischer Tätigkeit zurück. Aus ihrer christlichen Weltanschauung machte die Familie aber kein Hehl. Daher gehörte Alfons als Realschüler dem Reichsbund der Kath. Jugend und später der Pfarrjugend an. Diese Vorbemerkung soll dem besseren Verständnis einiger Urlaubsschilderungen dienen. Doch lassen wir nun die Tagebücher sprechen! Fischer Alfons Tagebuch eines Wolfurters zwischen 1939 und 1946. Vorwort Der Krieg in Jugoslavien, der Tod von zwei Kriegskameraden und die Kontaktaufnahme mit meinem seit 1947 in russischer Gefangenschaft todgeglaubten Ladekanonier und Funker, an Weihnachten 1991, waren der Anlaß, meine Kriegstagebücher auszugraben und aufzuarbeiten. Aufgrund meiner politischen Herkunft und der Tatsache, daß ich vom 1.4.1939. bis 19.4.1946. Uniformen tragen mußte, liegt es mir fern, den Krieg zu glorifizieren. Ganz im Gegenteil, ich möchte versuchen, meinen Kindern und Enkeln den Wahnsinn des Krieges anhand meines Schicksals, das ein Millionenschicksal war, aufzuzeigen. Ich möchte aber auch daraufhinweisen, daß der Krieg und die Gefangenschaft unsere Generation Toleranz, Bescheidenheit und Kameradschaft gelehrt hat und unser Leben sicher stärker geprägt hat, als z.B. das Wirtschaftswunder. Die Kriegskameradschaft wird heute gerne als Hobby der Ewiggestrigen abgetan. Bedingungslose Kameradschaft, wie sie oft in ausweglos erscheinenden Situationen erlebt wurde, schätze ich auch heute noch hoch ein. Sie hat mit Kameraderie nichts zu tun. Ein Beispiel, die vier Mann im Sturmgeschütz waren auf Leben und Tod aufeinander angewiesen und haben das letzte Stück Brot miteinander geteilt. Solche Kameradschaften haben als Freundschaften die Jahrzehnte überdauert. Der jungen Generation, die diese Zeit wohl kaum nachvollziehen kann, möchte ich trotzdem Toleranz und echte Kameradschaft wünschen. Kriegerdenkmäler werden heute zum Teil als Kultstätten der Heldenverehrung diskriminiert. Wer an der Front und in Gefangenschaft war und wer die Bombenangriffe auf die Städte erlebt hat, der weiß, unter welch unmenschlichen Bedingungen Soldaten und Zivilisten gefallen, verbrannt oder verhungert sind. Wer davongekommen ist, liest die Tafeln der Verwandten Schulkameraden und Mitbürger mit Trauer. Das hat mit Heldenkult nichts zu tun. Er gedenkt der vielen Millionen Toten in Pietät. Ich glaube diese Pietät steht auch den Hinterbliebenen in der zweiten und dritten Generation zu. Ein Wort zu den Tapferkeitsauszeichnungen : Das Birkenkreuz und das Eiserne Kreuz lagen meist haarscharf beisammen. Ausgezeichnet wurden im allgemeinen nur die Überlebenden. -Und in der größten Not waren sehr viele tapfer Wenn man seine Kriegstagebücher nach mehr als 45 Jahren nachliest, dann fällt einem sofort auf, daß sehr vieles aus dem Soldatenalltag, Namen und Orte, aber auch manche Einsätze, in Vergessenheit geraten ist. Ganz Gescheite werden dazu sofort sagen, das 17 16 haben sie alle ja gerne vergessen und verdrängt. Tatsache ist aber, daß man die härtesten Fronteinsätze, die Gefangenschaft in den Hungerlagern und echte Kameradschaft weder verdrängen noch vergessen kann. Es kommt einem aber auch deutlich wieder zum Bewußtsein, von wieviel Fügungen das Überleben in dieser Zeit abhängig war. Glück ist dafür sicher eine zu simple Erklärung. Die Tagebücher enthalten eine Fülle von Fakten, Daten und persönlichen Eindrücken, vom Wetter angefangen, über Landschaftsformen, Landnutzung, Straßenzustand, Wohnverhältnisse, Leben der Bevölkerung, Leben in den Kasernen, Ruhequartieren und Gefangenenlagern, Überleben im Einsatz, Aktivitäten im Urlaub, Namen von Urlaubern etc. Ein großes Problem war die Langeweile. Kinos gab es überall, bis in die Soldatenheime hinter der Front. Ich habe, wie Millionen Soldaten, in diesen Jahren sehr viele Filme gesehen und alle Titel aufgeschrieben. Ich habe sie nicht gezählt, aber es waren Hunderte. Ich habe auch die Gottesdienste in den Garnisonskirchen, bei den Fronteinheiten und in den Gefangenenlagern aufgeschrieben. Daraus ist zu ersehen, daß bei der Wehrmacht die Nationalsozialisten sicher nicht überall präsent waren. Politische Einschätzungen fehlen in den Tagebüchern zur Gänze, das war damals für mich zu riskant. Die folgenden Aufzeichnungen sind daher nur eine grobe, trockene Übersicht über diese Jahre, auf weite Strecken im Telegrammstil. Parteitagszug kam man ausnahmsweise nicht nach der politischen Verläßlichkeit, sondern nach der Körpergröße. Damals blühten und dufteten im Rankweiler Ried hunderttausende blaue Schwertlilien. Heute stehen dort die Aussiedlerhöfe und Schwertlilien sind eine Rarität. 23.5. -1.6.1939. Das Lager 1/331 geht in Urlaub, ich war bei den 20 Mann Lagerwache. 2.6. - 9.6.1939. Die Lagerwache geht in Urlaub. Das Lager Brederis marschierte in Feldkirch dreimal durch die Fronleichnamsprozession und sang ein zeitgemäßes Lied, dessen Refrain ich mir über die Jahrzehnte gemerkt habe: „Was hat einer deutschen Mutter Sohn, mit Papst und den Pfaffen zu schaffen." 9.8.1939. Musterung zur Wehrmacht, Gebirgsnachrichten Landeck. 1.9.1939. Einmarsch der deutschen Truppen in Polen. Beginn des Zweiten Weltkrieges „Der Reichsparteitag des Friedens" wird abesagt. 3.9.1939. England und Frankreich erklären Deutschland den Krieg. 17.9.1939. Einmarsch russischer Truppen in Ostpolen. 25.9.1939. Erster Luftangriff auf Friedrichshafen. 3.10.1939. Die Mannschaften des Lagers 1/331 werden überraschend in den Wehrkreis München überstellt.Rankweil-Bregenz-München-Freising. 4.10. -19.11.1939. Rekrut bei der Nachrichten Eratz Batterie 157 Freising. Ausbildung zum Fernsprecher, Kasernenleben, Fußdienst, Unterricht, Sport, Schießen, Übungen im Gelände etc. Hier herrschte ein gutes Klima, wir kamen uns nach Brederis fast wie im Urlaub vor. In unserer Stube waren lauter Vorarlberger. 6.10.1939. Mit der Kapitulation des polnischen Generals Kleeberg erlischt der letzte geschlossene Widerstand polnischer Trupppen. - Es gab weder eine Kriegserklärung noch eine Kapitulationsurkunde. 10.11. -11.11.1939. Erster Kurzurlaub als Rekrut. 20.11.1939. Abstellung zur Bayrischen 57. Infanterie Division, die gerade aus Polen zurückverlegt wurde. Freising-München-Ingolstadt-Nürnberg-Würzburg-HanauGelnhausen in Hessen-Nassau. 21.11.1939.Ankunft in Dorf-Kassel bei Gelnhausen. Die Einheiten lagen in den Dörfern zwischen Hanau und Gelnhausen in Privatquartieren. Als Fernsprecher wurde ich der 5. Batterie zugeteilt. Wir waren jetzt nur noch drei Vorarlberger unter lauter Bayern und haben einige Zeit gebraucht, bis wir Ernst und Spaß der kernigen Sprüche auseinanderhalten konnten. Eine Batterie hatte vier leichte Feldhaubitzen, Kaliber 10,5 cm. Die Geschütze und das Beobachtungsfahrzeug wurden 6-spännig, die Munitionsfahrzeuge 2 spännig und der übrige Troß 2 oder 1 spännig gefahren. Die Batterie hatte ca 130 Mann und etwa gleichviele Pferde. - Zuerst war ich Melder und mußte täglich mit dem Fahrrad ins übernächste Dorf nach Lauterbach zur Abteilung fahren, um Post und Befehle abzuholen. 18.12.1939. Der Futtermeister ist daraufgekommen, daß ich Maturant bin und hat mir gleich zwei Unteroffizierspferde zugeteilt. So wurden Futterfassen, Tränken, Füttern, Striegeln, Ausmisten, Auf- und Absatteln und Pferdeapelle, mit Ausnahme der Einsätze 19 Der Weg in den Krieg Jänner 1939. Da ich der Hitlerjugend nicht beigetreten bin, wurde mir die Ablegung der Matura verweigert. Nach der Meldung als vorzeitig Dienender zum Reichsarbeitsdienst wurde ich zugelassen. 20.2. - 22.2.1939. Vorgezogene schriftliche Matura. 14.3.1939. Musterung zum Reichsarbeitsdienst. 15.3.1939. Einmarsch deutscher Truppen in der Cschechoslowakei und ungarischer Truppen in Karpatorußland. 21.3.1939. Mündliche Matura, am gleichen Tag Einberufungsbefehl zum Reichsarbeitsdienst. 1.4. - 2.10.1939. Arbeitsmann im Lager 1/331. Rankweil/Brederis. Dieses Halbjahr war eine ungute Zeit mit Schikanen aller Art, vor allem für die zahlreichen Maturanten. Das Führercorps war mittelmäßig und bestand zum Teil aus Angehörigen der Österreichischen Legion. Im ersten Vierteljahr wurden im Rankweiler Ried, damals händisch, Drainagearbeiten durchgeführt. Ältere Leute haben vielleicht noch eine Vorstellung von der Dreckarbeit im dritten Stich, die ein Vorrecht der Maturanten war. Im zweiten Vierteljahr wurde der Fritzligraben in Brederis, als Vorfluter für die großen Drainagesysteme ausgebaut. Der Aushub wurde mit Rollwagen über Geleise verführt. Das war eine schönere Arbeit. Als Angehörige des Parteitagszuges für den „Reichsparteitag des Friedens" mußten wir nur am Vormittag arbeiten und wurden am Nachmittag brutal geschliffen. Zum 18 in Frankreich, mein Nebenjob bis Herbst 1940. Aber der Stalldienst hatte auch seine guten Seiten. Eine Kontrolle der im ganzen Ort verstreuten Ställe war kaum möglich. So konnte man zwischendurch immer wieder ins Quartier abhauen. Ich hatte ein gutes Quartier, dort stand immer eine Kaffeekanne auf dem Herd und auf großen Blechen gab es abwechselnd Streußelkuchen, Apfelkuchen oder Zwetschkenkuchen. Ich konnte auch Kameraden mitbringen, die es nicht so gut getroffen hatten. Da mein Stall am Ende des Dorfes lag, bin ich oft auf eigene Faust ausgeritten Der Winter war sehr kalt und schneereich.Bei den vielen Tag- und Nachtübungen im waldreichen, hügeligen Vorspessart gab es viele Zwischenfälle mit Pferden und Fahrzeugen. Heimaturlaub 6.2. -13.2.1940. Gelnhausen - Frankfurt - Darmstadt - Mannheim - Heidelberg -Stuttgart - Ulm - Bregenz. 8.2.1940. Am Abend wegen der Belanglosigkeit der schlechten Verdunklung der Fahrradbeleuchtung, Wortwechsel mit einer 3 Mannstreife des NS-Kraftfahrkorps. 9.2.1940. In der Früh hat mich ein Lauteracher Gendarm, ein Kaiserjägerkamerad meines Vaters, über die Anzeige und eventuelle Folgen informiert und die weitere Vorgangsweise besprochen. 10.2.1940. Einvernahme beim Posten Lauterach. 12.2.1940. Vorladung zur Gestapo (Geheime Staatspolizei) in Bregenz. Der Beamte hat mir nach einem kurzen Gespräch alles Gute als Soldat gewünscht. 12.2.1940. Friede zwischen Rußland und Finnland nach 104 Tagen Winterkrieg. 5.4.1940. Verlegung der Batterie nach Mittelgründau in Oberhessen nahe Hanau, wieder Privatquartiere. 9.4.1940. Einmarsch deutscher Truppen in Dänemark, Landung in Norwegen. 24.4.1940. Scharfschießen am Truppenübungsplatz Villbach, zum erstenmal Granaten heulen gehört und die Einschläge vor der Beobachtungsstelle gesehen. her. Die paar Stunden geschlafen haben wir fast nur im Freien, wegen der Pferde unter den Fahrzeugen. Den Grundsatz der bespannten Truppen „zuerst das Pferd und dann der Mann" habe ich bis zur Neige erlebt. Ohne die Mithilfe der Kameraden wäre die Versorgung der Pferde nicht möglich gewesen. Manches Pferd ist im Zug zusammengebrochen und mußte erschossen werden. Nachschub gab es genug, da Vieh und Pferde überall herrenlos herumliefen. Die deutsche Luftwaffe hatte die Luftüberlegenheit und trat Tag und Nacht massiv in Erscheinung. Aber auch französische und englische Flugzeuge griffen die Marschkolonnen immer wieder mit Bomben und Bordwaffen an. Die Bilder an der Vormarschstraße: Überall Zerstörung, verlassene Stellungen und Dörfer, abgeschossene Panzer, ausgebrannte Fahrzeuge, gesprengte Brücken, zerschossene Batterien, abgeschossene Flugzeuge, zerstörte Dörfer, Flüchtlingskolonnen, Gefangene, Verwundete, Tote. Dazwischen gab es wieder unzerstörte Landstriche wie im Frieden. 24.5.-27.5.1940. Marsch parallel zur Front, das Geschützfeuer wird stärker, nachts brennen Dörfer, das Durcheinander nimmt zu. Origny St.Benoite - Hornblieres St.Quentin - Peronne -Bopaume - St. Albert - Bellenglise - Basentin - Fixcourt. Schon seit Tagen immer wieder große Soldatenfriedhöfe aus dem Ersten Weltkrieg, eine beklemmende Kulisse zu den übrigen Zerstörungen. 28.5. - 4.6.1940. Ablösung einer Panzerdivision, die bis ans Meer durchgestoßen ist. Erste Feuerstellung bei Flesseles an der Somme, in der Nähe von Abbeville. Feuertaufe beim Leitungsbau im schweren Artilleriefeuer. Noch in der Nacht Stellungswechsel nach Bellancourt, Richtung Abbeville. Stellungskrieg und schwere Abwehrkämpfe an der Frankreich 10.5.1940. Einmarsch deutscher Panzerverbände in Luxemburg, Belgien und Holland. 11.5.1940. Alarm! Fertigmachen zum Abmarsch. 12.5.1940. Bahnverladung in Wächtersbach - Frankfurt - Mainz - Koblenz -Andernach. Marsch nach Kripp am Rhein. 14.5. -17.5.1940. Marsch durch das Ahrtal und die Eifel. Altenahr - Ahrweiler - Pelm Gerolstein - Matzerath -Lüneberg - Westwallbunkerlinie - Dasburg. 18.5. -20.5.1940. Mittags bei Dasburg die Deutsch-Luxemburgische Grenze überschritten - Clerv - die Bevölkerung war teilweise deutschfreundlich, Blumen und Zigaretten 20 Uhr die Luxemburgisch - Belgische Grenze überschritten - Bastogne -erste Zerstörungen, erste Verwundeten und Gefangenentransporte - St.Hubert - Maissin - Oure - Graide - Bievre - um Mitternacht bei Nahon die Belgisch - Französiche Grenze überschritten. 21.5. -23.5.1940. Fontaine de Brulet - Montherme, die Maas auf einer Pionierbrücke überschritten, das erste Grab, zwei französische Flieger, ein Kilometer weiter das zweite Grab, vier deutsche Soldaten - Mazures - Bourg Fidele - Etalle/Vervins - Le Pont de Pierre - Bossus - Auberton - Martigny - Hirson - Vervins. Wir haben jetzt 14 Tage Gewaltmärsche von 40 bis 60 Kilometer hinter uns, immer hinter den Panzerdivisionen 20 Rast an der Vormarschstraße in Frankreich 21 Somme. Wir waren fast Tag und Nacht, je zwei Fernsprecher auf uns alleingestellt unterwegs, um die zerschossenen Telefonleitungen zwischen der Beobachtungsstelle und der Batterie zu flicken und aufrecht zu erhalten. In der Weygandlinie lagen uns englische und französische 18 To und 32 To Panzer, starke gutschießende Artillerie, Engländer, schottische Hochländer, Franzosen und französische Kolonialtruppen gegenüber. Sie versuchten immer wieder mit großer Überlegenheit, zum Teil sechs-bis achtmal am Tag, vor allem die Brückenköpfe in Abbeville und St.Valery zu nehmen. Unsere Infanterie und Pakkompagnien hatten schwerste Verluste. Unsere Pak war den schweren französischen Panzern nur zum Teil gewachsen. So wurden Flakbatterien vorgezogen und im direkten Schuß eingesetzt, das waren Himmelfahrtkommandos. Unsere Batterien haben fast pausenlos auf zahlreiche gegenüberliegende Ziele geschossen. Es gab auch zahlreiche Stukaangriffe auf Panzerbereitstellungen und Artilleriestellungen. Unsere Beobachtungsstelle kam immer stärker unter Beschuß. Wir haben unsere Löcher zwischen den Einsätzen tiefer gegraben und wurden so von Verlusten bewahrt. Pferde hat es aber immer wieder erwischt. 5.6. - 8.6.1940. Nach starker Artillerievorbereitung begann um 4,30 Uhr früh auf breiter Front der Angriff und der Durchbruch durch die Weygand-linie. In unserem Abschnitt kam der Angriff, bei massiver Gegenwehr bald zum Stehen. Nach mehreren Stukangriffen und dem Einsatz von 40 Panzern ging es weiter. Abbeville - Huppy - Pultieres - Doudelainville - Oisment -Monflieres - Mesnil/Endin - bei Francours die Bresle erreicht. Das war für unsere Batterie die letzte Feindberührung unter schwerem Artilleriebeschuß. Da die Telefonleitung durch einen Wald verlief, krepierten laufend Granaten in den Bäumen. Das war ein verdammt unguter Einsatz. Bei den mehrfachen Stellungswechseln dieser vier Tage sind wir Fernsprecher schwer zum Handkuß gekommen. Es gab laufend Feuerüberfälle der französischen Artillerie und Fliegerangriffe. Die Infanterie zahlte wiederum einen hohen Blutzoll. 9.6. -13.6.1940. Die Franzosen und Engländer leisten nur noch hinhaltenden Wiederstand und räumen nachts immer ihre Stellungen. In der Nacht sieht man immer noch brennende Dörfer. Aber die Zerstörungen nehmen ab. Die Zivilbevölkerung ist teilweise dageblieben. An den Straßen liegt massenhaft französiche und englische Ausrüstung. Vor allem die Engländer haben auf ihrer Flucht nach Dünkirchen große Fahrzeugkolonnen zurücklassen müssen. Wir lebten sehr gut aus den englischen Verpflegsbeständen. Wir marschieren wieder in Gewaltmärschen hinten nach, immer parallel zur Atlantikküste. Rieux - Grandcourt - NotreDame d'Aliermont - Neufchatelle -Doudeville - nördlich Rouen - Lillebone - Bolbec. 14.6 -16.6.1940. Wir erreichen in Fecamp die Atlantikküste und beziehen Stellungen zum Küstenschutz. Unsere Beobachtungsstelle ist eine Villa über der Steilküste mit herrlichem Blick auf das Meer, auf die Hafenstadt und im Dunst auf die Kreidefelsen der englischen Küste. Hier herrschte tiefer Friede. In der Stadt gab es um einen Schund zu kaufen, was das Herz begehrt. Nach einem Monat wieder ein Dach über dem Kopf, ordentlich gewaschen, ausgeschlafen, heimgeschrieben. Ein Leben wie Gott in Frankreich. 17.6. - 24.6.1940. Alarm! Aus mit dem schönen Leben. Toqueville - Antretot - Yvetot Barentin - Rouen - Elbeuf -Conches - nördlich Laigle. Nördlich und südlich Rouen waren weite Landstriche unversehrt. Hier waren nur noch größere Städte durch Bombardierungen schwer getroffen. In Rouen waren rund um den Dom ganze Stadtviertel zerstört, in den Trümmern hat es noch geraucht. Die Seine wurde über eine Kriegsbrücke aus Handelsschiffen überschritten. Die Seine ist bis Rouen für Hochseeschiffe befahrbar. Überall sind große Flüchtlingskolonnen nach Norden in ihre Dörfer, zu Fuß, mit Fahrrädern, Kinderwagen, Handwägelchen, Ochsenkarren, Pferden, Pferdefuhrwerken, Autos mit vorgespannten Pferden etc. unterwegs. Das waren Elendsbilder, Frauen haben um ein Stück Brot für ihre Kinder und Mädchen um Zigaretten gebettelt. Ab Null Uhr ruhen die Waffen in Frankreich. 25.6.1940. Die Nachricht erreichte uns um 1,30 nachts auf dem Marsch östlich Argentan. 26.6. -11.7.1940. Argentan - Mauvaisville. Hier Bezug von Ruhequartieren. Ausgeschlafen, nach sechs Wochen Wäsche gewechselt, Uniformen gewaschen, in der Orne gebadet, Briefe geschrieben, Pferde betreut, ich hatte wieder meine zwei Reitpferde, Fahrzeuge und Geräte instand gesetzt. Nach 14 Tagen begann schon wieder die Spinnerei, Apelle, Fußdienst, Sport etc. Aber im Allgemeinen war es nach den Strapazen der letzten 6 Wochen doch eine ruhige Zeit. Pferde betreut, ich hatte wieder meine Wochen doch eine ruhige Zeit. 12.7. -14.7.1940. Weitermarsch nach Norden - östlich Falaise nach St. Pierre du Fresne, ein Schloß südlich Caen. Die ersten Soldatengräber 22 23 15.7. - 26.7.1940. Schon fast kasernenmäßiger Zopf im Schloß. 27.7. - 28.7.1940. Weitermarsch nach Norden, nach Mesnil de Bures bei Caen, in einen großen Gutshof. 29.7. - 25.8.1940. An meinem 20 Geburtstag den Urlaubsschein erhalten. Caen - Lisieux - Evreux - Paris - Compiegne - Laon -Charleville - Dinant - ArlonLuxemburg -Trier - Koblenz -Frankfurt - Stuttgart - Bregenz. Zwischen Paris und Luxemburg waren praktisch alle Brücken gesprengt und in allen Ortschaften und Städten Zerstörungen zu sehen. 2.8. - 21.8.1940. Daheim Heuernte, Aktivitäten bei der Pfarrjugend mit Kaplan Giesinger. 26.8.1940. Nach der Rückkehr sofort zum Rapport befohlen. Batteriechef Hauptmann Winterstein, ein alter k.k. Offizier und Bankdirektor aus Salzburg, zeigte mir einen Brief der NS-Ortsgruppe Wolfurt. Der Spieß las mir den Brief vor, der mich als Schwarzen und damit als schlechten Volksgenossen abqualifizieren sollte. Er zerriß dann den Brief mit der Bemerkung: „Damit du siehst wo er hingekommen ist." 26.8. - 31.10.1940. Meist ruhiger Dienst, dazwischen Spinnerei, oft mit dem LKW der Batterie an die Küste nach Cabourg zum Baden gefahren. Jede Woche mindestens einmal an die Orne Mündung marschiert und dort auf schwimmende Ziele im Meer geschossen. (Die Allierten sind dann u.a.1944. genau dort gelandet) Zwischendurch waren in den mondänen Badeorten Cabourg, Deauville und Trouville zusammen mit Gebirgsjägern Verladeübungen auf Pfräme, für eine eventuelle Landung in England. Bei dieser Gelegenheit habe ich meinen Cousin Luitpold Weh aus Bregenz getroffen. Die Pferde hatten auch gute Zeiten, da sie meist auf der Weide waren. Zwischendurch sind wir oft ausgeritten. Caen war eine geschichtlich interessante Stadt mit vielen alten Kirchen, Klöstern und Gebäuden. Zur Truppenbetreuung gab es ein Soldatenheim, Theater und Kinos. (Caen wurde 1944 während der Invasion dem Erdboden gleichgemacht.) Englische Jäger und Bomber haben uns oft überflogen, aber nie bei uns abgeladen. In Summe waren das friedliche, ruhige Monate in einer schönen Gegend. 17.10.1940 Mit der Bahn zur Stadtbesichtigung nach Paris gefahren. 25.10. und 26.10.1940. Zweimal je 100 Kilometer nach Bayeux zum Brennholz holen gefahren. Die wunderschöne Kathedrale besichtigt. Ende Oktober Pferde, Waffen und Gerät Einmarsch in das zerstörte Abbeville. übergeben. Verschiedene Einheiten scheiden aus der 57. Infanterie Division aus und kommen nach Deutschland zu einer Neuaufstellung. Unsere Division ist in sechs Wochen 1200 km marschiert und hat an der Somme und beim Durchbruch durch die Weygand Linie mit 452 Toten und 1400 Verwundeten die größten Verluste aller in Frankreich eingesetzten Divisionen erlitten. Im Bereich der Division wurden 135 Panzer abgeschossen. 30.10.1940.Großer Abschiedsabend, Bischof Werner aus Bizau und ich bekamen das EK II für unsere gemeinsamen Einsätze als Fernsprecher. 31.10 - 3.11.1940. Caen - Argentan - Alencon - Tours - Vierzonville - Bourges -Nevers - Le Creusot - Dijon - Gray - Vesul - Beifort -Mühlhausen - Straßburg - Karlsruhe - Stuttgart -Ulm - Memmingen - Legau im Allgäu. Wieder in Deutschland, Lazarett: 4.11. - 13.12.1940. Mit Musik und schönen Worten empfangen und in guten Privatquartiern untergebracht. Sturer kasernenmäßiger Dienst und Schikanen, daß sich sogar der Ortsgruppenleiter eingemischt hat. An drei Wochenenden konnten wir drei Vorarlberger zu einem Kurzurlaub heimfahren. Es hat sicher viele fanatische Nationalsozialisten, aber auch sehr viele Andersgläubige gegeben. Auch unter alten Nationalsozialisten gab es selbstverständlich anständige Leute. Ich war über ein Jahr mit zwei Münchner Blutordensträgern, beide waren Funker, hautnah am gleichen Fahrzeug, im Einsatz und in vielen Massenquartiern zusammen. Sie waren beide dreißig Jahre älter als ich, haben es in der Partei zu nichts gebracht, waren gute Kameraden, haben nie politisiert und hatten die Nase noch voller als wir Jungen. Sie haben den Polen- und Frankreichfeldzug mitgemacht und wurden in Legau aus Altersgründen entlassen. 1.12.1940. Zum Gefreiten befördert. 14.12.1940.-5.1.1941. Heimaturlaub, am 19.12.1940. mit hohen Fieber erkrankt, daheim gelegen, am 31.12.1940. nach Bregenz zur Untersuchung, Tuberkuloseverdacht. In den Reservelazaretten Riedenburg und Gaisbühel nicht untergekommen. 5.1.1941. Nach Legau eingerückt, im Kreiskrankenhaus weitere Untersuchungen. 8.1. - 29.1.1941. Nach München ins Resevelazarett Schwabing überstellt. Am 13.1.1941. nach gründlichen Untersuchungen der Befund: Schwere Bronchitis. Das wäre eine große Erleichterung. Die Bronchitis hat mich dann mein weiteres Leben begleitet. Mädchen aus einem Betrieb und aus einer Versicherung brachten jede Woche Zigaretten, Kuchen, Apfelsaft, Lesestoff und freundliche Gesichter mit. Neben mir ist ein im I Weltkrieg hochdekorierter Feldwebel und Blutordensträger an Rückenmarkskrebs gestorben. Er hat mir viel über seinen Einsatz in der Kampfzeit der Zwanzigerjahre und über die spätere Machtübernahme durch Opportunisten und Konjunkturritter erzählt. Seine Frau hat drei Tage vor seinem Tod, gegen seinen Willen, einen Besuch des Gauleiters arrangiert. Es war eine peinliche Situation, da sich die beiden nichts zu sagen hatten. Ich konnte als junger Andersgläubiger hinter die Kulissen schauen. - Es war der einzige Gauleiter den ich in den ganzen Jahren gesehen habe. 30.1.1941. -17.2.1941. Überstellung ins Reservelazarett Hotel Sonnenbichl in Garmisch. Ab lo.2.1941. bekam ich schon fallweise Ausgang. In Garmisch fanden 1941. noch Winterspiele statt, an denen auch Sportler der Verbün25 24 deten teilnahmen. Schispringen auf der Olympiaschanze mit Bradl, Weiler, Finnen und Slowaken. Im Eisstadion ein Eishokeyspiel Berlin gegen Rissersee und Eiskunstlauf mit den Geschwistern Pausin, Horst Faber und Lydia Feicht. - Soviele Generale habe ich nie mehr auf einem Haufen gesehen. 18.2. - 3.3.1941. Entlassung aus dem Reservelazarett Hotel Sonnenbichl. Garmisch - München - Augsburg. Genesenden Batterie, Leichte Artillerie Ersatz Abteilung 27. Jeden Tag in der Küche Kartoffel geschält, aber nicht nur Kartoffel gegessen. 4.3. - 26.3.1941. Genesungsurlaub, viele Bekannte sind schon eingerückt. 30.3. - 5.4.1941. Zur Erholung auf der Schihütte der 27er auf der Alpe Obere Kalle in Thalkirchdorf bei Immenstadt. Das waren schöne Vorfrühlingstage. 6.4.1941. Deutsche Truppen marschieren in Jugoslavien und Griechenland ein. 18.4.1941. Jugoslawien hat kapituliert. 19.4.1941. Kv. kriegsverwendungsfähig geschrieben und als Hilfsausbildner zur dritten Batterie versetzt. 20.4.1941. Ein gleichaltriger Leutnant hat mich zu einer Freischützaufführung ins Stadttheater eingeladen. 17.5.1941. und 25.5.1941. Die Wolfurter Brüder Mohr Erwin (gefallen) und Mohr Ernst in der Kaserne in Augsburg/Pfersee besucht. 20.5.1941. Deutsche Fallschirmjäger und Gebirgsjäger landen auf Kreta. 5.6. -11.7.1941 Unterführerlehrgang, viel Theorie und viel Schinderei beim Fußdienst, Geschützexerzieren und bei Übungen. 22.6.1941. Deutsche Truppen marschieren in Rußland ein: 14.7. - 29.7.1941. Verlegung auf den Truppenübungsplatz Hohenfeis in der Oberpfalz zur weiteren Ausbildung. Bahnverladung Augsburg - Ingolstadt - Regensburg - Haindorf. 28km Marsch ins Lager Hohenfels, sturer Kommißbetrieb, Scharfschießen mit Geschützen und Infanteriewaffen, Nachtübungen und andere Spässe. 9.8. -24.8.1941. Heimaturlaub, gerade recht zum Heuen gekommen. 28.8. - 6.9.1941. Zu dritt Zugwache in den Nachtzügen München - Berlin und Berlin München gefahren. Am Vormittag jeweils ein paar Stunden in der Wehrmachtsübernachtung geschlafen, dann die beiden Städte gründlich besichtigt. Am 1.9.1941. anstatt zu schlafen nach Augsburg zur Einheit befohlen, Beförderung zum Unteroffizier, nachts wieder nach Berlin. 7.9. - 30.9.1941. Ruhiger Dienst, an manchen Tagen bis in die Lechauen ausgeritten. 1.10. - 2.10.1941. Versetzung zur Sturmartillerie. Augsburg - Nürnberg - Halle - Sturmartillerieschule Jüterbog


Heimat Wolfurt Heft 11 1993 Jänner
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 11 Zeitschrift des Heimatkundekreises Jänner 93 Prof. Dr. Lorenz Böhler, 1885-1973, Begründer der modernen Unfallchirurgie. Ehrenbürger von Wolfurt. Inhalt: 42. Inhaltsverzeichnis 43. Unser tägliches Brot (2) 44. Dr. Lorenz Böhler 45. Kalb's Creek 46. Der Schnitztrog 47. Altvorstehers Haus 48. Ein altes Dokument Inhaltsverzeichnis und Rückblick Einleitend zum Vortrag «Nachbarn in der Bütze» hat sich Alexander Natter, der Leiter des Kath. Bildungswerkes, der die Vortragsreihe Heimatgeschichte mustergültig organisiert, beim Heimatkundekreis für die gute Zusammenarbeit bedankt und einen kurzen Rückblick gegeben. Das folgende Inhaltsverzeichnis der ersten zehn Hefte soll ein Nachschlagen oder allfälliges Nachbestellen erleichtern. Bildnachweis: Das Titelbild und S. 18 sind aus Lehne, Lorenz Böhler. Alle anderen sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim. DIE Heft 1 1. Zeittafel für Wolfurt und Hofsteig 2. Bauern und Fabrikler 3. Franzosenkrieg 1800 Heft 2 4. Entwicklung der Wirtschaft (1) 5. Hofsteiger Bauern 6. Auf dem Weg zum März 1938 20. Sozialstrukturen (2) 21. Wasser und Wald 22. Tagebuch Schneider 23. Spatzecklo Heft 7 24. Das Vereinshaus 25. Mit Napoleon nach Rußland 26. Lehrer Köbs Familie 27. Streifzüge der Gedanken Heft 8 28. Volkszählungen 29. Strohdorf, Hub und Flotzbach 30. St. Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt Heft 9 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Auswanderer (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz Heft 10 40. Unser tägliches Brot (1) 41. Kriegstagebuch Fischer 39-46 1 AUTOREN: Die Beiträge in diesem Heft sind von Siegfried Heim, 1931, HS-Direktor i. R. Bitte! Diesem 11. Heft liegt wieder einmal ein Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druckund Versandkosten abzudecken! Heft 3 7. Der Rickenbach 8. Wolfurter Geschlechter 9. Der letzte Krieg 1939-45 Heft 4 10. Wolfurter Mundart 11. Kriegsende 12. Die Pfarrkirche Heft 5 13. Schlösser in Wolfurt 14. Pfarrer Barraga 15. Auswanderer (1) 16. Autos 17. Chronik Köb Heft 6 18. Das Kirchdorf 19. Häuserverzeichnis 1926 Bestellungen Die Hefte «Heimat Wolfurt» werden nicht an alle Wolfurter, sondern nur an jene zugeschickt, die sie bestellt haben. Die Hefte 1 bis 4 sind vergriffen. Alle anderen können über Wunsch noch zugeschickt werden. Wir verweisen auf das nachfolgend abgedruckte Inhaltsverzeichnis und erbitten Bestellungen, am besten schriftlich mit Anschrift, an Siegfried Heim. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Zuschriften und Ergänzungen zu Heft 10 Mohr-Familien (Heft 8, Seite 12). Der Beitrag hat ein überraschend großes Echo gefunden. Am 17. Oktober 1992 fanden sich rund 400 Familienangehörige zu einem großen Sippentreffen aller Mohren im überfüllten Vereinshaus ein. Theresia Wachter-Mohr eröffnete mit einem Prolog. Dann berichtete Siegfried Heim von seinen Forschungen über die Wolfurter Nachkommen des Mohr Urban, der vor 1700 in Dornbirn lebte. Sinz Michael hatte ungefähr 500 Namen in einem Computer-Ausdruck geordnet. In der 10. Generation findet man dort z. B. Dr. Markus Mohr, 1963, den Kaplan von Hohenems. In der 11. Generation stehen vorerst 177 (!) Namen, darunter etwa Mathias Mohr, 1980, Schüler-Meister im Turnen. Hubert Mohr zeigte Dias von den Familien, den alten Häusern und den MohrWappen. Roland Mohr hatte einen riesigen Stammbaum gemalt. Bürgermeister Erwin Mohr stellte mit «Baholzars Marte», 1908, einen bisher unbekannten MohrNachkommen vor, der sich aber mit einem 100 Jahre alten Ölgemälde seines Großvaters ausweisen konnte. Zahlreiche andere Familienangehörige trugen mit Musik und Gesang, mit einer Bilderausstellung und mit riesigen Kuchenbergen und süßen Mohrenköpfen zum Gelingen eines unvergeßlichen Festes bei. Konstanzer Münster (Heft 10, S. 3). Unser Dorf-Fotograf Hubert Mohr hat das Ritterwappen mit dem seitenverkehrten Wolf gesucht und gefunden und uns ein Bild gebracht. Ulmer hat 1925 in «Burgen und Edelsitze» geschrieben (S. 394): «An Sigmund erinnert noch eine schöne Glasscheibe mit Namen und Familienwappen im Münster zu Konstanz.» Heute befindet sich eine auf eine Holztafel gemalte Nachbildung im Kreuzgang links von der Kirche. Das Original dürfte demnach in einem Museum geschützt untergebracht worden sein. Danke, Hubert! Kriegstagebuch Fischer. Zahlreiche Rückmeldungen haben sich sehr positiv zu diesem wertvollen Zeitdokument geäußert. Eine ganze Reihe von Nachbestellungen resultierten daraus. Das Kriegstagebuch sollte besonders den jungen Lesern empfohlen werden. Marianne Barcatta (Heft 10, S. 3). Mehrere Rickenbacher bedankten sich für die Grüße aus Buenos Aires. Waibels Agnes (Frau Schneider im Hotel Monzabon am Lech) bat um die Adresse und hat nun bereits mit großer Freude von einem ausführlichen Antwortbrief ihrer verschollen geglaubten Jugendfreundin berichtet. Ein Bild aus der Mohr-Ausstellung: Martin Mohr, geboren 28. Dezember 1809 an der Hub in Wolfurt, gestorben 20. November 1900 in Bregenz als ältester Bregenzer Feuerwehrmann. Ein Vorfahre von Baholzers Marte. 2 3 Siegfried Heim Unser tägliches Brot (2) Der erste Teil dieses Beitrags ist bereits in Heft 10 erschienen. Die beiden Bilder auf S. 4 sind als Ergänzung dazu gedacht. Zu Tisch Schwere Arbeit verlangte nach kräftiger Kost. «Wer nüt2 ist zum Eosso, ist ou nüt zum Schaffet!» Der Bauerntag hatte daher fünf Mahlzeiten eingeplant: «Z Morgo», «z Nüne3», «z Mitag», «z Obod» und «z Nacht». Weizen auf dem Kapellen-Grundstück unter der Bahn 1936. Da freuen sich Regina, Rösle und Erna Stöckler. Erstkommunion-Frühstück. Hier im Schwanensaal saßen die Wolfurter Kinder in ihrem Leben zum ersten Mal an einem weiß gedeckten Tisch. Wie köstlich schmeckte damals die allererste Schaumrolle! Im Hintergrund sieht man Pfarrer Griesmayer, Kaplan Nesensohn, Sr. Gisela und die Musik mit Kapellmeister Rohner. Die letzte Weizengarbe ist geschnitten. 1940. Schnidarles Agath und Rudolf mit Tochter Rosa. Auch Bücheies Gebhard hilft mit der scharfen Sichel. nüt = nichts nüne = neun (Uhr) 4 5 «Z Morgo» gab es ursprünglich überall ein Mus, angerührt aus Milch und Mehl, ein wenig Butter darüber - kein Salz, kein Zucker, kein Zimt - einfach ein Mus. Heiß aus der Pfanne gegessen! Einzige Würze war «d Rummat», die leicht angebrannte Bodenkruste, die so herrlich schmeckte. Jeden Tag ein Mus, ein Mehlmus vom Vesenmehl, ein Habermus oder später auch ein Türkenmus. «Do ist ma do ganz Tag gfuttorot», hieß es, oder «Muos git an starko Fuoß». Wenn die Männer seit der Dämmerung «um Viore» mähten, trug die Bäuerin die Muspfanne sogar ins Feld. Der Müller Lorenz Gunz erzählte, daß etwa ab 1870 der Türggo-Stopfar allmählich das Mus verdrängt habe. Nun gab es alle Tage Stopfar in der Früh, dazu «a Beckile1 Milch» oder einen leichten «Mode2»-Kaffee. Gemeinsam löffelte man aus einer Schüssel. Ganz Schlaue füllten unauffällig nebenbei ihre Tasse - aber es wurden alle satt. In manchen Haushalten würzte man den Stopfar noch mit eingemischten Kartoffeln zu «Bodobioro-Stopfar». In guten Zeiten bekamen die Kinder ein wenig Zucker darübergestreut. Brot gab es erst zum «z Nüne». Das war eine willkommene Unterbrechung im langen Arbeitsvormittag. Kinder bekamen «a Igsottos3 -Brot», ganz selten Butter als Aufstrich, eher schon «Schwine4-Schmalz» mit einer Prise Salz. Das «Igsottos» kochte die Hausfrau von den «Zante Hannes 5 »-Beeren oder als «Schelee» im Sommer aus grünen Falläpfeln. Heidelbeermarmelade und Honig waren seltene Köstlichkeiten. Die Erwachsenen erhielten je nach Arbeit und Jahreszeit Brot und Käs, Brot und Speock oder auch einmal «an Schwartomago6-Salot». Sie durften das Brot selber vom «Loab»oder vom «Weggo» schneiden, eine dünne Scheibe oder «an ganzo Ronggo7». Kinder bekamen ihre Portionen von der Mutter zugeteilt. Dazu tranken sie mit der Kelle klares Wasser aus dem Kübel. Die Männer bekamen Most8, bei strenger Arbeit allerdings keinen starken «Saft», sondern «an Höüar-Most», halb Saft, halb «Glöre». Beckile = kleines Becken, Tasse Mode = Feigenkaffee 3 Igsottos = Eingesottenes, Marmelade Schwine = vom Schwein 5 Zante Hannes = Sankt Johannes 6 Schwartomago = Sulz-Preßwurst 7 Ronggo = ein großes Stück 8 Most = vergärter Apfel- und Birnensaft. Ohne Wasserzusatz heißt er Saft. Wenn die ausgepreßte Obstmaische über Nacht in Wasser gelegt und dann neuerlich ausgepreßt wird, heißt die Flüssigkeit «Glöre». Sie wird dem Saft beigemischt und verringert den Alkoholgehalt beträchtlich. 2 1 Die gleiche Jause gab es auch am Nachmittag um vier Uhr, «s Z-Obod-Eosso». Da ließ man sich, wenn nicht gerade schwarze Wolken drohten, auch schon etwas mehr Zeit. Jetzt lockerte auch manchmal «an Sürffol1 Wiß-Biorar2» aus der sonst streng gehüteten Flasche den Mund der Großen und die Kinder hörten viel Interessantes «und händ mit Mul und Naso glosot3». Die Hauptmahlzeit war aber das Mittagessen. Da sammelte sich die ganze Familie mit Nana 4 und Näne 5 - an vielen Orten war auch noch eine alt-ledige Bäsa6Gotta7- dabei-, um den großen Tisch in der Küche. Für jedes waren ein Teller aus Steingut und ein Löffel vorbereitet. Ein Tischtuch gab es nicht. Kuhfuhrwerk um 1940. Ludwig Kalb sen., im Tobel, führt Maisstroh heim. Unter dem Kreuz sprach man ein langes - fast unverständliches - Bittgebet «um Speis und Trank». Dann trug die Mutter die Suppe auf: eine gute «Flädle»-, «Knedol»- oder «Buostabo s »-Suppe, eine kräftige «Kichoro9»- oder «Spätzle»Suppe, häufig aber auch «a Brenn»-, «a Rubele10»-, «a I-Louf n »-Suppe mit einem eingerührten Ei oder gar «a Kuttlo12»-Suppe mit Lorbeerblatt und Essig. Da hätten sich die Kinder lieber verdrückt. Aber «Was uffo Tisch kut, wird geosso!», hieß es und «Noch om Hoakle-Si kut nüt me». Manch heikles Kind mußte sogar hören: Sürffol = ein Schluck Wiß-Biorar = Schnaps aus Weißbirnen mit besonderem Aroma. Die Weiß- oder Hausbirne war daher weit verbreitet. Heute ist sie fast ausgestorben. 3 11 glosot = zugehört Nana = Großmutter 5 Näne = Großvater 2 1 Bäsa = Tante oder Cousine Gotta = Patin 8 Buostabo = zu Buchstaben geformte Eierteigwaren 9 Kichora = Bohnen 10 Ribele = Teigknöllchen I-Louf = Einlauf 12 Kuttla = Gedärme 7 6 6 7 «Dior sott ma d Zungo schabo!» oder «Du tuost gad, as ob-d Schuoh-Negol eosso müßtost!» Hauptspeise waren Gsottene Bodobiora, Hörnle oder Nudla, später ganz selten auch Reis. Darüber wurde eine Soße mit ein wenig verhacktem Fleisch verteilt. Aber häufig gab es auch «a Kratzat 1 », Käs- oder Krutknöpfle, «Omlett mit Igsottos» und immer wieder «Bodobiora» und «Türggo» nach den verschiedensten Rezepten. Als Freitags-Fastenspeisen waren neben Milchreis und Auflauf auch Öpfolküochle, Polstorzipfele, Trachtarküochle und «Waffla» begehrt, auch einmal «a Holdormuos 2 » oder gar ein Heidelbeermus. Gemüse gab es nur zu Fleischspeisen und nur, was im Mamas Garten gewachsen war: grünen Salat, «Kichora», Blumenkohl, Krut, Gelbe Rüben und «Schniotloub3» für die Suppe. Für den Winter wurden Sauerkraut und Rüben eingehobelt und Randig eingelagert. Vitaminmangel führte regelmäßig zu Frühjahrsmüdigkeit. Das ließ man aber nicht als Ausrede gelten: «Im Mirz 4 ist a jeds müod, basta!» Um so gieriger langte man nach dem ersten Grün, nach «Surampfla5», «Melkar6» und «Guggarklee7». Den langen Arbeitstag beschloß, wenn das Heufuder abgeladen und die Stallarbeit getan war, «s Z-Nacht-Eosso». Es war wieder sehr bescheiden und bestand fast überall nur aus «brotona Bodobiora» oder nocheinmal «Stopfar» mit Malzkaffee. Zur «Brot-Schublad», zum «Zuckor-Schamützol » und natürlich auch zur «Rouchkammor» hatte nur die Mutter Zutritt. «Schnöuggo9» war verboten und wurde bestraft. Daher war auch «do Glusto10» auf alles Süße besonders groß. Weil Zucker so teuer war, wurde nur mit Honig oder auch mit Dörrobst gesüßt. 8 Deshalb schmeckten auch «d Leozeolto 1 -Klosomä2», «do Moltscheero3» und der Neujahrszopf so gut. Darum konnten Kinder um ein paar «Wi-Beerle» im «Gugolupf» streiten und sich freuen, wenn ihnen die Nachbarin für einen Botengang «a Hampfol4 deerte 5 Kriose » zusteckte. Der große «Bummoranzo 6 » zu Weihnachten und der «gläsene Ostorhas»waren Raritäten, auf die man sich das ganze Jahr freute. Heute würden uns «a Ofokatz7», «Schnitzkichora8» oder gar «an Biostkuocho9» kaum mehr schmecken. Wir wissen nur mehr vom Hörensagen, daß unsere Großeltern noch davon schwärmten. Oder wer hat noch einen Blutkoch gegessen? «A Kratzat», aber mit Blut statt mit Milch angerührt. Rinderblut vom «z Odor10-lo», wenn die Kuh nicht aufnehmen wollte. Oder natürlich Schweineblut «vu dor Su-Metzgate11». Damit kommen wir noch zur wichtigsten Unterbrechung im Speisealltag, wenn im Winter «d Su gmetzgot woro ist.» Ein ganzes Jahr lang war die Sau mit allen Abfällen der Landwirtschaft in ihrem «Trügol12» gefüttert worden. Nun hatte sie 130 kg Gewicht und «a foasts13 Gnack». Heißes Wasser und Baumharz für den riesigen «Bröü-Zubor14» wurden vorbereitet. Dann tötete der Hausmetzger die «Hiss15» mit sicherem Axthieb und Stich. Die Bäuerin fing das wertvolle Blut auf und rührte es kalt. Ein Schar von Kindern verfolgte mit erregtem Staunen das Bräuen, Ausnehmen und Zerlegen. Schöpfte der Metzger dann endlich die dampfenden Blutwürste aus dem Kessel, so durften die Kinder ein paar davon und meist auch ein Stück 1 1 2 3 4 5 Kratzat = Schmarren, Eierteigspeise Holdor = Holunder Schniotloub = Schnittlauch Mirz = März Surampfla = Sauerampfer 6 Melkar = Wiesenbocksbart. Seine milchigen Stengel schmecken süß, geben aber braune Flecken. 7 Guggarklee = Sauerklee 8 Schamützol = Papiersack 9 schnöuggo = naschen 10 Glusto = Lust, Gier Leozeolto = Lebkuchen Klosoma = Nikolaus-Mann. Ein Lebkuchen mit Nikolausbild oder ein als Mann geformtes Milchbrot mit Rosinenaugen. 3 Moltscheero = Früchtebrot spezieller Art, das unter diesem Namen und in dieser Qualität nur im Hofsteig und in Hofrieden - Bregenz zwischen Weihnachten und Dreikönig gebacken wurde. 4 a Hampfol = eine Handvoll 5 deerte Kriose = gedörrte Kirschen 6 Bummoranzo = Pomeranze, Orange 7 Ofokatz = im Kachelofen gebackener Eierkuchem mit Früchten 8 Schnitzkichora = Bohnenmus, durch mitgekochte Dörrbirnen gesüßt. 9 Biostkuocho = die gelbe Milch der Kuh in den ersten Tagen nach dem Kälbern wurde durch Kochen eingedickt. 10 z Odor lo = Aderlaß, ein bei Vieh und Mensch vielgebrauchter medizinischer Eingriff. 11 Su-Metzgate = Schweineschlachtung 12 Trügol = Futtertrog 13 a foasts Gnack = ein fetter Nacken 14 Bröü-Zubor = Braustande aus Holz. In heißem Wasser wurden die Schweinsborsten abgeschabt. 15 Hiss = Schwein 2 8 9 Kesselfleisch «mit am schöno Gruoß vo dor Mam» zu den Nachbarn tragen. Ganz sicher bekam die Mutter ein paar Wochen später eine gleiche Gabe zurück und hatte so mehrmals Frischfleisch. Das abendliche Wurstmahl wurde mit Freunden und Nachbarn ein richtiges Fest. Da gab es die majoran-duftenden schmalzreichen Blutwürste und durchzogenes Kesselfleisch. Feinschmecker hielten sich an die geröstete Leber oder auch an das sauer gewürzte «Vor-Eosso» aus zerhackten Innereien. Manche schmatzten begeistert, anderen grauste davor. Am folgenden Tag kochte die Mutter noch vom Saukopf und den Haxen den Schwartenmagen. «Schmutz1» wurde «usglo» und ein paar Tage lang durfte man noch von den «Grüoba 2 » naschen. Fast alles Fleisch war aber in der Stande und dann in der Rauchkammer verschwunden. Es mußte das ganze Jahr reichen. Nur ganz selten kaufte die Bäuerin «i dor Metzg» ein Schüblingpaar und einen Suppenknochen. Und nur bei Firmung, Hochzeit und Totenschmaus reichte es zu einem «Zitzele3» für die Kinder. Die erste Metzgerei in Wolfurt wurde überhaupt erst 1879 eingerichtet, als der Hausmetzger Gebhard Fischer sein zwei Jahre früher erworbenes Haus am Dorfbach zu «Gasthof und Metzgerei Lamm» umbaute. Daneben hatten aber die Hausmetzger Metzger-Hannes, Schützo Mathis im Röhle und Metzger Reiner noch lange Zeit viel Arbeit. Seither hat sich die Weltkugel viele Male gedreht. Mehrmals haben einander Reichtum und Hungerzeiten abgewechselt. Auf die letzten sieben mageren Jahre 1939 bis 1946 sind nun schon mehr als sechs mal sieben fette gefolgt. Wie gut verkraften wir sie? Können wir noch bitten um «unser tägliches Brot»? Anhang Das Hungerjahr 1817 Originalbericht aus den Aufzeichnungen des Wolfurter Gotteshaus-Ammanns und Vorstehers Matthias Schneider (1745-1833): «Märkwürdig ist dis 1817 ente Jahr, welches undenklich so, zu keiner Zeit, in keiner Kronik zu finden ist, wegen all zu grosser Theurung. Dieses Jahr 1817 ist ein solches Theur Beträngtes Jahr, daß es den Hunger und die Noth nicht genugsam beschreiben kann. Schon das Vorhergehende Jahr 1816 ist ein solches Fehljahr in allen Viktualien1, das es zum erbarmen war. Die Hauptfrucht, der Türken, ist wegen so schlimmer Witterung gahr nicht zur Zeitigung2 gekommen. Ob wohl in solcher bis bereits Allerseelen stehen geblieben, so ist er dennoch bereits nicht zu gebrauchen gewesen. Es hat der Mehreste gleich mit samt dem Razen3 den Pferdt und Vieh, um nicht gahr zu verfaulen, gefüttert werden (müssen). Die Erdäpfel sind auch weg zu vieler Näße nur halb gerathen, und noch überall sehr reudig geworden. Ops4 hat auch wenig gegeben, und was es gegeben, ist so Theur geworden, das es für das Virtel5 Bieren, nur gemeine, welche nicht einmal die vollkommene Zeitigung erlangt, für 1 f, die besseren aber, als Weinbieren, Bergbieren und dergleichen für 20 Bazen und noch weiter. So hat jede Gattung der Früchten den Aufschlag bekommen und von Tag zu Tag weiter gestiegen. Gegen Weihnächten hat das Korn der Elfer1 48 bis 50 f gekostet. der Haber der Elfer 20 bis 22 f der Roggen der Elfer 25 bis 28 f die Garsten der Elfer detto der Butter das Pfund 28 Kreuzer. So hat es von Einem Mart8 zu den anderen weiter aufgeschlagen, das die Kaufpreise kaum dörfen aufgeführt, und weit ohnmögliger9 mehr bezahlt werden. Da doch zur Zeit Juni bereits die besten Leute, einige alles, andere doch villes haben kaufen 1 2 6 1 2 3 Schmutz uslo = Schmalz, Fett ausschmelzen Grüoba = Grammeln, ausgepreßtes Fettgewebe Zitzele = Krenwürstchen, Frankfurter 3 4 Lebensmittel Reife Kolben Obst ein Viertel = 21,5 Liter 7 8 9 1 f (Gulden) = 60 Kreuzer = 15 Batzen. 1 Batzen = 4 Kreuzer ein Getreidemaß Markt unmöglicher 10 11 müssen, - und ohne Geld ist nicht vill zu bekommen gewessen, und Geld zu verdienen ist gahr kein Zeit Punkt. - Indeme alle Fabrizierung bereits aufgehört, und was noch ein wenig geschehen, hat bereits umsonst müssen geschehen, das Kaum nur das Salz hat können verdient werden, und doch haben die Markt Preiß im Juny so erschröklich aufgeschlagen, das es bedauerlich zu beschreiben das Viertel Korn 9 bis 10 f der Haber 2f45Xbis3f Roggen 3 bis 4 f Türgen detto 7 bis 8f rauhe Gärsten detto 3f gerolte detto 9f das Pfund Butter 26 X das gesottene detto Pfund 32 bis 34 X der Vierling Mußmehl, wie schlecht es noch war, 1 f20 bis 24 X das Weißmehl 1 f36 X und so alle Gattungen. Den 4ten July hat das Malter2 Korn 20 f abgeschlagen. Das gegenwärtige Jahr 1817 ist bis datto ein gutes vollkommnes Jahr anzusehen, für allgemein. Aber für einige Pfarreyen oder Gemeinden sind leider erbarmungswürdige Wetterstreiche, und andere mit unerhörtem hochgestiegenem Waßer des Bodensee dergestalten überhäuft worden, daß zu keiner Zeit solches kein Mensch gedenken noch in einer Beschreibung oder Kronik zu finden war. Denn der Bodensee ist so hoch gestiegen, daß er bis zum Löwenwirth zu Bregenz erwachsen, und auf dem Kornmarkt Blaz ein lauterer See von 2 Schuh3 tief gewessen, welcher in selber Gegend in alle Häußer und Keller eingetrungen, das einige genöthiget worden auszuziehen. Ja zu Hardt und Fußach ist das Wasser so gahr in die Kirchen gekommen, das man selbe gahr nicht mehr hat betretten können, sondern die Gottesdienste zu besondere Häußer und auch gahr auf freiem Felde hat halten müssen. Den 6ten July ist zu Hardt der Gottesdienst bey des Becken Haus des Joseph Hermann und Joh. Georg Ruß gehalten worden, und zwar täglich so muß gehalten werden, bis sich das Wasser wieder verlihret, und die Kirchen wieder kann gebraucht werden. Ebenso ist es auch zu Fußach, besonders auch zur Gaisau, und im Alt Rhein, wo die Mehreste Familien haben ausziehen müssen. Auch an allen Gegenden des Rheins hat sich das Wasser ihn alle Wissen und Felder erhöht und alle Früchten und Heu gänzlich zernichtet. 1 2 Die Ursach des so hochsteigenden Wasser ist: Daß letztes Jahr 1816 der Schnee auf den bergen Niemal abgegangen und den Winter darauf eine Mänge Schnee zu diessem gemacht. In diesem Jahre aber sehr warme Tage und besonders warme Regen, und Pfönnwind1 eingetretten, und dadurch den Schnee so stark geschmolzen, das die Gewässer Langezeit mit aller Überschwemmung daher geflossen, bis der See eine außerordentliche Höhe bestiegen2. Zu Lindau hat es auch großen Schaden gethan, weil das Wasser in alle Gärten der Stadt über Schwämmt hat, und an der Brücken und Mauerwerk großen Schaden gethan. Das Waßer ist 2 Schuhe hoch über die Brücke gestanden. Um selbe nicht gahr wegnehmen zu lassen, hat man selbe mit vielen der größten Quadersteinen und Eichblöcken beladen. An anderen Orten, als in Wasserburg und von da bis Wangen, und bei Konstanz durch die Schweiz bis gegen Luzern hat es den 20ten Juny durch Hagelstreich grossen Schaden angerichtet, wo es stuckweis alles in Grundboden verschlagen, die schönsten Früchten, Weinberg, Obsbäume, das Futter und was da war. Den 4ten July hat es durch den Bregenzer Wald und ein Strich der Schweiz wider mit einem Hagel haimgesucht, wo es auch eine solche Mänge Stein gefällt, das mit Schlitten hätte können darüber gefahren werden. Wettersegengebet O Gott, Du Ausspender aller guten Gaben! Du Ursprung aller erschaffenen Dinge, in welchen wir leben, bewegt werden und sind! Segne unsere Äcker und Güter! Wende ab von denselben alles Ungewitter und befehle, daß der Himmel uns gebe zu seiner Zeit den Regen, zu seiner Zeit die Sonne! Erwärme die Erde, damit sie uns die notwendigen Früchte hervorbringe, wenn Du es zu Deiner Ehre, zum Nutzen unserer Seele zu sein erkennest. Amen. Dieses uralte Bittgebet wurde in Wolfurt täglich mit dem Glockenläuten um 2 Uhr von Kreuzauffindung am 3. Mai bis Kreuzerhöhung am 14. September gebetet. In dieser Zeit betete der Priester mit den Gläubigen auch das «A fulgure, grandine et tempestate libera nos, Domine Jesu Christe» (Vor Blitz, Hagel und Ungewitter 1 X = Kreuzer 1 Malter = 8 Viertel = 172 Liter 3 1 Schuh = (= 1 Fuß) = 31,5 cm Föhn Auf dem Hochwasserpegel am Bregenzer Molo ist diese Marke unter dem 7. Juli 1817 eingeritzt. Sie liegt ungefähr um einen Meter höher als die Marke vom 29. Juni 1965, wo das See-Hochwasser den Autoverkehr am Bahnhof und auf dem Kornmarkt lahmlegte. 12 13 bewahre uns!). Dann segnete er mit «Benedictio Dei omnipotentis +++ descendat super vos, locum istum et fructus terrae, et maneat semper!» - Der Segen des allmächtigen Gottes komme auf euch herab, auf diesen Ort und auf die Früchte der Erde, und verbleibe allezeit! Siegfried Heim Tischgebet Daß unsere Eltern das tägliche Brot in Ehrfurcht und Dankbarkeit annahmen, zeigt sich in uralten Gebetsformeln. Zwei davon hat uns Frau Maria Bernhard, «Klosos» im Oberfeld, Jahrgang 1912, überliefert. Vor nunmehr fast 80 Jahren hat sie sie von ihren Eltern Hintereggers Bertha und «Kloso Marte» Fischer gelernt. Nur mehr wenige kennen ähnliche alte Texte. Vor dem Essen: Herr Gott! Segne diese Speise und sei uns armen Sündern gnädig! Amen. Vater unser... Gegrüßt seist Du, Maria... Kreuzzeichen. Nach dem Essen: Himmlischer Vater! Wir danken Dir, Daß Du uns unwürdige Menschen gespeist hast und (mit) Deiner Gnade so väterlich teilhaftig gemacht hast und nimmer aufhörest, Deine Wohltaten gütig mitzuteilen. Lob und Ehre sei Dir, o Gott, im Himmel! Friede den Menschen auf Erden, Gnade unsern Wohltätern, die ewige Ruh allen verstorbenen Gläubigen! Und nach diesem elenden Leben zu komm uns die ewige Freud und Seligkeit! Amen. Daran schloß man mindestens ein Vater unser für die armen Seelen an, meist aber noch eine Reihe von Gebeten aus besonderen Anlässen. Den Abschluß bildete die «letzte Angst»: Durch deine letzte Angst und schwere Verlassenheit, o gütigster Herr Jesus, wir bitten dich, verlasse uns niemals, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen. Ehrenbürger Dr. Lorenz Böhler und seine Wolfurter Vorfahren In Wien ist 1991 endlich eine Biographie erschienen: Inge Lehne: Lorenz Böhler. Die Geschichte eines Erfolges. Im November 1992 ist ein Abdruck in Fortsetzungen in den «Vorarlberger Nachrichten» erschienen und hat landesweit Beachtung gefunden. Es ist eine packende warme Schilderung der Entwicklung der Unfall-Chirurgie, die untrennbar mit dem großen Wolfurter Arzt vom «Unfallkrankenhaus Wien XX» verbunden ist. Prof. Dr. Poigenfürst nennt ihn im Vorwort «einen Arzt, dem Millionen von Verletzten dankbar sein können, der es immer verstanden hat, den medizinischen und technischen Fortschritt zu nutzen und dennoch den Menschen immer im Zentrum seiner Bemühungen sah.» Uns Wolfurter freuen natürlich die Bilder von seiner Heimat im Holz und von seiner Familie. In der Einleitung schreibt Lehne:«Die entscheidenden Eigenschaften der Persönlichkeit Lorenz Böhlers - der nüchterne Sinn für das Nützliche, die Zielstrebigkeit, die Zähigkeit und der große Fleiß sind die charakteristischen Qualitäten der Alemannen.» Bei Lorenz Böhler fanden sich diese Eigenschaften in besonders hohem Maße, wohl durch eine glückliche Fügung: Vom Vater Josef Böhler her ein echter «Sammüller» - zielstrebig, zäh, auch für das scheinbar Unmögliche kämpfend, wenn es als richtig erkannt ist. Von der Mutter Anna Fischer her ein echter «Seppar» - mit nüchternem Sinn für das Nützliche und begabt für das Organisatorische. Das alles geläutert durch eine strenge Erziehung beim Holzerschmied Adolf und seiner Frau Nanne Böhler, wo er Fleiß und Handwerksgeschick erlebte und übte. Wer diese Familien kennt, wird immer wieder lächeln und staunen, wie Frau Lehne deren Eigenschaften bei Lorenz Böhler im fernen Wien beobachtet hat und (z. B. auf Seite 8) so präzise beschreibt. 14 15 Dann aber schließt sie dieses Kapitel mit den zwei entscheidenden Faktoren seines Erfolgs ganz einfach: «Genie ist Fleiß» und «dem ärztlichen Ethos» getreu! Lorenz Böhlers Bild findet man heute im Brockhaus. Seine Daten faßt Meyers großes Lexikon am kürzesten zusammen: «Böhler Lorenz, geboren zu Wolfurt in Vorarlberg am 15. Januar 1885, gestorben in Wien am 20. Januar 1973. Österreichischer Chirurg. Professor in Wien. Begründer der modernen Unfallchirurgie.» Begründer der Unfallchirurgie! - Welcher Segen für Millionen von verletzten Menschen verbirgt sich hinter diesen nüchternen Worten! Zuerst sein Kampf gegen die Amputations-Chirurgie während des ersten Weltkrieges. Zäh und zielstrebig gewann er ihn gegen die übermächtige k. u. k. Militärbürokratie. Dann sein Organisationsgenie, sein nüchternes «Heilen kommt billiger als Renten zahlen», mit dem er die Unfallversicherungsanstalt auf seine Seite brachte. Schließlich seine titanenhafte Schaffenskraft beim Aufbau des ersten Unfallkrankenhauses in Wien und bei der Ausdehnung seines Werkes und seiner Lehre über Linz, Bozen, Bregenz hinaus in alle Welt bis ins ferne China! Lorenz Böhler hat schließlich zahlreiche Ehrungen erfahren dürfen, Ehrenprofessuren von berühmten Universitäten, hohe Auszeichnungen von Staat und Land. Dabei blieb er aber immer «seinen Wurzeln treu». Er freute sich über die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Wolfurt im Jahre 1957 und stiftete für die dortige Schule, wo er einst selbst das ABC gelernt hatte, den Böhler-Preis. Sehr zahlreich sind heute die «Sammüller» und die «Seppar», die Lorenz Böhler stolz zu ihrer Sippe zählen. Von Wolfurt aus haben sie sich weit im Land ausgebreitet. Als Ergänzung zu Lehnes Buch stelle ich hier eine Übersicht über die Verwandschaft zusammen. «Böler Johannes und Ursula Feßlerin de hueb» haben mehrere Kinder, darunter «Böler Josephus». Er wird am 26. März 1715 in der Pfarrkirche St. Gallus getauft und heiratet dort 1749 «Anna Feßlerin des Joannis Feßler de Parochia Langen», also aus der dem Pfänder sehr nahen Pfarrei Langen. Unter ihren Kindern ist «Böler Mathias ab der hueb», geboren 1753. Er heiratet 1782 «Catharina Blankin de Sulzberg». Als junge Witwe übersiedelt diese schon 1784 nach Wolfurt. Ihr einziger Sohn aus erster Ehe ist «Böler Joseph Hilar», getauft 2. März 1783 noch in Bregenz. Er erbt von seinem Stiefvater Anton Müller den Hof an der Ach in Wolfurt und heiratet 1811 Katharina Kalb, Naglers vom Dorfplatz. Bei ihren 12 Kindern schreibt der neue Pfarrer den Namen jetzt etwas verändert. Einer der Söhne ist Böhler Johann Baptist (1823 - 1876). Er heiratet 1853 Katharina Schneider und erwirbt damit den «Sammüller»-Hof» an der Kellhofstraße. Unter ihren neun Kindern sind Josef, 1854 - 1937, der Vater von Prof. Lorenz Böhler, Anna, 1857 - 1938, die Frau des Holzerschmieds Adolf Böhler, Lorenz, 1860 -1939, der Stammvater von «Sammüller-Lorenzos» in Rickenbach, und Joh. Baptist junior, 1864 - 1927, Vater der «Sammüller» im Dorf. Böhler Josef, 1854 -1937. Er schließt 1884 die Ehe mit Anna Fischer, Seppos von der Steig. Sie bewohnen einen neuen Anbau am Elternhaus «im Gässele» an der Kellhofstraße, übersiedeln aber später nach Bregenz. Drei Kinder: Lorenz, 1885 - 1973, ist der berühmte Unfallchirurg. Karolina, 1886. Sie stirbt mit 4 Monaten. Rosa, geb. 1891, heiratet Rudolf Böckle aus Altenstadt und wird die Mutter des Bregenzer Unfallchirurgen Dr. Rolf Böckle. 17 Die Böhler -Reihe Die Böhler stammen ursprünglich alle aus Buch, wo sie erstmals im Mehrerauer Zinsbuch von 1290 urkundlich erwähnt sind. Von Buch aus verbreiteten sie sich in alle Gemeinden rund um den Steußberg. Um 1700 findet sich ein Johann Böhler als Bauer auf der Hub, das ist ein Einzelhof am Weg vom Pfänder nach Eichenberg. In den Bregenzer Pfarrbüchern erscheinen dort drei Generationen Böhler: 16 Lorenz («Lenz»). 1914 -1945. «Mantika». Sie stirbt schon als Kleinkind. Georg («Jörg»), 1917. Als Unfallchirurg wird er Nachfolger des Vaters und Leiter des Dr. Lorenz-Böhler-Krankenhauses in Wien. Michael («Michel»), 1921. Kaufmann in Wien. Leopldine («Polla»), 1922, verehelichte Wodenegg in Dreikirchen. Ihr gehören auch Hof und Schmiede im Holz in Wolfurt. Peter, 1924 -1945, gefallen in den letzten Kriegstagen bei Wien. Catharina Blankin - aquis submersa Unter Prof. Lorenz Böhlers Vorfahren ist Katharina Blank die Frau, die dieses Geschlecht nach Wolfurt gebracht hat. Am 26. Oktober 1755 war sie auf dem Sulzberg zur Welt gekommen. Der Jungbauer Mathias Böhler holte sie 1782 als seine Frau auf die Hub am Pfänder. Am 2. März 1783 gebar sie dort ihren ersten Sohn und ließ ihn in St. Gallus in Bregenz nach den Großvätern Josef Hilar taufen. Ihr Glück war kurz. Schon im folgenden Winter starb, erst 31 Jahre alt, am 8. Jänner 1884 Vater Mathias «improvisa morte abreptus». «Durch einen unversehenen Tod hinweg gerafft» - war es ein Unfalltod? eine heimtückische Krankheit? - Auf alle Fälle konnte die junge Bäuerin den einsamen Hof über dem Bergwald nicht halten. Es mutet wie eine Flucht vor ihrer Sippschaft an, wenn sie schon wenige Monate nach des Gatten Tod mit ihrem einjährigen Büblein über die Ach nach Wolfurt kommt und hier am 10. Mai 1784 den Witwer Anton Müller heiratet. Der elfjährige Lorenz Böhler im Jahre 1896 mit Vater Josef, Mutter Anna, geb. Fischer, und Schwester Rosa. Böhler Lorenz. 1885 -1973, Arzt in Bozen und Brixen, ab 1924 in Wien. Er heiratet 1912 Leopoldine («Poldi») Settari aus Dreikirchen bei Waidbruck im Südtirol. Sie schenkt sechs Kindern das Leben: 18 Anton Müller war ein Sohn des Gotteshausammanns Johannes Müller im Kirchdorf und besaß einen Hof an der Ach, etwa an dem Platz, wo heute das Reihenhaus Inselstraße 1 steht. Hier wurde Katharina Blank, nun Frau Müller, noch zehnmal Mutter. 1807 starb auch ihr zweiter Mann. Jetzt war Josef Hilar, ihr Sohn aus erster Ehe ihre beste Stütze. Aber schon ein Jahr später am 27. Juni 1808 mußte auch sie eines unversehenen Todes sterben. Der nahe Damm, auf dem heute die Achstraße angelegt ist, war damals noch der Schutz gegen das Hochwasser der Ach. Dort wuschen die Bäuerinnen ihre Wäsche. 19 «Bei einer Tuchwaschung» ist Katharina Blank damals ertrunken, schreibt der Chronist Mathias Schneider. «Aquis submersa», notiert der Pfarrer und nimmt damit den Titel von Storms berühmter Novelle ein halbes Jahrhundert voraus, «in den Fluten versunken». Die Fischer-Reihe Prof. Lorenz Böhlers Mutter Anna war eine geborene Fischer von der Steig in Rickenbach. Sie gehörte der angesehenen Linie der «Seppar» an. «Seppos» auf der Steig gehen auf Josef (Sepp») Fischer, 1801 -1863, zurück und sind ein Zweig der viel größeren und älteren Sippe der «Stöoglar»-Fischer. Zu den Stöoglarn zählen neben Seppos auch noch «Schnidarles» und «Klosos». Um ihre Erforschung hat sich Dr. August Fischer sehr verdient gemacht. Hier führe ich ein paar Daten aus den Wolfurter Pfarr- und Gemeindebüchern an. Die älteste Erwähnung ist dort eine Hochzeit am 1. Februar 1659: Fischer Sebastian (+31.12.1689) heiratet 1659 Ursula Grül. Unter ihren 6 Kindern waren die Söhne Josef (1664) und Georg (1677). Von Georg (1677 -1748) stammen nicht nur «Klosos» im Oberfeld, sondern auch «Baholzers» vom Rutzenberg mit unserem 100jährigen Martin Höfle (1892 1992), Spengler Martin Schwärzler (1908) und Schwerzler Martin und Katharina von der Rutzenbergstraße 1. Zu Georgs Nachkommen zählen aber auch «Bäschles» im Flotzbach, Öl-Köbs und Giesingers, und eine große Gruppe von Auswanderern in Amerika. Fischer Josef (1664 - 1737) lebte bereits auf der Steig und war dort zweimal verheiratet. Ein Sohn aus seiner ersten Ehe war Sebastian (1694 - 1749), der Stammvater von «Schnidarles», zu denen neben Fischer Siegfrieds, Eberle Herminas und Bertas Nachkommen auch Altvorsteher-Schertlers mit SchuhMeusburgers und Schertlers von der Lorenz-Schertlerstraße zählen. Das achtzehnte und jüngste Kind aus Josefs zweiter Ehe mit Magdalena Schwerzler war Fischer Anton (1722 - 1781), Bauer auf der Steig im heute noch erhaltenen wunderschönen Haus Rutzenbergstraße 1, in dessen Nachbarschaft der ursprüngliche Sitz des Gerichts Hofsteig zu suchen ist. Auch von seinen Kindern leiten sich viele Wolfurter Familien ab, z. B. «Schnidar» Schwärzlers an der Hub. Ein Sohn aus der zweiten Ehe mit Agatha Dietrich aus Lauterach war Fischer Josef Anton (1767 -1847), der das Elternhaus erbte. Mit Ursula Bildstein heirate er 1795 eine Tochter aus «Hanso Hus» an der Kirchstiege, das damals eines der einflußreichsten im Ort war. Unter ihren elf Kindern war «Sepp», 1801, das 21 Josef Hilar Böhler, 1783 -1862 Nach dem plötzlichen Tod der Mutter mußte der 25jährige Sohn Josef Hilar den Hof an der Ach und die Obsorge für seine kleinen Stiefgeschwister übernehmen. 1811 fand er in Katharina Kalb, Naglers aus dem Kirchdorf, eine tüchtige Frau, die ihm in den folgenden zwei Jahrzehnten 12 ebenso tüchtige Kinder schenkte. Josef, 1812, heiratete nach Lauterach. Von ihm stammen u. a. die Krenkel, auch der heutige Stadtarzt Dr. Krenkel im Zwettl, NÖ. Gebhard, 1813, erwarb das Haus Bregenzerstraße 20. Sein einziger männlicher Enkel, der Lehrer Gebhard Böhler, ist 1916 in Rußland gefallen. Alte Leute nennen das Haus bei der Kalkhütte noch «Küfer Böhlers». Mathias, 1814, erbaute ein Haus am Platz von Inselstraße 9. Als es schon 1878 abbrannte, übersiedelte er in die Bütze (Nr. 6). Einer seiner Urenkel ist Volksschuldirektor Heinrich Höfle, 1922. Anton, 1821, besaß zuerst ein Haus beim Wälderhof und später eines am Platz von Achstr. 31. Johann Baptist, 1823, wurde an der Kellhofstraße der erste Böhler - Sammüller. Agatha, 1827, heiratete im Holz den Bauern Bernhard Gmeiner. Ihr Sohn Fidel Gmeiner, 1866, ist der Stammvater der Kartonagen-Gmeiner an der Unterlindenstraße. Von der Tochter Anna Maria, 1857, die mit dem Fergger Fidel Mohr verheiratet war, stammen viele Dörfler Mohr, darunter unser Ehrenringträger Hubert Mohr, 1922. Nach der Eltern Tod bewirtschafteten zwei ledige Töchter den Böhler-Hof an der Ach noch ein paar Jahrzehnte. Am 12. Mai 1900 ist er abgebrannt und seither verschwunden. 20 fünfte. Das «Stöoglar»-Haus erbte aber Johann, 1804, der Stammvater der «Stöoglar»-Fischer an der Ach und der «Stöoglar»-Steurer an der Rutzenbergstraße. Aus jahrhundertelangem Familienbesitz verkauften die «Stöoglar»-Erben 1915 ihr Stammhaus Rutzenbergstraße 1 an die Familie «Baholzer»-Schwerzler, deren Hof im Bannholz gerade abgebrannt war. Zu Weihnachten 1842 starb Frau Agatha. Zwei Monate später heiratete Sepp seine zweite Gattin Johanna Flatz aus Buch. Sie gebar ihrem Mann in den folgenden Jahren weitere zwölf Kinder, zusammen also 22. Etliche davon gründeten später selbst große Familien und trugen damit die tüchtige «Seppar»-Art weit über Wolfurt und Vorarlberg hinaus. Nur einige kann ich hier aufzählen. Gebhard Fischer (1848 - 1892) führte 1896 die erste Hand-Stickmaschine in Wolfurt ein und betrieb auf der Steig eine gutgehende Stick-Ferggerei, die seine Frau Agnes Pfefferkorn weit über seinen frühen Tod hinaus weiterführte. Die acht Kinder aus zehn Ehejahren: Johann Georg («Hans-Irg»), 1883, Bauer an der Brühlstraße. Paulina, 1885, verheiratet mit Dr. Eduard Fischer, Löwenwirts, Advokat in Innsbruck. Regina, 1886 - 1984, damals älterste Wolfurterin, Klöppelei an der Bützestraße Johannes (Seppo Hannes), 1887, Spetenlehen. Bertha, 1888, verheiratet mit Ludwig Weh, Lehrer in Wolfurt und später in Bregenz. Anna, 1890 + (Zwilling) Maria, 1890, verheiratet mit Karl Müller, Kronenwirts, Sticker an der Unterlindenstraße. Gebhardine, 1892, verheiratet mit August Böhler, Sternenwirts., in der Mehrerau. Franz Xaver Fischer (1849 -1895) wanderte wie sein älterer Bruder Joseph Anton (1845 - 1866) nach Amerika aus. Während dieser aber sofort ums Leben kam, erwarb «Vere» in Kalifornien und später in Chicago märchenhaften Reichtum. Bei einem Besuch in Wolfurt machte er auf seinen kleinen Neffen Lorenz Böhler besonderen Eindruck, wie Inge Lehne auf Seite 12 in ihrem Böhler-Buch berichtet. 1895 ist auch Vere in Chicago eines ungeklärten Todes gestorben. Anläßlich seiner ersten Amerika-"Reise soll Dr. Lorenz Böhler 1914 im Auftrag der Familie vergeblich nach seinem Nachlaß geforscht haben. Zwei «Seppar»-Schwestern, Anna Maria und Barbara, heirateten auswärts, die jüngsten vier in Wolfurt: Als Bruder Gebhard 1882 das Elternhaus auf der Steig übernahm, hatte die Mutter für sich und die Schwestern bereits das Haus Wingertgasse 2 (heute «Lislos») in Rickenbach gekauft. 23 Sepp und seine 22 Kinder - die Seppar Im großen alten «Stöoglar-Hus» am Weg ins Bannholz lebten zu Napoleons Zeiten der Bauer Josef Anton Fischer und seine Frau Ursula Bildstein. Ursula war eine Tochter des Kaufmanns Crispin Bildstein (1740 -1819) in Hanso Hus im Kirchdorf und eine Enkelin des ersten bekannten Wolfurter «Chirurgen» Antony Bildstein. Ihr Bruder Joh. Baptist war Kaufmann, Josef Anton Pfarrer von Laüterach, Bernhard Vorsteher von Wolfurt. Ihre Schwester Katharina wurde die StammMutter von «Veres», «Schrinars» und «Toblars» in der unteren Bütze und von «Knores» im Strohdorf. Andere aus dem Bildstein-Geschlecht wurden später ebenfalls Priester, Ärzte, Kaufleute, Vorsteher, Beamte und Ingenieure, aber auch biedere Handwerker und Bauern. Viele von diesen Talenten scheinen auch bei den Nachkommen aus dem Fischerhaus auf. Fischer Josef Anton (1801 -1863) wurde am 24. Oktober 1801 geboren. Er erhielt den gleichen Namen wie sein Vater, wurde aber «Sepp» gerufen. Danach werden noch jetzt seine Nachkommen benannt. Zu jung, um noch zu Napoleons Armee eingezogen zu werden, erlebte er den Wirtschaftsaufschwung nach dem Wiener Kongreß und nützte ihn. Er erwarb ein Vermögen, das ihm um das Jahr 1832 den Bau eines der größten damaligen Rickenbacher Häuser ermöglichte. Es steht noch heute an beherrschender Stelle oben auf der Steig, Spettels, Hofsteigstraße 48. Schon 1826 hatte Sepp seine erste Frau Agatha Schwerzler aus Spetenlehen geheiratet. Zehn Kinder brachte sie zur Welt, aber acht davon trug man schon nach wenigen Tagen oder Wochen als «Engel» zum Friedhof. Viermal taufte man nach der Mutter eine kleine Agatha, erst die vierte blieb am Leben. 22 Katharina, 1855, heiratete Wilhelm Gunz («Plazes» Wilhelm) und wurde im Nachbarhaus die Stamm-Mutter der Gunz-Familien. Maria Anna, 1859, Sepp Fischers 20. Kind, heiratete 1884 den «Sammüller» Josef Böhler. Er soll damals gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Lorenz als Fuhrmann im benachbarten «Kreuz» gearbeitet haben, wo Johann Haltmeyer einen ausgedehnten Weinhandel betrieb. Im Haus «im Gässele» wurde Maria Anna 1885 die Mutter des kleinen Lorenz, der später der berühmte Professor Lorenz Böhler geworden ist. Karolina, 1860, heiratete den zweiten Sammüller, Lorenz Böhler. Von ihr stammen «Sammüller Lorenzos» in Rickenbach. Theresia, 1861, die jüngste der «Seppar»-Schwestern, blieb ebenfalls in der Nachbarschaft. Mit ihrem Mann Konrad Bohle übernahm sie 1889 die Gastwirtschaft zum Mohren mit Bäckerei und Handlung und begründete die Wolfurter BohleSippe. Der Name Der Name Lorenz Böhler hat durch unseren berühmten Ehrenbürger weltweit, besonders aber in Wolfurt, einen guten Klang. «Böhler»: Der alte Wortstamm «bol» bedeutet «rollen» oder «rund» und fand (nach Jutz) zur Bezeichnung verschiedenster kugelartiger Gegenstände Verwendung. Welti nennt in seinem «Kellnhof Wolfurt» (1952) für das Bucher Geschlecht die alten Schreibweisen «Boller», «Böler», «Böuler» und «Bönler», von denen sich schließlich «Böler» durchsetzte. Als in Wolfurt 1814 der neue Pfarrer Grasmeier Einzug hielt, begann er in den Pfarrbüchern mit einer geänderten Schreibart, «Böhler» mit stummem h. Derzeit ist «Böhler» mit 152 Eintragungen im Blauen Buch von 1989 in Wolfurt der häufigste Geschlechtsname. Nur in den Städten Dornbirn und Bregenz gibt es noch mehr Böhler. Am dichtesten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sind sie allerdings in Bildstein und in Schwarzach vertreten. «Lorenz»: Der Hl. Laurentius wurde nach der Legende im Jahre 258 in Rom auf einem glühenden Rost zu Tode gefoltert. Sein Festtag ist der 10. August. In vielen Kirchen findet sich sein Bild. Fast immer wird er mit einem Buch und dem Eisenrost dargestellt. Durch all die Jahrhunderte war Laurent, später Lorenz, ein häufiger Taufname. In die «Sammüller»-Familie kam er durch Laurent Schneider, geb. 1790, dessen Tochter Katharina 1853 einen Böhler heiratete. Schon ihren ersten Sohn taufte sie Lorenz und nach dessen Tod einen zweiten. Aber erst der dritte Lorenz von 1860 blieb am Leben und begründete «Lorenzos» in Rickenbach. Es war fast selbstverständlich, daß auch sein Bruder Josef 1885 seinen ersten Sohn wieder Lorenz taufte, Prof. Dr. Lorenz Böhler. Als dieser 1914 in Bozen zum ersten Mal Vater wurde, gab es wieder einen Lorenz, «Lenz» wurde er meist gerufen. Auch Lorenz in Rickenbach hatte 1888 einen Sohn Lorenz taufen lassen, doch war dieser bald verstorben. So bekam 1931 der erste Enkel den klangvollen Namen Lorenz Böhler. Heute ist er der «Senior» in der bekannten Gardinenfabrik. Er ist aber auch der einzige unter den 152 Wolfurter Böhlern, der nach dem heiligen Märtyrer oder dem großen Vetter in Wien benannt wurde. Sollte er etwa der letzte sein? «Sammüller» ist der Hausname eines Böhler-Geschlechts, mit dem sich dieses von anderen, etwa den «Holzer»-Böhlern, «Bergers», »Rasierers» und «Sternenwirts» unterscheiden läßt. «Sam-Müllers» ist eine durch langen Gebrauch gekürzte Form und heißt eigentlich «des Ammann Müllers». 25 Sepp Fischers jüngste Töchter. Ein besonders altes Foto aus dem Jahr 1867 (!). Von links: Katharina (Gunz,1855), Anna (Böhler,1859, Dr. Böhlers Mutter), Karolina (Böhler, 1860), Annamaria (Lang, 1850), Barbara (Mörl, 1852) und Theresia (Bohle, 1861). 24 Seit 1985 trägt das Haus auch eine Gedenktafel an Dr. Lorenz Böhler. Derzeit wird es von Grund auf renoviert. Wir freuen uns darüber, daß das wohl an die 300 Jahre alte Ammannhaus wieder ein Schmuck des Dorfes sein wird. Die Holzer-Schmiede Das alte Bauernhaus «Im Holz 3» trägt seit 1985 eine Ehrentafel, die an Prof. Lorenz Böhler erinnert. Hier hat er die Kinderjahre bei Tante «Nanne» verbracht. Sein Leben lang betrachtete er es als Vaterhaus und besuchte es in seinen seltenen Urlauben, aber manchmal auch mit berühmten Ärzten, wenn sich bei einem Kongreß eine Gelegenheit dazu bot. Bei einer Übersicht über Böhlers Verwandte dürfen daher die Holzer-Schmiede nicht fehlen. Die Böhler im Holz sind zu den Sammüller-Böhlern überhaupt nicht verwandt. Sie stammen von einem Böhler Christian, geboren 1654 in Oberbildstein. 1738 heiratete sein Enkel nach Wolfurt. Seine Nachkommen findet man als Schmiede und Wagner in verschiedenen Häusern. Das 300 Jahre alte Sammüller-Haus beherrscht die Kellhofstraße im Kirchdorf. Links Veres Hus und der neue Schwanen. Im Hintergrund die Kirche mit dem damals neuen Turm und dem Pfarrhof. Davor der Spitzgiebel des alten Schwanens. An der Hausmauer des Sammüllerhauses vorbei fließt offen der Töbelebach zum Gasthaus Lamm herab. Ein Bild von 1910. Der «Gotteshaus»-Ammann Martin Müller(1674 -1732) und nach ihm sein Sohn Johannes Müller (1711 -1786) hatten das ehrenvolle und auch einträgliche Amt, als Verwalter der großen Mehrerauer Besitzungen in Wolfurt den jährlichen Zehent für das Kloster einzuheben, Streitigkeiten zu schlichten, Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und vieles mehr. Ammann Müllers lebten schon um 1700 im Sammüllerhaus an der Kellhofstraße. Ein Sohn aus diesem Haus, Anton Müller, hatte 1784 in seinem Hof an der Ach die Witwe Katharina Blank und ihren kleinen Buben Josef Hilar Böhler aufgenommen. Im Dorf starben die Müller 1813 aus. Das Amt als Gotteshausammann hatte nach Johannes Müller sein Neffe Mathias Schneider (1745 -1833) bekommen, in dessen Zeit die Auflösung des Klosters fiel. 1813 erwarb er das leer gewordene «Ammann-Müller»-Haus für seinen Sohn Lorenz Schneider. Dieser vererbte es 1859 an seinen Schwiegersohn Joh. Bapt. Böhler. Seither sind drei Generationen von Sammüller-Böhlerkindern hier groß geworden. 26 Jakob Böhler (1819 -1897), hatte als Schmied noch bei seinem Vater Hieronymus in Spetenlehen gearbeitet und war dann in Unterlinden (Frickenescherweg 1) selbständig geworden. Wegen der im Gewerbe so wichtigen Wasserkraft übersiedelte er aber 1852 zu seinem Schwiegervater ins Holz, wo dieser Mühle und Mühlteich besaß. Noch im gleichen Jahr erstellte Jakob am Weiher die «alte Schmiede». Fünf von seinen Söhnen erlernten hier bei ihm das Schmiedehandwerk, einer, Hieronymus, wurde Wagner. Drei eröffneten eigene «Schlosser»-Werkstätten: Gebhard, 1849 -1924, an der Kreuzstraße. Seine Tochter war «Schlossers Juli». Johann Baptist, 1857 -1927, im Röhle, Bregenzerstraße 27. Die Schmiede, wo nach ihm noch sein Sohn «Hannbatisto Jockl» glühende Eisen schmiedete, träumt heute von Waldreben überwuchert vor sich hin. Zu Hannbatists Kindern zählen auch SAmmas Lina und der Frachter Gebhard Böhler. Rochus, 1865 - 1942, betrieb- eine Machinenschlosserei in Rickenbach (Rickenbacherstr. 4). Schellings Elvira war eine von seinen Töchtern. Zwei Schmiede übernahmen die väterliche Werkstätte im Holz, August und Adolf. Wegen ihrer Tüchtigkeit waren sie über das Land hinaus bekannt. Sie erzeugten 27 Bauern- und Maurerwerkzeuge, Wagenbeschläge und -achsen, große Schraubenspindeln und feine Brandstempel. Daneben betrieben sie weiterhin die Holzer Mühle mit dem großen Wasserrad. Hier hat Lorenz Böhler als Kind mitgearbeitet. Lehne berichtet (S. 14), daß er sogar die schweren Türkenstumpen, die die Wolfurter Bäuerinnen bei Onkel Gebhard an der Kreuzstraße deponiert hatten, zum Mahlen ins Holz hinauf schleppen mußte. August Böhler, 1852 - 1933, wohnte auf der Halde. Von seinen fünf Töchtern wurden Paulina die Mutter der Familie Guldenschuh in Unterlinden, Theresia die Mutter der Familie Geiger im Röhle und Maria die Mutter der Familie Klimmer in Spetenlehen. Adolf Böhler, 1854 -1936, heiratete 1892 Anna Böhler, 1857 -1938, «Sammüllers Nanne». Sie übernahmen das Böhlerhaus im Holz, betrieben neben der Schmiede eine kleine Landwirtschaft und auch, wie damals in fast jedem Haus, eine Stickerei. Hier arbeitete neben Nanne auch ihre ledige Schwester Rosalie («Rosele»), deren geschwinde Finger den Neffen Lorenz beeindruckten (Lehne S. 16). Als Lorenz Böhlers Eltern 1890 nach Bregenz übersiedelten, überließen sie den fünfjährigen Buben der Großmutter im Sammüllerhaus und nach deren Tod im Mai 1892 den Tanten Nanne und Rosele. Schon im Juni 1892 heiratete aber Nanne ins Holz hinauf. Und weil sie kinderlos blieb, holte sie bald den kleinen Lorenz zu sich in den Schmiedehaushalt., wo er nun bei den Zieheltern jene Prägung erfuhr, die ihn zu so außerordentlichen Leistungen befähigte. Frau Lehne nennt sie (S. 11) anerkennend «die charakteristischen Eigenschaften der Alemannen», Zähigkeit und Fleiß. Im Schmiedehaus hat Lorenz auch noch eine jüngere Ziehschwester bekommen, Rosa Böhler, geboren 1898. Sie war eine Tochter von Adolfs Bruder Hieronymus Böhler, dem Wagnermeister an der Achstraße. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau war dieser 1907 allzufrüh gestorben und hatte vier kleine Mädchen hinterlassen. Die wurden nun, wie es damals bei Waisen selbstverständlicher Brauch war, an vier verwandte Familien aufgeteilt. Anna ging später als Sr. Petrina zu den Barmherzigen Schwestern von der Kettenbrücke ins Kloster, Hermina und Gebhardina starben in jungen Jahren. Rosa aber kam zu Onkel Adolf ins Holz. Zu ihrem großen «Bruder» Lorenz hatte sie ein so herzliches Verhältnis, daß er sie mit ins Südtirol nahm, nachdem er dort 28 1912 geheiratet hatte und nun Nachwuchs erwartete. So wurde «die Rosa» zehn Jahre lang Kindermädchen, aber auch Köchin und Haushaltshilfe für Frau Poldi Böhler-Settari an ihren damaligen Wohnsitzen in Bozen und Brixen und in den Ferien in Dreikirchen. Nach Wien ging Rosa 1924 allerdings nicht mehr mit. Sie kehrte heim ins Holz und wurde 1925 die Frau von Karl Schwärzler, «Liberats», an der Hub. Noch oft kehrte Prof. Böhler dort zu. Auch seine Kinder Jörg, Michel und Polla, die das Ende des Krieges 1945 im Holz erlebten, fanden immer wieder den Weg zu «ihrer Rosa». Die Holzer-Schmiede im Jahre 1930. Links Adolf Böhler (Dr. Böhlers Ziehvater), rechts August Böhler 29 Rosas jüngster Sohn Dr. Paul Schwärzler verwaltet heute den Böhler-Besitz im Holz für Frau Polla Wodenegg. Er konnte vermitteln, daß die Gemeinde Teich und Schmiede in Pacht bekam und daß der Alpenverein 1976 -80 dort sein Heim «Alte Schmiede» einrichten durfte. Böhler-Schüler Die «Wiener Schule» für Unfallchirurgie besaß schon zu Prof. Böhlers Lebenszeit durch seine Arbeit Weltruhm. Frau Lehne widmet ihr (S. 101) ein Kapitel. Fast alle Ärzte von der Webergasse leiteten später selbst Unfallkrankenhäuser. Zu Böhlers bekanntesten Schülern zählt ein Wolfurter, Prof. Dr. Emil Beck. «Becks Emil», wie ihn seine Freunde immer noch nennen, ist 1931 geboren und in Wolfurt aufgewachsen. Bei uns als Spitzen-Schifahrer und ausgezeichneter Fußballspieler bekannt, galt er bald in Wien als einer der begabtesten MedizinStudenten. Er wurde von seinem Lehrer Prof. Böhler persönlich gefördert und arbeitete noch unter ihm als Arzt am Wiener Unfallkrankenhaus. Später folgte er einer Berufung als Oberarzt zu Böhlers Sohn Dr. Jörg Böhler nach Linz und dann wieder nach Wien. Durch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten wurde Dr. Beck bekannt. Schon 1974 holte ihn das Land Vorarlberg als Leiter des neuen Unfallkrankenhauses nach Feldkirch. Dort hat er unter den vielen Patienten die Wolfurter immer mit besonderer Aufmerksamkeit betreut. Längst ist er nun Professor in Innsbruck und trägt darüber hinaus als Präsident der Gesellschaft für Unfall-Chirurgie hohe Verantwortung für Forschung und Ausbildung. Das erfüllt uns alle mit Freude und Stolz! Im Jahre 1965 übernahm ihn die Hauptschule. Aus Anlaß seines 80. Geburtstages hatte Dr. Böhler das Kapital beachtlich erhöht. Ein Kuratorium vergibt seither jedes Jahr aus dem Zinsertrag ein Buch und eine Geldsumme an die beste Schülerin und den besten Schüler der 4. Klasse Hauptschule. Wenn mehr als zwei gleichberechtigte Preisträger sind, sorgt die Raiffeisenbank dafür, daß das Stammkapital nicht angetastet werden muß. Seit neuestem vergibt die Gemeinde zusätzlich Lehnes Böhler-Buch «Die Geschichte eines Erfolges». Aus den inzwischen über 70 Preisträgern sind eine Reihe geachteter Mitbürger hervorgegangen. Wie schreibt Lehne? - «Genie ist Fleiß!» Krut und Rüoba Als Prof. Lorenz Böhler im Jahre 1965 vom Land Vorarlberg mit dem Goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet wurde, veranstaltete die Gemeinde einen Festabend, bei dem Bürgermeister Waibel einen von Spengler Martin Schwärzler geschaffenen großen Kupferteller mit dem Gemeindewappen überreichte. Zum Festessen im Stern hatte sich der Ehrenbürger Wolfurter Kost gewünscht. So gab es denn auch «Speock, Krut und Hafoloab» und dazu «Most und Obstlar». Kenner meinten, zum Kraut gehörten eigentlich auch «sure Rüoba». Das hätte Lorenz Böhler vielleicht an jenen uralten Vers erinnert, mit dem man seit eh und je ihn und alle anderen Lorenze hänselte: «Lorenz, klenn Rüoba, groß Schwänz!» Die Bauernregel will damit sagen, daß es an Lorenzi (10. August) zu spät ist zur Rüben-Aussaat. Nach der Vorstellung des Böhler-Buches im September 1992 hielten Dr. Jörg Böhler und seine Schwester Polla mit Frau Lehne und Dr. Beck Einkehr in der «Alten Schmiede» und ließen sich unter dem Bild des Holzer-Schmieds fotografieren. Dr. Jörg erzählte von der Heimatverbundenheit seines Vaters allerlei Anekdoten. So habe er die Patienten gereiht in erstens Wolfurter, zweitens Klasseund drittens andere. Da könnte man eingebildet werden, wenn man liest, daß sich auch Ministerpräsidenten in der Patientenliste befanden. Übrigens wissen sich Wolfurter Verletzte auch bei Prof. Beck - früher in Feldkirch und jetzt in Innsbruck - ganz besonders gut aufgehoben. Böhler Preis Alle Jahre wird in Wolfurt ein kleiner, aber nicht weniger begehrter Preis nach dem Vorbild Nobels verliehen. Als Prof. Böhler 1957 Ehrenbürger wurde, besuchte er seine alte Volksschule im Strohdorf und übergab nach einem Gespräch mit den Schülern dem Schulleiter einen ansehnlichen Geldbetrag «für den besten Schüler und die beste Schülerin». Köb Hannelore und Thaler Heiner waren die ersten Preisträger. Acht Jahre lang vergab die Volksschule den Preis. 30 31 Siegfried Heim die er im Archiv von New Ulm gefunden hat. Darunter ist einer über Maria Kalb, die älteste Tochter des Ferdinand. Sie ist am 15. März 1842 an der Hub geboren und ging noch dort im alten Schulhäuschen zur Schule. In Amerika heiratete sie 1865 Fred Julius . In nur 14jähriger Ehe gebar sie 10 Kinder, die sie als junge Witwe allein versorgen mußte. Als sie - fast 90 Jahre alt - im Februar 1932 starb, widmete ihr die Zeitung als einer der letzten aus den «Pionier»-Tagen von Minnesota einen großen Artikel. Daraus übersetze ich: «Sie war erst 10 Jahre alt, als sie 1852 mit ihren Eltern Mr. and Mrs. Ferdinand Kalb in die United States kam. Sie landeten im Hafen von New York und zogen dann mit einem Ochsengespann westwärts, nach Blackswamp in Ohio, das heute Fremont heißt. 1855 kam die Familie nach Brown county und setzte sich auf der heutigen Albert Groebner-Farm im Gemeindegebiet von Cottonwood fest, genau südlich von New Ulm. Kalb's Creek, Kalbs Fluß, der nahe der Metzenbrücke der Trunk Highway No. 15 in den Big Cottonwood river mündet, wurde nach ihrem Vater so benannt. Während des Indianerangriffs auf New Ulm im Herbst 1862 war die Verstorbene hier im Dakota-Haus beschäftigt. Tapfer tat sie gemeinsam mit anderen Frauen Dienst bei den Verwundeten.» Marias Mutter war schon 1854 gestorben. Aus der zweiten Ehe des Vaters lebten eine Reihe kleiner Kinder auf der Farm, als die Indianer sich am 17. August 1862 auf den Kriegspfad machten. Der Vater war gerade bei der Getreideernte, als ihn ein vorbeireitender Nachbar warnte. Schnell lud er die ganze Familie auf den Ochsenkarren und führte sie zu einem vier Meilen entfernten Sammelpunkt, wo sie sich sicherer fühlten und die Männer bei der Abwehr der Indianerangriffe helfen konnten. Die Familie Kalb mit ihren kleinen Kindern, darunter der erst 7 Monate alte Berthold, floh weiter nach St. Peter. Nach der blutigen Niederwerfung des Aufstandes kehrte sie in ihre Heimstatt am Kalb's Creek zurück. Von den Kalb-Kindern lebten 1930 noch fünf Schwestern und die Brüder Berthold, John und Ferdinand Kalb, letztere in Pine City. Auch wenn ihre Enkel Wolfurt längst vergessen haben, erinnert der Name des Flusses noch an die alte Heimat. Und wenn einmal ein Wolfurter Weltenbummler in Kalbs Fluß seine wundgelaufenen Füße kühlt, dann soll er Grüße von uns ausrichten und vom schönen Dorf am Steußberg erzählen! 33 Kalb's Creek Ein «Wolfurter» Fluß im Wilden Westen Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa 200 junge Wolfurter ihr Heil im fernen Amerika suchten, blieben die meisten in Gruppen beieinander. Viele ließen sich um Fremont, am fruchtbaren, aber teilweise sumpfigen Südufer des Erie-Sees in Ohio nieder. Andere zogen mit ihren Ochsenwagen noch 1000 Kilometer weiter in den Wilden Westen, überquerten den Oberlauf des Mississippi und nahmen Land beim Fort New Ulm am Cottonwood River in Minnesota. Es war Land, das den Sioux-Indianern gehörte, in welches sie hier ihre Grenzpfähle setzten. Das Staatssiegel von Minnesota wurde 1858 geschaffen, also vier Jahre vor dem großen Siouxaufstand. Es zeigt einen pflügenden Bauern, der einen reitenden Indianer beobachtet und dabei sein Gewehr griffbereit hält. Hier in Minnesota lebten damals mehrere Wolfurter Auswandererfamilien. Zu den ersten Siedlern dort gehörte Ferdinand Kalb, geboren am 22. Februar 1813 in «Arnolds Haus» an der Hub, Flotzbachstraße 9. Mit seiner Frau Anna Maria Thaler und den beiden Kindern Maria, 10 Jahre alt, und Katharina, 9 Jahre, verließ er 1852 sein Haus an der Hub und wagte sich auf die große Reise. Auch drei von seinen Brüdern zogen mit: Josef, geboren 1811, Lorenz, 1819, und Martin, 1823. Martin Kalb nahm ebenfalls Frau und zwei kleine Kinder mit. Nun hat mir Herr Wilfried Schneider aus Kanada, dessen Vorfahren ebenfalls damals in New Ulm dabei waren, ein paar Nachrufe aus alten Zeitungen geschickt, 32 Von den daheim gebliebenen Schwestern der vier ausgewanderten Kalb-Brüder aus Arnolds Haus an der Flotzbachstraße (Hubert Mohr hat es 1991 ganz neu hergerichtet) stammen einige Wolfurter Familien: Arnolds und Kampler-Mohrs an der Hub, Nagler-Kalbs an der Ach und an der Kirchstraße. Verwandt sind aber auch Bildsteins an der Hub und im Röhle (Huster, Boch, Bernhards, Schertler Kassians, Heitz, Reiner Mathis, LisloGmeiners und die vielen Bregenzer und Lauteracher Bildstein-Familien). Ihr Bräutigam Johannes Haltmeier, geboren 1751 in Rickenbach, war der Sohn des Adlerwirts Andreas Haltmayer (-ay-, so schrieb der Pfarrer den Namen im Familienbuch!) und der Katharina Zumtobel aus Dornbirn. Der «Adler» war bis dahin auf der linken Seite des Kellawegs gestanden (Nr. 3, Schwerzlers, abgebrochen um 1970 für Halle Doppelmayr). Johannes Haltmayer betrieb dort neben der Gastwirtschaft noch einen umfangreichen Weinhandel und versorgte die Wolfurter Weber auch mit Baumwolle. So gut gingen die Geschäfte, daß er um das Jahr 1800 zuerst den Gasthof «Adler» neu am heutigen Platz errichten konnte und fast gleichzeitig für seinen Sohn Johann Michael Haltmayer das Haus Dornbirnerstraße 4 (Sammüller Lorenzos), das er mit ungewöhnlich großen Gewölben für seinen Weinhandel versah. 1799 starb seine Frau Magdalena, Mutter von 10 Kindern. 1802 verschied ganz plötzlich auch der 27jährige Sohn und Erbe Michael, 1804 folgte ihm der Adlerwirt selbst. Von den vielen Töchtern wurde nun Katharina Haltmayer (1777 - 1842) Adlerwirtin. Sie heiratete dreimal, zuletzt mit dem Vorsteher Leonhard Fink, der 1833/ 34 den Kirchenbau in Wolfurt leitete. Zu Katharinas Nachkommen zählt auch der «Alt-Adlerwirt» Joh. Georg Fischer (1847 - 1918), ebenfalls Vorsteher von Wolfurt und Mitbegründer der ersten Bank und des Konsums in Rickenbach. Wohin aber war die Hochzeitstruhe von 1772 gekommen? Ihren Weg können wir nur vermuten. 1805 hatte die Löwenwirtin Anna M. Albinger nach dem frühen Tod ihres Mannes Joseph Fischer ein neues Haus «in Engliswies» (Schwerzler, Schlattweg 9) gebaut und mit ihrem zweiten Gatten eingerichtet. Ob sie dazu damals schon die Truhe aus dem gerade aufgelassenen «alten» Adler bekommen hat? Oder hat sie erst ihr Nachfolger Ferdinand Haltmayer mitgebracht? Auf alle Fälle hat der 1830 in Alberschwende geborene Melchior Fehle im Jahr 1861 das Haus am Schlattweg mit allem Inventar erworben. Er war einer der ersten Mitarbeiter bei der sich mächtig entwickelnden Firma Zuppinger als Drechsler, Fuhrmann und Müller. Von seinen vielen Kindern konnte der Sohn Gebhard Fehle im Jahre 1900 das heutige Fehlehaus am Rickenbach (Kesselstraße 2) kaufen. Dabei wanderte wohl auch der inzwischen morsch gewordene Schnitztrog mit in das neue Haus, das der 35 Siegfried Heim Der alte Schnitztrog Voll Stolz hat mir Fehles Franz eine uralte Truhe gezeigt. «Sit ma denko ka», stand sie «im Ufzug domm». Vor Jahrzehnten diente sie noch als «Schnitztrog», dann sammelte sich in ihren morschen Fächern allerlei Gerumpel. Nun hat er sie vom Dachboden herabgeholt. Sie wurde sauber geputzt, ein paar fehlende Leisten und ein Stück Brett mußten ersetzt werden. Jetzt funktioniert "das Geheimfach» wieder, in dem man einst Geld oder wertvolle Dokumente verbergen konnte. Zuletzt hat der Maler die schäbig gewordenen Ornamente und Inschriften aufgefrischt. Jeder Besucher kann die gotischen Buchstaben wieder entziffern: Liebet Got und haltet seine Geboth Johaneß Haltmeier und Maria Magdalena Bröllin (empfehlen sich der Gottesmutter) 17 MARIA 72 Die Initialen P.H. deuten auf den Schreiner und Maler hin. Er könnte ein Dornbirner Handwerker gewesen sein, denn aus Dornbirn brachte Magdalena Bröll ihren «Brutt-Wago» mit, als sie 1772 den Wolfurter Adlerwirt heiratete. Anno 1750 war sie in Dornbirn als Tochter des Michael Bröll


Heimat Wolfurt Heft 12 1993 Mai
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 12 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 1993 Das Rädlerhaus in der Bütze wurde 1806 erbaut und 1976 zum Bau des Schwanenmarktes abgebrochen. Hier lebte der Kassengründer Wendelin Rädler. Die alte Mauer schützte einst den gräflichen Weingarten gegen Überschwemmungen. Inhalt: 49. 50. 51. 52. 53. 54. 500 Jahre Seelsorge in Wolfurt Nachbarn in der Bütze Veres Stickerei Die Kommunistin Wendelin Rädler Rogges Brot und kernes Brot Bildnachweis Die Bilder in diesem Heft sind wieder lauter von Hubert Mohr geschaffene Reproduktionen aus der Sammlung Heim. Zuschriften und Ergänzungen Aufgrund des Inhaltsverzeichnisses (Heft 11/1) sind eine Reihe von Nachbestellungen erfolgt. Weiterhin können Hefte ab Nr. 5 bezogen werden. Gesucht werden Autoren, die uns Beiträge verschiedenster Art über Wolfurt zur Verfügung stellen. Die neue Schrift auf der Titelseite soll andeuten, daß wir nicht nur in der Geschichte graben wollen. Über Initiative des Bürgermeisters haben wir sehr viele Wolfurter Hausnamen und auch ein paar Übernamen gesammelt. Eine Klasse der Hauptschule hat sich dankenswerterweise mit großem Einsatz an der Sammlung beteiligt. Sollte jemand Einwände gegen die Veröffentlichung eines Hausnamens haben, bitte ich um Benachrichtigung. (Lieber vorher, als nachher!) Über die alten Ausdrücke in «Unser tägliches Brot» (11/5) hat sich Becks Emil in Innsbruck gefreut. Sehr viele Zuschriften sind wegen «Dr. Lorenz Böhler» (11/15) eingegangen. Es bedankten sich alle drei noch lebenden Böhler-Kinder für die für sie neuen Informationen über ihre Vorfahren. Nach einer Erinnerung an Wolfurt befragt, erzählten beide Söhne unabhängig voneinander, daß sie manchmal mit ihren Eltern «Lorenzos» in Rickenbach besucht hätten. Zu später Stunde habe dann Josef Böhler dort die Pferde eingespannt und sie ins Holz gefahren. Jede Kutschenfahrt war ein freudiges Erlebnis. Frau Lehne, die Biographin Dr. Böhlers, berichtete von den Kindeskindern unseres Ehrenbürgers. Dr. Jörg Böhler in Wien hat vier Kinder und acht Enkel, Dr. Michel Böhler in Wien fünf Kinder und ein halbes Dutzend Enkel, Frau Poldi Wodenegg in Dreikirchen hat drei Kinder und auch schon vier Enkel. Unter den jungen Leuten gibt es wieder einige Ärzte. Frau Lehne grüßt uns alle mit dem Satz: Die alemannische Tüchtigkeit des BöhlerStamms macht sich auch in Wien, Linz, Korneuburg, Bozen und Graz bemerkbar. Dr. Michel Böhler hat eine Kopie seiner im Jahre 1948 von Bürgermeister Ludwig Hinteregger ausgestellten Heimatrechtsbestätigung geschickt und damit seine Bindung an die alte Heimat Wolfurt dokumentiert. Danke! Die meisten Bezieher haben Beiträge auf das Raiba-Konto 87 957 des Heimatkundekreises einbezahlt, darunter einige sogar in beachtlicher Höhe. Herzlichen Dank! Sie helfen uns damit, wenigstens einen Teil der Druck- und Portokosten abzudecken. Den anderen Teil übernimmt weiterhin die Gemeinde Wolfurt, bei der ich mich persönlich und im Namen aller herzlich bedanken möchte. Abrechnung Namens der Gemeinde hat Frau Carmen Haderer am 11.1.1993 die Gebarung des Heimatkundekreises überprüft und in Ordnung befunden. Das Geld wurde abzüglich der Portospesen laufend an die Gemeinde überwiesen. Berichtigung Aufmerksame Leser haben einige Fehler gefunden, die dem Lektor entgangen sind: In Heft 11/S.23: Gebhard Fischer führte 1869 die erste Stickmaschine ein. In Heft 9/S. 25: Der Konradsgraben wird um die «Mesmarwios» geleitet. Sie wird jetzt mit dem Pfarrwidum verwaltet, diente aber früher zur Entlohnung des Meßners. In Heft 9/S. 32 unten: Im Dezember 1899 kam es zum Streit mit Loacker. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Aus Zwettl schrieb der Arzt Dr. Krenkel und schickte Fotos von seinen Vorfahren. Sein Böhler-Ahne Josef (11/20) habe als Schlosser in Amerika die Herstellung von Dezimalwaagen erlernt. Nach Lauterach zurückgekehrt, sei er mit der Erzeugung von solchen Brückenwaagen wohlhabend geworden. 1 Zu meiner Überraschung meldeten sich außerdem noch drei verschiedene Böhler und belegten mit ihrem Ahnenpaß, daß sie ebenfalls von Johannes Böler und Ursula Feßlerin auf der Hueb (11/17) stammen: Adolf Böhler von der Bucherstraße, Gebhard Böhler vom Gallusweg (beide sind in Bregenz aufgewachsen) und der aus Lochau gebürtige Franz Böhler in Bregenz. Sie konnten sogar den Sammüller-Stammbaum verlängern. Als Eltern von Johannes Böler wußten sie den am 5.April 1670 geborenen Martinus «Büller» und seine Frau Maria Elegassin. Inzwischen habe ich die Hub auf dem Pfänder besucht, wo die Sammüller-Böhler bis 1784 lebten. Am Weg nach Jungholz und Eichenberg ist der Hof an der Hub mit großen modernen Stallungen ein Stück unterhalb der Straße in fast 1000 Meter Meereshöhe ganz neu gebaut worden. Frei schweift hier der Blick hinüber zum Hirschberg-Kappele und über Hochgrat, Ifen und Kanis bis zur Mittagspitze über den Bregenzerwald. Mit «Urlaub auf dem Bauernhof» bietet die Familie Lang in dieser Traumlandschaft ihre Gastfreundschaft an. Auch Pferde gehören zum Hof. Das sollten sich die jungen Sammüller anschauen! Vielleicht packen einmal ein paar ihre Rucksäcke und wandern mit den Kindern über die Fluh, den Geserberg oder das Wirtatobel da hinauf zu ihrem alten Stammsitz? In Götzis freute sich Zahnarzt Dr. Walter Fehle über die Geschichte vom alten Schnitztrog (11/34). Er ist ja nicht nur oberster Chef der Vorarlberger Blasmusikkapellen, sondern als Historiker auch der Gestalter des neuen Götzner Heimatbuches. Fehles haben übrigens unter ihren Vorfahren auch den Mohrenbeck Flatz, Vater des berühmten Malers Gebhard Flatz. Aus dieser Flatz-Familie sind mir in Wolfurt als Nachkommen außerdem Liberats, . Klettls und auch Bernhards im RÖhle bekannt. Ein Flatz-Nachfahre, Kaspar Schwärzler, war um 1900 ein bedeutender Historiker in Bregenz, von dem wir auch gerne allfällige Verwandte kennen möchten. Der allergrößte Teil der Flatz-Angehörigen ist aber um 1850 nach Amerika ausgewandert. Aus Kanada kam ein Ehepaar Munro und erkundigte sich mit einem Schweizer Dolmetscher nach den Wolfurter Vorfahren. Diese hießen Schneider und Geiger und Moser und lebten bis zur Zeit Napoleons im Meschhaus, Kirchstraße 41. Der verwahrloste Zustand des 300 Jahre alten Hauses hat Mrs. Munro gar nicht gefallen, dafür aber unsere herrliche Landschaft. Am meisten freute sie sich über ein paar Kopien aus unseren Kirchenbüchern, wo sie ihre Ahnen zurück bis 1666 fand. Schon 1818 sind sie in die Schweiz und dann nach Amerika ausgewandert. Verwandte sind Geigers im Röhle. Siegfried Heim 500 Jahre Seelsorge in Wolfurt Schon im 12. Jahrhundert hatten die Staufer zur Festigung ihres Kellhofbesitzes eine Kapelle St. Nikolaus gestiftet. Zum Gottesdienst mußten die Hofsteiger und die Kellhofer aber die Achfurt durchwaten, denn sie gehörten zur Pfarre St. Gallus in Bregenz. Im Jahre 1493 - also vor genau 500 Jahren - erhielten sie endlich die Erlaubnis, für St. Nikolaus einen eigenen Kaplan anzustellen. Seiner Seelsorge waren damals die etwa 300 Bewohner von Wolfurt und in Schwarzach, Bildstein und Buch zusammen noch einmal 300 Leute, zusammen also 600 Seelen anvertraut. Heute muß sich unser Pfarrer um 6.000 Gläubige sorgen. Nach 19 Jahren Kaplanei durften die Wolfurter schon 1512 Taufstein und Friedhof errichten und sich als selbständige Pfarre von St. Gallus lösen. Seither hat sich in unserer Kirche und rundherum viel verändert. Darüber möchten wir Ihnen im Jubiläumsjahr erzählen und Ihnen bei einem Gang durch die Kirche deren Schätze zeigen. Die genauen Angaben finden Sie auf der letzten Seite dieses Heftes. So sah unsere Pfarrkirche St. Nikolaus im Jahre 1914 aus. Engelbert Köb hatte das ganze Schiff ausgemalt und mit seinem Bruder Hilar die Altäre mit den Flatz-Bildern geschaffen. Franzele Dür hatte in diesem Jahr die Grödner Krippe schnitzen lassen. 3 2 Siegfried Heim Wie die Bütze entstand Wenn Ägypten ein Geschenk des Nils genannt wird, dann ist die Bütze ein Geschenk des Töbelebachs. Alle paar Jahre hat er mit seinen braunen Hochwässern die Ebene überflutet, hat in 10.000 Jahren einen flachen Lehmhügel aufgeschüttet, auf dem vor 1000 Jahren die Alemannen ihre Kellhof-Genossenschaft errichtet haben. Wir erinnern uns noch, wie manchmal schäumendes Wasser aus dem Töbelebach beim Rößle ausgebrochen ist und einen See vom Frisör Reiner bis zu Fideles gefüllt hat. Auf Brettern und einer alten Stalltür haben wir Buben darauf «gundolot»1 und sind dreckig und naß geworden. Ein paar Tage später war das Wasser versickert, das Gras mit Schlamm zugedeckt und wieder für Jahre gedüngt. Drei Meter dick goldigbrauner Lehm liegt unten an der Bützestraße, oben im Dorf viel mehr. Aber dort durchzieht alle 70 Zentimeter eine dünne Steinschicht den Lehm. Sie stammt von den Jahrhunderthochwässern, die immer wieder ins Dorf einbrachen. Bis vor 200 Jahren war das enge Kirchdorf von lauter Weizenfeldern umgeben. Aber am fruchtbarsten Platz mußten die Kellhofer für ihren Herrn, den Grafen von Ems, einen Weingarten anlegen, ein großes Quadrat von fast zwei Hektar Fläche. Gegen die Hochwässer wurde der Weingarten mit Steinmauern geschützt. Ein so eingefriedetes Feld hieß damals eine «Bütze». Die Kellhof-Bütze reichte von der heutigen Raiffeisenbank bis zu «Heims Weogle»2 und hinauf zum Dorfweg. Eine Schutzmauer gab es allerdings nur auf der Bachseite, vom Loch angefangen, bei Rädlers herab und noch ums Eck ein Stück an der Bützestraße entlang. Das letzte Stück der Mauer wurde erst 1976 zum Bau des Schwanenmarktes abgebrochen. Wenn Georg Schleh in seiner Emser Chronik über Wolfurt schreibt« In disergegne herumb hat es einen schönen Weinwachs», so bezieht sich das wohl auf die Bütze. Aber nicht immer geriet der Wein gut. So wurde schon 1595 die Wolfurterin Anna Mart, eine Mutter von vier Kindern, als Hexe gefoltert, bis sie gestand, sie habe sich dem Teufel ergeben und den Weingarten in der Bütze mit einer Teufelssalbe verdorben (Bilgeri, «Bregenz», 226). Die Familie Mart lebte noch bis um 1800 im Loh als Nachbar des Weingartens. Die älteste Kunde vom Weinbau in der Bütze ist ein Dokument vom 15. Oktober 1408. Darin stiftete Adelheit Schnellin, Cuntzen Schnellen selig Hausfrau, mit dem Jahreszins aus ihrem Weingarten zu Wolfurt in derBitzi, den man nennt Nüsatz, vier Bett3, stoßen an die gegen Lutrach gehende Landstraße,... einen Jahrtag. (Bregenzer Regesten 24) Im Jahre 1771 haben vier Wolfurter unter Ammann Fischer den Weingarten aus dem Besitz von Rebecca, der letzten Gräfin von Hohenems, losgekauft. Bald danach wurden die Reben ausgerissen und vier Häuser in die Bütze gebaut: Rädlers, Rists, Heims und Schwerzlers. Damals waren auch die großen Weizenäcker rund um den Weingarten schon auf die einzelnen Dörfler Bauern verteilt worden. Die Besiedlung konnte beginnen. 1 2 Nachbarn in der Bütze Die Bütze ist nicht mehr die Bütze unserer Kindheit. Auf der Straße, auf der wir Völkerball und «Spatzecklo»1 gespielt haben, drängen sich jetzt Autokolonnen durch, in jeder Stunde mehr als 600 schnelle, große und ganz große. Die Häuser, in denen wir unseren ersten Stopfar2 gegessen haben, die Stadel, in denen wir duftendes Ohmat-Heu3 gestampft haben - sie sind fast alle abgebrochen, gewichen den großen Bankgebäuden, den Lebensmittelmärkten, den Blocksiedlungen. Die Frauen und Männer, denen wir das Neujahr angewünscht haben - Schellings Bernhard, Hintereggers Gebhard, Stülzes Albertie, Orglars Adelheid, Mama und Papa - längst hat man sie zu Grabe getragen! Ihrem Andenken sind diese Zeilen gewidmet. Uns sollen sie bewußt machen, was sich in den letzten fünfzig Jahren in der Bütze gewandelt hat. 1 2 3 Spatzecklo = Siehe Heimat 6, S. 48! Stopfar = gekochter Mais Ohmat-Heu = Grummet, zweite Heuernte Willkommen daheim in der Bütze! Der Bogen wurde zur Primiz von Jakob Rist 1925 gekränzt. Die Straße ist schmal und dreckig. Links das 1956 abgebrannte Gorbach-Haus, rechts die Kellhof-Mauer. gundolot = mit der Gondel gefahren Heims Weogle = jetzt Nußgasse vier Bett = vier Reihen neu gesetzte Reben 4 5 Schloßburos 1927. Mathild und Martin Köb, Vinzenz mit der Kuh. Der Brunnen ist aus einem Holz-Düchel gebaut. Das Haus ist 1930 abgebrannt. Familie Zwickle 1920. Vater Josef und Mutter Maria. Die Töchter Anna (Braitsch), Frieda (Kalb), Fina (Böhler) und Maria (Erath). Die Söhne Johann, Seppl, Albert, Hermann, August und Rudolf. Als erster brach 1776 Xaver Gmeiner sein altes Haus auf dem Schwanenplatz beim Dorfbrunnen ab und erbaute unten an der «berggasse» - so hieß damals die Kellhofstraße - ein großes neues Haus. Es steht heute noch als Mohr Zitas, Kellhofstraße 11. Xaver Gmeiners Sohn Joseph Anton Gmeiner, geboren 1769, war ein «Fabrikant». Er vermittelte Garn an die Weber und verkaufte ihr Leinen nach St. Gallen. So kam er zu Geld und konnte 1794 das zweite Bützehaus bauen, gleich eines der größten, «Toblers», Lauteracherstraße 2. Anton Gmeiner ist übrigens der Ur-Urgroßvater von Lislo Franz gewesen. Die Sippe hieß aber damals noch «Lutzos», weil sie zu «Lutzo» Gmeiners in Rickenbach gehörte. Im Jahre 1800 baute der reiche Gerber Martin Haltmayer aus dem Dorf für seinen Sohn Johann Michael das erste Haus in den Weingarten, «Heims», Bützestraße 4. Eine französische Reiterpatrouille erschoß aber den 29 j ährigen Michael am 13. Juli 1800 in seinem Haus. So bekam sein Bruder Kaspar das Haus im «Nellhofer». (Weil der Pfarrer das Wort «Kellhof» nicht mehr verstand, schrieb er «Nellhofer», später sogar «Mehlhofer».) Fast zur gleichen Zeit wurden um 1800 Gorbachs und Stülzes Häuser gebaut und noch eines in der Ecke, wo heute Mohr Emils, Kellhofstraße 13, steht. Es ist schon 1883 abgebrannt. 1806 baute der reiche Ammann Schneider das wunderschöne Rädler-Haus an die Kellhofstraße in den Weingarten, der jetzt nur mehr wenige Reben hatte. Im gleichen Jahr übertrug auch Dismas Dür sein Holzhaus aus dem Dorf an die heutige Rittergasse. Seine Kinder wurden reiche Ziegler an der Ach und haben ihr Vaterhaus dort schon 1857 in einem Ziegelofen verfeuert. Daneben baute Bernhard Bildstein sein Haus, «Schellings», Bützestraße 15. Er wurde Vorsteher und hat 1830 den Kirchenkrieg gegen die Rickenbacher gewonnen. Die Kirche blieb im Dorf! Auch an der Lauteracherstraße standen um 1805 schon zwei Häuser. Der Schreiner Xaver Schertler hatte «Schrinars», Lauteracherstraße 6, gebaut und gleichzeitig Caspar Thaler «Thalers», Lauteracherstraße 5. Als nächste folgten Hintereggers 1814, Zwickles 1827 und unten an der Unterfeldstraße Mohr Josefs 1829. Ein ganzer Schwung folgte 1837 bis 1840: Rist Eugens, Böhlers, Königs, Forsters, Kalb Ferdes, Rist Tones und Orglers. Nur noch ein paar kamen später dazu: 1850 Gabelmachers, Lauteracherstraße 14, 1888 am anderen Ende Klocker-Strickers und 1896 Köb Ferdinandas, Unterlindenstraße 23. In unserem Jahrhundert bauten Veres Bernhard 1907 seine wunderbare Villa, zwei Jahre 7 6 bis zum Marte auch 9, bei «Schrinars» mit Luzia 7. Könnt ihr euch vorstellen, was da alles los war? Ein paar Jahre früher hatte man bei Zwickles 12 Kinder gehabt, bei Rist Gebhards daneben vom Eugen bis zum Anton 8 und im dritten Haus daneben bei Berger-Böhlers Hannes noch einmal 10. Und noch ein paar Jahre früher gab es beim Lehrer Rädler drüben 13 Kinder, bei Hintereggers sogar 15 - von einer einzigen Mutter! Noch mehr, nämlich 17, waren es draußen bei «Schloßburos», darunter Marte, der Vater von Vinzenz und Herbert. Am Beispiel von Schloßburos läßt sich auch manches Leid erahnen. Johann Baptist Köb war 1814 als Schloßburo Hannbatist im Schloß Wolfurt geboren worden. In der Bütze hatte er dreimal geheiratet. Alle drei Frauen starben ganz jung, mit 31, 32, 36 Jahren, zwei davon im Kindbett. Von den 17 Kindern starben 8 als «Engele» im ersten Lebensjahr, dazu ein Mädchen mit 5 und ein Bub mit 16 Jahren. Von den sieben, die groß wurden, blieben drei ledig. Nur vier heirateten und vermehrten Schloßburos Sippe. Man war eben nicht «aufgeklärt» damals. Wir Kinder glaubten an den «Klos»1 und an den Storch. Zwar sahen wir, daß Mamas Rock vorne immer kürzer wurde, denn sie besaß kein Umstandskleid, aber wir dachten uns nichts dabei. Alle Kinder kamen damals daheim im Gaden zur Welt. Eines Morgens mußten wir «an Zuckorbollo»2 für den Storch ins Fenster legen. Mittags erschien die «Frau Grass», die hochgeachtete Hebamme, und übernahm das Kommando. Uns schickte man ins Feld:«Gond ga muso!»3 - obwohl doch im Sonnenschein die Jagd wenig Aussicht auf Erfolg hatte. Als wir heimkamen, lag ein kleines Schwesterchen im Stubenwagen. Wir freuten uns - man konnte wieder zur gewohnten Tagesordnung übergehen. Ein paar Tage später kehrte auch die Mama zur Arbeit in Stall und Feld zurück und überließ das Kleine der Kindsmagd. 1 2 3 Noch eine große Bütze-Familie: Toblars am Rank. Vater Martin Schwerzler und Mutter Maria. Sechs Söhne: Paul, Adolf, Ferde, Raimund, Otto und Marte. Drei Töchter: Ziska, Melitta und Zilla. später Guldenschuhs ihr zierliches Stickerhaus und 1910 Reiners Mathis die riesige Stickerei Bützestraße 20 mit dem großen «Miramare» - Bild im Eingang. Später richtete sich dort die Klöppelei Fischer und Co. ein. 1928 kam ein zweites Haus an die Unterfeldstraße, Giselbrechts. Und an den Bau der letzten drei Häuser, 1937 und 1938, können wir uns selbst noch erinnern: Zwickle Alberts, Lehrer Mohrs und weit drunten Metzger Reiners. Jetzt war die Bütze unserer Kindheit endlich fertig. Sie bestand aus zwei Dutzend Bauernhäusern, fast alle in Reih und Glied aufgefädelt an der Bützestraße und der Lauteracherstraße. Dazwischen bunte Gärten, grüne Wiesen und viele riesige Obstbäume. Nun mußten die Häuser noch mit Leben gefüllt werden. Fast überall kam reicher Kindersegen aus dem Gaden1 in Stube, Küche und Kammern. Wo sieben aßen, wurde auch ein achtes satt. Man nahm jedes neue Kindle mit Freuden auf, aber man trug auch manches «Engele» zum Friedhof. Bei Heims waren 9 Kinder, bei Rist Eugens daneben 5, bei Königs draußen vom Albert bis zur Gerda 12, Josefa und Bruno starben als Kleinkinder. Bei «Toblers» am Rank vom Paul 1 Klos = St. Nikolaus Zuckorbollo = Würfelzucker Gond ga muso! = Geht Mäuse fangen! Gaden = Elternschlafzimmer Mit Zwickles 1943 zur Flachsernte ins Ried. Seppl und Rosa, Albert und Gebhardie mit Pepe und Guntram. Der Knecht Waldinger, ein kriegsgefangener Serbe und viele Helfer, darunter Hintereggers Gebhard mit dem MostPutsch. 8 9 Kinderspiele Ein Jahr später schaukelte das Kind schon auf dem großen Ritta-Roß1 mit, das der alte Gabelmacher für uns gesägt und der Vater herrlich rot bemalt hatte. Wir spielten mit hölzernen Wägelein und bunten Klötzen. Die Mädchen bekamen eine Puppe, zuerst eine vom Großvater geschnitzte hölzerne «Docke»2, dann eine mit einem zerbrechlichen Zelluloidkopf und einem Sägemehlbauch. Mit dem «Matador» konstruierten wir bald kunstvolle Maschinen. Die blecherne Eisenbahn und das Auto zum Aufziehen hielten nicht lange. Für die Winterabende gab es ein farbiges Märchenbuch und vergilbte Heiligenlegenden, aus denen die alte Tante Karolie gruselige Geistergeschichten erzählte. Wir spielten «Nüne-Molo»3 und Schwarzer Peter und mit den Jaßkarten «Hundsfudo», «Lügo» und «Spitz-Öhrlo»4. Laut ging es beim «Blinde Kuh» und bei dem Spiel von der faulen Magd zu. Wir sangen aber auch viele Kreisspiele, zuerst «Ringa-reiha», dann «Ist die schwarze Köchin da?», «Goldne, goldne Brücke», «Rauchfangkehrer ging spazieren», «Rote Kirschen eß ich gerne», «Ein Bauer ging ins Holz» und noch ein paar andere. Es gab fröhliche Zählspiele mit «D Goaß heot in Kübol gschiosso»5 und «Wir reisen nach Amerika». Vom «Küochle-Bacho»6 bekam man rotgeschlagene Hände. Die meisten Spielsachen bastelten wir uns selbst - heute würde man sagen «kreativ». Aus Zeitungspapier konnte man die verschiedensten «Dampfar» und «Gundele»7 falten, auch Geldtaschen, «Wihwasser-Beckile»8, «Himmol-Höll», vor allem aber die kompliziertesten «Flügar»9. Mit großen Knöpfen aus Mamas «Fado-Zoano»10 fertigten wir «TrülloBuppar»11 an der Schnur und andere, die auf einem Stäbchen über dem Tisch kreisten. Für schwierige Fingerspiele brauchte man eine lange Fadenschlinge.Sogar ein Telefon bauten wir mit zwei leeren Zündholzschachteln als Hörer an einer Schnur. Mit einem Knopf konnte man eine Reihe von Signalen senden. Viele Abende waren wir mit dem «LoubSeogolo»12 beschäftigt. Dann lehrte uns der Vater auch, wie man mit den Händen die Schatten von Geißbock und Häslein an die Wand zaubert. Die schönste Zeit begann aber, wenn der Schnee auf Schuttannen verschwand und wir wieder barfuß laufen durften. Zwar gab es täglich viel Arbeit im Stall und beim Gras holen, im Acker, beim Heuen und im Herbst beim Obst-Auflesen, aber dazwischen fanden wir immer noch Zeit für herrliche Spiele: «Kügolo»1 mit schillernden Glas- und billigen Lehmkugeln spielten wir mitten auf der Straße nach Golfregeln in ein Loch, das einer mit der Ferse in den Straßendreck gedreht hatte. «Spatzecklo» auf den Hausplätzen mit Werfen und Fangen, Schätzen und Messen betrieben wir mit heißem Eifer. Zum «Völkoro»2 legten wir Latten quer über die Straße. Der Ball war «a Pfu-Ballo»3, aus Stoffetzen mit Gummibändern. Die Mädchen konnten besser fangen, die Buben treffsicherer werfen. Streit wegen «Boden-auf» oder «bus gstroaft» 4 war fast immer einprogrammiert. Dann probierte man es wieder mit «Der Kaiser schickt Soldaten aus», «Wir kommen aus dem Morgenland», «Henno-Töple»5 und «Halli-Hallo-Nämmoroto»6 oder auch mit «d Schär suocho»7 zwischen den Baumstämmen. Am starken Ast des Birnbaums hing die Seil-«Grütschlat»8, die wir zu zweit oft bis in die Zweige hinauf trieben. Wir kletterten auf die höchsten Baumwipfel. Auf Zwickles Kastanienbaum schnitten wir mit dem «Krotto-Hägol»9 kunstvolle Maienpfeifen. Dann noch schnell «a Ränkle»10 auf Mamas schwarzem Rad durchs Dorf oder «ga röoflo»11 mit alten Felgen! Nach dem Nachtessen, wenn sich die Erwachsenen zu einem Plauderstündchen auf Nachbars Bänkle trafen, sammelten sich auch alle Kinder aus dem Umkreis auf dem Hausplatz zu «Fängarles» und «Vorsteckarles». Zuerst wurde ausgezählt: «Im Wald stehen Tannen ...». Der letzte mußte suchen, wenn wir uns beim «Hus-Eggarlo»12 hinter Hausecken und Johannisbeersträuchern versteckten. Hinter der «Schittor-Big»13 oder in Zwickles Saukisten war man fast unauffindbar, ganz zu schweigen vom Dunkel des Heustocks. Wir zerrissen manche Hose, schürften Knie auf und stachen rostige Nägel ein. Aber wenn das Spiel mit Weinen oder Streit geendet hatte, fand sich immer noch eine Gruppe beim 1 2 3 4 Ritta-Roß = Schaukelpferd Docke = Holzpuppe Nüno-Molo = Mühlespiel Hundsfudo, Lügo, Spitz-Öhrlo = alte Kartenspiele. Spitz-Öhrlo ist ein Glücksspiel um getrocknete Bohnen (Spizöla) D Goaß heot in Kübol gschiosso = Die Ziege hat in den Kübel geschissen 6 7 Küochle-Bacho = Küchlein backen Dampfar und Gundele = Dampfschiffe und Gondeln Wihwasser-Beckile = Weihwasserbecken Flügar = Flugzeuge Fado-Zoano = Nähkörbchen Trüllo-Buppar = Kreisel Loub-Seogolo = Laubsägen 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 n U Kügolo = Murmelspiel Völkoro = Völkerball a Pfu-Ballo = vom englischen «football» bus gstroaft = nur gestreift Henno-Töple = Hennenschritte Halli-Hallo-Nämmoroto = Namenraten d Schär suocho = Schere suchen. 8 9 Grütschlat = Schaukel Krotto-Hägol = «Krötenmesser», ein billiges Taschenmesser a Ränkle = eine Kurve ga röoflo = Reifen rollen Hus-Eggarlo = Hausecken-Spiel Schittor-Big = ein Stapel Holzscheiter 10 11 12 13 5 10 11 Eine Zeit lang hatten wir einen zahmen Raben, der in Mamas Garten die Setzlinge ausriß, dann ein Geißböcklein, das mit Anlauf in der Küche auf den Tisch sprang. Einen Sommer lang fütterten wir Hansi, eine junge Waldohreule, mit Schlachtabfällen und im Ried erbeuteten «Rudiguggarn»1. Die Dörfler und die Bütze-Buben wetteiferten mit ihrer Taubenzucht. Die Dörfler fingen ihre Tauben in Bregenz, aber in den Bütze-Schlägen wurde dafür manche Dörfler-Taube gezähmt. Unterschiedlich war das Verhältnis der Buben zu den Hunden. Die bekanntesten waren Königs «Bless», Gorbachs «Alf», Orglers «Nero», Zwickles «Rolf» und Heims «Waldi». Wurde der eine vor den Schlitten gespannt oder mit Leckerbissen zu allerlei Kunststücken dressiert, so mußte der andere einen großen Bogen machen und den Buben ausweichen. Denn die waren allmählich fürchterliche Lauser geworden. Sie bauten eine Hütte aus Kisten und schliefen im Freien. Sie fanden Rädlers Weiße Klare, Rists «Höü-Bira»2 und Gorbachs «Juli-Dechan»3, Vizzenzos «Witfeoldora»3 und Schellings Konstanzer «Länglar»3. Thalers «Kriose»4 lockten ebenso wie Orglers «Pflümmele»5 und Stülzes blaue Trauben. Kein Nußbaum war sicher. Am meisten heimgesucht wurden die Nußbäume bei Mathisos und beim Hollagoggl. Im «Mahro-Neoscht»6 reifte jeweils die Beute und wurde mit allen Mitgliedern der Bubenbande redlich geteilt. Beim Baden an der Ach übten wir nicht nur das Tauchen nach weißen Steinen, sondern auch das Werfen. Herrlich hüpften die «Blättolar»7 über den Wasserspiegel. Aber wir trafen auch «d Häfele»8 auf den Telefon- und Elektrostangen und manchmal eine Scheibe in einem abgelegenen Stadel. Besonders treffsicher waren unsere Gummischleudern. Mit langen Fitz-Ruten schleuderten wir harte Mostbirnen kirchturmhoch über die Dächer. Wenn man vom Birnbaum aus alle Drähte der Telefonleitung mit der Hand zusammenqüetschte, spürte man bald das aufregende Prickeln von leichten Stromstößen. Meist kamen dann am anderen Tag die Telefoner und suchten nach der Störungsursache. Mit «B schütte»9 fingen wir «Dohrla»10im «Guot»11 und mit Fallen die schädlichen großen Baummäuse. Für die zahlte Kressars Seppl beim Spritzenhaus 40 Pfennig. Auch für jeden zerquetschten Kohlweißling zahlte man im Gemeindeamt einen Pfennig. - Unser einziges Sackgeld! Alfons und Hubert Kalb mit ihrem Koter-Karren. «Löoble»'-Ball, bis uns die Mutter nach dem «Beott-Lütto»2 zum Füßewaschen an den Brunnen holte. Noch schnell ein «Beott-Letzt!»3 zu den Nachbarskindern, dann verschwanden wir in der Kammer. Unbeschwerte Kindertage! Kein Fernsehen, kein Auto, keine Musikschule, kein Fußballtraining...! Wir durften uns unsere Freizeit noch selber gestalten. Bubenstreiche Als wir größer wurden, lernten wir noch einiges dazu. Zuerst den Umgang mit Tieren. Höfles Heinrich hatte uns «a Meer-Süle»4 geschenkt. Wir durften es nur einen Tag behalten, der Mama stank es gar zu sehr in der Stube. Dann bekamen wir zwei «Hasen» und mußten sie füttern und pflegen. Königs Albert belachte unsere Bemühungen und zeigte uns seinen Stall voll Blauwiener, Belgische Riesen, Deutsche Widder... Ja, und dann lieh er uns - Mama war entsetzt! - einen Bock. 1 2 1 2 3 4 Rudiguggar = Unken Höü-Bira = Heubirnen Juli-Dechan, Witfeoldora, Länglar = Birnensorten Kriose = Kirschen Pflümmele = Mirabellen Mahro-Neoscht = Versteck, wo das Obst mahr (reif) wird 7 8 9 l0 Blättolar = flache Steine d Häfele = Porzellan-Isolatoren Bschütte = Jauche Dohrla = Maulwurfsgrillen Löoble-Ball = Laibchen Beott-Lütto = zum Gebet läuten 3 4 Beott-Letzt = ein letzter Schlag nach dem Gebet a Meer-Süle = ein Meerschweinchen 5 6 " Guot = Wiese beim Haus 12 13 Die alten Häuser in der Bütze und ihre Besitzer im Jahre 1900. Dazu die umseitige Skizze. Im Jahre 1900 hatten alle Wolfurter Häuser neue Nummern bekommen. 86. Das Schwerzler-Haus zählte jetzt nicht mehr zur Bütze, sondern zum «Loh». 91. Rädler Wendelin - der bekannte Oberlehrer. Erbaut 1806, abgebrochen 1976 für Schwanenmarkt. 103. Gmeiner Maria - «Knoblars», Zwickles Erbaut 1827, abgebrannt 1887, neu erbaut 1888. Abgebrochen 1979 für die Sparkasse Bregenz. 104. Hinteregger Franz - «Hindoreggars» Erbaut um 1815, umgebaut um 1965. 92. Schwerzler Joh. Georg - «Hans-Irgos», «Rüstos» 105. Rohner Josef Anton - «Gorbachs» Erbaut 1837, umgebaut 1970. Erbaut um 1800, abgebrannt 1956. 93. Haltmeyer Maria - Heims Erbaut 1800, umgebaut 1992. 94. Böhler Josef - «Mathisos», «Bergars» Erbaut 1837, umgebaut um 1965. Agnes Giselbrecht, Ziska Rist, Maria G., Rösle Schedler Alfons Kalb, Tone Schedler, Hubert Kalb 95. Dür Franziska - «Franzeies», Königs Erbaut 1839, umgebaut um 1970. 96. Köb Geschwister - «Schloßburos» Erbaut 1838, abgebrannt 1930. 97. Schirpf Franz Josef- «Schürpfos», «Sackburos» Erbaut 1880, umgebaut um 1975. 98. Forster Ulrich - «Forstars» Erbaut 1836, umgebaut um 1950. 99. Klocker Josef Anton - «Strickars» Erbaut 1888, abgebrochen 1975. 100. Schedler Geschwister - «Schellings» Erbaut um 1805, abgebrochen um 1965.. 101. Schwerzler Lorenz - «Neiolars», Kalbs Erbaut 1836, umgebaut um 1955. 102. Rist Jakobs Witwe - «Rüsto Tones» Erbaut 1839. Krimi = Kriminalkommissar Tschuppa-Tone = Eigenname 106. Kalb Joh. Baptist - «Metzgaf-Hannes», «Stülzes» Erbaut um 1800, abgebrochen 1980. 107. Schwerzler Ferdinand - «Toblars» Erbaut 1794, Anbau um 1910, umgebaut um 1960. 108. Schertler Bernhard - «Veres», «Schrinars», «Schöflewirts» Erbaut um 1805, abgebrochen 1979. 109. Mohr Xaver - «Mohro Josefs» Erbaut 1829. 110. Stadelmann Alois - «Gabolmachars», «Huotars» Erbaut 1850, umgebaut um 1980. 111. Thaler Geschwister - «Kressars» Erbaut um 1805. 112. Rohner Joh. Martin - «Schmiods Kathrinos», «Orglars», «Musars» Erbaut 1831, abgebrochen 1971 für Unterlindenzentrum. 113. Kalb Anna - «Köbo Ferdes», «Heimat» Erbaut 1896, abgebrannt 1987. 114. Mohr Michael - «Mohro Stases» Erbaut 1776 als ältestes Haus der Bütze. Je größer die Buben, desto dümmer ihre Streiche! Gut, daß der Vater und die Gendarmen nicht alles erfahren haben! Rädlers Marie und Pauli ärgerten wir mit einem Schlagwerk am Fensterladen. Beim Hollagoggl verschwand die größte «Kürbso»1 von der Haustür weg und tauchte als «Geist» mit leuchtendem Gesicht anderswo auf. Scheffknechts Ochs blieb immer wieder stehen, wenn man eine dünne Schnur über die Straße spannte, aber der gute, halb blinde Johann sah die Schnur nicht. Mancher liebe Nachbar erschrak, wenn wir in der Dämmerung mit Karbid und Spucke in einer großen Büchse die ersten Sprengversuche machten. Und noch für einiges Schlimmeres, das man nur im kleinsten Kreis erzählen darf, wenn keine jungen Buben zuhören, möchte ich im Namen der inzwischen grau gewordenen «Buben» Abbitte leisten, beim «Kircho-Moastor»2, beim «Krimi»3 Schneider und beim Witzemann, bei Orglars Sophie und ihrem Nero, beim «Tschuppa-Tone»4, bei Gigars Finele und noch bei einigen anderen. 1 2 Kürbso = Kürbis Kircho-Moastor = Kirchenaufseher 3 4 14 15 Die Bütze im Jahre 1900 nach einer Skizze von S. Heim 1993 Unsere Nachbarn Wie überall in der Welt, brauchte auch jedermann in der Bütze seine Nachbarn. Man half sich gegenseitig mit Werkzeug und Fuhrwerk aus. Wenn Unwetter drohte, rannte jeder, bis auch Nachbars Heufuder unter dem sicheren Vorschutz stand. Man lieh gegenseitig fehlende Lebensmittel aus und schickte Nachbarkinder wie eigene zum Einkaufen. Man half bei der Krankenpflege, man wurde ans Kindbett gerufen und natürlich auch ans Sterbebett. Man war auf einander angewiesen und trug Sorgen und Freuden gemeinsam. Niemand war allein! An viele liebenswerte Menschen, die einst mit ihrem Schaffen und ihrem Feierabend das Leben in der Bütze bestimmt haben, erinnern wir uns gerne zurück. Ich kann ihnen hier nur ein paar Sätze widmen, wenn ich einen Rundgang durch die alten, staubigen Straßen mache. Bei Nummer 91 fange ich an. Rädlers Haus hatte allmählich den Glanz verloren, den es unter dem Vater, dem landesweit bekannten Oberlehrer Wendelin Rädler, gehabt hatte. Nun führte Marie - einst eine geschätzte Köchin! - einen gastfreundlichen Haushalt, während Pauli und Wendel sich um Obst und Vieh kümmerten. «Rüsto Eugen» fuhr mit seinen Rössern, dem Fuchs und dem Hans, ins Holz und «uf d Stoanat»1 und lange Zeit auch mit dem Toten wagen. Bei der Musik schlug er «di groß Trummol»2. Die Töchter wurden wegen ihrer schönen Singstimmen gerühmt. Sie sangen auf Nachbars Bänkle oft bis tief in die Nacht hinein schöne alte Lieder. Von Heims Buben in Nr. 93 habe ich schon viel erzählt. Ins Haus von Bergers Hannes war vor dem Krieg Böhlers Alfons aus Bildstein mit seiner Familie zugezogen. Der stille freundliche Mann machte alle notwendigen Schlosserarbeiten bei den Nachbarn. Mit seiner Lötlampe und dem Schrotgewehr räumte er bei uns auch die gefährlichen «Hurnußla»3 weg. In Königs Haus hatte früher Düro Franzele gewohnt, die bekannte erste Autofahrerin. Sie war auch überaus fromm und hatte aus dem Heiligen Land einen Blumenbaum mitgebracht. An ihrem Betpult durften Zwickles Johann, Rüsto Jakob und Heims Anton die bunten Bilder der Bibel anschauen - alle drei sollten ja «Geistlich» werden. Nur Jakob hat es dann auch geschafft. Jetzt bevölkerten Königs Gebhard und Burgl mit ihren vielen Kindern das Haus. Da wurde fleißig gearbeitet, aber immer auch gesungen und geturnt. Bis zu Königs warmem Kuhstall rannten wir im Winter barfuß durch den Pulverschnee. «Schloßburo Hus» war 1930 abgebrannt. Nun stand nur noch das finstere Kellergewölbe. Wir trauten uns nicht hinein, weil man uns vor «giftiga Vipora»4 Angst gemacht hatte. 1 Stoanat = Steinat - Kies, Sand und Steine im Flußbett der Ach di groß Trummol = große Trommel, Pauke 3 4 Hurnußla = Hornissen giftige Vipora = Vipern, Kreuzottern 16 17 In «Schürpfos Hus» lebte zurückgezogen der alte Kasimir mit seiner Maxi. Forsters waren ein liebenswertes altes Ehepaar. Sie hatten keine Kinder und sorgten sich umso mehr um ihr kleines Dackelhündchen. Gleich daneben rasselten bei «Seppo Regi»1 die Klöppelmaschinen in den Werkhallen und Frauen holten große Körbe voll «Spitz zum Uszüho»2. Bei Zwickles Stadel war die äußerste Bütze erreicht. Dort preßte Albert mit seinen Knechten gewaltige Heuballen und wir durften auf den höchsten Stapeln herumklettern. Auch die Hausnummern drehten sich hier. Auf der Westseite der Straße ging es wieder in die Bütze hinein. In Nr. 99 holten wir bei Strickars Anna, Klara und Klementi jeden Samstag «s Gmoandsblättle»3 und trugen es in der Hoffnung «uf a Krömle»4 auch zu den Nachbarn. Ein großes Stück weit waren die großen Wiesen an der Straße noch ohne Häuser. Eine einsame Ausnahme war nur das schneeweiß gekalkte »Transformer-Hüsle», auf dessen Stufen wir gerne rasteten. Hinter der verschlossenen Blechtüre surrte es so geheimnisvoll! Schellings Bernhard und seine Anna waren bescheidene alte Leute, geachtet und beliebt. Sie gönnten uns Kindern ihre Langbirnen, Nüsse und «Schnellar»5. Wenn Bernhard zu seiner Sennerei ins Dorf ging, hatte er für junge und alte immer ein fröhliches Wort bereit. Kalbs große Buben Alfons und Hubert waren in vielen Dingen unsere Vorbilder. Eine so schöne Weihnachtskrippe wie sie haben wir nie hergebracht, aber «Koto»6 und viele «Lusbuobo-Stückle»7 haben wir erlernt. Vater Ferde tat sich schwer beim Gehen, im Krieg hatte er die Zehen «erfrört». Im oberen Stock wohnten «Neiolars Lorenzle»8 und seine Frau, die schneidige «TirolarMarie». Als «Schindolar»9 werkten sie fleißig und abends feierten sie fröhliche Feste. Immer blitzblank war es um «Rüsto Tones Hus», und gern saßen wir dort «uf om Bänkle». Aber daß die Buben ihre Hennen einmal mit «Schnapsbröckle» gefüttert haben, das haben ihnen «s Marile» und ihre Töchter lange nicht verziehen. Am meisten Umtrieb herrschte in der Bütze bei Zwickles. Der alte Vater saß, vom Schlag gerührt, bei einem Krug Bier auf der Hausbank und wollte die Söhne regieren. Seppl, Albert und Hermann hatten es mit harter Arbeit und mit Vieh- und Heuhandel zu etwas gebracht und beschäftigten nun Knechte und Mägde, zwei Rösser und später sogar ein Auto und einen Traktor. Allen Nachbarkindern gegenüber waren sie allzeit freundlich und duldeten es, daß wir ihr großes Haus mit Schöpfen und Ställen zu unserem Tummelplatz machten. Hermann ließ uns - zu sechst! - auf seiner schnellen BMW «a Ränkle» mitfahren. Nirgends hat man mit Mägden und Knechten - mit Toblars Ferde, Klockars Geobart, Wirthensohns Gotthard und dem alten Waldinger - so viel übermütigen Schabernack getrieben wie bei Zwickles! Nirgends hat man schöner und länger gesungen! Johann, der angesehene Konsumverwalter, hatte Dutzende von Patenkindern. Seppl und seine Frau Rosa waren herzensgute Nachbarn. Als Krauthobler, Wäscher und Chorsänger war Hintereggers Gebhard dorfbekannt. Den Kindern blieben auch seine freundlichen «Gränna»1 in lieber Erinnerung. Marie teilte ihre letzten «Wihnachts-Krömle»2 mit uns Kindern und Fina brachte ein Stück «BiostKuocho»3 von ihrer einzigen Kuh. Tones Sattlerei war immer Treffpunkt für junge Leute. Von Gorbachs Oskar sind mir eigentlich nur der «Kohle», sein schwarzes Roß, und der magere schwarze Schäferhund «Alf» in Erinnerung geblieben. Umso mehr aber seine geschäftige Frau «Oachobeorgars Kathrie», ihre drei Töchter und die süßen Birnen und Äpfel. Still und unauffällig lebten Stülzes Albertie und Franzisk in ihrem Haus, an dem vorbei ein schattiges Wegleinhinabindie untere Bütze den Weg abkürzte. Der originelle «Tscheppo» mit seiner Pfeife war nur selten daheim. Erst später hat er seine Kuh bei einem Zuber voll Wasser an den Heustock gebunden, wenn er ahnte, daß es heute wieder einmal «spät» werden könnte. «Toblars Hus» an der scharfen Kurve hatte die Nr. 107. Jetzt führten die Nummern hinab in die untere Bütze. Marte, Musikant und Feuerwehrmann, mußte mit seiner Frau in den schweren Dreißigerjahren eine große Familie aufziehen und behielt doch immer seinen guten Humor. Von den sechs schneidigen Buben starben Ferde und Otto im Krieg. Paul war ein technisches Genie und brachte jedes Motorrad-Wrack wieder zum Fahren. Während wir mühsam «Trestorkäsle»4 stampften, hatte er schon eine «Lorkäs»5-Maschine gebaut. Reges Leben herrschte immer bei «Schrinars» hübschen Töchtern. Früher schon bei Anna und Emma. Emma war in ihrem weißen Spitzenkleid 1909 auf einem Schimmel in der Kaiserparade in Bregenz vorausgeritten. Nun fanden Musikanten und Sänger bei der jungen Generation ein gastfreundliches Haus. «Fränzle» gehörte mit Toblars Ferde und Otto zu den besten Wolfurter Turnern. Auch er ist im Krieg gefallen. In der Unterfeldstraße lebten Mohro Josef und Agath mit ihren beiden Kindern in dem kleinen Haus. Als 17jähriger mußte Walter in den Krieg. Ein Jahr später war er tot. Giselbrechts Fridolina nahm immer wieder Lehrpersonen ins Quartier. Bei ihr durften wir «Löost zum Botschomacho»6 ausleihen. Das Haus hatte außer der Reihe die Nr. 367, weil es erst 1928 gebaut worden war. Im Dorf war im August 1937 Metzger Reiners altes Haus abgebrannt. Nun hatte er ein neues ganz weit hinab in die Felder abseits der Straße gebaut und die alte Nr. 122 aus dem 1 2 3 4 5 Seppo Regi = Sepps Regina Spitz zum Uszüho = Klöppelspitzen ausziehen s Gmoandsblättle = Gemeindeblatt uf a Krömle = Belohnung Schnellar = Stachelbeeren 6 7 8 9 Koto = Pferdekot sammeln Lusbuobo-Stückle = Lausbubenstücklein Neiolars Lorenzle = Eigenname - «Näher» Schindolar = Schindelmacher 2 3 4 Gränna = Grimassen Wihnachts-Krömle = Weihnachtsgebäck Biost-Kuocho = Siehe Heimat 11, S. 9/9 Trestorkäsle = Heizmaterial aus Obstabfällen 5 Lorkäs = das Gleiche. Lor ist eigentlich Gerberlohe, die man nach dem Auslaugen ebenfalls zum Verheizen preßte. 6 Löost zum Botschomacho = Leisten für Hausschuhe 18 19 Dorf mitgenommen. Wir schätzten den freundlichen Hausmetzger nicht nur als Meister seines Fachs, sondern auch als strammen Jäger und tüchtigen Pomologen. Das Haus 110 gehörte dem alten Gabelmacher. Er war schon über 90 Jahre, als er unsere ersten Schistöcke machte. «S Uhrowible»' war seine technisch begabte Schwiegertochter Maria im oberen Stock. Mit ihrem großen Plattenkasten unter dem schwarzen Tuch machte sie die schönen Fotos aus unserer Jugendzeit. Gegenüber wurde in dem neuen Haus 339 - im untersten an der Straße nach Lauterach eifrig gestickt. Guldenschuhs Seppl und Manfred waren dort daheim. Jetzt ging es wieder dem Dorf zu. In dem schönen Park bestaunten wir die Villa mit dem Glockentürmchen. Über Veres von Haus Nr. 333 will ich weiter hinten mehr erzählen (S. 22). Thalers Josef, Nr. 111, hatte weit und breit die besten «Krioso». Auch in diesem Haus ist der einzige Sohn Erwin im Krieg gefallen. Bei «Orglars» erreichte man wieder die obere Bütze. Ein schmaler Weg mit Fahrverbot für Autos führte von hier an dem in Mauern gefaßten «Toblars Grabo»2 entlang zur Schule hinaus. Rohners Albert war Schlosser. Er bastelte herrliche Oldtimer-Autos zusammen. Am Sonntag spielte er die Orgel in der Kirche. Mit ihrem Modegeschäft sollen die Schwestern Sophie, Adelheid und Klara einst die am besten gekleideten Jungfrauen gewesen sein. Wir kannten sie nur mehr als schrullig gewordene ältere Damen. Joseph, den jüngsten von Orglars, nannte man den «Musar»3. Er mußte den Bützemädchen und den Buben manchen Streich verzeihen. Wenn wir am Bach spielten, trafen wir beim Haus 113 manchmal den alten Sticker Ferdinand Köb und seine stille Frau mit dem seltsamen Außerferner Dialekt. Wir wußten nicht, daß sie Laura und Emilie, zwei als Chorsängerinnen sehr beliebte Töchter, ganz jung verloren hatten. Nun blieb ihnen nur mehr Tochter Ferdinanda, die damals auf der Post die Telefonstöpsel steckte. Über dem Bach drüben baute 1937 der Schulleiter Mohr ein neues Haus. Weil im Dorf droben ein Haus aufgelassen worden war, erbte er von dort die niedrige Nr. 120. Vor dem Schulleiter hatten alle Buben einen heiligen Respekt, aber im Unterricht haben wir ihn als Lehrer sehr geschätzt. In der KellhofStraße beendigen wir den Rundgang bei «Mohro Stase». Die alte Frau war immer noch voll Temperament. Weil wir bei ihr oft den letzten Honig aus den frischgeschleuderten Bienenwaben kauen durften, haben wir sie in besonders süßer Erinnerung. Die neue Zeit Am Ende des letzten Krieges rissen am 2. Mai 1945 französische Panzer mit ihren Ketten die Kurven in der Bütze tief auf. Marokkaner nächtigten in den Heustadeln und Mulis weideten die Felder ab. Allmählich kehrten die Männer aus der Gefangenschaft zurück. Eine neue Zeit begann. Ab 1949 wurden da und dort Einfamilienhäuser gebaut. 1954 gruben «Baraber»1 tiefe Gräben und verlegten Kanal und Wasserleitung, und 1956 wurden Bützestraße und Lauteracherstraße asphaltiert. So hießen sie jetzt, denn man hatte 1954 die alten Hausnummern abgenommen. Noch zehn Jahre freuten sich die Bützeleute an ihrer neuen Straße. Das änderte sich schlagartig, als 1964 auch die bisher mit Fahrverbot belegte Unterlindenstraße ausgebaut und der Durchzugsverkehr in den Bregenzerwald auf die Bützestraße verlegt wurde. Große Siedlungen in den Feldern waren entstanden, und 1967 wurden an dem einst so beschaulichen kleinen «Bregenzer Weg» die neue Volksschule Bütze und ein moderner Kindergarten eröffnet. In der Lerchenstraße wuchsen Wohnblocks in den Himmel, überbreite Straßen wurden asphaltiert, viele alte Fußweglein verschwanden. Am meisten veränderte sich das Bützezentrum. 1981 errichtete die Raiffeisenbank hier ihr mächtiges Gebäude. Fast gleichzeitig entstand das Unterlinden-Geschäftszentrum mit Sparmarkt, Apotheke und BTV. Der Schwanenmarkt und die Bregenzer Sparkasse vervollständigten den Kreis der Geschäfte. Längst hatte der Gemeindearzt Dr. Schneider seine Ordination von der Hub an den verrohrten Töbelebach verlegt. An der Lauteracherstraße wurde 1979 das schöne Altersheim eröffnet, und auch Dr. Vorhofer ließ sich dort nieder. Verschwunden sind die alten Golgg-Brunnen2 und der Bach. Die meisten Stalltüren sind geschlossen. Kein Viehtrieb wagt sich mehr auf die von Autoschlangen beherrschten Straßen. Kinder müssen mit kleinen Rutschbahnen in Rasengärten vorlieb nehmen, Buben weite Wege zu den Sportplätzen machen. Die vielen neuen Bützeleute fahren mit dem Auto zur Arbeit und zum Einkauf, und am Abend ziehen sie sich an den Fernseher zurück. Viele sind einsam, bleiben einsam. Aber es gibt natürlich auch Ansätze, die Hoffnung machen. In «Toblars Gartohüsle»3 sitzen zum Beispiel an den Sommerabenden Nachbarn beisammen und erzählen von den alten Bützezeiten. Und «bi Flatzo Isidoro duß»4 haben Theo Pompl und sein Team sogar wieder Wasser in den Töbelebach gezaubert. Der Bach hat die Bütze einst geschaffen. Daß dort wieder Wasser fließt, gibt Hoffnung auf ihren Fortbestand. 1 2 3 s Uhrowible = Uhrenweiblein Toblars Grabo = Tobelbach Musar = Mäusefänger 1 2 Baraber = Bau-Hilfsarbeiter Golgg-Brunnen = Pumpbrunnen 3 4 Gartohüsle = Gartenhäuslein bi Flatzo Isidoro duß = bei Flatz Isidor draußen 20 21 Siegfried Heim Veres Stickerei Bis zum Jahre 1840 hatten viele Wolfurter Familien mit den Handwebstühlen in ihren feuchten Webkellern einen Teil ihres Lebensunterhaltes verdient. Als die Konkurrenz durch die neuen Fabriken die Weber brotlos machte, mußten um die Mitte des 19. Jahrhunderts etwa 200 junge Wolfurter nach Amerika auswandern. Andere fanden in der Kennelbacher Fabrik Arbeit für kargen Lohn. Auch die vielen Nachtstunden am Stickrahmen trugen ein paar Kreuzer ein, allerdings auch entzündete Augen vom dürftigen Licht der Kunkel1. Ab 1865 wurde in Vorarlberg die einnadelige Kettenstichmaschine eingeführt. Bald schnurrte die «Pariser Maschine», wie sie bei uns genannt wurde, in den meisten Häusern, weil man damit bis zu 30 Schweizerfranken im Monat (!) verdienen konnte. In der Schweiz liefen um diese Zeit aber bereits Handstickmaschinen. Von der rechten Hand des Stickers getrieben, stickten einige Hundert auf beiden Seiten zugespitzte Nadeln ihre Muster auf den feinen Stoff. Zwar kostete eine solche Maschine etwa 3.000 Franken, aber sie trug hohen Gewinn ein. Im Jahre 1869 kamen die ersten Handstickmaschinen über den Rhein nach Lustenau und im gleichen Jahr eine auch schon - von allen Leuten bewundert und bestaunt - zu Gebhard Fischer, Seppos, auf die Steig nach Wolfurt. Die Stickerei wurde für die Wolfurter immer wichtiger, besonders seit Joh. Walter Zuppinger 1892 im Schlatt die erste Schiffle-Stickmaschine Vorarlbergs aufgestellt hatte. Eine solche «Schnelläufer»-Maschine kostete etwa 10.000 Franken, leistete aber das Siebenfache einer Handstickmaschine. Mit dem «Pantograph»2 tastete der Sticker das Muster ab und übertrug es in die Maschine. Eine Spulerin, oft ein junges Mädchen, füllte die Schiffchen mit dem Stickfaden und fädelte ein. Die «Noh-Luogare»3 überwachte die Schiffchen und den Lauf der vielen Nadeln. Das Beispiel Zuppingers fand Nachahmer. In Rickenbach waren es vor allem der Kreuzwirt Haltmeyer und Fischers auf der Steig und in Spetenlehen. Im Dorf stellten Lehrers auf dem Bühel, Bildsteins im Röhle und Veres in der Bütze ab 1898 ihre ersten Schiffle-Stickmaschinen auf. Als Antrieb dienten bei Zuppinger die Turbinen seiner Mühle mit einem System von Lederriemen-Transmissionen. Die anderen mußten sich mit teuren Benzinmotoren begnügen, bis Albert Loacker 1900 und 1901 den elektrischen Strom aus seinem Werk Schwarzach nach Wolfurt leitete. Zwar besaßen die meisten Textilfabriken Vorarlbergs damals schon einige Jahre lang ihre eigenen privaten Elektrizitätswerke. Aber Schwarzach und Wolfurt waren durch die Überzeugungskraft ihrer Politiker Johann Kohler und Wendelin Rädler die ersten Gemeinden, die flächendeckend die ganze Bevölkerung mit Licht- und Kraftstrom versorgten. Das nützten vor allem die Wolfurter Sticker aus. Überall wurden Sticklokale in die Häuser eingebaut oder als kleine Fabriken errichtet. Im Jahre 1908 liefen 115 Maschinen von 6 3/4 bis 10 Yard Länge in der Gemeinde. Weil die Arbeitskräfte nicht ausreichten, ließen sich 450 Fremde («Gastarbeiter») hier nieder. Die Einwohnerzahl schnellte auf 2.200 hinauf.1 Über das Stickereifieber hat Chronist Engelbert Köb erzählt.2 An dieser Entwicklung hatten Veres in der Bütze ganz besonderen Anteil. Hier will ich daher zuerst die Familie vorstellen: Veres sind in Wolfurt die älteste Schertler-Linie, älter als Altvorstehers, die Röhle- und die Flotzbach-Schertler3 und viel älter als die Kassiänler-Schertler. Als Sohn des Johann Schertler und der Ursula Greußing in Lauterach heiratete Johann Schertler schon am 25. Mai 1687 nach Wolfurt. Seine Frau Katharina Barth aus Württemberg schenkte ihm 9 Kinder. Anton Johann Schertler heiratete 1729 Agatha Greußing aus Bregenz. Wo sie im Kirchdorf wohnten, ist nicht festzustellen. Aber das zweite von ihren 8 Kindern, Michael Schertler, 1731-1800, läßt sich im Seelenbeschrieb von 1760 bereits als Schreiner an der Feldgasse nachweisen. Sein Haus stand an dem Platz (Kreuzstraße 4), wo heute der Schreiner Josef Bernhard wohnt. Michael war dort zweimal verheiratet und hatte 15 Kinder. Aus seiner zweiten Ehe mit Xaveria Schelling von Bildstein-Gitzen stammt Xaver Schertler, 1771-1833. Ab jetzt hatte die Sippe zwei Hausnamen: vom Vater Michael her hieß sie «Schrinars», nach dem Sohn wurde sie «Veres» genannt. Auch Vere war ein Schreiner.4 Er heiratete im Jahre 1800 Catharina Bildstein aus Hanso Hus. Ihre Schwester Ursula wurde auf der Steig die Mutter von Sepp Fischer und damit die StammMutter der tüchtigen «Seppar»5. Catharina und Vere begründeten in der Bütze ein nicht weniger tüchtiges Geschlecht. Um das Jahr 1805 erbauten sie dort an der Straße nach Lauterach ihr neues Haus, das im Familienbesitz verblieb, bis es «Schrinars» Armin im Jahre 1971 abbrach (Lauteracherstraße 6). 7 Kinder hatte man bei Veres. Davon wurde Franziska, 1803-1853, verheiratet im Nachbarhaus mit dem Wagner Martin Dür, eine Ahnin der Schwerzler aus dem Tobel, die heute dort wohnen. 1 2 1 Kunkel = Kerzenlicht, durch ein Kugelglas gesammelt Pantograph = Zeichengerät zum Vergrößern und Verkleinern Noh-Luogare = Nachschauerin 2 3 Viele Angaben sind dem Buch von Hans Nägele «Textilland Vorarlberg», 1949, entnommen. Heimat 5, Seiten 34 und 35 Heimatll,S. 37 und 8, S. 13 4 5 Siehe die Rechnung in Heimat 9, S. 39 Siehe Heimat 11, S. 22 22 23 Der Sohn Josef Anton Schertler, 1806-1878, war wie seine Vorfahren Schreiner. Er holte aus dem Dorf Katharina Vonach, eine Tochter des reichen Vorstehers Andreas Vonach, als Frau in die Bütze. Weil bei ihren 9 Kindern alle die schönen Namen der Familie wiederkehren, schreibe ich sie auf: 1. Franziska 2. Rosina 3. Waldburga 4. Gebhard 5. Xaver 6. Anna Maria 7. Bernhard 8. Andreas 9. Angelika Drei davon machten später Wolfurter Stickereigeschichte: Waldburga, Xaver und Bernhard. Gebhard ist als 25jähriger schon 1866 nach Amerika ausgewandert. Waldburga, 1839-1916, heiratete im Strohdorf den Zimmermann Josef Anton Gmeiner, «Disjockeles». Ihre Kinder waren der Sticker Martin Gmeiner, 1875, «Knore» (Vater von Knores Ziskele), der Sticker Albert Gmeiner, 1878 (Vater von Filomena Fischer) und Franziska, 1877, verheiratet mit dem Sticker Johann Fischer (Eltern von Ratzers Cilla). Xaver Schertler, 1843-1915, - noch einmal ein «Vere» -, kaufte 1873 das alte Haus Kellhofstraße 2 (Höfles, abgebrochen 1980) und hatte dort mit seiner Frau Katharina Böhler neun Kinder, von den sechs groß wurden: Bernhard, 1874, Sticker und Maschinen Vertreter in der Villa (Vater von Villa-Armin und Geschwistern) Maria, 1879, verheiratet mit dem Sticker Anton Fischer im Röhle (Mutter von Sammars Hubert und Geschwistern) Katharina, 1882, verheiratet mit dem Metzger Reiner im Dorf (Mutter von Heidi Rist im Lamm, Neide Böhler, Klara und Liebhilde) Josef, 1886, «Veres Seppl» Anna, 1889, «Schwarz-Anna», verheiratet mit Dür Seppl Xaver, 1893, gefallen 1916 in Rußland Bernhard Schertler, 1848-1923, war im Elternhaus in der Bütze mit Katharina Rohner verheiratet. Von ihren fünf Kindern lebten dort die Töchter Emma, 1889, (Mutter von Schrinars Irma und Hedwig) und Anna, 1894, verheiratet mit Franz Reiner, Schäflewirts aus Lauterach (sieben Kinder: Angelika, Franz, Elsa, Hilda, Luzia, Herlinde und Armin). Um das Jahr 1900 taten sich also die drei Geschwister Waldburga, Vere und Bernhard zu einer Stickereigemeinschaft zusammen. Unterhalb von Schrinars Hus errichteten sie an der Unterfeldstraße eine Halle und stellten darin fünf große Schifflemaschinen auf. Die meisten von ihren vielen Kindern fanden hier Arbeit, die großen Buben als Sticker, die Mädchen als Nachschauerinnen und Schifflefüllerinnen. Täglich rasselten die Maschinen 16 Stunden lang, mit dem neuen elektrischen Licht oft bis Mitternacht. Wohlstand breitete sich aus und wurde in den Spitzenkleidern und seidenen Sonnenschirmen der Mädchen am Sonntag sichtbar. Die Männer ließen sich mit modernen Velozipeds1 aus der Schweiz fotografieren. 1 Velozipeds = Fahrräder, die die alten unbequemen Hochräder ablösten Bernhard Schertler, Veres. 1874-1924. Sticker, Maschinenvertreter, Erbauer der Villa. (Nicht verwechseln mit seinem Onkel Bernhard Schertler, Schrinars, 18481923!) 24 25 Die untere Bütze im Jahre 1910. Links die obere Stickerei und Schrinars Hus, rechts die untere Stickerei und Thalers Hus. Veres Bernhard übernahm zudem die Generalvertretung der Vogtländischen Maschinenfabrik in Plauen und lieferte in dem sich ausbreitenden Stickereifieber zahlreiche «Plauener» Stickmaschinen im ganzen Unterland aus. Darunter waren auch schon »Automaten», bei denen der Sticker und sein Pantograph durch Lochkarten, in die der «Puntschar» 1 das Muster gestanzt hatte, ersetzt wurden. Schnell wurde Bernhard sagenhaft reich. Schon 1905 baute er für sich ganz allein eine zweite Stickereihalle mit ebenfalls fünf Maschinen. Man nannte diese Halle im Gegensatz zur ersten «die untere Spinne». 1907 errichtete er daneben mit der «Villa» ein Landhaus «im altdeutschen Stil», das alle anderen Häuser jener Zeit an Schönheit und Luxus weit übertraf. Nur in der im gleichen Jahr errichteten Villa Zuppinger gab es ein ebenbürtiges Gegenstück. Aufwendige Veranden, ein hoher Glockenturm und der «englische» Park machten schon von außen großen Eindruck. Im Innern sorgten großartige Stuckdecken, kostbare Möbel und zwei beheizte Badezimmer für ganz außergewöhnlichen Komfort. 2 VillaSchertler,1907, noch ohne Parkanlage. Dahinter die «untere Spinne». Vom lustigen, oft übermütigen Leben der Sticker erzählt man sich vielerlei Geschichten. Eine bezeichnende ist die folgende: Im neuen oberen Friedhof wurden 1911 die Arkaden als Familiengrabstätten versteigert. Die allerteuerste erste erwarb Veres Bernhard mit dem lachenden Hinweis: «Wenn einst die Posaunen zur Auferstehung blasen, will ich auf dem Weg zum Römerstüble' im Schwanen der erste sein!» Die ungesunde Arbeit in den Stickereilokalen forderte auch ihre Opfer. Besonders auf die Kinder, die bloßfüßig in den zugigen Räumen arbeiten mußten, lauerte «s Uszehro» 2 . Als Bernhard Schertler 1924, genau 50 Jahre alt, plötzlich starb, hatte die Stickerei ihren Höhenflug längst beendet. Die Maschinen wurden verschrottet. Die jungen Sticker wanderten nach Amerika aus oder suchten andere Arbeit. 1925 begannen, zuerst in der oberen, ein Jahr später in der unteren «Spinne», Fideles Ernst und Ludwig mit der Erzeugung von «Pappodeckol-Röhrle» 3 für die Spinnerei-Fabriken und mit den ersten Schachteln. 1927 bauten sie selbst eine Halle an der Unterlindenstraße und entwickelten 1 2 ' Puntschar = Vom englischen «punch» = stanzen, lochen 2 In den meisten Wolfurter Häusern baute man erst nach 1955 Badezimmer ein. 26 Das Hinterzimmer im Schwanen hatten die Sticker mit kostbaren geschnitzten Möbeln und farbigen Fenstern als «Römerstüble» eingerichtet. s Uszehro = Tuberkulose 3 Pappodeckol-RöhrIe = Kartonhülsen 27 Siegfried Heim Als Kommunistin in der Schweiz Das abenteuerliche Leben eines Mädchens aus der Bütze Musikanten bei Schrinars, 1938. Die Schwestern Emma Schertler und Anna Reiner, dazwischen Königs Albert und Franz Reiner. Dahinter Toblars Otto, Irma und Johann Schönenberger. daraus die Firma Kartonagen-Gmeiner. In die leeren Sticklokale zog ein Jahr lang die Electricus-Volta ein, deren Betrieb in Bregenz ausgebrannt war. Dann wurde in der oberen Spinne eine Nudelfabrik Hermann Gunz eingerichtet und nach deren schnellem Ende wohnten sogar Leute darin: Frickeneschers Tante Gottfrieda mit ihrem Mann Alois, der hier Stiele und Besen erzeugte. In der unteren Spinne vernickelte eine Zeit lang ein Schwabe allerlei Metallteile. Baufällig geworden mußten in den 30er-Jahren schließlich beide Sticklokale abgebrochen werden. Von der oberen Spinne kann man noch heute die Grundmauern am Eingang zur Unterfeldstraße sehen. Ein paar Blumen finden darin Schutz. Am Platz der unteren Spinne hat Villa-Armin nach dem Krieg die Mosterei Schertler gebaut und seither darin den «Wolfurtar Subirar»1 gebrannt. Armin Schertler, Jahrgang 1912, ist der letzte männliche Namensträger aus «Schrinar Veres» Geschlecht, das seit 1687, also seit mehr als 300 Jahren, Wolfurt und vor allem die Bütze mitgestaltet hat. 1 Wolfurtar Subirar = ein Edel-Obstbranntwein 1901, 11. Jänner, 1/2 9 Uhr spät half die Hebamme Johanna Gmeiner im Strohdorf 154 einem kleinen Mädchen zur Welt. Am anderen Tag wurde es in der Pfarrkirche von Pfarrer J. G. Sieber auf den Namen Filomena getauft. Da sah wohl noch niemand die dunklen Wolken über seinem künftigen Weg. Die Wolfurter Schelling stammten aus Bildstein. Schon im 17. Jahrhundert waren sie ins Frickenesch herab und um 1800 bis ins Tal gestiegen, wo ihre Familien an verschiedenen Orten an der Hub und im Dorf wohnten. Franz Schelling erwarb zur Hochzeit 1876 die eine Hälfte eines alten Doppelhauses (Kaufmanns im Strohdorf, abgebrannt 1935 am Platz Kirchstraße 9), wo er mit seiner aus Bildstein stammenden Frau Filomena Gunz fünf Kinder großzog. Bernhard, 1876, wurde später der Sennereimann in der Bütze. Johannes, 1877, ist 1915 bei Przemysl gefallen. Agatha, 1879, heiratete Florian Klocker («Strickars») und wurde Mutter von fünf Kindern. Gebhard, 1882, lebte mit seiner Frau Josefina Vill in verschiedenen Mietwohnungen, bis sie 1925 «Schellings Hus» im Strohdorf (Kirchstraße 7) erwerben konnten. Von den drei Söhnen blieb dort Walter, Jg. 1910, als letzter von den Wolfurter Schelling. Die Brüder Franz, 1908, und Albert, 1918, waren beide Leiirer geworden. Sie hatten ihre Familien in Bregenz und Hörbranz. Von Albert Schelling (- Er ist an allem Zeitgeschehen sehr interessiert. Sein Sohn ist Stadtrat in Bregenz. - ) habe ich folgende Geschichte erfahren. Er hat mir auch die Unterlagen aus der Zeitung «Schweizer Beobachter» aus dem Jahre 1970 zugeleitet. Sein Vater hatte noch eine weitere Schwester gehabt, von der man wenig sprach: Maria Anna, geboren 1878. Als Mädchen ging sie mit den anderen Strohdörfler Mädchen in die nahe neue Schule. Dann mußte sie Geld verdienen wie die andern, in der Fabrik, in der Stickerei, als Magd. Und dann ist sie «gefallen». Mit 22 Jahren erwartete sie ein Kind. Das war in jener bigottischen Zeit um 1900 für ein lediges Mädchen ein schreckliches Unglück. Mit Fingern zeigte man auf «solche», tuschelte im Kreis der Nachbarinnen, gab sie dem 28 29 Gespött der Männer und der Jugend preis. Maria Anna fand wenigstens bei der Mutter und den Brüdern einen schützenden Winkel, wo sie im Winter 1901 ihr Kind in die Wiege legen konnte. Aber ihr Herz war zerbrochen. Vier Wochen nach der Geburt der kleinen Filomena trug man die junge Mutter auf den Friedhof. Ein paar Jahre später übersiedelte die Familie in die Bütze. Mit dem Stickereiverdienst der beiden großen Buben Bernhard und Hannes hatte Vater Franz das schöne Bildsteinhaus mit der Nr. 100 in der Bütze (Bützestraße 15) kaufen können. Erstarb schon 1912. Zwei Kinder hatten aus dem Haus geheiratet, Hannes blieb im Krieg. Nun war die kleine Filomena mit der Großmutter und dem ledigen Onkel Bernhard allein. Seit die Stickerei nichts mehr einbrachte, war die Familie arm geworden. Das große Gut beim Haus trug viele Obstbäume. Man konnte eine Kuh und zwei Geißen halten, und Bernhard suchte als Taglöhner Verdienst. Erst 1926 hat er seine Anna geheiratet und noch später die Sennereiarbeit übernommen. Da war aber Filomena längst nicht mehr im Haus. Hatte sie denn nicht auch einen Vater? In den Papieren scheint jedenfalls keiner auf. Er muß aber wohl ein Staatsdiener gewesen sein. Zur Zeit ihrer Heirat 1923 findet er sich plötzlich als Polizeihauptmann in Marienbad und versucht, die Heirat zu verhindern. Seinem Einfluß gelang es, den ungeliebten «Schwiegersohn» von der Polizei einsperren zu lassen, aber Filomena hielt zu ihrem Mann und holte ihn gegen «Vaters» Willen aus dem Gefängnis. Aber so weit sind wir noch nicht. Filomena, das «Ledigkind», wuchs einsam in der Bütze auf. Gleichaltrige Spielgefährtinnen waren Bergers und Zwickles Mädchen, doch Filomena mußte in der Notzeit des Weltkrieges und danach hart arbeiten. Als Bedienung fand sie eine Anstellung in der Schweiz. Im größten St. Galler Cafe wurde sie sogar Kassiererin. Dort trat ihr das Schicksal in Gestalt eines jungen Mannes entgegen. Sie fanden sich schnell, denn auch er hatte bereits ein ungewöhnlich hartes Schicksal hinter sich. Otto Brunner, später als Spanienmajor und oberster Kommunist von Zürich einer der umstrittensten Schweizer, war 1896 in Rieden im Kanton St. Gallen geboren worden. Sein Vater war Sozialdemokrat, wechselte immer wieder seine Arbeitsstellen und wanderte schließlich 1913 mit der Familie nach Brasilien aus. Als Farmer fristeten sie ein kümmerliches Dasein. Der 19jährige Otto wurde zum Wilddieb und mußte fliehen. Er heuerte als Seemann auf einem Frachter an, wurde aber bald in New York zum Dienst in der U.S. Navy gepreßt, obwohl er als Schweizer Ausländer war. Als in Rußland nach der Revolution von 1917 ein Bürgerkrieg ausgebrochen war, intervenierten die Amerikaner gegen die Bolschewiken. Brunners Schiff brachte «Exilrussen» zum Einsatz nach Murmansk. Als diese meuterten, wurde dort am Hafen jeder zehnte erschossen. Dieses schreckliche Erlebnis brachte Brunner auf die Seite der roten Fahne. Er kehrte in seine Heimat St. Gallen zurück und schlug sich mit Gelegenheitsarbeiten durch die kritische Zeit. Im Cafe lernte er die Kassiererin «Milly» kennen. Filomena hatte mit ihrer harten Jugend auch den alten Namen in der Bütze gelassen und nannte sich jetzt «Milly». Schnell waren sich die zwei einig und beschlossen, nach Brasilien auszuwandern. In Wolfurt ging nur die knappe Mitteilung ein: Filomena Schelling verehelicht am 24. Okt. 30 Milly und Otto Brunner als Farmer in Südamerika. 1923 mit Otto Brunner von Rieden im Kanton St. Gallen. Nach Überwindung des Hamburger Gefängnisses fuhren die zwei Flitterwöchner auf einem alten Frachtschiff nach Rio de Janeiro und siedelten sich in einer Kolonie weit oben am Rio Paranä an. Stolz ließ sich Milly auf dem Reitpferd mit ihrem Mann vor dem primitiv


Heimat Wolfurt Heft 13 1993 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 13 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 1993 Hofsteig Inhalt: 55. 56. 57. 58. 59. Ein Hof Steiger Siegel Hofsteig Ammänner Der Gemeine Mann Die Schneider 60. 61. 62. 63. 64. Mutter in Nöten, Auswanderer Dorfschmiede Stammvater Fischer Fußball und Liebe Kügolo Zuschriften und Ergänzungen Hofsteig Das vorliegenden Heft ist mit Beiträgen von Siegfried Heim vor allem der Erforschung des Gerichtes Hofsteig gewidmet. Bildnachweis Siegelzeichnungen aus dem Landesarchiv und aus «Lauterach 1953» S. 8 von Risch Lau S. 37 von Paula Klien S. 44 von Wilfred Schneider Alle anderen sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim. Druckfehler-Berichtigung Heft 12, Seite 39: Die neue Straße in den Bregenzerwald wurde 1838 eröffnet, nicht 1833. Wieder haben sich eine ganze Reihe von Wolfurtern aus nah und fern mit Anfragen und Bestellungen unserem Kreis angeschlossen. Aus Hohenems schrieb Engelbert Köb, Bahwächtars, Jahrgang 1916. Wie Großvater und Vater war er ein Leben lang Eisenbahner «mit Leib und Seele.» In seiner harten Kindheit wohnte er mit Eltern und sechs Geschwistern in verschiedenen Rickenbacher Mietwohnungen, zuletzt im «Bahwächtarhüsle Nr. 20» im Kessel. Von dort aus ging er zu Sr. Sebastina und Schulleiter Klocker in die Volksschule, bis er 1924 mit seiner Familie nach Dornbirn übersiedelte. Seine beiden Brüder sind im Krieg gefallen, Alwin (1913) schon 1942 bei Murmansk, Willibald (1910) 1944 bei Nettuno in Italien. Von Engelberts erwachsenen Kindern hat sich der Lehrer Martin Köb mit Ingrid Braitsch von der Bucherstraße eine Wolfurterin zur Frau genommen. Herzliche Grüße! Aus Bregenz grüßt uns Hildegard Böhler, 1922, die Zweitälteste von den «Sibo Moatla» von Sternenwirts August (Böhler) und Seppos Gebhardie (Fischer). Sie kamen alle sieben im Seppar-Hus auf der Steig zur Welt und übersiedelten später ins Vorkloster. Weil noch kaum Autos fuhren, war die Straße der Spielplatz. Beim «Fängarles» lief die 5jährige Hildegard gegen Paul Schwarz's nobles Auto. Zufällig kam gerade der Kennelbacher Doktor, auch mit einem neuen Auto, daher und verarztete die Kleine. Es gab einen Riesenauflauf - wegen der Autos! Nie vorher hatte man auf der Steig zwei Autos gleichzeitig parken gesehen. Viele aufmerksame Leser fand das «Bütze»-Heft (Heimat 12). Mehrmals bedankte sich Veres Armin aus der Villa. Natürlich kannte er die letzten Bewohner der unteren Spinne (S. 28) noch gut. Der Vernickler hieß Hummel und kam aus Reutlingen. In seiner Werkstatt montierte er auch Bügeleisen und Schnellkochtöpfe zusammen. Nach ihm zog der Frächter Siegmund Greußing, ein Bruder des Schoppernauer Hirschenwirts, mit seiner schneidigen Frau und vielen Kindern in die baufällige Bude ein. Armin erinnert sich noch gut an den großen Mercedes-Lastwagen des Frächters von 1928, fast noch besser aber an seine hübschen Töchter Mika, Johanna, Martina und Frieda. Einen ganz besonderen Klang hat «Heimat Wolfurt» für die Auswanderer in ferne Länder. Zuerst kamen heuer die Schneider aus Kanada und wurden gastlich aufgenommen. Mr. Wilfred schrieb nachher: «Not a day goes by that I don 't think of the wonderful holiday we had in Wolfurt. I only wish that Wolfurt was not so far away.» 1 Danke! Auf Konto Raiba 87957 sind wieder eine Reihe von Beiträgen eingegangen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Ganz überraschend tauchte dann auch ein Nachkomme jenes Josef Mohr auf, der um 1870 aus der Bütze nach Amerika ging und es dort zu Wohlstand brachte. Mr. Buchner durchstreifte auf eigene Faust unser Dorf, landete, aber schließlich doch bei Raimund Mohr,einemVetter. Jetzt werden Briefe und Bilder ausgetauscht. Und mit besonderer Freude durften wir Anfang September Barcattas Marianne begrüßen, die seit 1958 in Buenos Aires lebt. Sie hielt brieflichen Kontakt mit Bechters Tone und seiner Frau Rosmarie. Als wir über sie (in Heimat 10, S.3) berichteten, schrieben ihr noch mehr Schulkollegen und Nachbarinnen. Das hat den Anstoß gegeben, daß Marianne mit ihrem Mann den Flug wagte, um noch einmal den Bildsteiner Berg zu sehen. Bechters nahmen sie freundlich auf. Im Landesmuseum hat Mag. Pichler eine große Ausstellung über die Schicksale der Vorarlberger Auswanderer gezeigt. Im Herbst wird darüber ein Buch erscheinen. Unter etwa 5000 Namen sind 400 aus Wolfurt, die zwischen 1850 und 1930 ihr Glück in der Fremde suchten. Siegfried Heim Ein Hofsteiger Siegel entdeckt Bei Umbauarbeiten in seinem Haus Bregenzerstraße 8 machte der Besitzer Erich Geiger vor einigen Jahren einen seltsamen Fund. In einem Zwischenboden versteckt lagen zwei Stichwaffen und ein Stempel. Die Waffen sind ein kurzes dreikantiges Bajonett, aus Eisen grob geschmiedet, und ein einfacher gebogener Säbel mit schlichtem Holzgriff, dazu eine stark abgenutzte Lederscheide. Der Stempel ist ein sogenanntes Petschaft, mit dem Amtspersonen einst in Wachs oder Siegellack die Siegel zur Beurkundung wichtiger Dokumente fertigten. Am eisernen Schaft fehlt der Holzgriff. Auch die in feinster Arbeit geschmiedete Platte mit 38mm Durchmesser weist am Rand einen Schaden auf. Das Wappenbild selbst ist aber ausgezeichnet erhalten. Es zeigt einen Doppeladler, den mächtigen Adler des römisch-deutschen Reiches, in der Form, wie ihn die letzten deutschen Kaiser bis 1806 verwendeten. Es handelt sich also um ein kaiserliches Siegel. Die beiden durch Kreise geschmückten Köpfe tragen gemeinsam eine Krone. Der linke Fang hält den Reichsapfel, der rechte Reichsschwert und Zepter. Zwischen den mächtigen Schwingen ist der Rumpf aber durch einen Schild mit dem Wolfurter Wappen, dem rechts steigenden gekrönten Wolf auf den Streifen der Furt, verdeckt. Gut lesbar ist die Schrift, von der nur drei Buchstaben fehlen. Es sieht so aus, als ob diese mit einer Jahreszahl oberhalb der Krone herausgebrochen worden wären. «(S)IG IUDICII DELEGATI ANTE MONTEM ARLE IN HOFSTE(IG)...» «Siegel des übertragenen Gerichts vor dem Arlberg in Hofsteig». Der Fund und das Bild geben einige Rätsel auf. Wann und warum wurde das HofsteigSiegel hier versteckt? Wieso das Wolfurter Wappen für Hofsteig? Wieso «delegatum» ? Ich versuche, eine Antwort zu finden. Ein bisher unbekanntes Hofsteigsiegel mit dem Wolfurter Wappen auf dem Reichsadler. Um 1790 geschaffen. 2 3 Das Geiger-Haus im Röhle wurde 1802 von Johann Georg Klocker (geboren 1773 im Kirchdorf Wolfurt) erbaut, der hier mit seiner Frau Franziska Reiner die Sippe «Stricker»Klocker begründete. Ganz in der Nähe, im alten Gasthof «Engel» am Kirchplatz, lebte damals der AltLöwenwirt Joseph Fischer (1723-1809), der den «Löwen» in Rickenbach an seinen Sohn Josef jun. übergeben hatte. Ab 1764 bis 1776 und noch einmal 1783 bis 1789 hatte Joseph Fischer als Hofsteig-Ammann die Verantwortung für das Gebiet vom Bodensee bis zu den Steußberg-Gemeinden getragen. Die Dokumente hatte er anfangs, wie alle Ammänner vor ihm, mit einem persönlichen Siegel gefertigt. Im Jahre 1784 waren aber die Befugnisse des Gerichtes im Zuge der Reformen Josef II. beschnitten worden'. Eine arge Bürokratisierung setzte ein. Um diese Zeit dürfte auch erstmals ein Hofsteig-Siegel geschaffen worden sein, das nicht ein persönliches Ammann-Siegel war. Der Reichsadler und das Wort «delegatum» machen es zu einem kaiserlichen Siegel. Die Rechte des uralten Gerichts Hofsteig werden ausdrücklich als vom Kaiser «übertragen» erklärt. Weil es bisher ein gemeinsames Hofsteiger Symbol nicht gegeben hatte, setzte man das Wappen der Ritter von Wolfurt in den Brustschild ein. Sicher kannte der Rickenbacher Ammann Fischer das Wolfs-Wappen, das aber bisher immer nur zum Schloß gehört hatte und von den verschiedenen Geschlechtern von Wolfurt als persönliches Wappen getragen worden war. Zur Gemeinde hatte es wenig Bezug, schon gar nicht zu den anderen Hofsteiggemeinden Lauterach, Hard und auf dem Berg. Dort mußte es als fremd empfunden werden und die Ablehnung gegen die josefinischen Reformen noch verstärken. Es ist bis jetzt auch kein Dokument bekannt, das mit diesem eigenartigen Petschaft gesiegelt worden wäre. Joseph Fischers Nachfolger im Ammannamt wurden 1790 der Wolfurter Schwanenwirt Joh. Georg Reiner, dann 1794 der Rickenbacher Josef Anton Böhler und 1800 bis 1802 noch einmal Joh. Georg Reiner als letzter Wolfurter Ammann. Dieser dürfte das Petschaft in den unruhigen Zeiten der Franzosenkriege vorerst behalten haben. Mehrfach wurde der Schwanen,das erste Wolfurter Gasthaus beim Brunnen am Kirchplatz, mit Einquartierung belegt und auch geplündert. Im Bestreben, das für ihn als Symbol der Ammannwürde des Gerichts Hofsteig so wichtige Petschaft vor dem Zugriff der Häscher zu verbergen, dürfte er es seinem Schwiegersohn Joh. Georg Klocker im Röhle anvertraut haben, der es im Dachboden seines neuen Hauses versteckte. Weil das Gericht 1806 von den Bayern aufgelöst wurde, brauchte man das Siegel nicht mehr. So wurde es vergessen. Aber noch ein anderer Hofsteig-«Schatz» ist im Röhle erhalten geblieben. Ammann Fischers Enkel gaben den «Engel» wieder auf. Einer übernahm den Adler in Rickenbach, ein anderer das neue Haus im Röhle, das sie 1835 gebaut hatten (Bregenzerstraße 9, Der alte Schwanen (links) und der 1860 erbaute neue Schwanen. Im alten Schwanen lebte der letzte Wolfurter Hofsteigammann Joh. Georg Reiner um 1800. Sammars). Aus «des Ammanns» Kinder machten die Wolfurter schon vor 150 Jahren den Hausnamen «Sammars». Seit dort der allgemein beliebte Fahrzeugmechaniker Sammars Hubert, 1909-1987, gestorben ist, lebt nur mehr als einziger Namensträger Fischer sein Bruder Arthur in der Lerchenstraße. Dieser bewahrt aus dem Ammann-Nachlaß ein letztes kostbares Erbstück auf, ein dickes, in Leder gebundenes Buch. Ammann Joseph Fischer hat es sich in seiner ersten Amtsperiode 1766 anfertigen lassen: «Das Weyland des EdlenVesten HansGeorgen von wolfurt hinterlassenen Zehendt Buch, so er mit aigener hand In folio geschrieben und also intitulirt hat... auf das Jahr 1576.» 200 Jahre lang waren nach diesem Buch die Zehentabgaben zwischen Sulzberg, Hard und Möggers im Raum Bregenz eingesammelt worden. Es enthält eine Fülle kulturhistorischer Details, wie alte Maße, Alprechte und anderes. Dieses Buch schrieb der Pfarrer von Scheffau Bartholomäy Finck, AD 1766, für den neuen Ammann ab «von wort zu wort gleich lauthend.» So lange ist es nun schon in «s Ammas» Besitz. In ganz Vorarlberg verstreut leben übrigens noch viele Nachkommen des Ammanns Fischer aus den Linien der «Löwenwirtler» und der «Altadlerwirts». Als Beispiele nenne ich den Generalvikar Dr. Elmar Fischer in Feldkirch, den Stadtrat Rudolf Fischer in Dornbirn und den Frauenarzt Konsul Dr. Ivo Fischer in Bregenz. Auch der bedeutende Feldkircher Historiker Gebhard Fischer, 1852-1935, Gymnasialdirektor, Ehrenbürger und Ritterkreuzträger des Franz-Josefs-Ordens, war ein Löwenwirtler aus Wolfurt. Ammann Reiners Geschlecht ist dagegen im Mannesstamm ausgestorben, denn sein einziger Sohn Columban Reiner, 1676-1838, wurde Priester und war viele Jahre Pfarrer in Lauterach. Die Tochter Franziska aber, verheiratet seit 22. November 1802 mit Joh. Georg Klocker im Röhle, hat dafür gesorgt, daß das Ammann-Blut auch noch heute in Wolfurt in den zahlreichen «Strickar»-Nachkommen weiterlebt. 5 1 Bilgen, Geschichte IV., S. 125ff 4 Siegfried Heim Hofsteig Zwischen der Bregenzerach und der Dornbirnerach faßt man heute sechs Gemeinden als «Hofsteig»-Gemeinden zusammen: zwei in der Ebene: Hard und Lauterach zwei am Talrand: Wolfurt und Schwarzach zwei auf dem Steußberg: Bildstein und Buch. Sie umfassen zusammen eine Fläche von etwa 60 km2, wobei Hard mit 18 und Lauterach mit 12 km2 schon die Hälfte besitzen. Die anderen 30 km2 sind aufgeteilt auf Wolfurt mit 10, Bildstein mit 9, Buch mit 6 und Schwarzach mit 5 km2. 1991 wurden insgesamt 30.178 Hofsteiger gezählt, über 10.000 davon allein in Hard.1 Auch Alberschwende hatte immer eine enge Verbindung mit Hofsteig, besaß aber seit 1451 - zeitweise gemeinsam mit Lingenau - ein Eigengericht und einen eigenen Abgeordneten zu den 24 Vorarlberger Landständen. Der Dornbirner Historiker Kalb versucht 1 nachzuweisen, daß die Hofsteiger Südgrenze im Mittelalter nicht an der Schwarzach, sondern am Stiglinger Sumpf lag2. Demnach gehörten auch Haselstauden und der Haselstauder Berg ins Hofsteiger Einflußgebiet. Als Beweise nennt er die alten Steußberger Familien Sohm, Winder, Gmeiner, Kalb, Köb und Höfle, die auch zu den wichtigsten Geschlechtern in Alberschwende und Haselstauden zählen. Als die Alemannen um 500 nach Chr. Geburt das Unterland besiedelten, suchten sie in dem sumpfigen und von den Hochwässern von Rhein und Ach bedrohten Gebiet feste Plätze an den Bächen aus, die für den Weizenanbau geeignet waren. Jeweils eine Gruppe von Siedlern schloß sich zu einer Markgenossenschaft zusammen. Rechts der Ach waren das Hofrieden bis zur Leiblach, links neben Hofsteig noch Dornbirn-Hatlerdorf und HöchstSt. Margarethen. In Hofsteig gab es geeignete Gründe am Talrand auf den Schuttkegeln der Bäche in Wolfurt, Rickenbach und Schwarzach. Dazu kam der feste Grund an der Lauterach, wo sehr früh die Orte Lauterach im heutigen Unterdorf und Hard im Bereich der Mittel weiherburg entstanden. Ein zusätzlicher Anreiz waren die Römerstraße, die am Hang entlang von der Ach über Oberfeld - Wolfurt - Rickenbach - Schwarzach ins Oberland führte, und die zweite Römerstraße, die von Bregenz über Lerchenau und Mittelweiherburg in die Schweiz nachweisbar ist. Freie Bauern bewirtschafteten hier gemeinsam ihre Mark: die Äcker, die Weiden, die Wälder. «Allen soll alles gemeinsam sein!» schreibt eine Urkunde von 891.3 Aber die Freiheit verpflichtete auch zum Kriegsdienst und war nicht immer erstrebenswert. Viele übergaben daher ihren Anteil und sich selbst dem Grafen oder einem Kloster, in dessen Schutz sie sich besser geborgen wußten. Ein frühes Dokument dazu ist jenes, in dem Gerhart aus «luteraha» seinen Besitz im Jahre 853 dem Kloster St. Gallen vermachte.4 Viel mehr Unfreie zogen aber die gräflichen Höfe an sich. Einer davon war der Kellhof im heutigen Kirchdorf Wolfurt, seit 955 Privatbesitz der Pfullendorfer Grafen, die hier ihre Kapelle St. Nikolaus stifteten, dann Eigentum des Kaisers Barbarossa. Später kam der Kellhof Wolfurt mit seinen bis zu 200 Eigenleuten nacheinander in den Besitz des Klosters Weißenau bei Ravensburg, der Herren zu Werdenberg-Bludenz und ab 1402 der Grafen von Montfort-Bregenz und MontfortTettnang. Von letzteren kauften ihn schließlich 1458 die Grafen von Hohenems. Mit dem Emser Besitz fiel der Kellhof erst 1765 an Österreich, also 300 Jahre später als Hofsteig. Dabei muß aber berücksichtigt werden, daß der Kellhof nie eine geschlossene Einheit war, sondern ein Zusammenschluß von Personen. Ihr Besitz lag schließlich zum großen Teil außerhalb von Wolfurt am Steußberg, in Schwarzach, Kennelbach, Fluh und Langen.5 Genaue Zahlen in Heimat 8, Seite 4 2 3 Franz Kalb, Dornbirn, 1984, Seite 96 Bilgen, Geschichte I, S. 57 Bilgen, Geschichte I, S. 84 Welti, Kellnhof Wolfurt, LMV 1952 Hofsteig auf der Blasius Hueber-Karte von 1783. Man sieht noch die alte Straße von Lauterach nach Rickenbach. Die ganz neuen Landstraßen durch das Ried und nach Hard haben aber den Verkehr an sich gezogen. 4 5 6 7 und Gewichte. Darüber hinaus war er eine soziale Einrichtung. Er besaß ein Armenhaus und sorgte für die Waisenkinder. In der Herberge bot er Gastfreundschaft. Ein umzäunter Platz gab die Möglichkeit zur Rast für Mann und Pferd. Dieser Platz war der Mittelpunkt des Hofes und erhielt später eine große Laube für Versammlungen. Hier wurde Gericht gehalten, doch war die Laube auch der Ort für Tanz und Spiel.6 So fand der Zehent vielfältige und nützliche Verwendung. Ein großer Teil der Vorräte, die der Ammann mit seinen Zinsknechten in den Speichern des Hofes gesammelt hatte, mußte allerdings an den Lehensherrn, den Grafen auf Schloß Bregenz, abgeliefert werden, ein Teil auch an das Kloster Mehrerau. Die Mehrheit im Dorf bildeten aber nicht die Hofsteigbauern. Es gab auch viele Freie. Für sie bestand bis 1338 ein Gericht der Freien zu Schwarzach, wo der Graf selbst Gericht hielt. Um die Jahrtausendwende hatte sich der Hof zu Steig nach Lauterach und Hard ausgedehnt. Nun begann man mit der Rodung des Steußbergs und der Besiedlung des Bregenzerwaldes. «Steußberg» ist der alte Name für Bildstein und bedeutet nach der ältesten Bildsteiner Chronik «Steigs-Berg». Sprachforscher nehmen allerdings den Wortstamm «stoß» als Namensursprung an. Bei der Besiedelung des Bregenzerwaldes ergab sich ein Interessenskonflikt. Die BregenzMontforter Grafen erschlossen von Hofsteig aus zuerst Alberschwende und den Lingenauer Raum für sich, dann auch Andelsbuch, wo sie um 1086 am Grab des seligen Diedo sogar ein Kloster errichteten. Die Pfullendorfer dagegen erwarben von ihrem Kellhof bei St. Nikolaus in Wolfurt aus den Raum Egg-Schwarzenberg. Zwei Saumwege führten über den Steußberg. Der eine war der Weg für die Kaiserlichen über Buggenegg und die Roßgaß nach Alberschwende und weiter über die Lorena zu den Reichspfarren Egg und Schwarzenberg. Der andere für die montfortischen Hofsteiger führte über Linzenberg und Farnach nach Alberschwende und Lingenau. Als ab 1075 der Streit zwischen Kaiser und Papst das Land verwüstete und die Kaiserlichen die papsttreue Stadt Bregenz verbrannten, gab es auch im Hofsteiger Raum Brand, Raub und Totschlag. Vielleicht hat der gewaltsame Tod des seligen Merbod, der die Bregenzer Grafen vertrat, hier seine Ursache. Urkunden fehlen ja, wie Erich Winder sorgfältig erforscht hat.7 Aber sicher waren keine bösen Heiden die Totschläger. Weil sich also der Kellhof Wolfurt mit Lindau nach Pfullendorf und Schwaben orientiert hatte, lag der Schwerpunkt von Hofsteig bald in Lauterach. Folgerichtig wurde daher auch im 13. Jahrhundert der Sitz des Gerichtes Hofsteig nach Lauterach verlegt. Aus dem Jahre 1260 datiert eine Urkunde mit dem Namen «curia staige» (Genossenschaft Steig). Ein Ammann bekleidete eine einmalige Doppelfunktion. Einerseits war er Vertrauensmann des Volkes und wurde von diesem gewählt und anerkannt. Andererseits war er aber der Verwalter des Grafen, von diesem als Stellvertreter eingesetzt für Zehenteinhebung und Gericht. 6 7 Gebhardsberg um 1950. Kirchlein und Gasthaus in den Ruinen von Burg Pfannenberg. Hier herauf mußten die Hofsteiger ihren Zehent abliefern. Der zweite Hof gehörte den Udalrichinger Grafen von Bregenz. Er stand draußen auf der Steig bei Rickenbach. Nach der Überlieferung sollen die Häuser Hofsteigstraße 46 und Rutzenbergstraße 1 und 2 heute seinen Platz einnehmen. Ein Ammann verwaltete hier die Güter für den Grafen. Die Bauern, die ihren Besitz der Schutzherrschaft des Hofes anvertraut hatten, erhielten denselben als «Lehen» zurück. Dafür mußten sie Abgaben zahlen. Der Großzehent bestand aus jeder zehnten Garbe von Getreide und Heu und jedem elften Maß Wein. Kleinzehent wurde von Kälbern, Gänsen, Hühnern, Milch, Käse, Eiern genommen, auch von Obst, Gemüse, Flachs und anderen Erträgen, doch konnte man Kleinzehent oft durch Frondienst abgelten. Am drückendsten aber war der «fal», der beim Ableben des Lehensbauern «fällig» wurde, meist als «besthaupt» im schönsten Pferd oder Rind aus dem Stall und als «häsfal» im besten Kleid aus dem Kasten. Für diese Abgaben bot der Hof mehr als nur Schutz in Kriegszeiten. Er zwang wie in einer großen Familie zu einer Gemeinschaft unter der Leitung erfahrenenr Männer. Er verlieh Pflug und Wagen. Er stellte den Schmied, die Mühle, den Weintorggel, den Metzgerzuber und die Badgelte. Der Hof hielt Hengst, Stier und Eber. Er verlieh und kontrollierte Maße 8 Nach Bilgen, Holunder 1932, Nr. 35 Winder, Alberschwender Lindenblatt 1972/1 9 der Wolfurter zur linden. Wahlberechtigt waren jene Männer, die eine Waffe tragen durften. Auf ein Zeichen des Vogts liefen sie zu dem Mann ihrer Wahl. Mit Strichlisten zählten Vertrauensleute die drei hauffen. Wer das mehr hatte, war für drei Jahre zum Ammanngewählt. Dann bestimmte man zwölf richter (Geschworene) als Berater des Ammanns und Vertreter ihrer Dörfer. Sie nahmen an seiner Seite Platz. Nun wurden durch weiteren Zulauf noch ein waibel (Polizist und Gemeindediener), ein Müller und ein Müllerknecht gewählt und sieben dorfgenossen (Dorfmeister) eingesetzt, je zwei für Hard, Lauterach, Wolfurt und einer für Schwarzach. Jeder mußte feierlich mit aufgehobenem Hand schwören, dem Landesfürsten getreu zu dienen und des Gerichts Hofsteig Nutzen zu fördern, sowie allzeit unparteiisch zu entscheiden, als mir gott helfe und alle hailigen!10 Auch die Gastwirte mußten diesen Eid schwören. Im Namen des Fürsten hob der Ammann von nun ab Zehent und Abgaben ein, beglaubigte mit seinem Siegel Verträge, Käufe und Schuldscheine und sorgte für die Einhaltung der im Landsbrauch aufgeschriebenen Gesetze. Er verwaltete mit seinen Richtern die gemeinsamen Weiden und Wälder, beaufsichtigte die Pflege von Straßen, Brücken und Gräben und bestimmte Saat und Ernte in den Weizenfeldern. Eigene Verträge regelten die aufwendigen Dammbauten gegen die Überschwemmungen durch die Bregenzerach. Sie leben noch heute in der «Linksseitigen Achwuhr-Konkurrenz» fort. Als besonders wichtig erwies sich auch die jährliche Kontrolle der Marken und Zäune. Zu den sozialen Aufgaben des Ammanns gehörte die Führung der Waisenbücher. Hofsteigdörfer um 1940. Blick vom Hinterfeld zum See. Aus den Obstbaumwäldern strecken sich die Kirchtürme von Wolfurt, Lauterach und Hard. Da war es wichtig, daß er gute Berater zur Seite hatte und die mündlich überlieferten Gesetze genau kannte. Erst im Jahre 1544 wurden dieselben als «alter landsgebrauch des gerichtz Hofstaig» aufgeschrieben. Alle drei Jahre wurde gewählt. Vormittags zogen die Amtsleute zum Gottesdienst in die Mehrerau, nahmen dort auch das Mittagsmahl ein und trafen sich dann in Lauterach auf dem Gerichtsplatz beim «Scharfen Eck» mit dem Volk, das vom See und vom Berg herbeigeströmt war, zur Wahl. Nach dem Rücktritt des alten Ammannns mußten drey ehrliche männer vorgeschlagen werden, ain von Lauterach, den andern von Hard und den driten aintweders von Wolfurt, ahm berg oder von Schwartzach.* Der Vogt nominierte im Namen des Fürsten die Kandidaten. Sie mußten der oberkait gefällig und habhaft9 sein. Es kamen also nur reiche Leute in Frage, meist Wirte oder geachtete Handwerker. Bei ihnen glaubte man die eingehobenen Steuern sicherer aufgehoben als bei armen Bauern. Vor allem aber mußten sie der Obrigkeit passen! Die Wahl erfolgt durch das lauffen. Am Platz standen zwei Häuser und eine Linde. Der Harder Vertreter stellte sich zum westlichen Haus, der Lauteracher meist zum zweiten und 8 9 An dem drei Gerichtstagen im März, im Mai und zu Micheli im Herbst wurden unter Vorsitz des Ammanns Streitigkeiten geschlichtet und Frevel gestraft. Meist tagte das Gericht in der Tanzlaube in Lauterach, nicht selten fanden das «Mayengericht» oder das «Herbstgericht» aber auch in Wolfurt oder in Rickenbach statt, selbst wenn Harder Streitigkeiten vorlagen." Über Totschlag, Landesverrat und natürlich auch in Hexenprozessen entschied allerdings das «Malefiz»-Gericht in Bregenz, wo sich auch Richtstätte und Galgen in der Nähe der Klause befanden. Der Hof auf der Steig diente weiterhin dem Herrn in Bregenz. Wenn dieser zur Jagd oft mehrere Tage einkehrte, hatten er und seine Begleiter Anspruch auf Essen und Unterkunft. Der Müller am Rickenbach mußte die Hunde versorgen. Falken und Habichte bekamen ein Huhn. Jederzeit mußte der Hof für den Grafen Wagen, Fuhrknecht und vier starke Pferde bereitstellen. Der Hofsteiger Landsbrauch lag in allen Gemeinden auf. Einige Abschriften sind erhalten. Landesarchivar Viktor Kleiner hat dieses wertvolle Dokument alter Sprache, Kultur und bäuerlichen Rechtes 1900 im 41. Jahresbericht des Vorarlberger Museumsvereines neu veröffentlicht. Rund 800 Jahre lang hat der Landsbrauch das Zusammenleben der Bauern und der Dörfer zwischen Berg und See geregelt und eine starke Gemeinschaft geschaffen, die sich sogar 10 LMV1900.S. 135 habhaft = vermögend LMV 1900,S. 136 ff VLA Urkunde 1389, 1402, 1570 10 11 im eigenen Hofsteiger Dialekt etwa von Dornbirn, Lustenau, vom Wald und auch von Bregenz abhebt. Man kannte sich gegenseitig, denn man traf sich ja regelmäßig bei den Gottesdiensten in Bregenz. Noch 1480 hatten alle HofSteiger beim Wiederaufbau der abgebrannten Pfarrkirche St. Gallus geholfen. Dann aber lösten sich 1512 als erste Wolfurt und der Steußberg und errichteten eine eigene Pfarrei. 1618 folgte Lauterach und 1646 machte sich auch Hard selbständig. Jetzt gab es erste Risse in der Hofsteiggemeinschaft. Bei Ammannwahlen traten immer häufiger die Bewohner einer Pfarre gegen die andere auf. Schwere Streitigkeiten gingen auch dem Auseinanderbrechen der Pfarre Wolfurt voraus. 1760 machte sich Buch selbständig, 1790 Bildstein und zuletzt 1824 auch noch Schwarzach. Umschichtungen in Handel und Gewerbe traten als Folge des Straßenbaus auf. Die Brücke über die Ach und die Heerstraße von 1518 hatten Lauterach und Rickenbach begünstigt. Als Kaiserin Maria Theresia 1768 die neue Landstraße durch das Ried bauen ließ, bekam auch Hard eine Verbindung zum Rhein. Wolfurt und Schwarzach lagen jetzt weit abseits. Das änderte sich erst 1838 durch die neue Wälderstraße von Lauterach nach Wolfurt und von Schwarzach durch das Tobel in den Bregenzerwald. Hofsteig war schon 1451 mit halb Bregenz an das Haus Habsburg-Österreich gekommen Der Kellhof Wolfurt aber blieb noch lange bei den Grafen von Ems. Allerdings verloren die Kellhofer mit dem Rückgang der Emser Macht immer mehr von ihrem Eigenleben. Im 18. Jahrhundert ging das Eigengericht schließlich fast zur Gänze im Hofsteiggericht auf. Aber auch das Ende von Hofsteig nahte. Hungersnöte um 1700 hatten den Anbau von Mais und Kartoffeln erzwungen und damit die alte Dreifelderwirtschaft zu Fall gebracht. Zuerst wurden nur die gemeinsamen Getreide-Esche aufgeteilt, 1795 auch der Ippachwald und um 1800 noch das Ried. Die Reformen Josef II. hatten die Rechte des Ammanns stark eingeengt. Als in den Franzosenkriegen die Bayern Vorarlberg besetzt hielten, wurden 1806 die Gerichte einfach abgeschafft. Altes Hofsteiger Recht wurde durch staatliches Recht ersetzt. Aus dem Gebiet Hofsteig wurden mit ziemlich willkürlichen Grenzen die sechs Gemeinden geschaffen. Um 1811 traten Bürgermeister ihr Amt an. Seither führen die Gemeinden ihr Eigenleben und sehen dabei oft nur bis zu ihrem eigenen Kirchturm. Straßen sollten eigentlich Dörfer verbinden, aber Autobahn, Dörferstraße, S 18 und andere haben in den letzten Jahrzehnten tiefe Klüfte zwischen die Gemeinden gegraben. Dabei wäre doch eine Zusammenarbeit für ein gemeinsames gutes Trinkwasser, für den Lebensraum Ried - unser aller Ried -, für den Wald und den Berg, eine Zusammenarbeit auch in der Schaffung von Arbeit für alle, für gemeinsame Schulen und gemeinsam gestaltete Freizeit so wichtig! Einige Vereine haben die Barrieren überwunden. Die Feuerwehren und die Blasmusikkapellen arbeiten eng zusammen. Auch die Bürgermeister treffen sich immer wieder und erörtern gemeinsame Probleme. Das läßt hoffen, daß guter alter Hofsteiger Brauch Zäune und Gräben überwinden kann. Die Lauteracher Brücke gegen Zoll und Riedenburg um 1910. Erbaut wurde die Holzbrücke 1518, abgebrochen 1916. 12 13 Hofsteiger Ammänner Ammann bedeutet Amtmann, Verwalter eines bestimmten Landessprengels von meist mehreren Gemeinden für die gräfliche oder fürstliche Herrschaft. Anfangs nannte sich der Inhaber des Amtes meist lateinisch «minister», später «Keller», Ammann, Amtmann, Landammann, Gerichtsammann, um 1470 auch «österreichischer Ammann» oder «Herzog Sigmunds Ammann in dem Hof zu Staig». Zuletzt lesen wir um 1800 häufig die Bezeichnung Amtsverweser oder Amtsammann. Ein abgelöster Ammann führte den Titel «Altammann» und diente dem Gericht oft noch lange als Beisitzer (Geschworener, Eidgenoß). Nicht selten bekam er das Ammannamt noch mehrmals übertragen. Im Sprengel Hofsteig gab es außerdem Hofsteigammann zwei weitere Ammänner, die von diesem unterschieden werden müssen: Der Kellhof-Ammann (auch Keller, Kellermeister) verwaltete die Wolfurter Kellhofgüter, die zum großen Teil auch in den Nachbargemeinden verstreut lagen, für die gräfliche Herrschaft, zuletzt für die Grafen von Hohenems. Der Gotteshausammann («gotshusaman») sorgte sich um die zahlreichen Besitzungen des Klosters Mehrerau in Wolfurt und auf dem Steußberg. In der folgenden Auflistung stelle ich aus Urkunden, Regesten, Besatzbüchern, Schaffund Copeybüchern die Namen der Hofsteig-Ammänner zusammen und notiere bemerkenswerte Einzelheiten zu den aus Wolfurt stammenden. Für die Lauteracher ist das schon in den Heimatbüchern 1953 und 1985 geschehen. In den Archiven gibt es eine Fülle von Akten, mit deren Hilfe sicher noch manche Ergänzung der Reihe möglich ist und manche Lücke geschlossen werden kann. I. Unter den Montforter Grafen von Bregenz Als ältestes Dokument für einen Hofsteig-Ammann galt bisher eine Urkunde von 12601, in der neben «curia staige» u. a. ein «Heinricus minister de Liutrah» genannt wird. Nun weist aber Niederstätter nach, daß dieser Ammann Heinrich aus Lauterach keineswegs Hofsteigammann war, sondern vielmehr in der Herrschaft Bregenz die Interessen der Werdenberger, denen bis 1402 der Wolfurter Kellhof gehörte, vertrat.2 Als älteste Verwalter des Gerichts Hofsteig fungierten Montforter Edelleute, etwa die Herren von Schwarzach und die Helwer, die aufSchloßVeldegg im Oberfeld saßen. «Jegliche Kompetenz dieser Gerichte leitete sich von oben, von der Herrschaft ab, nicht etwa beruhte sie auf der Souveränität des Volkes», schreibt Niederstätter.3 Er tritt damit der bisher verbreiteten Meinung entgegen, hier hätten die Landleute einen der ihren in demokratischer VLA Urk. 777 2 Alois Niederstätter, Die Ammänner, Montfort 46/1994, Vorabdruck S. 8 3 Alois Niederstätter, Verfassungsgeschichte, Montfort 39/1987, S. 62 1 Wahl in sein Amt gehoben. Noch im 1544 aufgeschriebenen «alten landsgebrauch des gerichtz hofstaig» ist ja die erste Bedingung für einen Ammannkandidaten «der oberkait geföllig» sein.4 Im Namen des Fürsten nominierte der Vogt die Kandidaten. Wir kennen die Verwalter und meist auch ihre Siegel nur von den erhaltenen Urkunden, die sie selbst ausstellten oder als Zeugen unterfertigten. Schon 1322 siegelte Conrat der Buch, Keller zu Staig, eine Verkaufsurkunde.5 Er war demnach Verwalter des großen gräflichen Hofes auf der Steig in Rickenbach. Am 23. Juli 1364 verkaufte Eberhard der Helwer seine Burg Veldegg. Als Zeuge war Cuonrat der Ammann dabei.6 Auf mehreren Urkunden finden sich auch die Ritter von Wolfurt. So tauschten etwa am 17. März 1373 Wölfli von Wolfurt und Abt Burkard von Bregenz ihre Leibeigenen Elsbeth die Gebührlin und Adelheid die Köbin.7 Erst gegen Ende des 14. Jahrhunderts lassen sich für Hofsteig regelmäßig Ammänner feststellen. Sie beaufsichtigten aber ursprünglich nicht ein abgegrenztes Gebiet, sondern den zum Hof Staig gehörigen Personenverband.8 Ihre Amtszeit läßt sich aus den Urkunden annähernd errechnen. 1. Johann von Bunis «des Grafen Chunrat von Bregentz Ammann, der im Dorf zu Lutrach öffentlich zu Gericht sitzt» oder «Ammann zu Hardt und im Hof Stayg». Er war wohl ein Montforter Edelmann, der in Hard wohnte. 2.1 Hans Keller genannt Buch Er war vermutlich aus der Familie des Conrat der Buch (von 1322) und ebenfalls Keller zu Staig. 3. Henny Veldegg Die in Wolfurt und Lauterach ansässigen Veldegg dürften Nachkommen der Helwer von Veldegg sein. 4. Jos Wiss 1383-1404 1406-1409 Zu 2.1 Siegel des Hans Keller genannt Buch, Ammann und Keller zu Staig 1423 (VLA Urk. 998) 1410-1413,1415 1414 4 5 6 7 8 LMV 1900/S. 135 VLA Urk. 80096 VLA Urk. 839, Ulmer, Burgen, S. 384 VLA Urk. 851 wie Anm. 2, S. 5 14 15 2.2 Hans Keller genannt Buch Anno 1423 ist er auch Landammann zu Lingenow.9 1444 befehligte Hans Keller als Hauptmann ein Vorarlberger Söldneraufgebot in Jenbach, das in Diensten der rebellierenden Tiroler gegen den späteren Kaiser Friedrich III. stand.10 5. Hans Lädlin aus Lauterach Anno 1423 auch Ammann zu «Albriswendi». 6.1 Heinrich Kaisermann Er war ein reicher Bregenzer Bürger und mehrfach auch Stadtammann zu Bregenz. Von seiner Mutter Maria aus dem Rittergeschlecht von Wolfurt hatte er Anteile am Schloß geerbt. Dort wohnte er zeitweise." 7. Heinrich Payger 6.2 Heinrich Kaisermann 8. Hans vom Bach genannt Hentz Bregenzer Bürger und Ratsherr,«des Markgrafen Wilhelm von Hochberg Landammann zu Bregenz», aber auch «Landammann im Hof zu Staig» 1417-1423 II. Unter Österreich I., 1451-1686 Waren bisher meist Edelleute oder angesehene Bregenzer Bürger als Amtmänner für den Grafen tätig gewesen, die für einen starken Einfluß der Stadt in den Dörfern gesorgt hatten, so änderte sich das unter den österreichischen Vögten. Sie hatten kein Interesse daran, die Stadt zu bevorzugen, und nahmen die neuen Amtmänner aus den Dörfern. 9.1 Peter Boss, Lauterach 10.1 Uli Götpfried 9.2 Peter Boss, Lauterach 11. Jos Wiss Die Wiss, später Weiß, waren in Wolfurt und in Lauterach daheim. 10.2 Uli Götpfried «der Herrschaft von Österreich Ammann in dem Hof zu Staig». 12. Hans Troll von Schwarzach «Herzog Sigmunds Ammann in dem Hof zu Staig» 13. Jos Berüttiner 14. Cunrat Veldegg aus Wolfurt 15. Jörg Riner, Lauterach Ein Johann Riner von Ach reiste 1476 nach Rom und erhielt die Erlaubnis zum Bau einer Kirche St. Georg in Lauterach, die auch von den Wolfurtern besucht wurde. 16. Hans Gunthalm, Lauterach 17.1 Sebastian Schnell, Wolfurt Er erreichte 1512 die Gründung der Pfarrei Wolfurt. Siehe Anhang: Ammann Schnell, S.26 18. Auf einer Urkunde von 1511, in der Landammann Sebastian Schnell selbst als Käufer auftritt, siegelt Hans Boss, Landammann im Hof Staig zu Lutrach. 1453 1454 -1457 1458 - 1465 1465-1475 1424-1430 1431 - 1433 1476 - 1478 zu 1478-1479 14 Siegel des Cunrat Veldegg, Ammann 1482 1434 - 1439 1439 - 1443 1446 - 1452 1481-1482 1482 - 1486 1486 - 1492 1493 - 1495 1496 - 1524 Am 4. September 1451 verkaufte Markgraf Wilhelm die halbe Herrschaft Bregenz, darunter auch das Gericht Hofsteig, an Herzog Sigmund von Österreich. Vom Preis von 35.000 Gulden blieb eine Schuld von 6.000 Gulden offen. Die Zinsen dafür waren in den Gerichten Bregenz, Hofsteig, Lingenau und Alberschwende aufzubringen. LingenauAlberschwende löste sich jetzt von Hofsteig und erhielt einen eigenen Ammann. 9 10 11 VLA Urk. 997 Bilgeri, Geschichte II, S. 462 und 605 «Wolfurt» Siehe Heimat 9, S. 39 16 17 19.1 Heinrich Hummel, Wolfurt 17.2 Sebstian Schnell siegelt auch noch auf späteren Urkunden als Ammann im Hof Staig, als «Verwalter des Kellnhofammannamts zu Wolfurt» 1539 und wieder als Ammann im Hof Staig. 19.2 Heinrich Hummel Er ließ 1544 den Hofstaigischen Landsbrauch aufschreiben.12 20.1 Oschwald Caspar aus Wolfurt 21. Jörg im Hag aus Hard Eine exakte Zuweisung der «Dienstjahre» der einzelnen Ammänner ist nicht möglich, aber es dürften auch jetzt schon dreijährige Perioden gewesen sein. Manchmal siegelten Altammänner noch in der Amtszeit der Nachfolger. 22. Hans Bärtel aus Schwarzach 20.2 Oschwald Caspar 19.3 Heinrich Hummel «zu Wolfurt» 20.3 Oschwald Caspar 23. Sebastian Troll aus Schwarzach 24.1 Jakob Gundthalm aus Lauterach 25.1 Caspar von Ach aus Lauterach genannt Dorff 26. Adam Bärtel aus Schwarzach 25.2 Caspar von Ach gen. Dorff 24.2 Jakob Gundthalm 27. Hans Weiß aus Lauterach 28.1 Hans Schertler aus Lauterach 29. Zacharias Birnbaumer Ein Harder Geschlecht 1524-1527 1527-1528 1540 1539 zu 19.1 Siegel des Heinrich Hum1542-1544 mel, Ammann im Gericht 1541,1546,VLAUrk.1780) 1548-1551 30.1 Hans Jacob Ölz zu Schwarzach 28.2 Hans Schertler 31.1 Kaspar von Ach, Lauterach 30.2 Hans Jacob Ölz 31.2 Kaspar von Ach 32. Georg Wehrlin «zu Rickenbach»13 33.1 Hilar Fröwis zu Lauterach 30.3 Hans Jacob Ölz 34. Hans Müller «zu Rickenbach»14 Gleichzeitig siegelt aber auch 33.2 Hilar Fröwis als Ammann des Gerichts Hofstaig 35.1 Jacob Feurstein, Wolfurt Er besaß schon 1617 einen Hof in Rickenbach.15 36. Georg Schwerzler zu Wolfurt Er ist der Stammvater fast all der zahlreichen Schwerzler - und Schwärzlerfamilien in Wolfurt und Umgebung. 37.1 Hans Sommer zu Lauterach 3 8.1 Hans Weiß zu Lauterach 37.2 Hans Sommer 35.2 Jacob Feurstein 37.3 Hans Sommer 38.2 Hans Weiß 37.4 Hans Sommer 35.3 Jacob Feurstein 37.5 Hans Sommer Er nennt sich aber auch noch 1672 und 1673 Ammann. 39.1 Jakob Schneider, Wolfurt. Siehe Anhang, S. 28 und S. 35 40. Gregor von Ach, Lauterach 41. Caspar Dietrich, Lauterach 13 14 1609 1610 1614- 1615 1616-1620 1621-1622 1624 1625 1626 1627-1630 1629 - 1631 1636 1640 1552 1552 - 1556 1557 1562 - 1565 1567 1569 - 1574 1578 - 1583 1586 - 1587 1588 1590 - 1592 1594 - 1596 1599 - 1602 1605 1641 - 1642 1643 - 1646 1646 - 1653 1653 1657 - 1658 1658-1661 1661-1664 1664 - 1667 1668 - 1671 1671-1676 1676 - 1678 1680 - 1686 In den Wolfurter Pfarrbüchern finden sich «Wärlin» bis 1752 Müller-Familien hielten sich in Wolfurt noch lange. Sie stellten im 18. Jahrhundert die Gotteshaus-Ammänner. Das Wolfurter Familienbuch zählt 8 Feurstein-Familien auf, doch starben alle um 1750 aus. LMV 1900, S. 132. Dort sind u.a. genannt: «Hainrich Humbel amman», «Jerg im Hag», «Oschwald Caspar», «Hans Bärtel», lauter zukünftige Ammänner 12 15 18 19 In zwei Jahrhunderten unter österreichischer Herrschaft hatte sich die Struktur des Gerichts Hofsteig grundlegend gewandelt. Nacheinander hatten sich seine Gemeinden von der Mutterpfarre St. Gallus abgespalten: zuerst Wolfurt 1512, dann Lauterach 1618 und Hard 1646. Kaiser Maximilians Heerstraße und die erste Achbrücke von 1518 hatten den Verkehr ins Schwabenland verstärkt. Die Reformation, die Bauernkriege von 1525, der Schwedeneinfall 1647 und die gewaltigen Pilgerströme nach Maria Bildstein im 17. Jahrhundert hatten viele fremde Menschen und neue Ideen in das konservative Hofsteig gebracht. Jetzt wirkte «das Volk» bereits sehr aktiv bei den Ammannwahlen mit. Zwar mußte es sich weiterhin zwischen den vom herrschaftlichen Vogt vergeschagenen Männern entscheiden. Aber die immer häufiger werdenden Wechsel der Amtsinhaber zeigen, daß die Wähler nur mehr selten mit der im Landsbrauch vergesehenen Verlängerung des Mandats einverstanden waren. Dabei spielten sicher auch Eifersüchteleien zwischen den neuen Pfarren eine Rolle. III. Unter Österreich II, 1686 -1759, Kampf um eigene Rechte Die nächsten Jahre sind geprägt von einer bitteren Auseinandersetzung mit der Herrschaft der Vögte, von Erfolgen des «Gemeinen Mannes» unter Jerg Rohner und Niederlagen in der Zeit des Absolutismus. Über die Ammann wahlen in dieser Zeit sind wir besonders gut informiert, weil die «Besatzbücher» des Gerichtes fast lückenlos erhalten geblieben sind.16 Sie beginnen: Actum bey gehaltener Gerichtsbesatzung zue Lutherach vom 10. Merzen 1686. Die Nominierung lautet: In Amman-Schuß sind genomben worden Sigmund Dörler gegen Amman Diethrichs Hauß Jacob Schneider alter Amman gegen Sigmund Dörlers Hauß und Linden Hanß Morsch gegen Hardt. Dörler vertrat Lauterach, Schneider Wolfurt und Steußberg, Morsch stand für Hard. Das Mehr bekam Schneider, der schon 1671 - 76 Ammann gewesen war. Die Liste der 12 Geschworenen führen seine abgelösten Vorgänger Caspar Dietrich und Gregor von Ach an. Als zwölfter wurde der Rickenbacher Adlerwirt Caspar Haltmayer neu aufgenommen. 39.2 Jakob Schneider, Wolfurt Spannend wurde die Wahl vom 21. August 1689. Weil Schneider eine nochmalige Nominierung ablehnte, stellten die Wolfurter den jungen Hans Schwerzler, den Sohn des früheren Ammann Georg Schwerzler (Nr. 36) auf. Gegen ihn boten die Lauteracher ihren Alt16 1686 - 1689 ammann Gregor von Ach auf, die Harder wieder Hans Morsch. Das knappe Ergebnis des Mehrlaufens stand erst nach einer genauen Zählung fest. Die Strichlisten sind dem Akt beigelegt und geben Aufschluß darüber, daß aus ganz Hofsteig 517 Männer wählten: 249 für von Ach, 263 für Schwerzler, nur 5 für Morsch. So begann Hans Schwerzlers umstrittene Amtszeit.17 42.1 Hans Schwerzler, Wolfurt 1692 zu Lauterach «per Maiora widerum zum Amman erwählt». Durch die Wallfahrt hatte Bildstein seine Einwohnerzahl stark vergrößert. Die Pfarre Wolfurt mit Bildstein dominierte jetzt. So brachte sie bei den nächsten Wahlen auch ihren neuen Kandidaten, den Rickenbacher Adlerwirt, durch. 43.1 Caspar Haltmayer, Rickenbach und noch einmal 42.2 Hans Schwerzler, Wolfurt und in seiner vierten Amtszeit. Gegen Schwerzlers Amtsführung richteten sich die Klagen und der Aufstand des «Gemeinen Mannes». 43.2 Caspar Haltmayer 44.1 Jerg Rohner, Wolfurt18 und 45 Jakob Natter, Bildstein 44.2 Jerg Rohner, noch einmal 4 Perioden 46.1 Martin von Ach, Lauterach 1740 wurde die öffentliche Ammannwahl abgeschafft. 47. Anton Greußing, Rickenbach19 48.1 Joh. Kaspar Winder, Bildstein 17 18 19 1689 - 1692 1692 - 1695 1695 - 1698 1698 - 1701 1701 - 1704 1704 - 1707 (VLA Zu 43.1 Siegel des Caspar Haltmayr, Ammann 1697 Urk- 2687) 1707 - 1710 1710 - 1713 1713-1716 1716-1722 1722 - 1734 1734 - 1743 1743 - 1746 1746 - 1755 VLA, Oberamt Bregenz, n 471, Schachtel 42 Siehe im Anhang unter «Der Gemeine Mann», S. 28 ff Über Rohner berichtet ein eigener Beitrag im Anhang: «Der Gemeine Mann», S. 28 ff Die Greußing kamen um 1690 aus Egg, betrieben im Haus Rickenbacherstraße 4 eine Gerberei und übersiedelten um 1800 nach Schwarzach, Lauterach und ins «Schlößle» nach Hard. 20 21 46.2 Martin von Ach, Lauterach 1755 - 1759 IV. Bis zum Ende unter den Bayern. 1759 - 1 8 0 6 48.2 Joh. Caspar Winder, Bildstein 49. Joh. Caspar Luger, Bildstein 2I 50.1 Joseph Fischer, Wolfurt, Löwenwirt 2 2 vier Perioden hintereinander «Ambtsammann» 5 1 . Mathias von Ach, Lauterach ein Sohn des Martin (46.) 50.2 Joseph Fischer weitere zwei Perioden Das Gericht war müde geworden. Die kaiserlichen Beamten zogen immer mehr Aufgaben an sich. Ein ganzes Jahr verspätet setzte man erst im Herbstgericht am 30. September 1759 die neue Ammannbestellung auf die Tagesordnung, zu der alle Unterthanen bei denen Kirchen convocirnt und einberufen wurden. Der bisherige Ammann Martin von Ach übergab den Gerichtsstab und legte damit sein Amt nieder. Wolfurt schlug den Bildsteiner Altammann Winder zur Wiederwahl vor. Aber in der Lauteracher Tanzlaube verhinderte ein Durcheinander die Wahl. So ist man mit dem Verlaß ohnverrichteter Sachen auseinandergegangen. 20 Man wollte sich noch einmal zur Auflösung des Gerichts treffen. Das wirkte nun doch wie ein Schock. So konnte einige Tage später der Altammann Winder durch das stille Mehr mit 365 gegen 180 Stimmen in bester Ruhe und Einigkeit auch außerordentlich guter Mannszucht wieder gewählt werden. Still war es geworden! Fest hatten die Beamten, darunter der auf Schloß Wolfurt residierende Oberamtsrath Tröndlin von Greiffenegg, das Volk im Griff. 20 1759 - 1 7 6 1 1761-1764 1764 - 1 7 7 6 1776 - 1783 1783 - 1789 1790 - 1 7 9 3 Zu 5 0 1 Siegel des Joseph Fischer, Wie 16, 1759 52.1 Joh. Gg. Reiner, Wolfurt, Schwanenwirt 23 Nur mehr selten und in völliger Abhängigkeit von den kaiserlichen Beamten trat das «iudicum delegatum in Hofstaig» jetzt zusammen. So konnte sich auch der Lauteracher Geschworene Joh. Martin Vonach gleichzeitig einmal als «Ammann, Amtsverweser» bezeichnen. 24 53. Jos. Anton Böhler, Wolfurt 25 52.2 Joh. Gg. Reiner 54. Franz Joseph Dörfer, Hard, Kronenwirt Der letzte Ammann vertrat Hard schon seit 1894 als «Ortsgeschworener». Auch 1806 - 1811 nennt er sich Ammann und führt in Hard die Amtsgeschäfte weiter, bis er im Oktober 1811 zum ersten Vorsteher der neuen Gemeinde Hard bestellt wird. 1 Ammann 1764 1794 - 1799 1800 -1802 1802 - 1806 Der Löwen in Rickenbach um 1910. Das große Gasthaus ist 1912 abgebrannt. 1764 bis 1789 war hier der Amtssitz des Hofsteigammanns Joseph Fischer. Luger war 1722 in Dornbirn geboren worden und nun Adlerwirt in Bildstein. Er hatte dort Isabella Beer, die Tochter des Auer Barockbaumeisters Joh. Michael Beer von Bildstein geheiratet. 22 Joseph Fischer, 1723 -1809, aus Spetenlehen. Er hatte in das angesehene Rickenbacher Gasthaus «Löwen» eingeheiratet. Gemeinsam mit seinem Bruder, dem Kellhofammann Johann Fischer, kaufte er 1771 die Kellhofer von ihrer Herrschaft Ems frei. Mehr über ihn in «Ein Hofsteiger Siegel entdeckt», S. 3 ff 23 Joh. Gg. Reiner, geboren 1845, stammte aus einer von Lauterach zugezogenen Familie. Er heiratete 1771 die Witwe des reichen Wolfurter Schwanenwirts Hilar Freyis. Siehe «Ein Hofsteiger Siegel», S. 3 ff 24 VLA Landgericht Bregenz 102, Copeybuch Lauterach 1.4.1791 25 Anton Böhler, 1742 -1805, stammte vom Bereuther in Bildstein und hatte 1864 Ursula Haltmeyer aus dem «Löwen» geheiratet, eine Stieftochter des Ammanns Josef Fischer. Sie lebten im Haus Dornbirnerstraße 3 beim «Kreuz». 22 23 Ein Protokoll über die letzte Ammann-Besatzung findet sich in der Chronik des Gotteshaus-Ammanns Mathias Schneider.26 Anno 1802 ist den 9ten Dezember die Amann Besetzung zu Lautrach vorgenommen worden, und ist zum Amann erwählt worden Franz Jos. Dörler zu Hard, und zu Geschwornen sind wieder bestättiget worden als zu Wolfurt Joh. Georg Reiner vorher Amannamtsverweser Xaver Gmeiner unter der Linden 21 neu Joh. Georg Fischer. Anstatt Amann Böhler. Lautrach Michael Mathis Martin Geuze neu Kaspar Kalb. Weil vorhin einer zu wenig. Hard Joseph Hermann neu Rochus Dörler Schwarzach Jos. Anton Haltmayer für freywilig abgetretten Ant. Schertler Steusberg Joseph Dür zum Berütterfür den reseirten Jos. Böhler Buch Thomas Flaz Waibel Jos. Ant. Fischer zu Lautrach ledigen Stands. Am 13. März 1806 übernahm Bayern offiziell das von Österreich im Frieden von Preßburg abgetretene Land Vorarlberg. Zuerst wurde es an die Provinz Schwaben angeschlossen, dann an den Illerkreis. Neue Hauptstadt war jetzt Kempten. Am 1. Oktober 1806 trat die Bayerische Gerichtsordnung in Kraft: Die 24 alten Gerichte wurden aufgelöst, an ihrer Stelle sieben Landgerichte gebildet. Jetzt gehörte Hofsteig dem Landgericht Bregenz an und wurde von bayerischen Beamten verwaltet. Die bayerische Gemeindeordnung sah die Wahl eines Vorstehers und zweier Räte in jeder Gemeinde vor, die aber vom Landrichter ernannt wurden. Alle ihre Beschlüsse unterlagen der Genehmigung der Obrigkeit in Bregenz, Kempten oder München.28 Es dauerte aber fünf Jahre, bis sich erstmals Gemeindeorgane gebildet hatten29: Pro 1811 den lten Oktober hat die Neue Gerneinds Vorstehung angefangen, und dato bey dem Königl. Landgericht Bregenz beeidiget worden, alwo das allgemeine Gericht aufgehört hat. Zu Wolfurt Erstens ist als Friedens Richter erwählt Joh. Georg Fischer alt Geschworener30. 2ter als Rath ist erwählt Joh. Zumtobel zu Rickenbach31. 3ter als Rath ist erwählt Kaspar Müller zur Linden32. Diese haben alle Wochen jedes mall am Dinstag einen Verhandlungs Tag, jede Parti welche verhandlet wird hat 24 Kreuzer zu bezahlen. Am 7. Juli 1814 wurde Vorarlberg wieder an Österreich übergeben. Die Hoffnung auf Wiedererrichtung der alten Vorarlberger Landstände und Gerichte erfüllte sich aber nicht. Vergeblich wählten die HofSteiger 1816 noch einmal einen Ammann: ... hat man den 22ten May Deputirte zur Amman Besatzung gewählt von jeder Gemeinde 6 oder 7 Mann nach Maaß des Popolationsstand, welche den 23ten May den Amman gewählt, und ist Hiezu ernannt worden Joh. Georg Haltmeyer Kronenwirth zu Schwarzach.33 Mit den neu errichteten Vorarlberger Landständen reiste Ammann Haltmeyer zur Huldigung an Kaiser Franz I. am 30. Mai 1816 nach Innsbruck. Aber die Gerichte blieben aufgelöst. Eine neue österreichische Gemeindeordnung trat in Kraft, die alle drei Jahre Gemeindewahlen vorsah. In Lauterach nannte sich zwar der Geschworene Joh. Micheal Mattis schon 1808 bis 1811 «Ortsvorsteher». Zum ersten offiziellen Lauteracher Vorsteher wurde aber im Oktober 1811 Josef Kühne bestellt. In Schwarzach wurde mit Anton Schertler ebenfalls ein ehemaliger Geschworener erster Vorsteher. Die Leute «am berg» wurden 1806 von den Bayern zu einer einzigen Gemeinde «Steußberg» zusammengefaßt. Ihr Vorsteher war ab 1811 der Bildsteiner Joseph Dür. Nach der Rückkehr Vorarlbergs zu Österreich trennten sich die Steußberger aber sofort. Dür blieb Vorsteher von Bildstein. In Buch wurde Martin Schelling zum Halder, der noch in der letzten Gerichtsperiode Thomas Flatz als Geschworenen abgelöst hatte, der erste Vorsteher. Österreichische Beamte im Landgericht Bregenz standen nun an der Stelle der Hofsteiger Ammänner und Geschworenen. Die letzten Gerichtsmänner begannen mit dem Aufbau der neuen Gemeinden. 26 Gemeindearchiv Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 1/2 Xaver Gmeiner, 1762 - 1835, war ein Neffe des mächtigen Wolfurter Pfarrers Lorenz Gmeiner und wohnte mit seiner großen Familie im Haus Frickenescherstraße 4, Thalers Martes. Ein Bruder und zwei Söhne waren Ärzte. Siehe Heimat 11, S. 43 Burmeister, Geschichte 1980, S. 150, und Peter, Heimatbuch Röthis 1982, Die Gemeinde GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 53 30 28 29 J. G. Fischer, 1760 - 1849, ein Neffe des Ammanns Joseph Fischer, Hofsteig-Geschworener 1802 bis zum Ende, Vorsteher von Wolfurt 1811 bis 1817. 31 Johann Zumtobel war als zweiter Gatte der Katharina Haltmayer Adlerwirt geworden. Seine Tochter Carolina heiratete 1843 den «Sammer» Jos. Ant. Fischer und wurde die Stammutter der «Alt-Adlerwirts». 32 Dort lebte er am Platz Kirchstraße 21 in «Loamars» Doppelhaus 33 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 22 24 25 Ammann Sebastian Schnell Er ist der Mann, der Wolfurt und Hofsteig in einer besonders langen Amtszeit von 1496 bis 1540 vom Mittelalter in die Neuzeit geführt hat. Die Schnell waren eines der ältesten Wolfurter Geschlechter. 1371 waren Hans und Hermann Schnell, die aus der Leibeigenschaft der Ritter von Wolfurt zu Lindauer Bürgern aufgestiegen waren, Grund zur Belagerung von Schloß Wolfurt durch die Lindauer.1 Als der Ritter 1402 die Hälfte des Schlosses an das Kloster Mehrerau verkaufte, behielt er Cuntzen den Snellen von Wolfurt und sin wibe und sine kinde samt dem Weinberg als Leibeigene.2 Anno 1408 stiftete Adelheit Schnellin, Cuntzen Schnellen selig Hausfrau, aus ihrem Weingarten in der unteren Bütze zu Wolfurt einen Jahrtag.3 Ab 1496 siegelte Sebastian Schnell, Ammann im Gericht Hof Stayg, Dutzende von Urkunden, meist Kaufverträge oder Stiftungsbriefe. Am bekanntesten davon ist der Stiftbrief für die neue Pfarre St. Nikolaus vom St. GallenTag 1512, der mit den Worten beginnt: Ich Sebastian Schnell, der Zeit Ammann im Hofstaig, und wür gemaine Nachbarschafft zue Wolffurth, und wür zue Schwartzach, am Berg und im Buech ...4 Am 26. Juli 1517 erlaubte Kaiser Maximilian Siegel des Sebastian Schnell, zu Augsburg den Bregenzern eine Brücke über Hofsteigammann 1497 das Wasser genannt die Bregentz zu bauen (VLA Urk. 1390) und einen Zoll von Kaufmannsgütern, Salz, 5 Schmalz, Käse, Korn, Wein, Vieh etc. einzuheben. Diese erste Brücke über die Ach und die neue Heerstraße von Lauterach nach Rickenbach brachten große Veränderungen für Hofsteig. Im Bauernkrieg von 1525 bedrohten die protestantischen Allgäuer Bauern Vorarlberg. Große Teile des Landes sympathisierten mit ihnen. Die HofSteiger dagegen stellten 100 Mann zum Schutz von Bregenz und erklärten feierlich das wir bey dem hailligen cristenlichen glauben, so wir bisher gehalten, beleiben.6 1539 war Sebastian noch Verwalter des Kellnhofs zu Wolfurt und 1540 siegelte er wieder als Ammann im Hofstaig.7 Die höchste Ehre aber erfuhr der alternde Sebastian Schnell, als er im Jahre 1541 als einer der 6 Vorarlberger Abgeordneten zu der von Kaiser Ferdinand I. in Linz abgehaltenen Ständetagung ausgewählt wurde.8 Für einen Bauern so kurz nach den mörderischen Bauernkriegen wahrhaft ungewöhnlich! 1 2 3 4 Zur gleichen Zeit war ein Jakob Schnell Gastwirt zu Bregenz.9 Und ein Sebastian Schnell, wohl ein Verwandter unseres Ammanns, erschlug im Streit den Bregenzer Landwaibel Cunrad Veldegg. Er mußte fliehen und diente 1546 im Heer der Protestanten bei Weingarten als Hauptmann. Weil er Heimweh zu Frau und Kindern hatte, wollte er im Schmalkaldischen Krieg mit seinen Söldnern in der Hoffnung auf Begnadigung zu den Kaiserlichen überlaufen. Er wurde aber bei der Bregenzer Klause gefaßt und gerichtet.10 Im Hofsteigischen Landsbrauch von 1571 werden gleich drei Schnell als Hausbesitzer in Wolfurt genannt: Friderich, Hans und Bestli (Sebastian).1 ] Davon lebten 1594 noch Friderich und Hansen Wittib»12. Kurz danach dürften sie in Wolfurt ausgestorben sein, die Pfarrbücher von 1650 enthalten den Namen Schnell nicht mehr. Burmeister, Edelgeschlecht Wolfurt, 1984, S. 28 VLA Urk. 922 Kleiner, Bregenzer Regesten 24 Rapp, Generalvikariat 1896, S. 287; VLA Urk. 1722a 5 6 7 8 Kleiner, Bregenzer Regesten 432 Bilgeri, Geschichte III, S. 350 VLA, Regesten Bilgeri, Geschichte III, S. 578 9 10 11 12 Kleiner, Bregenzer Regesten 512 Bilgeri III, S. 399 LMV 1900, S. 161 Holunder 1932/Nr. 30 26 27 Siegfried Heim Der Gemeine Mann Jerg Rohners Kampf gegen die Willkür der Mächtigen Um das Jahr 1700 lebten in Wolfurt etwa 600 Leute, die meisten als kleine Bauern und Handwerker. Viele suchten als Saisonarbeiter im Sommer Verdienst im Ausland, andere verdienten mit dem Anbau von Flachs und dem Weben von Leinentüchern ein paar Kreuzer. Verhältnismäßig reich waren nur ein paar Wirte und Frächter, wie die Haltmayer im Adler in Rickenbach, und ein paar Fergger, die mit Garn und Leinen handelten. Nur die Reichen konnten nach Hofsteiger Landsbrauch Ammann werden und dann das öffentliche Gut verwalten. Als Steuereinnehmer arbeiteten sie eng mit den kaiserlichen Beamten zusammen. So bildete sich eine Oberschicht der «Ständischen», die sich von der großen Zahl der «Gemeinen» immer mehr entfremdete. «Am Ende des 17. Jahrhunderts trieb das Land in einen der härtesten Daseinskämpfe seiner Geschichte.»1 Mißernten führten schon 1676 und dann jahrelang anhaltend ab 1688 zu einer ganz entsetzlichen Hungersnot. Dazu zogen immer wieder österreichische Armeen durch das Land an die Rheinfront gegen Ludwig XIV. oder nahmen aus den Schlachten zurückkehrend bei uns Winterquartier und verlangten Verpflegung. Das Sterbebuch der Pfarre Wolfurt verzeichnet 6 Soldaten («miles austriacus»), die im November 1679 hier ihren Verwundungen erlagen. Im Haus des Hans Schneider starb der «tympanista», der Trommler der Compagnie Baronis des Wels. Nach der Belagerung Wiens 1683 brachten ein 16 Jahre dauernder Türkenkrieg und ein neuerlicher Aufmarsch gegen die Franzosen fürchterliche Steuerlasten. Noch schlimmer aber wurde es mit Beginn des Spanischen Erbfolgekrieges im Jahre 1701. Nun bedrohten auch noch die Bayern auf der Seite Frankreichs unser Land. Zuerst plünderte die herbeigerufene Österreichsische Armee die Dörfer aus. Dann erschienen die Franzosen an der Bregenzer Klause und zwangen die Männer zur Landesverteidigung an die Front. In dieser Zeit mit ihren unerhörten Belastungen hätten die Hofsteiger einen verläß-lichen Ammann gebraucht. Das hatten sie aber nicht! Auf den allgemein hoch geschätz-ten Jakob Schneider war 1689 bis 1695 Hans Schwerzler gefolgt. Nach einer Unterbrechung durch den Rickenbacher Adlerwirt Caspar Haltmayer bekam Schwerzler 1701 bis 1 1707 noch einmal das jetzt so schwierige Amt übertragen. Aus den Akten über seine Amtsführung hat Bilgeri umfangreiche Erhebungen gemacht2: Ammann Schwerzler und auch schon seine Vorgänger hatten geduldet, daß die Gerichtswälder ausgeholzt wurden. Sie hatten auch einfach weggesehen, wenn einzelne Bauern Teile der allgemeinen Weide einzäunten und privat nutzten. Jetzt klagten andere mit dem Alt-Ammann Haltmayer beim Oberamt: In den wälderen seye freylich eine Unordnung. Man solte die alte holtzordnung, gleich wie bey dess ammann Schneiders seelig Zeithen observiert worden, hervorsuechen... der ammann Undt der waibl haben den bessten nutzen Von den aichen, dann sie beede nemmen das abholz darvon. Des Ammanns Sohn verkaufte sogar auf eigene Rechnung Gemeindeholz an die Harder Schiffsbauer. Die Straßen und Gräben waren verwahrlost. Und bei der Rechnungslegung fehlten dem Ammann Belege über 300 Gulden. Auch die Waisenbücher wiesen Mängel auf. Getadelt wurde außerdem, der Ammann verbiete das in den engen Holzhäusern so gefährliche Dörren von Flachs am Herdfeuer immer erst dann, wenn seine Frau damit fertig sei. Und diese bleibe sogar in des Ammanns Stube sitzen, wenn dort Beratungen abgehalten wurden. Die «Gemeinen» Leute hatten aus ihren Reihen Georg Rohner zum Sprecher gemacht, der ihre Anliegen beim Gericht Hofsteig vortrug, wo er als Geschworener seit 1698 gewählt und vereidigt war.3 Aber die Stimmung war zu aufgeheizt. Der Wolfurter Bascha Kalb nannte den Ammann und die Geschworenen «Lumpen» und kam dafür hinter Schloß und Riegel. Michel Stültz und Joseph von Ach riefen zum Aufruhr: Sie wollen dise Fresser zue sammenschlagen. Es kam zu einer Rauferei mit den Söhnen und dem Schwiegersohn des Ammanns. Erst das beherzte Eingreifen des Pfarrers, der den Anwander Zue der Stuben hinauss gestossen, trennte die Streiter. Auch diese Aufrührer kamen ins Gefängnis. Die rebellische Vereinigung des «Gemeinen Mannes» gegen die «Ständischen» hatte sich ab 1702 schnell im ganzen Land ausgebreitet. Vor allem verlangten ihre Vertreter eine gerechtere Verteilung der Steuerlast durch Einführung der «aydt Steur». Jeder sollte unter Eid sein Vermögen angeben und danach besteuert werden. Dagegen wehrten sich jedoch die Reichen. Eine Eidsteuer wurde in Wolfurt daher erst viel später im Jahre 1755 eingeführt:... daß jeder Bey Eyd und Gewißen, alle seine schulden, so wohl Ein alles auß gehendte4, angegeben werden sollen et müssen, wie auch die schon angeschribnen: Hab5, roß und vih, auch grundtstükher, ob er noch mer oder weniger habe.6 Aber schon 1704 traf sich Georg Rohner mit Vertretern anderer Gerichte zu Aussprachen über die Eidsteuer im «Ochsen» in der Bregenzer Oberstadt. Dann hielt er Versammlungen im weiten Umkreis ab, nicht nur in Hofsteig, sondern auch in Hofrieden, Dornbirn und sogar in Rankweil. 2 3 Bilgeri, Geschichte III., S. 200 4 Bilgeri, Geschichte III, S. 222 und 519 ff. VLA, Besatzbuch 1698, Oberamt Bregenz, n 471 Forderungen und Schulden 5 6 Hab = Habe, Haus und Besitz GA Wolfurt, Steuerbuch 1755 28 29 Als durch neue österreichische Einquartierungen im folgenden Winter die Not ein unerträgliches Maß annahm, handelten die «Gemeinen» selbständig. Gegen den Willen der Obrigkeit stellten sie eine Delegation zum Kaiser nach Wien zusammen. Mit ein paar Gleichgesinnten machte sich Georg Rohner auf den Weg über Ulm nach Wien. Persönlich überreichten die Gesandten im Mai 1705 dem Kaiser ihr Bittschreiben. Aber es geschah nichts. Die Willkür der Ständischen und die Erpressungen durch das Militär gingen weiter. Da platzte endlich den Hinterwäldern der Kragen. Auf den Mittwoch in der Bittwoche, an dem man sich sonst zu Prozessionen um die Felder versammelte, setzten sie einen «Marsch auf Bregenz» fest. Sie wollten mit den Ständischen abrechnen und die Soldaten aus dem Land jagen. Während Frauen und Kinder auf der Bittprozession beteten, verdunkelte eine Sonnenfinsternis wie ein drohendes Vorzeichen den Himmel. Die Wälder Männer aber marschierten trotzdem über Alberschwende aufs Land heraus. Dort erhielten sie Verstärkung von den Unterländer Bauern, sodaß schließlich 2000 bewaffnete «Gemeine» um den Adler in Rickenbach versammelt waren. Aus Bregenz eilte ihnen der Landschreiber entgegen und wollte sie zur Umkehr bewegen. Im Adler, im Gasthaus des Alt-Ammanns Haltmayer, trugen die Aufständischen dem Landschreiber ihre Forderungen vor. Selbst die beliebten Bregenzer Kapuziner waren gekommen, um Frieden zu stiften. Vergebens! Nach der Übernachtung in Rickenbach marschierten die 2000 Mann am Morgen des Himmelfahrtstages, am 13. Mai 1706, mit Trommeln und Pfeifen über die Achbrücke von Lauterach in die Stadt hinein. Die stolzen kaiserlichen Kürassiere und Dragoner mußten abziehen. Der Kassier der Stände war ins Kapuzinerkloster geflohen, mußte aber nun die Abrechnung herausrücken. Daraus ging hervor, daß die Stände die früheren Abmachungen um viele 1000 Gulden überzogen hatten. Drei Tage lang mußten die Bregenzer die Einquartierung der Bauern ertragen. Georg Rohner wurde nach Innsbruck zur Berichterstattung an die Regierung geschickt. Nur kurze Zeit konnte sich der Gemeine Mann über seinen Erfolg freuen. Bald erfand die Regierung eine neue Steuer, diesmal auf die Ausfuhr von Garn. Das traf die Hofsteiger, wo viel Flachs angebaut wurde, besonders hart. Wieder riefen sie zum Aufstand. Am 28. Februar 1708 marschierten die Dornbirner und die Hofsteiger, bewaffnet mit Gewehren, Säbeln, Morgensternen, Äxten und Gabeln, ein zweites Mal nach Bregenz. Sie schlugen dem Vogt Baron Pappus von Tratzberg die Scheiben ein. Nur mit knapper Not konnte er sich ins Kapuzinerkloster retten. Dort zwangen ihn die Bauern zum Widerruf der Garnsteuer. Noch am selben Abend floh der Vogt nach Lindau und schickte einen Bericht an den Kaiser. Die Beamten waren aufs tiefste gekränkt. Aber nur insgeheim forschten sie nach den Urhebern der Unruhen. Noch wagten sie nicht, dieselben zu bestrafen. Georg Rohner hielt weiter Versammlungen ab und plante sogar eine neue Reise zum Kaiser. 30 Baron Pappus dagegen, unterstützt vom Bregenzer Amtmann Benedikt Reichart, holte wieder kaiserliche Besatzung ins Land und zog im Stillen die Fäden zur Ausschaltung der Anführer des Gemeinen Mannes. Etliche kamen ins Gefängnis. Die Bewegung verlor ihre Kraft. Der verhaßte Amtmann Benedikt Reichart hatte übrigens schon 1696 Schloß Wolfurt erworben und es 1707 neu aufgebaut. Er führte das Wolfurter Ritterwappen und nannte sich «Freiherr von Wolfurt und Wellenstein».7 Gemeinsam mit Vogt Pappus von Tratzberg hatte Amtmann Reichart in Lauterach 1707 die Hofsteig-Ammannwahlen geleitet, bei denen Ammann Schwerzler durch Alt-Ammann Caspar Haltmayer ersetzt worden war. Nach den argen Turbulenzen von 1708 lehnten nun beide 1710 eine neuerliche Wiederwahl ab. Trotzdem wollte sie der Vogt vorschlagen weil mann aber an sithen des Kaiserl. Ambts nit rathsam Befunden, so vil alte geschworene auf einmahl zu entlassen, und lauter Junge und neue Leuth anzunemmen.8 Weil beide Alt-Ammänner bei ihrem hartnäckigen Nein blieben, mußte der Vogt seinen Gegner Georg Rohner, der schon bisher als Geschworener dem Gericht gedient hatte, als Wolfurter Ammann-Kandidaten gegen den Lauteracher Jakob Vonach und den Harder Caspar Dörler antreten lassen und zuschauen, wie dieser das Laufen der Wähler gewann. Nun konnte Rohner als Ammann selbstbewußt den «Ständischen» entgegentreten und das Recht der «Gemeinen» einfordern. Als ihn der Vogt 1713 ablösen wollte, ließ das versammelte Volk dies nicht zu: Gleich fast alle zuesammen geruoffen, das sie den alten ammann begehren.


Heimat Wolfurt Heft 14 1994 Mai
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 14 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 1994 Die Kennelbacher Brücke und das Zollhäuschen. Erste Eisenbetonbrücke in Österreich, erbaut 1904. Inhalt: 65. Ein Hauch Barock 66. Die Ach und die Ächler 67. Ein Kuß; Kloster Hirschthal 68. Wolfurter Alpen (Vogt) 69. Fremdenverkehr 1903 70. Steuerverzeichnis 1873 Zuschriften und Ergänzungen Autoren Die meisten Beiträge in diesem Heft stammen von Siegfried Heim. Die Forschungsarbeit über die Wolfurter Alpen hat Werner Vogt geschrieben. Vogt Werner Jg. 1931, Landesbeamter i. R., wohnt in Hard. Er ist Mitbegründer und Leiter des Bregenzerwald-Archivs in Egg und Verfasser des Vorarlberger Flurnamenbuchs, der Sagensammlung aus dem Bregenzerwald und vieler anderer Publikationen. Bildnachweis S. 5 von Hubert Mohr Alle anderen sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim. Druckfehler Heft 13, S. 5: Pfarrer Columban Reiner wurde 1776 geboren. Hofsteig (Heft 13, S. 6). Als Obmann der HofSteiger Musikvereinigung hat Hubert Sinz den Artikel allen Musikkapellen seines Bezirks zugeleitet und sich herzlich bedankt. Das Schneider-Wappen der Musikvereinigung ist übrigens ident mit dem Bischofswappen der 1000 Jahre alten Stadt Brixen im Südtirol. Über die Dokumentation »Hofsteig« hat sich ein Fachmann lobend ausgesprochen: Dr. Isfried Pichler, Chorherr in Stift Schlägl, OÖ. Er ist Autor vieler Geschichtswerke und auch ein Kenner unseres Landes. Leser der Zeitschrift »Montfort« erinnern sich an seinen Beitrag (42/ 1990) über Abt Martin Greysing aus Mellau, der Stift Schlägl nach den Wirren der Reformation neu aufgebaut hat. Wir sind stolz, daß Pater Isfried sich im fernen Schlägl die Zeit nimmt, unser »Heimat Wolfurt« zu lesen. Ammänner (Heft 13, S. 14). Zur Liste der HofSteiger Ammänner hat uns Werner Vogt eine ganze Reihe von ergänzenden Urkunden genannt, auf denen sogar bis jetzt unbekannte Ammänner aufscheinen. Nach weiteren Forschungen werden wir darüber berichten. Stammvater Fischer (Heft 13, S. 50). Von den vielen Nachkommen haben sich einige dafür bedankt, daß sie nun ihre verschiedenen Stammtafeln auf einen gemeinsamen Vater zurückführen können. Als Ergänzung dazu finden sie in diesem Heft unter »Barock« auch einen verwandten Klosterbruder Benedikt Fischer, der als Barockbaumeister arbeitete. Pfarrer Sebastian Vischers Testament nennt seine fünf Kinder Magdalena, Verena, Margaretha, Ursula und Johannes Vischer. Er vermachte ihnen 1591 das guoth so genant würdt das Bauholz und zue Wolffurt an dem Berg Im gericht hofstaig ligt. Das Bannholz-Gut gehörte eigentlich Christina Müchslin, seiner fünf Kinder Muoter. Nach ihrem Tod übernahm es der einzige Sohn Johannes Vischer, der dort mit seiner Frau Anna Düringin viele Kinder hatte, von denen fünf ab 1650 in den Pfarrbüchern aufscheinen. Er selbst ist am 15. April 1663 gestorben. Seine Kinder: Elsa Fischer, 1651 Patin bei Ammann Jakob Schneiders jüngster Tochter Maria, gestorben 1684, verheiratet mit Johann Anwander, Stamm-Mutter der Rickenbacher Anwander Balthasar, Bauer im Bannholz, Geschworener des Gerichts Hofsteig, Stammvater der Spetenleher Fischer Bartholomäus, Vater des Steinmetz Andreas Fischer Sebastian, Stammvater der »Stöoglar«Fischer, Großvater des Bruders Benedikt Fischer im Kloster Fischingen. Das Bannholz, das Stammgut aller Fischer, besaßen sie noch um 1750. Dann erwarben es die »Baholzar«-Schwerzler. Bitte! Diesem 14. Heft liegt ein Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87957 Raiba Wolfurt bei. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag wenigstens einen Teil der entstehenden Druck- und Versandkosten abzudecken. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt 1 Besonders interessiert für diese Forschungen zeigten sich Frau Mathilde Rauth von den »Seppar«Fischern aus Bregenz und Frau Dr. Marianne Fischer von den »Löwenwirtlern« aus Innsbruck. Frau Marianne ist Jahrgang 1912 und stand als Juristin über viele Jahrzehnte in leitender Stellung im kirchlichen Dienst beim Bischof in Innsbruck. Sie spricht aber noch ausgeprägten Wolfurter Dialekt, denn sie ist nach dem 1. Weltkrieg von der Steig aus in Wolfurt eingeschult worden. Ihr Vater Eduard Fischer, geboren 1884 im »Löwen« in Rickenbach, leitete in Innsbruck die Rechtsanwaltskanzlei Dr. Fischer/Dr. Schuschnigg. Sein jüngerer Partner Dr. Kurt Schuschnigg war 1934-38 Bundeskanzler. Dr. Fischers Frau Paulina war ebenfalls eine geborene Fischer aus Wolfurt und gehörte zur Sippe der »Seppar«. Von ihren sieben Kindern hat Anton im Jahre 1940 gemeinsam mit Pfarrer Rohner in Wolfurt Nachprimiz gefeiert. Er war später viele Jahre Pfarrer in Kematen und ist jetzt seit 1993 in Hoch-Rum in Pension. Die Tochter Mag. Rita Fischer ist in Schwarzach mit dem langjährigen Gemeindearzt Dr. Walter Hinteregger verheiratet. Freundliche Grüße an alle! Fußball und Liebe (Heft 13, S. 52). Armin Böhler, Murars, der in den Anfangsjahrern des FC 1947 am längsten das Tor hütete, gab folgende Reihe der ersten Wolfurter Tormänner an: 1. Klettl Karl (Karl hat das bestätigt. Allerdings ergänzte er, für einen Goole sei er zu klein gewesen. Manchen Ball »im Krützegg« habe er nicht erwischt.) 2. Bereiter Josef, der Dschoo aus Kennelbach 3. Fischer Ludwig 4. Schubert Helmut, nach ihm wieder Luggi Fischer 5. Böhler Armin Armin erzählte auch von der damals überaus bescheidenen Ausrüstung. Er selbst habe die alten Schuhe seiner Bäsa Katrie getragen. Als ihm der Schuhmacher Albert Schertler (Altvorstehers) Stoppeln aufnageln sollte, fragte ihn der: »Stoppla? Was ist ou des?« Stolz konnte Armin bald darauf Bäsas Schuhe beim Training zeigen. Aber das nächste Mal kam er wieder barfuß. Seine Mutter Anna hatte die praktischen Schuhe zur Arbeit im Acker »a dr Iosol« entführt. Kügolo (Heft 13, S. 54). Wie eine Reihe anderer Leser bedankte sich Neide Böhler (Metzger Reiners, Jg. 1913) für die Zusendung der Hefte. Sie freue sich auf jedes neue und schicke es dann ihrer Christi (Rohner) nach Amerika. Beim Lesen von »Kügolo« erinnerte sie sich, daß ihr Vater, ein bekannter Jäger und Schütze, die Kügolar beim genauen Anvisieren gelobt habe: »Tond nu fest öüglo! Das git guot Schützo!« - Einen schönen Gruß an Christi und Kurt, die Farmer in Ontario. Sammüller Böhler (Heft 11, S. 16 und 25). Die Sammüller haben ihre Sippe im November 1993 zu einem fröhlichen und langen Treffen ins Kreuz eingeladen. Weil einer dabei aus unserem Heft 11 vorgelesen hat, wurden nachher zusätzliche Exemplare angefordert. Die Mohr-Familien (Heft 11, S. 2) haben sich für unsere Beiträge bedankt und den gesamten Ertrag ihres Festes dem Krankenpflegeverein überwiesen. Danke schön! 2 Siegfried Heim Ein Hauch Barock Baumeister Beer von Bildstein Schrecklich hatte der 30jährige Krieg in Mitteleuropa gewütet. Auf die Jahre des Brennens und Mordens folgte aber dann eine Zeit des Wiederaufbaus. Von Italien her breitete sich die Baukunst des Barocks in die Länder nördlich der Alpen aus. Als ersten großen Kirchenbau in Deutschland ließen die Benediktiner 1651 ihr Stift St. Lorenz in Kempten wiedererstehen. Zwanzig Jahre zuvor hatten es die protestantischen Kemptener selbst gemeinsam mit den Schweden zerstört und dabei die Gruft des mächtigen Fürstabts Eucharius von Wolfurt geschändet. Nun bezog ein Bregenzerwälder Trupp unter Michael Beer von Au die Baustelle. Aus diesem Anlaß hatte Baumeister Beer die Auer Zunft gegründet, aus der im folgenden Jahrhundert jene großen Meister wuchsen, die an insgesamt etwa 400 Bauorten arbeiteten. Staunend stehen wir heute vor den Prunkfassaden von Einsiedeln, St. Gallen, Birnau, Weingarten oder Ottobeuren und sind stolz, daß Leute aus unserem Land all diese Pracht ersannen. Fast noch wichtiger war aber damals, daß sie Hunderte von Männern aus den Wälder Dörfern mit in die Fremde nehmen konnten und diesen Gastarbeitern dort einen sicheren Arbeitsplatz vermittelten. Denn daheim in Vorarlberg war in jenem Jahrhundert die Not unsagbar groß.1 Die Hälfte (!) der Einwohner suchte Verdienst im Ausland. Nun hat mich Hubert Mohr, der seit einigen Jahren mit seinem Fotoapparat den Spuren der Barockbaumeister folgt, darauf aufmerksam gemacht, daß mit der Auer Zunft auch Männer aus Wolfurt in die Fremde zogen. Wie kamen sie dazu? In Bildstein hatte man 1663 mit dem Bau einer für jene Zeit überaus großen Kirche begonnen. Finanziert wurde sie aus den Gaben der Wallfahrer. Die Aufsicht über Wallfahrt und Geld hatte der Pfarrer von Wolfurt, denn noch mehr als 100 Jahre lang gehörte Bildstein zu Wolfurt. Baumeister war Michael Kuen aus Bregenz. Die Doppelturm-Fassade wurde aber erst 1692 erstellt. Daran dürfte die Auer Bauzunft gearbeitet haben, denn Meister Kuen war schon 1686 gestorben und die Auer Meister waren inzwischen berühmt geworden. Bildstein war um jene Zeit das Tor zum Bregenzerwald. Wenn die Wälder Bauarbeiter jetzt im Spätherbst von ihren Baustellen in der Schweiz den Rhein oder aus Süddeutschland die Ach überquerten, sahen sie in den Türmen von Bildstein den ersten Gruß der lang entbehrten Heimat. Und oben in Bildstein trafen sie einen alten Freund. Nach dem B au der Türme hatten Jakob Natter und seine Frau Catharina Willi gleich 1 Heimat 13, S. 28: »Der Gemeine Mann« und Heimat 2, S. 27ff. »eine elend betrübte Zeit«. 3 neben der Kirche den Gasthof Adler errichtet. Beide entstammten hoch angesehenen Auer Baumeisterfamilien. Nun machten sieden Adlerzu einem beliebten Treffpunkt der Wallfahrer. Der Priester Dr. Jakob Halder leitete damals die große Bildsteiner Bruderschaft, die über 40.000 Menschen umfaßte. Er war ein Freund der Familie Natter und Taufpate für deren Kinder. Adlerwirt Natter erhielt von 1716 bis 1722 auch das Amt des Hofsteigammanns. Von den Auer Bauleuten kehrte einer besonders gern im Adler zu, Johann Michael Beer I, der später ein ganz großer Baumeister werden sollte. Am 11. Septemter 1723 hielt er in Wolfurt Hochzeit mit Maria Christina Natter, der Tochter des Bildsteiner Altammanns. Zeugen der Eheschließung waren der Brautvater und der beliebte Wolf urter Hofsteigammann Georg Rohner.2 Ammann Rohner wurde später auch Taufpate für einige Beerkinder. Johann Michael Beer I. entstammte der Auer Baumeisterfamilie Beer, doch war er kein direkter Nachkomme des Gründers der Zunft. Dessen gleichnamiger Enkel Johann Michael Beer II. war nur vier Jahre jünger als unser Bildsteiner Johann Michael I. Damit man sie unterscheiden kann, fügt man bei I. den Wohnort »von Bildstein« an. Bei II. bedeutet »von Bleichten« dagegen einen Adelstitel, den er von seinem berühmten Vater Franz Beer II. von Bleichten übernommen hat. Johann Michael I. von Bildstein war 1796 in Au geboren worden. Bei seinem Vater Franz I. hatte er die Lehre als Maurer und Steinhauer gemacht und war 1717 freigesprochen worden. Nun war der junge Baumeister gleichzeitig auch Adlerwirt in Bildstein geworden. Aber die Obsorge für die Gäste dürfte er wohl meist seiner Frau Christina und den heranwachsenden Töchtern Katharina und Isabella überlassen haben. Er selbst saß den ganzen Winter über hinter seinen Plänen und zeichnete »Risse« von Schlössern, Klöstern und schönen Bürgerhäusern. Dazwischen traf er sich in Au bei den Versammlungen der Zunft mit den anderen Meistern und besprach mit ihnen die anstehenden Probleme. Viele seiner Entwürfe sind in den Archiven erhalten geblieben. Im Frühling aber stellte er jeweils Bautrupps unter einem erfahrenen »Palier«3 zusammen und wanderte mit ihnen zu den manchmal viele Tagereisen entfernten Baustellen, wo sie bis zum Spätherbst schwer arbeiteten. Von 5 Uhr früh bis 7 Uhr abends dauerte täglich die Arbeit, unterbrochen nur von zwei einstündigen Essenspausen. Aus den Werken von Meister Beer von Bildstein ragen einige besonders hervor. 1753 bis 1765 arbeitete er an der Benediktinerabtei Fischingen in Toggenburg, für die er die Pläne Caspar Moosbruggers umgearbeitet hatte. Dazwischen entstand 1757 das Bregenzer Kapellenkleinod St. Nepomuk am Kornmarkt, das ihm ebenfalls zugeschrieben wird. Dann aber zog er nach St. Gallen zum Bau der Stiftskirche St. Gallus und Othmar. Dreißig Jahre lang hatten die größten Auer Architekten hier geplant. Auch Beer von Bildstein hatte eine ganze Serie von Plänen vorgelegt.4 Schließlich baute Peter Thumb das Langhaus. Den neuen Chor und die imponierende Ost-Fassade mit den Doppeltürmen durfte aber Johann Michael Beer von 2 Trauungsbuch Wolfurt. Über Georg Rohner lies nach in Heimat 13, S. 28-34 Palier = Vorarbeiter und Aufseher 4 Norbert Lieb, Die Vorarlberger Barockbaumeister, 1976, S. 170. Diesem Buch sind auch viele andere Angaben entnommen. 3 Die Ostfassade der Kathedrale von St. Gallen. Im Jahre 1767 hat Meister Beer von Bildstein dieses herrliche Spätwerk des Barock fertiggestellt. Foto: Hubert Mohr 4 5 Bildstein 1761 bis 1767 errichten. Auch an der Planung zur großen Stiftsbibliothek, die Peter Thumb gleichzeitig baute, hatte Beer entscheidenden Anteil. Die Fertigstellung des Stifts fiel mit dem 50. Jahrestag seiner Freisprechung zusammen und wurde am 11. Jänner 1767 in Au groß gefeiert. Den Adler in Bildstein hatte Beer längst übergeben. Schon 1734 war sein Schwiegervater Ammann Jakob Natter gestorben. Aber bald war ein neuer Adlerwirt eingezogen. Beers Tochter Isabella hatte am 17. Jänner 1751 in Wolfurt den Dornbirner Johann Caspar Luger geheiratet. Dieser führte nun das Gasthaus und war bald so bekannt, daß ihn die Hofsteiger 1761 bis 1764 zu ihrem Ammann machten. Wenn Meister Beer von seinen weiten Reisen heimkehrte, sah er seine Enkel groß werden. Der älteste war nach ihm Johann Michael getauft worden und der Rickenbacher Adlerwirt Andreas Haltmayer war sein Taufpate in der Pfarrkirche zu Wolfurt. Noch mit 80 Jahren zeichnete der rüstige Greis Pläne für Thurgauer Bauherren. Am 8. Juli 1780 ist er im Alter von 84 Jahren in Bildstein gestorben. Im Tode widerfuhr dem großen Meister eine besondere Ehre. Mit Erlaubnis des Wolfurter Pfarrers wurde er als erster Bildsteiner in Bildstein begraben. »Omnibus sacramentis provisus in Ecclesia Bildsteinensi sepultus iacet, persolutis parocho Wolffurtensi iuribus stolae«.5 Wie einen Fürsten trug man ihn zu einer Gruft in der Kirche, so wie man fast 100 Jahre zuvor hier den österreichischen Feldherrn Graf Max Lorenz von Starhemberg bestattet hatte. Einen Friedhof gab es ja 1780 bei der Wallfahrtskirche noch nicht. Mit dem Tode des Meisters fällt auch das Ende des Rokoko-Zeitalters zusammen, zu dem sich der Barock und die Kunst der Wälder Baumeister und Stukkateure längst entwickelt hatten. Die Aufklärung, die Französische Revolution und die Napoleonischen Kriege veränderten das Denken und die Landkarte Europas nachhaltig. Die Saison-Auswanderung kam zum Erliegen, die Industrialisierung begann. Mit ihrer vielfach gering geachteten Kunst gerieten die Vorarlberger Meister des Barock in Vergessenheit. Erst in unseren Jahrzehnten hat man manche ihrer herrlichen Kirchen wieder restauriert. Der Adler in Bildstein kam im 19. Jahrhundert zuerst in Besitz der Familie Gunz und dann an Franz Anton Böhler, dessen Nachkommen noch heute »Adlerwirts« genannt werden. Den gebrechlich gewordenen mehr als 200 Jahre alten Gasthof kaufte im Frühling 1903 Pfarrer Josef Anton Köb für die Kirche Bildstein. Er errichtete an seiner Stelle ein Armenhaus, in dem die Barmherzigen Schwestern viele Jahre lang aufopferungsvoll wirkten. Heute ist dort das Gemeindeamt untergebracht. An der Kirche von Au erinnert seit 1957 eine große Tafel andie Auer Thumb, Beer und Moosbrugger. Wird man sich auch in Bildstein eines Tages wieder an Meister Johann Michael Beer von Bildstein erinnern? Palier Sebastian Fischer aus Wolfurt Wenn die Wälder Bautrupps im Frühjahr zu ihren Arbeitsplätzen aufbrachen, schlössen sich ihnen auch manchmal Männer aus dem Unterland an. Einzelne wurden sogar in die Auer Zunft aufgenommen. Jodok Beer I. aus Au war ein Onkel des Joh. Michael Beer I. von Bildstein und wie dieser in Au geboren. Als 34jähriger Meister heiratete er 1684 Agnes Bertel aus Wolfurt. Sie war als einzige Tochter des Gallus Bertel 1653 in Rickenbach geboren worden und mit der Familie Fischer auf der Steig nahe verwandt. Ihr Mann Jodok arbeitete an mehreren Baustellen in Württemberg, hauptsächlich in Sigmaringen und in Leutkirch. Dorthin nahm er 1685 auch den jungen Andreas Fischer mit, der bei ihm die Lehre als Maurer und Steinmetz machen sollte. Noch vor Beendigung der Lehrzeit verstarb aber der Meister Jodok Beer. Andreas Fischer war auf der Steig am 30. 1.. 1666 als Sohn des Bartholomä Fischer und der Maria Bertel geboren worden. Die Barock-Forscher fanden ihn noch als Steinmetz im Jahre 1701 bei der Erstellung der Säulen für das Kloster St. Mang in Füssen. Dann verliert sich seine Spur.6 Etwas mehr wissen wir über seinen jüngeren »Stöoglar« Verwandten Sebastian Fischer. Dieser wurde am 17. Juli 1722 ebenfalls auf der Steig als Sohn des Georg Fischer und der Barbara Höfle geboren. Ab wann er mit den Auern ausgezogen ist, weiß man nicht. Aber jedenfalls hatte er in Johann Michael Beer von Bildstein einen ausgezeichneten Lehrmeister. Als dieser ab 1753 einen neuen Trakt an das Kloster in Fischingen anzubauen hatte, setzt er den 31jährigen Meister Sebastian bereits als verantwortlichen Palier ein. Die Benediktinerabtei Sancta Maria in Ova liegt zwischen St. Gallen und Winterthur im oberen Murgtal beim Dörflein Fischingen nur wenige Kilometer neben der Autobahn. Sie besitzt im Grab der Hl. Idda von Toggenburg eine Wallfahrtsstätte, die wie Bildstein um das Jahr 1700 einen ungeheuren Zustrom hatte. Daher plante der große Caspar Moosbrugger schon bald nach seinem Eintritt ins Kloster Einsiedeln auch hier eineriesigeAnlage. Nach von MeisterBeervonBildsteinüberarbeiteten»Rissen«wurde jetzt weitergebaut.7 Sebastian Fischer war so von seiner Aufgabe erfüllt, daß er nach drei Jahren um Aufnahme ins Kloster bat. Am 5 6 Sterbebuch der Pfarre Wolfurt 1780 Lieb, S. 91 Klaus Speich, Kirchen und Klöster der Schweiz, 1978, S. 274 7 6 7 14. November 1756 wurde er als »Bruder Benedikt« bei den Benediktinern aufgenommen. Wie sein großes Vorbild Bruder Caspar Moosbrugger sollte er ab jetzt die Aufgaben eines Klosterarchitekten übernehmen. Aber schon zu Allerheiligen 1757 starb er, gerade 35 Jahre alt.8 Das Kloster Fischingen wurde 1848 aufgehoben. Die herrliche Barockkirche und die angebaute Iddakapelle mit dem mittelalterlichen Grab der Heiligen stehen aber weiterhin der Wallfahrt offen. Wir sollten dort auch einmal stillhalten! Wenn wir dabei an jene Männer denken, die aus unseren Dörfern ausziehen mußten, um unter Entbehrungen in der Fremde diese kostbaren Bauten zu schaffen, dann werden wir wohl ein wenig zufriedener heimkehren. Siegfried Heim •• Die Ach und die Achler »A dor Ach dus« - das hat für die Wolfurter einen besonderen Klang. Darin ist etwas enthalten vom Rauschen des Hochwassers, vom Rascheln des Windes in den Erlenbüschen, von jubelnden Kinderstimmen auf dem Spielplatz, von vielen Erinnerungen an schöne Tage an unserem großen Wasser. »Ach«, -unsere Eltern sagten noch »A«, »a dor A«-, kommt vom althochdeutschen »aha« und bedeutet einfach »Wasser«. Es ist eines der ersten Kinderwörter wie »mama« oder »ata«. Daher findet es sich als »Ach« oder »Achen« auch überall im deutschen Sprachraum in unzähligen Ruß- und Städtenamen. In alten Urkunden hieß unsere Ach ganz einfach die »Bregenz«, etwa im Hofsteiger Landsbrauch »das wasser die Bregentz genannt«' oder in der Emser Chronik »nach dem Hoff Rieden über das Wasser die Bregentz ligt der Hoff Staig«.2 Wasser, Steine und Holz Seit Menschen in unserem Land leben, war die Ach zugleich Segen und Sorge für sie. Man schätzte ihr Wasser zum Trinken und Waschen, man nutzte ihren Fischreichtum und ihre Steine und ließ sich von ihr das Holz aus dem Wald tragen. Immer wieder aber überfluteten große Hochwässer die Äcker und rissen Menschen und Tiere mit sich. Etwa ab dem Jahr 1000 begannen Bregenzer Bürger das Holz aus dem Bregenzerwald zu »flößen«. Die »holzlüt« mußten an die Montforter Grafen eine besondere Transportsteuer bezahlen, die »ahlösi« (Achlöse). Als ab 1300 der Weinbau überall rund um den Bodensee aufblühte, stieg der Bedarf an Rebstecken ungeheuer an. Das »Holzwerk« wurde zur wichtigsten Einnahmequelle für die Stadt Bregenz. Jeder dritte Bregenzer lebte davon3. Bis aus dem hintersten Wald wurden »huwen« von 8 Schuh Länge geflößt.4 Ungeheure Holzvorräte lagerten am Bregenzer Seeufer. Im Jahre 1494 waren es 15.000 Blöcke, 1509 29.000 Stück und 1511 sogar 40.000. In zahlreichen Spalthütten wurden sie zu Rebstecken, Schindeln, Rafen und auch zu Brückendielen verarbeitet und dann in alle Städte 8 Ebenso bei Lieb, S. 91 1 2 3 4 LMV 1900, S. 167, aus dem Jahre 1544 Schleh, Emser Chronik, S. 25, aus dem Jahre 1616 Bilgeri, Bregenz, S. 53 8 Schuh = 2,5 Meter 8 9 Sonntag an der Ach (um 1932). Hammerschmieds Wilhelm, Künz Heinrich, Rohner Eugen, Kresser Josef II-, Kresser Josef I., Kresser Franz. Eines der schönsten Ächler Häuser: Hohl Hans-Irgs an der Bützestraße. An seinem Platz steht jetzt das Zementwerk Rohner. am See bis hinab nach Schaffhausen verkauft5. Eine der reichsten Holzhändlerfamilien waren die Leber, die sich auf Schloß Wolfurt niederließen und von Kaiser Maximilian zu Rittern »von Wolfurt« geadelt wurden.6 Natürlich hätten sich auch die Hofsteiger gerne an den guten Geschäften beteiligt. Aber die Bregenzer ließen keinen Fremden zu und wußten ihre Privilegien gut zu schützen. Auf Holzdiebstahl standen schwerste Strafen, sogar das Abhauen der rechten Hand.7 Erst allmählich gelang es den Hofsteigern, auch in das Rebsteckengeschäft einzusteigen. Aber die Klimaverschlechterungen nach 1600 brachten bald den Weinbau und damit den Holzhandel zum Erliegen. Immerhin wurden im Jahre 1818 noch über 800.000 Rebstecken von Hard aus mit Schiffen über den See exportiert.8 Die letzten Bündel aus Bildstein und Buch lagerten noch 1916 auf dem Wolfurter Kirchplatz. Die Flößerei von Nutzholz auf der Ach wurde erst 1948 endgültig eingestellt, als die Harder Holzhändler ihren »Rechen« abmontierten. An der Ach hatte man 5 6 7 8 Bilgeri, Bregenz, S. 80, S. 142 und S. 205 Siehe Heimat 5, S. 8 Bilgeri, Bregenz, S. 79 Tiefenthaler, Daubrawa-Berichte, 1950, S. 69 sich anderen Geschäften zugewendet. Da war der Handel mit »Achbollen« aufgekommen. Schon 1656 standen in Bregenz und Hard sieben Kalköfen, in denen Achsteine gebrannt wurden. Jetzt beschwerten sich deren Besitzer, daß die Hofsteiger injüngster Zeit ungebrannte Steine nach Lindau und bis Konstanz verkauften. Das wurde verboten !9 Dagegen wehrten sich die Hofsteiger. Doch erlaubte ihnen Vogt Pappus von Tratzberg schließlich nur den Tausch von ausgeführten Steinen gegen Dachziegel aus Langenargen. Wollten sie ungebrannte Steine verkaufen, so mußten sie diese zuerst in Bregenz anbieten.10 Ab 1800 begannen die Ächler, den Holzreichtum der Ach selbst zu nutzen. Man hatte die Lehmvorkommen im Flotzbach entdeckt. Von dort wurden jetzt unzählige Fuhren von gelbem und blauem Ton an die Ach verfrachtet und dort mit geflößtem Holz gebrannt. Die Wolfurter Familien Klocker, Dür und Schertler hatten am Damm Ziegeleien gebaut und kamen damit im 19. Jahrhundert zu Reichtum und Ansehen. Erst die Einfuhr billiger Kohle, die die Eisenbahn ab 1884 brachte, hatte die Verlegung der Ziegelei zu den Lehmlöchern im Flotzbach zur Folge. An der Ach blieb nur mehr die Kalkbrennerei. 9 10 Kleiner, Bregenzer Regesten, 1656 Kleiner, Bregenzer Regesten, 1665 10 11 Damm und Wuhr Die Ach entspringt im Auenfeld am Tannberg. Ihre höchstem Quellen an der Mohnenfluh liegen fast 2,500 m hoch. Nach rund 65 km Lauf mündet sie bei Hard in den Bodensee, jetzt nur mehr 396 m über dem Meer. Die Wasserführung schwankt ungeheuerund erschwert die Nutzung ihrer Kraft, Bei anhaltendem Frost kann sie im Februar unter 4 m3 pro Sekunde liegen. Auch nach langen Dürrewochen ist das Flußbettim August manchmal fast trocken. Bei extremen Hochwassern führt die Ach dagegen über 1000 m 3 Wasser pro Sekunde und transportiert natürlich auch riesige Geschiebemassen mit sich, Ihre jährliche Schottermenge wird mit 56.000 m3 angegeben.1 Dieser Schotter ist zum Teil Kalkstein aus dem Quellgebiet zwischen. Braunarl (2.649 m, höchster Berg des Einzugsgebietes) und Widderstein, zum weit größeren Teil aber gehört er verschiedensten Molassegesteinen an. Eine Unzahl von Nebenflüssen haben ihn ins Achbett getragen, wo er zum grobkörnigen Achsand zerrieben wird. Die wichtigsten Nebenflüsse: Argenbach (Damüls) Mellenbaeh (vom Hohen Freschen) Bizauer Bach Sehmiedebach (Schetteregg) Subersach (von Schönenbaeh) Weißach (von Oberstaufen im Allgäu) mit Bolgenach (aus Baldersehwang) Rotach (von Weiler im Allgäu) Von weit her bringt, also unsere Ach ihr Wasser, aus dem ganzen Bregenzerwald und Das Flußbett der Ach hat sich immer wieder verändert. Als sich am Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren der Rheingletscher langsam aus dem Bodenseetrog zurückzog, schüttete die Ach in seiner Randkluft mit ihren Schottermassen die Terrassen von Oberfeld und Ölrain auf. Einen großen Teil davon trug sie später selbst wieder ab, als sie mit dem Rhein bei der Auffüllung des Sees wetteiferte. Noch im Mittelalter hatte die Ach freien Lauf, sobald sie bei Kennelbach aus der engen Schlucht heraus das offene Rheintal erreichte. Ihr Bett war vom heutigen VKW-Kanal am »Falligen Bach« bis zur Wolfurter Loackerstraße mehr als einen Kilometer breit. In mehreren Armen und vielen Windungen strömte ihr Wasser zum See hinab. Dazwischen entstanden und verschwanden immer wieder Inseln, von jedem Hochwasser neu geformt. Nur zaghaft weiteten die Hofsteiger ihren Getreide-Esch gegen das Ufer aus. Noch viele Jahre war der oft überflutete Auwald ein Paradies für Wasservögel und Wild und ein riesiges Laichgebiet für Fische und Frösche. Im freien Bereich im Wolfurter Weidach erwarben um das Jahr 1350 Bregenzer Bürger den Grund, rodeten die Stauden und legten große Weingärten an." Weil Äcker und Weingärten immer wieder unter dem Achhochwasser litten, begann man in Wolfurt und Lauterach mit der Anlage von Schutzwuhren. Das alte Achufer ist heute noch an vielen Stellen als Geländekante sichtbar. Es entspricht dem Lauf von Inselstraße - Firma Lohs - Loackerstraße nach Lauterach zur Weißenbildstraße und zum »Kresser-Bühel«. An der Erhaltung der Wuhranlagen beteiligten sich neben Hofsteig auch die Bregenzer Bürger. Das Kloster Weißenau bei Ravensburg mußte seit 1491 ebenfalls Wuhrsteuer bezahlen.12 Im Jahre 1542 drang das Hochwasser mit so großer Gewalt in das ungeschützte Hard ein, daß sogar die Leichen aus dem Friedhof gespült wurden. Hard hatte bis jetzt die Teilnahme an einer gemeinsamen Wuhrung verweigert, jetzt sträubten sich Lauterach und Wolfurt gegen eine Verlängerung ihres Dammes bis an den See. Zwei Tage lang mühte sich im Jahre 1544 eine vom König und späteren Kaiser Ferdinand eigens eingerufene Kommission, der Vogt Hans Werner von Raitenau und Graf Hans von Hohenems als Schiedsrichter vorstanden, den Streit zu schlichten. Schließlich kam ein Vertrag zwischen den drei Uferdörfern zustande, in den auch der Abt von Mehrerau als Lehensherr vieler Klostergüter links der Ach und der Rat der Stadt Bregenz eingebunden wurden. Bregenzer Bürger besaßen ja ebenfalls viel Grund im Hofsteigischen. Außerdem beschädigten Bregenzer Holzleute häufig mit ihren geflößten Holzmassen die Wuhrbauten. Jetzt wurde die gemeinsame Errichtung und Instandhaltung der Dämme unter der Leitung gewählter Wuhrmeister beschlossen. Einen Teil der Kosten übernhamen die Holzleute, der größere Teil wurde als Wuhrsteuer auf alle Grundstücke in "Bilgeri, Bregenz, S. 53 12 Kleiner, Bregenzer Regesten 311 1 1 Schwarz, Heimatkunde, 1949 12 13 der Ebene »von Ach zu Wolfurt und der pergstrass hinaus bis an Tellenmossprugg« und bis hinab zur Fußach verumlagt. Vergebens wehrten sich später die Rickenbacher mit der Begründung dagegen, sie hätten schon übergroße Kosten mit der Bändigung ihres wilden Baches.'3 Der Vertrag von 1544 besteht seit nunmehr 450 Jahren noch immer in der LAWK (Linksseitige Achwuhrkonkurrenz) fort. Im Jahre 1605 wurde die Wuhrordnung als Grundlage der Zusammenarbeit von Bregenz mit den drei linksseitigen Hofsteiggemeinden neu erlassen. Später trat auch Fußach dem Vertrag bei. Nach der Straße Lauterach-Dornbirn wurde unter Maria Theresia 1771 auch eine neue Straße Lauterach - Hard - Fußach auf einem Achdamm angelegt. Zu ihrem Schutz mußte auch in Wolfurt ein neuer Damm errichtet werden. Auf ihm verläuft die heutige Achstraße. Jetzt konnte die »Alte Insel« bis herein zur Inselstraße gerodet und verteilt werden. Der westliche Teil »in den Löchern« und »in der Hell« blieb noch viele Jahre Wildnis. Negrelli bezeichnet dieses Gebiet auf einer Karte von 1827 als »Lautracher Ried«14. Allerdingshatte 1819 der erste »Höll-Bur« Joh. Georg Gasser mitten in diese Wildnis hinein ein einsames Haus gebaut. Es mußte erst 1978 der Autobahn weichen (Bösch Hans, Achstraße 49). Der große Achdamm war den wilden Hochwassern nicht immer gewachsen. Im Jahre 1813 brach er im Wida. Die Fluten strömten weit nach Lauterach hinein und rissen in der Lerchenau ein Stück von der alten Papierfabrik weg.15 In den Jahren 1866 bis 1870 wurde außerhalb der Achstraße ein zweiter Damm aufgeschüttet, die heutige Dammstraße von der Kennelbacher bis zur Lauteracher Brücke. Auf den dabei gewonnenen von Buschwerk überwucherten und von Steinen übersäten Feldern stand den Wolfurter Interessenten fünf Jahre lang die unentgeltliche Nutzung frei. Wegen Unstimmigkeiten in der Verrechnung setzten die Hofsteiggemeinden 1868 den Bregenzer Wuhrschreiber ab und gründeten die LAWK, in die Hard und Lauterach je 3, Wolfurt und Fußach nur je 2 Vertreter entsandten. Gleichzeitig verkaufte die Riedener Parzelle Kennelbach das ganze rechte Achufer an die Firma Jenny und Schindler. Durch massive Wuhrungen im »Millionenloch« drängte diese innerhalb weniger Jahre die Ach vom Berghang weg und gewann auf drei Kilometer Länge mehr als einen halben Quadratkilometer Grund. Darauf stehen heute die Firma Uhl, große Siedlungen, der Kennelbacher Sportplatz und die riesigen Anlagen der Vorarlberger Kraftwerke. In ihrem eingeengten Bett begann die Ach nun, sich mit erhöhter Fließgeschwindigkeit in die Tiefe zu graben. Dabei unterspülte sie die Wolfurter Ufer. Ein starkes Hochwasser riß 1926 vom heutigen Bauhof abwärts große Teile der Böschung mit sich und gefährdete den Damm. Mit Unterstützung des Landes befestigte die LAWK im Jahre 1927 das Ufer. Die Firma Menia betonierte massive Mauern. Diese »Spicker« halten seither den Hochwassern stand. Ab 1936 13 14 15 Die Achstraße um 1940. Hohl Engelbert auf seinem Brückenwagen und zwei Radfahrer. verteilte das Wasserbauamt mit einem von der Firma Doppelmayr erstellten Kran riesige Steinquader und festigte damit die Uferböschung. Noch bis etwa 1960 transportierten große Lastautos ganze Felsen aus dem Hohenemser Steinbruch an die Ach. Inzwischen war diese aber zum reißenden Kanal geworden und unterspülte die Brückenpfeiler. Jetzt mußte man gegensteuern. Ende der 70er-Jahre wurden unterhalb der Brücken mächtige Sohlschwellen eingebracht, die seither ein weiteres Absinken des Flußbettes und des für uns so wichtigen Grundwasserspiegels verhindern. Nach dem Rheindurchstich und der Regulierung der Dornbirnerach trat Fußach 1937 aus der LAWK aus. Seither wird diese von acht Vertretern der drei Gemeinden nach einem neuen Statut von 1952 geleitet. Sie hat viel Grund für Siedler und Industriebauten verkauft und dafür Waldbesitz erworben. Nach menschlichem Ermessen scheint die ungestüme Kraft der Ach nun gebändigt. Noch immer ruft das Tosen ihres Frühsommerhochwassers jedes Jahr viele Ächler ans Ufer. Erschauernd beobachten sie den Tanz von entwurzelten Bäumen auf den reißenden Wellen. Da ist es ein gutes Gefühl, sich auf dem festen Grund zu wissen, den die Väter in jahrhundertelangem Kampf der Ach abgerungen haben. 15 Heimat 6, S. 41 Baudirektionsplan P. 13 im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck Schneider, Lauterach 1953, S. 208 14 Brücken Schon für die kriegerischen Räter und dann auch für die Marschkolonnen und Handelsfahrzeuge der Römer war die Ach ein arges Hindernis. Bei Frost und bei Trockenheit konnte man das Rußbett an vielen Stellen zwischen Wolfurt und Hard überqueren. Hochwasser zwang die Reisenden aber oft zu langer, unwillkommener Rast und machte sie von einem ortskundigen Führer oder einem Fährmann abhängig. Eine Römer-Furt läßt sich bei Rieden nach Lauterach nachweisen. Ein Furt vom Oberfeld nach Kennelbach kennt man spätestens seit dem Mittelalter. Die Überlieferung meint, der Name »Wolfurt« (um 1600 meist »Wolffurt«geschrieben) bedeute »Furt der Wölfe« oder auch »Wohl-Furt«. Dagegen spricht aber sein spätes Auftauchen in den Urkunden. Als die anderen Siedlungen längst ihre heutigen Namen besaßen, fiel unser Ort 1167 noch unter dem Namen »St. Nikolaus« an Kaiser Friedrich Barbarossa und 1226 unter dem gleichen Namen von dessen Sohn Heinrich an das Kloster Weißenau. Um das Jahr 1220 taucht» von Wolffurt« erstmals als Name der Ritter unseres Schlosses auf, die nach der Sage als »Wolfford« aus Schottland stammten. Vom Schloß ging der Name erst viel später auf den Kellhof rund um die Kapelle St. Nikolaus und schließlich auf das ganze Gemeindegebiet über, hat also wohl keinen Bezug zur Ach. Der Furt viel näher stand Schloß »veldegg« oder »oberveld«, das seit dem 13. Jahrhundert den Achübergang für die Montforter Grafen bewachte. Im Jahre 1409 läßt sich an der Ach ein »varlehen« (Fährelehen) im Besitz der Bregenzer nachweisen. Diese Fähre bestand noch bis ins 19. Jahrhundert. Um das Jahr 1800 verpachtete die Stadt Bregenz das Recht an einen Kennelbacher Bürger. Nach dem Aufstand von 1809 schleppten die siegreichen Franzosen das Fährschiff als Kriegsbeute nach Bregenz. Auf der Achkarte von 182716 ist aber wieder ein Boot bei Kennelbach eingezeichnet. 1837 pachteten Jenny und Schindler die Fähre von der Stadt Bregenz, um damit ihre vielen Arbeiter nach Wolfurt überzusetzen, wo die meisten wohnten. Als das überladene Schiff am späten Abend des 24. April 1839 kenterte, ertranken 2 Jungfrauen und 5 Kinder.17 Sicher hat das Durchwaten der Furt immer wieder Todesopfer gefordert. Eine Bregenzer Urkunde von 1525 berichtet: »es sind unzählbar viele Leute, Roß, Vieh, Hab und Gut in diesem sorgenbringenden und ungestümen Wasser ertrunken»18 Das bekannteste Unglück ist jenes vom 30. August 1530, als Abt Kilian von St. Gallen beim Durchreiten der Furt stürzte und ertrank.19 Auch bei der Gründung der Pfarrei Wolfurt wird 1512 ausdrücklich die Wildheit des reißenden Flusses als Grund für die Loslösung von Bregenz genannt. Schon 1443 hatten sich die Hofsteiger bitter über die Wasser beklagt, »die denn tief und zu mengen Malen unergründlich, das sie nur kümmerlich gen Bregenz kommen mögen«.20 16 17 18 Als später Brücken gebaut wurden, für deren Benutzung jeder Passant Zoll zahlen mußte, wateten viele Leute weiterhin durch die Furt. Noch um 1912 »verdienten« sich die Wolfurter Gymnasiasten ein Sackgeld, indem sie zwar vom Vater den täglichen Brückenkreuzer ausfaßten, dann aber neben der Brücke durch das Wasser oder über das Eis gingen. Über die Brücken hat Egon Sinz in »Kennelbach« 1987 umfassend berichtet. Hier daher nur das wichtigste und einige Ergänzungen: Die Römerbrücke. Wahrscheinlich haben die Römer schon um das Jahr 50 einen Holzsteg über die Ach geschlagen. 1820 fand man Pfahlreste im Achbett und noch einmal im Winter 190721. Die Römer waren Meister des Brücken- und Straßenbaus. Nach ihrem Abzug verfiel die Brücke schnell. Es dauerte mehr als 1000 Jahre, bis die zweite erstellt wurde. Maximilians Brücke. Im Mittelalter umging der Handelsweg von Schwaben nach Italien die enge Bregenzer Klause und die Ach. Die Lasten wurden per Schiff von Lindau nach Fußach transportiert. 1517 bewilligte Kaiser Maximilian den Bau einer Brücke und stellte auch einen Baumeister aus Augsburg. 1518 konnte die 211 Meter lange gedeckte Holzbrücke von Rieden nach Lauterach eröffnet werden. Sie beeinflußte in Hinkunft das Leben im Raum Bregenz entscheidend. Immer wieder mußte sie erneuert werden, wenn sie vom Hochwasser Schaden erlitt. 1573 wurde sie völlig zerstört und auch 1650 stürzte der Neubau wieder ein. Eine Katastrophe hatte sie drei Jahre früher gesehen. Nach der Einnahme von Bregenz durch die Schweden am 4. Jänner 1647 verstopften Hunderte von fliehenden Fuhrwerken den Zugang zur Brücke. In der entstehenden Panik wurden Menschen und Tiere abgedrängt und ertranken im eisigen Wasser. Mehrfach war die Brücke in den Franzosenkriegen umkämpft. Bei der Verteidigung des Brückenkopfes am 30. Juni 1800 hatten die Franzosen 16Tote zu beklagen. Bei einem Hochwasser stürzte am 30. August 1837 ein großes Stück der Brücke ein. Der Hohenemser Postbote wurde mit seinem Fuhrwerk mitgerissen. Schwimmend konnte er sich retten. Die Pferde ertranken.22 Bei der Wiederherstellung erhielt der 87 m lange Mittelteil der Brücke kein Dach mehr, was ihr ein seltsames Aussehen verlieh. Beim Gasthof »Zoll« auf der Riedener Seite, wo der Wirt den Brückenzoll einhob, waren am Brückendach ein schützender St. Nepomuk und eine Beschränkungstafel auf 3.000 kg angebracht. Nur ungern wagten sich Fuhrleute mit beladenen Kiestruhen auf die um 1900 schon wieder morsch gewordene Brücke. Schließlich errichtete die Firma Heimbach und Schneider 1914 bis 1916 flußaufwärts neben 21 22 wie Anmerkung 14 Heimat 1, Seite 18, und Egon Sinz, Kennelbach, S. 80 Bilgeri, Bregenz, S. 156 19 20 Bilgeri, Geschichte III, S. 74 Rapp, 1896 II. S. 100 V. Volksblatt, 21. 3. 1897, und Holunder 1934/46ff Lepuschitz, Achbrücke, in »Lauterach« 1953, S. 157 16 17 der alten Holzbrücke eine Eisenbetonbrücke mit 4,5 m breiter Fahrbahn und Gehsteigen, die am 12. Oktober 1916, mitten im 1. Weltkrieg, eingeweiht werden konnte. Jetzt wurde die alte abgebrochen. Am 1. Mai 1945 sprengten die fliehenden deutschen Truppen zwei Pfeiler und damit 56 Meter Fahrbahn aus dieser wichtigsten Achbrücke heraus. Zwei junge deutsche Leutnante, Anton Renz aus Bregenz und Helmut Falz aus Mötz i. T., hatten die Sprengung verhindern wollen. Sie wurden von der SS verhaftet und erschossen. Einige Monate später wurde die Lauteracher Brücke provisorisch mit Holz geflickt. Zwölf Jahre hielt das Provisorium, dann riß es im Februar 1957 ein Eisstoß weg. Damals hatte man aber bereits mit dem Bau einer neuen Brücke begonnen, jetzt wieder flußabwärts am Platz von Maximilians Holzbrücke. Den neuen Zufahrtsrampen für die nun 10m breite Fahrbahn mußten auch das schon 1751 errichtete historische Gasthau Zoll auf der Riedener Seite und später das Karg-Lädele in Lauterach weichen. Am 27. Juni 1958 wurde die neue Lauteracher Brücke eingeweiht. Die Zunahme des Verkehrs brachte mit sich, daß nun täglich mehr als 20.000 Fahrzeuge die Brücke passieren. Für die Radfahrer baute man 1993 eine eigene Fahrbahn an. Die Fabriklerbrücke. Am 1. November 1838 hatten Jenny und Schindler in Kennelbach die größte Textilfabrik Vorarlbergs in Betrieb genommen. Ein Jahr später beschäftigten sie dort bereits 270 Leute, von denen weitaus die meisten aus Wolfurt kamen. Kennelbach hatte ja 1837 erst 50 Häuser mit insgesamt 277 Einwohnern.23 Bei Arbeitsschluß drängten sich alle Arbeiter gleichzeitig beim Fährmann zusammen, dessen Schifflein nur für 15 Personen zugelassen war. Nach dem Unglück von 1839, als 7 Leute beim Kentern des Bootes ertrunken waren, forderte das k.k. Landgericht in Bregenz von den Fabriksherren ein größeres Schiff oder einen sicheren Steg. Diese gaben bei einem Harder Zimmermann einen 112m langen und 2,6m breiten Holzsteg in Auftrag, der ab 1840 den Fabriksarbeitern aus Wolfurt zollfrei zur Verfügung stand. Er führte von der Fabrik ans steile Wolfurter Ufer. Hinter dem Kugelfang des heutigen Schießstands sind noch Reste des Widerlagers erhalten. Durch einen schlechten Hohlweg kamen die Arbeiter zur Feldeggstraße ins Oberfeld hinauf. Wer nicht zur Fabrik gehörte, mußte Zoll zahlen: für eine Person 1/2 Kreuzer, für Schaf oder Geiß 1 1/2 Kreuzer, für Hornvieh 2 Kreuzer und für ein zweispänniges Fuhrwerk gar 6 Kreuzer. Zollfrei waren außer den Fabriklern nur noch die Pfarrer und die Vorsteher von Wolfurt und Kennelbach. Als der Frachtverkehr zunahm, erwies sich der Hohlweg auf das Oberfeld als Hindernis. 1847 23 Im Jahre 1932 sind Franz Geiger und seine Frau Klara, Schützos, aus Amerika an die Inselstraße heimgekehrt. Von den vielen Festteilnehmern leben noch die Tochter Franziska und der Nachbar Rohner Eugen (ganz rechts). Die beiden Buben Siegfried und Georg Schwerzler (links) sind im Krieg gefallen. ließen die Fabriksherrn daher am linken Ufer auf dem damaligen Kiesbett der Ach eine Straße bis zum ersten Wolfurter Haus aufschütten. Sie besteht noch heute als Sportplatzstraße. Weil die Holzbrücke, die man bald mit einem Schindeldach versehen hatte, feuergefährdet war, bestand in ihrem Bereich strenges Rauchverbot. Rauchkessel für die Pferde mußte der Fuhrmann von der Deichsel abnehmen und vorsichtig über die Brücke tragen. Bis 1904 war die Fabriklerbrücke ein wichtiger Übergang. Weil man auf der neuen Betonbrücke 2 Heller Zoll verlangte, benützten die Arbeiter weiterhin den Steg. Am 15. Juni 1910 riß aber ein fürchterliches Hochwasser ein großes Stück aus der alten Brücke heraus. Mit dem Familienvater Josef Karg, der sich daran festklammerte, schwamm es vor den Augen vieler entsetzter Zuschauer unter den drei anderen damaligen Brücken durch, ehe es unterhalb der Eisenbahnbrücke zerschellte. Karg wurde am anderen Tag tot aufgefunden24. Für die Fabriksarbeiter wurde der Steg noch einmal erneuert, aber 1931 mußte er wegen Baufälligkeit gesperrt werden. Ein Eisstoß zerbrach am 3. Jänner 1932 neuerdings das mor24 Kurt Klein, Montfort 1991, S. 296 Heimat 5, S. 36 18 19 sehe Tragwerk. Damit war das Ende der ersten Wolfurter Brücke gekommen. Die Zimmerleute der Fabrik trugen ihre Reste ab.25 Die Eisenbahnbrücke. Hartnäckig und erfolgreich hatten die konservativen Wolfurter vor 1870 die Führung der Eisenbahn durch Flotzbach, Fatt und Lärche nach Bregenz verhindert. Nun wurde die Vorarlbergbahn westlich von Lauterach gebaut. Aus Stahlträgern erstellte man nach der Wolfurter und Lauteracher nun eine dritte Achbrücke. Am 30. Juni 1972 wurde sie in Betrieb genommen. Seither hört man oft das Rasseln der Züge und deutet es an der Ach und im Dorf in Wolfurt als Schlechtwetterzeichen. 1945 wurde auch die Eisenbahnbrücke gesprengt, aber bald wieder repariert. 1960 baute man für das zweite Geleise nach Bregenz eine parallele Brücke. Zusätzlich wurde eine Nebenfahrbahn für Radfahrer und Fußgänger angehängt. Die Kennelbacher Brücke. Die Eröffnung der Wälderbahn am 15. September 1902 machte für den Anschluß verkehr links der Ach die Erstellung einer Brücke notwendig, da ja die schmale hölzerne Fabriklerbrücke weit abgelegen war. Es ist das Verdienst des Wolfurter Oberlehrers Wendelin Rädler26, daß man sich nach langen Verhandlungen für eine ganz moderne Lösung entschloß. Die Firma Westermann in St. Gallen erbaute von November 1903 bis April 1904 die erste Stahlbetonbrücke der österreichisch-ungarischen Monarchie. Bei einer Länge von 114m hatte sie eine Fahrbahnbreite von 4,90m und zusätzlich einen Gehsteig. Sie bekam sogar elektrische Straßenlampen und durfte von Lastwagen bis zu 6 Tonnen befahren werden. Am 29. Juni 1904 wurde sie feierlich eingeweiht. Für den Zolleinnehmer wurde 1907 ein hübsches Zollhaus aufgestellt, das im Jahre 1917 noch eine große Holzfigur des Brückenpatrons St. Nepomuk als Schmuck bekam. Auf den Zöllner Johann Matt und seine Frau Katharina folgten nach dem 1. Weltkrieg der pensionierte Major Anton Witzemann und seine Frau Mina. Nachdem man in den 20er Jahren den Zoll abgeschafft hatte, betrieben Witzemanns noch lange eine Tabak-Trafik und versorgten die Ächler Kinder mit den begehrten Süßigkeiten. Im Zuge des Ausbaus der oberen Straße wurde die bis dahin nur geschotterte Brückenfahrbahn im Jahre 1931 gepflastert. Große Sorgen bereitete den Brückenerhaltern das Absinken des Achbetts. Alte Fuhrleute erzählten, daß ihre Pferde in den ersten Jahren nach 1904 beim Befahren der «Steinat» unter der Brücke mit dem Kummet angestoßen seien. Das änderte sich schnell. Das reißende Wasser grub sich in die Tiefe. Schon 1912 und noch einmal 1926 mußten die freigelegten Fundamente der Brückenpfeiler verstärkt werden. Im April 1945 sollte das Achufer Verteidigungslinie der deutschen Truppen werden. Schützengräben und Maschinengewehrstellungen wurden ausgehoben. Um auch vom Ober25 26 feld her freies Schußfeld zu erhalten, holzte man das Wäldele am Ufer ab. Mit zwei Bomben wurde am 1. Mai 1945 die Brücke gesprengt. Allerdings knickte nur ein Stück Fahrbahn ein. So gelang es den französichen Pionieren am frühen Morgen des 2. Mai schnell, mit ein paar Eisenschienen das Loch zu überbrücken. In Kennelbach und bei der benachbarten Schreinerei Diem requirierten sie Bretter für die Notbrücke. In den nächsten Tagen zwängte sich der ganze Vormarsch der französischen Armee mit zahlreichen Panzern, Maultierkolonnen und einem riesigen Autotroß über die Stufen auf der Fahrbahn. Erst ein zweiter Steg auf der ebenfalls nur eingeknickten Eisenbahnbrücke in Lauterach schaffte Erleichterung. Nach einem Jahr Provisorium wurde das fehlende Stück wieder betoniert. Noch zweimal, 1963 und 1977, mußte die Brücke gesperrt werden, weil die Strömung die Pfeiler unterwaschen hatte. Auch der stark zunehmende Verkehr forderte jetzt eine größere Lösung. Ein Neubau wurde 1979 erstellt. Nachdem man die alte Brücke am 13. Dezember 1979 in kleine Stücke gesprengt hatte, wurde die neue langsam an ihren Platz geschoben. Zusätzlich zu ihrer 7,60m breiten Fahrbahn besitzt sie zwei Gehsteige. Damit sollte sie eigentlich dem Verkehr der kommenden Jahrzehnte gewachsen sein. Eine schon 1976 eingebaute Sohlschwelle schützt ihre Pfeiler. Die Harder Brücke. Die als Industrieort groß gewordenen Marktgemeinde Hard kämpfte lange vergebens um einen eigenen Anschluß an die Stadt Bregenz. Erst 1925 bekam sie einen eigenen Übergang, der aus Kostengründen nur als Holzbrücke mit vielen Pfeilern von je 10m Abstand ausgeführt wurde. Am 11. Juli 1926 konnte sie eingeweiht werden. Mit den anderen Achbrücken wurde auch derHarderHolzsteg 1945 gesprengt. Für den gewaltig zunehmenden Verkehr in die Schweiz mußte schließlich eine moderne Betonbrücke erstellt werden. Die Autobahnbrücke. Der jahrzehntelange Trassenstreit um eine Autobahn bei Bregenz endete schließlich mit der Festlegung auf einen Tunnel durch den Pfänder. 1977 begannen der Abbruch des alten Bauernhofes in der Höll und etlicher Wohnhäuser auf der Autobahntrasse und der Bau einer gewaltigen Doppelbrücke mit Abbiegespuren für den Weidachknoten. Als auch der 6,7 km lange Pfändertunnel fertiggestellt war, konnte am 10. Dezember 1980 das nur 14 km lange, aber sehr teure Autobahnteilstück von Dornbirn über die Bregenzerach und durch den Tunnel an die Staatsgrenze bei Hörbranz dem Verkehr übergeben werden. Riesige Autokolonnen wälzen sich seither durch unser Gemeindegebiet und stauen sich oft auf der Brücke vor dem Tunnelportal. 1993 hat man auch für den lange benachteiligten Fahrradverkehr einen Steg an die Autobahn angehängt. Weitere Achbrücken? Radfahrer und Wanderer haben schon oft den Wunsch nach einem seenahen Steg im Mündungsgebiet der Ach zum Ausdruck gebracht, damit sie sich nicht auf die gefährliche Harder Brücke zwängen müssen. Er wird sicher eines Tages kommen! Die zukünftige Öffnung des Weidachknotens droht mit einer Verkehrslawine durch Kennelbach und Wolfurt. Das könnte dazu führen, daß alte Pläne einer Verbindung des Knotens mit der Wolfurter Seite wieder hervorgeholt werden. 21 Die meisten Angaben stammen aus Sinz, Kennelbach, 1987, S. 79ff und S. 263ff Heimat 12, S. 40 20 Die alten Häuser an der Ach Im Jahre 1900 hatten alle Wolfurter Häuser neue Nummern bekommen. Die Reihe begann in der Höll mit Nr. 1 und endete im Schlatt mit Nr.290. In der folgenden Aufstellung ist nach der Hausnummer immer der Besitzer vom Jahre 1900 genannt. 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. Geiger Johann Martin. «Hell-Bur». 1922 an Jodok Bösch. 1977 für die Autobahn abgebrochen. Waldinger Agatha, Witwe. Später kauften «Naglar»-Kalbs aus dem Tobel das Haus. Es ist 1969 abgebrannt. Meusburger Jodok. Er verkaufte an «Küonzos»: Johann Georg und Leonhard Künz. Mit Naglars 1969 abgebrannt. Thaler Fridolin. Heute wohnt dort seine Enkelin Gebhardine Gorbach. Bernhard Joh. Baptist. «Lo-Hansolars» verkauften an «Stöoglars» Hanne. Familie Fischer. Schneider Remigius. Ehemaliges Gasthaus «Bosnien». 1903 kaufte es der Zimmermann Josef Kresser. Schertler Johann Martin. «Hans Marteles». Ehemaliges Gasthaus «Schiffle». Abgebrannt etwa 1970. Rohner Wilhelm. Vater des späteren Bürgermeisters Theodor Rohner. Schon 1902 kaufte Joh. Georg Hohl, «Hohlo Schnidar», das Haus und baute es großartig um. 1968 ist es abgebrannt. Heute Zementwerk Alwin Rohner. Geiger Joh. Martin. «Schützos». Es ist 1932 abgebrannt. Im neuen Haus wohnt jetzt die Urenkelin Ilse Moosbrugger-Österle mit ihrer Familie. Höfle Lorenz. Im Jahre 1904 heiratete Martin Rohner hierher. 1937 ist das Haus abgebrannt. Im neuen Hof wohnt Rohner Rosmarie, «Paulos». Schertler Theodor. Er tauschte das Haus um das Jahr 1910 gegen das Haus Nr.25 ein. Seither leben «Vinälar»-Rohners hier. Rohner Gebhard. «Hammorschmiods». Um das Jahr 1930kaufte Josef Höfle Haus und Werkstatt. Sinz Josef. In den 50er-Jahren übernahm sein Enkel August Thaler Haus und Hof von Tante Adelheid Sinz. Dür Lorenz's Witwe. 1901 heiratete der Nachbar «Hohlo Marte» hier ein. 1908 ist das Haus abgebrannt. Heute Hohl Georg. Hohl Geschwister. «Hohlo Fidele» und später Franz Hohl. Er ließ das Haus 1987 abbrechen. Böhler Hieronymus. «Holzars Ronimus». Das Haus ist 1908 abgebrannt und seither verschwunden. Malin Fidel. In seinem Haus richtete Leonhard Salvaterra einen Laden ein, den später Frau Rüscher als Rupps Lädele weiterführte. Um 1940richteteHans Schwarz hier seine Schumacherwerkstatt ein. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 15. 16. 17. 22 23 18. Fait Giovanni, «Gasthaus Traube». 1921 kaufte es Anton Österle. 19. Vonach Josef. Das Stammhaus der «Sammüller»-Böhler ist schon 1900 abgebrannt und seither verschwunden. 20. Müller Johann. «Irgo Buobos». Abgebrannt 1908. 21. Kresser Katharina, Witwe. Mit Nr.20 im Jahre 1908 abgebrannt. Kressers bauten das Haus neu auf und verkauften es 1932 an «Kapeollars», deren Sohn Franz Rohner hier ein Textilgeschäft einrichtet. Jetzt «Beschützende Werkstätte». 22. Schwerzler Joh. Martin. «Naiolars Hannbatist» hatte anstelle von zwei im Jahre 1897 abgebrannten Häusern ein neues gebaut, das August Rädler 1909 zum «Gasthof Wälderhof» machte. Etwa 1975 wurde es abgebrochen. 23. Scheffknecht Johann. Hier baute um 1930 Rudolf Diem seine Schreinerwerkstätte an. 24. Jenny und Schindler. Das «Fabrikshus». 25. Rohner Johann.«Vinälars». Sein Sohn Josefübersiedeltenach Nr.11und überließ sein Haus «Thedoros». Die Tochter Martina heiratete 1922 Josef Wachter. 26. Böhler Joh. Baptist. «Holzars Hannbatist» und sein Sohn «Hannbatisto Jockl» arbeiteten an der Grenze Ach-Röhle als Schmiede. 26 Häuser gab es also an der Ach im Jahre 1900. Hundert Jahre früher waren es erst 7 gewesen. Nach dem Blauen Buch von 1989 stehen im Achgebiet heute etwa 220 Häuser, darunter etliche große Mehrfamilienhäuser. Neue Siedlungen Zu den 26 Häusern an der Ach (von insgesamt 290 in Wolfurt), die man im Jahre 1900 neu numeriert hatte, kamen bald viele neue dazu: Nr. 291 Thaler Ferdinand / Thaler, Achstr. 5 Nr. 294 Scheffknecht Baltus / Gmeinder, Inselstr. 5 Nr. 297 Böhler / Bechter / Geiger / Kresser, Achstr. 29 Nr. 298 Schwerzler-«Naiolar» / «Böglar-Olga» / Achstr. 25 Nr. 300 Rohner-«Harnmorschmiods» / Zwickle, Achstr. 14 Nr. 301 Raidl / Ignaz Hämmerte - abgebrannt 1909 / Sohm, Achstr. 16 Als erstes Haus außerhalb des zweiten Damms stellte Anton Österle zu seiner Säge das Wohnhaus Nr. 303 /Dorrer, Dammstr. 6. Die Dampfsäge ist 1927 abgebrannt. An ihrem Platz errichtete Josef Österle seine Spenglerei. Ächler Jungmänner vor dem Krieg 1939. Rohner Viktor, Lenz Seppl, Hohl Georg, Lenz Eugen, Hohl Franz, Rohner Eugen, Graß Othmar, Thaler Ernst und Österle Josef. Zwar wohnten Rohners längst im Dorf, aber immer zog es sie hinaus zu Vaters Heimat an die Ach. Im Jahre 1907 war die Hochblüte der Stickerei. An vielen Häusern wurden eigene Sticklokale ein- oder angebaut. Im folgenden Rezessionsjahr 1908 brannten schnell hintereinander die Häuser Hohl, Kresser, Müller und Brüngger ab. Neu dazu kamen 1907 an der Ach auch das Brückenzollhaus und ganz unten an der Lauteracher Grenze als erstes Haus der späteren «Kolonie» Nr. 304 Simma / Im Wida 13. 1912 erhielt die Zementerei Rädler am Platz des 1905 abgebrannten Wuhrstadels die Nr. 352. Erst 20 Jahre später wurden dort aber das Firmenbüro Rädler und die Wohnung für die Hebamme Frau Graß eingerichtet / Lutz, Bregenzerstr. 35. Nach dem 1. Weltkrieg entstand die Kolonie « Im Wida». Sie lag so weit abseits vom Kirchdorf, daß ihre Bewohner sich die Zugehörigkeit zu Kirche, Schule und Post Lauterach erkämpften und sich auch zu den Lauteracher Vereinen bekannten. Seit 1967 besuchen die Kinder aus dem Wida die Schule Bütze und die Hauptschule Strohdorf und fühlen sich erst jetzt der Gemeinde Wolfurt zugehörig. Begonnen haben mit der «Kolonisierung» beim Simmahaus im Wida zuerst 1922 Fritz Pissinger / Achstr. 56 und 1924 Ferdinand Vonach / Im Wida 18. Dann folgten in nur 10 Jahren ab 1926 schnell 14 weitere Häuser, darunder die Gärtnerbetriebe Erwin Karg und Alois Stöckli. Auch in der Höll baute Anton Plankel bei dem seit mehr als 100 Jahren einsam stehenden «Höll-Bur» nun ein zweites Haus. Dann kam mit dem 2. Weltkrieg eine große Pause. Die Kresser-Brüder stellten 1941 noch ein 24 25 den am Bregenzerweg Schule und Kindergarten Bütze eröffnet und daduch den Ächlerkindern weite Wege erspart. Schon 1953 hatte Rudolf Fitz einen ersten Lebensmittelkiosk an der Kurve zur Bützestraße erbaut, der bald dem Ansturm der Käufer nicht mehr gewachsen war und in Stufen zu einem Lebensmittelmarkt erweitert werden mußte. In den 70er-Jahren wurde auch die Besiedelung an der oberen Achstraße und an der Inselstraße verdichtet. Frei blieben nur ein großes Stück im Oberfeld und schöne Wiesen zwischen Bütze- und Lerchenstraße. Dort hat sich die Gemeinde Gründe gesichert, um vielleicht eines Tages den Wunsch nach einem Schulzentrum Ach erfüllen zu können. Die ältesten Familien Nahe der Furt über die Ach stand schon im Mittelalter eine kleine Ansiedlung. Hier gab es wahrscheinlich Stallungen und eine Raststätte, wo Fuhrleute manchmal lange Zeit das Ende des Hochwassers abwarteten. Ein Fährmann bot eiligen Wanderern seine Dienste an. Im ältesten Wolfurter Häuserbeschrieb1 von 1594 wird die «Crommerin zue Ach» genannt, die hier mit einem Krämerladen die Reisenden versorgte. Von der Siedlung an der Ach haben die »Vonach»-Familien ihren Namen. Sie schrieben sich noch bis 1814 «von Ach». Erst der neue Pfarrer Grasmeier machte daraus ab jetzt nur mehr ein Wort. Die «von Ach» lassen sich schon 1391 als Grundbesitzer an der Ach und im Oberfeld nachweisen.2 Sie breiteten sich nach Lauterach und Bregenz aus. In Bregenz erhielt eine ihrer Familien sogar den Adelstitel «von Ach zu Gerhaimb».3 Die Lauteracher «von Ach» stellten eine Reihe von Hofsteigammännern. An der Ach selbst lebten um 1800 noch zwei «von Ach»Familien. Vom Hofsteiger Gerichtsgeschworenen Martin von Ach (1723-1796) stammen viele Wolfurter Familien, darunter jene, die den Namen «Flötzar» von der Ach ins Kirchdorf und später bis hinauf ins Frickenesch mitgenommen haben. Einer von ihnen, Andreas Vonach, war 1821 bis 1824 Vorsteher von Wolfurt. Zu den Nachkommen gehören Fischer-Klosos, Schertler-Veres, Schwerzlers im Tobel, Giselbrechs in der Bütze und Kalb Ferdes in der Bütze, aber auch die angesehenen Familien Ölz in Dornbirn und Tizian in Bregenz. Die beiden Vonach-Häuser (B2 und 3) an der Ach sind miteinander am 15. Juni 1897 abgebrannt. An ihrem Platz stand später der Wälderhof. Aus Bildstein-Geißbirn kam um das Jahr 1740 Markus Höfle an die Ach. Seine Söhne besaßen dort 1760 drei von den insgesamt sieben Häusern.4 Antons und Andreas Familien lebten in zwei aneinander gebauten Häusern gegenüber vom späteren Wälderhof. Martin hatte das heutige Scheffknecht-Diemhaus (B1), zu dem seit der Auflösung des Klosters Mehrerau ein großes Stück Oberfeld gehört. Dieses Feld ist als einziges in Wolfurt als Klosterbesitz der Zerstückelung im 18. Jahrhundert entgangen. 1 2 3 4 Von den vielen Ziegeleien an der Ach ist ein einziges Bild geblieben, das Schnidarles Hannes beim Abbruch der letzten 1896 gemalt hat. Auf ihrem Platz steht jetzt das Thalerhaus Achstraße 5. Haus an den Rand des Oberfelds / Rohner, Bregenzerstr. 24. Und nach Kriegsende entstandan der vielbefahrenen Achkurve beim Wälderhof der Kiosk Madiener, den der Kriegsinvalide Hans Künz viele Jahre führte. In dieser Zeit war der Kiosk ein beliebter Sammelplatz für die Dorfjugend. Zwischen Ach und Wida bestand immernoch ein weites Grasland, durchsetzt mit fruchtbaren Äckern und großen Obstgütern. Ab 1947 begann nun die Zersiedelung dieses Gebietes, die in dreißig Jahren Wolfurt und Lauterach zusammenwachsen ließ. Die erste Siedlung an der Ach schufen die Familien Wetzel, Meusburger, Moosbrugger, Gasser und Hofer / Achstr. 22 bis 30. Eine zweite, größere folgte ab 1950 außerhalb des neuen Damms, beginnend mit Höfle Engelbert, Dammstr. 28, und Fink Otto, Wuhrweg 1. Preisgünstige LAWK-Gründe lockten viele Siedler hierher. Unter größten Mühen rodeten sie das steinige Achgelände bis hinab ins Wida und schufen Wohnraum in schönster Lage am Auwald der Ach. Die Gemeinde brauchte aber dringend Arbeitsplätze, damit sie mit höherem Steueraufkommen ihre Struktur verbessern konnte. So förderte sie ab 1960 die Errichtung der Firmen Wolff, Pawag und Roylon im Baugebiet an der Achstraße und der Firma Rädler beim Sportplatz. Längst hatte auch eine Besiedlung der Felder an Lerchenstraße und Albert Loackerstraße eingesetzt. Blocks entstanden dort und forderten den Bau neuer Straßen. Im Jahre 1967 wur26 Holunder 1932, Nr. 30 Welti, Kellnhof Wolfurt, 1952, S. 24 Wie Anmerkung 2 Seelenbeschrieb 1760 der Pfarre Wolfurt 27 Zwei Höfle-Familien blieben ohne männliche Nachkommen. Ihre Häuser kamen 1860 an Johann Scheffknecht aus Lustenau, bzw. 1868 an Josef Kresser aus Sulzberg. Im dritten aber lebten Joh. Georg Höfle, «Irg», und sein Sohn Josef Anton Höfle, «Irgo Buob», mit vielen Nachkommen. Einer davon war Lorenz Höfle (1837-1904), der einen großen neuen Hof an der Inselstraße kaufte. Nach dem Brand von 1937 baute ihn Paul Rohner noch größer wieder auf. Außer den Rohner-Familien gehören auch die Büobler- und Stenzler-Schwerzler und die Schloßburo-Köb beim Hirschen zu den Höfle-Nachkommen von der Ach. Das sechste Haus (B7) steht noch mit der Nr. 31 an der Bregenzerstraße. Hierher heiratete 1708 der Dornbirner Martin Klocker. Von ihm stammen all die vielen Wolfurter Klockerfamilien: die Glaser-, Sticker-, Bäcker- und Seiler-Klocker von der Hub, die Stricker vom Röhle und die Wagner und Ziegler an der Ach. Einer von ihnen, Josef Anton Klocker 17831853, besaß 1835 die größte Ziegelei an der Ach und baute neben sie das damals übergroße Haus Bützestraße 24 (Rohner Eugen). Im siebten Haus an der Inselstraße (B6) wohnten die Müller und ab 1784 die Böhler. Dieses Stammhaus der Sammüller-Böhler ist 1900 abgebrannt und seither verschwunden.5 Erst nach den Franzosenkriegen begann die Erschließung der «Iosol», der ehemaligen Insel im Achbett, die man durch den Damm von 1772 gewonnen hatte. Zuerst kamen die Dür aus dem Kirchdorf. Dismas Dür hatte um 1805 sein altes Haus an der Kirchstraße abgebrochen und in der Bütze neu aufgestellt. Dann aber baute er mit seinen tüchtigen Söhnen 1816 das erste Haus an den Achdamm und dazu eine große Ziegelei, beides dort, wo jetzt die «Traube» Achstraße 1, steht. Schon 1835 konnte er für seinen Sohn ein zweites Dür-Haus bauen, Achstraße 4 (Franz Hohl). Das Haus in der Bütze hatte Dismas seinem Neffen Martin Dür überlassen. Aber der kam 1840 ebenfalls an die Ach. Er erbaute das Haus Achstraße 3 (Hohl Georg) und dazu gleich eine weitere große Ziegelei. Dort hat er 1857 das Vaterhaus aus der Bütze verheizt. Andere Dür-Vettern hielten um diese Zeit das Röhle fest in der Hand. Sie besaßen an der Bregenzerstraße schon Nr. 6 (Hannes Franz) und hatten von dort aus 1805 Nr. 10 (Kappeollars) gebaut, 1814 Nr. 11 (Rößlewirts Franz), 1836 Nr. 20 (Küofars) und 1843 Nr. 14 (Bernhards). Eine Dür-Tochter erbaute 1883 mit ihrem Mann Josef Sinz aus Kennelbach das Haus Achstraße 6 (Thaler August). Schließlich gründete auch noch Lorenz Dür aus dem Röhle 1848 die bedeutende DürSchlosserei am Rickenbach, die ab 1892 von der Familie Doppelmayr zum heutigen Großbetrieb ausgeweitet wurde. Auch in den anderen Dür-Häusern tauchten neue Namen auf. Georg und Peter Dür (Düro Tones) sind in Wolfurt heute die einzigen Namensträger aus der einst so großen Sippe, doch gibt es noch unzählig viele Verwandte. 5 Achhäuser, Ausschnitt aus dem Baudirektionsplan von Negrelli aus dem Jahre 1827 a Flußlauf und Kiesbänke b eine Insel c Staudenvorland d neuer Damm/Achstraße e alter Damm/Inselstraße f «Weidachfeld»,Getreideäcker an der Bützestraße g Oberfeld Sieben alte Häuser mit den bayrischen Nummern von 1 (Scheffknecht-Diems) bis 7 (Wächters) Zwei neue Häuser ohne Nummer: h Dür Dismas/1816 i Böhlers/1822 Z die ältesten drei Ziegeleien Heimat l l ,S. 19ff 28 29 Im Röhle und bei den Ziegeleien an der Ach erwuchs den Dür eine starke Konkurrenz in der FamilieSchertleraus Unterlinden. Josef Anton Scheitler, 1791-1867, ein Sohn des berühmten Schützenmajors Jakob Schertler, erbaute schon 1814 an der Bregenzerstraße das Haus Nr. 15 (Schedlars im Röohle) und 1852 für seinen Sohn Joh. Martin Nr. 21 (Alfredos). Gemeinsam mit seinem Bruder, dem Vorsteher MartinSchertlerin Unterlinden, erwarb und betrieb er an der Ecke Bützestraße-Achstraße die große Klocker-Ziegelei. Die Schertler kauften dazu auch noch die zwei Nachbarhäuser Bützstraße 24 (Rohner Eugen) und 41 (Hansmarteies). Als sich gar 1852 ein Schertler-Sohn und eine Dür-Tochter ehelich verbanden, war die Grundlage für eine Zusammenarbeit der Ächler Ziegeleien gelegt. Man erbaute für das junge Paar eine Fuhrwerks- und Bürozentrale im Strohdorf, das s


Heimat Wolfurt Heft 15 1995 März
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 15 Zeitschrift des Heimatkundekreises März 1995 Wolfurter Ordensschwestern 1989. Vorne Sr. Angelika Gunz, Sr. Auxilia Devich, Sr. Anna Moosbrugger und Sr. Clarina Mittelberger. Dahinter Sr. Karla Thaler, Sr. Josefa Maria Hager, Sr. Regina Pichler, Sr. Isabella Schedler und Sr. Christiana Lipburger. Inhalt: 71. 72. 73. 74. Die Krankenschwestern Hausnamen Bier für St.Louis (Auswanderer 5) Vornamen Zuschriften und Ergänzungen Bildnachweis 2 Sr.Leonis Maurer, 2 Alfons Kalb, 1 Meinrad Pichler, alle anderen sind Fotos oder Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim Druckfehler In Heft 14 sind wieder zwei Jahreszahlen falsch. Aufmerksame Leser haben das sicher bemerkt: Seite 4: Johann Michael Beer I. von Bildstein wurde 1696 in Au geboren. Seite 20: Die Lauteracher Eisenbahnbrücke wurde am 30. Juni 1872 in Betrieb genommen.—Bitte ausbessern ! Auch im neuen Wolfurtbuch „Ein Dorf verändert sich" wurden bereits zwei Fehler entdeckt: Bild 238, Text im Anhang, letzte Zeile: Der Zimmermannsgeselle bei Sammüllers Eduard hieß nicht Moosbrugger, sondern Muxel Leonhard. Bild 77: Hier wurde ein fremdes Bild eingeschoben. Das war nicht der alte Altar von Rickenbach, sondern der von Farnach. Wir bitten um Entschuldigung! Danke! Den dem letzten Heft beigelegten Erlagschein haben die meisten Bezieher unserer Zeitschrift wieder genutzt. Andere werden das noch tun: Konto 87 957 Raiba Wolfurt. Einige sehr namhafte Beträge sind eine Bestätigung für die Wertschätzung unserer volkskundlichen Arbeit. Allen sagen wir herzlichen Dank ! Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1995 wieder durch Frau Carmen Haderer vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Die Gemeinde trägt ja dankenswerterweise den Abgang. Abbestellen - Bestellen Sollte jemand kein Interesse am weiteren Empfang der Hefte haben, so bitte ich um telefonische Information. Für den Papierkorb sind uns die Büchlein zu schade. Es besteht übrigens immer wieder Nachfrage nach den vergriffenen alten Heften, besonders nach den Nummern 1 bis 5. Kann sie jemand abgeben? Auch Neubestellungen nehmen wir gerne an. Wir schicken „Heimat Wolfurt" ja nicht als Postwurfsendung, aber doch an alle, die die Zusendung wünschen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Stammvater Fischer (Heft 14, S. 1): Immer noch zeigen sich Fischer-Nachkommen überrascht darüber, daß ihr Stammvater in Wolfurt ein Pfarrer gewesen ist. Sebastian Fischer findet sich aber nicht nur in den Ahnentafeln der Fischer, sondern genau so bei Heims, Hintereggers, Höfles, Mohrs und noch bei vielen anderen Familien. Fußball und Liebe (Heft 14, S. 2): Der erste FC-Tormann im Jahre 1947 sei Doppelmayrs Arthur gewesen. Das berichten übereinstimmend einige alte Fußballer. Wegen seines Studiums stand er allerdings nicht immer zur Verfügung. Arthur war aber auch Leichtathlet und stellt noch heute bei den Turnern und auf dem Tennisplatz seinen Mann. Ein Hauch Barock (Heft 14, S. 3): Der Bericht über den Baumeister Johann Michael Beer I. von Bildstein hat besonders Pfarrer Hinteregger und Bürgermeister Lenz gefreut. Letzterer hat darüber sogar in der Gemeindevertretung berichtet. Die Bildsteiner suchen nun nach einer Möglichkeit, das Andenken an ihren wohl berühmtesten Bürger zu festigen. Die Ach und die Ächler (Heft 14, S. 9): Wegen dieses Artikels ist eine ganze Reihe von Nachbestellungen eingetroffen. Altbürgermeister Emil Geiger erkannte auch die beiden Männer auf dem Bild Seite 35: Hinten links von Schertlers Alfred Zwickles Johann, rechts Österles Pepe. Aus Bregenz schickte Walter Präg einen umfangreichen und interessanten Fachbeitrag. Er nimmt Bezug darauf, daß die Ach bis ins Mittelalter einfach die „bregez" hieß. Der gleiche Flurname findet sich bei anderen Gewässern am Tannberg, im Schwarzwassergebiet und in Unterdamüls. Zum selben keltischen Stammwort gehören auch „Brigach" und „Breg", die Quellflüsse der Donau. Demnach hat nicht die Stadt Bregenz dem Fluß den Namen gegeben, sondern umgekehrt ist der Flußname auf die keltische Siedlung auf seiner Uferterrasse übertragen worden. Wolfurter Alpbesitzungen (Heft 14, S. 48): Hierher paßt als Ergänzung ein Beitrag, den der aus Wolfurt stammende Historiker Christoph Volaucnik in der Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von 1917 für uns ausfindig gemacht hat. Dort wird aus dem Hofener Urbar von 1620 berichtet, daß das Kloster Hofen (im heutigen Friedrichshafen) um 600 Gulden in Wolfurt einen Besitz erworben hat. ,Es ist dies Haus, Hof, Stadel, Kraut- und Baumgarten samt ganzer Ehäfti an der Huob zu Wolfurt, unweit Bregenz schon jenseits der ersten Brücke über die Ach gelegen, das, wie es ausdrücklich in dem Aufschrieb heißt, um deswillen gekauft wurde, damit das Hofische Vieh, wenn es in und aus den Alpen getrieben wird, eine gewisse Herberg und Weid habe." Solch mehrtägige Viehtriebe mit Rastplätzen kennt man heute noch vom Wöster-Vieh im Bregenzerwald. In Wolfurt erinnern sich ältere Leute noch an den jährlichen großen Auf1 trieb von Lochau über Wolfurt nach Sibratsgfäll, den das tiefe Dröhnen der Rumpeln, das Jauchzen der Hirten und der Ruf „Do Stadlar kut!" schon lange vorher ankündigten. Ahnenforscher aus der Fremde - Auswanderer. Wieder sind verschiedene Gruppen von Leuten aufgetaucht, um in Wolfurt nach ihren Ahnen zu fragen. Zuerst kamen in den ersten Juni-Tagen 1994 fünf Geschwister Pfersich aus Osterfeld in der ehemaligen DDR. Ein Leben lang hatte ihnen ihr Vater, der dort als Bergmann unter Tage arbeiten mußte, von seiner sonnigen Heimat Wolfurt erzählt. Wilhelm Pfersich, Jahrgang 1901, war in Schertler Lenas Haus an der Flotzbachstraße aufgewachsen und hatte Wolfurt 1925 verlassen. Leider erlebte er die Wende in Ostdeutschland nicht mehr. Umso begeisterter äußerten sich seine Kinder über unser schönes Land, schauten vom Gebhardsberg und vom Pfänder ins Tal, besuchten die Bürgermeister von Wolfurt und Bildstein und blätterten in den alten Kirchenbüchern. Erstaunt zeigten sie sich, aus beengten Industriewohnungen kommend, daß zur Zeit die beiden schönen alten Bauernhäuser, in denen einst ihr Großvater gewohnt hatte, praktisch leer stehen: Sattler Köbs auf der Steig und Schertler Lenas im Flotzbach. Ganz überraschend tauchte dann im Oktober aus Oberösterreich ein weiterer Sohn des Wilhelm Pfersich auf, der nach seinem Vater fragte und erst bei uns die Adressen seiner fünf Stiefgeschwister fand. Zu Weihnachten hat er zum ersten Mal mit ihnen gesprochen. Unsere Krankenschwestern 1995: Sr.Paulina und Sr.Barbara Im September kam Scott Brunner aus Green Bay, Wisconsin/USA, um auf den Spuren seines Vetters Wilfred Schneider (Heft 13, S. 38) ebenfalls einige Tage lang seine wiedergefundenen Wolfurter Verwandten und die schönsten Plätze am Steußberg zu besuchen. Übrigens hatten beide eigens zu diesem Zweck ein erstaunlich gutes Deutsch gelernt. Scott schreibt sogar schon seine Briefe in Deutsch. Jetzt kann er auch die noch erhaltenen Grabsteine seiner Auswanderer-Vorfahren in Amerika entziffern. Im Oktober 1994 überraschte uns dann noch das Ehepaar Grobl aus Naperville, Illinois/USA. Luise Grobls Urgroßvater Matthew Schneider ist 1866 aus dem Haus Frickenescherstraße 4 nach Amerika ausgewandert. Als Bauunternehmer kam er zu Besitz und gründete auch eine Blasmusik, die Pinckneyville-Band. Dagegen ist sein begabter Bruder, der Oberschützenmeister und Numerant Ferdinand Schneider, völlig verarmt 1917 daheim in Wolfurt gestorben (Heft 13, S.39). Frau Grobl hat inzwischen u.a. eine Reihe von Liedtexten aus Österreich, die ihr Urgroßvater aufgeschrieben und in der Familienbibel aufbewahrt hatte, zum Übersetzen geschickt. Für sie bedeuten die mit Bleistift bekritzelten Papiere eine wichtige Verbindung zur alten Heimat. Von ihrer riesigen Schneider-Verwandtschaft haben weitere Gruppen ihren baldigen Besuch in Wolfurt angekündigt. Von den vielen Weihnachtsgrüßen, die die Auswanderer an uns alle richteten, möchte ich nur einen aus dem Indianerland Colorado für alle anderen sprechen lassen: May the Great Spirit watch over you as long as the gross grows and the water flows! 2 Siegfried Heim Die Krankenschwestern Still knien die Ordensfrauen beim Gottesdienst in der Wolfurter Kirche St.Nikolaus. In der zweitletzten Bank vor dem Kreuzgang auf der Frauenseite. Andächtig ins Gebet versunken, gebeugt das Haupt, dunkel die schlichte Tracht, ein schmaler weißer Leinenstreifen nur über der Stirn. Dann eilen sie schnell wieder ihre Wege. Sr.Paulina muß zu den Kranken. Sr.Barbara geht heim in die Schwesternwohnung beim Altersheim an der Gartenstraße. Dort führt sie den Haushalt. Sie ist ja mit fast 79 Jahren „im Ruhestand". In St.Leonhard im Pitztal, hoch oben in den Tiroler Bergen, wurde sie 1916 als 15. von 16 Kindern auf einem kleinen Bergbauernhof geboren. Schwere Arbeit gehörte zu ihrer Jugend, besonders als die Brüder in den Krieg eingezogen wurden. Drei sind gefallen, ein vierter beim Heuziehen verunglückt. Erst 1945 konnte Maria Haid ins Kloster in Hall eintreten, wo sie 1947 als Sr.Barbara ihr Gelübde ablegte. Viele Jahre lang hat sie dann in 3 den Sanatorien Innsbruck und Rum gearbeitet. 1991 wurde sie nach Wolfurt gerufen. Wenn Gott es will, kann sie bei uns in zwei Jahren ihre Goldene Profeß feiern. Sr.Paulina (Rosalia) Brem wurde 1932 in Münster, im Tiroler Unterinntal, geboren. Schon 1954 trat sie ins Kloster Hall ein, erhielt dort die Ausbildung zur Diplomkrankenschwester und legte 1959 ihr Gelübde ab. Nun tat sie Dienst an den Krankenhäusern in Hall und in Kufstein und dann in der Hauskrankenpflege in Innsbruck. Schließlich wurde sie als Stationsschwester ins Sanatorium Mehrerau versetzt. Der Schwesternmangel zwang 1992 die Kreuzschwestern zur Aufgabe ihrer dortigen Niederlassung. Jetzt übernahm Sr.Paulina die Hauskrankenpflege in Wolfurt. An ihrem langen Werktag arbeitet sie eng mit dem Pfarrer, den Gemeindeärzten und den Spitälern zusammen. Oft wechselt sie schon früh ab 6 Uhr die ersten Verbände, mißt Fieber und Blutdruck, salbt wunde Rücken und reicht ihren Kranken die vorgeschriebenen Medikamente. Viele einsame Alte brauchen ihren oftmaligen Besuch, neben Pflege auch Zuspruch und Rat oder aber auch ein gemeinsames Gebet. Denn Sr.Paulina sieht ihre Aufgabe in einer ganzheitlichen Pflege, in Heilung für den wunden Leib verbunden mit seelsorglicher Hilfe. Jeden Monat einmal bringt sie über Wunsch sogar die Hl. Kommunion ins Krankenzimmer und immer wieder soll sie den Pfarrer holen. Wenn sie an einem Tag manchmal besonders viele Besuche zu machen hat, leistet ihr das Auto unentbehrliche Dienste. Sie schätzt es aber auch für den Besuch der Gottesdienste, besonders zur Frühmesse bei den Kapuzinern in Bregenz und zu einem kurzen Innehalten in der dortigen Lourdesgrotte. Schnell ist sie dann wieder bei den Kranken, darf vielleicht sogar einen Sterbenden in seiner letzten Stunde begleiten. „Wir sind gerne in Wolfurt", sagt Sr.Paulina. „Ich spüre die Freude der Patienten und daß ich erwartet werde. Da komme ich gern!" Unsere Krankenschwestern! Pflegerinnen, Helferinnen, Trösterinnen. Christen! Kreuzschwestern Unsere Krankenschwestern sind „Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz" aus dem Provinzhaus Hall in Tirol. Sie nennen sich selbst schlicht „Kreuzschwestern". Ihr Gründer ist der Schweizer Kapuziner und Sozialapostel Pater Theodosius Florentini, 1808 -1865. Der begabte arme Ladiner Bauernbub aus dem Münstertal hinter dem Ofenpaß ließ schon während seines Studiums durch besondere Leistungen aufhorchen und wurde bereits mit 22 Jahren zum Priester geweiht. Bald geriet er in den Schweizer Kulturkampf, wurde von der liberalen Regierung steckbrieflich mit einer Fangprämie von 600 Franken gesucht und schließlich wegen „Aufwieglerei" zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Große Gebiete derSchweiz waren damals noch außerordentlich arm und rückständig. Erst 1848 wurde die Schulpflicht eingeführt. Die christliche Bildung sah P. Theodosius als seine Hauptaufgabe 4 und begründete deshalb 1844 in Altdorf eine neue Kongregation nach der Regel des Hl.Franziskus von Assisi. Daraus erwuchs unter der ersten Generaloberin Mutter Maria Theresia Scherer der Orden der Kreuzschwestern. Im Jahre 1856 errichteten sie ihr erstes Mutterhaus zu Ingenbohl oberhalb von Brunnen am Vierwaldstätter See. Dort ist seither der Hauptsitz der Kreuzschwestern. Von Anfang an hatte das Kloster eine ungeheure Ausstrahlung. Die Idee von der „Caritas", der tätigen Nächstenliebe, faszinierte viele junge Frauen. Auch aus Wolfurt wählten einige den Weg nach Ingenbohl. Eine davon war Franziska Schwerzler von Toblers in der Bütze, die dort um das Jahr 1900 als Sr. Nivarda eintrat. Anna Maria Bildstein aus dem Röhle ging 1914 als Sr. Gottfrieda in das Kloster Heiligenkreuz in Cham im Kanton Zug. Mutter Maria Theresia Scherer, Mitbegründerin der Kreuzschwestern von Ingenbohl Ungeheuer groß wurde bald der Aufgabenbereich, dem sich die Schwestern stellten: Schulen zuerst und Mädchenheime, dann Fortbildungsschulen und Lehrerbildungsanstalten. Von Anfang an aber auch Armen- und Waisenhäuser, bald auch Krankenhäuser und Lazarette in Kriegen und bei Cholera-Epidemien. Ihre ganz besondere Fürsorge schenkten die Kreuzschwestern aber den allerärmsten Mitmenschen in Taubstummenschulen, Heimen für geisteskranke Kinder und in den damals noch so gefürchteten Irrenanstalten. Von allen Seiten rief man nun nach ihnen. Schnell breitete sich der Orden über die Schweiz hinaus besonders in der österreichisch-ungarischen Monarchie bis Böhmen und Kroatien aus. Jede Stadt wollte ihr Spital den Schwestern anvertrauen. Nach Vorarlberg holte sie zuerst 1874 der liberale Bürgermeister Dr. Waibel von Dornbirn. Er war selbst Arzt und übergab nun die 100 Jahre alte und furchtbar verwahrloste Kaserne an der Sägerbrücke den Schwestern, die daraus das spätere Stadtspital formten. 1876 kam der Orden nach Innsbruck. Dort wuchs mit den Aufgaben die Zahl der Schwestern so stark an, daß 1904 eine eigene Ordensprovinz mit über 200 Schwestern errichtet werden konnte. Sie erbauten 1910 für sich ihr neues Provinzhaus in Hall. Von Hall aus wurden nun die großen und kleinen Niederlassungen in den Städten und die zahlreichen Krankenstationen in den Dörfern betreut. Wichtigste Zentren in Vorarlberg 5 ziehung junger Menschen und bei der Pflege von kranken, alten oder von behinderten Hilfsbedürftigen den sich ständig wandelnden Anforderungen. Während sich aber in manchen Provinzen weiterhin zahlreiche junge Frauen in feierlicher Profeß zum Ordensleben bekennen, gehören zur Provinz Hall nur mehr etwas über 200 Kreuzschwestern. Von diesen sind viele schon weit über 6o Jahre alt. Wohl harren sie bewundernswert lange bei ihrer Arbeit aus, aber schließlich müssen sie doch in die Obhut ihrer Mitschwestern im Mutterhaus zurückkehren. In Vorarlberg sind 1995 nur mehr sechs Stationen besetzt. Geblieben ist das Institut St. Josef in Feldkirch mit Schulen, Internat und vielerlei Aufgaben in der Pfarre und in der Sonderschule Jupident. Daneben gibt es noch fünf von den einst so zahlreichen Niederlassungen für Krankenpflege: Bludenz, Götzis, Dornbirn, Lustenau und -ja, Gott sei Dank! - und Wolfurt. Krankenpflege in Wolfurt Seit 1928, also nun schon fast 70 Jahre lang, wirken Haller Kreuzschwestern als Krankenschwestern in Wolfurt. Hier hatte von 1916 bis 1936 der aus Buch stammende Pfarrer Simon Stadelmann die Verantwortung als Seelsorger. Und Sorgen gab es für ihn gar viele in den Jahren nach dem verlorenen Weltkrieg. Zu Hunger und Arbeitslosigkeit hatte sich tiefe Verzweiflung gesellt. Ohne große Hoffnung wanderten ab 1923 ganze Gruppen von jungen Menschen nach Amerika aus. Alte und Kranke aber blieben oft in ihrer Not allein. Familie Schwerzler, Toblars in der Bütze, kurz bevor Franziska als Sr.Nivarda um 1900 ins Kloster eintrat. VaterFerdinand, Mutter Anna Maria, Franziska mit den Brüdern Josef und Martin und Tante Maria Anna Dür. wurden das 1911 in Feldkirch errichtete Institut St. Josef mit dem dazu gehörigen Antoniushaus und das Sanatorium Mehrerau. Auf seine große Blüte folgte für den Orden die schwere Heimsuchung in den Jahren 1938 bis 1945. Aus den Schulen und Kindergärten wurden die Schwestern entlassen, die Häuser alle für Lazarette beschlagnahmt. Als Krankenpflegerinnen waren die ausgebildeten Fachkräfte aber gerade in der Kriegsnot unentbehrlich, wenn man ihnen die Arbeit auch schwer machte. Neueintritte waren verboten. Nach 1945 bestürmten Bürgermeister, Pfarrer und Ärzte die Ordensoberin und baten um Wiedererrichtung der verwaisten Stationen. Viele Wünsche konnten nicht mehr erfüllt werden. Im Gegenteil: Ein neuer Zeitgeist im anbrechenden Wohlstandszeitalter machte Berufungen zu karitativem Dienen immer seltener. Der Nachwuchsmangel zwang dieMutter Oberin, immer mehr von den einst so zahlreichen Stationen zu schließen. Zuletzt wurden die Kreuzschwestern sogar noch aus dem wegen der hervorragenden Pflege so sehr geschätzten Sanatorium Mehrerau abgezogen. Weltweit wirken derzeit etwa 7 000 Kreuzschwestern in 15 Provinzen und drei Missionsgebieten. In ihrem ungeheuer groß gewordenen Aufgabengebiet stellen sie sich bei der Er6 Pfarrer Stadelmann hatte von der segensreichen Arbeit der Kreuzschwestern in einigen Nachbarorten gehört. Um aber eine Station nach Wolfurt zu bekommen, mußten zuerst die finanzielle Grundlage und eine Wohnung bereit gestellt werden. Den Anstoß dazu gab ein Vermächtnis. In „Draiars Seago" am Holzerbach in Unterlinden lebte 1923 „s Agathle", Maria Agatha Böhler, 1848 dort geboren und nun 75 Jahre alt. Ihr Vater Martin Böhler, ein Verwandter der Holzer-Schmiede, hatte Mühle und Säge 1842 vom „Draiar" (Spulendrechsler) Carl Zuppinger erworben. Nun war er längst tot und auch die Mutter Kreszentia und die sechs Geschwister waren gestorben. Als Agatha selbst erkrankte und beim Pfarrer Hilfe suchte, gab ihr dieser den Rat zu einer Stiftung. Darauf vermachte sie in einem Testament ihren Grundbesitz, bestehend aus einem Acker im Schmerzenbild und drei Streueparzellen im unteren Weitried, einer noch zu errichtenden „Kreuzschwesternstiftung in Wolfurt". Sie bestimmte auch den Stiftungszweck: „armen und kranken Personen der Gemeinde Wolfurt billige Pflege durch Barmherzige Schwestern vom hl. Kreuz angedeihen zu lassen". Am 18. Sept. 1924 starb Agatha Böhler. Ihre Stiftung besteht bis heute fort und auch alle vier Grundstücke sind noch in deren Besitz. Zunächst sollte ein Krankenpflegeverein gegründet werden. Ein Proponentenkomitee, bestehend aus Pfarrer Stadelmann, Vorsteher Ludwig Hinteregger, Sprengelarzt Dr. Eugen Lecher, Wagnermeister Johann Heitz und den Damen Mina Österle und Regina 7 troffen, „daß zwei Schwestern für die Krankenpflege bis spätestens 20. April in Wolfurt eintreffen werden". Als Bedingungen stellte sie, wie an anderen Orten in Vorarlberg auch, „freie, vollständig eingerichtete Wohnung, inbegriffen Licht, Wasser, Brennmaterial", dazu einen Monatsgehalt von 60 Schilling für jede Schwester und jährlich „ein Paar neue Schuhe und Schuhflicken". Die Wohnung wurde rechtzeitig fertig, Kohle und gehacktes Holz standen bereit. Wasser mußten die Schwestern allerdings beim Gemeindebrunnen vor dem Schulhaus in Kübeln holen. Am 19. April bewilligte der Kassier auch noch ein Lebensmittelpaket aus Köbs Lädele, denn heute sollten die Schwestern eintreffen. Mit zwei Autos holten sie der Pfarrer, der Vorsteher, der Gemeindearzt und Kassier Heitz am Bahnhof in Bregenz ab und geleiteten sie in ihr neues Heim. Am 20. April 1928 nahmen Sr. Agnes und Sr.Gordiana ihre segensreiche Tätigkeit auf. Schon eine Woche zuvor hatte der Krankenpflegeverein mit jetzt 263 Mitgliedern unter Obmann Pfr.Stadelmann seine Statuten beschlossen. Nun wurde mit Sr.Oberin Knoflach in Hall ein umfangreicher Vertrag ausgefertigt, der neben der Versorgung der Schwestern auch deren Aufgaben genau regelte. Aus dem Kassabuch Die Eintragungen von Kassier Heitz bei der Einrichtung der Schwesternwohnung 1927/ 28 nennen nicht nur alte Wolfurter Geschäfte und Handwerker, sondern sind auch als Information über die damaligen Preise interessant. Eine kleine Auswahl: 19.10.27 29.10.27 Rudolf Fischer, Möbel für Wohn- und Schlafzimmer Johann Bernhard, Möbel für Küche u. Fremdenzimmer Conrad Bohle, Kissen und Decken Albert Klimmer, Verschiedenes Franz Jos. Köb, neue Unter- u. Obermatratzen und ein Diwan Anton Haneberg, Schreinerarbeiten Julie Böhler, Näharbeiten Hirschbühl, Küche reinigen Rosa Grass, Näharbeiten Johann Bernhard, ein Tisch und ein Betstuhl Albert Loacker, ein Bügeleisen Josef Rohner, 2 Mtr. Brennholz Martin Fischer, Holz spalten Wilhelmina Köb, Lebensmittel S 1.021,00 471,00 183,14 28,00 512,80 53,60 19,10 1,50 13,41 37,30 27,78 51,00 15,00 6,22 120,00 113,30 Draiars Seogo am Holzerbach im Unterlinden. Hier wohnte bis 1924 Agatha Böhler, die mit ihrem Besitz den Grundstein für den Krankepflegeverein legte. Fischer, übernahm die Vorarbeit und die Ausarbeitung von Statuten. Am Ostermontag, 5.April 1926, wurde im Vereinshaus der Krankenpflegeverein gegründet. Schon im ersten Jahr traten 267 Mitglieder bei, um sich mit einem Beitrag von 10,— S (damals für die meisten viel Geld!) unentgeltliche Pflege im Krankheitsfall zu sichern. Längst hatte der Pfarrer Bittbriefe an die Kreuzschwestern in Hall geschickt. Die ersten Antworten waren Absagen: „heuer leider noch nicht". Aber Pfr.Stadelmann gab nicht auf. Gerade hatte die Gemeinde das Haus gegenüber der Schule gekauft und das Postamt vom Sternen dorthin verlegt. Über Ersuchen des Pfarrers machte nun Frau Maria Winder ihre Mietwohnung im zweiten Stock frei und übersiedelte mit Unterstützung durch den Krankenpflegeverein in Böhler Ottos Haus beim Sternen. Jetzt konnte die Wohnung über dem Postamt als künftige Schwesternwohnung adaptiert werden. Der Wagnermeister Johann Heitz, Gründer und Leiter der Sanitätsabteilung der Wolfurter Feuerwehr, beaufsichtigte als verantwortlicher Kassier die Reparatur der Räume und die Anschaffung der notwendigen Fahrnisse. Als die Beiträge der Mitglieder und die bei Sterbefällen reichlich fließenden Spenden nicht ausreichten, half der Pfarrer mit einem Darlehen aus. Es eilte plötzlich, denn aus Hall war mit Schreiben vom 15. Februar 1928 endlich die so sehnlich erwartete Mitteilung von Sr. Oberin M.Augusta Knoflach einge8 11.11.27 24.11.27 11.12.27 9. 1.28 13.1.28 17. 2.28 1. 3.28 6. 4.28 9.4.28 19.4.28 Aus den folgenden vielen Posten noch zwei zum Vergleich: 3. 9.28 Monatsgehalt für zwei Schwestern (je 60 Schilling) 16.3.29 Engelbert Brauchle, Schuhreparatur und zwei Paar neue Da hatten die Schwestern also im Dienst für die Wolfurter Kranken bereits ihre ersten Schuhsohlen durchgelaufen! 9 Johann Heitz, Mitbegründer des Krankenpflegevereins Pfarrer Simon Stadelmann, Gründer des Krankenpflegevereins Wolfurt Die Post kurz vor dem Abbruch 1965. Von 1928 bis 1963 wohnten im zweiten Stock die Krankenschwestern. Ein Jahr später konnte der Pfarrer voll Freude in der Versammlung des Krankenpflegevereins berichten: „Das Samenkorn ist mit Gottes Hilfe aufgegangen, es trägt bereits herrliche Blüten." Von Anfang an war man mit den Schwestern sehr zufrieden. Schon in den ersten zehn Monaten machten sie 1850 Krankenbesuche und hielten 15 Tag- und 59 Nachtwachen. Diese Zahlen stiegen in den nächsten Jahren auf mehr als das Doppelte. Die Gemeinde zeigte ihre Anerkennung dadurch, daß sie dem Verein die Wohnung kostenfrei überließ. Im Jahre 1932 starb der um den Verein hochverdiente Kassier Johann Heitz. Seine Tochter Maria Heitz übernahm für viele Jahre das oft unbedankte Amt. In der Zeit der Wirtschaftskrise war ja auch der auf 7, später sogar auf 6 Schilling ermäßigte Vereinsbeitrag für manche Familien kaum aufzubringen. Trotzdem stieg die Mitgliederzahl ständig. Die Zahl der Krankenbesuche kletterte 1934/35 auf 4233. Alle die weiten Wege durch das langgezogene Wolfurt machten die Schwestern damals zu Fuß. Aber auch in ihrem bescheidenen Heim in der Post stellten sich jeden Tag Kranke und Verletzte an. Für ein Vergelt's Gott ließ man sich dort Verbände wechseln, eitrige Wunden mit Kamillentee baden oder eine Ziehsalbe auf einen heißen Abszeß auflegen. Und immer 10 taten die Krankenschwestern ihre Arbeit fröhlich, die Kranken freuten sich auf jeden Besuch. Bei Visitationen durch die Mutter Oberin aus Hall kam aber ein Problem zur Sprache: die weite Entfernung zur Kirche. Zu viel Zeit nahm der tägliche Weg zur Messe und zur Abendandacht in Anspruch. Und gerne wären die Schwestern öfter vor dem Altar gekniet, um neue Kraft für ihren Beruf zu holen! Mehrmals hatte die Oberin inzwischen neue Schwestern nach Wolfurt geschickt (Siehe Anhang!), bis im Oktober 1933 mit Sr.Epiphania jene Klosterfrau einzog, die nun in den folgenden 37 Jahren bei uns durch ihr Beispiel an Fleiß, Bescheidenheit, Einsatzfreude, Güte und Frömmigkeit das Bild der Krankenschwestern am meisten prägte. Ihr zur Seite stand, nicht minder geachtet und beliebt, ab 1935 Sr.Theodora. Unermüdlich sah man die beiden, „dio Klenn" und „dio Groß", wie man sie in Wolfurt bald liebevoll nannte, mit schnellen Schritten durch das Dorf zu ihren Kranken eilen. Nach ein paar Jahren erhielten sie vom Orden die Genehmigung zum Gebrauch von Fahrrädern. Das Erlernen des Radfahrens muß für die nicht mehr ganz jungen Frauen in 11 ihrer langen Ordenstracht eine besonders arge Prüfung gewesen sein, aber mit ihrem Gottvertrauen meisterten sie auch diese ohne größere Verletzungen. Nun stand ihnen mehr Zeit für die Kranken zur Verfügung und auch der weite Weg zur Kirche fiel nicht mehr so sehr ins Gewicht. Andere, schwerere Prüfungen standen den Schwestern und dem Krankenpflegeverein bevor. Im Februar 1936 war Pfarrer Simon Stadelmann, der Gründer und langjährige Obmann des Vereins, gestorben. Kaplan Johann Rein übernahm die Leitung. In seinem Tätigkeitsbericht vom März 1937 berichtet er noch von der Rekordzahl von 281 Mitgliedern, die die Arbeit der Schwestern über alles schätzen. 4200 Krankenbesuche haben diese im Berichtsjahr gemacht, dazu 120 Nachtwachen gehalten. Ein Jahr später ist der Anschluß Österreichs an Deutschland vollzogen, der Verein der N.S.Volkswohlfahrt unterstellt. Das Vereinsvermögen von 3562,41 Schilling wurde am 20. März 1938 in 2374,94 Reichsmark umgewechselt und beschlagnahmt. Bald danach wurde der Verein dann am 27.6.39 ganz „liquidiert". Nach außen aber änderte sich wenig: NS-Leute sammelten nun bei den gleichen Mitgliedern jährlich 4 RM ein. Und - fast ein Wunder in jener antichristlichen Zeit! - die Schwestern Epiphania und Theodora taten unverändert ihren Dienst an den Kranken. Zwar war das Schreiben des Kreisleiters vom 16. Jänner 1940 für Sr.Epiphania mit „Heil Hitler" an die „Krankenschwester Elise Härle in Wolfurt" gerichtet, aber es erlaubte ihr ausdrücklich, weiterhin im Auftrag der NSV die Krankenpflege durchzuführen. Als Vergütung wurden ihr monatlich von der Kreisamtsleitung in Bregenz 60,- RM überwiesen. Eine katholische Ordensfrau ganz offiziell im Dienst der NS-Kreisleitung! Welche Anerkennung für ihr selbstloses Wirken sogar durch dieses Regime! In den Anweisungen stand dann allerdings auch: „Es ist selbverständlich, daß sich Ihre Tätigkeit ausschließlich auf die Krankenpflege beschränken muß." Aber ihr stilles Beten und auch ihre Kirchenbesuche konnte den beiden Schwestern wohl niemand nehmen. Die im Grundbuch verankerte Kreuzschwesternstiftung erklärte der Bürgermeister allerdings für unmöglich. Er löste sie am 3. September 1942 mit Hilfe der deutschen Gemeindeordnung auf und übernahm die vier Grundparzellen in Gemeindebesitz. So wurde das auch vom Amtsgericht im Grundbuch eingetragen. Doch danach fragten die Schwestern nicht. Ihre Arbeit war ja davon nicht betroffen. Sie fragten auch nicht nach Rang, Herkunft und Weltanschauung ihrer Patienten. Als gegen Kriegsende immer mehr Flüchtlinge in Notquartieren untergebracht wurden, kümmerten sie sich auch um diese. Es wird erzählt, daß sie manchmal ein Stück Brot oder ein Stück Selchfleisch, das ihnen eine Bäuerin zugesteckt hatte, zu den hungernden Flüchtlingen trugen. Sie selbst streckten ihre karge Kost mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Dann kam im Mai 1945 das Kriegsende. Bald danach besprach der damalige Pfarrer Wilhelm Brunold mit dem wieder in seinem Amt befindlichen Bürgermeister Ludwig Hin12 teregger und dessen Bruder, dem Instrumentenmacher Gebhard Hinteregger, die zukünftige Gestaltung und Finanzerung der Krankenpflege. Nach Rückfrage bei den Schwestern sahen sie von einer Neugründung des aufgelösten Krankenpflegevereins ab. Zur Deckung der Kosten wurde eine jährliche Haussammlung mit freiwilligen Spenden beschlossen, die durch weitere Spenden anläßlich von Sterbefällen ergänzt werden sollte. Das neue Modell der Pfarrkrankenpflege ohne Verein bewährte sich, auch wenn es sonst nirgends im Land so gehandhabt wurde. Weiterhin konnten alle Bedürftigen im Ort ohne Unterschied der Person betreut werden. Gebhard Hinteregger kümmerte sich um die Organisation und trug selbst, unterstützt von Frau Berta Gmeiner, Fideles, die vielen kleinen und großen Spenden zusammen. Am 7. Jänner 1945 hatte Pfr. Brunold noch 3850 RM in ebenso viele österreichische Schillinge umgetauscht und dann als Grundstock an Hinteregger übergeben. Seither funktionierte die freiwillige Finanzierung. Auch die ehemalige „Kreuzschwesternstiftung" wurde wieder errichtet. Die Gemeindevertretung beschloß am 19.8.1948, die im Jahre 1942 enteigneten Grundstücke zurück zu geben. Sie wurden 1949 neu für die Stiftung verbüchert. Ein erster Wermutstropfen war, daß vom Provinzhaus aus das unzertrennliche Wolfurter Schwesternpaar getrennt wurde. Im August 1945 übernahm die „große" Sr.Theodora einen Posten in Lingenau, ein Jahr später in Lustenau. Sieben Jahre lang mußte die „kleine" Sr.Epiphania die anfallende Arbeit meist allein bewältigen, nur kurzzeitig konnte ihr der Orden Helferinnen senden. Umso größer war die Freude, als Sr.Theodora 1952 nach Wolfurt zurückkehrte. Zehn Jahre später wurde dann im März 1962 Sr.Epiphania nach Götzis versetzt. Der Mangel an Schwesternnachwuchs zwang um diese Zeit die Provinzoberin Sr.M.Angelina Neuhauser, eine ganze Reihe von Niederlassungen in Vorarlberg zu schließen. Mit Kennelbach und Lauterach sollten auch aus Wolfurt die Schwestern abgezogen werden. Allenfalls hätte dann noch eine auf der Platte in Bregenz bestehende Schwesterngemeinschaft Wolfurt mitbetreut. Damit war man aber in Wolfurt nicht einverstanden. Nacheinander intervenierten im Mutterhaus zunächst Pfarrer Willi und Bürgermeister Waibel, dann auch Gemeindearzt Dr.Schneider und vor allem der in Hall sehr geschätzte Obmann Gebhard Hinteregger. Wahrscheinlich hat auch das Gebet und Hoffen der Kranken dazu beigetragen: das Wunder geschah! Die Station Wolfurt blieb erhalten und - schon im Oktober 1963 kehrte Sr.Epiphania zurück. Für die Schwesternwohnung wurde ein Ersatz notwendig, weil die alte Post zum Abbruch bestimmt worden war. Obmann Hinteregger fand eine gute Unterkunft im Haus Rohner, Kreuzstraße 1, nahe bei der Kirche. Er kümmerte sich 1963 noch sehr um die Einrichtung und um den Umzug der Schwestern in ihr neues Heim. Ein Jahr später starb er. Die Obmannstelle übernahm sein Bruder, Altbürgermeister Ludwig Hinteregger. 13 Sr.Theodora und Sr.Epiphania, seit 1966 Ehrenringträgerinnen. Längst wollte man sich auch von Seiten der Gemeinde, die schon bisher die Wohnung gestellt und manche Unkosten getragen hatte, bei den beiden Schwestern für ihr Lebenswerk bedanken. Jetzt wußte Sozialreferent Hubert Mohr einen Weg. Nach dem neuen Gemeindegesetz konnte die Gemeinde einen Ehrenring schaffen. Auszug aus dem Sitzungsprotokoll vom 22.9.1966: In Würdigung ihrer aufopferungsvollen und vorbildlichen Tätigkeit in der Krankenpflege wird einstimmig beschlossen, den ehrw. Srn. Theodora (Paula) König und Epiphanie (Elisabeth) Härle den Ehrenring der Gemeinde zu verleihen. Am Sonntag, 4.Dez.l966, überreichte Bürgermeister Waibel in einer Festsitzung der Gemeindevertretung im Beisein von Vertretern des Ordens und der Pfarre die ersten Wolfurter Ehrenringe an die sichtlich erfreuten Schwestern. Doch deren Lebensjahre gingen nun zur Neige. Im Mai 1971 verabschiedete sich die gebrechlich gewordene Sr.Epiphania und kehrte ins Provinzhaus Hall zurück. Dort starb sie am 3.November 1970. Eine große Abordnung aus Wolfurt nahm an ihrem Begräbnis teil. Schon zwei Monate später übersiedelte im Jänner 1971 auch Sr.Theodora im Alter von über 80 Jahren aus Wolfurt nach Hall. Noch acht Jahre eines ruhigen Lebensabends schenkte ihr dort der Herrgott, bis er sie am 27.Jänner 1979 zu sich rief. In Wolfurt wird man sich der beiden Ehrenringträgerinnen stets mit Dankbarkeit erinnern. Auf ihrem Werk lag Segen. Jüngere Schwestern nahmen ihre Plätze ein, zuerst Sr.Anna und Sr.Auxilia, dann nacheinander Sr.Imelda und Sr.Christiana. 19 Jahre lang stand ihnen 14 Familie Fischer, Lammwirts. Vorne Rosa (Hinteregger), Mutter M.Katharina geb. Sonderegger, Vater Gebhard Fischer, Agatha. Hinten Dr. August Fischer als Kaiserjäger und Anna (Mohr). Agatha ist 1930 als Sr.Georgia ins Kloster eingetreten. von 1971 bis 1990 Sr.Clarina als Haushälterin treu zur Seite. Die jungen Schwestern besaßen einen Führerschein. Schon 1970 hatte ihnen die Firma Doppelmayr einen ersten VW gestiftet. Seither ermöglichen die Spenden immer wieder die Haltung eines bescheidenen Autos. Dadurch haben sich die Arbeitsbedingungen ganz entscheidend gebessert. Im neu eingerichteten Pfarrgemeinderat befaßte sich seit 1971 der Sozialausschuß unter Dr. Paul Schwärzler mit den Aufgaben der Pfarrkrankenpflege. Von Ludwig Hinteregger übernahm jetzt Werner Mohr die organisatorischen Aufgaben, vor allem die Bereitstellung der insgesamt beträchtlichen finanziellen Mittel. Seit nunmehr 24 Jahren bittet erjedes Jahr im Juli eifrige Sammlerinnen und Sammler um ihre Mitarbeit. Diese finden fast überall offene Türen, denn das Verhältnis zu unseren Schwestern ist weiterhin überaus herzlich. Über Initiative von Dir. Ferdinand Schwärzler aus Schwarzach schloß der Sozialausschuß der Pfarrgemeinde Wolfurt 1971 mit dem Krankenpflegeverein Schwarzach ein Übereinkommen, das das Aufgabengebiet der Wolfurter Krankenschwestern auch auf Schwarzach ausdehnte. Dort hatten bis 1968 Barmherzige Schwestern von der Kettenbrücke in Innsbruck die Kranken betreut. Nach der Verabschiedung von Sr.Andronika blieben die Schwarzacher drei Jahre lang schwesternlos. Ab jetzt aber fuhren zwölf Jahre lang die 15 notwendigkeiten und arbeitet auch mit den Ärzten eng zusammen. Natürlich kommt ihr die reiche Erfahrung als Stationsschwester im Krankenhaus sehr zustatten. Sie ist auch nicht mehr allein. Krankenpflegeschülerinnen aus Feldkirch vervollständigen bei ihr ihre Ausbildung. Junge Frauen aus Wolfurt, darunter Diplom-Krankenschwestern, helfen ihr wöchentlich wenigstens einige Stunden. Freiwillig übernehmen manche in Nachbarschaftshilfe die wichtigsten Handreichungen für einsame Kranke. „Es geht so weiter!", meint Sr.Paulina. Die Namen der Wolfurter Kreuzschwestern sollen nun im Anhang aufgeschrieben werden. Ihr Arbeiten, ihr stilles Opfern und Beten ist in einem anderen Buch aufgezeichnet. Vergelt's Gott! Kreuzschwestern in Wolfurt (Die folgenden Namen und Daten stammen zum allergrößten Teil von Sr.Leonis(Rosmarie)Maurer aus den Aufzeichnungen im Mutterhaus Hall) 1. Familie Thaler im Lo 1939. Vorne Resi, Mutter Marie, Theodor, Vater Kolumban Thaler, August. Dahinter Karl, Elsa und Siegbert. Karl und Siegbert sind gefallen. Elsa ging als Sr.Karla ins Kloster. 2. Schwestern Anna, Auxilia, Imelda und Christiana jeden Tag mit ihrem Auto nach Schwarzach und pflegten auch die dortigen Kranken. Ab 1983 kam dann eine weltliche Krankenschwester zum Einsatz. Im Oktober 1979 eröffnete die Gemeinde Wolfurt ihr schönes Altersheim mit angeschlossener Pflegestation an der Lauteracherstraße. Als Anbau hatte man ein kleines Klösterlein errichtet. Die Gemeinde hoffte damals noch, die Kreuzschwestern könnten auch die Betreuung der Schwerstkranken im Pflegeheim übernehmen. Wegen des immer größer gewordenen Schwesternmangels mußte die Oberin aber diesen Wunsch ablehnen. So wurde denn mit Frau Isabella Kaufmann eine weltliche Krankenschwester mit der Leitung des Heimes betraut. Die Kreuzschwestern übersiedelten in ihre neue Wohnung. Mit der Leitung des Altersheims halten sie seither guten Kontakt. Sie schmücken auch die dortige Hauskapelle. Seit einigen Jahren hat sich die Krankenpflege gewandelt. Schwerkranke kommen ins Krankenhaus, viele Pflegefälle in die Pflegestation. Dagegen werden Sr.Paulina in der Privatkrankenpflege oft Kranke nach einem Schlaganfall, nach Amputationen oder mit anderen großen Wunden zur Nachbehandlung zugewiesen. Sie erhält dann vom Spital jeweils einen Brief mit genauen Instruktionen über Medikamente, Verbände und Pflege/ 16 3. 4. 5. Sr.Agnes (Berta) Peer aus Tösens, Tirol, geb.7.10.1876, gest. 21.12.1939 Eintritt in den Orden 24.8.1907, Profeß 8.12.1909 Viele Jahre in Bregenz, dann im Epidemiespital in Meran. Ab 20.4.1928 als erste Oberin bisl933 in Wolfurt. Sr.Gordiana (Afra) Frank aus Wetterdingen, Deutschland, geb.4.11.1898, gest.1.12.1981 Eintritt 1.10.1924, Profeß 3.5.1927 Ebenfalls ab 20.4.1928 in Wolfurt, aber schon nach kurzer Zeit wieder zum Spitalsdienst ins Mutterhaus zurück gerufen. Rasch hintereinander dienten mehrere Schwestern an der Seite von Sr.Agnes: Sr.Lauretana (Katharina) Rey aus Besenbüren, Kt.Aargau, Schweiz, 1929 Sr.Plazida Rummel aus Eisenharz, Deutschland, 1930 -1931 Sr.Gordiana Frank zum zweiten Mal 1932 -1933 Sr.Hilaria Albrecht 1933 Sr.Getrudis (Barbara) Unterweger aus Aßling,Osttirol,geb.25.12.1879, gest. 16.12.1961 Eintritt 27.8.1904, Profeß 9.9.1907 Sie kam aus Hard im Februar 1931 nach Wolfurt, löste 1933 Sr.Agnes als Oberin ab und wurde im August 1935 nach Götzis versetzt. Sr.Epiphania (Elisabeth) Härle aus Steinberg bei Ulm, Deutschland, geb.28.9.1898,gest.3.11.1970 Eintritt 1.5.1923, Profeß 8.10.1925 Sie arbeitete zuerst in Brixen, dann ab 1930 in Lustenau. Am 5.10.1933 kam sie nach Wolfurt, wirkte dort bis 17 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 27.3.1962 und nach kurzzeitiger Versetzung nach Götzis wieder ab 17.10.1963 bis 25.5.1970. Ehrenringträgerin seit 1966. Sr.Theodora (Pauline) König aus Lustenau, geb. 11.9.1890, gest 27.1.1979 Eintritt 20.10.1916, Profeß 29.9.1919 Sie arbeitete nacheinander in Meran, Hörbranz, Götzis und in Gaisbühel. Am 9.8.1935 kam sie nach Wolfurt an die Seite von Sr.Epiphania, mit der sie mehrmals die Aufgaben als Oberin wechselte. Ab 25.8.1945 wurde sie nach Lingenau, 1946 nach Lustenau versetzt. Am 3.3.1952 kehrte sie nach Wolfurt zurück und blieb bis 13.1.1971. Ehrenringträgerin seit 1966 Sr.Brigitta Fleisch fand nach der Auflösung vieler Niederlassungen der Kreuzschwestern während des Krieges von Jänner 1940 bis 25.6.1941 in Wolfurt Unterkunft. Mehrere Schwestern unterstützten Sr.Epiphania jeweils für kurze Zeit während der Abwesenheit von Sr.Theodora: Sr.Libia Madiener von Aug. bis Nov. 1945 Sr.Praxedis Kresser von Juni bis Okt. 1947 Sr.Rufina Vieider 1949 Sr.Hedwig Seywald von Aug. bis Nov. 1957 Sr.Eligia (Augusta) Mark aus Fendels, Tirol, geb. 10.12.1923 Eintritt 2.5.1946, Profeß 25.3.1949 In Wolfurt 1.12.1949 bis 3.3.1952. Sie arbeitet jetzt im Sanatorium der Kreuzschwestern in Rum, Tirol. Sr.Frowina Bürer kam für Sr.Epiphania vom 27.3.1962 bis zum 17.10.1963 nach Wolfurt. Sr.Anna (Maria) Moosbrugger aus Au, geb. 15.10.1922 Eintritt 2.2.1950, Profeß 16.3.1953 In Wolfurt als Nachfolgerin von Sr.Epiphania 29.4.1970 bis 8.9.1975. Seither in der Privatkrankenpflege in Altenstadt. Sr.Auxilia (M.Theresia) Devich aus Bezau, geb.21.2.1925 Eintritt 2.7.1948, Profeß 25.3.1952 Nach langer Tätigkeit im Lungenkrankenhaus Gaisbühl vom 15.12.1970 bis 10.9.1977 als Nachfolgerin von Sr.Theodora in Wolfurt. Anschließend in Au, jetzt im Antoniushaus in Feldkirch. Sr.M.Clarina Mittelberger aus Götzis, geb. 14.5.1907, gest. 19.12.1990 Eintritt 14.10.1930, Profeß 1.5.1935 In Wolfurt als Haushälterin vom 15.12.1971 bis zu ihrem Tod. Für kurze Zeit kamen um das Jahr 1975 hintereinander auch zwei Kreuzschwestern als Volksschul- bezw. Religionslehrerinnen nach Wolfurt: 15. 16. 17. 18. Sr.Dora und Sr.Irmina Sr.Imelda (Maria) Schwärzler aus Langenegg, geb.26.2.1925 Eintritt 4.3.1943, Profeß 6.8.1946 In Wolfurt 4.9.1975 bis 16.2.1981, dann Privatkrankenpflege in Feldkirch, jetzt im Antoniushaus in Feldkirch. Sr.Christiana Lipburger aus Lingenau, geb. 16.5.1920 Eintritt 31.3.1950, Profeß 15.10.1952 In Wolfurt 16.2.1981 bis 30.4.1992, jetzt ebenfalls im Antoniushaus. Sr.Barbara (Maria) Haid aus St.Leonhard im Pitztal, Tirol, geb.l 1.4.1916 Eintritt 21.11.1945, Profeß 11.10.1947 In Wolfurt als Haushälterin seit 1.12.1991. Sr.Paulina (Rosalia) Brem aus Münster, Tirol, geb.30.7.1932 Eintritt 8.9.1954, Profeß 10.3.1959 Sie arbeitete in den Krankenhäusern in Hall, Kufstein und Mehrerau und nun seit 20.4.1992 in der Pfarrkrankenpflege in Wolfurt. Kreuzschwestern aus Wolfurt in Hall 1. Sr.Alfonsa (Katharina) Schwerzler, Naiolars in der Bütze, eine Schwester von Lorenz Schwerzler und Adelheid Kalb, Bützestraße 13. Geb.4.4.1880, gest. 11.3.1957 Eintritt 1.11.1904, Profeß 9.9.1907 Als Handarbeitslehrerin 1907 bis 1926 im Institut St. Josef in Feldkirch, dann Postulatsleiterin in Hall, Einsatz im Antoniushaus in Feldkirch und an anderen Orten, zuletzt im Provinzhaus Hall. Am Tag ihrer Jubelprofeß, am 11.3.1957, starb sie während des Festgottesdienstes. Sr.Georgia (Agatha) Fischer, Lammwirts, eine Schwester von Anna Mohr, Rosa Hinteregger und Dr.August Fischer aus dem Lamm an der Kellhofstraße. Geb.26.6.1903, gest.3.5.1963 Eintritt 3.4.1930, Profeß 4.6.1934 Sie arbeitete im Annaheim in Hall. Sr.Karla (Elsa) Thaler, Kolobanos im Lo, eine Schwester von August und Theodor Thaler, Im Dorf 6 Geb.4.3.1922 Eintritt 6.10.1951, Profeß 9.4.1954 Einsatz an vielen Orten: Hall, Lustenau, Annaheim Hall, Götzis, Au, Nenzing, Webschule Imst, Brixlegg. Von 1975 bis 1987 Oberin im Erholungsheim Völs. Jetzt als Haushälterin in Dornbirn. 19 2. 3. 18 Sr. Alfonsa Schwerzler aus der Bütze mit ihrem Neffen Hubert Kalb im Jahre 1950 Sr.Leonis (Rosmarie) Maurer aus der Bütze Sr.Gottfrieda Bildstein zu Besuch bei Schwager Kassian Schertler im Röhle. Paul Berkmann, Hermann Gangl, Mina mit Werner, Sr.Gottfrieda, Erna und Kassian. 4. Sr.Leonis (Rosmarie) Maurer, Hintereggers in der Bütze, eine Schwester von Josef Maurer, beide früher Bützestraße 7 Geb.28.3.1942 Eintritt 1.8.1964, Profeß 17.4.1969 Zuerst Krankenschwester in Hall, dann 22 Jahre Lehrerin an den Krankenpflegeschulen Kufstein und Hall. Seit 1993 in der Verwaltung des Sanatoriums der Kreuzschwestern in Rum. Cham, Kt. Zug, Schweiz 6. Sr.M.Gottfrieda (Anna Maria) Bildstein, Bildsteins im Röhle, eine Schwester von Rosina Bernhard, Ilga Schertler und Maria Schertler, Bregenzerstraße 12 Geb. 10.4.1894, gest.29.12.1987 Eintritt 1914, Profeß 1916, Goldene Profeß 10.7.1966 Zuerst im Sanatorium Unterägeri, dann Kindergärtnerin in Heimeli. Ab 1934 zwanzig Jahre lang Pförtnerin in Dußnang, schließlich im Kloster Cham. Ingenbohl, Kt. Schwyz, Schweiz 5. Sr. Nivarda (Franziska) Schwerzler, Toblers in der Bütze, eine Schwester von Josef und Martin Schwerzler, Lauteracherstraße 2 Geb 6.11.1876, gest.29.10.1952 Eintritt um 1900, Profeß 1904 Krankenschwester in Frauenfeld und an anderen Orten in der Schweiz, dann viele Jahre lang Pflegerin im Männer-Asyl der Psychiatrie Wil, zuletzt im Mutterhaus in Ingenbohl. 20 21 Siegfried Heim Hausnamen Namen haben die Aufgabe, ihre Träger zu identifizieren. Durch seinen Namen sollte jeder Schüler in seiner Klasse, jeder Bürger in seinem Ort von den anderen unterscheidbar sein. Wenn das nicht der Fall ist, so behilft man sich mit allerlei Beifügungen. In einer Schulklasse unterschied man Johannes Böhler 1 von Johannes Böhler 2. Bei unserer Bürgermusik kannte man Eugen Rohner-Horn und Eugen Rohner-Baß, Franz Rohner-Trompete und Franz Rohner-Flügelhorn und dazu noch Franz Rohner-Kapellmeister (alle fünf aus der Sippe der Vinälar). Früher einmal schrieb der Pfarrer in sein Familienbuch einen Johann Schwerzler-Strohdorf und einen anderen Johann SchwerzlerWolfurt ein. Unter „Wolfurt" verstand man damals das Kirchdorf. Und ganz häufig fügte man zu den Personennamen einen Hausnamen, mit dem man den Träger als Angehörigen einer im Dorf bekannten Gemeinschaft kennzeichnete. Hausnamen haben sich ganz genau wie die Geschlechtsnamen im Lauf der Zeit aus Vorund Zunamen oder vielfach aus Berufen entwickelt. Manche geben auch die Herkunft an. Wenige sind Übernamen, die auf eine körperliche oder geistige Besonderheit hinweisen. A. Bekannte Wolfurter Hausnamen aus Vornamen: Hansmarteles, Hambadistos (eigentlich Hannbatist, Johann Baptist), Kassians, Filipplar, Hannes, Hansos, Hilares, Seppatones (Josef Anton), Lisolar (Elisabeth), Seppar, Hansirgos (Johann Georg), Fideles, Bäbolar (Barbara, Babette), Bäschles (Sebastian), Rochuslar, Märtolar, Mathisos, Filitzos (Felix, früher nannte man sie Felixos), Veres (Xaver), Disjockeles (des Jockei, Jakob), Jokobos, Lorenzos, Liborats, Ludwigos, Galles, Petorles, Plazes und Pläzolar (Plazidus), Vefos (Genovefa), Vefobuob, Melkos (Melchior), Stases (Anastasia), Kolobanos (Kolumban), Sofie im Lo, u.a. B. Aus Geschlechtsnamen, die auf die Häuser übertragen wurden: Hohlo-Martes, Hohlo-Fideles, Hindoreggars uf om Bühol, Hindoreggars i dor Bütze, Scheoffkneochts, Wachtars, Giotschges (Girschke), A wandars, Stenzlars, Arnolds, Luitzos, Diotoris (Dietrich), Festinis, Pfersolar (Pfersich), Kaufmanns, Ruoschos, Zilla Zollar u.a. C. Berufe. Diese Hausnamen sind kulturgeschichtlich besonders interessant, weil viele von den alten Berufen in unserem Jahrhundert verschwunden sind: Sattlar, Georbar, Küofar, Schädlar (Ein Schädel-Macher war ebenfalls ein Küfer. Schädel ist ein Holzgefäß.), Soalar, Strickar, Naiolar (Näher), Strumpfar, Schuostor, Böglar (Büg22 ler), Büorstobindar, Klamporar (Spengler), Flaschnar (ebenfalls Spengler), Hafnar (Töpfer), Glasar, Seogar (Säger), Zimborar (Zimmermann), Draiar (Dreher, Drechsler), Gabolmachar (Heugeschirrmacher), Mühlemachar, Maschinomachar (Mechaniker für Stickmaschinen), Sargmachar, Schmiod, Hammorschmiod, Naglar (Nagelschmied). Auch weniger geläufige Berufe blieben in Hausnamen erhalten: Flötzar (Flößer), Zioglar, Weogmachar, Finanzar, Bot (Bote, auch Einkäufer), Kamplar (Kammacher), Wandorlehrar (Stickereifachlehrer), Zeichnar (Musterzeichner), Rasiorar, Postmoastor, Stoahouar (Steinmetz), Loamar (Lehmkneter, auch Verputzer), Feogar (Kaminkehrer), Musar (Mäusefänger), Schütz (Jäger), Huotmachar, Bahwächtar (Bahnwärter), Nummorant (Versicherungsvertreter), Sack-Waibol (Handel mit Säcken), Kunsümmlar (Konsum-Verwalter), Lädolar (Ladenbesitzer), Kiorchomoastor (Aufseher in der Kirche), Uhrowible (Maria Stadelmann konnte Uhren reparieren), Armo-Vattor (Armenvater im Auftrag der Gemeinde). Besonders wichtig waren all die vielen Wirte. Sehr häufig behielten Familien von Angehörigen den Wirtsnamen: Schwanowiorts, Rößlewiorts, Engolwiorts, Trubowiorts, Lammwiorts, Hiorschowiorts, Steonnowiorts (für Böhler Hansirgos, Köbo Ferdeles und Fischer Johanns Familien), Kronowiorts, Löüowiorts, Adlarwiorts, Altadlarwiorts, Krützwiorts, Mohrowiorts, Studowiorts und früher noch einige andere. Schöflewiorts stammen aus dem Lauteracher Schäfle, Sunnowiorts Hans aus der Kennelbacher Sonne. Als alte Hausnamen hören wir auch noch heute ausgeübte Berufe: Vorsteohar (Bürgermeister), Lehrar, Schlossar, Molar (Maler), Murar (Maurer), Schrinar (Schreiner, Tischler), Schnidar, Metzgar, Beck (Bäcker), Holzmüllar (der Müller im Holz), Instrumentomachar (für Blasmusik-Instrumente), Doktor (Arzt), Hebammar, Oarglar (Organist), Kapeollar (Kapellmeister). Einige Hausnamen sind nach langem Gebrauch für unser Ohr unverständlich (verballhornt) geworden: Sammars heißt eigentlich „s Ammas". Des Ammann Joseph Fischers Frau und Kinder wurden schon 1810 so bezeichnet. Sammüllars heißt „des Ammann Müllers". Ihr Stammvater Ammann Martin Müller lebte 1674 bis 1732. Vinälar soll nach der Familienüberlieferung eigentlich „Flaneller" bedeuten. Demnach hätte ein Vorfahre schon Flanell gewoben oder damit gehandelt. Vor 150 Jahren schrieb der Pfarrer noch „Vaneler". Recht ungewöhnlich ist, daß einige Schertler-Familien „Büros" genannt wurden. 23 D. Ortsangaben. Sie enthalten entweder die Lage des Hauses im Ort oder die Herkunft des Besitzers. In Wolfurt: Hellbur (Parzelle Höll), Frickoneschar, Hindorfeoldar, Baholzar, Toblar, Stöoglar (Steig), Haldobuob, Schloßbur, Mändles im Kessol, Marteles im Lo (Loch ist ein Ortsteil von Rickenbach. Es gibt aber auch ein Loch im Kirchdorf), Lohansolar („Hans im Lo", Johann Gmeiner, starb 1829 in Rickenbach-Loch. Sein Schwiegersohn Joh. Mathias Bernhard übernahm den Hausnamen), Studowiort (Johann Bereuter erbaute 1909 in den Stauden im Ried den Gasthof „Hohe Brücke"), Holzar, Holzarschmiod, Holzmüllar, Kessolmüllar. Vom Steußberg: Mehrere Wolfurter Familien trugen den Hausnamen „Buochar", andere wurden „Beorgar" genannt. Berg ist der alte Name für Bildstein. Von dort stammen auch die Gallar (aus Gallin in Oberbildstein), Goaßbiorar (Geißbirn), Knoblar (Knobel), Sackburos, Dello-Korles und Dello-Sepplos (Dellen). Oachobeorgars Stammvater Johann Dür kam 1862 von Eichenberg, war aber nach Möggers zuständig. Tambeorgars haben ihren Hausnamen von Josef Anton Huber, der 1878 aus Lech am Tannberg hier einzog. Embsars nannte man die Familie Mathis aus Hohenems, die seit 1882 am Fuß des Hexenbühels wohnte. Mehr als 200 Jahre hat sich der Name „Tirolar" für eine Wolfurter Schwerzler-Familie gehalten. Schon 1751 hatte Johannes Winkler aus Rodenegg in Tirol nach Wolfurt geheiratet. Als 1786 Hansirg Schwerzler, der älteste von Felixos sieben Söhnen, Winklers Tochter Katharina ehelichte, bekam er seinen neuen Hausnamen. Mehrere Rückwandererfamilien wurden „Amerikanar" genannt. Als Wilhelm Albinger um 1930 sein großes Haus an der Wälderstraße baute, erhielt es von den Wolfurtern den Namen „Dollar-Palast" (mit der Betonung auf der zweiten Silbe!). E. Eigenschaften. Eher auf Einzelpersonen als auf Familien bezogen sich die folgenden Namen. Nur wenige wurden allgemein verwendet: der rieh Höfle, der lang Finanzar, der rot Stöckolar, der wiß Vinälar, Schwarz-Sepplos, Tschuppatone, der blind Scheoffkneocht, Katzo-Beppe, dio hörig Schuohmachare, Hollagoggol (Giggolar), Fixenatte, Heimat, Grabowattar, Lachokröttle, Büoblar. „FelsoKalb" nannten die Wolfurter den Seppatone Kalb, seit er sich von Kalb auf Fels hatte umtaufen lassen. Jeder von uns kennt noch ein paar andere solche Eigennamen. Daneben gab es natürlich auch noch schlimme Übernamen, die nur von gedankenlosen oder böswilligen Mitmenschen verwendet wurden, denn sie taten weh: Schilar, Schioggar, der schiof, der krumm, der stottorig, der glatzig, der oa-öüg, der schlappohrig, der bugglig ...und noch einige. Aus unserem heutigen Sprachgebrauch sind solche Namen - Gott sei Dank! - fast ganz verschwunden. Wenn ein Hausname allein nicht ausreichte, verwendete man mehrere gemeinsam: Murars Seppatones, Lehrars Seppatones, Steonnowiorts Hansirgos, Naiolars Hansirgos. Man mußte auch die verschiedenen „Schrinar" und „Küofar" unterscheiden: Schrinars uf om Bühol, Schrinars Hannos, Schrinar-Veres, Lutzo-Schrinars, Glasar-Windar, GlasarKlockar, Küofars im Röohle, Küofar-Köbs. Es fällt auf, daß in der patriarchalischen Gesellschaft unserer Großväter nur ganz wenige Frauen in Hausnamen verewigt wurden. Lutzos: Lutz Agatha aus Lauterach heiratete 1734 den Rickenbacher Hansirg Gmeiner. Ihre vielen Nachkommen heißen seither Lutzo-Gmeinar mit den Sippen Lutzo-Schrinar, Lutzo-Ferdes und Lislos. Lislos Stammhaus stand im Eulentobel und hatte seinen Namen von Elisabeth Fischer, die dort seit 1763 mit Anton Schwerzler verheiratet war. Seit nun 1841 Kaspar Gmeiner, Lutzos, im Eulentobel Lislos Enkelin Agatha ehelichte, trug die neue Familie den alten Namen Lisolar weiter. Noch ein anderer Lutzo-Schrinar bekam einen „weiblichen" Hausnamen. Ferdinand Gmeiner aus Schrinars Haus beim Kreuz in Rickenbach heiratete 1894 im Kirchdorf die Hebamme Johanna Schwerzler, Filitzos. Fortan wurde seine Familie „Hebammars" gerufen. Hebammars Sohn Ehrenfried ist 1932 als erster Wolfurter Opfer eines Autounfalls geworden. Allerlei Geschichten weiß die Überlieferung noch von „Vefos", den Nachkommen der Genovefa Böhler. Besonders Vefobuob Ruppert war weit über das Dorf hinaus bekannt. Als Hambadist Bernhard, Lohansos, vor mehr als 100 Jahren in zwei Ehen zweimal eine Barbara (Babel) Schwerzler heiratete, erhielten seine Nachkommen den Hausnamen „Bäbolar". Zwei Generationen später setzte sich aber wieder der ältere Name Lohansolar durch. Sonst blieben von den Frauennamen noch im Kirchdorf „Sofie im Lo", im Strohdorf „Knores Zischgele", im Spetenlehen „Kronowiorts Luzia" und in Rickenbach „Schlossars Elvira" und „Melko Senz" erhalten. Selbverständlich waren die Hausnamen auch einem ständigen Wandel unterzogen. So spaltete sich die riesige Familie der „Felixlar"-Schwerzler bald in die Äste der Dellomoosmüllar, Tirolar, Färbar, Büoblar, Hannes, Stenzlar und Toblar auf. Aus dem Ast der „Färbar" oder „Färbarles" lebte um 1880 der Maurer Josef Schwärzler (er schrieb sich jetzt mit ä!) mit seinen 13 Kindern an der Hub. Drei Söhne begründeten die neuen Linien der Schnidar-Schwärzlar, Liborats und Ludwigos. Aus der Sippe der „Gallar" spalteten sich „Schrinars uf om Bühol" und „Lehrars" ab. Lehrars teilten sich bald wieder auf in die Sippen Seppatones, Hilares, Meßmars, Engolbertos und Molars. „Disjockeles" haben ihren Namen von einem „Jockei", von Jakob Gmeiner, der 1731-1804 25 24 in Ferdeles Hus gegenüber vom heutigen Stern im Strohdorf wohnte. Seine Nachkommen spalteten sich in die Linien Wangars, Stoahouars und Knores auf. „Knore" ist ein Übername aus der goldenen Stickerzeit. Als Wangars einzige Tochter Anna Maria Gmeiner 1903 den späteren Vorsteher Ferdinand Köb heiratete, bekam Disjockeles Hus den neuen Namen „Ferdeles", und als Ferdinand Köb um 1925 für ein paar Jahre den Sternen übernommen hatte, trug das seiner Familie und dem Haus den jüngsten Hausnamen „Steonnowiorts" ein. Noch ein Namenswandel: Als eine Gmeinersippe aus Buch noch im Holz wohnte, wurde sie „Bernhardos" gerufen. Seit sich der Sohn Bernhardo Fidele im ehemaligen Gasthof „Linde" an der Unterlindenstraße niedergelassen hat, kennen wir „Fideles". Und für die Nachkommen drängt sich jetzt immer mehr der neue Name „Kartonaschars" auf. Bald werden diese Namen alle nur mehr Geschichte sein. Viele sind es schon jetzt. Im Telefonbuch sind die vielen Böhler, Köb und Mohr kaum zu unterscheiden. Im viel gelesenen Wolfurter „Blauen Buch" verschwinden die alten Namen unter der Flut von mehr als 1000 (!) neuen Geschlechtsnamen. Ob das mit ein Grund ist, daß sich heute so viele stolz zu ihrem „angestammten" Hausnamen bekennen? Längst ist keiner mehr beleidigt, wenn man ihn mit „Herr Sammer" oder mit „Herr Schloßbauer" anredet. Mit der folgenden Sammlung möchte ich einige Namen vor dem Vergessen bewahren. Manche davon habe ich in alten Gemeindebüchern gefunden. Andere haben mir interessierte Mitbürger, mit denen ich Gespräche geführt habe, aufgeschrieben. Sehr viele haben letztes Jahr die Hauptschüler gebracht, davon über 80 allein „Sammüllars Lorenzo Sepplo Atturos Isabel". Trotz allem Bemühen ist diese Sammlung aber sicher nicht vollständig! Bitte, schreiben Sie Ihre Ergänzungen dazu! Wolfurter Hausnamen Gereiht nach den D-Hausnummern (Siehe Häuserverzeichnis 1926 in Heimat 6, Seite 10!) Höll 1. Hell-Bur, Höll-Bur Ach 2. 3. 4. 297. 298. 301. Naglar Küonzos, Zehrar-Naiare Thalars Fridolinos Gigars, Kressars Naiolars Hambadist, Böglar Sohms, Sunnowiorts Hänsle 5. Stöoglar (früher Bäbolar) 300. Hammorschmiods Marte, Zwickles Hermann 6. Bosnien (Spottname für ein Gasthaus) 7. Hansmarteies (früher Flaschnars, Schifflewiorts) 8. Hohlo-Schnidar 319. Toblars Hans-Irg, Gitze-Mägges (von ihren Ziegen) 9. Schützo Franz 10. Paulos, Vinälars Marte (früher Irgobuobos) 11. Vinälars Seppl 12. Hammorschmiods 13. Sinzo Adolheit 291. Thalars Ferde, Bürstobindar 14. Hohlo Martes 15. Hohlo Fideles 16. Holzars Ronimus (abgebrannt 1908) 17. Schuohmachar Schwarz (früher Filitzo Hansirle, Salvaterra, Rupps Lädele) 303. Östorles a dr A, Dello-Korles Karle 18. Trubo, Trubowiorts, Faitele (Giovanni Fait hatte die Traube gebaut) 19. Vonachs (abgebrannt 1900) 294. Scheoffkneochts Bakus, Frickoneschars Kassian 20. Irgobuobos, Hörig Schuohmachare 21. Kapeollars Fränzle (früher Kressars) 22. Radiär, Wäldarhof 23. Scheoffkneochts Fridolin 24. Schindlarhus, Fabrikshus 25. Wachtars, Schädlars Thedoros Röhle 26. Hambadisto Jockl, Holzars Hambadist x. Schmiodto im Röohle x. Kalkhütto 27. Küofar Böhlars, Böhlar-Wibor 28. Schädlars Alfredos 29. Lohansolar, Bäbilis, Vef 30. Bildsteins Hansmarte, Kassians 31. Kapeollar, Vinälar 32. Zioglar, Schädlars Geobart, Seppl 33. Gigars Andrais, Rochuslar 34. Rößlewiorts Franz, Schmiods (Hier stand die erste Dür-Schmiede) 35. Hannes, Hannes Franz 36. s Ammas, Sammar 37. Schützo Mathisos 38. Sennare-i 39. Georbe, Georbars Emma 40. Georbe-Wohnhus (u.a. Schwarz-Sepplos, Feogars, Übolhörs, Bellmanns, Büocheles, Vefobuob, Holzars) 41. Engol, Engolwiorts Bühel, Oberfeld 42. Kaplo, Kaplohus 43. Schrinars 44. Hindoreggars, Vorsteohar 45. Villa, Lehrars Engolbert (früher Gallars) 46. Schrinars Stadol 47. Meßmars, Lehrars Johann 48. Hilares 296. Seppatones 49. Engolbertos, später bis 1921 Schwöstorohus 50. Jochums 51. Kloso Martes 52. Klions 53. Embsars, Schindlarhus 54. Beorgarhus 55. Soalar, Forstars, Braitschos 56. Pfarar, Pfarhus 57. Kiorcho Kirchdorf 58. Heims, Hanso Hus 59. Schwano, Schwanowiorts 60. Rößle, Rößlewiorts 61. Mohro Emile, Weogmachars (früher Felixos) Tobel 62. Naglar, Naglars Ludwigos 63. Klamporar, Räschles (früher Büros) 64. Toblar, Töbolar Kirchdorf 65. Schwöstora, Schwöstorohus, Hennostal 66. Tambeorgar (von Lech am Tannberg) 67. Hambadisto Geobart, Totogrebar 68. Giotschge (Girschke) 69. Rüstos 70. Stenzlar, Schloßburos, Tschuppatone 26 27 Beorgarhus im Oberfeld. Baltus Böhler vom Berg (Bildstein) hat es 1843 erbaut, 1944 ist es abgebrannt. Instrumentomachars Hus im Strohdorf. Davor die alte Werkstatt, links Frickoneschars, Molars und Steonnowiorts Ottonos Hus. 93. Heims, Hanso Josef (früher Küofar Haltmaior) 94. Beorgars Hannos (früher Mathisos, Lädolars) 95. Königs, Marxo Giobol (früher Düro Franzele) 96. Schloßburos 97. Schüorpfos, Sackbur 98. Forstars Konrad, Sammüllars Edowart 99. Strickars 100. Schellings 101. Naiolar, Lorenzle, Tirolare, Kalbs Ferdes 102. Rüsto Tones 103. Zwickles, Knoblars 104. Hindoreggars i dor Bütze, Weogmachars 105. Oachobeorgars Katrie (früher Düorobuobos) 106. Stülzes, Metzgar-Hannos, Tscheppo 107. 108. 109. 110. 339. 333. 111. 112. 113. 292. 114. Toblars Martes Schrinar-Veres, Schöflewiorts Franz Mohro Josefs Gabolmachar, Uhrowible Guldeschuohs Villa, Veres Bernhardos,Villa-Armin, Su-Biorar Thalars Josef Orglars, Musars, Schmiods-Katrinos Köbo Ferdes, Ferdinanda, Heimat Flatzolsidor Mohro Stase Halde 71. Klockars uffor Haldo (früher Holzars August) Schloß, Holz 72. Schloß, Schindlar 73. Holzmüllar 74. Holzar-Schmiod 75. Bernhardos, Wörzos, Paßlars x. Schmiodto im Holz 76. Bischofs (früher Hustors, Kustors Bühol) Hinterfeld 77. Hindorfeoldar, Kompatschar Kirchdorf 78. Mäschos 79. Öhes, Klions 80. Kalbs im Gässele, Felso-Kalb (abgebrochen 1911) 81. Kiorchbeorgars, Alta Schwano (ältestes Gasthaus im Kirchdorf) 82. Sammüllars x. Filitzos (abgebrochen 1895 im heutigen Schwanengarten) Loch 83. 84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. Graningars (früher Oachobeorgars) Schloßburos im Lo Kolobanos Büoblar Giggolar, Hollagoggol Goaßbiorar, Maschinomachar Sofie, Georbe im Lo, (früher Feogars) Höfles (früher Veres) Bütze 91. Rädlars 92. Naiolars Hans-Irg, Hansirgos, Rüsto Eugenos Kirchdorf 115. Jockele-Schuohmachar 116. Kunsum (früher Sattlar Müllar) 117. Lammwiort, Metzg, Rüsto Mathis (früher Fischar) 118. Schlossars Julie, Holzars Geobart 119, Schrinar Hannos, Sargmachar Seppl (früher Büros) 29 28 Lutzo-Ferdes Hus wurde 1884 aus dem abgebrochenen Pfarrhof erstellt. Heute Muxels, Brühlstraße 30. Steonnowiorts um 1928 vor Gasthof und Kegelbahn. Rechts Altvorsteher Ferdinand Köb, in der Mitte seine Frau Wangars Marie mit Ferdeles Töchtern Resi, Barbara und Frieda und dem jüngsten Sohn Walter. Zwei unbekannte Gäste. Unterlinden 146. Guldeschuohs Rudolf 147. Thalars Marte (früher Nummorant Schneidarie) 148. Thalars Josef 149. Klockars, Brunnomoastor 150. Waibols Vizzenz 151. Altvorsteohars, Schuohmachars, Zeichnar 152. Schloßburos Strohdorf 153. Kaufmanns 154. Kalbs (Doppelhaus mit Nr. 153) 155. Schmiod-Böhlar, Schellings 156. Murars, Murars Seppatone 157. Rieh Höfle, Goldonkol 158. Doktor-Rohnars, Steonnowiorts Otto 159. Steonno, Steonnowiorts, Postmoastors 160. Schmiods, Schmiods Edowart 293. 358. 161. 162. 163. 164. 165. 166. 167. 168. Brauchles, Drogorie Voreinshus Zehrarmühle, Zehrars Marte Briofbot, Bot-Köb Albingars Schuol Disjockeles, Knores Zischgele Stoahouars Post, Postmoastors Disjockeles, Wangars, Ferdeles, Steonnowiorts Waltor 169. Molars 170. Hanebeorgs 171. Ratzars (früher Brauchles) 172. Simonis 173. Instrumentomachars (früher Feogar Albingar) 174. Frickoneschars, Schuohmachar Martele 175 u. 176. Salomoneum (uraltes Doppelhaus, abgebrochen 1920) 31 120. 121. 122. 123. 124. 341. 125. 126. 127. 128. 129. Schellings (1910 mit Nr. 119 vereinigt) Heitzos Metzgar-Reinar, Bot-Reinars Beorgars, Rasiorar-Wible, Agathle Lehrars Ludwig Rasiorar-Reinar, Bot-Reinars Gigars Fidele, Rochuslar, Gassars Engolbeort Reinars Mathis, (früher Goaßbiorar und Stülzes) Waldingars, Büocheles Attur (früher Hebammars) Hirscho, Hirschowirts Zilla Zoller 133. Fideles, Bernhardo Fideles, Kartonaschars (früher Lindowiorts, Märtolar) 134. Mohro Fidele 135. Mohro Geobart 136. Sattlar-Rohnars 137. Loamar 138. Blind-Scheoffkneocht, Agathle 139. Kiorchbeorgars 140. Gigars Finele, Rochuslar 141. Gigars Ludwigos 142. Draiars Seogo (früher Drechslerei Zuppinger, Hammorschmiods) 143. Bühlars Frickenesch 144. Flötzar, Frickoneschar 145. Wüostnars Unterlinden 130. Oachobeorgars 131. Schloßburos, Naglars Seppl (früher Feogars) 132. Haldobuob 30 186. Jockele-Windars, Windars Seppl (früher Lehrar-Höfles) Eulentobel 187. Simmas 188. Wohlgenannts, Brandplatz 189. Kressars Seppl (früher Stenzlars, Scheibles) 190. Wandorlehrar Gassar (früher Lislos) Hub 191. Soalars 192. Kassians, Wohlgenannts, Frickoneschars Johann 193. Glasars, Glasar Klockar 194. Albrechts 195. Küofar Köb, Sch


Heimat Wolfurt Heft 16 1995 Oktober
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 16 Zeitschrift des Heimatkundekreises Oktober 1995 Das alte Kirchdorf. Federzeichnung von Edmund Schwerzler 1992 nach einem Foto von 1910. Inhalt: 75. Schwerzler und Schwärzler 76. Heimkehrer 77. Einwanderer 1 Zuschriften und Ergänzungen Bildnachweis: 3 Edmund Schwerzler, 5 Siegfried Heim, 14 Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim Berichtigung: Pfarrer August Hinteregger wußte, daß seine Tante Agatha Fischer im Kloster den Namen Sr. Gregoria (nicht Georgia) bekommen hatte. Bitte, berichtigen in Heft 15, S. 15 und S. 19! Natürlich haben viele erkannt, daß sich Sr.Epiphania 1970 (nicht 1971) verabschiedete. Also falsch auf Seite 14, richtig auf Seite 18 oben! Danke für einige Überweisungen auf unser Konto Raiba Wolfurt: Heimatkundekreis 87 957 Ehepaar Grobl (Heft 15, S. 2): Die Erzählungen und Dokumente Luise Grobls haben unter ihren Verwandten in Amerika einen wahren Wolfurt-Boom ausgelöst. Zuerst kamen die Ehepaare Ruth und Robert Zacher, Zeitungsmanager in St. Louis, und Pat und John Martin, Geschichte-Professor in Glendale. Ihnen folgte das Ehepaar Mary Ann und Joe Mann, früher coal-miner, jetzt Antiquitätenspezialist in Pinckneyville, mit Schwester Dr. Jacinta Mann, Univ.-Professorin in Greensburg. Sie besuchten das Geburtshaus ihres Urgroßvaters an der Flotzbachstraße und natürlich die Kirche, fotografierten unser schönes Land vom Gebhardsberg aus und bestiegen sogar die Schneider-Spitze, die den Namen ja von ihren Schneider-Vorfahren hat. Natürlich ließen sie sich auch Hafoloab und Su-Biorar nicht entgehen. Zahlreiche Bilder und Schriften wurden ausgetauscht. Für September 1995 war dann ein großes Schneider-Treffen in St. Louis angesagt, von dem sie wieder nach Wolfurt berichten wollen. Das ehemalige Schneider-Haus, uns allen besser bekannt als Lenas Hus, Flotzbachstraße 11, wird derzeit gerade umgebaut. Es ist den Besitzern hoch anzurechnen, daß dabei das historisch bemerkenswerte Wohnhaus mit den kostbaren Zimmermannsarbeiten auf der Giebelseite (hier auf einem Bild von 1993) erhalten bleibt. Das Haus hat der reiche Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider (Siehe Heimat 13 / S.37!) im Jahre 1805 gleich- Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt 1 zeitig mit dem für die Raiba abgebrochenen Rädlerhaus an der Kellhofstraße erbaut. 1818 überließ er es seinem jüngsten Sohn Josef Gebhard, der hier viermal verheiratet war. Nur in Amerika leben zahlreiche Nachkommen weiter. Unter den nachfolgenden Besitzern des Hauses waren die Pf ersolar, die 1994 aus Ostdeutschland ihr Stammhaus aufsuchten. Schließlich kaufte der um Wolfurt hochverdiente Vorsteher und Landtagsabgeordnete Lorenz Schertler das schöne Haus, das nun seine Enkel besitzen. Zu einem Kurzbesuch kam am 28. Juli ganz unabhängig von den Schneidern auch Dr. Thomas Sneider, Univ.-Professor in Fort Collins, mit seiner Gattin (Heft 5, S. 29). Er ist mit den obigen Schneider-Familien nicht verwandt, sondern stammt von einer Nichte des Malers Gebhard Flatz in Rickenbach. Er besuchte sein „Stamm"-Haus am Kellaweg und zeigte sich von der Schönheit unseres Landes ebenfalls beeindruckt. Krankenschwestern (Heft 15, S. 3): Für diesen Beitrag bedankte sich neben Sr.Paulina vor allem auch Sr.Auxilia aus Feldkirch. Dann aber protestierte sie freundlich auch im Namen ihrer Mitschwestern Sr.Anna, Sr.Imelda und Sr.Christiana gegen die Formulierung „im Antoniushaus in Feldkirch". Zwar sei das schon richtig, aber sie seien alle dort nicht als Pfleglinge, sondern als aktive Pflegerinnen im Altersheim. Liebe Schwester Auxilia und Mitschwestern! Das haben wir auch gar nicht anders aufgefaßt. Wir wünschen Euch allen weiterhin Gesundheit und Tatkraft und gelegentlich auch ein Wiedersehen in Wolfurt! Ein ganz besonders lieber Brief kam von Sr.Angelina Neuhauser aus Hall. Sie trug als Oberin damals 1962 die Verantwortung für die ganze Ordensprovinz und mußte wegen des akuten Schwesternmangels viele Stationen schließen. Wolfurt ließ sie, wie sie jetzt schreibt, als eine Anstalt freudvoller Zusammenarbeit bestehen. Und dann schließt die nunmehr 90jährige Schwester mit Ich wünsche sehr „ Wolfurt" bleibt! und nimmt uns alle hinein in ihr Gebet. Danke, Mutter Angelina! Schließlich hat sich auch Werner Mohr als langjähriger Leiter der Pfarrkrankenpflege über die Zusammenstellung gefreut und sich herzlich bedankt. Hausnamen (Heft 15, S. 22): Auf diesen umfangreichen und sehr arbeitsaufwendigen Artikel habe ich eigentlich mehr Reaktionen erwartet, unter Umständen auch böse Briefe oder empörte Anrufe. Nichts dergleichen! Beim Durchlesen treten einem viele alte, längst vergessene Bekannte vor die Augen und sicher tauchen da auch Fragen auf. Bis jetzt brachte nur Luise Sinz-Sieber in Kennelbach zwei Ergänzungen: Haus Nr. 62: Naglars im Tobol nannte man auch Metzgars, weil ihr Großvater Josef Anton Kalb, 1821-1908, den Beruf eines Hausmetzgers ausübte. Sein Sohn Metzgars Hannos wurde Stammvater der Stülzes-Kalb in der Bütze, Metzgars Ludwig im Tobol ist Luises Großvater. Berichtigung zu Haus 301 auf S. 26 und auch zum Text auf S. 23: Nicht aus der Sonne in Kennelbach stammte Hans Sohm, sondern aus der Krone. Gute Bekannte nannten ihn daher Kronowiorts Hänsle. 2 Siegfried Heim Schwerzler und Schwärzler Die Geschichte eines alten Wolfurter Geschlechtes Seit 500 Jahren lassen sich in Wolfurt Schwerzler nachweisen. Die älteste Urkunde von 1503, gesiegelt vom Hofsteig-Ammann Sebastian Schnell, nennt einen Jakob Swärtzler.1 In einem weiteren Dokument von 1565 gibt es in Wolfurt einen Gallus und einen Gregor Schwärtzler.2 Anno 1594 gab es in den 70 Wolfurter Häusern schon 4 Schwerzler-Familien, 1760 waren es bereits 14. Im Jahre 1850 gehörten den Schwerzlern 26 von den 252 Häusern. Damals trugen rund 170 Wolfurter, also jeder zehnte Einwohner, den Namen Schwerzler. Auch 1900 besaßen sie noch 20 von den 290 Wolfurter Häusern. In zahlreiche Äste verzweigt waren sie immer noch das größte Geschlecht. Seither sind viele Linien erloschen. Nach dem Blauen Buch 1989 schreiben sich von den rund 7000 Wolfurter Bürgern nur mehr 30 Schwerzler und 34 Schwärzler. Einige von den Schwärzler-Familien sind in den letzten Jahrzehnten neu zugewandert. Trotzdem sind sie mit den Schwerzlern zusammen in Wolfurt von den Böhlern, Köb und Mohr an Zahl weit überholt worden. Beide Namen zusammen sind ein einziges Geschlecht. Welche Schreibart ist nun richtig, e oder ä ? Das ist nicht leicht zu entscheiden. Die älteste Schreibart ist Schwärtzler. Sie findet sich auch im ältesten Wolfurter Häuserverzeichnis von 1594. Damals standen nach dem Pestjahr 1593 von den 70 Wolfurter Häusern 10 leer. In den anderen 60 Häusern mit ungefähr 390 Einwohnern gab es vier Schwärtzler-Familien: Michael, Koni (Konrad), Melch (Melchior) und Hans Schwärtzler.3 Der Name Schwärzler stammt ganz sicher vom Wort „schwarz". Sein Ursprung liegt vielleicht bei einem dunkelhaarigen Stamm1 2 3 VLA, Breg. Regesten 366 VLA, Breg. Regesten 600 VLA, Holunder 1932 / 30 Wappen der Familie Schwerzler, gezeichnet von Edmund Schwerzler. Überliefert im VLA. 3 vater. Wahrscheinlicher aber kommt er von einem Färber, der mit Hilfe von Ruß Leinwand und Leder schwärzte (mittelhochdeutsch swerzen). Außer in Wolfurt sind die Schwärzler ebenfalls schon seit 500 Jahren in Lingenau nachweisbar. Lingenau war ja von Hofsteig aus besiedelt worden und hatte im Mittelalter enge Beziehungen zu Wolfurt. Auch heute gibt es in Lingenau noch etwa 8 SchwärzlerFamilien, dazu noch ein ganzes Dutzend im benachbarten Hittisau und ein weiteres Dutzend in Langenegg. Alle schreiben sich einheitlich Schwärzler. Bei uns hat die Schreibart mehrfach gewechselt. Bei Beginn der Matrikenbücher im Jahre 1650 schrieb Pfarrer Lorenz Leuthold noch das alte Schwärtzler. Sein Nachfolger Christoph Duelli begann im Jahre 1664 mit Schwerzler. Diese neue Schreibart hielt sich in vielen Fällen unverändert bis heute. Ab 1814 führte zwar Pfarrer Alois Grasmeyer, der auch viele andere Wolfurter Namen abänderte, das ursprüngliche Schwärzler wieder ein. Aber die Wolfurter, die inzwischen selbst schreiben gelernt hatten, folgten ihm nicht. Daher schrieben auch Grasmeyers Nachfolger bald wieder das in Wolfurt übliche Schwerzler. Anders in Schwarzach! Dort stellte der aus Wolfurt stammende Tuch-Fergger Josef Schwerzler um das Jahr 1835 ganz plötzlich seinen Namen auf Schwärzler um. Als sein Sohn Gebhard Schwärzler 1857 Vorsteher von Schwarzach und 1865 gar Landtagsabgeordneter wurde, wirkte sich das auch auf seine Wolfurter Namensvettern aus. Zuerst machte es der Maurer Gebhard Schwerzler, Färbarles, der seit 1864 im Haus Hofsteigstraße 13 wohnte, dem gleichnamigen Schwarzacher Vorsteher nach. Seine zahlreichen Nachkommen, Liborats, Schnidars und Ludwigos, schreiben sich seither alle Schwärzler. Vom Oberfeld stammte der angesehene Bregenzer Kaufmann und Historiker Kaspar Schwerzler. Während seine Wolfurter Schwestern ihren Namen behielten, ließ er seine Forschungsarbeiten unter Kaspar Schwärzler erscheinen. Auch Baholzers auf der Steig schreiben sich heute noch Schwerzler. Ihr berühmter Onkel aber, Pfarrer Martin Schwärzler, Ehrenbürger von Bezau und Erbauer der dortigen Kirche, hatte in seiner Studentenzeit um 1890 plötzlich das ä in seinen Namen genommen. Ihm folgten sein Bruder Johann und dessen Sohn Martin, der Spengler im Tobel. So schreibt sich also heute Klamporars Marte im Tobol, Jg. 1908, Martin Schwärzler. Sein leiblicher Vetter Baholzars Marte uf-or Stoag, ebenfalls Jg. 1908, schreibt dagegen Martin Schwerzler. Wer hat da recht? Wohl beide! Beide Schreibarten sind nach der Überlieferung gerechtfertigt. Eines verbindet aber auf alle Fälle die Schwerzler und die Schwärzler: ein gemeinsamer Urahn Jakob Swärtzler vor 500 Jahren und eine lange Ahnenreihe in Wolfurt. Schwerzler-Unterschriften aus dem Jahre 1805 Unter Kriegserlittenheiten (GA Wolfurt) gaben die Wolfurter Hausbesitzer ihre Schäden aus dem Kriegsjahr 1805 zu Protokoll und bestätigten mit ihrer Unterschrift. Hier eine Auswahl der Schwerzler-Namen. Links hat sie der Gemeindeschreiber alle mit ä vorgeschrieben. Rechts die persönlichen Unterschriften. In Nr. 9, Naiolars Husan der Ach, akzeptierte Joseph Schwerzler als einziger das ä. Seine Nachkommen haben allerdings alle wieder mit e geschrieben. Nr. 26 ist Filitzos Husan der Kellhofstraße. Mit ungelenker Hand schrieb der alte Franz Joseph, der noch keine Schule besucht hatte, das e. Nr. 66 ist Holzmüllars Hus, Im Holz 1. Martin schrieb sogar noch mit dem alten tz. Nr. 77 ist das Haus Frickenescherweg 6, aus dem die Zimborar stammen. Nr. 80 ist Kirchstraße 17 in Unterlinden, wo Murars daheim waren. Nr. 109 ist Hofsteigstraße 20 an der Hub. Weil Thomas als 48jähriger Mann, wie andere Wolfurter damals auch, das Schreiben noch nicht gelernt hatte, kritzelte er ein Kreuz. Dazu notierte der Gemeindeschreiber: da er des schreiben unkundig hat er dis Handzeichen gemacht. Die anderen Schwerzler ließen sich durch Zeugen vertreten. 4 5 I. Der Anfang. Stamm Georg. Genaue Unterlagen besitzen wir erst seit 1650 in den Pfarrbüchern. Die Schwerzler beginnen dort mit 1. Georg Schwärtzler und seiner Frau Agatha Feursteinin, denen am 9. Jänner 1652 eine Tochter Maria geboren wurde. Georg war um das Jahr 1640 Ammann des Gerichts Hofsteig gewesen. Eine von ihm gesiegelte Urkunde aus diesem Jahr wird im Landesarchiv aufbewahrt.4 Seine Frau Agatha dürfte eine nahe Verwandte seines Vorgängers im Ammann-Amt Jakob Feurstein aus Rickenbach gewesen sein. Von ihren Kindern sind nur Maria, Anna, Balthasar und Melchior im Taufbuch vermerkt. Etliche sind nämlich schon vor 1650 geboren, darunter Martin und der als Stammhalter wichtige Johann, die wir aus dem Traubuch kennen. Im Totenbuch findet sich unter dem 9. Juli 1665 die von Pfarrer Duelli in neuer Schreibart gemachte Eintragung Mortuus est Amann Georg Schwerzler. 2. Johann Schwerzler besaß einen Hof in Und der linden, also an der Frickenescherstraße. Auch er, den die Hofsteiger Hanß Schwertzier Ammans Sohn zue Wolfurth nannten, wurde in Lauterach zum Hofsteig-Ammann gewählt und zwar gleich viermal für jeweils drei Jahre. Allerdings kam er dadurch in arge Schwierigkeiten.5 Seine Frau Maria Müller gebarihm 11 Kinder, darunterden Stammhalter Felix. Am2. Mai 1722 ist Ammann Johann Schwerzler gestorben. 3. Felix Schwerzler (L), 1683-1733, zog mit seiner Frau Maria Kündig ins Kirchdorf. Direkt beim Dorfbrunnen erwarben sie zwei Häuser. Vom einen, das schon 1795 abgebrochen wurde, ist nur mehr die winzige Bauparzelle beim Brunnen als „Fitz-Gärtle" erhalten geblieben. Das zweite, aus dem die meisten der heute in Wolfurt lebenden Schwerzler und Schwärzler stammen, steht noch als Mohro Emiles, Kellhofstraße 1, gegenüber vom Pfarrheim und wird derzeit von türkischen Gastarbeitern bewohnt. Noch mehr als 100 Jahre lang hießen die weit in ganz Wolfurt verstreuten Nachkommen aus diesem Haus Felixos, eine Familie sogar bis in unsere Tage Filitzos. Von all diesen Familien liegt eine Fülle von Daten vor. Hier kann ich daraus nur einen kurzen Auszug bringen. Er soll uns allen, besonders aber den Schwerzlern und Schwärzlern, helfen, sich in dem riesigen Geschlecht zu orientieren. Die Schwerzler-Frauen mögen verzeihen, daß sie hier nicht aufscheinen. Aber es geht ja nur um die Namen. Daher muß ich mich auf die männlichen Linien beschränken. Die Bande des Blutes führen dagegen noch in unzählige andere Richtungen. Fast jede Wolfurter Familie hat ein paar Tropfen Schwerzler-Blut. Aus Felixos Hus am Dorfplatz stammen die meisten Schwerzler-Familien. Auf dem kleinen grünen Platz davor stand bis 1795 noch ein zweites Schwerzler-Haus. Felixos Toblars, Büoblars, Hannes, Stenzlars, Liborats, Schnidars, Ludwigos, Tirolars, Filitzos, Hafnars und Murars, alle aus einem Stamm ! Toblars 1. Georg Schwärtzler, Ammann 1640, gestorben 1665 2. Johann, Ammann 1689-95 und 1701-07, gestorben 1722, Unterlinden 3. Felix (I.), 1683-1733, Kirchdorf 4. Felix (IL), 1723-99, Kirchdorf (Kellhofstr. 1) 5. Franz Josef, 1781-1850. Er heiratete ins Tobel (Tobelgasse 6) 6. Gebhard, 1818-94, Tobel 7. Ferdinand, 1843-1916. Er heiratete in die Bütze (Lauteracherstr. 2). Fünf Brüder und eine Schwester wanderten nach Amerika aus. Sein Bruder Josef Gebhard hatte im Elternhaus im Tobel acht Kinder und den Enkel Wilhelm (1930). 8. Martin (I.), 1875-1945. Sechs Söhne und drei Töchter in der Bütze. 9. Martin (IL), (1931), Fattstraße 3 7 4 5 VLA, Urkunde vom 23.4.1640 Siehe Heimat, Heft 13, S. 21 und S. 28 ff! 6 Seine Söhne Ferdinand (1967) und Alexander (1970) sind neben Peter (1949, Franziskas Sohn, Lauteracherstr. 2) die einzigen jungen männlichen Toblar in Wolfurt. Büoblars Anfang wie oben bei Toblar 4. Felix (IL), 1723-99 5. Josef Anton, 1774-1840, Ach (Bregenzerstr. 30, Scheoffkneochts) 6. Lorenz, 1815-1897, Kirchdorf (Kreuzstraße 7) 7. Andreas, 1860-1930, Kirchdorf-Loch (Im Dorf 3) 8. Julius, 1907-1995, Im Dorf 3a Nur der Sohn Herbert (1957) trägt den Namen weiter. Hannes Anfang wie Büoblar 5. Josef Anton 6. Johann Evangelist, Hanne, 1819-1877, Loch (Im Dorf 10, Köbs) 7. Johann Martin, 1861-1922, Röhle (Bregenzerstr. 6) 8. Franz, 1896-1964, Röhle, Hannes Franz Er blieb wie auch sein Bruder Hannes Ludwig (1898-1957) ohne Schwerzler-Nachkommen. Stenzlars Anfang wie Büoblar 5. Josef Anton 6. Andreas, 1820-1886, Kirchdorf (Schloßgasse 1) 7. Josef Anton, 1858-1899, Kirchdorf oo Paulina St^-zel, daher Stenzlar 8. Josef Anton, 1899-1951, Tschuppa-Tone Keine Schwerzler-Nachkommen. Die Tochter Sieglinde, 1926-1983, heiratete Leopold Hasler. Von Antons Schwester Frieda, verheiratet mit Johann Köb, ging der Hausname Stenzlar auf eine Schloßburo-Sippe über. Liborats Anfang wie Toblar 4. Felix (IL) 5. Josef Xaver, 1762-1832, Strohdorf (Kirchstraße 9, Kaufmanns) 6. Gebhard, 1795-1862, Rickenbach (Hofsteigstraße 51, Kaufmanns) 7. Josef Schwärzler, 1834-1883, Hub (Hofsteigstraße 13, Festinis) 8. Liberat, 1867-1909, Hub (Flotzbachstraße 1) 9. Karl, 1897-1962, Hub 10. Hubert (1936), Eulentobel 12 Sein Bruder Dr.Paul Schwärzler (1939) ist nach Schwarzach übersiedelt. Schnidars Nahe Verwandte zu Liborats 7. Josef Schwärzler 8. Josef, 1871-1965, Schneidermeister, Hub (Hofsteigstr. 24) 9. Gebhard, 1906-1989, Hub Kinder, aber keine Schwärzlerenkel Ludwigos Nahe Verwandte zu Liborats 7. Josef Schwärzler 8. Ludwig, 1876-1932, Hub (Flotzbachstraße 8) 9. Oswald, 1905-1990, Hub 10. Ludwig (1931), Wuhrweg 17 11. Roland (1963), Bützestraße 4 Tirolars Anfang wie bei Toblars 4. Felix (IL), 1723-1799 5. Johann Georg, 1756- , seit 1786 verheiratet mit Katharina Winkler, die aus Tirol stammte. Kein eigenes Haus. 6. Fidel, 1788-1859, Rickenbach (Dorbirnerstraße 8, Mohro Veres) 7. Fidel, 1819-1856, Rickenbach 8. Josef, 1854-1927. Er erbaute 1887 das Haus Flotzbachstr. 10 (Tirolars) 9. Johann, 1894-1976 10. Karl (1929), verzogen Seine Schwester Alwine heiratete Florian Gollob. Filitzos Sie stammen nicht von Felix (IL), sondern von dessen älterem Bruder Josef. 3. Felix (L). Aus Felixos entstand der Hausname Filitzos. 4. Josef, 1720-1770. Sein Haus stand im Kirchdorf direkt am Brunnen (Fitz-Gärtle) 5. Franz Josef, 1747-1814. Er erwarb 1795 auf der anderen Seite der Kellhofstraße ein größeres Haus und brach sein Elternhaus ab. Filitzos Hus ist 100 Jahre später 1895 für den Schwanen-Biergarten ebenfalls abgebrochen worden. 6. Josef Anton, 1785-1865, Kirchdorf 7. Johann Martin, 1823-1885, Kirchdorf. Er war der erste Instrumentenmacher und gründete im Jahre 1851 die „Neue Musik". Bis zu seinem Tod war er deren Kapellmeister. 8. Johann Georg, Jg. 1865, Filitzo Hamide, Baumeister. Er brach das Elternhaus ab und übersiedelte nach Bregenz. Seine Schwester Johanna, verehelichte Gmeiner (1867-1932), war viele Jahre lang die Wolfurter Hebamme. 8 9 9. Paul Adalbert, 1902-1986, Im Wida 1, Maurermeister in Lauterach. Er kehrte 1961 mit seiner Familie nach Wolfurt zurück. 10a. Burkhard (1939), Augasse 19 Zwei Schwerzler-Söhne: Christian (1963) und Claus (1967) 10b. Klaus (1944), Im Wida 1 Hafnars Anfang wie bei Filitzos 5. Franz Josef 6. Andreas, 1796-1853. Er erbautel827 auf der Steig das Haus Hofsteigstraße 39 {Benzars) 7. Wilhelm, 1837-1908, Spetenlehen (Hofsteigstraße 36, Klimmars) 8. Albert, 1878-1965. Hafnars Albert wanderte nach Amerika aus. Mit seinem Bruder Wilhelm Schwerzler (1881-1971), ging auch diese Linie zu Ende. Murars Anfang wie bei Filitzos 3. Felix (I.) 4. Johann Georg, 1727- , Unterlinden (Kirchstraße 17, Klockars) 5. Johannes, 1766-1827, Unterlinden 6. Josef Anton, 1807-1840, Unterlinden 7. Martin, 1835-1912, Strohdorf (Kirchstraße 3), Maurer 8. Josef Anton, 1865- , Strohdorf. Murars Seppatone war Maurer und Feuerwehrhauptmann. Mit seiner Tochter Murars Anna, 1901-1982, endeten die Murar-Schwerzler. Durch ihre Ehe mit Fridolin Böhler ging der Hausname auf die Murar-Böhler über. II. Stamm Jakob Holzmüllars, Baholzars, Klamporars, Zimborars, Naiolars, Flaschnars Eng verwandt zum obigen Stamm des Ammanns Georg Schwärtzler ging in Wolfurt gleichzeitig ein zweiter Schwerzlerstamm auf. Georg und Jakob dürften Brüder gewesen sein. Darauf läßt die Gleichartigkeit der Leitnamen in ihren Familien schließen. 1. Jakob Schwärtzler lebte mit seiner Familie im Holz. Dort war er zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges vermutlich bereits Inhaber der Mühle im Holz. Seine erste Frau Maria Stadelmann gebar ihm sehr viele Kinder, darunter die Söhne Martin, Rochus, Johann, Kaspar, Anton und Sebastian. Seine zweite Frau Maria Böhler blieb kinderlos. Stammvater Jakob starb am 6. Februar 1696. Holzmüllars 1.Jakob 2. Johann, im Holz, gestorben 1722 3. Johann, im Holz, 1695-1761 10 4. Josef, 1725-1764, Holz (Im Holz 1) Josef hatte einen älteren Bruder Georg im Nachbarhaus (Im Holz 3), der dort nach einer Urkunde von 1731 die obere Mühle im Holz betrieb.6 Georgs Schwiegersohn Johann Stadelmann kaufte 1772 das Schloß und wurde durch seinen Schwiegersohn Franz Xaver Köb Stammvater der Schloßburo-Köb. Von ihm stammen aber auch die Holzarschmiod-Böhler im Stammhaus Im Holz 3. 5. Johann Martin, 1762-1826, Holz 6. Johann, 1813-1859, Holz, Holzmüller 7. Josef Anton, 1854- , Holzmüller Seine Tochter Johanna Schwerzler heiratete 1924 Ludwig Gunz aus Bildstein. Damit erhielt der Stammsitz der Holzmüller nach 300 Jahren Schwerzler den neuen Namen Gunz. Baholzars Anfang wie Holzmüllars 5. Johann Martin, Holz 6. Johann Martin (IL), 1797-1858. Er heiratete ins Bannholz. 7. Johann Martin (III.), 1833-1908, Bannholz. 8. Josef Anton, 1865-1923. Sein Bruder Martin Schwärzler wurde Pfarrer und Ehrenbürger von Bezau. (Siehe Anhang!) Als das Haus im Bannholz (nahe bei Rutzenbergstraße 25) 1915 abgebrannt war, übersiedelte die Familie auf die Steig (Rutzenbergstraße 1). 9. Josef Anton, 1904-1979. Frickenescherweg 4. Im Elternhaus auf der Steig blieben seine Geschwister Baholzars Kathrie und B. Marte. 10. Jakob Schwerzler (1948). Er erwarb und renovierte im Röhle das Haus Bregenzerstraße 7. Als Stammhalter der Holzmüllar-Baholzar trägt er zufällig auch den Vornamen des Urahns Jakob. Klamporars Ein Zweig von Baholzars 7. Johann Martin (III.) 8. Johann Schwärzler, 1867-1909, Strohdorf (Rebberg 8, Berchtolds) 9. Martin Schwärzler (1908), Spengler. Er erwarb das Haus und den Hausnamen des Klamporars (Spenglers) Raschle im Tobel (Tobelgasse 4). Drei Söhne: Edwin (1934), Ludwig (1938) und Walter (1940). Zimborars Ein mächtiger Ast aus dem Stamm Jakob setzte sich vom Holz herab für lange Zeit in Unterlinden fest. Am längsten besaßen die Schwerzler dort die Häuser Frickenescherstraße 6 (Guldenschuhs) und 7 (Müllers). Die Familie Müller gehört zu ihren direkten Nachkommen. 6 VLA, Urkunde 6993 v. 1.2.1731, gesiegelt von Hofsteigammann Jörg Rohner 11 Müllers Haus in Unterlinden ist ebenfalls ein Stammhaus der Schwerzler 1. Jakob. Urahn der Holzmüllar. 2. Sebastian, 1658-1736. Unterlinden. 3. Georg, 1695-1757 4. Anton, 1736-1799, Hub (Eulentobel 2, Gassers). Von seiner Frau Elisabeth haben die Lislo-Gmeiner, die ebenfalls aus dieser Familie stammen, ihren Hausnamen. 5. Josef, 1773-1845. Er kehrte wieder in ein Schwerzlerhaus nach Unterlinden zurück (Frickenescherweg 6, Guldenschuhs). 6. Joh.Georg (I.), 1809-1881, Zimborar (Zimmermann) in Unterlinden. 7. Joh.Georg (IL), 1848-1890, Unterlinden, Zimmermann 8. Joh.Martin, 1877-1916. Zimborars Hansmarte, Sticker. 9. Edmund (1912). Er übersiedelte nach Feldkirch (Siehe Anhang!). Damit ist dieses einst sehr große Schwerzler-Geschlecht in Wolfurt erloschen. Naiolars Ein großer Ast aus den Unterlindener Schwerzlern. Anfang wie bei Zimborars 3. Georg, 1695-1757, Unterlinden 4. Sebastian, 1729-1788, Unterlinden 5. Joh.Josef, 1773-1837. Er erwarb 1804 an der Ach ein Haus am Platz des späteren Wälderhofs (Bregenzerstraße 28). Seither wurde dieses als Naiolars (Nähers) bezeichnet. 12 6. Joh.Georg (I.), 1810- , Ach 7a. Joh.Georg (IL), 1848-1915, Hansirg. Von einem Naiolar-Onkel erbte er in der Bütze das Haus Bützestraße 2. Sein einziger Sohn Josef starb 1914 als Soldat in Galizien. 8a. Rosa Schwerzler, 1892-1943. Durch ihre Ehe mit Eugen Rist kam Naiolars Hansirgo Hus in der Bütze in den Besitz der Familie Rist. 7b. Joh.Baptist, 1854-1919, Hambadist. Er übernahm das Elternhaus an der Ach, das aber 1897 abbrannte. 1906 erbaute er ein neues Haus weiter unten an der Ach (Achstraße 25). Der einzige Sohn Joh.Georg starb 1915. 8b. Olga Schwerzler, 1886-1969, Böglar-Olga, Achstraße 25 9b. Elmar Schwerzler, 1925-1944. Mit seinem Tod im Kriegslazarett starb auch diese Linie aus. 7c. Lorenz (L), 1851-1919. Er heiratete in die Bütze (Bützestraße 13, Kalbs). 8c. Lorenz (IL), 1890-1957. Naiolars Lorenzle starb kinderlos als letzter Mann aus diesem Zweig. Von seiner Schwester Adelheid Schwerzler kam das Haus durch ihre Ehe mit Ferdinand Kalb an die Familie Kalb. Flaschnars Eine Seitenlinie von Naiolars an der Ach 5. JohJosef, 1773-1837 6. Martin, 1820-1881, Flaschner (Spengler). Erkaufte 1871 den Gasthof „Schiffle" an der Ach (Bützestraße 41) und wurde Wirt. Nach seinem Tod übersiedelte die große Familie nach Kennelbach. Ein Sohn William K. Schwerzler ist 1951 in New Jersey, USA, gestorben. III. Stamm Johann Dellomoosmüllars Noch ein weiterer Schwerzler-Stamm bestand in Wolfurt schon vor 1650, zu den beiden anderen vermutlich nahe verwandt. 1. Johann Schwerzler. Der Pfarrer schrieb seinen Namen Hanß Schwärtzler. Aus den Pfarrbüchern kennen wir zwei Ehefrauen, Maria Straßer, gest. 1656, und Katharina Natter, außerdem vier von den Kindern aus der ersten Ehe: Michael, Anton, Barbara und Franz. 2. Anton, 1650-1722. Er wohnte mit seiner Familie als nächster Nachbar zu Felixos direkt hinter dem alten Schwanen im Gässele. Dieses dritte Schwerzlerhaus im Kirchdorf wurde schon 1911 abgebrochen und seither nicht mehr aufgebaut. 3. Josef, 1691-1754, im Gässele 4. Johann Georg, 1732-1793. Er erwarb 1786 die Mühle an der Minderach und wurde Dellenmoosmüller. (Siehe Anhang!) 5. Josef Schwärzler, 1776-1847, Tuch-Fergger, Schwarzach 6. Gebhard Schwärzler, 1815-1896, Fabrikant, Bürgermeister von Schwarzach. Über ihn und seine Nachkommen berichtet ein eigener Artikel im Anhang. 13 Pfarrer Martin Schwärzler Zwar standen am Anfang der SchwerzierReihen zwei mächtige Hofsteig-Ammänner. Ihre vielen Nachfolger blieben aber in den meisten Fällen schlichte Bauern und Handwerker. Nur ganz wenige traten ins Licht der Öffentlichkeit. Einer davon war Pfarrer Martin Schwärzler. In einem kleinen Bauernhaus auf dem Rutzenberg, zu dem auch ein Steinbruch gehörte, lebte in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts die Familie Martin Schwerzier, Baholzars. Mutter Katharina, geb. Fischer, schenkte zwischen 1864 und 1875 neun Kindern das Leben. Vier Büblein tauften sie Gebhard. Alle vier starben innerhalb der ersten Lebenswochen. Johanna, die älteste, heiratete 1889 Josef Pfarrer Martin Schwärzler Höfle, Dello-Seppl in Rickenbach. Ihren Sohn Martin Höfle, 1892-1992, haben wir alle als unseren 100jährigen Dorfpolizisten gekannt, Josef Anton Schwerzier, der älteste Sohn, übernahm den Hof, der dann 1915 abgebrannt ist. Jetzt übersiedelte er mit seiner großen Familie herab auf die Steig. Das alte StöoglarHus dort heißt seither Baholzars. Die zweite Tochter Maria Rosa blieb ledig, der zweite Sohn Johann heiratete ins Strohdorf und wurde der Stammvater von Klamporars im Tobel. Der jüngste von den Söhnen, geboren am 21. Jänner 1872 im Bannholz, wurde nach dem Vater Johann Martin getauft. Ein paar Jahre später fiel der körperlich schwächliche Bub in der Wolfurter Volksschule dem neuen Pfarrer Johann Georg Sieber durch seine Begabung auf. Der Pfarrer sorgte dafür, daß Martin schon mit 11 Jahren nach Brixen im Südtirol ins Knabenseminar Vizentinum geschickt wurde. Dort absolvierte das Studentlein, sicher oft vom Heimweh geplagt, alle acht Gymnasialklassen. Nur die Sommerferien durfte Martin daheim auf dem steilen Bannholzbühel verbringen. Seine Eltern ersparten ihm das sonst für Studenten übliche Betteln um eine Unterstützung. Dafür half er in der Landwirtschaft mit. 1891 legte Martin die Matura ab, blieb aber in Brixen. Unter dem verändert geschriebenen Namen Schwärzler trug er sich im Priesterseminar ein. Zu Peter und Paul 1895 salbte ihn 15 Das alte Schulhaus. Federzeichnung von Edmund Schwerzler. Zusammenfassung Das Geschlecht der Schwerzler hat sich in Wolfurt, ausgehend von einem 1503 urkundlich genannten Jakob Swärtzler, in drei großen Stämmen ausgebreitet. Um das Jahr 1850 erreichte es mit etwa 170 Namensträgern die größte Zahl. Seither sind die Schwerzler, von denen sich viele inzwischen Schwärzler schreiben, auf etwa ein Drittel zusammengeschmolzen. Im Mannesstamm erloschen sind in Wolfurt zuletzt folgende Sippen: Hannes mit Franz Schwerzler +1964 Murars mit Josef-Anton + Stenzlars mit Anton +1951 Holzmüllars mit Josef-Anton + Schnidars mit Gebhard +1989 Zimborars mit Edmund (verzogen) Tirolars mit Johann +1976 Naiolars mit Lorenz +1957 Hafnars mit Wilhelm +1971 Flaschnars mit Martin +1881 Die heute in Wolfurt lebenden Schwerzler und Schwärzler gehören fast alle den alten Sippen Toblars, Büoblars, Liborats, Ludwigos, Filitzos, Baholzars oder Klamporars an. Einige sind aber auch erst in den letzten Jahren aus dem Vorderwald zugezogen. Auf nur mehr wenigen jungen Familien ruhen die Schwerzler-Erwartungen für das nächste Jahrhundert. Dazu wünschen wir ihnen alles Gute! 14 der Brixner Bischof zum Priester. Am Sonntag, 9. Juli 1895, feierte Martin Schwärzler in Wolfurt seine erste heilige Messe. Die Wolfurter machten, angeführt von ihrem späteren Ehrenbürger Pfarrer Sieber und von Vorsteher Lorenz Schertler, aus der Primiz ein eindruckvolles Fest. Neun Tage lang koordinierte „Dekorationsmeister" Ferdinand Schneider die Vorbereitungen. Außer beim Elternhaus wurden entlang der Hauptstraße für den Festzug weitere acht (!) bekränzte Bogen aufgestellt: in Rickenbach, Spetenlehen, Hub, Strohdorf, Unterlinden, dann der größte am Kirchplatz und schließlich noch je einer am Kirchenportal und beim Pfarrhof.1 Schüler, Kongregation, Männer und Frauen holten den Primizianten mit ihren Kirchenfahnen in Rickenbach ab. Beide Musikkapellen, die alte und die neue, begleiteten den Zug. Geschlossen marschierten die Feuerwehr und die Turner. Die Schützen hatten sich eigens verstärkt. 195 Männer sollen es gewesen sein, die ihre alten Gewehre mit den auf allen Büheln aufgestellten Böllern um die Wette knallen ließen. Nur gut, daß Geistlichkeit und Honoratioren in Kutschen fahren durften, der Primiziant wäre sonst müde zur Kirche gekommen! Einen Monat später, nach verschiedenen Einladungen zu „Nachprimizen" in die Nachbargemeinden, trat der Neupriester seinen ersten Dienstposten als Frühmesser in Dornbirn an. Neun Jahre lang wirkte er hier in St. Martin, in der Pfarre, die seinem Namenspatron geweiht war. Dann aber wurde er 1904 nach Bezau gerufen. Keiner von den älteren Pfarrherren hatte sich um diese große, schöne Pfarre beworben, denn hier mußte dringend eine neue Kirche gebaut werden. Der Pomp bei seiner Primiz in Wolfurt mag einer der Gründe gewesen sein, daß sich der neue Pfarrer bei Vorsteher Feuerstein in Bezau jegliche Feier bei seinem Einzug verbat. Mit umso größerer Tatkraft machte sich der kleine, bescheidene Mann ans Werk. In verhältnismäßig kurzer Zeit war die Planung für eine große neue Kirche abgeschlossen, die Finanzierung gesichert. In den Jahren 1907 und 1908 entstand der gewaltige B au. Auch die gesamte Einrichtung wurde erneuert, die Altäre, die Bänke, die Orgel, die Glocken, sogar der Friedhof. Der Stolz und die Freude der Bezauer über ihre Kirche waren ungeheuer groß. Sie sind noch immer stolz, auch wenn mancher moderne Kunstkritiker glaubt, über das Stilgemisch von Historismus und Nazarenermalerei ein wenig lächeln zu müssen. Unbeeinflußte Besucher stellen immer wieder fest: Eine Kirche, die zum Schauen und zum Beten einlädt! In den Jahrzehnten seiner priesterlichen Seelsorge gewann Pfarrer Schwärzler durch seine 2 1 Pfarrkirche Bezau, erbaut 1908 gütige und liebevolle Art, durch seine Frömmigkeit und Bescheidenheit, die Herzen seiner Pfarrkinder. Schon 1929 ernannte ihn die Gemeinde Bezau nach 25 Jahren als Pfarrer zu ihrem Ehrenbürger. Er blieb noch bis ins hohe Alter im Dienst. Das einzige, was sich der den Armen gegenüber immer freigiebige, selbst aber völlig anspruchslose Geistliche gönnte, waren einige große Wallfahrten nach Rom, Lourdes und ins Heilige Land.2 1940 trat er von seiner Pfarrstelle zurück, blieb aber als Katechet im Schuldienst, besorgte den Erstkommunionunterricht und stand auch gerne anderen Pfarren als Aushilfe zur Verfügung. Sein 50jähriges Priesterjubiläum ging in den Wirren des Kriegsendes 1945 fast unter. Das 60jährige feierte der rüstige Greis ganz nach seiner bescheidenen Art in aller Stille am Gnadenaltar der Landesmutter in Rankweil. Da hat er sicher seine Verwandten und uns alle in Wolfurt auch in sein Gebet eingeschlossen! Wenige Wochen vor seinem 90. Geburtstag ist Pfarrer Martin Schwärzler nach kurzer Krankheit am 14. November 1961 gestorben. Neben dem Südportal seiner Pfarrkirche widmeten ihm Pfarrei und Gemeinde Bezau ein Ehrengrab. Bezauer Pfarrblatt, Festausgabe zum 29. Juni 1955 GA, Chronik Schneider 3, S. 204 17 16 Edmund Schwerzler Ein künstlerischer Tausensassa! So nennt ihn das Kultur-Journal anläßlich einer SchwerzlerAusstellung in Vaduz im November 1990. Ein Multitalent, wie es nur selten vorkommt! Vielen von uns ist Edmund noch gut bekannt, auch wenn er nun schon seit einigen Jahrzehnten im Oberland daheim ist. Zwar ist mit seinem Wegzug die uralte Sippe der Zimborar in Unterlinden erloschen, aber auch die Toblar-Schwerzler zählen ihn zu ihrer Familie. Edmunds Vater Johann Martin Schwerzler, Zimborars Hansmarte, war ein Sticker. Die Mutter Klara Rohner, Toblars Klara, stammte wie ihr Bruder Theodor Rohner (Bürgermeister von 1938 bis 1945) mütterlicherseits aus dem Tobel. 1909 hatten sie geheiratet und bald danach eine Wohnung im Haus Unterlindenstraße 23 bei Ferdinand Köb bezogen. Dort kamen nun drei Buben zur Welt, Franz 1910, Edmund 1912 und Herbert 1914. Bei Beginn des Ersten Weltkrieges mußte der Vater einrücken, wurde in Serbien schwer verwundet und ist 1916 im Lazarett gestorben. Eine harte und entbehrungsreiche Kindheit und Jugend für die Buben ging, als sie gerade ihre Berufe erlernt hatten, in die bitteren Soldatenjahre im Zweiten Weltkrieg über. Franz starb nach einem Unfall schon 1939. Herbert heiratete 1948 nach Hard. Edmund, dessen Zeichentalent schon in der Volksschule aufgefallen war, schloß 1947 an der HTL seine durch den Krieg unterbrochene Ausbildung als Hochbauzeichner ab und fand eine Anstellung bei einem Architekten und später im Landeshochbauamt. 1950 heiratete er Wilhelmine Broch und übersiedelte nach Feldkirch. Aus der glücklichen Ehe entstammen der Sohn Franz Schwerzler in Gisingen und die Tochter Gisela, verehelichte Meier in Schellenberg. Neben seinem Beruf entwarf Edmund manchen Plan für die in Wolfurt gebauten Einfamilienhäuser. Mit den Freunden in der alten Heimat, besonders mit den ehemaligen Musikkameraden, hielt er weiterhin Kontakt. Edmund 18 Schwerzler Zwar hatte er immer schon gerne "gezeich- net", aber so richtig entfaltete sich sein künstlerisches Talent erst spät. Jetzt entstanden aus Edmunds Hand in seiner Freizeit vielfältige Werke: graphisch gestaltete Urkunden, Brandmalereien, Wappenzeichnungen, sogar originelle Keramikfiguren für Ofenkacheln. Vollends verschrieb er sich der Kunst, nachdem er 1976 in den Ruhestand getreten war. Seither hat er vor allem mit Federzeichnungen vielen Menschen Freude bereitet. Zuerst schuf er Bilder von Feldkircher Motiven, dann auch solche aus ganz Liechtenstein, wo er seit dem Tod seiner Frau Mina bei der Tochter eine dritte Heimat gefunden hat. Porträts und Wappenserien stellte er dem Schulamt als Lehrbehelfe zur Verfügung, dazu auch Bilder zur Geschichte von Liechtenstein. Regelmäßig gestaltete er die Titelseiten des Pfarrblattes von Levis und des Gemeindeblattes von Schellenberg mit seiner feinen Feder. Ein wahrer Meister wurde Edmund noch auf einem anderen Gebiet. In Erinnerung an die bescheidenen Spielzeuge seiner Kindheit verschaffte er sich noch einmal eine „Laubsäge"Ausrüstung. Für die Kinder zuerst, dann als Zimmer- und Weihnachtsschmuck stellte er kostbares Kunsthandwerk her. Seine mit großer Feinfühligkeit und Ausdauer gestalteten Arbeiten stießen bei den Ausstellungen in Vaduz 1990 und in Sargans 1991 auf begeisterte Zustimmung. Sicher hat Edmund Schwerzier mit seiner Freude an schönen Dingen, seiner Hilfsbereitschaft und seinem bis ins hohe Alter unermüdlichen Schaffen die Menschen seiner Umgebung und sich selbst reicher gemacht. Wir Wolfurter wünschen ihm noch für viele Jahre Gesundheit und Kraft! Baueraus Liechtenstein. Porträt von Edmund Schwerzier 19 Als zweiter Schwerzler heiratete 1750 Anton Schwerzler, 1724-1797, nach Schwarzach. Er war ein Sohn des (3.) Josef aus dem Stamm III. im Gässele. Seine Frau Maria Meßlang war eine Schwarzacherin, die nun mit ihm im domus 33 bey der Kirchen sechs Kinder aufzog.3 Im Jahr 1764 kauften sie die Dellenmoos-Mühle. Diese alte wichtige Mühle nutzte die Wasserkraft der Rinne, eines alten Kanals, der an der Grenze zu Wolfurt Wasser aus der Schwarzach in die nahe Minderach leitete. Das Wasserrad trieb nicht nur eine Mühle, sondern mit Riemen-Transmissionen auch ein Sägewerk und eine Lederwalke und später dazu noch eine Wetzsteinschleife. Alles gehörte viele Jahre lang der Müllerfamilie Sailer in domus 1 im Dellen Mos, bis 1761 nach dem Tod des erst 24jährigen Franz Xaver Sailer der Rickenbacher Johann Georg Böhler die Mühle kaufte. Aber schon nach drei Jahren verkaufte Böhler am 1 windtermonath 1764 die Mahlmühle samt Haus,-Säge, Walke und Gut (Wiese) mit allem Inventar für 1940 Gulden an Anton Schwerzler.4 Zwar beeinspruchten der Altmüller Johann Sailer und der Wolfurter Geschworene und Rößlewirt Martin Flatz den Kauf, zogen aber ihre Einsprüche bald wieder zurück. Weihnachtssterne. Laubsägearbeiten von Edmund Schwerzler Wie die Schwerzler nach Schwarzach kamen Fast noch mehr Bedeutung als für Wolfurt erhielten dieSchwerzlerfür unseren Nachbarort Schwarzach. Besonders Gebhard Schwärzler hat im 19. Jahrhundert dem damals noch sehr kleinen Dörfchen überregionale Beachtung verschafft. Als erster Schwerzler war ein Holzmüllar nach Schwarzach gekommen. Franz Schwerzler, geboren 1687 als Sohn des (2.) Johann aus dem Stamm II. Jakob im Holz, hatte 1717 Maria Fischer, eine Tochter des Hofsteig-Geschworenen Franz Fischer in Spetenlehen, geheiratet. Mit ihr erwarb er das domus 25 im dorff in Schwarzach.1 Dort ist er 1761 gestorben. Sein 1722 geborener Sohn Johann Schwerzler übernahm das Haus. Von seinen Nachkommen wurde der 1840 in Schwarzach geborene Jesuitenpater Franz Xaver Schwärzler ein bedeutender Mann in der Kaiserstadt Wien. Als Provinzial der Jesuiten erbaute er dort deren Canisiuskirche.2 Mehr als 22 Jahre lang war nun Anton Schwerzler Dellenmoosmüller. Am 14. Mai 1786 wollte er Mühle und Säge an einen ehemaligen Wolfurter Nachbarn, an Josef Marth aus dem Lo beim Kirchdorf, verkaufen. Marths Frau Magdalena Köb und seine Mutter Maria Künz waren Schwarzacherinnen, er selbst der letzte aus der alten Wolfurter Sippe Marth, deren Ahnin Anna Martin im Jahre 1595 unter der Folter sterben mußte, weil sie angeblich die Reben in der benachbarten Bütze verhext hatte. Jetzt brachte Marth seinen Kauf nicht durch. Es war damals üblich, daß jeder schaf (Grundverkauf) nach dem Gottesdienst bei der Kirche veröffentlicht wurde. Wieder kam ein Einspruch, diesmal von Johann Georg Schwerzler, dem jüngeren Bruder des Verkäufers. Johann Georg, 1732-1793, lebte bis dahin mit seiner großen Familie im Schwerzler III - Stammhaus domus 38 im Gäßele hinter dem alten Schwanen im Wolfurter Kirchdorf.5 Seine Frau Katharina Haltmayer war eine Tochter des verstorbenen Rickenbacher Löwenwirts. Ihr Stiefvater, der neue Löwenwirt Joseph Fischer, hatte schon früher und auch jetzt wieder das Amt des Hofsteig-Ammanns inne und damit einen großen Einfluß auf alle Rechtsgeschäfte. Das dürfte den Ausschlag gegeben haben, daß die Dellenmoosmühle nach Ablauf der gesetzlichen Einspruchsfrist am 11. Juni 1786 Joh. Gg. Schwerzler zugesprochen wurde. 3 1 2 4 Pfarrarchiv Wolfurt, Seelenbeschrieb 1760 Josef Walser: Johann Kohler, Tyrolia 1918, S. 120 Wie Anmerkung 1 VLA, Schaffbuch Schwarzach 1758 / 84 1/2 Wie Anmerkung 1 5 20 21 Marth hatte das Nachsehen. Er ist kurze Zeit später nach Bregenz übersiedelt. Mit dem Familienerbe aus dem Löwen konnte Schwerzler die Mühle bezahlen. Er mußte auch die auf ihr lastenden Schulden übernehmen, 300 Gulden an den Hohenemser Juden Ofenheimer und 149 Gulden auf den pfanenberg in Bregenz.6 Diese Schulden hatten wohl seinen Bruder Anton zum Verkauf gezwungen. Jetzt überließ Joh. Gg. Schwerzler das Wolfurter Haus im Gässele seiner ältesten Tochter Maria Katharina, die noch im gleichen Jahr 1786 ihren Mann Aloys Haltmayer heiratete. Er selbst zog mit seiner Frau Katharina und den Kindern Ursula, Anna, Maria, Josef, Johann und Kaspar Schwerzler ins Dellenmoos.7 Mit seinen heranwachsenden Söhnen bewirtschaftete er die Mühle. Mutter Katharina hatte in Wolfurt noch zwei angesehene Vettern, den Adlerwirt Johann Haltmayer und den Kreuzwirt Josef Anton Haltmayer. Beide betrieben neben ihrer Gastwirtschaft einen Weinhandel und dazu noch eine Tuch-Ferggerei. Damals stand ja in fast jedem Haus ein Handweb^tuhl. Die Fergger versorgten die Weber mit Garn und vermittelten den Verkauf der Tücher. Bisher hatten die Weber den im eigenen Feld angebauten und selbst gesponnenen Flachs zu grober Bauern-Leinwand verarbeitet. Nun erzeugten sie aus der neumodischen, aus Südländern importierten Baumwolle feine Tücher. Ein Fergger wurde als Fabrikant bezeichnet. Das Beispiel seiner Wolfurter Verwandten führte nun dazu, daß auch des Dellenmoosmüllers ältester Sohn Josef ein solcher Fabrikant wurde. Er war 1776 noch im Gässele geboren worden und jetzt in Schwarzach als Müllers Sepp bekannt. Mit großem Einsatz weitete er sein Geschäft aus, -\ - allem durch die Umstellung von Weiß- auf Buntweberei in der Konjunktur nach den Napoleonischen Kriegen. Schließlich konnte er um 1835 gleich zwei große Häuser in Schwarzach bauen, eines (Gebhard-Schwärzlerstraße 5) für sich, das zweite für seinen jüngsten Sohn Gebhard (das markante, vor kurzem erneuerte DürKaufhaus, Hofsteigstraße 53). Um diese Zeit hatte Josef Schwerzler seinen Namen bereits auf Schwärzler umgestellt. 1847 ist er gestorben. Vorsteher Gebhard Schwärzler Josefs Sohn Gebhard Schwärzler, 1815-1896, hatte schon 1843 die Leitung der Baumwollfabrikation übernommen. Kurz zuvor hatte er noch in seinem Haus an der Hofsteigstraße eine Gemischtwarenhandlung eröffnet.8 Bis zu 200 Weber in Schwarzach und auf dem Steußberg woben an ihren Handwebstühlen für ihn. Schwärzler erkannte aber, daß VLA, Schaffbuch Schwarzach 1782 / 84 Pfarrarchiv Wolfurt, Familienbuch I c fol 81 8 Hans Kohler: Gebhard Schwärzler und seine Nachkommen, Eigenverlag Rankweil. 1992. Aus diesem Buch stammen auch viele von den folgenden Daten. Sie werden ergänzt aus Pfr. Josef Walser: Johann Kohler und Gebhard Schwärzler, Verlag Tyrolia, 1918. 7 6 er dem Konkurrenzdruck der Maschinenwebereien auf die Dauer nicht gewachsen sein würde. 1856 errichtete er daher selbst eine Fabrik mit 84 mechanischen Webstühlen in Schwarzach. Für den Antrieb sorgte ein Wasserrad am Kanal der Dellenmoosmühle. Später wurde zusätzlich eine Dampfmaschine eingebaut. Nach dem frühen Tod seines Sohnes Gebhard, dem er die Führung der Fabrik übergeben hatte, verkaufte er diese 1883 an F.M. Hämmerle in Dornbirn. Schon 1857 hatten die Schwarzacher Gebhard Schwärzler zu ihrem Vorsteher gewählt. Bis 1873 blieb er in diesem Amt und 1885 übernahm er es noch einmal für drei Jahre. 1888 wurde dann sein Schwiegersohn Johann Kohler Vorsteher und führte als solcher bis 1910 Schwärzlers Werk fort. In diesem halben Jahrhundert gaben die beiden ihrem Ort ein ganz neues Aussehen. Vorsteher Gebhard Schwärzler Die Entwicklung hatte schon mit der Erstellung der Wälderstraße durch das vorher unzugängliche Schwarzachtobel im Jahre 1838 eingesetzt. Gastwirte und Handwerker hatten davon . Vorteile, aber natürlich auch der Fergger, der seine Wälder Weber besuchte. Jetzt wurde eine Eisenbahn durch das Rheintal geplant. Als sich die Wolfurter mit aller Kraft gegen eine Linienführung über ihr Gebiet wehrten, plante der Feldkircher Fabrikant Carl Ganahl eine direkte Trasse parallel zur Reichsstraße durch das Lauteracher Ried nach Dornbirn. Vorsteher Schwärzler war inzwischen 1865 auch in den Vorarlberger Landtag gewählt worden. Obwohl er in weltanschaulichen Fragen manchen Kampf gegen Ganahl, den Anführer der den Landtag beherrschenden Liberalen, austrug, konnte er diesen doch dazu bewegen, Schwarzach als Tor zum Bregenzerwald mit einem eigenen Bahnhof auszustatten und dazu eine ganz neue Trasse zu wählen. Um die Bedeutung Schwarzachs zu unterstreichen, organisierte Schwärzler 1869 hier die erste große Landesausstellung für Landwirtschaft und Gewerbe, zu der Besucher aus weitem Umkreis kamen. Landeshauptmann Froschauer nahm die Eröffnung vor. Aus Innsbruck erschien sogar der kaiserliche Statthalter Freiherr von Lasser. Prompt ernannten ihn die Schwarzacher zu ihrem ersten Ehrenbürger.9 9 Christoph Volaucnik, Heimatbuch Schwarzach, 1990, S. 220 22 23 Zum neuen Bahnhof erbaute Schwärzler auf eigene Kosten eine Straße, die heute nach ihm benannt ist. Lange wehrte er sich dagegen, daß die Wolfurter, die ein paar Jahre früher die Eisenbahn noch verschmäht, aber inzwischen ihren schweren Planungsfehler erkannt hatten, eine eigene Bahnhofsstraße durch den Schlatt bekamen. Über Initiative von Fabrikant Zuppinger und des neuen Wolfurter Vorstehers Adlerwirt Fischer wurde eine solche 1874 doch eröffnet, aber die Wolfurter mußten sie dann fast hundert Jahre lang einschließlich der Brücke auf Schwarzacher Gebiet selbst erhalten. Gegenüber vom Bahnhof eröffnete Schwärzler 1872 bei Aufnahme des Bahnbetriebes auch gleichzeitig das 20-Betten-Hotel „Bregenzerwald" mit Stallungen für 40 Postpferde, die den zunehmenden Verkehr von der Schnellzugsstation (!) Schwarzach in den Wald bewältigen mußten. Erster Hotelier wurde Schwärzlers Sohn Karl. Hundert Jahre später nannten die Schwarzacher ihr immer noch beliebtes Restaurant einfach die „Reste". 1978 ist sie abgebrochen worden.10 Aus dem Familienvermögen stiftete Tochter Paulina Schwärzler 1884 eine private Mädchenschule an der Hofsteigstraße, in der die Schwarzacher Mädchen bis 1938 von Barmherzigen Schwestern unterrichtet wurden. Noch lange danach diente das Haus der Gemeinde als Arzt-Ordination. Als die Rickenbacher im Jahre 1876 auf „Löüowiorts Guot" ihre schöne Kapelle erbauten, stiftete Gebhard Schwärzler im Andenken an seine aus dem Löwen stammende Großmutter Katharina das wertvolle Chorfenster, das noch heute seinen Namen trägt. Er gedachte aber auch der Schwarzacher Kirche, zu deren Friedhof er 1869 die Arkaden erbauen ließ, mit großzügigen Zuwendungen. Mit einem Legat von 4000 Kronen bestimmte er schließlich noch den Bau einer großen Lourdes-Kapelle, die dann sein Schwiegersohn Kohler 1897 an der Schwärzlerstraße errichtete. Ein Jahr zuvor war Gebhard Schwärzler am 24. Februar 1896 gestorben. Schwärzlers Familie. Im Jahre 1838 hatte der 23jährige Gebhard Schwärzler die ein Jahr ältere Maria Anna Pircher geheiratet. Sie war eine Tochter des Eisenschmieds Josef Pircher in Bregenz, der dort am Leutbühel einen Handel mit Metallwaren betrieb. Innerhalb von 13 Jahren brachte Maria Anna 11 Kinder zur Welt, von denen viele bedeutende Vorarlberger Familien abstammen. Allzu früh ist Mutter Maria Anna 1867 gestorben. Als ihre Kinder 1878 die Eisenhandlung Pircher erbten, verlagerte sich ein Teil des Familieninteresses nach Bregenz. Schwarzach blieb aber noch lange Zeit der Mittelpunkt der großen Familie Schwärzler. Zum Abschluß hier nur noch zwei Beispiele für die Fortsetzung des Schwerzler-Stamms III, der Dellomoosmüllar: 6. Gebhard Schwärzler, Schwarzach, Vorsteher und Fabrikant 7. Maria Anna, 1840-1926, Schwarzach, verehelicht mit Johann Kohler, Vorsteher, Landtags- und Reichsratsabgeordneter, Gründer der Christlich-sozialen Partei in Vlbg., Gründer der Raiffeisenbewegung und des Genossenschaftsverbandes für Vorarlberg. 8. Ignaz Kohler, 1883-1962, Obmann des Vlbg. Genossenschaftsverbandes 9. Hans Kohler, 1914-1990, Schwarzach, Verbandsanwalt 10. Hans Kohler (1947), Bürgermeister und Landtagsabg. in Rankweil. Aus dieser Linie stammen neben vielen Kohler- und Schertlerfamilien in Schwarzach auch einige Wächter- und Lingenhölefamilien in Bregenz. 6. Gebhard Schwärzler, wie oben 7. Karl, 1844-1912, Wälderhofwirt in Schwarzach, ab 1878 Geschäftsführer der Firma Pircher in Bregenz, Obmann beim Bau der Herz-Jesu-Kirche. 8. Karl Anton, 1881-1963, Dipl.Ing., Gründer von Elektro-Pircher, Geschäftsführer der Firma Pircher. Seine Schwester Karoline Redler-Schwärzler wurde 1944 von einem NS-Gericht zum Tode verurteilt und hingerichtet. 9. Paul Schwärzler (1925), Ing., Firma Pircher 10. Karl Schwärzler (1952), Dipl.Ing., Firma Pircher Aus dieser Linie stammen u.a. auch die Bregenzer Familien Kleiner mit Generalabt Sighard Kleiner (1904), Redler, Kispert und Emerich. Eine übergroße Fülle von Zusammenhängen und Schicksalen verbirgt sich hinter all diesen Namen und ihren nüchternen Daten. Freud und Leid haben durch Jahrhunderte die Menschen in Familien und Sippen zusammengeführt und verbunden. Es wird uns bewußt, daß jeder von uns nur ein winziges Glied in einer langen Kette ist. Ein Glied, das gehalten wird und halten muß. 10 Emil Gmeiner. Heimatbuch Schwarzach. 1990. S. 237 24 25 Siegfried Heim Heimkehrer Vor 50 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende. Millionen von Menschen irrten durch das zerschossene und zerbombte Europa. Viele waren aus ihrer Heimat vertrieben worden und suchten nun hungernd, frierend und ohne Hoffnung in endlosen Flüchtlingszügen einen trockenen Platz wenigstens für die nächste Nacht. Dabei kreuzten sich ihre Wege manchmal mit den langen Kolonnen der feldgrauen Männer, die in die Gefangenschaft marschierten. Die Soldaten der zerschlagenen deutschen Wehrmacht waren fast alle, sofern sie die grauenvollen Schlachten der letzten Kriegswochen glücklich überlebt hatten, in Gefangenschaft geraten. Eingepfercht in große Lager quälte sie hinter dem Stacheldraht neben Hunger, Nässe, Kälte und Krankheiten vor allem die Sorge um die Zukunft. Um einen Wunsch drehten sich die Gespräche der Gefangenen jeden Tag und wohl auch die stillen Gebete in der Nacht: Heim! Endlich heim! Aus Wolfurt waren über 400 Männer in den Krieg gerufen worden. Viele waren gefallen. Die Volkssturmleute und einigen Invalide waren entlassen worden. Von den anderen konnten nur ganz wenige der Gefangenschaft entrinnen. Die meisten mußten dort noch Monate oder sogar Jahre auf die Heimkehr warten. Ganz unterschiedlich lange Wege lagen vor ihnen, bis sie wieder daheim, daheim in Wolfurt, ihren Angehörigen die Hände schütteln konnten. Ein paar Heimkehrer haben mir von diesem Weg erzählt. Ein Fußmarsch von einem Tag für den einen, ein Leidensweg von mehreren Jahren für manchen anderen. Ein Tagesmarsch - Friedrich Heim Geboren im Dezember 1928 in der Bütze, bekam Friedrich als 15jähriger Schüler der 4. Gymnasialklasse erstmals Soldatendrill zu spüren, als er im Jänner 1944 für eine Woche zur „vormilitärischen Ausbildung" in das Lager Suggadin bei Gargellen einberufen wurde. Wesentlich härter wurde der Monat im „Wehrertüchtigungslager" Moserkreuz am Arlberg im Sommer 1944, wo er gemeinsam mit Raimund Mohr mit Sport und täglichem Exerzieren für das Soldatenleben vorbereitet wurde. Daheim wartete auf Friedrich und seine Jahrgänger Adolf Schwärzler und Karl Gasser schon die Einberufung, die die 16jährigen „Hitlerjungen" am 1. Oktober 1944 zum Einsatz nach Ronca bei Verona in Italien rief. Bewaffnet mit Handgranaten und belgischen Beutekarabinern versahen sie dort Wachdienst beim Bau der letzten deutschen Verteidigungsstellung am Nordrand der Po-Ebene. Besser als die zugeteilten Männerrationen an Wein und italienischen „Populare"-Zigaretten schmeckten den Buben die Weintrauben, die sie von ihren gutmütigen Arbeitern erhielten. Es waren ja lauter Bauern aus den 26 Kinder müssen in den Krieg. Als ihr ältester Sohn Friedrich im Herbst 1944einberufen wurde, ließen Heims noch schnell ein Familienbild machen. Anton und Frieda Heim mit ihren Kindern Elsa, Friedrich, Erich, Siegfried, Helmut, Adolf, Hilde, Gertrud und Ernst. umliegenden Dörfern, die man hier zur Zwangsarbeit eingeteilt hatte. Auf Weihnachten wurde Friedrich entlassen. Aber schon nach ein paar Tagen mußte er zum RAD (Reichsarbeitsdienst) nach Saalfelden einrücken. Keine Spaten wurden mehr ausgeteilt, sondern sofort Gewehre. Eine fürchterliche Schinderei war das Exerzieren unter der Gasmaske bis zur völligen Erschöpfung. Wie eine Erlösung empfanden die Jungmänner die Einberufung zur Wehrmacht im März 1945, obwohl die Fronten bedenklich nahe herangerückt waren. Zu Josefi 1945 rückte Friedrich in die Untersteinkaserne in Bludenz zur Funkerausbildung ein. Wenige Wochen später brachen die Fronten endgültig zusammen, die französische Armee besetzte Vorarlberg. Für die letzten Abwehrkämpfe wurden auch noch die 16- und 17jährigen Funker in die Stellungen in der Felsenau bei Feldkirch verlegt. Hautnah erlebten sie dort am 3. Mai mittags die Sprengung der wichtigen Illbrücke. Jetzt ließ 27 Hauptmann Bartels seine Soldaten im Schwimmbad Felsenau antreten: „ Der Krieg ist aus. Jeder kann gehen , wohin er will!"1 Schnell wurden für alle Entlassungspapiere ausgestellt. Aus Feldkirch rollten bereits französische Panzer auf die Letze, um von dort in den Walgau vorzustoßen. Ein junger Kamerad nahm Friedrich mit zu sich heim ins nahe Nenzing und versorgte ihn dort mit Zivilkleidung. Gemeinsam warfen sie erst jetzt ihre Waffen und die Uniformen ins Tobel. Als die bald danach einrückenden Franzosen die Häuser nach versprengten deutschen Soldaten durchsuchten, fielen ihnen die beiden schmalen jungen Männer nicht auf. Eine Woche lang arbeitete Friedrich nun bei seinem Bauern in Acker und Stall. Dann wagte er den Heimweg. Am frühen Morgen verabschiedete er sich in Nenzing. Problemlos kam er an den vielen französischen Truppen in Feldkirch und Rankweil vorbei. Vom Militär hatte er ja außer den Schuhen und dem alten italienischen Rucksack nur mehr sein Soldbuch und den Entlassungsschein bei sich. Am Kobel in Götzis stoppte ihn ein marokkanischer Wachposten. „Papiere!" Jetzt stellte sich als Segen heraus, daß der Spieß eine Woche vorher seinen großen Stempel auf den Entlaßschein gedrückt hatte. Nur diesen Stempel mit dem großen Vogel studierte der fremde Soldat andächtig. Dann gab er das Papier zurück und winkte zum Weitermarsch. In Hohenems mußte Friedrich seine aufgequollenen Füße im Dorfbach kühlen. Es kostete ihn nachher viel Mühe, sie wieder in die schweren Schuhe zu quetschen. Weiter nach Dornbirn, nach Schwarzach! So sah der müde Wanderer die riesige graue Marschkolonne nicht, die auch heute wieder am Rand der Landstraße im Ried rastete. Seit einer Woche jeden Tag: deutsche Gefangene zu Fuß aus dem Klostertal und den anderen Alpentälern auf dem Weg nach Frankreich! Und nach der Arbeit im Riedacker ging auch heute wieder Friedrichs Mutter mit anderen Frauen aus den umliegenden Dörfern die Kolonne entlang. Vergeblich suchte sie. Daheim in der Bütze aber konnte sie ihn eine halbe Stunde später in ihre Arme nehmen, Friedrich, den ältesten von ihren sechs Buben. 11. Mai 1945. Mit noch nicht einmal 16 1/2 Jahren bereits ein entlassener Soldat! Ein paar Wochen später wird er wieder zur Schule gehen. Flucht im Kohlenwaggon - Heinrich Hölle Jahrgang 1922. Die Matura am Gymnasium Bregenz war 1941 um einige Monate vorverlegt worden, weil die Prüflinge alle schon ihre Einberufung in der Tasche hatten. Zuerst im April 1941 für ein halbes Jahr zum RAD: Flugplatzbau im besetzten Frankreich. Mit Heinrich war auch Doppelmayrs Arthur dort im Einsatz. Dann durften sie noch einmal ein paar Wochen heim. Am 8. Dezember 1941 rückte Heinrich zu den Gebirgsjägern in die Klosterkaserne nach Innsbruck ein: Rekrutenausbildung! Geschliffen werden, gehorchen! Anschließend Lehr1 gang für ROB (Reserveoffiziersbewerber), dann Einsatz in Italien und Jugoslawien bis Februar 1945. Von einem Offizierslehrgang bei Prag werden die Fahnenjunker am 20. April 1945 in die Schlacht um Berlin geworfen, in eine der letzten blutigen Schlachten des Krieges. Straßenkämpfe in der zerbombten Stadt. Am 1. Mai die Nachricht: „Der Führer ist gefallen!" Der Krieg ist aus. Jetzt nur nicht in die Hände der Russen fallen! Flucht durch unterirdische Kanäle aus dem russischen Einschließungsring. Es gelingt den Männern wirklich, sich bis zu den amerikanischen Linien durchzuschlagen. Aber die Amerikaner lösen bereits ihre Brückenköpfe auf der Ostseite der Elbe auf und ziehen sich auf das Westufer zurück. In den Trubel mischen sich nun auch die eingesickerten deutschen Soldaten und überqueren die letzte Pontonbrücke kurz vor deren Abbruch. Dann erst werden sie gefangen und entwaffnet. Zwei Wochen lang geht es in Fußmärschen im Raum Lüneburg von Lager zu Lager, bis die Männer am 17. Juni endlich das Munsterlager erreichen. Hier hausen schon Tausende von Gefangenen in Erdlöchern hungrig, durchnäßt, verdreckt - umgeben von Stacheldraht und Minengürtel, in der Nacht bestrahlt von riesigen Scheinwerfern. Die Ruhr ist ausgebrochen. Heinrich trifft Gassers Heribert und den Bregenzer Kapellmeister Wolf, beide schon von der heimtückischen Krankheit erfaßt. Die Angst vor der Epidemie, dazu Hunger und Heimweh treiben Heinrich nach einem Monat zur gefährlichen Flucht. Im Morgengrauen des 22. Juli durchklettert er gemeinsam mit einem Tiroler Freund die Sperren, erreicht einen Bahndamm und springt auf einen mit Flüchtlingen überfüllten Zug auf. Der bringt sie nach Essen ins Ruhrgebiet. Auf einem Nebengeleise entdecken sie an einem Kohlenzug die Aufschrift „Klagenfurt". Von einer deutschen Weichenstellerin erfahren sie, daß der Zug tatsächlich zur Versorgung der englischen Besatzungstruppen in Kärnten bestimmt ist. Inzwischen haben die beiden drei „Bims"-Brote und ein paar Büchsen „Corned beef' organisiert und die Feldflasche mit Wasser gefüllt. Jetzt graben sie sich tief in die Kohle ein. Vom 24. Juli bis zum 9. August bummelt der Lastzug nun durch die zerstörten Bahnanlagen über Frankfurt, Nürnberg und München nach Süden. Immer wieder gelingt es den Ausreißern, aus den haltenden Waggons abzuspringen, bei deutschem Bahnpersonal etwas Eßbares zu erbetteln oder wenigstens die Feldflasche wieder mit Heinrich Höfle als Soldat Lies nach bei Schelling, Festung Vorarlberg, Teutsch 1980, Seiten 162 ff ! 28 29 Wasser zu füllen und dann, unbemerkt von der Wachmannschaft, das fahrende Versteck wieder zu erreichen. Dann muß Heinrich seinen Gefährten verlassen. Sein Ziel liegt ja jetzt im Westen. Auf der Suche nach einem Unterkommen trifft er in Garmisch zufällig Mathias King, einen Kennelbacher, der aus amerikanischer Gefangenschaft entflohen ist. Mit Hilfe eines ortskundigen bayerischen Försters überqueren die beiden nun von Mittenwald aus über den hochalpinen Franzosensteig die Tiroler Grenze und erreichen an Leutasch und Seefeld vorbei die Eisenbahn bei Zirl. Ohne Fahrkarten besteigen sie einen Personenzug. Eine Schaffnerin, der sie sich anvertrauen, versteckt sie in ihrem Dienstabteil vor der französischen Militärstreife. Bekannte Schilder tauchen an den Bahnhöfen auf: Feldkirch! Dornbirn! Schwarzach! Nur jetzt nicht mehr in eine Kontrolle laufen! Kurz vor Lauterach lassen sie sich aus dem bremsenden Zug fallen. Schräg durch die Wiesen finden sie den Weg an die Ach nach Wolfurt. Es ist Samstag, der 11. August 1945, der Samstag vor Portiunkula. Mama Höfle kommt gerade auf ihrem Fahrrad von der Beichte aus der Kirche. Von dem schmalen Feldweg, der hinter Hohlo-Schnidars Hus in die Bützestraße einbiegt, läuft ihr ein abgezehrter junger Mann in Uniform in den Weg. Aus Tausenden würde sie ihn sofort erkennnen, ihren einzigen Buben, Heinrich! Einige Zeit mußte er sich noch versteckt halten. Er besaß ja keine Entlassungspapiere. Immer noch wurden Männer von der Militärstreife aufgegriffen und nach Frankreich abtransportiert. Die Bürgermusik, die jetzt manchmal für Colonel Jung im Schloß Wolfurt aufspielen mußte, besorgte ihrem Klarinettisten wenigstens einen Passierschein. Dann meldete sich Heinrich im Lehrerseminar an. Am 28. Februar 1946 erhielt er endlich von der französischen Ortskommandantur in Bregenz sein so heiß begehrtes „Certificat de Demobilisation". Entlassen! Entlassen nach fünf verlorenen Jahren. Vom Eismeer nach Hause - Eduard Köb Schmieds Eduard wurde 1917 geboren. Beim „Anschluß" Österreichs an Deutschland war er also gerade 21 Jahre alt und wurde daher sofort, noch zu Friedenszeiten, am 2. Dezember 1938 zu den Gebirgsjägern nach Landeck eingezogen. Noch vor Kriegsbeginn wurde er mit seiner Einheit an die polnische Grenze verlegt. Ab 1. September 1939 marschierten sie in Polen ein, im Mai des nächsten Jahres in Frankreich. Eduard arbeitete die meiste Zeit als Hufschmied für seine Tragtierkompagnie. Im Herbst 1940 wurde die Truppe schließlich nach Kirkenes in Nord-Norwegen verlegt. Auch dort begann am 22. Juni 1941 der Angriff auf Rußland. Drei Jahre lang krallten sich die Gebirgsjäger unter großen Verlusten an der Eismeerfront fest. Dann warf sie der russische Großangriff vom 6. Oktober 1944 zurück. Am 8. Oktober geriet Eduard schwer verwundet in Gefangenschaft. Mit einem durchschossenen rechten Handgelenk und zahlreichen Granatsplittern in beiden Beinen humpelte er den weiten Weg in ein Zeltlager bei Murmansk. Kein Arzt, keine Wundbehandlung, zwei Wochen nur der eigene provisorische Notverband auf den Wunden! Dann ins Lager Babajwo bei Leningrad. Qualvolle Nächte auf einer mit Blut und Eiter 30 beschmierten Wolldecke. Hunger! Eisige Kälte! - Ein Schmied wurde gesucht. Eduard bestand die angeordnete Prüfung und führte nun in einer winzigen Werkstatt die Reparaturen an den Kolchosewerkzeugen durch. Dort hatte er seine wichtigste Begegnung. Der Pan Major, ein Arzt als Leiter des Lagers, verlangte die Reparatur des zerbrochenen Bügels seiner Hornbrille. Eine Schmiedearbeit? Eduard schaffte es. Mit Blech von einer Konservendose und Kupfernieten aus einem Kabel des abgewrackten LKWs legte er über den gebrochenen Hornbügel eine kunstvolle Hülse. Das anerkennende Staunen des Arztes äußerte sich aber nun keineswegs in einer Behandlung der verkrusteten Wunden, sondern vorerst nur in einem mehrfachen „bolschoi spassibo", einem großen Dankeschön. Dann aber erhielt Eduard fast jeden Abend einen zusätzlichen Schöpfer „Kasch", jenen dürftigen Griesbrei aus Buchweizen oder Hirse, der die Gefangenen am Leben halten sollte. Und als am 23. September 1945 der Pan Major den ersten Transport von schwerkranken Österreichern zur Heimkehr zusammenstellte, da suchten und fanden seine Augen auch den Schmied. Fast fünf Wochen dauerte die Fahrt durch Rußland und Polen hinab nach Rumänien, wo sie im Entlassungslager Marmaros-Sziget ihre Papiere erhalten sollten. Täglich gab es eine Handvoll Trockenbrot, aber oft kein Wasser. Wenn der Zug auf freier Strecke hielt, rannten Halbverhungerte hinaus auf die Felder und suchten nach ein paar Zuckerrüben. Manchmal verpaßten sie die Abfahrt und blieben zurück, einem ungewissen Schicksal überlassen. Dann ging es endlich nach Westen, an die tschechisch-österreichische Grenze. Am 31. Oktober 1945 wurden die kranken Männer zu Fuß, die meisten ohne Schuhe, in einem qualvollen stundenlangen Marsch bei Bernhardstal über die Grenze nach Öst


Heimat Wolfurt Heft 18 1996 Februar
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 18 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 1997 Bild 1: Die Turmkugel hoch über dem Kirchdorf. Zuletzt wurde sie im Jahre 1985 von Spenglermeister Walter Schwerzler und Architekt Peter Konzet geöffnet. Inhalt: 83. Kriegsende 1945, Nachtrag 84. Aus der Kirchturmkugel 85. Ippachwald (1) 86. Einwanderer (3) 87. Soldatentod im Schnee 88. Ein Pergament Bildnachweis: Karl Hinteregger Bilder 1, 2, 21 Helmut Schertler 6, 8, 9, 11 Raimund Mohr 12 Siegfried Heim 5, 7, 10, 13, 14, 15 Sammlung Heim 3, 4, 16, 17, 18, 19, 20, 22 Zuschriften und Ergänzungen Fast ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis auf Heft 17 nun endlich Heft 18 folgt. Aus einer Reihe von Anfragen war zu entnehmen, daß es mit Interesse erwartet wird. Mutterpfarre Weißenau (Heft 17, S. 4) Die Frauen der Pfarre Wolfurt nahmen diesen Beitrag zum Anlaß, ihren Sommerausflug 1996 nach Weißenau zu machen. Sie haben dort eine Führung durch die großartige Barockkirche bekommen und vor dem Heiligblut-Altar gebetet. Damit ist wohl ein Neuanfang für unsere fast 400 Jahre lang unterbrochenen Beziehungen zum Kloster Weißenau gemacht. Das Landesarchiv verwaltet noch etliche Urkunden zu Weißenau und Wolfurt: Am 5. September 1447 verlieh Abt Ulrich von Weißenau sein Klostergut auf dem Bühel zu Wolfurt an Ulrich Böler. Am 31. Juli 1573 verlieh Abt Michael von Weißenau das Gut, das vormals Peter Böler innehatte, gegen Entrichtung von Zehent und eines Drittels vom Kornertrag an Hans Schnell von Wolfurt. Mir ist übrigens in dem Artikel ein Fehler unterlaufen, für den ich mich entschuldigen möchte. Die Mönche von Weißenau standen in Konkurrenz mit den Benediktinern von Mehrerau, nicht mit den Zisterziensern. Das für unsere Pfarre noch weit wichtigere Kloster Mehrerau war seit seiner Gründung im Jahre 1097 (vielleicht schon ein paar Jahre früher) bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 eine Benediktinerabtei. Sein Einfluß auf Wolfurt und ganz Hofsteig bedarf noch einer eigenen Untersuchung. Die Zisterzienser kamen erst 1854 nach Mehrerau, nachdem man sie aus Wettingen in der Schweiz vertrieben hatte. Nachkriegsjahre 1945 -1949 (Heft 17, S. 9) Dieser Artikel von Burkhard Reis hat ein vielfältiges Echo gefunden und mit seinen interessanten Bildern zu mancher Diskussion angeregt. Es ist höchste Zeit, daß die noch lebenden Zeitzeugen ihr Wissen weiter geben. Wir sind für jede Notiz dankbar. Ernst Maurer bestätigt die Angaben über Ludwig Gmeiners unbrauchbar gemachtes Auto (S. 22). Er habe selbst als junger Arbeiter in der Mechan. Werkstätte Reimair in Lauterach den Keil neu gehärtet, allerdings nicht in einem Hochofen, sondern in einem speziellen Härtungsofen. Zur Ausweisung der Reichsdeutschen (S. 22) erinnert sich Ernst Maurer, daß er damals in seinem Heimatort Sulzberg-Eibelesmühle gemeinsam mit Bekannten mehrmals deutsche Staatsbürger samt Koffern voll Wäsche und Eßgeschirr über die Grenze nach Bayern geschmuggelt habe. Für Direktor Welter von den Bregenzer MichelWerken hätten sie sogar Möbel geschleppt. Umgekehrt wurden deutsche Soldatenbräute, einmal sogar mit einem Säugling, über die Grenze eingeschleust, damit sie 3 Danke ! Sehr viele Leser unserer Zeitschrift haben mit dem letztes Mal beigelegten Erlagschein Spenden auf unser Konto 87 957 Raiba Wolfurt einbezahlt. Allen sagen wir herzlichen Dank! Besonderen Dank auch der Gemeinde Wolfurt, die den beachtlichen Abgang trägt. Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1997 durch Herrn Klocker vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim. Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard. A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H.. A-6922 Wolfurt hier ihre österreichischen Partner heiraten konnten. Vorerst war allerdigs nur eine geheime kirchliche Eheschließung möglich. Hildegund Mathis-Gmeiner berichtet, daß Franziska Gmeiner (Knores Zischgele, Jg. 1914) am 1. Mai 1945 eine Gruppe von Frauen und Mädchen zuerst in Rickenbach zu Bürgermeister Rohner und dann Richtung Dorf geführt habe. Sie riefen laut, sie wollten die Sprengung der Brücken verhindern und die friedliche Übergabe der Gemeinde erreichen. Hildegunds Vater, der gerade vom Hilfsgrenzdienst in Gaißau heimgekehrt war, verbot ihr das Mitgehen. Lina Schmid-Schwärzler wurde nach dem Einsatz im RAD zur Dienstleistung in der Hutfabrik Egg verpflichtet, wo man Elektroteile für die Rüstung fabrizierte. Das Bild von der Musterung des Jahrgangs 1918 (S. 34) wurde für viele zum Suchbild. Paul Schwerzler hat mir folgende Namen angegeben: Vorne sitzend v. 1.: Paul Schwerzler, Bütze; Johann Simioni, Strohdorf. Zweite Reihe v. 1.: Julius Amann, Postmeisters; Franz Mitterdorfer, Rickenbach (Sein jüngerer Bruder Mario ist 1943 gefallen); Karl Büchele, Schlatt; Erich Künz, Ach; Karl Rohner, Ach (gestorben schon 1939). Hinten v. 1.: Schöllnberger (ein jüngerer Bruder des Schneidermeisters Ernst Schöllnberger in der KellhofStraße); Anton Wolfgang, Rickenbach (gefallen 1945); unbekannt (vermutlich aus dem Wida). Der Jahrgang 1918 war mit 22 Geburten der zweitkleinste in unserem Jahrhundert. Weniger Kinder, nämlich 20, waren nur 1916 zur Welt gekommen, als die meisten Männer im Krieg waren. Georg Klettl hat mir ein paar Notizen vom Geschehen rund um das Vereinshaus 1945 gebracht. Er war damals als 15jähriger dort daheim: Ich erinnere mich noch daran, daß in Wolfurt ein RAD-Lager errichtet werden sollte. Dort wo jetzt das Heinzle-Haus in der Neudorfstraße steht, wurde der Rasen von RAD-Männern abgehoben und zu sauberen Würfeln aufgestapelt. Für uns Buben war der Aufmarsch der Männer am Morgen eine Sensation: blitzblanke Spaten, glänzende Stiefel, gute Disziplin. Es blieb aber beim Rasenabheben. Als sich die Front von Frankreich her dem Bodensee näherte, wurden im Vereinshaus 4 oder 5 LKW voll Werkzeug (Pickel, Schaufeln, Schlägel, hölzerne Schubkarren etc.) eingelagert. Es gehörte der Organisation Todt und war zum Bau von Befestigungsanlagen bestimmt. Nach wenigen Wochen wurde alles wieder abtransportiert. Bald darauf wurde auf der Nordseite des Vereinshauses ein Holzschuppen aufgestellt. Hinein kamen eine Gulaschkanone (Kochkessel) und ein großer Holztrog. Auch eine Pumpe und eine Wasserverteilung mit 5 Hahnen wurden installiert. Der große und der kleine Saal wurden mit Pritschen und Strohsäcken aus Papierspagat ausgelegt. Dann wurde im April 1945 die bisher in Schlünders im Südtirol stationierte Volkssturmabteilung hierher verlegt. Beim „Besensturm" waren Männer aus Bregenz und Umgebung, lauter ältere Semester. Unser Vater war auch dabei, natürlich als Sanitäter. Die Volkssturmmänner sollten bei der Verteidigung des Bodenseeufers in Hard zum Einsatz kommen. Ende April waren die Volksstürmler plötzlich nicht mehr da. An zwei Namen erinnere ich mich noch: Kommandant war der Schuldirektor Niederer aus Gaißau, Koch war ein Herr Rüscher aus Vorkloster. Dann kam der Einmarsch der Franzosen und Marokkaner mit gewaltigem Kriegsmaterial und unzähligen Mulis. Auf Instrumentenmachers Wiese beim Vereinshaus standen jede Menge Dodge und Jeeps (Autos), aber auch Kanonen und anderes Kriegsgerät. Die Panzer waren auf der Wälderstraße abgestellt. Viele hatten Käslaibe aufgeladen, die die Soldaten in den Käsereien im Allgäu erbeutet hatten. Eine große Anzahl Marokkaner schlief im großen Saal auf den vom Volkssturm verlassenen Pritschen. Drei Schmiede waren bei Schmied Köbs einquartiert. Sie hatten die Werkstatt beschlagnahmt und beschlugen nun dort ihre Mulis. Diese weideten in allen Feldern, am meisten unten in den Lehmlöchern. Die Marokkaner waren im allgemeinen diszipliniert. Sie wurden von den französischen Oberen strenge behandelt. Ich erinnere mich noch, daß unsere Mutter ihnen einen ganzen Einweckhafen voll Innereien kochen mußte. Ein fürchterlicher Gestank erfüllte unsere ganze Wohnung. Unvergeßlich! Ganz andere Erinnerungen verbindet Frau Gebhardine Ciaessens mit dem Kriegsende. Als Tochter von Bürgermeister Ludwig Hinteregger, der damals die Verantwortung für Wolfurt wieder übernahm, erhielt sie Einblick in das tragische Geschehen um die Kriegstoten in Wolfurt: Bei dem Tieffliegerangriff am Nachmittag des 1. Mai 1945 hörten meine Mama und ich den Einschlag im benachbarten Kaplanhaus. Im Hausgang wurde die 15 Jahre alte Luise Bilgeri getroffen, als sie in den Keller laufen wollte. Sie wurde über die Stiege hinab geschleudert. Eine Flüchtlingsfamilie, die schon vorher dort Zuflucht gesucht hatte, glaubte zuerst, die Großmutter werfe ihnen noch ein Kleiderbündel zu. Schnell wurden die Krankenschwester Epiphanie und Herr Klettl vom Roten Kreuz verständigt. Ein Transport war nicht möglich. Innerhalb von 12 Stunden ist Luise innerlich verblutet. Das Sterbebuch der Gemeinde hält dazu fest: Luise Bilgeri, geb. 22.5.1930, am 2. Mai 1945, 4.30 Uhr früh, verstorben. Leberdurchschuß durch Tieffliegerangriff am 1. Mai 1945. Am 2. Mai brachte man zwei tote deutsche Soldaten zu uns. Sie lagen zuerst im Tenn. Dann wurde jeder in einen Sarg gelegt und bis zur Beerdigung unter der ersten Arkade des Friedhofs aufgebahrt. Ihr gemeinsames Grab bekamen sie im unteren Friedhof links vom Eingang in der dritten Reihe an der Mauer. Der eine war ein unbekannter Soldat. Er trug nur mehr einen Rosenkranz bei sich. Die Papiere und die Erkennungsmarke hatten ihm wahrscheinlich seine Kameraden abgenommen, um die Angehörigen zu verständigen. Dazu ist im Sterbebuch, bezeugt von Bürgermeister Hinteregger, notiert: Unbekannter Soldat, am 2. Mai 1945, 6 Uhr, gefallen bei Haus 23. (Haus 23 ist Scheffknechts Haus hinter dem Wälderhof an der Ach.) 5 4 Der zweite Soldat trug sein Soldbuch bei sich: Herbert Hümpel, geb. 3.1.1927, aus Kirch-Mummendorf, Bez. Grevenmühlen, Mecklenburg. Das Soldbuch und ein paar Fotos aus seiner Heimat blieben vorerst bei uns. Jeden Suchdienst habe ich angeschrieben. Weil Mummendorf im von den Russen besetzten Gebiet lag, kam erst im November 1952 die erste Anfrage von seinen Eltern. Vom Roten Kreuz in Hamburg hatten sie eine Nachricht erhalten. Ich konnte ihnen das Soldbuch zuschicken. Ende der 60er Jahre wurden die beiden Toten vom Österr. Schwarzen Kreuz exhumiert und auf dem Kriegerfriedhof bei der Evangelischen Kirche in Bregenz neu beigesetzt. An Hümpels Finger steckte noch sein Ring mit den eingravierten Buchstaben H.H. Für die Übermittlung dieser Erinnerung an ihren einzigen Sohn äußerten sich die Eltern dankbar. Inzwischen konnte die einzige Tochter auch schon das Grab ihres Bruders besuchen. Im Sterbebuch bezeugt Bürgermeister Hinteregger: Kanonier Herbert Hümpel ist am 2. Mai 1945, 6 Uhr, in Wolfurt-Oberfeld beim Einmarsch der Franzosen durch Kopfschuß verstorben. Einige Seiten weiter ist im Sterbebuch auch der Tod des Familienvaters Gebhard Böhler (Heft 17, S. 10) vermerkt: Verstorben am 2. Mai 1945, um 18.15 Uhr, in Tuttlingen in der Karlsschule. Lungen- und Leberdurchschuß beim Einmarsch der Franzosen am 2. Mai 1945. Die Leiche wurde nach Wolfurt überführt und am 27. Juli 1947 beigesetzt. Vier junge Menschen mußten also am letzten Kriegstag allein noch in Wolfurt sterben. Einige Zeugen berichten sogar von einem weiteren Todesopfer. In einer Wiese neben der heutigen Nußgasse wurde ein deutscher Maschinengewehrschütze durch einen Lungendurchschuß schwer verletzt. Arthur Fischer berichtet, daß man ihn in sein Elternhaus, in die ebenerdig gelegene Wohnung seines Bruders Eugen, brachte. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Einwanderer 2, Italiener (Heft 17, S. 39) Dieser Bericht wurde in Kennelbach diskutiert. Die Nachkommen der Wolfurter „Italiener" wissen noch, daß ihre Eltern besonders unter dem Übernamen „Tschinggo" gelitten hätten. Das Spottwort stammt angeblich vom italienischen „cinque" (fünf). Die Italiener waren übrigens tief-katholisch. Pfarrer Nachbauer verlangte 1905 für sie einen ständigen italienischen Seelsorger. In Scharen gingen die Männer am Palmsonntag oder am Karsamstag zu den Kapuzinern in Bregenz zur Beichte. Daheim mußten sie dann ihren Beichtzettel vorlegen. Barmherzige Schwestern (Heft 17, S. 60) Einen wunderschönen Brief hat Sr. Isabella Schedler aus Mils geschickt. Unter anderem erzählt sie darin, wie sie als Schülerin 1923 helfen durfte, die neue kleine Glocke über die Berggasse zur Kirche hinauf zu ziehen. Siegfried Heim Dokumente aus der Turmkugel In Bildstein ließ Pfarrer Hinteregger anläßlich von Instandsetzungsarbeiten an seinen Kirchtürmen auch die Turmkugeln öffnen. Dabei fand sich in einem gut verschlossenen Behälter ein handgeschriebenes Dokument aus dem Jahre 1711. Weil die Wallfahrtskirche damals noch zur Pfarre Wolfurt gehörte, ist die Botschaft auch an uns gerichtet. Msgr. Gerhard Podhradsky und Werner Vogt haben sie für uns gelesen und kommentiert. Im Bildsteiner Pfarrbrief vom 25. Aug. 1996 wurde sie abgedruckt. Hier nur ein Auszug: Jesus Maria et Joseph Anno 1692 seindt die Thürnx zue bildtstain bey der Kirchen undt walfahrt erbawet, undt nach 19 verflossenen Jahren widerumb repariert, undt die Kupplen erhöchet worden. Daran haben gearbaithet M. Philipp Geiger undt bartholome böler in Bildtstain, Hanß Stadelmann, undt bartholome böler, zwey Zimmermann. Solche Rupien saindt gedäckht worden von H. Georg broz Landtaman2 undt Seinem Sohn Christian broz von Rankhwil. Zue der Zeitt:.... Nun berichtet der Schreiber, daß der Kaiser (Josef I.) gestorben sei und sein Bruder Karl um das Erbe in Spanien Krieg führe. Ludwig XIV von Frankreich sei in das Land eingedrungen. Die Ungarn hätten ihren Aufstand beendet. Aber noch führten die Schweden gegen die Polen und Dänemark gegen die Schweden langwierige Kriege. Er zählt auch die kirchliche Obrigkeit mit Papst Clemens XI. und dem Bischof von Konstanz Joannes Franciscus auf und fährt dann fort: Zur Zeitt, da H. Pfarrer in Bregenz Jo. Caspar Boch Administrator Episcopalis3 undt Ihro Gnaden Jo. Andreas Pappus v. Trazberg Archiducalis Administrator4 in Bildtstain der Kirchen waren. DD. Beneficiati5 in bildtstain waren zue der Zeitt R.D. Franciscus Casparus Frewis Brigantinus6 .... 1 2 3 4 5 Türme Georg Brotz aus Batschuns war Ammann im Gericht Rankweil-Sulz Verwalter des Bischofs Verwalter des Erzherzogs Die Herren Benefiziaten waren die Inhaber der vier aus Opfergaben der Pilger gestifteten und erhaltenen Pfründen in Bildstein. Im 18. Jahrhundert wirkten an der Wallfahrtskirche ständig vier Priester. aus Bregenz 6 6 7 R.D. Jo. Jacobus Reinhardt Wangenensis .... R.D Fran. Xaverius Wechinger Dornbürensis1 .... R.D. Jacobus Fer Weilhaimensis .... Aeditus hoc tempore: Joannes Schindel in Ranchwilanus simul et Ludemoderator.8 Parochus in Wolffurt R.D. Joannes Egendter Beznaviensis.9 Amanus im gericht hoffstaig H. Georg Ronner in Wolffurth.10 Also 1711 zur Zeitt, da die 4 vor Arlenbergische Herrschaften Ser betrangt waren mit Kriegß beschwerden, winther-quartier, durchzüg in Italien11, undt was daß Meriste12, mit haimmischen großen Uneingkeitten, oder bellis intestinisli. Aus Christlichem Mittleiden vor alle obbemelte Personen So einer Solcher solte noch in der quall des Fegfeürs aufgehalten werden Sollen betten alle gegenwerthige ein hailig undt Andächtiges Vatter Unsser undt Ave Maria.14 Amen. geschechen in bildtstain den 18. July 1711. — Soweit also das Bildsteiner Dokument. Der Wolfurter Kirchturm stammt als ältester Teil der heutigen Pfarrkirche wahrscheinlich noch aus dem 15. Jahrhundert. Vermutlich hat erst Pfarrer Franz Josef Feurstein im Jahre 1728 das alte gotische Satteldach durch eine Turmspitze ersetzen lassen. Jedenfalls läßt sich seither auch in Wolfurt eine Turmkugel nachweisen. Beim großen Kirchenumbau von 1833 ließ Pfarrer Barraga dieselbe öffnen. Er schreibt darüber15: 1834. DerSommer war unerhört warm und sehr trocken. Es regnete nur einige Mahl; daher konnte auch die im vergangenen Jahr aufgebaute Kirche sehr gut austrocknen und mit dem Thurm verputzet werden. - Der Thurmknopfhat 22 Zoll'6 im Durchmesser. Im selbigen fand sich ein kleines 1 1/4 Zoll langes Schächtchen von Holz, es schloß in sich das Evangelium des H. Johannes, ein Wachs17 und ein Zettelchen mit den Worten Franciscus Feurstein parochus18 1728, den 28. Oktober. In einer blechernen Büchse wurde es mit einigen Noten abermahl in selbigen gelegt. Leider ist diese Büchse mit dem ältesten Dokument von 1728 seither verschollen. Franz von Barraga, von 1828 bis 1835 Pfarrer in Wolfurt, schrieb aber auf eine kleine 7 Bild 2: Blick von der Kirchturmkugel auf den Dorfplatz hinab (1985) Rolle Pergament einen zweiten Brief an uns, den er 1834 in die Turmkugel einlegte: Lectori Salutem!19 1833 ist die alte Kirche, die im Langhause 9 Klafter oder 54 Schuhe, und in der Breite ohne Mauer 4 Klafter oder 24 Schuhe hatte20, stückweis so abgebrochen worden, daß der Gottesdienst immer in der Kirche gehalten werden konnte; indem das 13 aus Dornbirn Mesner war zu dieser Zeit Johann Schindl aus Rankweil, zugleich auch Lehrer. In Bildstein hatte nämlich ein Jahr vorher der Benefiziat Dr. Jakob Halder eine der ersten Schulen im weiten Umkreis errichtet. 9 Der aus Bezau stammende Wolfurter Pfarrer Egender hatte einige Jahre früher nur mit großer Mühe verhindern können, daß sich Bildstein als Pfarre selbständig machte. Hofsteig-Ammann Georg Rohner war zuvor einer der Anführer bei den erfolgreichen Aufständen des „Gemeinen Mannes" gegen die Willkür der kaiserlichen Vögte gewesen. Lies über ihn und die im folgenden Absatz beschriebene Not in unserem Land in „Heimat Wolfurt", Heft 13, S. 28! 1 ' Durchmärsche von Soldaten nach Italien 12 das ärgste mit Bürgerkriegen. Gemeint sind die Aufstände des "Gemeinen Mannes", bei denen Bregenz zweimal von den Bauern besetzt worden war. 14 Demnach wurde das Schreiben öffentlich verlesen. Schon zu deren Lebzeiten wurde dabei für die Obrigkeit um Erlösung aus den Qualen des Fegefeuers gebetet. 15 im Anhang zum Pfarrfamilienbuch I C, Pfarrarchiv Wolfurt 16 17 18 22 Zoll sind etwa 57 Zentimeter Wachsfigur. Solche wurden häufig von Pilgern geopfert oder als Andenken gekauft. 19 Pfarrer Ein Gruß: Dem Leser sei Heil! 20 17,10 Meter lang und 7,60 Meter breit 8 9 neue Gebäude sich schnell erhob, und im obigen Jahre mit dem Dache versehen werden konnte. 1834, am Feste Maria Geburt stand die neue Kirche11 vollendet da. Baumeister war Peter Bilgeri von Lauterach, Bauer22 Sebastian Rüscher von Bitzau, die Maurer aus dem Bregenzerwald. Vorsteher L. Fink.23 Bauinspizient Anton Matt von Bregenz. Kassier MartinSchertler,Altvorsteher.2'1' Der Kosten beläuft sich gegen 6.000 Gulden. Freiwillige Beiträge der Pfarrkinder und das Drittel davon von seiner Majestät dem Kaiser Franz I. als Patron in den Fußstapfen des Klosters Mererau decken diese Unkosten.25 Unter Leitung des Zimmermeisters Fetz von Eck im Bregenzerwald ist den 26. August 1834 der Thurmknopf abgenommen worden. Es fand sich in demselben beiliegendes Schächtchen Nr. I von Franz Jos. Feuerstein, Pfarrer zu Wolfurt. Ad. 28 Oktober 172426. Derzeit ist Pfarrer Franz De Barraga, gebürtig von Wien, erzogen zu Innsbruck, wegen Priestermangel nach Vorarlberg berufen, war Kaplan zu Rankweil und Schwarzenberg, dann Pfarrer in Damüls. 1834 ist der Tit. Dekan zu Schwarzach, Joseph Stadelmann; der Hste. H. Generalvikar u. Weihbischof, Johannes von Tschiderer; der Hste. H. Fürstbischof zu Brixen, Bernard Galura; Seine päpstlichen Heiligkeit heißt Gregor der XVI. Den... September 1834 ist der Thurmknopf oder die Kugel vergoldet wieder an seine Stelle gesetzt worden - von Spengler Joseph Schwerzler. Nur etwas mehr als 40 Jahre ruhte das Dokument diesmal in der vergoldeten Kugel. Man hatte den Turmhelm mit kleinen grün glasierten Ziegeln eingedeckt. Diese hielten den rauhen Westwinden aber nicht stand. Dekan Josef Anton Waibel, von 1867 bis 1879 Pfarrer in Wolfurt, sah sich 1877 gezwungen, den morsch gewordenen TurmDachstuhl zu erneuern und mit einem Blechdach zu versehen. Bei vielen Wolfurter Es war eigentlich keine neue Kirche, sondern eine großzügige Erweiterung. Turm und linke Wand der alten Kirche blieben erhalten. Siehe Heimat, Heft 4, S. 59 u. 60! 22 Polier, Bauführer 23 Leonhard Fink (1777-1860) aus Sulzberg, Adlerwirt in Rickenbach, war in Wolfurt schon 1821-22 und dann wieder zur Zeit des Kirchenbaus ab 1832 Vorsteher. 24 Altvorsteher Joh. Martin Schertler (1793-1856), ein Sohn des Schützenmajors Jakob Schertler in Unterlinden, beaufsichtigte von Seiten der Gemeinde den Bau. Später wurde er 1850 bis 1853 ein zweites Mal Gemeindevorsteher. 25 Nach der Auflösung des Klosters Mehrerau im Jahre 1806 war das Patronat über die Pfarre Wolfurt im Umweg über den bayerischen Staat an das österreichische Kaiserhaus gekommen. Die mit dem Patronat verbundene Verpflichtung zum Beitrag am Neubau der Kirche soll der Kaiser aber sehr lange nicht eingelöst haben. Jedenfalls konnte der Brixner Weihbischof Georg Prünster die Kirche erst am 25. Juni 1849 einweihen (Rapp, S. 801). 26 Dieses Datum differiert mit Barragas Eintragung im Pfarrbuch (siehe weiter oben!) um vier Jahre. 27 68 Fuß sind etwa 21,5 Meter, für einen Dachbalken eine erstaunliche Länge. 21 Häusern setzte man einige von den vom Kirchturm entfernten grünen Ziegeln auf das Dach, um sich damit einem zusätzlichen Schutz zu unterstellen. Auf dem Turm wurde natürlich auch die Kugel geöffnet und darin ein dritter Brief hinterlegt: Lectori salutem! 1877 wurde der Thurm renovirt u. mit Eisenblech gedeckt. Dabei kam zur Verwendung: 7 (sieben) lange Stück Holz, wovon das längste 68 Fuß.27 Eisenblech 2400 Quadrat Fuß.28 Die Kugel wurde neu verfertigt aus Kupfer u. im Feuer vergoldet. Durchmesser 20 Zoll.29 Das Kreuz ganz neu. Die ganze Länge 12 Fuß 8 Zoll.30 Das Baucomite bildeten: Franz Hinteregger, Gemeindeausschuß, Dorfmeister, Hauptleiter des Baues.31 Jos. Anton Schedler, Gemeinderath.32 Jos. Anton Geiger, Altkirchenpfleger.33 Arbeiter des Baues: Josef Gmeiner (Strohdorf), Zimmermeister Johann G. Schwärzler (Unterlinden) Josef Schwärzler (Tobel)34 Dachdecker: Martin Schwärzler, Flaschner (Schifflewirth)35 Seine Gehilfen: Wilhelm Schwärzler, Sohn des Obigen Alexander „ Johann Köb von Bildstein, Geselle bei Obigen. 28 29 30 31 Das entspricht einer Fläche von 240 m2. Die neue Kugel war also mit nur mehr 53 Zentimeter Durchmesser etwas kleiner als die alte. Ziemlich genau 4 Meter. Franz Hinteregger (1845-1919) wohnte in der Bütze. Als Dorfmeister war er für Straßen, Bäche und Brunnen im Dorf verantwortlich. 32 Josef Anton Schertler (1829-1916), Flotzbach. Auffallend ist, daß der Pfarrer die Schreibart Schedler verwendete. 33 Jos. Anton Geiger (1820-1888), Rochusles 34 Alle drei waren Zimmerleute aus bekannten Familien: Gmeiner von Disjockeles (später nannte man sein Haus Knores) im Strohdorf. J.G. Schwerzler von Zimborars in Unterlinden. Sein Haus am Anfang der Frickenescherstraße in Unterlinden zeigt noch heute auffallenden Zimmermannsschmuck. Er hat 1905 auch Kreuz und Kugel auf die Turmspitze gesetzt. Josef Schwerzler (1850-1915), der schwarz Toblar, stellte 1911 das Kreuz im oberen Friedhof auf. 35 Das Gasthaus Schiffte stand am nördlichen Ende der Bützestraße. Sohn Wilhelm ist später nach Kennelbach übersiedelt, Alexander nach Amerika ausgewandert. 10 11 Bild 3: Für die neuen Glocken baute die Pfarre 1905 auch eine neue Glockenstube und erhöhte den Turm auf 57 Meter. Bild 4: Frau Agatha Schneider, 1895-1985, Wohltäterin der Kirche Bild 5: Der 1833 eingemauerte Grundstein der Kirche wurde 1994 freigelegt. Die Vergoldung des Hahnes kostet ungefähr 30 fl. Die Kosten übernahm J.G. Kalb (Schwanenwirth). Das Kreuz verfertigte Jos. Anton Dür, Mechaniker, aus eigenen Kosten.36 Der übrige Kosten des Baues kommt ungefähr auf 1500 fl öst. Wrg. u. wird durch Zuschlag auf die Gemeindesteuer gedeckt. (Die Kugel aus Kupfer kostet ungefähr 40 fl u. die Vergoldung 100 fl). Der Bau begann den 17. Juli 1877 unter dem Vorst. J.G. Fischer17. Der Thurmknopf mit Kreuz und Hahn ist unter Leitung des J.G. Schwerzler (Unterlinden) Samstag d. 11. Aug. 1877 wieder auf dem Thurm befestigt worden. Beigelegt wurde das Bild des göttl. Herzens Jesu u. der Zettel mit dem Gebet: „Akt der Sühne ". Der Zeit ist Pfarrer: Jos. Anton Waibel, Dekan, geb. zu Hohenems. Kaplan: Wilhelm Müller. 36 General-Vikar u. Weihbischof: Johann Amberg Fürstbischof zu Brixen: Vincenz Gasser Seiner päpstl. Heiligkeit: Pius IX. Hier schreibt Pfarrer Waibel ein Kompliment an seinen politischen Gegner: J. A. Dür (1818-1888), Gründer der Groß-Schlosserei in Rickenbach, aus der später die Firma Doppelmayr hervorging, war ein Anführer der Liberalen. 37 Vorsteher Joh. Georg Fischer (1847-1918) war Adlerwirt in Rickenbach und ebenfalls ein Liberaler. Als Pfarrer Nachbauer 1904 Spenden für neue Glocken sammelte, verweigerten die Rickenbacher ihre Zustimmung und sammelten lieber für eine zweite Kirche mitten im Dorf. Trotzdem brachte der Pfarrer 43.000 Kronen zusammen und konnte damit das schönste Geläute im Land anschaffen. Zur Erichtung einer größeren Glockenstube mußte die Turmspitze 1905 abgenommen werden. Dabei wurde die Kugel geöffnet. Die beiden alten Briefe darin kamen in das Pfarrarchiv. Im Trubel der Ereignisse beim Aufrichten des neuen Turmes - er war mit 57 Metern um 11 Meter höher als der alte! - dürfte der Pfarrer auf das Einlegen eines neuen Turm-Dokumentes vergessen haben. Vielleicht ist ein solches aber auch bei späteren Reparaturen verloren gegangen. Jedenfalls ist keines bekannt. Ganz neu eingedeckt wurde der Turm samt dem Kirchendach dann erst wieder im Herbst 1985. Diesmal hinterlegte Lehrer Peter Heinzle als Vorsitzender des 12 13 Pfarrgemeinderates wieder einen gut geschützten Brief in der Turmkugel. Dieser ist eigentlich für unsere Nachkommen im nächsten Jahrhundert bestimmt. Hier folgen daher nur einige Auszüge: Wolfurt, am 30. Okt. 85 In den Monaten Sept. und Okt. 1985 wurde die dringend nötige Erneuerung des Kirchendaches und der Turmeindeckung vorgenommen. Gleichzeitig wurde das größtenteils holzwurmbefallene Gebälk imprägniert und die gesamte Fassade gestrichen. (Aufzählung der beteiligten Baufirmen und der für den Bauverantwortlichen Mitglieder des Pfarrgemeinderats.) ... Die Arbeiten wurden durch extrem schönes und trockenes Herbstwetter besonders begünstigt und verliefen ohne Unfälle. Die Finanzierung der enormen Kosten (ca. 2 Mill. S - das ist etwa der halbe Wert eines Einfamilienhauses samt Grund) konnte zu einem großen Teil durch die Erbschaft der Wwe. Agathe Schneider, geb. Geiger, gestorben 1985, erfolgen. Gott vergelte ihr diese übergroße Wohltätigkeit! Die Marktgemeinde Wolfurt hat derzeit etwa 6500 Einwohner, davon etwa 4500 Katholiken. Gastarbeiter aus der Türkei u. Jugoslawien stellen mit ihren Familien etwa 1/10 der Bevölkerung. Wolfurt hat sich in den vergangenen 30 Jahren vom Bauerndorf zur Industrie gemeinde entwickelt. Es bleibt zu hoffen, daß verantwortliche Gemeindepolitiker diese Entwicklung in Bahnen lenken können, die zum Wohl aller Wolfurter und auch unserer Nachkommen gereichen. Das Jahr 1985 war für die Pfarre und die Marktgemeinde Wolfurt ein Jahr großer Veränderungen. Nach 28jähriger, überaus segensreicher Tätigkeit trat Pfarrer Gebhard Willi (Jg 1913 - Ehrenringträger der Markigem. Wolfurt) in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Kaplan German Amann Den Generationswechsel begann im verg. Herbst der Gemeindearzt Dr. Lothar Schneider (Jg 1920). Er war 28 Jahre Gemeindearzt in Wolfurt, davon viele Jahre einziger Arzt Ähnlich lange im Amt war Bürgermeister Hubert Waibel (1960-85). Er wurde im Mai von Erwin Mohr abgelöst In luftiger Höhe wartet diese Urkunde nun hoffentlich viele Jahre lang auf den ersten Leser. Sehr lange schon wartet eine andere Urkunde im Fundament der Pfarrkirche St. Nikolaus. Im Dezember 1994 wurden die Grundmauern freigelegt, weil man sie entfeuchten wollte. Dabei entdeckten die Arbeiter 2 Meter rechts vom Hauptportal in nur 70 Zentimeter Tiefe einen Stein mit seltsamer Inschrift. Eine Untersuchung ergab, daß es sich um einen alten Grabstein handelte. Eingemeißelt war unter dem Christuszeichen IHS auch das Datum Mai II 1770 zu erkennen. Bei der Errichtung dieses Fundaments im Jahre 1833 sollte der alte Sandstein wohl etwas schützen, das dahinter verborgen ist. Pfarrer Barraga berichtet darüber im Familienbuch bei den Aufzeichnungen über den Wolfurter Kirchenbau: 14 Den 28. April 1833 wurde vom Hochwürdigen Gnädigen Herrn H. Dekan, k.k. Schuldistriktsinspitient und fürstbischöflichen Geistlichen Rathe zu Bregenz in Schwarzach Joseph Stadelmann, nachdem er eine sehr angestande Rede hielt und die Stelle des Hochaltars eingesegnet hatte, unter dem Schalle der türkischen Musi38 der Eckstein gesetzt. Rechts an der forderen Seite der Kirchenmauer. Er hatte die Aufschrift, die die Jahrzahl enthält: Fördere, o Gott! dieß Werk von uns Wolfurtern zu Deiner höchsten Verherrlichung. Er wurde ausgehöhlt, und in die Höhle wurde ein Fläschchen gut versiegelt gelegt, welches einige Notizen z. B. von den zu leistenden Auslagen, von den Nähmen der regierenden geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, enthält. Auch wurden einige kleine Münzen beigelegt. Pfarrer Amann konnte der Versuchung, nach den kleinen Münzen zu greifen, widerstehen. Er ließ den Stein ungeöffnet. Der Graben wurde wieder zugeschüttet. Darin meine ich des Pfarrers Botschaft an uns zu hören: Unsere Kirche wird weiterhin auf festem Grund stehen! 38 gemeint ist die damalige Wolfurter Blasmusik 15 Siegfried Heim Der Ippachwald (1) Neue Straßen Seit 200 Jahren bewirtschaften im Ippach mehrere hundert Grundbesitzer ihre oft sehr kleinen Waldparzellen. Jedes Jahr holten sie früher, als es noch keine modernen Heizungen mit Kohle oder Öl gab, das notwendige Brennholz für Herd und Kachelofen aus dem eigenen Holztoal (Waldteil). Schöne Stämme sparte man für Bauvorhaben oder auch zum Verkauf. Durch steile Riesen ließen die Holzer die glatten Stämme über die Hänge herab rutschen. Starke Pferde schleppten die schweren Lasten zu den Holzplätzen. Nur auf Schneebahnen konnte man sie von dort ins Tal bringen. Die Umstrukturierung der Landwirtschaft brachte ab 1950 auch für den Wald große Veränderungen. Zentralheizungen und Elektroherde verdrängten die Holzöfen. Während die Arbeitslöhne stiegen, sanken die Holzpreise immer tiefer. Auch Zugpferde wurden selten. Neue Waldbesitzer hatten oft kaum mehr Bezug zu ihrem Waldteil. Wege und Marken verfielen. Manche Waldteile wurden jahrzehntelang nicht mehr bewirtschaftet. Mehrmals versuchte die Gemeinde, die Waldbesitzer zu einem gemeinsamen Straßenbau zu bewegen. 1965 legten die Forstfachleute des Landes zusammen mit Waldaufseher Paul Geiger einer Grundbesitzerversammlung sogar baureife Pläne vor. Eine Einigung kam aber nicht zustande. Überall im Land wurden Wälder durch neue Straßen erschlossen. In Wolfurt ließ man dagegen die alten weiter verfallen, abrutschen, ausschwemmen, vermuren. Große Waldflächen waren für Traktoren nicht erreichbar. Im Winter 1988/89 wurden dann aber endlich oberhalb von Frickenesch drei Waldwege saniert. Jetzt erstellte die Forstbehörde durch Dipl.-Ing. Siegfried Tschann und Ing. Roland Eine ein neues Projekt für den Ippachwald, das den Ausbau von 5,2 km Waldstraßen vorsah. Sofort nahmen einige „grüne" Gemeindevertreter ablehnend Stellung. Sie erhielten Unterstützung durch ein Gutachten des Landschaftsschutzes: Eine intensive Waldbewirtschaftung würde zu Fichten-Monokulturen führen! Dem widersprach Dipl.-Ing. Tschann in einem Gegengutachten heftig: Die Ippach-Forststraße gehöre zu den dringensten Aufgaben im ganzen Bezirk. Jetzt lud die Gemeinde alle Grundbesitzer zu einem Informationsabend am 6. April 1990 in die Aula der Hauptschule ein. Das aufgelegte Projekt fand Zustimmung. Eine Reihe von Waldbesitzern forderte sogar eine Ausweitung auf weitere Waldteile. Am 4. Mai 1992 wurde schließlich in einer Versammlung in der Aula der Hauptschule die Bringungsgenossenschaft Ippachwald gegründet und ein Ausschuß mit Vertretern aus Hard, Lauterach, Schwarzach und Wolfurt gewählt. Obmann wurde 16 Bild 6: Bei der Alten Schmiede wurde die Forststraße 1993 neu angelegt. Im Hintergrund erkennt man den Einschnitt des alten Dreigassenwegs. Helmut Schertler. Zwar erklärten 113 Waldbesitzer spontan ihren Beitritt, aber nun mußten mit großem Aufwand weitere 200 Unterschriften eingeholt werden. Schließlich taten alle 331 Besitzer mit, lückenlos alle! Sonst hätte man ja Mautstraßen bauen müssen. Der Ausschuß erarbeitete Satzungen und eine Wegeordnung. Schon 1992 wurde die Zufahrt von der Neuen zur Alten Bucherstraße ausgebaut. Ab August 1993 begann der Bagger mit der Arbeit am Dreigassen-Weg bei der Alten Schmiede im Holz. Die Bauleitung hatte mit Gottfried Mathis ein Mann übernommen, der seine Erfahrung im Straßenbau von der Wildbachverbauung einbrachte. Bis zum Sandigen Weg hatten die Planer ein Stück weit eine neue Trasse wählen müssen, von dort hinab zu den Dreigassen, hinauf zum Ellbogen und nach links hinein über den Tobelbach konnte man alten Gassen oder Wegrechten folgen. Im März 1994 begann man mit der Sanierung der Alten Bucherstraße hinauf über die Katzensteig zum Ippachbrünnele. Es folgten das schwierige Stück über die Sausteig zum Saustall und drei anschließende Stichstraßen, von denen eine die Holzteile bis weit herab in der Ebene bei Hoamolitto erschließt. Eine zweite am Saustallgraben ließ diesen Naturbach möglichst unberührt. Im März 1995 kam das zweite Baulos der Alten Bucherstraße vom Ippachbrünnele zum Gschliof an die Reihe. Die sumpfigen Murablagerungen im Gschliof selbst mußten mit einem 5 m hohen Damm überquert werden. Daran wurde noch ein ganz neues Straßenstück in die Kohlplatzwälder hinauf angeschlossen. So hatte die Genossenschaft nun mit 6 1/2 km Straßen etwa 180 Hektar Bergwald für die Bewirtschaftung mit Maschinen erschlossen. Zu den Kosten von 6 Millionen Schilling mußte jeder Eigentümer einen Anteil bezahlen, den überwiegenden Teil finanzierten aber Land und Gemeinde. Diese günstige Lösung war nur durch den 17 Bild 7: Veranwortlich für die neuen Straßen: Gottfried Mathis, Helmut Schertler, Ing. Roland Erne, Paul Geiger. Bild 8: So sah die Sausteig bis 1994 aus: eng und matschig. großen Einsatz der Verantwortlichen möglich. Weil sie weitgehend den alten Wegerechten gefolgt waren, mußte nur ganz wenig Holz geschlagen werden. Keine einzige Sprengung war notwendig geworden. Durch dieses Beispiel angeregt, hatte sich in einer weiteren Gründungsversammlung am 17. März 1994 eine zweite Genossenschaft Ippachwald II gebildet, die die anschließenden Wälder auf Bucher und Bildsteiner Kohlplatz-Gebiet erschließen wollte. Unter Obmann Herbert Böhler und seinem Stellvertreter Raimund Mohr stießen sie im Winter 1995/96 mit einer 800 m langen Stichstraße bis in die Schlucht des Bucher Ippachgrabens vor. Dabei mußten sie den Gitznergraben queren und den Steilhang mit Hilfe von etlichen Krainerwänden (Konstruktionen aus Baumstämmen) überwinden. So wurden hier in dem abgelegensten Teil des Ippachwaldes weitere 33 Hektar erschlossen. Am 4. Oktober 1996 konnten die fertigen Straßen den neuen Besitzern vorgestellt werden. Landesrat Schwärzler und Bürgermeister Mohr eröffneten in einer kleinen Feier bei der Alten Schmiede die neuen Zugänge zu unserem Wald. Aus der Geschichte Gemeinschaftswald Der Ippachwald deckt eine Fläche von insgesamt etwa 600 Hektar. Er erstreckt sich von Wolfurt an der Ach entlang unterhalb von Buch bis zum Alberschwender Unterrain. Durch bewaldete Tobel ist er mit dem Asenenwald bei Alberschwende und dem Bildsteiner Täschenwald verbunden. Jenseits der Ach schließen sich die ausgedehnten Wälder über Hohwacht und Fluh bis zum Pfänder und durch das Wirtatobel zum 18 Hirschberg an. Von 415 m Meereshöhe am Achufer des Wolfurter Sportplatzes steigt der Ippachwald steil zur 973 m hohen Schneiderspitze auf. Im Mittelalter hatten zwischen 900 und 1200 n.Chr.G. Hofsteiger Siedler zuerst die Wolfurter Bühel und die sonnigen Südhänge des Steußbergs in Bildstein gerodet und dann auch die flachen Ebneten und die sanften Halden am Osthang in Fischbach und Buch. Den steilen, feuchten und schattigen Nordhang des Steußbergs ließen sie ungeschoren. So blieb dort der große Ippachwald erhalten. Sein uralter Name, im Volksmund Ippa, stammt wohl von den zahlreich vorkommenden Eiben (Iba). In überreichem Maß lieferte er den Siedlern das Bauholz für ihre Häuser und das Brennholz zur Beheizung ihrer Kochstellen. Die Bauern der alemannischen Markgenossenschaften und der sich daraus entwickelnden Dörfer bewirtschafteten den Wald und die Felder lange Zeit gemeinsam. Gemeinsam trieb ein Hirt das Vieh aller Höfe auf die Waldweiden. Gemeinsam erntete man an bestimmten Tagen Beeren, Holzäpfel, Eicheln und andere Waldfrüchte. Unter Aufsicht von Ammann und Geschworenen des Gerichts Hofsteig wurden jedes Jahr vom banwart die zum Fällen bestimmten Bäume gemalen (mit einem Mal versehen). Der Bannwart war ein vereidigter Aufseher (Siehe Hofsteigischer Landsbrauch, LMV 1900, Seiten 138 u. 149!) Jeder husröchi (jedem Haus mit einer rauchenden Feuerstelle) wurde eine bestimmte Anzahl von Bäumen zugelost. Das Los entschied also, ob einer seine Stämme vom nahen Frickenesch oder etwa in einem abgelegenen Ippachteil fällen durfte. Wer ein Haus oder einen Stadel baute, erhielt vom Gericht kostenlos das dazu notwendige Holz. Zu den Pflichten des Ammanns gehörte die regelmäßige Kontrolle der Marken, mit denen die Gerichtswälder abgegrenzt waren. Es scheint immer wieder Holzfrevel gegeben zu haben. Jedenfalls gibt der aus dem Mittelalter in die Neuzeit übernom19 Bild 9: Behutsam wurde der neue Dreigassenweg der Natur angepaßt. Bild 10: Im Gschliof war die Alte Bucherstraße nur mehr ein morastiger Pfad. Eine neue Forstsraße erschließt jetzt hier die Kohlplatzwälder. mene und 1544 aufgeschriebene Hofsteigische Landsbrauch strenge Anweisungen: Die an die Gemeindehölzer angrenzenden Nachbarn sollten die Marken anerkennen und .... darüber nit greifen noch dem tigen Hofstaig in dessen Waldungen, hölzern, gesteüd und gestreyppt ainichen schaden zuefüegen, weder wenig noch vil darinnen howen oder wegg tragen ... (S. 179. Ein tigen ist ein Bezirk.). .... Item am berg soll niemands in gemainen höltzern reuten noch holz howen, dann mit der andern willen .... (S. 149). Tannenholz durfte nur als Zimmermannsholz verwendet und nicht als Brennholz vergeudet werden: .... das bueche holtz zuebrennen und das tenni holtz zue gezimbern und gebewen und änderst nit. Dann welcher zimerholtz verwüesten würde, der soll ainer herrschaft fünf pfund pfening strafgelt zuebezalen schuldig und verbunden sein. Desgleichen soll auch kainer kainjung büechelin erkimin genannt, noch kain berend pomb ob den marken abhowen .... Also standen junge Buchen {erkimin, wörtlich Erdkeim) und Beerensträucher (berend pomb) unter besonderem Schutz. (S. 146). Aus den abgelegensten Tobein konnte man das Holz nicht herausführen. Dort stellten die Kohlenbrenner ihre Meiler auf und erzeugten die wertvolle Holzkohle: Item es soll niemands kolen, dan an den enden, dahin ain jeder von dem amman gewisen und beschaiden würdet (S. 146). Auch die Wagner wurden in jene Tobel gewiesen, aus welchen man das Holz auf dem Rücken heraufschleppen mußte: Item die wangner des gerichtz Hofstaigs sollen auch holtz howen an denen orten und enden, dahin man nitfaren kan, sonder zu ruck und unden auftragen muess; auch sy von amman und ge rieht beschaiden werden (S. 146) Gefälltes Holz mußte binnen eines Zeitraums von einem Jahr und 6 1/2 Wochen aus dem Wald entfernt sein, sonst durften es andere wegführen. 20 Das Eichenholz galt als besonders wertvoll. Daraus wurden die für die Brücken benötigten Balken geschlagen. Aber auch die Küfer brauchten es für Fässer und Standen. Eine bestimmte Menge Brennholz wurde dem Pfarrer für den Pfarrhof zur Verfügung gestellt. Anderes nahm die Gemeinde für sich selbst, besonders zur Herstellung von Dücheln (hölzernen Rohren) für die Dorfbrunnen, für Brücken und für Zäune. Die Aufteilung des Waldes Über viele Jahrhunderte fanden die Hofsteiger mit dieser Holzordnung ihr gutes Auskommen. Am Beginn des 18. Jahrhunderts häuften sich aber Streitigkeiten wegen des Gemeinschaftswaldes. Im Jahre 1706 beklagte sich Alt-Ammann Haltmayer vor Gericht bitter über die Unordnung in den Wäldern, die unter seinem Nachfolger aufgekommen war (Heimat, Heft 13/29). Mißbrauch der Schlägerungsrechte führte dazu, daß Ammann Jerg Rohner den jungen Pfarreien Lauterach und Hard ihr ius lignandi cumulative (das Recht, für den Pfarrer beliebig viel Holz zu schlagen) beschneiden wollte und dabei im Jahre 1728 beim Klerus auf Widerstand stieß (Rapp II, S. 274). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mußte der gemeinsame Wald in den sechs Dörfern von Hofsteig insgesamt 602 alt berechtigte Häußer versorgen. Dazu waren aber zuletzt noch 34 neu berechtigte sogenante Neübäüler gekommen, die auch Holz beziehen wollten. Als Andreas Haltmayer, ein Sohn des angesehenen Rickenbacher Adlerwirts, im Jahre 1773 ein ganz neues Gasthaus, das heutige Kreuz, erbaute, wies ihm das Gericht noch kostenlos das gewöhnliche Quantum von 45 Stämmen als Bauholz zu. Das Mißtrauen der sechs Dörfer gegeneinander und gegen die Obrigkeit waren aber 21 bald danach so groß geworden, daß die Geschworenen des Gerichts Hofsteig schließlich am 3. Juni 1794 die Aufteilung der Gerichtswälder beschlossen. In der Begründung dazu heißt es: Da aus den vorangeführten zu vertheillenden Waldungen das Holz zu sämtlichen Brücken, Stegen und jeder Gemeinde aufliegenden Wuhrungen, zu den Pfarrkirchen, Pfarr u. Schulhäusern, zur beheitzung der Letzteren und zu den Brunnen Deücheln des ganzen Hofsteiges immer unbestimmt und uneingeschränkt ausgefolgt, durch derley zu weitschichtige und eigenmächtige Holzschläge aber verschiedene zu mannigfaltigen Uneinigkeiten anlaßgebende Ungleichheiten unterlaufen; und das Holz selbst oder zum größten Nachtheile der Waldungen geschlagen, oder manchesmal gar unnütz und geringen Theils verwendet worden, so muß diesen dem Waldstande äußerst schädlichen Unfügen durch die gegenwärtige Theilung möglichst abgeholfen, und diese allgemeine Beschwerden auf jede der 6 bemelten Gemeinden verhaltnißmäßig ausgeglichen werden. (Abschrift im GA Wolfurt, cod 64) Die Geschworenen richteten ein entsprechendes Ansuchen an das k.k. Kreis- und Oberamt. Erst ein Jahr später stimmte Kreishauptmann Indermauer am 6. Oktober 1795 dem Teilungsplan zu. (Der verhaßte Kreishauptmann Ignaz Anton von Indermauer ist übrigens ein Jahr später von wütenden Bauern im Kloster St. Peter in Bludenz erschlagen worden.) Ein großes Gesetz mit 17 Paragraphen regelte den Ablauf der Teilung. Es enthielt zuerst eine genaue Aufstellung über die Bedürfnisse der einzelnen Dörfer: Hard 151 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 16 1/2 Anteile für Pfarre, Schule, Brunnen und Brücken Lauterach 124 alt berechtigte Häuser 2 neue dazu 32 Anteile für die Gemeinde, davon 16 allein für die Brunnen Wolfurt für 150 alt berechtigte Häuser für 6 neu berechtigte Häuser zum Unterhalt der Pfarrkirche 2 1/2 des Pfarr Haußes 1 des Schulhaußes und Heitzung 2 Zimmer 4 der Brünnen 20 der betreffenden Brücken 7 1/2 der Gerneindswuhren 6 die Riedbrucken und Stegen 2 Für Wolfurt wurden also mit 43 Gemeindeanteilen weit mehr als für Hard oder Lauterach berechnet. Die Wuhren galten für die Bäche, nicht für die mit eigenen Wäldern ausgestattete Achwuhr. Schwarzach 53 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 18 Gemeindeanteile 22 Bild II: Krainerwände ermöglichen den Bau von Serpentinen am steilsten Hang. Steusberg (Bildstein) Buch 85 11 34 3 alt berechtigte Häuser neue dazu 31 1/2 Gemeindeanteile alt berechtigte Häuser neue dazu 11 1/2 Gemeindeanteile Im Ippach gab es einige große private Waldungen, die von einer Verteilung natürlich ausgenommen werden mußten: Konkurrenzwälder der Achwuhr, Klosterwaldungen zum Kloster Hirschthal in Kennelbach, Herrschaftswälder im Besitz der Deuring von Bregenz und die riesigen unzugänglichen Waldungen am Kohlplatz. Außerdem behielt das Gericht einige Eichenwälder für sich, weil deren Holz zur Erhaltung der überörtlichen Brücken dienen sollte: den Kellawald hinter Rickenbach, das Spetenlehenhölzele zwischen Wolfurt und Meschen und das Hölzele ob dem Strohdorf. Zur Verteilung bestimmt wurden fogende Wälder: 1. der sogenannte Ippach (ohne Privatwälder) 773 Juchart 2. die in der Gemeinde Steusberg befindliche Taschen 69 Juchart 3. der Sonder ober dem Dorfe Schwarzach 159 Juchart 4. die Asenen an der äußersten Gränze Hofsteig gegen das Gericht Alberschwende 136 5/16 Juchart 5. Entlich das Tobelholz gleich unter den Bildsteinerischen Viehweiden an dem Bache Rickenbach genant 9 Juchart 23 Zusammen also 1146 5/16 Juchart. Ein Hofsteiger Juchart entspricht 44,59 Ar. Demnach wurden also im Jahre 1796 insgesamt 511,14 Hektar Wald verteilt. Seit genau 200 Jahren sind die Steußbergwälder in Privatbesitz. Zunächst wurden den Dörfern Buch, Bildstein und Schwarzach die in ihrer Umgebung liegenden Flächen zugesprochen. So erhielt Buch mit seiner kleinen Anzahl von Häusern das kleinste Stück. Bildstein bekam den Asenenwald, das Tobelholz und dazu noch Teile von Sunder und Ippach. Schwarzachs Anteil reichte weit in den Sunder hinauf. Die manchmal recht willkürlich gezogenen Grenzen wurden zehn Jahre später, als die Bayern das Gericht Hofsteig im Jahre 1806 auflösten, zu Gemeindegrenzen der Steußbergdörfer. Den großen Rest des Ippachs teilten sich Hard, Lauterach und Wolfurt. Wolfurt bekam den an das Dorf angrenzenden nächstgelegenen Teil. Für Lauterach blieb der mittlere und für Hard der östlichste Ippachteil im Gemeindegebiet Wolfurt an der Grenze gegen Buch. Diese Flächen mußten mit haltbaren Marken gekennzeichnet werden. Dann wurden sie den sechs Gemeinden anvertraut. Diese nahmen nun durch eigene Vertrauensleute die weitere Verteilung vor. Zuerst steckte aber jedes Dorf ein großes Stück für seine eigenen Verpflichtungen ab. So entstanden Kirchenwald, Brunnenwald und Gemeindeteil. Erst jetzt wurde der Rest zu Parzellen vermessen. Dann mußte jeder der 156 Wolfurter, 126 Lauteracher und 157HarderHausbesitzer sein Los ziehen. Den Neubäulern wurde nur ein Drittel-Teil zugestanden. So kamen die Wolfurter zu ihren Holzteilen am Sandigen Weg und im Mösle. Die Lauteracher mußten bis an die Katzensteig und zum Saustall hinauf, die Harder gar bis zum Plattenbach und zum Kohlplatz. Innerhalb der ersten zwei Jahre durften die Holzteile ausgetauscht werden, dann erst wurden sie verbuchen und gehörten nun unzertrennlich zum Haus wie Haustür oder Kamin. Diese im 13. Paragraphen niedergeschriebene Bestimmung ließ sich aber nicht lange halten. Als nach den Napoleonischen Kriegen viele neue Häuser gebaut wurden, besaßen diese alle keinen Holzteil. Jetzt wurden gegen das Gesetz Parzellen geteilt und verkauft. Winzige Riemen entstanden, oft nur mehr etwa 20 Ar groß. Noch mehr Markpfähle steckten noch mehr Grenzen ab. Eine intensive Nutzung setzte ein. Möglichst viele Tannen wollte jeder haben. Buschwerk und Laubholz wurden gerodet. Mit der Stockhaue verpflanzte der Besitzer den Anflug junger Tannen und Fichten so, daß sich bald alle Lichtungen schlossen. Die Waldweide war ja abgeschafft worden. So verwandelte sich der lichte Mischwald innerhalb von zwei Menschenaltern in eine dunkle Tannen-Monokultur. Eine Untersuchung des Holzbestandes im Ippach, bei der in den große Wäldern der LAWK (Achwuhr) alle Bäume ab 16 Zentimeter Stammdurchmesser aufgenommen wurden, ergab im Jahre 1950: 70 % Weißtannen + 27 % Rottannen + 3 % Laubholz (!). Dieses unglaubliche und in Österreich wohl einmalige Verhältnis änderte sich aber in 24 den folgenden Jahren rasch. Die Bestände an Rehwild nahmen nach dem Krieg gewaltig zu. Auch Hirsche und Gemsen wechselten ein und wurden zum Standwild. Wildverbiß vernichtete einige Jahrzehnte lang jeglichen Nachwuchs von Weißtannen. Entstandene Lücken füllten Waldbesitzer daher nur mehr mit Jungfichten aus den Baumschulen auf. Die Weißtannen erwiesen sich aber in dieser Zeit auch als besonders empfindlich gegen die jetzt vom Westwind herbeigetragenen Luftschadstoffe. Ihr Nadelkleid wurde immer schütterer. Die einst so stolzen Wipfel verkümmerten zu Storchennestern. Übergroßer Befall durch schmarotzende Misteln zeigt an, daß auch schon junge Tannen wie fast alle alten schwer krank sind. Fichten halten sich dagegen bis jetzt viel besser. Trotzdem müssen wir uns um die Zukunft unseres Waldes Sorgen machen. Waldarbeit Längst arbeiten auch bei uns moderne Forstarbeiter mit Motorsäge, Schälmaschine, Seilzug und Lkw-Kran. Die Werkzeuge, mit denen die älteren von uns noch selbst im Holz gearbeitetet haben, rosten irgendwo hinten im Schopf vor sich hin. Zwölfjährige Schüler, denen ich sie dort gezeigt habe, hielten an Zabie für ein Kriegsgerät. Das ist der Grund, warum ich hier wenigstens die wichtigen aufschreiben möchte. Für Dich könnte es ein Anlaß sein, ihre Handhabung Deinen Enkeln zu erklären! Weil der eigene Holzteil jede Familie Jahr für Jahr mit Brennholz für Herd und Ofen versorgen mußte und der Hof auch sonst Holz in vielerlei Formen benötigte, gehörte die Arbeit im Wald zum Alltag im bäuerlichen Leben. Das begann damit, daß die Marken immer wieder kontrolliert wurden. Schadhafte mußten ersetzt werden. Am besten schlug man einen neuen ibenen (aus unverwüstlichem Eibenholz gespaltenen), mit einem Brennmal gekennzeichneten Markpfahl neben den morsch gewordenen alten. Fehlende Marken wurden gemeinsam mit dem Nachbarn im Beisein des Waldaufsehers neu eingemessen. Dabei kam es manchmal zu Streit, besonders wenn eine große Tanne genau auf der Grenze gewachsen war. Nur mit Genehmigung des Waldaufsehers durfte und darf man Tannen fällen. Der ganze Ippachwald gilt ja als Schutzwald. Daher werden im sogenannten Plenterbetrieb nur einzelne schlagreife Bäume herausgeschnitten. Kahlschlag ist verboten. Der Aufseher wählt die Bäume sorgfältig aus und kennzeichnet sie doppelt. Mit seinem Anschlaghammer entfernt er in Augenhöhe und am Stock je ein Stück Rinde und schlägt ein besonderes Zeichen in das freigelegte Holz. Das Mal im Stock muß auch nach dem Fällen noch zur Kontrolle sichtbar bleiben. Zum Fällen waren früher zwei Personen notwendig. Nicht selten arbeitete die Bäuerin an der Seite ihres Mannes. Zuerst wurde die Fallrichtung des Baumes bestimmt. Er sollte nach Möglichkeit auf eigenen Grund zu liegen kommen und beim Fallen keinen Schaden im Jungwald anrichten. Ob das gelang, entschied schließlich eine mit Säge und Axt sorgfältig angebrachte große Kerbe auf der Fallseite des Stammes. Dann wurde die große Waldseogo (eine Zugsäge) auf der anderen Seite angesetzt. Mit gleichmäßigen Zügen trieben die beiden Säger einen sauberen Schnitt durch das 25 Mark des Stammes bis fast zur Kerbe vor. Manchmal hatte sich der Bauer vorher bekreuzigt. Er war sich der Gefahr bewußt, die mit dem Sturz einer Tanne und noch mehr einer Buche immer verbunden war. Zuletzt setzte er am Sägeschnitt einen Keil an. Vorsichtige Schläge darauf brachten den Baum bis zum Wipfel hinauf zum Erzittern. Jetzt neigte er sich langsam und dann schneller, und schließlich prasselte er mit fürchterlicher Wucht auf die Erde. Jedes Mal ein aufregendes Geschehen für alle, die es miterleben durften! Waren alle angeschlagenen (gekennzeichneten) Tannen gefällt, so griff der Bauer zur Axt. Mit wuchtigen zielsicheren Schlägen hieb er Ast für Ast vom Stamm. Auch hier lauerten Gefahren, wenn federnde Äste plötzlich brachen oder gar der Stamm am Hang zu rollen begann. Nun mußte die Rinde entfernt werden. Sommerholz, das ab Beginn des Safttriebs, wenn d Buocha gruonond (grünen), gefällt worden war, ließ sich leicht schälen. Dazu mußte man nur mit der Axt alle Meter eine Kerbe in die Rinde ziehen. Dann konnte man rumpfo, mit dem Schellar oder einfach mit einem zugespitzten Ast die ganze Rinde abziehen. D Rümpf (große Rindenstücke) wurden dann zum Trocknen ausgelegt. Dabei rollten sie sich ein und galten jetzt als wertvolles Brennmaterial. Zimmermannsholz sollte beim Trocknen keine Sprünge bekommen und später als Balken oder Bretter am Haus bei allen Wetterlagen ohne Schwinden und Drehen möglichst ruhig bleiben. Deshalb mußte man es unbedingt in der Zeit der langen Nächte um Weihnachten und zudem bei einem truckno Zoacho (trockenes Tierkreiszeichen), am besten im Stoabock odor im Stior, fällen. Der Wipfel blieb samt seinen Ästen am Stamm. Die Rinde des saftlosen Baumes ließ sich aber nicht schälen. Man mußte sie mit der scharfen Schneide des Räpplars in kleinen Fetzen wegschneiden. Räpplo, manche sagten dazu auch fräggolo, galt als sehr anstrengende Arbeit und gab leicht Schwielen und Blasen. Winterholz blieb beim Trocknen ganz hell. Vom Zimmermann ließ man sich einen Holzrodel schreiben, eine Liste der benötigten Balken mit ihren Längen. Mit einem Zumaß von etwa 10 Zentimeter wurden die Stämme danach zu Blöcken abgelängt und zum Abtransport uf d Seogo (ins Sägewerk) vorbereitet. Dabei war do Zabie (Zappin) mit seinem scharfen Haken und dem starken Stiel ein unentbehrliches Werkzeug. Falls man die Straße aber nur durch steile Riesen (Rutschbahnen) erreichen konnte, in denen die Blöcke beim Aufprall auf die Felsen nicht selten Schaden nahmen, mußte man ein größeres Zumaß zugeben. Im Sägewerk bekam die unansehnlich gewordene Stirn des Blocks dann durch einen Kappschnitt wieder eine schöne Form. Das im Saft gefällte Sommerholz wurde meist durch Pilzbefall unansehnlich schwarz, Für die vielen Bretter und Latten, die auf dem Bauernhof benötigt wurden, eignete es sich trotzdem. Nur wenn es stockrot oder gar angefault, gebrochen, krumm oder büchse (besonders hart und kaum bearbeitbar) war, wurde es als Brennholz abtransportiert. Daheim zerschnitt man es mit der Waldsäge in ein Meter lange Stücke und spaltete diese mit Keilen und Schlegol (großer Hammer) zu handlichen Speolta. Ein großer Keil hieß an Weggo. Wer nun Zeit und Kraft hatte, holte den Seogbock aus dem Schopf (Schuppen) und zerschnitt darauf jede Speolto mit Spa-Seogo oder Fuchsschwanz in vier Klötze. Erst Ende der 30er Jahre konnten sich moderne Bauern dafür a Fräso (Kreissäge) anschaffen. Tagelang war man anschließend am Schitto. Mit der Axt spaltete der Bauer dabei die Klötze zu kleinen und großen Scheitern und zu feinen Spreißeln. Sorgfältig wurde bim üborgento Mo (über sich gehender Mond) an der Hauswand eine mächtige Schittor-Bieg zum Trocknen aufgerichtet. Aber die Arbeit im Wald war noch nicht fertig. Die Äste waren samt dem angefallenen Buschwerk zum Trocknen aufgestellt worden. Jetzt hackte man sie in 60 Zentimeter lange Stücke und band diese auf dem Buscholbock zu festen Buschla, außen die gespaltenen Äste, innen das feine Kreos (Zweige). Im Schatten der großen Tannen starb oft Jungholz aus Mangel an Licht ab. Solche Dürling mußten ebenso gefällt werden wie Jungtannen, denen Sturm oder übergroße Scheelasten die Wipfel abgebrochen hatten. Sie ergaben die auf dem Bauernhof so notwendigen Stangen und Pfähle und manchmal auch Kichoro-Stiogla (Bohnenstangen) für Mamas Garten. Noch einmal ging der Bauer durch seinen Holztoal, versetzte da und dort mit der Stockhaue eine junge Tanne auf einen frei gewordenen Platz und schaute nach den Marken. Ganz übereifrige Waldbesitzer stiegen sogar manchmal auf die Bäume zum 26 27 Bild 14: Am 4. Oktober 1996 eröffnet Landesrat Schwärzler mit den Bürgermeistern Kolb (Lauterach) und Mohr (Wolfurt) die neuen Ippachstraßen. Bild 12: Ein Damm über den Gitznergraben wird aufgeschüttet. Bild 13: Verantwortlich für die Kohlplatzstraße: Raimund Mohr und Herbert Böhler. Stümmolo. Durch Steigeisen und Bauchstrick gesichert, sägten sie die untersten Äste und die vertrockneten Aststummel ab. Dadurch wollten sie besonders gleichmäßigen Wuchs und astfreies Stammholz erzielen. Jetzt wartete man nur noch ufa guote Schliottbah, auf genügend Schnee. Beim ersten Frost spannten die Fuhrleute ihre Rösser ein und hängten ihnen 5 Scheollogschior um, einen Kranz mit einem Dutzend hell tönenden Schellen. Unter lautem Gebimmel zogen Gruppen von Fuhrwerken aus Lauterach und Hard mit Has und Hund (zwei schwere, stabile Blockschlitten) durch die Berggasse ins Ippach hinauf. Den Hund stellten sie beim Holzplatz ab. Auf dem Has ketteten sie oben im Holzteil ein paar Block fest und schleiften sie durch die vereisten Hohlgassen herab. Bei zu großer Geschwindigkeit legte der Fuhrmann rechtzeitig an Kretzar, eine starke kurze Kette, um die Schlittenkufen und bremste so die gefährliche Fahrt. Wenn alle ihre Last am Holzplatz abgeladen hatten, deckte man die verschwitzten Pferde mit einem dicken Roßkutzo zu und setzte sich zu einer kräftigen Jause zusammen. Dann stieg man gemeinsam ein zweites Mal auf. Es war Einbahnverkehr festgelegt. Kein Fuhrwerk durfte der Kolonne begegnen. Bei der zweiten Fuhr hob man am Holzplatz mit Zabie und lautem Ho-ruck! das hintere Ende der Stämme auf den zweiten Schlitten, den Hund, und lud die erste Fuhr noch oben darauf. In flotter Fahrt ging es jetzt ins Dorf hinab und über den Kirchplatz bis zum Lagerplatz bei der Mauer am einstigen BlitzeWeingarten. Es war inzwischen Nachmittag geworden. Bei guter Schneebahn fuhren die schweren Schlitten weiter nach Lauterach und Hard. Oft mußten die Stämme aber abgeladen werden. Dann holte der Fuhrmann sie ein paar Tage später mit seinem stabilen Block-Wagen. Inzwischen hatten andere Waldbesitzer ihre Hornar (Handschlitten) in die Dreigassen hinauf geschleppt. Große Fuhren von Buscheln wurden dort aufgeladen, manchmal auch die getrockneten Rinden oder Stanga und Speolta. In sausender Fahrt lenkten starke Männerarme die Schlitten durch die Hohlgasse herab. Hoffentlich ohne Umwerfen ! Es war ein gutes Gefühl, wenn dann endlich gnuo Holz vom Wändo die Familie wenigstens von einer von ihren vielen Sorgen befreite. Den größten Klotz sparte man uf Baschas-Tag (St. Sebastian, 20. Jänner), aber auch nachher wollte man noch überall eine warme Stube. 28 29 Siegfried Heim Familie / Personenzahl Detomaso Flora 5 Paßler Kassian 6 Kompatscher Anton 7 Piasinger Karl 7 Ladurner Rosa 7 Lechner Anna 5 Sepp Gottfried 5 Wolf Franz 4 Fischer Katharina 3 Ebnicher Maria 5 Gatterer Anton 4 Gottardi Josef 2 Plattner Raimund 2 Prantl Magdalena 2 Santa Alois 7 Nicolussi Emma 4 Moschen Anton 10 Meist nur kurzzeitig anwesende Einzelpersonen oder Paare 37 Zusammen H-Nr. 1945 und heutige Anschrift 51 75 77 142 203 204 204 206 233 242 279 279 294 319 351 388 300 Feldeggstraße 2, Klosos Im Holz 2, Paßler Im Holz 8, Hinterfeld Frickenescherweg 5, Draiars Flotzbachstr. 16, Schädlars Flotzbachstr. 18, Jokobos Flotzbachstr. 22, Wächterhaus Hofsteigstr. 48, Seppos Brühlstraße 30, Lutzo-Ferdes Dornbirnerstr. 16, Soalars Inselstraße 5, Kassians Bützestraße 22, Toblars Hansirg Flotzbachstr. 17, Lindinger Achstraße 50, Im Wida Achstraße 14, Zwickle Einwanderer 3 In Einwanderer 1 versuchte ich aufzuzeigen, daß ein ganz großer Teil der alteingesessenen Wolfurter Familien ursprünglich aus Nachbargemeinden zugezogen ist. In Einwanderer 2 ging es um die Fremden aus dem Schwabenland, aus der Schweiz und aus dem Trentino. Dieses dritte Kapitel ist nun zwei Volksgruppen gewidmet, die durch die politischen Umwälzungen in der Mitte unseres Jahrhunderts ihre Heimat aufgeben mußten und von denen einige Familien zu uns verschlagen wurden, Südtiroler und Sudeten-Deutsche. Daran schließt sich noch die Lebensbeschreibung einer nach Wolfurt zugewanderten jüdischen Frau an. Aussiedler aus Südtirol Seit dem Mittelalter besaß Tirol ein geschlossenes deutschsprachiges Siedlungsgebiet bis zur Salurner Klause. Für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg gegen Österreich bekam Italien von seinen Bundesgenossen das Trentino und Südtirol bis zum Brenner zugesichert. So wurde denn auch im Friedensvertrag von St. Germain am 10.9.1919 ganz Südtirol mit 240 000 deutsch sprechenden Einwohnern zu Italien geschlagen. In der Zeit des Faschismus begann eine scharfe Italianisierungspolitik mit dem Verbot der deutschen Sprache in Ämtern und Schulen. Vor allem in den Städten wurden italienische Einwanderer angesiedelt. 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Umsiedlungsabkommen. Wer sich für die deutsche Staatsangehörigkeit entschied, sollte seine Heimat verlassen müssen. Trotz dieser Drohung optierten 90 % der Südtiroler für Deutschland. Sofort begann deren Aussiedlung. Bis 1942, als die Kriegsereignisse der Aktion ein vorzeitiges Ende bereiteten, waren bereits 75 000 Südtiroler über den Brenner nach Norden transportiert worden. Etwa 11 000 davon landeten in Vorarlberg, wo man für sie in den größeren Orten eilig die für jene Zeit recht komfortablen Südtiroler-Siedlungen erstellte. Diese reichten aber bei weitem nicht aus, so daß man in allen Dörfern weitere Wohnungen suchte. In Wolfurt besitzen wir eine Aufstellung über die im Sommer 1945 anwesenden Südtiroler. Gebhardine Hinteregger-Claessens mußte damals im Auftrag der Gemeinde alle anwesenden Ausländer aufschreiben, da deren Versorgung mit Lebensmitteln ein großes Problem war. Nach 189 „Reichsdeutschen" waren die 122 Südtiroler vor 20 Schweizern und 20 „Tschechen" die mit Abstand größte Gruppe. So setzte sie sich zusammen: 122 Südtiroler Einige von den Südtiroler Familien hatten um diese Zeit Wolfurt bereits wieder verlassen, weil sie in den Siedlungen von Bregenz oder Lochau eine Wohnung erhielten. Darunter war die Familie Pörnbacher. In Ober-Olang an der Rienz im Pustertal hatte Georg Pörnbacher seinen Hof verkaufen müssen. Über Innsbruck und Riefensberg war er mit seiner Frau Anna und den 11(!) Kindern schließlich nach Wolfurt gekommen und hatte im Bergarhus im Oberfeld ein bescheidenes Unterkommen gefunden. Die älteren Buben mußten einrücken. Paul fand 1944 bei Monte Cassino den Tod, auch sein Bruder Johann starb an den Folgen einer schweren Vewundung. Von den anderen Geschwistern leben heute noch vier in Lochau. Moschens sind eigentlich keine Umsiedlerfamilie. Vater Anton war schon um das Jahr 1930 zum ersten Mal aus Meran nach Vorarlberg gekommen und hatte hier seine Frau gefunden. Als er um 1940 zum zweiten Mal mit seiner nun großen Familie kam, fand er bei Hammorschmiods an der Achstraße eine Wohnung. 30 31 Nach dem Krieg hofften viele Südtiroler auf eine Korrektur des Vertrags von St. Germain und auf eine Heimkehr ihres Landes zu Österreich. Vergeblich! Das Abkommen der Außenminister Gruber und De Gaspari vom September 1946 brachte herbe Enttäuschungen. Aber wenigstens waren die deutschen Familiennamen jetzt wieder zugelassen. In den Schulen wurde wieder deutsch gesprochen. Die Forderung nach weiteren Rechten und deren Ablehnung durch die italienische Regierung führten 1966 zu Terroraktionen. Masten und Siegesdenkmäler wurden gesprengt und in der Folge viele junge Südtiroler zu langjähriger Kerkerhaft verurteilt. Erst das 1969 beschlossene „Paket" brachte Entspannung. Seither wuchs die Einwohnerzahl Südtirols auf übe


Heimat Wolfurt Heft 19 1997 Juni
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 19 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juni 1997 Wein aus Wolfurt! Schon die Emser Chronik von 1616 berichtet vom schönen Wein wachs in Wolfurt. Inhalt: 90. Weinbau in Wolfurt 91. Ippachwald (2) 92. Wie hoch liegt Wolfurt? 93. Wolfurter Wappen in St. Polten 94. Kammerdiener des Kaisers 95. Emser Chronik Autoren: Werner Vogt, Landesbeamter i. R., Jg. 1931, wohnhaft in Hard. Er ist Leiter des Bregenzerwald-Archivs in Egg und Verfasser des Vorarlberger Flurnamenbuchs. Darüber hinaus hat er sich durch vielerlei Publikationen und zahlreiche Führungen durch Gemeinden und Alpen einen Namen als Heimatkundler gemacht. Für uns hat er bereits den Artikel Wotfurter Alpbesitzungen verfaßt (Heft 14). Bildnachweis: Emser Chronik Werner Vogt Raimund Mohr Hubert Waibel Siegfried Heim Sammlung Heim/Mohr Zuschriften und Ergänzungen Nachkriegsjahre 1945 - 1949 (Heft 17, S. 9 und Heft 18, S. 3) Ein Brief des Dornbirner Geschichtelehrers Professor Dr. Wratzfeld hebt aus den wie immer hochinteressanten Beiträgen den von Burkhard Reis über die Nachkriegsjahre besonders lobend heraus. Die vielen ergänzenden Zuschriften lassen auf das Interesse der Leser an diesem Artikel schließen. Leider sind keine weiteren Ergänzungen eingetroffen, obwohl sich doch viele von uns noch gut an jene ereignisreichen Tage im Mai 1945 erinnern können. Dokumente aus der Turmkugel (Heft 18, S. 7) Ein Akt im Gemeindearchiv weist nach, daß unser Kirchturm im Jahre 1845, also noch vor Abschluß der Bauarbeiten an der Kirchenerweiterung, von einem Blitz getroffen und schwer beschädigt wurde. Als Patronatsherr mußte der Kaiser ein Drittel der Kosten übernehmen. Am 13. Mai 1846 ließ er durch das k.k. Kreisamt in Innsbruck 339 Gulden 10 Kreuzer an die Gemeinde Wolfurt ausbezahlen. Berichtigung zu Seite 13: Aus der Chronik des Ferdinand Schneider (GA, Schneider III, S. 227) erfahren wir, daß der Kirchturm schon 1904 erhöht wurde. Die Arbeiten führte Baumeister Kröner aus Feldkirch durch. Aussiedler aus Südtirol (Heft 18, S. 30) Hocherfreut meldete sich Frau Ida Wucher. Als 20jähriges Mädchen war sie mit ihrer Mutter Magdalena Prantl ebenfalls wie Ladurners aus Schenna nach Wolfurt gekommen. Begeistert erzählte sie von der Bauernarbeit dort, von der Kastanienernte und vom Schlachten. Fast jedes Jahr verbringt sie ein paar Tage daheim in Schenna. Auch Ladurners bedankten sich außerordentlich nett für die Zusammenstellung ihrer Familiengeschichte und schickten sogar ein Heftchen nach Schenna. Suchbild 8 (Heft 18, S. 54) Besonders eifrig diskutierten die Gäste beim Geburttstagsfest für Pfarrer August Hinteregger, zu dem er seine 1927er Jahrgänger nach Bildstein eingeladen hatte, über dieses Bild. Man freute sich über die Schoßa der Mädchen, die Frisuren und die gnagloto Schuoh der Buben und über die schönen Rößlein, die auch auf das Schulfoto durften. Auf Umwegen gelangte das Bild auch in die Schweiz zu Frau Maria Haldner in Garns. Als Maria Buhmann hatte sie einige Jahre bei ihrer Tante Sophie in der Gerbe im Loh gewohnt und hält seither Kontakt zu den Mitschülerinnen von damals. Titelbild und 22 2 14 18,19 3,4,5,7,9,10,12 6, 8, 11, 13,15, 16,17, 20, 21, 23 Bitte ! Diesem Heft 19 liegt wieder ein Erlagschein für den Heimatkundekreis bei. Konto 87 957 RaibaWolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Wegen der geringen Auflage sind die Druckkosten doch relativ hoch. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Werner Vogt Über den Weinbau in Wolfurt Es ist reizvoll, diesem einst blühenden Wirtschaftszweig, dem Weinbau (besser Rebenbau) in den Wolfurter Gemarkungen nachzugehen. Darüber wurde bereits einmal in Heimat Wolfurt (Heft 2, S. 32) berichtet. Nach Aufarbeitung vieler Urkunden und Schriftstücke, die den Beständen des Vorarlberger Landesarchivs, zum geringeren Teil auch des Gemeindearchivs entstammen, ergibt sich das Bild einer seit dem Spätmittelalter in Wolfurt bestehenden erstaunlichen, ja großartigen Rebenlandschaft. Nahezu lückenlos reihen sich da die Rebberge von der Bregenzerach nach Süd bis an die Schwarzacher Gemeindegrenze. Dabei waren nicht nur am Bergsaum, sondern auch in der Ebene Rebgärten anzutreffen. Die Rebanlagen in Wolfurt waren in Bezug auf Ertrag, also auf Qualität und Quantität, verschiedenen Einflüssen der Natur unterworfen. Mitbeteiligt scheinen auf: Bodengunst, Witterung, Sortenwahl, Schädlinge und Rebenkrankheiten. Zudem waren auch von der Grundherrschaft entsprechende Belastungen zu erwarten. Wir führen als Besitzer der Rebanlagen auf: Kloster Mehrerau bei Bregenz, Kloster Minderau (Weißenau) bei Ravensburg, Kloster Hirschthal in Kennelbach, Propstei Lingenau, der Pfarrer von Bregenz und ab 1512 der Pfarrer von Wolfurt; die weltlichen Herren oder Herrschaften von Bregenz/Montfort, das Gericht Hofsteig, die Adeligen von Schloß Wolfurt, die Wolfurtsberger, die Grafen von Hohenems, die Ritter von Schwarzach, weiters einflußreiche Bregenzer Bürger. So blieb den ansässigen Wolfurtern nur der geringste Teil zu eigen. Rebberge scheinen auch vermehrt Spekulationsobjekte gewesen zu sein, um Einfluß und Macht vorzuzeigen. An dieser Entwicklung konnten die Ortsbewohner nur einen bescheidenen Einfluß nehmen. Es gilt als erwiesen, daß sich die meisten Grundbesitzer bei den alljährlichen mühevollen Arbeiten in den Rebbergen nie die Hände schmutzig machten, vielmehr diese nur beim Einheimsen des Ertrages weit offen hielten. So war den Wolfurtern meist nur gestattet, als Pächter aufzutreten, um mit wechselndem Geschick die Arbeiten in den Weinbergen der Herren durchzuführen. Als Lohn winkte ein von der Witterung abhängiger Ertrag, der durch die Darreichung der Hälfte oder eines Drittels an die Grundherren (oft bis zu deren Haustüre) gemindert wurde. Erst als die Feudalzeit zu Ende des 18. Jahrhunderts vorbei war, konnten mit Hilfe obrigkeitlicher Anordnungen (Pragmatische Sanktion, Säkularisierung der Klöster, Grundentlastung) Wolfurter Bauern solche Liegenschaften aufkaufen und in ihr Eigentum überführen. Es war aber ohnehin für den Weinbau schon zu spät. Die Aufzeichnungen berichten vermehrt von ungünstiger Witterung, Frost, Kälte, Regen, fehlendem Blütenansatz, Mißwuchs, Krankheiten und Schädlingen. Da blieb nur ein Ausreißen der unrentabel gewordenen Reben übrig. Bedingt durch die kleinflächige Parzellenstruktur der Rebberge erfolgte eine Umwandlung zu Grünland, meist unter Anpflanzung von witterungsbeständigen Obstbäumen. Die aufkommende Industrie bot in Wolfurt ab dem 19. Jahrhundert gute Verdienstmöglichkeiten. Umso leichter fiel die Abkehr vom zeit- und lohnkostenintensiven Rebbau. Nun wurden die Hände der Kleinlandwirte frei für Industriearbeit. Zwar war auch dort die Entlohnung gering, aber sie brachte dennoch Bargeld in die vielfach verschuldeten Familien. Jetzt wechselten auch die Trinkgewohnheiten der Wolfurter. Gerne wurde dem eigenerzeugten Most von Äpfeln und Birnen zugesprochen. Auch der in zwei Betrieben preisgünstig hergestellte Gerstensaft Bier vermochte durchaus mitzuhalten. Für Liebhaber des Rebensaftes konnten die ausschenkenden Gastwirte nach dem Bau der Arlbergbahn (1884) preisgünstigen Wein aus Innerösterreich und Südtirol anbieten. Eine mehr als 600 Jahre anhaltende Weinbauherrlichkeit und Weintradition von der Acherbünt bis nach Rickenbach war damit verklungen. Außer Namen und Urkundenberichten gibt es keine Zeugnisse mehr. Schon lange vergessen sind die Mühen und Schweißtropfen unserer Ahnen. Ob die heutige Wohlstandsgesellschaft in nostalgischer Suche wieder zu einem Weinbau auf den Wolfurter Hängen zurückfinden wird? Wohl kaum! Wenngleich solche Hoffnungen oberhalb Rickenbach vor einigen Jahren wieder „angesetzt" worden sind. Die meisten Plätze, auf denen vor Jahren Wein gedieh, sind jetzt von stattlichen Wohnbauten belegt. Es ist aber wert, die einstige Rebenlandschaft von Wolfurt in Erinnerung zu behalten. Sie war ein wichtiger Teil unserer schönen Heimat! Über den Rebbau im allgemeinen, über den jahreszeitlichen Arbeitsablauf, über Arbeitsgeräte, Weintraubengewinnung und Weiterverarbeitung gibt die einschlägige Vorarlberger Weinbauliteratur genügend Hinweise. Herausarbeiten möchten wir für Wolfurt im Anhang das Verbreitungsgebiet. Dabei klingen längst vergessene Flurbezeichnungen an, die durch ihr urkundliches Auftreten und die Anführung von Anrainern eine Einordnung in die heutigen Parzellen ermöglichen. In einer langen zeitlichen Abfolge hören wir von Grundherrren, Pächtern und Abhängigkeitsverhältnissen, auch von der Witterung und von wechselhaften Erträgen und Mißernten. Bewußt klammern wir Fragen der Anbaumethodik, Sortenwahl und Ertragsstatistik aus. Jedenfalls soll auch der Wolfurter Wein nach Aussagen des Historikers Weizenegger gesund und leicht gewesen sein, er machte heiter, verursachte keine Kopfbeschwerden und ließ auch keinen lettigen Munde zurück. (Weizenegger, 1839, Band I., S. 283). Doch er geriet in manchen Jahren nicht so gut, so schlecht, daß ihn die Leute nicht einmal geschenkt annehmen wollten. 4 5 Die Rebberganlagen zu Wolfurt Von Nord nach Süd läßt sich auf folgenden Gütern Weinbau nachweisen: In der Acherbünt (östlich des ehemaligen Wälderhofs). Im Weidach (Wida), erwähnt auch in der Lärche, in der Höll und in Gestratsrüte. Vermehrt finden sich dort Rebanlagen des Klosters Mehrerau, der Frauen vom Hirschthal (Kennelbach) und des Emsischen Kellhofes zu Wolfurt. In der Bütze. Verschiedene Anlagen mit den vorigen Besitzern. Urkundlich genannt dort der Marttorkel; dazu 1615 der Torkel des Hilarius Fröwis, ob dem Tor hinaus; der Heiligkreuz-Torkel der Präbende Bregenz (Ecke Bützestraße-Rittergasse); der Nonnentorkel oder Frauen von Hirschthal-Torkel. (Anmerkung: Ein Torkel, früher meist Torggel geschrieben, war eine Traubenpresse samt dem dazu gehörigen Gebäude.) Im Kehlegger. Verschiedene Reben der Herrschaft, Kloster Mehrerau, Kellhof, Pfarrer von Wolfurt, Private (Es ist etwa der Bereich zwischen der heutigen Lauteracherstraße, der Neudorf- und der Unterlindenstraße). Daneben noch der urkundlich genannte Weingarten bei der Kemenate. Im Moosmann. Verschiedene Private und Kloster Mehrerau. (Der alte Flurname Moosmann wird heute als Moosmahdgasse falsch geschrieben). Dazu gehört noch am Attelbach (das ist der Unterlauf des Tobelbachs). Im Kaisermann und im Grafengarten (abgegangene Bezeichnungen zwischen Bregenzerstraße, Röhleweg und Bützestraße). Im Ellhofer {Kellhofer/Nellhofer). Diese durch eine Mauer geschützten Reben zwischen Bützestraße, Kellhofstraße und Dorfweg gehörten zum Emsischen Kellhof und zum Schloß Oberfeld. Pfaffenreben. Der Weingarten südlich vom alten Pfarrhaus in das Tobel hinab war ehemals Stauferbesitz, gehörte dann dem Kloster Weißenau und schließlich dem Pfarrer von Wolfurt. Im Altengarten. Diese Reben standen etwa am Platz des heutigen Bauernhofs Stöckler an der Bucherstraße. Am Buggenstein. Östlich des Pfarrhofes an der alten Bucherstraße. Daran anschließend Wolfersgarten, auch Schintzenberg genannt, mehr gegen die Rütte zu. Ein Besitz des Klosters Weißenau, auch der Herren von Wolfurtsperg. Veldegg. Rebgärten bei der ehem. Burg auf dem Hexenbühel (Herren von Veldegg, später Kloster Mehrerau). Im Tobel. Reben und ein Torkel standen im Tobel etwa beim Haus Tobelgasse 6. In der Tobelhalde. Die Reben östlich des heutigen Hauses Schloßgasse 3 hießen urkundlich 1517 des Junker Jonas Reben. Schloßreben hieß die felsdurchsetzte Halde, die südöstlich vom Schloß steil gegen den Holzerbach abfällt. Im Holz, urkundlich auch Reben im Schwarzenland, Reben im Rebenacker, Reben bei der Holzermühl und ob der Schmitten. 6 Kellerhalde unter der Linden. Sie liegt bergwärts der Häuser Kirchstraße 10 und 12 und gehörte einst der Präbende Bregenz. Dazu an der Keller Breitenweg und in der Altwegg unterhalb der Kirchstraße nördlich der Raiffeisenstraße. Im Vogelsang hieß der Rebberg oberhalb Kirchstraße 6 und 8. Humershalden (von Hofsteigammann Humer) oder Unter der Linden nannte man die Reben ob Dreiers Säge. Narrenberg. Ein großer ehemals Hofsteigisch/Montfortischer Amtsweingarten. Verschiedene Hausbesitzer zu Wolfurt waren verpflichtet, Mist zu liefern. Andere auf dem vorderen Steußberg mußten Reben schneiden oder in Fronarbeit Rebstickel liefern. Der zugehörige Narrenberger Torkel oder Herrschaftstorkel stand auf Grundparzelle 1354. Im Himmelrich. Diese Rebberge waren den Stadtammännern Metzger von Bregenz, später der Präbende Bregenz zugeeignet. Opfenbacher. Oberhalb vom Gasthaus Krone in Spätenlehen. Ein Rebberg, der um die Hälfte des Ertrages verliehen war. Der gepreßte Wein mußte dem Lingenauer Pfarrer sogar zugestellt werden! Spätenlehen. Verschiedene kleine Anlagen (Hofsteigisch und Kloster Mehrerau). Im Gügger. Kleinere Rebhalden zuoberst im Spätenlehen an der Bildsteiner Grenze, verpachtet um halben Ertrag an das Kloster Mehrerau. Im Flotzbachfeld. Verschieden Rebgärten in sogenannten „Ehäften". Das sind Güter, welche im Eigenbesitz lagen und eingezäunt werden durften. Zudem waren sie nicht dem „Feldrecht" unterworfen wie die anderen Flotzbachfelder. Feldrecht heißt Pflicht zum Anbau einer gemeinsamen Fruchtfolge, aber auch Recht zur allgemeinen Viehweide nach der Ernte und bei Brachezeit. Im Bannholz. Heute Rutzenbergstraße 23 bis 65. Ehemals Bregenz/Montfortischer Besitz, nach 1451 Übergang an das Haus Habsburg/Österreich. Auch als Bannholz seiner Kaiserlichen Majestät bezeichnet. Ursprünglich ein gebannter Wald, aus dem nur Bauholz für die Herrschaftstorkel gehauen werden durfte. Im Brand. Kleine ehemalige Rebberge bei Rutzenbergstraße 17 bis 23. Rutzenberg. Die größte von den ehemaligen Rebanlagen, auch Herrschafts- oder AmtsWeingarten mit Fronverpflichtung wie beim Narrenberg. Sie lag nordöstlich von Rutzenbergstraße 3 bis 17, der zugehörige Torkel stand in der S-Kurve. Östlich anschließend in das Rickenbachtobel hinein die Reben im Schedlerstobel bis zur Bildsteiner Gemeindegrenze. Ein Altbregenzisch/Montfortisches Lehen. Die Schedler waren Lehensnehmer. Urkundlich befand sich 1537 dort Schedlers Burgstall, herstammend von jener sagenhaften Burg auf dem Kuien. Groppersbühel ob Rickenbacherstraße 11, dazu Gilgenhalde ob Kellaweg 7 und Kellenhalde oberhalb des Kellawegs bis zur Bildsteiner Grenze. Diese drei Rebberge besassen Rechte im Kellentorkel (bei Haus Kellagweg 7). In Buchungen an der Steig der alten Bildsteiner Straße. Der zugehörige Torkel stand einst 100 m nordöstlich vom Haus Bächlingen im Winkel an der Gemeindegrenze, aber schon auf Bildsteiner Boden. Hier ist jener einzige Bereich in Wolfurt, wo seit 7 etwa 15 Jahren der Rebenbau wieder fröhlich auflebt. Domach und Krämer waren Bünten westlich von Rickenbach mit Rebgärten. Fälle, (etwa bei der heutigen Araltankstelle) und Im Brühl (heute Augasse-Weberstraße) hatten Rebanlagen mit Zinsverpflichtung gegenüber dem Kloster Mehrerau. Und hier endet unsere Reise durch fast 50 Wolfurter Rebberge. In der folgenden Auswahl aus den Urkunden finden sich aber noch mehr bekannte und auch längst vergessene Wolfurter Namen. Aus den Urkunden A. Bereich Ach bis Kirchdorf 1370 herman vo Schwarzach überläßt seinem Schwäher Hans vo Schönstein ... einen Weingart zu Wolfurt... wingart im Tobel nebent der Kilchen ... verkauft Peter Maiser Bürger zu Bregenz daraus Zins ... wingart ze Wolffurt an Huffenweg get darus eindrittail ... Junker vo Schwarzach hat ein drittail us dem Walderblehen burg und holz zu Wolfurt, und vom Gut sol ein Juchart Acker zu ainem Weingarten gemachet werden ... (Anmerkung: ident mit der Burgstelle Veldegg-Oberfeld) hans Keller genannt Schuchli zu Wolfurt git der Prebende Bregenz Weinzinse aus dem Wingart ze Wolfurt vor der gassen di ma nempt die Lerch, vom Wingart an der Keller Breitenweg gelegen stosst an das Veld und der Neffinen wingart, vom Wingart zu Wolfurt an der Kellerhalden sind 6 stuck mit reben ... 2 schopf reben in der bützin item 6 stuck reben in der lerchen item weingart in der buzin under der Heergassen alles um ein drittail Ertrag an das Kloster Mehrerau (Abt u. Convent) um halben eimer Wein von dem wolfurtsperger ... um ain drittail vom Weingarten lyt ob der Küchen uff dem buggenstain ... item ein drittail von halb Juch reben in der büzi ... item ein drittail von henni grüls Weingart... geht dem Kloster in der Weißenow zue ... Gärtle und Reben am Buggenstain und ob dem Velde die Wissenhalden sind mit Reben bestockt... Aigen Stukken um drittails des Wins zu Wolfurt In der Buzin under der Heergassen ... item 6 stukk reben In der lerchen - baid gestifft von Elsbet Rainoltin des hainrich Metzgers Wittiben ... 9 1399 1402 1436 1439 1446 1457 Bild 2: Weinberge in Rickenbach. Ausschnitt aus der Katastralmappe von 1857. 1464 1467 8 1474 Weingart in der häher bizi - item in der niderin bizi item Weingart zu Kenlegg zu Wolfurt bi der Kemenat, hat inn der Spekker zu Bregentz item lütis Wingart zu Kenlegg ... 1494 1 Juch Weingart zu Buggenstain item 2 Juch der Wolfurtsperger item 4 Juch Weingart im Widach - um Drittel an Kloster Weißenau ... 1503 haini Veldegg leistet den Sondersiechen ... ab 1/2 Juch Reben in der bützin, an Kellhof Reben... 1515 Kellhofurbar: Kellerhalde 3 1/2 Juchart reben hat der yntel frick 1 Juchart reben in der büzy hat Peter haberstro 1 Juchart reben im Kenlegger hat der Jos Schobloch 1 Juchart reben in büzy hat Jacob Vogt, hans von ach, Peter frick, hans hainrich und jerg winzurn - diselben haben och inne 3 Juch reben in bützy an 10 stukken 1536 Weingart 1 1/2 Juch Reben an der Kemnat item Weingart in der bützy zum Weiler genant zu Wolfurt, stoßt an den Merttorggel, an lutracherstroß, und frauentorggel im Hirschtal... (Anmerkung: im Hofsteigischen Zinsbuch enthalten) 1559 Reben im Widach des Hansen Cleiners reben, drittail Weins in das Frauenkloster Hirschthal ... 1569 1 Juch Reben Kellhofgut in Bützy hat inne Jacob Vogt item von reben im Wydach In gestrasrüti ... 1571 rebgärten im Kenlegger - item wingart in Buzi item Reben im Nüwsatz Flotzbachfeld item Gozhus wingart am Attelbach - um Hälfte des Wins an Kl. Mehrerau 1595 weg mißratung und rebmangels die reben im Moßmaan ußgehowen und wurd vom Abt zu hewpoden vergunnt... 1597 Weingart im Widach in Gestraß Reutin item Reben in der Bizin genant Büchelman item Weingarten im Altengarten item Weingarten an der Fatt Weingart an Buggenstain ... gozhuswingart Wolfurtsgarten und an der Wingart Buggenstain und zu Oberveld - um halben wins an Kloster im Hirschthal ... 1601 Rebgertlin im Buggenstain - item Reben in der Undern Bützi ... 1610 Kloster Mehrerauw Reben im Buggenstain - im Wolfurtsgarten - im Einhofer - Reben im Newsatz 1615 des St. Mangen pfrundt zu Bregentz Reben im Widach, stoßt an ynsel, der herre abt hat Reben abgen lassen im Widach an fatt des Hilary Fröwisen Torggel ob dem Tor hinuß ... 1615 hans Gmainer ussem im buech hat 3 stuck reben zu Indern Büzin ... 1629 bartle Mosman der Samatschnider zuo Wolfurt git Zins us sinen reben auf der huob 10 1669 rebgarten in der bitze aber 3 tail reben in der buzi mit Torggel item der torggel ist eingefallen - das Holz haben die Gmeinder geteilt, die hoftstatt haben der Pfründ Bregenz überlassen die hernach Jörg Möschen um 10 fl erkaufft... 1670 des Lehen hanß Künzen reben in der bütze verdorben, hat er nachmalig ausgereut und ist zu graßboden machen laßen vergunt, stoßt an unser heilig kreutz reben desgleichen bei reben in Marx Höflin in der bützin ... Im Einkünfteverzeichnis der Pfarrpräbende Bregenz folgen interessante Eintragungen, welche über Ertrag und Witterung damaliger Zeit Bescheid geben: 1671 empfang ich us den reben in der bützi jarlich 7 Som (Anm.: Ein Som ist die Traglast eines Pferdes und faßt 3 aimer. Ein aimer hat etwa 57 Liter.) 1672 ist vil hagel darüber, daher nur noch 11 aimer 1673 hat der Blüeh und von regen geschadet nur 11 aimer 1674 hat es abermal und vil hagel nur 4 aimer geben 1675 weg kelt und regen, trauben erst am 6. November ableßen nur 3 aimer 1676 trotz übel erfroren noch 5 aimer 1677 haben unsre gut gewimlet in 12 aimer 1678 ist alda sehr edler Wein erwachsen 13 aimer 1679 ebenso und köstlich 20 aimer - detto 1680 köstlich 17 aimer 1681 wegen kelte und regen nur 8 aimer 1682 ebenso nur 7 aimer und 1683 besser 18 aimer 1764 Gemäß Verfachbuch sind noch Rebanlagen nachzuweisen in: Kelegger, im Widach, in der Bützi, im Nellhofer. 1766 Eintrag im betr. Urbar des Klosters Mehrerau (VLA Hdschr. Cod. 120) mit dem interessanten Hinweis auf ältere Rechtsverhältnisse: ... Die Inhaber des Kloster Mehrerauischen Lehenshofes zum Schlössel Oberfeld, und zwar Joseph Som vom halben Burghof, Antom Som vom viertel Burghof und Johann Müller vom anderen viertel Burghof zinsen dem erwähnten Kloster zu Eindrittel-Weinertrag aus dem zum Schlössel zugehörigen Gottshaus Rebgertel im Elhofner zu Wolfurt gelegen. Sie sind auch schuldig in des Gozhaus Rebgertel den Baumist und die Rebstücklein zu liefern ... Zur Erinnerung: Zum ehemaligen Schlößle Oberfeld (heute Hexenbühel) gehörten ein ansehnlicher Besitz an Acker- und Wiesenflächen und die erwähnten Rebgärten. Deren letzter weltlicher Herr, Ritter Ulrich von Schwarzach, verkaufte seinen Besitz 1451 an das Kloster Mehrerau. Dieses bewirtschaftete den umfangreichen Besitz nicht selbst, sondern vergab dieses Lehen an willige Pächter für Zinsleistungen. 11 In der Katastralmappe vom Jahre 1857 der Gemeinde Wolfurt sind enthalten: Grundparzelle 2, 4 und 142, Rebgarten; zusammen 9 ar Grundparzelle 83 - die Schloßreben, ca. 8 ar Grundparzelle 1232 - Unterlinden, ca 6 ar Grundparzellen 1319, 1320, 1338, 1339 im Narrenberg, ca. 15 ar Grundparzelle 2657 im Frickenesch, Reben, ca. 3 ar Grundparzelle 2580 im Bannholz, ca. 4 ar Grundparzellen 1528-1534, 1520, 1521, 1651,1654,2570 und 2568, an dem Rutzenberg gelegen, zus. ca. 70 ar Grundparzellen 2548 und 2549, im Kella, ca. 6 ar Zusammen eine Rebfläche von etwa 121 ar Zuletzt: 1886 Gemäß Parzellenprotokoll: ... die neuangelegten Reben im Buggelstain auf Grundparzelle 144 ... ... die Reben im Schwarzenland (Gp.83) und im Rebenacker (Gp.90-95) ... und Baumbgart, Speicher, 2 schopf Reben und Reblaitern, alles in einem Einfang under der Linden ... 1709 In den herrschafts Weingart der Narrenberg sambt Torggel, gehen darein 4 Zinß fuder Mist und 9 2/3 tagewerk in fron ... 1765 Im Steuerprotokoll sind noch genannt: Rebgarten im Himmelrich, der Probsty Lingenowen Reebgarten, Rebgarten am Narrenberg ... C. 1444 1488 1474 1488 1536 B. 1457 1474 1489 1490 1528 1536 1571 1597 1601 1615 1682 12 Bereich Unterlinden bis Steig 1446 Wingart im Spätenlehen so Conrad Wolfensperger hat... Weingarten in der alt Wegg und an Kaysermans Wingart (gehört das drittail Kloster Weißenauw) ... des Herrschafts Weingarten im Narrenberg und Vogelsang ... sollen die hofstetten Mist und Stickhel führen ... in des Bruederhofsguet wingarten und wingarten der apfenbach ... der Weingarten Opfenbach, gat darus ein Eimer wins an den Probst zue Lingenauw ... wingart zu spätenlehen und wingart Im banholz, gand zinse di der ersamb hainrich von fröwis Kirchher an der Egg daran erkoft und bezalt hat... Wingart das Vogelsang - Wingart in der Humelhalden Wingart dem Haberstro im Narrenberg ... Weingarten der Opfenbach genant sind 2 Juchart item der Weingart Guggelstain darob und Weingart zun Vogelsang ... Weingarten der Gugger so Marte Wilhelmen ist... Weingarten Narrenberg hat inn hans Fink um Hälfte Ertrag ... Wingart zu Spätenlehen und im Banholtz so weilund Conradt Wolfurtsperger gestiftet hat... haben in den Kayserlichen Weingarten im Narrenberg die Bruder und Berghöfler schuldig den S. V Tung in den Wingart Narrenberg zefiren ... Gemäß Verfachbuch hat hans Kundig zu Wolfurt ein Haus, Hofstatt, Kraut 1571 1604 1615 1691 1709 1765 Bereich Rickenbach lenhart Wolfersperger von den Reben gegen Schedleren im Tobel ... zinst Othmar Schedler ab Reben im Dobel zue Rickenbach ... an herrschafts Weingarten Rutzenberg sind Mist und Stickel von den Underthanen zu firen ... Reben zu Rikkenbach im Tobel Gemäß Hofstaig Urbar: Weingarten in Gilgenhalde zue Rickenbach Weingarten im Banholz an das Kaysl.Mayst. Banholz gelegen Weingarten in des Schedlerstobel und torgel daran stoßt uf an des Schedlers burg stall seiner Kays. Mayst. Weingarten der Rutzenberg 1 Juch Reben im vellis, git der hans von Ach 1 Juch Reben zue Rikhenbach an helbern, git hans von Ach ... in das Gotteshaus in der Auw bei Bregenz geben halben Wein so Weingarten Ruzenberg des Gozhus ist um halb wins verlihen und ab Gozhus Wingart ob der Stayg... und ist ain halb Fuder wins us dem Torgel im Ruzenberg führen für den Keller auf das Schloss zu Bregentz ... das Gotshauß Weingarten im Obern und Undern Brand sind 1 1/2 Juch ... das Kayßl. Weingart zu Ruezenberg und dem Ambts Rebgart Torggel ... Gemäß Verfachbuch: Martin Som der Müller zu Rikhenbach, ab sinen Reben und Pomgart der Groppersbühel negst bey der Müllin ... item 7 schopf reben im guet Bechling negst bey bildsteiner Torgel gelegen ... herrschafts reben und Weingart der Ruezenberg samt Torggel ist zehendfrey und gend darein 8 fuder Zünßmist und 19 1/3 Tagwerck frondienst von der Underthanen am Steußberg ... Im Verfachbuch sind noch genannt: ... Reben in schedlerstobel des Joseph Roner Schuechmacher ... ... Reben im Rutzenberg ... ... Reben im brüll in wingarten Mehreraw guet... 13 Siegfried Heim Der Ippachwald (2) Der erste Teil in Heft 18 befaßte sich vor allem mit der Geschichte des Ippachwaldes und mit der Arbeit im Wald. Im zweiten Teil stellen wir nun die Bäche, die Straßen und die Wanderwege vor. Die beigefügten Skizzen sollen Ihnen das Zurechtfinden erleichtern. Sie sind aber auch eine Einladung, diese Wege wieder einmal aufzusuchen. Ein paar alte Geschichten lockern den Stoff auf. Den Abschluß bilden dann noch ein Kapitel über die Jagd und über das Forstrecht. Bild 3: Mergelkuppe am Bereuter, vom Gletscher abgeschliffen. Die Waldbäche Gebirgsbildung Die Schluchten unserer Bäche schneiden so tief in den Steußberg ein, daß an vielen Stellen Felsplatten und senkrechte Felswände sichtbar werden. Es sind Mergelfelsen. Als sich im südlichen Vorarlberg die Alpen schon weit aus dem Urmittelmeer gehoben hatten, befand sich bei uns noch ein großes Meeresbecken. Da hinein lagerten die Alpenflüsse das mitgeschwemmte Material ab. Es war vor allem Granitsand mit beigemischtem Ton. Durch Kalkwasser verfestigte sich der Sand allmählich zu Mergel. Aus reinerem Sand bildete sich der härtere Sandstein, den wir an den Südhängen des Steußberges antreffen. Vor etwa 20 Millionen Jahren war der Meerestrog schließlich voll. Später wurden auch die neu gebildeten Felsschichten, in denen vielerlei Reste von Tieren und Pflanzen versteinert sind, durch den Gebirgsdruck angehoben. Dabei ergab sich eine Bruchstelle, ein Knick, der sich von Rickenbach über Bildstein zum Sulzberg und weiter ins Allgäu zieht. So entstand vor etwa 5 Millionen Jahren unser Steußberg. Endgültig formten ihn aber erst die gewaltigen Eisströme der Gletscher, die in den Eiszeiten ihre schweren Lasten vom Rheintal her über die Flanken des Steußbergs in das Tal der Rotach ergossen. Vor etwa 10 000 Jahren ging die letzte Eiszeit zu Ende. In das öde Land stießen Pflanzen und Tiere vor. Seit 8000 Jahren deckte ein Urwald den Berg zu. Vor 1000 Jahren rodeten die Menschen dann zwei Drittel davon. Den Rest kultivierten sie zu unserem heutigen Wald. In unserem niederschlagsreichen Land entspringen rund um den Steußberg viele Quellen. Weil sich parallel zum Gesteinsknick des Berges eine ganze Reihe von Falten von Ost nach West ziehen, zwingen diese den Wolfurtern Bächen auch eine Flußrichtung nach Westen statt zur nahen Bregenzerach auf. Nur die Bäche östlich vom Ippach-Brünnele, der Plattenbach und der Bildgraben, finden noch einen Weg nach Norden zur Ach hinab. 14 Der Tobelbach Hinter einem Felsgrat rinnen aus dem Moos am Saustall zwei Bäche. Während der Plattenbach durch das Sustall-Loh nach Osten fließt, sucht der Tobelbach den weiten Weg nach Westen. Er umgeht das Hinterfeld und erreicht nahe der Alten Bucherstraße die Rütte. Hier haben die Dorfbewohner vor vielen hundert Jahren ihre Brunnenstuben gegraben und durch lange hölzerne Düchelleitungen den Brunnen am Dorfplatz mit Wasser versorgt. Der Dorfbach floß damals noch durch das Töbele am Fuß der Weinberge des Pfarrers zum Dorfplatz, dann an den Haustüren der Gasthäuser Rößle, Alter Schwanen und Lamm vorbei in die Bütze und Richtung Ried. Heute wird er schon am Waldrand auf der Rütte in einem Schlammbecken gefangen und zur Ach abgeleitet. Nur ein kümmerliches Rinnsal fließt noch durch das Tobel in eine Versickerungsanlage mit sieben Gruben hinter dem Kindergarten im Dorf. Auch das Haldenbächlein, das einst von der Schloßgasse her zur Versorgung des Dorfes beitrug, versickert dort. Nur bei starken Niederschlägen muß sein Überwasser in den alten Unterlauf des Tobelbachs zur Neudorfstraße geleitet werden. Der Ippachbach Der nach dem Rickenbach zweitgrößte Wolfurter Bach heißt auch Sackgraben, Holzerbach, Schuolarbächle und im Unterlauf Landgraben. Seine Quelle hat er am Oberen Schach in den Gitzner Büheln oberhalb des Dreiländerblicks. Die Parzelle Sack muß er in Betonrohren unterqueren. Danach schneidet er an der Rappenfluh tief in den Mergelfels ein, sodaß sich eine bis zu 20 m hohe Wand gebildet hat. An Hoamolitto vorbei sprudelt der Bach ins Mösle hinab, nimmt dort noch andere Rinnsale auf und bricht dann beim Dachsfelsen am Frickenesch nach Norden Richtung Dreigassen durch das Felsband. Im Holz hat seine Kraft früher den Schmiedehammer und die 15 Oberhalb von Spetenlehen versorgt er eine Reihe von Brunnenstuben und wird dann durch Rohre in den Eulentobelbach geleitet. Der Rickenbach Dieser weitaus größte von allen Bächen am Steußberg entspringt nördlich von Gallin in Oberbildstein und nimmt unterhalb von Baumgarten den vom Schneiderkopf herabfließenden Hochtobelgraben auf. Dann stürzt er sich durch die tiefe Staudachschlucht und das Mühletobel ins Tal. Über den Rickenbach und sein ganzes Umfeld hat uns Alfons Fischer schon eingehend berichtet (Heimat Wolfurt, Heft 3, S. 1. Einen weiteren kurzen Beitrag mit einer Skizze des alten Unterlaufs der Bäche gibt es auch in Heft 6, S. 39.). Die Kraft des Rickenbachs gab den Impuls zum Entstehen der Firmen Mühle-Gunz und Schlosserei Doppelmayr. Unter den Fabrikshallen durch fließt der einstmals gefährliche Wildbach durch einen Kanal in den Kessel und vor der Stöonorno Brugg in die Schwarzach. Bild 4: Wasserscheide in den Gitzner Büheln. Knapp dahinter liegt im Wald der höchste Punkt von Wolfurt. Mühlräder getrieben. Unterhalb des Schlosses lockte sein frisches Wasser in Draiars Weiher (dem Silbersee) sogar die Dorfjugend zum Schwimmen. Heutzutage wird es in Rohren bis an die Unterhub hinab geleitet. Ein Teil muß sogar den Umweg zum Unterlauf des Tobelbachs im Neudorf machen, um dessen altes Bett wieder mit Leben zu füllen. In Unterlinden hat der Bach früher bei Überschwemmungen einen hohen Lehmkegel aufgeschüttet und dann den Weg ins Strohdorf genommen. Dort ist das kleine Himmelreichbächlein, das am Frickenesch entspringt, zu ihm gestoßen. An der Schule vorbei ging der Lauf weiter, hinab is Loamloch. Noch bis vor hundert Jahren tranken Mensch und Tier aus dem heute verrohrten Bach. Beim Lehmloch ist er wieder frei. Hier nimmt der Ippachbach von rechts den Tobelbach und von links den Eulentobelbach auf. Als großer Landgraben unterquert er den Güterbahnhof. In sein kostbares Bergwasser mischen sich die Schollenwässer aus den Neuwiesengräben. Weit unten beim Sender bildete der Landgraben früher die Gemeindegrenze gegen Lauterach. Heute wird er über Lauteracher Grund in die Dornbirnerach abgeleitet. (Siehe Heft 9, Seite 28!) Der Eulentobelbach Seine beiden Quellen sickern am Bereuter aus den Büheln unterhalb der alten Sennerei. Durch das dunkle Eulentobel, auf dessen rechter Schulter die Lichtung Hoamolitto und danach auf der linken das sonnige Meschen liegen, erreicht er die Ebene an der Hub. Wie alle anderen Bäche ist auch er im Wohngebiet verrohrt. Als Flotzbach tritt er unterhalb der Brühlstraße wieder zu Tage und erreicht im Lehmloch den Landgraben. Zu seinem Einzugsgebiet gehört auch der Bannholzbach, der bei Meschen entspringt. 16 Bild 5: Die Rappenfluh. Gefährliche Steilwände am Ippachbach. Noch rinnt aus den Moospolstern des Ippachwaldes reichlich klares Wasser durch die Bäche ins Tal herab und speist unseren Grundwassersee. Selbst anhaltende Trockenzeiten und Frost können sie nicht zum Versiegen bringen. Ein gewaltiges Kapital für die Zukunft, das es zu hüten gilt! Straßen durch den Ippachwald Die älteste Straße durch den Ippachwald war schon vor mehr als 1000 Jahren der Saumweg vom heutigen Kirchdorf über das Holz hinauf nach Buggenegg auf den Steußberg. Über Alberschwende und die Lorena stießen hier die ersten Siedler in den Bregenzerwald vor. Vom Steußberg führte ein Weg zu den ältesten Bucher Höfen auf die Siegerhalde hinab. Als die zahlreicher gewordenen Bucher eine direkte Verbindung ans Land suchten, entstand ein zweiter Saumweg, die Alte Bucherstraße. 17 1. Wolfurter Gemeindeholzteil Katzensteig 2. Wolfurter Gemeindeholzteil Frickenesch Die Gemeinde Wolfurt besitzt (einschl. einiger weiteren kleinen Parzellen) insgesamt 6,85 ha Wald. 3. Lauteracher Gemeindeholzteil Ippachbrünnele mit 5,57 ha Wald 4. Harder Gemeindeholzteil Gschliof und Kohlgrub 8,48 ha Wald Dann stieg der Holzbedarf in den großen Hofsteigdörfern im Tal. Erst jetzt begann man, mit Schlittenstraßen die Waldteile zu erschließen. Eine solche Straße - sie ist im Kataster von 1857 in einer Breite von einigen Metern (!) eingezeichnet - führte von der Ach auf der Trasse der 1996 neu gebauten Erlenstraße auf das Oberfeld und dort an der nördlichen Kante am Bergarhus vorbei zum Waldrand hinauf. Ihr letztes Stück von der Neuen hinüber zur Alten Bucherstraße besteht noch als Fahrstraße. Das Kirchdorf versorgte sich mit zwei Holzstraßen. Eine war die Alte Bucherstraße. Die zweite führte durch das Tobel ins Holz und in die Dreigassen hinauf. Über die Schloßgasse hatte sie einen bald mehr benutzten weiteren Anschluß. 18 Keinen direkten Zugang hatte das Frickenesch. Die Holzstraße von Unterlinden herauf erschloß nördlich davon am Ippachbach die Wälder bis zu den Dreigassen. Vom Strohdorf stieg man dagegen über das Himmelreich südlich vom Frickenesch in die Wälder an der Hohlgaß hinauf. Mit dieser wichtigen Holzstraße vereinigte sich oberhalb des Himmelreichs eine weitere Straße von der Hub durch das Eulentobel. Als 1929 eine zum Bau der Illwerkemasten neu angelegte Fahrstraße (beim heutigen Wasserspeicher) in zwei Kehren den steilen Bühel überwand, verloren die alten Holzstraßen zum Himmelreich und ins Eulentobel hinab ihre Bedeutung. Seither sind sie von Dornen überwuchert worden und nicht mehr passierbar. 19 Heute erlauben vier Straßen von Wolfurt aus die Zufahrt zum Ippachwald: Neue Bucherstraße Alte Bucherstraße Schloßgasse (Steußbergweg) Frickenescherweg A. Die Neue Bucherstraße Die Landesstraße L 14 über Buch nach Alberschwende beginnt bereits in der Bütze. Ihr erstes Stück, die Kellhofstraße, hieß um 1800 noch berggassen. Dort wo jetzt die Autos beim Schwanenmarkt parken, war bis 1950 ein großer öffentlicher Holzlagerplatz. Hier haben seit dem Mittelalter die Lauteracher und die Harder Bauern ihr Ippachholz von Has und Hund (Schleppschlitten) auf die schweren Block-Wagen umgeladen. Buch war bis 1935 ganz ohne Autostraße. Die Alte Bucherstraße und je ein Weg vom Schneider zur Siegerhalden und von Fischbach zur Mereute waren ja nur Karrenwege. Um das Jahr 1927 machte der Bucher Pfarrer Lutz in sehr vielen Artikeln im Vorarlberger Volksblatt unter dem Titel Aus dem Ippachwald auf diesen unhaltbaren Zustand aufmerksam. Jetzt begann das Land endlich, eine Autostraße in das abgelegene Dörfchen zu planen. Die ersten Pläne sahen eine Trasse von der Achbrücke her auf der alten Ächler Holzstraße am Nordrand des Oberfeldes vor. Nach der Überlieferung soll der Einfluß des Wolfurter Schwanenwirts Kalb und des Lammwirts Fischer eine Umplanung zum Kirchdorf erzwungen haben. Mit einer ganz neuen Trasse durchschnitt man nun die Felder bis zum Waldrand. Dort hatten die Illwerke gerade im Jahre 1929 einen großen Mast für ihre Überlandleitung nach Deutschland aufgestellt. In der Zeit schlimmster Arbeitslosigkeit von 1931 bis 1935 fanden nun zwei Gruppen von Arbeitern an der neuen Straße einen Verdienst. Fast alles wurde händisch mit Pickel, Schaufel, Brecheisen und Schubkarren gemacht. Mit möglichst wenig Steigung folgte man in unzähligen Kurven den Linien, die die Natur vorgab. Durch Felskanten sprengte man enge Tunällor. Das machte den Bau so interessant, daß in der Folge viele Vorarlberger die neue Kunststraße besichtigten und so zum ersten Mal in ihrem Leben nach Buch kamen. Über den großen Bucher Ippachbach führte nun eine moderne Betonbrücke, die noch heute den gestiegenen Anforderungen genügt. Die romantischen Tunnels mußten allerdings bei der Straßenrenovierung in den 80er Jahren verschwinden. Ein einziges blieb als Denkmal alter Straßenbaukunst neben seinem neuen größeren Bruder stehen. Alle paar Jahre kam es an dem steilen Hang, wo der Waldhumus nur in dünner Schicht auf dem Molassefels aufliegt, zu Rutschungen, Große Muren verlegten dem Bucher Boten Fridolin Scheffknecht oft den Weg. Er mußte mit seinem Kohle auf einem Leiterwagen die kleinen Kaufläden und das Gasthaus in Buch versorgen. Seit 1956 ermöglicht eine neue Straße nach Fischbach bei Vermurungen eine Umleitung des Verkehrs nach Alberschwende. So war zum Beispiel die Fahrt durch den Ippach nach einem gewaltigen Felssturz am 19. Juli 1981 gleich für mehrere Monate gesperrt. Natürlich ist die neue Straße auch für die Holzbringung von großer Bedeutung. Bis zu ihrem Bau hatte man die Stämme aus den Holzteilen an der Ach in steilen Riesen an die Ach rutschen lassen. Flößer brachten das Holz dann in gefährlicher Arbeit zum Schwellwuhr nach Kennelbach oder zum Rechen nach Hard. Vorher hatten die Besitzer ihr Holz mit dem Malhammer oder mit der Axt gemalt, damit jeder seine Stämme am Ziel wieder erkennen konnte. Die Aufgabe der Flößer bestand darin, die Stämme vom Ufer aus mit dem Flötzarhoggo, einer langen Stange mit eisernem Stoßhaken, in die Strömung zu bringen. Das war oft sehr gefährlich. Das Bucher Sterbebuch nennt eine ganze Reihe von Männern, die beim Flößen ums Leben kamen. Die letzten großen Holztriften auf der Ach fanden um das Jahr 1950 statt. Seither holt man die Stämme mit starken Wellenbock-Seilwinden aus den Tobein an die Straße herauf. Holzmale 1. Anschlagmal des Wolfurter Waldaufsehers zur Kennzeichnung der zum Fällen genehmigten Bäume. Im Original 42 x 29 mm groß. 2.-7. Triftmale, genehmigt von der BH Bregenz für die Flößerei auf der Ach im Triftjahr 1926. 2. Kaspar Steurer, Sägewerk, Schwarzach. Für 600 m3 Blockholz. 3. Johann Schertler Zimmermeister, Lauterach. 150 m3. 4. Norbert Hartmann, Dampfsäge, Hard. 440 m3. 5. Rudolf Bösch, Baugeschäft, Lustenau. 300 m3. 6. Kalb und Heim, Wolfurt-Bütze. 60 m3. 7. Baltus Scheffknecht, Wolfurt-Ach. 40 m3. Weitere 1000 m3 wollte auch noch die Gemeinde Hard aus ihrem Ippachteil flößen. Sie beantragte ein eigenes Triftzeichen. (Aus Sammlung Heim) 20 21 B. Die Alte Bucherstraße Ursprünglich war garmannesbuch von Bildstein aus über die Siegerhalden besiedelt worden. Der Kirchgang nach Bregenz und später nach Wolfurt ließ aber einen Saumweg nach Wolfurt entstehen, der sich schließlich zu einer schmalen Fahrstraße für Fuhrwerke entwickelte. Von der Berggasse beim Wolfurter Friedhof abzweigend durchquert er in einem Hohlweg zwischen Buggenstein (Stöcklers Bühel) und Tobelbach den Tobelwald und erreicht auf der Rütte den eigentlichen Ippachwald. Hier quert bim Bänkle am Waldrand der Wolfurter Höhenweg. Hier beginnt auch die neu ausgebaute Forststraße, für die auf der Ächler Holzstraße eine Verbindung zur Neuen Bucherstraße geschaffen worden ist. Schon nach 350 Metern Hohlgasse erreichen wir im Ippach den Holzplatz. Vom Holzplatz geht es über die kleine und die große Katzostoag hinauf auf die Anhöhe beim Ippabrünnele. Die Wälder zu beiden Seiten gehören bereits zum Lauteracher Ippach. Beim Ippachbrünnele erfrischt klares Quellwasser Mensch und Tier. Oft rasten hier müde Wanderer am Fuß des alten Wegkreuzes. Eine steile Straße zweigt zu den Wäldern am Sustall ab. Ganz flach, manchmal sogar leicht abwärts, führt die Alte Bucherstraße jetzt durch den Harder Ippach und überquert dabei mehrere Bäche. Der größte ist der Plattenbach, der vom Saustall kommt und über steile Felsplatten zur Ach hinabspringt. Nach dem Bildgraben geht es wieder aufwärts zum Gschliof. Einen fünf Meter hohen Damm haben die Straßenbauer hier aufgeschüttet und dann eine ganz neue Straße in zwei steilen Kehren in den Kohlgrubenwald hinauf gezogen. Eine Tafel weist uns auf die Alte Bucherstraße, die von hier ab nur mehr als schmaler Pfad erhalten geblieben ist. Die Wolfurter Bergsteiger haben ihn erst 1975 wieder begehbar gemacht. Kurz nach einer Tafel, die die Gemeindegrenze gegen Buch anzeigt, ist unterhalb des Weges in den 30er Jahren ein 2000 Tonnen schwerer Felsbrocken abgebrochen. Die etwa 30 m lange und bis zu 10 m tiefe Spalte hat sich zwei Meter breit geöffnet. Lange fürchtete man, der schwere Klotz würde die knapp darunter vorbeiführende Neue Bucherstraße zerschmettern. Er liegt aber nun schon 60 Jahre lang ruhig da und Bäume sind auf ihm gewachsen. Über den großen Bucher Ippachbach - nicht verwechseln mit dem Wolfurter Ippachbach - hat der Alpenverein einen neuen Steg erstellt. Bis ins 19. Jahrhundert bestand hier eine gedeckte Holzbrücke. Davon erfahren wir aus dem Bucher Sterbebuch: Auf dem Heimweg vom Nikolausmarkt fiel am 6. Dezember 1838 ein 76jähriger Mann bei finsterer Nacht von der gedeckten Brücke ins Wasser und starb. Nun ist es nicht mehr weit bis zu den Wiesen in der Bucher Parzelle Ippach. Im Gartland treffen wir auf die Neue Bucherstraße. Bis hierher, bis zum ehemaligen Gasthaus Engel, soll im 30jährigen Krieg die Pest eingeschleppt worden sein. Als die schreckliche Krankheit nicht weiter über den Bach in die Gemeinde vordrang, errichteten fromme Leute dort, wie sie es versprochen hatten, eine kleine Pestkapelle. Bis 1760 gingen die Bucher jeden Sonntag nach Wolfurt zur Messe. Jetzt wollten sie eine eigene Pfarre. Sie behaupteten, sie seien zwei Stunden weit von der Pfarrkirche Wolfurt entfernt, mit der Sackuhr ordentlich abgemessen (Rapp III. S. 73). Im Sommer bedrohten Erdrutschungen den Weg und hätten schon oft Versehgänge des Pfarrers so behindert, daß Sterbende ohne Sakramente blieben. Außerdem werfe es in Buch so viel Schnee, daß einer vor seines Vatters Hause den Schnee 11 Schuh tief gemessen habe. 3 1/2 m tief! Das war nun dem Wolfurter Pfarrer zuviel! Soviel Schnee sei hier seit Menschengedenken nirgends gefallen, außer etwann ein schwarzen Lugenschnee. Und die Distanz nach Wolfurt betrage nur eine, höchstens I 1/4 Stunden. Wie dem auch sei - die Bucher bekamen 1760 ihren ersten Pfarrer. Aber noch mehr als 170 Jahre lang trugen sie auf der alten Straße Bündel von Rebstecken und Heugeschirr nach Wolfurt und tauschten sie bei Hanso Hus gegen einen Stumpen Mehl oder 7: andere Krämerware. Mehr als 16 000 Bild Bänkle. Eingang zur Alten Bucherstraße. Bim Stück hölzerne Heugabeln und Handrechen wurden in manchen Jahren von Buch aus in den ganzen Bodenseeraum exportiert (Bucher Chronik von Vorsteher Joseph Flatz, 1860, S. 41). Viele Lebensmittel trugen die Frauen vom Wochenmarkt von Bregenz bis nach Buch: Alles oder das meiste tregt der Bewohner auf seinen Schultern daher, namentlich Lebensmittel, diese werden dann gewöhnlich aus der benachbarten Stadt Bregenz hieher getragen und zu dieser unnatürlichen Arbeit werden dann von manchen unbarmherzigen brutalen Hausvätern ihre Weiber und Töchter angehalten, seien sie auch in Umständen wie sie immer heißen mögen, da wird weder auf dieses, noch auf die Ungestümmigkeit der Witterung keine Rücksicht genommen. Dieses bildet zumal im Winter bei heftiger Kälte oder sonstigem Unwetter beim Sturm oder Schneien einen tragisch komischen Anblick, wenn man derartige Geschöpfe mit ungeheuren Lasten auf den Schultern, und noch sonstige Bagage am Arm, schnaubend ermattet und mit Schweis überronnen daher wanken sieht, gewöhnlich noch ohne Kopfbedekkung mit zerstreuten in der Luft herum fliegenden Haaren, im Sommer gewöhnlich noch barfuß, halbgekleidet was sehr unanständig und der Moralität sehr zuwider ist, und anderen Nachbargemeinden sehr zum Aerger gereicht. (Bucher Chronik, S. 46). Die Straße verdiene diesen Namen nicht, sie sei ein schlechter elender holp23 22 Bild 8: Ippa-Brünnele. Ölbild von Engelbert Köb aus dem Jahre 1914. Bild 9: Die Paradieswiese Hoamolitto. Rechts unten am Waldrand verläuft die Gemeindegrenze. riger Fahrweg (S. 4). Schon einige Jahre vorher hatte im Jahre 1855 der k.k. Bezirksvorstand den Hofsteiger Vorstehern, die in ihren Ippachteilen für die Erhaltung der Wege verantwortlich waren, die bittere Klage der Bucher vorgelegt, daß die Straße durchgehends zu schmal sei, indem sich ihre Breite nur auf das Maß der beiden Räder beschränkt... Der Fuhrmann könne nicht neben dem Pferde gehen. Lauterach verpflichtete sich zum Ausbau auf 9 Schuh Breite. Ein elender Karrenweg ist die alte Straße trotzdem bis zur Eröffnung der neuen im Jahre 1935 geblieben. Dann ließ man sie endgültig verfallen. Die Ippachbrücke stürzte ein. Erst 1975 erstellte der Wolfurter Alpenverein auf der alten Trasse einen neuen, schönen Wanderweg. Seither haben viele Erholungssuchende dieses herrliche Stück Wald entdeckt. Und noch schönere Gebiete erschließt seit 1996 die neue Forststraße vom Gschliof in die Kohlgrubwälder. C. Der Steußberg-Weg Der steile Straße an Schloß und Schmiede vorbei in den Wald hinauf ist also der älteste Weg durch unser Ippach. Bei der Besiedlung des Bregenzerwaldes traten bekanntlich vor 1000 Jahren die Montforter und die mit den Staufern verbündeten Pfullendorfer als Konkurrenten auf. Die Montforter hatten ihren Weg vom Hofsteig in Rickenbach über das Farnach und Alberschwende nach Ungenau und weiter nach Andelsbuch. Der Stützpunkt der Pfullendorfer und der Staufer war der Kellhof mit seiner Kapelle St. Nikolaus. Ihr Saumweg führte direkt über den berütterberg hinauf nach buggenegg, dann durch die roßgass und die Abendreute nach Alberschwende und weiter über die Lorena zu den „Reichspfarren" Schwarzenberg und Egg. Für das erste Stück ins Holz hinauf gab es drei Zugänge: den wichtigsten durch das Tobel, daneben einen links über die Rütte und einen rechts von der kirchgassen her (beim Haus Zilla Zoller, Kirchstraße 16). Der unterste Teil der Schloßgasse (bei HausNr. 1) wurde erst zum Umbau des Schlosses durch den Bregenzer Kaufmann Jakob Huter um das Jahr 1856 ausgebaut. Die Schloßgasse liegt jetzt im Schatten einer Baumreihe. Früher waren die Mulde links und der Hang dahinter ein Weinberg. Junker Jakob von Wolfurt erlaubte 1517 den Dörflern, hier eine Quelle für den ersten Dorfbrunnen zu fassen. Die beiden Mühlen im Holz, wurden 1852 durch die Hammerschmiede mit dem großen Wasserrad ergänzt, die seit 1980 zum Heim des Alpenvereines umgestaltet worden ist. Vom Schmiedeweiher führte bis 1950 eine steile Hohlgasse direkt über die Dreigassen auf die Ebene am Sandigen Weg hinauf. Durch sie schleppten die Fuhrleute ihr Blockholz zur Schmiede herab. Oft war die Gasse so vereist, daß eine Fahrt mit dem schwerbeladenen Homer zu einem gefährlichen Wagnis wurde. Nur mehr ein schmaler Pfad erlaubt heute rüstigen Wanderern einen direkten Aufstieg von der Schmiede zu den Dreigassen. Die neue Forststraße umgeht dieses Gebiet nach links am Rand des Hinterfelds und erreicht auf einer neuen Trasse in einem großen Bogen den Sandigen Weg. Hier oben teilen sich die Straßen. Nach links überquert eine kurze Sackgasse die Quellbäche des Tobelgrabens und endet an der oberen Grenze des Gemeindeholzteils. Nach rechts wurde die alte Saumstraße noch bis in die Dreigassen hinab ausgebaut. Den steilen Anstieg nach Süden bewältigt bis zum Ellobogo eine dritte Straße. Von dort müssen wir dem uralten Saumweg folgend durch eine ausgewaschene Hohlgasse bis in die Ebne hinauf steigen, wo wir auf die ganz neue Forststraße zum Ippachbrünnele treffen. Hier auf der Ebne kreuzen wir den Berütterweg, der nach rechts über den Ippachbach hinüber zur Paradieswiese Hoamolitto führt. 25 24 Wir haben nun noch das schwierigste Stück des alten Steußbergweges vor uns. Rechts fällt die Rappenfluh senkrecht zum Bach hinab. Direkt auf der Felskante verläuft hier die Gemeindegrenze. Mehrere parallele Gassen und Steige führen steil nach Osten hinauf. Solche Saumwege waren ja im Mittelalter nicht ausgebaut. Je nach Witterung und Last wählte der Säumer seinen Weg. Bei vereister Bahn mied er die gefährlichen Hohlgassen und schonte so die wertvollen Beine von Mensch und Tier. Bei Neuschnee wich er den Lichtungen und Viehweiden aus und suchte den schneearmen Weg unter den Tannen. Mit schweren Lasten legte er hier heroben eine zusätzliche Serpentine ein. Sonst scheute er den steilsten kürzesten Weg keineswegs. Auf alle Fälle aber war er (wie wir auch) froh, wenn er beim Sack die Höhe erreicht hatte und nun die sanften Hügel von Bereuter und Gitzen vor sich sah. Hier im Sack verläuft die Wolfurter Gemeindegrenze links, knapp hinter den ersten Tannen am Waldrand, noch weit hinauf zu den Gitzner Büheln, wo bei 825 m ihr höchster Punkt liegt. Die meisten von uns wählen aber den Weg nach rechts zum Dreiländerblick am Bereuter. Den Gehtüchtigen sei aber auf alle Fälle noch der wunderschöne Übergang über Buggenegg und Roßgaß (Weitwanderweg 204) nach Alberschwende empfohlen! D. Der Frickenescherweg Das Frickenesch gehörte bis 1806 wie Meschen zu Bildstein. Die beiden einsamen Höfe auf dem markanten Aussichtsberg besaßen bis ins 19. Jahrhundert als Zugang nur einen steilen Pfad vom Holz her und einen Fußsteig über den Rebberg-Kamm. Die Fahrstraße zu den Höfen wurde erst zum Bau der Illwerke-Masten 1929 errichtet. Vom Frickenesch steigt die Hohlgaß nach Süden leicht an. Sie bildet hier ein Teilstück des Wolfurter Höhenwegs, der dann das Eulentobel quert und die Wanderer nach Meschen und zum Rutzenberg bringt. Die Hohlgaß biegt aber schon vor dem Bach scharf nach Osten hinauf ab. Hier liegt links der zweite große Holzteil der Gemeinde Wolfurt, ein Mischwald mit vielen Buchen. Kurz danach überqueren wir die Grenze nach Bildstein und treffen auf die wunderschöne Lichtung Hoamolitto. Litto ist das alte Wort für eine Halde zum Heuen. Diese nennt der Volksmund jetzt meist Stefano Veowoad (Stephans Viehweide) oder neuerdings auch Paradieswiese. Sie ist ja auch wirklich ein Paradies für Wanderer. Besonders der mit verschiedenen Bäumen bestockte kleine Hügel in der Mitte und der darin verborgene hohe Jägerstand locken Kinder unwiderstehlich an. Für den Botaniker und den Schmetlerlingskundler erschließt sich an den Waldrändern ein reiches Feld. Am Weg gedeihen sogar noch Edelkastanien, die als Kesten bei unseren Vorfahren besonders geschätzt waren. Kleine Markierungen verraten, daß hier auch der europäische Weitwanderweg 204 von Frankreich nach Wien durchgeführt wird. Für unsere jungen Schi-Sportler klingt es unglaublich, daß ihre Großväter in den 30er und 40er Jahren diese Strecke für ihre Abfahrtsrennen benutzt haben. Die muti26 Bild 10: Im Sack. Auch hier verläuft die Gemeindegrenze zu Wolfurt knapp hinter dem Waldrand. gen Burschen steckten sich damals selbst eine Rennstrecke durch die steilen Viehweiden bis zum Schneiderkopf hinauf aus. Schlüsselstelle blieb aber jedes Jahr die Gleitstrecke durch die meist eisige Hohlgasse. Dann galt es noch, am Flötzerkopf genug Geschwindigkeit aufzunehmen und ohne Sturz das Ziel, weit unten nahe der Kirchstraße in Unterlinden, zu erreichen. Das erste Wolfurter Abfahrtsrennen auf dieser Strecke gewann am 22. Jänner 1932 Josef Brugger mit einer Zeit von 5 Minuten 42 Sekunden (!) vor Hermann Winkel und Herbert Gasser. Später waren dann meist Jielg Tschull oder Herbert Bechter die Sieger. Die Ippachstraßen bringen heute außer Waldarbeitern auch viele erholungssuchende Wanderer in den Wald und auf die Höhen von Bildstein und Buch. Wer außer den angeführten Straßen auch noch ein paar von den kleinen Verbindungswegen kennt, dem öffnen sich in zahlreichen Varianten Rundwege durch Wälder und über Bühel, die zu jeder Jahreszeit Naturschönheiten anbieten. Von den vielen Waldpfaden und Jägersteigen zähle ich hier nur die wichtigsten auf. Ich nenne sie den Höhenweg, den Berütterweg, den Saustallweg und den Gitznerweg. Auf der beigefügten Skizze (S. 18 und 19) sind sie eingezeichnet. Der Höhenweg ist markiert und mit Geländern gesichert. Der Saustallweg ist als Forststraße ausgebaut. Der Berütterweg und der Gitznerweg werden aber wie auch der Steußbergweg kaum mehr begangen und sind daher an vielen Stellen zugewachsen und nur mehr als schmale Pfade erkennbar. Der Wanderer muß hier unbedingt mit Bergschuhen ausgerüstet sein. 27 1. Der Höhenweg Fast jeder Wolfurter und sehr viele Gäste sind schon über den Höhenweg am Waldrand von der Ach bis Rickenbach gewandert. Er besteht seit 1968, doch wurden bereits 1962 da oben vom neu gegründeten Verkehrs verein 20 Ruhebänke aufgestellt. Aber erst 1968 waren die Tobelüberquerungen fertig, sodaß Wegweiser gesetzt werden konnten. Dabei galt folgende Regelung: Die von Wolfurt bergwärts nach Buch oder Bildstein führenden Wege sollten „weiß-blau" markiert werden, die Querwege dagegen „weiß-rot". So wurde denn auch der Höhenweg schon damals weiß-rot gekennzeichnet. Er beginnt bei der Achbrücke als Fortsetzung des Achuferwegs. Auf der Sportplatzstraße bringt er uns zuerst in die Schlucht der Bregenzerach. 1847 wurde diese Straße im damaligen Flußbett der Ach zur ehemaligen Fabriklerbrücke aufgeschüttet. Hier rodeten 1947 die Fußballer ihren Platz. 1975 eröffneten die Schützen den neuen Schießstand, den sie mit einer Kassettendecke aus kostbaren alten Schützenscheiben geschmückt hatten. Dort wo bis 1932 eine gedeckte Holzbrücke den Arbeitern einen eigenen Zugang zur Schindlerfabrik ermöglichte, steigen wir steil ins Oberfeld hinauf. Nach links folgen wir der Markierung auf dem ehemaligen Ächler Holzweg. Beim Illwerke-Mast queren wir am Waldrand die Neue Bucherstraße. Über die Forststraße gelangen wir zur Alten Bucherstraße, die wir beim Bänkle an der Rütte überqueren. An der Staumauer vorbei, die den Tobelbach hier in ein Rohr zwängt, steigen wir Richtung Schloß in die Parzelle Holz zum Steußbergweg hinauf. Gleich nach dem Schmiedeteich zweigen wir wieder ab. Ein schmaler Pfad bringt uns zur Brücke über den Ippachbach und ins Frickenesch hinauf. Immer wieder laden uns Ruhebänke mit herrlicher Aussicht auf Gebhardsberg und Bodensee zum Verweilen. Vom Frickenesch leitet uns die Markierung durch die Hohlgaß, der wir aber nur bis zur einem lichten Buchenwald folgen. Dort steigen wir über steile Stufen im Mergelfels zum Eulentobelbach hinab. Auf der anderen Seite finden Einheimische den alten Weg weiter geradeaus ins Staudach oder auch den direkten Zugang von der Hub zum Bereuter. Die Markierung bringt uns aber nach Meschen hinab und von dort auf die Straße zum Rutzenberg. An dessen sonnigen Halden wurde noch im 19. Jahrhundert viel Wein angebaut. Jetzt sind sie ein bevorzugtes Siedlungsgebiet geworden. Über die Wingertgasse finden wir zur Kapelle in Rickenbach hinab. 2. Der Berütterweg Der Bergrücken vom Strohdorf bis hinauf zur Schneiderspitze heißt in alten Kirchenbüchern berütterberg. Das ist ein Name, der uns wie Rütte und Schwende an die Rodungen vor 1000 Jahren erinnert. Von den Höfen am Bereuter führen etliche Wege ins Tal, einer davon direkt nach Norden zur Furt über die Bregenzerach als ehemaliger Kirchweg und kürzeste Verbindung nach Bregenz. Wir gehen ihn umgekehrt hinauf zum Berufter. Das erste Stück von der Achbrücke herauf folgen wir dem Höhenweg bis zur Neuen Bucherstraße. Gleich am Beginn der dort abzweigenden Forststraße verlassen wir diese und kürzen auf einem Pfad über einen Waldbühel nach Nordosten zur Alten Bucherstraße ab. Die alten Dokumente nennen diesen Weg den Bregenzer Weg. Um das Jahr 1850 tadelte das Bezirksgericht Bregenz die Gemeinde Wolfurt mehrmals, weil sie den Bregenzer Weg nicht genug pflegte. Die Bucher hatten geklagt. Sie brauchten ihn. Als letzte ging bis zum Bau der Neuen Bucherstraße Anna Hopfner (die Wolfurter nannten sie einfach Buochar-Anna) fast jeden Tag aus Buch auf dem Bregenzer Weg nach Kennelbach in die Fabrik, im Sommer meist barfuß. Wenn ein Unwetter tobte, übernachtete sie manchmal bei ihrer Arbeitskollegin Bischofs Anna, die bei Mohro Emile am Kirchplatz im Quartier war. Jeden Werktag barfuß aus Buch in die Fabrik! Bis 1935 auf diesem schmalen Pfad! Beim Holzplatz am Fuß der Katzensteig überqueren wir die Straße und steigen durch den Gemeindewald aufwärts. Unser Weg führt an einem Futterstand der Jäger vorbei. Ganz nahe liegt rechts über dem Tobelbach drüben das Hinterfeld mit der neuen Forststraße. Wir bleiben aber auf der Ostseite des Baches und steigen durch eine teilweise verwachsene Hohlgasse steil aufwärts. Erst auf dem neu aufgeschütteten Damm überqueren wir den Bach und erreichen den Sandigen Weg. Gleich klettern wir auf steilem Pfad weiter hinauf zur Ebne. Eine neue Straße führt von hier nach links über den Saustall zum Ippachbrünnele. Wir überqueren sie aber und steigen in die dahinter liegende romantische Schlucht des Ippachbaches hinab. Links bleiben die steilen Wände der Rappenfluh zurück. Jenseits des Baches kommen wir bald zur Paradieswiese Hoamolitto. Sie ist bereits Bildsteiner Boden. Die schöne Holzerhütte allerdings, die Böhlers Oskar rechts am Waldrand auf einen Felsen gestellt hat, die steht noch auf Wolfurter Grund. Ein halbes Dutzend Wege trifft hier zusammen. Eine Straße geht hinüber zur Staudachstraße und weiter zur Dellen. Dort könnten wir in der abgelegenen Kapelle das fromme Bild von St. Martin und St. Wendelin besuchen, das der Kennelbacher Maler und Krippenbauer Engelbert Karg schon 1910 gemalt hat. Durch das kühle Tobel des Rickenbaches gelangt man dann auf einem selten begangenen Weg zur Erscheinungskapelle und zur Wallfahrtskirche Maria Bildstein. Von der Hohlgaß herauf kommt der Weitwanderweg 204. Ortskundige finden auch die schmalen Pfade, die direkt nach Meschen oder auf der anderen Seite ins Mösle hinab führen. Wir aber wählen den Weg durch Wald und Wiesen hinauf zu den Häusern am Bereuter. Dort ist bei der ehemaligen Sennerei einer der schönsten Aussichtspunkte des ganzen Berges. Nur mehr selten steigt ein Bergler auf dem Berütterweg ins Tal. Vielleicht war Gottlieb Böhler der letzte. Er hat ihn mir gezeigt. Da heroben auf dem Bereuter war er daheim. Der Schulinspektor hatte ihn als jungen Lehrer aber nach Schröcken versetzt. Um 6 Uhr früh fuhr von Kennelbach aus der erste Zug der Wälderbahn nach Bezau. Jeden Montag, im Sommer und im Winter, bei Regen und bei Neuschnee, oft noch in dunkler Nacht, eilte Gottlieb den steilen Weg durch die Wälder zur Ach- 28 29 Bild 11: Bim Imbohüsle im Su-Stall. Klimmers Albert 1932. Bild 12. In der Kohlgrub. 30 cm hoch decken Kohlenreste den Lehmboden am Gitznerbach. brücke hinab und war rechtzeitig am Bahnhof. Im Jahre 1954 noch auf dem gleichen Weg, auf dem einige Jahrzehnte früher Bildsteiner Leute zur Fabrik in Kennelbach und einige Jahrhunderte früher die Gläubigen zur Sonntagsmesse nach St. Gallus in Bregenz gegangen waren! 3. Der Saustallweg Su-Stoag und Su-Stall liegen oberhalb vom Ippabrünnele. Sie haben ihre Namen lange Zeit zu Recht getragen. Hinter einem Hügelrücken hat sich hier ein Moos gebildet, aus dessen Wasservorräten zwei Bäche entspringen. Durch diesen Sumpf mußten die Pferde der Lauteracher Bauern einst die schweren Holzstämme schleppen. Oft sanken Roß und Fuhrmann tief in den Morast ein - ein Saustall! Nicht viel besser war der nasse Weg hinab zum Brünnele, die Sausteig. Hier haben die Forstwegbauer saubere Arbeit geleistet, das Wasser abgeleitet und einen festen Damm durch den Sumpf aufgeschüttet. Die Lichtung am Saustall ist ein besonders idyllischer Ort. Ippachwanderer nennen den Platz Bim Imbohüsle. Ab dem Jahre 1932 betrieb der Bienenzuchtverein hier nämlich eine Waisel-Zuchtstation. Sie wurde allerdings zu Kriegsende ausgeplündert und daher schon 1947 wieder abgebrochen. Ganz in der Nähe haben die Jäger ihr Forsthaus St. Hubertus erbaut. Zwei ganz neue Forststraßen erschließen von hier aus gegen Osten die Holzteile des Lauteracher Ippachs, eine links des Plattenbachs leicht abwärts ins Saustall-Loch, die andere steil aufwärts. Auf der dritten umgehen wir nach rechts die Quelle des Tobelbachs. Weit hinab nach Westen bringt sie uns zur Ebne. Hier finden wir Anschluß an den Steußbergweg und und an den Berütterweg. 4. Der Gitznerweg Wer der Alten Bucherstraße bis ins Gschliof gefolgt ist, könnte dort leicht die Markierungstafel nach Buch übersehen, denn die neue Forststraße zur Kohlgrub folgt steil aufwärts der Trasse des Wegs nach Gitzen. Den von den Fuhrleuten früher so gefürchteten steilsten Teil des Weges haben die Planer mit zwei Kehren und einigen heute schon wieder überwachsenen „Krainer"-Wänden aus aufgestapelten Baumstämmen überwunden. Durch den großen Holzteil der Gemeinde Hard erreichen wir hier die östlichste Wolfurter Waldparzelle, die Raimund Mohr mit weißblauen Marken gut gekennzeichnet hat. Daran schließt sich auf Bucher und Bildsteiner Gebiet die Kohlgrub am Gitznerbach an. Das war früher der abgelegenste Winkel des Ippachwaldes. Hier stellten die Kohlenbrenner ihre Meiler auf und gewannen die wertvolle Holzkohle, die sie in Ledersäcken zur Straße trugen, um sie teuer an die Schmiede zu verkaufen. So einträglich dürfte das Geschäft gewesen sein, daß schließlich ein Waldgebiet von über 30 Hektar Fläche in privater Nutzung dem Gericht Hofsteig entzogen wurde. So konnte es 1796 auch nicht verteilt werden und wurde überraschend als Keil im Bucher Ippach der Gemeinde Bildstein zugeschlagen. Noch heute sind der Hämmerlewald mit über 9 Hektar Fläche und seine Nachbarholzteile die größten Waldparzellen im Ippach. Längst brennt man keine Kohlen mehr. Beim Bau der neuen Forststraße, die nach der Überquerung des Gitznerbachs auf Bildsteiner Gebiet am Tobel des Bucher Ippachbachs endet, wurden drei Kohlplätze angeschnitten. Bis zu 30 Zentimeter liegt hier Kohlenstaub, durchsetzt mit Hühnerei-großen Kohlenbrocken. 31 30 Bild 14: Die Russenhütte. Eine alte Holzerhütte in der Kohlgrub. Das Kohlenbrennen hatte früher bei uns große Bedeutung, weil man nur mit


Heimat Wolfurt Heft 20 1998 Februar
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 20 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 1998 Die Pfarrkirche St. Nikolaus wurde 1834 erbaut. Das Bild von 1902 zeigt sie noch mit dem alten kleinen Turm. Inhalt: 96. Vorsteher und Bürgermeister (1) 97. Alois Negrelli in Wolfurt 98. Als die Wolfurter ihre Kirche bauten 99. Flatz-Familien 100. Der Silbersee 101. Mi Wolfurt (Mohr-Wachter) Bildnachweis: Karl Hinteregger Franz Rohner Siegfried Heim Sammlung Heim Zuschriften und Ergänzungen Bilder 8, 9, 10, 11, 13, 14, 15, 16, 17 Bilder 4, 5, 6 Bild 18 Bilder 1, 2, 3, 7, 12, 19, 20 Weinbau in Wolfurt (Heft 19, S. 4) Laut Haltmeyer-Chronik (in Privatbesitz) ließ der Kreuzwirt Johann Haltmeyer im Jahre 1897 den allerletzten Wolfurter Weintorggel abbrechen. Er brauchte den Platz hinter dem Gasthof Kreuz für einen neuen riesigen Weinkeller. Darin lagerten nun 20 große Weinfässer von je 2000 bis 4000 Liter Inhalt. Bis zu 50 000 Liter Wein warteten manchmal hier auf den Versand. Fast gleichzeitig verschwanden um 1900 als letzte Wolfurter Weinberge die des Pfarrers am steilen Südhang des Kirchenbühels. An vielen Bauernhäusern ließ man aber noch einzelne Reben zwischen den Fenstern bis zum Dach hinauf klettern. Ihre Trauben gehörten zu den begehrtesten Süßigkeiten unserer Kindheit. Getrocknete Wi-Beerle konnte man damals schon kaufen. Bei hohen Festen tauchten sie im Hefeteig von Mamas Gugolupf auf. Der Ippachwald (Heft 18, S. 16 und Heft 19, S. 14) Bei dem Wolkenbruch am ersten Festspielsonntag, 20. Juli 1997, haben unsere neuen Forststraßen im Ippachwald ihre große Probe bestanden. Während am Vormittag viele Bäche im Pfändergebiet über die Ufer traten, gab es bei uns nur geringe Schäden an einigen Durchlässen, aber keine Vermurungen. Das gibt Hoffnung für die Zukunft, aber natürlich keine Garantie. Auch am Steußberg kann ein kommendes Jahrhundert-Hochwasser wieder einmal Muren bis ins Tal tragen! Von einer solchen berichten die Gemeinde-Akten aus dem Jahre 1883. Am 19. Juni 1883 war die Alte Bucherstraße, damals die einzige Verbindung nach Buch, an der unteren Katzensteig auf 100 Metern Länge in die Ach hinab gerutscht. Ein gräßliches Bild! Der Schaden dürfte sich hoch in die Tausende belaufen! schrieb Vorsteher J. M. Schertler an den Hohen Landesausschuß. Für das völlig abgeschnittene Buch verlangte Vorsteher Peter Böhler binnen 8 Tagen eine noth far Strasse. Die Gemeinde Wolfurt sträubte sich gegen ein Provisorium. Erst im September legte Landeshauptmann Graf Belrupt einen Plan für eine Tiefertrassierung der Straße vor. Am 3. April 1884 war die neue Straße dann endlich fertig und Buch aus seiner fast einjährigen Isolierung erlöst. Kein Wunder ist es daher, daß sich die Straßenbenützer durch ein Wegkreuz beim Ippa-Brünnele unter Gottes Schutz stellten! (Bild 8 in Heft 19, S. 24). Als die Bergsteiger die alte Straße 1975 wieder als Wanderweg begehbar machten, fand Helmut Heim in den morschen Kreuzbalken ein stark verwittertes Stück Papier, das jetzt im Gemeindearchiv aufbewahrt wird: Dieses Kreuz wurde ... im Jahre 1913 restauriert. / Wilhelm Fischer ... in Angriff genommen ... geführt... daran gearbeitet oder... /Engelbert Köb Malerarbeit / Martin Rohner / Gebhard Mohr / Mathias Geiger / Josef Böhler Küfer u. Oberkaßiner / Wilhelm Fischer ledig im Röhle / Dobler Sepp hat s Kreuz gezimmert / Flaschner Räschle / Der Schwanenwirth J. G. Kalb führt s Kreuz mit Roß herein. 3 Danke ! Sehr viele Leser unserer Zeitschrift haben mit dem letztes Mal beigelegten Erlagschein Spenden auf unser Konto 87 957 Raiba Wolfurt einbezahlt, einige davon in beachtlicher Höhe. Allen sagen wir herzlichen Dank! Besonderen Dank auch der Gemeinde Wolfurt, die den Abgang trägt. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Das Jahr 1913 ist ein schlechtes Jahr. Die Stickerei geht nicht, der Balkan Krieg ... Obst gibt es heuer keinen Kräften, weil im April alles erfroren ist, also wird s keinen Most geben, man macht lauter Wasserburger. Wolfurt 19. July 1913 Engelbert Köb Maler u. sein Vetter Wilhelm Fischer Mit Tintenblei sind dann noch eigenhändige Unterschriften nachgetragen: / Fidel Schwerzler Zimmermeister / Joh. Martin Mohr Straßenmeister / Wilhelm Fischer Wuhrmeister / Josef Anton Rohner / Josef Schertler Sticker / Anton Fischer Sticker/ WilhelmSchwerzler/ Konrad Lenz Fuhrknecht Ganz genau hat Julius Müller das Bild 11 (S. 30) betrachtet und an Geweih und Ofenrohr herausgefunden, daß es sich nicht um das Imbohüsle im Sustall, sondern um Schwanenwirts Jagdhütte handelt. Diese stand unterhalb der Alten Bucherstraße vor dem Gschliof im Harder Ippach. Das heute beigefügte Bild zeigt die gleiche Hütte mit einigen Familien, die anfangs der 30er-Jahre hierher ihren Sonntagsausflug gemacht haben: Kolumban Thaler, Albert Gasser, Julius Ammann,... Geradezu historisch ist das Bild wegen der Kinder: August Thaler, Seppl Gasser, Stefan Amann mit Postmoastors Daggol,... Erika und Erich Gasser, Herbert (?) Amann, Karl (oder Siegbert?) Thaler. - Die Jagdhütte stand übrigens noch lange nach dem Krieg. Paul Geiger erzählt, daß nach dem großen Murbruch von 1957 die Holzarbeiter hier ihre Küche eingerichtet hätten. Zum ersten Schirennen (Heft 19, S. 27) berichtigt mich Emil Gunz aus BildsteinBereuter: Der Start sei niemals am Schneiderkopf, sondern erst am Waldrand oberhalb des heutigen Gasthauses Dreiländerblick erfolgt. Er selbst habe mit seinen Wolfurter Schifreunden (Winkels Hermann, Gassers Engelbert...) die Rennstrecke über Berüttar und Hoamolitto zur Hohlguß ausgesteckt. Die Neue Bucherstraße (S. 20) wurde in den Jahren 1931 bis 1935 gebaut. Aus dem Gemeinde-Sitzungsprotokoll vom 4. Dez. 1937 geht aber hervor, daß sie erst im Herbst 1937 endgültig fertiggestellt wurde. Vorsteher Hinteregger lud die Arbeiter jetzt zu einer Jause ein. Viele von diesen Arbeitern sind auf dem untenstehenden Bild zu erkennen. Aus Buch u. a. der spätere Bürgermeister Fidel Eberle, Gabrielo Franz, Sinz Anton zum Schwarzen ..., aus Wolfurt Kapeollars Filibert, Hannes Franz, Sammars Eugen, Haldobuob, Büocheles Artur, Büoblars Julius, an Kassiänlar ... . Das Foto wurde 1933 aufgenommen, als sich die beiden Partien beim Roden der Trasse auf halber Strecke getroffen hatten. Bild 2: Ausflug zu Schwanenwirts Jagdhütte im Ippach um 1935 Bild 3: Arbeiter an der Neuen Bucherstraße 1933 4 5 Wie hoch liegt Wolfurt? (Heft 19, S. 39) Ganz kritischen Lesern ist vielleicht aufgefallen, daß ich die Meereshöhe der Schneiderspitze, der höchsten Erhebung unseres Steußberges, auf Seite 41 mit 971 m angegeben habe, in Heft 18 auf Seite 19 dagegen mit 973 m. Was ist nun richtig? Höhenmessung bei Bergen war früher immer ungenau. In meiner Schulzeit vor 50 Jahren gab der Schulatlas beim Piz Buin noch 3316 m und bei der Schneiderspitze noch 973 m an. So habe ich es gelernt. Neue Meßmethoden ergaben seither alle paar Jahre andere Zahlen bei den vielen Bergen auf der ganzen Erde. Maßgebend ist für uns in Vorarlberg stets die letzte Ausgabe der Vorarlberger Schulwandkarte, auch für die Schreibart aller Ortsbezeichnungen. Und dort steht seit etlichen Jahren beim Piz Buin 3312 m, bei der Schneiderspitze aber 971 m. Nachkriegsjahre 1945-1949 (Heft 17, S. 9 und Heft 18, S. 3) Drei sensationelle Bilder überließ uns Frau M. L. Fuchs aus Bregenz. Sensationell deswegen, weil auf dem Besitz und dem Gebrauch einer Kamera damals die Todesstrafe stand. Franz Rohner, den Wolfurtern besser behannt als Kapeollars Fränzle, hielt von seinem Dachbodenfenster aus (Bregenzerstraße 33) den Augenblick fest, als am Morgen des 2. Mai 1945 einer der ersten französischen Panzer von der Brücke her auf den menschenleeren Wälderhofplatz einbog. Das zweite Bild zeigt den Panzer auf der Bregenzerstraße in Richtung Dorf. Ein paar Stunden später machten schon die tirailleures maroccaines, die berittenen marokkanischen Krieger mit Turban und Muli, beim Wälderhof Rast. Bild 4: 2. Mai 1945. Französischer Panzer vor dem Wälderhof. Bild 5: Vormarsch in Richtung Kirchdorf Bild 6: Marokkanische Reiter in Wolfurt 6 7 Siegfried Heim Wolfurter Vorsteher und Bürgermeister Am 1. Oktober 1806 wurde Wolfurt selbständige Gemeinde, aber erst am 1. Oktober 1811 konnte die erste Gemeinds Vorstehung ihre Tätigkeit aufnehmen. 1811-1817 1817 (2 Mon.) 1817-1821 1821-1824 1824 (11 Mon.) 1824-1829 1829-1832 1832-1840 1840-1856 1856-1859 1859-1861 1861-1867 1867-1872 1872-1873 1873-1879 1879-1891 1891-1901 1901-1906 1906-1919 1919-1924 1924-1938 1938-1945 1945-1950 1950-1952 1952-1957 1957-1960 1960-1985 19851. Joh. Georg Fischer (I.) 2. Xaver Flatz 3. Mathias Schneider 4/1 Leonhard Fink 5. Andreas Vonach 6. Bernhard Bildstein 7/1 Joh. Martin Schertler (I.) 4/2 Leonhard Fink 7/2 Joh. Martin Schertler (L), insges. 19 Jahre lang 8. Johann Höfle 9. Joh. Georg Fischer (II.) 10. Josef Halder 11. Johann Mai er 12. Jos. Anton Schertler 13. Joh. Georg Fischer (III.) 14. Joh. Martin Schertler (II.) 15/1 Lorenz Schertler 16. Fidel Kirchberger 17. Ferdinand Köb 15/2 Lorenz Schertler, insges. 15 Jahre lang 18/1 Ludwig Hinteregger 19. Theodor Rohner 18/2 Ludwig Hinteregger, insges. 19 Jahre lang 20. Emil Geiger 21. Alfons Gunz 22. Julius Amann 23. Hubert Waibel, 25 Jahre lang 24. Erwin Mohr Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt Innerhalb des Gerichtes Hofsteig hatten seine sechs Dörfer schon seit dem Mittelalter ein gewisses Eigenleben geführt.' Am 13. März 1806 übernahm Bayern das von Österreich im Frieden von Preßburg abgetretene Land Vorarlberg. Schon am 1. Oktober des gleichen Jahres wurden die 24 alten Gerichte aufgelöst. Die neue bayerische Gerichtsordnung sah selbständige Gemeinden innerhalb von sieben Landgerichten vor. Die Hofsteiggemeinden unterstanden jetzt dem Landgericht Bregenz. In jeder von ihnen sollten ein Vorsteher und zwei Räte gewählt werden. Es dauerte aber volle fünf Jahre, bis in Wolfurt am 1. Oktober 1811 erstmals ein Vorsteher sein Amt antreten konnte. Seither haben nacheinander 24 Männer das Vorsteheramt als hohe Ehre und verantwortungsvolle Aufgabe und manchmal auch als schwere Bürde auf sich genommen. Sie haben Wolfurt von einem Bauerndorf mit 1100 Seelen zur heutigen Marktgemeinde mit fast 8000 Einwohnern geführt. Schlichte Porträts der meisten Vorsteher - seit etwa 60 Jahren führen sie den Amtstitel Bürgermeister - schmücken den Sitzungssaal. Mit einigen Anmerkungen möchte ich ihre Namen und ihre Zeit in Erinnerung rufen. Eine erste Aufzählung versuchte schon im Jahre 1879 der damals neue Schulleiter Wendelin Rädler in seiner Schulchronik.2 Er verließ sich dabei auf die Aussagen des kurz zuvor verstorbenen Fidel Gmeiner im Holz. Der konnte ihm für die vergangenen 70 Jahre alle 13 Namen angeben, allerdings nicht immer in der richtigen Reihenfolge. Eine zweite Liste stellte 1982 der Journalist Wise Köhlmeier zusammen.3 Nach eingehenden Forschungen im Gemeindearchiv kann ich die auch in der zweiten Liste noch vorhandenen Lücken schließen und eine dritte Reihung der bisherigen 24 Vorsteher mit ihren Amtszeiten vorlegen. Am längsten hatte demnach Hubert Waibel das hohe Amt inne: volle 25 Jahre lang. Er wurde auch als einziger von allen Vorstehern zum Ehrenbürger ernannt. Am nächsten kamen ihm in der Dauer der Amtszeit Ludwig Hinteregger und Joh. Martin Schertler mit je 19 Jahren und Lorenz Schertler mit 15 Jahren. 9 8 Es fällt auf, daß drei von diesen Langzeitbürgermeistern Wolfurt und die anderen Hofsteiggemeinden auch im Vorarlberger Landtag vertreten haben: Hubert Waibel 1964-1984 20 Jahre lang Ludwig Hinteregger 1932-1937 5 Jahre Lorenz Schertler 1919-1923 4 Jahre Zu Joh. Martin Schertlers Zeiten hatte es bis 1861 noch keinen Landtag gegeben. Am allerlängsten, nämlich 24 Jahre, gehörte der aus Lauterach nach Wolfurt ins Wida zugezogene Schmied Josef Greussing von 1945-1969 dem Landtag an. Die Liste der Abgeordneten vervollständigen Manfred Rünzler, 1984-1989, und Dr. Fritz Schuler, Landtagsvizepräsident, seit 1994. Selbständige Gemeinde Wolfurt Sie ist also per Gesetz am 1. Oktober 1806 errichtet worden. Bis dahin hatte sie seit 1802 der letzte Hofsteig-Ammann Franz Josef Dörler von Hard aus verwaltet, wobei ihm aus Wolfurt die Geschworenen Joh. Georg Reiner, Xaver Gmeiner und Joh. Georg Fischer zur Seite standen. Nun schafften bayerische Beamte an. In den folgenden Wirren, die zum Aufstand von 1809 führten, gelang es nicht, die neue Gemeindeordnung in Kraft zu setzen. Daher beglaubigte im Namen der Gemeinde Wolfurt bis 1811 immer noch der zweitletzte Hofsteigammann Joh. Georg Reiner, der Wirt vom Alten Schwanen, die Rechtsfälle beim Landgericht.4 Zur Erstellung der Steuerlisten und zu Rekrutenaushebungen zogen die bayerischen Beamten den schreibgewandten Gotteshausammann Mathias Schneider heran5. Sogar der Schützenhauptmann Jakob Schertler erhielt Aufträge vom Königl. Bairisch. Landgericht. Schneider zählte im Jahre 1807 in Wolfurt 183 Häuser, die nun alle eine neue Hausnummer (B) erhielten. Mit Hilfe von vier Wolfurter Schätzleuten wurden alle Grundstücke im Bayerischen Kataster für die Steuereinhebung erfaßt. Die ebenfalls 1807 durchgeführte Volkszählung ergab 1143 Einwohner, 581 männliche und 562 weibliche. Schon am 15. Nov. 1806 hatten die Bayern die allgemeine Wehrpflicht eingeführt. 99 ledige Männer standen in Schneiders Listen. Der Reihe nach wurden viele davon nun zu den Soldaten gerufen. Panik brach aus. In überstürzten Massenhochzeiten heirateten 22 Jungmänner, andere flüchteten aus dem Land.6 Jetzt forderte der köngl. bayr. Landrichter Joh. Nepomuk Matz den Schützenhauptmann Jakob Schertler in Unterlinden auf, die abwesenden Rekruten unverzüglich zu stellen.7. Die meisten der eingezogenen Männer starben ein paar Jahre später im Winter 1812 in Rußland. Im April 1809 kam es zum Aufstand gegen die Bayern, der mit einer Niederlage endete. Erst jetzt konnte die Behörde die neue Gemeindeordnung durchsetzen. 1811 wurde erstmals gewählt. Der frühere Hofsteig-Geschworene Joh. Georg Fischer wurde vom königl. bayr. Landrichter als Friedensrichter vereidigt und nahm mit seinen beiden Räten am 1. Oktober 1811 die Tätigkeit in der Gemeinds Vorstehung auf. Bild 7: Mathias Schneider schrieb in seine Chronik (Schneider 2): Pro 1811 den Iten Ocktber hat die Neue Gemeinds Vorstehung angefangen, und dato bey dem Königl Landgericht Bregenz beEidiget worden, alwo das allgemeine Gericht aufgehört hat. Zu Wolfurt Erstens ist als Friedens Richter erwählt Joh. Georg Fischer alt Geschworener) 2ten als Rath ist detto Joh. Zumtobel zu Rikenbach 3ten detto detto Johan Anwander zu wolfurt und als Gemeinds Waibel Kaspar Müller zur Linden. Diese haben alle Wochen jedes mall am Dinstag einen Verhandlungs Tag, jede Parti welche verhandlet wird hat 24 x zu bezahlen. 1. Joh. Georg Fischer (I.) 1811-1817 Geb. 10.6.1760, gest. 18.7.1817 Im Stammhaus der Spetenleher Fischer (Hofsteigstraße 27) war er als einziger Sohn des Martin Fischer (1729-1767) und der Christina Höfle zur Welt gekommen. Seine Sippe besaß damals großen Einfluß. Onkel Johann Fischer (1725-1776) war Kellhof-Ammann gewesen. Der andere Onkel, Löwenwirt Joseph Fischer (1723-1809), hatte sogar durch insgesamt sechs Perioden das wichtige Amt eines Hofsteig-Ammanns ausgeübt. Er hatte 1771 die Kellhofer aus der Herrschaft des Grafen von Hohenems freigekauft. Als Wolfurt seine erste Schule bauen mußte, hatte er als Rickenbacher dafür gesorgt, daß sie im Jahre 1778 nicht, wie sonst allgemein üblich, in die Nähe der Kirche, sondern möglichst weit nach Rickenbach an die Grenze zur Hub kam. Nun, da die Bayern die auseinanderstrebenden Dörfer Wolfurt und Rickenbach zu einer Gemeinde Wolfurt vereinigt hatten, war es des ersten Vorstehers Aufgabe, dieses Band zu festigen. Auch Buch und das mit damals 831 Einwohnern viel größere Bildstein mußten ja zusammen die Gemeinde Berg bilden. Während diese zwei sich aber schon nach wenigen Jahren wieder trennten, hielt die Verbindung in Wolfurt trotz mancher 11 10 Seine Frau Barbara Rohner hatte ihm 13 Kinder geboren. Von ihnen stammen die Schützenwirt-Fischer in Spetenlehen, Fischer Adolfs, Ruperts, Ratzers und die Familien Gmeiner-Mathis, aber auch die Lammwirt- und Sternenwirt-Fischer mit ihren vielen Familien. Zu den Nachkommen des ersten Wolfurter Vorstehers zählen auch die Nagler-Kalb im Tobel, Heims in der Bütze und noch einige andere. Bild 8. Haus Gmeiner-Mathis in Spetenlehen. Das Fischer-Stammhaus war ab 1811 das erste Wolfurter Gemeindeamt. 2. Xaver Flatz 1817 Geb. 10.2.1761, gest. 23.12.1843 Im Juni 1817 trat der zweite Wolfurter Vorsteher sein Amt an. Nach zwei Monaten legte er es bereits im August wieder zurück. Die Bürde der Verantwortung war im Hungerjahr 1817 allzu schwer für ihn. Im Sommer 1816 hatte es wegen des anhaltenden Regens keine Weizenernte gegeben, im Herbst fielen auch Kartoffeln und Mais völlig aus. Im Sommer 1817 vernichteten das höchste im Rheintal jemals verzeichnete Hochwasser und ein Hagelwetter abermals die Ernte. Eine ganz schreckliche Hungersnot war die Folge.9 Da berief die Gemeinde in der höchsten Not den 72 Jahre alten ehemaligen Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider an ihre Spitze. Xaver Flatz diente aber noch viele Jahre lang als Gemeindekassier. Zu seiner Zeit gab es in Wolfurt gleich drei Xaver-Flatz-Familien, die alle aus Buch stammten und miteinander nahe verwandt waren. Vorsteher Flatz war an der Kreuzstraße im Dorf geboren worden, besaß zuerst an der Hub das Haus HofSteigstraße 14 (Soalars) und erbaute dann 1818 ein neues Haus, Flotzbachstraße 15 (Ruoschos). Weil seine beiden Kinder früh starben, blieb er auch nach drei Ehen ohne Nachkommen. Die nächsten Verwandten sind die Mohr-Familien, die alle von seiner Schwester Viktoria Flatz abstammen. Schwierigkeiten mit der von Rickenbach so weit entfernten Pfarrkirche seither unverändert. Dazu dürfte neben Vorsteher Fischer - vor seinem Haus in Spetenlehen verläuft nach alter Tradition die Grenze zu Rickenbach - besonders der Einfluß seines Schwagers, des hochangesehenen Schützenmajors Jakob Schertler, beigetragen haben. So lenkte also Vorsteher Fischer Wolfurt durch die kriegerische Bayernzeit. Als Vorarlberg am 7. Juli 1814 zu Österreich zurückgekehrt war, wollte man aber wieder die alte Gerichtsordnung einführen. Am 23. Mai 1816 wählten die Hofsteiger den Schwarzacher Kronenwirt Joh. Georg Haltmeyer zu ihrem allerletzten Ammann. Vergeblich! Kaiser Franz I. ließ die Gemeinden selbständig bestehen. Der gewählte Ammann Haltmeyer in Schwarzach mußte sich mit dem Titel Gemeinderepräsentant zufrieden geben. Noch lange Zeit verwaltete er eine gemeinsame Hofsteiger Kasse und berief jedes Jahr alle sechs Vorsteher zu sich, um mit ihnen neben anderen Problemen die Erhaltung gemeinsamer Brücken, der Ippachstraßen und vor allem der aufwendigen Straße über das Farnach in den Bregenzerwald zu beraten. Vorsteher Fischer erlebte am 4. Juli 1814 den Einzug des neuen Pfarrers Alois Graßmeyer. Dieser war früher Pfarrer von Hörbranz gewesen und dann von den Bayern nach Ingolstadt vebannt worden. Nun kehrte er heim und wurde vom GemeindeAusschuß an der Zollbrücke in Rieden mit Trummel und Pfeifen und fliegenden Fahnen begrüßt. Nach dem Te Deum in der Kirche krachten Böllerschüsse und Salve der Musketen} Es gab also 1814 in Wolfurt schon die Schützen, aber noch keine Blasmusik. Diese entstand erst zwei Jahre später und übte ab 1816 in einem Raum im Gasthof Engel beim Sammer (s Ammanns) Joh. Georg Fischer, einem gleichnamigen Vetter des Vorstehers. Dieser mußte sein Amt wegen einer schweren Erkrankung 1817 abgeben, wenige Monate später starb er, erst 57 Jahre alt, an Lungensucht. 12 3. Mathias Schneider 1817-1821 Geb. 24.2.1745, gest. 20.1.1833 Auf ihn richteten sich im Notjahr 1817 die Hoffnungen der hungernden Wolfurter, denn er war weit über das Dorf hinaus bekannt und allgemein geschätzt. Er stammte aus dem Ammann-Schneider-Geschlecht und besaß ein Haus an der Kirchstraße, dort wo heute Kirchstraße 29 steht. Viele Jahre lang hatte er als Gotteshaus-Ammann die Güter des Klosters Mehrerau bis zu deren Verkauf im Jahre 1807 verwaltet. Maßgebend war er bei der Verteilung der Wälder und des Riedes in Aktion und wurde als Feldmesser auch in die anderen Hofsteiggemeinden geholt. Die Bayern hatten ihm 1806 die Erstellung der Rekrutenlisten und die Vorarbeiten für den Steuerkataster anvertraut. Als Wuhrmeister war er dazu noch für die Dämme an der Ach verantwortlich. 13 Bild 9. Haus Schertler an der Hub. Das 1997 schön renovierte große Rheintalhaus ist eines jener Häuser, die Gotteshaus-Ammann Schneider um 1808 erbaut hat. Hier lebte 100 Jahre später der Vorsteher Lorenz Schertler. Für eine Hochzeit für Sponsalia & Kupelieren und 3mal verkünden Für Versehen durch die ganze Pfarre, für Pfarrer & Meßmer Für jede Heil. Meße, welche bei Besingnißen zu lesen gemacht werden Bei Begräbnißen für Seelgeräth, Begraben und Grab gehen durch 4 Wochen , solle dem H. Pfarrer bezahlt werden und dem Meßmer 2 fl 24 x 15 x 24 x 2 fl 2 x 36 x Nun mußte er sich um die Versorgung der Familien mit Nahrungsmitteln und um die Saat in den Feldern kümmern. Dann organisierte er die Gemeindeverwaltung mit Kassier, Gemeindediener, Schulaufseher, Dorfmeistern, Nachtwächter und anderen Ämtern. Aus seiner Amtszeit sind viele Rechnungsbelege erhalten geblieben, die Aufschluß über die Finanzen der Gemeinde geben. Damals hatte ein Gulden (1 fl) noch 60 Kreuzer (60 x). Ein Taglöhner verdiente pro Tag 30 x, ein Handwerker 40 bis 48 x. Ein Kilogramm Mehl kostete 10 x, ein Liter Milch 4 x. Die Hebamme bekam 50 fl Wartgeld im Jahr. Der Pfarrer erhielt von der Gemeinde jährlich 50 fl Holzgeld, 25 fl 36 x Opferweingeld und 22 fl 30 x Wachsgeld. Dem Vorsteher selbst wurde ein Jahresgehalt von 51 fl ausbezahlt, dazu aber noch Dieethen anläßlich der vielen Gänge zum Landgericht nach Bregenz. In der kleinen Schule an der Hofsteigstraße unterrichteten zwei Lehrer in zwei Stuben fast 200 Kinder. Für die Unterweisung seiner 94 Schüler in der zweiten Klasse erhielt Oberlehrer J. Gg. Müller 1818 ein Jahresgehalt von 121 fl. Unterlehrer Rochus Sohn bekam für 96 Schüler in der ersten Klasse nur 71 fl. Kein Wunder, daß er bei der ersten Gelegenheit kündigte und eine Stelle als Gerichtsdiener in Bregenz annahm! In einer gemeinsamen Sitzung mit Representant J. Gg. Haltmeyer, Vorsteher Jakob Flatz von Schwarzach und einigen Deputierten wurden in der Behausung des Pfarrers Aloys Graßmeyer 1818 die Stohlgebühren festgelegt, die dem Pfarrer zustanden. Einige davon waren: Für Taufen eines Kindes dem Pfarrer & Meßmer 36 x 6x detto für Aussegnung einer Kindbetterin Pfarrer & Meßmer 14 Im Jahre 1819 schickte Vorsteher Schneider eine Zählung an das Landgericht. Darin wies er ganz genau 194 Häuser mit 7705 Seelen aus. Bei den Tieren zählte er 75 Pferde, 245 Kühe und 10 Ziegen, keine Ochsen, keine Schafe, keine Schweine! Also im Durchschnitt fast 6 Personen in jedem Haus und meist nur eine Kuh! Auch nachdem er nach vier Vorsteherjahren 1821 zurückgetreten war, half Schneider den Nachfolgern noch häufig beim Schriftverkehr mit den Behörden und führte die Steuerbücher. Seine Erinnerungen hielt er in einem großen Notizbuch Märckwürdige Begebenheiten fest, das uns als wertvolles Zeitdokument überliefert geblieben ist.10 Ganz außergewöhnlich ist die Bemerkung, die Pfarrer Barraga über ihn nach seinem Tod im Jahr 1833 in ein Pfarrbuch schrieb: Er war klug, verständig, geschickt und fromm!" Mathias Schneider war zweimal verheiratet und hatte 18 Kinder. Für sie baute er drei damals besonders große und schöne Häuser: Rädlers (Kellhofstr. 6), Schertlers (Flotzbachstr. 11) und den Hirschen (Kirchstr. 31). Außerdem kaufte er für seinen Sohn Lorenz das Sammüllerhaus (Kellhofstr. 5). Heute leben in Wolfurt noch zahlreiche Schneider-Nachkommen12, den Namen Schneider tragen aber nur mehr die vielen ausgewanderten Kindeskinder in Amerika und in Augsburg. In Saskatchawan, Kanada, ist 1997 über diese Schneider aus Wolfurt und ihre Herkunft ein Buch erschienen.13 4/1 Leonhard Fink 1821-1824 Geb. 5.2.1777, gest. 21.4.1860 Als Schneiders Nachfolger wurde im April 1821 mit Leonhard Fink wieder ein Rickenbacher gewählt. Er stammte vom Sulzberg und hatte 1818 die Adlerwirtin Katharina Haltmayer als deren dritter Ehemann geheiratet. Schon ihr zweiter Mann, der Lehrer Johann Zumtobel aus Dornbirn, hatte als Adlerwirt die Rickenbacher im Gemeinderat vertreten. Sofort nach der Hochzeit war auch Fink Gemeinderat und nach drei Jahren nun Vorsteher geworden. Unter die vielen Aufgaben, die er zu lösen hatte, fallen die Auseinandersetzungen mit der Gemeinde Schwarzach, das damals eine eigene Pfarrei errichten wollte. Und Pfarrer Thomas Geiger von Bildstein wollte die jährlichen Stolgebühren des Habers, des Weihnachts Kreuzers und der 2 Pfingstpfennige auch nicht mehr an die Kirche Wolfurt zahlen, wie es seine Vorgänger seit der Pfarrwerdung 1790 immer brav getan hatten. 15 Bild 10. Der Adler in Rickenbach. Mehrmals waren Adlerwirte auch Gemeindevorsteher. Dann richteten sie hier auch das Gemeindeamt ein. Umgekehrt zahlte Vorsteher Fink immer noch jedes Jahr 3 fl 20 x, die Zehdengarben, an den Pfarrmeßner von St. Gallus in Bregenz, wie es schon 1512 (!) ausgemacht worden war. Alle Ausgaben für Reparaturen an Kirche und Pfarrhof trug damals noch die Gemeinde. Aus Sulzberg hatte Vorsteher Fink 1822 seine betagten Eltern nach Wolfurt geholt, wo sie nahe der Kirche auf dem Bühel (Oberfeldgasse 3) bei ihrer Tochter Katharina Flatz wohnten. Hier hat wohl Vater Joh. Georg Fink seine Sulzberger Chronik fertiggestellt, über die Kreishauptmann Ebner berichtet14. Vater Fink ist dann ganz plötzlich am 27. Juli 1823 bei einem Sturz über die Kammerstiege im Adler gestorben15. verschwägert sein durften. Empfohlen wurden als Revisoren Gegner des Vorstehers oder ein Alt-Vorsteher16. Bei der Wahl Vonachs war wieder die Macht des Geldes und einer mächtigen Verwandtschaft zum Tragen gekommen. Er stammte aus der Flötzer-Vonach Familie an der Ach, die mit den Ammann-Sippen der Fischer und der Schneider mehrfach verschwägert war. Sein Vater Anton Vonach hatte die reiche Witwe Franziska Rohner geheiratet und war dadurch Wirt im großen Gasthof des Ammanns Jerg Rohner (Kreuzstraße 1, abgebrannt 1869) geworden. Hier war nun Andreas Vonach mit 2 Pferden und 5 Kühen'7 der weitaus größte Bauer im Dorf. Zu seinem Hof gehörte auch seit 1731 der Kleine Brunnen als zweiter Dorfbrunnen. Nur elf Monate blieb Vonach bis zum Dezember 1824 im Amt. Mag sein, daß ihm der Vorsteher-Gehalt von 51 fl samt den Extra Dieethen von 29 fl, deren Empfang er am 11.12.1824 bestätigte, Mühe und Ärger des Amtes nicht aufwogen. In seine Amtszeit fällt ein hoher Besuch in Bregenz. Am 6. Juli 1824 rückten die Wolfurter Schützen zur Paradierung bei S. K. K. Hocheit Prinzen von Österreich aus. Es handelte sich um Erzherzog Franz Karl, den Vater des späteren Kaisers Franz Joseph I: Für diesen Ausmarsch zog der Schützenhauptmann Andreas Klocker bei der Gemeinde 44 fl ein. Auch die Mußigkanten von Wolfurt erhielten 24 fl 24 x. Also Schützen und Musikanten schon damals gemeinsam! Von Vorsteher Vonachs elf Kindern stammen die Flötzer-Vonach im Frickenesch und die Tobler-Schwerzler, aber auch die Ölz in Dornbirn und die Tizian in Bregenz. 6. Bernhard Bildstein 1824-1829 Geb. 20.4.1785, gest. 24.11.1840 Auf den reichen Vorsteher Vonach folgte mit Bernhard Bildstein wieder ein Dörfler. Er war das elfte von 13 Kindern des einzigen Wolfurter Krämers Crispin Bildstein in Hanso Hus neben der Kirchenstiege am Dorfplatz. 1806 hatte er Magdalena Dörler aus Hard geheiratet und mit ihr sein neues großes Haus in der Bütze bezogen (Schellings, Bützestraße 15). Gute Zeiten waren in das Land eingezogen, Krieg und Hungersnot überwunden. In fast jedem Haus klapperte ein Webstuhl. Man wob seit ein paar Jahren kaum mehr Leinen aus selbst angebautem Flachs. Aus der Schweiz brachten jetzt Fergger die aus Amerika eingeführte Baumwolle. In Lohnarbeit fertigten die Weber daraus feine Tücher, vor allem die zarten und kostbaren Musselin-Stoffe. Reich wurden davon allerdings nur die Fergger, etwa die Blattmacher-Schneider, die Fabrikanten-Gmeiner und die Haltmayer-Wirte in Rickenbach. Aber auch das Handwerk hatte jetzt goldenen Boden. In rascher Folge wurden Röhle, Ach und Bütze besiedelt. Auch Rickenbach wuchs bis in den Schlatt-Sumpf hinaus. In drei großen Ziegeleien an der Ach brannten die Schertler, die Dür und die Klocker den im Flotzbach gegrabenen Lehm zu Ziegeln und die im Bett der Ach gesammelten 17 5. Andreas Vonach 1824 Geb. 29.11.1777, gest. 1.7.1850 Im Jänner 1824 übergab Vorsteher Fink die Gemeindeakten mit einer genauen Aufstellung an seinen Nachfolger Vonach. Dieser war nach der neuen österreichischen Gemeindeordnung gewählt worden, die alle drei Jahre Neuwahlen vorsah. In Landgemeinden mußte jeder stimmfähige Bürger Mann für Mann persönlich seine Stimme für die Vorsteher- und für die Gemeindedienerwahl abgeben. Nur in den Städten war ausnahmsweise eine doppelte Wahl erlaubt. Hier wurden zuerst Wahlmänner und dann durch diese der Vorsteher gewählt. Mit dem Vorsteher bildeten die zwei nächstgereihten Gemeinderäte und der Gemeindediener den Gemeindeausschuß. Ein Gemeindekassier zog alle Gemeindegelder ein und bezahlte die Rechnungen. Dem Vorsteher war das ausdrücklich verboten. Die Gemeinderechnungen mußten von gewählten Revisoren überprüft werden, die zum Vorsteher weder verwandt noch 16 Steine zu Kalk. Zahlreiche Fuhren von Wolfurter Ziegeln gingen in die Schweiz und über den See und brachten viel Geld ein. Im Jahre 1826 spendierte Vorsteher Bildstein den Bregenzer Kapuzinern 700 Wolfurter Ziegel für ihr Klosterdach. Zwischen der unteren Straße und der Lauteracher Kirche dehnte sich aber immer noch ein riesiges Getreidefeld aus. Noch war die Ernte von Dinkel und Hafer die Grundlage der Ernährung. Der Anbau von Bodobiora nahm aber zu und allmählich verdrängte auch das Türggo-Mehl beim täglichen Stopfar und beim Hafoloab das Dinkelmehl.18 Über Anordnung des Landgerichts schaffte die Gemeinde am 18. Juli 1825 für 1 fl ein sehr gut gestochenes Siegel an, das seither die Akten zierte. Ein altes Siegel war aber auch noch vorhanden. Im Herbst 1826 grassierte die Angst vor der Tollwut. Der Vorsteher mußte den Bregenzer Waasenmeister rufen. Dieser erschoß an vier aufeinander folgenden Tagen 37 der Wuth verdächtige Katzen und zog dafür außer dem Taglohn von je 40 x auch noch 4 x für jeden Schuß ein. In den nächsten Tagen mußte er alle frey herumlaufenden Hunde erschlagen. Auch der Wolfurter Jäger Lorenz Klocker verrechnete für ein Pfund Pulver 48 x, für zwei Pfund Schrot 32 x, dazu drei Taglöhne zu je 40 x, zusammen also 3 fl 20 x. Am 2. September 1828 zog der neue Pfarrer Franz de Barraga ein. Dessen missionarische Bestrebungen führten schnell zu argen Differenzen mit der Gemeinde. Eigenmächtig und gegen den Willen des Vorstehers ordnete er für den Winter 1828/29 die Erstellung einer dritten Klasse in der Scheune des alten Schulhauses an. Die Gemeinde sollte dafür bezahlen. Mit Hilfe des Landgerichts setzte der Pfarrer seine berechtigte Forderung durch. Bereits seit 1806 galt in Österreich nämlich 80 als höchste zulässige Schülerzahl, die nur in Ausnahmsfällen überschritten werden durfte. Wolfurt hätte längst eine zusätzliche Klasse gebraucht. Die dritte Klasse blieb bestehen und machte natürlich ab jetzt auch die Besoldung eines weiteren Unterlehrers notwendig. Als der Pfarrer gar scharf gegen die Wirtshäuser predigte, setzte ihm der Vorsteher das Opferweingeld auf die Hälfte herab. Bald danach trat er aber zurück. Im Jänner 1829 wurde mit Joh. Martin Schertler ein neuer Vorsteher gewählt. Dieser suchte zwischen dem Pfarrer und dem Alt-Vorsteher zu vermitteln. Es kam zu einer Aussprache, allwo der Pfarrer davon geloffen. Am 19. Jänner 1829 übergab Bildstein das Amtsinventar an Schertler. Da wurden in der Bütze Bücher und Kisten aus der Stube auf einen Wagen geladen und zu Schertlers Stube in Unterlinden geführt, die ab jetzt als Kanzlei dienen mußte. Das Protokoll ist erhalten geblieben.19 Es umfaßt in 67 Punkten Hunderte von Aufträgen, Cirkularen, Gmeinds Rechnungen, Kapital Briefe, Weisen-Bücher, Steur & andere Bücher, aber auch ein harthölzerner Komothkasten samt schreibpolt mit zwey kleinen & sechs grosen Schubladen Bild 11: Strohdorf und Hub auf der Negrelli-Karte von 1826. 1. Gasthof Sternen 2. Erste Volksschule 3. Platz des heutigen Rathauses 4. Platz der heutigen Hauptschule, damals ein Getreideacker. eine Mit Eisen beschlagene Kisten in welcher zehen & drei alte Bücher sind zwey Gmeinds Singnet (Siegel) ein Müntzsorten Verzeichniß ein Messerner (aus Messing) Einsatz mit Wiener gewicht ein & ein halben Bayerischen Metzen (Getreidemaß) mit Eisen beschlagen ein & ein halb Bayerische Maaß aus Sturz (aus Weißblech). Demnach fühlte sich der Vorsteher immer noch, wie einst im Mittelalter, auch für die in der Gemeinde von Kaufleuten und Wirten verwendeten Maße, Gewichte und Geldsorten verantwortlich. Bildstein zog sich weitgehend aus der Gemeindepolitik zurück. Ein Jahr vor seinem Tod erbaute er 1839 noch für seinen Sohn Franz das schöne Haus Bützestraße 10 (Königs). Franz Bildstein verkaufte es aber bereits 1853 an Martin Dür, den Vater der später hier geborenen ersten Autofahrerin Düro Franzele. Bildstein wanderte nach Amerika aus und baute in der Nähe von New Ulm in Minnesota eine große Farm auf.20 Die Kinder von Vorsteher Bildsteins Tochter Magdalena übersiedelten nach Weiler und verkauften das Elternhaus (Schellings) ebenfalls. 18 19 7/1 Joh. Martin Schertler 1829-1832 Geb. 6.2.1793, gest. 18.6.1856 In der großen Familie des weit über Wolfurt hinaus geschätzten Schützenmajors Jakob Schertler und seiner zweiten Frau Maria Anna Fischer, einer Schwester des ersten Wolfurter Vorstehers, waren in der Schar der 14 Kinder zwei besonders tüchtige Söhne herangewachsen. Josef Anton Schertler (1791-1867) erhielt schon 1825 die verantwortungsvollen Aufgaben eines Gemeindekassiers übertragen. Der Ziegelfabrikant wurde der Begründer der großen Sippe der Röhle-Schertler, zu denen auch die Säge-Schertler in Kennelbach, die Sonnenwirt-Schertler in Schwarzach und die Kalkwerk-Rädler vom Wälderhof zählen. Den jüngeren Bruder Joh. Martin Schertler wählten die Wolfurter 1829, als es Probleme mit Pfarrer Barraga gab, zu ihrem Vorsteher. Schertler suchte nach allen Seiten zu vermitteln. Seine Arbeit fand bei den vorgesetzten Behörden Anerkennung. Den Streit um den Standort der geplanten Kirche vermochte er aber nicht zu schlichten. Dazu trug wohl bei, daß mit dem Maler Ferdinand Schneider (Kirchstraße) und dem Fergger und Blattmacher Jakob Schneider (Kellhofstraße) zwei Dörfler die AusschußPlätze als Gemeinderäte besetzten und Rickenbach dort gar nicht vertreten war. Schertler mußte also jetzt die Volksschule dreiklassig führen. Er stellte als Lehrer Gebhard Höfle, Jakob Müller und Ferdinand Stülz an. Zu den großen Kosten zählte damals noch die Erhaltung der Farnacher Straße in den Bregenzerwald. 30 bis 50 Gulden waren jedes Jahr zu bezahlen. Standesrepräsentant Haltmeyer verrechnete die Kosten ganz genau. So traf es z. B. 1831 auf Wolfurt 46 fl 46 1/2 x. Halbe Kreuzer! Um das Jahr 1830 begann man unter Anleitung von Kreisingenieurs-Adjunkt Alois Negrelli mit der Erstellung eines zweiten Dammes im Staudenvorland an der Ach. Innerhalb der heutigen Dammstraße konnte dadurch wertvoller Boden gewonnen werden. Der Kirchenstreit - darüber berichtet ein eigener Beitrag - führte im Jahre 1832 zum Umsturz in der Gemeinde. Ein Rickenbacher wurde Vorsteher. Das Landgericht setzte aber Alt-Vorsteher Schertler als Leiter des Kirchenbaus ein. So gut machte er seine Sache, daß ihn Ingenieur Kink im Kollaudierungsprotokoll von 1835 lobte: ... daß man diese entsprechende Bauausführung... der ununterbrochenen Wachsamkeit und sorgfältigen Nachsichtspflege des Bauaufsehers Schädler und des Inspizienten Matt zu verdanken hat... Aber Schertlers große Zeit als Vorsteher folgte erst später in seiner zweiten Periode ab 1840. 4/2 Leonhard Fink 1832-1840 Geb. 5.2.1777, gest. 21.4.1860 In ganz schwieriger Situation übernahm also der Rickenbacher Adlerwirt, der schon 1821-1824 Vorsteher gewesen war, noch einmal dieses Amt. Ganz sicher hatten seine kämpferisch vorgetragenen Argumente für einen anderen Kirchenstandort ihre Berechtigung. Die neue Kirche sollte in der Mitte der langgezogenen Gemeinde stehen. Sie würde ideal zu dem schon 50 Jahre früher dort erstellten Schulhaus passen. Die Rickenbacher Kinder sollten nicht wie Stiefkinder behandelt werden, die auch bei rauher und kalter Witterung einen gar weiten Weg auf sich nehmen müssen. Täglicher Meßbesuch vor Beginn des Unterrichts war ja damals Pflicht. Als sich aber schließlich die Behörden doch für den alten Standort entschieden, mußte Vorsteher Fink die Finanzierung übernehmen und den ungeliebten Kirchenbau organisieren. Weitere Aufgaben warteten. Eine der größten war die Bekämpfung der Schadensfeuer, die so oft die durch offene Herdstellen gefährdeten alten Holzhäuser vernichteten. Schon 1834 verlangte das Landgericht die Anschaffung einer fahrbaren Feuerspritze. Die Gemeinde wehrte sich vorerst mit Hinweis auf die Kirchenbaukosten und die noch fehlenden drei Altäre. Schließlich ließ sie aber doch durch den 1835 zugewanderten Drechsler und Mechaniker Carl Zuppinger eine Spritze anfertigen. Nach deren Überprüfung durch das Kreisamt bezahlte die Gemeinde im Juli 1838 die verlangten 750 Gulden. Noch im gleichen Jahr erließ der Vorsteher eine umfangreiche Feuerordnung21. Danach sollten im Brandfall jeweils der Vorsteher, die beiden Ausschüsse oder die gewählten Dorfmeister die Leitung der Löscharbeiten übernehmen und schleunigst die notwendigen Anordnungen treffen. Neben Alt-Vorsteher Schertler wurden etliche Schmiede und Schlosser zu Maschinisten der neuen Fahrfeuerspritze bestimmt, die sie von Hand an den Brandplatz ziehen sollten. Falls man die Spritze mit Pferden in andere Ortschaften ausführte, hatte Schertler dafür zu sorgen, daß das Gefährt nicht durch aufsitzende Männer überladen wurde. Bei einem Auswertigen Brandlermen soll dem ersten Paar Pferdt für ihren Eifer und Thätigkeit 2 fl 42 x, und dem anderen Paar 2fl, und dem 3ten Paar 1 fl zum Voraus vergütet werden. Das dritte Paar mußte Feuerhaken und Feuerleitern nachführen. Von den zwei alten Tragspritzen wurde die eine dem Schmied Lorenz Dür im Röhle anvertraut, die andere dem Schmied Joseph Böhler in Spetenlehen. Eine Reihe von Nachbarn wurden zur Bedienung bestimmt. Der Meßmer wurde verpflichtet, bei Ausbrechenden Feuersbrünsten Lermen zu leuthen. Den Brunnenmeistern im Dorf und in Rickenbach wurde aufgetragen, ihre Feuerweyer und Feuerbronnen in guter Ordnung zu halten. Außerdem waren der Müller im Holz, 21 20 Zuppinger zur Linden (Draiars Weiher) und der Müller zu Rickenbach verhalten, ihre Weyer auf der Stelle loos zu lassen. Bei sechs Wasserfallen konnten die Dorfbäche für die Feuerspritzen aufgestaut werden. Zur Sicherheitswacht wurden in Wolfurt (d. i. das Kirchdorf), in der Mitte im Dorf (Strohdorf) und in Rickenbach je zwei Männer bestellt. Andere hatten für die geflüchteten Wahren zu sorgen. Weitere 16 Männer, meist Holzer und Flötzer, wurden zu Zabinnen u. Flozer Haken bestimmt. Schließlich wurden mit Lorenz Schneider zu Wolfurt (Sammüllers) und Joh. Georg Reiner zu Steig bei Rickenbach noch zwei Feuerreiter aufgestellt, die Alarm zu schlagen und Meldungen zu überbringen hatten. Alle übrigen wurden verpflichtet, ihre Feuerkübel oder auch andere Schöpfgeschiere mit sich zu nehmen und sich am Brandplatz zur Verfügung zu stellen. Diese Feuerordnung wurde am 10. Dezember 1838 dem Landgericht zu Kenntnis gebracht. Über 50 Jahre lang hatte sie Gültigkeit, bis im Dezember 1889 durch die Gemeinde eine Freiwillige Feuerwehr gegründet wurde. Eine ganz entscheidende Veränderung im Erwerbsleben der Wolfurter Gemeindebürger fällt ebenfalls in Finks Vorsteherzeit. Im Jahre 1836 hatten die Harder Textilfabrikanten Jenny und Schindler in Wolfurt angeklopft. Sie wollten die Wasserkraft der Bregenzerach für eine große Spinnerei-Fabrik nützen. Die Wolfurter lehnten glatt ab. In Fabriken sahen sie eine große Gefahr für die Hausweberei, die damals unter dem Konkurrenzdruck schon arg angeschlagen war. Da bauten Jenny und Schindler 1837 einfach drüben in Kennelbach, wo es allerdings an Arbeitskräften mangelte. Kennelbach war ja damals eine Parzelle der Gemeinde Rieden. Es hatte nur 156 Einwohner, acht mal weniger als Wolfurt. Arbeitslose Weber mußten nun froh sein, jenseits der Ach für einen Arbeitstag von 13 (!) Stunden wenigstens 30 Kreuzer zu verdienen. Auch Schulkinder wurden während der langen Ferienzeit in der Fabrik angestellt. Als Aufstecker erhielten sie allerdings nur 12 Kreuzer pro Tag. Dafür konnte man gerade ein Kilogramm Mehl und einen halben Liter Milch kaufen. Als bei der nächtlichen Heimfahrt von der Arbeit am 24. April 1839 das mit 30 Personen überfüllte Fährschiff kenterte, ertranken zwei Jungfrauen und fünf Kinder. Der jüngste war der 7jährige Franz Xaver Geiger von der Kreuzstraße im Kirchdorf. Mit 7 Jahren nachts auf dem Heimweg von der Fabrik! Am anderen Morgen um 5 Uhr hätte er dort drüben wieder anfangen müssen! - Noch im gleichen Jahre bauten die Fabrikanten einen Holzsteg über die Ach. Im Jahre 1839 ließ Vorsteher Fink mehrere Bauten ausführen. Im Schulhaus wurde der Schopf untermauert, um Platz für die Fahrspritze zu schaffen. Dazu wurde ein Gestell zum Aufhängen der Schläuche errichtet. Gleichzeitig wurde der Pfarrhof für den schon 1836 eingezogenen Pfarrer Josef An22 Bild 12: Fabrik Kennelbach und Fabriksbrücke. Der hölzerne Steg wurde erstmals 1910 und dann endgültig 1932 weggerissen. ton Hiller renoviert. In die Pfarrküche wurde sogar - wohl erstmalig in Wolfurt! - ein Kuchelferger, ein Wasserabgießbecken aus Stein, eingemauert. Zum neuen Pfarrer hatte Vorsteher Fink ein ausgezeichnetes Verhältnis. Am 24. Jänner 1839 stiftete die Gemeinde unter seiner Vorstehung eine Kaplanei. Pfarrer, Vorsteher und die beiden Ausschüsse sammelten von Haus zu Haus das notwendige Kapital. Noch im gleichen Jahr begann die Gemeinde mit dem Bau des Kaplanhauses, in welches als erster im April 1840 Kaplan Gebhard Gorbach aus Bregenz einzog.22 Ab jetzt gab es zwei Sonntagsmessen. In allen kirchlichen Belangen und beim Religionsunterricht in der Schule konnte der Pfarrer seine Arbeit mit dem Kaplan teilen. Fast 150 Jahre lang! Bis im Jahre 1985 der letzte Kaplan German Amann Pfarrer wurde und die Kaplanstelle wegen des Priestermangels nicht mehr nachbesetzt werden konnte. Gemeinsam mit Pfarrer Hiller führte Vorsteher Fink 1839 wieder einmal eine Volkszählung durch: 230 Häuser, 236 Familien, 1311 Familienmitglieder und 21 Dienstboten. Zusammen 1332 Einwohner, 621 männlich, 711 weiblich. 16 sind Fremde aus Österreich, 14 weitere aus dem Ausland. Nach insgesamt elf Jahren gab Leonhard Fink 1840 das Vorsteheramt ab, doch blieb er der Gemeinde noch viele Jahre in verschiedenen Aufgaben verbunden. Den Adler übernahm 1844 Josef Anton Fischer, Sammers aus dem Engel, der Finks Stieftochter Katharina Zumtobel geheiratet hatte. Sie begründeten die Sippe Altadlerwirt-Fischer, die bald wieder einen Vorsteher stellen sollte. Alt-Vorsteher Fink starb ohne eigene Nachkommen als 83jähriger 1860. 23 7/2 Joh. Martin Schertler 1840-1856 Geb. 6.2.1793, gest. 18.6.1856 Als Vorsteher hatte Schertler 1832 wegen des Kirchenstreites dem Adlerwirt weichen müssen, aber schon bald stand er wieder an dessen Seite im Ausschuß. Bei wichtigen Beschlüssen wie Feuerordnung oder Kaplaneistiftung wirkte er entscheidend mit. Nun wurde er im Mai 1840 selbst wieder zum Vorsteher gewählt und am 17. Mai 1840 beim Landgericht in Bregenz vereidigt. Zudem übernahm er die Leitung der Blasmusik als Nachfolger von Steinhauer Andreas Rohner, der sie seit ihrer Gründung dirigiert hatte. Als am 29. Mai 1841 die Ganze Mußickgesellschaft bei der Ankunft das Gouverneurs Klemenz gespielt hatte, holte Kapellmeister Schertler dafür beim Gemeindekassier 24 Gulden ab. Der Pfarrhof erhielt 1841 endlich einen Brunnen. Der Maurer Gebhard Dür mauerte die Brunnenstube und Josef Anton Lenz lieferte die Täüchel, jedes der hölzernen Rohre für 34 x. Im November 1842 rechnete der Maler Kolumban Schneider ab:... im Monathe August 1842 Die Häuser im ganzen Dorf numeriert - die Nr für 4 x beträgt für 252 Häuser 16 fl 48 x. So stark hatte die Häuserzahl zuletzt zugenommen, daß man sich 1842 zu einer neuen Durchnumerierung der Häuser veranlaßt sah. Kolumban Schneiders Großvater Anton Schneider hatte 1784 die ersten 155 Nummern (A) aufgemalt. Bei den Bayern waren es 1807 schon 183 gewesen (B). Nun also 252 Hausnummern (C) von der Höll bis zum Schlatt. Sie sollten bis zum Jahre 1900 halten, als bei der vierten Numerierung Putzers Haus im Schlatt mit 290 die höchste Nummer (D) erhielt. Für jedes Haus bezahlte die Gemeinde seit langer Zeit jedes Jahr an die Stadt Bregenz pauschal je 15 x Zoll für die Benützung der Achbrücke in Lauterach. Schwerer lasteten die großen Kosten für die 1838 eröffnete neue Wälderstraße durch das Schwarzachtobel auf der Gemeindekasse, bis auch dort Zoll eingehoben werden durfte. Der Jahresgehalt des Vorstehers wurde erstmals 1845 auf 75 Gulden erhöht, weil die Einwohnerzahl auf über 1500 gestiegen war. Der Kammacher (Kampler) Josef Mohr, der Ururgroßvater unseres derzeitigen Bürgermeisters Erwin Mohr, erhielt als Gemeindediener jetzt 60 Gulden. Dagegen bekam der Lehrgehülf Jakob Müller, nun 43 Jahre alt und bereits seit 25 Jahren als Unterlehrer an der Volksschule im Dienst, am 6. Mai 1848 für den abgelaufenen Winterkurs nur 41 Gulden. Nur mit Nebenverdiensten konnte er sein Hungerleiderleben fristen. So bezog er etwa am 6. Hornung 1848 sechs Gulden für gelieferte Buschein zur Beheizung des Schulzimmers. Das war der ortsübliche Preis für 300 Buschein. Auch der Vorsteher selbst lieferte noch im gleichen Jahr 100 weitere Buschein für zwei Gulden an die Schule. Meist wurde dort aber mit Torf geheizt. Ganze sechs Gulden gab der Kassier aus für gegrabene gederte23 und aufgeladene Schollen zum Heizen der Schulöffen, 9 fuder a 40 x. Wie muß es wohl in den überfüllten Schulstuben geduftet haben, wenn auch noch ein Torffeuer mottete! In diesen Jahren war bittere Not im Dorf eingekehrt. Es gab kaum Arbeit und kaum mehr ein geregeltes Einkommen. Der Vorsteher war laufend mit Schätzungen und Pfändungen durch das Landgericht und durch die Advokaten beschäftigt. Aus nichtigen Anlässen wurden Möbel, Kleider, Arbeitsgeräte, aber auch Grundstücke und ganze Häuser versteigert. Seit dem Revolutionsjahr 1848 - in Wien hatte auch der Wolfurter Kunststudent Gebhard Schneider am Studentenaufruhr teilgenommen - lastete ein fast unerträglicher Behördendruck auf den einfachen Leuten. Nicht zu Unrecht fürchteten junge Burschen die Einberufung in einen der blutigen Kriege, die die Monarchie von allen Seiten bedrohten. Als erste flüchteten 1851 Ferdinand Heim vom Oberfeld und Franz Xaver Schneider aus Rickenbach nach Amerika. Ihre Briefe lösten eine gewaltige Auswanderungswelle aus.24 In den folgenden 20 Jahren bis 1872 suchten 200 Wolfurter ein neues Glück in den USA. Das waren 13 % der 1500 Einwohner. Manche brachten es im Wilden Westen zu Grund und Wohlstand. Viel mehr blieben verschollen. Nur ein einziges Mal hatte es Vorsteher Schertler mit Rückwanderern zu tun. In einer auf den 23. Februar 1854 eigens einberufenen Sitzung nahm er den ehemaligen Blattmacher Jakob Schneider mit seiner unglücklichen Frau Juditha, beides Nachkommen des reichen Vorstehers Mathias Schneider, wieder als Gemeindebürger in Wolfurt auf25. Allerdings mußten sie das übliche Einbürgerungsgeld bezahlen. Einbürgerungsgeld und Weibertaxe hatte es nach dem Hofsteigischen Landsbrauch zur Verhütung von Überfremdung schon seit dem Mittelalter gegeben. Mit Beschluß vom 29. Juni 1852 formulierte die Gemeindevertretung beides neu26: 1. Solte sich ein Gemeindsangehöriger um die Heurathsbewilligung ansuchen, u. mit einer fremden Weibsperson verehelichen wollen, so wurde vom Ausschuß festgesetz, daß eine solche fremde Weibsperson sich mit einem Gerichtlich Bestättigten Vermögen per 400 fl Sage in Worten Vier Hundert Gulden Rw. ausweise u. nöthigen fals dafür Bürgschaft zu leisten, bevor sie in der Gemeinde angenommen wird. 2. Nach dem früheren Gemeindebeschluß, Soll eine fremde Mannsperson, der sich in die hießige Gemeinde verehelichen oder ansäßig machen will, so hat derselbe an die Gemeinde, oder an den hiesigen Lokallarmenfond 50 fl Sage fünzig Gulden zu bezahlen. 3. Des gleich auch, wen eine Fremde Weibsperson, wen sie als Gemeindsbürgerin aufgenomen wird, Zwanzig u. fünf Gulden Rw. an den hiesigen Lokalarmenfond zu bezahlen, bevor ihr die aufnahm als Gemeindsbürgerin aufgenommen wird. (Die vielen Rechtschreibfehler möge der Leser dem Gemeindeschreiber in Anbtracht der damals sehr mangelhaften Schule nachsehen!) In den Jahren 1849 und 1850 hatte der junge Kaiser Franz Joseph zur Unterdrückung aller etwaigen liberalen Regungen ein ganzes Armeekorps mit 6000 Mann nach Vorarlberg verlegen lassen. Obwohl die Not dieser Zeit durch die Einquartierung der vielen meist fremdsprachigen Truppen noch gesteigert wurde, begann man ab dem Jahre 1850 den Fasnat-Zistag 21 jeweils mit Theater und Umzug zu feiern. Tragisch 25 24 mutet uns heute an, daß dabei die Armut der Weber noch zur Zielscheibe derben Spottes gemacht wurde. Daß es in der Fasnat auch zu Differenzen mit den fremden Soldaten, ja sogar zu Tätlichkeiten gegen den Vorsteher kam, erfahren wir aus den Lebenserinnerungen des Chronisten Ferdinand Schneider28: Von den Fastnacht-Spiele erstes im Jahr 1850. Das erste das ich gesehen habe wurde gespielt „Hans im Glück". Wehinger Mechaniker war Hans im Glück mit einem gewaltigen Goldklumpen, brachte es mit Handeln und Schachern zu einem schleiffer Karren, der ihm noch da er Waßer trinken wollte am Brunnen im Schwanen hineinfiel; dann war noch ein Leinenweber auf einem Wagen mit vielen Kindern sehr arm, es war fulgo Berüthers Hannesle der das das Geschäft gut versteht, dann ein Gerichtsschreiber der dem armen Weber alles zur Versteigerung aufgeschrieben hat, seine Frau & Kinder bettelten es war eine lustige Cumödi. auch hatte man eine ausgestopfte Kuh auf einem Wagen sehr intreßant, wieder auf einem andern Wagen eine Weiber Mühle, wo man alte Weiber jung gemahlen hatte, es war zum tod lachen wann man so eine alte Schachtel durch die Mühle lies und dann so eine schöne Jungfrau herausnahm Dann wieder auf einem andern Wagen eine Räuberhöhle, der Glaser auf dem Büchel war Hundsattler oder Räuber-Hauptmann, dieser wurde hingerichtet. Jos. Klocker Glaser war Scharfrichter, bei Naglertonis Haus war der Galgen aufgestellt (Die alte Nagelschmiede des Anton Kalb stand an dem Platz, wo erst später 1860 der neue Schwanen gebaut wurde). Die Räuber haben das schönste Leben, in den meisten Häusern hat mann Ihnen Schnaps, Most, Fleisch und Gugelhupf zum Stehlen hergerichtet, die noch tagelang zu Eßen und Trinken gehabt haben, ein Feldpater war auch dabei der Guldenschuh, auch ein Polizist war der horig Schuhmacher auf Steig. Dann die Musik per Wagen alle nobel Kostumirt, viele in Weibertracht mit Ohrenglonker, auch war Militär dabei beim Spiel. leider war der Ausgang dieses Spieles ein sehr trauriger, es war viel Militär in Wolfurt und Umgebung, da gab es eine furchtbare Streitigkeit mit dem Militär, das sogar Herr Vorsteher Martin Schertler alt, eine tüchtige Orfeige bekam, wann nicht ein Offizier sogleich Alarm schlagen ließe, so hätte es furchtbare Metzlerei gegeben, dem Scharfrichter haben die Soldaten den Säbel abgebrochen und dem Höfle an der Hub, mußten sich mit halben Kleidern flüchten, die Händel gingen im Rößle an. schuld war Schädlers Hannes & Schürpf Franz Anton, es sprang alles auseinander das Spiel wurde nicht zu Ende gebracht, ich war 9 Jahre alt, sprang wie ein Reh nach Hause hinter den Ofen, abends kam noch die Garnison von Bildstein herab und umringten das Gasthaus zum Adler, ist aber nichts mehr vorgefallen in Rickenbach. Um nicht zu vergeßen war noch eine Warme Küche auf einem Wagen wo Meschachers Hannesle die feinsten Trester Würste29 für die feinsten Schüblinge ausgab aber dafür kein Geld nahm. 26 Mit einiger Bitterkeit schied Vorsteher Schertler aus dem Amt. Er sei nur der Partei zulieb so lange geblieben, schrieb er auf eine seiner letzten Abrechnungen. Welcher Partei? Gab es denn jetzt Parteien? Die Staatspolitik hatte sich nach der Revolution von 1848 wieder verändert. Mehr denn je war sie im neuen Absolutismus durch Beamte und Militär beherrscht. Im Konkordat von 1855 überließ der Staat die Ehegesetzgebung und die Aufsicht über die Schule fast zur Gänze der Kirche. Dagegen wehrten sich auch im Lande Vorarlberg viele Leute. Es bildeten sich Interessengruppen. Die Liberalen, angeführt von dem Fabrikanten Carl Ganahl in Feldkirch, fanden vor allem bei den Fabrikanten und den reichen Bürgern Anhänger, aber auch bei Handwerkern und Bauern. Die Ausstrahlung der liberalen Ideen wirkte bald bis in die Dörfer hinaus. Bei uns in Wolfurt vertraten vor allem der sehr belesene Rickenbacher Schlosser Josef Anton Dür und der vom kleinen Drechsler an Draiars Weiher zum Industriellen und Großmüller im Kessel aufgestiegene Carl Zuppinger eine andere Meinung als die Konservativen. Das Amt des Vorstehers unparteiisch zu führen, war schwer geworden. Im Jänner 1856 gab es Schertler nach insgesamt 19 Jahren Einsatz für Wolfurt ab. Wenige Monate später starb er. In seinen zwei Ehen mit der schon 1833 verstorbenen Anna Maria Haltmayer und mit Christina Flatz waren ihm zwölf Kinder geboren worden. Fünf davon waren früh gestorben. Zwei von seinen Söhnen und dann noch ein Enkel sind später auch Vorsteher geworden, zuerst Josef Anton Schertler 1872, dann Joh. Martin Schertler jun. 1879 und schließlich der Enkel Lorenz Schertler 1891. Von seinem Haus in Unterlinden aus beteiligte sich Joh. Martin sen. an den Ziegeleien an der Ach. Gemeinsam mit seinem älteren Bruder Josef Anton Schertler im Röhle kaufte er zu dessen oberem Ziegel werk (Achstraße 1) bald auch die große KlockerZiegelei (am Platz von Bützestraße 28). Dazu baute er 1838 auf der anderen Straßenseite das Gasthus Schiffle {Hansmarteies Hus, Bützestraße 41). Doch Vorsteher Schertler hatte noch größere private Pläne. Als sein ältester Sohn Josef Anton mit Agatha Dür eine der Erbinnen aus der begüterten Ziegler-Dür-Sippe heiraten wollte, baute er für ihn 1851 an der Ecke der neuen Wälderstraße ein großes steinernes Haus als Verwaltungszentrale für die Ziegeleien. Wir haben es noch als die Post am Platze des heutigen Gemeinde- und Postamtes gekannt. Hier waren damals die Fuhrwerke untergebracht, die den Lehm vom Flotzbach an die Ach und dann Kalk und Ziegel zu den Baustellen im Oberland und in der Schweiz führten. Hier kamen auch des Vorstehers Enkel Jakob und Lorenz Schertler zur Welt, die ein paar Jahrzehnte später die Firma ganz ins Flotzbach hinab verlegten. Sehr, sehr viele Kindeskinder stammen aus ihren Häusern. Viele andere stammen aber auch aus des Vorstehers eigenem Haus an der Kirchstraße, das sein jüngerer Sohn Johann Martin jun., übernahm. Ihm werden wir in einem der Fortsetzungskapitel begegnen. 27 Mit Vorsteher Schertlers Rücktritt gingen die ersten 50 Jahre der selbständigen Gemeinde Wolfurt zu Ende. Ganz bestimmt waren es nicht die guten alten Zeiten. Mit Krieg hatten sie begonnen, Hungersnot, Streit und Arbeitslosigkeit hatten viel Leid gebracht. Aber immer wieder haben sich die Menschen in unserem Dorf aufgerafft und Mut und Kraft zum Weitermachen gefunden. Heimat Wolfurt, Heft 13, S. 6 ff. 2 GA, Schulchronik I, S. 6 3 Marktgemeinde Wolfurt, Wolfurt in Chroniken und Berichten, Festgabe 1982, S. 52 4 VLA, Landgericht Bregenz, Hds 130, fol 200-257. 5 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 6 Lies nach Mit Napoleon nach Rußland in Heft 7, Seite 12, nach GA Wolfurt, Chronik Schneider 2 7 GA, Schachtel 1/1808 8 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 53 9 Heimat Wolfurt, Heft 10, S. 4 und Heft 11, S. 11 nach Chronik Schneider 2, S. 4. 10 Die Chronik Schneider 2 im GA Wolfurt. " Pfarrarchiv, Familienbuch Ic, S. 126. 12 Siehe auch Heimat Heft 13, S. 38! 13 Wilfred Schneider, The Schneider Family, ISBN 0-921257-91-0 und GA Wolfurt 14 Ebner-Tagebuch 1839 unter 3. April 15 GA, Chronik Schneider 2, S. 65/2). 16 GA Wolfurt, Schachtel 1825 17 GA, Brunnenbrief 1823 18 Wolfurter Dialekt: Bodobiora = Kartoffeln, Tiirggo = Mais, Stopfar = Riebel (Schmarren), Hafoloab ist ein spezielles Gericht, nach welchem die Wolfurter ihren Übernamen Hafoloabar bekommen haben. 19 GA, Schachtel 1829 20 Meinrad Pichler, Auswanderer, S. 121 21 GA, Schachtel 1838 22 Rapp, Generalvikariat Vorarlberg, 1896, Band II, S. 798 23 gedörrte 24 Siehe die Reihe Auswanderer in Heft 5/S.25, 9/35, 11/32, 13/40 und 15/36! 25 Heft 13, S. 40 26 GA, Schachtel 1852 27 Faschings-Dienstag 28 GA Wolfurt, Chronik Schneider 3, S. 24 29 Trester sind die stinkenden Obstrückstände vom Schnapsbrennen. 1 Siegfried Heim Alois Negrellis Arbeiten in Wolfurt Was erinnert in Vorarlberg noch an den genialen Planer des Suezkanals? Nennt man in den Schulklassen seinen Namen überhaupt noch? - Mit einem neuen Buch und mit einer Ausstellung haben die drei Heimatforscher Bußjäger-Concin-Gerstgrasser vor kurzem Negrellis Spuren in Vorarlberg aufgezeichnet.1 Mit dem folgenden Beitrag möchte ich für Wolfurt ihr Werk ergänzen. Alois Negrelli Ritter von Moldelbe Geboren 23.1.1799 in Primiero (Trentino). Gestorben 1.10.1858 in Wien. Als Ingenieur im Straßen-, Wasser- und Eisenbahnbau in Österreich und in der Schweiz führend tätig. Planer des Suezkanals, der nach seinem Tod in den Jahren 1859 bis 1869 unter Leitung von Ferdinand de Lesseps erstellt wurde. Zwischen 1822 und 1832 arbeitete Negrelli in Vorarlberg, ab 1826 als KreisingenieursAdjunkt. Von seinen vielen Arbeiten berühren mindestens vier die Gemeinde Wolfurt: 1. Rheinkartenwerk. 1825 - 1827. Ein genauer Plan der Gemeinde. 2. Wälderstraße. Planung 1827. 3. Pfarrkirche St. Nikolaus. Bauplan 1829. 4. Achdamm. Erweiterung 1832. 1. Das Rheinkartenwerk Es wird als Baudirektionsplan P 13 im Tiroler Landesarchiv in Innsbruck verwahrt. 97 Blätter beinhalten eine genaue Aufnahme des Vorarlberger Rheintals von Liechtenstein bis zum Bodensee. Unter Leitung von Baudirektions-Adjunkt Duile und dessen Vertreter Baudirektions-Praktikant Alois Negrelli wurden sie in den Jahren 1825 bis 1827 von Negrelli selbst und seinen Mitarbeitern gezeichnet. Seit 1985 besitzt das Gemeindearchiv Wolfurt Schwarzweiß-Kopien von den Wolfurter Blättern: Blätter 67 u. 68, Rickenbach und Schwarzach, aufgenommen im September und Oktober 1826 von Alois Negrellis Bruder Baudir.-Praktikant Franz Negrelli. Blätter 74 u. 75, Lauterach, Wolfurt und Kennelbach, aufgenommen 1826 von Baudir.Praktikant Ignatz Leeb. Blatt 83, Bregenzerach bei Wolfurt, aufgenommen im September 1826 von k.k. Straßenmeister Johann von Hörmann. 29 28 Bild 13: Die Ach auf der Negrellikarte von 1826. l.Wuhrstadel Z. Ziegeleien Schertler und Dür am Achdamm 5. Platz der heutigen Achbrücke Bild 14. Die Wälderstraße hat die St. Antone-Straße ersetzt. Das Rheinkartenwerk ist die dritte und weitaus genaueste Karte unseres Gemeindegebietes. Die älteste ist die Vorarlberg-Karte von Blasius Hueber aus dem Jahre 1774. Von den Wolfurter Straßen zeigt sie nur die kurz zuvor 1772 unter Maria Theresia gebaute neue Landstraße von Lauterach durch das Ried nach Dornbirn und die alte Hauptstraße von der Lauteracher Achbrücke über St. Antone nach Rickenbach. Die zweite ist die Artillerie-Karte von 1818 im Heeresgeschichtlichen Museum in Wien (eine Photo-Kopie im VLA in Bregenz). Dieser Plan, der der Kriegsstrategie und der Unterbringung des österreichischen Heeres dienen sollte, zeigt erstmals die Häuserreihen am Talrand in Wolfurt, die Bäche und die Feldwege. Er wurde von Offiziersanwärtern der Artillerie gezeichnet, das Blatt 49 G von einem Fähnrich Weiß. Die Blätter des Rheinkartenwerks (NegreIli-Karte P13) aus dem Jahre 1826 weisen erstmals jedes Wolfurter Haus, jede Straße und auch die kleinen Feldwege und Hekken aus. Obstgüter umgeben die Häuser. Das offene Gebiet von der unteren Straße bis nach Lauterach ist aber ein riesiger Getreideacker, in dem man damals abwechselnd Dinkelkorn und Hafer anbaute. Das Ried reicht noch bis zur Brühlstraße herauf. Ein breites Achbett ist von der heutigen Achstraße und vom Kennelbacher Berg 30 begrenzt. Sogar ein Fährschiff ist eingezeichnet, denn über die Ach gab es damals ja nur eine Brücke in Lauterach. Weil die Zeichner nur das Rheintal aufnehmen mußten, sind die auf den Wolfurter Büheln (z. B. beim Schloß) eingetragenen Einzelheiten ungenau und manchmal auch falsch. Trotzdem sind die Rheinkarten für jeden Heimatforscher eine unentbehrliche Grundlage. Ihnen folgen dann 1857 als vierte Landkarten die Katasterpläne, die nun auch alle Bau- und Grundparzellen genau angeben. Ein Vergleich mit den 30 Jahre älteren Negrelli-Karten zeigt viele interessante Veränderungen. 2. Die Wälderstraße Zusätzlich zum Saumweg von Wolfurt über den Steußberg bestand schon 1561 ein erster Karrenweg als landstraß von Schwarzach über das Farnach nach Alberschwende. Um das Jahr 1772 wurde er zur Fahrstraße ausgebaut und mußte nun von den Hofsteig-Gemeinden bis zur Grenze von Alberschwende erhalten werden. Es kam zu vielen Streitigkeiten, weil die Kosten den Hofsteigern im Verhältnis zum geringen 31 Nutzen unzumutbar hoch erschienen. Am 5. Februar 1827 legte Kreisingenieurs-Adjunkt Alois Negrelli dem Kreisamt erstmals einen Plan für eine ganz neue Straße durch das Schwarzachtobel und dazu einen Kostenvoranschlag mit der ungeheuren Summe von 42 000 Gulden vor. Fast die Hälfte davon hätten die Hofsteig-Gemeinden und Alberschwende aufbringen müssen. Erst 1836 bis 1838 wurde die neue Straße unter der Leitung von Negrellis Nachfolger Kreisingenieurs-Adjunkt Martin Kink durch das Tobel gesprengt. Beim Zoll in Alberschwende wurden nun für jedes taleinwärts geführte Pferd 3 Kreuzer Maut eingehoben.2 Als Zubringerstraße wurde etwa gleichzeitig an Stelle der zu schmal gewordenen alten Straße von der Lauteracher Brücke über St. Antone nach Rickenbach die neue Wälderstraße von Lauterach ins Strohdorf nach Wolfurt gebaut. Weil darauf regelmäßig die Postkutsche verkehrte, wurden an ihr kurz nacheinander ein Postamt in Lauterach und 1868 auch eines in Wolfurt errichtet. Bis dahin hatte ein Wolfurter Bote täglich die für Wolfurt bestimmten Briefe in Bregenz abgeholt. Durch den Bau der Wälderstraße erhielt Wolfurt endlich wieder den für die Wirtschaft so notwendigen Anschluß an den überregionalen Verkehr, den es 60 Jahre vorher durch den Bau von Maria Theresias Landstraße durch das Ried verloren hatte. Das Rheinkarte


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