Wolfurt

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Dokumente aus Wolfurt

Heimat Wolfurt Heft 00 Inhaltsverzeichnis
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Zeitschrift des Heimatkundekreises Mit Unterstützung durch die Marktgemeinde Wolfurt seit 1988 herausgegeben von Siegfried Heim Inhaltsverzeichnis Heft 1 1. Zeittafel für Wolfurt u. Hofsteig 3 2. Bauern und Fabrikler 16 3. Franzosenkrieg 1800 (Chronik Schneider I.) 20 Heft 2 4. Sozialstrukturen (1) 5. Hofsteiger Bauern 6. Der Weg zum März 1938 Heft 3 7. Der Rickenbach 8. Wolfurter Geschlechter 9. Der letzte Krieg 1939-1945 Heft 4 10. Wolfurter Mundart 11. Kriegsende 12. Pfarrkirche St.Nikolaus Heft 5 13. Schlösser in Wolfurt 14. Pfarrer Barraga 15. Auswanderer (1) 16. Autos 17. Chronik Köb (1) Heft 7 24. Das Vereinshaus 25. Mit Napoleon in Rußland (Chronik Schneider IL) 26. Lehrer Köbs, Chron. Köb (2) 27. Streifzüge der Gedanken Heft 8 28. Volkszählungen Strohdorf, Hub und Flotzbach 29. 30. St.Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt Heft 9 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Auswanderer (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz Heft 10 40. Unser tägliches Brot (1) 41. Kriegstagebuch Fischer Heft 12 49. 500 Jahre Seelsorge in Wolfurt 50. Nachbarn in der Bütze 51. Veres Stickerei 52. Die Kommunistin 53. Wendelin Rädler 54. Rogges Brot und kernes Brot 2 12 24 42 Heft 13 55. Ein Hofsteiger Siegel 56. Hofsteig 57. Ammänner 58. Der Gemeine Mann 59. Die Schneider 60. Mutter in Nöten, Auswand.(4) 61. Dorfschmiede 62. Stammvater Fischer 63. Fußball und Liebe 64. Kügolo Heft 14 65. Ein Hauch Barock 66. Die Ach und die Ächler 67. Ein Kuß; Kloster Hirschthal 68. Wolfurter Alpen 69. Fremdenverkehr 1903 70. Steuerverzeichnis 1873 Heft 15 71. Die Krankenschwestern 72. Hausnamen 73. Bier für St.Louis, Auswanderer (5) x. Kurt von Wolfurt 74. Vornamen 3 4 22 29 33 47 Heft 16 75. Schwerzler und Schwärzler 76. Heimkehrer 77. Einwanderer (1) Heft 17 78. Mutterpfarre Weißenau 79. Nachkriegsjahre 1945-1949 80. Einwanderer (2) 81. Das Erbe aus Indien 82. Kindstaufe in Bildstein x. Tanzen verboten Heft 18 83. Kriegsende 1945, Nachtrag 84. Aus der Kirchturmkugel 85. Ippachwald (1) 86. Einwanderer (3) 87. Soldatentod im Schnee 88. Ein Pergament x Gemeindediener x Inhaltsverzeichnis 3 26 42 3 23 38 3 29 32 2 6 21 24 27 30 3 6 14 28 35 40 46 50 52 54 4 9 37 54 57 59 3 7 16 30 45 49 52 1 52 54 3 12 19 23 35 38 3 9 45 48 52 54 1 11 25 30 34 4 16 3 22 36 43 44 Heft 6 18. Das Kirchdorf 2 19. Häuserverzeichnis 1926 10 20. Sozialstrukturen (2) 13 21. Wasser und Wald 39 22. Tagebuch (Chr. Schneider III.) 45 23. Spatzecklo 48 Heft 11 42. Inhaltsverzeichnis 1 43. Unser tägliches Brot (2) 5 44. Dr. Lorenz Böhler 15 45. Kalb's Creek, Auswanderer (3) 32 46. Der Schnitztrog 34 47. Altvorstehers Haus 37 48. Ein altes Dokument 41


Wolfurt 2008 03 Herbst
Don, 10. März 2011 |



Heimat Wolfurt Heft 25 2001 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 25 2001 Zeitschrift des Heimatkundekreises November Bild 1: Markterhebung 1982. Bei einem großen Jubelfest zeigt Bürgermeister Waibel die ihm von Landeshauptmann Keßler überreichte Urkunde. Inhalt: 125. Vorsteher und Bürgermeister (4) 126. Gemeindewahlen 127. Die Roten 128. Mord und Totschlag 129. Blaues Buch 2000 Bildnachweis: Johann Greißing Bild 2 Siegfried Heim Bilder 21, 22, 29, 30 u. 31 Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Die Porträts der Bürgermeister und Ehrenbürger stammen von Graphiken und Ölbildern von Hubert Gasser im Kultursaal. Zuschriften und Ergänzungen In eigener Sache Nach mehr als einem Jahr - ich habe in dieser Zeit einen großen Teil der alten Akten in unserem Gemeinde-Archiv durchforscht und auch an anderen Projekten gearbeitet - kann ich heute das 25. Heft von Heimat Wolfurt vorlegen. Sein Hauptteil Vorsteher und Bürgermeister (4) soll ein Beitrag zur Dorfgeschichte des 20. Jahrhunderts sein. Als Ergänzung dazu steht der zweite Artikel Die Roten. Damit möchte ich die Rechte einer bei uns einst unterdrückten "Minderheit" wahren. Für beide gilt, daß sie nicht vollständig sein können, vor allem aber, daß das Zeitgeschehen verschiedenartige Wertungen zuläßt. Ich habe das Manuskript daher mit einigen Betroffenen und mit Zeitzeugen abgestimmt. Trotzdem wäre ich für jede Ergänzung und Korrektur sehr dankbar. Siegfried Heim Wolfurt und Wolford (Heft 24, S. 5) Dazu erreichte uns eine besonders interessante Zuschrift mit dem beigefügten Bild. Der Heimatkundler Dr. Johann Greißing in Hohenems, ein .besonderer Kenner von Hofrieden und Hofsteig, fand auf einem Schuldschein vom 17. Dezember 1819 den ältesten bekannten Abdruck eines Wolfurter Gemeindesiegels. Die Vorsteher hatten ihre Tätigkeit ja erst wenige Jahre zuvor im Jahre 1811 aufgenommen. Die Gemeinde führte also damals auf ihrem Siegel den k.k. Doppeladler der österreichischen Habsburger-Monarchie mit Reichsapfel und Schwert und dem rotweißroten Bindenschild. Die Adlerköpfe tragen aber nicht die Reichskrone, sondern den Herzogshut der Kronländer. Die Umschrift lautet "SIGILL DER GEMEIND WOLFURT": Eine seltsame Zusammenstellung! Vielleicht findet sich ein Fachmann, der uns ihren Sinn erklärt? Auf alle Fälle handelt es sich aber um eine frühe Besiegelung der noch heute gültigen Schreibart Wolfurt. Bild 2: Ältestes Wolfurter Gemeindesiegel von 1819 Bitte! Diesem Heft 25 liegt wieder ein Erlagschein bei. Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Die Gebarung und die Belege des Heimatkundekreises wurden am 26. Jänner 2001 von Seiten der Gemeinde Wolfurt durch Gerald Klocker überprüft und in Ordnung befunden. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H, A-6922 Wolfurt 3 Die Haltmayer (Heft 24, S. 13) Zuerst eine Berichtigung zu S. 19: Der Gerbergeselle aus Hergensweiler hieß nicht Josef, sondern Johann Georg Heim. Josef war sein Sohn, der 1891 aus Hanso Hus im Kirchdorf in das Küfer-Haltmayer-Haus in der Bütze einheiratete. Seine Nachkommen haben sich im Frühling 2001 im Kultursaal getroffen und mit Hilfe von Lichtbildern und einem Stammbaum ihre Vorfahren studiert. Zu S. 19 unten: Gemeldet haben sich auch mehrere Nachkommen des 1890 erstochenen Engelwirts August Haltmayer: Ernst Haltmayer, der Gründer der Firma Aerosol in Lauterach, und sein Vetter Alfons Haltmeier, leitender Spezialist für Flug-Radar in Dübendorf in der Schweiz. Zu mehreren Treffen brachten sie Bilder und Unterlagen von ihren Familien und auch Zeitungsberichte vom Tod ihres Großvaters mit. Auszüge daraus finden Sie im Beitrag Mord und Totschlag in diesem Heft. Vorsteher und Bürgermeister (3), (Heft 24, S. 27) Zu S. 27, Vorsteher Joh. Martin Schertler (IL): Der Beitrag hat den Weg zu weiteren Verwandten geöffnet. Zweimal besuchte mich aus der Schweiz Siegfried Schertler jun., ein Enkel des 14. Vorstehers und ein Bruder unseres Roman Schertler von der Lorenz-Schertler-Straße. Siegfried Schertler, geboren 1926 in Hard, hat nach dem Besuch der HTL Bregenz in verschiedenen Betrieben technische Erfahrung gesammelt. Im Jahre 1964 begründete er ganz allein in einem Kellerraum in Flawil eine Firma, die sich auf die Erzeugung von Vakuum-Ventilen spezialisierte. Daraus baute er in wenigen Jahrzehnten die VAT in Haag im Schweizer Rheintal auf, das weltweit führende Unternehmen für Vakuum-Dicht-Technik. Mit rund 500 Mitarbeitern und mit Tochterfirmen in Deutschland, Frankreich, England, Japan und USA erreicht VAT heute einen Jahresumsatz von 200 Millionen Dollar und ist zum größten Steuerzahler des Kantons St. Gallen geworden. Die Firma leitet als geschäftsführender Präsident Dr. Richard Fischer aus Rankweil, ein Urenkel unseres 13. Vorstehers Joh. Georg Fischer und damit ein Vetter des Firmengründers Siegfried Schertler. Wolfurter Blut, das sich jenseits des Rheins bewährt! Ein weiterer Schertler-Nachkomme kam zu Pfingsten 2001 mit seiner Familie aus Amerika zu Besuch nach Wolfurt. Frank Schertler (der Dritte) ist ein Urenkel des 1923 nach den USA ausgewanderten Frank Schertler (des Ersten), der in Amerika die Wolfurterin Anna Heitz geheiratet hat. Ein Bild von dem Auswanderer findet sich in Wolfurt in alten Bildern auf Seite 148. Der Urgroßvater (Franz) Josef Schertler (18641898) war der älteste Sohn des 14. Vorstehers. Er war Gemeindeschreiber und zuletzt auch Konsumverwalter im neu gebauten Konsum Rickenbach. Mit der Gründung einer zweiten Blasmusik brachte er argen Streit in die Gemeinde (Heft 24, S. 31). Nun hat der Ururenkel wieder Kontakte zu vielen Verwandten geknüpft und auch Altvorstehers Haus an der Kirchstraße eingehend besichtigt. Zu S. 32, elektrisches Licht: Für einen Jubiläumsband "700 Jahre VKW hat der Historiker Dr. Reinhard Mittersteiner auch in unserem Gemeindearchiv geforscht. In der Chronik "Schneider 3 " fand sich ein lange gesuchtes Datum: "1886 im Septr. den 29. bekamen wir Elektrisches Licht in der Fabrik". Wir dürfen uns alle auf das noch heuer erscheinende Buch freuen, in dem auch die Wolfurter Gunz-Loacker-Geschichte ihren Platz findet. Zu S. 35 unten: Fehlerberichtigung! Der neue Schreiber hieß nicht Otto, sondern Josef Böhler, Jg. 1883. Ihm gehörte das alte Doktor-Rohner-Haus am Sternenplatz, das 1949 abgebrannt ist. Dort wohnte sein jüngerer Bruder Otto Böhler, Jg. 1885. Mehreren Lesern ist der Fehler aufgefallen, zuerst Anni Höfle-Germann in Lauterach, die in ihrer Kindheit auch dort gewohnt hat. Ahnenforschung Immer neue Briefe und Mails treffen aus Amerika ein, wo die ersten Forscher ihre Stammbäume den Computern übergeben und damit andere Nachkommen der Wolfurter Auswanderer neugierig gemacht haben. Neu schreibt Jill Bennet aus Rice Lake, WI. Ihr Ahn Johannes Schwerzler wanderte 1852 aus dem Eulentobel nach Cottonwood in Minnesota aus. Er war ein Enkel jener Elisabeth Fischer-Schwerzler (Lisol), die dem Haus im Eulentobel schon um 1770 den Hausnamen Lislos gegeben hat. Seine Verwandten waren also die Lisolar-Gmeiner und die Zimborar- und Naiolar-Schwerzler. (Heft 16) Aus Bergisch-Gladbach im Rheinland hat Frau Dr. Roswitha Flatz eine große Stammtafel ihrer Flatz-Familie geschickt. Es handelt sich um nahe Verwandte unseres berühmten Wolfurter Malers, die als Ärzte, Professoren, Künstler, Ingenieure und BankDirektoren den Namen Flatz aus Buch und Wolfurt nach Salzburg, Mondsee, Wien, Preßburg und schließlich ins Rheinland und nach Amerika getragen haben. Frau Roswitha bedankte sich für unsere Aufstellung (Heft 20, S. 46) und will weiter forschen. 4 5 Siegfried Heim Vorsteher und Bürgermeister von Wolfurt (4) In den Heften 20,22 und 24 habe ich in drei Kapiteln über jene Vorsteher erzählt, die vor hundert und mehr Jahren Verantwortung für die Menschen in unserer Gemeinde getragen haben, für deren Arbeit und für das Zusammenleben. Das vierte Kapitel greift nun in unsere Zeit herein. Da gilt es, von Bürgermeistern zu berichten, die wir persönlich gekannt haben. Einige leben noch unter uns. Die folgenden Berichte sind ein Versuch, das wichtigste aus ihrer Amtszeit zu beschreiben. Vieles davon könnten die Leser aber wohl aus eigener Erinnerung noch wesentlich ergänzen. 18/1 Ludwig Hinteregger 1924-1938 Geb. 5.10.1892, gest. 31.10.1973 Die Wolfurter Hinteregger stammen vom Pfänder. Gebhard Hinteregger, der 1844 nach Wolfurt kam, war 1811 als Sohn des Adlerwirts in Bildstein geboren worden. Zehn Jahre lang besaß er die alte Schmiede an der Berggasse, wo seine Kinder zur Welt kamen. Dann konnte er 1854 das große Haus auf dem Bühel (Oberfeldgasse 2) kaufen, das seither das Stammhaus der vielen Wolfurter Hinteregger-Familien geworden ist. Hier wurde Ludwig 1892 geboren. Von seinen Brüdern wurde Josef Arzt in Satteins, Gebhard Instrumentenmacher im Strohdorf und Friedrich Bauer in Schwarzach. Ludwig arbeitete in seiner Jugend als Sticker, übernahm aber dann mit seinen Schwestern Lena und Maria die elterliche Landwirtschaft im Oberfeld. Schon früh zog es ihn zu den Vereinen. Er war ein begeisterter Chor-Sänger, spielte bei der Bürgermusik das Flügelhorn und gehörte 1910 im Arbeiterverein zu den Mitbegründern des Turnerbundes. Im Jahre 1913 rückte er zu den Kaiserjägern nach Südtirol ein und machte Dienst bei der Militärmusik. Als 1914 der Erste Weltkrieg begann, gehörte seine Einheit zu den ersten Truppenverbänden, die den Einmarsch der russischen Armee in Galizien aufhalten sollten. 1915 wurde er in die mörderichen Abwehrkämpfe gegen die Italiener in den Dolomiten geschickt. Für seinen Einsatz wurde er mit der Kleinen Silbernen und dann dreimal (!) mit der Großen Silbernen Tapferkeitsmedaille ausgezeichnet und zum Zugsführer befördert. Im Gebirgskrieg wurde er 1917 schwer verwundet. Den Zusammenbruch der Monarchie erlebte er im Lazarett. Nun holte man ihn 1919 in die Gemeindepolitik und wählte ihn unter Vorsteher Lorenz Schertler sofort zum Ersten Gemeinderat und damit zum Stellvertreter des Vorstehers. In den Jahren der Not sammelte er hier wertvolle Erfahrungen. 1924 wurde wieder gewählt. Aus dem Chaos bei den ersten "demokratischen" Wahlen von 1919 hatten die Wolfurter gelernt. Diesmal wurden rechtzeitig drei ParteiListen vorgelegt, die alle den Christlich-Sozialen nahe standen. Die Allgemeine Wähler- partei führte Gemeinderat Ludwig Hinteregger an, die Allgemeine Wählerschaft der ehemalige Vorsteher Ferdinand Köb und die Wirtschaftspartei der Schreinermeister Rudolf Fischer, Schnidarles. Eigentlich standen sich dabei nur die lokalen Interessen der Wolfurter und der Rickenbacher gegenüber. Die Sozial-Demokraten waren in Wolfurt noch gar nicht organisiert, während sie etwa in Hard, angeführt von ihrem Nationalrat Hermann Hermann, bereits zur mandatsstärksten Partei wurden. In Wolfurt gewann die Gruppe um Hinteregger 10 von den 18 Mandaten, die beiden anderen je 4. Sicher half Hinteregger dabei, daß er als Musikant, Sänger und Turner einen großen Rückhalt bei den Vereinen hatte. Die wirtschaftliche Lage war immer noch Bild 3: Ludwig Hinteregger als junger Kaiserjäger katastrophal und verschlechterte sich in den folgenden Jahren durch den Zusammenbruch wichtiger Banken noch mehr. Arbeitslosigkeit und Hunger führten zu einer Radikalisierung der politischen Parteien. Die Sozial-Demokraten stellten ihren bewaffneten Schutzbund auf, die Christlich-Sozialen ihre Heimatwehr. In Wien brannte 1927 der Justizpalast. Vorsteher Hinteregger sah seine Hauptaufgabe in der Schaffung von Arbeit. Zuerst wurde der Dorfbach aus seinem offenen Bett an der Kellhofstraße in eine Rohrleitung verlegt. Im Jahre 1929 wurde als ganz neue Straße die Verbindung von der Hub durch den Brühl nach Rickenbach gebaut. Die Gemeinde kaufte von der Familie Heim das uralte Hanso Hus am Dorfplatz zum Abbrach. Mit Wolfurter Arbeitslosen wurde an seiner Stelle 1930 das große Kriegerdenkmal erstellt. In einer von Schützenhauptmann Ludwig Köb gestifteten italienischen Blindgänger-Granate wurde die Urkunde hinterlegt. Ein Großprojekt sollte mehr Arbeit schaffen: Ausbau und Teerung der oberen Straße von der Ach bis Rickenbach. Dazu nahm die Gemeinde bei der Rheintalischen Kreditanstalt in der Schweiz einen Kredit von 100 000,- Schweizer Franken auf, damals eine unfaßbar große Summe! Im Sommer 1931 wurden damit die Straße ausgebaut, zwei Häuser abgebrochen, die Kurven gepflastert und etliche Gartenmauern erstellt. Kritisch wurde es, als die Schweizer Bank eine bessere Sicherstellung verlangte. Da halfen die Erben des 1930 plötzlich verstorbenen Gemeinderates Kreuzwirt Josef Haltmayer aus. Die Gemeindevertretung bedankte sich 1932 bei Vorsteher Hinteregger 7 6 Bild 4: Straßenbau 1931 an der Dorfkurve Bild 5: Teerung 1931 in Spetenlehen ausdrücklich für den großen Einsatz beim Bau "seiner" Straße. Es dürfte eine der allerersten asphaltierten Gemeindestraßen in ganz Vorarlberg gewesen sein! 1933 wurde dann auch noch die Rutzenbergstraße mit einer großen Schleife neu gebaut. Für eine neue Straße nach Buch hatte das Land 1930 eine Trasse an der Ach ausgearbeitet. Mit großem Nachdruck und einer Unterschriften-Sammlung verlangte die Gemeinde Wolfurt eine Variante über das Oberfeld zur Berg-Gasse und setzte sich mit Hilfe von einflußreichen Wolfurter Beamten durch. Ab 1932 begannen die Wolfurter zu bauen, die Bucher hatten schon ein Jahr früher am anderen Ende angefangen. Als die Bucherstraße mit ihren vier Tunnels 1935 eröffnet wurde, galt sie als Sehenswürdigkeit. Ab jetzt fanden 65 Maurer und Hilfsarbeiter Verdienst beim Ausmauern des Rickenbachs. Auch sonst hatte sich in der Gemeinde einiges verändert. Altvorsteher Köb war 1924 Sternenwirt geworden. Dort war seit 1871 die Post untergebracht gewesen. Jetzt verlegte die Gemeinde das Postamt ab 15. Jänner 1925 in das von ihr angekaufte SchertlerHaus bei der Schule, wo bald auch der Bauhof und eine große Brückenwaage Platz fanden. In den oberen Stock zogen 1928 zwei Haller "Kreuzschwestern" ein, die von hier aus ihre segensreiche Tätigkeit als Krankenschwestern aufnahmen. Gemeindearzt war seit 1924 Dr. Eugen Lecher. Dieser begründete noch im gleichen Jahr zusammen mit Wagnermeister Johann Heitz im Rahmen der Feuerwehr eine Rettungsabteilung des Roten Kreuzes. Der Autoverkehr nahm zu. Konrad Bohle eröffnete beim Mohren die erste BenzinZapfstelle, August Rädler eine zweite beim Wälderhof. Am 30. September 1925 wurde die erste "Omnibus"-Linie nach Bregenz in Betrieb genommen. Die Fahrzeug-Zählung von 1933 erbrachte für Wolfurt: 400 Fahrräder, 25 Motorräder, 10 "Luxus"Autos (PKW) und 10 LKW. Im Jahre 1929 setzten die 111 werke die riesigen Masten ihrer Überlandleitung auf die 8 Wolfurter Bühel. Im gleichen Jahr erhielt die Feuerwehr den hohen Schlauchturm beim Schulhaus. Der Vorsteher bekam in Adolf Fischer einen neuen Sekretär, der viele Jahre lang seine unentbehrliche Stütze wurde. 1931 wurde Karl Mohr neuer Schulleiter und 1933 Josef Kresser neuer Straßenmeister. Dieser arbeitete für einen Stundenlohn von 80 Groschen. (Ein Kilogramm Mehl kostete 45 Groschen!). Um dem parteipolitischen Streit auszuweichen, hatte Wolfurt im Jahre 1929 Mehrheitswahlen mit einer einzigen Liste durchgeführt. Ludwig Hinteregger erhielt 1044 von 1052 gültigen Stimmen, das sind sagenhafte 99,2 %. Am nächsten kam ihm noch der beliebte Konsumverwalter Johann Zwickle mit 954 Stimmen. Ein Kommentar in der Zeitung meinte: "... sich nicht erinnern, daß je in einer Periode so friedliche und einmütige Arbeit geleistet wurde".1 Im Jahre 1932 wurde Hinteregger auch in den Landtag gewählt. Als Vertreter der Landwirtschaft verblieb er dort bis zur Auflösung 1938. Inzwischen hatten sich die politischen Parteien völlig zerstritten. Das wirkte mit dem Verbot der Nationalsozialisten 1933 und der Sozialdemokraten 1934 bis in die Dörfer und in alle Vereine hinein. Die neue Verfassung von 1934 sah einen Ständestaat mit einer Einparteienregierung der "Vaterländischen Front" vor. Die gewählte Gemeindevertretung wurde aufgelöst. An ihre Stelle trat ein "Gemeindetag", dessen Mitglieder über Vorschlag der örtlichen VF vom Landeshauptmann ernannt wurden. Der Vorsteher führte erst jetzt die Amtsbezeichnung "Bürgermeister" ein, wie es schon im Gesetz von 1919 bestimmt worden war. Erstmals trat der Gemeindetag mit 3 Gemeinderäten und nur 10 Mitgliedern am 9. August 1934 zusammen. Für Andersdenkende gab es jetzt keine politische Vertretung mehr. Eine ganze Serie von Sprengstoff-Attentaten im Lande sorgte für Aufregung. Bewaffnete Heimwehr-Leute patrouillierten nachts durch die Gemeinde. Der Druck aus dem nationalsozialistischen Deutschland nahm zu. Jetzt ließen sich auch junge 9 Bild 6: Heimatwehr 1936 als Chor-Schützen 19. Theodor Rohner 1938-1945 Geb. 28.10.1894, gest. 1.12.1964 Schlagartig wurde die Lähmung der vergangenen Jahre durch vordergründigen Jubel überdeckt, getragen vor allem von der Hoffnung auf Arbeit. Schon 1932 war in Wolfurteine Ortsgruppe der NSDAP gegründet worden, 1933 auch eine Abteilung der SA. Nach dem Verbot der NSDAP waren 1933 acht Mitglieder des Kath. Arbeitervereins und 16 Turner aus ihren Vereinen ausgeschlossen worden. Von den jungen Leuten, die sich nach Deutschland zur Legion absetzten, nennt Bürgermeister Hinteregger in seinem vorsichtigen Bericht vom 31. Okt. 19452 nur den als Heimatforscher bekannten Gebhard Anwander aus Rickenbach und den ausgezeichneten Schifahrer Josef Bragger aus dem Strohdorf, der spä- Bild 7: Bürgermeister Theodor Rohner ter im Krieg gefallen ist. Die wirkliche Anzahl war aber viel größer. Sofort bemächtigten sich die Nationalsozialisten der ganzen Gemeinde. Schon am 15. März wurden das Kartell und die meisten Vereine aufgelöst und das Vereinshaus beschlagnahmt. Die Vereine mußten Inventar und Barvermögen abliefern, einige versteckten aber doch ihre alten Fahnen. Eine gewaltige Propaganda-Flut setzte ein. Am 18. März stellte die Firma Loacker am Kirchplatz und beim Mohren in Rickenbach je einen Lautsprecher auf, eigens zum Empfang der "weltgeschichtlichen Rede des Führers". Zwar gab es seit 1934 einen Radiosender in Lauterach, aber nur ganz wenige Leute besaßen einen Empfänger. Jetzt kamen die billigen "Volksempfänger" auf den Markt, mit denen man nur den Reichssender Berlin empfangen konnte. Ausländische Sender abzuhören war ja bei schwersten Strafen verboten. Am 31. März wurde der alte Gemeindetag aufgelöst. Vorerst mußte Bürgermeister Hinteregger im Amt bleiben, doch stellte ihm der neue Bezirkshauptmann den NSOrtsgruppenleiter Theodor Rohner und die vier Beiräte Alfred Fischer, Anton Heim, Josef Rohner und Willi Köb zur Seite. Das Gemeindeamt wurde in allen politischpolizeilichen Angelegenheiten den Weisungen der in Bregenz amtierenden Gestapo unterstellt. Das Abstimmungsergebnis vom 10. April 1938 über den Anschluß lag in Wolfurt ähnlich wie bei den meisten Gemeinden im Land bei 98 Prozent und wurde mit einem 11 Wolfurter dort in die illegale "Österreichische Legion" einschreiben. Am 27. Mai 1936 wurde noch einmal ein neuer Gemeindetag installiert, diesmal bestehend aus dem Bürgermeister, einem Vertreter der Katholischen Kirche und 14 Gemeindevertretern. Aus nur 6 von der VF ausgesuchten Kandidaten hatte der Bauernstand 4 Vertreter "gewählt", ähnlich die Gewerbetreibenden ihre 6 Leute. Wahlberechtigt waren aber nur eingeschriebene Mitglieder der "Vaterländischen Front". Weil Industrie und Öffentlicher Dienst zu wenig "verläßliche" Kandidaten aufbieten konnten, verzichtete die VF hier auf Wahlen und legte selbst ihre 4 Männer fest. Von der Demokratie hatte man sich damit verabschiedet. Dafür rief der Gemeindetag im Dezember zur Spende von Geld, Lebensmitteln, Bekleidung und Heizmaterial für die "Minderbemittelten" auf. An die Ärmsten wurden Brot und im März auch einige Hundert Kilogramm "Bundeswurst" aus Inner-Österreich verteilt. Ihre Lage blieb aber trostlos. Seit 1931 lag die Jänner-Arbeitslosigkeit in der Gemeinde immer über 100, im Jahre 1936 sogar bei 140. Ungeheure Not bedrückte viele Familien. Das Gemeindeblatt war voll von Versteigerungs-Anzeigen. Angeboten wurden Häuser und Grundstücke, Nähmaschinen, Wolldecken und Fahrräder. Immer mehr Leute hörten auf die Versprechungen Adolf Hitlers, der seit 1933 in Deutschland regierte. Am 12. März 1938 rückten seine Truppen in Österreich ein. 10 riesigen Aufmarsch uniformierter Fackelträger gefeiert. Zu diesem Tag war erstmals "Großbeflaggung" angeordnet worden: Nur Hakenkreuzfahnen! Rot-weiß-rot "ist zu vermeiden!"3 Am 19. Mai ordnete der Landesschulrat an, daß alle Kinder ausnahmslos mit "Heil Hitler!" zu grüßen hätten, "und zwar mit voll nach vorne in Augenhöhe ausgestreckter Rechten". Jetzt mußte auch Bürgermeister Hinteregger seine Briefe mit "Heil Hitler!" unterzeichnen. In Vorarlberg war ein gewaltiges Programm zur Staubfreimachung von 244 km Straßen in Angriff genommen worden. Dazu gehörte u. a. die Straße von Wolfurt über Schwarzach nach Dornbirn. Ganz neu begann man in Hard mit dem Bau einer Umfahrungsstraße (die spätere Betonstraße) mit als sensationell empfundenen 9 m Breite. Im März 1937 waren in ganz Vorarlberg 300 Arbeiter beim Straßenbau beschäftigt gewesen, im Mai 1938 waren es 1370.4 Von solchen Zahlen und noch mehr von der neu eingeführten Kinderbeihilfe war die Bevölkerung ungemein beeindruckt. Ab 1. Juli 1938 übernahm der bisherige Ortsgruppenleiter Theodor Rohner selbst das Amt des Bürgermeisters. Sein Nachfolger als Ortsgruppenleiter wurde Emil Beck. Nach dem "Führerprinzip" war der Bürgermeister allein für die Gemeinde verantwortlich. Zwar wurden einige Leute als Beiräte benannt, doch waren Abstimmungen untersagt. Schulleiter Mohr wurde als ehemaliger Leiter der VF in den Lehrerstand zurückversetzt. Die drei hochverdienten Schulschwestern Sr. Sebastina, Sr. Gisela und Sr. Regina mußten die Schule verlassen. An die Stelle der Vereine traten NS-Formationen. Schon die 10jährigen wurden im "Jungvolk" und bei den "Jungmädels" erfaßt, die 14jährigen zu HJ ("Ha-Jott", Hitlerjugend) und BDM (Bund deutscher Mädel) überstellt. Die Erwachsenen wurden in vielerlei Gliederungen der "Partei" aufgenommen, in Wolfurt vor allem bei der SA (Sturmabteilung) und beim NSKK (Kraftfahrer-Korps), wo sich die Motorisierten trafen. Die Frauen der NSV (Volkswohlfahrt) richteten im Konsum eine Säuglings-Fürsorge und im Kleinen Saal des Vereinshauses den ersten Kindergarten ein. Regelmäßige Sammlungen für das WHW (Winterhilfswerk) mit teilweise sehr gefälligen Aufsteck-Abzeichen sollten die Not der Alten und Armen lindern. Alles, gar alles! in der Hand einer Partei. Dazu eine ganz neue Art von aggressiver Propaganda in den Partei-hörigen Zeitungen, im Rundfunk und vor allem in den Schulen. Dort war das Kreuz in den Klassen durch ein Hitlerbild und einen "markanten" Wochenspruch des Führers ersetzt worden. Die Bürgermusik blieb als "Schützenmusik" erhalten, weil man auf sie bei den vielen Aufmärschen nicht verzichten wollte. Sogar den Alt-Gemeinderat Franz Rohner, an dessen Haus die SA eine große Tafel "Hier wohnt ein Feind des deutschen Volkes " angebracht hatte, brauchte man als Kapellmeister. Und die beliebte Krankenschwester Sr. Epiphania erhielt vom Bürgermeister eine Anstellung als "Frl. Härle", verbunden allerdings mit dem strikten Vebot geistlicher Betätigung. Natürlich fiel auf, daß die Kirche unter schwerem Druck stand. An Feiertagen mußte auch vom Kirchturm die Hakenkreuzfahne wehen. Prozessionen wurden "aus Ver12 Bild 8: NS-KK. Die Wolfurter Kraftfahrer 1939 unter Alfred Fischer. kehrsgründen" ins Oberfeld verwiesen. Auch das Läuten mußte eingeschränkt werden "wegen Störung des Rundfunks". Ab 1. Jänner 1939 wurden die Standesämter eingeführt. Bürgermeister Rohner übernahm selbst dieses zusätzliche Amt. Standesamtliche Trauungen unter der Hakenkreuzfahne ohne nachfolgende kirchliche Hochzeit blieben aber die seltene Ausnahme, ebenso wie "germanische Namensgebung" für Neugeborene. Junge Ehepaare erhielten vom Bürgermeister Adolf Hitlers Buch "Mein Kampf. Gelesen werden es wohl wenige haben! Eine ganze Anzahl von Wolfurtern trat aber aus der Kirche aus und nannte sich nun "gottgläubig". Die Pfarrämter bekamen eine riesige Aufgabe mit der Erstellung von Ahnenpässen als Arier-Nachweis aufgebürdet. Alt-Pfarrer Leopold Berchtold schrieb deshalb in einem großen Buch alle Familien aus den alten Tauf- und Trauungsbüchern heraus. Es ist heute bei der Familienforschung eine wertvolle Hilfe. Am 1. September 1939 begann der Krieg. Über seinen Verlauf und sein schreckliches Ende haben wir in dieser Zeitschrift in zwei Artikeln umfangreich berichtet.5 Hier wiederhole ich daher nur jene fürchterliche Zahl: Am Kriegerdenkmal mußten die Namen von 99 jungen Männern aufgeschrieben werden, die nicht mehr heimkehrten. In einem langen schmerzhaften Prozeß war der Jubel von 1938 untergegangen, nicht in allen Familien zur gleichen Zeit. Für die meisten war ja die NS-Propaganda die einzige Informationsquelle. Lange, allzu lange schauten viele weg, hörten nichts, wollten nichts hören, von der Verfolgung von Juden und Zigeunern, vom Sterben der Behinderten, von der Mißhandlung von Kriegsgefangenen, von der Unterdrückung von Menschen in den besetzten Ländern. Auch nicht von den Niederlagen in Rußland und von der Zerstörung deutscher Städte im Bombenkrieg. Jede unbedachte Bemerkung konnte das Leben kosten. So wurde die 60jährige Hausfrau Ottilia Köb, Schmieds, 1941 wegen "Beleidigung der Regierung" von der Gestapo zwei Wochen lang eingesperrt.6 Ihre Entlassung verdankte sie wohl nur dem 13 Umstand, daß ihre beiden Söhne an der Front standen. Aus einem ganz ähnlichen Grund wurde zwei Jahre später in Bregenz Frau Karoline Redler zum Tode verurteilt. Unter allerschärfster Beobachtung standen jene Familien, die man für Kommunisten hielt. Aus nichtigen Gründen wurden 1941 und 1942 etliche Wolfurter Jugendliche verhaftet und von der Gestapo mißhandelt. August Wachter und Martin Österle waren bei ihrer Verhaftung erst 16 Jahre alt. Wachter wurde aus der Haft zu einer StrafKompagnie an die Front überstellt und ist dort gefallen. Auch sein Vater war verhaftet worden. Wegen "Abhörens von Feindsendern" mußte auch noch der Familienvater Karl Zanetti die letzten Kriegsmonate im Gefängnis absitzen.7 Bei Kriegsende zwang am Morgen des 2. Mai 1945 eine große Gruppe Wolfurter Zivilisten, in der Mehrzahl Frauen und Mädchen, den Bürgermeister zu dem Versuch, die deutschen Truppen an der Ach von der Fortsetzung des Verteidigungkampfes abzuhalten. Bei seinem Eintreffen waren diese aber bereits abgezogen, der Einmarsch der Franzosen hatte begonnen. Noch am gleichen Tag wurde Ortgruppenleiter Beck von einem französischen Kommando verhaftet und mit dem Erschießen bedroht, . schließlich aber in das Anhaltelager Brederis eingeliefert. Bürgermeister Rohner blieb noch zwei Tage im Amt. Am 4. Mai 1945 übergab er in einem offiziellen Akt das Amt an seinen Vorgänger Ludwig Hinteregger. Auch Rohner wurde dann einige Zeit inhaftiert. 1946 mußte er bei der Entnazifizierung der Wolfurter "Partei"-Mitglieder als Auskunftsperson helfen. Theodor Rohner war 1894 in Lauterach als Sohn des Wilhelm Rohner und der Anna Maria Schwerzler geboren worden.. Die Mutter stammte aus dem Tobel in Wolfurt. Als die Familie Rohner mit ihren acht Kindern nach Wolfurt in das Haus C 5 an der Ach (heute Zementerei Rohner, Bützestraße 39) übersiedelte, benannte man sie nach der Mutter mit dem Hausnamen "Toblars". Früh verstarben beide Eltern. Die Waisenkinder mußten das Haus verkaufen. Außer Theodor, der als Sticker Arbeit suchte, blieb auch seine Schwester Klara, verehelichte Schwerzler, als Toblars Klara mit ihren Söhnen in Wolfurt. Theodor heiratete 1920 Rosina Böhler, eine Tochter des Holzer-Schmieds August Böhler. Mit ihren zwei Kindern Bertram und Theodora wohnten sie in Miete im Haus D 293 (Villa Köb, Hofsteigstraße 54) in Rickenbach. Schon 1937, mitten in der Not der Arbeitslosigkeit, starb die Mutter. 1940, jetzt schon als Bürgermeister, ging Rohner eine zweite Ehe mit Katharina Bohle ein, einer Tochter des Rickenbacher Kaufmanns Konrad Bohle. Der Sohn Bertram betrieb nach dem Krieg eine Handlung in Landeck. Die Tochter Dora, verehelichte Zangerl, lebte mit ihrer Familie in Pians. Zu ihnen übersiedelte der Alt-Bürgermeister für seine letzten Lebensjahre. In Pians ist er am 1. Dezember 1964 gestorben. An seinem Begräbnis nahm auch eine offizielle Abordnung der Gemeinde Wolfurt teil. Dafür bedankten sich die Kinder mit einer Spende für die Totenkapelle in Wolfurt. 18/2 Ludwig Hnteregger 1945-1950 Geb. 5.10.1892, gest. 31.10.1973 Seit 4. Mai 1945 waren also der 1938 abgesetzte Bürgermeister Hinteregger und als sein Sekretär Adolf Fischer wieder im Amt. Während der NS-Zeit hatte Hinteregger neben seiner Landwirtschaft eine Anstellung im Büro der Firma Baustoffe-Rädler übernommen. 1945 war er auch noch zum Dienst beim "Volkssturm" im Südtirol verpflichtet worden. Als Bürgermeister wollte er nun den 1938 aufgelösten VF-Gemeindetag wieder einsetzen. Das scheiterte aber am Einspruch der französischen Behörden. Diese verlangten eine paritätische Vertretung der Links-Parteien. So mußte ein auf fünf Personen reduzierter provisorischer Ausschuß nominiert werden, bestehend aus Bürgermeister Hinteregger, den Bild 9: Bürgermeister Ludwig Hinteregger ehemaligen Gemeinderäten Alfons Gunz, Franz Rohner (Kapeller), Martin Höfle und dem zusätzlich bestimmten Bauarbeiter Karl Geiger, der den Kommunisten nahe stand. Die erste Sorge des Bürgermeisters galt der Versorgung der notleidenden Bevölkerung mit Lebensmitteln, Heizmaterial und auch mit Wohnraum. Nur mit größtem Einsatz und gestützt auf seine Erfahrungen nach dem Ersten Weltkrieg konnte er die Ablieferung von Schlachtvieh, Milch, Mais und Brennholz erreichen, viel zu wenig für die Not der ausgebombten Flüchtlinge aus dem Ruhrgebiet und die heimatlosen Familien aus Ost-Europa. Vielen konnte er einen Acker an der Ach oder im Ried zuweisen. Sogar auf dem Schulplatz wurden Mais und Kartoffeln angebaut. Die Gärtner Stöckli, Hans Schwerzler und Gebhard Mohr mußten große Mengen von Setzlingen produzieren. Einen besonderen Beitrag leistete auch die Familie Erwin Karg mit dem Anbau von Gemüse auf den steinigen Insel-Gründen. Feldwachen mußten nachts die Äcker schützen. Im August wurden alle "Reichsdeutschen" ausgewiesen. Mit ganz wenig Handgepäck wurden sie auf Lastautos an die Grenze transportiert, auch Frauen mit kleinen Kindern. Sogar der Wirt August Keckeisen, der den Gasthof "Sternen" schon seit 1931 besessen hatte, mußte gehen. Seine Gastwirtschaft wurde als "deutsches Eigentum" beschlagnahmt und für einige Flüchtlingsfamilien als Notquartier bestimmt.8 Am 25. November 1945 fanden Wahlen zum Landtag und zum Nationalrat statt. Die 15 14 ehemaligen "Partei"-Mitglieder blieben ausgeschlossen und viele Männer waren noch in der Kriegsgefangenschaft. So waren von den Wahlberechtigten mehr als zwei Drittel Frauen. Zum weit überwiegenden Teil wählten sie die neu gegründete ÖVP. Auf Grund des für die Kommunisten negativen Ergebnisses legte Karl Geiger sein Mandat zurück. An seiner Stelle machte die SPÖ den ehemaligen Wehrmachts-Offizier Armin Schertler namhaft. Dieser übernahm auch die Verwaltung des Sternens. Das folgende Jahr stand ganz im Zeichen der "Entnazifizierung". Nur schwer konnte die Wirtschaft angekurbelt werden. Politische Gutachten spielten bei Betriebsgenehmigungen und Wohnungsvergaben eine große Rolle. Ohne eigene Wahlen wurde 1947 per Gesetz bestimmt, daß die Landtagswahlergebnisse von 1945 jetzt auch für eine Gemeindevertretung Gültigkeit hätten. Das ergab in Wolfurt 10 Mandate für die ÖVP und 3 für die SPÖ. Einstimmig wählte diese "Provisorische" Gemeindevertretung am 16. April 1947 Ludwig Hinteregger zum Bürgermeister. Jetzt konnte dieser neue Aufgaben anpacken. Große Aufmerksamkeit widmete er den Vereinen, die bei der Umerziehung der im Nationalsozialismus aufgewachsenen Jugend mitwirken sollten. Die Gemeinde half bei der Renovierung des arg verwahrlosten Vereinshauses und unterstützte 1947 die Gründung des Fußballklubs. 1948 begannen die Vorarbeiten für ein Gemeinde-Wasserwerk. An der Ach wurde Grund für neue Siedlungen erschlossen und für 5 Schilling pro m2 verkauft. Eine Erweiterung des Schulhauses wurde geplant. Die Verhältnisse normalisierten sich. Geradezu symbolisch konnte im Jahre 1950 endlich der Maisacker auf dem Schulplatz wieder zu einem Sportplatz eingesät werden. Aus den bitteren Erfahrungen seiner ersten Amtszeit bemühte sich Ludwig Hinteregger sehr, den Frieden in der Gemeindestube zu sichern. In Land und Bund bekriegten sich die politischen Parteien schon wieder. Die Aufstellung einer Einheits-Liste für die Gemeinde-Wahlen 1950 gelang ihm aber nicht mehr. Er lehnte daher eine von vielen erhoffte Wiederwahl zum Bürgermeister ab, war aber bereit, noch einmal eine Periode lang als Gemeinderat zu dienen. Nach zwei Jahren mußte er sogar noch einmal das Amt des Ersten Gemeinderates und Vizebürgermeisters übernehmen und hatte als solcher entscheidenden Anteil bei der Lösung seiner letzten großen Aufgabe, des Wolfurter Wasserwerks. Erst dieses ermöglichte die Besiedlung der Bühel und der Felder. 1955 zog sich Hinteregger ganz aus der Gemeindevertretung zurück, der er 29 Jahre lang angehört hatte, davon 19 Jahre als Bürgermeister. Anläßlich seines 70. Geburtstages bedankte sich die Gemeinde für sein Wirken und überreichte ihm als Ehrengeschenk ein Bild vom Kriegerdenkmal. Bis ins hohe Alter arbeitete Hinteregger aber noch unermüdlich im Kirchenrat und im Krankenpflegeverein weiter mit und kümmerte sich um Kirchenfahnen und Schneeräumung und natürlich auch um seine Landwirtschaft. An seiner Seite stand, immer still und bescheiden im Hintergrund, seine Frau Rosa. Sie war eine Tochter des Lammwirts Gebhard Fischer und hatte ihrem Gatten sechs Kinder geschenkt. Eine besondere Freude war für beide, daß der Sohn August zum Priester geweiht und schließlich 16 Pfarrer in Bildstein wurde. Aber auch die zahlreichen Enkel scharten sie oft um sich. 1973 konnten sie ihre Goldene Hochzeit feiern. Bald danach ist Ludwig Hinteregger im Alter von fast 81 Jahren gestorben. Sein letzter Wunsch um eine schlichte Beerdigung ohne jede Grabrede wurde erfüllt. 20. Emil Geiger 1950-1952 Geb. 2.9.1923, lebt in Bregenz Die Gemeindewahlen von 1950 waren seit 1929 die ersten, die wieder nach demokratischen Grundsätzen durchgeführt werden konnten. Eine Reihe von älteren Gemeindemandataren war abgetreten, junge Kriegsheimkehrer nahmen ihre Plätze ein. Viele ehemalige Angehörige der NSDAP durften jetzt wieder wählen, die meisten sammelten sich im VDU Bild 10: Bürgermeister Emil Geiger (Verband der Unabhängigen). In der Gemeinde Wolfurt bildeten sie mit anderen oppositionellen Wählern die Liste Unabhängige Wählerschaft und erreichten auf Anhieb 6 der nunmehr 21 Mandate. Die traditionelle Allgemeine Wählerliste, die mit dem abtretenden Bürgermeister Hinteregger der ÖVP nahe stand, erhielt 13 Mandate. Der SPÖ verblieb ein einziges Mandat, das der aus Lauterach ins Wolfurter Wida zugezogene langjährige Landtagsabgeordnete Josef Greußing ausübte. In der Konstituierenden Sitzung vom 11. Mai 1950 erhielt Emil Geiger, der junge Kandidat der Allgemeinen Wählerpartei, nur 12 von den 21 Stimmen. Die Unabhängigen hatten geschlossen für Hinteregger gestimmt. Emil Geiger gehörte einer alten Wolfurter Sippe an. Ihr Stammvater Sebastian Geiger hatte schon 1666 aus Alberschwende nach Wolfurt geheiratet. Nun lebte die Familie Adolf Geiger im Röhle und betrieb dort eine kleine Landwirtschaft. Die Mutter Theresia war eine Tochter des Holzer-Schmieds August Böhler. Von den neun Kindern war Emil das älteste. Im Krieg war er 1943 in Tunesien in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten. Nach langen Arbeitseinsätzen in den USA wurde er erst 1946 in die Heimat entlassen. Hier hatte er dann eine Stelle als Angestellter im Landesdienst gefunden. Eine Flut von Arbeit wartete nun auf den jungen Bürgermeister. Das Wasserwerk nahm konkrete Formen an. Die Arbeiten für das Pumpwerk im Schulhof, die Rohrleitungen und den Hochbehälter auf dem Bühel über der alten Bucherstraße wurden 17 vergeben. Schon im Juli 1951 ging das erste Teilstück des Werkes in Betrieb und versorgte 130 Häuser. Nun schloß die Gemeinde auch das alte Rickenbacher Netz an. Eine rege Bautätigkeit hatte eingesetzt. Die Siedlungen weiteten sich in die Felder hinab und auf die Bühel hinauf aus. Der Bürgermeister ließ ein neues Häuserverzeichnis erstellen. Das letzte (D) aus dem Jahre 1900 hatte die damals 290 Häuser fein säuberlich von der Höll an der Ach bis in den Schlatt an der Schwarzacher Grenze aufgereiht. Dazu waren aber in den 50 Jahren bis 1950 in der ganzen Gemeinde verstreut weitere 130 Hausnummern vergeben worden. Für Orts-Unkundige und oft auch für Einheimische waren sie meist nur mehr mit Hilfe der Parzellennamen zu finden. In der Gemeindekanzlei häuften sich weitere Ansuchen um Baugenehmigungen, Grundtrennungen und Zufahrtswege. Auch die Schule mußte saniert werden. Das dunkle hölzerne Stiegenhaus und vor allem die stinkenden alten Abortanlagen erregten berechtigte Kritik. In die Neuplanung wurde eine Vergrößerung der Kanzlei mit einbezogen. Ganz überraschend legte da Bürgermeister Geiger Ende April 1952 nach nur zweijähriger Amtsführung ein Rücktritts-Schreiben vor. Hauptgrund war seine Absicht, sich in Bregenz zu verehelichen und dort wieder in den Landesdienst einzutreten. Er berücksichtigte aber wohl auch, daß sein Bruder August Geiger die ausgeschriebene Stelle als Gemeindesekretär im April 1952 angetreten hatte. So stellten sich keine Fragen der Befangenheit. Der junge Alt-Bürgermeister Emil Geiger hatte später mit seiner Frau Hedwig Schönherr in Bregenz sechs Kinder. Viele Jahre lang arbeitete er in leitender Stellung bei der Hypothekenbank. Mit Wolfurt blieb er immer eng verbunden. großes Stiegenhaus mit modernen WCAnlagen angebaut. Daneben konnten das Gemeindeamt erweitert und endlich ein schönes Sitzungszimmer für die Gemeindevertretung geschaffen werden. Einfache Dusch-Anlagen im Keller erlaubten den meisten Schülern einen ersten Kontakt mit neuzeitlicher Hygiene. Das übergroße Stiegenhaus sollte den Anbau neuer Klassen ermöglichen, denn obwohl die Schülerzahl noch bis zu einem Tiefststand von 269 im Jahre 1954 am Sinken war, erkannte der Bürgermeister aus den Geburtenzahlen, daß sich das bald ändern würde. Im Jahre 1954 erhielt die Schule in Josef Heinzle einen neuen Leiter. An den Gemeindegrenzen hatte Bürgermeister Gunz Tafeln aufstellen lassen, die die Einwohnerzahl von Wolfurt mit 2400 angaben. Offiziell waren es bei der VolksBild 11: Bürgermeister Alfons Gunz 21. Alfons Gunz 1952-1957 Geb. 14.7.1899, gest. 19.6.1969 Schon seit 1929 hatte der Rickenbacher Mühlenbesitzer der Gemeindevertretung angehört. 1931 war er als Nachfolger des plötzlich verstorbenen Kreuzwirts und als Vertreter für Rickenbach zum Gemeinderat gewählt worden. Seither hatte er diese Funktion mit Ausnahme der sieben Jahre Nationalsozialismus ununterbrochen ausgeübt. Vom Ersten Gemeinderat rückte er nun nach dem Rücktritt des Vorgängers zum Bürgermeister auf und wurde als solcher bei der Neuwahl im August 1952 einstimmig bestätigt. Die Familie Gunz stammt aus Bildstein-Staudach. Von dort war Josef Gunz 1853 nach Rickenbach gekommen und hatte im Tobel einen neuen Müllerbetrieb angefangen. Von seinen tüchtigen Söhnen hatte Plazidus Gunz eine große Mühlen-Filiale in Bludenz aufgebaut. Dessen Sohn Alfons war aus Bludenz nach Wolfurt zurückgekehrt und hatte hier die Leitung des Stamm-Werkes übernommen. Die Wolfurter GunzMühle ist später im Jahre 1978 abgebrannt. Mit seinem unternehmerischen Denken versuchte der neue Bürgermeister, in dem konservativen Wolfurt einiges zu verändern. Zuerst wurde an das alte Schulhaus ein zählung 1952 bereits 2455 gewesen. Der Ausbau des Wasserwerks wurde mit Nachdruck fortgesetzt. Am 12. Juli 1953 konnte es eingeweiht und mit einem großen Volksfest eröffnet werden. Die Gemeinde übernahm jetzt auch die beiden alten Brunnen im Dorf in ihre Obhut. Die beiden Brunnen in Strohdorf und Hub wurden weiter von den dortigen Brunnen-Genossenschaften betreut. Überall wuchsen neue Einfamilienhäuser aus dem Boden, oft von den zukünftigen Bewohnern in harter Arbeit am Feierabend und an Samstagen eigenhändig gebaut. 1952 vergab der Bürgermeister die letzte D-Hausnummer 446 ganz oben beim Hochbehälter. Die 32 Häuser des Jahres 1953 bekamen vorerst keine Nummern mehr. Zum 1. Jänner 1954 stellte die Gemeinde auf Straßenbezeichnungen um. Viele alte Flurnamen blieben darin erhalten, andere gerieten seither in Vergessenheit. Zu den ganz neuen Problemen zählten jetzt Kanalisierung und Müll-Abfuhr. 1956 wurde der erste große Kanal durch die Bützestraße und die Lauteracherstraße zu einem mit Lauterach geplanten Klärwerk im Ried gebaut. Anschließend wurden beide Straßen asphaltiert - als erste nach der "oberen" Straße von 1931! Gar nicht leicht waren die Wolfurter zur Einführung von Müllkübeln zu bewegen. Ab 1957 begann die Gemeinde aber doch, die großen Tümpel im Flotzbacher Lehmloch mit Haushaltsmüll aufzufüllen. Mit Dr. Lothar Schneider kam 1956 ein neuer Gemeindearzt nach Wolfurt. Vom großen bisherigen Sanitätssprengel Wolfurt waren Schwarzach und Bildstein abgetrennt 19 18 Bild 12: Erster Kanal 1955 in der Bütze tödlich. In der schwierigen Situation kam die Idee auf, den nicht der Gemeindevertretung angehörenden pensionierten Postmeister Julius Amann zum Bürgermeister zu wählen. Es bedurfte vieler Vorsprachen, bis das Land seine Genehmigung für dessen vorerst nur provisorische Amtsführung gab. Inzwischen leitete der zurückgetretene Bürgermeister Gunz noch die meisten Sitzungen, darunter auch die FestSitzung vom 18. Jänner 1957, in welcher Prof. Dr. Lorenz Böhler zum Ehrenbürger ernannt wurde. Am 1. März 1957 wurde dann Amann gewählt. Gunz verblieb als einfacher Gemeindevertreter bis 1960 und als Ersatzmann sogar noch bis 1965. Jetzt widmete er sich ganz seiner Familie und seiner Firma Mühle-Gunz. Von seinen drei Kindern arbeitete die Tochter Gertrud später ebenfalls viele Jahre in der Gemeindevertretung mit. 22. Julius Amann 1957-1960 Bild 13: Sanierte Schule und Spritzenturm 1958 Geb. 22.7.1888, gest. 9.5.1971 Auf ungewöhnliche Art hatte also der allseits sehr beliebte Postmeister Amann, der schon bisher Standesbeamter gewesen war, noch im Alter von 69 Jahren die Bürde des Bürgermeisteramtes auf sich genommen. Amann stammte aus Rankweil und war nach vielen Dienstjahren bei der Post in Hohenweiler 1925 nach Wolfurt gekommen, weil dem Postmeister hier in der "Post" eine Wohnung für seine große Familie zur Verfügung stand. Das Haus gehörte der Gemeinde. Amanns bewohnten den ersten Stock über dem ebenerdigen Postamt. Den zweiten Stock hatten die Krankenschwestern für sich. Zur Familie Amann zählten neben Vater Julius und Mutter Hedwig, geborene Feurle aus Krumbach, neun jetzt schon erwachsene Kinder, eine Tochter und acht Söhne. Von den Söhnen waren Karl und Erich im Krieg gefallen. Die meisten anderen hatten Wolfurt verlassen. Die Tochter Erna hatte mit dem Nachbarn Edelbert Köb eine Familie in Bludenz gegründet. Ihr Sohn Edelbert ist später Mitbegründer und erster Leiter des Kunsthauses Bregenz geworden. In seiner Freizeit war Amann Schütze und Jäger. Viele ehemalige Schüler erinnern sich noch an die großen Käfige hinter dem Bild 14: Bürgermeister Julius Amann 21 worden. In die Volksschule schulten über 50 Erstkläßler ein. Ab jetzt mußten Parallelklassen geführt werden. Bei den GV-Wahlen von 1955 hatte die ÖVP zum ersten Mal unter diesem Namen kandidiert und 15 von den jetzt 24 Mandaten erhalten. Die Unabhängigen bekamen 6, die SPÖ 3 Mandate. Eines dieser drei besetzte als erste Frau in der Wolfurter Gemeindestube Anna Fischer (Stöoglars). Innerhalb der ÖVP hatten die Wähler stark umgereiht Die "alten" waren zurückgefallen, junge "Studierte" machten ihnen die Plätze streitig. Trotzdem war Alfons Gunz noch einmal zum Bürgermeister gewählt worden. In der Folgezeit kam es aber zu vielen Reibereien innerhalb seiner Fraktion. Am 1. Oktober 1956 legte Gunz deshalb sein Amt nieder. Der junge Erste Gemeinderat Dr. Georg Herburger sollte sein Nachfolger werden. Am gleichen Tage verunglückte dieser aber auf der Heimfahrt aus Deutschland zur entscheidenden Sitzung 20 Rankweil. Nach dem Tod seiner Frau Hedwig betreute ihn Frau Paulina Gorbach aus Wolfurt noch viele Jahre lang. In seinem Geburtsort Rankweil ist Julius Amann 1971 gestorben und unter großer Anteilnahme der Wolfurter Bevölkerung begraben worden. 23. Hubert Waibel 1960-1985 Geb. 6.11.1922, wohnt in Wolfurt-Kella Die Vorbereitung der GV-Wahlen von 1960 führte zunächst zu Auseinandersetzungen innerhalb der Wolfurter ÖVP Man suchte einen jungen dynamischen Spitzenkandidaten und stieß dabei auf den 38jährigen Hubert Waibel. Dieser stellte sich der ÖVP als Quereinsteiger zur Verfügung und errang mit ihr auf Anhieb 16 der 24 GV-Mandate. Als Vizebürgermeister stand Hubert Mohr an seiner Seite. Die beiden ersten Ehrenbürger: Bild 15: Pfarrer Joh. Gg. Sieber 1901 Bild 17: Bürgermeister Hubert Waibel Bild 16: Prof. Dr. Lorenz Böhler 1957 Garten der Post, wo er gefangene Marder hielt. Nun tauschte er also das freie Jägerleben im Interesse der Dorfgemeinschaft gegen ein zermürbendes Kanzlei-Dasein ein. Am meisten beschäftigten ihn die vielen Bauverhandlungen für immer noch mehr Einfamilienhäuser. Um 35 Prozent stieg die Bevölkerung in diesem Jahrzehnt auf 3391 im Jahre 1961. Jetzt zwangen die vielen Schulkinder im Jahre 1958 die Gemeinde zum Anbau von vier Klassen an das neue Stiegenhaus. Am 3. Mai 1959 wurde die "Heimkehrer-Siedlung" im Neudorf eingeweiht. Im Juni 1957 hatte Bürgermeister Amann an Dr. Böhler die Ehrenbürger-Urkunde überreicht. Böhler war nach Pfarrer Sieber im Jahre 1901 erst der zweite Wolfurter Ehrenbürger. Der weltberühmte Unfall-Chirurg hat später für die Wolfurter Schüler den begehrten Böhler-Preis gestiftet. Im September 1957 kam Gebhard Willi, der bisherige Kaplan von Egg, vorerst als Pfarr-Provisor nach Wolfurt. Eineinhalb Jahre leitete Amann seine Gemeinde "provisorisch". Ein eigens vom Landtag beschlossenens Gesetz ermöglichte am 21. September 1958 eine Volksabstimmung über ihn. Von 91 Prozent der Wähler erhielt er Zustimmung. Damit war er der erste und einzige Volkswahl-Bürgermeister in Vorarlberg geworden. Amann dürfte erleichtert gewesen sein, als er bei den Wahlen von 1960 sein Amt wieder zurücklegen konnte. Bald danach übersiedelte er in sein Elternhaus nach 22 Beide sahen in einer völligen Umstrukturierung der Gemeinde ihre wichtigste Aufgabe. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft und der Erschließung der dadurch frei gewordenen Baugründe war Wolfurt eine finanzschwache Zuzugs- und Wohn-Gemeinde geworden. Schon konnte die Schule die Schulkinder nicht mehr fassen. Eine unglaubliche Geburtenrate von 31,6 auf Tausend (1960: 105 Geburten bei 3391 Einwohnern!) deutete auf eine kommende Bevölkerungs-Explosion hin.'' Daraus mußten gewaltige Ausgaben im Straßen-, Wasser-, Kanal-, Schul- und Siedlungsbau erwachsen. Das würde die Wolfurter Finanzen ganz sicher überfordern! Die jungen Arbeiter und Arbeiterinnen aus Wolfurt pendelten in die Nachbargemeinden aus. Große Busse voll wurden täglich in die Dornbirner Fabriken geholt. Nur wenig vom SteuerErtrag der andernorts wachsenden Industrie floß in die Gemeindekasse. Schon in seinem ersten Jahr als Bürgermeister gelang es Hubert Waibel. mit Pawag und Roylon zwei große Firmen auf den Achwuhr-Gründen anzusiedeln. Damit leitete er, unterstützt von der Expansion der Rickenbacher Firma Doppelmayr, für Wolfurt den Weg zur Industrie-Gemeinde ein. 25 Jahre lang hat er mit der Ansiedlung weiterer Betriebe konsequent diese Richtung beibehalten. Die steigenden Steuer-Einnahmen machten Wolfurt zu einer finanzstarken Gemeinde und erlaubten schließlich große Investitionen für Gemeinde, Schulen und Vereine. Als "Architekt des modernen Wolfurt" hat später sein Nachfolger den Bürgermeister Hubert Waibel bezeichnet. 23 Neben der Ansiedlung von Betrieben mußten ständig Schulen gebaut werden. Zwei Jahrzehnte lang wurde dafür jeweils ein Drittel des Gemeinde-Budgets bereit gestellt: 1962 Hauptschule mit Turnhalle 1967 Volksschule Bütze mit Kindergarten 1971 neue Hauptschule mit zweiter Turnhalle 1976 Volksschule Mähdle mit Kindergarten 1984 Hofsteig-Sporthalle zur Hauptschule. Gegen großen Widerstand der Behörden hatte Wolfurt 1961 die Errichtung einer Hauptschule durchgesetzt. Unter Direktor Hans Vogl wurden hier bald auch die Schüler aus Buch, Bildstein und Schwarzach unterrichtet. Bei der Hauptschule wurde ab 1964 ein Kindergarten geführt, erstmals wieder seit der NS-Zeit. Ab 1965 baute hier Direktor Aldo Kremmel sogar eine Musikschule auf, die allererste in einer Vorarlberger Landgemeinde. Eine besonders wichtige Entscheidung war der 1964 erfolgte Ausbau der "unteren" Straße zur Hauptdurchzugsstraße. Mit dem Aushub wurde das früher als Müll-Deponie verwendete Vorland der Ach so saniert, daß später dort ein großer Kinderspielplatz und der Bauhof Platz fanden. Die Wahlen von 1965 bestätigten den neuen Kurs eindrucksvoll mit 19(!) von 24 Mandaten für die ÖVP. Für die neuen Strukturen war der Bau eines eigenen Gemeindehauses notwendig geworden. 1967 konnten das Rathaus und das angebaute Postamt bezogen werden. Im gleichen Jahr wurde auch die Totenkapelle eingeweiht, ein sichtbares Zeichen für die vielen inneren Veränderungen im Leben der Gemeinde.10 1972 folgte der Neubau eines großen Feuerwehrhauses. Alle die vielen Wolfurter Vereine konnten jetzt großzügig gefördert werden. Die Schützen bezogen 1975 ihren schönen Schießstand an der Ach, der Alpenverein 1980 seine "Alte Schmiede" im Holz. Turner, Ringer und Fußballklub erhielten neue Trainingsstätten. Als kultureller Mittelpunkt der Gemeinde wurde das Vereinshaus mehrmals verbessert. An der Ach, an der Lerchenstraße, am Martinsweg, im Kessel, auf dem Rebberg und an der neuen Bildsteiner Straße entstanden große Siedlungen, zum Teil mit Wohnblocks und Hochhäusern. Die Gendarmerieposten von Kennelbach und Schwarzach wurden 1977 mit dem neu errichteten Posten Wolfurt vereinigt. 1979 konnte das Seniorenheim an der Lauteracher Straße eröffnet werden. Jahrhunderte lang hatte die Gemeinde mit wenigen Versorgungsplätzen im "Leprosenhaus" in Bregenz das Auslangen gefunden. Die Veränderung der Familienstruktur, die Abkehr von der bäuerlichen Großfamilie, machte die Betreuung der alten Menschen zu einer ständig wachsenden Aufgabe. Alle diese vielen Veränderungen wurden aber von zwei Jahrhundert-Problemen in den Schatten gestellt, von Güterbahnhof und Autobahn. Mehr als zehn Jahre lang beschäftigten sie den Bürgermeister und die Gemeindevertretung. Die unterschiedlichen Planungen rissen Klüfte vor allem gegenüber Bregenz 24 Bild 18: Der Güterbahnhof 1993. Gewaltige Gleisanlagen beanspruchen riesige Flächen und Hard auf, sie entzweiten aber auch die Gemeindebürger., Mit dem neuen Flächenwidmungsplan hätte eine "Dörfer-Straße" den Durchzugsverkehr von Schwarzach, Lauterach und Wolfurt aufnehmen sollen. Der lange Kampf gegen die Autobahn ging trotz Vorsprachen in Wien und Demonstrationen verloren. Jetzt mußte für ihr breites Band eine ganze Reihe von neuen Häusern abgebrochen werden. Immerhin hatte Wolfurt den Bau von Schutzdämmen und Verbindungsbrücken erreicht. Im Jahre 1980 wurde die Autobahn durch den Pfänder-Tunnel und durch Wolfurt in Betrieb genommen. Das Abgehen von einer Schweiz-nahen Trasse und der Verzicht auf die Dörferstraße hatten schwerwiegende Folgen. Bregenz und Hard und der internationale Verkehr rufen seither nach einer Transit-Autobahn in die Schweiz. Jn Wolfurt und in Lauterach sind viele Wohnungen an den Hauptstraßen verödet. Die Auslagerung des Bregenzer Güterbahnhofs brachte einen schmerzhaft großen Eingriff in das kostbare Wolfurter Ried mit sich. In zwölfjähriger Bauzeit wurde von 1970 bis 1982 mit ungeheurem Kostenaufwand der größte Güterbahnhof West-Österreichs errichtet. Die Eröffnung nahm 1982 Bundeskanzler Bruno Kreisky vor. Beim Güterbahnhof und seinen Container-Kranen siedelten sich u.a. das zentrale UmleitePostamt für Vorarlberg, ein Groß-Zollamt und zahlreiche Speditionen an. Das anschließende Gewerbegebiet stärkt mit zahlreichen Arbeitsplätzen die Wirtschaftskraft der Gemeinde. Die überregionale Bedeutung des Güterbahnhofs war ausschlaggebend dafür, daß Wolfurt über Antrag von Bürgermeister Waibel ab 1. Mai 1982 zur Marktgemeinde erklärt wurde. Bei den zahlreichen Festen und Ausstellungen zu diesem Anlaß gelang es dem Bürgermeister durch seinen persönlichen Einsatz, eine Kopie des von Legenden umwobenen "Wolfurter Kelchs" von 1365, der im Schweizer Staatsschatz 25 Bild 19: Markterhebung! Die Urkunde zum 1. Mai 1982 aufbewahrt wird, zu erwerben. Nachhaltig hat er damit das Geschichtsbewußtsein von Wolfurt beeinflußt. Auf kulturellem Gebiet dürfen der Neubau des Kultursaals und der Bücherei 1982 nicht vergessen werden. Auch der Bau des 1985 eröffneten Pfarrheimes war von der Gemeinde maßgeblich unterstützt worden. Unter Mitverantwortung von Gemeinderat Pompl wurde das Wasserwerk mit einem modernen Pumpwerk an der Wälderstraße und einem riesigen Hochbehälter im Frickenesch völlig erneuert und 1983 eingeweiht. Längst hatte die Kanalisierung zu einer gemeinsamen Groß-Abwasserreinigungsanlage mit Lauterach und Hard in Hard geführt, an welche sich später noch andere Gemeinden des unteren Rheintals anschlossen. Eine Krönung für des Bürgermeisters erfolgreiche Arbeit für die Sportvereine war die 1984 erfolgte Eröffnung der Hofsteig-Sporthalle, die seither bei zahlreichen nationalen und internationalen Wettkämpfen unserer Gemeinde viel Anerkennung eingetragen hat. Daß Hubert Waibel auch Rückhalt bei anderen Vereinen hatte, zeigen seine Obmannschaft bei Gesangsverein und Kneippverein. Bei der Feuerwehr wurde er Ehrenmitglied und von den Schützen erhielt er die Goldene Ehrennadel. Aber natürlich hatte der Bürgermeister bei seinen vielen Aktivitäten auch Kritiker, vor allem solche in der eigenen Partei. Manchen aus den konservativen Reihen ging das Wachstum zu schnell. 26 Sehr häufig wechselten die Vizebürgermeister, einige davon wurden durch Krankheit oder plötzlichen Tod abberufen. Weil die insgesamt sieben Vizebürgermeister an seiner Seite auch einen großen Anteil an der Entwicklung der Gemeinde hatten, seien hier wenigstens ihre Namen festgehalten: Hubert Mohr ab 1960, Dr. Adolf Schwärzler ab 1962, Dr. Richard Hinteregger ab 1963, Otto Gratt ab 1970, Dr. Gerhard Hammer ab 1975, Heinrich Beuchert ab 1980 und Helmut Schertler 1983 bis 1990. Schon 1966 hatte die Gemeinde den neu geschaffenen Ehrenring an die beiden Krankenschwestern Sr. Epiphania (Härle) uns Sr. Theodora (König) verliehen. Beide hatten viele Jahre lang Kranke und Sterbende betreut. 1976 erhielt mit Hubert Mohr ein Gemeindemandatar mit vielerlei Verdiensten um die Dorfgemeinschaft den Ring. Schließlich wurde er 1983 auch an Pfarrer Gerbhard Willi für sein langjähriges Wirken in Wolfurt vergeben. Als Waibel 1985 seine fünfte Periode als Bürgermeister abschloß, hatte er dieses Amt 25 Jahre und damit weitaus am längsten innegehabt. Darüber hinaus hatte er von 1964 bis 1984 zwanzig Jahre lang erfolgreich im Landtag mitgewirkt, davon ab 1974 als Obmann des wichtigen Rechtsausschusses. Das Land zeichnete ihn mit dem Silbernen Ehrenzeichen aus. Ab 1970 war Waibel Vizepräsident und ab 1974 Präsident des Vorarlberger Gemeindeverbandes. Der Verband erkannte seine Arbeit 1985 mit der Ernennung zum Ehrenpräsidenten an. Auch als Delegierter zum Österreichischen Gemeindebund in Wien hatte Waibel viele Jahre lang erfolgreich die Interessen der Gemeinden vertreten. Das würdigte der Gemeindebund 1986 mit der Ernennung zum Ehrenmitglied. Kein Wolfurter hat je so hohe politische Funktionen ausgeübt, keiner mußte je solche Verantwortung in einer sprunghaft wachsenden Gemeinde tragen. Im Jahre 1960 hatte er ein Bauerndorf mit 3391 Einwohnern übernommen. In den zehn Jahren bis zur Volkszählung 1971 stieg die Zahl auf 5732. Das war mit unglaublichen 69(!) Prozent der allerhöchste Zuwachs in ganz Vorarlberg gewesen, der erst durch "Pillenknick" und "Ölschock" um 1970 deutlich abflachte. Im Jahre 1985 konnte der Bürgermeister an seinen Nachfolger eine blühende Marktgemeinde mit 6600 Einwohnern übergeben, dazu noch beachtliche finanzielle Rücklagen zur Lösung weiterer Aufgaben. Stets hatte der Sparmeister ja das Notwendige und das Nützliche im Auge gehabt, das "Angenehme" dagegen erst auf den dritten Platz gereiht. So waren zum Beispiel mustergültig mit modernsten Lehrmitteln ausgestattete Schulen entstanden, zum Eislaufen und ins Hallenbad führte man die Schüler dagegen in die benachbarten Städte. Für seine Verdienste ernannte die Gemeindevertretung Hubert Waibel zum Ehrenbürger der Marktgemeinde. Am 26. Oktober 1992 überreichte Bürgermeister Erwin Mohr dem "Architekten des modernen Wolfurt" die Urkunde. Zu hohen Ehren hatte es der Sohn aus einer einfachen Familie gebracht. Sein Vater Johann Waibel stammte aus Ebnit und war mit einigen Geschwistern nach dem Ersten Weltkrieg nach Wolfurt zugezogen. Hier hatte er Wilhelmine Müller, Seogars 27 aus Rickenbach, geheiratet. Sechs Kinder wurden ihnen geboren, von denen Hubert das älteste war. In der Not der Zwischenkriegszeit wuchsen sie in bescheidenen Verhältnissen in verschiedenen Mietwohnungen auf. Auf den Besuch der Handelsschule in Lustenau folgten für Hubert bald Kriegseinsatz und Gefangenschaft. Nach einer Anstellung im Büro der Stickereifirma Franz Mäser in Dornbirn übernahm er die Kaufmännische Leitung der Mohren-Brauerei. Von dort holte ihn die Gemeinde Wolfurt als Bürgermeister. Im Sommer 1954 hatte er Inge Jordan aus Dornbirn geheiratet und bald mit ihr sein Einfamilienhaus im Kella bezogen. Fünf Töchter sind dort aufgewachsen. Der rüstige Großvater lebt aber keineswegs im "Ruhestand". Als Vorsitzender des Landes-Seniorenbeirats kümmert er sich um die Anliegen der alten Leute. Seine Fahrten nach Wien lassen sich jetzt aber auch manchmal mit Besuchen in Oper oder Theater verbinden. Dazwischen führt ihn sein lange Zeit unterdrücktes Fernweh auf KulturReisen in die weite Welt hinaus. 24. Erwin Mohr seit 1985 Geb. 25.6.1947 Die anhaltente Expansion der letzten Jahrzehnte hatte auch ihre Schattenseiten. Straßen- und Siedlungsbau hatten viel Boden gefordert, der Verkehr war zur Belastung geworden. Viele Bäche und Brunnen waren verschwunden. Waldsterben und Wasserverschmutzung schreckten die Menschen auf. An vielen Orten entstanden Bürgerbewegungen, die sich vor allem gegen neue Straßen und den Massenverkehr wehrten. Zur GV-Wahl von 1985 suchten die Verantwortlichen daher einen Kandidaten, der dieser Entwicklung Rechnung tragen sollte. Im 38jährigen Erwin Mohr fanden sie einen tatkräftigen Mann, dem sie das schwere Amt anvertrauen wollten. Wieder sollte ein Quereinsteiger die Gemeinde führen. Mit 19 von 27 Mandaten erhielt die stark verjüngte ÖVP in Wolfurt wieder ihre frühere Zweidrittel-Mehrheit. Die vom Gegenkandidaten Gemeinderat Pompl angeführte SPÖ errang mit 7 Sitzen ihr bisher bestes Ergebnis. Dagegen fiel die FPÖ auf ein einziges Mandat zurück. In den folgenden Jahren konnte Bürgermeister Mohr die Hoffnungen der Wolfurter Wähler so weit erfüllen, daß er mit seiner Partei 1990 sogar noch auf 20 Mandate zulegen konnte und auch später ähnlich hohe Ergebnisse erreichte. Erwin Mohr war als ältestes von sechs Kindern der Eheleute Siegfried Mohr und Elsa Klocker in Wolfurt-Hub aufgewachsen. Sowohl die Mohr als auch die Klocker sind alte Dornbirner Geschlechter, deren Nachkommen seit 1700 in Wolfurt seßhaft sind und sich hier in zahlreiche Linien aufgespaltet haben. Nach dem Besuch der Handelsschule in Bregenz trat der 16jährige Erwin in die "Erste Allgemeine VersicherangsA.G." in Bregenz ein und arbeitete dort 21 Jahre lang im Innen- und im Außendienst. Daneben leitete er zusammen mit seiner Mutter Elsa zehn Jahre lang die Aral-Tankstelle in Wolfurt-Schlatt. 1979 heiratete er Albine De Gasperi aus Dornbirn und be28 zog mit ihr wenige Jahre später das neu erbaute Einfamilienhaus an der Unterhubstraße. Dort wachsen jetzt die drei Söhne heran. Im Jahre 1985 übernahm Erwin Mohr also von Hubert Waibel das Bürgermeisteramt. Im gleichen Jahr ergaben sich in Wolfurt noch andere wichtige Wechsel. In der Pfarrei folgte nach 28 Jahren auf Pfarrer Gebhard Willi der bisherige Kaplan German Amann. Nach 29 Jahren verdienstvollen Wirkens überließ der Gemeindearzt Dr. Lothar Schneider die Ordination seinem Sohn Dr. Gerold Schneider. Schließlich übergab auch noch Dir. Hans Vogl die Leitung der Hauptschule, die er 24 Jahre lang innegehabt hatte, an Siegfried Heim. Ein Jahr später übernahm 1986 Dr. Sylv Schneider von August Geiger das Amt des Gemeindesekretärs, das dieser seit 1952 ausgeübt hatte. Bild 20: Bürgermeister Erwin Mohr Schon das erste Konzept des neuen Bürgermeisters ließ aufhorchen. Es enthielt neben der Fortsetzung des erfolgreichen bisherigen Kurses neue zusätzliche Ziele: "Grundreserven sparen", "Ortskern-Gestaltung", "Wander- und Radwege", "FreizeitBewältigung" und andere. Natürlich mußten weiterhin zahlreiche Häuser gebaut werden. Der neue Trend zur Klein- und Einpersonen-Familie erhöhte den Bedarf und ließ schließlich sogar weitere Groß-Siedlungen an der Unterlinden- und an der Fattstraße entstehen. Die Einwohnerzahl stieg aber nur mehr langsam auf 7326 im Jahre 1991 und auf 7864 im Jahre 2001 an. Jetzt war Wolfurt von der Nachbargemeinde Lauterach, die 1971 noch hinter Wolfurt gelegen war, um mehr als 800 Personen überholt worden. Auch der Zuzug von fremdsprachigen Gastarbeiter-Familien aus Jugoslawien und der Türkei hatte nachgelassen. Immerhin hatten sie eine Zeit lang mit fast 20 Prozent der Wohnbevölkerung den Schulen besondere Aufgaben gestellt. Zahlreiche neue Betriebe ließen sich nieder. Das Straßennetz wurde nur mehr behutsam erweitert, an manchen Stellen sogar zugunsten von Radfahrern und Fußgängern zurückgebaut. Mit hohem Einsatz bekämpfte Bürgermeister Mohr unermüdlich die drohende Auto-Transitstraße S 18 durch das Ried. Er diskutierte mit den GemeindeVerantwortlichen die Umwelt-Empfehlungen des "Club of Rome" und die Auswirkungen der Tschernobyl-Atomkatastrophe von 1986. 29 Bild21:Der Cubus. Der neue Festsaal von 1998 Bild 22: Der Dorfbrunnen von 1999 Im Informationsdienst der Gemeinde häuften sich jetzt Artikel über Einsparung von Rohstoffen und Energie, Müll-Trennung, Solar-Anlagen, Ozonloch, Waldwoche, Tag des Wassers und ähnliche Anliegen. Große Unterstützung fanden die Bemühungen der "3. Welf'-Gruppe. Sie führten


Wolfurt 2008 04 Winter
Don, 10. März 2011 |



Heimat Wolfurt Heft 01 1988 Juni
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 1 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juni/88 Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger! Obwohl erst vor drei Monaten ein diesbezüglicher Aufruf an die Bevölkerung erging, hat sich in unserer Gemeinde bereits ein «Heimatkunde-Kreis» zusammengefunden und in intensiver Arbeit auch schon die erste Ausgabe einer heimatkundlichen Zeitschrift fertigstellt. Zu diesem sehr vielversprechenden Start in die Vergangenheit unseres Dorfes möchte ich mich bei allen, die daran mitarbeiten, besonders aber bei Direktor Siegfried Heim, herzlich bedanken. Ich bin überzeugt davon, daß das Kennenlernen und Verstehen unserer Vergangenheit ein entscheidender Schritt in die Zukunft sein kann. Somit wünsche ich unserem Heimatkundekreis viel Erfolg und darf die volle Unterstützung der Marktgemeinde in jeder Hinsicht zusagen. Ihr Bürgermeister Grüß Gott! Immer mehr Menschen aus unserem Ort, auch die Schulen und die Gemeinde, fragen wieder nach den Wurzeln und dem Wachsen unserer Gemeinschaft. Im Heimatkundekreis treffen sich Leute, die ihr eigenes Wissen mehren möchten, aber auch die Ergebnisse ihrer Forschungen der Allgemeinheit zur Verfügung stellen wollen. Vorträge werden geplant und eine Zeitschrift soll Wissenswertes festhalten und verbreiten. Dieses erste Heft will mit einer Zeittafel ein paar Grundlagen vermitteln und vielleicht auch schon ein paar Fragen aufwerfen. Wir ersuchen unsere Leser um Stellungnahmen und Vorschläge, die wir gern nächstes Mal abdrucken. Darauf freuen sich schon alle Mitarbeiter. Siegfried Heim Inhalt: 1. Zeittafel für Wolfurt und Hofsteig (Heim) 2. Bauern und Fabrikler (Heim) 3. Franzosenkrieg 1800 (Volaucnik) Siegfried Heim DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Mag. Christoph Volaucnik, geboren 1960 in Bregenz, hat seine Jugendjahre in Wolfurt verbracht und wohnt jetzt in Bregenz. Er hat Geschichte studiert und arbeitet im IndustrieArchiv in Feldkirch. Altertum: Um 10.000 v. Chr. Die letzte Eiszeit geht zu Ende. Am Ufer des Bodensees nimmt die Landschaft langsam ihre heutige Gestalt an. Rhein, Ach und Bergbäche schütten die Talsohle auf. Der Ippachwald bedeckt den Steußberg, noch lange Zeit reicht der Riedsumpf bis an den Kellahang. Um 500 v. Chr. Die keltischen Räter besiedeln das Land. 15 v. Chr. Die Römer erobern Vorarlberg. Am Fuß des Steußbergs führt die Straße von Chur nach Brigantium. 259 n. Chr. Die Alemannen zerstören das römische Brigantium 496 n. Chr. Chlodwig besiegt die Alemannen. Der Gotenkönig Theoderich bietet den Flüchtlingen Schutz im Bodenseeraum. Mittelalter: Um 500 n. Chr. Die Alemannen besetzen das Rheintal bis Dornbirn. Sie bilden Markgenossenschaften, die in Dreifelderwirtschaft den Boden bebauen. 610 Kolumban und Gallus bringen das Christentum. 742 Die Franken unterwerfen Alemannien. 746 Die alemannischen Adeligen werden in Cannstatt getötet. Franken regieren den Argengau, zu dem auch das Hofsteiger Gebiet gehört. Ab 800 halten die fränkischen Grafen in Schwarzach Gericht. Um 800 weisen St. Galler Urkunden bereits- Obst- und Weinbau in unserem Gebiet nach. 853 Lauterach wird urkundlich genannt. In Hofsteig errichten freie Leute ihre Einzelhöfe, aus denen später Weiler und Dörfer entstehen. 891 «Allen soll alles gemeinsam sein!»: Felder, Weiden, Wälder, Wiesen, Wege, Gewässer und das Ried. 895 Dornbirn wird als «Torrinpuirron» urkundlich genannt. Um 920 Ulrich von Buchhorn wird als erster Graf von Bregenz Herr unseres Landes. Um 955 Der Kellhof, in dessen Bereich später die Kapelle St. Nikolaus und Schloß Wolfurt gebaut werden, fällt nach Graf Ulrichs Tod an Marquard, den Stammvater der Pfullendorfer Grafen. 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt / Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt In Konstanz stirbt der Hl. Gebhard, ein Sohn des Grafen Ulrich von Bregenz. Ab 1075 Der Streit zwischen Kaiser und Papst verwüstet das Land. 1079 Bregenz wird niedergebrannt. 1089 Auch Hofsteig fällt mit halb Bregenz an die Pfullendorfer Grafen. 1094 Kloster Mehrerau wird gegründet. Es gewinnt bald Besitz und Einfluß in unserer Gegend. Ab 1050 bis 1400 werden große Teile des Steußbergs und des Bregenzerwaldes von Hofsteig aus gerodet. 1167 Bregenz kommt mit Hofsteig an Markgraf Hugo von Tübingen, den Stammvater der Grafen von Montfort. Lindau dagegen und der Wolfurter Kellhof fallen an Kaiser Friedrich Barbarossa. Kellhof und Hofsteig bleiben jetzt bis 1806 getrennt. 1167 wird die Kapelle St. Nikolaus in Wolfurt urkundlich erwähnt. 1180 Zur neuen Pfarre Alberschwende gehören einige Rickenbacher Höfe. Noch 1810 sind sie nach Alberschwende zehentpflichtig. Um 1200 Kriege der Staufer gegen die Weifen. In unserem Gemeindegebiet entstehen die Burgen Veldegg, Wolfurt und Kujen. 1226 oder kurz davor erscheint der Name «Wolfurt» erstmals urkundlich als der eines Rittergeschlechts. 1249 besitzt Lauterach eine Kapelle St. Georg. 1260 wird Hofsteig erwähnt. Ammänner verwalten die Höfe. 1289 wird Schloß Veldegg im Oberfeld urkundlich genannt. 1291 Ludwig von Wolfurt studiert als erster Vorarlberger in Bologna. Um 1300 breitet sich das Geschlecht der Ritter mit dem Wolf im Wappenschild in Süddeutschland und in der Schweiz aus. Ritter, Chorherren, Äbte und Äbtissinnen. 1338 Das Montfort-Erbe wird an der Schwarzach geteilt. Das alte Gericht Schwarzach wird aufgelöst. Während Dornbirn und Höchst an Feldkirch fallen, kommt Hofsteig zu Bregenz - Tettnang. Bregenz sichert sich auch die wichtigen Flößerrechte auf der Ach und den Holzhandel. Die Schwarzach ist die Grenze zwischen den Pfarreien Bregenz und Dornbirn. 1349 Wolfurter Ritter als Söldnerführer und Statthalter in Neapel und Apulien. 1350 bis 1450 Wolfurter Ritter als Grafen in Ungarn. 1352 Graf Ulrich von Wolfurt als ungarischer Gesandter beim Papst in Avignon. Einer seiner Ritter ist Marquard von Ems. 1364 Ritter Konrad stiftet den Wolfurter Kelch für Pfäfers. 1370 Hochblüte des Wolfurter Rittergeschlechts im Bodenseeraum als Besitzer vieler Burgen, als Äbte und Äbtissinnen. 4 995 1371 Schloß Wolfurt wird von den Lindauern erobert und zur Hälfte in Besitz genommen. 1379 Das Urbar der Grafschaft Bregenz weist in Hofsteig 44 Güter von wohlhabenden freien Leuten nach. 1391 Die Vorarlberger Eidgenossenschaft mit dem jetzt zu Bludenz-Werdenberg gehörigen Kellhof Wolfurt richtet sich gegen Bregenz. 1391 Der Herrenbund mit Bregenz und Hofsteig richtet sich gegen die Eidgenossen und Habsburg. Schwere Kriegsnot in den folgenden Jahren. 1402 Die Hälfte von Schloß Wolfurt wird an Mehrerau verkauft. 1402 Der Kellhof wird von Bludenz-Werdenberg an Graf Wilhelm von Bregenz verkauft. 1405 Herzog Friedrich verbrennt Hard, das zu Graf Wilhelm hält. 1405 Graf Wilhelm verbrennt Schloß Veldegg. Es gehört zu dieser Zeit dem Ritter Ulrich von Schwarzach. 1405 bis 1408 Appenzellerkrieg. Die Bauern verbrennen viele Burgen im Land, darunter wohl auch Burg Kujen, von der später nur mehr der «Burgstal» nachzuweisen ist. 1406 Die Eidgenossen besiegen Graf Wilhelm und verbrennen Lauterach und die Bregenzer Vorstadt. Viele freie Hofsteiger und der ganze Kellhof schwören zu den Eidgenossen. 1407 Die Bauern belagern Bregenz und plündern das Kloster Mehrerau. Sie werden aber am 13. Jänner 1408 entscheidend geschlagen. 1443 Die Hofsteiger erhalten ihre erste Kaplanei in Lauterach, zu der sie 1476 die Kirche St. Georg erbauen. 1445 Die Appenzeller verwüsten das Rheintal. Hofsteig kommt mit der Bezahlung von «brandschatzgeld» in große Schwierigkeiten. Um 1450 Das erste Geschlecht der Ritter von Wolfurt ist ausgestorben. 1451 Hofsteig wird mit der halben Herrschaft Bregenz an die Habsburger verkauft und kommt damit zu Österreich. 1451 Ulrich von Schwarzach verkauft Veldegg an Kloster Mehrerau. Mehrerau besitzt 452 Leibeigene, darunter viele aus Wolfurt. 1458 Die Grafen von Bregenz verkaufen den Kellhof mit ausgedehnten Gütern in Wolfurt, Lauterach, Bildstein, Kennelbach, Langen und anderen Gemeinden an Ritter Marquart IV. von Hohenems. 1463 Die Familie Leber, reiche Wein- und Holzhändler aus Bregenz, erhält Schloß Wolfurt als Lehen. 1464 In Kennelbach wird das Kloster Hirschthal erbaut, das dort bis zum Brand von 1796 besteht und auch Beziehungen zu Wolfurt unterhält. 1484 In Buch wird eine Kapelle erbaut. 5 Neuzeit: 1493 Wolfurt erhält für seine Kapelle St. Nikolaus eine eigene Kaplanei. 1512 Wolfurt hat bis jetzt zur Pfarre St. Gallus in Bregenz gehört. Nun wird es selbständige Pfarrei. Eingeschlossen sind auch die Bewohner von Schwarzach, Bildstein und Buch. 1515 Mark Sittich I. löst vom Kaiser den Kellhof endgültig für Hohenems ein. 1517 Das Kirchdorf Wolfurt erhält den ersten Dorfbrunnen. 1518 Unter Kaiser Maximilian wird zwischen Lauterach und Bregenz die erste Brücke gebaut. Die Holzbrücke besteht bis 1916. Die Straße von Bregenz nach Wien führt 250 Jahre lang von der Brücke schräg durch die Felder am St. Antone nach Rickenbach. 1520 Jakob Leber wird vom Kaiser geadelt und begründet das zweite Rittergeschlecht von Wolfurt. 1523 Ferdinand von Habsburg kauft die zweite Hälfte von Bregenz für Österreich. 1525 Unter dem Einfluß lutherischer Prediger erheben sich die Bauern im Allgäu und bedrohen unter Mithilfe der Vorderwälder Bregenz. Die Hofsteiger bleiben ausdrücklich beim alten Glauben und retten unter Mark Sittichs Führung Bregenz. Dieser läßt 50 aufständische Bauern henken. 1529 Abt und Konvent von St. Gallen suchen vor den Aufständischen Zuflucht auf Schloß Wolfurt. Abt Kilian ertrinkt 1530 beim Durchreiten der Ach. 1537 Die Bregenzer beklagen sich über die Qualität des Wolfurter Weines. 1541 Wildschweinplage. Die Bauern greifen zur Selbsthilfe und erlegen viele Tiere. 1544 Der Hofsteiger Landsbrauch wird aufgeschrieben. Er regelt die Erbfälle und den Gerichtstag, wie auch die Verwaltung und Nutzung von Feld und Wald. Das Gericht Hofsteig umfaßt ein Gebiet von etwa 60 km2. Der Hauptort ist Lauterach, wo alle drei Jahre der Ammann neu gewählt wird. 1544 Vertrag über die linksseitige Achwuhrung. 1546 bis 1552 Im Schmalkaldischen Krieg ziehen die Hofsteiger mehrmals zur Landesverteidigung an die Bregenzer Klause. Einzelne Hofsteiger kämpfen aber auch auf der Seite der Protestanten. Galli Küng wird deshalb als Spion und Mordbrenner im Jahre 1552, nachdem er auf der Folter gestanden hat, in Bregenz «zu dem Rad, Vierthailen und Brand» verurteilt und hingerichtet. 1550 Die Pest! 1573 Die Lauteracher Brücke wird vom Hochwasser weggerissen. 1593 Die Pest! 1594 Das älteste Häuserverzeichnis zählt in Wolfurt 70 Häuser auf, davon sind 10 unbewohnt. 27 Häuser werden zum Dorf gerechnet, 43 zur «Staig». Zusammen leben hier 350 Einwohner. 6 1595 Hexenprozeß gegen Anna Martin wegen der Weinreben in der Bütze. 1603 Bastian Kölnhofer führt 55 Kellhofmänner zur Musterung nach Ems. 1613 Junker Laux von Wolfurt ist unter Erzbischof Mark Sittich Stadthauptmann von Salzburg. 1615 Graf Kaspar von Hohenems verleiht den Kellhof neu. Zum Kellhof gehören 200 Leibeigene. 1616 Neuvermarkung der Wälder. Sie sind Genossenschaftsbesitz wie die meisten Äcker. 1616 Die «Embser Chronik» beschreibt den schönen Weinwachs von Wolfurt. 1618 Jetzt löst sich auch Lauterach als selbständige Pfarrei von Bregenz. In Lauterach wird eine Schule eingerichtet, die auch Wolfurter Kinder aufnimmt. 1618 bis 1648 Der Dreißigjährige Krieg 1616 bis 1631 Eucharius von Wolfurt regiert als Fürstabt in Kempten. Er mehrt den Besitz des Klosters und treibt die Gegenreformation voran. 1628 bis 1635 Kriegsnot, Einquartierung, Pest! In dieser Notzeit wird Bildstein ein vielbesuchter Wallfahrtsort. Dort soll nach der Legende 1629 die Mutter Gottes erschienen sein. 1646 Hard wird selbständige Pfarrei und baut eine Kirche am See. 1647 Die Schweden erobern Bregenz und brandschatzen das Land. Hofsteig wird auf Fürsprache der Schweizer Eidgenossen verschont. 1650 Das Rittergeschlecht der Leber von Wolfurt ist ausgestorben. Seit 1650 sind in Wolfurt Pfarrbücher erhalten. 1663 In Bildstein erbaut Michael Kuen eine Barockkirche, die 1676 eingeweiht wird. Sofort gibt es Streit zwischen den Bildsteiner Krämern und den anderen Hofsteigern um den Brothandel und den Weinausschank. 1676 Auch Buch erbaut eine Kirche. Beide Kirchen bleiben aber vorerst bei der Pfarre Wolfurt. 1676 Eine Hungersnot zwingt Erwachsene und Kinder zum Betteln und zur Arbeitssuche im Ausland. Der Maisanbau beginnt. 1689 Obersthauptmann Kreis berichtet von der «ellendbetriebten» Zeit in Vorarlberg. 1700 Flachsanbau und Export von Garn und Leinen bringen etwas Geld ein, werden aber hoch besteuert. 1702 Hochwasser in Rickenbach. 1705 Jerg Roner aus Wolfurt klagt als Vertreter des «Gemeinen Mannes» in Wien gegen die Willkür der Beamten. 2.000 aufrührerische Bauern besetzen von Rickenbach aus die Stadt Bregenz und verjagen den Vogteiverwalter. Jerg Roner wird 1710 zum Hofsteigammann gewählt. 7 1707 Der Bregenzer Amtmann und unbeliebte Steuereinheber Benedikt Reichart baut Schloß Wolfurt neu. 1720 Durch die Not nach dem Spanischen Erbfolgekrieg (1701—1714) verbreitet sich der Anbau von Mais. Um 1725 wird die Kartoffel eingeführt. 1723 Den Grafen von Hohenems fehlt es an Geld. Sie verpfänden all ihre Zehentrechte im Kellhof an Dornbirner Patrizier und an die Gemeinden. 1726 Bregenz erhält ein Direktorium (später Oberamt oder Kreisamt) und wird Verwaltungszentrum des Landes. 1729 Das Gericht Hofsteig kauft die Weingärten am Rutzen- und am Narrenberg. 1730 Wolfurt zählt 398 Kommunikanten (Erwachsene), Hard 427, Lauterach 434. 1750 Der Bregenzer Oberamtsrat Konrad von Tröndlin kauft Schloß Wolfurt. Er hat bei der Verteidigung von Bregenz 1744 im österreichischen Erbfolgekrieg eine unrühmliche Rolle gespielt. 1750 Beginn der Handstickerei. 1750 Beginn der Weberei, zuerst für Schweizer Unternehmer, ab 1770 auch für die k.k. Cottonweberei in Bregenz. Um 1750 werden erstmals Schindeldächer durch Ziegeldächer ersetzt. 1753 In Lauterach wird erstmals Torf gestochen («Schollen»). 1755 Die neue Vermögenssteuer vom Grundbesitz wird eingeführt. 1760 Häuser- und Einwohnerverzeichnis: «Seelenbeschrieb» von Pfr. Feuerstein mit ersten Wolfurter Hausnummern: In Wolfurt und Rickenbach zusammen gibt es 151 Häuser. Frickenesch und Bächlingen werden mit Meschen zu Bildstein gerechnet. 1760 Buch löst sich mit 30 Familien und 165 Einwohnern aus der Pfarrei Wolfurt und wird eine selbständige Pfarrei. 1765 Mit Hohenems fällt auch der Kellhof 300 Jahre später als Hofsteig an Österreich. 1768 Eine neue Reichsstraße von Lauterach nach Dornbirn nimmt Wolfurt den Verkehr weg. 1771 wird auch eine Straße von Lauterach nach Höchst gebaut. 1770 bis 1773 Hungerjahre! 1772 Der Bauer Johann Stadelmann kauft Schloß Wolfurt. 1773 An der Ach wird die Alte Insel gerodet und verteilt. Schon früher waren die meisten Felder verteilt worden. 1771 bis 1775 Die Ammänner Johannes und Joseph Fischer kaufen die letzten Kellhoffelder von Ems frei. 1774 Maria Theresia führt mit der Normalschule die Schulpflicht ein. 1778 Im Strohdorf wird das erste Schulhaus erbaut. 1781 In Schwarzach wird eine Pfarr-Expositur eingerichtet. 1782 Die Reformen Josef IL Auch der Frondienst wird reformiert. 8 1789 Das Volk feiert ohne den Pfarrer die von Joseph II. verbotenen Gottesdienste. 1792 Bildstein löst sich als selbständige Pfarrei von der Mutterpfarre Wolfurt. Die Bildsteiner Straße wird befahrbar gemacht. 1792 In Wolfurt wird das allgemeine Weiderecht auf den Feldern abgeschafft. 1793 Dornbirn erhält das Marktrecht. 1794 In Hofsteig stehen schon 148 Webstühle in Betrieb. Damit liegt das Gericht im Land bei der Baumwollweberei hinter Dornbirn an zweiter, bei der Musselinweberei an erster Stelle. 1794 Zweite Durchnumerierung der Häuser. 1795 Der Ippachwald wird auf die einzelnen Häuser in Hard, Lauterach und Wolfurt aufgeteilt. 1796 Franzosenkrieg! Gefechte in Wolfurt, 2 Bauern erschossen, 9 Soldaten gefallen. In Lauterach verbrennen sieben Häuser. 1796 In Kennelbach brennt das Kloster Hirschthal ab, wobei 6 Frauen den Tod finden. Das Kloster übersiedelt nach Bregenz-Thalbach. 1798 Auch das Ried wird verteilt. Private Nutzungen und neue Anbaumethoden bringen der Landschaft jetzt großen Aufschwung. Die 1.000-jährige Dreifelderwirtschaft der Markgenossen hat ihr Ende gefunden. Um diese Zeit verkauft das Kloster Mehrerau seine Schupf- und Erblehen, darunter 16 große Lehen in Wolfurt. 1799 Major Jakob Schertler führt die Hofsteiger gegen die Franzosen. 1800 Franzosenkrieg! Mehrere schwere Gefechte in Wolfurt und in Rickenbach. In der Bütze wird der Bauer Johann Kaspar Haltmayer in seinem Haus erschossen. 1802 Schwarzach erhält eine eigene Kaplanei. 1803 Die Wolfurter helfen beim Kirchenbau in Schwarzach. 1805 Neue Glocken für die Wolfurter Kirche. 1805 Beim Friedensschluß von Preßburg kommt Vorarlberg zu Bayern. 1806 Die alten Gerichte Kellhof und Hofsteig werden aufgelöst und dem neuen Landgericht Bregenz zugeteilt. Wolfurt wird eine selbständige Gemeinde. 1806 Das Kloster Mehrerau wird abgebrochen. 700 Jahre lang hatte es in Wolfurt großen Einfluß gehabt. 1808 Die neue Gemeindeordnung tritt in Kraft. Joh. Georg Fischer wird der erste Vorsteher. Der bayerische Steuerkataster erfaßt 1809 alle Grundstücke und die 185 Häuser, die nun schon ihre dritte Nummer tragen. Mathias Schneider zählt 1143 Einwohner und 266 Kühe. Hohe Steuern und der Stillstand von Stickerei und Weberei führen zu einer Wirtschaftskrise. 1809 Aufstand! Das von Truppen entblößte Vorarlberg ist rasch befreit. Hofsteiger Schützen unter Mayor Jakob Schertler beteiligen sich an Angriffen am Untersee und im Allgäu. Der Aufstand bricht zusammen. 9 Wolfurter Männer ziehen mit Napoleon nach Rußland. Vorarlberg gehört wieder zu Österreich. Die erste Musikkapelle in Wolfurt gegründet. Überschwemmung der Felder. Mißernte. Große Hungersnot im Frühjahr! Wolfurt ist ein Getreideort. Es erntet 3.250 Viertel Vesen-Weizen, 1.125 Viertel Dintel-Weizen, 1.280 Viertel Haber, keine Gerste, aber auch schon 1.620 Viertel Türken und dazu noch Kartoffeln, Obst und Wein. (Ein Bregenzer Viertel entspricht 21,7 Liter Korn.) 1818 Fähnrich Weiß zeichnet eine genaue Landkarte von Vorarlberg. 1819 Wolfurt kommt vom Bistum Konstanz zum Bistum Brixen. Die Bevölkerung wächst stark an. Die alte Kirche vermag die Gläubigen nicht mehr zu fassen. 1824 Nun löst sich auch die Pfarre Schwarzach als letzte von der Pfarre St. Nikolaus in Wolfurt. 1827 Negrelli läßt eine Karte vom Rheintal zeichnen. 1830 Steinbrecher machen die Ruine Veldegg dem Erdboden gleich. 1830 Auf dem Kirchplatz wird die alte Tanzlaube abgebrochen. Daneben ist «Hanso Lädele» der einzige Kaufladen im Ort. 1830 Die Rickenbacher beantragen einen Kirchen-Neubau in Unterlinden. 1833/34 Die alte Kirche wird nach Negrelli-Plänen bedeutend erweitert. 1834 Michaelis-Bub wird wegen Kindermord gehenkt. 1837 Jenny und Schindler bauen nach Ablehnung durch die Wolfurter ihre große Textilfabrik in Kennelbach. 1837 Hochwasser reißt die hölzerne Lauteracher Brücke weg. Ein Pferdefuhrwerk stürzt in die Fluten. 1837 Der Maisanbau hat sich seit 1809 fast verdoppelt. 1838 Der Schützenverein wird gegründet. 1838 Die Schwarzachtobelstraße wird eröffnet. 1839 An der Fähre nach Kennelbach sind bei der nächtlichen Heimkehr von einem 13-stündigen Arbeitstag in der Fabrik zwei Frauen und fünf Kinder ertrunken. Der jüngste von den sieben Fabriks-«Arbeitern» ist der siebenjährige Xaver Geiger. Jetzt wird ein hölzerner Fabriks-Steg gebaut, der bis 1932 seinen Dienst tut. 1839 Neben der Pfarrei wird eine Kaplanei Wolfurt eingerichtet. 1843 Die vierten Hausnummern. Jetzt sind es schon 252 Häuser mit 268 Familien. 1.492 Einwohner, davon 179 Fremde. 1850 bis 1880 werden in Wolfurt viele Freilicht-Theater aufgeführt, darunter «Wilhelm Teil», «Die Räuber» und die «Jungfrau von Orleans». 1850 bis 1870 wandern etwa 120 junge Wolfurter nach Amerika aus. 10 1812 1814 1816 1816 1817 1852 Die Schmiede im Holz erbaut. 1856 Beginn der Braunviehzucht im Montafon, die sich ab 1870 auch im Rheintal schnell ausbreitet. 1857 Ein Katasterplan mit Bau- und Grundparzellennummern wird gezeichnet. 1865 Der Gesangsverein wird beim «Schützenwirt» Fischer in Spetenlehen gegründet. 1866 In Kennelbach gründen Kaplan Ammann und Lehrer Rädler mit dem «Vorarlberger Volksblatt» eine wichtige politische Zeitung, die bis 1972 besteht. 1866 bis 1870 Ein zweiter Achdamm wird aufgeschüttet. Jetzt kann auch die Neue Insel kultiviert werden. 1868 Die erste Post wird eingerichtet. 1868 Im «Rößle» wird von Lehrer Wendelin Rädler das zweite Casino gegen den Liberalismus gegründet. In den Gasthäusern und in der Gemeindestube tobt ein heftiger Streit zwischen «Kasinern» und dem freidenkerischen Leseverein der Liberalen. 1869 Die erste Handstickmaschine! Bald folgen viele. 1869 Sechs Mühlen sind in Betrieb. Als Hauptnahrung wird das Habermus jetzt endgültig durch den Türken-Stopfer verdrängt. 1872 Eisenbahnbau von Bregenz nach Bludenz durch das Ried. Eine Führung durch das Dorf hatten die Wolfurter abgelehnt. Arbeitskräftemangel in der Industrie. Die ersten Welschen aus dem Trentino lassen sich in Wolfurt nieder. Ihre Anzahl steigt bis 1900 auf 239 an, dann übersiedeln viele in die neuen Mietshäuser nach Kennelbach. 1872 Im Strohdorf wird ein neues Schulhaus gebaut, es besteht bis 1979. 1873 Der Wolfurter Kunstmaler Gebhard Flatz (1800-1881) bringt aus Rom sein großes Altarbild mit. 1874 Drei Barmherzige Schwestern treten in den Schuldienst in Wolfurt. 1874 Der Kameradschaftsbund wird gegründet. 1878 Lauterach baut eine neue Kirche östlich der Straße, die alte stand westlich. 1879 Gemeindediener Joh. Böhler wird ermordet. 1880 Wolfurt hat 272 Häuser mit 1.623 Einwohnern. 213 Bauern besitzen 38 Pferde, 426 Kühe, 254 Stück Galtvieh, 192 Schweine, 106 Ziegen und null Schafe. Um 1880 Die letzten Weinberge am Kirchenbühel und am Rutzenberg werden aufgelassen. 1881 In Rickenbach wird ein Spar- und Vorschußverein gegründet. 1882 Die erste Gemeindekanzlei eingerichtet. 1882 Die Molkereigenossenschaft Wolfurt erbaut die Sennerei Kirchdorf. 11 1884 Ein neuer Pfarrhof wird gebaut und der Friedhof vergrößert. 1884 In Kennelbach brennt das erste elektrische Licht von ganz Österreich 1884 Die Arlbergbahn wird eröffnet. Sie verändert ganz entscheidend Landwirtschaft und Handel in Vorarlberg. 1886 Die Kapelle Rickenbach wird eingeweiht. 1886 Die Liberalen gründen den ersten Wolfurter Turnverein. 1886 Die Achrain-Straße von Dornbirn nach Alberschwende wird eröffnet. 1888 Für Wolfurt und Schwarzach erscheint das erste Gemeindeblatt. Aus ihm entwickelt sich eine Zeitung für den ganzen Bezirk Bregenz. 1888 Wegen verseuchter Brunnen rafft eine Typhus-Epidemie 8 Rickenbacher dahin, darunter den Mechaniker Dür, der am oberen Rickenbach zwei mechanische Schmieden errichtet hat. 1889 Die Feuerwehr wird gegründet. 1889 Die Raiffeisenkasse gegründet. Lehrer Wendelin Rädler (1835—1913) fördert in ganz Vorarlberg das Zustandekommen von 80 Raiffeisenkassen und sehr vielen Genossenschafts-Sennereien. 1890 Die drei alten Ziegeleien an der Ach werden abgebrochen. 1893 Konrad Doppelmayr übernimmt die Dur-Schmiede am Rickenbach und gründet die Firma Doppelmayr. 1898 Die erste Schiffle-Stickmaschine. 1899 Der Katholische Arbeiterverein wird gegründet. 1899 Die fünfte und letzte Durchnumerierung der Wolfurter Häuser mit Nr. 1 in der HÖH an der Ach und Nr. 290 bei Putzers an der Schwarzacher Grenze. Weitere Nummern werden jetzt bei Neubauten in der ganzen Gemeinde verstreut. 1900 Albert Loacker beginnt mit der Elektrifizierung Wolfurts aus dem E-Werk Schwarzach. 1901 Der Musikstreit ist beendet. Kapellmeister Franz Rohner übernimmt für 56 Jahre den Dirigentenstab. 1901 Dornbirn wird Stadt. 1902 Die Wälderbahn wird eröffnet. 1902 Pfarrer Johann Georg Sieber (1826-1902) wird der erste Wolfurter Ehrenbürger. 1903 Neue Kirche in Schwarzach, westlich der Straße. Die alte stand östlich im Friedhof. 1903 Das Grundbuch wird eröffnet. 1904 Ein höherer Kirchturm. 1904 Erste Betonbrücke nach Kennelbach. 1905 Neue Bronzeglocken. Sie läuten nur bis 1916. 1907 Hochblüte der Stickerei. 1907 Lehrer Wendelin Rädler (1835-1913) erhält vom Kaiser das Goldene Verdienstkreuz. Er hat sich als Kassengründer und Sozialreformer verdient gemacht. 1907 Franzele Dür bringt das erste Auto nach Wolfurt. 1910 Wolfurt hat jetzt 2265 Einwohner. Durch den Stillstand der Stickerei setzt wirtschaftliche Not ein. Wolfurt hat 143 Schiffle-Stickmaschinen und 26 Handmaschinen. 1910 Der obere Friedhof mit den Arkaden wird gebaut. 1910 Hochwasser! Beim Einsturz der Holzbrücke ertrinkt der Spinnereimeister Karg. 1911 Kennelbach löst sich von Rieden und wird selbständige Gemeinde. 1913 Das Vereinshaus wird erbaut. Erst 1922 erhält es aber den großen Saal. 1914 bis 1918 Erster Weltkrieg. Schon am 1. August 1914 rücken die ersten von 180 Landsturmmännern ein. Zu Pfingsten 1915 folgen ihnen 60 Standschützen. 87 Männer kehren nicht mehr heim. 1916 Neue Brücke in Lauterach. 1919 Die Gemeinde Rieden-Vorkloster schließt sich an die Stadt Bregenz an. 1922 Nur 11 Schulanfänger. 1923 Viele Auswanderer nach Amerika. Tiefstand der Bevölkerung: 1798 Einwohner. 1923 Neue Stahlglocken. 1923 Bregenz wird Landeshauptstadt. 1925 Aufnahme des Omnibusverkehrs. Verkehrszählung: Am 9. August fahren insgesamt 191 Motorfahrzeuge durch das Dorf, am folgenden Tag 167. 1926 Ein Krankenpflegeverein wird gegründet. Kreuzschwestern aus Hall versorgen ab 1928 die Kranken. 1929 Die erste Illwerke-Leitung wird durch Wolfurt gebaut. 13 12 1930 Das Kriegerdenkmal wird eingeweiht. 1931 Der Schiverein wird gegründet. 1931 Die obere Straße wird geteert. 1933 Fahrzeug-Zählung in Wolfurt: 400 Fahrräder, 25 Motorräder, 10 Luxusautos (PKW), 10 Lastautos. 1935 Neue Straße nach Buch. 1938 Anschluß an Deutschland. 1939 Schloß Wolfurt abgebrannt und bald unter Dr. Fritz Schindler neu aufgebaut. 1939 bis 1945 Zweiter Weltkrieg. 99 Wolfurter Männer sterben in fernen Ländern. 1945 Die Achbrücke wird gesprengt. Franzosen und Marokkaner besetzen das Dorf. Bei der Verteidigung sterben noch drei deutsche Soldaten. Auch ein Wolfurter Mädchen und ein Familienvater finden den Tod. Schloß Wolfurt wird Sitz der Militärkommandatur für Vorarlberg. 1940 bis 1950 In der Kriegsnot nimmt der Ackerbau einen großen Aufschwung. In Gärten, Feldern und im Ried werden hauptsächlich Kartoffeln und Mais angebaut, aber auch Weizen, Raps, Rüben und Kraut. 1947 Der Fußball-Club Wolfurt wird gegründet. 1953 Erstes Wasserwerk Wolfurt wird eröffnet. 1954 Ab jetzt gibt es Hausnummern mit Straßenbezeichnungen. Es stehen schon über 400 Wohnhäuser. 1955 Der Ackerbau verschwindet. Viele Landwirtschaften werden aufgegeben. Im allgemeinen Wirtschaftsaufschwung beginnt die Zersiedelung der Felder und Bühel. 1957 Professor Lorenz Böhler (1885-1973), ein Pionier der Unfall-Chirurgie in Wien, wird der zweite Wolfurter Ehrenbürger. 1957 Zweite Illwerke-Leitung durch Schlatt und Kella wird gebaut. Nach 1960 Die Industrie-Ansiedlung beginnt: Wolf, Pawag, Roylon, Doppelmayr weiten die Betriebsstätten aus. 1961 Eine Hauptschule wird eröffnet. 1964 Eine Musikschule fängt an. 1964 Die untere Straße wird als Hauptstraße ausgebaut, die alte Römerstraße am Fuß des Berges verliert den Durchzugsverkehr. 14 1967 Das neue Postamt im Strohdorf wird erbaut. 1967 Neue Volksschule Bütze. 1967 Totenkapelle wird eingeweiht. 1970 Erstmals erscheint der Gemeinde-Informationsdienst. 1971 Ein neues Gebäude für die Hauptschule. 1975 Bevölkerungsrekord: 6637 Einwohner, davon 1197 fremdsprachige Gastarbeiter. 1976 Viehzählung: Nur mehr 23 Viehhalter. Sie besitzen 4 Pferde, 158 Kühe, 166 Stück Galtvieh, 242 Schweine, 10 Ziegen, 21 Schafe. 1976 Neue Volksschule Mähdle. 1977 In Wolfurt wird ein Gendarmerieposten eröffnet. 1978 Das «Blaue Buch» zählt 1081 Häuser auf, davon noch 13 Bauernhöfe. 1979 Das Altersheim wird eröffnet. 1980 Nach jahrzehntelangem Kampf werden Pfändertunnel und Autobahn durch Wolfurt in Betrieb genommen. 1981 Das Wälderbähnle stellt seinen Betrieb ein. 1981 Verkehrszählung: An einem gewöhnlichen Werktag fahren 711 Autos in einer Stunde durch die Bützestraße. Auf der Hohen Brücke sind es 1408 Autos. 1982 Am 1. Mai 1982 wird Wolfurt Marktgemeinde. Kultursaal und Bücherei werden eröffnet. 1982 Güterbahnhof und Groß-Zollamt werden eröffnet. Im Industriegebiet lassen sich neue Firmen nieder. 1983 Groß-Postamt wird eröffnet. 1983 Zweites Wasserwerk wird eröffnet. Der tägliche Wasserverbrauch ist auf über 300 1 pro Einwohner gestiegen. 1984 «Hofsteig»-Sporthalle in Wolfurt und «Hofsteig»-Saal in Lauterach eröffnet. 1985 Lauterach wird Marktgemeinde. 1985 Nach 30 Jahren Wirtschaftsaufschwung zeigen sich verstärkt Verkehrsmüdigkeit, Waldsterben, Ablehnung von Beton und Asphalt, Sehnsucht nach unberührter Natur. 15 Siegfried Heim Bauern und Fabrikler Die Arbeitswelt unserer Vorfahren I. Dreifelderwirtschaft Um das Jahr 500 nach Christi Geburt besetzten alemannische Siedler unser Land. Am Fuß des Steußberges errichteten sie an den Waldbächen oberhalb der alten Römerstraße sechs kleine Weiler: Kellhof am Tobelbach Hub am Eulentobelbach Unterlinden am Holzer Bach (Ippachbach) Spetenlehen am Bannholzbach Strohdorf am Himmelreichbächlein Rickenbach Den fruchtbaren Boden unterhalb der Straße bebauten sie mit Getreide. Alle Arbeit wurde gemeinsam verichtet, angeleitet von einem erfahrenen Ammann und seinen Helfern. Dazu teilte man die Felder in drei «Esche». Im ersten Esch wurde Winterweizen gesät, meist die widerstandsfähige Sorte «Vesen», aber häufig auch «Däntel». Im zweiten Esch wuchs eine Sommerfrucht, meist «Haber», nicht selten auch Gerste. Den dritten Esch ließ man ein Jahr «brach» liegen. Dorthin trieb der Dorfhirt das wenige Vieh. Auch die Auen an der Ach und das Ried dienten der Viehweide, doch stand die Viehzucht an Bedeutung weit hinter dem Ackerbau. «Allen soll alles gemeinsam sein», steht in einer St. Galler Urkunde von 891: Felder und Ackerweide, Weiden, Wälder, Holzschläge, Schweinemast, Wiesen, Wege, Wässer, Fischereien, Nutzung des Rieds. Ausgenommen war das «ehaft Gut», die eingezäunte Hofstatt beim Haus, wo jeder für sich privat Kraut, Flachs und Obst anbauen konnte. Als die Bevölkerung zunahm, wurden die Wälder auf dem «berg» gerodet. Hofsteiger Siedler setzten sich um 1000 n.Chr. in Bildstein, Buch und im Vorderwald fest. Später legten sie auch die Unterfelder gegen Lauterach trocken und gewannen neue Getreide-Esche. Immer größerer Wertschätzung erfreute sich der Weinbau. An den sonnigen Hängen und in der Bütze gedieh ein Weißwein, «herb, sauer und haltbar», der als «Bregenzer» bis nach Augsburg gehandelt wurde. Um 1600 lieferte Hofsteig jährlich etwa 150.000 1 Wein. II. Hunger 1000 Jahre lang hatte sich die Dreifelderwirtschaft bewährt. Im 18. Jahrhundert vermochte sie die zahlreicher gewordene Bevölkerung nicht mehr zu ernähren. Kriege, Klimaverschlechterung und Mißwirtschaft führten immer wieder zu Hungersnöten. Obersthauptmann Kreis berichtet 1676 aus Vorarlberg an die Regierung, daß die Hälfte der Bevölkerung am Hungertuch nage und mit Weib und Kindern «das liebe brodt bettlendt vor der thür suechen müessen». Ein Großteil der alten und jungen Leute, Buben und Mädchen, müsse jedes Jahr in der Fremde als Maurer, Zimmerleute und Hirtenbuben Arbeit suchen «als gegen Elsas, Pfaltz, Lothringen, Burgundt, Schwaben, Franckhen und Saxenlandt». Gastarbeiter also — und Bettler! Einflußreiche Dorfgewaltige zäunten gegen den alten «Hofsteigischen Landsbrauch» Stücke aus der gemeinsamen «Almende» für private Nutzung ein. Benedikt Bilgeri erzählt 16 in seiner «Geschichte Vorarlbergs», wie Georg Rohner aus Wolfurt vergeblich Recht für den «Gemeinen Mann» beim Kaiser in Wien suchte und dann die Bauern 1706 zu bewaffnetem Aufstand gegen die Beamten in Bregenz führte. III. Felderverteilung Rettung in der großen Not hätte der Anbau der aus Amerika eingeführten neuen Früchte Mais und Kartoffeln bringen können, die einen weit höheren Flächenertrag als Weizen bringen. Dem standen aber die alten Bräuche im Wege. In den Getreide-Eschen war kein Platz! Nur in den «Neuwiesen» im weit entfernten Ried begann man vorerst zaghaft mit dem Anbau von «Türggo und Bodobiera». Endlich setzte sich um 1750 der «Gemeine Mann» durch: Die Getreide-Esche wurde zerstückelt und auf die einzelnen Bauern verteilt. Private Nutzung erbrachte nun bald weit höhere Erträge. Daher wurden 1795 auch noch der Ippachwald und 1798 das ganze Ried an die 166 Bauern verteilt. Der Maisanbau nahm rasch zu. Im Jahre 1817 übertraf die Maisernte mit 1620 Vierteln bereits den Hafer mit 1280 Vierteln. Weitaus an der Spitze lag aber noch immer der Vesenweizen mit 3250 Vierteln. Ein Viertel wurde in Wolfurt auch «Staren» genannt und faßte etwa 21,71 Körner. Wolfurt war also noch immer von Getreidefeldern umgeben, doch wurde das allmorgendliche Habermus nun langsam vom Türkenmus und ab 1850 vom Türken-Stopfer verdrängt. Die Arbeit in Feld und Garten galt nicht als Plage. Um 1860 beschreibt sie der Arzt Kaspar Hagen in seiner Bregenzer Mundart als «lustiges Leben». Das Leben am Bodensee. Am Bodesee, am Bodesee Do ist a lustigs Leabe! Ma hot a wackre Husmaskost,l Hot Hereleable,2 Bier und Most, A munters Zottele? Kaffee, De Susar4 vu der Reabe. Wo ist der Friehling o so nett? A so a gottvolls Bleie?3a Ma gärtlat5 froh um Hus und Stal Und bstellt de Bode-n-iberal, Ma sait und setzt und ackeret, Lot wachse und lot treie.6 Im Summer ist ma zittle7 wach, Ma bloacht und tricknet d'Wescha. As zittnet8 d'Frucht a Halm und Ast, Ma mait und schnidt und haltet Rast, Ma lescht de Durst us Krueg und Bach Und schwimmt im See wie d'Frescha. Der Hierbst, a Zitt, fidel und reg, Lot breache, schwinge, fimmle.^ Ma schittlet Obß, ma priglet10 Nuß. Drescht noch-em Takt im Stadel duß,11 Fillt Kammer, Mahreneast12 und Treg, De Torkel noch-em Wimmle.B Der Winter, sus14 a ruha Ma, Drait d'Spindel, trillet's15 Rädle, Macht, daß ma gern de-n-Ofe mag, Bringt Stubat, Schlittbah, Klosetag,16 's lieb Krippele und Maschgara17 Und Freid fier Bue und Mädle. A jede Johrszitt, Bluest18 und Schnee, Wie's golde Korn und d'Reabe Freit Dorf und Stadt, freit Hof und Hus; Drum rief i kurlemusper19us: Am Bodesee, am Bodesee Do ist a lustigs Leabe! 1 Hausmannskost. 2 Herrenlaibchen, eine Bregenzer Brotart. 3 Kaffeeschälchen. 3a Blühen. 4 Weinmost, Sauser. 5 bestellt den Garten. 6 gedeihen, fett werden. 7 zeitlich. 8 reift. 9 den weiblichen Hanf ausziehen und vom männlichen sondern. 10 schüttelt. 11 draußen. 12 Aufbewahrungsort für auszureifendes Obst. 13 nach der Weinlese. 14 sonst. 15 dreht. 16 Nikolaustag. 17 Masken. 18 Blüte. 19 recht fröhlich. Kaspar Hagen, 1820—1885, Stadtarzt / Bregenzer Mundart Zur täglichen Arbeit gehörte damals also der Umgang mit Getreide, Wein und Obst und auch mit Hanf und Flachs. 17 IV. Fabriksarbeit Die Folgen der Felderverteilung wurden schnell sichtbar: Starkes Anwachsen der Bevölkerung. Erbteilung der Bauerngüter. Neue Häuser in den Getreidefeldern. Die sechs alten Weiler wachsen zu einem Straßendorf zusammen. Ab 1800 beginnt die Besiedlung von Ach, Bütze, Flotzbach und Schlatt. Der Hunger aber blieb, denn die Felder konnten die zahlreicher gewordenen Einwohner nicht ernähren. Man war auf Nebenverdienste angewiesen. Schon um 1750 waren in den meisten Häusern Webkeller eingerichtet worden, wo die Männer für Schweizer Händler Flachs zu Leinwand und bald auch Baumwolle zu feinem Tuch verwoben. Frauen und Mädchen versuchten, mit feinen Handstickereien ein paar Kreuzer zu verdienen. 1837 bauten Jenny und Schindler ihre große Fabrik in Kennelbach. Die Wolfurter hatten ihnen vorher den Platz verweigert. Weil die Konkurrenz durch die Fabriken die Handweber brotlos gemacht hatte, suchten bald etwa 300 Arbeiter jenseits der Ach einen Verdienst, darunter sehr viele Kinder aus Wolfurt. Über die Arbeitsbedingungen erzählt Egon Sinz in «Kennelbach»: 300 Arbeitstage gab es damals und keinen Urlaub. Jeden Tag wurde 14 Stunden gearbeitet, von 5 Uhr früh bis 12 Uhr und nach einstündiger Mittagspause wieder von 1 Uhr bis 8 Uhr am späten Abend. Der Taglohn für Facharbeiter lag bei 50 Kreuzern. Dafür konnte man 5 kg Mehl kaufen. Die Kinder verdienten aber nur 12 Kreuzer im Tag, das reichte gerade für 1 kg Mehl und1/2lMilch. Strenge Aufseher kontrollierten die Arbeit und verhängten oft noch Lohnabzüge als Strafe. Geradezu unfaßbar erscheint uns heute, daß zu der langen Arbeitszeit oft noch ein langer, beschwerlicher Fußmarsch kam. Anfangs gab es nicht einmal eine Brücke über die Ach. Nach Arbeitsschluß drängten gegen 200 Leute zum kleinen Fährboot und mußten dort noch lange Wartezeiten auf sich nehmen. Das Sterbebuch der Pfarre Wolfurt zählt die Namen von 2 Jungfrauen und 5 Kindern auf, die ihr Leben verloren, als das überladene Schifflein in der stürmischen Nacht des 24. April 1839 kenterte: Franz Xaver Geiger, Kirchdorf, 7 Jahre Maria Agatha Gmeiner, Strohdorf, 21 Jahre deren Schwester Katharina Gmeiner, 16 Jahre Franziska Kresser aus Hohenweiler, 13 Jahre Anna Maria Schwerzler, Hub, 21 Jahre deren Schwester Rosa Schwerzler, 10 Jahre Jakob Krug, Hub, 9 Jahre Und doch nannte Kreishauptmann Ebner 1843 die Fabriksarbeit einen «leichten Verdienst». Die Hungerjahre vorher müssen noch viel schlimmer gewesen sein! Allmählich wurde die Stundenzahl gesenkt, aber 1902 betrug sie immer noch 6 mal 10 Stunden. Kinderarbeit in der Fabrik war jetzt verboten. Italienische Einwanderer hatten den Dienst in den Spinnereien übernommen. Jetzt aber begann in Wolfurt die goldene Zeit der Sticker. An die Plätze der alten Webstühle stellte man neue Stickautomaten. Und wieder mußten 10jährige barfüßige Mädchen bis zu 15 Stunden täglich die eintönige Arbeit als Fädler an den rasselnden Maschinen übernehmen. Wen wundert es da, daß bald «s'Uszehro», die Geißel Tuberkulose, im Dorf reiche Ernte einholte? 18 V. Äcker werden Heuwiesen Durch viele Jahrhunderte hatten Wolfurter Bauern das Korn für ihr karges tägliches Brot selbst angebaut. Eine tiefgreifende Veränderung brachte der Eisenbahnbau. 1856 hatte die bayrische Südbahn Lindau erreicht. Billiges Korn überschwemmte bald den Bregenzer Kornmarkt. 1872 wurde die Vorarlbergbahn eröffnet, 1884 der Arlbergtunnel. Große Umwälzungen in der Wirtschaft zerbrachen die alten Strukturen: Belebung des Handels. Vernichtung der Frächterei und vieler Handwerksberufe. Vernichtung des Getreidebaus und des Weinbaus. 1882 ließ der Wolfurter Pfarrer den letzten Weinberg im Tobel eingehen, 1898 brach der Kreuzwirt den letzten Weintorkel ab. Der Getreidebau warf keinen Ertrag mehr ab, der Bauernstand war tief verschuldet. Da rief der Wolfurter Lehrer Rädler nach der Idee Raiffeisens zur Selbsthilfe auf. Er lehrte Milchwirtschaft und Obstbau. 1882 gründete er die Sennerei Kirchdorf, 1884 folgte die Sennerei Hub. Vorschußverein Rickenbach ab 1881 und Raiffeisenkasse Wolfurt ab 1889 sorgten für notwendiges Kapital. Die Viehställe wurden vergrößert. Dreschflegel und Sichel verschwanden mit Flachsbrechel und Hanfhechel auf dem Dachboden. Das monatliche Milchgeld wurde zur Grundlage des Familieneinkommens. VI. Ausblick Am schwersten traf ab 1955 die dritte Bodenreform die Landwirtschaft mit Industrialisierung und Zersiedelung der Felder. 1880 hatte Wolfurt 213 Bauern mit 426 Kühen gezählt. 1976 waren es noch 23 Bauern mit 158 Kühen. 1988 sind es nur mehr ein Dutzend, die voll Sorge auf die EWG-Landwirtschaft blicken: Bringt sie das Ende? In den Betrieben ist die Arbeitszeit auf 40 Wochenstunden gesunken, Lohn und Urlaub sind gewachsen. Die Kinder dürfen lernen und spielen. Die Sorgen aber sind nicht kleiner geworden, nur anders. Und weise Leute sagen, daß man sich die Sorgen selber macht. Wir dürfen uns jedenfalls dankbar unserer Vorfahren erinnern, die in viel schwereren Zeiten mit ihrer Hände Arbeit den Grundstock zu unserem heutigen Wohlstand gelegt haben. 19 Christoph Volaucnik Franzosenkrieg im Jahre 1800 Vorarlberg wurde ab 1792 in die Wirren des französischen Krieges verwickelt und geriet durch die Kampfhandlungen und wirtschaftlichen Folgen des Krieges in eine langjährige Wirtschaftskrise. In den Franzosenkriegen wurde die Verteidigung des Landes neben den regulären kaiserlichen Truppen noch zum größten Teil von der Landwehr durchgeführt. Die Landwehr stand zwischen 1796 und 1800 immer zur Verteidigung Vorarlbergs bereit. Auch im Gericht Hofsteig waren die Schützen für die Verteidigung Vorarlbergs aufgeboten worden und 1800 wurde die Gemeinde Wolfurt in die Kriegswirren hineingezogen. Am 8. Mai 1800 erschienen die Franzosen am Rhein. Das österreichische Militär zog sich nach Füssen zurück und am 12. Mai rückten die Franzosen von Lindau nach Bregenz ein. Die Bregenzerwälder, Oberländer und Hofsteiger entschlossen sich, gegen die Franzosen weiterzukämpfen. Über die Kampfhandlungen im Gebiet Wolfurt vom Mai bis Juli 1800 hat sich im Vorarlberger Landesarchiv eine Wolfurter Chronik aus dieser Zeit erhalten, die von einem Maler Anton Schneider verfaßt wurde. Sie schildert die Ereignisse in Wolfurt und Vorarlberg von 1784 bis 1804, ist aber leider nicht mehr ganz vollständig. Aus dieser Chronik sollen die Ereignisse des Jahres 1800 wiedergegeben werden. Nach dem Einmarsch der Franzosen waren Soldaten nach Wolfurt gekommen und hatten von der Bevölkerung Essen und Trinken verlangt, waren aber nach Erhalt der Lebensmittel wieder abgezogen. Die Franzosen haben sich nicht über die Lauteracher Brücke hinausgewagt und sind in Lauterach und Wolfurt nur sporadisch zu Patrouillengängen erschienen. Die Bevölkerung wurde am 17. und 18. Mai zum Abbruch der Schanzen und Befestigungen in Bregenz kommandiert. Der Chronist vermerkt zu dieser Arbeit, daß diese Schanzen von den selben Bauern erst vor wenigen Monaten auf Befehl des österreichischen Militärs errichtet und für die Befestigungen Äcker, Felder und Wälder vernichtet worden waren. Die Schützen der Alberschwender Landwehr stießen am 18. und 20. Mai bis an die Lauteracher Achbrücke vor und eröffneten mit den Franzosen ein Feuergefecht. Besonders das Feuergefecht am 20. Mai muß sehr stark gewesen sein, da die Wolfurter Bevölkerung durch den Gefechtslärm stark verängstigt wurde. Die Einwohner eilten zur Kirche, um einen Psalter und einen Rosenkranz zu beten. Während der Gebete wurden der Barbier und der Pfarrer aus der Kirche geholt, um die Verwundeten der Alberschwender Schützen ärztlich zu versorgen und ihnen seelsorgerischen Beistand zu geben. Die Bevölkerung floh darauf aus der Kirche, da sie den Einmarsch der Franzosen befürchtete. Völlig überraschend zogen die Franzosen sich am selben Tag aus Bregenz zurück. Tags darauf rückten 3 Kompagnien kaiserlicher Truppen in Wolfurt ein und blieben bis zum 24. Mai in Wolfurt einquartiert. An diesem Tage hatten die Franzosen Bregenz in einer Zangenbewegung von der Klause und von Weiler-Langen her angegriffen und eingenommen. Die Österreicher konnten noch rechtzeitig aus Bregenz fliehen. In Wolfurt traf an diesem Tag der Befehl ein, daß sich die Wolfurter Schützen sammeln und nach Gaißau oder Hörbranz ziehen sollten. In der Reihe der Schützen gab es aber gegen diesen Befehl Widerstand, sodaß beschlossen wurde, die Entwicklung der nächsten Stunden abzuwarten. In der Nacht wurde aus Lauterach Gefechtslärm gehört, der die Leute aus dem Schlaf riß und zur Flucht führte. Es wurde ein Bote nach Lauterach geschickt, der nach einigen Stunden berichtete, daß die kaiserlichen Truppen aus Lautersch geflüchtet wären und die Franzosen wieder an der Lauteracher Brücke wären. 20 Am nächsten Tag, Sonntag dem 25. Mai, zogen sich die Schützen nach Bildstein zurück und warteten dort auf weitere Befehle. Als am 26. Mai von einem Wolfurter einige Franzosen bei der Kennelbacher Fähre gesichtet wurden, kam es im Dorf wiederum zu Panik, da man mit einem Einmarsch der Franzosen rechnete. Die Franzosen hatten aber das Fährschiff nur konfisziert und nach Lauterach gebracht, um damit den Achübergang bei Kennelbach zu unterbrechen. Die Schützen waren alarmiert worden und zogen von Bildstein nach Wolfurt zurück. Sie marschierten an die Achbrücke und wurden in ein Feuergefecht verwickelt. In der Nacht erhielten sie den Befehl zum Rückzug nach Bildstein, errichteten aber Wachtposten im Oberfeld. Die Schützen wurden in den Parzellen Bereuter, Staudach, in Buch und Bildstein untergebracht. Sie patrouillierten jeden Morgen und Abend durch das Dorf und die Felder. Auch die kaiserlichen Soldaten führten täglich von Dornbirn her Patrouillengänge bis nach Lauterach und Wolfurt durch. Die Franzosen entsandten zweimal Spähtrupps nach Wolfurt, die aber nur bis zum Schmerzenbild und bis in den Ortsteil Bütze kamen. Die auf den Feldern arbeitenden Bauern flüchteten bei Ankunft der französischen Spähtrupps in das Dorf und schlugen Alarm. Wolfurt hatte durch die Brückenbesetzung und durch die Vernichtung der Fährverbindung keine Verbindung mehr mit Bregenz. Bregenz hatte aber als Getreidemarkt für Wolfurt eine lebenswichtige Bedeutung. Der Kornpreis war durch die Kriegsereignisse bereits stark gestiegen und zusätzlich zur Teuerung kam es zu einem spürbaren Mangel an Getreide. Die Schützen hatten in Schloß Wolfurt, Frickenesch und dem Oberfeld weitere Wachtposten anfang Juni errichtet. Besondere Bedeutung sollten die Wachen am Flotzbach und am Rickenbach erhalten. Französische Patrouillen waren Mitte Juni zweimal auf diese Wachen gestoßen. Am 30. Juni waren 160 französische Reiter und Infanterie am Rickenbach erschienen, hatten sich aufgestellt und die Wolfurter Schützen überrascht. Ein Teil der Rickenbacher Schützen eilte vom Dorf zu den Franzosen, während der zweite Teil der Schützen zuerst zur Ach marschierte und von dort erst zum Rickenbach kam. Die Franzosen griffen an und versuchten, möglichst rasch zum Schloßbühel zu gelangen, um die dort befindlichen Schützen gefangen zu nehmen und die «Kanon» zu vernichten. Die im Schloß liegenden Schützen waren rechtzeitig nach Frickenesch geflohen, hatten sich dort neu gesammelt und einen Angriff von der Höhe auf die Franzosen begonnen. Sie konnten das Dorf von den Franzosen befreien und diese bis nach Lauterach zurücktreiben. Der Kampf hatte von halb 8 Uhr bis 12 Uhr gedauert und mehrere Tote gefordert. Die Schützen haben die Wachen neu besetzt und sich nach Bildstein zurückgezogen. Der kommandierende französische General übermittelte noch am selben Tag den Gemeinden Wolfurt, Rickenbach und Schwarzach eine Kapitulations-Aufforderung. Er drohte den Gemeinden bei weiterem Widerstand mit Plünderungen, Morden und Brandlegungen. Der Pfarrer von Wolfurt wurde mit der Abfassung eines Bittbriefes beauftragt. Er erklärte darin, daß die Wolfurter an den Kämpfen unschuldig wären und Wälder und Tiroler Schützen den Kampf geführt hätten. Weiters versprach die Gemeinde, alle Forderungen der Franzosen zu erfüllen, Brandschatzung zu zahlen und Vieh freiwillig abzuliefern. In der Gemeinde herrschte große Angst und man rechnete mit keiner Schonung durch die Franzosen. Eigentümlich scheint der Inhalt des Bittbriefes bezüglich der eingesetzten Schützen. In mehreren Stellen in der Chronik werden ausdrücklich die «Rickenbacher Schützen», «unsere Schützen» als Verteidiger genannt. Der Pfarrer dürfte hier aus Furcht vor der französischen Vergeltung die Rolle der Wolfurter Schützen vermutlich heruntergespielt haben. Die erwartete Strafaktion blieb vorerst 21 aus. Erst am 12. Juli 1800 brachen die Franzosen aus Bregenz auf und marschierten in Richtung Feldkirch. Die Wolfurter schickten Johann Dür aus dem Tobel nach Bregenz, um sich über die Lage zu informieren. Der Aufmarsch über die Achbrücke erfolgte nachts. Im Schutze der Dunkelheit wurde eine Abteilung französischer Soldaten dem Achdamm entlang nach Wolfurt geschickt. An einer Stelle in den Inselgründen teilten sich die Soldaten in zwei Gruppen und marschierten durch die Felder dem Dorf zu. Bregenzerwälder Schützen, die am Ortsrand auf Wache standen, bemerkten die angreifenden Franzosen und flohen, nachdem sie Alarmschüsse abgegeben hatten, vor den Angreifern. Die Franzosen stürmten Richtung Schloß, um die dort befindlichen Bregenzerwälder Schützen gefangennehmen zu können. Bei der Einnahme des Schlosses wurden mehrere Schützen und Franzosen getötet. Die Franzosen haben die Schützen bis nach Bildstein und Alberschwende verfolgt. Dort wurden sie von den Schützen bereits erwartet und erst nach dreimaligem Sturmangriff der Schützen zogen sich die Franzosen wieder bis Wolfurt und Lauterach zurück. In Lauterach verschanzten sich die Franzosen hinter einem «Hag» und es wurden den ganzen Tag in Lauterach noch Feuergefechte geliefert. In der Gemeinde herrschte wegen der Kampfhandlungen Furcht, Schrecken und Ratlosigkeit. Die Franzosen hatten bei der Einnahme von Wolfurt in viele Häuser eingebrochen, geplündert und einen Mann, Michael Haltmayer, in seinem Haus erschossen, da er sich geweigert hatte, ihnen Geld zu geben. Er wurde in aller Stille beerdigt, da die Franzosen das Glockenläuten verboten hatten und aus Furcht nur 3 bis 4 Personen es gewagt hatten, die Beerdigung zu besuchen. Am Abend kam der Befehl für die Bregenzerwälder Schützen, sich wieder bis Alberschwende zurückzuziehen. Die Wolfurter haben ihre eigenen Schützen den Wäldern hinterhergesandt, um das Dorf frei von Schützen zu haben. Am folgenden Tag, Montag dem 13. Juli, wurden 4 Wolfurter zu den Franzosen gesandt mit der Nachricht, daß die Schützen das Dorf verlassen hätten und die Gemeinde um Schonung beim Einmarsch bitte. Die Wolfurter zogen den Franzosen mit Branntwein und Brot entgegen und der Chronist vermeint dazu, daß es trübe Zeiten wären, da man dem Feind entgegenziehen müsse. Die einrückenden Franzosen schonten das Dorf aber in keiner Weise. Sie haben bei den Hausdurchsuchungen mit Äxten die Türen und Läden aufgeschlagen, sind sogar in der Kirche eingebrochen, wobei sie aber nur die Kerzen stahlen. Der Chronist kommentiert diese Plünderung mit einem Vergleich. Er sagt, daß die Franzosen «wie wütende Hund herum gefohren» und mit Wut und «garosch» (=Rage, Zorn, Empörung, Wut) in das Dorf gekommen wären. Die Franzosen blieben zwei Tage im Dorf und marschierten dann in den Bregenzerwald weiter. Ab dem 17. Juli erfolgte eine neuerliche Einquartierung von Franzosen in Wolfurt. Die Bevölkerung hatte die Soldaten (100 Mann) mit Suppe, Brot, Fleisch und Branntwein zu verköstigen. Für einen Brückenbau in Gaißau mußten täglich 10 Männer für die Bauarbeiten abgestellt werden und Kornlieferungen an die französische Armee durchgeführt werden. Weiters schrieben die Franzosen der Gemeinde bis zu einem bestimmten Datum die Herstellung der Gemeindestraßen vor. Im Dezember 1800 wurden 3 Wolfurter als Wegführer und Fuhrleute für einen Truppentransport nach Schwarzenberg verpflichtet. In den folgenden Jahren litt die Bevölkerung Wolfurts unter ständigen Truppeneinquartierungen und unter Fuhrdiensten für das Militär. Kriegerische Auseinandersetzungen im Dorf gab es glücklicherweise keine mehr für die nächsten 145 Jahre. 22 Siegfried Heim So heo s i ghört! (Nicht-Wolfurter sollten sich unseren Dialekt vorlesen lassen, wenn er ohne phonetische Zeichen geschrieben wird.) Deon und heon, deonna und heonna, ummar und umme: umme gi Kennolba, gi Breogoz, gi Lindo, id Schwiz, gi Amerika dünn und homm, dunna und homma, uffar und abe: abe in Keor, gi Luttora, gi Nuschlou, gi Wion, id Steiormark, uf Italien domm und hunn, domma und hunna, abar und uffe: uffe in Ufzug, gi Bildsto, gi Schwarza, is Oborland, uffe uffo Mo duß und hinn, dussa und hinna, inar und usse: usse is Riod, gi Locho, is Dütscho dinn und huß, dinna und hussa, ussar und ine: ine is Gado, is Buoch, ad Egg, is Muntofu, is Tirol, ine is Dorf und usse gi Rickoba, usse id Kelte, ine ad Werme! Füor s Klennst Rita, rita, Rößle! Z Breogoz stoht a Schlößle, z Riodoburg a Kappele. D Moatla trägond Schappele. Buobo trägond Moio. D Henna leggond Oior. D Wibor neommond s us und Heorro schleockond s us. Was wir planen Vortrag: Gewerbe im vorigen Jahrhundert Zeitschrift: Geologisches aus Wolfurt Lesung: Aus der Schneider-Chronik Führungen: In und um die Kirche Quer durch Rickenbach Wir werden Sie rechtzeitig einladen. Bitte, lassen sie uns die Adressen von weiteren Interessenten zukommen, denen wir dieses und die folgenden Hefte zuschicken dürfen!


Heimat Wolfurt Heft 05 1990 April
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 5 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 90 SCHLOSS WOLFURT auf einem Foto aus dem Anfang unseres Jahrhunderts. So hatte der Bregenzer Kaufmann Jakob Huter 1856 das alte Schloß umgebaut und den massiven Turm mit einem romantischen Zinnenkranz im «Neuschwanstein»-Stil geschmückt. 1936 bekam der Turm seine heutige Form. Das Schloß ist 1939 abgebrannt. Inhalt: 13. 14. 15. 16. 17. Schlösser in Wolfurt (Heim) Pfarrer Barraga (Köb) Pfarrkirche (Heim) Autos (Heim) Chronik (Engelbert Köb) Zuschriften und Notizen Wie hoch ist der Wolfurter Kirchturm? Eine Reihe von Anfragen befaßte sich mit der in Heft 4 veröffentlichten Planskizze aus dem Pfarramt, die die Turmhöhe mit 57,30 m angibt: «In der Schule haben wir gelernt 65 m!» Ein erfahrener Handwerker berichtete sogar, wie er einst vom «Giggolar» bis zum Friedhof herab ein Seil ausrollte und nachher abmaß: 63 m. Mit modernsten Meßgeräten hat daher Karl Hinteregger den Turm im November 1989 noch einmal abgemessen: 56,92 m. Ein Gruß daher an alle Heimatkundelehrer: Der Wolfurter Kirchturm ist 57 Meter hoch. Zu Kriegsende 1945 (Heft 3/36) erinnert sich Albert Köb (Mesmers auf dem Bühel): «Luise Bilgeri wurde nicht mit den beiden Soldaten in ein gemeinsames Grab gelegt, sondern einen Tag später allein ein paar Grabreihen weiter hinten beerdigt. Ich habe dem Totengräber beim Graben geholfen.» Mundartausdrücke (Heft 4/1) Besonders viel Aufmerksamkeit hat Helmut Heim mit seinem Beitrag gefunden. Manche haben fröhlich darüber diskutiert. ArminSchertlerund Celine Gliebe haben selbst ergänzende Beiträge geschickt. Wir bitten alle Dialekt-Freunde, uns weitere Sprüche und Notizen zuzusenden, damit bald eine Fortsetzung folgen kann. Weit in die Fremde werden manche unserer Hefte als Gruß aus Wolfurt verschickt, aus dem fernen Wien erreichte uns ein Brief: Lieber Heimatkundekreis! Vielen Dank für die Heimatkundehefte. Sie sind interessant, informativ und erweitern meine Kenntnisse in diesen Bereichen gewaltig. Allein die Entwicklung in den 28 Jahren, die ich von Wolfurt fort bin, ist unglaublich. Jedesmal wenn ich nach Wolfurt komme, hat sich wieder was verändert. Z. B. hat die Bregenzerstraße ein ganz anderes Gesicht als zu der Zeit, als ich noch zu Hause war. Überall entstehen neue Häuser oder Wohnbauten oder auch öffentliche Gebäude, wo ich mir dann überlegen muß, was da früher gestanden ist — wie es ausgesehen hat. Ein bißchen wehmütig berührt mich, daß die vielen Wiesen verschwinden, wo ich mit König 's Kühe hüten war oder mit den Freunden gespielt habe. Das Bächle in der unteren Straße, in das ich nicht nur einmal «abgestürzt» bin, vermisse ich auch—alles Nostalgie — lassen wirs. 1 DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Heinrich Köb, geboren 1946, Hauptschullehrer in Wolfurt Berichtigungen 1. Die Kapläne (Heft 4/71): auf einen besonders schlimmen Fehler weisen mehrere aufmerksame Leser hin. In der Reihe wurde unser besonders beliebter Kaplan Pius Fäßler vergessen. Ich bitte den fröhlichen Pfarrer von Au um Verzeihung. Er feiert heuer das 20jährige Pfarrjubiläum. Am 13. September 1970 ist er von Wolfurt nach Au eingezogen. 2. Druckfehler (Heft 4/62, Zeile 12): statt Gelände richtig «Geläute». Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Die andere Seite ist, daß es jetzt viel mehr Möglichkeiten gibt, ob Freizeit, Schule oder Erwachsenenbildung und auch ein reges Vereinsleben. Ich komme immer wieder gerne das «Hoamweh abstroafa» und Dialekt «uffrischa». Auch meine Söhne sind mit dem Dialekt vertraut, denn jeder von ihnen kommt gern ins Ländle. Meine Haupt- und wesentlichste Erinnerung an Wolfurt ist die, daß ich überhaupt noch am Leben bin: Im Jahr 49 hatte ich Diphtherie, die der Arzt aber nicht erkannt hat. Dank Schwester Epiphania kam ich dann im letzten Augenblick noch zu meinem Luftröhrenschnitt und blieb dadurch am Leben. Die anderen Erinnerungen beziehen sich fast alle auf Flatz' Isidor, der für mich Vater, Großvater, Freund, Kumpel war und viel zu früh gestorben ist. 1958 sind wir an die Ach gezogen, und ich 1962 nach Wien. Damals ist der Kontakt zu Wolfurt und den Wolfurtern leider abgerissen. Schellings (Gliebe) Celine versorgt mich mit Informationen (Hinweis auf den Heimatkundekreis), Zeitungsausschnitten, Festbroschüren über Wolfurt. Sie ist meine Hauptquelle für Neues aus der Heimat. Ich wünsche Euch weiterhin viel Erfolg und bleibe mit herzlichen Grüßen Eure Helga Klement (Berkmann) Siegfried Heim SCHLOSS WOLFURT Auszug aus einem Vortrag im November 1989 Das Schloß auf dem Bühel über dem Kirchdorf prägt wesentlich das Bild unseres Ortes. Es ist Privatbesitz der Familie Schindler, aber es gehört doch auch uns allen. Sage und Geschichte Chronist Ferdinand Schneider nennt um das Jahr 1880 vier Schlösser in Wolfurt: «Vom Schlößle Holz bei Unterlinden weiß die Geschichte nichts.» Vom Schloß Kuien auf dem Rutzenberg kennen wir immerhin die Sage von der goldenen Schlange. Schloß Veldegg auf dem Hexenbühel im Oberfeld und Schloß Wolfurt sind durch viele Dokumente bezeugt. Zuerst die älteste Sage, die Weizenegger in seiner Beschreibung Vorarlbergs aus dem Jahre 1839 (auf S. 350) berichtet: «Unter den Familienmitgliedern pflanzte sich die Erinnerung fort, daß die ursprünglichen Wolffurth im 13. Jhdt. aus politischen Gründen Schottland verließen, und eigentlich den Namen M'Dewr the Wolf— sprich Mac Diur the Wolf— führten. Sie sollen nach Italien gezogen seyn, und sich später in unserem Ländchen niedergelassen haben, wo ihr Name in Wolvesford — Wolfsführe — und nach und nach in Wolffurth überging.» Es gibt keinerlei Beweis für die Echtheit dieser Sage. Aber tatsächlich durchzogen in jenen Jahrhunderten zahlreiche Ritter die Länder Europas, manche als Abenteurer und in Minnediensten, viele als Söldner und Söldnerführer. Ich verweise auf das berühmte Fresko von Ucello im Dom von Florenz, das den britischen Söldnerführer John Hawkwood («Giovanni Acuto») in florentinischen Diensten zeigt. Diese Sage von M'Dewr the Wolf würde erklären, warum der Name Wolfurt erst so spät um das Jahr 1220 auftaucht und zwar als Name einer Burg, während die Ansiedlung beim Kellhof schon lange bestand und nachweislich schon 1172 eine Kapelle St. Nikolaus besaß. 2 3 Ab 1220 tauchen der Name Wolfurt und das Siegel mit dem Wolf auf vielen Dokumenten im Raum von Lindau bis Konstanz und Pfullendorf auf und bezeugen ein mächtiges Rittergeschlecht. Thomas Lirer zählt es in seiner Schwäbischen Chronik zu den bedeutendsten Geschlechtern Schwabens. Das Lindauer Geschlechterbuch nennt es «fürnehm in der Ritterschaft des Landes Schwaben». In Vorarlberg selbst war Schloß Wolfurt mit seinem Kellhof und dessen selbständigem Gericht aber ein Fremdkörper. Der Kellhof war 1167 als Königsgut in den Besitz des Kaisers Friedrich Barbarossa gekommen und mit der Stadt Lindau Reichsgut geworden. Mitten im Montfortischen Hofsteig war er jetzt Stützpunkt der Staufer, die bei der Besiedlung des Bregenzerwaldes mit den Grafen von Bregenz konkurrierten. Wahrscheinlich waren Kellhof und Schloß auch Rastplätze am staufischen Kaiserweg über die Alpen nach Italien. Hierin könnte die ursprüngliche Bedeutung der Ritter von Wolfurt liegen, die sich zwar im Bodenseeraum einen Namen machten, in Vorarlberg selbst aber bei späteren Geschichtsschreibern kaum Beachtung fanden. Erst Burmeister richtete ab 1982 mit seinen Forschungen und seinen Veröffentlichungen «Das Edelgeschlecht von Wolfurt» (1984 in Lindau!) und «Die Siegel der Edlen von Wolfurt» (1984 in Eisenstadt!) die Aufmerksamkeit der Historiker auf das Wolfswappen. Er weist nach, daß die Wolfurter im 14. Jahrhundert zwanzig Burgen besaßen, allerdings in Vorarlberg nur ihr Stammschloß, aber zehn am Untersee und im Schwarzwald, neun in Ungarn und eine in Italien. 10. Jenny Samuel: Der Wolfurter Kelch in Pfäfers, LM-Jahresbericht 1888 11. Nigg Theophil: Der Wolfurter Kelch, Heimatblätter aus dem Sarganserland 1937/7 12. Rapp Anna: Der Meßkelch aus Pfäfers, Schatzkammer der Schweiz, Landesmuseum Zürich 1980/40 13. Vogler Werner: Die Wolfurter in Pfäfers, LM-Jahrbuch 1982 14. Weizenegger-Merkle: Vorarlberg 1839/1-350 Die goldene Schlange von Wolfurt Als erster hat Pfarrer Barraga 1834 diese alte Wolfurter Sage im Pfarr-«Catalogus III» aufgeschrieben. Er erzählt vom Schloß Kuien: «Von diesem Schloße sah man öfters eine goldene Schlange über die Felswand hinabschießen u. aus (dem) Rickenbach Waßer schlürfen.» Franz Josef Vonbun hat die Sage in Oberländer Mundart in Verse gesetzt. Die erste Strophe lautet: «Ob Wolfurt ist a Zwingburg gsi, sie ist jetzt frile zämmekeit und nur verwetterts Murewerk ist d'Loabat vu der Herrlichkeit.» Fälschlich verlegen schon Ulmer und nach ihm auch Burmeister die Sage vom Kuien nach Schloß Wolfurt. Die Überlieferung weist sie aber eindeutig dem nach der Sage im Jahre 1408 von den Appenzellem verbrannten Schloß Kuien am Rickenbach zu. Ungefähr so habe ich sie von meinem Lehrer gehört: « Ufom Kujo im Bahholz obor Rikkoba ist amol a Schloß gstando. Döt dorn heot an böso Rittar gwohnt. Am heallo Tag heot ar Kouflütt uf or Stroß üborfallo und heot eona s Geold gnuh. No meh händ alle dio hoffürtig Tochtor vum Rittar gfürchtot. Dio ist vielmol mit ihrom wildo Roß miotta dur d Kornäckargritto und heot mit dor Goasol uschuldige Lütt gschlago. Viel Gold heot si im Keor zemmod treit. Abor wenn an armo Beattlar am Burgtoar klopfot heot, dann heot sie dio böso Hund ufon ghetzt. Zletscht händ d Buro d Appozellar us or Schwiz z Hilf gholot. In ar dunklo Nacht händ se d Burg übrfallo und azündt. Heolluf heot as brennt und dann ist alls zemmodgfallo und dio brennigo Balko händ deo böso Rittar arschlago. Des hoffürtig Fräulein ist im Rouch ufom Geold im Keor eländig vorstickt. 5 Literatur: Für besonders interessierte Leser füge ich hier eine Liste von Werken ein, die Schloß Wolfurt oder seine Ritter beschreiben: 1. Schwärzler Kaspar: Die Edelgeschlechter von Wolfurt a) Manuskript 1897 in der Schulchronik Wolfurt b) Volkskalender 1898 c) Volksblatt 1898/48-51 2. Ulmer Andreas: Burgen und Edelsitze 1925/385 3. Neurauter: Schlösser, Feierabend 1932/5 4. Gasser Siegfried: Schloß Wolfurt, Illwerke 1972 5. Burmeister Karl Heinz: Die Wolfurter, Landesmuseum 1982, Katalog 99 6. Burmeister Karl Heinz: Ritter Konrad, LM-Jahrbuch 1982 7. Burmeister Karl Heinz: Das Edelgeschlecht von Wolfurt, Museum Lindau 1984 8. Burmeister Karl Heinz: Die Siegel von Wolfurt, Burgenländische Forschungen VII/1984 9. Bronner Franz Xaver: Herzog Werner von Urslingen, Aarau 1828 (aus italienischen Chroniken). 4 A bor d Seel vun-oro heot ka Ruoh gfundo. Sit do muoß seas Schlang im Keor goastoro und Buoß toa. All hundort Johr amol darfse ussar krücho und am Rikkoba Wassortrinko. Wenn däs an uschuldigs Sunntagskind sioht und ohne Angst stoh blibt, dann kan as dio arm Seel mit am Gebeott arlöso und kut viel Geold und Gold übor. Sus abor muoß dio glitzgorig Schlang wiedor zruck in Keor ine und ma hört se z Nacht rumplo und pflänno.» und ein anderer Baron mußten 100.000 Goldgulden, mehrere Freiherrn und Ritter 50.000, die Ritter und Schildträger von Neapel auch 50.000bezahlen; der Graf von Spreck und Wilhelm von Fogliano, die selbst um Sold dienten, verloren ihre Waffen, Harnische und Pf erde.» Mit den anderen Söldnerführern teilte Konrad von Wolfurt — die italienischen Chronisten nennen ihn «Wolfart» oder «Corrado Lupo», den Wolf— die unfaßbar große Beute von 500000 Goldgulden und die vielen Wagenladungen voll anderer Schätze: «Nebst dem beträchtlichen Geldschatze theilten sie unter sich auch eine Menge Streitrosse, reiche Harnische und Waffengeräthe, ferner ganze Haufen durch Kirchenraub zusammengebrachte silberne Kirchengefasse, Kreuze, Kelche, köstliche Priestergewänder, Altarschmucku. dgl., auch ganze Gewölbe voll theure Juwelen, Schmuckkästchen von großem Werthe, die sie den Gemarterten durch lange Qualen entrissen hatten. Nach dieser Theilung war jeder Soldat reicher als er erwartet hatte; das Heer zog sich über den Volturno zurück, und die Feldherrn gingen zu Rathe, ob sie sich trennen wollten. Die Deutschen trachteten mit ihrem Raube ins Vaterland zu entkommen; nur Conrad Wolfart mit einigen ungarischen Heerscharen blieb noch im Königreiche Neapel und ging nach Apulien in feste Plätze zurück. Die reichen Freibeuter nahmen, als sie schieden, viele Mädchen und Frauen, die sie ihren Männern geraubt hatten, mit sich auf die Reise, und schlugen den Weg nach Deutschland ein.» Ulrich machte mit seinen Schätzen nun Karriere als Graf in Ungarn. Unter anderem war er Herr von Ödenburg und ritt als Gesandter des Königs 1352 zum Papst nach Avignon. Konrad hatte sich zuerst nach Guglionesi in die italienischen Abruzzen zurückgezogen, doch dann finden wir auch ihn als Grafen in Ungarn. Auch er war 1355 Gesandter beim Papst. An seiner Seite ritt damals Marquard von Hohenems. 1365 kaufte Konrad Stadt und Burg Arbon am Bodensee. 1364 hatte er dem Kloster Pfafers den berühmten Wolfurter Kelch gestiftet. Selbstbewußt stellte er darauf sein Wolfswappen zu den Zeichen der vier Evangelisten. Der Kelch zählt heute zu den Kostbarkeiten der Schweizer Schatzkammer in Zürich. Die Gemeinde Wolfurt besitzt seit 1982 eine Kopie. Ebenso schnell wie die Wolfurter Ruhm und Reichtum gewonnen hatten, verloren sie auch alles wieder in wenigen Jahrzehnten. Schon 1402 mußten sie ihre Stammburg Wolfurt verkaufen, 1405 auch noch Burg Gießer bei Lindau «samt Mühle, Korn, Weinzehnten und aller Zugehör, dazu 40 Bauern mit ihren Weibern und Kindern, . . . » Die verschiedenen Ritterlinien im Schwarzwald und am Bodensee starben aus oder wurden Bürger in den Städten. Auch in Ungarn erlosch das Geschlecht um 1450. 7 Äbte und Raubritter Weil im Mittelalter die Klöster ungeheuren Einfluß hatten, versuchten Kaiser und Fürsten jeweils die Abtwahl zu beeinflussen. So kamen auch viele Wolfurter in den staufischen Klöstern zu hohen Ehren. Allein im wichtigen Pfafers (im oberen Rheintal) stellten sie dreimal den Abt. Um 1370 war Burkhart Abt in Pfafers und seine Schwester Agnes Äbtissin in Lindau. Im gleichen Jahr finden wir einen Konrad von Wolfurt als Prior in Chur, Wolfhard als Propst im Stift Waldsee und Guta von Wolfurt als Meisterin von Münsterlingen. Eine ungeheure kirchliche Machtfülle in der Hand eines einzigen Geschlechts! Weit größere weltliche Macht hatten aber die Brüder Ulrich und Konrad von Wolfurt als Anführer von Söldnerheeren in Italien gewonnen. Für König Ludwig den Großen eroberten sie 1348 das Königreich Neapel. Italienische Chroniken berichten mit überschwenglichen Worten von ihrer Tapferkeit und Kriegkunst, aber auch von ihrer Grausamkeit und Geldgier. Von Konrad heißt es, als er die Stadt Foggia plünderte: «Erließ seine Soldaten nach Gefallen wirtschaften, sie bemächtigten sich der Häuser, der Geräthe, der Lebensmittel, und überließen sich ihren bösen Gelüsten mit Frauen und Jungfrauen; nicht zu frieden, die Bürger ihres Eigenthums beraubt, und das Glück der Familien gestört zuhaben, quälten sie die Hausväter noch überdies mit ausgesonnenen Martern, um von ihnen noch mehr Geld zu erpressen. Man schaudert bei der Beschreibung solcher Unthaten.» Auch Capua und Aversa wurden geplündert. Dabei machten die Söldner zahlreiche Gefangene, die sie nun durch grausame Martern zur Zahlung von ungeheuren Lösegeldern zwangen: «Die gefangenen Feldobersten, Raymund del Balzo, die beiden Grafen Robert und Tricario von San-Severino, der Graf von Santo-Agnolo 6 Holzhändler und Beamte Im 15. Jahrhundert kauften die Habsburger Stück um Stück von Vorarlberg, darunter auch Wolfurt. Als Lehen vergaben sie es an die Familie Leber aus Bregenz, die durch Handel mit Holz und Wein reich geworden war und nun noch nach Titel und Wappen strebte. Jakob Leber wurde schließlich um 1515 von Kaiser Maximilian geadelt. Er begründete das zweite Geschlecht «Ritter von Wolfurt». Wohl als Symbol seines Reichtums setzte er dem Wolf im Wappen eine goldene Krone auf. 1529 bis 30 stellten die Leber von Wolfurt ihr Schloß dem Fürstabt Kilian von St. Gallen und seinem Konvent zur Verfügung, der vor der Reformation hatte fliehen müssen. Kilian verunglückte beim Durchreiten der Ach. Die Leber hatten große Besitzungen in Bregenz. Ihnen gehörte das Gut Kronhalde. Auch am Deuring-Schlößchen hat man ihr Wappen mit dem gekrönten Wolf gefunden. Einige von den sechs Söhnen des Hans Jörg Leber trugen es noch einmal weit in die Welt hinaus. Junker Laux (Lukas) von Wolfurt diente den Grafen von Ems, die um 1600 auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen. Erzbischof Mark Sittich machte ihn zum Stadthauptmann von Salzburg, der seinen Herrn mit ungeheuer zahlreichem Troß im Jahre 1608 zum Reichstag nach Regensburg geleitete. Sigmund von Wolfurt war Dompropst zu Konstanz. Als solcher verwaltete er die dortigen Güter des Salzburger Erzbischofs und versorgte diesen unter anderem auch mit Meersburger Wein. Ein Fenster im Münster trägt sein Wappen und das Todesjahr 1621. Johann Eucharius von Wolfurt wurde 1616 Fürstabt des Benediktinerklosters Kempten. Er machte es zu einem Zentrum der Gegenreformtion im 30jährigen Krieg. Das Kloster erwarb Dörfer und Schlösser und betrieb eine eigene Münzstätte. Seine Münzen mit dem Wolfurter Wappen sind heute besondere Raritäten. Um 1650 starb auch das Geschlecht der «Leber von Wolfurt zu Wolfurt» aus. Österreichische Beamte versuchten nun, mit Schloß und Wappen ihren Namen Klang und Geltung zu verschaffen. Ihr bedeutendster Vertreter ist Benedikt Reichart «von Wolfurt und Wellenstein», ein verhaßter Stadtammann und Steuereintreiber in Bregenz, der das Lehen ab 1695 besaß. Unter ihm bekam das Schloß jenes Aussehen, das wir von den ältesten Bildern kennen. Der Turm trug ein Satteldach. Ebenerdig war eine Schloß kapeile eingerichtet. Auf der Südseite deckte ein großer Weinberg den steilen Hang. Die letzte Adelsfamilie «von Wolfurt» war die des Bregenzer Amtsrats Konrad von Tröndlin-Greiffenegg, die das Schloß 1750 für 900 Gulden kaufte. 8 Schloßbauern Zum Schloß hatten einst auch die Bauern und die Mühle im Holz gehört. Längst hatten diese ihre Freiheit gewonnen. Im Jahre 1760 war Johann Stadelmann aus Buch (1725—1800) Besitzer des zweiten Hofes im Holz geworden (In diesem Haus lebte später der Wolfurter Ehrenbürger Dr. Lorenz Böhler). Johann Stadelmann trieb 1772 die 3600 Gulden auf, die die Witwe Tröndlin für das Schloß und allen dazugehörigen Grundbesitz verlangte und wurde der erste Schloßbauer. Seine Tochter Agatha heiratete 1799 Franz Xaver Köb aus Bildstein-Haag (1777—1859). Sie zogen in das alte Gemäuer ein und begründeten mit ihren 12 Kindern die große Sippe «Schloßburos» in Wolfurt. Von den Kindern wurde der Krämer Johann Köb (1805—1849) im Haus Kirchstraße 6 in Unterlinden Stammvater der Waldaufseher Köbs (Alwin, Anna...) an der Kirchstraße, der Gottfrieda Köb-Kalb in Unterlinden und der Schmied-Köbs an der Wälderstraße, aber auch vieler Tochterfamilien. Johann Baptist Köb (1814—1884) zog in die Bütze. Aus dem 1930 dort abgebrannten Haus stammen nicht nur die großen Familien von Vinzenz und Herbert Köb in der Bütze und von Johann Köb an der Schloßgasse («Stenzlers»), sondern neben anderen weit zerstreuten Köb-Familien durch ihre Großmütter auch die «Kapeller» und einige «Mohr»-Familien. Die Schloßbauern Xaver Köb und seine Söhne verkauften das Schloß 1856 an den Kaufmann Jakob Huter in Bregenz. Mit seinen zehn Kindern, darunter der Bürgermeister und Ehrenbürger Josef Huter (1844—1902), baute Jakob Huter das verwahrloste Schloß zu einem schönen Sommersitz um. Der Turm erhielt einen romantischen Zinnenkranz. An die Stelle der alten Wirtschaftsgebäude kam ein Wehrgang mit Wohnzimmern. Der alte Roßweg über die Halde wurde durch eine Fahrstraße ins Dorf erweitert. Von Huters Erben erwarb 1937 der Textilindustrielle Dr. Fritz Schindler aus Kennelbach das wieder arg baufällige und unbewohnte Schloß samt drei Hektar Grund. Schon ein Jahr vorher hatte er mit dem Umbau begonnen. Der Turm wurde ein Stück erhöht und mit Schwimmbad und Fernrohr ausgestattet. Wohnhaus und Wehrgang wurden komfortabel eingerichtet. Die neue Elektroinstallation wurde aber zur Ursache eines Großbrandes, der das Schloß am Abend des 12. Dezember 1939 fast völlig zerstörte. Unersetzbare alte Möbel, Türen und Deckengewölbe verbrannten. Es gelang Schindler, das Schloß nach Plänen von Architekt Tscharner bis zum Herbst 1940 wieder aufzubauen. Seine mutigen Flüge als einer der ganz wenigen Sportflieger von Altenrhein mußte er im Krieg einstellen. Immer noch wurden aber die prachtvollen Luxus-Autos, darunter das von 36 Elementen mit Energie versorgte große Elektro-Mobil des Schloßherren, von der Wolfurter Dorf-Jugend bewundert. 9 Als die Familie Schindler zu Kriegsende in die Schweiz flüchtete, vertraute sie das Schloß der getreuen Wirtschafterin Lisa an. Bald nahmen es die Franzosen in Besitz. In den unruhigen Maitagen 1945 verschwanden zwar einige Kostbarkeiten aus der Bibliothek, Insgesamt aber blieb das Schloß in gutem Zustand, weil die französische Militärregierung unter Colonel Jung ihren Sitz hierher verlegte und es von Militärpolizei bewachen ließ. Immer wieder kamen jetzt hohe Gäste auf Besuch, darunter General Bethouard und das Fürstenpaar von Liechtenstein. 1950 kehrte die Familie Schindler heim. Auch Dr. Fritz Schindler empfing nun häufig Gäste aus aller Welt, Fabrikanten, Künstler, Weltreisende oder den bekannten Radioprediger Pater Suso Braun. Die Söhne der Familie brachten eine besondere Form von exotischem Leben ins Schloß. Sie züchteten gefahrliche Giftschlangen, seltene Echsen und Krokodile. Alexander, der jüngste Sohn, widmete sich einige Jahre lang dem ebenso gefährlichen Auto-Rennsport. Seit dem Tode ihres Gatten ist nun Frau Friedel Schindler Besitzerin und Bewahrerin unseres schönen Wolfurter Schlosses. Franz de Barraga 1788—1835 • Seelsorger und Kirchenbauer (Vorwort von Siegfried Heim) Unter den sechs Wolfurter Pfarrern im 19. Jahrhundert gebührt Franz Xaver Barraga ein besonderer Platz. Im Jahre 1818 hatte der Papst aus Teilen der uralten Diözesen Chur, Konstanz und Augsburg das neue Generalvikariat Vorarlberg zusammengefügt. Bischof Bernhard Galura, der als erster Generalvikar seit 1820 in Feldkirch residierte, fiel die schwere Aufgabe zu, die hier aufeinander treffenden theologischen Schulen von Konstanz und Chur zu vereinen. Weil ein Priesterseminar fehlte, entstand drückender Priestermangel. Nur 156 von 176 Stellen waren besetzt. Die starke überalterte Geistlichkeit wehrte sich gegen neue Strömungen. (Nach Elmar Fischer, Die Seelsorge im Generalvikariat Feldkirch, 1968). Vor diesem Hintergrund müssen wir die in der Folge berichteten Auseinandersetzungen um Pfarrer Barraga in Wolfurt sehen. Im Pfarrbuch Catalogus Ic / Seite 4, findet sich über ihn folgende Eintragung: «Franz de Barraga, Viennensis, Tirolensis, zur Aushilfe von Tirol nach Vorarlberg berufen. War Kaplan zu Rankweil, Schwarzenberg, Pfarrer zu Damüls,nun hier seit dem 2. September 1828. - Starb allhier den 2ten November 1835.» Barraga war 1828 in die von seinen Vorgängern, «welche die Wirtshäuser zu sehr liebten», ziemlich vernachlässigte Pfarrgemeinde Wolfurt gekommen und hatte sofort mit dem Kirchenbau begonnen (Siehe Heft 4, Seite 58!). Damit schuf er sich erbitterte Gegner. Unbeirrt ging der Pfarrer seinen Weg. 1834 war der Rohbau der Kirche fertig. Aber auch des Pfarrers Kräfte waren verzehrt. Am Allerseelentag 1835 starb er - erst 47 Jahre alt. Das Diösezanarchiv in Feldkirch verwahrt eine Reihe von Barraga-Dokumenten. Vier davon hat Heinrich Köb für uns aufbereitet. 10 11 Bewerbungen um die Pfarrstelle Wolfurt im Jahre 1828 An das Ordinariat in Bregenz Daß die Pfarrei Wolfurt den 16. 12. dieses Jahres durch den Tod des Pfarrers Joh. Alois Graßmayer zur Erledigung gekommen sei, hat das unterzeichnete Amt zur gehörigen Zeit angezeigt. Daß diese Erledigung der vorarlbergischen Geistlichkeit bekanntgemacht worden sei, bezeugen die angeschlossenen Umlaufschreiben. Diese Pfarre ist eine der gut dotierten und der angenehmsten im ganzen Lande: eine halbe Stunde von der Hauptstraße entfernt, eine Stunde von Bregenz, in einer schönen und fruchtbaren Gegend. Kirche und Pfarrhaus sind auf einer Anhöhe, die Kirche ist schlecht und viel zu klein. Die Gemeinde etwa eine Stunde lang, zählt über 1200 Seelen und besteht aus 9 Parzellen: Wolfurt mit 139, Rickenbach mit 37, Ach mit 10, Holz mit 5, Steig mit 4, Frikkenesch mit 3, Bannholz mit 3, Meschen mit 2 und Bächlingen mit 2, zusammen 205 Häuser; 229 Familien. Vermutlich hat die Zahl seit der Zeit obiger vor einigen Jahren geschehenen Angaben zugenommen. Daß diese Gemeinde keinen gemeinen, sondern einen außerordentlichen Seelsorger erhalte, ist für selbe dringendes Bedürfnis, indem sie von den zwei verstorbenen Pfarrern, welche die Wirtshäuser zu sehr liebten, ziemlich vernachlässigt worden ist. Daher sind Unglauben, Verachtung des Heiligen, Rohheit und auch Säumen mit dem Eifer für die Schule recht zu finden. Wie könnte es anders sein? Vor allem muß das unterzeichnete Amt pflichtgemäß bemerken, daß da ein Seelsorger notwendig sei, der ein Feind des Wirtshausbesuches ist, der jahrum zu Hause bleibt, sich durch ein stilles, frommes und sanftes Benehmen Achtung verschafft, Eifer mit Geduld, Sanftmut mit Bescheidenheit verbindet. Auch eine äußere Bildung ist für ein Volk notwendig. Hat einen steten Verkehr mit der Hauptstadt und dem Auslande. Kurz, da muß ein anderer Boden gelegt werden. Um diese Pfarre haben sich beworben: 1. 2. 3. 4. Franz Xaver Barraga, Pfarrer von Damüls Gebhard Bechter, Pfarrer von Gaißau Jos. Stebele, Pfarrer in Warth Joh. Caspar Willam, Pfarrer im Silberthal zu 1 Der Bewerber Barraga wurde am 19. Juli 1788 zu Wien geboren, Priester seit dem 13. Dezember 1812, ist der deutschen und der lateinischen Sprache kundig, von ausgezeichnet guten Sitten. Die Theologie hat er zu Innsbruck absolviert, teils mit Vorzug, teils mit der ersten Klasse. Die Einstellungs- und Fähigkeitsprüfung hat derselbe am 17. und 18. September 1823 abgeschlossen, er hat in allen Gegenständen Noten erster Klasse erhalten. Dieser Priester diente etwa 15 Jahre in der Seelsorge, zehn Jahre in Tirol und fünf Jahre in Vorarlberg, zuerst an der großen Pfarre Rankweil, dann in Schwarzenberg und seit 1823 an der wildgelegenen Gebirgspfarrei Damüls. Überall weiset er sich durch höchst rühmliche Zeugnisse aus und das unterzeichnete Amt bezeuget, daß Barraga einer der gesittetsten und frömmsten Priester des Landes sei, der stets zu Hause ist, alle Wirtshäuser meidet und die Würde seines Standes durch sein anständiges Benehmen vor jedermann behauptet. Den Ermahungungen seiner Oberen unterwirft er sich ganz, die, wenn sie notwendig sind, und Mäßigung seines Eifers zum Gegenstande haben. zu 2 Der Bewerber Bechter ist am 25. Juli 1778 zu Bregenz geboren, Priester seit dem 22. 9. 1804, ist von guten Sitten, der deutschen und lateinischen Sprache kundig. Die Theologie hat er teils zu Linz, teils zu Innsbruck absolviert, mit den Noten der ersten Klasse, aus einigen Gegenständen auch mit Vorzug. Bei der im Mai 1823 abgehaltenen Fähigkeitsprüfung hat er aus allen Gegenständen die Note der ersten Klasse erhalten. Dieser Priester dient seit 1804 in der Seelsorge, fünf Jahre als Katechet in Bregenz, 13 Jahre als Kaplan zu Rorschach in der Schweiz, einige Zeit als Josephs-Benefiziat in Bregenz und seit 1823 als Pfarrer in Gaißau. Derselbe weiset sich durch sehr rühmliche Zeugnisse aus und das gezeichnete Amt bezeugt, daß er für Seelsorge Eifer und gute Talente habe, daß er sich genau seinem Berufe widme, dient zum Beweise, daß er ein Gebetbuch im Manuskripte vorgelegt hat. Dabei ist er nüchtern und unterwirft sich ganz höheren Anordnungen. Da er von schwerem Körper und etwas engbrüstig ist, dürfte ihm die Situation der Gemeinde Wolfurt, wie diese beschrieben worden ist, beschwerlich und immer beschwerlicher werden. zu 3 Pfarrer Stebele in Warth weiset sich durch keine Zeugnisse aus, wohl aber kann das unterzeichnete Amt bezeugen, daß es mit ihm zufrieden sei, muß aber pflichtgemäß beisetzen, daß er für die sehr bedenkliche Pfarre Wolfurt nicht für geeignet gehalten wurde. 12 13 zu 4 Über den Pfarrer Willam muß das, eben das, was über den Pfarrer Stebels gesagt wurde, bemerkt werden. Das unterzeichnete Amt bezieht sich auf den bei Beschreibung dieser Gemeinde aufgestellten Hauptgrundsatz. Das Patronat stand ehedem dem Stifte Mehrerau und stehet nun der hohen Landesstelle zu. den 31. März 1828 Bernhard von Galura (Generalvikar seit dem 16. 4. 1820) Nachdem der öffentliche Unterricht im Spätjahr 1829 seinen Anfang etwas später genommen hatte, fing Mesch eine Privatschule an, ohne hievon eine Meldung gemacht zu haben. Die Eltern, welche ihre Kinder zu dieser Privatschule schickten, waren meines Wissen: Ferdinand und Jakob Schneider, Jakob Böhler, Franz Josef Dür, Ziegler, Josef Schelling und andere, welche mir nicht genau bekannt sind. Die Kinder, welche diese Schule (Privatunterricht) besuchen wollten, waren teils der Schule entlassen, teils Pflichtige Kinder. 3. Frage: Haben Sie keine Kinder der Werktagsschule entlassen, damit selbe obige Privatschule des Joseph Anton Mesch besuchen könnten? Wie alt waren diese Kinder? Unter den schulpflichtigen Kindern, die entlassen wurden (werden wollten), waren Joseph und Katharina Schelling. Johannes aber wurde zum Entlassen unfähig, die Katharina aber zu jung befunden, und somit erfüllt keines die förmliche und legale Entlassung. Da der Katharina Schelling am gesetzlichen Alter nur vierzehn Tage mangelten, wurde sie als entlassen angesehen, und sie besuchte die Privatschule des Joseph Anton Mesch. Dabei kann sich Herr Pfarrer nicht erinnern, daß bei der Entlassung der Katharina Schelling die Absicht gewesen sei, sie darum vom Schulbesuche frei zu sprechen, damit sie die Privatschule des Joseph Anton Mesch besuchen könne. Joseph Schelling aber besucht die öffentliche Werktagsschule noch dermal. 4. Frage: Ist die Privatschule des Mesch mit ihrem Willen und Wissen gehalten worden, wußten auch die Vorstehung und das Inspektorat davon? Diese Privatschule wurde zwar mit Wissen, aber nicht mit Willen oder Übereinstimmung des hl.* Pfarrers gehalten. Über das Wissen und Wollen der Ortsvorstehung kann Herr Pfarrer keine Antwort geben. Allein die Distriktsinspektion äußerte sich vor dem Vater des Oberlehrers dahin, man möchte noch 14 Tage zusehen, ob aus der Privatschule wirklich etwas werde, oder ob sie sich selbst auflöse. Die Privatschule des Joseph Anton Mesch bestand somit noch nicht von amtswegen, sondern nur willkürlich. 5. Frage: Wann nahm diese Privatschule ihren Anfang, und wann endete sie? Diese Privatschule nahm ihren Anfang am 16.10.1829 und endete am 15.1.1830. Soviel dem hl. Herrn Pfarrer bewußt ist, ohne jedoch diese Angabe zuversichtlich zu machen. Soviel bewußt, hörte dieser Unterricht auf, fing dann wieder auf kurze Zeit an. (*hl. = «hochlöblich») 15 Pfarrer und Lehrer im Jahre 1830 (Eine Auseinandersetzung vor dem Dekan.) Einberufungsprotokoll des Hochwürdigen Herrn Franz Barraga, derzeit Pfarrer in Wolfurt, in bezug auf die, gegen selben unterm 30.1.1830 von einigen Gemeindeangehörigen in Wolfurt eingereichten Beschwerden. Geschehen in Schwarzach am 24. 2. 1830 im Dekanatshause durch den hiezu vom hochwürdigsten Generalvikariate unterm 11.2.1830 beordneten Dekan und geistlichen Rat Joseph Stadelmann. An dem oben angeführten Tage erscheint der Hochwürdige Herr Franz Barraga, Pfarrer in Wolfurt, 42 Jahre alt, Pfarrer daselbst seit dem 2. Feber 1828. Er gibt ihm die Zusicherung, auf die ihm vorgelegten Fragen gewissenhaft zu antworten. 1. Frage: Hatte nicht der nun selige Schulkandidat Gebhard Köb in Wolfurt eine Privatschule gehalten, mit welchem Eifer, auf wessen Bewilligung? Gebhard Köb hat nebst dem, daß er erwählter und in der Folge durch Dekret angestellter Lehrer war, auch einigen Kindern Privatunterricht aus den Gegenständen der deutschen Schule gehalten, mit gutem Erfolg und ohne Widerspruch. 2. Frage: Sind nicht auch im Spätjahre 1829 einige Eltern auf Entschluß verfallen, für einige ihrer Kinder durch den gegenwärtigen Schulkandidaten Jos. Anton Mesch Privatunterricht erteilen zu lassen? Welche Eltern widmeten ihren Kindern diese Privatschule und was für Kinder besuchten selbe? 14 6. Frage: Durch welchen Auftrag wurde diese Privatschule geendet? Hat Mesch von der ihm erfüllten Bewilligung, in den Häusern den Unterricht zu erteilen, Gebrauch gemacht? Indem Joseph Anton Mesch vorgab, das k.k. Landgericht hätte ihm die Bewilligung erteilt den Privatunterricht fortzusetzen, machte Herr Pfarrer die Anfrage bei dieser Gerichtsbehörde, ob dieses wirklich geschehen sei. Das belobte k.k. Landesgericht gab hierauf die Antwort, dasselbe habe dem Mesch die Erteilung des Privatunterrichtes in seinem Hause untersagt, ihm aber bewilligt, in den Häusern der Eltern und unter dieser ihrer Aufsicht nur ihren Kindern Unterricht zu erteilen, wenn keine besonderen Verhältnisse obwalten. (Gerichtsakt No. IV 22/316 vom 14.1.1830). Der Privatunterricht in dem Hause des Mesch erhielt hiedurch das Ende. Er fing dennoch auf einige Zeit wieder an, ohne jedoch fortzudauern. Ob jedoch Mesch von der ihm erteilten Bewilligung, in den Häusern der Eltern Instruktion zu erteilen, Gebrauch gemacht habe, ist dem hl. Pfarrer nicht bewußt. 7. Frage: Wäre Herr Pfarrer mit dem Unterricht der Kinder in den Häusern der Eltern zufrieden gewesen? Warum aber nicht mit dem Unterricht in der Wohnung des Lehrers Joseph Anton Mesch? Herr Pfarrer gab auf dieses Ansuchen den Bescheid, den er mündlich vom Herrn Distrikts-Inspektor vernommen hatte: Wenn nämlich die Gemeinde-Vorstehung die Verantwortung aller Nachteile und Folgen, die diese Schule etwa hervorbringen könnte auf sich nehme, könne diese Privatschule im Hause des Mesch fortbestehen. Diese Bewertung und Vorsorge hielt hl. Pfarrer darum notwendig, weil selbem der verderbliche Charakter dieser Schule vor Augen schwebte, indem Knaben und Mädchen von 13, 14, 16, 17 bis über 18 Jahren, folglich Kinder im gefährlichsten Alter, diese Schule besuchten. Es war zu vermuten, die Vorstehung werde sich für die Verantwortung einer so gefährlichen Sache um so weniger einlassen wollen und können, da ihr Amt als Vorstand mit jedem Jahr aufhören kann. Der Vorsteher Martin Schertler protestierte anfänglich gegen die Abweisung einer solchen Verantwortung. 10. Frage: Hat Ihnen der Schulkandidat Mesch nicht ein Zeugnis von der Vorstehung vorgelegt? Ist das Zeugnis echt? Durch verschiedene bittliche Zudringlichkeiten mag. hl. Vorsteher endlich zur Ausstellung des anliegenden Zeugnisses beredet worden sein, welches, so viel ich glaube, mit jenem ganz eins ist, welches mir Mesch vorlegte. 11. Frage: Warum waren Sie mit diesem Zeugnis nicht zufrieden, welche Umänderung verlangten Sie? Mit diesem Zeugnis wollte Herr Pfarrer nicht zufrieden sein, weil es Lügen enthält und mit dem Inhalt der Benachrichtigung des hl. k.k. Landgerichtes vom 14.1.1830 übereinstimmt, da nicht der Pfarrherr sondern das k.k. Landgericht den Privatunterricht eingestellt hatte. Daß Herr Pfarrer aber der Schule das Wort gesprochen habe, dessen erinnert er sich nicht und stimmt mit seiner ganzen Stellung gegen diese Schule nicht überein. Herr Pfarrer verlangte, wenn man ihn mit diesem Zeugnis nicht in Ruhe lassen wolle, es möchten alle Unwahrheiten ausbleiben. 12. Frage: Was geschah hierauf? Ist nicht der Ausschuß Schneider und der Lehrer Mesch zu Ihnen gekommen, und zu welchem Ende? Waren Sie bei derselben Ankunft zu Hause? In welcher Stunde kamen Sie nach Hause? Was hinderte Sie, diesen zwei Männern gleich Gehör zu geben? Jakob Schneider und der Schulkandidat kommen dann wieder in den Pfarrhof. Herr Pfarrer war noch abwesend, entweder in der Schule, die mündliche Prüfung abzuhalten oder bei einer Kranken, das aber selbigem nicht mehr bewußt ist. Bei dessen Ankunft befand sich in der Küche bei der Köchin eine arme Weibsperson, welche da dem hl. Pfarrer und Häuserin den Bericht erzählte, der ihr das hl. k.k. Landgericht darüber gegeben hatte, weil sie zu große Forderungen an die Armenkasse stelle. Nachdem Herr Pfarrer diese Klage angehört hatte, verließ er die Weibsperson in der Küche bei der Köchin und eilte seinem Zimmer zu. 17 Auf dem das löbl. k.k. Landgericht einmal diese Bewilligung in den Häusern der Eltern ihre eigenen Kinder zu unterrichten erteilt hatte, konnte und wollte Herr Pfarrer nichts entgegen sagen. Aber gegen den Unterricht der Kinder in der Wohnung des Lehrers Joseph Anton Mesch glaubte Herr Pfarrer sich aus den Gründen erklären zu müssen: Weil der XVII Bbsh. § 10 der politischen Schulverfassung dererlei Winkelschulen ohne Erlaubnis der Behörde untersagt. Mesch aber konnte diese Bewilligung, obschon er sich bewarb, nirgends erhalten. Die Gründe, wegen welchen Mesch insbesondere vom Lesedienste an der hiesigen Gemeinde-Schule abgewiesen wurde, hat das HW Inspektorat zu Hörbranz an die höheren Behörden eingereicht. 8. Frage: Haben die Eltern der Kinder, welche an dem Privatunterricht des Mesch teilnahmen, das Ansuchen um die Bewilligung dieses Unterrichts nicht erneuert und durch wenn? Das Ansuchen um den Fortbestand der Privatschule des Mesch wurde erneuert, und zwar durch den Gemeinderat Jakob Schneider. 9. Frage: Welchen Bescheid gaben Sie? Bewilligten Sie die Fortsetzung der Privatschule nicht unter einer Bedingung und unter welcher? Und warum dieses? 16 13. Frage: Haben Sie den Jakob Schneider und Mesch in dieser Stunde angehört? Warum nicht? Es war schon über 12 Uhr mittags, die zwei Männer trugen sich an des Nachmittags oder Abends wieder zu kommen, sie wollen den Herrn Pfarrer vom Speisen nicht abhalten, wozu Herr Pfarrer zufrieden war. Die zwei Männer entfernten sich. 14. Frage: Wann kehrten diese Männer zurück? Welchen ließen Sie vor? Worüber unterredeten Sie sich mit Schneider? Am Abend dieses Tages kamen der Gemeinderat Schneider und Mesch in den Pfarrhof und wurden in das gewöhnliche geheizte Wohnzimmer eingeführt. Jakob Schneider aber wurde alsbald im größeren Wohnzimmer dem Pfarrherrn vorgestellt. Mit Mesch sich in ein Gespräch einzulassen, fand der hl. Barraga für ganz überflüssig. Mit dem Gemeinderat Schneider unterredete sich Herr Pfarrer über ein Zeugnis ab Seite der Gemeindevorstehung in bezug auf die Übernahme aller Folgen und Nachteile aus dieser Privatschule. 15. Frage: Wann brachte man Ihnen dieses zweite Zeugnis? Ist es wirklich jenes, welches Ihnen vorgewiesen wurde? Warum gaben Sie auch über dieses Ihr Mißfallen und haben Sie dieses Mißfallen mit einem Schwall von Beschimpfungen gegen Mesch ausgedrückt. Am folgenden Tage hinterbrachte der Gemeindeausschuß Jakob Schneider ein in etwas vom ersten abgehendes Zeugnis. Ihn begleitete Ferdinand Schneider und der hiesige Vorsteher Martin Schertler. Das nun vorgelegte zweite Zeugnis schien nun mit dem schon vorgelegten übereinzustimmen. Herr Pfarrer fühlte bewunderndes Mißfallen, daß der Vorsteher, der Anfangs, wie eben bemerkt wurde, gegen die Übernahme aller bösen Folgen aus dieser Privatschule geradestehe, nun jetzt dieses Zeugnis unterschrieben hat und erklärte den gegenwärtigen Männern abermals, daß hl. Pfarrer diese Winkelschule nicht genehmigen kann, und dieses um so weniger, da dieser Schule ein Mann vorstehen will, der nicht vorteilhaftesten Sittenzeugnisse aufzuweisen imstande ist. Ja, im hohen Mißtrauen bei dem k.k. Philosophischen Studiendirektorat zu Salzburg laut Zuschrift vom 28. Dezember 1829 stehet. Indem selbes dem Ermessen des hl. Pfarrers überläßt, ob ihm (für Mesch) ein Zeugnis ausgestellt werden soll oder nicht. Hierauf setzte hl. Pfarrer noch andere Umstände auseinander, aus welchen man von Mesch jenes gute und unbescholtene Betragen nie erwarten kann, welches einem Schullehrer, folglich einem Muster für die Gemeinde eigen sein muß. Wenn Herr Pfarrer diesen Männern, also den Vorständen der Gemeinde, auch im Eifer sagte, daß Mesch ein Schuldenmacher, ein ordnungsloser Übertreter der nächtlichen Polizeistunden u.s.w. sei, so sagte er eine Wahrheit, die nur zu allgemein bekannt ist. 18 16. Frage: Kennen Sie auch die Eltern jener Kinder, welche an dieser Privatschule Anteil nehmen wollen, und was halten Sie von ihrem Charakter und Lebenswandel? Einige von den Eltern jener Kinder, welche an dieser Privatschule des J. A. Mesch Anteil nehmen wollten, sind dem hl. Pfarrer bekannt: z. B. Ferdinand und Jakob Schneider, Jakob Böhler (Schwanenwirt), Franz Josef Dür (Ziegler), Magdalena Schertler (Wittwe), Kaspar Thaler (Wittwer), Kreszenzia Schneider, Barbara Gasser (Sternenwirtin), Johann Schelling (Kronenwirt) usw. In bezug auf den Charakter und Lebenswandel dieser Eltern kann Herr Pfarrer kein genaues Urteil fällen; wenn auch einige derselben eine belobungswürdige Aufführung haben, so zeigen sich andere als nicht ganz tadellos. Und überhaupt zeigt sich der Charakter dieser Eltern durch die Widerseztlichkeit gegen die gute Absicht des Herrn Pfarrers, welcher es mit seinen Pfarrangehörigen überhaupt, in diesem Falle aber insbesondere gut meinte, nicht in jenem Lichte, welches einem wahren Seelsorger angenehm und willkommen sein kann. 17. Frage: Haben Sie wirklich gesagt, wie die Anlage erweist, daß alle Eltern, welche ihre Kinder zum Mesch in die Privatschule zu seinem Hause schicken, schlechte, liederliche Eltern sind? Hl. Pfarrer fuhr in seinem wahrlich nicht ungerechten Eifer fort: Wenn Eltern wider den kräftig ausgedrückten Willen des Pfarrers ihre Kinder in eine Schule, wo ältere Knaben und Mädchen täglich zusammen kommen, in eine Schule, die keineswegs von der Obrigkeit genehmigt, sondern vielmehr untersagt worden ist, in eine Schule, wo ein gewester Student, der ohne Zeugnisse von seinem Studierplatze nach Hause gekommen und auch nicht das beste Sittenzeugnis aus dem Präparander-Curse in Bregenz erhielt, so fühlte sich hl. Pfarrer zu dem Ausdrucke gezwungen, daß jene schlechte Eltern sind, wenn sie das, was ihnen auf Erden das teuerste Gut sein soll, wofür sie die erste Sorge tragen und vor Gott so strenge Rechenschaft geben müssen, welches die eigenen Kinder sind, nicht einem würdigen, tadellosen, ehrenhaften Lehrerindividiuum anvertrauen wollen. Wer kann einem Seelsorger, welcher die Aufsicht über die Sitten und Seelenbildung der Pfarrjugend von der Kirche und von dem Staate anvertraut ist, einen solchen Ausdruck verübeln, da er gewahr wird, daß für einen unschuldigen Teil seiner Herde Gefahr drohet, einmal gewiß drohen könne? Herr Pfarrer sagte nicht, daß die Eltern jener Kinder, die an der Privatschule des Mesch Anteil nehmen, überhaupt schlechte, liederliche Eltern sind, sondern dadurch diesen Verdacht auf sich ziehen, indem sie zu wenig kluge Ansicht gebrauchen, wenn sie ihre Kinder anvertrauen und was die Kinder beiderlei Geschlechts in einer kleinen Winkelversammlung, in einem Alter von 16 bis 18 Jahren werden könnten. 19 18. Frage: Da die Kläger vorgeben, sie seien durch Ihre Beschimpfungen gekränkt worden und deswegen Satisfaktion verlangen, werden Sie sich verpflichtet finden, selbe zu leisten oder die beleidigende Aussage zu beweisen? Zu einer Satisfaktion kann sich der Hw. Pfarrer um so weniger verstehen, da er aus wohlwollendem, für das Heil seiner Pfarrjugend glühendem Herzen, seelsorglich und nur bedingt gesprochen, und nur diesen befraglichen Fall im Auge hatte. Übrigens sei für gute und sorgenvolle Eltern erklärt, wenn sie für ihre Kinder die beste Sorge tragen und auch die tauglichen, von ihren Seelsorgern ebenfalls gebilligten Mittel wählen. Da eben die Eltern jener Kinder, welche an dieser Winkelschule Anteil nahmen, sich dem bestgemeinten Bestreben des hl. Pfarrers widersetzten und blind und widersetzlich ihre, zur Verfügung so empfängliche Jugend beiderlei Geschlechts vom mehrmals bemelten Alter, in die Gefahr schicken wollten und darüber dem Seelsorger viel Ungelegenheit und kummervollen Mißmut verursachten, stehet das Recht an dem hl. Pfarrer, durch Abbitte an ihn Genugtuung und pflichtschuldige Aussöhnung zu fordern. Auch muß bemerkt werden, daß die zwei Augenzeugen Jakob Schneider und Joseph Anton Mesch jede Kleinigkeit, welche während ihrer Gegenwart im Pfarrhaus vorging, bezeugen wollen, um den Pfarrer vor den Zeugen seiner höheren Behörden herabzusetzen. Z.B.: sein spätes Nachhausekommen, wer weiß woher? Seinen Aufenthalt bei einem Weibsbild in der Küche, das Urteil der Köchin, welches aber durch die beiden berichtigt wird. Schließlich bittet gez. Pfarrer den Vorsteher das Unschickliche und Fehlerhafte seines Zeugnisses: «Für alle Folgen, welche aus dieser Schule entstehen durften, haften zu wollen», vor Zeugen zu stellen. Das Urteil des Dekans, 1830 Hochwürdiges Fürstbischöfliches Generalvikariat! Unterm 11. Februar 1830, Nr. 137, präsentiert am 16.2., hat das Hochwürdigste Generalvikariat dem gefertigten Dekanate den Auftrag erteilt, den Herrn Pfarrer Barraga in Wolfurt über die gegen ihn erhobenen Beschwerden Punkt für Punkt zu vernehmen und sodann die anher angeschlossenen Akten wieder ans Generalvikariat zurückzusenden, welches hiermit durch Anschluß geschieht. a) Eingebogen in dieses Schreiben folgt das Protokoll über die Klagepunkte einiger Gemeindeangehörigen von Wolfurt gegen den Herrn Pfarrer Barraga auf eine gewisse Privatschule unter dem Schulpräparanden Mesch zu Wolfurt, welches Klageprotokoll unterm 30. Jänner 1830 an das hochlöbliche Kreisamt eingereicht worden ist. b) Sodann folgte auch das Einvernehmungsprotokoll des benannten Herr Pfarrers gegen eine Klageschrift der Vorstehung von Wolfurt vom 29. Jänner 1830, beim k.k. Landgericht Bregenz eingereicht. zu a) Die Privatschule, welche J. A. Mesch in Wolfurt unternehmen wollte, war eine Sache de pane lucrando; aber unter den Verhältnissen, wie selbe da zusammentrafen, nicht ganz zu billigen. Ganz ungeeignet hat Herr Pfarrer den Vorsteher in dieses Geschäft einbezogen, von ihm eine Gewährleistung verlangt, die eitel, nutzlos und im Benötigungsfalle immer zu spät ist. Aus dem Klageprotokoll ist ersichtlich, wie Herr Pfarrer Barraga zwar alles ordnen will, sich aber nicht Rat weiß und endlich hinter die Wüste gerät. zu b) Die Klage der Vorstehung, daß sich Herr Pfarrer in die Angelegenheiten der Gemeinde einmenge, ist, wenn er sich schon hinauszuwinden bemühet, richtig. Der jetzige Vorsteher ist ein friedliebender Mann und hatte nun schon durch ein Jahr eine eiserne Geduld. Der vorige Vorstand klagte gegen den Herrn Pfarrer beim k.k. Landgerichte in jeder Sache. Hl. Barraga verkündete, daß jeder Streit, ehe man vor Landgericht gehe, vor ihn gebracht werde, wodurch verschiedene Spannungen und Reibungen entstehen. Das k.k. Landgericht beschwerte sich beim Gefertigten schon öfter über Barraga. Wenn das Dekanat ihm derlei Dinge vorhält, gehet er zum Landgericht, verlangt Aufschlüsse und Antwort. Die im letzten Herbste von Seiner Fürstbischöflichen Gnaden mir aufgegebenen Erinnerungen an Barraga machte ich ihm bekannt, wie auch mehrere Beschwerden vom hl. Landgerichte in Bregenz. Ich gab ihm die geeigneten Warnungen und Schwarzach, wie oben Joseph Stadelmann, Dekan Geistl.-Rat Franz von Barraga, Pfarrer Die eigenhändige Fertigung des Herrn Pfarrer Franz Barraga bezeuget Josef Stadelmann 20 21 Belehrungen. Er achtete nicht darauf, schickte an mich über 30 inquisitorische Fragen über meinen Bericht, und stellte mich dadurch unter seine Verantwortung. Barraga hat mehrere Weiber, die ihm vieles zutragen und rachgierige Klagen über die Gemeindevorstehung und andere Personen anbringen. Besonders gewichtig ist bei ihm die Mutter des Präparanden Stülz, welche unter dem Namen «Flatzen Mägdlein» bekannt ist und zweimal im Zuchthaus war. Barraga schreibt immer Protokolle, Briefe an die Leute in der Gemeinde, fordert die Gemeindevorstehung zur Verantwortung, macht Berichte an das Landgericht, eilt allem vor. Mit Verhören kaum etwas fertig, rührt er um1/211 zur Schule, hält die Kinder über die Zeit auf. Barraga hängt in allem, macht sich immer odioser, der Unwillen nagt bei einigen gegen ihn tief, er fragt niemanden was nach, ist stolz und unbeugsam. Daß er im übrigen sehr sittlich und ordentlich ist, und bei sich alles gut meine, überall die gute Absicht habe, kann ihm nicht in Abrede gestellt werden. Wenn selbem das Hochwürdige Generalvikariat eine triftige Zurechtweisung in seine Schranken, die vierteljährliche Einsendung seiner Predigten und Schriftenlehren und das Ausarbeiten theologischer Aufsätze auflegen und erteilen wollte, und vielleicht auch damit in die Schranken zurückweisen wollte, daß seine Eingaben an das Landgericht, Gemeinde, Kreisamt, jedesmal die dekanamtliche Fertigung haben müssen, ohne welche sie nicht anerkannt würden, könnte seinem exzentrischen Magen auf einige Zeit Einhalt getan werden. Aber zu wünschen wäre, Barraga möchte auf eine Kaplanei oder auf ein subalternes Benifizum versetzt werden. In Wolfurt wird er noch Geschäfte machen und kehret sich an keine Maßregel. Es ist war, er hat einige sehr böse Männer, diese sind gerade seine Feinde, nehmen ihm das Zutrauen, agieren rastlos gegen ihn, er gegen sie usw. Unter tiefster Verehrung Dekanat Schwarzach am 2. März 1830 Josef Stadelmann Dekan Der Moralitätsbericht des Pfarrers im Jahre 1832 Hochwürdiges, Gnädigstes, Fürstbischöfliches Generalvikariat zu Feldkirch Gehorsamst Unterzeichneter hat hiemit die Ehre, den Moralitätsbericht von der Pfarre Wolfurt vom Jahre 1831/32 zu erstatten. 1. Kinder sind 48 zur Welt gekommen. Unter diesen befinden sich zwei uneheliche. Indem eines dieser ledigen Kinder von einem übrigens sehr ordentlich gebildeten Weibsbilde, welches zudem sehr honette Eltern hat, herkommt, so glaubt Rat Herr Dekan Stadelmann, der diese Familie sehr gut kennt, man soll denken, daß ein Zwang angeordnet worden sei. Sie ist in einem Wirtshause. Das Weibsbild des zweiten ledigen Kindes ist eine Keßlerstochter. Sie ist von einem Keßler aus einer anderen Pfarrei - nicht in Wolfurt - verführt worden. Nebst zweckdienlichem Unterricht ist sie unter strenger Aufsicht gestellt, zudem hat sie fürdermal die Transportierung ins Schwazer Arbeitshaus erbettelt, aber zugleich den Revers abgegeben, daß sie, wofern sie sich noch einmal verführen lasse, ins Arbeitshaus gehen wolle und müsse. 2. Obwohl der gerechte Gott seit einigen Jahren schauderhafte Beispiele der Bestrafung des Lasters der unmäßigen Trunksucht aufgestellt hat, so gibt es leider noch Fälle des Volltrinkens. Neigung zur Unterhaltung in den Wirthäusern ist die Quelle dieses Lasters. Dazu gesellt sich noch eine Dosis Leichtsinn und Prahlerei, als dürfte man das Geld nicht achten. Möchten derlei Menschen die Ermahnungen, Vorstellungen zur Gottesfurcht, daher zur Nüchternheit, Bescheidenheit, pflichtschuldige Anwendung des Geldes, zur milden Freude immer mehr und mehr zu Herzen nehmen. Stufenweise werden sie sich aus ihrem Abgrunde reißen. 3. Die Trunkenheit gab auch die traurige Veranlassung zu Raufereien, die sich zweimal ereigneten unter Burschen, und aus diesen Raufereien entstanden Feindseligkeiten, indem auch die Obrigkeit einschreiten mußte und Unkosten absetzte. 4. Fernere Veranlassung aus dem obenbenannten Besuche der Wirtshäuser entsteht das bei einigen wenigen übliche Nachtschwärmen. Nebst Darstellung dieses Gott mißfälligen Benehmens wird auch in die Hausväter und Hausmütter gedrungen, solchen Vaganten keinen Unterschlupf zu geben. Daß aber die Belehrungen, Zusprüche viele Früchte bringen, wird den Seelsorger bei all seiner schuldigen, rastlosen Arbeit vor dem Tabernakel recht häufig sein Gebet ausgießen und in Erkenntnis seines Nichts vertrauensvoll rufen: Herr rette uns, wir gehen zugrunde! (Math. 5) 23 22 Mit blutendem Herzen und Tränen in den Augen durchblicke ich die nun hingelegten schauderhaften Schattenseiten der Pfarre; aber es sei doch auch erlaubt, einige Züge hinzuzusetzen, die gewiß ohne Rührung nicht gelesen werden können. a) Ausgezeichnet ist der Eifer der Eltern, ihre Kinder in die drei Klassen zu schicken. Wöchentlich aber sehen sie auch durch die Mühe der Lehrer die schönen Fortschritte der Kleinen. Sehr fleißig erscheinen die der Werktagschule entwachsene Jugend bis 18 Jahre in der Wiederholungsschule. Nur der enge Raum der Schule zwang Kinder aus der dritten Klasse zu entlassen, die noch gern - ohne Pflichtigkeit - geblieben wären. b) Sehr fleißig erscheint man auch bei den Gottesdiensten vor- und nachmittags. Es ist kein Sonn- und Feiertag, an welchem man nicht zur hl. Beichte und Kommunion geht. c) Die Jungfrauen bereicherten sich auch, ein prachtvolles rotsamtenes, mit reichen Goldblumen gesticktes Muttergotteskleid anzuschaffen. Tränen floßen, als man selbes das erste Mal in der Kirche erblickte. d) Auch die Jünglinge leisteten Beiträge zu einem prächtigen und lieblichen Muttergottesmeßkleid. Das unterwartete Erscheinen desselben erfüllte die ganze Gemeinde mit innigem Wohlgefallen. e) In Hinsicht des Kirchenbaues sieht man einem erstaunlichen Resultat entgegen. f) Das wohllöbliche k.k. Kreisamt und das löbliche k.k. Land- und Kriminalgericht wie auch die Ortsvorstehung arbeiten mit besonderem Interesse für das Wohl der Gemeinde. Indem Gehorsam Gefertigter in engen Umrissen den Schatten und das Licht seiner Gemeinde darlegte, so bittet er um die fernere Huld und Gnade des Hochwürdigsten Gnädig, Fürstbischöflichen Generalvikariats, und hat die Ehre in tiefster Ehrfurcht sich zu empfehlen. Wolfurt, den 29. Jänner 1832 verbindlichster, treugehorsamster Franz de Barraga, Pfarrer Siegfried Heim Bis nach Amerika! Auswandererschicksale Wer in unseren Jahrzehnten erlebt, wie Einwandererwellen aus Kärnten und Steiermark, aus Jugoslawien und der Türkei unser Industrieland Vorarlberg auffüllen, kann sich kaum vorstellen, daß einige Jahrzehnte früher ganze Ströme junger Arbeiter die kinderreichen und brotarmen Täler unserer Heimat verlassen mußten, um in fremden Ländern kargen Verdienst zu suchen. Nach Amerika flohen die ersten Wolfurter, als um 1850 die Handweberei durch die Konkurrenz der Fabriken brotlos wurde. Eine zweite große Welle folgte schon um 1870, weil die Fabriken nur Hungerlöhne zahlten und aus Amerika Gold-Nachrichten lockten. Die dritte Flucht ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten setzte 1922 ein, als die Inflation nach dem Ersten Weltkrieg den jungen Kriegsheimkehrern die letzte Hoffnung auf Arbeit in der Heimat raubte. Insgesamt etwa 200 Wolfurter wanderten nach Amerika aus. Von drei besonders großen Familien will ich berichten. Im Haus Nr. 121 an der Kreuzstraße lebte seit 1903 der Wagner Johann Heitz aus Neustadt im Schwarzwald mit seiner Frau Theresia, geborene Reiner, die drüben an der Kirchstraße aufgewachsen war. Von 1906 bis 1914 wurde ihnen fast jedes Jahr ein Kind geboren, 7 Buben und 2 Mädchen: Karl, Josef, Anna, Johann, Albert, Maria, Franz, Anton und Ludwig. Als ersten zog es 1926 Josef Heitz nach Amerika. Der 21jährige Schlosser hatte bis dahin bei Doppelmayr gearbeitet und brachte es später in Amerika selbst zu einem großen Betrieb mit 70 Beschäftigten. Auf seine ersten Briefe hin folgten ihm schon 1927 die vier erwachsenen Geschwister: Karl, der Wagner und Zimmermann; Anna, die ein paar Jahre später den Wolfurter Auswanderer Franz Schertler heiratete; Johann, ebenfalls Schlosser; Albert, erst 18jährig. Im Jahre 1931 wollten auch die Eltern mit den vier jüngeren Kindern nachreisen. Sie hatten sich schon das Visum besorgt, mußten ihr Vorhaben aber dann wegen der hohen Kosten von je 300 Dollar aufgeben. Nach des Vaters Tod und dem Brand ihres Hauses bauten sie sich zu viert das große Haus an der Kirchstraße. Dort betrieb Franz seine Schreinerei und Ludwig seine Wagnerei. Die Konditorei des Bruders Anton konnte nicht mehr eröffnet werden, denn er ist 1940 als einer der ersten Wolfurter Soldaten gefallen. Als die Wagner kaum mehr Arbeit fanden, ging auch Ludwig 1955 bis 63 noch für ein paar Jahre nach Amerika. 25 24 Zwei Generationen früher hatten 1841 der «Tobler» Gebhard Schwerzler und seine Frau Maria Anna Rusch im Elternhaus im Tobel eine Familie gegründet. Zwischen 1843 und 1862 wurden ihnen zwölf Kinder beschieden, 7 Buben und 5 Mädchen: Ferdinand, Maria, Kreszentia, Josef, Anna, Gebhard, Johann, Wilhelm, Martina, Fridolina, Leopold und Fidel. Ferdinand heiratete in die Bütze und Josef ins Elternhaus. Beide begründeten selbst große Familien. Aber für die anderen zehn war kein Platz. Da wanderten sechs von ihnen nach Amerika aus: Kreszentia, Gebhard, Johann, Wilhelm, Leopold und Fidel. Es war eine Ausnahme, daß mit Schwester Kreszentia auch ein Mädchen ins Ungewisse mitfuhr. Sonst zogen ja nur Buben aus. Die Schwestern Maria, Martina und Fridolina mußten daheim ledig bleiben. Einzig Anna fand noch einen Ehepartner in Wilhelm Rohner aus Lauterach. Von ihren acht Kindern wurde Theodor Rohner 1938 Bürgermeister vonWolfurt.In Amerika starb Leopold schon mit 19 Jahren. Die anderen fanden zum Teil Arbeit beim Aufbau der 1871 durch einen Großbrand zerstörten Stadt Chicago. Einige ließen sich vor 100 Jahren in Tissin, Ohio, nieder. Bis zum Zweiten Weltkrieg kam manchmal ein Brief mit einem Foto. Seither sind die Kontakte erloschen. * Noch ein Jahrzehnt früher lebten in Rickenbach im Loch (Kellaweg 4) Martin Schneider und seine Frau Anna Maria Flatz. Sie war eine Nichte des Malers Gebhard Flatz. Ihr Vater, der Bäcker und Mohrenwirt Josef Anton Flatz, war verarmt gestorben. «Marteles im Lo» waren mit 13 Kindern gesegnet, von denen 6 früh starben. Franz Xaver, der älteste Sohn, fuhr schon 1851 nach Amerika. Als sich 1853 wieder ein paar Wolfurter Familien auf den Weg machten, schloß sich ihnen auch der zweite Sohn Johann Gebhard Schneider an. Er war noch nicht 17 Jahre alt. Über sein abenteuerliches Leben und das Schicksal seiner Eltern, die ihm 1859 mit ihren letzten 5 Kindern nach Amerika folgten, berichtet Schneider als 80jähriger Greis in gebrochenem Englisch in einer Chronik. Sein Urenkel hat mir eine Abschrift geschickt. Ich versuche hier eine Übersetzung, weil ich glaube, daß ein solches Wolfurter AuswandererSchicksal manchen von uns nachdenklich machen könnte: Martin Kalb und deren Familien. Wir wanderten durch die Schweiz und einen Teil Deutschlands und kamen in fünf Tagen nach Antwerpen in Belgien. (Anmerkung: Von Basel aus gab es damals schon eine ganz neue Eisenbahn, die überfüllte Auswandererzüge nach Antwerpen brachte.). Von dort schifften wir uns am 28. Februar 1853 in einem Segelschiff namens «: etrol» nach Amerika ein und landeten nach 49 Tagen am 8. April in New York. Am 24. April 1853 kamen wir nach Fremont in Ohio. Meine zwei Onkel kauften 40 "acres" Land (das sind über 16 Hektar) im Osten von Lindsay. Den ersten Sommer arbeitete ich dort für die Überfahrt in dieses Land, die sie für mich bezahlt hatten. Im Winter von 1853 auf 1854 versuchte ich den Möbelhandel bei Adam Miller in Fremont zu erlernen. Aber als er mich Hund (a dog) nannte, wollte ich nicht länger bleiben. Ich verließ ihn und ging nach Scott Township. Dort arbeitete ich einen Sommer lang für Jakob Zimmermann aufseiner Farm. Auch für andere Farmer arbeitete ich bis zum Frühjahr 1856. Im Herbst 1855 wurde ich von Fieber befallen und konnte es nicht mehr los werden. Man sagte mir, ich brauche einen Klimawechsel. So ging ich im Frühjahr 1856 nach Iowa, wo ich ein paar Freunde aus der Heimat wußte. Als ich zu ihnen stieß, machten sie sich gerade aufden Weg nach Minnesota. Sie sagten, ich solle mitgehen. Das tat ich und blieb den Sommer über bei ihnen. Sie warnten mich vor dem kalten Winter. Daher kam ich im Spätherbst wieder nach Ohio zurück, zu meinem alten Freund Zimmermann in Scott Township. Den Winter über blieb ich bei ihm. Drei Monate lang arbeitete ich in der Landwirtschaft und besuchte gleichzeitig eine Englisch-Schule. Im Frühjahr 1857 brachen Joseph Böhler und ich nach Kansas auf. Jeder von uns übernahm dort ein Stück Staatsland fürje 114 Dollar pro Acre (40 ar). Im Frühling 1859 erhob sich der Goldrausch (Gold Excitement) von Pikes peak. Joe Böhler und ich verkauften unser Land in Kansas und trafen in einer Gesellschaft zu viert Vorbereitungen für den Weg nach Pikes Peak. Jeder kaufte ein Paar Ochsen und einen Wagen. Wir zogen nach Leavenworth City und besorgten uns dort Proviant für sechs Monate. (Anmerkung: City war damals natürlich noch keine Stadt, sondern ein von Indianern bedrohtes kleines Nest im Wilden Westen.) Als wir ein paar Hundert Meilen weit gekommen waren, trafen wir auf Hunderte von Goldsuchern. Sie waren auf dem Rückweg und berichteten, es sei nichts. Da wir große Vorräte mitführten, beschlossen wir nun, nach Kalifornien zu gehen. 27 Autobiography Of John Gephart Sneider Lebenslauf des Johann Gebhard Schneider. Von der Zeit, da ich, Johann Gebhard Schneider, die Heimat ("the Old Country") verlassen habe, bis zum gegenwärtigen Datum, dem 15. März 1915. Ich verließ meine alte Heimat, ein Dorf mit dem Namen Wolfurt, nicht weit vom Bodensee (Lake Constance), Vorarlberg, Tirol, am 18. Februar 1853 mit zwei Onkeln, den Herren Flatz, und einer Tante, Johanna Flatz, mit Martin Schwerzler, Joseph Böhler, 26 Fünf Jahre und vier Monate war ich in Kalifornien und schuftete in den Goldminen. Aber ich gehörte nicht zu den Glücklichen, diedortReichtum fanden. Als ich in die Minen ging, besaß ich 150 Dollar. Nach fünf Jahren Arbeit kam ich mit 750 Dollar heraus. Im Dezember 1864 machte ich mich auf den Weg nach Ohio. Ich wollte meinen Vater, die Brüder und die Schwester besuchen, die ich seit nahezu zwölf Jahren nicht mehr gesehen hatte. Vater und Mutter waren mit unserer Familie 1859 ebenfalls in dieses Land gekommen, sechs Jahre nach mir. Meine Mutter war vier Tage nach Ihrer Ankunft in Fremont gestorben. DenRückweg von Kalifornien nach Ohiomachteich über das Meer (by water). Ich querte Pananama an der Stelle, wo jetzt der Panamakanal situiert ist. (1864 waren dort noch Urwald und Sümpfe.) Den Winter von 1864 auf 1865 wohnte ich mit Vater, Brüdern und Schwestern in Rice Township auf der Farm, wo mein Bruder Leonhard nochjetzt lebt. Im Frühling 1865 zog ich wieder westwärts nach Iowa. Ich arbeitete dort für die Eisenbahngesellschaft. Als Heizer auf einer BauLokomotive verdiente ich zwei Dollar pro Tag. Wäre ich jünger gewesen, so hätte ich das Eisenbahnergeschäft gelernt. Aber ich war schon in meinem dreißigsten Jahr, zu alt um noch eine Ausbildung als Eisenbahningenieur zu beginnen. Damals mußten alle noch als Heizer anfangen! Zu Winteranfang 1865/66 kam ich wieder heim. Am 22. Oktober 1866 wurde ich mit Mary Ann Reineck getraut. Für ein Jahr ließ ich mich in Fremont nieder. Dann kaufte ich sechs Acres Boden in Flat Brush, eine Meile westwärts von der Stadt Fremont. Darauf stellte ich ein Haus und machte es für 45 Jahr


Heimat Wolfurt Heft 04 1989 September
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 4 Zeitschrift des Heimatkundekreises Sept. 89 KIRCHDORF WOLFURT Ältestes Foto. Der alte Kirchturm war nur 46 m hoch. Links der 1895 abgebrochene Bauernhof Schwerzier, Filitzos. Inhalt: 10. Wolfurter Mundart (Helmut Heim) 11. Kriegsende (Flatz) 12. Pfarrkirche (Heim) Helmut Heim DIE A U T O R E N : Helmut Heim, geb. 1932 in Wolfurt, Schreinermeister. Hubert Flatz, geboren 1921 in Wolfurt, Finanzbeamter. In vielen Vereinen aktiv. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Sammlung mundartlicher Ausdrücke, Reime und Redewendungen aus Wolfurt Die hier aufgezeichnete Mundart will das ehemalige dörfliche Leben unserer Gemeinde aufzeigen und entstammt daher vornehmlich dem bäuerlichen und handwerklichen Alltag. Sehr viele dieser Ausdrücke sind aus dem heutigen Wortschatz bereits verschwunden. Einige sind nicht «ur-wolfurterisch», sondern aus andern Regionen irgendwann zugewandert, wie ja auch früher schon manche Fremdwörter Eingang in unsere Mundart fanden. Trotz etlicher Mängel, so hoffe ich, regt diese Niederschrift einige Leser dazu an, selber im Gedächtnis nach Altem zu graben und auf Papier festzuhalten, um diese Mundartsammlung zu ergänzen und zu bereichern. A abe Berichtigungen Wir korrigieren mit Ihrer Hilfe gerne alle Fehler, die Sie uns nennen. 1. Heimat Wolfurt, Heft 3, Seite 1: Inhalt: 8. Wolfurter Geschlechter (Heim) 2. Wolfurt in alten Bildern, Ausgabe 1981; Bild 25: Gottlieb Böhler berichtigt: Das Fischer-Haus ist nicht 1958, sondern am 18. 3. 1955 abgebrannt. Er hat mit großen Schülern Möbel herausgetragen. 3. Ebendort, Bild 42: Helmut Heim erkannte, daß das Bild aus Königs Album nicht im Unterfeld sein kann. Wer kann es lokalisieren? 4. Ebendort, Bild 55: Theresia Geiger wußte, daß das Bild nicht im Strohdorf, sondern bei Geigers im Röhle aufgenommen wurde. abe aberwendig Aggs abheldig aläg Ale allat allpot allomarsch! ament Ambalascht Angl Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Sau und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt - «as abéd»- es wird weniger «ar heat fest gabed» - sein körperliches oder geistiges Befinden hat sich verschlechtert, - «gang abe!» - gehe hinunter! - «aberwendig mache» - jemanden umstimmen, abspenstig machen, auf die Gegenseite bringen - Axt - z. B. Hanglage einer Wiese, schräg - z. B. Hanglage einer Wiese - Liebkosung Wange an Wange - immer - immer wieder, öfters - allowante! - verschwinde! hau ab! - am Ende, vielleicht, «I kumm ament a klä zu dir.» Ich komme auf ein Weilchen zu dir. - Jute - Achse, Zapfen, Bolzen, Türangel, Fischangel, jener Teil des Messers, der im Griff steckt, Angel der Bienen, usw. - Drehpunkt, Zirkelpunkt, Mittelpunkt 1 Angelpunkt arlückele arkulpe Arang Apedengar ästimiire äschbliziire - etwas herausfinden, etwas entdecken - etwas bewältigen, das Letzte an Kraft herausholen, «I heas gad no arkulpet» - Anstoß «Kumm nim an Arang!» - Beginne, fange an, getraue dich! - Himmelschlüssel, Aurikel - etwas schätzen, hochachten - erklären Beare Bämsel belfere bearhäm bearig, bärig Bettbrunzarle Betthäs bizele, biz - Schiebetruhe, «Mistbeare», «Bschüttebeare» - Pinsel - krachen, schießen, Geschützdonner - hinkend, nicht gut zu Fuß, fußmarod - schön, gut - Bettsoachar - Buschwindröschen - Bettwäsche aller Art, nicht Leibwäsche - wenig Bemperlewasser - alkoholfreies Getränk (oft mit Jgsottes zubereitet) B, P bägere barentig parat baschge Balise baff Bare Bändt palästere - bitten, mahnen, auffordern - pur, rein, unverfälscht, «Des ischt doch barentige Essig», sagt, wer sauren Most vorgesetzt bekommt - fertig, bereit - etwas bewältigen - beidseitig geschliffenes Stemmeisen - überrascht - Futtertrog, Turngerät - Band, Türbeschlag, Schöbändt - Scheinband, Kette um Kühe anzubinden - jemanden etwas zu Leide tun, Ausdruck beim «Spatzsecklspiel» (Wenn die Schaufel beim Schlagen den Boden berührt rufen die Mitspieler: «Bode palästeret») - weinen - kleine Verletzung, kleine Wunde - baldigst, «jo beider» - ja gewiß - kleinwüchsiges Tier, Winzling, «Du klenna Beanzgar», sagt man auch zu einem Buben, der wohl vom Wuchs her klein, sonst aber schneidig ist - «a warme, belzbachene Underhose» belzbache leitet sich ab von Barchent. Rauher Barchent, ein Baumwollgewebe, wurde früher oft zu warmer Unterwäsche verarbeitet. Die aufgerauhte Seite hatte eine weiche, pelzoderflaumähnlicheOberfläche Pflädder, Pfläder - Fladen z. B. «Kuhpflädder» pfluddere, pfludderig, Pfluddere - z. B. Verspritzen einer breiigen Masse, Aufkochen einer dicken Suppe usw., schwabbelig - Übername für dicke Frau pfludere - z. B. wenn eine Henne sich den Staub aus den Federn schüttelt, wenn jemand eine «nasse» Aussprache hat, wenn jemand beim Lachen Speisereste von sich gibt - fauchen der Katze; Geräusch, wenn die Luft aus einem Fahrradreifen entweicht, unterdrücktes Lachen, usw. - Pickel, Akne - rechtes Maß «Der kennt koa Pfacht» pfutzge Pfuze Pfacht, Pfarcht pfächte, pfächtle - einschränken, «Di tut ma denn ou no a klä pflichte.» Dir bringt man das rechte Maß schon noch bei. Pfannebreat, Pfannekneacht pfuche pfnitze pfnäschte pfuse pflenne pfundig Pilgere - Brett mit Halterung für den Pfannenstiel um die heiße, rußige Pfanne auf den Tisch zu stellen. - fauchen, apfuche — anfahren, unfreundlich sein - niesen - keuchen, vor Anstrengung schwer atmen - stark winden, stürmen; ruhen, dösen, schlafen - weinen - schön, gut - zahnloser Kiefer 3 belle Bele beider Beanzgar belzbache pfuballe, Pfuballe - Ball spielen, Ball 2 Birling Biestkuche bige, Big - kleiner Heuhaufen, «Schoche» - Auflauf aus Biestmilch (Die Milch einer Kuh gleich nach dem Kalben wird bei mäßiger Wärme zum Gerinnen gebracht) - beigen, «Schitterbig» Bötere böterle Böterlebohrar bögle Botsche, Bötschä Boh Bodebira Beckele Boaz Brüllekalb - binand, benand, - beieinander bejanand bigotr, bigöllar blangere Bläkte Bläktus Blutsugar bloge, Blog Bluascht blose, Blose blug - bei Gott - etwas sehnsüchtig erwarten, «Ma blanger'et uf des erschte Obscht» - Blatt - Schimpfname - Blutegel; Schimpfname für rücksichtslosen Ausbeuter - quälen, Plage - Blütezeit, «d Bluascht» - die Blüten - blasen, Blasinstrument - durchsichtig, dünn; neugeborene Mäuse und Vögel z.B. sind blug, sie haben eine dünne durchsichtige Haut. Blug ist eine frischverheilte Wunde. Blug ist auch jene Stelle an einem Kleidungsstück, die abgewetzt, dünn und durchsichtig ist. - dicke Blutwurst - Blase, «Sublötere», «Soafeblötere», Blase an der Ferse - Einer der sich nicht traut, langweiliger Mensch - weinen, «Si bläget wi a Kälble» - etwas sehnsüchtig erwarten - viel reden, nichts sagen - Schwätzer, dummer Angeber - schwer, «I he ble-iene Füeß» - fallen Kater spielen mit Puppe, Puppe nur sehr, fast, ziemlich Kügelchen des Rosenkranzes oder einer Halskette altes Wort für «kugele» (Kinderspiel) langweiliger Mensch bügeln Hausschuhe, Schimpfname für ungeschickten Menschen, «duat dear aber bötschig» - Heuhahn, Heuboden, Ablage für Brennholz, Zwischenboden in der Tenne - Kartoffeln - Tasse, «a irdes Beckele» - eine Tasse aus Ton - Eifer - sagt man, wenn man jemanden in den April schickt Pritsche, - behelfsmäßiges Bett; Brett mit dem der Mist auf den Wagen pritsche, pritschle glattgeschlagen wurde («Mistpritsche»), schlagen in Wasser, plantschen Brieme bromig, Brom brisele, brisle brocke Broß Brentöwilar Brentöwinar Broatdatschar Brünnerling Prüge, Brüge - Bremsen - rußig, schwarz, Ruß, «Bromiga Fritag» - Band durch Ösen ziehen, (Schuhe, Mieder) «ibrisele, zubrisele», leichter Schneefall «As briselet a klä.» - pflücken - Sprossen der Obstbäume - Apfelsorte - Apfelsorte - Apfelsorte - Ablage, Obst-, Mist-, Holz-, Heuprüge. Das Wort kommt von Prügel, Holzrundling. Eine Lehmgrube (Lacheloh) wurde mit Rundlingen abgedeckt und darauf der Mist gelagert - Mistprüge. Ein Zwischenboden in der Tenne aus Rundhölzern war eine Heuprüge. - Nachtgeschirr aus Holz - Holzkübel - abblättern, z.B. von Mais, Bohnen usw. - weinen - besessen - schlagfertig 5 Blunze Blotere Blöterlar bläge blangere bläfere, läfere Bläferar ble-ie bohle Bole bobbele, Bobbe bos, blos bode bödelet Brunzbrente Brente brätschle briage bseasse bschosse - etwas, z.B. Boden des Korbes mit Äpfel bedeckt 4 bschnotte, gschmotte Bschüttebine Bschüttebeare Bschüttekübel bschüse bsetzt bschlahe, bschlage - knapp, gerade noch, beengt, eingezwängt - zweirädriger Karren mit Holzbehälter für Jauche - einrädriger Karren mit Holzbehälter, «Lägelebeare» - Holzkübel mit langem Stiel - ergiebig sein, «Rogges Brot bschüst besser as Kernes» Schwarzbrot ist ergiebiger als weißes. - fest, dick, mollig - Tätigkeit des Zimmermannes, mit der Axt aus Rundholz Kantholz zu schlagen; des Schmied's, Pferde, Wagen, Truhen usw. zu beschlagen; des Schuhmachers, Holz- und Ledersohlen der Schuhe mit «Kappenägel» haltbarer und rutschfester zu machen. «An bschlahena Stöa» - ein behauener Stein - Schuhmacherutensil (Eisenfuß auf Holzsockel) - Steinpflaster, Besatz aus Stoff, «Ahbollebsetzä» - Kopfsteinpflaster. «A Hemp falsch bsetze» - war bei einem Hemd der Kragen zerschlissen so wurde manchmal am Hinterteil des Hemdes Stoff weggeschnitten, daraus ein neuer Kragen genäht und das fehlende Hinterteil mit einem oft andersfarbigen Stoff «falsch bsetzt». - klopfen - Kälbchen - Kinderschreck, böser Mann, unfolgsamen Kindern wird mit dem «Bulema» gedroht, der nachts unterwegs ist und schlimme Kinder mitnimmt. - gebundenes Heu wird auf dem Rücken getragen, auch Holz und anderes, von bürden, aufbürden. - weitausholende, lange Schritte - Konfetti, Abfall der Punschmaschine - reichen - gebündeltes Brennholz - Gestell auf dem die Buschein gebündelt, gepresst und gebunden werden Bündt Bühle pumpelusisch Butzge butznersch Budl Putsch Pulge Butte Butterfaß Buhlade Buttermodi - Wiese beim Haus - Beule - Sprache die man nicht verstehen kann, Kauderwelsch - kleiner Apfel, Rest eines gegessenen Apfels - total verrückt - kl. Flasche, Maß, «Milchbudl», «Schnapsbudl» - Tonflasche mit Henkel - kl. Holzfäßchenetwa 3 bis 5 Liter, Transport und Trinkgefäß - Transportgefäß mit Schulterriemen, ursprünglich aus Holz, «Milchbutte», «Schmalzbutte» - Holzfaß, das um eine Achse gedreht wird, um Butter zu schlagen, Rührkübel. - Bauchladen der Hausierer, aus Holz Budille, Budelle - Bauchflasche Bschlahfuaß Bsetzä - bsetze pumpere Busele Bulema - Holzform, Maß um den geschlagenen Butter die richtige Form und Größe zu geben. «D Buttermodi» war meist aus einem Stück weißem Ahornholz geschnitzt u. manchmal mit einer eingeschnittenen Blume verziert, welche sich dann auf dem «Butterstöckle» erhaben darstellte. Buchtel, Wuchtel - Mehlspeise büaze - ausbessern, flicken, reparieren, stopfen von Kleidern, Wäsche, Zäunen, Werkzeugen usw. Burde Buacharschriat Punschbolle büte Buschela Buschelebock D,T dante, dantig, Dantar dämpfig dasig DächlemacharTatsch, Tatsch, Tatsche tätschle - langsam sein, unentschlossen sein, von tändeln träse, träße, Träß - schimpfen, jammern, stets nörgelnde Frau - «a dämpfigs Roß» - Asthma beim Pferd - trübes Wetter, getrübte Stimmung; leichtes Unwohlsein Regenschirmflicker - Schlag, Knall, Blitz, etwas Zerdrücktes - leicht schlagen, Art von Liebkosung 7 Buaschtschüppe - Büschel harten Grases, welche von den Kühen verschmäht werden 6 dengele, Dengelstö, Dengelhammer, Dangel -Die Sense wird auf dem «Dengelstö» dünn gehämmert. Der dünngeschlagene Teil der Sense Daffatöpfel deare - Apfelsorte - dörren, Dörrobst. Äpfel wurden geschält, in Scheiben geschnitten, auf Schnüre aufgefädelt und außen an der Hauswand wie Girlanden unter die Fenster gehängt und von Sonne und Wind getrocknet. Birnen hingegen wurden meist in Blechen auf dem Holzherd oder Kachelofen gedörrt - nicht dauerhafte, nicht ernstzunehmende Liebschaft - Wagendeichsel - Gerede, Gejammer, viel Aufhebens um nichts - schleichen - Gerede, durcheinanderreden - Kauz, Eule - donnern, Donner - unschlüssig sein - nichtssagender Geschmack bei Speisen. Ein Bild, eine Tapete kann auch dötrlos sein, farblos, langweilig, nichtssagend - Maulwurfsgrille - gut gedeihen bei Kindern und Tieren; «übeltröijig» - schlecht gedeihend - Speichel oder Speisen aus dem Mund rinnen, Kinderlatz; Schimpfname - Birnensorte - Tannenreisig - Geselchtes - Delle, Vertiefung, Rabenvogel - Fuß verschiedener Tiere z.B. «Hennetöpe», Katzetöple» usw. - Tintenklecks Dolder Docke toag trätze Trucke - Baumwipfel - Puppe aus Holz; Fußteil einer Bank, Konsole - Birne die abgelagert, weich und innen braun ist, zu unterscheiden von «mahr» - reizen - Truhe, Trog, Kiste, Behälter, Schimpfname. «Kiestrucke», «Gschiertrückle» - Werkzeugkiste, «Katzetrückle», «Kästrucke», «Spöütztrückle», «Kudrtrückle». - sehr einfältiges, gutmütiges Weibsbild - Truhe - von trügen, «an trogena Ma» - man sieht es ihm nicht an - Trog «Sutrügel» - Schimpfname - Trichter aus Holz oder Metall - Presse für Obst und Wein - Bahre, «Mistträge», mit ihr wurde der Mist auf dem Acker verteilt. schwindeln, schwindlig - erster Brand beim Schnapsbrennen, trübe, unsauber die kleine Trommel schlagen Trommel träumen, Traum Balken drehen Techtelmechtel Diggsl Termäne diche Dischkurs, dischgeriire Totevogel, Dotevogl dore, Dörar dötterle dötrlos Trodel Trog troge Trügel Trachtar Torkel Träge trümmle, trümmlig Trub trümmele Trummekübel tröme, Tröm Tröme dreie trole, Trölar drülle, Drülle Drüllebubbar trödle, Trödlar Tresterkäsle trostle drin Drohscht, drohschtig Trumm demol, a demmol - dieses Mal, vor etlichen Tagen, kürzlich, letzthin Dorle tröije triele, Trielar Döübela Dohs Diges Dohle Tope, Töple Tolgge 8 - rollen, kurzes Rundholz drehen, Wirbel im Wasser Spielzeugkreisel, Bezeichnung für kleinen Buben ohne Eile sein, langsamer Mensch; Händler Obsttrester in eine Form gepresst und getrocknet (Brennmaterial) - ohne weiteres, getrost, «red trostle lut, si hört koan Tun.» - aufgeregt sein, «I bi iez ghörig drin gsi» - Schwüle, schwül - Stück 9 trümsle, Trümslar tschare Tschügge Tschole Tüchl - langsam sein, etwas einfältiger, langsamer Mensch - kaputt - Schimpfname - gutmütiger, friedfertiger, manchmal etwas einfältiger Mensch - Holzrohre. Die alten Wasserleitungen von den Quellfassungen («Brunnestube») zu den Laufbrunnen waren alle aus durchbohrten Holzstangen gefertigt. - Werkzeug, Berufsstand Hochgewachsene Stangen der Weißtanne wurden mit einem langen Bohrer durchbohrt. Die Rundlinge wurden von beiden Enden her angebohrt. Leicht gebogene Stangen wurden während des Bohrens gerade gespannt. Es war eine sehr anstrengende, schweißtreibende Tätigkeit, deshalb ist heute noch die Redewendung erhalten: «Ar suft wi an Tüchlbohrar.» - Mais, wurde früher auch «Welschekorn» oder «Türkewoaze» genannt - Apfelsorte mit besonders großen Früchten - Teil des Faßes «A Tuge abesufe» - getrocknete Torfschollen, Brennmaterial - Übername der Lauteracher - stottern - Donnerstag - stoßen von Schafen oder Ziegen «Böckle, böckle, tütsch» E eapamöl eapas eadde, Eadd eere Eappr Eggoaß Engera - manchmal - etwas - jäten, Unkraut - pflügen - Erdbeeren - Eidechse - Engerlinge Tschick, tschick - Stück Kautabak; müde, erschöpft Tüchlbohrar F,V Fas Fasnat Falott - abgeschrägte Kante - Fasching - Nichtsnutz, Spitzbube Türke Türkeöpfel Tuge, Duge Turbe Türbelar dudere Dunnschtag tütsche Vatterunsarhals - Sunntagshals - Luftröhre «As ischt mr in Vatterunsarhals ku», sagt man, wenn man sich verschluckt hat feand, feandrig fendere, Fenderar Feal Fealbar fitze, Fitz foppe, Foppar Vorstehar Fleaka Flegel Fotogen flöüze, Flöüzar Flöüzarhoke flacke - voriges Jahr, letztjährig - herumlungern, umherziehende Nachtbuben - Wunde - Weide - schlagen, Peitschenschlag, Blitz - hänseln; lästiger, andere ausspottender Mensch - Bürgermeister - etwa 6 cm dicke Bohlen. Aus ihnen fertigte man gespundete Wände und Decken - Dreschwerkzeug, Schimpfname - Petroleum - flößen, Holz triften, Brennholz fischen, Berufsstand - Flößerhaken - liegen 11 Türkische Musig - ehemalige Musikkapelle in Wolfurt 10 Fläre fludere Flause frötzle fräggele freze frette, Gfrett Friedhofsjodlar Fratz Firggar Firgge firgge Fise Függe vrdimmet vrdwire vrhe-ie vrplempere vrquante vrrumpfele vrbudle vrsufe vrschustere vrdrüllet vrdatteret vrdruckt vrseckle vrschosse vrpfife 12 - Wunde, Schürfwunde - flattern - Hirngespinnst, Ohrfeige - reizen - entfernen der Baumrinde kleinweise mit Beil - abweiden des Grases durch Vieh - rackern, mühen, Plage - starker Husten - freches Kind - Ausguß, Abwasch, Waschbecken, in der Stickerei Mittelsmann zwischen Fabrikanten und Heimarbeiter - beim Mühlespiel eine Doppelmühle - scheuern, aufscheuern, sich wehtun «d Schuh heat mi gfirrget» - Bezeichnung für Rothaarigen «du rota Fise» - Bezeichnung für Rothaarigen - vermodert, verschimmelt, z.B. Stockflecken in Wäsche durch feuchten Aufbewahrungsort - verirren, sowohl räumlich als auch geistig nicht orientiert - kaputtmachen - vergeuden - versorgen, verräumen - zerknittern - zerknittern von Papier - ertrinken, versaufen z.B Geld - verpfuschen, nicht zum Vorteil veräußern, verkaufen - verdreht - erschreckt, in Verlegenheit sein - hinterhältig - jemanden zum Besten halten - verliebt sein, gebleichte Farben, erschossen - verraten vrpfifebüxle vrluse, vrdluse vrbutze vrsohle vrgitzle Fürfeall fuxe fürbe, Fürbat ful Fulfieber Funzl Füdletasse Füdlar Füdle fudig fuhre, fuhrig Furgge - verspekulieren - auslesen, sortieren - verputzen von Mauerwerk; Geld verjubeln; jemanden nicht leiden können - «Dean kane nit vrbutze» - schlagen, züchtigen, «sFüdle vrsohle» - verzweifeln - Lederschürze - jemanden ärgern, «as juxet mi» - nichts gelingt mir - kehren, Kehricht - faul, müde - vorgetäuschte Krankheit, Ausrede um länger als üblich schlafen zu können, übergroße Müdigkeit - Petroleumlicht, Schimpfname - Nachtgeschirr - Kinderschlitten - Hinterteil bei Mensch und Tier; Öse einer Nadel; unteres Ende eines Baumstammes - «fudig to» - jemanden reizen, spöttisch - fette Speisen «führend». Sie «tond zu». - Mistgabel G gäge, umgäge, gägig Gägarle gazge gad nö gaffe Galoscha Gade galt, Galtveah Gaude gänge - fallen, umfallen, «a gägigs Fuder» - einseitig geladenes Heufuder, das jeden Augenblick umfallen kann - kleiner Mann der unsicher auf den Füßen steht - gackern, weinen - gerade noch - starren; zuschauen, wo man wegschauen sollte - alte ausgetretene Schuhe, Gummiüberschuhe - Elternschlafzimmer - milchlos - Lustbarkeit - stechen der Wespen und Bienen - von geangelt 13 gängig galle - gutgehend - Obst einsammeln nach dem Gallustag. Mit dem Spruch: «Galletag ischt gsi, was ifindghörtmi!.»zogen die Kinder, mit einem Sack und einem Stecken, durch die Felder und nahmen alles Obst, das noch auf den Bäumen hing und darunterlag mit nach Hause. Der Brauch verschwand bei uns während des zweiten Weltkrieges. - Schlagmesser mit gebogener Spitze - gestern - kl. Schuppen oder Anbau an Scheune - Bottich, «Wöschgelte» - mögen wollen, «I gear hüt gär nidd schaffe» - flaches Holzgefäß um die Milch zu entrahmen - bei gutem Humor z.B. - richtig, recht, viel, «as heat ghörig gschne-it», « as göht ghörig» - geheuer, nicht geheuer - böse, zornig, geizig, Zorn, Geiz, «is Alter waggst nüt meh, as d Negel und de Gitt» - Mitesser - geizig, Geiz - Geißlein - Ziegenkot Früher rieben sich die Kinder den Zeigefinger der einen Hand, am Zeigefinger der anderen und riefen: «Gizgägele, ätsch,» um andere Kinder zu ärgern. Das nannten sie: «Usgiggsle» - Hahn - knarren des Fußbodens, der Türe usw., «giire mit d Zähne» - schlagen mit dem Fuß - «I giab dr an Gingg» Glufe glongge Glonggar, Glöngge Glanet Gloach gmo Gmoand gmoant, gwähnt Gmüdr, Gmütsch gmüatle gmach gnot, d gnote Weag gnu,gnug Goub, Gob, Göble Goasl Goldgranätlar göüple go, gang - Nadel, «igluß» - einfädeln. Wenn ein älteres Mädchen einen Partner findet heißt es: «Iez ischt si doch no z glußt ku» - hin-und herschwingen - etwas Hängendes das baumelt oder schwingt z.B. «Ohreglonggar», Glockeglonggar» usw.; Schimpfname - Klarinette Glied einer Kette bescheiden, leutselig, nicht eingebildet Gemeinde geglaubt, gemeint Abfall beim Holzhacken Gettar gestet Gentar Gelte geare Gebse ghumöhrt ghörig ghürle, ughürle gittig, Gitt Gittwurm gizig, Giz Gizile Gizgägele, Giggsgägile Giggelar giire gingge gigampfe - gemächlich, gemütlich - gemächlich - schnell - genug - Kind, kleines Kind - Peitsche - Apfelsorte - balgen, spielen, Kinder, junge Katzen und Verliebte «göüplend mitanand» - gehen, gehe - schauckeln auf einem Brett, welches in der Mitte auf einem Lagerbock aufliegt, z.B. giiße - schreien, laut weinen, kreischen glumpig, Glump - schlecht, schlechte Ware glese - gläsern, «an glesena Krug», aus Glas glasig glare glotze glei gli - glänzend, leuchtend, «glasige Ouge starren starren sofort, gleich, «i kumm glei» egal, gleich, «as ischt mr gli» goaste, Goast Göppel - spuken, geistern, Gespenst - Antriebsgerät mit Übersetzung, (Getriebe) bei dem mittels Pferde- oder Menschenkraft, Maschinen angetrieben wurden. Als das Fahrrad aufkam, wurde es seiner Übersetzung wegen, oft auch «Göppel» bezeichnet. Wird heute meist abwertend für ältere Fahrräder gebraucht. - bedeutet etwa Gehege, Bezirk, «Deam bin i is Göü ku» heißt die Kreise eines andern zu stören. - Haus hüten, während einer Beerdigung z. B. kommt eine Nachbarsfrau «ga gome.» 15 gosche, Gosche - schimpfen, derber Ausdruck für Mund Göü gome 14 Gogummere - Gurke Grüsch gschwunde Gspane Gspusi gstumpet Gschwear schnudere, Schnuderar Gschnüder Gschtrüch, Gschrücht gschmotte, bschnotte gspriggelet gstearr Gsüff Gschlüder, gschlüdrig gschniglet Gschier Gsims Gsod Gsodstuhl gspundet gstemmt gschutzt gstäht gugge güggle Guggar Guggarklee Guggähne - Kleie, Viehfutter - ohnmächtig - Begleiter, Gefährte heimliche Liebschaft kurz, klein Geschwür, «i hea a Zagschwear» Rotznase hochziehen, Schimpfname golgge, Golggar - schwappen, «d Milch golgget i dr Butte» Pumpbrunnen gozig goazge gülde goldig gottsjömmerle toa grötig gragöle grütschle, Grütschlat Gräms Grotseage Grabe grizgrame - einzig, von Gotteinzig - Geräusch, wenn man sich z.B. verschluckt hat oder, wenn jemand nahe dem Ersticken ist. - golden, aus Gold «a güldes Krüzle» - lieb, süß, gut «a goldigs Humörle» - zum Erbarmen jammern - schlechtgelaunt - lärmen - schaukeln, Schauckel - Rahmen, Türrahmen, profilierte Kassettendecken, usw. wurden als Gräms (Gerahmtes) bezeichnet - Gratsäge - altes Wort für Spaten; Wassergerinne, Bach - knirschen mit den Zähnen, von griesgrämig - Katarrh, Rotznase - Katarrh - siehe bschnotte - gesprenkelt - steif - schlechtes Getränk - Schneematch, «legg hohe Schuh a, as ischt hütt gschlüdrig dußa.» - sauber hergerichtet, «si ischt gschniglet und kamplet» - Werkzeug, Kochgeschirr, Kuhgeschirr usw., «Gschierlumpe» - Gesimse, «Gsimshobel» - kurz geschnittenes Heu - Handgerät bei dem mittels eines Stanzmessers Heu kurz geschnitten wurde - Holzverband - Holzverband - schnell, ohne Überlegung, ungeschickt - gemächlich schauen im geheimen schauen Kuckuck, «d Guggar soll di hole» Sauerklee Urgroßvater Gsottes, Igsottes - Gesottenes, Eingesottenes (Marmelade) grenne, Grenne - Gesicht verziehen, Grimasse schneiden, «grenne, grenne, tuat nit weh, wer grennet der heat Lüs und Flöh.» grüscht grea gröte Greular gruabe Grüba gruste, kruste Graffl Gramure Grampe grampe - fertig, hergerichtet, von gerüstet - fertig, erledigt, gerichtet, angerichtet - gelingen, geraten - trüber Most mit Grauschimmer ruhen «gruabe git gut Buabe» Grammeln stöbern, suchen Plunder Durcheinander Pickel, schlechtes Pferd Arbeit mit dem Pickel, heute noch manchmal gebräuchlich für die Tätigkeit der Bahnarbeiter beim Geleisebau. Grabehoue 16 - Werkzeug um Riedgräben zu öffnen 17 Guggöre - von guggen - schauen und Öhr-Öffnung bedeutet Ausguck, oberstes Giebelloch unter dem First. Wenn Buben eine Hütte bauen, die windschief und wackelig ist, sagt man heute noch: «Do machend ir aber a ghörige Guggöre.» Wird auch verwendet für sinnloses, unüberlegtes Aufeinanderstapeln von Dingen. - Kind im Arm wiegen, auf den Schultern tragen - starker Regen, Wolkenbruch - Flasche guge Güse Guttere gumpe, Gumper - pumpen, tanzen, hüpfen, Pumpbrunnen, «gumpiga Dunnschtag», «Bschüttegumpar» Gumpe Guat gunne Güsch Gurglholz güne Gumelascht - Wasserloch - Wiese beim Haus - gönnen, «vergunne» - mißgönnen - Schimpfname für moralisch minderwertige Frau - nennt man das Holz einer Tanne, das in Alkohol umgesetzt wird, bevor es den Wald verläßt. - winseln des Hundes, weinen - Gummiband Hälegigar Häs Hagel Häslus heare Hemp Herelöable hetze hetzig, Hetz heane, heat, kett, hea oder heo herze - Schmeichler, Einschmeichler Kleidung insgesamt «Weachtaghäs und Sunntagshäs» Stier Filzlaus, «freach, wi a Häslus» rufen Hemd Herrenlaibchen - Brot treiben, jagen lustig, Lustbarkeit, Spaß haben, hat, gehabt, habe liebkosen hergoles, hargoles, hargolane, hargolante, hardigate - beim Herkules! helde Hennelar hinat Himbr Hindrhusar Hille hindrfür Hinderung - z.B. ein Mostfaß in eine Schräglage bringen - Hühnerhabicht, aber auch Mäusebussard - heute Nacht, kommende Nacht «a guts Hinatle» - Himbeere - Apfelsorte - Helligkeit, Lichtschein einer Feuersbrunst z.B. - verkehrt, umgedreht, an hinderfura Voaderwäldar» - Rückstand, «i bi im Hinderung» - Ringkampf, ringen - Haken, schlechtes Pferd, unansehliche Frau - Haken - «Türhouche» auch «Klobe» oder «Angln genannt, siehe «Klobe» - Großer Brachvogel - Heuschrecken - Regenguß, Unwetter - Birnensorte - Werkzeug, um Heu schüppelweise aus dem Heustück zu ziehen, (armlanger Stil mit einer Spitze aus Eisen und Widerhaken) 19 H händig - geschickt, anstellig bei Menschen, auch bei Pferden. Bei Werkzeugen bedeutet es gut in der Hand liegend, wird auch gebraucht bei Geräten, Maschinen und Fahrzeugen aller Art. Hoselupf, hoselupfe Hoge Houche Holipar Höühoppar, Höüstäffel Höüdearar Höübira Höülüchar Hächlar, Häklar - «igwaggsene Dreak» - alter hartnäckiger Schmutz auf der Haut (Füße und Hals) häze - klettern Habermus - Haferspeise Haras - Obst-, Kartoffelsteige Hasebläckta - Wiesenbärenklau halte - hüten (Vieh hüten) hebe, Hebe, - halten, festhalten, Griff, (Griff aller möglichen Werkzeuge Hebel, Heft meist aus Holz oder Horn), «heb ü» - halte an, «heb da Götte», «Ar gitt s Heft nit uss r Hand», - er bleibt am Ruder halse - umarmen, liebkosen häl - schmeicheln - rutschig 18 Houe, houe höüile, Höüile Honnar, Honnare Hoanze, hoanze - Heinzen, Stange mit Querstäben auf denen das Heu getrocknet wird Hoanzesteckar - starkes Rundeisen mit Spitze Holtscha, Hölzlar - Holzschuhe, Schlüpfer, vorwiegend für Stallarbeiten Holtschemachar - Holzschuhmacher Hülzebödnar, «Lüch» ist eine alte Bezeichnung für Loh-Loch und Licht siehe «lüche» - Gartenwerkzeug, «Grabehoue», schneiden, schlagen - jäten, kl. Haue mit Zweispitz «Friedhofshöüile» - Holz- und Heuschlitten; Kuh die oft ihre Hörner gebraucht Hurnussl Hurde - Hornisse - von Hürde, etwas übervoll beladen, siehe «Schoche» hunze, vrhunze - spotten, verspotten, etwas verderben, «um di Sach nit ganz zu vrhunze, gommerliaberga brunze» hürle, anehürle - in die Hocke gehen hüsle, Hüslarzüg - spielen, Spielzeug huremäßig, hurementig, hargotmentig - Diese, sowie ähnliche andere Wörter werden verwendet, um die Aussage der nachfolgenden Wörter zu verstärken, nicht aber um sie zu bewerten. - Schuhe mit Schweinsleder - Oberteil und Holzsohlen «zum ibrisele». Die «Hülzebödner» waren während und nach dem Zweiten Weltkrieg sehr aktuell. - steif, ungelenk, hölzern - Hornerschlitten, dessen Gleitfläche unbeschlagen ist. - leichter Heuwagen, dessen Achsen aus Holz sind. - Haupt, Kopf, «Kruthöple», Salothöple» - Holunderkompott - Heidelbeeren - viel, zahlreich, «es hoadlet gat» - springen - langsam, bedächtig, vorsichtig, «1 tur a klä hofele» - heikel, «du hoakliga Beatlar», wennjemanden das Essen nicht genehm ist, «noch em hoakle si kut nüt meh», wenn einem Mädchen die Freier nicht passen - Hohlaxt, wurde gebraucht um Brunnentröge zu fertigen oder Dachrinnen - Jauche, Jaucheloch - Kleidungsstück, abwertende Bezeichnung - eilen, pressieren, ungenau arbeiten, «nu nit hudle, vor em Sterbe» - sparsam - heuer, heurig, «i bi ou koan hüriga Has me» - Birnensorte I,J idressiirt irger, irgerle, Irger Irmel irde Jägge Jankar Imbe Imachstande Ilge jöüche Isegräs Isehemp Igsottes, Jgsottr juze, Juz, Juzar jucke iez - äußerst sparsam - arg, ärgerlich, Ärger - Ärmel - aus Erde - Ton, «a irdes Beckele» - Eichelhäher - Kleidungsstück - Bienen - von einmachen, faßähnlicher Maischebehälter - Lilie, Iris - jagen, treiben hartes Gras, das von den Kühen verschmäht wird Rüstung Marmelade, Eingesottenes jauchzen, Jauchzer hülze Hülzesolar Hülzeaggsar Höple Holdersuppe Hoadla hoadle hoppe hofele hoakle Holthesl Hoflache Hötel hudle, hudlig, Hudlar husle hür, hürig Husbira 20 - springen - jetzt 21 K Kante, Käntle Katze Känar Kathel Kaserol Kachel kachele Kampl, kample Karrezühar Kaiserbira käl Kareß Kabriza Kalfaktr Kassinar Kämme kartätsche Katzestoeg Kastättere, Kastezar - Gefäß aus Metall z.B. «Milchkante»; Zusammenstoß zweier Flächen z.B. «Stahlkante» (Schi) - Schöpfwerkzeug, meist aus Kupfer, um Maische aus dem Faß zu schöpfen, z.B. - Rinne aus Holz oder Blech, «Bschüttekänar», «Dachkänar» - Aufzugsrolle aus Holz; weibl. Vorname - Kochtopf - Schüssel aus Ton; Teil des Kachelofens, Fliese - Ofen setzen, Fliesen legen - Kamm, kämmen - Zigeuner, fahrendes Volk - Birnensorte - ecklig, widerlich, unflätig - «allad uf Kareß» - immer unterwegs sein - Eigenwilligkeit, Sturheit, «der heat wiider Kabriza» - ungehobelter, grober Mensch - Name für Mitglieder einer ehemaligen christl. sozialen politischen Gruppierung, gilt heute eher als Schimpfname - Kamin - durchkämmen von Flachs, Schafwolle usw. - steiler, schlechter Weg - Teil der alten Bucherstraße - Frucht der Edelkastanie, die früher bei uns sehr verbreitet war. Heute noch gebräuchlich für die Roßkastanienfrüchte Kearesel Kesslar kiibe Kiestrucke - Kellerassel - Pfannenflicker, gehörten zum «fahrenden Volk»; Schimpfname - schimpfen - Wagenaufsatz aus Holz um Kies und Sand aus der Bregenzer Ache zu holen. Mittels einer Winde (Wagenheber teils aus Holz) konnte man die Ladung auch kippen - Teil des Wagens - keimen, Keim - Kürbis - Kirchweihfest, dazu gehörten früher auch Tanz und Vergnügungen - wenig, ein bißchen - armlanges, daumendickes, vierkantiges Holz. Für jedes gebetete Vaterunser durfte eine Kerbe eingeschnitten werden. Am Vorabend des Nikolaustages wurde das «Kloseholz» ins Fenster gelegt oder dem Nikolaus, so er ins Haus kam, vorgezeigt. Je nach Anzahl der Kerben erntete man Lob oder Tadel. - Spannwerkzeug, Schraubkloben, Feilkloben usw. Auch ein «Türhouche» wird als «Klobe» bezeichnet, wenn er aus zwei Teilen geschmiedet ist. «Klobe» ist jener Teil, der die eigentliche «Angl», Achse festhält und umklammert. «An nerviga Klobe» kann auch sein ein dickes Stück Holz, ein schwerer Stein oder aber ein großer, starker Bub. - kratzen - wuchtig, schwer wirkend, stark dimensioniert - Spannwerkzeug, «Wöschkluppe», Schntdkluppe» usw. Kirpfe kide, Kide Kürbse Kilbe klä, a kläle Kloseholz Kichere, kichere - Bohne, lachen Klobe klube, klöube klobig Kluppe Kapelo, Kaplo - Kaplan Kapele - kleine Kapelle ke-ie, ke-i-ig - streiten, zuwider sein, «hei, bis iez nit so ke-i-ig» ke-ie, anke-ie, umke-ie Kefe Kelle Kear 22 - fallen, hinfallen, umfallen - Käfig - Werkzeug, «Murarkelle, Suppekelle, Wasserkelle, Wöschkelle, Spatzseckelkelle» - Keller kluppe, kluppig, - spannen, klemmen, geizig, Geizhals Kluppar Kotarkarre - zweirädriger, kleiner Karren mit Kistenaufsatz mit dem man die Buben auf den Weg schickte, um den Pferde- und Kuhmist von der Straße einzusammeln. Zur «Ausrüstung» gehörte noch die «Kotarschufl» und das «Kotarbreatle» - Halsteil des Pferde- und Kuhgeschirres 23 Komat Kostanzar - Birnensorte Länglar kotze - erbrechen Köngel, Kängel - etwas Hängendes z.B. Teil der Glocke, Rotznase Konsorten Klattere Klamperar Klosebira Klepfe, klepfe knöbefle knöüle knozge knausrig Knüse kräzebuggele Kräze kreable krüche Kröasl Kröaslar Kröl Kratte Kriepe, Kriep, Krippele kroase, Kroas krose, krös Kröse Krömle Krazat Krimskrams 24 Kriase Kriacha Kreas kraglet kreie Krottemüchele Krottehägl Krottemoie krotte Klammera Küngl Kust - Kirschen Wildform der Pflaume gehackte Zweige überaus, besonders, «s Bömmle ischt kraglet voll» krähen Kaulquappen Taschenmesser Löwenzahn sich mühen, anstrengen, nicht vorankommen Waldameisen Hase Kunst, bezeichnete früher vor allem Fertigkeiten und Eigenschaften von Menschen und Tieren, die allgemein nicht üblich waren. «A Kust» war daher, was etwa ein Seiltänzer auf einer «Kilbe» zeigte, das Verrenken der Glieder eines Akrobaten auf einem Jahrmarkt usw. Auch ein Bär, der tanzen konnte, machte «Küsta». Dagegen war ein Gemälde z.B. einfach «schö» oder auch weniger. Daß auch banalste Dinge in die Nähe von Kunst gerückt wurden, verdeutlicht folgender alter Spruch: «I ka a Kust, s Füdle butze mit dr Fust.» - Gleichgesinnte, Genossen, wird meist abwertend gebraucht - eingetrockneter Schmutz oder Kot - Spengler - Birnensorte - Viehglocke aus Blech, knallen mit der Peitsche - wenig - knien - «as knozget mr i de Schuhne» wenn man Wasser in den Schuhen hat. - geizig - dicker Bub - etwas auf dem Rücken tragen - geflochtener Rückenkorb mit Schulterriemen - kriechen, krabbeln - sich auf allen Vieren bewegen - Kreisel, Zirkel - Gerät um den Acker einzuteilen (Furchenbreite) - abgewinkelte Gabel, um den Mist vom fahrenden Wagen zu ziehen. - geflochtener Korb, «Öpfelkratte», «Kriasekrättle», «Krättlemachar» - Korbmacher - Futterkrippe, Darstellung der Geburt Jesu - kreisen, Kreis - «s Höü kroset» von kraus - reicher, geiziger Mann, Krösus - kl. Geschenk, Süßigkeit, von Kram - Mehlspeise, Kaiserschmarren - kleine, meist nutzlose Dinge Küstle - nennt man den liegenden gemauerten Rauchabzug des Kachelofens, auch Ofenbank genannt. Manchmal auch den oberen Teil des Kachelofens auf dem allerlei getrocknet, erwärmt und warm gehalten wird. «Küstle», kann auch sein ein Gesims aus Stein oder ein Brett an der Wand, das als Ablage dient. «Küstle» leitet sich ab von Hypocauste, so nannten die Römer ihre Fußbodenheizungen - Teil des Spinnrades - merkwürdig, sonderbar Kunkel kurios Kudr - Auswurf von Schleim z.B. bei Bronchitis, Abfall beim Hanfbrechen Kudrtrückle - Holzkistchen mit langem Stiel, wurde vor allem von den auch Spöüztrückle «Tschickern» (Kautabakessern) benötigt kugele Kumede, Komede kützle Kutze Kutzemusar - Kinderspiel mit irdenen und gläsernen kleinen Kugeln - Theater, überraschendes Ereignis «Gestet hemr a ghörige Kumede bejanand kett.», unüberschaubares Durcheinander - kitzeln - grobe Wolldecke - Apfelsorte; besonders dickes Kleidungsstück z.B. Mantel 25 L lamentiire Larve Lätsch läfere Läferar Latsche lächt Lägele, lägele Lache Lacheloh Lämmel lampe leaz Lebrosehus leacher Lederar lis lidere Lismar Liible libig - jammernd gestikulieren - Maske, Gesicht - «Schwobelätsch» - Knoten; ein beleidigtes Gesicht machen, «was machst ou duflir an Latsch» viel reden, nichts sagen Schwätzer von dummem, sinnlosem Zeug Legföhre; Schimpfname -lieh, «rotlächt» - rötlich, «langlächt» - länglich Jauche, Jauche ausbringen Pfütze Jauchegrube ein Stück z.B. Wurst oder Brot hängen, herunterhängen falsch, unrichtig, nicht gut Haus der Leprakranken, Landspital Bregenz loabe, Loabat - nicht aufessen, übriggebliebene Mahlzeitreste «des gloabet ischt besser as des geasse» - es ist gut, etwas Übriggelassenes zu haben. - «triele» - Speichel oder Speisen aus dem Mund rinnen - rütteln, wackelig, locker, nicht gut befestigt - weich, löst sich auf, Schnee bei Tauwetter - Brotlaibchen, «Herelöable» - streunende Hündin - brünstig z.B. Rind löübe lotere, loterig lösch Löable Löütsch, löütschig löüfig Load, loadig, load- Leid, schlecht gelaunt sein, «loadig si», «eapas z load tö» - ausgetrocknet, (bezeichnet bei allen Behältern und Gefäßen aus Holz das Schwinden desselben) - Apfelsorte - zu wenig gewürzt bei Speisen, ohne Geschmack - gerben - Strickweste - Leibchen, Jakett - fett, faißt, dick Loatsch, - liederliche Frau, liederliches Mädchen Löatschle Loatsche, loatsche, loatschig, veriotsched - abgenützter, ausgetretener Schuh; latschen, gehen; zerschlissen, ausgetreten bei Schuhen Loast - Schuhleisten Loase lose Loatsoal Lonarle loadwerke - eingedrückte Fahrspur z.B. im Schnee - horchen, hören - Leitseil, Teil des Pferdegeschirrs - Radsicherung am Wagen - etwas anstellen, jemanden etwas zu Leide tun Liecht - «Kirzeliecht» - Licht liecht, usliechte - lichter Wald, Bäume auslichten (lichter Wald - heller Wald) liecht - leicht, wenig Gewicht lüche Lohe Lorkäsle loh, loht, glöh löame, Loamsüdar - auslichten von Pflanzen z.B. Mais, Heu kleinweise aus dem Heustock ziehen. - Gerberlohe; Feuerschein, Feuer, «as brennt liechterloh» - verbrauchte Gerberlohe (Baumrinde) in Formen gepreßt und getrocknet (Brennmaterial) - läßt, gelassen - schwerfällig, langsam, langsamer Mensch Löre, Lüre, Glöre- beim Mosten wird ausgepreßte Maische mit Wasser angereichert und anderntags noch einmal gepreßt loufe - gehen lugg Lugge lützel Lusar luege lüttere lupfe - locker «nit lugg lo» - nicht locker lassen - Lücke - wenig - Lausbub, Lauskamm - schauen - läutern, säubern, zweiter Brand beim Schnapsbrennen - heben, tragen, «Hoselupf» 27 26 Lude - altes Wort für Lust. Bei uns ist das Wort nur noch in drohender Form bekannt, wenn etwa eine Mutter zu ihrem Sprössling, der etwas angestellt hat, sagt: «Du wirst denn Lude hea, wenn zobet d Dädd hoamkut!» - windig, wehen Miat Mies minder Mikte Mirz moan Mog Moikeafer Molle mords möt,mät Mose Moltschere Momele montsche, mantsche möüle moriksle Mores - Viehfutter, z.B. zerhackte Rüben, Kürbisse usw. - Moos - schlecht, wenig; «s Weattr wird minder» - schlechter «hür gitt as minder Höü asfeand» - weniger - Mittwoch - März - morgen - jammernde, ewig unzufriedene Frau - Maikäfer - Stier - von Mord, «an mords Stach, mords Kaib, mords Kog», z.B. - möchte - Fleck, Mal - Birnenbrot - Süßigkeiten - kauen ohne Zähne - laut schreien - jemanden unsanft behandeln, quälen luftig, lufte M marod mariasche maschgere mampfe Maläscht Malter mahre mahr Mahreneascht leicht krank altes Kartenspiel sich verkleiden unschön und viel essen Schwierigkeit, «des heat mr Maläscht gmachet» altes Maß, Holzgefäß, Mörtel warten, zuwarten abgelagert, reif, mürbe, weich, z.B. bei Obst, Käse ausgepolstertes Nest oder Versteck um hartes, unreifes Obst ablagern und reifen zu lassen. (Jeder von uns Brüdern hatte sein eigenes, verstecktes «Mahreneascht», Das konnte sein im «Bleazufzug» in einer alten Truhe, auf dem «Ströüestock» in einer Höhle, oder im «Schopf» hinter einem Maischefaß. Die Nester waren stets mit Lumpen oder Heu gepolstert.) - einer, der großes, handwerkliches Geschick hat, ohne eine Lehre absolviert zu haben - Wiese; Gras oder Heuzeile; dünne Zeilen aus halbdürrem Heu machen - mähen - Metzger, «Meksar, wetz mr s Meksarmeassr!» - danke - laute, lange Unterhaltung, Weihnachtsmette Mächlar Mahd, Mahde, mähdele meije Meksar merse Mett, Mette, Dermette - «J wir dr Mores lehre» heißt etwa: Ich werde dir zeigen, wer Meister ist, oder: Ich werde dir gutes Benehmen beibringen munggilebru - undefinierbare Farbe, «munggilebru bis schiißdräckgeal» murkse, abmurkse, Murksar - schlechte Arbeit leisten, töten, Arbeiter der alles verkehrt macht Mulaffe - «der heat ou no Mulaffe foal», sagt man zu jemanden der sich bei Festen, feierlichen Anlässen usw. unpassenderweise in den Vordergrund drängt - gesund, frisch, wach - leicht kränkelnd - schimpfen - eckiges Holzgefäß («Moltschere») - mit ihm wurden tiefe Löcher in die Ackererde gebohrt (Im Ried stand das Grundwasser in den Löchern, sodaß die Mäuse darin ertrankea Durchmesser der Löcher etwa 10 cm.) 29 mengsmol - viele Male, manchmal meangge, meanggig, Meanggar - jammern, Nörgler Melkar - Wiesenboxbart Mentag - Montag mentig - von Sakrament z.B. hurementig, saumentig, hargotmentig, kogementig mis 28 - unangenehm, schlecht muschbr mutlig mule Multe Musbohrar Musar mugge Muzzila, Muzz muzzele müge, mügig müchtelig, Müchtelar Munzela, Mumsala - Mäusefänger - Heureste auf der Wiese zusammennehmen - Kuß, liebkosen - gerne haben, nett, lieb - vermodert, feucht, schimmlig, Schimmelgeruch verbreitend, Schimpfname für langweiligen, nicht unternehmungslustigen Menschen - Fuseln, z.B. unter einem Bett nommas notig nötig notles nütig nüt, nünz nüschele Nüster - etwas - geizig, «an notiga Kog» - notwendig, «der heats nötig» - in Eile sein, «der heats notles» - schlecht, «an nütiga Siach» - nichts - flüstern, etwas suchen - Rosenkranz - kurzer Schlaf - wühlen, stöbern - Lustenau Nuggel, Noggel - Sauger, Babylutscher Nupparle nuhle Luschnou Nuschlou N namol, noamol nät, nacht nate, nachte Nascht Natpibolar - noch ein Mal gestern Abend, vorige Nacht dunkelwerden Ast Nachtvogel, Eule. Zu Kindern, die abends nicht ins Bett wollen, sagt man: «Gond is Bett, sus goht öü d Natpibölar i d Höör!» - wackeln - spielerische oder tändelnde Arbeitsweise, meist auch mit einem unzureichenden Werkzeug - durchgehend, bis zum Ende, z.B. «nanna usse is Ried heat as greanget.» - eiterndes Fingernagelbett - Großmutter - Großvater - schwer, wuchtig, groß - wässern, gießen - verrückt - Stirnfalten - zweiter Feiertag an Hochfesten, z.B. Ostermontag - Guten Abend, (Gruß) - kurz und leicht schlafen - fast, schier, nach, «i bi nöö gstorbe vor Angst.» - nachher o Oacharle Oamer Oachelekaffee oas, oan, oane oabar oalfe, oalf Oaße Obs Oferöhrlar Ofekatz Oggseoug Omahd Omahdstengel, Übrigstengel Ohreschlüfar Ohreglonggar Oier Ostnar ordile - Eichhörnchen Eimer, Holzgefäß, Maß Kaffeeersatz aus gebrannten Eicheln eins, ein, eine ohne Zutaten, einbar, pur elf Uhr, elf Furunkel Obst aufgewärmter Kaffee Mehlspeise Spiegelei (Ochsenauge) zweiter Heuschnitt Fruchtstand des Wisenbärenklau naggle näggele nanna, nanno Nagelbröü Nana Näne nervig netze nersch Nibela Noheiligtag Nobed nore noo, nooch nohar 30 - Ohrwurm - Ohrschmuck, Ohrgehänge - Eier - Ostwind - ordentlich 31 Roßripp - Spitzwegerich - Rain, «am Roh», «im Röhle» - Pferdekot - Stück, Teil z.B. Brot - von räumen, z.B. Reste von angebräunten Speisen in der Pfanne - schnell fahren oder laufen, «laß ruaßle» - ruhig - Runkelrübe; Schimpfname - Schimpfname; Wortspiel, Wortreim, besteht aus den Wörtern Runggel - Runkelrübe und Kunkel - Teil des Spinnrades. Ähnliche solche Wortspiele oder Reime sind: «holterdipolter, holperstolper, rumpes stumpes, rumpel pumpel rapedikap, usw. - Unke - Kruste auf einer Wunde - kümmerliche kleine Tannen und Fichten, «Rutze houe» nennt man auch das Säubern von Vieh- und Alpweiden von durch Flugsamen gewachsenen kleinen Fichten und Tannen R rantsche, Rantsch räple, Räplar räß Rallemus - viel und unnütz unterwegs sein, Frau die selten zu Hause ist - schälen von Baumrinde, Rindenschälwerkzeug - scharf, stark gesalzen, «räße Käs» - Mehlspeise Roh Roßbolle Rongge Rumat ruaßle rüabig Runggel Runggkunkel renke, Rank, - lenken, Kurve, Runde Ränkle ratsche, Ratsche - ratschen am Karfreitag, tratschen, Karfreitagsratsche «Rätschwib», Rätschkachel»; vrrätsche - verraten rangge Rabbe, Rabb Ralle, Rolle radibuz rapedikap reare, räre Reaf Renkschitt Reaketedohs riepse ribum ring, gring rööß röafle, Roaf - unruhig sitzen, hin- und herrutschen - Raben; schwarzes Pferd; aufgetakeltes Mädchen - Kater - alles - überstürzt, Hals über Kopf - weinen - Traggestell aus Holz mit Schulterriemen - Teil des Wagens - Wachholderzweige, wurden früher zum Räuchern des Specks verwendet - scheuern - Tauschhandel ohne Aufzahlung - leicht, schwächlich, klein gewachsener Mensch - sehr, fest, viel, stark, «as luftet hüt rooß» - Spiel mit alter Fahrradfelge Rudeguggar Rufe Rutze s spaniire, spanifle spatzseckle, Spatzseckl Spridla Spaseage Spinnewebb, Spinnebebb Spöütztrückle Spealte Spuntus Spore Spitzbira - auskundschaften - altes Spiel - fein gespaltenes Brennholz, Holzschiefer - Spannsäge - Spinne, auch Spinngewebe siehe «Kudrtrückle» grob gespaltenes Holz Angst Stoppeln; Teil des Reitsattels Rouchkesse, Rouchkessel - kleiner Rauchofen, (der Rauchkessel wurde an die Deichsel des Wagens gehängt um die Bremsen und Riegen von den Zugtieren fernzuhalten. Verbrannt, das heißt in Rauch umgewandelt wurden vor allem alte Schuhe und Lumpen) roufe, Roufe - streiten, raufen; Futterraufe Rotzhötl - derbe Bezeichnung für Taschentuch Röslebira 32 - Birnensorte - Birnensorte 33 Spunte - Zapfen des Faßes, ein mit Mehl, Obst usw. nur zum Teil gefüllter Sack. Auch zu einem kurzen, festen Bub sagt man «Spunte». - Holzverbindung, Spundwand, gespundeter Boden (Riemenboden z.B.), die Verbindung des Faßdeckels zum Faß ist gespundet. - dünne Waden laufen spähen Fernglas, Fernrohr freigiebig freigiebig wenn ein Redeschwall vermischt mit Speichel aus dem Mund kommt «mach ka Sparglamenter» - mache keine Dummheiten, räume das Feld, gib den Widerstand auf handeln, feilschen, markten; anrüchiges, unehrliches Handeln schräge, windschief, von scheel «der heat mi scheal agluget», «s Fuder ist schealb glade» «d Tür ist schealb» Scherenschleifer naschen schimpfen, derber Ausdruck für Mund Spund, Spundung Spatzewädl springe spechte Spektiv splendit spendabel spudere Sparglament schaggere scheal, schealb Schereschlifar schnöügge schnorre, Schnorre Schnorrewagglar schnorrle, usschnorrle Schapf, Schaff schwere schnädere schnattere schlättere, Schlättere schlottere schliete, schlietle schlifisele, Schlifisele Schiatze schlorgge, Schlorgge Schlotzar schlotze schloapfe Schlupfar schlüfe schlenze Schloufe Schiute Schmuttere Schmearbuh schmöüselig Schmirbe, Schmürbe Schmuz, schmuzig Schmalzbläckta Schmeala Schmelgar, Schmutzar schnelle Schnellar Schnitzkichera schnudere schnüze Schnifele Schnitzbrüh schnufe rodeln, schlittenfahren schlittschuhfahren, Schlittschuhe geronnene Milchteilchen aus dem Euter der Kuh nachschleifen der Füße beim Gehen, alte zerschlissene Schuhe, «lupfd Füaß, schlorgg nit so!» Kinderschnuller, Lutschbonbon mit Stiel lutschen, saugen ziehen, schleifen, schleppen, Holz ziehen z.B. Muff (zum Warmhalten der Hände) schlüpfen werfen, schwingen Schlinge, Schlaufe Rock Narbe, Absplitterung an einem Emailgeschirr z.B., Wunde an einem Baum - Dickwanst, «Schmear» - Schmalz; Fett - fettige, schmutzie Haare, unsaubere Kleidung z.B. - Kreme Schmirbetrückle - kl. Holzkistchen mit Wagenfett - Schmalz, Kuß, fettig - Wiesenunkraut - versch. Grasarten - Apfelsorte - knallen - Stachelbeere - Gericht aus gedörrten Birnen und Bohnen Rotznase hochziehen schneuzen kleines, geschnittenes Stück Brot oder Käse z.B. Brühe gesottenerDörrnbirnen.Name wird auch abwertend gebraucht für vielerlei Getränke und Flüssigkeiten. - atmen 35 - - Dampfplauderer - entfernen der Zweige bei Tannenästen z.B. - kl. Holzkübel - fluchen, von schwören - langandauerndes Erzählen - Laute der Gans, Redeschwall bei Frauen, zittern - schütteln, ausrutschen, fallen, Rausch - zittern, «ar schlotteret vor Angst» Schluechta - lange Triebe einer Pflanze, z.B. Brombeere Schlietegrennar - geschnitzter Kopf an einem herrschaftlichen Schlitten, ähnlich einer Galeonsfigur; Schimpfname für jemand, der unerwünscht ist, sich ungebeten einer Gruppe anschließt. Der Letzte. 34 Schnidesel Schöwinkel Schöbändt schore, Schorgrabe Schopf Schoche scholdere Schopploch Schrabnell Schrunta Schbage Schear Schelfere Scheafe, abscheafe Schiihuat Schick schitte, Schittrhufe Schindelise schiniire, scheniire Schickse - Schneidebank mit Haltevorrichtung - Scheinwinkel bei alten Fensterläden z.B., (es sind Verstärkungen der Eckverbindungen) - Scheinband, Türbeschlag - Mist entfernen im Stall, Mistrinne - Schuppen, Haarschopf - Haufen, «Höüschoche», «gschochetvoll» - übervoll - drängen, weiterbefördern, «Scholderar» - Kegelbursch - Futterloch zwischen Tenne und Stall - Geschoß, Schimpfname - Risse in der Haut der Innenhand, bes. an den Fingern Schnur, Spagat Maulwurf Haut, Schale von Früchten, Schimpfname Schale, «Kicherescheafa», abschälen Schwetar Schürpela, Schüppela Schrage Schrote Schwärtela Schwärtling - Pullover - Haarschuppen - Schope, Schöple - Rock, Röcklein Holzgestell, z.B. Bett, Bahre usw.; Schimpfname Werkzeug um den Heustock zu zerschneiden z.B. «Türkeschwärtela» - Umhüllungsblätter des Maiskolbens Außenbretter, die beim Einschneiden des Holzes entstehen und fast zur Gänze aus Baumkante bestehen sempere, semprig, Semperar - sich Zeit lassen, Herumtrödler - schlecht gelaunt sein, von seltsam - eigensinnig, selbstherrlich - Säge - Sense wund, schlecht heilende Wunde, wundgelaufene Füße Fensterbrett, Ablagebrett, Fachbrett schockoladefarbenes, süßes Nebenprodukt in der Käserei verschwenden, verschütten, vergeuden Samen Seifenblase freches Mädchen Landspital Bregenz Ferkel eine aufgeblasene Schweinsblase an einem Stecken war früher ein wesentliches Fasnatutensil unsittlich reden Birnensorte, Extraschnaps Sauerampfer häßlich sieden, Sud, leicht sieden, eine Wunde mit Ausfluß «sütterlet» gemächlich, langsam sein, gemächlicher Mensch sudeln beim Schreiben Lutschbonbon herumstehen, ohne Eile sein sealze sealbher Seage Seagas ser Simse Sig sode, gsodet Some Soafeblotere Soachtäsche Siachehus Süle Sublotere Suglogge lütte Subira, Subirar Surampfl sündwüascht süde, Sutt, sütterle südere, Südere sulfere Sugarle sumse, sumsig, Sumsar Sürfel stöane stoanig - leichter Sommerhut aus Stroh - abgebrochenes Stück Brot z.B. - Tätigkeit mit Beil, Scheiterhaufen, Mehlspeise - Schindelspalteisen - schämen - liederliches Mädchen schiege, vrschieget Schiegar - beim Gehen einen Fuß nachziehen, einseitig abgelaufene Schuhe, jemand der einen Fuß nachzieht, im übertragenen Sinn - wenn etwas nicht mehr richtig funktioniert, nicht mehr gerade läuft. Schamützl - Papiertüte, kl. Gefecht im Krieg Schese - Kutsche, Kinderwagen, Schimpfname Schwarzachar - Apfelsorte Schwozarmus 36 - Mehlspeise - Schluck - aus Stein, Steinfigur, Marmorboden usw., «an stöanena Bode» - steinig, viele Steine, «an stoaniga Weag» 37 Stoanat strible stöh stocke Stebel Stabelar Stehle Star - Geröllablagerungen der Bregenzer Ache z.B. - strampeln - stehen - gerinnen z.B. von Blut oder Milch - Stab; ausgeschossener, schlanker Bub - alter Name für Stuhl - Gestell, Ablagebrett, Fachbrett - rundes Holzgefäß mit Vorrichtung um die Körner vom Maiskolben zu trennen; altes Maß Steage Stäffel - Stiege - Stufe u Ugfell Urschl ugwährle utrease uhoamle uhandle uflease Uneglar Ukrut Üle Ülesoach usschoppe üssere usloh usku überku ufstifere Ufzig, Ufzug - Unglück - Ursula; gebraucht für ungeschicktes Mädchen - ungeschicktes, gefährliches Hantieren mit einem Messer z.B. oder mit offenem Feuer, «iz dur doch nit so ugwährle» - unanständig, ausgelassen - unheimlich - nicht handlich - auflesen z.B. Obst - Kälteschmerz an Zehen und Fingern - Unkraut Eule abwertend für Getränk ausstopfen, «laß di usschoppe» äußern, jemanden ausschließen standapee - sofort Strigel, strigle - Viehputzgerät, bürsten Stande, Ständele - Bottich aus Holz, Eimer um Kraut einzumachen Stahl Ströüe Stopfar Strähl, strähle - Stall - Streu, ungedüngtes nur einmal im Jahr gemähtes Riedheu - Riebel - Kamm, kämmen Strickbira - Birnensorte stoare, Stoare - wühlen, suchen, rühren, Baumstrunk, alter kranker Baum Studie - weißes Tuch, das früher zur Trauerkleidung der Frauen gehörte stuchewiß Stumpe, gstumpet Storze strub, gstrub stifere stiire stübe staliire strudle, Strudel Stubat, Stubatbuab 38 - blaß im Gesicht - ein nur z.T. gefüllter Sack z.B. Mehl, kurze Zigarre; kurz, klein, «Dm Lümple ghört s Stumpfe» - Strunk von Pflanzen aller Art - ungekämmt, ungepflegt, struppig, «Strubebuabe» - anstiften, aufhetzen - glotzen, glaren, ausdruckslos schauen -stauben,-Rausch, «er heat Stoub im Huat» - sich ereifern, um sich schlagen - Wasser das kocht; gischtschlagende Wellen bei Hochwasser; Wasserwirbel mit Sog; Mehlspeise - Besuch; Verehrer, der regelmäßig seine Angebetete in deren Elternhaus besucht - auslassen, z.B. Vieh auf die Weide - auskommen, sich vertragen - bekommen - aufwiegeln, anstiften - Dachboden. Der Dachboden war Lagerraum für Brennholz, Mais, Weizen, Tresterkäsle und vieles andere. All das wurde mit einem Seil, welches über eine Rolle lief, aufgezogen W waggse waggse Wäzlat wähne - wachsen, «der hört s Gras waggse - aus Wachs, «d Schi waggse», «a wäggsene Kirze» - Übrigbleibsel beim Butter schmelzen - meinen, glauben 39 wüggse, wüggsig - wüchsig, «s Bammle ischt wüggsig» wäh Wangnar Windebrügel Wiesbomm Wisbira Witfeldera - gut angezogen, nobel, elegant, «an wäha Ma», «der ischt wäh binand» - Wagenmacher - Teil des Heuwagens - Teil der Ausrüstung eines Heuwagens - Birnensorte - Birnensorte wüascht Wuetas - häßlich - das wilde Heer, Wodan (germ. Gott). Wenn der Sturm nachts heult und an den Fensterläden reißt, hört man noch manchmal: «S Wuetas ischt dußa.» Wenn wir Buben durchs Haus tobten und lärmten, konnte unsere Mutter sagen: «Ir dondjo as wis Wuetas. - Ausdruck des Erstaunens - Ausdruck des Erstaunens wolback wolvere Welschepflumma, Welschekichera, Welschenuß - Sorten ihrer Art mit besonders großen Früchten welleweag - doch noch, sowieso, selbstverständlich wesr - geschmacklos, trocken, hölzern, bei Rettich, Bohnen usw. wela, wele Wehle wehrte - welcher, welche - Wunde - wehrfähig, regsam z zalb Zalp gsi zab-ander zänne zapferäs zättele, Zatte, Zättele zehre zette Zettfuader Zeggar Ziach Ziischtag Zilat zittig Zigore Zick Ziegere Ziegerehund zmol zminder zöüchle zu, «zalb-zweita», «zalbfiifta» usw. zu Alp gewesen - den Sommer auf der Alpe verbracht zu zweit weinen, zornen sich in Gärung befindlicher Most - aus halbdürrem Heu kleine Heuzeilen machen, Heuzeile - reißen, «abzehre» - abreißen, «uszehre» - ausreißen, «Uszehre» Tuberkulose - gemähtes Gras oder halbdürres Heu gleichmäßig mit der Heugabel ausbreiten - halbdürres Heu wird auf einen Wagen geladen, um es vor dem Nachttau oder einem Gewitter zu schützen - Tasche - Bettüberzug - Dienstag - Ackerfurche, Buchzeile - reif bei Obst - Kaffeersatz - unguter Beigeschmack bei Most z.B. «Faßzick» und andern Getränken, auch bei Speisen - Nebenprodukt bei der Käsebereitung, Quark, Topfen - hölzernes Gerät, Vorrichtung bei der die Ziegermasse durch ein Sieb gedrückt wird. - plötzlich, zumalen - zu schlecht - von ziehen, locken 41 wette, mötte, witt, wender - möchten, wollen weage - Weg machen, Schnee schaufeln; Gewicht nehmen Weaps - Wespe Wetzstoaschlifar - Übername der Schwarzacher wislos - vergeßlich im Alter, kindisch durch Verkalkung wimsle windsch wodle Worb woade, Woad Wösch woalle, walle Wusch wüsche wühsche, Wuhsch 40 - wimmeln - verdreht, windschief - flattern, wedeln, z.B. Haare oder Blätter im Wind - Sensenstiel - weiden, Weide - Wäsche - schnell - «an Wusch Höh» - eine Gabel voll Heu «an Handwüsch» - soviel man mit den Händen fassen kann - wischen, schlagen - wünschen, Wunsch Zönggel Zoane Zuber Zühmeasser zünzle Zwickar Zwick zwider Zübela zwerescht, vrzwerescht ze-ije, Ze-ija - etwas Herunterhängendes z.B. hängende, grüne Rotznase - geflochtener Korb mit zwei Henkeln - gr. Bottich aus Holz, «Suzuber», «Waschzuber» Zugmesser wenn Kinder mit Feuer spielen z.B. bügellose Klemmbrille Zwitterwesen; dünne feste Schnur, (Ende der Peitschenschnur) schlecht gelaunt sein, zuwider sein Kinderreime Anna, Pfanna, Kesselboge A Vögele hocket ufemDach was se se-it ischt alls vrloge, und luaget wie ma Küechle bacht. goht is Gade D Küechle sind schö bache, holt an Fade, s Vogele foht a lachee goht is Tenn dö kut a n-alte Fleadermus henkt a Henn, und riißt dem Vögele s Schwänzle us. goht id Kucherührt a Mues S Vögele schre-it: o weh, o weh, mit dem lingge Töpefueß. iez hea ni gär köa Schwänzle meh! As reangelet, as schneeijelet, as goht an kühla Wind und wenn de Guggar d Möadla holet denn ischt as ou koa Sund. Rädle, Rädle louf gfunde, gstohle, koufl. Rita, rita, Rößle! und alle Z Wange stoht a Schlößle, z Riedeburg a goldes Hus, luagend dre-i Mareija drus. Oane spinnt Side, oane höklet Kride und oanefohtde heilig Sunneschi. Rita, rita, Rößle! Z Wange stoht a Schlößle, z Riedeburg a Koppele, d Moadla tragend Schappele, d Buabe tragend Moije d Henna leggend Oier d Wiber neamend s us und d Hearre schleakend s us. Ringa, ringa, reiha, s Kätzle goht ga meija; d Muetter ischt a Schwizare und heat an Stahl voll Gizele und alle machend mäh! Ringa, ringa, reiha, s Kätzle goht ga meija, hocket underem Holderstock, machend hock, hock hock! I und du und Müllars Kuh und Müllars Esel, der bischt du! Hanne uf er Tanne heat an Vogel gfange, friaßt e nit aloe und gitt dem Kindle ou a Böe. Michele, mächele, brunzt is Kächele, sKächelerinnt und s Michele stinkt - Zwiebeln - quer, verkehrt - hageln, Hagelkörner Einige Umstandswörter und ihre Abwandlungen omma oba unda uffe abe uffar abar domma dunna homm hunna doba hoba ine uße oben oben unten hinauf hinab herauf herab droben drunten heroben herunten droben heroben hinein hinaus inar ußar dinna dußa hinna hußa inna ussa hinda voanna umme ummar deanna heanna herein heraus drinnen draußen herinnen heraußen innen außen hinten vorne hinüber herüber drüben herüben 42 43 Annele, Annele, wo bischt gsi? Hinderem Hus im Gärtle. Wer ischt gär alls be-i der gsi? A Mandle mit am spitzige Bartle. Was heat as be-i der to? Rabbe, A spitzigs, spitzigs Fürzle glo! Adam und Eva Kumm fahrend mit der Schesa, d Schesa gäget um und d Adam ischt krumm. Abraham und Isaak schiißend in Papiirsack, d Papiirsack loht und d Abraham goht! mit Hoale, hoale, Kälbledräck, bis übermoan ischt gär alls weagg. (während des Singens wird das Weh-Wehchen des Kindes mit Speichel befeuchtet) Rabbe, s Hüsle brennt, As sind no sibe Junge din, Stroh ga lösche! Seppatone, großa Ma, heat a kurzes Hämple Ferdenant, schiißt i d Hand, würft de Drück is Schwöbeland. Edewart, heat Krotta im Sack. a. Hettest gloset, heftest ghört, hettest d Ohre nit vrstört. Kängelbacher, Hosekrachar, Zübolebißar, Hoseschiißar! Schneagg, Schneagg, krüch us! streck alle sibe Hörner us! So stoht de Tisch, so schwimmt de Fisch, goht Gige und so d Ohrefige. so Wenn des Wörtle wenn nidd wär, war Hennedräck Zucker und Kühdräck Butter. Fingerzählreim: Dear ischt is Wasser gfalle, Fina, patschina, dear heat en ussarzoge, heat Bobbestrümpfle a, dear heat en hoam tre-it, vrrissene, vrschissene, ... dear heat en is Bett gle-it, ' wo si sealber numma ma. und der klänne Butzl heats der Mamma gse-it. Vögele, Vögele, bick am Bömml As hockt a schöne Jungkfrou dömm. As kut an Bear vo Konstanz hear und büßt des Kindle gad dohear. Schenke, schenke, nümma gea. Sälzle, Schmälzte, Tupf, Elleboge, Tatsch! Lisele, Lisele, lupf d Fueß, wenn in mit der tanze mueß! Geabart, Geabart, butz de Bart! Moan a morge ischt Sumart. 44 Als vor etwa hundert Jahren viele Si machend allad quack, quack, quack. Italiener aus dem Trentino und dem Val Sugano nach Kennelbach kamen Tschuppatone, hempre pemp, viele wohnten auch in Wolfurt «im schiißt i d Hose, soacht is Hemp Quartier» -, kam es öfters zu Zwistigkeiten zwischen Zuwanderern und Alteingesessenen. Die folgenden VersKarlema, heat Hosa a lein dürften aus jener Zeit stammen. und unda krumme Füaßle dra. Italienar, Benedikt, heat Nudla zwickt. böse Kaibe;; Buch ufschniide, Kutla trucke, Kateri, loht d Henna us und i. alls vrschlucke! Tone, gugg, was hone? Tschingga la more heats Füdle vrlore Sukegel heats wiider gfunde, heats a nan Bomm ufe bunde. Madlää, hender ou Henna mit Zäh? Ne-i mit Schnäbl, Bäbl! Liedchen: Hinat heane hinder hure Hanse Hütte O Italiano, hundert hungrig O ma bunella, hoorig Hase höre huste. Vögele fifa bis nach Amerika. Solang as Krut und Knöpfle gitt vareckend d Schwöbe nit. , , „„ Du heascht welle, iez schleack Kelle! Jokl mit dr Gige! Jokl mit dm Baß! Jokl heat id Hosa gschiasse! Jokl was ischt das? Judespöüzar hinderem Trog, wenn fürar kuscht, denn bischt an Kog. 45 Toblerantus, Bommbickus, drü Negel, Machend, wie der künnend! Durchs Jahr Neujahrswunsch I wüsch der a guets Nöüjohr, daß lang leabscht und gsund blibscht und, wennd stirbst, in Himmel kuscht. Spruch der Buben nach Gallustag Galletag ischt gsi, was i find ghört mi! Nu nidd hudle vor em Sterbe! Do Oa Holz git koe Krüz. künntescht gat Hooröl soache! Klänne Krotta händ ou Gift. Mit Esel späret ma d Roß! Nikolausgebet Vatter unsar, der du bischt, i woaß scho, wer de Grampus ischt, d Grampus ischt an Tüflma, wo alle Kinder packe ka. Was ma nidd im Kopfheat, heat ma id Füaß! Deam künnt ma underem Loufe d Schuh sohle. (Wenn jemand sehr langsam ist) Du kascht ga schiiße, wo nas gmeiht ischt. Vu der Arbat loufe, wie s Kind vm Dräck Dostoh, wie an Ölgötz Load, wie Sudräck Fasnatspruch Maschgere, Maschgere, roll-oll-oll, schiißt d Hafe ebe voll! Alter Silvesterbrauch An Silvester war es wichtig, zeitig Spruch der Funkensammler He, he, pfifato, früh aus den Federn zu kriechen. Buschla oder Stroh! Der Erste, der aufstand war der «Stubefuggs». Das war ein EhrenSo wird de Funke ho! titel. Schlief noch einer in den Vormittag hinein, so schlichen sich die andern mit Pfannendeckel und Nachtgebet* andern geräuschmachenden Utensilien Heiliga Sankt Vit! an dessen Bett und machten auf ein weck me zur Zit! Zeichen des Stubenfuchses laute Katzenmusik. Sie riefen und johlten. «Sylvester, Sylvester!» Der Langschläfer Nit zfrüh und nit z spoht, wurde den ganzen, weiteren Tag aber vor de Strudel agoht. *das besonders Kindern, die zum Bettnässen geneckt und Silvester genannt neigten, anempfohlen wurde. Mit dir ischt ma gstellt, wie a Dorf mit am nersche Pfarar. Ar hört gat s Gras waggse. Stur wie an Bock Dümmer, as d Nacht Dümmer, as Sudräck Ar goht mit der Kirche ums Dorf. (möglichst umständlich) An Kerle, wie an Gäge Der will glei Tür uss'er Angel hebe. (aufs Ganze gehen) Mit der Tür is Hus falle. . . Usseahe, wie an ghenkta Jud Zoege, wo Bartle de Moscht holet. . . Lüge, wenn ar s Mul uftuet Red oder schiiß Buhstabe! Ageo, wie sibe nackig Negar Du hinderfüra Voaderwäldar! All reacht, wie de Bettschiißar Di wird ma o


Heimat Wolfurt Heft 03 1989 Mai
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 3 Zeitschrift des Heimatkundekreises Mai 89 Der Rickenbach. Im Jahre 1957 überschwemmte er gemeinsam mit der Minderach zweimal Schlatt und Kessel. Inhalt: 7. Der Rickenbach (Fischer) 8. Hofsteiger Bauern (Heim) 9. Der letzte Krieg (Heim) DIE A U T O R E N : Dipl.-Ing. Alfons Fischer, geb. 1920 in Wolfurt und hier wohnhaft, entstammt einem alteingesessenen Rickenbacher Geschlecht. Er hat Forstwirtschaft studiert und war 36 Jahre lang bei der Wildbach- und Lawinenverbauung in Vorarlberg leitend tätig. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt und hier auch ansässig, ist Hauptschuldirektor und betreut das Wolfurter Gemeinde-Archiv. Alfons Fischer DER RICKENBACH IN WOLFURT Porträt eines Wildbaches in seiner Umwelt EINLEITUNG Bild: Reproduktion von Hubert Mohr Mit der Kurzdiagnose aus dem Biotopinventar Vorarlberg, Teilinventar Nordvorarlberg, Gemeinde Bildstein, von Prof. Dr. Georg Grabher möchte ich beginnen: «Die Bildsteiner Bäche folgen vorgegebenen, mehr oder weniger tiefen Schichtfugen der granitischen Molasse. Es handelt sich durchwegs um von glatten Felsstufen und Rutschungsflächen durchsetzte Waldschluchten von wilder Ursprünglichkeit. Querende Wege und einige Hochwasserschutzbauten, Brücken etc., schmälern diese Beurteilung nicht wesentlich. Die Bäche selbst sind aufgrund der besonderen geologischen Unterlage als spezielle Typen anzusprechen. Die besondere Schutzwürdigkeit ergibt sich aus der weitgehenden Ursprünglichkeit und dem speziellen Bachtypus.» Der Aufsatz orientiert sich an wissenschaftlichen Fakten, hält sich aber nicht an die wissenschaftliche Systematik. «Ricke» ist ein althochdeutsches Wort und bedeutet nach Werner Vogt Felsenge oder Felsschlucht. Allein am Pfanderstock kommt der Name Rickenbach noch dreimal vor. Rickenbäche gibt es auch in der Schweiz und im süddeutschen Raum. Nach dem Vorarlberger Wörterbuch von Leo Jutz hat «Rick» die Bedeutung von Schlinge oder Knoten, z.B. an einer Getreidegarbe. Der Rickenbachunterlauf mäandrierte bis zu seiner Regulierung und Begradigung um 1850 in vielen Windungen zur Schwarzach. Es treffen daher beide Deutungen, sowohl für die Schluchtstrecke als auch für den Unterlauf zu. Unser Rickenbach ist ein rechtsufriger Zubringer der Schwarzach, in die er oberhalb des Kiesfängers, bzw. der Betonbrücke, einmündet (linksufrig und rechtsufrig bezieht sich auf die Betrachtung der Fließgewässer von der Quelle zur Mündung). Die Schwarzach mündet oberhalb des Senders als rechtsufriger Zubringer in die Dornbirner Ach und damit in den Bodensee. Das Quellgebiet liegt in Oberbildstein in rund 950 m Seehöhe, die Einmündung in die Schwarzach in rund 410 m Seehöhe. Der Bach durchfließt bis hm 18,20 Bildsteiner Gemeindegebiet, bildet bis hm 17,00 die Gemeindegrenze und durchfließt dann bis hm 0,00 Wolfurter Gemeindegebiet (die Hektometrierung — hm — am Lageplan erfolgt von 100 m zu 100 m. hm 0,00 ist die Einmündung in die Schwarzach, hm 14,00 heißt, der Unterlauf ist 1.400 m lang). 3 Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Repro: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Das Einzugsgebiet des Rickenbaches beträgt 7,5 km2. Davon entfallen 3,9 km2 auf die Minderach, die als linksufriger Zubringer beim Kühlhaus Alge einmündet. Ich beschränke mich auf den Rickenbach mit 3,6 km2 Einzugsgebiet, da in der Minderach die Verhältnisse ganz ähnlich sind. Als größere rechtsufrige Zubringer im Tobel sind noch der Staudachertobel- und der Hochtobelgraben zu erwähnen. Für fast alle Gewässer, die in die Rheintalebene oder in den Talboden des Walgaues abfließen, sind die fachlichen Zuständigkeiten heute getrennt. Die Mittel- und Oberläufe mit Wildbachcharakter gehören zum Zuständigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung, die flachen Unterläufe zum Zuständigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Am Rickenbach ist diese Grenze beim Einfangwerk der Unterlaufregulierung, direkt oberhalb der Brücke der alten Bildsteinerstraße bei der Firma Doppelmayr, das ist bei hm 14,00. Daraus ergibt sich ein Einzugsgebiet von 3,3 km2 im Tätigkeitsbereich der Wildbachverbauung und 0,3 km2 im Tätigkeitsbereich des Landeswasserbauamtes. Die Unterlaufregulierung ist überall ohne große Schwierigkeiten erreichbar. Die Schluchtstrecke ist dagegen nur schwer zugänglich. Das Einzugsgebiet wird randlich durch die Straße Rickenbach — Bannholz — Staudach — Bereuter—Gitzen—Oberbildstein— Geißbirn—Kapf— Dorf—Ankenreute—Rickenbach umfahren. Durch das Tobel führt nur die Straße Baumgarten—Grub—Dorf. Durch das Tobel führen auch noch die alten Kirch- und Schulwege als Fußwege von Bereuter und Baumgarten über Dellen und die Erscheinungskapelle ins Dorf und vom Staudach ins Dorf. Der Weg von Maschen nach Ankenreute ist verfallen und das Brückele schon viele Jahre zerstört. GEOLOGISCHE VERHÄLTNISSE Die Gesteine des Bildsteiner Stockes und des Pfänderstockes gehören zur Molassezone, die sich in einem 1.000 km langen Bogen am Nordrand der Alpen von Genf bis Wien erstreckt. Es handelt sich um junge Gesteine der Erdneuzeit, die im Oligozän, einer Zeitstufe des Tertiärs, vor ca. 30 bis 35 Mio. Jahren als Meeresablagerungen entstanden sind. In dieser Zeit wurden die Alpen nach Norden geschoben und zum Gebirge aufgefaltet. In unserer Gegend und weiter im Norden wurden durch große Flußsysteme Schotter, Sand und Schlamm, also schon Verwitterungsprodukte aus den Alpen, in flache Meeresbecken eingeschwemmt und versteinerten dort. Es entstanden Konglomerate und waagrechte Schichten von Sandsteinen und Mergeln von verschiedener Härte und Mächtigkeit. In den folgenden Jahrmillionen gingen die gewaltigen Faltungsvorgänge weiter. Das Gebirge der Alpen überfuhr bei uns den südlichsten Bereich der Molassezone und stauchte die Felsschichten wie eine Bugwelle vor sich her. Am Bildsteiner Berg ist diese Faltenmolasse vielfach aufgeschlossen. Entlang der «Bildsteiner Antiklinale», sie verläuft über Bächlingen, Platte, Dorf, Kapf nach Oberbildstein, wurde das Gestein zerbrochen und schräggestellt. Im Rickenbach fallen die Schichten in einem Winkel von 50 Grad bis 60 Grad von Süd 4 nach Nord ein, in der Minderach und im Schwarzachtobel dagegen fallen die Schichten genau umgekehrt in einem Winkel von ca. 35 Grad von Norden nach Süden. Am Pfänderstock wurden die Schichten nur noch gehoben und zeigen dort ein flaches Nordfallen. Diese verschiedenen Entwicklungen sind heute an den Geländeformen erkennbar. Das Einzugsgebiet des Rickenbaches liegt in der granitischen Molasse, die zur unteren Süßwassermolasse zählt. Es handelt sich hauptsächlich um kalkarme Glaukonitsandsteine. Ihre Sande und Tone wurden in den küstennahen, sumpfigen Gebieten abgelagert. Viele schöne Versteinerungen von Pflanzen, Tierfahrten, Muscheln und Tierzähnen weisen auf ein subtropisches Klima hin. In der Vorarlberger Naturschau sind u.a. schöne Schaustücke aus dem Rickenbach und dem Staudachertobel zu sehen. Sie geben viele Hinweise auf die Pflanzen- und Tierwelt von damals. Die Funde belegen das Vorkommen von Fächerpalmen, mehreren Arten von Zimtbäumen, Eichen, Feige, Gummibaum, Ebenholz, Edelkastanie und wilde Walnuß. Daneben gibt es aber auch noch heute vorkommende Pflanzenarten, wie Weiden, Ulmen, Sauergräser und Schilf. An sehr gut erhaltenen Blattformen konnten sogar typische Fraßbilder von Insektenraupen festgestellt werden und damit das Vorkommen von Schmetterlingen und Käfern nachgewiesen werden, obwohl sich von den Tieren selbst keine Reste erhalten haben. In der Naturschau können auch die im Unterstaudach gefundenen Versteinerungen der Zähne von Kleinsäugetieren eingesehen werden. Diese Funde waren eine wissenschaftliche Sensation. Durch sie wissen wir, daß der Küstenurwald von Zwerghirschen, Schweinchen, kleinen Paarhufern, Eichhörnchen und Hamstern belebt wurden und daß in den Tümpeln Krokodile und Süßwasserfische (Barben) lebten. In der Lehrmittelsammlung der Hauptschule Wolfurt befindet sich die ausgezeichnet erhaltene Versteinerung eines großen Blattes. Sie wurde 195 8 im Zuge der Verbauung des Rickenbaches im Bereich der ersten Felsbarriere, die von Ankenreute zum Kuien verläuft, bei einer Felssprengung freigelegt. Der Finder, ein innerösterreichischer Arbeiter, hat sie für den Gegenwert von einigen Kisten Bier an die Schule verkauft. Der Rickenbach hat sich in Millionen Jahren sein Bett entlang einer Schichtfuge eingegraben. Vor 1,5 Millionen Jahren wurde das subtropische Klima durch die Eiszeiten abgelöst. Dabei gab es mehrere Kälteperioden und dazwischen Wärmeperioden. Über diese Zeiträume sind in unserer Heimat keine Spuren erhalten. Vor etwa 20.000 Jahren kam es zur letzten Kälteperiode, der Würmeiszeit. Der Rheingletscher erfüllte das ganze Rheintal und reichte weit ins schwäbische Land hinaus. Der Illgletscher wurde an den rechten Rand gedrückt. Er floß zeitweise sogar über das Bödele und Alberschwende gegen den Bregenzerwald und von Oberbildstein in den Vorderwald. Das Gletschereis reichte damals bis ca. 1.100 m Seehöhe und lag damit fast 150 m über der Schneiderspitze. Die Eisströme haben z.B. den Achrain und 5 Oberbildstein glattgehobelt und auf den flachen Stellen Moränenschutt abgelagert. Der Rickenbach war, wie alle Bäche, total plombiert. Beim Abschmelzen des Eises kam vor etwa 15.000 Jahren v. Chr. die Erosion wieder voll zur Wirkung. Die Moränen wurden zum Teil abgetragen und sind nur noch auf den verschiedenen flachen Büheln, die heute weitgehend landwirtschaftlich genutzt werden, vorhanden. Im Tobel wurden die Moränen bis auf das Grundgestein ausgeräumt. Übrig geblieben sind nur einige Kleinflächen an den Steilhängen. Der aufmerksame Beobachter findet auf den Büheln und vor allem in den Tobein viele Steine, die der Illgletscher mitgebracht hat. Am auffälligsten sind dabei die hellen Gneise aus dem hinteren Montafon. Das Bildsteiner Kriegerdenkmal und der Sockel des Alberschwender Kriegerdenkmales sind aus Findlingsblöcken gehauen, die in Geißbirn gefunden wurden. Das Geschiebe aus der Schlucht wurde im Bodensee, der damals bis über Feldkirch hinaufreichte, und später in den randlichen Tümpeln und Sümpfen abgelagert. Es entwickelte sich im Laufe der Jahrtausende ein flacher Schwemmkegel, der mit Auwald bedeckt war. CHARAKTERISTIK DES BACHES Heute zeigt sich der Rickenbach als tief eingeschnittenes, bewaldetes Tobel, in einem relativ flachen, landwirtschaftlich genutzten Umland, seines weiteren Einzugsgebietes. Auffallend sind die vielen Felsstufen und die dazwischenliegenden Flachstrecken. Auf den Flachstrecken bleibt das Grobgeschiebe liegen, das auf weite Strecken vermoost ist. Die Felsstufen werden durch härtere Felsriegel gebildet, die meist schräg zum Bach von einem Einhang zum anderen ziehen. Linksufrig liegt der Fels in der Hangneigung von 50 Grad bis 60 Grad. Auf mehreren Flächen ist der Wald abgerutscht, sodaß große nackte Felsplatten anstehen. Der obere Rand des rechten Einhanges besteht fast zur Gänze aus senkrechten Felswänden mit Höhen von 10 bis 30 m. Hier findet man vereinzelt Kohleadern mit 2 bis 4 cm Stärke. Es handelt sich um Glanzkohle, wie sie im Wirtatobel abgebaut wurde. Die Felsschichten fallen parallel zum linken Einhang mit dem gleichen Gefälle in den Berg. Sie sind im Laufe der Jahrtausende durch Fußunterwaschung und nachbrechen der Schichtköpfe entstanden. Den letzten großen Felssturz habe ich kurz nach dem Zweiten Weltkrieg bei hm 24,40 beobachtet: Steine in der Größenordnung von bis zu 30 m3 haben den Bachlauf verlegt. Der Rückstau ist inzwischen verlandet und die Steine sind weitgehend durch Wald überwachsen. Unter den Felswänden liegen steile bewaldete Hangpartien. Die weichen Sandsteine verwittern relativ schnell zu Lehmböden, die zur Vernäßung neigen und rutschsüchtig sind. Es kommt daher im Tobel, vor allem bei Hochwasser, immer wieder zu Gschliefen mit Waldabrutschungen. Schadholz liegt an vielen Stellen im Bach und in den Einhängen. Feingeschiebe, weitgehend Sand und Letten, wird schon bei mittleren Hochwässern abgetriftet. Das Grobgeschiebe aus den Flachstrecken kommt nur bei schweren Hochwässern in Bewegung. 6 Aus den geologischen Gegebenheiten resultieren Gefällsverhältnisse, die für einen Wildbach wegen der vielen Flachstrecken untypisch, für die Bildsteiner Bäche dagegen typisch sind. Der Unterlauf durchfließt den flachen Schwemmkegel in einem künstlichen Gerinne. Das Gefälle beträgt zwischen hm 0,00 und der Eisenbahnbrücke bei hm 6,65 nur 0,4 % und erhöht sich bis zur Landesstraßenbrücke nach Schwarzach auf 0,8 %. Oberhalb der Brücke bis hm 14,00 beträgt das Durchschnittsgefälle 1,9 %. Die geringen Gefällsprozente am Schuttkegel sind ein Hinweis, daß der Rickenbach im Laufe der Zeit relativ wenig Grobgeschiebe, aber viel Feingeschiebe, Sand, Letten und Dreck gebracht hat. In Baugruben werden immer wieder die Schichten der großen Hochwässer angeschnitten. Der Mittellauf erstreckt sich von hm 14,00 bis zur Einmündung des Hochtobelgrabens bei hm 37,50. Auf den vielen Flachstrecken liegt das Durchschnittsgefälle zwischen 5 % und 10 %. Die Felsstufen haben ein Durchschnittsgefälle zwischen 10 % und 40 %. Das Durchschnittsgefälle des ganzen Mittellaufes beträgt aber lediglich 10 %. Die Oberläufe haben zum Teil glatte Felsgerinne und sind ebenfalls durch Felsbarrieren unterbrochen. Die Durchschnittsgefälle liegen aber höher. Alle Seitenzubringer, auch die vielen kleinen Gerinne, sind meist schon nach 100 m tief eingeschnitten und zum Teil nicht begehbar. In dieser kurzen Übersicht konnten die komplizierten Zusammenhänge der Geologie der Molasse nur angedeutet werden. An Unterlagen habe ich die «Einführung in die Geologie Vorarlbergs» von Dr. Krasser und ein «Geologisches Manuskript für das Schwarzacher Heimatbuch» von Dr. Krieg verwendet und eigene Beoachtungen eingebracht. Eine geologische Fundgrube ist die Naturschau in Dornbirn, das Lebenswerk von Siegfried Fußenegger. Wer tiefer in die geologischen Gegebenheiten eindringen will, muß sich mit Fachliteratur abgeben, z.B. «Molasse» von Heim/ Baumgartner. PFLANZENWELT Am Ende der Eiszeit vor rund 10.000 Jahren v. Chr. wurde unsere Heimat wieder grün. Die Rohböden wurden zuerst von niederen Pflanzen besiedelt: Aus der Untersuchung von Pollen, die sich im Torf erhalten haben, weiß man über die weitere Entwicklung ziemlich gut Bescheid. Nach Latschen und Krüppelbirken entwickelten sich Wälder aus Föhren und Birken, zu denen sich um ca. 8.000 v. Chr. Hasel und Fichte und etwas später die Eiche gesellten. In der wärmsten Periode der Nacheiszeit, etwa zwischen 5.500 bis 3.000 Jahren v. Chr. beherrschten Eichenwälder gemischt mit verschiedenen Laubholzarten die Landschaft. Buche und Weißtanne sind als letzte Arten erst in dieser Wärmeperiode eingewandert. Etwa um diese Zeit dürfte auch der erste Mensch in unsere Gegend gekommen sein. Beim Bau des Landgrabens oberhalb des heutigen Bahnhofs habe ich am Ende der zwanziger Jahre als Bub gesehen, daß große Eichenstämme ausgegraben wurden, die eine grauschwarze Farbe hatten und schon leicht versteinert waren. 7 Die Zeit der großen Laubholzurwälder ist erst vor etwa 1.000 Jahren mit den großen europäischen Rodungen zu Ende gegangen. In dieser Zeit wurde der Bildsteiner Berg besiedelt. Seither haben sich die land- und fortwirtschaftlichen Nutzungen zum heutigen Bild entwickelt. Ankenreute und Bereuter sind zwei typische Rodungsnamen. Bannholz steht wahrscheinlich im Zusammenhang mit Rutschungen im Spetenlehengraben. Am Rickenbach sind 45 % des Einzugsgebietes mit Wald bestockt. Das entspricht dem österreichischen Durchschnitt, liegt aber 10 % über dem Vorarlberger Durchschnitt. Wald ist mehr als ein Haufen Bäume. Wald ist eine vielfältige, komplizierte Lebensgemeinschaft von Pflanzen und Tieren, die sich in langen Zeiträumen eingespielt hat. Heute sagt man dazu auf gut deutsch ein Biotop oder ein Ökosystem. Sein Erscheinungsbild wird, neben der Nutzung durch den Menschen, von vielen Faktoren geprägt, wie z.B. Grundgestein, Verwitterung und Gebirgsabtrag, Boden- und Bodenleben, Höhenlage, klimatische Einflüsse, wie Regen, Schnee und Lichtintensität. Dabei ist die Lichtintensität wieder von der Höhenlage oder von der Exposition Schattenseite oder Sonnenseite abhängig. Der Wald hat Nutz- und Schutzfunktion, die Voraussetzungen für das Leben und Überleben der Menschen sind. Für selbstverständlich genommen wird die Nutzfunktion, die Ernte von Holz, Pilzen, Beeren, Heilkräutern und Wild, und damit die Sicherung von Arbeitsplätzen. Auch die Erholungsfunktion ist eine Nutzfunktion. Zu den Schutzfunktionen: Waldboden speichert wesentlich mehr Wasser als Wiesenboden und hat dabei großen Einfluß auf die Abflußverhältnisse und die Geschiebebilanz, z.B. in Wildbächen, und die gleichmäßige Schüttung von Quellen. Wald ist der größte Massenproduzent und Sauerstofflieferant. Unter Einsatz von Sonnenenergie wird im Blattgrün Kohlenstoff in Stärke und Zucker und dann von der Pflanze in Lignin und Zellulose umgewandelt. Dabei wird Sauerstoff freigesetzt. Wald hält auch Wasser und Schnee im Kronendach zurück und vermindert dabei den Abfluß und überlagert die Verdunstung durch Blätter und Nadeln. Wald schützt in den Höhenlagen vor Lawinen. Wald bremst den Wind und verbessert dadurch das Lokalklima, verhindert zu starke Verdunstung, verhindert Schnee-Einwehungen. Wald reinigt die Luft durch das Ausfallen von Gasen und Staub. Heute ist er dabei schon weit überfordert, wie das fortgeschrittene Waldsterben in den Kammlagen beweist. Dort werden die größten Mengen von Giftstoffen eingetragen. Wald schützt vor Lärm. Wald mildert das Kleinklima im Gegensatz zum Freiland sowohl zwischen Tag und Nacht, als auch zwischen Sommer und Winter. Die großen Waldgebiete, vor allem die tropischen Regenwälder, haben Einfluß auf das Großklima. Die Folgen der riesigen Rodungen im Amazonasgebiet und in den afrikanischen und asiatischen Regenwäldern sind erst zu ahnen. Wald ist die einzige große Lebensgemeinschaft, die sich bei einem natürlichen Gefüge, also beim Vorhandensein aller Etagen von der Krautschicht über die Buschschicht, die Stangenhölzer und Altbestände selbst erhält. Wald hat also einen ausgewogenen Nahrungs- und Produktionskreislauf. Er betreibt, um 8 es deutsch zu sagen, Recycling in geschlossenen Kreisläufen. Die hier nur angerissenen Wirkungen sind viel umfangreicher und viel komplizierter und können nur aus dem Zusammenspiel der vernetzten Lebensgemeinschaft Wald verstanden werden. Am Rickenbach kenne ich folgende Baumholzarten: Fichte (Rottanne), Tanne (Weißtanne) , Weißkiefer (Föhre), Douglasie (Exote aus Nordamerika), Lärche (im Rickenbach künstlich eingebracht), Eibe (kein Nadelbaum, sondern ein immergrüner Laubbaum, keine Harzgänge im Holz und in den Nadeln), Traubeneiche, Edelkastanie (vielleicht schon seit der Römerzeit), Weißbuche (Hagebuche), Birke, Erle, Weide, Zitterpappel, Feldulme, Bergulme (Basthäsel, Rüster), Holzapfel, Holzbirne, Wildkirsche, Eberesche (Vogelbeere), Eisbeere, Mehlbeere, Bergahorn, Spitzahorn, Feldahorn, Winterlinde, Sommerlinde, Esche, Wilder Nußbaum. Die Strauchschicht setzt sich wie folgt zusammen: Erle, Weide, (zahlreiche Formen, von breitblättrig bis schmalblättrig), Feldahorn, Rosen, Wacholder, Weißdorn, Schwarzdorn, Vogelkirsche, Spindelbaum (Pfaffenhütchen), Kornelkirsche, Faulbaum, Gemeiner Schneeball, Wolliger Schneeball, Heckenkirsche, Hartriegel, Schwarzer Holder, Roter Holder, Pulverholz, Liguster, Seidelbast, Stechlaub, Mispel. An Kletterpflanzen kenne ich noch Efeu, Waldrebe (Liera) und wilden Hopfen. Als Schlagpflanzen sind Himbeere und Brombeere zu erwähnen. Die Krautschicht ist viel artenreicher als das Holz. Wer hier einen genauen Überblick haben will, muß sich mit Pflanzensoziologie befassen. Ich möchte mich nur auf die auffalligsten, mir bekannten Arten beschränken, wie zum Beispiel: Einbeere, Vielblütige Weißwurz, Immergrün, Bärlauch, Schattenblume, Flockenblume, Rotes Waldvögelein, Nestwurz, Weiße Teufelskralle, Gelbe Taubnessel, Rote Taubnessel, Brennessel, Klebriger Salbei, Tollkirsche, Sauerklee, Lungenkraut, Geißbart, Sanickelkraut, verschiedene Veilchenarten, Aronstab, Schachtelhalme (Katzenschwänz), Schilf (Streueröhrle), Springkraut, Buschwindröschen, Himmelschlüssel, Wolfsmilch, verschiedene Seggen (haben dreieckigen Querschnitt), verschiedene Gräser, Bärlapp, Huflattich, Pestwurz, Waldmeister, Labkraut, Bingelkraut, Pfefferminz, Kresse, verschiedene Farnarten, viele Moosarten und Flechten. Die Flechten sind zum Teil sehr empfindlich gegen Luftverschmutzung und sauren Regen. Ihr Absterben löst daher Alarm aus, lange bevor die sichtbaren Schadbilder auftreten. Manches wäre noch über die halbwegs intakt gebliebene Pflanzen- und Insektenwelt an ungedüngten Weg- und Wiesenrainen und auf den Magerwiesen (nur fallweise mit Mist gedüngt), über die Artenverarmung auf den überdüngten Wiesen und die erstaunliche Pflanzenvielfalt der Streuewiesen zu sagen. Eine Besonderheit im Einzugsgebiet des Rickenbaches stellen die Viehweiden dar. Sie werden leider durch Kultivierung und Düngung, durch Aufforstung oder natürliches Zuwachsen immer mehr zurückgedrängt. Zuerst kommen die schönen Einzelbäume, hauptsächlich Eichen, Edelkastanien, Buchen und Birken dran. Dann geht 9 es den typischen Pflanzen der Trockenrasen an den Kragen. Ich darf einige Vertreter nennen, wie z.B. Silberdistel, Arnika, Heidelbeere, Preiselbeere, Adlerfarn, verschiedene Moosarten, Wacholder, Besenheide (blüht im Herbst hell violett und hat nichts mit der Erika zu tun, die im Frühling sattviolett blüht und nur auf Kalk vorkommt), Katzenpfötchen und Buchsbaumblättrige Kreuzblume. An tiefgründigen, etwas feuchteren Stellen blühen Trollblume und Schwalbenwurzenzian. Ich habe alle genannten grünen Pflanzen aufgeschrieben, wie sie mir eingefallen sind. Selbstverständlich werden sie wissenschaftlich in Gruppen und Familien eingeteilt. Viele sind anspruchslos und haben ein großes Verbreitungsgebiet, andere sind spezialisiert und stellen hohe Ansprüche, z.B. an Boden, Licht und Pflanzengesellschaft. Manche sind kalkliebend, andere kalkfliehend, die einen leben auf saurem Boden, wieder andere sind stickstoffliebend oder Stickstoff fliehend. Die einen sind Tiefwurzler, die anderen Flachwurzler, die einen sind Lichtholzarten, die anderen Halbschattholzarten oder Schattholzarten. Es gibt also viele Möglichkeiten zur Einordnung in Gruppen. Darüber gibt es eine Fülle von Fachliteratur PILZE Die Pilze stehen zwischen den Pflanzen und Tieren. Sie bilden mit über 10.000 Arten eine große und lebenswichtige Gruppe in unserer Umwelt. Sie unterscheiden sich von den grünen Pflanzen grundsätzlich durch das Fehlen des Chlorophylls oder Blattgrüns. Pilze leben zum Teil parasitisch und haben dabei eine enorme Bedeutung für das ganze Pflanzenleben. Sie sind zusammen mit Bakterien und Kleinlebewesen in der Lage, organische Substanz, wie Totholz, Blätter, Nadeln, abgestorbene Pflanzen, Früchte, Tierleichen, in einfache organische Verbindungen umzubauen, sodaß sie von den Pflanzen wieder aufgenommen werden können. Sie allein sind in der Lage, das Lignin des Holzes abzubauen. Andere Arten leben in Symbiose mit den Pflanzen, vor allem im Bereich des Feinwurzelsystems. Sie sind für viele Holzarten lebenswichtig. Heute werden z. B. auf Fichte oder Zirbe spezialisierte Pilze gezüchtet und damit zur Aufforstung vorgesehene, früher landwirtschaftlich genutzte Böden geimpft. Was wir von den Pilzen sehen, sind die meist kurzlebigen Fruchtkörper, die der Fortpflanzung dienen. Sie vermehren sich hauptsächlich ungeschlechtlich durch Sporen, aber auch geschlechtlich durch Kopulation von Geschlechtszellen. Im Boden lebt ganzjährig das Myzelium, ein fadenartiges Fasergeflecht. Dieses Geflecht ist bei vielen Arten sehr langlebig. Allgemein werden die Pilze in drei Gruppen eingeteilt, und zwar Algenpilze, Schlauchpilze und Ständerpilze. Für den Hausgebrauch unterscheiden wir Speisepilze, Giftpilze und typische holzzerstörende Pilze. Speisepilze und Giftpilze sind mehr oder weniger bekannt. Ich bin kein Fachmann, aber als Speisepilz kenne ich zum Beispiel den Eierschwamm, Parasol, Steinpilz, Birkenpilz, Schafchampignon, Reizker, 10 Schopftintling, Morchel und Bärentatze. Als Giftpilze den Fliegenpilz, Knollenblätterpilz und Pantherpilz. Jeden Herbst freue ich mich auch an den seltenen, sehr schönen Erdsternen. Zu den auffälligsten Holzpilzen gehören die Fruchtkörper der Porlinge, die meist schöne Konsolen produzieren. Am bekanntesten ist der echte Zunderschwamm, der hauptsächlich als Parasit auf der Buche lebt. Andere Arten sind ebenfalls spezialisiert und leben auf der Birke, Eiche, Weide oder Fichte. Andere sind weniger heikel und leben auf verschiedenen Laubholzarten oder ganz allgemein auf Totholz und erzeugen dort die Weißfäule. Der Hallimasch ist für die Rotfäule (Stockröte) der Fichte verantwortlich. Nach Auskunft der Biologen gibt es bei den Pilzen noch weiße Flecken, also noch Arbeit für Forscher. Als Abschluß der Pflanzenwelt noch ein paar Hinweise auf die Waldtypen am Rickenbach. Vom Grundgestein der granitischen Molasse her sind die Verwitterungsböden kalkarm und silikatreich und werden als Typ nach der österreichischen Bodenkarte als silikatische Felsbraunerden angesprochen. Sie reagieren sauer bis stark sauer. Der relativ hohe Fichtenanteil im Einzugsgebiet ist daher natürlich und nur fallweise künstlich eingebracht. Es handelt sich um Schluchtwälder, die aufgrund der Einzelstammnutzung und der schwierigen Bringungsverhältnisse noch eine weitgehend natürliche Zusammensetzung aufweisen. Das wird auch durch die Artenvielfalt dokumentiert. Das Waldbild zeigt rechtsufrig auf der Sonnseite und linksufrig auf der Schattseite unterschiedliche Typen. Auf der Sonnseite handelt es sich weitgehend um eibenreiche Buchenwälder (Taxo-Fagetum). Als Mischhölzer kommen alle Laubholzarten und in geringerem Maße die Nadelholzarten vor. Dabei ist auch der Anteil der Strauch- und Krautschicht wesentlich höher als auf der Schattseite. Auf den sonnseitigen oberen Felsrändern sind die Lichtholzarten Eiche, Edelkastanie, Linde, Birke und Wildkirsche stärker vertreten. Die Schattseite ist vom Buchen-Tannenwald (Abiete-Fagetum) mit einem fallweise bis zu 50% igen Weißtannenanteil geprägt. Hier sind als eingesprengte Holzarten nur noch die halbschatten- und schattentragenden Laubholzarten vertreten. Die Busch- und Krautschicht ist bei weitem nicht mehr so artenreich. Mit zunehmender Höhe geht auch der Laubmischwald immer mehr in den Nadelwald über, der die Oberläufe prägt und wesentlich artenärmer ist. DAS WALDSTERBEN Wer mit offenen Augen am Bildsteiner Berg oder sonst irgendwo wandert, dem müssen die Schadbilder der kranken Weißtannen, Fichten, Buchen und Eschen auffallen. Für alle, die das nicht wahrhaben wollen, darf ich auf die Waldzustandserhebung in Vorarlberg aus 1984, aufgrund der Infrarot-Luftbildauswertung hinweisen. Diese Karte zeigt im Einzugsgebiet des Rickenbaches fast durchwegs die Stufe 4 — krank! 11 Lediglich kleinere Waldflächen zwischen Baumgarten und Grub sowie Dellen und Gitzen sind als Stufe 3 — kränkelnd — ausgewiesen. Die Stufen 1 und 2 — sehr gut und gesund — scheinen nirgends auf. Das Waldsterben spielt sich auf zwei Ebenen ab. Vor allem im Buchen-Tannenwald ist im Altholz noch ein hoher Weißtannenanteil vorhanden. Der Weißtanne fällt als Tiefwurzler eine wichtige Stabilisierungsfunktion auf den rutschsüchtigen Molasseböden zu. Weißtannen-Jung wuchs bis ins Dickungsalter wird man aber vergeblich suchen. Die millionenfach vorhandenen Weißtannensämlinge wurden seit 25 bis 30 Jahren, neben Buche, Ahorn und vor allem den seltener eingesprengten Laubholzarten , durch überhöhte Rehwildbestände weggefressen. Dadurch ist eine ganze Waldgeneration ausgefallen. Daß die Weißtanne aufkommen würde, habe ich durch 20-jähriges Streichen mit Verbißmitteln in Ankenreute und Oberbildstein praktisch nachgewiesen. Der Einsatz der Chemie führt zwar zu gravierenden Zuwachsverlusten bis zu 50 %, aber besser 50 % als nichts. Die zweite Ebene des Waldsterbens basiert auf der Luftverschmutzung und in der Folge dem Sauren Regen. Schwefeldioxyd und Stickoxyde sind als Hauptverursacher heute unbestritten. Die Schwefeldioxyd-Werte aus Industrie und Hausbrand konnten durch den Einsatz schwefelarmer Heizöle und dem Einsatz von Erdgas stark reduziert werden. Die Stickoxyde, zu einem hohen Prozentsatz aus den Autoabgasen stammend, sind steigend und werden durch den Einsatz von Katalysatoren nach Ansicht der Fachleute in den nächsten Jahren zunächst bestenfalls stabilisiert werden. Durch Oxydation entstehen bei warmem Wetter, vor allem aus Stickoxyden, neue Schadstoffe, wie z. B. Ozon. Gase und Saurer Regen schädigen einerseits Blätter und Nadeln. Im Boden führen sie zu einer Übersäuerung, zur Schädigung des komplizierten Bodenlebens und zu einer Herauslösung der Schwermetalle aus dem Ton-Humus-Komplex des Bodens. Die freigesetzten Schwermetalle sind giftig — «Die Bombe tickt also im Boden». Wenn die ersten optischen Schäden am Baum zu sehen sind, ist das Feinwurzelsystem bereits schwer geschädigt oder weitgehend zerstört. Das schleichende Waldsterben ist durch Stammanalysen genau nachweisbar. Die Jahresringe und damit die Zuwächse am Holz sind in den letzten 20 bis 30 Jahren gravierend zurückgegangen. Der Wald ist heute keine Sparkasse mehr. Das Waldsterben wird in einem Gebirgsland zur Überlebensfrage. Das wird auf weite Strecken verdrängt, da von jedem Einzelnen und von der Gemeinschaft einschneidende Konsequenzen gefordert werden müßten. Allen, die sich für die Lebensgemeinschaft Wald interessieren, möchte ich das allgemein verständliche, reich bebilderte Buch «Rettet den Wald» anraten. Es ist vom bekannten deutschen Journalisten Horst Stern und weitern fünf deutschen Fachleuten verfaßt worden (Verlag Kindler) 12 TIERWELT Die Tierwelt gehört genauso zu unserem Lebensraum wie die Pflanzenwelt. Auch hier gibt es Allroundler und Spezialisten sowie geschlossene Kreisläufe z. B. in der Nahrungskette. Es gibt ausgesprochene Waldbewohner, ausgesprochene Riedbewohner und Pendler. Es gibt Pflanzenfresser, Allesfresser und Fleischfresser, jagdbare Tiere und geschützte Tiere, Wirbeltiere, Vögel, Amphibien, Insekten und Kleinlebewesen, ganzjährig hier lebende Tiere, Wechselwild, Höhlenbewohner, Winterschläfer, Nachttiere, Zugvögel, Singvögel, Raubvögel u.a. WIRBELTIERE Dazu gehören die allgemein bekannten Tierarten, die zum großen Teil auch bejagt werden. Ich habe im Laufe der Zeit alle im Rickenbach lebenden zu Gesicht bekommen und will sie ohne Systematik aufzählen: Reh, Fuchs, Dachs, Hase, Marder, Wiesel, Iltis, Eichhörnchen, Siebenschläfer, verschiedene Mäuse, Garns und Hirsch als seltenes Wechselwild und die Bisamratte als Einwanderer. VÖGEL Hier gibt es schon viel mehr Arten. Auch für sie treffen die allgemeinen Aussagen zu, die aber wesentlich erweitert werden müssen. Es gibt ganzjährig hier lebende Vögel, Zugvögel, die nur durchziehen und hier rasten, Zugvögel die hier brüten, Vögel die im Buchenwald, im Mischwald oder im Nadelwald leben, Höhlenbrüter und Bodenbrüter, Wasservögel, Kulturflüchter und Kulturfolger, Singvögel, Raubvögel u. a. Ohne Anspruch auf Vollzähligkeit darf ich einige Arten nennen, die ganzjährig im Tobel leben: Mäusebussard, Habicht, Sperber, Turmfalke, Waldkauz, Waldohreule, Grünspecht, Buntspecht, Kleinspechte, Elster, Eichelhäher, Tannenhäher (hauptsächlich im Oberlauf), Rabenkrähe, Kolkrabe, Amsel, Wasseramsel, Zaunkönig, Kohlmeise, Tannenmeise, Blaumeise, Haubenmeise, Kleiber, Wacholderdrossel, Misteldrossel, Grasmücke, Buchfink, Baumläufer. Als unerwartete seltene Tagesgäste sind mir in der Schlucht auch Wildenten, Fischreiher, Bleßhühner (Taucherle) und im Winter Kreuzschnäbel begegnet. Als Zugvögel und Brutvögel kommen vor: Wespenbussard, Roter Milan, Schwarzer Milan, Ringeltaube (Wildtaube), Waldschnepfe, Waldwasserläufer, Gelbe Bachstelze, Kuckuck, Star, Ringdrossel, Nachtigall. Als Kulturfolger leben im Siedlungsgebiet Star, Gimpel, Amsel, Spiegelmeise, Gartenrotschwanz, Hausrotschwanz, Rotkelchen, Haussperling, Mauersegler, Mehlschwalbe, Rauchschwalbe, Bachstelze, Grünfink. Am Unterlauf, einschließlich des Kiesfangers mit seiner reichen Vogel weit, kann man im Frühjahr und Herbst am Durchziehen sehen: Graureiher, Seidenreiher, Purpurreiher, verschiedene Entenarten, Fischadler, Störche, Eisvogel, Wiedehopf, Blaukehlchen und Schnepfen. 13 Als Zugvögel und Brutvögel: Stockenten, Bleßhühner, Sumpfrohrsänger, Wanderfalke, Pirol, Bachstelze, Distelfink u. a. Der Fasan ist ein eingesetzter Vogel. Darüberhinaus gibt es noch viele kleinere und größere, graue, braune, gesprenkelte und bunte Vögel, die ich nicht einordnen kann. Wer mehr über die heimische Vogel weit erfahren will, kann sich gerne an Penz Reinhold, Lauterach, wenden. Er kennt die Arten nicht nur nach Flugbild, Federkleid, Brutgewohnheiten, Lebensraum und Nahrungsbedarf, sondern auch an der Stimme. Als leicht lesbares und reich bebildertes Buch kann ich «Rettet die Vögel» angeben. Es ist ebenfalls vom deutschen Journalisten Horst Stern und weiteren vier Fachleuten verfaßt (Herbig Verlag). Nicht vergessen möchte ich die Fledermäuse, die zwar nicht zu den Vögeln oder Mäusen zählen, die aber hervorragende Flieger sind. Ihre Gattung ist eine eigenwillige Erscheinung im Naturhaushalt. Sie haben ein phantastisches Orientierungssystem, mit dem sie allen Hindernissen ausweichen können und mit dem sie ihre Insektennahrung im Fluge finden. Sie sind leider selten geworden, aber für aufmerksame Beobachter fliegen sie jetzt nach dem Winterschlaf wieder. AMPHIBIEN UND REPTILIEN Es handelt sich um wechselwarme Wirbeltiere. Am Rickenbach beobachtet habe ich die Erdkröte, verschiedene braune und grüne Froscharten, den Laubfrosch, verschiedene Eidechsenarten, die Blindschleiche, Ringelnatter und die Schlingnatter. Kreuzottern hat es vor 60 Jahren noch am Rutzenberg gegeben. WASSERGÜTE UND FISCHE Über die Wassergüte im Rickenbach kann Erfreuliches berichtet werden. Die Vorarlberger Umweltschutzanstalt hat am 2. 3. 1989 bei der alten Bildsteiner Brücke, Wasserproben entnommen und biologisch und chemisch untersucht. Aus dem Befund geht hervor, daß eine Vielfalt von Gewässerorganismen vorhanden ist. Es handelt sich durchwegs um Kleinlebewesen. Der Bachflohkrebs tritt massenhaft auf. Die große Gruppe der Köcherfliegen ist mit Larven verschiedener Art vertreten. Eintagsfliegen und Steinfliegenlarven, darunter zwei ausgesprochene Reinwasserformen, sind reichlich vorhanden. Dazu kommen noch verschiedene Zuckmücken und Kriebelmücken und vereinzelt auftretende Egelarten. Die chemische Wasseranalyse zeigt eine ausgezeichnete Sauerstoffversorgung des Wassers und nur eine geringe Nährstoffbelastung durch Stickstoff- und Phosphorverbindungen. Daraus resultiert eine Einstufung des Rickenbaches in die Güteklasse I bis II. Es handelt sich somit um ein gering bis mäßig belastetes Fließgewässer. Die Kleinlebewesen bilden in ihrer Gesamtheit eine sehr gute Nahrungsgrundlage für Fische. In den Gumpen im Tobel leben gesunde Bachforellen, die sich natürlich vermehren. Das Fischwasser ist verpachtet. 14 SCHNECKEN Sie gehören zu den wirbellosen Weichtieren. Im Tobel und auf den Dämmen des Unterlaufes kommen viele nackte und behauste Arten in unterschiedlichen Größen vor. Sie haben sicher auch ihre Bedeutung im Naturhaushalt und in der Nahrungskette. Ihre Bestimmung muß ich den Fachleuten überlassen. Wer einen Garten hat, kennt die Nacktschnecken genau. Feinschmecker halten es lieber mit den Weinbergschnecken. INSEKTEN Das vieltausendfältige Heer der Eintagsfliegen, Libellen, Uferfliegen, Schaben, Schrecken, Grillen, Läuse, Wanzen, Zikaden, Blattläuse, Schildläuse, Schlammfliegen, Käfer, Hartflügler, Köcherfliegen, Schmetterlinge, Schnabelfliegen und Zweiflügler ist nur für Fachleute voll überschaubar. Der Laie kennt in jeder Gruppe mehr oder weniger Arten. Landläufig werden die Insekten, ohne Rücksicht auf ihren Stellenwert in der großen Lebensgemeinschaft, als Schädlinge und in seltenen Fällen sogar als Nützlinge eingestuft. Näher eingehen möchte ich nur auf die wichtigsten Forstschädlinge. Sie kommen überall als sogenannter «Eiserner Bestand» vor und richten dabei keine größeren Schäden an. Zu schweren Schäden kommt es erst bei Massenvermehrungen. Dafür müssen aber gewisse Voraussetzungen Vorhandensein, wie z. B. großflächige Monokulturen oder größere Mengen geschädigtes oder geschwächtes Holz, wie z. B. nach großen Wind würfen, Schneebrüchen, oder durch das Waldsterben. Die Schädlinge sind fast durchwegs auf gewisse Holzarten spezialisiert. In einem gesunden Mischwald ist daher die Käfergefahr am geringsten. Blatt- und Nadelfraß, der sich bei Massenvermehrungen bis zum Kahlfraß großer Waldgebiete entwickeln kann, erfolgt hauptsächlich durch die Raupen der verschiedenen Nachtfalter, wie Schwärmer, Spinner, Spanner, Zünsler, Wickler und Motten. Es ist eine faszinierende, vielgestaltige und bunte Gesellschaft. Dabei sind viele Falter und Raupen zum Teil so gut an die Umwelt angepaßt, daß sie nur schwer zu finden sind. Die Nützlinge, vorwiegend Blattwespen und Schlupfwespen, legen ihre Eier in die Raupen der Schädlinge. Ihre Larven fressen die Wirtstiere auf und wirken dadurch als Regulator. Nach Massenvermehrungen der Schädlinge kommt es auch zu Massenvermehrungen der Nützlinge, die im Zusammenwirken mit Krankheiten die großen Populationen zum Zusammenbruch führen. Zu den größeren Schädlingen gehören die Bockkäfer, bis zu 5 cm Größe, die durch ihre übergroßen, zurückgebogenen Fühler auffallen und die etwas kleineren Rüsselkäfer, bis zu 2 cm Größe, die eine typische rüsselartige Kopfform haben. Bockkäfer sind Holzschädlinge am lebenden oder eingebauten Holz und leben auch zum Teil auf 15 faulem Holz. Ihre Larven fressen auffällige Bohrgänge, die beim Aufsägen oder Spalten des Holzes sichtbar werden. Rüsselkäfer sind im allgemeinen Rindenbrüter, die als Larven zwischen Rinde und Splint fressen und artspezifische Fraßbilder hinterlassen. Sichtbar sind bei beiden Arten meist nur die Ausflugslöcher der Käfer und fallweise das Bohrmehl auf der Rinde. Zu den Winzlingen zählen die Borkenkäfer, Bastkäfer und Splintkäfer. Sie sind nur wenige Millimeter groß. Ihre Larven leben zwischen Rinde und Holz. Die Käfer fressen Gänge aus und legen ihre Eier links und rechts ab. Die Larven fressen dann etwa im rechten Winkel weiter. Sie leben überwiegend auf geschädigtem Nadelholz und Laubholz und haben ihre charakteristischen Fraßbilder, wie z. B. der Waldgärtner auf der Kiefer, der Buchdrucker auf der Fichte, der Kupferstecher in der dünnen Rinde der Fichtenäste. Auffallend ist das Fraßbild des krummzähnigen Tannenborkenkäfers, der einen doppelten, nahe beieinander liegenden Längsgang ausfrißt. Die Borkenkäfer schwärmen je nach Witterung schon im März-April und bringen ebenfalls je nach Witterung zwei bis vier Generationen in einem Sommer hervor. Zur Bekämpfung muß das Holz rechtzeitig entrindet und die Rinde verbrannt werden. Teilweise wird heute das in Rinde liegende Holz mit Gift besprüht. Dabei werden die ausfliegenden Käfer vergiftet. Wenn das Holz in Rinde länger im Wald bleibt, kommt es zum Befall durch Holzbrüter. Der bekannteste ist der Nadelnutzholzbohrer. Sein Fraßgang führt senkrecht ins Holz. Die seitlichen Gänge sind sehr kurz und sind durch Pilze schwarz gefärbt. Auffällig, aber nur gering schädlich, sind die verschiedenen Gallen, die durch Gallenlenläuse an Fichtenästen und auf Ulmenblättern oder durch Gallwespen z.B. auf Rosen und Eichenblättern, oder durch die Buchengallmücke auf Buchenblättern entstehen. Als größten mitteleuropäischen Käfer (kein Forstschädling) möchte ich noch den Hirschkäfer erwähnen. Die Larve lebt im Moderholz der Eiche. Der Käfer schlüpft erst im sechsten Jahr aus. Er ist schon sehr selten. Den letzten habe ich am Rickenbach vor ca. 20 Jahren gesehen. Die Einordnung der Falter und Raupen, der Käfer und Larven, der Schadbilder und Fraßbilder, der Lebensansprüche und Lebensgewohnheiten erfordert ein umfangreiches Fachwissen. KLEINLEBEWESEN Die unübersehbare Zahl der Bodenlebewesen ist erst in Ansätzen bekannt. Über ihr Zusammenwirken besteht nur ein grobes Bild. Um sich eine Vorstellung zu machen, kann man sie in größere, kleine und kleinste Lebewesen einteilen. Zu den größeren Lebewesen, die man mit dem freien Auge erkennen kann, gehören die grabenden Wirbeltiere, wie Mäuse und Maulwurf, der Regenwurm und viele Insekten. Sie zerkleinern und vermischen die Bodenstreu. Auf einem Hektar Laubwald leben ca. 250.000 Regenwürmer. Ihr Gewicht übertrifft das Gewicht aller Säugetiere auf der Fläche um mehr als das Zehnfache. 16 Zu den Kleinlebewesen zählen kleine Würmer, Ringwürmer, kleine Insektenlarven und kleine Gliederfüßler, wie Milben und Springschwänze. Bei den Milben kennt man derzeit etwa 10.000 Arten und bei den Springschwänzen etwa 2.000 Arten. Diese Lebewesen sind zum Teil noch mit freiem Auge zu sehen. Ihr Gewicht beträgt noch einmal das lOOfache der Regenwürmer. Die Mikroweit ist nur unter dem Mikroskop zu sehen. Sie enthält sowohl pflanzliche Algen, Bakterien und Pilze als auch einzellige Urtierchen. Ihre Zahl geht in die Milliarden pro Quadratmeter Waldboden. Das ist eine kaum vorstellbare Größenordnung. Die Mikroweit scheint durch fressen und gefressen werden das Bindeglied zwischen dem toten Material und den kleinen Lebewesen zu sein. Diese unvorstellbare Masse der Kleinlebewesen ist imstande, die auf einem Hektar Laubwald jährlich anfallenden 41 Streu so gut wie restlos abzubauen und den Pflanzen wieder zugänglich zu machen. In den letzten Jahren muß man leider beobachten, daß der Abbau wegen der Schädigung des Bodenlebens nicht mehr voll funktioniert. Interessante Bakterien sind die Knöllchenbakterien. Sie sind in der Lage, den Luftstickstoff, der den Pflanzen nicht zugänglich ist, aufzunehmen und weiterzugeben. Sie leben z. B. an den Feinwurzeln der Leguminosen, wie Bohnen, Erbsen oder Wicken, und sind als kleine weiße Knöllchen zu sehen. Sie leben auch an den Wurzeln der Erle, die dadurch befähigt wird, als Pionierholzart sterile Schotterböden und Rutschflächen zu besiedeln. So hat sich der Kreislauf des Pflanzenlebens und des Tierlebens jeweils vom Großen zum Kleinen geschlossen. Aufgrund der massiven Eingriffe in die Umwelt in den letzten zwei bis drei Jahrzehnten ist es zu gravierenden Veränderungen im Naturhaushalt gekommen. Immer mehr Arten, Pflanzen wie Tiere, sterben aus oder sind vom Aussterben bedroht, die Anzeichen einer katastrophalen Entwicklung mehren sich. Der Glaube, daß die Lebensräume von Tieren und Pflanzen, wie z. B. Wald, Hochmoore oder Streuewiesen, nur untergeordnete Bedeutung haben und daß die wirtschaftliche Entwicklung und der Lebensstandard — dokumentiert z. B. durch die Überbewertung des technisch Möglichen und des Autos — unbedingt den Vorrang haben, erweist sich immer mehr als Irrglaube. Die Ursachen und Auswirkungen sind bekannt. Die Konsequenzen werden nur sehr zögernd gezogen. WETTER UND KLIMA: Vorarlberg liegt im Randbereich des ozeanischen Klimaeinflusses und hat daher hohe Jahresniederschläge. Die höchsten Werte fallen im Vorsommer, Juni, Juli. Ca.1/3des Niederschlages fällt als Schnee. Wir haben im Verhältnis zum inneralpinen Klima, kühle Sommer und milde Winter. 17 In Bildstein-Dorf, in 650 m Seehöhe, wird seit 1894 eine Niederschlagsmeßstelle betrieben. Seit 1931 wird auch der Schnee getrennt gemessen. Komischerweise wurden nie Temperaturen gemessen. Es stehen daher lange Meßreihen zur Verfügung, die in den Jahrbüchern des hydrographischen Dienstes in Österreich aufgearbeitet sind. Daraus möchte ich einige Zahlenreihen anführen. Gesamtniederschlag, Regen und Schnee: Monatsmittel Jahresmittel Zeitraum zwischen zwischen 86 mm, I 240 mm, VI 1931—1960 104 mm, I 220 mm, VII 1901—1980 90 mm, 1 +III 213 mm, VII Extreme Tagesniederschläge: 1971-1980 93 mm 1961—1970 106 mm 1931-1960 122 mm 1901-1980 200 mm Ein-Tagesmaximum Zwei-Tagesmaximum Drei-Tagesmaximum Vier-Tagesmaximum Zehn-Tagesmaximum 93 mm 115 mm 144 mm 178 mm 227 mm 1971—1980 1314 mm, 1972 1946 mm, 1974 —.— —.— Im Jahre 1957 lief zwischen Kennelbach und Schwarzach innerhalb von 5 Wochen zweimal ein Schadenshochwasser ab. In Bildstein wurden dabei folgende Niederschlagswerte gemessen: 10. 7. 1957 106 mm 11.7.1957 51mm 157 mm 18. 8. 1957 18 mm 19. 8. 1957 67 mm 85 mm Das 2. Hochwasser hat mit nur ca. dem halben Niederschlag die gleichen Schäden angerichtet wie das 1. Hochwasser. Das ist auf den ersten Blick unverständlich. Aber durch die Erosion des 1. Hochwassers ist es im Tobel zu zahlreichen Gschliefen und damit zum Abrutschen von Holz gekommen. Es lag daher viel loses Gestein, Sand und Dreck im Gerinne, das leicht aktiviert werden konnte. Niederschlag als Schnee: Schneefalle Zeitraum zwischen 1971-1980 22. 9. 1979 29. 4. 1980 Summe der Neuschneehöhen 57 cm, 1971/72 384 cm, 1977/78 Schneedecke zwischen 28. 12. 1977 30. 3. 1978 Gesamtschneehöhe gesetzt 13 cm, 22.11.71 102 cm, 27. 2.73 Mittlerer Jahresdurch schnitt 1640 mm 1557 mm 1585 mm Neuschneetage 14, 1971/72 57, 1977/78 Größter Neuschneezuwachs 8 cm, 21.11.71 50 cm, 11.12.76 7.6.1971 10. 6. 1965 29.5.1940 14.6.1910 7. 6. 1971 6. 6. und 7. 6. 1971 5.6. und 6. 6. und 7.6. 1971 um den 22. 8. 1975 um den 19. 7. 1976 Zeitraum 1971-1980 Starkniederschlagsmengen 1971—1980: Auch bei den Neuschneehöhen werden sich über längere Zeiträume die Mittelwerte angleichen, wie beim Gesamtniederschlag. Temperaturen: In Bildstein wurden keine Temperaturen gemessen. Die nächste annähernd vergleichbare Station ist in Ebnit, in 1100 m Seehöhe. Das paßt in etwa für das Einzugsgebiet in Oberbildstein. Zeitraum 1971-1980 Tagesmittel min. max. -15,6°, 5. 3. +24,0°, 17. 9. 14. 6. -24,0°, 10. 2. +26,5°, 16. 7. -24,0°, 10. 2. +26,5°, 14. 6. 1971 1975 1980 1956 1935 1956 1973 Monatsmittel min. max. - 3,0°, I 1979 + 16,3°, VIII 1973 - 1,9°, + 14,9°, - 1,4°, + 13,9°, I VII I VII, VIII Jahresmittel 6,7° Die Tages werte, Monats werte und Jahres werte differieren stark, aber die langjährigen mittleren Jahresdurchschnitte, z. B. von 1931—1960 und 1901—1980, nur um 2,8 cm. Von den extremen Tagesniederschlägen hat lediglich der vom Jahre 1910 ein Hochwasser ausgelöst. Damals waren ganz Vorarlberg, Graubünden, St. Gallen und weite Teile des Allgäus betroffen. Ursache war eine späte Schneeschmelze im Gebirge und eine Regenperiode von 3 Tagen, mit dem Exzeß vom 14. 6. 1910. Für die Auslösung einer Katastrophe müssen daher meist mehrere negative Faktoren zusammentreffen. Eine große Rolle spielen dabei die Wasseraufnahmefähigkeit oder Wassersättigung des Bodens, das Bewaldungsprozent, die Regenintensität, z. B. Starkregen über Stunden oder Landregen über Tage, die Überlagerung der Schneeschmelze durch Regenfälle, Regen bei gefrorenem Boden, geologische Gegebenheiten, die Gefällsverhältnisse u.a. 18 1931-1960 1901-1980 6,5° 6,3° 19 Ich möchte noch einige Beobachtungen anfügen, die das örtliche Kleinklima betreffen. Bekanntlich gibt es Unterschiede zwischen 1 Grad und 3 Grad, zwischen Freilandklima und Waldinnenklima. Im Wald ist es im Sommer kühler und im Winter wärmer. Die im Tobel abfließende kältere Luft verstärkt diesen Effekt. Im Sommer spürt man die angenehme Kühle deutlich. Im Winter erlebt man alle paar Jahre die Wirkungen dieser Überlagerungen. Im Gegensatz zu den umliegenden Wäldern kommt es im Tobel, z. B. bei gefrorenem Holz und Regen oder bei abnehmender Temperatur und Übergang von Regen in Schnee, immer wieder zu Eisanhang, der zu Wipfelbrüchen und zur Entwurzelung von Bäumen und ganzen Baumgruppen führt. So gesehen z.B. im Winter 1985/86 und 1988/89. Nach klaren Nächten kann man öfters örtliche Reifbildung, etwa zwischen Spettenlehergasse und Schlatt beobachten. Vor den Überbauungen im Kessel und im Bahnhof-Postbereich konnte man vom Rutzenberg aus die Grenze dieser Reifbildung gut als unregelmäßigen Halbkreis am Schwemmkegel des Rickenbaches, vom Brühl über die Bahnlinie bis zur Schwarzach beobachten. Diese Erscheinung beruht auf der Überlagerung der Abstrahlung durch ruhig abfließende Kaltluft aus dem Tobel, die gemeinsam zum Strahlungsfrost führen. An der Ach hat die aus dem großen Einzugsgebiet turbulent abfließende Kaltluft, bis zu einer Grenztemperatur genau den gegenteiligen Effekt. HOCHWASSEREREIGNISSE Aufgrund der geologischen Verhältnisse war der Rickenbach in der Siedlungsgeschichte immer ein gefährlicher Wildbach. Die Siedlungsdichte im Gefahrdungsbereich wird aus der Tatsache verständlich, daß Wasser für verschiedene Zwecke bis in die neuere Zeit, neben Holz, die einzige Energiequelle war. Schwere Hochwässer sind aus den folgenden Jahren überliefert: 1674 (zweimal), 1701, 1702, 1752, 1780, 1901, 1910, 1913, 1924, 1934, und 1957 (zweimal). Das folgenschwerste Hochwasser war 1702. Ein Felssturz hatte den Bach im Tobel aufgestaut, der dann mit verheerender Wucht durchgebrochen ist. Die meisten Ausbrüche erfolgten bei der Bildsteiner Brücke, dann bei der heutigen Landesstraßenbrücke, bei der Einmündung in die Minderach und im Ried. Immer wieder ist die Rede von weggerissenen, beschädigten und eingemurten Häusern und Ställen, von zerstörten Straßen und Brücken, von übermurten und verschlammten Feldern im Siedlungsbereich und auf den Feldern im Kessel, Brühl und im Ried, bis ins Birka. Schuldirektor Siegfried Heim hat in der Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach 1986» und in «Heimat Wolfurt — Heft 2» über die Hochwässer, die Steinbrüche, die alten Mühlen, die Gunz-Mühle, die Zuppinger-Mühle, die Firma Doppelmayr und viele andere Rickenbacher Angelegenheiten anschaulich berichtet. Das Büchlein kann allen Interessierten sehr empfohlen werden. 20 VERBAUUNGEN AM RICKENBACH Im Laufe der Jahrhunderte haben die Anrainer sicher nicht nur Hochwasserschäden aufgeräumt, sondern auch immer wieder örtliche Wuhrungen durchgeführt, um ihre Häuser und Gründe zu schützen. Die erste größere koordinierte Verbauung ist aus dem Jahre 1850 bekannt. Damals wurde der Rickenbach-Unterlauf begradigt und hat etwa die heutige Linienführung erhalten. Nach dem Hochwasser 1910 wurde 1911 und 1912 das Projekt der SchwarzachRickenbach-Regulierung genehmigt und für die Aufbringung des Interessentenbeitrages eine Wassergenossenschaft gegründet. An der Schwarzach kam das Projekt zur Ausführung. Die Verbauung des Rickenbaches wurde wegen des Ausbruches des Ersten Weltkrieges und später wegen Geldmangel zurückgestellt. 1925 verfaßte die Rheinbauleitung in Bregenz ein neues Projekt, das 1927 genehmigt wurde. Die Realisierung scheiterte wieder an der Aufbringung des Geldes. Nach dem Hochwasser vom 15. und 16. 7. 1934 konnte schon im Spätherbst 1934 ein weiteres Projekt vorgelegt und genehmigt werden. Die Arbeiten wurden durch die Wasserbauverwaltung noch im Spätherbst aufgenommen und 1936 fertiggestellt. Es ist die heute noch intakte Verbauung zwischen der Bildsteiner Brücke und der Einmündung in die Schwarzach. Diese Verbauung ist vor allem im Siedlungsbereich hart ausgefallen. Wenn man aber den Häuseraltbestand berücksichtigt, gab es schon damals für die Wasserbauer keine Alternative. Im Tätigkeitsbereich der Wildbach- und Lawinenverbauung wurden zwischen Doppelmayr und der Gunz-Mühle von 1850 bis heute nur örtliche Maßnahmen durch die Anrainer gesetzt. Bei den Hochwässern vom 11. 7.1957 und 19. 8.1957 wurde die Unterlaufregulierung jeweils weitgehend aufgeschottert, die Bildsteiner Brücke kurzfristig, die Landesstraßenbrücke über Stunden verklaust und der Verkehr unterbrochen. 20 ha Wiesen und Äcker waren zum Teil vermurt, zum Teil verschlammt und zahlreiche Keller unter Wasser gesetzt. Feuerwehr und Bundesheer wurden eingesetzt. Im Kühlhaus Alge waren mehrere 1001 Lebensmittel gefährdet. 195 8 hat die Wildbach- und Lawinenverbauung das Verbauungsprojekt zur Überprüfung und Genehmigung vorgelegt. Das Gesamterfordernis betrug S 1,950.000,—. Davon bezahlte der Bund 55 %, das Land Vorarlberg 20 %, die Landesstraßenverwaltung 10 %, die Gemeinde Wolfurt 15 %. In den Jahren 1958 bis 1960 wurden zwischen der Gunz-Mühle und dem Fußweg Erscheinungskapelle-Dellen acht gemauerte Geschiebestausperren, ein Leitwerk in Drahtschotterbauweise, vier gemauerte Leitwerke und zwei Leitwerke in Trockenmauerung erstellt. Für die Sperren 1 bis 3 und alle Leitwerke konnte der nach dem Ersten Weltkrieg erbaute und beim Hochwasser 1957 teilweise zerstörte Schlittweg am rechten Ufer, zwischen hm 15,20 und hm 19,30 wieder hergestellt werden. Die Sperrenhöhe war in diesem Bereich durch die Druckrohrleitung zur Mühle Gunz vorgegeben. Alle Materialtransporte erfolgten mit Pferd und Zweiräderkarren bachaufwärts. Die Erschließung der Sperre 4 in hm 21,33 erfolgte mit einer Seilbahn von der 21 6. Station an der Bildsteinerstraße aus. Zur Sperre 5 in hm 22,80 wurde ein Schlittweg ab der 6. Station erstellt und das Baumaterial mit Pferd und Schlitten bergab transportiert. Die Sperre 6, in hm 25,71, wurde unterhalb der Häuser von Staudach, von der Straße Mäschen-Staudach aus, mit einer Seilbahn erschlossen. Für die Sperre 7 in hm 27,60 wurde der alte Weg Staudach-Dellen auf 120 m LKW-befahrbar gemacht und eine Seilbahn gebaut. Zur Sperre 8 in hm 34,09 konnte der Fußweg Kirche, Erscheinungskapelle, Dellen auf 530 m Unimog-befahrbar gemacht werden. Die große Felsplatte im Tobel wurde mit einer Seilbahn überbrückt. Zur Betreuung der Arbeiterpartien mußten Küche und Unterkunftsbaracken viermal umgestellt werden. Es war in Summe eine komplizierte Baustellenerschließung und Baustelleneinrichtung, die durch die Unzugänglichkeit des Tobeis erzwungen wurde. Jeder Wildbach hat sein eigenes Gesicht, das in Jahrtausenden aus den Vorgaben der Natur entstanden ist. Die Verbauungsmöglichkeiten müssen den örtlichen Gegebenheiten angepaßt werden. In einem engen, zum Teil felsigen Tobel ohne größere natürliche Stauräume sind diese Möglichkeiten sehr beschränkt. Es ging darum, weggerissene Ufer durch Leitwerke gegen weitere Erosion zu sichern und an günstigen Stellen durch Sperrenbauten künstliche Stauräume zu schaffen. Die Sperren stehen durchwegs linksufrig und in der Sohle im Fels. Sie sind zum Teil schon verlandet, aber auf den flachen Verlandungsräumen wird weiterhin Grobgeschiebe aussortiert und zurückgehalten und durch den Wasserabfall an den Sperren Energie vernichtet. Durch diese Wildbachverbauungen wird der Geschiebetrieb reduziert und damit die Anzahl der Schadensereignisse vermindert. Im Katastrophenfall muß aber weiterhin zumindest mit Überflutungen gerechnet werden. FORSTLICHE NUTZUNG IM TOBEL Blockholz konnte durch Jahrhunderte, bis zur Erfindung des händisch betriebenen Wellenbockes, nur auf den wenigen Parzellen genutzt werden, die für Schlitten oder Pferde zugänglich waren. Aus dem Tobel konnten nur Brennholz und Buschein geholt werden und das auch nur dort, wo die Anlage von Fußwegen möglich war. Es wurden die schönsten Buchen und Tannen auf 2 m-Spälten aufgearbeitet und «am Buckel» heraufgetragen. Über lange Zeiträume wurde Tannenholz auch zu Rebstecken aufgespalten. Damit konnte der Bedarf in den eigenen Weingärten gedeckt werden. Es wurden aber auch größere Mengen vor allem in die Schweiz verkauft. Der Frächter Eugen Gunz hat als Bub mit seinem Vater und seinen Brüdern noch bis zum Zweiten Weltkrieg Rebstecken aus dem Tobel nach Staudach getragen. Den letzten Holzträger habe ich noch 1946, nach meiner Heimkehr aus der Gefangenschaft, kennengelernt. Es war ein Südtiroler, der auf dem Fußweg Ankenreute-Mäschen gegen Tabak und Schnapswährung Buchenspälten auf Klimmer's Bühel getragen hat. Flösserei war wegen der Enge des Tobeis, wegen der zu geringen Wassermenge und wegen der Grobsteinigkeit der Flachstrecken praktisch nicht möglich. In der GunzChronik sind zwei Versuche vor der Jahrhundertwende beschrieben. Einmal wurden 22 in zwei bis drei Tagen etwa 50 Block geflößt und geliefert und beim Bierkeller ausgezogen. Einige Jahre später wurden nocheinmal bei einem mittleren Hochwasser etwa 5 bis 6 m Brennholz herausgeflößt und an der gleichen Stelle ausgezogen. Die Triftstrecke dürfte dabei aber nicht mehr als 400 bis 500 m betragen haben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde der bereits genannte Schlittweg auf 400 m verlängert und im Winter 1924/25 größere Mengen Nutzholz und Brennholz mit Pferd und Schlitten ans Land gebracht. Seither wird auf den erschlossenen kleinen Flächen Plenterwaldwirtschaft betrieben. Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg wurden nocheinmal ca. 60 bis 70 Block mühsam über 100 bis 150 m durch den Bach bis zum Schlittweg geliefert und dann im Winter abgeführt. Mit dem Aufkommen der Seilwinden wurde die Holzbringung bergauf aktiviert. Aber es sind auch heute noch größere Waldgebiete nicht erreichbar. Nach wie vor dominiert die Einzelstammnutzung. Am ganzen Bidsteiner Berg wurden bis nach dem Zweiten Weltkrieg die Birken gestümmelt und Besenreis gewonnen. Birkenbesen brachten als Winterarbeit einen bescheidenen Zusatzverdienst. Heute findet man die typischen Besenbirken nur noch selten. LANDWIRTSCHAFTLICHE NUTZUNG IM EINZUGSGEBIET Die flacheren Hänge und Rücken wurden seit der Rodung landwirtschaftlich genutzt. Es gibt praktisch nur Grünland mit Viehzucht und auf kleinen Flächen StreuObstbau. Die Nutzung des Adlerfarns in den Viehweiden als Streue ist stark zurückgegangen. Die Vollerwerbsbauern werden — wie überall — immer weniger. Die Nebenerwerbsbauern müssen vom Berg zur Arbeit auspendeln. In Summe ist das eine Entwicklung, die den Wald begünstigt, da die extensiv genutzten Viehweiden und die steileren, nicht mit Maschinen befahrbaren Bühel aufgeforstet werden oder von selbst zuwachsen. Die landwirtschaftlich genutzten Gründe am Schwemmkegel wurden zu einem guten Teil überbaut (Engerrütte, Brühl, Kessel, Bahnhof, Post). Die 50 ha große Grünfläche zwischen Bahnhof, Rickenbach und Schwarzach ist als Industriezone ausgewiesen und damit für Beton und Asphalt reserviert. Die verbliebenen Mähwiesen, Roßheuwiesen und Streuewiesen werden heute überdüngt (Klärschlamm-Orgien) und mit bis zu fünf Heuschnitten auch übernutzt. Von der früheren Blumenvielfalt sind fast nur noch Löwenzahn und Hahnenfuß übriggeblieben. STEINBRÜCHE IM TOBEL In den Vermögenssteuerbüchern der Gemeinde ist schon 1785 ein Steinmetz ausgewiesen. 1785 und 1797 ist u. a. ein Steinbruch in Rickenbach erwähnt. Abgebaut wurden in den zahlreichen Steinbrüchen in Schwarzach, Wolfurt und Bildstein stark gebankte Sandsteine der sogenannten Bausteinzone, die zu Stiegenstufen, Fenster23 stürzen, Grabsockeln, Schleifsteinen, Wetzsteinen, Backöfen, Pflastersteinen und Bausteinen etc. verarbeitet wurden. Das auffälligste Bauwerk aus diesen Steinen ist die Schwarzacher Kirche. Die Steine sind am Kopf wetterfest, verwittern aber in der Schichtfuge sehr schnell. Sie müssen daher in Mauern fachgerecht eingebaut werden. Im Rickenbach gab es noch im 19. Jhdt. rechtsufrig den Steinbruch an «Bohle'sBühel». Er ist heute eingewachsen und nicht mehr erkennbar. Etwa 80 m hinter der Gunz-Mühle ist rechtsufrig ein weiterer Steinbruch noch gut sichtbar. Linksufrig war der große Bächlinger Steinbruch. 40 m dahinter liegt die auffallende Kaverne, die zuerst als Steinbruch und dann 1874 bis 1890 als Bierkeller für die Adlerbrauerei genutzt wurde. Laut Gunz-Chronik wurden bis 1880 tausende zweispännige Fuhren Steine in die Schwarzacher Wetzsteinschleifen geliefert. Am 17.3.1935 ist der letzte Wolfurter Steinmetz, Josef Rünzler, gestorben. Sein Lehrbub, Anton Repolusk, baute im Sommer 1935 in Spetenlehen noch Steine für die Fa. Vetter in Dornbirn und für den Neubau des Backofens im Konsum Rickenbach ab. Dann hat der Beton endgültig seinen Siegeszug angetreten. WASSERKRAFTNUTZUNG AUS DEM TOBEL Die Wasserkraft wurde durch Jahrhunderte genutzt. Die Mühlen sind sicher so alt wie das Wasserrad. Am Rickenbach ist eine Mühle 1536, 1571, 1680, 1795 und 1797 erwähnt. 1680 und 1797 ist auch von einer Säge und 1795 von einem Lohrstampf die Rede. Er stand zwischen Doppelmayr und Gunz-Mühle. Der Standort der alten Hunds-Mühle war das heutige alte Doppelmayr-Haus. Zwischen Baumgarten und Grub stand früher die Baumgartner Mühle. Wegen der geringen Wasserführung im Oberlauf hatte sie einen Weiher, der das Wasser über Nacht aufstaute. Diese Mühle wurde zwischen 1870 und 1875 aufgelassen. Der Weiher ist im Gelände noch erkennbar. Unter Hinweis auf die Festschrift «100 Jahre St. Josefs-Kapelle Rickenbach» möchte ich mich nur auf die Nutzung der Wasserkraft durch die Gunz-Mühle und die Firma Doppelmayr beschränken. Die Mühle wurde 1852 vom Mechaniker Josef Anton Dür im Bächlinger Steinbruch gebaut und 1853 von seinem Schwiegersohn Josef Gunz von Staudach übernommen. Zuerst wurde das Wasser knapp hinter der Mühle mit einem Holzwuhr gefaßt. Dieses Wuhr wurde beim Hochwasser 1957 weggerissen und hat wesentlich zur ersten Verklausung der Landesstraßenbrücke beigetragen. Einige Jahre nach der ersten Wasserfassung wurde der heute noch sichtbare Weiher linksufrig bei hm 17,50 gebaut und das Wasser etwa 50 m weiter oben eingeleitet. Die Zuleitung zur Mühle erfolgte über 220 m mit Holzkähnern. Der Weiher war notwendig geworden, um die unregelmäßige Wasserführung aus der Baumgartner Mühle auszugleichen und eine Tagesreserve zu speichern. 1887 wurden Eisenrohre mit einem Durchmesser von 30 cm gekauft, die beim Bau des Arlberg-Tunnels als Wasserableitung gedient hatten. Daraus wurde 24 in mühevoller Handarbeit bis zum Weiher und von dort weiter bis zu hm 19,00 eine Druckrohrleitung errichtet. Bei einer Länge von 350 m stand nun eine Fallhöhe von 20 m zur Verfügung. Das reichte aus, um 1890 die erste Turbine einzubauen. Gleichzeitig wurde auch die Mühle aufgestockt und ein Fahrstuhl eingebaut. 1896 kam ein Dynamo dazu, der das erste elektrische Licht lieferte. 1923 hatte die alte Turbine ausgedient und wurde ersetzt. 1931 wurde die Druckrohrleitung bis hm 22,80 verlängert. Bei 730 m Länge kann nun eine Fallhöhe von 60 m abgearbeitet werden. Beim Hochwasser 1957 wurde die Rohrleitung an mehreren Stellen zerstört und in der Folge wieder instandgesetzt. Die Wasserfassung erfolgt seither bei der Wildbachsperre Nr. 5. Die Turbine wurde inzwischen zweimal überholt und betreibt heute das Kleinkraftwerk des Elmar Gunz. Nach dem Brand 1976 wurde die Mühle nicht mehr aufgebaut und der Betrieb zur Gänze nach Bludenz verlagert. 1848 bauten die Brüder Dür die alte Hundsmühle zu einer mechanischen Schmiede um. Um ihre zwei Wasserräder und später die Turbinen zu betreiben, wurde entweder schon 1848 oder 1852 beim Bau der neuen Mühle der Weiher gebaut. Er reichte bis knapp vor die Mühle und staute auch deren


Heimat Wolfurt Heft 11 1993 Jänner
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 11 Zeitschrift des Heimatkundekreises Jänner 93 Prof. Dr. Lorenz Böhler, 1885-1973, Begründer der modernen Unfallchirurgie. Ehrenbürger von Wolfurt. Inhalt: 42. Inhaltsverzeichnis 43. Unser tägliches Brot (2) 44. Dr. Lorenz Böhler 45. Kalb's Creek 46. Der Schnitztrog 47. Altvorstehers Haus 48. Ein altes Dokument Inhaltsverzeichnis und Rückblick Einleitend zum Vortrag «Nachbarn in der Bütze» hat sich Alexander Natter, der Leiter des Kath. Bildungswerkes, der die Vortragsreihe Heimatgeschichte mustergültig organisiert, beim Heimatkundekreis für die gute Zusammenarbeit bedankt und einen kurzen Rückblick gegeben. Das folgende Inhaltsverzeichnis der ersten zehn Hefte soll ein Nachschlagen oder allfälliges Nachbestellen erleichtern. Bildnachweis: Das Titelbild und S. 18 sind aus Lehne, Lorenz Böhler. Alle anderen sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim. DIE Heft 1 1. Zeittafel für Wolfurt und Hofsteig 2. Bauern und Fabrikler 3. Franzosenkrieg 1800 Heft 2 4. Entwicklung der Wirtschaft (1) 5. Hofsteiger Bauern 6. Auf dem Weg zum März 1938 20. Sozialstrukturen (2) 21. Wasser und Wald 22. Tagebuch Schneider 23. Spatzecklo Heft 7 24. Das Vereinshaus 25. Mit Napoleon nach Rußland 26. Lehrer Köbs Familie 27. Streifzüge der Gedanken Heft 8 28. Volkszählungen 29. Strohdorf, Hub und Flotzbach 30. St. Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt Heft 9 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Auswanderer (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz Heft 10 40. Unser tägliches Brot (1) 41. Kriegstagebuch Fischer 39-46 1 AUTOREN: Die Beiträge in diesem Heft sind von Siegfried Heim, 1931, HS-Direktor i. R. Bitte! Diesem 11. Heft liegt wieder einmal ein Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druckund Versandkosten abzudecken! Heft 3 7. Der Rickenbach 8. Wolfurter Geschlechter 9. Der letzte Krieg 1939-45 Heft 4 10. Wolfurter Mundart 11. Kriegsende 12. Die Pfarrkirche Heft 5 13. Schlösser in Wolfurt 14. Pfarrer Barraga 15. Auswanderer (1) 16. Autos 17. Chronik Köb Heft 6 18. Das Kirchdorf 19. Häuserverzeichnis 1926 Bestellungen Die Hefte «Heimat Wolfurt» werden nicht an alle Wolfurter, sondern nur an jene zugeschickt, die sie bestellt haben. Die Hefte 1 bis 4 sind vergriffen. Alle anderen können über Wunsch noch zugeschickt werden. Wir verweisen auf das nachfolgend abgedruckte Inhaltsverzeichnis und erbitten Bestellungen, am besten schriftlich mit Anschrift, an Siegfried Heim. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Zuschriften und Ergänzungen zu Heft 10 Mohr-Familien (Heft 8, Seite 12). Der Beitrag hat ein überraschend großes Echo gefunden. Am 17. Oktober 1992 fanden sich rund 400 Familienangehörige zu einem großen Sippentreffen aller Mohren im überfüllten Vereinshaus ein. Theresia Wachter-Mohr eröffnete mit einem Prolog. Dann berichtete Siegfried Heim von seinen Forschungen über die Wolfurter Nachkommen des Mohr Urban, der vor 1700 in Dornbirn lebte. Sinz Michael hatte ungefähr 500 Namen in einem Computer-Ausdruck geordnet. In der 10. Generation findet man dort z. B. Dr. Markus Mohr, 1963, den Kaplan von Hohenems. In der 11. Generation stehen vorerst 177 (!) Namen, darunter etwa Mathias Mohr, 1980, Schüler-Meister im Turnen. Hubert Mohr zeigte Dias von den Familien, den alten Häusern und den MohrWappen. Roland Mohr hatte einen riesigen Stammbaum gemalt. Bürgermeister Erwin Mohr stellte mit «Baholzars Marte», 1908, einen bisher unbekannten MohrNachkommen vor, der sich aber mit einem 100 Jahre alten Ölgemälde seines Großvaters ausweisen konnte. Zahlreiche andere Familienangehörige trugen mit Musik und Gesang, mit einer Bilderausstellung und mit riesigen Kuchenbergen und süßen Mohrenköpfen zum Gelingen eines unvergeßlichen Festes bei. Konstanzer Münster (Heft 10, S. 3). Unser Dorf-Fotograf Hubert Mohr hat das Ritterwappen mit dem seitenverkehrten Wolf gesucht und gefunden und uns ein Bild gebracht. Ulmer hat 1925 in «Burgen und Edelsitze» geschrieben (S. 394): «An Sigmund erinnert noch eine schöne Glasscheibe mit Namen und Familienwappen im Münster zu Konstanz.» Heute befindet sich eine auf eine Holztafel gemalte Nachbildung im Kreuzgang links von der Kirche. Das Original dürfte demnach in einem Museum geschützt untergebracht worden sein. Danke, Hubert! Kriegstagebuch Fischer. Zahlreiche Rückmeldungen haben sich sehr positiv zu diesem wertvollen Zeitdokument geäußert. Eine ganze Reihe von Nachbestellungen resultierten daraus. Das Kriegstagebuch sollte besonders den jungen Lesern empfohlen werden. Marianne Barcatta (Heft 10, S. 3). Mehrere Rickenbacher bedankten sich für die Grüße aus Buenos Aires. Waibels Agnes (Frau Schneider im Hotel Monzabon am Lech) bat um die Adresse und hat nun bereits mit großer Freude von einem ausführlichen Antwortbrief ihrer verschollen geglaubten Jugendfreundin berichtet. Ein Bild aus der Mohr-Ausstellung: Martin Mohr, geboren 28. Dezember 1809 an der Hub in Wolfurt, gestorben 20. November 1900 in Bregenz als ältester Bregenzer Feuerwehrmann. Ein Vorfahre von Baholzers Marte. 2 3 Siegfried Heim Unser tägliches Brot (2) Der erste Teil dieses Beitrags ist bereits in Heft 10 erschienen. Die beiden Bilder auf S. 4 sind als Ergänzung dazu gedacht. Zu Tisch Schwere Arbeit verlangte nach kräftiger Kost. «Wer nüt2 ist zum Eosso, ist ou nüt zum Schaffet!» Der Bauerntag hatte daher fünf Mahlzeiten eingeplant: «Z Morgo», «z Nüne3», «z Mitag», «z Obod» und «z Nacht». Weizen auf dem Kapellen-Grundstück unter der Bahn 1936. Da freuen sich Regina, Rösle und Erna Stöckler. Erstkommunion-Frühstück. Hier im Schwanensaal saßen die Wolfurter Kinder in ihrem Leben zum ersten Mal an einem weiß gedeckten Tisch. Wie köstlich schmeckte damals die allererste Schaumrolle! Im Hintergrund sieht man Pfarrer Griesmayer, Kaplan Nesensohn, Sr. Gisela und die Musik mit Kapellmeister Rohner. Die letzte Weizengarbe ist geschnitten. 1940. Schnidarles Agath und Rudolf mit Tochter Rosa. Auch Bücheies Gebhard hilft mit der scharfen Sichel. nüt = nichts nüne = neun (Uhr) 4 5 «Z Morgo» gab es ursprünglich überall ein Mus, angerührt aus Milch und Mehl, ein wenig Butter darüber - kein Salz, kein Zucker, kein Zimt - einfach ein Mus. Heiß aus der Pfanne gegessen! Einzige Würze war «d Rummat», die leicht angebrannte Bodenkruste, die so herrlich schmeckte. Jeden Tag ein Mus, ein Mehlmus vom Vesenmehl, ein Habermus oder später auch ein Türkenmus. «Do ist ma do ganz Tag gfuttorot», hieß es, oder «Muos git an starko Fuoß». Wenn die Männer seit der Dämmerung «um Viore» mähten, trug die Bäuerin die Muspfanne sogar ins Feld. Der Müller Lorenz Gunz erzählte, daß etwa ab 1870 der Türggo-Stopfar allmählich das Mus verdrängt habe. Nun gab es alle Tage Stopfar in der Früh, dazu «a Beckile1 Milch» oder einen leichten «Mode2»-Kaffee. Gemeinsam löffelte man aus einer Schüssel. Ganz Schlaue füllten unauffällig nebenbei ihre Tasse - aber es wurden alle satt. In manchen Haushalten würzte man den Stopfar noch mit eingemischten Kartoffeln zu «Bodobioro-Stopfar». In guten Zeiten bekamen die Kinder ein wenig Zucker darübergestreut. Brot gab es erst zum «z Nüne». Das war eine willkommene Unterbrechung im langen Arbeitsvormittag. Kinder bekamen «a Igsottos3 -Brot», ganz selten Butter als Aufstrich, eher schon «Schwine4-Schmalz» mit einer Prise Salz. Das «Igsottos» kochte die Hausfrau von den «Zante Hannes 5 »-Beeren oder als «Schelee» im Sommer aus grünen Falläpfeln. Heidelbeermarmelade und Honig waren seltene Köstlichkeiten. Die Erwachsenen erhielten je nach Arbeit und Jahreszeit Brot und Käs, Brot und Speock oder auch einmal «an Schwartomago6-Salot». Sie durften das Brot selber vom «Loab»oder vom «Weggo» schneiden, eine dünne Scheibe oder «an ganzo Ronggo7». Kinder bekamen ihre Portionen von der Mutter zugeteilt. Dazu tranken sie mit der Kelle klares Wasser aus dem Kübel. Die Männer bekamen Most8, bei strenger Arbeit allerdings keinen starken «Saft», sondern «an Höüar-Most», halb Saft, halb «Glöre». Beckile = kleines Becken, Tasse Mode = Feigenkaffee 3 Igsottos = Eingesottenes, Marmelade Schwine = vom Schwein 5 Zante Hannes = Sankt Johannes 6 Schwartomago = Sulz-Preßwurst 7 Ronggo = ein großes Stück 8 Most = vergärter Apfel- und Birnensaft. Ohne Wasserzusatz heißt er Saft. Wenn die ausgepreßte Obstmaische über Nacht in Wasser gelegt und dann neuerlich ausgepreßt wird, heißt die Flüssigkeit «Glöre». Sie wird dem Saft beigemischt und verringert den Alkoholgehalt beträchtlich. 2 1 Die gleiche Jause gab es auch am Nachmittag um vier Uhr, «s Z-Obod-Eosso». Da ließ man sich, wenn nicht gerade schwarze Wolken drohten, auch schon etwas mehr Zeit. Jetzt lockerte auch manchmal «an Sürffol1 Wiß-Biorar2» aus der sonst streng gehüteten Flasche den Mund der Großen und die Kinder hörten viel Interessantes «und händ mit Mul und Naso glosot3». Die Hauptmahlzeit war aber das Mittagessen. Da sammelte sich die ganze Familie mit Nana 4 und Näne 5 - an vielen Orten war auch noch eine alt-ledige Bäsa6Gotta7- dabei-, um den großen Tisch in der Küche. Für jedes waren ein Teller aus Steingut und ein Löffel vorbereitet. Ein Tischtuch gab es nicht. Kuhfuhrwerk um 1940. Ludwig Kalb sen., im Tobel, führt Maisstroh heim. Unter dem Kreuz sprach man ein langes - fast unverständliches - Bittgebet «um Speis und Trank». Dann trug die Mutter die Suppe auf: eine gute «Flädle»-, «Knedol»- oder «Buostabo s »-Suppe, eine kräftige «Kichoro9»- oder «Spätzle»Suppe, häufig aber auch «a Brenn»-, «a Rubele10»-, «a I-Louf n »-Suppe mit einem eingerührten Ei oder gar «a Kuttlo12»-Suppe mit Lorbeerblatt und Essig. Da hätten sich die Kinder lieber verdrückt. Aber «Was uffo Tisch kut, wird geosso!», hieß es und «Noch om Hoakle-Si kut nüt me». Manch heikles Kind mußte sogar hören: Sürffol = ein Schluck Wiß-Biorar = Schnaps aus Weißbirnen mit besonderem Aroma. Die Weiß- oder Hausbirne war daher weit verbreitet. Heute ist sie fast ausgestorben. 3 11 glosot = zugehört Nana = Großmutter 5 Näne = Großvater 2 1 Bäsa = Tante oder Cousine Gotta = Patin 8 Buostabo = zu Buchstaben geformte Eierteigwaren 9 Kichora = Bohnen 10 Ribele = Teigknöllchen I-Louf = Einlauf 12 Kuttla = Gedärme 7 6 6 7 «Dior sott ma d Zungo schabo!» oder «Du tuost gad, as ob-d Schuoh-Negol eosso müßtost!» Hauptspeise waren Gsottene Bodobiora, Hörnle oder Nudla, später ganz selten auch Reis. Darüber wurde eine Soße mit ein wenig verhacktem Fleisch verteilt. Aber häufig gab es auch «a Kratzat 1 », Käs- oder Krutknöpfle, «Omlett mit Igsottos» und immer wieder «Bodobiora» und «Türggo» nach den verschiedensten Rezepten. Als Freitags-Fastenspeisen waren neben Milchreis und Auflauf auch Öpfolküochle, Polstorzipfele, Trachtarküochle und «Waffla» begehrt, auch einmal «a Holdormuos 2 » oder gar ein Heidelbeermus. Gemüse gab es nur zu Fleischspeisen und nur, was im Mamas Garten gewachsen war: grünen Salat, «Kichora», Blumenkohl, Krut, Gelbe Rüben und «Schniotloub3» für die Suppe. Für den Winter wurden Sauerkraut und Rüben eingehobelt und Randig eingelagert. Vitaminmangel führte regelmäßig zu Frühjahrsmüdigkeit. Das ließ man aber nicht als Ausrede gelten: «Im Mirz 4 ist a jeds müod, basta!» Um so gieriger langte man nach dem ersten Grün, nach «Surampfla5», «Melkar6» und «Guggarklee7». Den langen Arbeitstag beschloß, wenn das Heufuder abgeladen und die Stallarbeit getan war, «s Z-Nacht-Eosso». Es war wieder sehr bescheiden und bestand fast überall nur aus «brotona Bodobiora» oder nocheinmal «Stopfar» mit Malzkaffee. Zur «Brot-Schublad», zum «Zuckor-Schamützol » und natürlich auch zur «Rouchkammor» hatte nur die Mutter Zutritt. «Schnöuggo9» war verboten und wurde bestraft. Daher war auch «do Glusto10» auf alles Süße besonders groß. Weil Zucker so teuer war, wurde nur mit Honig oder auch mit Dörrobst gesüßt. 8 Deshalb schmeckten auch «d Leozeolto 1 -Klosomä2», «do Moltscheero3» und der Neujahrszopf so gut. Darum konnten Kinder um ein paar «Wi-Beerle» im «Gugolupf» streiten und sich freuen, wenn ihnen die Nachbarin für einen Botengang «a Hampfol4 deerte 5 Kriose » zusteckte. Der große «Bummoranzo 6 » zu Weihnachten und der «gläsene Ostorhas»waren Raritäten, auf die man sich das ganze Jahr freute. Heute würden uns «a Ofokatz7», «Schnitzkichora8» oder gar «an Biostkuocho9» kaum mehr schmecken. Wir wissen nur mehr vom Hörensagen, daß unsere Großeltern noch davon schwärmten. Oder wer hat noch einen Blutkoch gegessen? «A Kratzat», aber mit Blut statt mit Milch angerührt. Rinderblut vom «z Odor10-lo», wenn die Kuh nicht aufnehmen wollte. Oder natürlich Schweineblut «vu dor Su-Metzgate11». Damit kommen wir noch zur wichtigsten Unterbrechung im Speisealltag, wenn im Winter «d Su gmetzgot woro ist.» Ein ganzes Jahr lang war die Sau mit allen Abfällen der Landwirtschaft in ihrem «Trügol12» gefüttert worden. Nun hatte sie 130 kg Gewicht und «a foasts13 Gnack». Heißes Wasser und Baumharz für den riesigen «Bröü-Zubor14» wurden vorbereitet. Dann tötete der Hausmetzger die «Hiss15» mit sicherem Axthieb und Stich. Die Bäuerin fing das wertvolle Blut auf und rührte es kalt. Ein Schar von Kindern verfolgte mit erregtem Staunen das Bräuen, Ausnehmen und Zerlegen. Schöpfte der Metzger dann endlich die dampfenden Blutwürste aus dem Kessel, so durften die Kinder ein paar davon und meist auch ein Stück 1 1 2 3 4 5 Kratzat = Schmarren, Eierteigspeise Holdor = Holunder Schniotloub = Schnittlauch Mirz = März Surampfla = Sauerampfer 6 Melkar = Wiesenbocksbart. Seine milchigen Stengel schmecken süß, geben aber braune Flecken. 7 Guggarklee = Sauerklee 8 Schamützol = Papiersack 9 schnöuggo = naschen 10 Glusto = Lust, Gier Leozeolto = Lebkuchen Klosoma = Nikolaus-Mann. Ein Lebkuchen mit Nikolausbild oder ein als Mann geformtes Milchbrot mit Rosinenaugen. 3 Moltscheero = Früchtebrot spezieller Art, das unter diesem Namen und in dieser Qualität nur im Hofsteig und in Hofrieden - Bregenz zwischen Weihnachten und Dreikönig gebacken wurde. 4 a Hampfol = eine Handvoll 5 deerte Kriose = gedörrte Kirschen 6 Bummoranzo = Pomeranze, Orange 7 Ofokatz = im Kachelofen gebackener Eierkuchem mit Früchten 8 Schnitzkichora = Bohnenmus, durch mitgekochte Dörrbirnen gesüßt. 9 Biostkuocho = die gelbe Milch der Kuh in den ersten Tagen nach dem Kälbern wurde durch Kochen eingedickt. 10 z Odor lo = Aderlaß, ein bei Vieh und Mensch vielgebrauchter medizinischer Eingriff. 11 Su-Metzgate = Schweineschlachtung 12 Trügol = Futtertrog 13 a foasts Gnack = ein fetter Nacken 14 Bröü-Zubor = Braustande aus Holz. In heißem Wasser wurden die Schweinsborsten abgeschabt. 15 Hiss = Schwein 2 8 9 Kesselfleisch «mit am schöno Gruoß vo dor Mam» zu den Nachbarn tragen. Ganz sicher bekam die Mutter ein paar Wochen später eine gleiche Gabe zurück und hatte so mehrmals Frischfleisch. Das abendliche Wurstmahl wurde mit Freunden und Nachbarn ein richtiges Fest. Da gab es die majoran-duftenden schmalzreichen Blutwürste und durchzogenes Kesselfleisch. Feinschmecker hielten sich an die geröstete Leber oder auch an das sauer gewürzte «Vor-Eosso» aus zerhackten Innereien. Manche schmatzten begeistert, anderen grauste davor. Am folgenden Tag kochte die Mutter noch vom Saukopf und den Haxen den Schwartenmagen. «Schmutz1» wurde «usglo» und ein paar Tage lang durfte man noch von den «Grüoba 2 » naschen. Fast alles Fleisch war aber in der Stande und dann in der Rauchkammer verschwunden. Es mußte das ganze Jahr reichen. Nur ganz selten kaufte die Bäuerin «i dor Metzg» ein Schüblingpaar und einen Suppenknochen. Und nur bei Firmung, Hochzeit und Totenschmaus reichte es zu einem «Zitzele3» für die Kinder. Die erste Metzgerei in Wolfurt wurde überhaupt erst 1879 eingerichtet, als der Hausmetzger Gebhard Fischer sein zwei Jahre früher erworbenes Haus am Dorfbach zu «Gasthof und Metzgerei Lamm» umbaute. Daneben hatten aber die Hausmetzger Metzger-Hannes, Schützo Mathis im Röhle und Metzger Reiner noch lange Zeit viel Arbeit. Seither hat sich die Weltkugel viele Male gedreht. Mehrmals haben einander Reichtum und Hungerzeiten abgewechselt. Auf die letzten sieben mageren Jahre 1939 bis 1946 sind nun schon mehr als sechs mal sieben fette gefolgt. Wie gut verkraften wir sie? Können wir noch bitten um «unser tägliches Brot»? Anhang Das Hungerjahr 1817 Originalbericht aus den Aufzeichnungen des Wolfurter Gotteshaus-Ammanns und Vorstehers Matthias Schneider (1745-1833): «Märkwürdig ist dis 1817 ente Jahr, welches undenklich so, zu keiner Zeit, in keiner Kronik zu finden ist, wegen all zu grosser Theurung. Dieses Jahr 1817 ist ein solches Theur Beträngtes Jahr, daß es den Hunger und die Noth nicht genugsam beschreiben kann. Schon das Vorhergehende Jahr 1816 ist ein solches Fehljahr in allen Viktualien1, das es zum erbarmen war. Die Hauptfrucht, der Türken, ist wegen so schlimmer Witterung gahr nicht zur Zeitigung2 gekommen. Ob wohl in solcher bis bereits Allerseelen stehen geblieben, so ist er dennoch bereits nicht zu gebrauchen gewesen. Es hat der Mehreste gleich mit samt dem Razen3 den Pferdt und Vieh, um nicht gahr zu verfaulen, gefüttert werden (müssen). Die Erdäpfel sind auch weg zu vieler Näße nur halb gerathen, und noch überall sehr reudig geworden. Ops4 hat auch wenig gegeben, und was es gegeben, ist so Theur geworden, das es für das Virtel5 Bieren, nur gemeine, welche nicht einmal die vollkommene Zeitigung erlangt, für 1 f, die besseren aber, als Weinbieren, Bergbieren und dergleichen für 20 Bazen und noch weiter. So hat jede Gattung der Früchten den Aufschlag bekommen und von Tag zu Tag weiter gestiegen. Gegen Weihnächten hat das Korn der Elfer1 48 bis 50 f gekostet. der Haber der Elfer 20 bis 22 f der Roggen der Elfer 25 bis 28 f die Garsten der Elfer detto der Butter das Pfund 28 Kreuzer. So hat es von Einem Mart8 zu den anderen weiter aufgeschlagen, das die Kaufpreise kaum dörfen aufgeführt, und weit ohnmögliger9 mehr bezahlt werden. Da doch zur Zeit Juni bereits die besten Leute, einige alles, andere doch villes haben kaufen 1 2 6 1 2 3 Schmutz uslo = Schmalz, Fett ausschmelzen Grüoba = Grammeln, ausgepreßtes Fettgewebe Zitzele = Krenwürstchen, Frankfurter 3 4 Lebensmittel Reife Kolben Obst ein Viertel = 21,5 Liter 7 8 9 1 f (Gulden) = 60 Kreuzer = 15 Batzen. 1 Batzen = 4 Kreuzer ein Getreidemaß Markt unmöglicher 10 11 müssen, - und ohne Geld ist nicht vill zu bekommen gewessen, und Geld zu verdienen ist gahr kein Zeit Punkt. - Indeme alle Fabrizierung bereits aufgehört, und was noch ein wenig geschehen, hat bereits umsonst müssen geschehen, das Kaum nur das Salz hat können verdient werden, und doch haben die Markt Preiß im Juny so erschröklich aufgeschlagen, das es bedauerlich zu beschreiben das Viertel Korn 9 bis 10 f der Haber 2f45Xbis3f Roggen 3 bis 4 f Türgen detto 7 bis 8f rauhe Gärsten detto 3f gerolte detto 9f das Pfund Butter 26 X das gesottene detto Pfund 32 bis 34 X der Vierling Mußmehl, wie schlecht es noch war, 1 f20 bis 24 X das Weißmehl 1 f36 X und so alle Gattungen. Den 4ten July hat das Malter2 Korn 20 f abgeschlagen. Das gegenwärtige Jahr 1817 ist bis datto ein gutes vollkommnes Jahr anzusehen, für allgemein. Aber für einige Pfarreyen oder Gemeinden sind leider erbarmungswürdige Wetterstreiche, und andere mit unerhörtem hochgestiegenem Waßer des Bodensee dergestalten überhäuft worden, daß zu keiner Zeit solches kein Mensch gedenken noch in einer Beschreibung oder Kronik zu finden war. Denn der Bodensee ist so hoch gestiegen, daß er bis zum Löwenwirth zu Bregenz erwachsen, und auf dem Kornmarkt Blaz ein lauterer See von 2 Schuh3 tief gewessen, welcher in selber Gegend in alle Häußer und Keller eingetrungen, das einige genöthiget worden auszuziehen. Ja zu Hardt und Fußach ist das Wasser so gahr in die Kirchen gekommen, das man selbe gahr nicht mehr hat betretten können, sondern die Gottesdienste zu besondere Häußer und auch gahr auf freiem Felde hat halten müssen. Den 6ten July ist zu Hardt der Gottesdienst bey des Becken Haus des Joseph Hermann und Joh. Georg Ruß gehalten worden, und zwar täglich so muß gehalten werden, bis sich das Wasser wieder verlihret, und die Kirchen wieder kann gebraucht werden. Ebenso ist es auch zu Fußach, besonders auch zur Gaisau, und im Alt Rhein, wo die Mehreste Familien haben ausziehen müssen. Auch an allen Gegenden des Rheins hat sich das Wasser ihn alle Wissen und Felder erhöht und alle Früchten und Heu gänzlich zernichtet. 1 2 Die Ursach des so hochsteigenden Wasser ist: Daß letztes Jahr 1816 der Schnee auf den bergen Niemal abgegangen und den Winter darauf eine Mänge Schnee zu diessem gemacht. In diesem Jahre aber sehr warme Tage und besonders warme Regen, und Pfönnwind1 eingetretten, und dadurch den Schnee so stark geschmolzen, das die Gewässer Langezeit mit aller Überschwemmung daher geflossen, bis der See eine außerordentliche Höhe bestiegen2. Zu Lindau hat es auch großen Schaden gethan, weil das Wasser in alle Gärten der Stadt über Schwämmt hat, und an der Brücken und Mauerwerk großen Schaden gethan. Das Waßer ist 2 Schuhe hoch über die Brücke gestanden. Um selbe nicht gahr wegnehmen zu lassen, hat man selbe mit vielen der größten Quadersteinen und Eichblöcken beladen. An anderen Orten, als in Wasserburg und von da bis Wangen, und bei Konstanz durch die Schweiz bis gegen Luzern hat es den 20ten Juny durch Hagelstreich grossen Schaden angerichtet, wo es stuckweis alles in Grundboden verschlagen, die schönsten Früchten, Weinberg, Obsbäume, das Futter und was da war. Den 4ten July hat es durch den Bregenzer Wald und ein Strich der Schweiz wider mit einem Hagel haimgesucht, wo es auch eine solche Mänge Stein gefällt, das mit Schlitten hätte können darüber gefahren werden. Wettersegengebet O Gott, Du Ausspender aller guten Gaben! Du Ursprung aller erschaffenen Dinge, in welchen wir leben, bewegt werden und sind! Segne unsere Äcker und Güter! Wende ab von denselben alles Ungewitter und befehle, daß der Himmel uns gebe zu seiner Zeit den Regen, zu seiner Zeit die Sonne! Erwärme die Erde, damit sie uns die notwendigen Früchte hervorbringe, wenn Du es zu Deiner Ehre, zum Nutzen unserer Seele zu sein erkennest. Amen. Dieses uralte Bittgebet wurde in Wolfurt täglich mit dem Glockenläuten um 2 Uhr von Kreuzauffindung am 3. Mai bis Kreuzerhöhung am 14. September gebetet. In dieser Zeit betete der Priester mit den Gläubigen auch das «A fulgure, grandine et tempestate libera nos, Domine Jesu Christe» (Vor Blitz, Hagel und Ungewitter 1 X = Kreuzer 1 Malter = 8 Viertel = 172 Liter 3 1 Schuh = (= 1 Fuß) = 31,5 cm Föhn Auf dem Hochwasserpegel am Bregenzer Molo ist diese Marke unter dem 7. Juli 1817 eingeritzt. Sie liegt ungefähr um einen Meter höher als die Marke vom 29. Juni 1965, wo das See-Hochwasser den Autoverkehr am Bahnhof und auf dem Kornmarkt lahmlegte. 12 13 bewahre uns!). Dann segnete er mit «Benedictio Dei omnipotentis +++ descendat super vos, locum istum et fructus terrae, et maneat semper!» - Der Segen des allmächtigen Gottes komme auf euch herab, auf diesen Ort und auf die Früchte der Erde, und verbleibe allezeit! Siegfried Heim Tischgebet Daß unsere Eltern das tägliche Brot in Ehrfurcht und Dankbarkeit annahmen, zeigt sich in uralten Gebetsformeln. Zwei davon hat uns Frau Maria Bernhard, «Klosos» im Oberfeld, Jahrgang 1912, überliefert. Vor nunmehr fast 80 Jahren hat sie sie von ihren Eltern Hintereggers Bertha und «Kloso Marte» Fischer gelernt. Nur mehr wenige kennen ähnliche alte Texte. Vor dem Essen: Herr Gott! Segne diese Speise und sei uns armen Sündern gnädig! Amen. Vater unser... Gegrüßt seist Du, Maria... Kreuzzeichen. Nach dem Essen: Himmlischer Vater! Wir danken Dir, Daß Du uns unwürdige Menschen gespeist hast und (mit) Deiner Gnade so väterlich teilhaftig gemacht hast und nimmer aufhörest, Deine Wohltaten gütig mitzuteilen. Lob und Ehre sei Dir, o Gott, im Himmel! Friede den Menschen auf Erden, Gnade unsern Wohltätern, die ewige Ruh allen verstorbenen Gläubigen! Und nach diesem elenden Leben zu komm uns die ewige Freud und Seligkeit! Amen. Daran schloß man mindestens ein Vater unser für die armen Seelen an, meist aber noch eine Reihe von Gebeten aus besonderen Anlässen. Den Abschluß bildete die «letzte Angst»: Durch deine letzte Angst und schwere Verlassenheit, o gütigster Herr Jesus, wir bitten dich, verlasse uns niemals, jetzt und in der Stunde unseres Absterbens. Amen. Ehrenbürger Dr. Lorenz Böhler und seine Wolfurter Vorfahren In Wien ist 1991 endlich eine Biographie erschienen: Inge Lehne: Lorenz Böhler. Die Geschichte eines Erfolges. Im November 1992 ist ein Abdruck in Fortsetzungen in den «Vorarlberger Nachrichten» erschienen und hat landesweit Beachtung gefunden. Es ist eine packende warme Schilderung der Entwicklung der Unfall-Chirurgie, die untrennbar mit dem großen Wolfurter Arzt vom «Unfallkrankenhaus Wien XX» verbunden ist. Prof. Dr. Poigenfürst nennt ihn im Vorwort «einen Arzt, dem Millionen von Verletzten dankbar sein können, der es immer verstanden hat, den medizinischen und technischen Fortschritt zu nutzen und dennoch den Menschen immer im Zentrum seiner Bemühungen sah.» Uns Wolfurter freuen natürlich die Bilder von seiner Heimat im Holz und von seiner Familie. In der Einleitung schreibt Lehne:«Die entscheidenden Eigenschaften der Persönlichkeit Lorenz Böhlers - der nüchterne Sinn für das Nützliche, die Zielstrebigkeit, die Zähigkeit und der große Fleiß sind die charakteristischen Qualitäten der Alemannen.» Bei Lorenz Böhler fanden sich diese Eigenschaften in besonders hohem Maße, wohl durch eine glückliche Fügung: Vom Vater Josef Böhler her ein echter «Sammüller» - zielstrebig, zäh, auch für das scheinbar Unmögliche kämpfend, wenn es als richtig erkannt ist. Von der Mutter Anna Fischer her ein echter «Seppar» - mit nüchternem Sinn für das Nützliche und begabt für das Organisatorische. Das alles geläutert durch eine strenge Erziehung beim Holzerschmied Adolf und seiner Frau Nanne Böhler, wo er Fleiß und Handwerksgeschick erlebte und übte. Wer diese Familien kennt, wird immer wieder lächeln und staunen, wie Frau Lehne deren Eigenschaften bei Lorenz Böhler im fernen Wien beobachtet hat und (z. B. auf Seite 8) so präzise beschreibt. 14 15 Dann aber schließt sie dieses Kapitel mit den zwei entscheidenden Faktoren seines Erfolgs ganz einfach: «Genie ist Fleiß» und «dem ärztlichen Ethos» getreu! Lorenz Böhlers Bild findet man heute im Brockhaus. Seine Daten faßt Meyers großes Lexikon am kürzesten zusammen: «Böhler Lorenz, geboren zu Wolfurt in Vorarlberg am 15. Januar 1885, gestorben in Wien am 20. Januar 1973. Österreichischer Chirurg. Professor in Wien. Begründer der modernen Unfallchirurgie.» Begründer der Unfallchirurgie! - Welcher Segen für Millionen von verletzten Menschen verbirgt sich hinter diesen nüchternen Worten! Zuerst sein Kampf gegen die Amputations-Chirurgie während des ersten Weltkrieges. Zäh und zielstrebig gewann er ihn gegen die übermächtige k. u. k. Militärbürokratie. Dann sein Organisationsgenie, sein nüchternes «Heilen kommt billiger als Renten zahlen», mit dem er die Unfallversicherungsanstalt auf seine Seite brachte. Schließlich seine titanenhafte Schaffenskraft beim Aufbau des ersten Unfallkrankenhauses in Wien und bei der Ausdehnung seines Werkes und seiner Lehre über Linz, Bozen, Bregenz hinaus in alle Welt bis ins ferne China! Lorenz Böhler hat schließlich zahlreiche Ehrungen erfahren dürfen, Ehrenprofessuren von berühmten Universitäten, hohe Auszeichnungen von Staat und Land. Dabei blieb er aber immer «seinen Wurzeln treu». Er freute sich über die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatgemeinde Wolfurt im Jahre 1957 und stiftete für die dortige Schule, wo er einst selbst das ABC gelernt hatte, den Böhler-Preis. Sehr zahlreich sind heute die «Sammüller» und die «Seppar», die Lorenz Böhler stolz zu ihrer Sippe zählen. Von Wolfurt aus haben sie sich weit im Land ausgebreitet. Als Ergänzung zu Lehnes Buch stelle ich hier eine Übersicht über die Verwandschaft zusammen. «Böler Johannes und Ursula Feßlerin de hueb» haben mehrere Kinder, darunter «Böler Josephus». Er wird am 26. März 1715 in der Pfarrkirche St. Gallus getauft und heiratet dort 1749 «Anna Feßlerin des Joannis Feßler de Parochia Langen», also aus der dem Pfänder sehr nahen Pfarrei Langen. Unter ihren Kindern ist «Böler Mathias ab der hueb», geboren 1753. Er heiratet 1782 «Catharina Blankin de Sulzberg». Als junge Witwe übersiedelt diese schon 1784 nach Wolfurt. Ihr einziger Sohn aus erster Ehe ist «Böler Joseph Hilar», getauft 2. März 1783 noch in Bregenz. Er erbt von seinem Stiefvater Anton Müller den Hof an der Ach in Wolfurt und heiratet 1811 Katharina Kalb, Naglers vom Dorfplatz. Bei ihren 12 Kindern schreibt der neue Pfarrer den Namen jetzt etwas verändert. Einer der Söhne ist Böhler Johann Baptist (1823 - 1876). Er heiratet 1853 Katharina Schneider und erwirbt damit den «Sammüller»-Hof» an der Kellhofstraße. Unter ihren neun Kindern sind Josef, 1854 - 1937, der Vater von Prof. Lorenz Böhler, Anna, 1857 - 1938, die Frau des Holzerschmieds Adolf Böhler, Lorenz, 1860 -1939, der Stammvater von «Sammüller-Lorenzos» in Rickenbach, und Joh. Baptist junior, 1864 - 1927, Vater der «Sammüller» im Dorf. Böhler Josef, 1854 -1937. Er schließt 1884 die Ehe mit Anna Fischer, Seppos von der Steig. Sie bewohnen einen neuen Anbau am Elternhaus «im Gässele» an der Kellhofstraße, übersiedeln aber später nach Bregenz. Drei Kinder: Lorenz, 1885 - 1973, ist der berühmte Unfallchirurg. Karolina, 1886. Sie stirbt mit 4 Monaten. Rosa, geb. 1891, heiratet Rudolf Böckle aus Altenstadt und wird die Mutter des Bregenzer Unfallchirurgen Dr. Rolf Böckle. 17 Die Böhler -Reihe Die Böhler stammen ursprünglich alle aus Buch, wo sie erstmals im Mehrerauer Zinsbuch von 1290 urkundlich erwähnt sind. Von Buch aus verbreiteten sie sich in alle Gemeinden rund um den Steußberg. Um 1700 findet sich ein Johann Böhler als Bauer auf der Hub, das ist ein Einzelhof am Weg vom Pfänder nach Eichenberg. In den Bregenzer Pfarrbüchern erscheinen dort drei Generationen Böhler: 16 Lorenz («Lenz»). 1914 -1945. «Mantika». Sie stirbt schon als Kleinkind. Georg («Jörg»), 1917. Als Unfallchirurg wird er Nachfolger des Vaters und Leiter des Dr. Lorenz-Böhler-Krankenhauses in Wien. Michael («Michel»), 1921. Kaufmann in Wien. Leopldine («Polla»), 1922, verehelichte Wodenegg in Dreikirchen. Ihr gehören auch Hof und Schmiede im Holz in Wolfurt. Peter, 1924 -1945, gefallen in den letzten Kriegstagen bei Wien. Catharina Blankin - aquis submersa Unter Prof. Lorenz Böhlers Vorfahren ist Katharina Blank die Frau, die dieses Geschlecht nach Wolfurt gebracht hat. Am 26. Oktober 1755 war sie auf dem Sulzberg zur Welt gekommen. Der Jungbauer Mathias Böhler holte sie 1782 als seine Frau auf die Hub am Pfänder. Am 2. März 1783 gebar sie dort ihren ersten Sohn und ließ ihn in St. Gallus in Bregenz nach den Großvätern Josef Hilar taufen. Ihr Glück war kurz. Schon im folgenden Winter starb, erst 31 Jahre alt, am 8. Jänner 1884 Vater Mathias «improvisa morte abreptus». «Durch einen unversehenen Tod hinweg gerafft» - war es ein Unfalltod? eine heimtückische Krankheit? - Auf alle Fälle konnte die junge Bäuerin den einsamen Hof über dem Bergwald nicht halten. Es mutet wie eine Flucht vor ihrer Sippschaft an, wenn sie schon wenige Monate nach des Gatten Tod mit ihrem einjährigen Büblein über die Ach nach Wolfurt kommt und hier am 10. Mai 1784 den Witwer Anton Müller heiratet. Der elfjährige Lorenz Böhler im Jahre 1896 mit Vater Josef, Mutter Anna, geb. Fischer, und Schwester Rosa. Böhler Lorenz. 1885 -1973, Arzt in Bozen und Brixen, ab 1924 in Wien. Er heiratet 1912 Leopoldine («Poldi») Settari aus Dreikirchen bei Waidbruck im Südtirol. Sie schenkt sechs Kindern das Leben: 18 Anton Müller war ein Sohn des Gotteshausammanns Johannes Müller im Kirchdorf und besaß einen Hof an der Ach, etwa an dem Platz, wo heute das Reihenhaus Inselstraße 1 steht. Hier wurde Katharina Blank, nun Frau Müller, noch zehnmal Mutter. 1807 starb auch ihr zweiter Mann. Jetzt war Josef Hilar, ihr Sohn aus erster Ehe ihre beste Stütze. Aber schon ein Jahr später am 27. Juni 1808 mußte auch sie eines unversehenen Todes sterben. Der nahe Damm, auf dem heute die Achstraße angelegt ist, war damals noch der Schutz gegen das Hochwasser der Ach. Dort wuschen die Bäuerinnen ihre Wäsche. 19 «Bei einer Tuchwaschung» ist Katharina Blank damals ertrunken, schreibt der Chronist Mathias Schneider. «Aquis submersa», notiert der Pfarrer und nimmt damit den Titel von Storms berühmter Novelle ein halbes Jahrhundert voraus, «in den Fluten versunken». Die Fischer-Reihe Prof. Lorenz Böhlers Mutter Anna war eine geborene Fischer von der Steig in Rickenbach. Sie gehörte der angesehenen Linie der «Seppar» an. «Seppos» auf der Steig gehen auf Josef (Sepp») Fischer, 1801 -1863, zurück und sind ein Zweig der viel größeren und älteren Sippe der «Stöoglar»-Fischer. Zu den Stöoglarn zählen neben Seppos auch noch «Schnidarles» und «Klosos». Um ihre Erforschung hat sich Dr. August Fischer sehr verdient gemacht. Hier führe ich ein paar Daten aus den Wolfurter Pfarr- und Gemeindebüchern an. Die älteste Erwähnung ist dort eine Hochzeit am 1. Februar 1659: Fischer Sebastian (+31.12.1689) heiratet 1659 Ursula Grül. Unter ihren 6 Kindern waren die Söhne Josef (1664) und Georg (1677). Von Georg (1677 -1748) stammen nicht nur «Klosos» im Oberfeld, sondern auch «Baholzers» vom Rutzenberg mit unserem 100jährigen Martin Höfle (1892 1992), Spengler Martin Schwärzler (1908) und Schwerzler Martin und Katharina von der Rutzenbergstraße 1. Zu Georgs Nachkommen zählen aber auch «Bäschles» im Flotzbach, Öl-Köbs und Giesingers, und eine große Gruppe von Auswanderern in Amerika. Fischer Josef (1664 - 1737) lebte bereits auf der Steig und war dort zweimal verheiratet. Ein Sohn aus seiner ersten Ehe war Sebastian (1694 - 1749), der Stammvater von «Schnidarles», zu denen neben Fischer Siegfrieds, Eberle Herminas und Bertas Nachkommen auch Altvorsteher-Schertlers mit SchuhMeusburgers und Schertlers von der Lorenz-Schertlerstraße zählen. Das achtzehnte und jüngste Kind aus Josefs zweiter Ehe mit Magdalena Schwerzler war Fischer Anton (1722 - 1781), Bauer auf der Steig im heute noch erhaltenen wunderschönen Haus Rutzenbergstraße 1, in dessen Nachbarschaft der ursprüngliche Sitz des Gerichts Hofsteig zu suchen ist. Auch von seinen Kindern leiten sich viele Wolfurter Familien ab, z. B. «Schnidar» Schwärzlers an der Hub. Ein Sohn aus der zweiten Ehe mit Agatha Dietrich aus Lauterach war Fischer Josef Anton (1767 -1847), der das Elternhaus erbte. Mit Ursula Bildstein heirate er 1795 eine Tochter aus «Hanso Hus» an der Kirchstiege, das damals eines der einflußreichsten im Ort war. Unter ihren elf Kindern war «Sepp», 1801, das 21 Josef Hilar Böhler, 1783 -1862 Nach dem plötzlichen Tod der Mutter mußte der 25jährige Sohn Josef Hilar den Hof an der Ach und die Obsorge für seine kleinen Stiefgeschwister übernehmen. 1811 fand er in Katharina Kalb, Naglers aus dem Kirchdorf, eine tüchtige Frau, die ihm in den folgenden zwei Jahrzehnten 12 ebenso tüchtige Kinder schenkte. Josef, 1812, heiratete nach Lauterach. Von ihm stammen u. a. die Krenkel, auch der heutige Stadtarzt Dr. Krenkel im Zwettl, NÖ. Gebhard, 1813, erwarb das Haus Bregenzerstraße 20. Sein einziger männlicher Enkel, der Lehrer Gebhard Böhler, ist 1916 in Rußland gefallen. Alte Leute nennen das Haus bei der Kalkhütte noch «Küfer Böhlers». Mathias, 1814, erbaute ein Haus am Platz von Inselstraße 9. Als es schon 1878 abbrannte, übersiedelte er in die Bütze (Nr. 6). Einer seiner Urenkel ist Volksschuldirektor Heinrich Höfle, 1922. Anton, 1821, besaß zuerst ein Haus beim Wälderhof und später eines am Platz von Achstr. 31. Johann Baptist, 1823, wurde an der Kellhofstraße der erste Böhler - Sammüller. Agatha, 1827, heiratete im Holz den Bauern Bernhard Gmeiner. Ihr Sohn Fidel Gmeiner, 1866, ist der Stammvater der Kartonagen-Gmeiner an der Unterlindenstraße. Von der Tochter Anna Maria, 1857, die mit dem Fergger Fidel Mohr verheiratet war, stammen viele Dörfler Mohr, darunter unser Ehrenringträger Hubert Mohr, 1922. Nach der Eltern Tod bewirtschafteten zwei ledige Töchter den Böhler-Hof an der Ach noch ein paar Jahrzehnte. Am 12. Mai 1900 ist er abgebrannt und seither verschwunden. 20 fünfte. Das «Stöoglar»-Haus erbte aber Johann, 1804, der Stammvater der «Stöoglar»-Fischer an der Ach und der «Stöoglar»-Steurer an der Rutzenbergstraße. Aus jahrhundertelangem Familienbesitz verkauften die «Stöoglar»-Erben 1915 ihr Stammhaus Rutzenbergstraße 1 an die Familie «Baholzer»-Schwerzler, deren Hof im Bannholz gerade abgebrannt war. Zu Weihnachten 1842 starb Frau Agatha. Zwei Monate später heiratete Sepp seine zweite Gattin Johanna Flatz aus Buch. Sie gebar ihrem Mann in den folgenden Jahren weitere zwölf Kinder, zusammen also 22. Etliche davon gründeten später selbst große Familien und trugen damit die tüchtige «Seppar»-Art weit über Wolfurt und Vorarlberg hinaus. Nur einige kann ich hier aufzählen. Gebhard Fischer (1848 - 1892) führte 1896 die erste Hand-Stickmaschine in Wolfurt ein und betrieb auf der Steig eine gutgehende Stick-Ferggerei, die seine Frau Agnes Pfefferkorn weit über seinen frühen Tod hinaus weiterführte. Die acht Kinder aus zehn Ehejahren: Johann Georg («Hans-Irg»), 1883, Bauer an der Brühlstraße. Paulina, 1885, verheiratet mit Dr. Eduard Fischer, Löwenwirts, Advokat in Innsbruck. Regina, 1886 - 1984, damals älterste Wolfurterin, Klöppelei an der Bützestraße Johannes (Seppo Hannes), 1887, Spetenlehen. Bertha, 1888, verheiratet mit Ludwig Weh, Lehrer in Wolfurt und später in Bregenz. Anna, 1890 + (Zwilling) Maria, 1890, verheiratet mit Karl Müller, Kronenwirts, Sticker an der Unterlindenstraße. Gebhardine, 1892, verheiratet mit August Böhler, Sternenwirts., in der Mehrerau. Franz Xaver Fischer (1849 -1895) wanderte wie sein älterer Bruder Joseph Anton (1845 - 1866) nach Amerika aus. Während dieser aber sofort ums Leben kam, erwarb «Vere» in Kalifornien und später in Chicago märchenhaften Reichtum. Bei einem Besuch in Wolfurt machte er auf seinen kleinen Neffen Lorenz Böhler besonderen Eindruck, wie Inge Lehne auf Seite 12 in ihrem Böhler-Buch berichtet. 1895 ist auch Vere in Chicago eines ungeklärten Todes gestorben. Anläßlich seiner ersten Amerika-"Reise soll Dr. Lorenz Böhler 1914 im Auftrag der Familie vergeblich nach seinem Nachlaß geforscht haben. Zwei «Seppar»-Schwestern, Anna Maria und Barbara, heirateten auswärts, die jüngsten vier in Wolfurt: Als Bruder Gebhard 1882 das Elternhaus auf der Steig übernahm, hatte die Mutter für sich und die Schwestern bereits das Haus Wingertgasse 2 (heute «Lislos») in Rickenbach gekauft. 23 Sepp und seine 22 Kinder - die Seppar Im großen alten «Stöoglar-Hus» am Weg ins Bannholz lebten zu Napoleons Zeiten der Bauer Josef Anton Fischer und seine Frau Ursula Bildstein. Ursula war eine Tochter des Kaufmanns Crispin Bildstein (1740 -1819) in Hanso Hus im Kirchdorf und eine Enkelin des ersten bekannten Wolfurter «Chirurgen» Antony Bildstein. Ihr Bruder Joh. Baptist war Kaufmann, Josef Anton Pfarrer von Laüterach, Bernhard Vorsteher von Wolfurt. Ihre Schwester Katharina wurde die StammMutter von «Veres», «Schrinars» und «Toblars» in der unteren Bütze und von «Knores» im Strohdorf. Andere aus dem Bildstein-Geschlecht wurden später ebenfalls Priester, Ärzte, Kaufleute, Vorsteher, Beamte und Ingenieure, aber auch biedere Handwerker und Bauern. Viele von diesen Talenten scheinen auch bei den Nachkommen aus dem Fischerhaus auf. Fischer Josef Anton (1801 -1863) wurde am 24. Oktober 1801 geboren. Er erhielt den gleichen Namen wie sein Vater, wurde aber «Sepp» gerufen. Danach werden noch jetzt seine Nachkommen benannt. Zu jung, um noch zu Napoleons Armee eingezogen zu werden, erlebte er den Wirtschaftsaufschwung nach dem Wiener Kongreß und nützte ihn. Er erwarb ein Vermögen, das ihm um das Jahr 1832 den Bau eines der größten damaligen Rickenbacher Häuser ermöglichte. Es steht noch heute an beherrschender Stelle oben auf der Steig, Spettels, Hofsteigstraße 48. Schon 1826 hatte Sepp seine erste Frau Agatha Schwerzler aus Spetenlehen geheiratet. Zehn Kinder brachte sie zur Welt, aber acht davon trug man schon nach wenigen Tagen oder Wochen als «Engel» zum Friedhof. Viermal taufte man nach der Mutter eine kleine Agatha, erst die vierte blieb am Leben. 22 Katharina, 1855, heiratete Wilhelm Gunz («Plazes» Wilhelm) und wurde im Nachbarhaus die Stamm-Mutter der Gunz-Familien. Maria Anna, 1859, Sepp Fischers 20. Kind, heiratete 1884 den «Sammüller» Josef Böhler. Er soll damals gemeinsam mit seinem jüngeren Bruder Lorenz als Fuhrmann im benachbarten «Kreuz» gearbeitet haben, wo Johann Haltmeyer einen ausgedehnten Weinhandel betrieb. Im Haus «im Gässele» wurde Maria Anna 1885 die Mutter des kleinen Lorenz, der später der berühmte Professor Lorenz Böhler geworden ist. Karolina, 1860, heiratete den zweiten Sammüller, Lorenz Böhler. Von ihr stammen «Sammüller Lorenzos» in Rickenbach. Theresia, 1861, die jüngste der «Seppar»-Schwestern, blieb ebenfalls in der Nachbarschaft. Mit ihrem Mann Konrad Bohle übernahm sie 1889 die Gastwirtschaft zum Mohren mit Bäckerei und Handlung und begründete die Wolfurter BohleSippe. Der Name Der Name Lorenz Böhler hat durch unseren berühmten Ehrenbürger weltweit, besonders aber in Wolfurt, einen guten Klang. «Böhler»: Der alte Wortstamm «bol» bedeutet «rollen» oder «rund» und fand (nach Jutz) zur Bezeichnung verschiedenster kugelartiger Gegenstände Verwendung. Welti nennt in seinem «Kellnhof Wolfurt» (1952) für das Bucher Geschlecht die alten Schreibweisen «Boller», «Böler», «Böuler» und «Bönler», von denen sich schließlich «Böler» durchsetzte. Als in Wolfurt 1814 der neue Pfarrer Grasmeier Einzug hielt, begann er in den Pfarrbüchern mit einer geänderten Schreibart, «Böhler» mit stummem h. Derzeit ist «Böhler» mit 152 Eintragungen im Blauen Buch von 1989 in Wolfurt der häufigste Geschlechtsname. Nur in den Städten Dornbirn und Bregenz gibt es noch mehr Böhler. Am dichtesten im Verhältnis zur Bevölkerungszahl sind sie allerdings in Bildstein und in Schwarzach vertreten. «Lorenz»: Der Hl. Laurentius wurde nach der Legende im Jahre 258 in Rom auf einem glühenden Rost zu Tode gefoltert. Sein Festtag ist der 10. August. In vielen Kirchen findet sich sein Bild. Fast immer wird er mit einem Buch und dem Eisenrost dargestellt. Durch all die Jahrhunderte war Laurent, später Lorenz, ein häufiger Taufname. In die «Sammüller»-Familie kam er durch Laurent Schneider, geb. 1790, dessen Tochter Katharina 1853 einen Böhler heiratete. Schon ihren ersten Sohn taufte sie Lorenz und nach dessen Tod einen zweiten. Aber erst der dritte Lorenz von 1860 blieb am Leben und begründete «Lorenzos» in Rickenbach. Es war fast selbstverständlich, daß auch sein Bruder Josef 1885 seinen ersten Sohn wieder Lorenz taufte, Prof. Dr. Lorenz Böhler. Als dieser 1914 in Bozen zum ersten Mal Vater wurde, gab es wieder einen Lorenz, «Lenz» wurde er meist gerufen. Auch Lorenz in Rickenbach hatte 1888 einen Sohn Lorenz taufen lassen, doch war dieser bald verstorben. So bekam 1931 der erste Enkel den klangvollen Namen Lorenz Böhler. Heute ist er der «Senior» in der bekannten Gardinenfabrik. Er ist aber auch der einzige unter den 152 Wolfurter Böhlern, der nach dem heiligen Märtyrer oder dem großen Vetter in Wien benannt wurde. Sollte er etwa der letzte sein? «Sammüller» ist der Hausname eines Böhler-Geschlechts, mit dem sich dieses von anderen, etwa den «Holzer»-Böhlern, «Bergers», »Rasierers» und «Sternenwirts» unterscheiden läßt. «Sam-Müllers» ist eine durch langen Gebrauch gekürzte Form und heißt eigentlich «des Ammann Müllers». 25 Sepp Fischers jüngste Töchter. Ein besonders altes Foto aus dem Jahr 1867 (!). Von links: Katharina (Gunz,1855), Anna (Böhler,1859, Dr. Böhlers Mutter), Karolina (Böhler, 1860), Annamaria (Lang, 1850), Barbara (Mörl, 1852) und Theresia (Bohle, 1861). 24 Seit 1985 trägt das Haus auch eine Gedenktafel an Dr. Lorenz Böhler. Derzeit wird es von Grund auf renoviert. Wir freuen uns darüber, daß das wohl an die 300 Jahre alte Ammannhaus wieder ein Schmuck des Dorfes sein wird. Die Holzer-Schmiede Das alte Bauernhaus «Im Holz 3» trägt seit 1985 eine Ehrentafel, die an Prof. Lorenz Böhler erinnert. Hier hat er die Kinderjahre bei Tante «Nanne» verbracht. Sein Leben lang betrachtete er es als Vaterhaus und besuchte es in seinen seltenen Urlauben, aber manchmal auch mit berühmten Ärzten, wenn sich bei einem Kongreß eine Gelegenheit dazu bot. Bei einer Übersicht über Böhlers Verwandte dürfen daher die Holzer-Schmiede nicht fehlen. Die Böhler im Holz sind zu den Sammüller-Böhlern überhaupt nicht verwandt. Sie stammen von einem Böhler Christian, geboren 1654 in Oberbildstein. 1738 heiratete sein Enkel nach Wolfurt. Seine Nachkommen findet man als Schmiede und Wagner in verschiedenen Häusern. Das 300 Jahre alte Sammüller-Haus beherrscht die Kellhofstraße im Kirchdorf. Links Veres Hus und der neue Schwanen. Im Hintergrund die Kirche mit dem damals neuen Turm und dem Pfarrhof. Davor der Spitzgiebel des alten Schwanens. An der Hausmauer des Sammüllerhauses vorbei fließt offen der Töbelebach zum Gasthaus Lamm herab. Ein Bild von 1910. Der «Gotteshaus»-Ammann Martin Müller(1674 -1732) und nach ihm sein Sohn Johannes Müller (1711 -1786) hatten das ehrenvolle und auch einträgliche Amt, als Verwalter der großen Mehrerauer Besitzungen in Wolfurt den jährlichen Zehent für das Kloster einzuheben, Streitigkeiten zu schlichten, Erbschaftsangelegenheiten zu regeln und vieles mehr. Ammann Müllers lebten schon um 1700 im Sammüllerhaus an der Kellhofstraße. Ein Sohn aus diesem Haus, Anton Müller, hatte 1784 in seinem Hof an der Ach die Witwe Katharina Blank und ihren kleinen Buben Josef Hilar Böhler aufgenommen. Im Dorf starben die Müller 1813 aus. Das Amt als Gotteshausammann hatte nach Johannes Müller sein Neffe Mathias Schneider (1745 -1833) bekommen, in dessen Zeit die Auflösung des Klosters fiel. 1813 erwarb er das leer gewordene «Ammann-Müller»-Haus für seinen Sohn Lorenz Schneider. Dieser vererbte es 1859 an seinen Schwiegersohn Joh. Bapt. Böhler. Seither sind drei Generationen von Sammüller-Böhlerkindern hier groß geworden. 26 Jakob Böhler (1819 -1897), hatte als Schmied noch bei seinem Vater Hieronymus in Spetenlehen gearbeitet und war dann in Unterlinden (Frickenescherweg 1) selbständig geworden. Wegen der im Gewerbe so wichtigen Wasserkraft übersiedelte er aber 1852 zu seinem Schwiegervater ins Holz, wo dieser Mühle und Mühlteich besaß. Noch im gleichen Jahr erstellte Jakob am Weiher die «alte Schmiede». Fünf von seinen Söhnen erlernten hier bei ihm das Schmiedehandwerk, einer, Hieronymus, wurde Wagner. Drei eröffneten eigene «Schlosser»-Werkstätten: Gebhard, 1849 -1924, an der Kreuzstraße. Seine Tochter war «Schlossers Juli». Johann Baptist, 1857 -1927, im Röhle, Bregenzerstraße 27. Die Schmiede, wo nach ihm noch sein Sohn «Hannbatisto Jockl» glühende Eisen schmiedete, träumt heute von Waldreben überwuchert vor sich hin. Zu Hannbatists Kindern zählen auch SAmmas Lina und der Frachter Gebhard Böhler. Rochus, 1865 - 1942, betrieb- eine Machinenschlosserei in Rickenbach (Rickenbacherstr. 4). Schellings Elvira war eine von seinen Töchtern. Zwei Schmiede übernahmen die väterliche Werkstätte im Holz, August und Adolf. Wegen ihrer Tüchtigkeit waren sie über das Land hinaus bekannt. Sie erzeugten 27 Bauern- und Maurerwerkzeuge, Wagenbeschläge und -achsen, große Schraubenspindeln und feine Brandstempel. Daneben betrieben sie weiterhin die Holzer Mühle mit dem großen Wasserrad. Hier hat Lorenz Böhler als Kind mitgearbeitet. Lehne berichtet (S. 14), daß er sogar die schweren Türkenstumpen, die die Wolfurter Bäuerinnen bei Onkel Gebhard an der Kreuzstraße deponiert hatten, zum Mahlen ins Holz hinauf schleppen mußte. August Böhler, 1852 - 1933, wohnte auf der Halde. Von seinen fünf Töchtern wurden Paulina die Mutter der Familie Guldenschuh in Unterlinden, Theresia die Mutter der Familie Geiger im Röhle und Maria die Mutter der Familie Klimmer in Spetenlehen. Adolf Böhler, 1854 -1936, heiratete 1892 Anna Böhler, 1857 -1938, «Sammüllers Nanne». Sie übernahmen das Böhlerhaus im Holz, betrieben neben der Schmiede eine kleine Landwirtschaft und auch, wie damals in fast jedem Haus, eine Stickerei. Hier arbeitete neben Nanne auch ihre ledige Schwester Rosalie («Rosele»), deren geschwinde Finger den Neffen Lorenz beeindruckten (Lehne S. 16). Als Lorenz Böhlers Eltern 1890 nach Bregenz übersiedelten, überließen sie den fünfjährigen Buben der Großmutter im Sammüllerhaus und nach deren Tod im Mai 1892 den Tanten Nanne und Rosele. Schon im Juni 1892 heiratete aber Nanne ins Holz hinauf. Und weil sie kinderlos blieb, holte sie bald den kleinen Lorenz zu sich in den Schmiedehaushalt., wo er nun bei den Zieheltern jene Prägung erfuhr, die ihn zu so außerordentlichen Leistungen befähigte. Frau Lehne nennt sie (S. 11) anerkennend «die charakteristischen Eigenschaften der Alemannen», Zähigkeit und Fleiß. Im Schmiedehaus hat Lorenz auch noch eine jüngere Ziehschwester bekommen, Rosa Böhler, geboren 1898. Sie war eine Tochter von Adolfs Bruder Hieronymus Böhler, dem Wagnermeister an der Achstraße. Ein Jahr nach dem Tod seiner Frau war dieser 1907 allzufrüh gestorben und hatte vier kleine Mädchen hinterlassen. Die wurden nun, wie es damals bei Waisen selbstverständlicher Brauch war, an vier verwandte Familien aufgeteilt. Anna ging später als Sr. Petrina zu den Barmherzigen Schwestern von der Kettenbrücke ins Kloster, Hermina und Gebhardina starben in jungen Jahren. Rosa aber kam zu Onkel Adolf ins Holz. Zu ihrem großen «Bruder» Lorenz hatte sie ein so herzliches Verhältnis, daß er sie mit ins Südtirol nahm, nachdem er dort 28 1912 geheiratet hatte und nun Nachwuchs erwartete. So wurde «die Rosa» zehn Jahre lang Kindermädchen, aber auch Köchin und Haushaltshilfe für Frau Poldi Böhler-Settari an ihren damaligen Wohnsitzen in Bozen und Brixen und in den Ferien in Dreikirchen. Nach Wien ging Rosa 1924 allerdings nicht mehr mit. Sie kehrte heim ins Holz und wurde 1925 die Frau von Karl Schwärzler, «Liberats», an der Hub. Noch oft kehrte Prof. Böhler dort zu. Auch seine Kinder Jörg, Michel und Polla, die das Ende des Krieges 1945 im Holz erlebten, fanden immer wieder den Weg zu «ihrer Rosa». Die Holzer-Schmiede im Jahre 1930. Links Adolf Böhler (Dr. Böhlers Ziehvater), rechts August Böhler 29 Rosas jüngster Sohn Dr. Paul Schwärzler verwaltet heute den Böhler-Besitz im Holz für Frau Polla Wodenegg. Er konnte vermitteln, daß die Gemeinde Teich und Schmiede in Pacht bekam und daß der Alpenverein 1976 -80 dort sein Heim «Alte Schmiede» einrichten durfte. Böhler-Schüler Die «Wiener Schule» für Unfallchirurgie besaß schon zu Prof. Böhlers Lebenszeit durch seine Arbeit Weltruhm. Frau Lehne widmet ihr (S. 101) ein Kapitel. Fast alle Ärzte von der Webergasse leiteten später selbst Unfallkrankenhäuser. Zu Böhlers bekanntesten Schülern zählt ein Wolfurter, Prof. Dr. Emil Beck. «Becks Emil», wie ihn seine Freunde immer noch nennen, ist 1931 geboren und in Wolfurt aufgewachsen. Bei uns als Spitzen-Schifahrer und ausgezeichneter Fußballspieler bekannt, galt er bald in Wien als einer der begabtesten MedizinStudenten. Er wurde von seinem Lehrer Prof. Böhler persönlich gefördert und arbeitete noch unter ihm als Arzt am Wiener Unfallkrankenhaus. Später folgte er einer Berufung als Oberarzt zu Böhlers Sohn Dr. Jörg Böhler nach Linz und dann wieder nach Wien. Durch zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten wurde Dr. Beck bekannt. Schon 1974 holte ihn das Land Vorarlberg als Leiter des neuen Unfallkrankenhauses nach Feldkirch. Dort hat er unter den vielen Patienten die Wolfurter immer mit besonderer Aufmerksamkeit betreut. Längst ist er nun Professor in Innsbruck und trägt darüber hinaus als Präsident der Gesellschaft für Unfall-Chirurgie hohe Verantwortung für Forschung und Ausbildung. Das erfüllt uns alle mit Freude und Stolz! Im Jahre 1965 übernahm ihn die Hauptschule. Aus Anlaß seines 80. Geburtstages hatte Dr. Böhler das Kapital beachtlich erhöht. Ein Kuratorium vergibt seither jedes Jahr aus dem Zinsertrag ein Buch und eine Geldsumme an die beste Schülerin und den besten Schüler der 4. Klasse Hauptschule. Wenn mehr als zwei gleichberechtigte Preisträger sind, sorgt die Raiffeisenbank dafür, daß das Stammkapital nicht angetastet werden muß. Seit neuestem vergibt die Gemeinde zusätzlich Lehnes Böhler-Buch «Die Geschichte eines Erfolges». Aus den inzwischen über 70 Preisträgern sind eine Reihe geachteter Mitbürger hervorgegangen. Wie schreibt Lehne? - «Genie ist Fleiß!» Krut und Rüoba Als Prof. Lorenz Böhler im Jahre 1965 vom Land Vorarlberg mit dem Goldenen Ehrenzeichen ausgezeichnet wurde, veranstaltete die Gemeinde einen Festabend, bei dem Bürgermeister Waibel einen von Spengler Martin Schwärzler geschaffenen großen Kupferteller mit dem Gemeindewappen überreichte. Zum Festessen im Stern hatte sich der Ehrenbürger Wolfurter Kost gewünscht. So gab es denn auch «Speock, Krut und Hafoloab» und dazu «Most und Obstlar». Kenner meinten, zum Kraut gehörten eigentlich auch «sure Rüoba». Das hätte Lorenz Böhler vielleicht an jenen uralten Vers erinnert, mit dem man seit eh und je ihn und alle anderen Lorenze hänselte: «Lorenz, klenn Rüoba, groß Schwänz!» Die Bauernregel will damit sagen, daß es an Lorenzi (10. August) zu spät ist zur Rüben-Aussaat. Nach der Vorstellung des Böhler-Buches im September 1992 hielten Dr. Jörg Böhler und seine Schwester Polla mit Frau Lehne und Dr. Beck Einkehr in der «Alten Schmiede» und ließen sich unter dem Bild des Holzer-Schmieds fotografieren. Dr. Jörg erzählte von der Heimatverbundenheit seines Vaters allerlei Anekdoten. So habe er die Patienten gereiht in erstens Wolfurter, zweitens Klasseund drittens andere. Da könnte man eingebildet werden, wenn man liest, daß sich auch Ministerpräsidenten in der Patientenliste befanden. Übrigens wissen sich Wolfurter Verletzte auch bei Prof. Beck - früher in Feldkirch und jetzt in Innsbruck - ganz besonders gut aufgehoben. Böhler Preis Alle Jahre wird in Wolfurt ein kleiner, aber nicht weniger begehrter Preis nach dem Vorbild Nobels verliehen. Als Prof. Böhler 1957 Ehrenbürger wurde, besuchte er seine alte Volksschule im Strohdorf und übergab nach einem Gespräch mit den Schülern dem Schulleiter einen ansehnlichen Geldbetrag «für den besten Schüler und die beste Schülerin». Köb Hannelore und Thaler Heiner waren die ersten Preisträger. Acht Jahre lang vergab die Volksschule den Preis. 30 31 Siegfried Heim die er im Archiv von New Ulm gefunden hat. Darunter ist einer über Maria Kalb, die älteste Tochter des Ferdinand. Sie ist am 15. März 1842 an der Hub geboren und ging noch dort im alten Schulhäuschen zur Schule. In Amerika heiratete sie 1865 Fred Julius . In nur 14jähriger Ehe gebar sie 10 Kinder, die sie als junge Witwe allein versorgen mußte. Als sie - fast 90 Jahre alt - im Februar 1932 starb, widmete ihr die Zeitung als einer der letzten aus den «Pionier»-Tagen von Minnesota einen großen Artikel. Daraus übersetze ich: «Sie war erst 10 Jahre alt, als sie 1852 mit ihren Eltern Mr. and Mrs. Ferdinand Kalb in die United States kam. Sie landeten im Hafen von New York und zogen dann mit einem Ochsengespann westwärts, nach Blackswamp in Ohio, das heute Fremont heißt. 1855 kam die Familie nach Brown county und setzte sich auf der heutigen Albert Groebner-Farm im Gemeindegebiet von Cottonwood fest, genau südlich von New Ulm. Kalb's Creek, Kalbs Fluß, der nahe der Metzenbrücke der Trunk Highway No. 15 in den Big Cottonwood river mündet, wurde nach ihrem Vater so benannt. Während des Indianerangriffs auf New Ulm im Herbst 1862 war die Verstorbene hier im Dakota-Haus beschäftigt. Tapfer tat sie gemeinsam mit anderen Frauen Dienst bei den Verwundeten.» Marias Mutter war schon 1854 gestorben. Aus der zweiten Ehe des Vaters lebten eine Reihe kleiner Kinder auf der Farm, als die Indianer sich am 17. August 1862 auf den Kriegspfad machten. Der Vater war gerade bei der Getreideernte, als ihn ein vorbeireitender Nachbar warnte. Schnell lud er die ganze Familie auf den Ochsenkarren und führte sie zu einem vier Meilen entfernten Sammelpunkt, wo sie sich sicherer fühlten und die Männer bei der Abwehr der Indianerangriffe helfen konnten. Die Familie Kalb mit ihren kleinen Kindern, darunter der erst 7 Monate alte Berthold, floh weiter nach St. Peter. Nach der blutigen Niederwerfung des Aufstandes kehrte sie in ihre Heimstatt am Kalb's Creek zurück. Von den Kalb-Kindern lebten 1930 noch fünf Schwestern und die Brüder Berthold, John und Ferdinand Kalb, letztere in Pine City. Auch wenn ihre Enkel Wolfurt längst vergessen haben, erinnert der Name des Flusses noch an die alte Heimat. Und wenn einmal ein Wolfurter Weltenbummler in Kalbs Fluß seine wundgelaufenen Füße kühlt, dann soll er Grüße von uns ausrichten und vom schönen Dorf am Steußberg erzählen! 33 Kalb's Creek Ein «Wolfurter» Fluß im Wilden Westen Als in der Mitte des vorigen Jahrhunderts etwa 200 junge Wolfurter ihr Heil im fernen Amerika suchten, blieben die meisten in Gruppen beieinander. Viele ließen sich um Fremont, am fruchtbaren, aber teilweise sumpfigen Südufer des Erie-Sees in Ohio nieder. Andere zogen mit ihren Ochsenwagen noch 1000 Kilometer weiter in den Wilden Westen, überquerten den Oberlauf des Mississippi und nahmen Land beim Fort New Ulm am Cottonwood River in Minnesota. Es war Land, das den Sioux-Indianern gehörte, in welches sie hier ihre Grenzpfähle setzten. Das Staatssiegel von Minnesota wurde 1858 geschaffen, also vier Jahre vor dem großen Siouxaufstand. Es zeigt einen pflügenden Bauern, der einen reitenden Indianer beobachtet und dabei sein Gewehr griffbereit hält. Hier in Minnesota lebten damals mehrere Wolfurter Auswandererfamilien. Zu den ersten Siedlern dort gehörte Ferdinand Kalb, geboren am 22. Februar 1813 in «Arnolds Haus» an der Hub, Flotzbachstraße 9. Mit seiner Frau Anna Maria Thaler und den beiden Kindern Maria, 10 Jahre alt, und Katharina, 9 Jahre, verließ er 1852 sein Haus an der Hub und wagte sich auf die große Reise. Auch drei von seinen Brüdern zogen mit: Josef, geboren 1811, Lorenz, 1819, und Martin, 1823. Martin Kalb nahm ebenfalls Frau und zwei kleine Kinder mit. Nun hat mir Herr Wilfried Schneider aus Kanada, dessen Vorfahren ebenfalls damals in New Ulm dabei waren, ein paar Nachrufe aus alten Zeitungen geschickt, 32 Von den daheim gebliebenen Schwestern der vier ausgewanderten Kalb-Brüder aus Arnolds Haus an der Flotzbachstraße (Hubert Mohr hat es 1991 ganz neu hergerichtet) stammen einige Wolfurter Familien: Arnolds und Kampler-Mohrs an der Hub, Nagler-Kalbs an der Ach und an der Kirchstraße. Verwandt sind aber auch Bildsteins an der Hub und im Röhle (Huster, Boch, Bernhards, Schertler Kassians, Heitz, Reiner Mathis, LisloGmeiners und die vielen Bregenzer und Lauteracher Bildstein-Familien). Ihr Bräutigam Johannes Haltmeier, geboren 1751 in Rickenbach, war der Sohn des Adlerwirts Andreas Haltmayer (-ay-, so schrieb der Pfarrer den Namen im Familienbuch!) und der Katharina Zumtobel aus Dornbirn. Der «Adler» war bis dahin auf der linken Seite des Kellawegs gestanden (Nr. 3, Schwerzlers, abgebrochen um 1970 für Halle Doppelmayr). Johannes Haltmayer betrieb dort neben der Gastwirtschaft noch einen umfangreichen Weinhandel und versorgte die Wolfurter Weber auch mit Baumwolle. So gut gingen die Geschäfte, daß er um das Jahr 1800 zuerst den Gasthof «Adler» neu am heutigen Platz errichten konnte und fast gleichzeitig für seinen Sohn Johann Michael Haltmayer das Haus Dornbirnerstraße 4 (Sammüller Lorenzos), das er mit ungewöhnlich großen Gewölben für seinen Weinhandel versah. 1799 starb seine Frau Magdalena, Mutter von 10 Kindern. 1802 verschied ganz plötzlich auch der 27jährige Sohn und Erbe Michael, 1804 folgte ihm der Adlerwirt selbst. Von den vielen Töchtern wurde nun Katharina Haltmayer (1777 - 1842) Adlerwirtin. Sie heiratete dreimal, zuletzt mit dem Vorsteher Leonhard Fink, der 1833/ 34 den Kirchenbau in Wolfurt leitete. Zu Katharinas Nachkommen zählt auch der «Alt-Adlerwirt» Joh. Georg Fischer (1847 - 1918), ebenfalls Vorsteher von Wolfurt und Mitbegründer der ersten Bank und des Konsums in Rickenbach. Wohin aber war die Hochzeitstruhe von 1772 gekommen? Ihren Weg können wir nur vermuten. 1805 hatte die Löwenwirtin Anna M. Albinger nach dem frühen Tod ihres Mannes Joseph Fischer ein neues Haus «in Engliswies» (Schwerzler, Schlattweg 9) gebaut und mit ihrem zweiten Gatten eingerichtet. Ob sie dazu damals schon die Truhe aus dem gerade aufgelassenen «alten» Adler bekommen hat? Oder hat sie erst ihr Nachfolger Ferdinand Haltmayer mitgebracht? Auf alle Fälle hat der 1830 in Alberschwende geborene Melchior Fehle im Jahr 1861 das Haus am Schlattweg mit allem Inventar erworben. Er war einer der ersten Mitarbeiter bei der sich mächtig entwickelnden Firma Zuppinger als Drechsler, Fuhrmann und Müller. Von seinen vielen Kindern konnte der Sohn Gebhard Fehle im Jahre 1900 das heutige Fehlehaus am Rickenbach (Kesselstraße 2) kaufen. Dabei wanderte wohl auch der inzwischen morsch gewordene Schnitztrog mit in das neue Haus, das der 35 Siegfried Heim Der alte Schnitztrog Voll Stolz hat mir Fehles Franz eine uralte Truhe gezeigt. «Sit ma denko ka», stand sie «im Ufzug domm». Vor Jahrzehnten diente sie noch als «Schnitztrog», dann sammelte sich in ihren morschen Fächern allerlei Gerumpel. Nun hat er sie vom Dachboden herabgeholt. Sie wurde sauber geputzt, ein paar fehlende Leisten und ein Stück Brett mußten ersetzt werden. Jetzt funktioniert "das Geheimfach» wieder, in dem man einst Geld oder wertvolle Dokumente verbergen konnte. Zuletzt hat der Maler die schäbig gewordenen Ornamente und Inschriften aufgefrischt. Jeder Besucher kann die gotischen Buchstaben wieder entziffern: Liebet Got und haltet seine Geboth Johaneß Haltmeier und Maria Magdalena Bröllin (empfehlen sich der Gottesmutter) 17 MARIA 72 Die Initialen P.H. deuten auf den Schreiner und Maler hin. Er könnte ein Dornbirner Handwerker gewesen sein, denn aus Dornbirn brachte Magdalena Bröll ihren «Brutt-Wago» mit, als sie 1772 den Wolfurter Adlerwirt heiratete. Anno 1750 war sie in Dornbirn als Tochter des Michael Bröll


Heimat Wolfurt Heft 21 1998 Juli
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 21 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juli 1998 DasWolfurter Wettersegenkreuz. Eine wertvolle alte Goldschmiedearbeit. Inhalt: 102. 103. 104. 105. Wohnen in Wolfurt GFG, der Ornath-Händler Goldschmiede aus Wolfurt Schnapsbrenner 106. 107. 108. 109. Kammerdiener Kalb (2) Altes Geld Aus Lutzos Notizbuch Flucht in die Höhle Autoren Mag. Christoph Volaucnik, Jg. 1961. Bekannt durch viele Veröffentlichungen in Geschichtswerken und Fachzeitschriften. Als ehemaliger Wolfurter hat er uns schon mehrere Beiträge zur Verfügung gestellt. Volaucnik arbeitet jetzt für das Archiv der Stadt Feldkirch und forscht in seiner Freizeit auch für uns. Mag. Meinrad Pichler, Jg. 1947. Er ist Direktor des Gymnasiums Gallusstraße in Bregenz und hat als namhafter Historiker eine ganze Anzahl von Werken zur neueren Geschichte Vorarlbergs herausgegeben. Besondere Bedeutung hat für uns Wolfurter sein Buch Auswanderer in die USA. Zuschriften und Ergänzungen Das letzte Heft (Nr. 20) hat wieder viel Beifall gefunden. Die Beiträge über die ersten Vorsteher und über die Flatz-Familien haben, wie auch die Geschichte vom Silbersee, zu einer ganzen Anzahl von Nachbestellungen geführt. Dorns Kinder (Heft 20, Bild 19) Martha Hinteregger erinnerte sich, daß auf dem Bild außer Klemens auch die älteste Schwester Antoinette fehlt. Sie sei ihr immer den schönen Namen der unglücklichen französischen Königin neidig gewesen. Der Ippachwald (Heft 18, S.16 und Heft 19, S. 14) Dazu hat das Katholische Bildungswerk Wolfurt am Sonntag, 17. Mai 1998, eine Lehrwanderung durchgeführt: Vom Ippachwald zur Paradieswiese. Mehr als hundert interessierte Wanderer stiegen den steilen Pfad durch den Wald hinauf. Dabei erinnerten sie sich daran, daß auf diesem Weg einst unsere Bildsteiner Vorfahren zur Taufe und zum Friedhof nach Bregenz oder später nach Wolfurt getragen worden sind. Auf der wunderbaren Lichtung Hoamolitto setzten sich Jung und Alt noch einmal zusammen. Kammerdiener des Kaisers (Heft 19, S. 46) Zu unserer Freude hat nach dem Lesen dieses Beitrages der Bregenzer Historiker Meinrad Pichler den Kammerdiener Kaspar Kalb zum Gegenstand seiner Forschungen in den Wiener Archiven gemacht. Er berichtet darüber in diesem Heft. Dabei hat er dort gleich auch noch einen verschollenen Rickenbacher entdeckt: Mathias Kalb, geboren am 24. Februar 1775, war das 15. von 18 (achtzehn) Kindern des mit Kaspar Kalb nicht verwandten Sebastian Kalb. Die Familie lebte im Haus Bildnachweis Karl Hinteregger Bild 2 Alle anderen aus der Sammlung Heim, meist Reproduktionen von Hubert Mohr oder Karl Hinteregger. Bitte ! Diesem Heft 21 liegt wieder ein Erlagschein bei. Konto Heimatkundekreis 87 957 Raiba Wolfurt. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag die Herausgabe weiterer Hefte zu ermöglichen. Wegen der geringen Auflage sind die Druckkosten doch relativ hoch. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt Bild 2: Erlebte Heimatkunde auf Hoamolitto 3 domus 127. Es stand am Platz von Hofsteigstraße 53 beim Kreuz und ist 1897 abgebrannt. Nach dem Tod des Vaters und der meisten Geschwister wurde Mathias Kalb Soldat und galt schon 1805 als verschollen. Nun hat ihn Pichler in den alten Schritten in Wien als Schätzmeister bei den Handschuhmachern gefunden. Seine nächsten Verwandten wären heute Kirchberger-Kalbs aus dem Alten Schwanen. Barmherzige Schwestern (Heft 17, S. 61) Aus Zams hat wieder Sr. Isabella Schedler geschrieben und sich für ein Heftchen bedankt. Dann erzählt sie aus ihren Erinnerungen: Im Kriegsjahr 1918 nahm Igels Hilda sie einmal mit zur Schule. Dort bekamen hungernde Schüler in der großen Pause aus einem Kessel einen Teller Gerstensuppe mit großen schwarzen Su-Kichora (Saubohnen) geschöpft. Später machte sie mit der dritten Klasse unter Lehrer Bitriol einen Ausflug: Eine lustige Fahrt mit dem Wälderbähnle nach Doren, dann zu Fuß über das Tobel nach Krumbach und nach fröhlicher Einkehr wieder zurück. Einsetzender Regen zwang die Klasse zum Unterstehen. Da hielt ein sechssitziges Luxusauto. Alle die vielen Mädchen wurden auf den Polstern übereinander gestapelt. Die Buben band man mit einem Seil auf dem Gepäcksträger und auf den Trittbrettern fest. So erreichten sie alle noch rechtzeitig den Zug am Bahnhof in Bozenau. Auswanderer (Hefte 5, 9, 11, 13 und 15) Wieder sind etliche Briefe von Nachkommen der Wolfurter Auswanderer nach Amerika eingetroffen. Aus Monticello in Iowa schreibt Brenda Knipper, eine Urenkelin des 1888 von der Hub nach Petersburg bei Dubuque ausgewanderten Mathias Bildstein. Während die einst sehr zahlreichen Bildstein im Kirchdorf, in der Bütze, an der Hub und im Röhle mit Klara Bildstein 1951 ausgestorben sind, leben noch zahlreiche aus Wolfurt stammende Bildstein-Familien in Bregenz, Lauterach und eben in Amerika. Dort bewirtschaftet z. B. Jim Bildstein (Jg. 1943) in Delaware County eine Großfarm mit mehreren Quadratkilometern Grund. Natürlich gibt es auch in Wolfurt noch ein paar Dutzend (entfernt) Bildstein-Verwandte - aber keiner kennt den reichen Onkel in Amerika! Aus Fremont in Ohio schreibt Marilyn Fisher. Sie gehört zur Sippe der StöoglarFischer und ist zu den Seppar-, Klosos- und Schnidarles-Fischer in Wolfurt verwandt, aber auch zu ßafto/zar-Schwerzlers und zu Bäschle-Köbs. Ihr Ahn Nikolaus Fischer ist mit seiner großen Familie 1853 aus dem Haus Wälderstraße 10 (Dürs) ausgewandert (Siehe Heft 8, S. 7!). Bruder und Vater waren Sternen-Wirte im Strohdorf gewesen. Nun sucht auch sie Bilder und Informationen für ein Familienbuch. Siegfried Heim Wohnen in Wolfurt Ein Dach über dem Kopf haben! - Grundbedürfnis für alle Menschen, so wie Essen und Schlafen. Ein Haus bauen! - seit ewigen Zeiten ein Urtrieb tief in uns. Kinder bauen ihr erstes Haus aus den Küchenstühlen und einer Wolldecke. Und welch großen Stolz haben sie ein paar Jahre später auf die selbst genagelte Bretterhütte hinter dem Haus oder gar auf dem Baum! Auch die Großen streben nach einem Ziel: nach einem Platz, wo man trocken und warm und in Frieden mit den Nachbarn wohnen kann. Das war immer so, von den Höhlen der Steinzeitjäger angefangen bis zu den Luxusvillen unserer Tage. In den letzten fünfzig Jahren hat sich das Bauen überschnell entwickelt, auch bei uns in Wolfurt. Mit dem Niedergang der Landwirtschaft haben die meisten der 200 Wolfurter Bauernhäuser ihre alte Funktion mit Stall und Stadel verloren, aber auch als Wohnung für eine Großfamilie mit Großeltern und Tanten stehen sie nicht mehr hoch im Kurs. Viele wurden daher abgebrochen. Bei den meisten anderen wurden die Stadel zu Garagen, Geschäften oder Wohnungen umgebaut. Die Fassaden erhielten durch neue Beläge, "moderne" Fenster und Haustüren ein verändertes Aussehen. Einige wenige von den alten Häusern wurden behutsam restauriert. Die letzten der schönen Rheintalhäuser prägen das Bild unserer Gemeinde. Sie verdienen unsere besondere Aufmerksamkeit, denn ihre Entwicklung hat mehr als 1000 Jahre lang gedauert. Das Einraumhaus Als die Alemannen um das Jahr 500 in unser Land kamen, waren die aus Stein gebauten römischen Villen in Brigantium mit ihren Säulenreihen und den Hypocaust-Zentralheizungen bereits dem Verfall preisgegeben. Die neuen Siedler erbauten ihre schlichten Häuser in der Nähe von Bächen und Wäldern, bei uns in Wolfurt also am Tobelbach, am Holzerbach in Unterlinden, an der Hub und am Rickenbach. Beim alemannischen hus trugen starke Holzpfosten ein Strohdach. Die Wände bestanden aus einem dick mit Lehm beschmierten Rutengeflecht. Im Lauf vieler Jahre entwickelte sich aus diesem Pfostenbau in manchen Ländern das Fachwerkhaus, bei uns aber das gestrickte Haus. Zuerst bestand es aus einem einzigen Raum. Mittelpunkt war die offene Feuerstelle, die für Licht und Wärme sorgte. Es gab weder Fenster noch einen Kamin, wohl aber genug Fugen für den Abzug des Rauchs. Auf dem festgestampften Lehmboden lag Laubstreu als Schlaflager für die ganze Familie und auch für die Haustiere. An den Wänden hingen Werkzeuge und Waffen. Im Rauch unter dem Dach hielten sich die Vorräte am längsten. Als Tür diente ein Tierfell, das durch große Holzklötze (Riegel) gesichert werden konnte. Für Getreide gab es außerhalb des Hauses eigene Speicher. 4 5 Vorstufen zum Rheintalhaus Viele Jahrhunderte lang genügte das hölzerne Einraumhaus den bescheidenen Ansprüchen der Bauern, während sich in Klöstern und Städten bereits die Steinbaukunst entwickelte. Auch die Burgmauern auf den nahen Hügeln mußten meist von den leibeigenen Bauern aus massiven Steinen aufgetürmt werden. Das Bauernhaus machte erst etwa um das Jahr 1200 den Schritt zum Zweiraumhaus.2 Eine Wand teilte jetzt den Schlafraum von der Wohnküche ab und hielt den Rauch fern. Auch aus der Küche leitete ein großer Rauchfang über dem offenen Feuer den quälenden Rauch durch das Dach hinaus, wenigstens bei günstigem Wetter. Drei Räume Um das Jahr 1500 fand bei uns das Bauernhaus dann schließlich seine Dreier-Grundstruktur irut Küche, Stube und Gaden3. Ein Fundament aus Bruchsteinen schützte die Holzwände vor Bodenfeuchtigkeit. An die Stelle des Strohdaches war ein flaches Schindeldach getreten, das durch schwere Steine gehalten wurde. Scheibenlose Löcher, die durch Läden verschlossen werden konnten, ließen Licht und Luft ein. Wichtigster Raum blieb die Küche, die sich als Flurküche quer durch das ganze Haus zog. Ein abgedecktes Kellerloch im Küchenboden hielt die Feldfrüchte feucht und kühl. Noch immer war ein Laublager im Gaden die gemeinsame Schlafstelle der Familie, nur erwachsene Kinder schliefen auf der Brüge4 unter dem Dach. Wasser schöpfte man aus dem nahen Bach. Schon 1517 legten die Dörfler unter Ammann Sebastian Schnell5 nach dem Vorbild der Städte Düchelrohre vom Schloßbühel zum Kirchplatz und erhielten so ihren ersten gemeinsamen Brunnen. Aber noch bis in unser Jahrhundert, als es neben vielen hauseigenen Laufbrunnen auch längst Pumpbrunnen gab, versorgten sich manche Familien mit Trink- und Waschwasser aus den klaren Bächen. Ein an das Haus angebauter Schopf war zum Vorratsstadel für Getreide, Stroh und Brennholz geworden. In dem darin eingebauten kleinen Stall hatten die Kuh und das Schwein ihre Verschläge. Über dem Schweinestall gackerten in einem Holzkäfig die Hühner. Der Stall diente aber auch als Abort. Erst viel später wurde im Stall oder auch außerhalb neben dem Misthaufen ein Hüsle mit einem Sitzbrett erstellt. Für nächtliche Bedürfnisse hatte man ja im lichtlosen Gaden den Nachthafen. Das Rheintalhaus Im 18. Jahrhundert bildeten sich dann aus dem Dreiraumhaus mehrere Formen unseres Hofsteiger Rheintalhauses heraus. Hauptgrund der Veränderung war der Bedarf nach einem Arbeitsraum für die nun vermehrt auch im Dorf ansässigen Handwerker und nach einem größeren Keller. So baute man jetzt Häuser, in denen die drei Räume unterkellert und damit in den ersten Stock gehoben wurden. Zur Haustüre, die weiterhin auf der Traufenseite des Hauses direkt in die Küche führte, mußte man jetzt über eine hohe Außenstiege hinaufsteigen. Das Baumaterial hatte sich stark verändert. Eine Reihe von Steinbrüchen am Steußberg Die Entwicklung des Flurküchen-Hauses 6 7 V. Das große Rheintalhaus - etwa ab 1700 Bild 5: Kleines Rheintalhaus. Schulstraße 4, Knores. Erbaut 1873, abgebrochen 1984. lieferte jetzt leicht bearbeitbare Mergelsteine für die Mauern des Kellergeschosses und für den Keller selbst, der schließlich ein massives Gewölbe bekam. Mit dem an der Ach gebrannten Kalk konnte man die Mauern festigen. Wichtigster Baustoff blieb aber das Holz aus dem Ippachwald. Aus Tannenstämmen fertigte man die mit der schweren Axt beschlagenen Balken, aus denen die Hauswände gestrickt wurden, und Pfättona und Rafo6 für den Dachstuhl. Breite Fleocka1 brauchte man in großer Zahl für Wände und Decken. Durch den Rauch aus der Küche wurden sie so gebeizt, daß ihnen Fäulnis und Wurmfraß nichts anhaben konnten. Die Fenster besaßen jetzt Butzenscheiben, kleine kreisrunde Glasscheibchen, die in Bleirahmen eingelötet waren. Etwa ab 1750 wurde das flache Schindeldach durch das viel steilere Ziegeldach abgelöst, unter welchem nun auch noch eine Schlafkammer Platz fand. Daneben setzte sich bei vermögenden Familien um diese Zeit auch schon immer mehr die zweistöckige Form des Rheintalhauses durch, die mit zusätzlichen Kammern mehr Schlafplatze für die Großfamilien und für jeden Erwachsenen ein eigenes Bett bot. Gelegentlich und ab 1850 sehr häufig wurden die Kammern als Quartier vermietet. Zusätzlich gewann man durch einen Anbau hinter dem Haus noch einige Räume. Die steinerne Außenstiege wurde fast überall durch hölzerne Innenstiegen ersetzt. Die schwere eichene Haustüre führte jetzt ins Unterhus, einen kleinen Raum am Fuß der steilen Stiege. Die Türe besaß außer dem mächtigen Schloß noch einen Balken als ausziehbaren Nachtriegel, der tagsüber in die dicke Mauer geschoben wurde. Oben in der Küche brannte noch bis etwa 1850 meist ein offenes Feuer unter dem Rauchfang. Wenn die Haustüre geöffnet wurde, trieb der Luftzug den Rauch bis in den Dachboden hinauf. Der Küchenboden bestand über dem Kellergewölbe aus gestampftem Lehm und war mit Steinplatten belegt. Er mußte ja unbedingt feuerfest sein. Trotzdem forderten Feuersbrünste immer wieder Opfer unter den leicht brennbaren Holzhäusern. 8 9 Bild 6: Großes Rheintalhaus. Kirchstraße 2, RichHöfles. Erbaut vor 1760, abgebrochen 1973. Bild 7: Genossenschaftsbrunnen Hub. Neu erstellt 1891. Eine zweite Feuerstelle neben dem Herd beheizte den Ofen in der Stube. Dort wurde nun im 19. Jahrhundert an vielen Orten eine Kust eingebaut, eine beheizte steinerne Ofenbank, die sich zum in den Steinhäusern der Stadt längst bekannten Kachelofen entwickelte. Auch der Herd hatte eine Sandsteinplatte mit zwei Löchern für Kessel und Pfanne und einen direkten Rauchabzug in den Kamin bekommen. In seiner Chronik berichtet Vorsteher Flatz, daß 1860 auch in Buch schon sehr viele Häuser Sparöfen und Kunstherde besäßen.8 Die Steinplatte auf dem Herd wurde bald durch eine gußeiserne Platte mit Ringen ersetzt. Ein eingebautes küpfernes Schiff hielt ständig ein paar Liter warmes Wasser bereit. Das Wasser trug man noch bis 1950 fast überall in Kübeln vom Brunnen in die Küche. Die Wäsche wurde im Freien oder in einer eigenen Waschhütte gewaschen. Hausgemeinschaften und Einzelhöfe hatten inzwischen die Quellen auf den Büheln in ihren Brunnenstuben gefaßt. Mit den großen Brunnen im Dorf, in Unterlinden, Strohdorf, Spetenlehen und Rickenbach gab es in der Gemeinde nun mehr als 50 Laufbrunnen. Dazu kamen seit dem 19. Jahrhundert sehr viele Golggar-Pumpbrunnen. Sie taten noch gute Dienste, bis 1953 das erste Gemeinde-Wasserwerk in Betrieb ging. Und wie war es mit den Badezimmern? Die Germanen hatten, so berichten römische Geschichtsschreiber, noch nackt in den Flüssen gebadet. Die Römer entwickelten in ihren Thermen eine hohe Badekultur. Wannenbäder weist auch der berühmte Klosterplan von St. Gallen aus dem Jahre 820 auf. Und aus Albrecht Dürers großartigen Graphiken erfahren wir, daß zumindest in den Städten noch am Ende des Mittelalters Gemeinschaftsbäder üblich waren. Dann aber begann jene Zeit, wo man Nacktheit mit Sünde in Verbindung brachte. Jetzt erlaubte man dem Wasser keinen Zutritt mehr zur Haut, außer an Gesicht, Händen und Füßen. Mangelnde Hygiene hatte katastrophale Folgen bei Infektions- und Kinderkrankheiten. So war es ein großer Fortschritt, als zu Beginn des 20. Jahrhunderts wenigstens eine 10 schmale hölzerne Badgelte für den Säugling in Gebrauch kam. Im Winter wuschen nun nach dem Säuglingsbad auch die größeren Geschwister in dem warmen Wasser ihre Füße. Zwei geradezu luxuriöse Badezimmer lassen sich erstmals in der 1907 erbauten Villa Schertler in der Bütze nachweisen, ab 1936 auch eines im Schloß. Nur ganz wenige Badewannen wurden auch in anderen Häusern eingebaut. In den Bauernhäusern tat dagegen höchstens einmal vor hohen Festtagen eine Waschgelte mit heißem Wasser gute Dienste. Voll Neid hörte man davon, daß es in Kennelbach bereits seit 1925 ein Volksbad mit vier Badewannen und ab 1939 ganz moderne Badeanlagen im Kameradschaftshaus gab.9 In Wien gab es das erste Volksbad übrigens auch erst ab 1887. Bei uns in Wolfurt wurden Badezimmer erst in den vielen neuen Einfamilienhäusern ab 1948 allgemein üblich. In den alten Rheintalhäusern wurden sie erst später nach und nach eingebaut. Seither hat übertriebene Hygiene auch schon wieder manches Unheil angerichtet. Zurück zur Küche mit dem alten Feuerherd! Die rußigen Wände bekamen jedes Jahr beim Frühjahrsputz einen frischen Anstrich. Mit selbst gelöschtem Kalk wurden sie gwißlot. Obwohl die Küche düster und dem Durchzug ausgesetzt war, blieb sie noch lange der wichtigste Raum für die Familie. Hier wurde gegessen und hier spielten auch die Kinder, wenn ihnen nicht im Hinterhaus ein Stühle zur Verfügung stand. Die gute Stube blieb ihnen meist verschlossen. Dort, wo der Glaskasten allerlei Schätze und Dokumente barg und wo das große Kanabee und der prächtige Herrgottswinkel Würde und Ernst verlangten, hatten sie nur an hohen Feiertagen Zutritt. Hier waren die gestrickten Wände und die Fleckendecke durch eine Täfelung (a gstemmts Täfor) verschönert worden. Auch außen hatten die rohen Balken gegen Ende des 19. Jahrhunderts ein ansehnliches Kleid aus Schuppenschindeln bekommen. Dazu gab es jetzt auch Krützstöck mit größeren Scheiben und mit Fensterläden und Vorfenstern für den Winter. 11 Bild 8: Nachtlopf: An bluomoto Nachthafo. Bild 9: Einfamilienhaus mit Kniestock: Wälderstraße 9. Im Gaden standen neben den Ehebetten mehrere Kinderbetten mit rauhen Laubsäcken, doch hatte nur selten jedes Kind ein Bett für sich allein. Das große Lawor auf dem Waschtisch wurde eigentlich nur von Hebamme und Doktor benutzt, wenn sie um Hilfe gerufen werden mußten. Die verschiedenen Nachthafo unter dem Bett, im Nachtkästle oder im Stuhl brauchte man dagegen alle Tage. Seit die Küche nicht mehr direkt neben dem Stall, sondern einen Stock höher lag, hatte man über dem Stall als Abort a Hüsle von der Ströüe-Bo10 abgeteilt. Ein winziges Fensterchen im Bretterschirm ließ Luft in den kalten Raum. Im Schulhaus und im Vereinshaus mußte so ein Plumps-Klo über mehrere Stockwerke funktionieren. Spülklosetts wurden erst mit dem Fließwasser nach 1950 eingeführt. Drunten im Unterhus führte eine Türe direkt in den Stall, eine andere in die Werkstatt und die dritte über hohe Steinstufen in den dunklen Keller hinab. In dem feuchten Raum wurden neben dem in Eichenfässern gelagerten Most auch Obst auf einer Brüge, Kraut in der Stande, Käse im Kästrog, eingekalkte Eier, Essig und Bodobiora kühl gehalten. Eine Werkstatt in der Größe von zwei Stuben mußte damals, als es noch keine Maschinen gab, dem Handwerksmeister samt Gesellen und Lehrling für ihr Gewerbe ausreichen, dem Schreiner, dem Sattler und dem Küfer genau so, wie dem Gerber und dem Schmied. Sehr häufig war in Wolfurt die Werkstatt aber als Webkeller eingerichtet, wo auf dem großen Webstuhl eigener Flachs zu kostbarem Leinen und später Baumwolle zu Tuch gewoben wurden. Nach 1870 stellte man hier Handstickmaschinen und ab 1900 fast überall Stickautomaten auf. Im oberen Stock waren die Schlafkammern für die großen Kinder und für andere Familienangehörige, die hier das Hausrecht besaßen. Oft gehörten altledige Tanten und Onkel zur bäuerlichen Großfamilie, bei der Arbeit genau so wie beim gemeinsamen Essen. In den Kammern standen auch die Vorratstruhen, angefüllt mit Korn, mit 12 Nüssen oder mit Schnitz11, die die Bäuerin auf dem Vordächle oder im Ofenrohr gedörrt hatte. Den Kamin hatte man zu einer Rauchkammer ausgeweitet. Das dort aufbewahrte Selchfleisch von der im Winter geschlachteten Sau mußte, in schmale Binden zerteilt, für ein ganzes Jahr ausreichen. Ganz wichtig war auch der Dachboden. Ufzug hieß der große Raum damals, weil man an einem Seilzug über eine Rolle oder einen Wellenbaum12 schwere Lasten bis unter die Dachbodenbalken heben konnte. Am meisten Platz brauchten da droben die großen Gestelle, an denen die Türkenkolben, ordentlich zu Paaren gebunden, zum Trocknen hingen. Daneben lagerte das Heizmaterial für Herd und Ofen: Buschla, Schittor, Kreos, an vielen Orten auch Schollo oder Trestorkäsle13. Und natürlich war noch Platz für abgelegten Hausrat, alte Werkzeuge und Möbel und vielerlei Kram, der in Schachteln und Kisten auf neue Verwendung wartete. Denn weggeworfen wurde nichts, gar nichts! Bis die neue Zeit das Dorf, die Menschen, ihr Denken und Wünschen völlig veränderte. Bis der Stall geschlossen und die Wiesen verbaut wurden! Die jungen Leute arbeiteten ungeheuer schwer, als sie nach dem großen Krieg die ersten Einfamilienhäuser mit eigenen Händen aufmauerten. Kleine Kniestockhäuser waren es zuerst, mit einem angebauten Holzschopf. Ein Elektroherd mit Zusatzofen und der erste Kühlschrank waren der große Stolz der jungen Hausbesitzer. Jeden Freitag kam die Schwiegermutter zum Baden! Am Samstag brauchte man das Wasser aus dem Boiler für die eigene Familie. Ein paar Jahre später wurden die neuen Häuser schon zweistöckig gebaut. Eine Garage und eine Fernsehantenne gehörten jetzt selbstverständlich dazu, und auch eine Waschmaschine, ja sogar ein Telefon. Und dann überschlug sich das Häusle-Bauen im ganzen Land. Schwarzarbeiter auf der einen, übermoderne Architekten auf der anderen Seite streuten Häuser, Paläste, 13 Betonblocks und Reihenhäuschen wirr und kunterbunt in die Felder und auf unsere schönen Bühel. Alle paar Jahre stellten neue Propheten neue Forderungen auf. Baubehörden und Flächenwidmungsplaner hatten einen schweren Stand. Kritisiert wurde alles und gebaut auch. Der Hausbau war jetzt den kurzzeitigen Modetrends genau so unterworfen wie Damenkleidung oder Haarfrisur. Kratzputz wurde von schwarzem Eternit abgelöst, Sichtbeton von rohen Schirmbrettern und großflächigen Schaufenstern am Wohnzimmer. Von einer Einheitlichkeit der Dachformen, wie sie sich bei uns durch ein ganzes Jahrtausend entwickelt und bewährt hatte, war keine Rede mehr, von Grundrissen, die einer Familie ein ganzes Leben lang genügen sollten, noch viel weniger. Beinahe wäre ein paar Jahre lang sogar das Einraum-Haus wieder modern geworden. Bild 10: Zweistöckig: Wälderstraße 12. Ein Bauplatz in Wolfurt vereinigte zwei der von den meisten Bauwerbern angestrebten Werte in sich. Erstens versprach die Nähe zu den Städten Bregenz und Dornbirn gute Berufsmöglichkeiten. Dann aber bot die Lage im Grünen, nahe bei Wald, Berg und See, auch einen hohen Freizeitwert. Das lockte immer mehr Zuwanderer an, auch als die Bauplatzspreise schwindelnde Höhen erklommen. In seinem Bildband Wolfurt, Ein Dorf verändert sich hat unser Dorffotograf Hubert Mohr das Geschehen dieser Jahre festgehalten. Die meisten heutigen Wolfurter schätzen ihre schönen Wohnungen, die Wärme des neuerdings wieder eingebauten Kachelofens und das Kanapee ebenso wie die Sitzgruppe draußen auf der Terrasse. Für manche ist die Wohnung aber nur mehr Schlafplatz. Am Sonntag suchst du sie vergeblich daheim. Irgendwo auf einer Jacht auf dem See sind sie vielleicht oder am Rasenmähen beim Wochenendhäuschen. Oder aber sie sind zu Nomaden geworden und stecken mit ihren Wohnwagen im Stau am Brenner. Wohnen? - Das heißt doch eigentlich Daheim sein! Warm und trocken und in Frieden mit sich selbst und mit den Nachbarn! ' Kreuzweise übereinander gestapelte Balken (Stricke) werden durch Holzzapfen fest verbunden. 2 Zeitangaben nach Ilg, Volkskunde Vorarlbergs, Band III, S. 291 3 Das Gaden ist die Schlafkammer der Eltern neben der Küche. 4 erhöhtes Holzgestell, auch zur Einlagerung von Vorräten. 5 Siehe Heft 13, S. 26! 6 Die Pfätte (Mz. Pfättona) ist der tragende Längsbalken am Dachstuhl, auf dem die Rafen aufliegen.Diese tragen dann die Dachlatten und die Ziegel. 7 Eine Flecke ist ein schweres starkes Brett, das, genau wie auch der Strick, durch Behauen eines Baumstammes angefertigt wurde. 8 Joseph Flatz, Buch 1860, S. 23 9 Bild 11: Blockwohnungen: Lerchenstraße 11. Sinz, Kennelbach, S. 347 Lagerplatz für Streue '' Dörrobst aus zerschnittenen Äpfeln und Birnen ' 2 Ein drehbarer Baumstamm als Wellenbaum ist im Ufzug des alten Schertlerhauses (AltvorStehers) in Unterlinden erhalten geblieben, I3 Buschein (Reisigbündel), Scheiter, Zweige, Schollen (Torfstücke) und käseförmig gepreßte und getrocknete Maischereste l0 Bild 12: Außergewöhnliche Architektur: Fattstraße 37. 14 15 Siegfried Heim G.F.G., der Ornath-Händler Gallus Fidel Gantner Es war im Jänner 1977, als sich bei mir daheim im Oberfeld ein älterer Herr als Heimatkundler Ernst Geel aus Sargans vorstellte und in urwüchsigem Bündner Dialekt nach dem Ornath-Händler Gallus Fidel Gantner in Wollfurt bey Bregenz am Bodensee erkundigte. Der seltsame Name elektrisierte mich. Ich hatte ihn schon viele Jahre früher gehört. In der schattigen Achschlucht in Buch besitzt unsere Familie seit 200 Jahren einen schroff abfallenden Waldteil. Wenn der Vater uns Buben dort die Marken suchen ließ, fanden wir immer wieder auf uralten eibenen Pfählen das Brennmal GFG. Was hieß das wohl? Daheim zeigte der Vater uns dann den vergilbten Marckenbeschrieb aus dem Jahre 1794, in welchem sich neben unserem Ahnherr Crispinus Bildstein, dem Krämer in Hanso Hus an der Wolfurter Kirchenstiege, auch sein Schwager mit eigener Hand ich Gallus Fideli Gantner Fahnenschneider in Wolfurt, als inhaber bemelten Holtz bezeichnet.1 Bild 14: Haus Kirch'straße 22, Rasiorars. Von Fidel Gantner 1772 erbaut. Gall Fidel Gantner (Ganter, Ganther) aus Bregenz-Wolfurt,.Silber- und Paramentenhändler. In den Jahren 1804-1840 lieferte dieser Händler eine ganze Reihe von Kirchengeräten, namentlich Kelche, in Aargauer Pfarrkirchen. Die letzteren haben zumeist kupfervergoldete Füße. Er ließ die Kunden im Glauben, er habe sie selbst gemacht. Die Kelche gleichen auffallend denjenigen des bisher unbekannten Augsburger Meisters IM ... und stammen wahrscheinlich aus dessen Werkstätte 2 Nach den Wolfurter Büchern müssen wir die vielen Geschäfte Gantners auf einen Vater G.F.G. und einen gleichnamigen Sohn aufteilen. Die erste Eintragung hat Pfarrer Jos. Andr. Feuerstein 1772 gemacht: Domus 57 an der Kirchgaße. Gallus Fidelis Gantner von Veldkirch, natus 751 7bris 8, nupsit 1772 Catharina Bildstainin von Wolfurth? Aus Feldkirch stammte also der junge Handelsmann, der 1772 eine der Töchter des schon 1753 verstorbenen ersten Wolfurter Arztes Antonius Bildstein, eine Schwester des Krämers Crispin Bildstein, zur Frau nahm. Zu seiner Hochzeit hatte er im Jahre 1772 ganz neu das Haus 57 in die Kurve der Kirchstraße gestellt. Es trug später noch vier andere Nummern und ist heute unter Kirchstraße 22 (Rasiorars) eines jener schönen alten Rheintalhäuser, die unser Dorfbild prägen. Gantners Frau Katharina starb schon 1791 bald nach der Geburt ihres neunten Kindes. Er heiratete noch im gleichen Jahr Elisabeth Achberger de Besenreuthe, die ihm weitere 8 Kinder gebar, zusammen also 17 Kinder. Viele davon starben allerdings schon in den ersten Lebensjahren. Es muß ein tüchtiger Mann gewesen sein, der in der Zeit der Franzosenkriege ein internationales Handelsgeschäft aufbauen und betreiben konnte. In der Schweiz sind seine Lieferungen in den Aargau 1804 in Mühlau, 1805 in Bünzen, 1813 und 1815 in Waltenschwil nachgewiesen.4 Seine letzte Reise führte Gantner aber nach Tirol. 1817 17 Bild 13: Gantners Schrift: ich Gallus Fideli Gantner Und nun tauchten also Dokumente auf, aus denen ersichtlich wurde, daß jener G.F.G. geschäftliche Beziehungen bis weit in die Schweiz unterhalten hatte. Nach Sargans hatte er zum Beispiel für 25 Gulden ein Meßgewand geliefert. Später fand ich den auffälligen Namen noch oft im Archiv. Als Fahnenschneider bezeichnete Gantner sich selbst, weil er Kirchenfahnen für die damals noch so häufigen Prozessionen herstellte. Ornath-Händler läßt aber den Schluß zu, daß er auch die mit kostbaren Goldfäden und mit Stickereien gezierten Meßgewänder samt Stola und Manipel in seinem Angebot führte. Und eine Forschungsarbeit der Schweizer Historikerin Dora Fanny Rittmeyer (+1966) zählt ihn sogar zu den Goldschmieden: 16 Jäner löte Gall. Ficlele Gantner Fahnenschneider, ist zu Innspruck auf einer Reise an Einem Schlag, welchen er an der Neujahr Nacht bekommen gestorben.5 Durch seine engen Beziehungen zu den Goldschmieden von Bregenz, Augsburg und Feldkirch, hatte Gantner auch veranlaßt, daß zwei seiner Nachbarn im Wolfurter Kirchdorf, die Vetter Joseph Geiger und Joseph Haltmayer, Zugang zu dem außergewöhnlichen Kunsthandwerk fanden. Beide wurden selbst Goldschmiede in Feldkirch. Ihr Leben hat Christoph Volaucnik im anschließenden Beitrag beschrieben. Zwei von den Söhnen Gantners führten das Handelsgeschäft weiter. Der gleichnamige Sohn Gallus Fidel Gantner junior, 1786-1863, belieferte weiterhin die Schweizer Kirchen. Er wird dort von den späteren Forschern mit seinem Vater als eine Person gesehen. Die Familie Gantner galt nach 50 (!) Jahren in Wolfurt immer noch als fremd und mußte jedes Jahr als Beisassen zwei Gulden Fremdengeld bezahlen. 1823 gelang dem Sohn in einem gut vorbereiteten Treffen endlich die Einbürgerung: & Vorstehung durch freiwillige Sammlung von den Gemeindsangehörigen, eingehoben werden solle. Wolfurt den obig. Dato Jos. Aloys Grasmayer PfarrerVorsteher Fink Joh. Georg Kloker Kirchenpfleger Fidele Gantner Ornathändler Kontrakt geschehen in der Behausung des Fidel Gantner Ornathändler zu Wolfurt den 14ten May 1823. In Gegenwart des Hl. Pfarrer Graßmayer, Vorsteher Fink & Gemeinds Rath Klocker, wurde vom gedachten Gantner folgende Kirchenornat in dem billichsten Preise aberkauft, wie folgt. 1.1 Ein Rauchmantel 2.1 Ein Rauchfas 3.1 Ein Stohl zu Kirche 90 fl 15 f 5 f 24 x betragt 110fl 24 x R.W. Nachdeme äusserte sich Gantner, daß er, wie auch schon sein Vater sei. das betreffende Beysas Geld, schon so viele Jahre her an die Gemeinde Wolfurt mit 2fl Jährl. bezahlt haben, und macht gegenwärtig das ansuchen, daß er für sich, und für seine gegenwärtige & nachkommende Kinder, in das Gemeindsbürger recht, mit einer billichen Ausgleichung einverleiben lassen wolle. Mitthin wurde auf gegenseitiger Kontrachirung folgende Ausgleichung gütlich geschlosen, das Gantner für das jähr!. Beysas Geld, überhaupt - 45 fl 24 x sage vierzig & fünf Gulden 24 x R.W. von obiger Summe abzusetzen habe, und somit seye er und seine Familie für je und allzeit wie andere Gemeinds Bürger anzusehen und zu behandeln. Wenn allso diese Schuldigkeit von obigem guthaben abgesetzt wird, so bleibt die Gemeinde dem Gantner - 65 fl. Welcher Betrag auf anlangen des Hl. Pfarrer, 18 Schon 1814 hatte noch Vater Gantner in der Bütze ein neues Haus C 83 gebaut, das bis heute als Bützestraße 7 (Hintereggers) erhalten geblieben ist. Dort lebte jetzt der Sohn Gallus Fidel mit seiner Familie. Aber die Geschäfte gingen schlecht. 1841 mußte er das Haus verkaufen. Er zog zu seiner Tochter Katharina ins Röhle. Sie war dort (heute Bregenzerstraße 8, Geigers) mit Gebhard Klocker, einem Sohn des Kirchenpflegers, verheiratet und begründete mit ihm die große Sippe der Stricker-Klocker. Verarmt starb der einst hochangesehene Ornathändler im Jahre 1863. Auch ein jüngerer Sohn des Fahnenschneiders, Franz Xaver Gantner, geboren 1801, betrieb einige Zeit den Ornathandel. Beim Unterlindenbrunnen war er im ehemaligen Haus Frickenescherstraße 1 mit Anna Maria Bildstein, einer Tochter des Vorstehers Bernhard Bildstein und Enkelin des Krämers Crispin Bildstein, verheiratet. Auch ihn dürften finanzielle oder private Probleme bedrängt haben. Der Pfarrer notierte bald zu seinem Namen: ist itzt nicht mehr bey seiner Frau. Gantner ging nach Amerika und ließ 1855 seinen Sohn Bernhard nachkommen. Ein weiterer Sohn des ersten Fahnenschneiders, Alois Gantner, geboren 1797, hatte mit seiner Familie noch einige Zeit das Vaterhaus an der Kirchstraße bewohnt. Auch er mußte es 1837 an den Orgler Martin Rohner verkaufen. Gantner übersiedelte nach Rankweil und wanderte von dort ebenfalls mit seiner ganzen Familie nach Amerika aus. So war das Geschlecht der Gantner nach weniger als hundert Jahren schon wieder aus Wolfurt verschwunden. Einzige Nachkommen in Wolfurt und Umgebung sind die vielen Familien der Stricker-Klocker. Ob die alten Meßkelche und das schöne Wettersegen-Kreuz in unserer Kirche oder die prachtvollen Meßgewänder, die zum größten Teil in der Kapelle Rickenbach aufbewahrt werden, allenfalls von der Ornathändlerfamilie stammen, wäre noch zu untersuchen. Einen ganz besonderen Goldschatz hat Gantner aber ohne eigenes Zutun nach fast 200 Jahren noch auf indirekte Weise nach Wolfurt gebracht. Kehren wir dazu zum Anfang dieses Artikels zurück! Als Ernst Geel die erbetene Auskunft bekommen hatte, bedankte er sich dafür mit einer alten Schweizer Zeitung. In den Heimatblättern aus dem Sarganserland vom September 1937 fand sich ein Bericht über den Wolfurter Kelch von Pfäfers.6 Zum ersten Mal hörte ich von dieser großen Kostbarkeit in der Schatzkammer der Schweiz in Zürich. Zwar hatte der aus der Schweiz stammende Gründer des Vorarlberger Landesmuseums Samuel Jenny den Kelch schon 1888 im Jahresbericht beschrieben und ebenso Andreas Ulmer in 19 seinem Burgenbuch von 1925. Dann aber war der Kelch wohl in Vergessenheit geraten. In Benedikt Bilgeris Standardwerk zur Geschichte Vorarlbergs von 1971 fand er jedenfalls keinen Platz. Bei den Vorbereitungen zur Markterhebungsfeier konnte ich nun mit der alten Sarganser Zeitung das Interesse von Museumsdirektor Prof. Elmar Vonbank auf den Wolfurter Kelch lenken. Er griff die Idee auf und brachte durch Zusammenarbeit mit Prof. Karl-Heinz Burmeister und anderen Wissenschaftlern innerhalb eines Jahres im Mai 1982 eine große Ausstellung Die Wolfurter zustande.7 Glanzstück war natürlich der 1364 von Ritter Konrad von Wolfurt gestiftete Meßkelch, der mit Zustimmung der Eidgenössischen Kommission erstmals außerhalb der Schweiz im Landesmuseum in Bregenz und dann auch in Wolfurt gezeigt wurde. Die Forschungen in den Archiven Italiens und Ungarns ergaben jetzt unglaublich viel interessanten Stoff über die Ritter von Wolfurt als Söldnerführer in Neapel und Apulien, Herzöge in Ungarn, Gesandte beim Papst in Avignon, aber auch als Äbte und Äbtissinnen und reiche Burgenbesitzer rund um den Bodensee. Ausführlich berichtete Prof. Burmeister darüber in mehreren Arbeiten.8 Schließlich gelang es dem Verhandlungsgeschick von Bürgermeister Hubert Waibel sogar, im Jahre 1985 eine originalgetreue Kopie des Kelchs in den Besitz der Gemeinde zu bekommen. Ein weiter, aber schließlich doch erfolgreicher Weg von Gantner über Geel, Heim, Vonbank, Burmeister und Waibel bis in die Schatzvitrine der neuen Marktgemeinde Wolfurt! Mögen Gantners Name und seine bestickten Ornate auch längst verstaubt und vergessen sein, vom goldenen Wolfurter Kelch und vom Ritter Konrad lernt heute doch jedes Wolfurter Schulkind. Christoph Volaucnik Zwei Wolfurter Goldschmiede in Feldkirch Joseph Geiger und Joseph Haltmayer In einem Dorf wie Wolfurt gab es früher neben den Bauern auch Handwerker, die aber zumeist für den Bedarf der Bauern arbeiteten wie Schmiede, Zimmerleute oder Müller. Handwerker anderer Berufssparten und besonders solche, die sich auf die Erzeugung von Luxuswaren spezialisiert hatten, konnten nur in einer Stadt ihrem Beruf nachgehen und mußten daher ihr Dorf verlassen und in der Fremde ihr Glück versuchen. Wie schwierig der Aufbau einer Existenz in einer fremden Stadt war bzw. wie schwer man es einem Fremden machte, kann am Beispiel des Wolfurter Goldschmiedes Joseph Geiger nachvollzogen werden. Als Joseph Geiger im Jahre 1793 beim Feldkircher Stadtrat um die Verleihung eines Bürgerrechts, also des Rechtes sich in Feldkirch als Bürger niederzulassen, ansuchte, wurde er abgelehnt.1 Da er sich mit dieser Ablehnung nicht abfand und Einspruch erhob, entstanden einige Akten, die auch biographische Hinweise enthalten. Er wurde am 18. März 1767 in Wolfurt als Sohn des Johann Caspar Geiger und der Agnes Haltmayer geboren. Sein Großvater Kaspar stammte aus Buch und hatte 1711 nach Wolfurt geheiratet. Seine Eltern lebten im Haus No. 22 im Loch, das heute noch gut erhalten als Haus Im Dorf 6, existiert. Sein Vater Johann Caspar wurde 1738 geboren und verstarb 1780. Seine Mutter Agnesa Haltmayerin, 1735 geboren, war eine Tochter des Gerbers Kaspar Haltmayer aus der Parzelle Röhle und verstarb am 9.12.1767, also neun Monate nach der Geburt ihres Sohnes. Der Vater heiratete bereits am 11.4.1768 seine zweite Frau Francisca Winder. Aus dieser Ehe stammten sechs Kinder.2 Joseph Geiger machte seine Berufsausbildung zum, wie es in den Dokumenten heißt, „Gold- und Silberarbeiter" in Bregenz. Da er keine Zeugnisse der Zunft vorweisen konnte, verhörte der Bregenzer Stadtrat die Witwe des Lehrmeisters und stellte aufgrund dieser Befragung eine Bestätigung aus.3 Im Feldkircher Stadtratsprotokoll wird erwähnt, daß Geiger zwar ein Vermögen von 550 Gulden besaß, man diese aber für die Gründung einer eigenen Werkstätte als nicht ausreichend ansah. Der Hauptgrund für die Ablehnung dürfte der Schutz der zwei bereits vorhandenen Goldschmiede und ihrer auf der Walz befindlichen Söhne vor einem neuen Konkurrenten gewesen sein. Diese Abschottung des heimischen Handwerks gegen neue Konkurrenz war eine allgemein übliche Haltung des Stadtrates und besonders der Zünfte und wurde in diesem Fall auch ganz offen im Protokoll vermerkt.4 Geiger wiederholte sein Ansuchen im Jahr 1794, es wurden sogar übergeordnete Behörden wie das Landgericht und das Kreisamt eingeschaltet.5 Er legte auch die erforderlichen Papiere vor.6 In einem Brief Geigers vom 25.10.1794 aus Wolfurt weist er darauf hin, daß man ihm die Aufnahme als Bürger versprochen habe, wenn es ihm gelin21 Privatarchiv Heim Rittmeyer, Von den Bregenzer Goldschmieden, Zeitschrift „Montfort", 1966 ' Pfarre Wolfurt, Catalogus II, Seelenbcschrieb von 1772 4 Wie Fußnote 2 5 GA Wolfurt, Chronik Schneider 2, S. 59. 6 Verfaßt von Th. Nigg, abgedruckt in Fortsetzungen im Wolfurter Informationsdienst ab 1980 7 VLM, Katalog 99, Die Wolfurter, Bregenz 1982 8 Burmeister, Das Edelgcschlecht von Wolfurt, Museumsverein Lindau 1984 und Burmeister, Die Siegel der Edlen von Wolfurt, Burgenländische Forschungen VII, Eisenstadt 1984 : 1 20 gen sollte, eine Bürgerstochter zu heiraten. Er meint dazu richtigerweise, daß es ihm schwer falle, dieser Forderung nachzukommen, wenn er nicht in der Stadt leben dürfe. Doch wovon sollte er leben, wenn weder der Goldschmied von Zwickle noch der Gürtler Schädler Gehilfen brauchten? Ein Schreiben des Stadtrats zu dieser eher ungewöhnlichen Forderung nach Brautsuche hat sich nicht erhalten, sie ist jedoch im Stadtratsprotokoll vom 28.10.1794 festgehalten. Man bewilligte ihm auf die Einwände Geigers hin den unentgeltlichen Aufenthalt in Feldkirch auf ein halbes Jahr und versprach ihm die Aufnahme als Bürger, wenn es ihm gelingen sollte eine anständige und „vermögliche" Bürgertochter oder eine auswärtige Frau mit Vermögen zu heiraten.7 Zum besseren Verständnis dieser Bedingungen sei erklärt, daß ein Fremder sich in Feldkirch als Bei- oder Hintersäß niederlassen durfte, wenn er eine Gebühr bezahlte und man bei ihm während dieses halben Jahres auf die Gebühr verzichtete. Der Stadtrat verlangte bei der Bürgeraufnahme immer einen Vermögensausweis, da der Bürger ja im Unglücks- oder Krankheitsfall und daraus folgender Verarmung Anspruch auf Unterstützung hatte und man das Risiko armer Bürger minimieren wollte. Natürlich war das Vermögen eines Bürgers auch für das Steueraufkommen der Stadt wichtig. Geiger gelang es tatsächlich, das Herz einer Bürgerstochter für sich zu gewinnen. Im Jahre 1795 teilte er daher den Behörden mit, daß er gedenke „eine ziemlich bemittelte, und einiger Massen schön wohl bejahrte Bürgerstochter zu verehelichen." Seine Braut war Catharina Doldin, Tochter des Bäckermeisters Isidor Dold, der im Haus No 52, heute Schmiedgasse 52 (Himmer), lebte.8 Geiger war bereit, 400 Gulden Einkaufsgeld und die üblichen fünf Gulden für einen Feuerkübel zu bezahlen. Am 8. Juni 1795 gab er die Heirat mit der 36-jährigen Catharina Doldin bekannt.9 Wie ihm diese Brautwerbung gelungen ist und wovon er in diesem halben Jahr lebte, ist nicht zu eruieren. 1796 half er bei der Verpackung des besonders wertvollen Feldkircher Kirchensilbers in Packkisten für die Flucht dieses Kirchenschatzes nach Schloß Forsteck in die sichere Schweiz.10 Man benötigte sechs Kisten dafür. Diese Flucht fand wegen der aus Süddeutschland heranrückenden Franzosen statt. Der Feldkircher Stadtrat ließ gleichzeitig als weniger wertvoll eingestuftes Kirchensilber zum Einschmelzen in die Münzprägestätte in St.Gallen transportieren und kaufte mit dem Erlös Kriegsmaterial. 1806 entnahm der Stadtrat nochmals Gegenstände aus dem Kirchenschatz zum Einschmelzen. Dieser heute unvorstellbare Vorgang war jedoch durch ein amtliches Dekret und einen Beschluß der Landstände gedeckt." Über Geigers Tätigkeit als Gold- und Silberschmied finden sich noch zwei Eintragungen in den Archivbeständen. 1799 befanden sich russische Truppen unter Führung des Generals Suworow in Feldkirch, waren in Bürgerhäusern einquartiert und schonten das Eigentum der Bürger nicht. Der Stadtmagistrat nahm alle diese Kriegsschäden, Russische Erlittenheiten genannt, in einem eigenen Protokoll auf. Der Bäkkermeister Franz Josef Lisch gab zu Protokoll, daß ihm die Russen silberne Schuhschnallen aus dem Kasten gestohlen hätten. Diese habe er vom Goldschmied Geiger 22 um 24 Gulden gekauft. Er bat um Schadenersatz.12 1801 verdiente Geiger sieben Gulden für das Lampenputzen in der Feldkircher Pfarrkirche St.Nikolaus.13 Seine Frau Katharina Doldin verstarb 1809 im Alter von 50 Jahren. Joseph Geiger heiratete 1810 Crescentia Seger von Braz, die 11 Jahre lang bei ihrem Vetter Spitalverwalter Caspar Leo in Dienst stand. Geiger zahlte für seine Frau 100 Gulden Bürgereinkaufstaxe.14 Aus dieser Ehe stammten sieben Kinder, drei Töchter und vier Söhne. Leo war übrigens der Pate aller Kinder. Patin war Josefa Haltmayer, Ehefrau des ebenfalls aus Wolfurt stammenden Goldschmiedes Haltmayer. Wo hat Geiger in Feldkirch gewohnt? 1796 erwarb er von Felix Schwarzhans ein Haus und einen Garten in der „Krezgasse". 15 Ende 1805, anfang 1806 wird im Stadtratsprotokoll die Versteigerung des Hauses von Geiger erwähnt und die Einräumung eines Pfandrechtes für Geiger bestätigt.16 Ob es sich hierbei um eine freiwillige oder zwangsweise Versteigerung handelte, ist nicht eruierbar. 1797 bis 1813 wohnte die Familie Geiger im Haus No 71, das ist heute das Haus Gymnasiumgasse 2.17 Um 1815 zog sie in das Haus 184, Schmiedgasse 8, das heutige Furtenbachhaus, um. In diesem Haus wohnte auch sein Schwager, der Baumeister Franz Xaver Seeger mit seiner Familie.18 1822 ersteigerte er das Haus 193, heute Schmiedgasse 16, und blieb dort bis 1844.Am 15.7.1844 kaufte Adolf Gorhan dieses Haus.19 Es fällt auf, daß Geiger eigentlich immer in oder Nahe der Schmiedgasse wohnte. Geiger dürfte sich mit dem Hauskauf 1801 verschuldet haben, wie erhaltene Schuldverschreibungen aus diesen Jahren beweisen. Blieb Geiger seinem erlernten Beruf treu? Ab 1813 wird Joseph Geiger als aktiver Unternehmer und Pächter immer wieder in den Akten genannt. 1813/14 war er Pächter der städtischen Ziegelgrube und des städtischen Kalkwerkes.20 1816 ist er Associe des Ziegelstadelpächters Seger, vermutlich seines Schwagers, und sucht in dieser Funktion um die Zuteilung von Brennholz an. 1820 verpachtete die Stadt Josef Geiger auf sechs Jahre die Ziegel- und Kalkbrennerei.21 1819 hatte er das Amt eines Vorspannkommissärs, der für militärische Transporte Pferde zu organisieren und die Unkosten zu verrechnen hatte.22 1820 erhielt er den Posten des Holzmeisters verliehen. In dieser Funktion war er für die Verwaltung des städtischen Holzlagerplatzes, der auf dem heutigen Rösslepark lag, und für die Holzverteilung an die Bürger verantwortlich. 2 ' Er gab diesen Posten erst 1844 auf. 1837 hatte er auch das Amt eines Marschdeputierten inne, der für die Verrechnung des Marschkonkurrenzfonds zuständig war. Mit diesem Fonds wurden die Unkosten der militärischen Truppenverschiebungen und Einquartierungen beglichen.24 Es stellt sich angesichts dieser Aufzählung von Beschäftigungen die Frage, ob er das Goldschmiedehandwerk aufgegeben hat. Im Pachtvertrag 1820 wird er als Goldarbeiter bezeichnet, in den Taufbüchern ist bei der Geburt des Sohnes Ferdinand 1816 als Beruf des Vaters „Handelsmann" vermerkt, während er bei den späteren drei Kindern immer als Goldschmied bezeichnet wird. Joseph Geiger verstarb am 18. März 1845. 23 Ein zweiter Wolfurter Goldschmied, Josef Haltmayer, geboren am 1.April 1775 in Wolfurt als Sohn des Martin Haltmayer und der Maria Rieglin, suchte am 2.4.1805 um das Feldkircher Bürgerrecht an. Er entstammte einer seit 1650 im Wolfurter Kirchdorf beheimateten Familie und war ein Cousin Geigers.25 Über eine Beratung seines Ansuchens konnten keine Unterlagen gefunden werden. Am 22.6. teilten die Feldkircher Gürtler und Goldschmiede dem Stadtmagistrat mit, daß Haltmayer sich im unmittelbar an Feldkirch angrenzenden Weiler Heilig Kreuz, der damals zur Gemeinde Tisis gehörte, angesiedelt hatte. Sie baten um Einschaltung des Vogteiamtes und um die Ausweisung Haltmayers. Sie begründeten diese Maßnahme mit den gesetzlichen Vorschriften, welche die Ausübung eines Kommerzialgewerbes, wie es der Goldschmied war, nur in Städten erlaubte. Ob der Stadtmagistrat wirklich das Vogteiamt einschaltete, konnte nicht nachgewiesen werden. Am 17.1.1807 erhielt Haltmayer endlich das Bürgerrecht verliehen, mußte aber vorher noch eine Umsiedlungsbewilligung vorlegen, sein Vermögen in der Stadt Feldkirch versteuern, 150 Gulden in bar als Einkaufsgebühr bezahlen und einen Feuerkübel anschaffen.26 Am 24.8.1807 heiratete er Josefa Mangengin aus Vandans. Die beiden hatten wenige Tage vor der Heirat einen Heiratsvertrag abgeschlossen, der die Einbringung von 500 Gulden von der Braut und 450 Gulden vom Bräutigam als Heiratsgut vorsah.27 Aus dieser Ehe entstammten 6 Kinder, vier Mädchen und zwei Knaben.28 Rätsel gibt sein 1810 gestelltes Ansuchen um die Baubewilligung für eine Werkstätte im Gewölbe des Hauses Marktgasse 183 auf, da sich dieses Haus nach den erhaltenen Hausnummernverzeichnissen nicht in der Marktgasse, sondern in der Schmiedgasse befand.29 Es war das Nachbarhaus des Hauses No. 184, heute Schmiedgasse 4, in dem die Familie Haltmayer seit ca. 1816 nachweisbar ist.30 Vermutlich ist Haltmayer bzw. dem Schreiber des Ansuchens ein Irrtum in der Hausnummer passiert. Haltmayer ließ 1819 das ganze Haus neu decken. Das feuergefährliche Holzschindeldach wurde durch viel sichere Dachziegel ersetzt, was von der Stadt Feldkirch aus feuerpolizeilichen Gründen finanziell gefördert wurde.31 Über Haltmayers Arbeit als Gold- und Silberschmied ist nur durch einige wenige Akten etwas zu erfahren. Aus dem Jahre 1820 hat sich eine Bestätigung erhalten, daß er an den Postwagenkondukteur Thomas Lechtaler in Wien vier Dutzend silberne und einen vergoldeten Weinkegel übersandte.32 Unklar bleibt natürlich, um was es sich hier handeln könnte. 1821 stellte er für den Hohenemser Juden Markus Steinbach Löffel her, die dieser in Tirol verkaufen wollte. Es waren dies ein Dutzend silberne Löffel, zwei Dutzend silberne Vorlegelöffel, die inwendig vergoldet waren, und ein Dutzend silberne Kaffeelöffel.33 Alle diese Gegenstände trugen als Beschaumarke das Feldkircher Wappen und das Meisterzeichen. Damit garantierte die Stadt Feldkirch den richtigen Silbergehalt der Waren. 1828 kam es zu einer amtlichen Untersuchung wegen der Punzierung von Eßlöffeln. 24 Im Akt wird erwähnt, daß Ware, die Haltmayer nicht auf Bestellung anfertigte, oft Jahre im Geschäft lag. Weiters berichtet er, daß sein Sohn Josef ebenfalls den Goldschmiedberuf erlernt habe und sich auf der während der Gesellenzeit vorgeschriebenen Wanderschaft befand.34 Josef Haltmayer scheint ein erfolgreicher Geschäftsmann gewesen zu sein. Jedenfalls konnte er sich im Verlauf der Jahre einigen Grundbesitz erwerben. Er verfügte über Äcker in Altenstadt, Streuewiesen in Tisis, Torfmähder in Ruggel und über einen Weinberg in der Berggasse am Ardetzenberg.35 Es kann daraus geschlossen werden, daß er neben dem Handwerk auch eine kleine Landwirtschaft betrieb, also ein typischer Ackerbürger war. Er verstarb am 22. Mai 1843. Der Sohn erhielt 1838 die Betriebsbewilligung verliehen.36 1847 baute er seine Werkstätte aus.37 Vater und Sohn waren beide in der Feldkircher Großhammerzunft aktiv. Der Vater hatte 1828 den Posten eines Kerzenmeisters inne, der Sohn war 1861 Kerzenmeister und 1862 Zunftmeister.38 Läßt man diese bewegten Lebensläufe nochmals Revue passieren so fällt auf, daß zuerst ungern gesehene Fremde sich voll in das Leben dieser Stadt integrierten. Es sind dies recht typische Karrieren. Feldkirch stand wie jede Stadt für „Fremde" offen, ja lebte in gewissem Maß vom Zuzug. Das war sicherlich ein typischer Unterschied zu Landgemeinden, die sich meist abschlossen und Zuzug nicht gerne sahen. Interessant ist auch die enge verwandtschaftliche Beziehung dieser zwei Goldarbeiter und der Umstand, daß beide Familien sowohl in ihrer Heimat Wolfurt als auch in Feldkirch in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten. Stadtarchiv Feldkirch, Handschrift 41, Seite 100, 1.8.1793 Biographische Recherchen wurden freundlicherweise von Siegfried Heim durchgeführt 'STAK Akt FI Sch 100/18 4 wie Fußnote 1 5 STAF, Hds.42, 124 6 STAF Hds. 42, 304, 26.4.1794 ' STAF, Hds.43, 492, 28.10.1794 "STAF, Sch 33, 1807 9 STAF, Hds.44. 155. 1795 und 8.6.1795 10 STAF. Hds. 563, 70 " Ludwig Kapp, Topographisch - historische Beschreibung des Generalvikariates Vorarlberg. Bandl.Brixen 1894. S.66 12 STAF. Akt 2396. In diesem Protokoll ist ein zweiter Fall von Diebstahl silberner Schuhschnallen verzeichnet. Ein nach Vaduz gehender Feldkircher wurde von russischen Dragonern aufgehalten und ihm die Schuhschnallen abgenommen. Heute noch gehören diese Schnallen zum Bestandteil der Feldkircher Tracht. "STAF. Hds. 568. 61. 1801 14 Vorarlberger Landesarchiv. Landgericht Feldkirch, Sch 22. Akt 1443 " STAF, Hds. 193, Dok. 31 16 STAF, Einlaufprotokoll 2. 31.1.1807, Publ. 52 2 1 25 17 STAF, Häuserbuch von Leopold Manner. Dort 1797 bis 1809 Geiger angegeben. Nach Akt F I Sch 83/24 bis 1813 dort nachweisbar. 18 Reinhard Sessler, Die Schmiedgasse in Feldkirch. Manuskript. o.J., S.30. Alfons Leuprecht, Die Familie Seeger in Vorarlberg. o.O., o.J.,S 98. Ob Geiger nur Untermieter oder Mitbesitzer war, ist unklar. 19 STAF, Abschrift Seelbeschrieb vom Jahre 1818. Verfachbuchabschrift I, S.162. Reinhard Sessler, Die Schmiedgasse in Feldkirch. Manuskript.o.J., S. 49-50, Abschrift Verfachbuch 13.12.1844, fol. 5876 20 STAF, Akt 686 21 STAF, F II Sch 35/20. Hier auch Hinweis auf Pachtvertrag mit Geiger von 1813. Abschriften Verfachbuch 7.6.1820 22 STAF, Repertorium 19, 1819 23 STAF, Einlaufprotokoll 1820, 4.3.1820 24 STAF, F II, Sch 73/19 25 Biographische Informationen von Siegfreid Heim erhalten 26 STAF, Einlauf- und Ratsprotokoll 2, 1807 27 STAF, Hds. 194, Dok.2 28 STAF, Abschrift Seelenbeschrieb 1818 2 " VLA, Lg Feldkirch, Sch 24, No.2364, 1810 30 Sessler, Schmiedgassc, S.21. Sessler geht vom Jahr 1818 aus, doch beschreibt Haltmayer einen Brand beim Nachbarn im Jahre 1816 und daraus resultierenden Schäden an seinem Haus 31 STAF, FI, Sch 82/ 31 32 VLA, Lg Feldkirch, Sch 78, 1820. Akt 2026 " VLA, Lg Feldkirch, Sch 81, 1821, Akt 1271 34 VLA, Lg Feldkirch, Sch 12, 1828, Pub XIX 405 35 STAF, F I, Sch 1/ Steuerakt No. 238 "STAF, FII 11/1 37 STAF, F II Sch 2/23 38 Manuskript Angelo Steccanella: Feldkircher Künstler und Handwerker. Dem Autor sei für die Überlassung des Manuskriptes gedankt. Christoph Volaucnik Von Schnapsbrennern und Bierbrauern Die Hofsteiggemeinden sind unter den Freunden und Kennern hochprozentiger alkoholischer Getränke als Herkunftsregion des „Subirers" und anderer Obstschnäpse bekannt. Die Auszeichnung von Schnapsbrennern aus dieser Region auf Fachmessen und die lobende Erwähnung in der Fachliteratur spricht für die gute Qualität dieser Produkte. Wenn wir aber versuchen, die historische Entwicklung des Schnapsbrennens zurückzuverfolgen, muß man leider feststellen, daß sich in den Archiven kaum Dokumente zu diesem bäuerlichen Nebenerwerb finden lassen. Nur bei strittigen Fällen, Beschwerden und Klagen kam es zur Erstellung von Akten, die sich heute unter Umständen in den Archiven auffinden lassen. Diese Dokumente bieten dem heutigen Leser die Möglichkeit, einen kurzen Einblick in ein Segment des Wolfurter Dorflebens vor gut 160 Jahren zu nehmen, allerdings nur aus der Sicht des Beschwerdeführers und des aktenführenden Beamten. Eine umfassende Darstellung des Schnapsbrennens oder der Trinkgewohnheiten unserer Vorfahren ist mit den folgenden kurzen Berichten nicht möglich und nicht beabsichtigt. 1839 beschwerte sich der Schnapsbrenner Joseph Anton Böhler aus Wolfurt über seine neu entstandene Konkurrenz, acht von der Behörde bewilligte Brennereigewerbe.1 Mit seinem Protest setzte er den Beamtenapparat des Bregenzer Kreisamtes und der Innsbrucker Regierung in Bewegung. Im Tiroler Landesarchiv haben sich die Eingabe Böhlers und die Stellungnahme des ranghöchsten Vorarlberger Beamten, des Kreishauptmanns Ebner, erhalten. Böhler behauptete, daß er im Jahre 1826 der einzige Schnapsbrenner in Wolfurt gewesen sei und erst später der Rößlewirt Johann Kalb, außerdem Martin Schertler, Jakob Schneider, Josef Anton Fischer, Johann Fischer, Kaspar Haltmayer, Joseph Rohner und Joseph Müller ebenfalls zu Konzessionen für das Schnapsbrennen kamen. Im Akt wird diese Dichte von Schnapsbrennern im kleinen Ort Wolfurt als „für das allgemeine Wohl nicht rätlich" bezeichnet und festgestellt, daß der Lokalbedarf damit um das Doppelte überschritten wurde. Sechs Tafernen und zwei Schankwirtschaften soll es 1839 in Wolfurt gegeben haben. Bezüglich seiner verstorbenen Konkurrenten Baptist Rohner und Nikolaus Fischer sowie von Haltmayer und Müller behauptete er, daß sie wegen der hohen Besteuerung sehr schnell mit der Produktion aufgehört hätten, und unterstellte ihnen Schwarzbrennerei. Im Dorf sollen 20 bis 25 Bauern für den Eigenbedarf gebrannt haben. Zu den übrigen Bauern meinte Böhler, daß sie nicht genügend Früchte für die Branntweinerzeugung hatten. Er warf der Konkurrenz auch vor, daß sie heimlich den Branntwein zu Hause ausschenkte und auch kleinweise verkaufte. Als Maßgrößen beim Kleinausschank nennt er" Seidel, Halbe und Maaß". Er befürchtete, daß es durch den unbewilligten Ausschank dieses 27 26 scharfen Getränkes zu Exzessen im Dorf käme und die Dorfjugend verdorben würde. Böhler schätzte, daß in Wolfurt nur zwei Branntweinbrennereien bestehen konnten, neben der seinen noch die des Rößlewirtes Kalb2. Kalb war das Branntweingewerbe angeblich von der Gemeinde bereits zugesichert worden, obwohl die Konzessionsverleihung Sache des Landgerichtes war. Sachlich und informativ fiel der Bericht des Kreishauptmannes aus. Er bestätigte, daß in Wolfurt viele Wein- und Obstgartenbesitzer die Früchte zu Branntwein brannten und jeder seinen eigenen Destillationsapparat besaß. Er meinte, daß die Branntweinerzeugung in Wolfurt ein wichtiger Wirtschaftszweig war und daß man amtlicherseits nichts dagegen einzuwenden hatte, da für den Eigenbedarf erzeugt wurde und kein Ausschank stattfand. Als die oben erwähnten acht Wolfurter um eine ordentliche Brennkonzession ansuchten, lehnte zuerst Ebner ihr Ansinnen ab. Ebner meinte, daß die Entscheidung für oder gegen die Konzessionserteilung schwierig wäre. Es handelte sich ja nur um eine Nebenbeschäftigung der Bauern (die wohl einen wichtigen Teil des Einkommens darstellte), andererseits stufte er den Branntweinkonsum in den Landgemeinden als schädlich ein. Ebner war aber Realist genug zu erkennen, daß gegen einen übermäßigen Schnapskonsum kein direkter Zwang von „oben" her Erfolg hatte. Letztendlich sprach er sich für die Erteilung von Konzessionen aus, da die Schnapsbrennerei damit unter polizeiliche, amtliche Aufsicht kam und der Staat durch die hohe Besteuerung der Schnapsbrennerei Einnahmen hatte. Wenn dem durstigen Wolfurter Wasser, Milch, selbsterzeugter Most und Wein zuwenig waren und er ein Bier wollte, mußte er sich in die Nachbargemeinden begeben. In den Jahren 1839 bis 1841 haben ein Kennelbacher und zwei Harder um Bierbraukonzessionen angesucht. Aus den dabei entstandenen Akten kann man einiges über die Bierbrauereien erfahren. 1841 suchte Joseph Sohm aus Kennelbach um die Gewerbekonzession für eine Bierbrauerei in seinem Heimatort an.3 Kennelbach war damals ein Ortsteil der Gemeinde Rieden, und Sohm hatte von der dortigen Gemeindevorstehung bereits die Bewilligung erhalten. Das Landgericht Bregenz, der Vorgänger der heutigen Bezirkshauptmannschaft, lehnte sein Gesuch jedoch ab. Aus der Begründung für die Ablehnung kann man entnehmen, daß man damals nur während weniger Monate im Jahr, nämlich während der kältesten Jahreszeit, ein gutes Bier bekam. Der Landgerichtsbeamte drückte sich bei der Qualitätsbeschreibung des Bieres während des Sommers und Herbstes recht drastisch aus. Er meinte, daß nur wenige ohne Ekel und Widerwillen imstande wären, dieses Bier in der warmen Jahreszeit zu trinken. Das ist mit der Unmöglichkeit einer dauernden kühlen Lagerung des Bieres zu erklären. Die einzige Kühlmöglichkeit war die Einlagerung von Eis in den Kellern während des Winters. Es soll damals im Gebiet des Landgerichtes Bregenz sehr viele Brauereien gegeben haben. Das Landgericht gibt 15 Brauereien an bei einer Bevölkerung von ca. 20 000. Die Situation der Bierbrauer wird nicht gerade als besonders gut beschrieben. Sie Bild 15: Der Brennhafen. Fahrbare Schnapsbrennerei mit Emil Dür um 1965. sollen keine ausreichenden Betriebsfonds gehabt haben, obwohl gerade dieser Beruf bedeutende Finanzreserven erforderte. Viele Inhaber von Bierbraukonzessionen hatten den Beruf nicht erlernt und waren daher auf Brauknechte angewiesen, die für sie arbeiteten. Als positives Beispiel für gute Bierbrauereien nannte der Landgerichtsbeamte Lindau. In dieser bayrischen Stadt sollen die zwei Brauereien das ganze Jahr über gutes Bier ausgeschenkt haben. In Bregenz gab es 1841 vier Brauereien und in Lauterach zwei. Am Ende des Berichtes vertröstete der Beamte die Kennelbacher damit, daß die nächste Brauerei nur eine halbe Stunde von ihrem Dorf entfernt an der Achbrücke stand, worunter er die Bregenzer Achbrücke verstand. Sohm legte gegen die Ablehnung seines Ansuchens erfolglos in Innsbruck Beschwerde ein. In Hard kam es 1839 und 1841 zu Ansuchen um Bierbrauereieröffnungen. Andreas Büchele von Hard erhielt 1839 die Konzession erteilt.4 Im Akt wird unter anderem betont, daß es wünschenswert sei, wenn „das herrschende Getränk des Branntweins und des Mostes unter der arbeitenden Klasse verdrängt werde". Damit waren die Arbeiter der Textilfabrik Jenny gemeint. Da Büchele den Beruf nicht erlernt hatte, war auch er auf einen Brauknecht angewiesen. Büchele hat von seiner Konzession jedoch niemals Gebrauch gemacht. 1841 suchte der gelernte Bierbrauer Caspar Brüstle in Hard um die Bierbrauerkonzession an.5 Im Akt werden die bei Sohm genannten Argumente über die Bierbrauereien wiederholt. Es wird aber noch ergänzt, daß Brüstle mit seinem Vater erst kürzlich ein Wohn- und Badehaus erworben hätte, ein Keller für die Bierlagerung aber fehle. Als Grund dafür wird sehr hoch stehendes Grundwasser genannt, was auch die Ursache für das völlige Fehlen von Brauereien in den Rheindeltagemeinden 28 29 gewesen sei. Auch hier folgt erneut das Argument über den Most- und Branntweinkonsum der Textil- und Holzarbeiter. Die Gemeinde sprach sich übrigens für die Konzessionserteilung an Brüstle aus, da es in Hard noch keine Bierbrauerei gab. Wenn wir die vielen Details dieser Berichte zusammenfassen, so fällt auf, daß der Schnapskonsum in Vorarlberg früher wahrscheinlich um einiges höher war als heute. Dies kann vermutet werden aufgrund der doch recht hohen Anzahl von Erzeugern und des Hinweises auf den Schnapskonsum der Arbeiter. Interessanterweise konnte in Altenstadt bei Interviews mit Zeitzeugen, ehemaligen Gastwirten und Kindern von Gastwirten, erhoben werden, daß Arbeiter jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit in der Wirtschaft noch ein „Budele" Schnaps tranken. Bei den Bierbrauern fällt auf, daß in allen drei Akten die mangelnde Qualität des Bieres und die fehlende Berufsqualifikation kritisiert wird. Genau dieselben Ergebnisse ergab eine Studie über die Bierbrauereien in Götzis. Die Behörden verwendeten in ihren Berichten dieselben Argumente. Meinrad Pichler Kammerdiener Kaspar Kalb: eine Ergänzung In der Heimat Wolfurt vom Juni 97 hat Siegfried Heim einen Artikel über Kaspar Kalb geschrieben, der eine ungewöhnliche Karriere als kaiserlicher Kammerdiener gemacht hatte. Als Kenner der örtlichen Verhältnisse hat Heim besonders den familiären Hintergrund dieses Wolfurters ausgeleuchtet und den Kaiser, dem Kalb hauptsächlich diente, gewürdigt. Mich hat diese von Heim erstmals vorgestellte Persönlichkeit dermaßen interessiert, daß ich bei meinen folgenden dienstlichen Wienaufenthalten jeweils auch ein wenig in Wiener Archiven nach Spuren von Kaspar Kalb suchte. Einiges war dabei zu erfahren, vieles wird für immer im Dunkeln bleiben. Studium Kaspar Kalb wurde als neuntes von 17 Kindern des Anton und det Benedikte Ka\b am 9.1.1756 in Wolfurt geboren. Das Geburtshaus, das vermutlich von Anton Kalb erbaut wurde, steht heute noch im Strohdorf. Als Paten fungierten Andreas Haltmeier und die Schwester des Vaters, Anna Kalb. Daß gerade Kaspar von den elf Söhnen für eine Bildungslaufbahn ausgewählt wurde, wird damit zusammenhängen, daß die Eltern selbst schon zur damaligen Dorfelite gehörten (der Vater konnte beispielsweise schreiben) und eben dieser Knabe von den Eltern oder vom Pfarrer als besonders begabt angesehen wurde. Wo Kalb das Gymnasium absolviert hat, ist nicht bekannt. Jedenfalls scheint er aber eine Zeitlang in der Mehrerau gewesen zu sein, da der dortige Oberamtmann im Jahre 1771 aus einer Ausbildungsstiftung der Pfarre Bildstein 27 Gulden erhielt und zwar „für Caspar Kalb an sein Handwerkdeputat für erlernte Rechnungskunst". Und weil es im darauffolgenden Jahr keine Ansuchen um handwerkliche Ausbildungsunterstützungen gab, erhielt Kalb nochmals 28 Gulden. Ab 1775 finden wir Kaspar Kalb als Student der Philosophie in Wien. Die Reichshauptstadt war damals für alle, die nicht Theologie oder Medizin studierten, die erste Adresse. Die Reise dorthin war zwar etwas beschwerlich aber billig. Die Studenten begaben sich meist zu Fuß nach Ulm und trachteten von dort aus auf einem Floß billig donauabw


Heimat Wolfurt Heft 09 1992 April
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 9 Zeitschrift des Heimatkundekreises April 92 Maria Bildstein feiert Jubiläum. Im Jahre 1692 wurden die beiden Türme gebaut. Damals gehörte die Wallfahrtskirche zu Wolfurt. Inhalt: 34. Bildstein und Wolfurt 35. Mohr-Familien 36. Große Bäume 37. Grenzen im Ried 38. Nach Amerika (2) 39. Michaelskapelle in Bregenz BILDNACHWEIS: Titelbild: Kurt Gramer, München S 5, 8, 14, 17, 22: Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern» S 13, 16, 20, 21, 25, 26, 29, 32: Siegfried Heim Zuschriften und Ergänzungen zu Heft 8 DIE AUTOREN: Die Beiträge in diesem Heft sind von Siegfried Heim, 1931, HS-Direktor i. R. Zu «Volkszählungen» ist in der Zeitschrift «Montfort» 1991/4 von Kurt Klein eine sorgfältige Übersicht erschienen. Danach hat sich die Einwohnerzahl Vorarlbergs seit 1769 von 58700 auf jetzt 333000 verfünffacht. In der gleichen Zeit hat sie sich in Wolfurt von 726 auf 7326 verzehnfacht. In Österreich lebten 1991 pro km2 93 Einwohner, in Vorarlberg aber 128. In Wolfurt liegt die Dichte sogar bei 733 Einwohner pro km2. Die Zahlen von Heimat 8, Seite 4 und 5, werden weitgehend bestätigt. Bei den einander konkurrierenden Gemeinden Lauterach und Wolfurt war Lauterach erstmals von 1923 bis 1961 größer als Wolfurt. 1971 und 1981 lag wieder Wolfurt voran. 1991 hatte aber Lauterach fast 300 Einwohner mehr (7617). Schwarzach hatte 1850 noch genau 200 Einwohner weniger als Bildstein (701 /901). Erstmals 1869 überholte die expandierende Industriegemeinde die abnehmende Wallfahrtsgemeinde (869/807) Heute hat Schwarzach viereinhalbmal soviel Einwohner als Bildstein (3182/712). Zu «Schulschwestern»: Der Beitrag erreichte unsere letzte Schulschwester Regina auf ihrem Krankenlager an der Kettenbrücke. Sie hat sich seither gut erholt und ist wieder nach Wolfurt heimgekommen. Wir wünschen ihr Glück zur Genesung! In Innsbruck hat sie das Heftchen auch ihren Mitschwestern gezeigt und einige alte angefordert. Zwei Briefe sind seither gekommen: Sr. Leopolda (Hintereggers Annele, geboren 1917 in der Bütze. Sie war viele Jahre Kindergartenschwester in Egg.) bedankt sich besonders für die Mundart-Ausdrucke in Heft 4: «Ich hab immer wieder laut gelacht». Sie grüßt mit «Lang, lang ist's her .. !» Sr. Maria Regina Schertler (geboren 1929 im Strohdorf und von ihren Mitschülerinnen «Simones Helene» genannt) meint mit freundlichen Grüßen: «Beim Lesen tauchen Erinnerungen auf und führen zurück in eine Zeit, die etwas anders war als heute. Aber jede Zeit hat eben ihre Geschichte, die schön und lebenswert ist.» 1 Danke! Sehr viele Bezieher von «Heimat Wolfurt» haben große oder auch kleine Beiträge zur Deckung der Druckkosten auf Konto Raiba 87957 einbezahlt. Ihnen allen sei von Herzen gedankt! Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Siegfried Heim Bildstein und Wolfurt Zu Häuser im Strohdorf sind keine Beiträge eingelangt. Niemand klagt über die «Übernamen». Heute ist man auf Hausnamen stolz. Ich möchte aber gerne einige mehr kennenlernen. Bi «Ma goht is Holz» bi-n-i seol druf ku, daß i do Zabie vorgeosso heo. Zu den Anzeigen aus dem Gemeindeblatt hat man mich nach Mode, Fisolen und Unschlitt gefragt. «Mode» nannte man bei uns den von Pfarrer Kneipp propagierten Feigenkaffee. Er soll ursprünglich (nach Jutz) die Aufschrift «Mode d'emploi» (Gebrauchsanweisung, franz.) getragen haben. «Fisolen» nannte man im Oberland die Stangenbohnen. An vielen Orten hießen sie «Spizöla», bei uns aber «Kichora». In Lustenau unterscheidet man «Spizöla» und «Krüchora». «Uschlitt» heißt das minderwertige Rinderfett, das man zu Talglichtern und Unschlittkerzen verarbeitete. Mit Hilfe von Holzasche aus dem Kachelofen kochte man daraus auch Seife. Weil das ein langwieriger Vorgang war, betitelte man langweilige Menschen manchmal «Soafo-Südar.» Beim Jubiläum der Wallfahrt dürfen auch wir Wolfurter mitfeiern. Heuer, im Jahre 1992, läuten die Glocken von Maria Bildstein aus besonderem Anlaß: Vor 200 Jahren hat sich Bildstein von der Mutterpfarre Wolfurt gelöst und 1792 erstmals einen eigenen Pfarrer bekommen. Und vor 300 Jahren wurden 1692 die herrlichen Barock-Doppeltürme errichtet und damit der Kirchenbau abgeschlossen. Die Pfarre Bildstein wird dazu heuer eine Festschrift herausgeben. Ergänzend will dieser Beitrag die engen Beziehungen von Wolfurt zu Bildstein aufzeigen. Die Leute vom Berg Um das Jahr 610 hatten die irischen Mönche Kolumban und Gallus in Bregenz das Christentum gepredigt. Bald gehörte das ganze Umland von der Leiblach bis zur Schwarzach zur Pfarre St. Gallus in Bregenz. Im 12. Jahrhundert gab es in Wolfurt bereits eine Kapelle St. Nikolaus. Um diese Zeit hatten die Hofsteiger begonnen, die Hänge des Steußberges zu roden und zu besiedeln. «Steußberg» heißt nach der Meinung des Bildsteiner Pfarrchronisten eigentlich «Steigsberg». Die Leute vom Berg gehörten ja auch zum Hof Steig bei Rickenbach und zum Gericht Hofsteig, das seinen Sitz später nach Lauterach verlegte. Dort galt der Raum am Steußberg weiterhin als eine Einheit, etwa wenn bei der Ammannwahl drei Kandidaten vorgeschlagen wurden: «drey ehrliche männer, ain von Lauterach, den andern von Hard und den driten aintweders von Wolfurt, abm berg oder von Schwartzach» (Landsbrauch von 1544). «Abm berg» waren die Leute von Buch und Bildstein, das noch bis ins 18. Jahrhundert den Namen «Berg» trug. Die Leute vom Berg mußten viele Jahre mit den anderen Hofsteigern durch die Achfurt waten, wenn sie zum Gottesdienst nach St. Gallus in Bregenz gingen. Sie 3 2 beteiligten sich daher auch an der Errichtung einer neuen Pfarre St. Nikolaus in Wolfurt im Jahre 1512: «... wür gemaine Nachpurschafft zue-Wolfurth, und wür zue Schwartzach, am Berg und im Buech ...» (Stiftungsbrief) Fast 300 Jahre lang kamen jetzt die Leute vom Berg, ja sogar aus dem fernen Farnach, jeden Sonntag nach Wolfurt zur Kirche. Hier wurden sie getauft und getraut. Hierher trug man sie, oft durch Schnee und über steile Tobel, auf ihrem letzten Weg zum Wolfurter Friedhof. Wenn nach dem Kirchgang die Bauern auf dem Kirchplatz Wichtiges besprachen und die Frauen noch einige Einkäufe in «Hanso Hus» tätigten, lernte sich auch die Jugend kennen. So darf es nicht verwundern, daß viele Wolfurter nach Bildstein heirateten und noch mehr Bildsteiner ans Land kamen. Unter den 104 Hausbesitzern von 1760 in Bildstein findet man 14 Böhler, 10 Köb, 9 Gunz, 8 Gasser, 6 Höfle und 6 Geiger als die wichtigsten Geschlechter. Von ihnen stammen auch große Wolfurter-Familien ab. Die «Gallar»-Köb, (auch «Lehrars», «Schrinars uf om Bühol», «Molars») kamen 1788 von Gallin. Die «Schloßburo»-Köbs, zu denen auch «Stenzlars» und «Schmiods» zählen, kamen 1799 vom Haag im Farnach. Der Mohren-Bäcker Andreas Xaver Flatz holte 1783 aus Geißbirn die 18jährige Anna Köb nach Rickenbach, die ihm 13 Kinder schenkte. Darunter war auch Gebhard Flatz, der große Wolfurter Nazarener-Maler. Aus Geißbirn übersiedelte 100 Jahre später die Witwe Klara Schedler mit acht Kindern an die Kirchstraße. Etliche geachtete Wolfurter Familien haben von ihnen «Goaßbiorar» Ahnen. Aus dem Staudach kamen immer wieder «Pläzolar» und «Matheioslar»-Gunz herab. Ein Josef Gunz begründete 1853 die Mühle-Gunz-Familie. Andere aus der Gunz-Sippe ließen sich später in Rickenbach und im Holz nieder. Unter ihnen war ein anderer Josef Gunz, geboren 1892 und gestorben mit 99 Jahren 1991. Wie gesund die «Bildsteiner» sind, beweist sein Rickenbacher Nachbar Martin Höfle, geboren am 5. März 1892, der als unser Dorfältester heuer 100 Jahre alt geworden ist. Er ist ein «Dello»-Höfle, dessen Vater 1881 aus der Delle am «Berütter» ins Tal gezogen ist. 4 Eine Bildsteiner Familie in Wolfurt: «Dello-Korles» im Schlatt. Ein Bild von 1912. Vater Konrad Höfle (1857-1938) und Mutter Agatha Anwander (1856-1944) mit 12 Kindern: Wilhelm 1885, Karl 86, Rosa 87, Theresia 89, Josef 91, Julie 92, August 94 (gefallen 1917), Maria 95, Agatha 97, Magdalena 99, Anna 1900 und Georg 1903. Ein dreizehntes Kind ist gestorben. Vom Brunnenmacher Ferdinand Gasser und seinen 10 tüchtigen Kindern in Meschen stammen wohl über ein Dutzend Wolfurter Familien Gmeiner Jakob kam schon 1700 vom «Steußberg». Von ihm leiten sich die meisten Gmeiner ab, «Lutzo-Schrinars», «Lutzo-Ferdes» und «Lislos». Andere Gmeiner folgten später. Unübersehbar zahlreich sind die Böhler-Sippen. Einige trugen früher den Hausnamen «Bergar». Aber auch unter den Vorfahren der Fischer, Schertler, Hinteregger, Schwerzler und Heim finden sich Leute vom «Berg», wie eben bei fast allen Wolfurter Familien. Die einst so zahlreichen «Schelling», die um 1700 ebenfalls aus Bildstein nach Wolfurt gekommen waren, sind im Mannesstamm in Wolfurt erloschen. Sie sind die einzigen, von denen sich eine direkte Ahnenlinie zu jenem Martin Höfle nachweisen läßt, von dem im nächsten Abschnitt die Rede ist. Auch in unserer Zeit holen Bildsteiner Burschen manche junge Wolfurterin aus dem Nebel hinauf in die Sonne. Viele andere aber sagen sich «Lob do Beorg und züh is Tal!» und bereichern mit ihrem gesunden Berger Blut und ihrer Schaffenskraft unsere Gemeinde. 5 Die Wallfahrt Im Herbst 1629 ist den Brüdern Hans und Martin Höfle auf dem Weg zu Vaters Mühle im Baumgartnertobel im Nebel eine Frau erschienen «ganz weiß und glanzent wie die Sonn». Sie erinnerte die beiden an die vom Vater versprochene Kapelle. Als betagter Mann gab Martin Höfle 1676 vor einer kaiserlich-bischöflichen Kommission in Bregenz unter Eid das Geschehen zu Protokoll. Ein Jahr später starb er am 19. Mai 1677 - «sacris omnibus provisus» steht im Wolfurter Pfarrbuch, also «wohl versehen» - und wurde bei der Pfarrkirche St. Nikolaus begraben. Von seinen acht Kindern verehelichte sich nur die Tochter Magdalena. Einige Wolfurter Familien stammen von ihr, aber sie tragen andere Namen. Die Kunde von der Erscheinung und den ersten Gebetserhörungen verbreitete sich schnell im Land und in ganz Schwaben. Ab 1650 kamen Ströme von Pilgern nach Bregenz und wurden von den Kapuzinern durch Wolfurt und auf dem schmalen Steig über die Platte nach Bildstein geleitet. Pfarrer Lorenz Leuthold von Wolfurt hatte die Aufsicht über die von der Familie Höfle neu gebaute Kapelle mit dem Muttergottesbild, das dem Ort später den Namen Bildstein eintrug. Er sammelte auch die überreich fließenden Opfergaben und hinterlegte sie bei seinem Patronatsherrn, dem Abt von Mehrerau. Bald wurde der Ruf nach einer Kirche laut. Vom Bischof von Konstanz erhielt Michael Kuen aus Bregenz den Auftrag für die herrliche Barockkirche, die nun 1663-1676 erstellt wurde und 1692 noch die Fassade mit den Doppeltürmen bekam. Der Innenraum ist 32 Meter lang und 11 Meter, im Querschiff sogar 16 Meter, breit. Damit war die Kirche viel größer als alle anderen Dorfkirchen im Umkreis. Die Wolfurter Kirche war damals innen nur 24 Meter lang und 8 Meter breit. Trotzdem konnte die Bildsteiner Kirche die Pilger häufig nicht fassen. Die vier Geistlichen, die im 18. Jahrhundert die vier Pfründehäuser rund um die Kirche bewohnten, benötigten an den Feiertagen regelmäßig mehrere Aushilfen, vor allem für die acht Beichtstühle. Dabei war die Kirche eine reine Wallfahrtskirche ohne Taufstein und Friedhof. Die Bildsteiner selbst mußten weiterhin jeden Sonntag nach Wolfurt zur Messe. Zwar suchten sie schon 1698 um eine eigene Pfarre an. Aber Pfarrer Egender von Wolfurt wollte nicht auf die Opfergaben verzichten und Pfarrer Denig in Bregenz, der jetzt die Aufsicht über die Wallfahrt hatte, unterstützte ihn. So entschied der Bischof im fernen Konstanz gegen die Leute vom Berg. Nun mußten sie noch fast 100 weitere Jahre lang für Trauung, Kommunion und Beerdigung dem Wolfurter Pfarrer ihren österlichen Beichtzettel vorlegen. 6 Pfarrei Bildstein Erst Kaiser Josef IL sagte im Jahre 1788 den Bildsteinern das Recht auf einen eigenen Taufstein zu. Sofort erbauten sie schon 1789 einen eigenen Friedhof. Man darf sich nicht wundern, daß sich Lorenz Gmeiner, Pfarrer von Wolfurt und selbst aus Bildstein stammend, mit aller Kraft wehrte. Er wollte die 32 Bildsteiner Parzellen, in denen mit nun 524 Einwohnern ein Drittel seiner Pfarrangehörigen wohnte, nicht verlieren. Aber er kämpfte erfolglos. Traurig mußte er in sein Pfarrbuch schreiben: «anno 1789 der 31 Xber ist Bildstein von Wolfurt separiert worden». Und Chronist Geiger berichtet in Bildstein: «Am Neujahrstag 1790 ist der erste pfarrliche Gottesdienst gehalten worden. Ehrenprediger war der lustige Pater Wendelin von den Bregenzer Kapuzinern.» Pfarrer gab es allerdings noch keinen. Mehrere Lokalkapläne sorgten aber dafür, daß das Eigenleben der Pfarre beginnen konnte. Der erste «Bildsteiner» Täufling Martin Joseph Böhler aus dem Jungholz erhielt als Paten den wohledlen Herrn gräflichen Verwalter Martin Herburger aus Dornbirn und wurde am 18. Jänner 1790 demnach besonders feierlich getauft. Am 9. Februar 1790 beginnt das Sterberegister mit der fünfjährigen Anna Maria Lenz. Ihr folgen im gleichen Jahr weitere 22 Bildsteiner Verstorbene. Allerdings soll schon ein Jahr vorher Andreas Geiger, Wirt im Farnach, «als zweiter» auf dem neuen Bildsteiner Friedhof begraben worden sein. Die Bildsteiner Chronik berichtet davon unter «1790 den 27ten July» und fügt dazu «nicht im Sterbebuch». Wohl aber findet sich das Begräbnis dieses beim letzten Holzschlag in der nachher verteilten Gerichtswaldung «bey Sonderbrück» von einem Baum erschlagenen Andreas Geiger in Wolfurt im Sterbebuch ein Jahr früher am 30. Juni 1789 mit dem Zusatz: 49 Jahre, «arbore oppressus». Dort sind aus dem Jahre 1789 noch eine Reihe von Begräbnissen von Baumgarten, Bildstein, Kapf und «de Vokenbühl» angeführt. Anno 1790 aber wurde als einziger Bildsteiner nur mehr am 9. April der neunjährige Johann Schneider «de Ankereuthe» in Wolfurt beerdigt. So hatte sich Bildstein also von der Mutterpfarre Wolfurt gelöst. 1792 wurde endlich Ludwig Sauter aus Konstanz zum «Lokalkaplan» für Bildstein bestellt. Er wird heute als erster Pfarrer gerechnet - daher das Jubiläum «200 Jahre Pfarrei». Noch waren aber viele Streitigkeiten um Mesnerlohn, Stolgebühren und andere Belastungen auszustehen. Erst 1829 kaufte sich Bildstein mit einer einmaligen Abfertigung in Höhe von 550 Gulden endgültig von der Pfarre Wolfurt frei. 7 Inzwischen war während der Franzosenkriege im Jahre 1804 der Kreuzwirtssohn Andreas Haltmayer aus Rickenbach dritter Pfarrer von Bildstein geworden. Als am 31. Mai 1805 in Wolfurt drei neue Glocken geweiht wurden, lud der Wolfurter Pfarrer Lorenz Gmeiner auch die Nachbarn zum Fest. Aus Bildstein kam also der Rickenbacher Andreas Haltmayer und aus Lauterach Josef Anton Bildstein, ein geborener Wolfurter aus «Hanso Hus» im Kirchdorf. Aus Hard kam Columban Reiner, ein Sohn aus dem «alten Schwanen» in Wolfurt. Seinen Neffen Benedikt Gmeiner aus Unterlinden hatte Pfarrer Lorenz Gmeiner zum Pfarrer von Buch gemacht. Fünf Wolfurter Geistliche in allen fünf Hofsteiger Pfarren! Schwarzach war ja damals noch bis 1824 eine Filialkapelle von Wolfurt. Auch später haben die Pfarrer von Bildstein und Wolfurt engen Kontakt gehalten. Kaplan Leopold Berchtold aus Riezlern erbaute 1891-94 das heutige Pfarrhaus von Bildstein. Der spätere Pfarrer von Schwarzach, ein ausgezeichneter Botaniker und Historiker, ließ sich 1937 in Wolfurt nieder. Hier erforschte er aus den alten Büchern die ältesten Familien von Bildstein, Buch, Schwarzach und Wolfurt und schrieb sie fein säuberlich auf. 1940 ist er gestorben. Als Bildstein 1903 die von den Geschwistern Hämmerle gestiftete große Marienglocke mit einem Gewicht von 3521 Kilogramm erhielt, organisierte der Rickenbacher Schlosser Konrad Doppelmayr die 120 Männer, die die schwere Last um die steilen Kurven von Ankenreute auf den Berg schleppten. Kaplan Heinrich Nußbaumer aus Thal hatte 1921 in Wolfurt das Vereinshaus gebaut. 1939-69 war er als Pfarrer von Bildstein in schwerer Kriegszeit der streitbare Hüter des Gnadenbildes. Mit eigener Hand verputzte er die Kirche innen. Seine originellen Predigten zogen auch viele Pilger aus Wolfurt an. Bildstein machte ihn zum Ehrenbürger. Sein Kaplan Gebhard Willi, der ihm in der Kirche noch den Mörtel gemischt hatte, wurde später der langjährige und mit dem Ehrenring der Gemeinde ausgezeichnete Pfarrer von Wolfurt. Seit 1972 ist wieder ein Wolfurter, Pfarrer August Hinteregger, für das geistliche Wohl der Bildsteiner und der Wallfahrer verantwortlich. Er ließ die 300 Jahre alte Kirche renovieren und den 100 Jahre alten Pfarrhof erneuern. Fast jeden Sonntag und auch bei den Maiandachten mischen sich viele Wolfurter Pilger unter die Gläubigen von Bildstein. Andere ziehen es vor, ihre Sorgen und Freuden in stillem Gebet zur Mutter Gottes in die Erscheinungskapelle zu tragen. Schönes Bildstein Bevor sich die getrösteten Beter, nach Stärkung in einem der ausgezeichneten Gasthöfe, auf den Heimweg machen, lassen wohl alle noch die wunderbare Aussicht auf sich wirken. Über die Dörfer im Tal schweift der Blick zum Gebhardsberg und zum Bodensee. Es grüßen die Schweizer Berge mit Fels und Schnee. Dunkle Wälder an Kugel und Staufen laden zum Wandern. Wandern! Der Steußberg selbst ist ein herrliches Wandergebiet. Viele Wolfurter haben das erkannt. Sie lassen ihr Auto stehen und suchen die Ruhe in den schattigen Wäldern oder auf den sonnigen Hügeln vor ihrer Haustür. Die schmalen Wege, die abgelegene Höfe miteinander und mit dem Dorf verbinden, überziehen den Steußberg wie ein dichtes Netz. Sie ermöglichen es, dem an Ausflugssonntagen doch recht beträchtlichen Autoverkehr jederzeit auszuweichen. Dabei gibt es so viele Varianten, daß selbst Kenner des Wandergebietes immer neue Steige entdecken. Wenn ich nun die schönen alten Bildsteiner Flurnamen aufschreibe, ist das auch eine Einladung, diese Plätze alle zu besuchen. Kennst Du sie schon? 9 Neubau der Bildsteinerstraße 1933. Ohne Maschinen schafften es Bildsteiner und Wolfurter Männer (u. a. Gasser Gebhard, Lenz Josef, Fischer Eugen), die steile Straße nach Ankenreute für die Autos umzubauen. Die erste Fahrstraße war schon 1792 durch die Platte gesprengt worden. 8 Im Jahre 1760 teilte Pfarrer Feuerstein den Hang in drei «Berge»: «Berütterberg», dann jenseits des Rickenbachtobels «Bildsteinerberg» und schließlich hinter dem unzugänglichen Sonder-Wald der «Farnacherberg». Jetzt ein paar empfehlenswerte Abstiege: 8. Vom Schneider an Tomasinis Hütte vorbei nach Siegerhalden. 9. Vom Loch mit der schönsten Aussicht auf den Vorderwald und den Sulzberg hinab zum Halder und nach Buch. 10. Von Buggenegg den fast 1000 Jahre alten Säumerweg durch die «Roßgaß» hinab in die Abendreute und nach Alberschwende. Immer wieder Fernblicke zu Ifen und Kanis. 11. Von Gallin über das besonders im Herbst und im Frühling einmalig schöne Hochmoor (Naturschutzgebiet!) nach Hinterhaag und den Asenenweg hinab nach Alberschwende. I. Berütterberg Meschen, Staudach, Dellen, Bereuter, Sack, Baumgarten, Gitzen, Künzen; Mühle, Grub, Kreuzmoos, Vockenbühel, Vogelsang, Schneider, Mairen, Buggenegg, Loch. Besonders reizvolle Anstiege von Wolfurt aus: 1. Über die Alte Bucherstraße zum Ippa-Brünnele, dann hinauf zurRappenfluhSchlucht am Holzerbach (Ippachbach) und zum Sack. Am Waldrand weiter zum höchsten Punkt von Wolfurt in fast 800 m Höhe und zur Schneiderspitze (973 m hoch). 2. Über Alte Schmiede und Dreigassen zur Rappenfluh. 3. Von Frickenesch oder Meschen über «Stefano Veohwoad» zum Bereuter und über die Gletscherschliffe nach Gitzen. 4. Abseits der Straße führt von Gitzen ein kleiner Weg nach Künzen und den Oberlauf des Rickenbachs überquerend nach Vockenbühel. Oberhalb des uralten Schulhäusleins kommt man an der großen Eibe (Naturdenkmal!) vorbei zum Ferienheim in Oberbildstein. 5. Kenner steigen noch auf dem alten Staudacher Kirchweg über das RickenbachTobel ins Dorf hinauf. III. Farnacherberg Hinterhaag und Bereite, die einst auch zur Pfarre Wolfurt zählten, gehören längst zu Alberschwende. (Vorder-)Haag, Loban, Farnach, Jungholz, Gärtle, Oberschwende, Unterschwende, Sonderwald, Schanz, Grül, Tobel. 12. Das sonnige Farnach ist am besten von Schwarzach über die Steige beim Blindenheim Ingrüne oder über den Linzenberg erreichbar, natürlich auch vom Zoll in Alberschwende. Auch hier trifft man immer wieder wandernde Wolfurter, die jetzt auch häufiger den günstigen Wälderbus als Zubringer benützen. Ist es nicht schön, daß wir so leicht Zutritt zum «Berg» finden? Darum wünschen wir Wolfurter allen Bildsteinern ein schönes Festjahr 1992! IL Bildsteinerberg Ankenreute, Platte, Unterdorf, Dorf, Knobel, Taschen, Kapf, Gaißbirn. Heuwachs, Gallin, Wirth, Acker, Oberbildstein. 6. Wer der Autostraße ausweichen will, findet einen alten Wallfahrtssteig vom Kella über das Oberteilenmoos ins Unterdorf. 7. Auch am Kapf zweigt ein Wanderweg über den landschaftlich besonders schönen Höhenrücken hinüber nach Vockenbühel oder hinauf über den Wirth zum Ferienheim ab. 10 11 Siegfried Heim Die Familie Mohr in Wolfurt Unter den großen Wolfurter Geschlechtern stehen die Mohr mit 94 Namen im Blauen Buch von 1989 an dritter Stelle nach den Böhler mit 152 und den Köb mit 149 Namensträgern. Während aber die Böhler und die Köb aus vielen verschiedenen Stämmen bestehen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach Wolfurt kamen, gehen die Mohr alle auf einen einzigen Stammvater zurück, auf Martin Mohr, der 1785 im Haus Hofsteigstraße 10 (Ratzers) an der Hub geboren wurde. Die Sippengeschichte ist aber viel älter. Nach mündlicher Überlieferung soll ein «Mohr» aus dem Rheinland nach Dornbirn eingewandert sein. Dort gab es MohrFamilien schon nach dem Dreißigjährigen Krieg. Einige haben sich bis heute gehalten. Fast jeder Dornbirner kennt «Mohro Vere» im Hatlerdorf. In Dornbirn wurde 1693 Sebastian Mohr geboren. Er heiratete 1719 die Magdalena Danner in Schwarzach. Von ihren neun Kindern führen zwei Linien nach Wolfurt. Folgen wir zuerst der Hauptlinie. Der Sohn Jakob Mohr (1722-1798) heiratete 1748 nach Wolfurt. Sein Haus stand am Eingang ins Eulentobel. Es muß der Familie dort wohl zu eng gewesen sein, als in Wolfurt um jene Zeit die Felder verteilt wurden. Sebastian Mohr (1762-1841) brach daher das Elternhaus ab und erbaute, wahrscheinlich 1784 anläßlich seiner Eheschließung mit Viktoria Flatz, das heute noch erhaltene Mohr-Stammhaus Hofsteigstraße 10. Die Tocher Rosa, verehelicht mit Johann Winder aus Bildstein, hatte dort sieben Kinder. Weil die Winder-Brüder ledig blieben, kam das schöne Haus 1903 in den Besitz von Johann Fischer und später an dessen Tochter Cilla Ratzer. 4. Der Sohn Martin Mohr (1785-1826) aber begründete zu Napoleons Zeiten die beiden Mohr-Familien, auf die alle heutigen Wolfurter «Mohren» zurückgehen. 12 3. 2. 1. Mit seiner ersten Frau Anna Maria Böhler bezog er das Nachbarhaus Hofsteigstraße 13 (Festinis), wo sie ihm drei Söhne gebar. Früh verwitwet übersiedelte er mit den Buben ins Dorf. Dort hatte er 1812 das Haus Kellhofstraße 11 (Mohrs) erworben. Seine zweite Frau Ursula Ibele aus Bregenz schenkte hier weiteren vier Kindern das Leben, darunter Michael Mohr (5. M) den Stammvater der Dörfler Mohr. Zuerst aber zu den Hüblern! Linie Josef Mohr 5.J Josef Mohr, geboren 1807 als ältester Sohn aus der ersten Ehe des Martin, wuchs im Dorf auf. Als strammer Kaiserjäger hatte er seine Braut Maria Crescentia Halder vom «Falligen Bach» in Bregenz kennengelernt. Nach dem damaligen Brauch mußte er nach der Geburt des ältesten Sohnes Josef Bernhard 1833 noch die fünf Jahre Militärdienst für den Kaiser abdienen, bis er endlich die Eheerlaubnis bekam. An der Hub hatte er inzwischen nahe dem heutigen MohrHaus an der Hofsteigstraße ein Haus erworben. Als «Gemeindediener» trug er Stammhaus der Mohr an der Hub, Hofsteigstraße 28. Um das Jahr 1750 von Martin Kalb erbaut, 1872 von Josef Mohr gekauft. Seither in Familienbesitz. Es ist das südlichste Haus von «Wolfurt» an der Grenze zu «Rickenbach» 13 Alfons 1911 (gefallen 1942), Erwin 1912 (gefallen 1945), Reineide 13, Eduard 14 (unseren langjährigen Gemeinde- und Standesbeamten), Cäcilia 15, Anna 16, Josefina 17. Drei Wochen nach der Geburt der kleinen Fina war die Mutter gestorben. Als zweite Frau sorgte nun M. Anna Arnold für die sieben Waisen und schenkte ihrem Mann sieben weitere Kinder dazu: Gebhardina 1919, Ernst 21, Siegfried 22, Herbert 23, Georg 25, Heinrich 27, Josef 29. Fast alle von den 14 Kindern heirateten. Sieben Mohr-Familien davon bereicherten Wolfurt mit vielen Enkeln an der Hub, in der Unterhub, im Flotzbach, im Oberfeld und im Brühl. Einer von den Enkeln in der neunten Mohr-Generation ist unser Bürgermeister Erwin Mohr, geboren 1947. Bei vielen Nachkommen des Kaiserjägers Josef Mohr war sein schneidiges und kämpferisches Blut immer wieder zum Durchbruch gekommen. Und unerbittlich hat der Krieg auch bei ihnen seine Opfer geholt. «Alles liegt in Gottes Hand» steht auf Mohrs Familiengrab unter den obersten Arkaden. So war es auch bei einer zweiten «Kampler»-Mohr-Linie in der unteren Bütze: 6. J-V Franz Xaver Mohr, «Vere» (1841-1927), ein zweiter Sohn des Kammmachers Josef Mohr an der Hub, hatte wie sein Vater bei den Kaiserjägern gedient. Dann erwarb er das kleine Bauernhaus Unterfeldstraße 3, wo er nun als Maurer und Kleinbauer lebte. 7. J-V Sein einziger Sohn Josef Mohr (1891-1983) hatte mit seiner Frau Agatha Kaufmann die Kinder Katharina (1922) und Walter (1927-1945). 8. J-V Einziger Sohn war Walter Mohr, geb. 1927. Schon mit 17 Jahren mußte er in den Zweiten Weltkrieg einrücken. Ein Jahr später ist er 1945 gefallen. Im Mannesstamm erlosch damit diese Linie im Unterfeld. Mohrs an der Hub. Mit 14 Kindern die größte Wolfurter Familie in unserem Jahrhundert. Vorne Vater Josef Bernhard Mohr (1868-1942), seine zweite Frau Anna (geb. Arnold) und die Söhne Herbert, Siegfried, Heinrich, Josef, Ernst und Georg. Töchterchen Gebhardine fehlt bereits. Hinten die Kinder aus erster Ehe: Anna (Rusch), Eduard, Reineide (Vonach), Alfons, Cilla (Schwärzler), Erwin und Fina (Feßler in Kennelbach). Ein Bild von 1937. hohe Verantwortung. Daneben übte er den seltenen Beruf eines Kamm-Machers aus. Davon stammt der Hausname «Kampler», den seine vielen Nachkommen, die «Hübler Mohr», tragen. 6.J Josef Bernhard Mohr (1833-1902) war Maurer und Bauer und konnte 1872 das Nachbarhaus Hofsteigstraße 28 erwerben, das heute die Familie seines Enkels Josef Mohr bewohnt. Das alte Elternhaus daneben wurde schon 1879 abgebrochen. 1882 mauerte J. B. Mohr den Wolfurter Pfarrhof auf. Die älteste Tochter Maria Anna Mohr (1864-1908) heiratete ins Tobel im Kirchdorf. Von ihren Enkeln kennen wir u. a. den Kennelbacher Bürgermeister Dr. Egon Sinz und den Wolfurter Altgemeinderat Ludwig Gmeiner, Steinhauers. 7.J Der Sohn Josef Bernhard Mohr jun. (1868-1942) ist den älteren Hüblern noch als Vater einer der größten Wolfurter Familien bekannt. Seine erste Frau Agatha Köb hatte der junge Bauer aus dem kleinen Bahnwächterhaus im Flotzbach an die Hub geholt, wo sie ihm sieben Kinder gebar: 15 14 Stammhaus der Dörfler Mohr, Kellhofstraße 11. Es wurde 1776 vom Dorfplatz hierher übertragen. 1812 erwarb es Mohr Sebastian für seinen Sohn Martin. Seither in Familienbesitz. Die Brüder Mohr um 1925 in Unterlinden: Dr. Wilhelm Mohr auf der Dezimalwaage, Gebhard Mohr und der Schulleiter Karl Mohr. Linie Michael Mohr 5. M Aus der zweiten Ehe des Martin Mohr übernahm Michael Mohr (18231913) das Vaterhaus an der Kellhofstraße und begründete die Dörfler Linie der Mohr. 6. M Der älteste Sohn Josef Mohr, geb. 1841, wanderte als junger Bursch nach Amerika aus und heiratete dort. Von seiner großen Familie schickte er ein Bild. Der zweite, Martin Mohr (1849-1918), war Wegmacher und besaß das Haus Kellhofstraße 1 («Mohro Emiles») gegenüber vom Pfarrheim. Sein einziger Sohn Josef Anton Mohr, geb. 1896, ist 1915 als einziger Wolfurter Freiwilliger (nach Chronik Köb) in den Krieg gezogen und schon 1916 gefallen. 6. M-G Der dritte Sohn Gebhard Mohr (1854-1925) blieb im Elternhaus Kellhofstraße 11. In seinem Sohn Altgemeinderat Dr. Hermann Mohr (19061972), den Enkeln Günther Mohr (geb. 1940) und Klaus Mohr (1942) und ihren Familien besteht die Linie Gebhard Mohr fort. 16 6. M-F Ein weiterer Sohn des Michael war der Stückfergger Fidel Mohr (18591939), der mit seiner Frau Maria Gmeiner im Haus Kirchstraße 25 in Unterlinden eine einflußreiche Familie begründete. 7. M-F Der ältester Sohn Dr. Wilhelm Mohr, geb. 1890, war einer der Wolfurter Standschützen-Offiziere an der Dolomitenfront und setzte sich besonders für die Erbauung des Kriegerdenkmals im Jahre 1930 ein. Als Landesbeamter übersiedelte er mit seiner Gattin Elsa Kalb (aus dem Schwanen) nach Bregenz. «Lehrer» Karl Mohr (1894-1959), viele Jahre Schulleiter in Wolfurt und in mehreren Gemeindeinstitutionen tätig, erbaute für seine Familie 1937 das Haus Unterlindenstraße 32. Sein ältester Sohn ist unser Wolfurter Ehrenringträger Hubert Mohr (1922), dann folgen Emil Mohr (1925) und Raimund Mohr (1928). Ein weiterer Sohn des Fidel ist Gebhard Mohr (geb. 1897) mit den Söhnen Werner (1935), Helmut (1938) und Walter (1947). Die Linie Fidel Mohr blüht in Wolfurt in zahlreichen großen Enkelfamilien fort. 17 Mohro Veres in Rickenbach Siegfried Heim Vor der Gardinenfabrik Böhler wurde 1975 an der Dornbirnerstraße in Rickenbach das Gmeinerhaus abgebrochen, das im Volksmund meist «Mohro Veres» oder auch «Mohro Feliples» genannt wurde. Mehr als 100 Jahre lang hatte sich der Hausname Mohr hier noch gehalten, wenn auch diese Seitenlinie längst ausgestorben war. 2. V Jakob Mohr, der 1748 als erster Mohr ins Eulentobel gekommen war, hatte in Schwarzach einen Bruder Georg Mohr (1727-1777) mit einer großen Familie, aus der zwei Söhne nach Rickenbach übersiedelten. 3. V Johannes Mohr, geb. 1767, bewohnte mit seiner Familie das Haus Brunnengasse 4, kehrte aber auf seine alten Tage wieder nach Schwarzach zurück. Das Haus ist 1855 abgebrannt. Heute wohnt dort Höfle Martin. Franz Xaver Mohr (1769-1817) erwarb um 1795 das Haus des Kellhofammanns Johannes Albinger, Dornbirnerstraße 8. Von seinen 11 Kindern starben 9 im zartesten Alter. Er selbst wurde 1817 in Opfenbach vom «Schlagfluß» ereilt. Seinen Leichnam hat man nach Wolfurt überführt. 4. V Franz Josef Mohr (1806-1836) starb schon als 20jähriger auf einer Geschäftsreise (vermutlich Wetzsteinhandel) in Alt-Breisach am Rhein. Damit endete diese Mohr-Linie. Seine junge Witwe Agatha Schwerzler verehelichte sich 1837 mit Gebhard Gmeiner aus Bildstein, dessen Nachkommen noch lange fälschlich «Mohro Veres» oder auch nach einem Sohn «Mohro Filippos» genannt wurden. «Vere» war einer der Leitnamen im Geschlecht, der sich in Dornbirn und in Wolfurt lange gehalten hat. Der häufigste Leitname war aber «Josef» oder auch «Josef Bernhard». Beide sind noch heute in der Linie Josef Mohr verbreitet. In der Linie «Michael» taucht der Leitname eher zufällig bei den Urenkeln wieder auf. Viel häufiger sind dort die schönen Namen Martin, Gebhard, Karl und auch Johannes. Seit 1748 werden sie bei den Mohr in Wolfurt getauft. In dieser Zeit hat die Sippe als Bauern, Handwerker und Beamte, aber auch als Gemeindemandatare und Vereinsverantwortliche unendlich viel für die Gemeinschaft der Wolfurter getan. Und immer wieder mußten sie zu den Soldaten, immer wieder wurden Väter und Söhne aus den Familien gerissen. Wir wünschen dem starken Geschlecht der Mohren von Wolfurt weiteres Blühen und Gedeihen! 18 Ganz große Bäume Naturdenkmale in Wolfurt Unser Ried ist ein wunderschöner Naturpark. Herbststimmungen und Rauhreif erfreuen den Wanderer ebenso wie das Erblühen der Streuewiesen im Frühling. Ganz wesentlich wird die Landschaft von den großen alten Bäumen geprägt, von Eichen und Birken und riesigen Weiden. Etwa 50 Meter nordwestlich der Betonbrücke beim Kiesfänger steht im Auwald an der Kesselstraße versteckt eine besonders alte Weide, «an Feolbar» haben ihn unsere Eltern genannt. Mistelbefall und Baumschwamm zeigen an, daß seine Jahre gezählt sind. Bald wird ihn ein Sturm knicken. Vielleicht werden Menschen wieder die Hand an ihn legen, vielleicht die gleichen, die vor Jahren die eine Seite mit Bauschutt abgedeckt haben, oder jene, die jetzt unter seinem Blätterdach nach Grundwasser bohren. Begeistert und beeindruckt haben meine Schüler zu viert den mächtigen Stamm umspannt: 5,20 Meter! Mehr als 1,60 Meter Durchmesser. Das ist weit mehr, als die Biologiebücher erlauben. Dort lese ich (Dr. Amann, München 1954): «Silberweide, Weißweide. Stattlicher, mittelgroßer Baum. Wächst sehr rasch; wird 80-100 Jahre alt, bis 24 m hoch und über 1 m stark.» Unsere Vorfahren haben die Silberweide an vielen Gräben und Straßenrändern im Ried gepflanzt, indem sie einfach eine Weidenrute in den feuchten Boden steckten. Die Bäume wurden dann alle paar Jahre «gstümmolot» oder «abgworfo». Alle ihre Äste wurden abgesägt. Das starke Ausschlagsvermögen der Weiden ließ schon im nächsten Jahr aus dem knorrigen «Kopf» unzählige Ruten hervorschießen, die den «Kopfweiden» besonders im nebeligen Herbst ein koboldhaftes unheimliches Aussehen verliehen. Weil in den hohlen Stämmen nicht selten auch Eulen und anderes Getier Zuflucht fanden, hielt man sie für die Wohnung von Hexen und Geistern. 19 Ich habe die Weide an der Kesselstraße für die größte in Wolfurt gehalten. Nun aber hat mich das Buch «Vorarlberger Naturdenkmale 1991» von Krieg/Alge zu einer weit größeren geführt. Zwei Bäume in Wolfurt sind als Naturdenkmale geschützt. Der eine ist die bekannte Eiche am Wiesenweg südlich vom Holzwerk Berchtold. Sie hat einen Umfang von 4,40 m und ist 1,40 m dick. Sie erscheint mit ihrer Baumkrone von etwa 25 m Höhe noch sehr gesund, obwohl ihr das Überfahren der halben Wurzelscheibe mit schweren Lastautos und die Giftgase ganz bestimmt zusetzen. Mich überraschte, daß Dr. Krieg das Alter dieses Prachtbaumes auf erst 130 Jahre schätzt. Die Stieleiche (weil zwei oder drei Eicheln an einem langen Stiel hängen) wird über 30 m hoch, 2 m dick und nicht selten 500 Jahre alt. In Einzelfällen sollen Eichen aber auch über 2000 Jahre alte geworden sein. Im Naturdenkmal 1. Die Stieleiche am Wiesenweg hat Ried waren sie früher sehr häu- 4,40 m Umfang. fig. Im Schatten rasteten Bauersleute und Weidevieh. Beim Gewitter galt «Eichen sollst du weichen!» Hofsteiger Sauhirten trieben die Schweine der Genossenschaft täglich zur Eichelmast in die Ried-Allmende. Als man die Riedstücke 1798 verteilte, blieben die Bäume ausdrücklich gemeinsames Eigentum. Das wertvolle, harte und wetterbeständige Eichenholz benötigte man ja für Brücken, Fässer, Markpfähle, Schwellen und schwere Tore. Die gerbstoffreiche Rinde zerkleinerte man in den wasserbetriebenen «LorStampfen» am Rickenbach und im Bannholz zu Gerberlohe für die vielen Wolfurter Gerber. 20 Nur 200 Meter westlich von dieser Eiche steht mitten im «Wiosa» das zweite Wolfurter Baum-Denkmal. «Wiosa» nannten die Bauern das oberste Ried zwischen Wiesenweg, Flotzbach, «Schribare» und «Speock», das sie durch den tiefen Wiesengraben zum Speckgraben entwässerten. Hier sind noch ein paar besonders schöne alte Bäume erhalten geblieben, die unsere Aufmerksamkeit verdienen. Die größte Weide davon trägt seit 1985 eine winzige Tafel: «Dieser Baum steht unter Naturschutz.» Der gewaltige Stamm hat an der dünnsten Stelle einen Umfang von 6,50 m, ist also mehr als 2 m dick! Am Boden fanden wir sogar einen Umfang von 8 m und auch die Äste sind noch über 1 m dick. Nach Dr. Krieg ergab eine Bohrprobe an diesem Riesen ein Alter von 100 Jahren, also das Höchstalter für Silberweiden. Er fand den Baum noch «vital» und «ohne nennenswerten Pilzbefall». Das hat sich leider schnell geändert. Im November 1991 mußten wir etliche über einen halben Meter große Baumschwämme entdecken, von denen zwei sogar wegen ihres übergroßen Gewichtes zu Boden gestürzt waren. Auch die vielen Misteln in der Krone lassen ahnen, daß die Widerstandskraft dieses fast 30 m hohen Baumes im Schwinden ist. Naturdenkmal 2. Die hundertjährige Silberweide Schaut ihn noch an, Ihr zwischen Wiesenweg und Schreibern ist über 2 m dick Wolfurter! Von Spätherbst bis und hat 6,50 m Umfang. Sie ist der größte Baum in Frühjahr ist er sowohl vom Wolfurt. Wiesenweg als auch von der untersten Flotzbachstraße her (100 m nördlich der Illwerke-Masten) leicht zugänglich. Er wird bald fallen! Moderne Maschinenbauern pflanzen keine Riedbäume mehr. Sie haben keine Zeit mehr zum «Z'Nüne-Eosso» im Schatten der Eiche, kein Weidevieh mehr, das 21 Siegfried Heim Wolfurter Grenzen im Ried Seit einigen Jahren entdecken immer mehr Radfahrer und Wanderer die Schönheiten unserer Riedlandschaft. Wenn auch Güterbahnhof und Autobahn große Stücke beansprucht haben, so ist doch zwischen Wolfurt und Lustenau, Lauterach und Dornbirn ein herrliches Land geblieben, das uns allen gehört. Luft und Bäume, Wasser, Wild, Schilf und Hecken sind uns allen anvertraut. Vögel und Rehe wechseln über die Gemeindegrenzen und die Radfahrer erkennen solche meist auch nicht. Das ist gut so! Vielleicht möchte aber ein aufmerksamer Wanderer doch wissen, wie weit Einflußnahme und Verantwortung der Gemeinde Wolfurt im Ried reichen. Ihn möchte ich einladen, mir auf seinem Fahrrad zu folgen. Gleichzeitig bitte ich ihn aber herzlich, auf den Wegen zu bleiben und den Hund niemals frei stöbern zu lassen. Wir kommen in Tierreservate, deren Betreten in der Brutzeit vom 1. März bis zum 31. August abseits der Wege nicht gestattet ist. Kopfweide im untersten Holzried um 1940. Die Fichte auf ihrem Kopf brach der Sturm 1945 herab. Heute führt hier die obere Senderstraße am Güterbahnhof vorbei. I. Zum Südpunkt im Weitried. Wir haben auf der Kesselstraße die «Steinerne Brücke» erreicht (Punkt A auf der beigefügten Skizze I.). 50 Meter weiter westlich verbirgt sich rechts im Dickicht eine Riesen-Silberweide mit über 5 m Stammumfang. Links blicken wir über die Schwarzach in den Wolfurter Kiesfänger hinein. Mit großem Aufwand hat er 1990 ein völlig neues Aussehen bekommen. Nun soll er Geschiebefang und Biotop zugleich sein. Wenn die mit Sorgfalt ausgewählten Bäumchen in wenigen Jahren feste Wurzeln geschlagen haben und Buschwerk die Baustellen abdeckt, werden hier wieder seltene Vögel nisten. Schon jetzt sind Wasseramsel und Nachtigall heimisch. Hier sollen gefangene Serben 1943 den letzten Fischotter erlegt haben. Über die Steinerne Brücke fahren wir ans Südufer auf Schwarzacher Gebiet. Die Dammstraße links und der Weg gerade aus ins Mittelried führen nach Schwarzach. Rechts haben Schwarzacher Schrebergärtner ihre Hütten auf den ehemaligen 23 unter den Feibern wiederkäut. Sie schneiden keine Ruten mehr für «Zoanna, ObsKrätto und Wösch-Körb». EG-Bauern glauben, sie müßten schnelle Traktoren unbehindert über ihre Felder jagen. Zu viele Bäume sind deshalb schon verschwunden. Denkmal-Schutz für morsche Riesen ist zu wenig! Eine Gemeinde, die riesige Riedflächen dem Güterbahnhof und der Autobahn geopfert hat, muß umso mehr für die Natur tun. Im Wiosa, i dor Schribare, im Birka, im Nöü-Wiasa, im Wit-Riod! Wir müssen wieder Bäume pflanzen! Für Eulen und Meisen, für Wasser und Luft, für uns und unsere Enkel. 22 Müllplatz gebaut. Zwischen ihnen und dem Kiesfänger fahren wir rechts hinab ins Wolfurter Weitreid. Schon nach 100 m erreichen wir beim letzten Häuschen (B) die Grenze. Schnurgerade führt von hier ein Grenzgraben nach Südwesten zum Südpunkt (S) auf der Bundesstraße. Mit dem Fahrrad können wir ihm allerdings nicht folgen. Aber wenigstens ein Stück vom oberen Weitried wollen wir noch erkunden. Rechts hat barmherziges Buschwerk den häßlichen Wolfurter Müllberg aus den 60er Jahren überwuchert (C). Eines Tages muß er noch als Altlast saniert werden. Geradeaus könnte man mit gutem Schuhwerk auf dem linken Achdamm zur Hohen Brücke wandern. Wir biegen aber auf den Fahrweg links ab. Nach 100 Metern beginnt bei einer schönen Birkengruppe der Weitriedgraben. Er wurde wohl schon zu Maria Theresias Zeiten gegraben, als man hier unten, eine Stunde weit vom Dorf, schmale Kartoffeläcker anlegte, jeder vom Nachbarn durch einen Wasserabzugsgraben getrennt. Nach weiteren 100 Metern kommen wir zum wasserreichen Konradsgraben. Vom Schwarzacher Roßfäng her bringt er sein Wasser ins Wolfurter Weitried. Er wird noch um das Wolfurter Pfarrwidumsstück geleitet, ehe er sich in den Mittelriedgraben ergießt. Seit vielen Jahren verpachtet Wolfurter Südpunkt. Links von der Ampel bei Dornbirn-Nord endet unser Gemeindegebiet. 25 24 die Pfarre Wolfurt hier ihren großen Acker an fleißige Schrebergärtner, die auf dem steinlosen Moorboden Gemüse ziehen. Am Südende des Widums (D) fließt der große Schwarzacher Mittelriedgraben vorbei, quert das ganze Weitried und mündet erst 400 m unterhalb der Bundesstraße in den Scheidegraben. Wir sind noch 400 m vom Südpunkt (S) entfernt, aber mit dem Fahrrad müssen wir jetzt umkehren, zurück zur Steinernen Brücke (A). Auf der Kesselstraße erreichen wir die Hohe Brücke (E) und fahren auf der Nebenfahrbahn der Bundesstraße B190 nun etwa 700 m weit nach Süden. Dort kommt linken Achdamm ins Untere Weitried wandern. Bei (F) endet Wolfurt bei einem verfallenen Gemäuer. Es ist das ehemalige Einlaßbauwerk für den Scheidegraben. Weil hier immer wieder Hochwasser ausgetreten ist, hat das Land den Scheidegraben weit auf Dornbirner Gebiet unter der Autobahn durch zur Dornbirnerach umgeleitet. Hier findet Dein aufmerksames Auge in Hecken und Sumpfwiesen immer wieder neue Wunder. Natürlich kannst Du, statt diesen Abstecher zu machen, auch gleich die Runde zum Westpunkt anhängen. IL Zum Westpunkt im Schwarzen Zeug Heute wollen wir ganz weit hinab ins unterste Birka bis fast zum Sender. Bei der Anfahrt vom Flotzbach schauen wir nach den beiden Denkmal-Bäumen am Wiesenweg und gelangen dann auf der breiten Senderstraße am Güterbahnhof vorbei auf die Brücke über die Bundesstraße B190. (G) Ganz bewußt halten wir vorsichtig am Brückengeländer an und nehmen den Verkehrslärm auf. Der Blick zurück nach Wolfurt findet nichts mehr von den großen Streuewiesen im Kupferloch und im Holzried. Seit 1972 wurden hier auf tiefem Sumpf massive Schüttungen aufgebracht und große Gebäude erstellt: Güterbahnhof, Groß-Postamt, Zentral-Zollamt, Speditionen, Industriebauten und ÖBB-Kraftwagendienst. Sie werden überragt von den gewaltigen Portalkränen und den Masten für die Halogen-Scheinwerfer, die hier im einst so einsamen Ried die Nacht zum Tag machen. Unter der Brücke brausen stündlich bis zu 2000 Autos durch. Man versteht das eigene Wort nicht. Wir drehen uns weg und flüchten, nach Westen, ins Birka! Unter der Straße durch führt die kleine Birkastraße nach links an «Böscho Stadel» vorbei ins obere Birka. Dorthin, zu den großen Eichen und zur Jägerhütte am Birkagraben (H) gehen wir ein anderes Mal, am besten zu Fuß. Heute fahren wir auf der Senderstraße ein Stück Richtung Lustenau. Nach 100 Metern überqueren wir zum ersten Mal den von Bäumen gesäumten Zielgraben, der hier die Drainagegräben sammelt. Links, an der Neuwiesenstraße, hat sich ein fürchterliches Hüttenwerk angesammelt. 27 Der Scheidegraben am Südpunkt trennt das Wolfurter Weitried (rechts) von der Gemeinde Dornbirn. links aus dem Haselstauder Ried der tiefe Scheidegraben. Er wird unter dem Wirrwarr von Ampeln und Schildern an der Bundesstraße durchgeführt und bildet nun als «Scheide» nach Nordwesten die Grenze des unteren Weitriedes zwischen Wolfurt und Dornbirn. Am Straßenrand, direkt östlich der Verkehrsampel, stehen wir am Südpunkt (S). Hast Du gewußt, daß sich das Wolfurter Gemeindegebiet bis zur Autobahnauffahrt Dornbirn-Nord erstreckt? Große Eschen und Birken im Nordosten und ein kleiner Pappelwald im Nordwesten markieren den Grenzverlauf. Ein ruhiger Punkt ist das allerdings nicht. Wenn Du einen solchen suchst, könntest Du jetzt bei der Hohen Brücke (E) Dein Fahrrad abstellen und zu Fuß auf dem 26 Hennen, Truthühner, Schafe, meist auch ein bellender Hund und viel Mist kommen ins Bild. Die vielen schmalen Parzellen im «Nöü-Wiosa» waren zweihundert Jahre lang bis 1950 die wichtige Grundlage für die Ernährung der Wolfurter mit «Türggo und Bodobiora». Jetzt werden nur mehr wenige Äcker von Hobbygärtnern bewirtschaftet. Am Geländer über den Landgraben halten wir kurz an. In diesem tierfeindlich ausgemauerten Kanal fließt das Wasser all unserer klaren Waldbäche zwischen Kirche und Rutzenberg. Die schmale Straße an seinem rechten Ufer erschließt hier im Mittel-Neuwiesen und auch noch unterhalb der Autobahn die letzten Wolfurter Parzellen. Wir unterqueren die Autobahn und erreichen nach etwa 200 Metern den Lauteracher Grenzgraben (J). Stop! Vor uns liegt das Lauteracher Ried mit den großen schönen Bäumen. Die Schilffelder links sind Wolfurter Torfgründe, aus denen noch bis 1960 «Schollo» gestochen wurden. Die erste Lauteracher Parzelle hat ein Blumenfreund in einen prachtvollen Garten mit einem kleinen Häuschen umgewandelt. Daneben aber träumt noch unberührtes Ried mit Birken, Moos und Weidengebüsch. Die Senderstraße durchschneidet einen besonders schönen Teil des Rieds. Hier endet Wolfurt 200 m westlich der Autobahnunterführung 28 29 Vor ein paar Jahren nisteten hier noch der «Hoo-Lippar», der Brachvogel mit dem langen krummen Schnabel, und auch die scheue Bekassine, eine Schnepfe mit geradem Schnabel. Wir kehren um. Knapp vor der Autobahn (bei K) biegen wir nach rechts auf die schmale Asphaltstraße mit Auto-Fahrverbot ab, Richtung Dornbirn. Am Damm hat der Straßenmeister ein paar Büsche gepflanzt und ein paar Tümpel angelegt winzige Pflaster auf der fürchterlichen Wunde, die die Autobahn ins Ried geschlagen hat! Immerhin aber haben sich Frösche und Libellen schon hier niedergelassen. Nach rechts zieht der Landgraben ins untere Ried hinab. Nach 400 Metern wird er zum Grenzgraben zwischen Wolfurt und Lauterach. Sein rechter Damm ist stark überhöht. Noch bis vor 20 Jahren hat dieser harmlos scheinende Bach manchmal das Lauteracher Ried bis zu den Häusern von Hard überflutet. Der nächste Kanal ist der Zielgraben. Er muß die Abwässer der Autobahn aufnehmen. Die unauffälligen 25 Meter langen Mauern und die anschließenden großen Bodengitter gehören zu einem riesigen Rohrsystem, das wohl das Öl, nicht aber die Tonnen von Streusalz abfiltert. Die Schaumblasen auf dem Wasser im Frühjahr kommen allerdings vom oberen Birka her. Dort haben «Landwirte» mit Klärschlamm und Jauche überreich gedüngt. Wochenlang wäscht es den Dreck nun durch die Drainagegräben in Richtung Bodensee. Der dritte Bach ist der Unterlauf des Birkagrabens. Dann macht unser Radweg eine große Rechtskurve durch saure Wiesen, in denen noch Wollgras, Knabenkräuter und Mehlprimeln blühen und im Frühling der Kiebitz balzt. Bei der Kreuzung (L) biegen wir nach rechts ab, zu den Mäandern der alten Schwarzach. Die Schwarzach war seit dem Mittelalter, seit 1338, die historische Grenze zwischen dem Einflußgebiet von St. Gallus-Bregenz und St. MartinDornbirn. Das Dorf Schwarzach war damals durch Jahrhunderte geteilt. Auf alten Landkarten heißt der Fluß hier unten fälschlich «Rickenbach». Bis 1910 wälzte er sich unterhalb der Hohen Brücke durch zahlreiche Flußschlingen zur Dornbirnerach, an denen er oft über die Ufer trat. Nach dem Hochwasser von 1910 schnitt man die Mäander durch einen geraden Kanal ab. Dabei fielen etliche Hektar Sumpf im «Schwarzo Zug» von Dornbirn an Wolfurt. Der Müller Lorenz Gunz besaß daneben ein riesiges Feld. In seiner Chronik beschreibt er ausführlich 30 den «alten Rickenbach» und den neuen. Entgegen der Chronik und den Plänen wollen wir aber dabei bleiben: Der Rickenbach mündet schon beim Kessel oben in die Schwarzach. Unter der Hohen Brücke fließt die «Schwarzach» durch - auch wenn das blaue Flußschild dort fehlt. Die ersten Mäander, an denen wir entlang fahren, führen selten Wasser und sind wundervolle Inseln des Lebens in einer sonst arg strapazierten Landschaft. Bei den Eisengeländern der Brücke über den Zielgraben, der hier sein Wasser ins alte Achbett bringt, erreichen wir die Gunz-Wiesen. Darauf stehen noch (1992!) die Startrampen der Modellflieger. Wir stellen die Fahrräder ab. An der Hütte vorbei, die vor Jahren einmal als Kiosk beim Wälderhof stand, erreichen wir nach 200 Metern die Gemeindegrenze am Landgraben (M). Dieser verläßt hier allerdings in weitem Rechtsbogen die Grenze, weil er aus Überflutungsgründen noch ein gutes Stück parallel zur Dornbirner Ach geführt wird, ehe man ihn beim Sender unten einmünden läßt. Wer wasserfeste Stiefel hat, kann nun - nicht in der Brutzeit, bitte! - an den Mäandern entlang zur Hütte zurückwandern. Aufmerksame Augen entdecken hier manche Kostbarkeit. Der Bach ist tief in den Lehmgrund eingeschnitten. An den Steilufern sieht man gelegentlich den blaugrün schillernden Eisvogel. Ob er hier noch Bruthöhlen baut? Vielleich entdeckst Du sogar die Kielwellen, die eine scheue Bisamratte durch das Wasser zieht. Sie stammt aus Nordamerika, hat sich aber seit 80 Jahren über ganz Europa ausgebreitet und ist seit 1980 bei uns heimisch. Sie durchwühlt die Ufer. Der Höhleneingang ist nicht zu entdecken, er liegt unter dem Wasserspiegel. Dafür siehst Du wohl die überwachsenen Hügel von großen Dachsbauen. Vor 50 Jahren hat der Dachs in den Maisäckern im Neuwiesen schwere Schäden angerichtet. Seither haben ihn Menschen und Autos aus dem Ried verjagt. Der zähere Fuchs aber jagt hier noch, wie der Jagdaufseher berichtet. Nahe der Hütte ermöglicht ein Balken dem trittsicheren Wanderer den einzigen Übergang. Wir ziehen es aber vor, mit dem Fahrrad zurück zur Kreuzung (L) und dann nach rechts auf die Brücke (N) zu fahren. Hier beginnt das Gebiet der Stadt Dornbirn, das erst weit oben hinter dem First auf den Damülser Bergen endet. Dieser Radweg führt in die herrlichen Achauen bei Martinsruh und erschließt beim Werbenhof das weite Dornbirner und Lustenauer Ried. Wir bleiben aber auf 31 der Wolfurter Seite und fahren auf dem holprigen rechten Achdamm flußabwärts, durch wuchernde Hecken und an prächtigen Sumpfwiesen vorbei. Wir dürfen unsere Augen auch nicht verschließen, wenn wir entdecken, wieviel Plastikfetzen und Unrat das letzte Hochwasser (bis 4 Meter über dem Niedrigwasser!) in die Baumzweige gehängt hat. Leider! trotz Müllabfuhr in den Gemeinden. Das letzte Stück müssen wir zu Fuß auf schlechtem Pfad durch den seit Jahren nicht mehr abgeernteten Schilf gehen. Plötzlich ein Stacheldraht, eine gepflegte Wiese mit einer jungen Eiche! Wir sind am Ziel, am Westpunkt (W) unserer Gemeinde. Hier mündet links die Schwarzach in die Dornbirner Ach, die ab jetzt Grenzfluß zwischen Dornbirn und Lauterach ist. Das dunkle klare Wasser der Schwarzach mischt sich mit dem milchigtrüben der Dornbirnerach. Nur ein paar Hundert Meter weiter flußaufwärts leiten die Dornbirner nämlich das Abwasser ihrer gigantischen Kläranlage - chemisch neutralisiert! - in ihre Ach. Ein Wunder, daß hier noch Forellen und Nasen vom See heraufwandern! Die Wiese vor uns ist Lauteracher Gebiet. Die Wildnis um uns gehört noch zu Wolfurt. Ein kostbarer letzter Zufluchtsort für bedrohte Tiere! Ganz weit im Wolfurter Westen! Wir kehren um, zurück zur Kreuzung (L). Jetzt fahren wir nach rechts, unter der Autobahn durch. Hier dröhnt der Autoverkehr unheimlich. Wie schaffen es die Rehe nur, durch dieses Loch vom unteren ins obere Birka zu wechseln? Zu Weihnachten 1991 war es allerdings vom Hochwasser bis an den Rand gefüllt und dann zugefroren, also lange Zeit unpassierbar. Hundert Meter östlich der Unterführung steigen wir auf den Achdamm. Auf der anderen Seite erkennen wir in den Büschen ein rostiges Geländer und das zerfallene Einlaßbauwerk des Scheidegrabens (F). Von dort verläuft die WolfurtDornbirner Grenze nun ganz gerade durch das Weitried hinauf zum Südpunkt (S) bei den Ampeln der Auffahrt Dornbirn-Nord. Wir schauen noch einmal zu First und Säntis und über das letzte Stück unseres schönen Rieds, dann geht es weiter zur Hohen Brücke - der Verkehr hat uns wieder! Und noch ein Tip: Kumm widor! Ganz allein, zu Fuß, mit Fernglas und Fotoapparat. Im Frühling, wenn die Mehlprimeln zarte Pünktchen ins Moor setzen! Im Herbst, wenn die Birken gilben! Oder im Winter, wenn die Eichen bizarre Graphiken in den grauen Himmel zeichnen! - Und wenn es Dir gefällt, dann bestärke doch unsere Gemeindevertreter in deren Bemühen, das Ried - unser aller Ried - zu erhalten! Lebensraum Ried bedroht! Auszug aus Landeskorrespondenz Nr. 72 vom April 1991 Die Streuewiesen sind als Lebensraum einer vielfältigen Tier- und Pflanzenwelt von größter Bedeutung. Ihre Erhaltung ist von einer naturschonenden Nutzung durch Landwirte und Erholungssuchende abhängig. Verschiedene Grundregeln müssen eingehalten werden: Das Betreten von Streuewiesen ist in der Zeit vom 1. März bis 31. August, ausgenommen für zulässige Verrichtungen in Ausübung des Grundeigentums, verboten. Die bodenbrütenden Riedvögel, wie der schon seltene große Brachvogel, dürfen bei der Brut und der 33 Am Westpunkt im Schwarzen Zeug. Links mündet die Schwarzach in die Dornbirner Ach. Rechts beginnt das Lauteracher Ried. 32 Aufzucht ihrer Jungen nicht unnötig gestört werden. Ebenso ist das Reiten auf den geschützten Wiesen verboten. Da Streuewiesen vorwiegend auf feuchten und nassen Moorböden wachsen, werden sie bei der hohen Trittbelastung durch die Pferde zerstört. Die im Ried bestehenden Gräben dürfen von den Grundeigentümern und Bewirtschaftern nur in der Zeit von 1. Oktober bis 31. März instandgehalten werden. Dabei sollen die Gräben nur so tief gezogen werden, wie es für die Ableitung des Oberflächenwassers unbedingt erforderlich ist. Verboten ist auch das Abbrennen der Streuewiesen. Dabei werden nicht nur Kleintiere zerstört, es führt auch zu unnötiger Luftverunreinigung. Lebensraum von größter Bedeutung? Und trotzdem S18-Pläne? Trotzdem ständig steigende Autozahlen? Steigende C02-Werte? Trotzdem .. ? Siegfried Heim Nach Amerika (2.) In Heft 4, Seite 25, habe ich über ein paar Auswandererschicksale berichtet. In Heft 8, Seite 7, steht von den 34 Leuten aus Strohdorf und Hub, die um 1850 eine neue Heimat in Amerika gesucht haben. Darunter war auch der Sternenwirtssohn Nikolaus Fischer mit seiner Frau und neun kleinen Kindern. Wir fragten uns: Wo mögen sie im fernen Land ein Dach gefunden haben? Ganz überraschend konnte der Bregenzer Historiker Mag. Meinrad Pichler eine Antwort geben. Ein Pfarrer Huber aus Alberschwende hat 1872 den Wilden Westen bereist und die Ansiedlungen der Vorarlberger besucht. Nach dem großen Aufstand der Sioux-Indianer von 1862 - viele Wolfurter wurden in der kleinen Stadt Neu-Ulm in Minnesota belagert, 500 Neuansiedler kamen ums Leben - war Ruhe eingekehrt. Pfarrer Huber berichtet in seinem Tagebuch, daß er die Familie Fischer im Besitz einer «schönen Heimat» in Fremont angetroffen habe. Gott sei Dank! Nach Notizen in den Wolfurter Archiven sind zwischen 1849 und 1872 insgesamt 198 Wolfurter ausgewandert. Das sind 13 Prozent der 1500 Einwohner! Zwei gingen nach Australien, alle anderen nach Amerika. Der Schwerpunkt ihrer Ansiedlungen lag in Wisconsin und in Minnesota am Oberlauf des Mississippi. Längst sind sie Amerikaner geworden. Im heurigen Jahr 500 nach Kolumbus stellt sich in Amerika die Frage nach der Geschichte. History-Vereine erforschen die Einwanderungswellen und die Wurzeln in Europa. Auch an unser Pfarramt sind eine Reihe von Anfragen gekommen. Wilfred Schneider reiste selbst aus British Columbia in Canada an und ließ sich zu den Häusern seiner Ahnen führen. Einer seiner Vorfahren hat 1806 das Rädlerhaus an der Kellhofstraße gebaut, ein anderer wohnte im Samüllerhaus. Auch Jakob Schertler, der Schützenmajor von 1809, gehört zu seinen Vorfahren. 35 Schollen aus dem Ried Getrockneter Torf war früher eine wichtige Einnahmequelle für Wolfurter Bauern. Das bestätigt auch eine Rechnung aus dem Gemeindearchiv, die der «Caminfeger» Albinger im Instrumentenmacherhaus am Strohdörfler Brunnen an die Gemeinde richtete. Ein Fuder getrocknete Scholllen entsprach etwa einem Taglohn, in der Kaufkraft aber nicht einmal 100,- S von heute. Quittung Pr 6 f wörtlich sechs Gulden R. W., füer gegrabener, gederter und aufgeladener Schollen zum Haizen der Schulöffen. Hr 9fuder a 40 Kreuzer. Hr Lizidanto von dem gemeinds kassier Joseph Schneider Namens der gemeinde richtig empfangen zu haben hiemit quittire. Dann 3 Tag die feuerstette besittigef1 und füer den Tag 48 Kreuzer. Macht zu Sammen 2 f24 X. Wolfurt den 11 ten November 1826 Fidel Albinger *} durchgeschaut, repariert 34 Aus Wisconsin schrieb Scott Brunner, der in die gleiche Verwandtschaft gehört. Sein Ahn, der Sattler Johann Georg Rohner, hat 1839 das Haus Bützestraße 11 (Rüsto Tones) gebaut. Aus New Hampshire meldete sich William Brander. Zu seinen Ahnen zählt ein Geiger Martin im Haus Schloßgasse 1 (Stenzlers). Vom gleichen Stammvater stammen u. a. «Gigars im Röohle», Geigers im Adler, «Höllbur-Gigars» und Geigers am Unterlindenbrunnen. Schließlich fragte auch noch John Fischer aus Florida an. Er stammt aus dem Geschlecht des ersten Wolfurter Vorstehers Johann Georg Fischer im Haus Hofsteigstraße 27 («Schützen»). Als der Enkel Ferdinand Fischer 1865 nach Fremont in Ohio kam, waren dort andere Wolfurter schon jahrelang ansässig. So heiratete er denn auch mit Johanna Schneider ein Wolfurter Mädchen aus der Verwandtschaft unseres großen Malers Gebhard Flatz. Von den vielen Fischer-Verwandten haben neben dem 94jährigen Dr. August Fischer auch eine Reihe von Rupert Fischers kleinen Enkeln aus dem Flotzbach ihrem unbekannten Vetter im sonnigen Florida Grüße geschickt. Wir warten gespannt auf die Antwort. Mag. Pichler arbeitet an einem Buch über die Auswanderung. Vielleicht könnte uns jemand Fotos oder Dokumente von Verwandten aus Amerika zum Kopieren überlassen? Von Martha Hinteregger bekam ich einen solchen Brief. Er stammt von ihrem «Vetter» Theodor Rohner, dem «Pfarrer in Amerika». aufgeweckte Theodor hatte bei Lehrer Martin Köb, Oberlehrer Wendelin Rädler und Schulschwester Gottfrieda Oberhollenzer eine gute Volksschule gehabt. Nun schickte Pfarrer Georg Sieber den elternlosen Buben ins Lehrerseminar nach Tisis. Haus und Hof mußten verkauft werden. Bald wurde Theodor von einem Internat ins andere gereicht. Über Wien kam er nach Böhmen, dann gar nach Irland und schließlich 1897 nach Amerika. In Milwaukee, Wisconsin, trat er in das Priesterseminar ein und feierte 1903 Primiz. Nach sechs Kaplanjahren wurde er 1909 Pfarrer in Mount Horeb und 1928 bis 1946 Stadtpfarrer in Beaver-Dam, Wisconsin. Krankheitshalber mußte er in Pension gehen, konnte aber 1953 noch sein goldenes Priesterjubiläum feiern. Zeitlebens hielt er Briefkontakt mit seinen Wolfurter Verwandten. Aus dem letzten Brief des greisen Pfarrers, dem er auch eine Zeichnung von den Häusern im Loch unter Engel und Schwanen anfügt, ist sein Heimweh spürbar: «Ob ich noch einmal in die Heimat komme . . .». 1955 wurde Theodor Rohner in die Ewige Heimat gerufen. Eine Inschrift am Pfarrergrab von Wolfurt empfiehlt ihn unserem Gebet. Eine alte Rechnung Konto 1826 Hab ich in die Schul 4 Stül gemacht, hab daß Holtz derzu gegeben, tut für 1 Stück 2 Gulden, also zusammen 8 Gulden. Weiters ich und der Sohn 1 Tag gewerchet, für Kost und Lohn tut 30 Kreuzer, zusammen 1 Gulden. Weiters einen Weg grösser gemacht, tut 36 Kreuzer, weiters für Negel 6 Kreuzer. Summa 9 Gulden 42 Kreuzer. Meister Frantz Xaver Schertler, Schreiner in Wohlfurth. Den 14 Jenner 1826 Der Schreiner Schertler (1747-1833) hat im Jahre 1800 «Schrinars Hus», Lauteracherstraße 6, gebaut. Es wurde 1971 abgebrochen (Reiners Armin). Aus diesem Haus stammen die vielen Familien Schertler Veres und Schertler Bernhards (Villa). Wer die Rechnung nachrechnet, muß beachten, daß ein Gulden damals 60 Kreuzer hatte. Für einen Gulden arbeiteten zwei Männer einen Tag lang. 37 Der Pfarrer in Amerika Eine bedeutende Wolfurter «Rohner»-Familie hatte ihren Hof im Loch, direkt neben der Kellhof-Weingartenmauer. Die Alten kannten das Haus noch als «Hollagoggols», heute ist es umgebaut (Im Dorf 4). Aus diesem Haus stammten die Steinbrecher-Rohner (Haldobuob) und die Instrumentenmacher-Rohner im Strohdorf. Hier wurde auch Theodor Rohner am 19. Jänner 1877 geboren. Schon mit drei Jahren verlor er die Mutter, mit 15 Jahren auch den Vater und die Stiefmutter. Der 36 Siegfried Heim Die Michaelskapelle von St. Gallus Bis zur Gründung unserer Pfarrei St. Nikolaus im Jahre 1512 gehörte Wolfurt zu St. Gallus in Bregenz. Dort wurden die Wolfurter getauft, dort wurden sie auch zur letzten Ruhe bestattet. Längst ist der alte Friedhof bei der Kirche aufgelassen. Adelige und Geistliche wurden im Mittelalter meist in einer Gruft oder einer Krypta innerhalb der Kirche begraben. Zu solchen Ehren könnten in St. Gallus die Ritter von Wolfurt gekommen sein, falls sie nicht doch eine Gruft in der Nikolauskapelle in Wolfurt besaßen. Einen kleinen Hinweis finden wir in der Michaelskapelle. Sie ist nach Art einer Krypta unter den Chor von St. Gallus gebaut und nur von außen über eine kleine Stiege auf der Südseite zugänglich. Nur ganz selten wird die Türe für eine Führung geöffnet. Eine solche Gelegenheit hatte letztes Jahr Dr. Paul Gmeiner, ein alter und begeisterter Wolfurter. Er schickte mir Skripten, die die Bregenzer Historikerin Frau Reckefuß-Kleiner zusammengestellt hat. Sie basieren auf Forschungen von Landesarchivar Viktor Kleiner von 1911 und von Andreas Ulmer 1926 (Zeitschrift Alemania). Die Wände der Michaelskapelle sind mit Fresken geschmückt, die dem Bregenzer Maler Urrich Geser um 1500 zugeschrieben werden. Sie sind von großem kunsthistorischem Wert und für Wolfurt besonders interessant. Im Jahr 1911 beschrieb sie Landesarchivar und Landeskonservator Viktor Kleiner wie folgt: «Gleich beim Eingang in die Gruftkapelle fällt unser Blick auf das umfangreiche Votivbild der Familie Kaisermann. Rechts halten kleine Engel einen einfachen Vorhang. Davor stehen der Heilige Gallus im Mönchsgewand mit dem Abtstab und die Muttergottes mit dem Christkind auf dem Arm. Vor ihnen kniet von rechts nach links die Stifterfamilie: drei Ehepaare der Familie Kaisermann. Zu ihren Füßen lehnen die Wappen und über ihren Häuptern sind die 38 Inschriften angebracht: Johann Kaisermann, 11386, und seine Gattin Maria von Wolfurt, 11415, deren Sohn Heinrich Kaisermann, 11465, und seine Frau Elsbeth Schmidin, 11465 (aus der nachmals so berühmt gewordenen Familie der Schmid von Wellenstein), dann deren Sohn Hans Kaisermann (wahrscheinlich der Stifter des Bildes), gestorben nach 1498, und dessen Frau Elsbeth Zollerin von Zürich. An der Stirnseite des langgestreckten Kapellenraumes sieht man das schlecht erhaltene Bild des Heiligen Michael mit der


Heimat Wolfurt Heft 08 1991 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 8 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 91 Die Post. Das alte Gemeindehaus an der Schulstraße wurde 1965 abgebrochen. Hundert Jahre früher war es ein Zentrum der Schertler-Ziegeleien gewesen. Inhalt: 28. Volkszählungen 29. Strohdorf, Hub und Flotzbach 30. St. Martin vom Strohdorf 31. Schulschwestern 32. Sieben Söhne im Krieg 33. Das Gemeindeblatt DIE AUTOREN: Zuschriften Zu Heft 7 sind eine ganze Reihe von Rückmeldungen eingelangt. Einige bestätigen das Interesse an Mathias Schneiders Texten von 1812, seinem seltsamen Wortschatz, seiner ungewohnten Rechtschreibung. Andere erinnerten sich wieder an Lehrer Köbs «Buben», die sie noch gekannt haben, besonders an den immer zu Scherzen aufgelegten Ludwig, der als Schützenhauptmann, als Kirchenordner, als Ausgeher für die Metzgerei Rist und zuletzt noch als Ansager von Begräbnissen mit allen Wolfurter Gut-Freund war. Aus Lauterach kam ein Brieflein von Höfles Anni, die auch nach vielen Jahren im schönen Lauterach immer noch sieht, daß es dort «eben eben» ist, und sich gerne an ihre Strohdörfler Himmelreich-Bühel erinnert: Vielen herzlichen Dank für die zugeschickten Hefte. Ich hatte eine richtige Freude und gratuliere zu Eurem Heimatkunde-Kreis. Da ich nächstes Jahr ja auch 70 werde, kann ich in vielen Sachen mitdenken und gar Vieles ist in meinem Innersten recht lebendig erhalten. Besonders Lehrers Ludwig (Köb) sehe ich noch vor mir, wie er als Kirchenordner und Festführer bei vielen Anlässen fungierte. Als junges Mädchen machte ich im Postamt Lauterach Dienst. Als Ludwig mit einem Korb voll Würste und Fleisch beim Gasthof Engel mich bei der Heimfahrt am Abend erblickte, lud er mich ein, mit ihm einzukehren und ein Viertele zu trinken. Ich erinnere mich gerne daran, als ob es erst 10 Jahre her wäre. A uch die schönen Bühel sind mir die ersten Jahre sehr abgegangen, denn Lauterach ist eben eben. Grüße an die vielen Schönheiten in Wolfurt! Anni Germann Doppelmayr Arthur zeigte sich am Napoleon-Krieg interessiert. Er erzählt von den Nachkommen des Rußlandheimkehrers Michael Köb, die seine Nachbarn am Rickenbach waren. Die technische Begabung von «Mühlemacher Ferde» war weitum bekannt. Sein Sohn Ferdinand Müller betrieb ein Motorradgeschäft. Er begründete die Firma Gummi-Müller in Bregenz und gemeinsam mit seinem Wolfurter Freund Carl Müller (Kronenwirt) die Alemannia-Reifenfabrik. Die Enkel Dr. Kurt und Ing. Herbert Müller mußten 1942 wieder, wie 130 Jahre früher ihr Vorfahr, als junge Soldaten nach Rußland in den Krieg. Diesmal sind leider keine anderen Beiträge eingegangen. Einziger Autor ist daher Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor i. R. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern», 1983. Bitte! Diesem 8. Heft liegt der 3. Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87 957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druck- und Versandkosten abzudecken! Weitere Bestellungen erbitten wir schriftlich. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Herzliche Grüße schicken wir Wolfurter wieder hinaus an alle, die ihr Heimatdorf am Steußberg nicht vergessen haben. An alle Leser aber richten wir die Bitte, diese Hefte auch ihren interessierten Freunden zu zeigen. Mit Ausnahme von Heft 2, das leider vergriffen ist, könnten wir noch alte Hefte zur Verfügung stellen. DIE AUTOREN: Zuschriften Zu Heft 7 sind eine ganze Reihe von Rückmeldungen eingelangt. Einige bestätigen das Interesse an Mathias Schneiders Texten von 1812, seinem seltsamen Wortschatz, seiner ungewohnten Rechtschreibung. Andere erinnerten sich wieder an Lehrer Köbs «Buben», die sie noch gekannt haben, besonders an den immer zu Scherzen aufgelegten Ludwig, der als Schützenhauptmann, als Kirchenordner, als Ausgeher für die Metzgerei Rist und zuletzt noch als Ansager von Begräbnissen mit allen Wolfurter Gut-Freund war. Aus Lauterach kam ein Brieflein von Höfles Anni, die auch nach vielen Jahren im schönen Lauterach immer noch sieht, daß es dort «eben eben» ist, und sich gerne an ihre Strohdörfler Himmelreich-Bühel erinnert: Vielen herzlichen Dank für die zugeschickten Hefte. Ich hatte eine richtige Freude und gratuliere zu Eurem Heimatkunde-Kreis. Da ich nächstes Jahr ja auch 70 werde, kann ich in vielen Sachen mitdenken und gar Vieles ist in meinem Innersten recht lebendig erhalten. Besonders Lehrers Ludwig (Köb) sehe ich noch vor mir, wie er als Kirchenordner und Festführer bei vielen Anlässen fungierte. Als junges Mädchen machte ich im Postamt Lauterach Dienst.. Als Ludwig mit einem Korb voll Würste und Fleisch beim Gasthof Engel mich bei der Heimfahrt am Abend erblickte, lud er mich ein, mit ihm einzukehren und ein Viertele zu trinken. Ich erinnere mich gerne daran, als ob es erst 10 Jahre her wäre. Auch die schönen Bühel sind mir die ersten Jahre sehr abgegangen, denn Lauter ach ist eben eben. Grüße an die vielen Schönheiten in Wolfurt! Anni Germann Doppelmayr Arthur zeigte sich am Napoleon-Krieg interessiert. Er erzählt von den Nachkommen des Rußlandheimkehrers Michael Köb, die seine Nachbarn am Rickenbach waren. Die technische Begabung von «Mühlemacher Ferde» war weitum bekannt. Sein Sohn Ferdinand Müller betrieb ein Motorradgeschäft. Er begründete die Firma Gummi-Müller in Bregenz und gemeinsam mit seinem Wolfurter Freund Carl Müller (Kronenwirt) die Alemannia-Reifenfabrik. Die Enkel Dr. Kurt und Ing. Herbert Müller mußten 1942 wieder, wie 130 Jahre früher ihr Vorfahr, als junge Soldaten nach Rußland in den Krieg. Diesmal sind leider keine anderen Beiträge eingegangen. Einziger Autor ist daher Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor i. R. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus «Wolfurt in alten Bildern», 1983. Bitte! Diesem 8. Heft liegt der 3. Erlagschein des Heimatkundekreises für Konto 87 957 Raiba Wolfurt bei. Bitte, helfen Sie uns mit Ihrer Spende, die Druck- und Versandkosten abzudecken! Weitere Bestellungen erbitten wir schriftlich. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Herzliche Grüße schicken wir Wolfurter wieder hinaus an alle, die ihr Heimatdorf am Steußberg nicht vergessen haben. An alle Leser aber richten wir die Bitte, diese Hefte auch ihren interessierten Freunden zu zeigen. Mit Ausnahme von Heft 2, das leider vergriffen ist, könnten wir noch alte Hefte zur Verfügung stellen. Siegfried Heim Um 1900 sind in Hard und in Wolfurt sehr viele Italiener beheimatet. Die Entwicklung hält bis 1914 an. Der Erste Weltkrieg bringt einen gewaltigen Einbruch: In Hard fällt die Einwohnerzahl vom Rekordjahr 1910 bis zum Kriegsjahr 1923 um 600 ab. In Wolfurt fällt sie in der gleichen Zeit um fast 500. Die Kriegs- und Nachkriegsjahre um 1945 bringen besonders starke Schwankungen durch Verluste, Flüchtlinge und einquartiertes Militär. Darüber habe ich keine Zahlen gefunden. Seit 1951 gibt es alle 10 Jahre genaue Volkszählungen. Weil es dabei um viel Geld geht, müssen die Angaben der Gemeinden von den Oberbehörden manchmal korrigiert werden. Daher finden sich in den Tabellen gelegentlich differierende Angaben. In allen aber zeigt sich das überdimensionale Wachstum der Industriegesellschaft unserer Hofsteiggemeinden «im Tal». Wie willst Du einem Wolfurter Schulkind, das vom Frickenesch aus auf das zersiedelte Feld schaut, beibringen, daß Wolfurt vor 50 Jahren nur 2.000 Einwohner hatte? Und erst Hard! Wie geht das dort weiter? Ist es ein Trost, daß sich nun auch die Berggemeinden Buch und Bildstein über ganz beachtliche Zuwächse freuen dürfen, weil die Talbewohner den hohen Wohnort der intakten Berglandschaft entdeckt haben? Bei allen Klagen sollten wir eines nicht vergessen: Durch viele Jahrhunderte mußten Hofsteiger auswandern, um in fremden Ländern als Maurer, Taglöhner, Söldner oder auch Bettler ihr tägliches Stück Brot zu bekommen. Nun dürfen wir es daheim verdienen! Es ist sogar noch genug für andere da. Gott sei Dank! Volkszählungen in Hofsteig Im Mittelalter war im montfortischen Gebiet am Steußberg das Gericht Hofsteig entstanden, in das im 18. Jahrhundert auch das Gericht Kellhof-Wolfurt integriert wurde. Innerhalb des 60 km2 großen Gerichtes bildeten sich vom Berg bis zum See feste Dorfgemeinschaften, die seit der Flurverteilung im 18. Jahrhundert auch gegenseitig anerkannte Grenzen und eigene Verwaltung besaßen. Sie alle unterstanden aber dem gewählten Hofsteigammann und den k. k. Behörden. Die Flächen waren verschieden groß und zwischen Wald und Riedsumpf unterschiedlich ertragreich. Seit Maria Theresias Zeiten gab es in den sechs Hofsteiggemeinden die ersten «Seelenbeschriebe» durch die Pfarrer, also erste genaue Aufschreibungen und Zählungen. Eine ältere Zählung liegt nur von 1594 vor. Sie erfaßte allerdings nur die Häuser. Damals hatte Hard 63, Lauterach 95 und Wolfurt 70 Häuser. Demnach dürfen wir die Einwohnerzahl im ausgehenden 16. Jahrhundert für Hard mit 350, Lauterach 530 und Wolfurt mit etwa 390 annehmen. Seither haben sich die Realitäten ständig verändert. Die älteste Vergleichsstatistik findet sich bei Mathias Schneider, der für die Bayern 1807 Konskriptionslisten anlegen mußte. Spätere Zahlen stammen aus offiziellen in Zeitungen verlautbarten Tabellen. Vergleichen Sie die umseitigen statistischen Zahlen und Kurven! Was da alles auffällt! 1807 gehört Bildstein zu den vier «großen» Hofsteiggemeinden, während Schwarzach noch klein und daher auch noch keine ständige Pfarre ist. Wolfurt liegt an der Spitze. Gleichmäßiges Anwachsen der bäuerlichen Bevölkerung bis 1837. Aber Hard hat durch seine Jenny- und Schindler-Fabriken die anderen überholt. Um 1880 ist auch Schwarzach groß geworden, während die Leute vom «Berg» aus Buch und besonders aus Bildstein ins Tal ziehen. 2 3 4 5 Siegfried Heim Strohdorf, Hub und Flotzbach Anmerkungen zu einem Dorfgeschichtevortrag am 14. Mai 1991. Spetenlehen mehr Verkehr brachte. Aber Sattler, Seiler, Schmiede, Wagner Wirte profitierten davon. Der Verkehr verschwand, als Kaiserin Maria Theresia 1768 die neue «Landstraße» von Lauterach durch das Ried nach Dornbirn bauen ließ. Nur ein paar Säumer in den Bregenzerwald und die Wallfahrer nach Bildstein belebten das nun abseits liegende Wolfurt noch ein wenig. Die Handstickerei der Frauen und die Webstühle der Männer brachten wenigstens eine kleine Einnahme. Fast jedes Haus hatte einen Webkeller. Die Weber wurden aber um 1840 alle durch die Konkurrenz der Fabriken arbeitslos. Die Not zwang viele zum Auswandern nach Amerika. Aus jedem dritten Haus zog ein junger Mann, selten auch ein Mädchen, in die Ferne. Allein aus dem Strohdorf waren es 23 Personen, dazu 11 aus der Hub, die sich auf den Weg nach Amerika machten. Von den meisten hat man nie mehr etwas gehört. Als Beispiel nenne ich die Familie Fischer. Nikolaus Fischer, ein Sohn aus dem heutigen Sternen an der Wälderstraße, hatte 1841 geheiratet und sein neu erbautes Haus im unteren Strohdorffeld (heute Dür, Wälderstraße 10) bezogen. Seine Frau Anna Geiger gebar jedes Jahr ein Kind. Das Brot reichte bald nicht mehr für die vielen hungrigen Mäuler. 1853 mußten Fischers ihr schönes Haus verkaufen. Am 22. April nahmen sie Abschied vom Strohdorf. Was muß das für ein Auszug gewesen sein! Neun Kinder - der älteste Bub war gestorben - : Rosa 12 Jahre, Sophie 9, Nikolaus 8, Maria 7, Joh. Georg 6, Katharina 4, Barbara 3, Anna 2, das kleine Agathle gerade ein halbes Jahr alt. Wo mögen sie im fernen Land ein Dach gefunden haben? Im Jahre 1838 hatten die Bregenzerwälder statt der beiden Saumwege über Berütter-Buggenegg und Linzenberg-Farnach endlich die vielbestaunte und gefährliche Fahrstraße durch das Schwarzachtobel bekommen. Gleichzeitig wurde in Wolfurt die Wälderstraße vom Strohdorf nach Lauterach gebaut. Rasch entwikkelte sich ein bedeutender Frachtverkehr. Da konnte auch ein tüchtiger Wirt ein Geschäft machen. Aus Bildstein-Geißbirn war 1842 der junge Jakob Böhler ins Tal gekommen und hatte sich als Steinmetz, Maler und Bildhauer einen Namen gemacht. Nun baute er den «Stern» zu einem großen Gasthof aus und betrieb dort auch eine Bäckerei und einen Gemischtwarenhandel. Sein Sohn Eduard Böhler, Sternenwirt und Bäckermeister, wurde dazu noch ab 1872 Postmeister. Der Stern war nun Post-Station für die Kutsche in den Bregenzerwald. Der Wirt gründete 1874 auch den ersten Veteranenverein des Landes. Neben den Fabrikanten Louis Schindler aus Kennelbach und Johann Gaßner aus Bludenz gehörten auch Geistliche und hohe Offiziere wie Feldmarschall-Leutenant Ritter von Burlou-Ehrwal aus Bregenz zu den Mitgliedern. 7 Eine Gemeinschaft wächst Im Laufe der Geschichte haben sich in Wolfurt zwei Dörfer entwickelt: das Kirchdorf aus dem staufischen Kellhof und Rickenbach aus dem montfortischen Hof zu Steig. In den letzten 200 Jahren versuchte man, mit Schule und Gemeindeamt im Strohdorf eine Klammer zwischen den beiden Ortschaften zu schaffen. Im Jahre 1760 gab es im Strohdorf um den alten Brunnen erst 14, am Eulentobelbach an der Hub 18 Häuser. Dort vermurte der wilde Bach manchmal die Straße. Daher heißt es im Hofsteigischen Landsbrauch von 1571: Item die Inhaber der Hueb sein schuldig den bach ob der strass vom brunnen an der Hueb bis an Speetenlehen dermassen zeleiten und zefüeren, damit der strass und sonsten niemands kain schaden widerfahre. Die Hochwässer von Holzerbach, Himmelreichbächlein und Eulentobelbach schütteten fruchtbare Lehmböden in die sumpfige Ebene. Darauf bauten die ersten Strohdörfer und Hübler Dinkelweizen und Haber an. Erst allmählich rodeten sie vor 1000 Jahren die sonnigen Bühel am Rebberg und im Himmelreich bis hinauf ins Frickenesch. Und noch viel später begannen sie mit der Entwässerung der Riedsümpfe, wo im «Nöü-Wiasa» und im «Wit-Riod» etwa ab 1750 «Türggo und Bodo-Biora» angebaut wurden. Am Südhang des Frickeneschs gedieh Wein und zwar der recht herbe weiße "Bregenzer" für die Bregenzer Herren. Erst 1729 konnten die Hofsteiger den sonnigen Rebberg kaufen. Sie nannten ihn «Narrenberg», wohl weil die schwere Winzerarbeit dort oben zuletzt kaum mehr Ertrag brachte. Um 1880 riß man die letzten Reben aus. Ursprünglich waren alle Häuser nur an der alten Römerstraße am Berghang gestanden. Daran änderte sich auch nichts, als mit Kaiser Maximilians Brücke von 1518 die Reichsstraße von Lauterach her über St.Antone und Unterhub nach 6 Bei der Fronleichnamsprozession kommandierte der schneidige Hauptmann manchmal über 100 Schützen. Auch bei den großen Freilicht-Theatern in Wolfurt war der-Sternenwirt unentbehrlich. Weil man den Frauen im Dorf damals noch den Zutritt zur Bühne verwehrte, spielte meist der Wirt die weibliche Hauptrolle, zum Beispiel 1875 in Schillers «Jungfrau von Orleans». Überhaupt war der Stern jetzt Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens. Jeden Sonntag trafen sich hinten in der Weinstube Pfarrer Sieber, AltvorsteherMartin Schertler, Gemeindearzt Dr. Eisler, Oberlehrer Rädler und Organist Fidel Kalb, der später unter dem neuen Namen Fidel Kirchberger Vorsteher wurde. Mit einigen Gleichgesinnten wurde Dorfpolitik gemacht. 1899 wurde hier im Sternen der Katholische Arbeiterverein gegründet, der bald mit seinen Sektionen Turnerbund, Jugendhort, Redeklub und Theatergruppe das Gemeindegeschehen wesentlich mitgestaltete. 1913 begann man mit dem Bau des Vereinshauses, das aber wegen des Weltkrieges erst 1922 fertig gestellt werden konnte. lernten. 1830 mußte im Stadel eine dritte Klasse eingebaut werden. Als auch diese nicht mehr ausreichte, wurde im unteren Strohdorf am «Holzer Bach» 1872 für 10.000 Gulden ein neues Schulhaus gebaut. Das alte wurde als Armenhaus und Turnraum verwendet und schließlich verkauft. Franz Pichler hat ihm vor ein paar Jahren ein völlig neues Gesicht gegeben (Hofsteigstraße 8). Ins neue Schulhaus zog mit den Barmherzigen Schwestern von der Kettenbrücke und Oberlehrer Wendelin Rädler ein neuer Geist ein. Neben Beten, Lesen, Schreiben, Rechnen und Singen lernten die Mädchen jetzt auch Stricken, Flicken, Nähen, Kochen und Gartenarbeit. Die Buben übten sich in Baumpflege, Bienenzucht und Milchwirtschaft. Oberlehrer Rädler gründete im ganzen Land Sennereien und Raiffeisenkassen und unterrichtete die Bauern unermüdlich in Vorträgen und einer eigenen Zeitung. Er sorgte dafür, daß 1882 in der Schule eine Gemeindekanzlei eingerichtet wurde. Vorsteher Joh. Martin Schertler arbeitete dort mit seinem Neffen Lorenz Schertler aus dem Flotzbach eng zusammen. Lorenz war ein ausgezeichneter Schreiber und ein Organisationsgenie, der seinem Onkel 1885 bis 1901 als Vorsteher nachfolgte. Seine Arbeit war so geschätzt, daß ihn die Wolfurter in der Not nach dem Weltkrieg von 1919 bis 1924 noch einmal zum Bürgermeister machten und ihn sogar in den Landtag wählten. Jetzt war also das Strohdorf mit Schule, Gemeindeamt und Vereinshaus endgültig der politische und kulturelle Mittelpunkt der Gemeinde geworden. Musik, Turner, Feuerwehr, Theater und Gesangverein blühten auf. Die durch Tradition und jahrhundertelange Geschichte getrennten Kellhofer und Hofsteiger, die Rickenbächler und Dörfler wuchsen zur Gemeinschaft der Wolfurter zusammen. Nach dem Bau der Eisenbahn von 1872 hatten Importe von Getreide, Wein und Kohle die alten Strukturen der Landwirtschaft zerstört. Der Weinbau am Rebberg und die Getreidefelder im Strohdorf und Flotzbach waren verschwunden. Aber Lehrer Rädlers Umerziehung zu Milchwirtschaft und Obstbau trug Früchte und gab Selbstbewußtsein. Daher entstanden jetzt 1891 gleichzeitig die großen und auch teuren Sandsteinbrunnen im Strohdorf und an der Hub. Freiwillig schlossen sich Brunnengenossenschaften zusammen, zahlten ihre Anteile und schufen in schwerer Fronarbeit Wasserfassungen aus Lehm und Beton. Brunnenmacher Ferdinand Gasser aus Meschen legte die hölzernen Düchelrohre. Schmied Eduard Köb und Installateur Josef Köb setzten schließlich eiserne an Stelle der morsch gewordenen hölzernen Brunnensäulen. Unter Aufsicht erfahrener Brunnenmeister pflegten die Nachbarn der Brunnen den jeweiligen «Tränktrog» und putzten auch den «Sudeltrog». Durstige Schulkinder und Wanderer schätzen die Brunnen heute sicher am meisten, aber die ganze Gemeinde freut sich, daß hier Seit 1778 wurde im Strohdorf Schulunterricht gehalten. Gegen den Willen der bäuerlichen Bevölkerung hatte Maria Theresia die Normalschule beschlossen. Unter Zwang errichteten die Wolfurter als südlichstes Haus im Strohdorf 1777 ein kleines Schulhaus, wo in zwei Stuben alle Wolfurter Kinder Lesen und Schreiben Schertlers Seppl um 1940 mit dem ersten Traktor im Flotzbach. 9 8 (Ludwigos) am Weg ins Flotzbach verkauften neben Nähsachen ein paar «zückerne Krömle». Schließlich kam mit der neuen Zeit auch ein Supermarkt ins Strohdorf. Seit 1953 wurde ununterbrochen am Schulhaus gebaut und erweitert. Heute deckt es mit Spielplätzen und Sporthalle eine riesige Fläche von fast 3 Hektar. Die alte Volkschule, deren Glöcklein einst den Arbeitsrhythmus im ganzen Dorf bestimmte, wurde 1979 abgebrochen. Die Hauptschule und mit ihr Musikschule, Bürgermusik, Sportvereine und Gemeinde bekamen großzügige Räume. Die Sporthalle von 1984 ist ein Vorzeigestück der Gemeinde geworden. Das Gemeindeamt selbst hat seit 1967 ein eigenes schwarzes Rathaus mit weißem Wolf. Dort ist auch Platz für die Post und für den erst 1977 eingerichteten Gendarmerieposten. Seit 1982 nennt sich Wolfurt Marktgemeinde. Marktgemeinde mit dem Mittelpunkt im Strohdorf, das nun nicht nur Kirchdorf und Rickenbach verbindet, sondern auch das ferne Wida, das Hinterfeld, das Kella und den Güterbahnhof verwaltet und versorgt. Aus dem Strohdorf kommt auch das köstliche Wolfurter Wasser, zuerst ab 1953 aus dem alten Pumpwerk bei der Schule, dann seit 1983 aus dem modernen Wasserwerk am Gänsbühel. Das lebensspendende Wasser, das zuerst die Hübler und Strohdörfler Bauern zu Brunnengenossenschaften verbunden hat, sollte uns alle in die Verantwortung für die Gemeinschaft Wolfurt einbinden. Steinhauers Gebhard vom Strohdorf, der langjährige Gemeindediener am Pumpbrunnen. noch klares Quellwasser sprudelt, während etwa die großen Brunnen im Dorf und zu Unterlinden dem Autoverkehr geopfert worden sind. Wie überall wechselten auch bei den Leuten am Brunnen gute und schlechte Zeiten. Die Stickerei hatte um 1907 viel Geld gebracht, aber auch lockere Sitten. Es folgten Not und Tod der Weltkriege, Arbeitslosigkeit und eine neuerliche Auswanderungswelle um 1924 nach Amerika. 1926 übersiedelte die Post vom Stern in das steinerne Gemeindehaus. Unter dem Vordach bediente Altvorsteher Ferdinand Köb die riesige Brückenwaage. 1928 zogen auch die Kreuzschwestern Theodora und Epiphania ein, die als Krankenpflegerinnen und Tröster in der Sterbestunde Wunderbares vollbrachten. Im Gasthof Stern folgten auf Böhler-Sternenwirts Köb-Sternenwirts, dann Keckeisens und schließlich Fischers. Da gab es ein Volksbad, eine Großmosterei, die erste Eismaschine. Auf Zwangseinquartierung im Krieg folgten neuer Glanz, die Kegelbahn, Metzgerei und Laden. Der Maler Albert Köb hatte 1903 die alte Schmiede am Strohdorf-Brunnen zu einer Stickerei umgebaut und dann 1911 zu «Molars Lado». Da gab es alles, was Kinderaugen begehrten: Sidobollo, Beorodräck, Leozeolto und vor allem Katzim-Sack. Konkurrenzläden gab es zuerst in Metzlers Lädele und dann bei Festinis. Auch Frau Meusburger im alten Haus am Strohdorfbrunnen und Frau Schwärzler 10 Ein paar Namen Ein paar Leute, die sich besonders für die Gemeinschaft eingesetzt haben, sollten nicht vergessen werden. Ich nenne zuerst ein paar Brunnenmeister und ihre wichtigsten Helfer. Am Strohdorfbrunnen trugen vor 100 Jahren Joh. Georg Rohner (Instrumentenmachers Urgroßvater), der Schmied Andreas Böhler (damals in Malers Haus), Johann Brauchle (Hofsteigstr. 3) und der Wagner Joh. Martin Gmeiner (Wälderstraße 1) die Verantwortung. Dann folgen Sternenwirt Eduard Böhler und der «Frickenescher» Johann Gmeinder, dessen Nachkommen noch heute für den Brunnen sorgen. Viele Jahre kümmerten sich Instrumentenmacher J. A. Rohner, Anton Haneberg (Hofsteigstr. 1) und Paul Köb (Malers) um klares Wasser, wie es deren Nachkommen auch heute noch tun. Am Hübler Brunnen war vor dem ersten Weltkrieg Josef Höfle Brunnenmeister. Als sein Haus (Eulentobel 1) 1918 abbrannte, zog er ins Kirchdorf. Fridolin Albrecht (Hofsteigstr. 20) übernahm die Leitung. An seiner Seite arbeitete als 11 Organisator unermüdlich viele Jahre Karl Schwärzler, Liberats. Brunnenmeister waren ab 1927 Gebhard Klocker, Seilers, 1928 Josef Schwärzler, Schneider in Hofsteigstr. 24, und ab 1934 Johann Gmeinder, Frickeneschers, der das wichtige Amt mehr als 30 Jahre innehatte. Seit 1967 ist Karl Köb, Schmieds, Brunnenmeister. Er wird unterstützt von Karl Bellmann, der die alte Hübler Sennerei beim Brunnen zu einem schönen Wohnhaus umgebaut hat. An der Nordgrenze von Strohdorf steht als erstes Haus von Unterlinden das Schertler-Haus seit über 200 Jahren im Besitz von «Altvorstehers» (Kirchstr. 11). Es gehörte einst dem Hofsteiger Schützenmajor Jakob Schertler (1749-1822). Von seinen 18 Kindern eroberten zwei Söhne mit ihren Familien ab 1814 zuerst das Röhle und dann die Ach, wo sie mit Ziegeleien und Kalkwerk die heutigen Firma Rädler begründeten. In den Ziegeleien wurde Lehm aus dem Flotzbach mit Holz aus der Ach gebrannt. Als die Eisenbahn billige Kohle ins Land brachte, erkannten Josef Anton Schertler und seine tüchtigen Söhne Jakob und Lorenz die Chance und bauten eine Großziegelei zu den Lehmlöchern. Schon 1851 hatte Vorsteher Martin Schertler das große steinerne Haus an der Kreuzung mit der Wälderstraße gebaut, das wir als «Post« gegenüber der Schule in Erinnerung haben. Es diente als Frachtstation und Verwaltungszentrum. Hier kamen seine Neffen Jakob und Lorenz zur Welt. Aber schon 1874 übersiedelten sie in ihr neues Haus im Flotzbach und erwarben dort in den folgenden Jahrzehnten weitere Häuser und riesigen Grundbesitz. Von Conrad Doppelmayr, damals noch ein kleiner Schlosser in Hard, ließen sie sich 1885 eine große Hydraulik-Dampf-Ziegelpresse konstruieren. Damit erwarben sie sich einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den vielen anderen Ziegeleien im Land. Riesige Lehmlöcher öffneten sich und wurden später «Krotto-Löchor» - heute würde man sie Biotope nennen. Sie dienten der Jugend als Eisplätze und wurden um 1960 die riesigen Müllhalden der Gemeinde. Heute deckt sie gnädiges Grün zu. Die Familie Schertler war fast immer im Gemeinderat vertreten und stellte bedeutende Bürgermeister. 1850-53 Erbauer der «Post» Schertler Joh. Martin Schertler Josef Anton 1872-73 Erbauer der Volksschule Schertler Joh. Martin 1879-91 Gemeindeamt Schertler Lorenz 1891-1901 und 1919-24. Nach ihm ist eine Straße im Flotzbach benannt. Das Doktorhaus an der Hub und die Schulstraße um das Jahr 1935 Außer gutem Wasser braucht man in Wolfurt auch einen guten «Doktor» Das Doktorhaus stand früher auf der Kreuzung beim Sternenplatz. Dort praktizierte zu Napoleons Zeiten der Gemeindearzt Georg Gmeiner. Seine Frau half ihm als Hebamme. 1827 übergab er die Praxis seinem Schwiegersohn Martin Rohner, der noch mit Napoleon in Rußland gewesen war (Siehe Heimat 7, Seite 21). Diesem folgte als Arzt sein Sohn Ferdinand Rohner. Noch eine ganze Reihe von Ärzten versorgten die Wolfurter, bis die Gemeinde 1903 ein eigenes Doktorhaus an der Hub erbaute (Schulstr. 12). Dort arbeiteten viele Jahre lang Dr. Eugen Lecher und nach ihm Dr. Lothar Schneider. Dieser verlegte seine Praxis an die Unterlindenstraße. Das Dr. Rohner-Haus war zuletzt viele Jahre lang Sitz der Raiffeisenkasse. Als es 1949 abbrannte, wanderte die Bank in mehreren Schritten ins Dorf hinein. Also hat das Strohdorf mit Arzt und Bank auch wichtige Institutionen verloren. 12 Den Anfang der Besiedlung im Flotzbach, das damals noch das große Weizenfeld für die Hub war, machte um 1790 der Steinhauer Johannes Rohner. Er brach sein altes Elternhaus im Eulentobel ab und erbaute ein neues am Anfang der Unterhubstraße. Sein Sohn Andreas Rohner (1791-1857) war dort seit 1811 verheiratet. Seine Frau Anna gebar ihm in 20 Jahren 15 Kinder. Alle fünfzehn starben schon als Kleinkinder. Andreas Rohner gründete 1816 die erste Wolfurter Musik und war lange ihr Kapellmeister. Als alter Mann baute er 1850 noch ein schönes neues Haus an der Flotzbachstraße (Nr. 8, Schwärzlers). Sein altes ist 1895 abgebrannt. Vielleicht sollten wir uns manchmal an den Kapellmeister Rohner erinnern, an seine Frau und die 15 Kinder, wenn wir an Schwärzlers schönem Garten vorbei gehen! 13 Zur Bayernzeit waren auch Arnolds und Schertler Lenas Haus und bald danach Ruschs gebaut worden (Nr. 9,11 und 15). Ins untere Flotzbach war aber als erster 1819 ein Crispinus Gmeiner vorgestoßen (jetzt Nr. 18, Elmar). Erst 1872 hatte er in Jakob Köb, dem Stammvater der Bäschle-Köbs (Nr. 20) einen Nachbarn bekommen, ehe 1874 als drittes Schertlers Haus (Nr. 16, Helmut) gebaut wurde. Im gleichen Jahr 1874 wurde auch noch im «Speck», das ist ganz weit unten im Ried an der damals neuen Eisenbahn, ein winziges Bahnwärterhaus erbaut. Dort lebte die große Familie Joh. Georg Köb (t 1908), aus der sich die Wolfurter Sippe der «Bahwächtar»-Köbs ableitet. Die Tochter Agatha begründete mit Josef Bernhard Mohr die größte Hübler Familie, Mohrs «a dor ussoro Huob». Sie ist 1917, als ihr Mann im Kriegseinsatz in den Dolomiten stand, von sieben kleinen Kindern weg ganz plötzlich gestorben. Gmeiner wurde unten an der Wälderstraße die Mutter von Zehrers Hans-Irg und von Zehrers Marte. Wir erinnern uns noch gerne an seine elektrische Türkenmühle und an den ersten Fernseh-Apparat in Wolfurt. Der Zimmermann Josef Anton Gmeiner erbaute 1873 sein Haus neben der Schule (das 1982 für die Sporthalle abgebrochen wurde). Seine Söhne «Knore» Hansmarte und «Disjockeles» Albert gaben das Handwerk auf und wurden Sticker. Hansmarte Gmeiner betrieb im Stammhaus der Gmeiner, gegenüber vom Stern, seine Wagnerei bis zum ersten Weltkrieg. Dann übergab er das Haus seinem Schwiegersohn, dem Vorsteher Ferdinand Köb. Von seinen zahlreichen Nachkommen macht neuerdings Professor Edelbert Köb als Leiter des zukünftigen Kunsthauses in Bregenz von sich reden. Ein weiterer Sohn aus dem Wagnerhaus war Gebhard Gmeiner, der Steinhauer, der 1880 gegenüber der Schule sein Haus aus Stein aufmauerte. Sein Sohn Gebhard Gmeiner schellte noch viele Jahre als Gemeindediener wichtige Nachrichten im Dorf aus. Zahlreich verbreitet sind die «Kassiänler», die auf den Schwarzacher Kassian Schertler zurückgehen. 1852 erwarb er das Haus Hofsteigstraße 16 und zog zehn Kinder groß, die in die verschiedenen Nachbarfamilien einheirateten. Als das Haus 1926 abbrannte, baute es sein Enkel Johann Gmeinder wieder auf, der später 33 Jahre lang Brunnenmeister an der Hub war. Dabei arbeitete er mit Engelbert Gasser, dem Milchmesser in der Sennerei zusammen. Auch die Gasserbrüder aus Meschen belebten mit ihrer fröhlichen Art das gesellige Leben an der Hub. Engelbert hatte 1921 ein Buch «Sechs Jahre Sibirien» geschrieben und von seiner abenteuerlichen Flucht über Wladiwostok und den indischen Ozean berichtet. Der Schreiner Albert Gasser «Fixenatte» war ob seines schlagfertigen Humors weitum bekannt. Der «Wanderlehrer» Josef Anton Gasser erhielt für seine Verdienste um die Sticker-Ausbildung den Titel Professor. Sein Enkel «Sigi» Gasser ist heute Bürgermeister der Landeshauptstadt Bregenz. Noch unzählige Geschichten berichten die alten Bücher im Archiv von den Schicksalen der Familien von Strohdorf und Hub. Weit mehr noch wissen deren Nachkommen. Gerne möchte ich ein anderes Mal noch einiges nachholen. Fast 100 Namensträger Mohr gibt es heute in Wolfurt. Sie stammen alle von jenem Jakob Mohr, der um 1750 aus Schwarzach ins Eulentobel kam. Sein Sohn Sebastian baute dreißig Jahre später das Stammhaus der Mohr an der Hofsteigstraße (heute Nr. 10, Ratzers). Von dort aus teilte sich die Sippe. Mohr Michael (1823-1913) begründete an der Kellhofstraße die Dörfler-Mohr, von denen wir stellvertretend den Lehrer Mohr und den Ehrenringträger Hubert Mohr mit ihren vielen Verwandten nennen. An der Hub aber ließ sich der Kaiserjäger und Kamm-Macher («Kampler») Josef Mohr (geb. 1807) nieder, dessen Enkel Josef Bernhard Mohr (1868-1942) mit sieben Kindern aus seiner ersten Ehe mit Agatha Köb und weiteren sieben aus seiner zweiten mit M. Anna Arnold besonders zahlreiche Nachkommen hinterließ, zu denen auch Bürgermeister Erwin Mohr gehört. Eine wichtige Schwärzler-Familie (mit «ä») lebte ab 1874 im Haus Hofsteigstr. 15 (Festinis), der Maurer Josef Schwärzler mit seinen 13 Kindern. Sohn Liberat erwarb das alte Doppelhaus, aus dem 1893 die Familie Rusch nach Amerika ausgewandert war, und vereinigte es zum Haus Flotzbachstraße 1. Sohn Josef Schwärzler, Schneidermeister, ließ sich mit seiner Frau Agatha Schwärzler zuerst im Loch an der Kellastraße in Rickenbach nieder, ehe er mit seinen sieben Kindern wieder an die Hub zurückkehrte. «Schnidars Bänkle» vor dem Haus Hofsteigstraße wurde ein beliebter Treffpunkt für junge Leute. Noch ein dritter Schwärzlersohn, Ludwig, erwarb ein Haus an der Hub (Flotzbachstr. 8), wo er eine große Stickerei einrichtete. Seine Frau Josefa betrieb dort in den dreißiger Jahren auch eine kleine Handlung. Aus Alberschwende hatte sich schon um 1725 ein Georg Gmeiner im Strohdorf festgesetzt, dessen Nachkommen wir als tüchtige Handwerker kennen. Johanna 14 15 Die alten Häuser von Strohdorf und Hub 1. Skizze nach dem Seelenbeschrieb von 1760. Nur schwer findet sich ein Neu-Wolfurter auf der beigefügten Skizze zurecht. Keine Schule, kein Gasthaus, keine Handlung! Dafür Bäche, Weinberge, Weizenfelder. 14 Häuser um den Strohdorfbrunnen, 18 im Eulentobel und an der Hub. Ab jetzt begann die Besiedlung der Felder. Die ersten Hausnummern hatte Pfarrer Feurstein 1760 in sein Buch eingetragen, insgesamt 150 Nummern vom Dorf bis nach Rickenbach. Strohdorf bekam 81 bis 94, Hub 95 bis 112. 2. Skizze nach dem Häuserverzeichnis von 1900 Weil immer wieder neue Häuser gebaut worden waren, gab es im Jahre 1900 zum fünften Mal neue Nummern, insgesamt 290. Die Nummern 153 bis 183 zählte der Gemeindeschreiber zum Strohdorf (31 Häuser), 184 bis 213 zur Hub. Weil er aber 202 bis 207 (6 Häuser) als Flotzbach separat bezeichnete, blieben für die Hub demnach noch 23 Häuser. Die Weinberge und die Weizenfelder sind verschwunden. Die neue Wälderstraße hat die alte Reichsstraße durch die Unterhub abgelöst. Auch Schulstraße und Flotzbachstraße sind wichtig geworden. Der Eulentobelbach ist an der Hofsteigstraße und im Flotzbach in ein neues Bett verlegt worden. Strohdorf: 153 + 154 Doppelhaus Schneider-Schelling. «Kaufmanns» ist am 8. Nov. 1935 abgebrannt. 155 Böhler Wilhelm, Schmied. Später «Schellings». 156 Schwerzler. «Murars» wurde um 1960 abgebrochen. 157 Höfle. «Der rich Höfle», später Metzgerei Fischer. Abgebrochen am 21. Nov. 1973 für die Rebberg-Garage. 158 Rohner, später Böhler. Das Doktor Rohner-Haus beherbergte auch die «Kassa». Es ist 1949 abgebrannt. 159 Böhler. Der wichtige Gasthof «Sternen». Post, Bäckerei, Handlung. 160 Lenz, später Schmied Köb. Abgebrochen 1983. Vereinshaus fehlt noch. (Erst 1913 gebaut!) 161 Zehrer. Mühle. Abgebrochen 1979. 16 17 Köb. «Briefbot Köbs», jetzt Dür. Albinger. Schreinerei. Abgebrochen 1979 zur Straßenbegradigung. Zweite Volksschule von 1872. Abgebrochen 1979 für Kultursaal. Gmeiner. «Knores». Abgebrochen 1982 für Sportplatz. Gmeiner. «Steinhauers». Gmeiner. Später Gemeindehaus und Postamt. Abgebrochen 1965 für Gemeindehaus. 168 Gmeiner. Wagner. Später «Sternowirt Köbs». 169 Vorklärer. Bildstein-Schmiede, später «Molars Lado». 170 + 171 Doppelhaus Schwerzler-Brauchle, später «Hanebergs» und «Ratzars«. 172 Brauchle. Jetzt Berchtolds. 173 Rohner. Das Haus am Strohdorfbrunnen. «Instrumentomachars». 174 Gmeinder. «Frickoneschars«. 175 + 176 Rohner-Lenz. Das baufällige «Salomoneum« - Doppelhaus wurde schon 1920 abgebrochen. 177 Lenz. «Flatzos Hüsle». Abgebrochen um 1950. 178 Schertler. «Kassians» ist 1909 und noch einmal 1913 abgebrannt. 179 Wacker. Hier lebte im Jahre 1900 die Familie des Bregenzer Künstlers Rudolf Wacker. Später «Festinis». 180 Rünzler. Steinmetz-Betrieb. Früher «Metzlers Lädele«, später «Flatzo Beppes» Fahrradgeschäft. 181 Erste Wolfurter Volksschule, dann Armenhaus. Jetzt Pichler. 182 Winder. Später Fischer, jetzt Ratzer. 183 Hopfner. Später «Festinis», Handlung. Abgebrannt 1913. 162 163 164 165 166 167 Hub 184 Bildstein. Abgebrannt 6. Aug. 1913. Später erstes Wolfurter «Cafe« Franz Boch. 185 Böhler. «Sternowirts Hans-Irg». Abgebrannt am 17. März 1902 und noch einmal am 19. Aug. 1913. Später «Hans-Irgo Georg«. 186 Höfle. Abgebrannt 1918. Jetzt Winder. 187 Gmeiner. Später Simma. Abgebrochen 1950 (?). 188 Wohlgenannt. Abgebrochen 12. März 1902. 189 Stenzel. Später Kressers Seppl. 190 Gmeiner. «Lislos». Später «Wanderlehrer» Gasser. 191 Klocker. Früher das Haus des Vorstehers F. Josef Halder, später «Soalars». 192 Schertler. Stammhaus der «Kassiänler». Später Gmeinder. Abgebrannt 22. Okt. 1926. 193 Klocker. Stammhaus der «Glaser« Klocker. 194 Albrecht. Jetzt Höfle. 18 19 195 Widmer. Später Küfer Köb Friedrich, dann «Schmieds Karle». 196 Sennerei Hub. Das Haus am Hübler Brunnen. An der Straße ist der Eulentobelbach seit 1931 verrohrt. 197 Schwärzler. «Schnidars». 198 Höfle. «Hermannos». 199 Fischer. «Schnidarles Hannes«. Jetzt Eberle. 200 Fischer. «Schnidarles Rudolf«. Abgebrannt 18. März 1955. 201 Lüber. Das Haus des Kapellmeisters Andreas Rohner. Später Schwärzler «Ludwigos». 202 Schwerzler. «Tirolars». 203 Schertler. Verwaltung der Flotzbächler Ziegelei. Später «Schädlars Seppl». Frächterei. 204 Schertler. «Schädlar Jokobos». 205 Köb. «Bäschles». 206 Bahnwärterhaus. Weit draußen im Ried. Abgebrochen um 1960. Z Die Ziegelei hatte wie alle Stadel und Schuppen keine Nummer. 207 Schertler. Hier wohnte später die Familie Rusch. Abgebrochen um 1980. 208 Schertler. Das Haus des Bürgermeisters Lorenz Schertler. «Lenas». 209 Arnold. Jetzt Mohr. 210 Lenz. Später Loitz. «Luitzos«. Jetzt Sinz. 211 Schwärzler. «Liberats». Früher ein Doppelhaus. 212 Höfle. «Des alt Küofarle» wurde 97 Jahre alt. Später Dietrich «Hansmarte». Abgebrochen 1978. Den um das Jahr 1900 an die Straße verlegten Eulentobelbach hat man 1931 wieder in seinem alten Bett hinter dem Haus verrohrt. 213 Mohr. «Kamplar»-Mohrs. Das ältere Mohr-Haus im Garten gegen die Krone war schon 1879 abgebrochen worden. Siegfried Heim St. Martin vom Strohdorf Der Heilige Martin (317-400 n. Chr.) wurde in Ungarn geboren und kam als römischer Reiteroffizier nach Gallien. Er ließ sich taufen und gründete das erste Mönchskloster in Frankreich. Als Bischof von Tour wurde er der Missionar Galliens und war wegen seiner Gerechtigkeit und Mildtätigkeit berühmt. Als Heiliger wird er besonders in Frankreich und Deutschland verehrt. Sein Feiertag, der 11. November, «Martini», gilt als Erntedanktag, Markttag, aber auch als Zinstag, an dem Schulden bezahlt werden mußten. Seine Symbole sind Schwert und Mantel, aber auch die Gans. Auch in unserem Land war er sehr beliebt. Sein Name wurde oft getauft. «Marte», «Martele», «Hansmarte» oder «Martina» und «Martin» hießen und heißen neuerdings wieder viele Wolfurter. Im Vorarlberger Landesmuseum findet sich im dritten Stock eine gotische Skulptur «St. Martin», datiert 1510. Sie ist 1,50 m hoch, aus Lindenholz geschnitzt und bemalt. St. Martins Schwert, mit dem er seinen roten, blau gefütterten Mantel teilt, ist abgebrochen. An der Stelle des linken Beins kniet ein flehender Bettler. Martins Blick geht in die Weite. Wie kommt die Figur mit dem Vermerk «aus Wolfurt» hierher? Spuren von Blattgold bei der Bemalung lassen vermuten, daß sie einst für einen Altar (St. Martin in Dornbirn?) oder eine Kapelle geschaffen wurde. Als bei der Barockisierung der Kirchen die gotischen Altäre abgebrochen wurden, könnte sie in ein Dornbirner Haus gekommen sein. Jedenfalls brachten Martin Albinger, geboren 1711 in Dornbirn, und seine Frau Anna Rimmele ihren Namenspatron aus Dornbirn mit - nach der Überlieferung sogar ihr ganzes Haus -, als sie sich 1740 direkt beim Strohdorfbrunnen in Wolfurt niederließen. Fortan beschützte St. Martin das Haus des «Caminfegers» Albinger und den Brunnen. Die Familie war mit vielen Nachkommen gesegnet. Tüchtige Handwerker gingen daraus hervor: die Bäcker Albinger vom Hirschen, die Feger Albinger im Dorf, die Schreiner Albinger bei der Schule. Aber auch die schöne Juditha im Hirschen, deren Sohn Louis Letsch der berühmte Maler geworden ist, und ihre Schwester M. Anna, die Mutter von «Schnidarles Hannes», gehörten zur Familie Albinger. 21 Beim «Schützen», aus dem die Ammänner und Vorsteher Fischer stammen, beginnt mit Spetenlehen der Raum Rickenbach. (Jetzt Gmeiner-Mathis) Ein kritischer Leser, der bisher mit gedacht hat, weiß sicher ein paar Hausnamen mehr, ein paar Ergänzungen, ein anderes Abbruchdatum. Ich bitte um Zuschriften. Die vielen «abgebrochenen« machen uns dankbar dafür, daß noch viele andere alte Häuser gut gepflegt und erneuert das heimelige Dorfbild von Hub und Strohdorf prägen. Das gefällt auch den Bewohnern der neuen Häuser. 20 1857 kaufte Joh. Georg Rohner das Haus am Brunnen, das immer noch St. Martin auf der Giebelseite trug. Sein Sohn Josef Anton Rohner richtete dort eine Werkstatt als Instrumentenmacher ein. Eines Tages hielt eine noble Kutsche vor dem Haus. Am anderen Tag stand es in der Zeitung, im Vorarlberger Tagblatt vom Mittwoch, 18. Dezember 1901: Wolfurt, 15. Dez- Heute Mittag 1/211Uhr fuhr S. k. k. Hoheit, Erzherzog Eugen in der Richtung Bregenz-Dornbirn durch unser Dorf. Plötzlich machte die Equipage bei Herrn Musik-Instrumentenmacher Rohner Halt. Es fiel dem hohen Herrn die an dem Hause angebrachte, uralte Hl. Martinus Statue auf und hochderselbe begab sich dann in die Wohnung, um das Alterthum zum Preise von 100 K zu erwerben. Herr Rohner, der freilich nicht ahnte, mit wem er die Ehre hatte, unterhielt sich mit dem hohen Besuche aufs Beste, zeigte ihm auch über Verlangen seine Werkstätte und dgl. Freilich war der gute Mann etwas in Verlegenheit als ihm bekannt wurde, wer dieser Herr sei, und erstaunt und erfreut über die Herablassung. Über die Herkunft der Statue ist nichts bestimmtes bekannt. Wahrscheinlich dürfte dieselbe aus der Pfarr kirche in Dornbirn stammen. Das Wohnhaus des Herrn Rohner stand vor Jahrhunderten in Dornbirn, wurde abgetragen und hier aufgestellt und mit ihm soll auch die Statue nach Wolfurt gekommen sein. In Instrumentenmachers Stube erinnert eine schöne Wandschrift an den hohen Besuch. Erzherzog Eugen schenkte die Figur dem Landesmuseum. Im Museumsbericht 41 von 1903 berichtete Konservator Carl von Schwerzenbach: Seine k. u. k. Hoheit, der hochwürdigst - durchlauchtigste Herr Erzherzog Eugen geruhten, dieses von höchstdemselben in Wolfurt erworbene wertvolle Stück dem Vereine als Geschenk zu überlassen. Vielleicht werden die Strohdörfler ihren Martin einmal heimholen, vielleicht eine Kopie in einem Bildstöcklein aufstellen! St. Martin vom Strohdorf; 1510 Er könnte uns an den Feger Martin Albinger, an den Vorsteher Martin Schertler, an den Wagner Martin Gmeiner, an Martin Mohr, an Zehrers Marte und Frickeneschers Martele und an all unsere Vorfahren erinnern. Er könnte dazu beitragen, daß St. Martins Gerechtigkeit und Mildtätigkeit rund um den Brunnen in der Gemeinschaft der Wolfurter nachgelebt werden! 22 23 Siegfried Heim In ihrer Freizeit stickte sie kostbare Altartücher und sogar Meßgewänder. Pfarre, Schule und Gemeinde Wolfurt haben ihr viel zu verdanken. Sr. Regina wehrt ab. Still will sie nur eine einfache «Barmherzige Schwester» von der Kettenbrücke sein. Ist sie die letzte in Wolfurt? Fast 100 Jahre lang hatten von 1778 bis 1872 im alten Schulhäuschen nur Männer unterrichtet. Für den Lehrberuf waren sie kaum ausgebildet. Die Schüler mußten Schulschwestern in Wolfurt Seit Oktober 1991 ist Unruhe in das sonst so stille Schwesternhaus Kirchstraße 45 eingekehrt. Mitten im Dorf baut die Gemeinde ihren vierten Kindergarten. Nach fast 60 Jahren im Schuldienst hat sich Schwester Regina zu ihrer Arbeit in Haus und Garten zurückgezogen. Oft steigt sie mit ihren 83 Jahren noch rüstig die steile Kirchstiege hinauf. Sie teilt Kommunion aus, spielt Orgel und singt mit ihrer sicheren Sopranstimme im Chor. Umsichtig pflegt sie die feinen Stickereien der Altarwäsche, schmückt das Priestergrab, betet da und dort bei einem Grabhügel, der einen ihrer ehemaligen Schüler deckt. In Heiligenblut am Großglockner wurde Sr. Regina 1908 in eine kinderreiche Bergbauernfamilie geboren. In Innsbruck erhielt sie die Ausbildung zur Lehrerin. Dort legte sie auch bei den Barmherzigen Schwestern an der Kettenbrücke die Ewigen Gelübde ab. Vom Mutterhaus aus tun die Barmherzigen Schwestern still ihren aufopferungsvollen Dienst in den Spitälern. Viele gehen hinaus in die Dörfer und betreuen dort Alte und Kranke oder sorgen für die Kinder in Kindergärten, Waisenhäusern und Schulen. Sr. Regina kam als junge Lehrerin 1932 nach Wolfurt an die Seite ihrer älteren Mitschwestern Sr. Sebastina und Sr. Gisela. Bis 1937 unterrichtete sie meist die Schulanfänger, oft in Klassen mit über 60 Kindern. 1938 erhielten die Schwestern Schulverbot. Katholische Erziehung stand im Widerspruch zum natinalsozialistischen Gedankengut. Kurze Zeit half Sr. Regina im Zillertal aus, betreute dann im Krieg die Pfarrkirche Wolfurt und arbeitete dazwischen in Innsbruck und im Stubaital. 1945 rief man sie an die Volksschule nach Wolfurt zurück. Wieder lehrte sie viele Erstkläßler das Lesen, Schreiben, Rechnen, Singen und Beten. Dazu aber hielt sie sie immer freundlich und streng zu Ordnung und Sauberkeit an. Jahrzehnte lang wurden der immer mehr geschätzten Schwester dann die großen Mädchen, ab 1963 auch die großen Buben in der Oberstufe anvertraut. Ihrer Konsequenz und Geduld waren große Erziehungserfolge beschieden. Die Behörde ehrte sie dafür mit dem Titel Schulrat. Weit über das Pensionsalter hinaus blieb sie freiwillig im Dienst als Sonderlehrerin für lernschwache Kinder und bis zu ihrem 82. Lebensjahr als Religionslehrerin. Darüber hinaus gab sie für unzählige Wolfurter Frauen Koch-, Back- und Nähkurse. Dorfbekannt sind ihre Neujahrsbäckerein und ihre Schaumrollen. 24 Die Wolfurter Lehrerschaft 1933: Rudolf Wiedemann, Kaplan Rein, Pfarrer Stadelmann, Sr. Gisela Amann, Sr. Sebastina Oberhauser, Sr. Regina Pichler, Friedrich Schneider, Schulleiter Karl Mohr. in der Landwirtschaft und oft auch in der Fabrik schwer arbeiten. Da konnte auch die strenge Zucht mit dem Stock nur wenig zum Schulerfolg beitragen. Im Jahre 1867 brachte das «liberale» Reichsvolksschulgesetz Verbesserungen, vor allem eine gute Lehrerausbildung. Um diese Zeit tobte ein häßlicher Kulturkampf zwischen den freidenkerischen «Liberalen» und den «Konservativen». In Vorarlberg bestimmten die katholischen «Casinos» die Politik. Von fortschrittlichen Lehrern geführt - in Wolfurt von Wendelin Rädler - , erkannten sie die Bedeutung der Schulbildung. Schon 1872 wurde eine große neue Schule im Strohdorf gebaut. Dort wurde auch eine Wohnung für Barmherzige Schwestern von der Kettenbrücke eingerichtet. Als erste zogen 1874 Sr. Othmara und Sr. Gottfrieda ein. Lehrer Rädler übernahm 1876 die Schulleitung. Nun bestimmte ein neuer Geist den Unterricht. 25 Das Gebet stand an erster Stelle. Der tägliche Unterricht begann mit der Schulmesse. Auch die Rickenbacher mußten, selbst im kalten Winter, den weiten Weg zur Kirche machen. In der Schulbildung erreichten besonders Lesen und Schönschreiben bald einen hohen Stand. Aber auch praktischer Unterricht in Nähen, Kochen, Krankenpflege und Gartenarbeit war den Schwestern ein Anliegen. Hygiene und Ordnung wurde beachtet, das Gedächtnis mit Katechismusfragen und langen Gedichten geübt. Der Lohn waren neben guten Noten die begehrten Fleiß- und Hauchzettel und schöne Heiligenbildchen. So sehr schätzte die Gemeinde den unermüdlichen Dienst der Schulschwestern, daß sie 1897 eine dritte Barmherzige Schwester rief. Bis 1938 trugen nun neben dem Schulleiter drei Schwestern Lasten und Freuden des Unterrichts. Die wachsende Schüler- und Klassenzahl machte allerdings schon seit der Jahrhundertwende die Einstellung weiterer Lehrer notwendig. In der Schulchronik findet sich die Aufzählung der Schulschwestern mit ihren Dienstjahren in Wolfurt: 1874-1882 12. Sr. Leontina 1904 1874-1905 13. Sr. Zita Feichter 1904-1910 1883-1890 14. Sr. Rudolfina Brugger 1905-1906 1887-1898 15. Sr. Sebastina Oberhauser 1905-1938 1891-1893 16. Sr. Konstantina Streiter 1910-1913 1891-1892 17. Sr. Alfonsa Walzthöni 1914-1915 1893-1895 18. Sr. Katharina Sinz 1916-1920 1897-1900 19. Sr. Hildegund Gmeiner 1920-1931 1898-1922 20. Sr. Gisela Amann 1922-1938 1900-1904 1945-1957 1913-1916 21. Sr. Regina Pichler 1932-1937 11. Sr. Maria Bapt. Nagel 1904 1945-1990 Als der Platz im Schulhaus für n e u e Klassen benötigt wurde, übersiedelten die Schulschwestern näher zur Kirche, ins H a u s Bucherstraße 3 auf dem Bühel. 1921 vermachten der angesehene Schuhmacher Josef W e i ß und seine F r a u Maria ihr schönes B a u e r n h a u s am F u ß der Kirchenstiege den Schwestern als W o h n u n g . Als das fromme E h e p a a r starb, zogen die Schulschwestern ins H a u s Kirchstraße 45 ein. Seither gingen sie von dort aus den W e g hinaus zur Schule und noch viel öfter zum Gottesdienst hinauf in die Kirche. Die Schwestern wechselten. Einige zogen ins M u t t e r h a u s zurück und an a n d e r e Dienststellen. Einige starben in Wolfurt und wurden hier ins Schwesterngrab gebettet. I m m e r wieder kamen neue, als letzte 1932 Sr. Regina. Für die längst verstorbenen Mitschwestern Sr. Sebastina und Sr. Gisela fanden sich in unserer materialistischen Zeit keine Nachfolgerinnen mehr. U n b e i r r t geht Sr. Regina, jetzt meist begleitet von ihrer treuen Helferin Cilla Zoller, ihren W e g weiter. Vergelt's Gott! 1. 2. 3. 4. 5. 6. 7. 8. 9. 10. Sr.Othmara Ernst Sr. Gottfrieda Oberhollenzer Sr. Adelheid Giselbrecht Sr. Epiphania Schmid Sr. Cantia Silier Sr.RosaLeimgruber Sr. Liliosa Ceol Sr. Armella Stauder Sr.Ignatia Kleber Sr.Ludwiga Weiser Siegfried H e i m Sieben Söhne im Krieg Am Abend des 17. August 1958 ist im Dorf beim «Engel» mit Wolfs Haus auch «Schloßburo Martes» altes Haus abgebrannt. Dort hatte im Ersten Weltkrieg noch die große Familie Köb gewohnt. Vater Johann, geb. 1854, stammte aus «Schloßburos» Sippe in der Bütze und hatte dort mit seiner Frau Barbara 1880 neben das Eltenhaus ein besonders großes neues Haus gebaut. Ein paar Jahre später mußte er es an die Familie Schirpf (Bützestr. 16) verkaufen. Köbs zogen mit ihrer groß gewordenen Familie ins Dorf. Der Vater arbeitete als Kleinstbauer (mit einer Kuh) oft im Taglohn bei Fuhrleuten und im Wald. Die Buben verdingten sich als Knechte, Sticker und Fabriksarbeiter. Dann kam 1914 der große Krieg. Darüber berichtet nun ein Brief von 1918 an den Kaiser in Wien, den uns Mohr Hubert aus dem Nachlaß seines Onkels, des Standschützenoffiziers Dr. Wilhelm Mohr, überlassen hat. Er stammt aus den Akten des «Unterländer Schützenbundes»: Sr. Majestät, dem Kaiser und König Karl I. Allergnädigster und durchlauchtigster Kaiser und Herr! Geruhen Ew. kaiserliche und königliche apostolische Majestät allergnädigst nachstehenden Bericht der untertänigsten Bundesleitung entgegen zu nehmen. Wohl keine Familie unserer Gemeinde wie auch der Umgebung hat dem Vaterlande während des gewaltigen Völkerringens so viele Opfer gebracht, wie jene unseres Mitgliedes Johann Köb, Bauers und Taglöhners in Wolfurt. Joh. Köb selbst hat dem Vaterlande 3 Jahre treue Dienste geleistet. Ebenso sind 3 Söhne aktiv in Heeresdiensten gestanden und rückten gelegentlich der Mobilisierung am 1. August 1914 ein. Im Verlaufe der Jahre 1915, 16 und 1917 sind weiters wieder 3 Söhne eingerückt. 27 26 Ew. Majestät Ruf hat nun am 15. Mai der letzte und siebente Sohn Folge geleistet und wurde bereits als felddiensttauglich anerkannt. Es stehen somit alle 7 Söhne im Felde, bzw. an der Front. Die allseits anerkannte Charakterfestigkeit der Eingerückten bürgt dafür, daß diese nicht nur ihr ganzes Können, sondern auch ihr Wollen Kaiser und Reich untergeordnet und restlos zur Verfügung gestellt haben. Die Auszeichnung zweier Söhne mit der silbernen, sowie der bronzenen Tapferkeitsmedaille, sowie auch von Ew. Majestät gestifteten «Kaiser Karl TruppenKreuz» mögen Zeugen der Verläßlichkeit dieser wackeren Leute sein, wie auch der Umstand, daß 1 Sohn (Julius), der bereits 1914 in russische Gefangenschaft geriet, derselben jüngst - und zwar oft mit Lebensgefahr - entwich. Dieser letztere wird demnächst wieder zu seinem Cadre einrücken. Leider mußte, - wie nur allzu begreiflich -, das Hauswesen dieses Soldatenvaters, den das Glück allerdings auch nicht mit irdischen Gütern gesegnet hat, empfindlichen Schaden leiden. Trotz alledem hat das Vertrauen Vaters Köb in sein Vaterland keine Einbuße erlitten; vielmehr: Köb hat durchdrungen von dem Bewußtsein, daß heute auch die Tat des Einzelnen Geltung hat, erst vor einigen Tagen 3 dem Gefangenenlager Ulm entwichene Russen aufgegriffen und dem K. u. K. Etappen-Stations-Kommando Bregenz überstellt. Wollen Ew. Majestät allergnädigst aus dem Vorstehenden erkennen, daß diesem wackeren Familienvater tatsächlich Anerkennung zu zollen ist. Mit Rücksicht auf die wirkliche Bedürftigkeit Köbs gestattet sich die alleruntertänigst gefertigte Bundesleitung, Ew. Majestät die Bitte zu unterbreiten, Ew. Majestät wollen huldvollst dem Johann Köb in Wolfurt Nr. 84 eine allergnädigste Anerkennung zuteil werden lassen. Wir konnten nicht erfahren, wie die Antwort des Kaisers in Wien auf den «alieruntertänigsten» Brief des Wolfurter Postmeisters und Sternenwirts ausgefallen ist. Aber ein gnädiger Herrgott ließ alle sieben Köb-Söhne von den Fronten in Serbien, Rußland und Italien gesund heimkehren. Ludwig Wilhelm Martin Johann Julius Vinzenz Josef Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang Jahrgang 1880 1882 1886 1887 1888 1897 1899 Vinzenz wanderte 1924 nach Amerika aus, die anderen sechs gründeten alle in der Heimat Familien. Johann heiratete ins «Stenzler»-Haus an der Schloßgasse. In seinen vielen Kindern, Enkeln und Urenkeln lebt auch in Wolfurt das «Schloßburo»-Blut fort. Mit der aufrichtigen Versicherung steter Lojalität zeichnet Alleruntertänigst f. d. Unterl. Schützenbund der Bundesobmann Rudolf Böhler 28 29 Siegfried Heim Unsere älteste Zeitung Nicht mehr alle Wolfurter halten «üsor Gmoandsblättle» in seinem Jahrgang 101, obwohl es äußerst kostengünstig über das Gemeindegeschehen informiert und eine Fülle von Anregungen bietet. Es betreut den ganzen Bezirk von Hohenweiler über Bregenz und Bezau bis Warth. Nur wenige Leser wissen, daß das Blatt vor mehr als hundert Jahren in Wolfurt gegründet worden ist. Zwei für ganz Vorarlberg sehr bedeutende politische Persönlichkeiten taten sich hier im Sommer 1888 zusammen und begannen ein Werk, das noch immer Bestand hat. Die Gründer von 1888 Freitag, 8. März 1991,10. Woche Jahrgang 101 Wendelin Rädler 1835-1913, Wolfurt Obmann Johann Kohler 1839-1916, Schwarzach Verwalter Die beiden Lehrer Johann Kohler und Wendelin Rädler waren ein Leben lang enge Freunde. Gemeinsam mit Gleichgesinnten gründeten sie den katholischen Lehrerverein für Vorarlberg. Sie errichteten die ersten Casinos und führten damit 30 31 den politischen Umsturz von 1870 im Lande Vorarlberg herbei. Während Johann Kohler als Vorsteher von Schwarzach einer der mächtigsten Parteiführer im Lande und schließlich Abgeordneter zum Reichsrat in Wien wurde, trieb Wendelin Rädler an seiner Seite die sozialen Reformen voran. Mit der Gründung von 80 Raiffeisenkassen und ebenso vielen Sennereien half er besonders dem verschuldeten Bauernstand. Maßgeblich trugen sie dazu bei, daß in Vorarlberg kaum ein Industrie-Proletariat entstehen konnte. Um ihre Ideen zu verwirklichen, brauchten die beiden Politiker ein Presseorgan. Schon bei der Gründung des «Volksblattes» 1866 durch Pfarrer Amann in Kennelbach, hatte Rädler, der bis 1872 Lehrer in Kennelbach war, mitgearbeitet und seither viele Artikel in diesem katholisch-politischen Blatt geschrieben. Nun schufen die beiden Lehrer ein kleinformatiges Wochenblatt für die Gemeinden Wolfurt und Schwarzach. Am 14. Juni 1888 unterzeichneten die damaligen Vorsteher Johann Martin Schertler und Gebhard Schwärzler den Gründungsvertrag. Am 1. Juli 1888 erschien die erste Nummer. Die Firma J. N. Teutsch in Bregenz besorgte den Druck. Bei 6 Verteilern in Wolfurt und 3 in Schwarzach mußten die Abonnenten ihr Blatt jeden Sonntag abholen. Das Echo war so positiv, daß sich in den folgenden drei Jahren nacheinander die Gemeinden Bildstein, Lauterach, Hard und Rieden (dazu gehörte damals noch die Parzelle Kennelbach) anschlossen. Ihnen folgten nun Fluh, Buch, Alberschwende, Langen, Lochau, Hörbranz, Möggers und Hohenweiler und nach dem ersten Weltkrieg auch Höchst, Fußach, Gaißau und Eichenberg. Mit Ausnahme der Stadt Bregenz waren damit alle Gemeinden von der Lorena bis zur Laiblach an gemeinsamen Informationen beteiligt. Als offizielles Amtsblatt wurde das Gemeindeblatt in fast allen Haushalten mit Interesse gelesen. Natürlich fanden auch die Mitteilungen der Vereine und die Inserate der Bauern und Händler viel Beachtung. Als Buben erhielten wir vom Viehhändler-Nachbarn eine kleine Belohnung, wenn wir ihm möglichst schnell das noch druckfeuchte Blättle brachten. Im März 1940 mußte das Gemeindeblatt auf Befehl der nationalsozialistischen Pressestelle in Berlin eingestellt werden. Erst im Juni 1945 durfte es mit einem Geleitwort von Landeshauptmann Urich Ilg wieder erscheinen. Jetzt versorgte es auch die Gemeinden des Bregenzerwaldes. Nun fehlte nur noch Bregenz. Im September 1948 tat dort Bürgermeister Othmar Michler, früher einmal Schulleiter in Wolfurt, den Schritt auf die Gemeinden zu und machte mit dem 57. Jahrgang das alte Wolfurt-Schwarzacher Blättle zum offiziellen Amtsblatt der Landeshauptstadt. Seither verlautbaren alle Gemeinden des Bezirkes hier ihre Gemeinde-Protokolle, Verordnungen und Kundmachun32 gen. Auch Arztnotdienste, Kirchliche Nachrichten und Bildungsprogramme machen das Blättle zu einer wichtigen Zeitung. Eine kleine Erinnerung an die Gründung vor mehr als 100 Jahren ist geblieben. Wolfurt, sonst immer am Ende des Alphabets, darf mit Schwarzach immer noch direkt nach der Landeshauptstadt den Reigen der vielen Gemeinden auf Seite 2 anführen.. Im Gemeindearchiv Wolfurt werden die meisten Gemeindeblätter aufbewahrt. Aus dem Jahrgang 1891 - also genau 100 Jahre alt - wählte ich ein paar Wolfurt betreffende Abschnitte in bunter Vielfalt aus. Im ersten Teil finden Sie die Volkszählungsergebnisse einiger Hofsteiggemeinden.. Vergleichen Sie dieselben und den dazu gehörigen Viehstand mit dem Jahr 1991! Die Verordnungen des Vorstehers betrafen fast nur Bauernprobleme. Unser Bürgermeister hat andere, größere - aber auch mehr Geld! Die Wahlen vom 26. Oktober 1891 standen ganz unter dem Einfluß von Rädlers katholischem «Casino» und von Pfarrer Sieber. Im zweiten Teil habe ich Einladungen von ein paar wichtigen Vereinen kopiert, dazu die Unterhaltungsangebote der vielen Gasthäuser von damals. Die Feuerwehr bekam ihr neues Spritzenhaus. Lehrer Rädler brachte auch noch (am 21. März 1891) einen Bienenzuchtverein zustande. Die Anzeigen im dritten Teil sollten uns im Vergleich mit unserer Konsum-GierGesellschaft ein bißchen nachdenklich machen, auch wenn wir über Unschlittkerzen und Modepäckle lächeln! 33 1 Siegfried Heim So heo s i ghört (8) Ma goht is Holz! Rieht s Weorkzüg her! Was nit ma mit? - D Waldseogo, a-n-Äx und do Be-iol, do Schlegol, zwo Biossa und zwä Räpplar. Do Buscholobock, d Zang und do Droht brucho-mor hüt no nit. Iotz pack üs no a Bindo Speock und an Ronggo Brot i! A Guttoro Most und a klä an Giggos hol i seol im Keor. D Farba Für-rot, himmol-blau, gräs-grüo, schiß-geol, munggele-bru, katzo-grau, stuchowiß und kohl-schwarz. Wenn d Mamm amol schimpft! Iotz heot der Triole do Triolar nit a-ghet und s ganz Häs vortriolot! (Alemannisch vom Bodensee) Einladung zum nächsten Vortrag zur Dorfgeschichte Siegfried Heim Rickenbach Ein selbstbewußtes kleines Dorf, eigenständig innerhalb der Gemeinde. Siedlungsgeschichte - Hochwasser - Gasthäuser - die Kapelle - Rickenbacher Geschichten - Lichtbilder. Der Vortrag wird zweimal gehalten, beide Mal im Kultursaal im Strohdorf. 1. Donnerstag, 14. November 1991, nachmittags 14.30 Uhr. (Besonders für ältere Wolfurter. Sie können uns dabei selbst alte Geschichten erzählen) 2. Dienstag, 19. November 1991, abends 20.00 Uhr. Postgebühr bar bezahlt. Drucksache


Heimat Wolfurt Heft 07 1991 Februar
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 7 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 91 Das Vereinshaus. Der Bau wurde 1913 vom Katholischen Arbeiterverein begonnen und 1922 vom Kartell christlicher Vereine fertig gestellt. Seither ist es das Veranstaltungszentrum der Gemeinde Wolfurt (Foto um 1935). Inhalt: 24. Vereinshaus Wolfurt (Johler) 25. Mit Napoleon nach Rußland (Heim) 26. Lehrer Köbs Familie (Heim) 27. Theresia Mohr-Wächter DIE A U T O R E N : Mag. Reinhard Johler aus Alberschwende ist 1960 geboren. Er hat Geschichte und Volkskunde studiert und ist Assistent am Institut für Volkskunde an der Universität Wien. Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, ist Hauptschuldirektor Theresia Mohr-Wachter, geboren 1929 in Wolfurt, ist Hausfrau. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Serie «Wolfurt in alten Bildern», 1983 Zuschriften Unsere Zeitschrift findet auch bei Wolfurtern «im Ausland» aufmerksame Leser. Sie geht nach Linz und Wien und sogar nach Belgien zu Spenglers Renate. Dieser Tage überraschten uns eine Spende und ein Brief aus der Schweiz. Stöcklers Rösle ist im Schlatt aufgewachsen und lebt nun als Frau Wanzenried in Schaffhausen. Auch sie schreibt eine Ergänzung zu «Kriegsende 1945» in Heft 3, Seite 36: Vielen herzlichen Dank für die sehr interessanten Heimatkundehefte, die ich gerne lese. Zu Kriegsende 1945: Am 2. Mai 1945 zwischen 4 und 5 Uhr morgens hat uns Herr Höfle Martin geweckt und gebeten, daß wir Rickenbacher Mädchen und Frauen zum Bürgermeister Theodor Rohner gehen und bitten, Wolfurt für die Feinde freizugeben, damit das Dorf nicht zerstört werde. Als wir dann bei ihm erschienen und die Bitte vorbrachten, sagte Herr Rohner: wir müssen nach Wolfurt (Anmerkung d. H.: So sagen alte Rickenbacher zum Kirchdorf) zum Ortsgruppenleiter fahren und ihn darum bitten. Als wir dann bis ins Dorf kamen, war schon alles in Aufruhr und die SS-Soldaten schickten uns retour. Vielleicht können sich noch einige daran erinnern. Vielen Dank und freundliche Grüße Rösle Wanzenried-Stöckeier Abrechnung: Für Druck und Porto sind in drei Jahren S 30.000,— auf Konto 87957 der Raiba eingegangen. Davon wurden bis jetzt S 29.000,— an die Gemeindekasse, die den größten Teil der Kosten trägt, abgeführt. Die Kontoführung wurde am 26. November 1990 namens der Gemeinde von Frau Carmen Haderer überprüft und in Ordnung befunden. Wer kann sich noch an die Rickenbacher Friedensvermittlerinnen erinnern? Wir bitten um Zuschriften und Ergänzungen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Reinhard Johler Zur Geschichte des «Vereinshauses in Wolfurt» (Zum gleichen Thema hielt der Auto vor zwei Jahren einen Vortrag im Pfarrheim.) 1991 jährt sich das Erscheinen der Sozialenzyklika «Rerum Novarum» von Papst Leo XIII., im Jahre 1993 die Gründung des ersten christlichen Arbeitervereins in Vorarlberg jeweils zum 100. Mal.1 Beides sind Daten, die nicht nur die katholische Sozialbewegung betreffen, sondern sie waren Gründungsanlässe, welche die politische, soziale und kulturelle Landschaft im Lande wesentlich - und bis heute - prägten. Nur in diesem Umfeld ist die Geschichte des Wolfurter Vereinshauses darstellbar. Denn es ist weitestgehend unbestritten, daß es zwei Entwicklungen waren, die das Bild Vorarlbergs bestimmt haben. Beide fußen im 19. Jahrhundert. Zum einen ist die starke Industrialisierung, vor allem ab den 20er Jahren des 19. Jahrhunderts zu nennen. Vorarlberg war vor der Industrialisierung ein übervölkertes und katastrophal verschuldetes Land. Die Bauernwirtschaften waren, trotz frühzeitiger Intensivierung etwa bei der Käseproduktion im Bregenzerwald weder in der Lage die Bevölkerung mit Arbeit zu versorgen, noch zu ernähren. Die Menschen lebten von einer Mischökonomie, die aus kleiner Landwirtschaft, Heimindustrie und saisonaler Auswanderung (Schweiz, Frankreich) bestand. Hier wären etwa die Montafoner Krauthobler und Bauarbeiter oder bis nach dem Ersten Weltkrieg die Schwabenkinder zu erwähnen2. Die Industrialisierung Vorarlbergs beschränkte sich nahezu ausschließlich auf die Baumwollverarbeitung (Weberei, Spinnerei); ab 1870 gewann verstärkt die Spinnerei an Bedeutung . Gerade dieser kam in Wolfurt eine Schlüsselstellung zu. Und obwohl es in der Gemeinde keine Textilfabriksgründungen gab - zur Jahrhundertwende existierten lediglich zwei kleine fabriksmäßige Betriebe, nämlich die mechanische Schlosserei Doppelmayr und die Spulenfabrik Zuppinger im Ortsteil Rickenbach - war Wolfurt trotzdem durch das benachbarte Kennelbach in den Sog der Industrialisierung miteinbezogen. Zum einen fanden zahlreiche Wolfurter in den Kennelbacher Fabriken, zu anfänglich katastrophalen Bedingungen Arbeit. Zum anderen ließen sich ab 1880 auch zahlreiche italienische Arbeiter in der Gemeinde nieder. Wolfurt wurde damit frühzeitig zu einer Arbeiter- und PendlerGemeinde. Aber die Industrialisierung bedeutete mehr als die Errichtung von Fabriksgebäuden, sie veränderte die Lebensweise eines Großteils der heimischen Bevölkerung entscheidend. Man sprach im 19. Jahrhundert davon, daß die Fabriksarbeiter2 schaft industriös war und meinte damit, daß sie weniger sparsam, verschwendungssüchtiger und in moralischer Hisicht ausschweifender sei. Das Land sei geradezu von «americanischen Verhältnissen» geprägt. Die Folgen der Industrialisierung können hier nicht näher geschildert werden, aber eine lag geradezu in der Luft: Eine zahlenmäßig starke Arbeiterschaft ließ auch das Schreckgespenst vor einer mächtigen sozialdemokratischen Arbeiterbewegung aufkommen . Daß dem schlußendlich nicht so war, lag an der zweiten Entwicklung, die schon näher zum Vereinshaus führt. Denn trotz einer bedeutenden Industrialisierung Vorarlberg war mit Niederösterreich die am stärksten industrialisierte Region entwickelte sich hier keine bedeutende sozialistische Arbeiterbewegung, ganz im Gegenteil: In der politischen Entwicklung nahm das Land Vorarlberg einen Sonderweg ein. Hier gewannen 1870 die Katholisch-Konservativen die absolute Mehrheit im Landtag und gaben diese in der Folgezeit auch nicht mehr ab. Dabei war gerade der Anteil der christlichen Arbeiter sehr hoch. In dieser Entwicklung hatten die katholischen Vereinshäuser als Versammlungs- und Verantaltungsorte eine zentrale Bedeutung, sie waren die eigentlichen Bastionen des politischen Katholizismus. Steinerne Zeugen Beide Entwicklungen sind in Vorarlberg bis heute bestimmend geblieben, von beiden Prozessen zeugen historische Schlüsselbauten: im Bereich der Industrialisierung sind Fabriksbauten und Arbeiterwohnhäuser zu nennen, für den Katholizismus stehen die Vereinshäuser. Beide Gebäudetypen sind Erinnerungen, sind «steinerne Zeugen» der Vergangenheit; sie haben dementsprechend einen kulturhistorischen Wert. Allerdings, beide Gebäudetypen waren Nutzbauten und sind daher in der Gegenwart bereits verschwunden oder vom Abriß bedroht. Für die Fabriksbauten ist momentan ein stärkeres Interesse des Denkmalschutzes feststellbar, man überlegt sich eine Erhaltung, Umwidmung und Neuadaptierung . Es gibt keinen Grund, der dagegen spricht, ähnliche Überlegungen auch für die immer geringer werdende Zahl von Vereinshäusern anzustellen. Enstehung der katholisch-konservativen Volksbewegung, der Kasiner Bis 1870 - einem wirklichen Schlüsseljahr in der politischen Geschichte Vorarlbergs - war das Land von den Liberalen regiert, die, gestützt auf ein äußerst eingeschränktes Wahlrecht, eine relativ sichere Landtagsmehrheit besaßen. Nur kurz zur Erinnerung: Wahlberechtigt war man damals aufgrund der Vermögens3 Verhältnisse. Die Wähler waren je nach Eigentum in 4 Wahlklassen eingeteilt. In der ersten Wahlklasse waren die Wohlhabendsten vereint, hier reichten oft nur wenige Stimmen zum Wahlerfolg, hingegen waren in der vierten Wahlklasse, wo etwa Bauern meist eingeteilt waren, oft mehrere Tausend Wähler für einen Sitz notwendig. Dieses Wahlsystem begünstigte die Reichen und benachteiligte andere, etwa besitzlose Arbeiter. Frauen waren weitestgehend ausgeschlossen. Zwar gab es in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts eine Wahlreform, das allgemeine, gleiche und geheime Wahlrecht wurde aber erst 1907 eingeführt, Frauen waren erst ab 1919 wahlberechtigt. Es verwundert daher nicht, daß vor 1870 die Wohlhabenden die politische Mehrheit inne hatten. Liberale wohnten vornehmlich in den Städten, sie waren Ärzte, Beamte und Fabrikanten. Der Landbevölkerung kam kein politisches Gewicht zu. Dies änderte sich abrupt in den späten 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts. Zu dieser Zeit schlossen sich die katholisch-konservativen Kräfte in Vorarlberg zu einer Partei zusammen, die auf katholischen Vereinen beruhte. Diese Vereine nannten sich in Anlehnung an ihre Vorbilder im Großherzogtum Baden KASINOS. Diese Kasiner-Bewegung war, zumal ein Treffpunkt äußerst wichtig war, auch eine VEREINSHAUS-Bewegung. Das erste Kasino wurde 1867 in Bregenz, das zweite 1868 in Feldkirch und im selben Jahr als drittes, das in Wolfurt gegründet, welches gleichzeitig als Wanderkasino fungierte und abwechselnd in Wolfurt, Schwarzach, Lauterach und Kennelbach tagte. 1868 wurde dann das landesweit wichtigste Kasino in Dornbirn begründet. Mitglieder der Kasinos, der Vereinshäuser waren vor allem kleine Gewerbetreibende und Bauern. Damit wurden sie zu einer wahren Volksbewegung, die vom katholischen Klerus und insbesonders von Kaplänen geleitet wurden. In .den Kasinos wurden religiöse und politische Fragestellungen äußerst intensiv erörtert, sie dienten zur Bildung und Unterhaltung, vor allem aber interessierten sie ihre Mitglieder für das politische Geschehen. Politik wurde zu dieser Zeit durch die Vereinshäuser zu einem wahren Massenphänomen, das die gesamte Bevölkerung etwas anging, aber gleichzeitig auch zum ersten Mal politische Lager schuf, die einander unerbitterlich bekämpften. Dabei orientierte sich die Kasiner-Bewegung ganz an den politischen Vorgaben der katholischen Kirche und wurde daher als «politischer Katholizismus» bezeichnet. Neben den katholischen Vereinen, war im Kampf gegen den Liberalismus, das 1867 gegründete «Vorarlberger Volksblatt» von größter Bedeutung. Es sei nur kurz angeführt, daß in dieser rhetorisch brillanten Zeitung, die ein wahres Kampforgan war, wiederum Priester an führender Stelle wirkten. Und es sei auch erwähnt, daß manche von ihnen, wegen ihrer scharfen Schreibweise infolge von Ehrenbeleidigungs- und Verleumdungs-prozessen zeitweise im Gefängnis landeten. Dies mag die Form kennzeichnen, in der Politik betrieben und Auseinandersetzungen geführt wurden. Die Katholisch-Konservativen waren von einem vollstän4 digen Machtanspruch im Lande erfüllt. Derart nahmen sie sich auch früh der in Vorarlberg besonders drückenden «sozialen Frage» an. Diese Organisierung war der Grundstein für den Wahlerfolg 1870. Örtliches Zentrum und Veranstaltungsort war dabei das Vereinshaus. In diesem wurde die Politik besprochen und gemacht, die dann für ganz Vorarlberg galt. Das Vereinshaus, also das Haus der katholischen Vereine, war anfänglich oft ein Gasthaus mit einem katholisch gesinnten Wirt. Bald aber folgte, zügig von der ChristlichSozialen Partei vorangetrieben und finanziert, der Bau von eigenen Vereinshäusern. Zu nennen wären etwa der in Dornbirn oder die feierliche Einweihung des Vereinshauses Lauterach am 29. 10. 1911. Sehr oft aber waren die katholischen Arbeitervereine führend in der Errichtung tätig. Dies trifft auch auf Wolfurt zu. Dann wurde das Vereinshaus als «katholisches Arbeiterheim» bezeichnet. Entstehung und Bedeutung der katholischen Arbeitervereine In Vorarlberg setzte - wie bereits erwähnt - die Organisierung der katholischen Arbeiterschaft sehr früh ein. Diese beruhte zunächst auf Formen aus dem Handwerkermilieu, etwa den Gesellen- und Kolpingvereinigungen. Allerdings entsprachen diese nicht den Bedürfnissen der Fabriksarbeiter. Zwei Anlässe waren es nun, die zur christlichen Arbeiterbewegung bzw. zu den katholischen Arbeitervereinen führten. Zum einen hatte die sozialdemokratische Agitation ab 1890 eingesetzt, dem galt es etwas Gleichwertiges entgegenzusetzen, wollte man die Arbeiterschaft nicht verlieren. Und zum anderen erließ Papst Leo XIII. am 15. Mai 1891 die Enzyklika «Rerum Novarum», deren sozial-politische Konzeption zum Programm der katholischen Arbeitervereine wurde. Diese Vereine breiteten sich in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts vor allem in den Alpenländern der Monarchie aus. Der erste katholische Arbeiterverein in Vorarlberg wurde 1893 von Kaplan Längle in Dornbirn, der zweite von dem wichtigsten Arbeiterführer, von Dr. Karl Drexel 1896 in Hohenems und bereits der dritte zu Maria Himmelfahrt am 15. August 1899 in Wolfurt begründet. Der bedeutendste war jener von Dornbirn. Dort wurde im übrigen mit dem Bau des Arbeiterheims 1907 begonnen. Zweck der katholischen Arbeitervereine war die Sammlung des christlich gesinnten arbeitenden Volkes, die Pflege des katholischen und patriotischen Geistes, die religiöse und sittliche Hebung, die Förderung des Standesbewußtseins, die Fortbildung und schlußendlich die Abhaltung geselliger Veranstaltungen. Alle katholischen Arbeitervereine hatten eine sehr ähnliche Organisationsstruktur. An der Spitze stand der Präses, der in den meisten Fällen ein Priester war und dem die «Sorge für das geistige Leben des Vereins» oblag. Ihm wurde ein Obmann zur Seite gestellt, der als «weltlicher Arm» für die organisatorischen Belange verant5 wortlich war. Weiters bestand der Vereinsausschuß aus einem Obmannstellvertreter, einem Schriftführer, einem Kassier und zwei weiteren Mitgliedern.8 Gerade der Arbeiterverein Wolfurt ist ein passendes Beispiel für die soziale Zusammensetzung dieser Vereine. Denn die Bezeichnung «Arbeiterverein» täuscht ein wenig. Gemeint waren damit alle, die sich für die Anliegen der Arbeiter einsetzten. Vor allem der Vereinsausschuß war meist nicht mit Arbeitern, sondern von dörflichen Honoratioren besetzt. Im ersten Vorstand des Wolfurter Arbeitervereins saßen etwa zwei Sticker, ein Schreiner-meister, ein Dampfsägenbesitzer, ein Schlosser und ein Briefträger9. Noch ein Wort zur landesweiten Organisation. 1904 erfolgte der Zusammenschluß der bestehenden katholischen Arbeitervereine zum Vorarlberger Arbeiterbund. 1908 waren in diesem 12 Arbeitervereine mit insgesamt 1.024 Mitgliedern zusammengefaßt: Dornbirn, Hohenems, Wolfurt, Rieden-Vorkloster, Hard, Frastanz, Rankweil, Bregenz, Blumenegg/Thüringen, Lauterach, Nüziders und Ludesch. Für die katholischen Arbeiter wurde auch eine eigene Zeitung, das «Arbeiterblatt» gegründet. Daneben bestanden, wenn auch nicht in Wolfurt, eigene katholische Arbeiterinnenvereine und die katholische Arbeiterjugend. Bedeutender für die Gemeinde, wo die Stickerei ab der Jahrhundertwende eine wahre Blüte erlebte, war die Gründung des Stickerbundes am 1. Jänner 1907, der zur stärksten Organisation der katholischen Arbeiterbewegung werden sollte. Ende 1907 zählte der Stickerbund bereits 23 Ortsgruppen mit über 1.000 Mitgliedern. Die Ortsgruppe Wolfurt gehörte mit 113 Mitgliedern zu den stärksten in ganz Vorarlberg. Abschließend sei noch eine weitere Organisation genannt: Es wurde bereits darauf verwiesen, daß viele in Kennelbach arbeitende Italiener in Wolfurt wohnten. Es verwundert daher nicht, daß 1904 die «Societa Operaia Cattolica di Kennelbach e Wolfurt» (Katholischer Arbeiterverein von Kennelbach und Wolfurt) unter der Leitung von Leonardo Salvaterra gegründet wurde. Und es sei auch nur am Rande vermerkt, daß in einem Wahlkampf der spätere christlichsoziale Ministerpräsident von Italien De Gasperi unterstützt vom Wolfurter Pfarrer eine Rede hielt10. Der katholische Arbeiterverein Wolfurt wurde 1899 gegründet. Dem Gründungskomitee im Gasthaus «Sternen» gehörten Ferdinand Müller, Josef Weiß, Albert Köb, Anton Giesinger und Rudolf Böhler an. Weiters waren im neu gegründeten Verein Mitglieder: Johann Hohl, Rudolf Fischer, Gottfried Oehe, Johann Mesch, Joh. Martin Gmeiner, Gebhard Rünzler, Josef Schwärzler, Josef Anton Köb und Wenzel Meinl. Der Verein zählte also zum Zeitpunkt der Gründung 15 Mitglieder. 6 Zum 1. Präses wurde Kaplan Simon Stadelmann, zum 1. Obmann der Schuhmachermeister Josef Weiß gewählt. Die konstituierende Versammlung fand zu Maria Himmelfahrt, am 15. August 1899 im Gasthaus «Sternen» statt. Anwesend waren auch die Bruderverine von Dornbirn und Hohenems. Der Arbeiterführer Dr. Karl Drexel und der Reichsratsabgeordnete Loser hielten Reden. Der Zweck des Vereins läßt sich am deutlichsten aus den am 16. Juli eingereichten Statuten ermitteln. Genannt sind dabei: «Zweck dieses nichtpolitischen Vereines ist: 1. Förderung der Religiosität und Sittlichkeit der Arbeiter. 2. Fortbildung in Dingen von praktischer Nützlichkeit, sowie Wahrung und Warnung vor verderblichen Zeitbestrebungen. 12 3. Frohsinn und Geselligkeit und Gemeinschaft zu pflegen.» Der Arbeiterverein Wolfurt war ausgesprochen rührig und aktiv. So konnte schon 1900 die Vereinsfahne um 180 Gulden in Sigmarszeil angeschafft werden. Das Fest der Fahnenweihe mit der Fahnenpatin Fräulein Julie Böhler galt als besonders gelungen. Die Fahne zeigt auf der einen Seite den Schutzpatron aller katholischen Arbeitervereine, den Hl. Josef. Daher wurden die Jahreshauptversammlungen auch immer am Josefitag abgehalten. Bereits 1906 zählte der Arbeiterverein Wolfurt 52 Mitglieder13. Es kann nun im einzelnen weder näher auf die wechselnden Obmannschaften, noch auf die Vielzahl der Veranstaltungen eingegangen werden. Nur soweit: Nach einem Jahrzehnt des Bestehens konnte der katholische Arbeiterverein Wolfurt eine sehr positive Bilanz ziehen. 117 Ausschußsitzungen, 105 Vereins- und öffentliche Vorträge dienten dem Vereinsziel. Es wurde über nahezu alles referiert, so etwa über die Leichenverbrennung, über den Balkan, über London und über «400 Jahre Wolfurt». Ab 1900 ist die Abhaltung von Glückstöpfen und zu Weihnachten von Christbaum-Feiern belegt, deren Erträgnisse zur Vergrößerung des Vereinsfonds oder wie etwa 1902 zur Schaffung einer Bibliothek dienten. Es wurden Schießabende oder etwa 1910 Rednerclubs veranstaltet. Dazu kam eine rege Gesangssektion unter der Leitung des Oberlehrerers und späteren Bregenzer Bürgermeisters Mathias Wachter. 1909 wurde die Turnsektion gegründet, aus der sich dann der Arbeiter-Turnerbund Wolfurt mit dem ersten Obmann Albert Köb und als Turnwart Wilhelm Rünzler entwickelte . Zur selben Zeit wurde auch der Hort der erwerbenden Jugend (später Jugendhort) mit dem «Jugendvater» Martin Thaler begründet. Ein Überblick über die zahlreichen Feierlichkeiten und Veranstaltungen des katholischen Arbeitervereins Wolfurt kann auch durch das «Gemeinde-Blatt» 7 gegeben werden. Dort finden auszugsweise etwa am 16. 7. 1911 die Einladung des Arbeiter-Turnbundes zum 1. Schauturnen, am 3. 12. ein Familienabend zum Nikolaustag (beachtenswert: «Der Reinerlös wird zum Bau eines Vereinshauses verwendet»), am 24. 12. eine Christbaum-Feier mit Theater und Gabenverlosung und am 17. 3. 1912 die Einladung zur 13. Ordentlichen Generalversammlung im Gasthaus «Hirschen» unter Obmann Ferdinand Thaler am Josefitag. Ein zentrales Anliegen des katholischen Arbeitervereins Wolfurt war der Bau eines eigenen Heims. Zur Jahreshauptversammlung 1900 wurde zum ersten Mal der Bau eines Vereinshauses besprochen, 4 Jahre später stellte dann Pfarrer Nachbauer den Antrag auf Errichtung eines Vereinshauses. Fertigstellung des Vereinshauses konnte allerdings nicht mehr vom Arbeiterverein alleine getragen werden. Kaplan Nußbaumer versuchte daher, die katholischen Vereine für dieses Anliegen zu gewinnen.16 Dies gelang am 14. April 1921 mit der Gründung des «Kartells christlicher Vereine in Wolfurt». Dieses Kartell, dessen Statuten am 8. Mai genehmigt wurden, war ausdrücklich für den Bau und die spätere Verwaltung des Vereinshauses gegründet worden. Als Mitglieder wurden nur Vereine mit «christlicher Weltanschauung» aufgenommen. Die vier in den Statuten genannten Vereine waren: Heinrich Nußbaumer, Obmann Gebhard Mohr, Obmann Karl Schwärzler, Schriftführer 2. Bürgermusik-Verein Wolfurt: Adolf Fischer, Obmann Albert Gasser, Schriftführer 1. Katholischer Arbeiterverein: Der Bau des Vereinshauses Wolfurt Als erstes Vereinslokal diente dem katholischen Arbeiterverein ein ebenerdiger Raum im «Hanso Hus» der Geschwister Heim am Anfang zur Kirchenstiege. Veranstaltungen wurden entweder im Gasthaus «Sternen» oder im «Rößle» abgehalten. Die Platzfrage aber war schon in Hinsicht auf die steigende Mitgliederzahl durchaus dringend zu behandeln, zumal auch Ausweichlokale, wie etwa die leerstehende Stickerei von Albert Gmeiner in Unterlinden, nur ein Provisorium darstellten. Als erster konkreter Schritt wurde 1904 unter der Federführung von Kaplan Fridolin Hagspiel und dem Vereinsmitglied Maurermeister August Klien ein Bauausschuß bestellt. 1907 lag der erste Plan vor, aber der Baubeginn zögerte sich hinaus. Gleichzeitig wurde auch erwogen, statt eines Neubaues, entweder das Haus von Gebhard Gmeiner (neben dem Schulhaus) oder das Gasthaus «Sternen» zu erwerben. Erst 1910 wurde durch den Ankauf eines Bauplatzes von den Geschwistern Heim im Strohdorf eine Entscheidung gefällt. Der bereits vorliegende Plan wurde 1911 vom Feldkircher Baumeister Kröner umgearbeitet. Die Kosten für diese neue Planerstellung von 800 Kronen übernahm Pfarrer Nachbauer. Nachdem dem am 13. 2. 1913 von Albert Köb eingebrachten Antrag zustimmt wurde, konnte mit dem Bau sofort begonnen werden. Im November desselben Jahres konnte der Verein in den Teilbau einziehen. Dieser bestand aus einem Versammlungslokal im Erdgeschoß, einem Theater, das gleichzeitig als Turnsaal diente und einem weiteren Nebenraum im ersten Stock. Der Erste Weltkrieg verhinderte eine Fertigstellung des Vereinshauses, das wegen seiner Form spottweise auch als «Schlauchturm» bezeichnet wurde. Im Jahre 1920 - der Arbeiterverein zählte durch die Kriegsfolgen nurmehr 25 Mitglieder - wurden unter dem neuen Präses Heinrich Nußbaumer (Obmann Rudolf Schertler) kleinere Zubauten, wie etwa eine Galerie errichtet. Eine 8 Das Kartell christlicher Vereine. Unter Kaplan Heinrich Nußbaumer hatten sich 1922 die Wolfurter Vereine zur Fertigstellung des Vereinshauses zusammengeschlossen. Außer dem Arbeiterverein entsandte jeder Verein zwei Vertreter. Erste Reihe v. 1.: Kaplan Nußbaumer, Rudolf Schertler, Mina Österle, Flora Böhler-Gunz, Gebhard Fehle, Martin Thaler; zweite Reihe: Gebhard Mohr, Josef Schertler, Karl Schwärzler, Ernst Köb, Rudolf Fischer; dritte Reihe: Rudolf Guldenschuh, Johann Zwickle, Jos. Ant. Köb, Pfarrer Simon Stadelmann, Albert Gasser, Adolf Fischer. 9 3. Turnerbund Wolfurt: 4. Liederhain Wolfurt: Ernst Köb, Obmann Franz Köhler, Schriftführer Adolf Fischer, Obmann Albert Kirchberger, Schriftführer 1 Zu diesem Zeitpunkt ist auch eine umfangreichere Arbeit des Autors zur katholischen Arbeiterbewegung in Wolfurt geplant, die auch die umfangreichen Archivalien mitberücksichtigen soll. 2 Kapeller, Kriemhild: Saisonwanderung und Heimarbeit als notwendiger Nebenverdienst in Vorarlberg. In: Österreichische Zeitschrift für Volkskunde, NS Bd. 43, 1989, S. 275-295. 3 Johler, Reinhard: Behinderte Klassenbildung - am Beispiel Vorarlbergs. In: Beiträge zur historischen Sozialkunde, 2, 1986, S. 51-57. 4 Heim, Siegfried: Bauern und Fabrikler. Die Arbeitswelt unserer Vorfahren. In Heimat Wolfurt, H. 1, 1988, S. 16-19. Sinz, Egon: Kennelbach. Die Geschichte einer Industriegemeinde. Kennelbach 1987. 5 Zur Entwicklung der sozialdemokratischen und christlichen Arbeiterbewegung vgl. Greussing, Kurt: Im Prinzip: Hoffnung. Arbeiterbewegung in Vorarlberg 1870-1946 (= Beiträge zur Geschichte und Gesellschaft Vorarlbergs, 4). Bregenz 1984. 6 Johler, Reinhard: Sammlung und Präsentation zur Industriegeschichte und Arbeiterkultur in Vorarlberg. In: Bockhorn, Olaf-Reinhard Johler (Hg.): Industriegeschichte und Arbeiterkultur in Österreich (Veröffentlichungen des Instituts für Volkskunde der Universität Wien, Bd. 14). Wien 1987, S.148-163. 7 Haffner, Leo: Die Kasiner. Vorarlbergs Weg in den Konservatismus. Bregenz 1977. 8 Mittersteiner, Reinhard: Wachstum und Krise. Vorarlberger Arbeiterbewegung 1890-1914. In: Greussing, Kurt (Hg.): Im Prinzip: Hoffnung, a.a.O., 73-132. 9 Moosmann, Herbert: Kath. Arbeiterverein Wolfurt. Entstehung - Rückblick. In: Wolfurt-Information, Nr. 92, 1989, S. 20-22. 10 Mittersteiner, Reinhard: Wachstum und Krise, a.a.O. 11 Schwärzler, Karl: Sechzig Jahre Kath. Arbeiterverein Wolfurt (Manuskript). 12 Statuten des «Katholischen Arbeitervereines Wolfurt» (Vorarlberger Landesarchiv). 13 Mittersteiner, Reinhard: Peripherie und Sozialismus. Diss. (Univ.) Wien 1988, S. 148. 14 Vgl. dazu die Protokollbücher. 15 Herburger, Josef: Die Turner und das Vereinshaus. In:WolfurterInformationsdienst, Nr. 17, 1973, S. 21f. 16 Vgl. Schwärzler, Karl: Sechzig Jahre, a.a.O. Sowie die Beiträge zur Festschrift «50 Jahre Vereinshaus Wolfurt». Feiern am 17. und 18. November 1973 (Wolfurter Informationsdienst, Nr. 17, 1973). 17 Satzungen des Kartells christlicher Vereine in Wolfurt vom 8. Mai 1921 (Vorarlberger Landesarchiv). Der Arbeiterverein behielt sich im Verwaltungsrat 2 Stimmen vor, hatte er doch den Teilbau und das Grundstück zur Verfügung gestellt.17 Bald darauf wurden auch andere Vereine (Jugendhort, Kongregation) in das Kartell aufgenommen. Die für die Errichtung notwendigen Finanzmittel konnten durch eine Haussammlung, durch den Reingewinn eines Volksfestes, durch unentgeltliche Arbeitsleistung der Mitglieder und durch ein Darlehen aufgebracht werden. 1922 wurde der Bau des Wolfurter Vereinshauses unter Einbezug des Arbeiterverein-Teilbaues vollzogen. Den endgültigen Plan hatte der Bregenzer Architekt W. Braun erstellt. Zu Pfingsten konnte dann das Vereinshaus Wolfurt feierlich eingeweiht und eröffnet werden. Das «Vorarlberger Völksblatt» berichtete darüber ausführlich: «Die katholischen Vereine von Wolfurt dürfen sich glücklich schätzen, nunmehr ein neues, sowohl den praktischen Anforderungen, als auch dem Schönheitssinn entsprechendes Vereinshaus zu besitzen. Es war wohl ein wagemutiges Unternehmen mit einer Unsumme von Sorge und Arbeit im Gefolge, in gegenwärtigen Zeiten einen so stattlichen und gut eingerichteten Bau zu erstellen, als welchen das Wolfurter Vereinshaus sich heute präsentiert.» Die Feier bestand aus einem Festgottesdienst, der kirchlichen Weihe und einem Festumzug der Vereine. Aber werfen wir noch einen Blick in das neueröffnete Vereinshaus: «Das neue, nunmehr fast fertige Haus enthält außer verschiedenen praktisch eingebauten Vereins- und Klubräumlichkeiten und einer Hausmeisterwohnung einen großartigen Festsaal von über 16 Metern Länge und 11 Metern Breite und mit zwei geräumigen Galerien. Einen gefälligen Eindruck machen die der bodenständigen Bauweise entsprechenden Holz-Vertäfelungen, die hölzernen Galeriebalustraden, der gleichartige Plafond mit einer zugleich architektonisch schmückenden Ventilationsvorrichtung in der Mitte. Die Bühne ist geräumig und zweckentsprechend gebaut und erhielt erst noch in den letzten Tagen die neuen, von Meister Ulrich Ender (Götzis) gemalten Szenerien. Auch im Äußeren bietet der Bau einen überaus gefälligen Anblick: mitten in freie Umgebung sich erhebend, läßt er seine schönen Verhältnisse im Eintrittsvestibül, Mitteltrakt mit dem Ventilationsaufsatz sowie Bühnenbau mit den kleineren Lokalitäten prächtig zur Geltung kommen.» 10 11 Siegfried Heim Zur Erinnerung ein paar Zahlen Mit Napoleon nach Rußland Franzosenkriege in Wolfurt «Vor Pest, Hunger und Krieg bewahre uns, Herr Jesus Christus!» beteten unsere Vorfahren. Unter diesen drei Geißeln litten sie ja immer wieder. Besondere Not kehrte um das Jahr 1800 ein. Die ersten Kriegsahnungen hat der Maler Anton Schneider schon 1787 gehabt. («Beschreibung des Franzosenkriegs», Chronik Schneider im Landesarchiv). «In Hißigem Dorf daß Hauß Numeriren an gefangen, der Aman Fischer und ein Geschworener war dar bey, der Martin Haltmayer, Schreiner auf dem Bühel, hat es müßen Numeriren. Auf dem Bühel hat man angefangen und also an die Ach hinaus und so fort. Jeder Man sagt, was doch das Ding bedeutten thue. Dan niemand weiß, auf was es an gesehen, doch muthmäßet man, daß es nichts Guttes werde andeuthen.» Erstmals wurden also im Jahre 1787 auf kaiserlichen Befehl Hausnummern an die Türen gemalt. Die Amtleute gingen durch das ganze Dorf, auch nach Schwarzach, Bildstein und Buch. Während der Maler die Nummer aufpinselte, schrieb der Ammann Leute und Besitz auf, «so gahr das Kind in der Wigen». Diese Hausverzeichnisse wurden in den folgenden Jahren verwendet für Steuerlisten, für die Einquartierung von Soldaten und zur Aushebung von Rekruten. Dreißig Jahre der Not und Unterdrückung folgten, Jahre von «Hunger und Krieg». Vom ersten Blutvergießen berichtet Pfarrer Walser (Volksblatt, 25. 10. 1912): «Nach dem Totenbuchjener Zeit wurde am 11. August 1796 Johann Michael Gasser von einer feindlichen Kugel hingestreckt. Am 16. September 1796 wollte der 66jährige Michael Hübe im Garten eine von einem andern vergessene «Schopete» (Flinte) holen und wurde dabei von den Kugeln der Franzosen getötet. An demselben Tage tobte in und durch Wolfurt ein heftiges Gefecht. Es fielen hier 6 kaiserliche Soldaten und 3 Franzosen. Die erstgenannten 2 Männer und 3 kaiserliche Soldaten konnten noch versehen werden. Gleichzeitig waren in Lauterach 10 Häuser von den Franzosen in Brand gesteckt worden.» Schwere Gefechte gab es auch im Sommer 1800 in Wolfurt. Darüber hat Volaucnik berichtet (Heimat 1/20). Dabei wurde im Juli 1800 Michael Haltmayer in seinem ganz neuen Haus im Bütze-Weingarten erschossen. «Auch haben die Franken am Sontag in vil Häußer ein gebrochen und geblündert und die Leyt ausgesucht und ihnen die Todesangst angetan.» Drei Tage lang wurde Wolfurt damals geplündert. 12 1789 Französische Revolution 1792— 1797 1. Franzosenkrieg 1796 Gefechte in Wolfurt 1799— 1802 2. Franzosenkrieg 1800 Gefechte in Wolfurt 1805 3. Franzosenkrieg 25. Dezember 1805 Vorarlberg an Bayern abgetreten 1806 Die alten Gerichte Kellhof und Hofsteig aufgelöst 1808 Wolfurt wird selbständige Gemeinde 1809 Aufstand. Wolfurter kämpfen im Allgäu 1812 Napoleon zieht mit der Großen Armee nach Rußland. Brand von Moskau. Winterkatastrophe 1813 Völkerschlacht bei Leipzig 1814 Napoleon nach Elba. Vorarlberg wieder zu Österreich 1815 Schlacht bei Waterloo. Napoleon nach St. Helena verbannt. Wiener Kongreß 1795 waren in Wolfurt die «Bergteile» im Ippachwald und 1798 die «Riedstücker» verteilt worden. 1808 gab es in Wolfurt 185 Häuser. Die 1143 Einwohner besaßen zusammen 266 Kühe. Sie ernährten sich hauptsächlich vom Getreideanbau. 1817 Große Hungersnot! Schwer hatte das Dorf auch 1804 unter den Einquartierungen der Kaiserlichen und 1805 unter denen der Franzosen zu leiden. Bayerische Rekrutenaushebung Im Frieden von Preßburg mußte Österreich Vorarlberg und Tirol an das Königreich Bayern abtreten. Sofort hatte der schreibkundige Gotteshausammann Mathias Schneider einer Liste aller wehrfähigen Männer zu erstellen. In seinem Buch «Märckwürdige Begebenheiten» (Schneider-Chronik 2) sind uns die 239 Namen erhalten geblieben. 13 Demnach gab es 1805 in Wolfurt: 99 23 21 96 ledige Männer von 17 bis 30 Jahren, ledige Männer von 30 bis 50 Jahren, «Verheurathete» von 17 bis 30 Jahren und Verheiratete von 30 bis 50 Jahren. Rekruten ohne gespilt Weg genohmen. Von Wolfurt hat man Anton und Johann Stülz zurlinden, Joseph Böhlerzurach, für Hofrieden durch das Spiel, Thomas Vonach nur weil er mit obigem zum Spiel ins Hofriedisch gegangen. Von Steusberg (Bildstein) hat man 6 Mann alles Ledige genohmen.» Als im Juni 1807 neue Konskriptionslisten erstellt wurden, «allwo alle Jünglinge Von 16 bis 40 Jahren sich haben müssen abmessen und Fixidiren lassen», kam es zum Weiberaufstand in Langenegg und Krumbach. Darauf quartierten die Bayern 4000 Mann Kavallerie und Infanterie ein, die auch Wolfurt außerordentlich belasteten. Das Gericht Hofsteig mußte 2700 Gulden Bußgeld zahlen. Außerdem mußte es am 15. Juli 1807 vier Rekruten stellen. Weitere 12 Mann, darunter 4 Wolfurter, wurden am 30. Juli ausgehoben: Josef Lenz von Rickenbach, Josef Anton Schwerzler Gugers, Joseph Dür im Tobel, Kaspar Gasser auf dem Bühel. Fünf Jahre später starben sie in Rußland. In seiner Kriegschronik (Schneider 1) ergänzt Schneiders Vetter Anton diese Darstellung: das Spiel in Schwarzach konnte nicht stattfinden, weil die Wolfurter in der Krone mit großem Geschrei aufbegehrten und sogar eine «Botillen» in den Tischwinkel zum neu aufgestellten Bregenzer Landrichter warfen. Zur Strafe dafür wurden drei Tage später einfach 4 Wolfurter und 6 Steußberger in Lauterach verhaftet und «geschloßner» (gefesselt) nach Bregenz und weiter nach Augsburg geführt. Vermutlich haben sich die Angehörigen der Verhafteten beschwert, denn «noch dazu hab man den Vatter Stültzen sambt dem jüngsten Sohn Martin auch zu haus abgeholt und auf Bregentz und in Arrest auf einige Tag geben.» Sie sollten so lange in Haft bleiben, bis man des Flaschenwerfers habhaft sei. Im April 1809 beteiligten sich auch die Wolfurter am allgemeinen Aufstand gegen die Bayern. Mit Schiffen fuhren sie mit bis Konstanz und Ludwigshafen und holten sich reiche Beute. Auch das bayrische Lindau wurde von den Vorarlbergern fürchterlich geplündert. «Ein jeder hat ein Sack a ufdem Bügel in die Stadt Bregentz gebracht, ich hab es selber gesehen», schreibt der Chronist. In ihrem Siegesrausch marschierten die Hofsteiger unter Major Schertler sogar mit nach Wangen und Kempten. Aber dort wendete sich das Kriegsglück. Im Gefecht bei Eglofs erlitten sie schwere Verluste. Mathias Schneider berichtet: «Es sind aber dieses Jahr diese Landes Völker, welche schon bis auf dem Buchberg bei Kempten gestanden, vom Königlich Bayr. und mit hilf der Königlich Würthenberg. Truppen zu Haus geschlagen worden, wobey unser Seite etliche Mann das Leben Verlohren, so wohl von Frey willigen als von dem Landsturm besonders und zwar erstens Joh. Georg Reiner als Hauptmann, Jos. Ant. Lenz, Ant. Geiger, Andreas Flatz.» Hauptmann Reiner war schwer verwundet in Gefangenschaft geraten. Er starb in Kempten (Walser, V.V. 29. 10. 1912). 15 Panik brach aus, als die Bayern nun die allgemeine Wehrpflicht einführten und die Ledigen der Reihe nach rekrutierten. Einige Jungmännerflohenaus dem Land, viele retteten sich durch schnelle Heirat vor dem Militär. «Anno pro Domine Jesu Christe 1806 haben Hochzeit gemacht.. . Welches aber aus sonderbaren Umständen geschehen. Es hat sich durch den Willen und Zulassung Gottes ereignet, daß der Kaiser (Napoleon), welcher zwar nur vor wenig Jahren den Zepter und Krone erhalten von Frankreich, aber Mahlen Krieg angefangen mit unserem Römischen Kaiser Franz des II. und so gesieget, daß er in kleiner Zeit bei 3 Monaten nicht nur ganz Vorarlberg und Tiroll, sondern auch bereits ganz Bömen, Ungarn, ja Wien selbsten, mit hilf des Bayerfürsten eroberet hat, welches alles geschehen vom Oktober bis Dezember. Dan den 14. November sind die Franken bei uns Eingerückt, nur zu Wolfurt bey 13 Compagnien, über Tausend Mann. In diesen Unglücks Tagen ist Seine Mayestät der Kaiser genöthiget worden, einen mit großem Verlust betreffenden Frieden mit Frankreich zu schließen, wo bey er auch ganz Tirol und Vorarlberg Nebst Villen andern Ortschaften Verlohren und abtretten müssen. Über diesen Friedens Contrackt hat der Kaiser von Frankreich den Fürsten von Bayern so belohnet, das er denselben Erstens zu Einem König gekrönet, und Zweytens mit Viellen Landschaften beehret, unter welchen auch ganz Tirol und Vorarlberg, samt allen Entzwischen liegenden Ort und Reichs Herrschaften gegeben worden. Aus diesem Umstände willen, und Forcht Militär stellen zu müssen, haben sich in allen Pfarreyen des Vorarlbergs sehr Viele Menschen Verheuratet, und zwar nur in der zeit zwischen Weihnächten und Herren Faßnacht, welche nur 8 Wochen lang gewesen . . . » Nun zählt Mathias Schneider fein säuberlich die 22 jungen Paare auf, die sich in Massenhochzeiten am 27. Jänner, 3., 11. und 17. Februar 1806 vor dem Soldat-Werden drückten. Es findet sich darunter auch sein Sohn: «Jakob Schneider Wolfurt mit Jungfrau Maria Agatha Schertlerin Underlinden». Er konnte dem Ehepaar das neue Haus an der Berggasse («Rädlers» an der Kellhofstraße) übergeben. Die Braut bekam ja von ihrem Vater, dem reichen Schützenmajor JakobSchertlerauch noch eine beachtliche Ausstattung. So gut hatten es die anderen 21 Paare in jener Fasnat wohl nicht! In den folgenden Jahren gab es nun fast keine Hochzeit mehr in Wolfurt. Die Ledigen aber holten die Bayern zu ihrer Armee: «Anno 1807 den 22ten Jäner hat mann anstattdem 19ten Jäner, alwo zu Schwarzach hätte sollen gespilt werden, die 14 Die siegreichen Bayern und Franzosen bestraften die Vorarlberger schwer. So nahm man den Wolfurtern am 27. Mai sogar das Fährschiff, ihre einzige Verbindung nach Kennelbach, weg und transportierte es nach Bregenz. Und vor allem wollten die Bayern noch mehr Soldaten. «Anno 1810 den 12. März abermahl Rekruten ausgehoben. Alle von 18 et 19 Jahr gleich weg genommen. Das Landgericht Bregenz hat 65 Mann gesteh.» Die meisten Familien versteckten jetzt ihre Söhne. Zu genau kannten die Häscher ihre Opfer aber aus den Listen, die Mathias Schneider ein paar Jahre früher erstellt hatte. «Aufdieses hat man Einigen Exekution eingelegt und zwar aufden ersten Tag 4 Mann, den zweiten 8 Mann, dendritten 12 Mann. So behalten bis die Forchtsamen Ihre Söhne Von der Frömbde her geholt und gestellt haben. Gestelt habe ich selbst den Michael Schneider, Ferdinant Rohner, Jos. Köb auf dem Bühel, Aloys Haltmayer Sohn, Jos. Böhlers Sohn an der Hub, Joh. Georg Schwärzlers Sohn zu Steig . . . Nach diesem hat mann alle am Joseph Tag mit ein und weg genommen bis nach Augspurg.... Die Exekution hat manchen 80, 90 bis 100 Gulden gekostet. Got helfe!» An anderer Stelle zählt der Chronist weitere Burschen auf, die mit seinem Sohn Michel am 19. März 1910 abgeführt wurden: «und sind den 20. Merz von Bregenz über kempten bis nach Augspurg transportirt, Von dort wider bis nach Lindau und über 5 Wochen dort, ohne Asentirt zu seyn, behalten worden. Nach diesem erst den 2. May nach Ingolstadt abgefürt worden. Von da ist der Sohn Johann Michl, Ferd. Rohner, Kaspar Gunz nach Neuburg zurück zu den Jägern gestellt worden. . . . 1810 den 17. May erhalten den 26. dis das Erste Schreiben des Michl Schneider. Die Attreß ist zu machen an Michael Schneider bey dem 7ten Leichten Infantry Bartalion Trauberg, bei Herrn Hauptmann GrafKunn Copagni, abzugeben in Neuburg an der Donau.» Weihnachten sollen ganze 1000 Mann mit 60 Pferden die rettende preußische Grenze erreicht haben. Das Volk empfand diese Katastrophe als ein Gottesurteil «Mit Mann und Roß und Wagen hat sie der Herr geschlagen!» (Aus «Weltgeschichte» von Kinder.) Mathias Schneider notierte sich das, was ihm davon zu Ohren kam, so: «Der Kaiser Napoleon hat immer noch weiter geschlagen, daß er auch den Kaiser von Rußland angegriffen, und so weit gesieget, das er bis November 1812 nach Moskau und Polox (Smolensk?) gekommen, wo aber grosse schlachten Vor gekommen, in welchen der Napoleon das Kürzer gezogen, wodurch er Viele Tausend Mann und Kanonen und Geld Kasse Verlohren.» . . . «. . . die Meerern gestorben oder gefangen worden. Doch sey Dank ist unser Sohn den 24. Feber 1813 wider Glücklich nach Haus Kommen, hat nur ein Verhörten Fuß gehabt. Es ist auch sein Herr Oberleutnant und ein Herr Major mit ihm gekommen. Alle andern Vom Ganzen Gericht sind noch abwesend und unwissend wo. 1813 den 16. April hat der Sohn Michael wider mit 3 Compagnigen nach Augspurg von Lindau abreisen müssen.» Die Überlieferung hat Michael Schneiders Heimkehr aus der russischen Winterkatastrophe später dramatisch ausgeschmückt. «Es wird erzählt, er hätte eine ihm abgefrorene Zehe, in Papier eingewickelt, noch heimgebracht. Die Rettung sei ihm nur dadurch möglich geworden, daß er sich in der größten Not an einen Roßschweifhängen und weiterschleppen konnte.» (Walser, V.V. 25. 10. 1912). Schneider soll mit seiner Truppe im Oktober 1813 noch an der Völkerschlacht bei Leipzig teilgenommen haben, die das Schicksal Napoleons besiegelte. Nur zwei weitere Wolfurter kamen aus Rußland gesund heim, der Zimmermann Michael Köb aus Rickenbach und der Student Martin Rohner aus dem Kirchdorf, der später als Gemeindearzt noch französisch und russisch schimpfte. Über sie berichte ich an anderer Stelle. Die vielen anderen jungen Burschen aus unserer Gemeinde waren mit der ganzen Großen Armee in Rußland gefallen, im Eiswasser der Beresina ertrunken, von Kosaken erschlagen, im Schnee verhungert, von Wölfen zerrissen . . . Kaum eine Todesnachricht traf ein. Verzweifelt warteten die Eltern. Nur zögernd wurde nach Jahren manchem eine Totenmesse gelesen. «Am 12. November starb in Preußisch-Polen Anton Dür. Am 11. Februar 1813 starb als Soldat in Lindau Kaspar Gasser. Endlicham 14. Januar 1814 starb im Görzer Feldspital, erst 18 Jahre alt, Johann Gmeiner. Wahrscheinlich gehörte erzumletzten Aufgebot Napoleons.» (Walser, a.a.O.) Auch Chronist Schneider nennt noch ein paar Daten: «13. April 1817 ist Thomas Vonach, welcher aber schon Vor 4 Jahren Laut Totten Schein in Rußland im Spittal gestorben, die erste Bestattniß gehalten worden.» 17 Nach Rußland Kaiser Napoleon sammelte ein Vielvölkerheer, die «Grand Armee», mit 500 000 Soldaten. In den Reihen der Bayern marschierten auch rund 20 Wolfurter mit. Am 24. 6. 1812 überschritt Napoleon ohne Kriegserklärung den Njemen. Mit dabei die Preußen unter Yorck und die Österreicher unter Fürst Schwarzenberg. Die unterlegenen Russen wichen in die Weite ihres Landes zurück. Nach den blutigen Schlachten von Smolensk und Borodino besetzte Napoleon am 14. September Moskau. Nachschubschwierigkeiten und der Brand von Moskau zwangen ihn am 19. Oktober zum verspäteten Rückzug. Hunger, Kälte und die ständigen Angriffe der Kosaken zerrütteten die Große Armee. Nur 30 000 Mann gelang die Flucht über die Beresina. Um 16 «17. Februar 1820. JosefAnton Gantner, Königlich Bayr. Soldat, welcher im Feldzug nach Rußland hat ziehen müssen, dato für Todt erklärt worden und sein Vermögen unter die gesäzlichen Erben Vertheilt worden, in21tenJahr.» «2. April 1828 ist der Jüngling Joh. Georg Haltmeyer, Aloys, als Soldat in Rußland als Todt erklärt worden und die Erste Besingnis gehalten worden.» «10. April 1828 Sind 3 Jüngling als Soldat in Rußland als Todt erklärt worden Nemmlich Sebastian Schwärzler zu Steig, Martin Klocker und Joseph Köb mit 3 gegenwärtigen Prister.» «9. April 1828 ist der Ehrbare Jüngling Gebhart Köb, Examinierter Schullehrer, an einer lang tauernden Krankheit sellig entschlafen, und am Balmsonntag zur Erden Bestattet worden, und feyerliche Bestattniß gehalt worden nebst einer halbstund tauernden Leichbredig, es ist auch zugleich für sein Bruder Joseph Köb K. K. Soldat, der in Ruß gestorben und Todt erklärt worden, nebst obigem Bruder, die Besingnißen gehalten worden.» Wieder österreichisch Die Erleichterung und Freude des Chronisten klingt in seinen Berichten nun durch: «... die Festungen alle sind übergeben worden, die Militärische Truppen ziehen wider Heraus bis an die Rhein gräntzen, wo aber noch Besatzungen Liegen bleiben. Die National Garde wird widerum entlassen um nachhauß zu Kehren. Was das Glücklichste. Daß Tiroll und Vorarlberg mit Ausnahm des Landgerichts Weiler widerum Von dem unerträglichen Joch des Königs Von Bayern entlediget, und unter den Mildreichen Zepter des Hausses Österreich aufgenohmen worden, Von welchem wir 8 1/2 Jahr Entlassen Gewessen, Gott Sey Lob, Ehr und Dank. Den 6ten July 1814 Hat die Sonne Vom Hauß Ostreich unssere Gegenden das Erste mal wider Erfreuet, an welchem TagderKönigl. Kaiserliche Kommißär die Aufnahm Vorarlbergs Zu Bregenz feyrlichst befestiget, allwo die bayrische Wappen Hinweg geschah, und der Glänzende Adler wider aufgeführt worden!. . . Allwo solches Jubelgeschrey Vivat, Es Lebe der Kaiser von Ostreich, in der Ganzen Stadt Entstanden, das seyn eigenes Wort Kaum mehr gehört worden Die Ganze Stadt in allen Gassen sind mit Thännlein besetzt worden und viele der Herrlichsten Triumph Bögen errichtet, und mit Lob Sprüchlein Gezierd worden. . . . Wobey mit allen Gloken in allen Kirchen zusammen geLeuttet worden, und Ein Salve nach dem Andern von allen Militär und Stadt Commpagnien, auch die Völkerschaft von Dornbirn, von Wolfurt und Lauterach sind wider gegenwärtig gewessen. . . . Vor Freude haben Viele geweint, und Ville ge Jubelirt. 1816 den 26. Febr. als am Faßnacht Montag, ist zu Bregenz von der Bürgerschaft Zur Freude und Angedenken der So Siegreichen Schlacht bei Moskau, allwo Ponebart den rest bekommen, Ein Freudiger Rith im Kriegsordnung Vor gespielt worden. Welche durch Franzosen, Rußische und Kaiserliche Gavalery und Infanten Vorgekommen, die Schlacht gegen ein ander so Thättig gefürt, durch Mehrmaliges Hin und Her Treiben des Feindes, mit Kanonen und Muschgeten geschüzt, der gestalten, daß man Glaubte, alle Müssen zusammen geschoßen und Nider gesäbelt seyn, wobey Vielle Fenster von den Kanonen Schüßen gänzlich Verbrochen worden. Der Schaden soll sich über 70 fl belaufen haben, wofür aber nicht hat müssen bezahlt werden. Diesses Spiel ist so Schön und Herlich anzusehen, daß zu Keiner Erdenklichen Zeit solches gesehen worden. Die Haupt Rolle hat gespült H. Joseph Reiner auf dem Thamm als Rußischer Kaiser. Anno 1816 den 30ten May ist die Huldigung zu Inspruk für S. Kaiserl. Königl. Mayestät Franz des I. von Tiroll und Vorarlberg widerum abgelegt worden. . . . » Ein allerletztes Mal war dazu in den sechs Hofsteiggemeinden ein Ammann in der Person des Schwarzacher Kronenwirts Joh. Georg Haltmeyer gewählt worden. Das alte Gericht erhielt aber seine Rechte nicht mehr zurück. 19 Auch über das Ende des Franzosenkaisers berichtet der Chronist Mathias Schneider: «Anno 1813 hat man In ganz Vorarlberg ein Nationalgarde aufgeführt worden. Von 23 bis 30 Jahre Haben alle Taugliche Jünglinge müssen Hingehen, welche sich nicht mit einer Vorhin erhaltenen Looszahlung oder einer Anseßmachung haben Können ausweißen. Zu Wolfurt hat es 7 Mann genohmen: 1. FidelSchwerzler,2. Joh. Georg Guth, 3. Lorenz Stülz, 4. Fr. Jos. Rohner, 5. Joh. Georg Schwärzler Fr. Josephs, 6. Joseph Geiger Niklaus, 7. Mathias Gmeiner im Holz, dieser aber ist deserdirt.» «Napoleon ist bis Ende November 1813 wieder bis über den Rain nach Frankreich geschlagen worden. Den 10. Dezember sind die Kaiserl. Rußischen auch Kaiserl. Östereichische und sämtlich Alirte Truppen über Bassel und andern Orten in Frankreich gezogen, bis ihn Paris. Haben anstatt des Bonebart ein andern König aus der alten Königl. Famil v. Porbon gesetzt und den Bonebart nach der Insul Elba abgeschikt. Nach diesem sind die Allirten Mächte wider nach Haus zurukgekert, um dem Congres beyzu wohnen. Aber es tauerte nicht lang, 1815 ist der Bonebart von der Elba wider mit einer gewafneten Kriegsmacht nach Frankreich gekommen, und den Neugestellten König wider in die Flucht genöthiget, und einen solchen Anhang Vom Volke bekommen, daß die Alirten Mächten genöthiget wurden, abermal nach Frankreich zu Ziehen, und auch glüklich wider hineingekommen, die Bonebartische Macht gänzlich geschlagen und den Bonebart, welcher Ville Wochen gahr Vermißt gewessen, bis er wider aredirt und wider nach einer Insul St. Helena Trazbortirt worden, und Entlich alldort gestorben.» 18 «Anno 1817 den 1. Mai ist Vorarlberg widerÖstreichKaiserlich geworden, und Profisorisch aufgehört, Gott sey Lob und Dank. NB. Aber es ist nicht Viel Gutes erfolgt, seine Mayestät der Kaiser hat wohl ein Vertröstung schriftlich Heraufgegeben, aber es ist nicht erfolgt! Was der König von Bayern unter seyner Regierung Ein Gricht, welches ihm einträglich war, ist nicht mehr geändret worden. Zum Exempel. Vor hero haben wir für klein Zehend an die Mehrerau nur 22 fl bezahlen müssen; bei der Regierung des Königs von Bayern haben wir den klein Zehend in Natura entrichten müßen, unter diesem ist Verstanden Erdäpfel, Kraut, Hanf, Flachs, Ops, welches Jährlich Cirga 180 fl ausmacht anstatt 22 fl. So ist aber, da wir wider Kaiserl. geworden, nicht mehr das alt recht gestattet. . . . » Die von den Bayern eingeführten Gemeinden blieben bestehen. Unser Chronist Mathias Schneider wurde noch als 72jähriger im Hungerjahr 1817 der erste «österreichische» Vorsteher der Gemeinde Wolfurt. In der Bayernzeit hatten vor ihm Joh. Georg Fischer aus Spetenlehen und dann kurze Zeit Johann Flatz das Amt inne. Im Volk erzählte man noch lange Jahre von den schrecklichen Ereignissen im russischen Winter von 1812. Hunger, Leid und Zorn entluden sich in fürchterlichen Ergüssen. Noch 100 Jahre später schrieb uns Mathias Schneiders Enkel Ferdinand Schneider im Jahre 1912 einen solchen Text auf: Napoleons Titel anno 1814 herausgegeben. Wier in Gottes Zorn gemachter von der Insel Corsica heraus geschleudert, mit der blutigen Kappe gekrönter Kaiser der Franzosen, Ritter deß schwarzen Rabens Orden, Hauptanführer einer großen furchtbaren Räuberbande, Wurgängel der letzten Raste der unglücklichen Könige und Familien in Frankreich, Großheuchler in Egibten, Thron und Krön Räuber der Königreiche Neapel und Spanien, Banco Räuber von Hamburg Heiligthums, Schänder in Hanover, Thron umwälzer und unersätlicher Wolf in Deutschland, Königlicher Pferddieb in Berlin, Scherpfen Degen und Ringkragen Dieb, Riegel und Siegel aufbrecher deß grünen Gewölbes in Dresden, Erzblünderer aller fürstlichen Schatzkammern, groß Schatzausräuber in Haßenkaßel, groß BeutelSchneider und groß Verderber in Pohlen, Blutigel in Holland, gemeinde Vermögen Verblünderer und Wütrich in Frankreich, berichtigter Freibeiter all deß auf dem Continent sich befindlichen Englischen Eigenthums, Wiederhersteller deß Robespirischen Sistem, Bestürmer und Mordbrenner von Europa, vermummter Bandit der ganzen Erde, und wirklich bestellter Erzengels Satan, auch erster besitzer der höllischen Legion und verworfener Scheusal der Menschen.» Abgesehen von all den geschriebenen Bosheiten muß man doch staunen, welche Fülle von geographischen und historischen Kenntnissen — von Ägypten bis Robespierre — in diesen Text eingearbeitet wurden, die das Volk auch ohne Zeitung und Fernsehen schon kannte. Wir dürfen hoffen, daß der große Tote von St. Helena und der kleine Dichter all dieser «Tittel» einen gnädigen Richter gefunden haben! 20 Die drei Heimkehrer Von etwa 20 Wolfurter Burschen waren also 1813 nur drei dem Grauen des russischen Winters entkommen. Michael Köb, 1790-1878. Die Familie Köb stammte aus Bildstein und lebte im Haus C 227 in Rickenbach. Das Haus «Stases im Lo» ist 1908 mit der Lenz-Fabrik abgebrannt. An seinem Platz steht jetzt das Doppelmayr-Bürogebäude. 1810 wurde der 20jährige Michael Köb zum 7. bayrischen Infanterie-Regiment eingezogen. Von Kempten aus marschierte er 1912 nach Rußland und kehrte gesund wieder heim. Als Zimmermann lebte er ab jetzt im Vaterhaus. Dreimal heiratete er. Nach dem Tod seiner ersten Frau Theresia Fehle ehelichte der 61jährige seine zweite Gattin Magdalena Rusch und wurde ein Jahr darauf Vater. Als 67jähriger Witwer heiratete er ein drittes Mal und starb erst 1878 im Alter von 88 Jahren. Seine einzige Tochter Anastasia «Stase» heiratete einen Ferdinand Müller aus Langen. Ihre Söhne Gebhard 1875 und Ferdinand 1889 («Mühlemacher Ferde») müßten den älteren Rickenbachern eigentlich noch bekannt sein. Martin Rohner, 1790—1864 Das Pfarrfamilienbuch nennt bei den drei Söhnen des Joh. Baptist Rohner «an der Kirchstiegen» drei bemerkenswerte Berufe: 1. Franz Joseph Rohner, 1789 «miles» (Soldat) 2. Joh. Martin Rohner, 1790 «chirurgus» (Wundarzt) 3. Johannes Rohner, 1794 Waffenschmied Keiner von den drei Kriegern blieb am Dorfplatz daheim. Das Haus C 46 wurde vom nächsten Besitzer zum «Rößle» umgebaut. Jetzt steht dort das Pfarrheim. Martin Rohner wurde als junger Student der Chirurgie zur französischen Armee eingezogen. Aus dem Rußlandfeldzug von 1812 heil heimgekehrt, beendete er seine Studien und wurde Gemeindearzt in Alberschwende. 1827 heiratete er Anna Maria Gmeiner, die Tochter des Wolfurter Gemeindearztes Joh. Gg. Gmeiner (1766—1827) und Großnichte des streitbaren Wolfurter Pfarrers Lorenz Gmeiner, der die große Pfarre geschickt durch Franzosen- und Bayernzeit gesteuert hatte. Er übernahm die Praxis seines Schwiegervaters im Haus C 143 im Strohdorf («Böhler Ottos Haus» auf dem Sternenplatz ist 1949 abgebrannt). Viele Jahre war er ein geachteter Gemeindearzt. Gern erzählte er von seinen Kriegserlebnissen und galt als Original, weil er dabei auch französisch und russisch fluchte. Über seinen ausdrücklichen Wunsch wurde er nach seinem Tode 1864 von Kriegs-Veteranen zu Grabe getragen. Der alte Rußland-Heimkehrer Michael Köb ging mit dem Grabkreuzlein an der Spitze des Zuges. 21 Von Dr. Martin Rohners Kindern waren ein Sohn und eine Tochter nach Amerika ausgewandert. Sein zweiter Sohn Dr. Ferdinand Rohner (1839—1909) führte die Gemeindearzt-Praxis im Strohdorf fort. Vier Töchter hatte er, die alle «gute Partien» machten. Anna Maria, 1865, übersiedelte mit dem Holzhändler Lorenz Dür nach Hard. Rosalie, 1868—1927, heiratete den Fergger Fidel Gmeiner in Unterlinden und wurde die Mutter der «Kartonagen-Fideles». Maria Anna, 1872, wurde die Gattin des Wolfurter Oberlehrers Mathias Wächter. Von ihren 7 Kindern wurde Julius Bürgermeister von Bregenz und Festspielpräsident. Auch Frau Brigitte, die Gattin unseres Bildhauers Albrecht, ist eine Enkelin. Engelberta, 1881, heiratete den angesehenen «Büchele-Beck» Anton Büchele, der Adlerwirt beim Rathaus in Bregenz, der als Schützenmajor auch die Wolfurter Standschützen 1915 in die Dolomiten führte. Von seinen Kindern hat Anton Büchele die letzten Lebensjahre im Oberfeld verbracht. Michael Schneider, 1791—1827 Er war der Sohn unseres Chronisten Mathias Schneider(1745—1833), der als Verwalter der Mehrerauer Güter, als Feldmesser, Wuhrmeister und schließlich als Gemeinde-Vorsteher in ganz Hofsteig hohes Ansehen besaß. Sein Haus «an der Kirchgassen» (heute Kirchstraße 29) ist 1907 abgebrannt. Von den 18 Kindern aus zwei Ehen des Mathias Schneider stammen viele Wolfurter Familien ab, darunter Lehrer Köbs («Meßmers» und «Malers») und «Sammüller»-Böhlers. Etliche Schneider-Familien wanderten um 1850 nach Amerika aus, der letzte Namensträger in Wolfurt war der «Numerant» Ferdinand Schneider (1841—1917), der uns die bedeutende Schneider-Chronik 3 hinterließ. Wie es dem Michael Schneider auf dem Feldzug in Rußland ergangen ist, hat uns sein Vater geschildert. (Siehe weiter vorn auf den Seiten 16 und 17!). Als Soldat war er in der Garnisonsstadt Augsburg heimisch geworden. Nach dem glücklich überstandenen Krieg kehrte er dorthin zurück. Er übte den anspruchsvollen Beruf eines Blättersetzers aus. Ein «Blattmacher» fertigte Kämme für die damals wichtigen Handwebstühle an und mußte mit einem besonderen Eid deren Qualität beschwören. Sein Sohn Mathias Schneider (1826) zog von Augsburg nach Regensburg und gründete dort als Glasmaler eine bedeutende Firma, die Kirchenfenster für Bayern, aber auch nach Wien und nach Ungarn lieferte. Im Jahre 1885 fertigte er die drei schönen Chorfenster (Mutter Gottes, St. Gallus und St. Gebhard) für die Kapelle in Rickenbach an. Sein Bruder Josef Anton Schneider (1827—1898) wurde Drechslermeister in Augsburg und begründete eine geachtete Familie. Sein Urenkel Dipl.-Ing. Josef Schneider hat 1990 Wolfurt besucht und von seiner umfangreichen Ahnenforschung berichtet: 22 Die Industrialisierung brachte um 1870 auch in die Handwerkerfamilie Schneider große Not. Großvater Jakob Josef Schneider (1858—1934) trat daher als Modelldrechsler in den Dienst der aufstrebenden MAN-Werke Augsburg, wo auch fünf von seinen Söhnen Arbeit fanden. Darunter war Josef Schneider (1889—1983), der als Modell-Schreinermeister 47 Jahre lang im Werke arbeitete. Er konnte ein Haus kaufen, das allerdings in den Bombennächten von 1944 völlig zerstört wurde. Sein Sohn Josef Schneider (1917) durfte studieren und war dann 48 Jahre für M A N tätig. Als Ober-Ingenieur leitete er zuletzt die Abteilung für Werkplanung. Das Erbe der Schneider aus Wolfurt lebt nun fort in seinem Sohn Dr. Thomas Schneider (1953), der als Geograph unterrichtet. Die Familie widmet sich auch dem Malen und der Musik, immer noch, wie vor Napoleons Zeiten, als die Schneider den Hausnamen «Maler» bekamen. Wenn die Chronik unseres 20. Jahrhunderts einst vom Kriegsgrauen im russischen Winter von 1943 berichtet, dann hoffentlich auch mit dem versöhnlichen Ende, daß Malen und Musik schließlich die Kriegsschrecken überdauern! 23 Siegfried Heim Vor 100 Jahren Lehrers Engelbert und seine Zeit. Auszug aus einem Vortrag am 12. November 1990 über den Chronisten Engelbert Köb und seine Familie. Köbs auf dem Bühel Die drei größten Wolfurter Geschlechter sind die Böhler mit 152 Namen im Blauen Buch von 1989, knapp gefolgt von den Köb mit 149 Namen. Weit abgeschlagen liegen die Mohr mit immerhin 94 Namen. Ihnen folgen die übrigen 7.000 Wolfurter mit mehr als 1100 Namen, im Durchschnitt also etwa 6 Namensträger pro Geschlecht. Die Mohr gehen alle auf einen Stammvater zurück, Johann Jakob Mohr, der um das Jahr 1750 aus Schwarzach ins Eulentobel kam. Die Böhler gibt es schon seit 400 Jahren ununterbrochen im Dorf. Darüber hinaus haben sie ständig Zuzug aus Bildstein und Buch bekommen. Die Köb finden sich schon 1650 sehr zahlreich in Bildstein und Buch, aber erst 1760 taucht der erste Namensträger in Wolfurt auf. Ihm folgen nun rasch viele andere, die in Wolfurt bedeutende Familien gründen. Einer ist Franz Xaver Köb aus Hag-Bildstein (1777-1859) der im Schloß Wolfurt mit seinen 12 Kindern die Sippe «Schloßburos» begründet. Ein anderer ist Jakob Köb (1761-1840) aus Gallin in Bildstein, der «Galler». Er heiratet 1788 die einzige Tochter des Schreiners Martin Haltmeyer, Auf dem Bühel (jetzt Nr. 1). Es wird der Stammvater all der vielen Wolfurter Köb-Familien, die wir heute mit den Hausnamen «Gallars, «Schrinars uf om Bühol», «Lehrars», «Molars im Strohdorf», «Meßmars», «Seppatones» und «Hilares» benennen. Von Jakob Köbs 13 Kindern starben die meisten schon als Kleinkinder. Sohn Joseph erfror mit Napoleons Großer Armee 1812 in Rußland. Sohn Gebhard Köb starb tief betrauert als junger Wolfurter Schullehrer. 24 Sohn Martin Köb jedoch führte die Schreinerei des Vaters auf dem Bühel fort. Seine Nachkommen «Schrinars», bewohnen das Haus noch heute, also mehr als 200 Jahre lang. Allerdings mußten sie nach dem Großbrand von 1911 in ein Nachbarhaus ausweichen, bis sich Bernhard Köb um 1950 wieder auf dem alten Platz beim Bühel-Brunnen ansiedelte. Jakobs vierter Sohn Michael Köb, 1794-1852, wurde wie sein Vater und sein Bruder ebenfalls Schreiner- und Glasermeister. Neben dem Elternhaus erbauter er an der Landstraße im Oberfeld 1826 ein neues großes Haus (heute Hintereggers, Oberfeld 2). Mit seiner Frau Agatha Dietrich hatte er dort 9 Kinder. Diese Agatha scheint eine besonders unternehmungslustige Frau gewesen zu sein. Im Landesarchiv gibt es eine Notiz (gefunden von Chr. Volaucnik), wonach sie mit einem Compagnon Krüsy aus Bregenz 1835 in der alten Schmiede auf dem Bühel eine Baumwollfabrikation begonnen hat. Während aber zur gleichen Zeit Baumwollfabriken in Kennelbach und Dornbirn ihre Besitzer reich machten, hörte man vom Wolfurter Untenehmen bald nichts mehr. Michael Köb mußte 1840 sogar sein Haus verkaufen und an die Ach in «Hansmarteies» Haus an der Bützestraße übersiedeln. Dort starb er schon 1854. Nun mußte seine Witwe Agatha auch dieses Haus aufgeben und mit ihren 9 Kindern in die baufällige Schmiede auf dem Bühel ziehen. An dem schönsten Platz im Wolfurter Kirchdorf, wo heute die Villa Köb über dem Dorfplatz aufragt, setzte sich die «Galler»-Familie jetzt fest. Von Ihren Söhnen übernahm später Josef Anton Köb (1837-1919) das Haus und den Hausnamen. Er war Vater bzw. Großvater der bekannten Wolfurter Brunnenmacher Gallers Seppl und Gallers Erich und Urgroßvater der Aichholzer-Söhne, die wieder wie einst ihr Stammvater Jakob das Schreinerhandwerk ausüben. Lehrers Einen anderen Hausnamen gewann aber der ältere Galler-Sohn Johann Martin Köb (1831-1884), der «Lehrer». Eigentlich war er ja Schreiner und Glaser wie seine Vorfahren. Er arbeitete auch täglich in der Werkstatt. Daneben diente er noch dem Pfarrer im Ehrenamt als Mesner. In den sieben Wintermonaten aber vertrauten ihm die Wolfurter ihre großen Buben in der alten zweiklassigen Schule im Strohdorf an. Mit ihnen übersiedelte er noch als Unterlehrer für 10 Jahre auch in die 1872 errichtete (und 1979 abgebrochene) neue Volksschule. Der Chronist Lorenz Gunz berichtet ausführlich, wie er von seinem Lehrer Köb 12 saftige Tatzen bekam, und schließt dann: «Der Lehrer war ein braver Mann, ist 1884 gestorben, der Herrgott möge sein Tröster sein!» 25 Auch der Chronist Engelbert Köb erzählt nachdenklich aus dem Lehrerleben seines Vaters, als er den Funken im Oberfeld und die Funkenküchle beschreibt: «Es war Brauch, daß jedes Schulkind seinem Lehrer ein Geldgeschenk überbrachte. Die Ärmeren gaben 4, 10 oder 20 Kreuzer, die Besseren auch einen Gulden. Man betrachtete dies als Aufbesserung des damaligen schlechten Lehrergehaltes. Für diese paar lumpigen Gulden mußte der Lehrer den Alten das ganze Jahr schön tun.» Die Wolfurter mochten ihren «kleinen Lehrer» sehr gern. Um 1880 mußten alle Lehrer Prüfungen nach dem neuen Reichsvolkschulgesetz ablegen oder ihren Posten aufgeben. So erhielt auch der fünfzigjährige Lehrer Köb die Kündigung. Als 1882 Kaiser Franz Joseph nach Bregenz kam, ging der neue Pfarrer Joh. Gg. Sieber namens der Gemeinde zu ihm in den Österreichischen Hof und erreichte in einer Audienz tatsächlich, daß dem alten Lehrer die Prüfung erlassen wurde. Das Geld war also immer knapp beim Lehrer Köb, aber er gewann einen großen Schatz in seiner jungen Frau Agatha, die er aus der Feldstraße zu sich herauf in die alte Schmiede geholt hatte. Agatha Schneider (1829-1916) war eine Tochter des ersten Hirschenwirts Hilar Schneider und eine Enkelin des Gotteshausammanns Mathias Schneider, der als Verwalter der Mehrerauer Güter, als Feldmesser und Vorsteher in Hofsteig großen Einfluß besessen hatte. Etliche Schneider waren Maler und sie trugen auch den Hausnamen «Malers». Es ist nicht überraschend, daß Lehrers Buben von ihrer Mutter Agatha mit der Begabung und der Freude am Malen auch den Hausnamen «Malers» weitertrugen. In 12 Jahren gebar Frau Agatha 9 Kinder. Das erste, Josefa I., starb bei der Geburt 1861. Jetzt kamen hintereina


Heimat Wolfurt Heft 06 1990 November
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 6 Zeitschrift des Heimatkundekreises November 90 Im Dorf. Die Fronleichnamsprozession mit Kirchenchor, Schützen und Musik. Die Gemeinderäte tragen den Himmel. Links der «alte» Schwanen mit dem großen Sandsteinbrunnen am Dorfbach, rechts der neue Schwanen. Im Hintergrund die Waschhütte. Inhalt: 18. 19. 20. 21. 22. 23. Das Wolfurter Kirchdorf (Heim) Häuserverzeichnis 1926 Sozialstrukturen (Volaucnik) Wasser und Wald (Heim) Aus Großvaters Tagebuch (Ferdinand Schneider) Spatzecklo (Heim) Zuschriften Zu «Kriegsende 1945» (Heft 3/36) ist noch ein Brief eingegangen. Sicher wüßten andere Wolfurter noch mehr zu erzählen: Auch ich habe die letzten Kriegstage so in Erinnerung, daß die französischen Flieger im Tiefflug aufalles schossen, was sich da unten bewegte. Ob Radfahrer oder Kinder, es wurde einfach geschossen. Und so erlebte ich einen der Tagesangriffe. Wir Flotzbächler Buben, 12—14jährig, waren an diesen letzten Kriegstagen immer unterwegs. Die Jabo's (Jagdbomber) warfen nämlich nicht nur Bomben, sondern auch Flugblätter ab, auf die wir Buben natürlich scharf waren. Nun muß ich für alle Wolfurter, die damals noch nicht auf der Welt waren oder noch nicht in unserer Gemeinde wohnten, etwas ausholen. Die Unterhubstraße, das ist die Straße vom ehemaligen Doktor-Haus bis zum Hause Herburger (Fa. Stark), war damals nur ein kleiner staubiger Weg, beidseitig eingesäumt von hohen Hecken. Weit und breit aber kein einziges Haus, nur eine riesige Wiese und ein paar Äcker. Ausgerechnet über dieser Wiese flatterten die Flugblätter auf uns herab. Erwartungsvoll schauten wir Knirpse (Gasser Arthur,SchwerzlerKarl und ich) nach oben, als plötzlich einer von uns aufgeregt schrie: «Die Flugzeuge kommen zurück!» Tatsächlich wendeten sie nach dem Abwurf der Blätter über Rickenbach und stießen nun direkt aufuns herunter. Blitzschnell sausten wir in Richtung Straße, zu den kleinen Bäumen, um dort Schutz zu suchen. Wir standenja wie Zielscheiben ohnejede Deckungsmöglichkeit mitten aufder Wiese. Kaum lagen wir angstzitternd mit eingezogenen Köpfen hinter den Bäumen, als die Bord-Maschinengewehre schon zu hämmern begannen. Hinterher prasselten die leergeschossenen Patronenhülsen durch das Geäst auf uns herunter. Viele Jahre habe ich einige dieser Hülsen aufbewahrt. Wir Buben hatten Glück. Niemand wurde verletzt. Kein Glück hingegen hatte die damals 15jährige Luise Bilgeri, die bei diesem Angriff tödlich getroffen wurde. Ludwig Schwärzler DIE A U T O R E N : Siegfried Heim, geboren 1931 in Wolfurt, Hauptschuldirektor Mag. Christoph Volaucnik, geboren 1961 in Bregenz. Er hat seine Jugendjahre in Wolfurt verbracht und wohnt jetzt in Bregenz. Nach seinem Geschichtestudium betreut er jetzt das Industrie-Archiv in Feldkirch. Ferdinand Schneider, 1845—1917, Wolfurt. Fabriksarbeiter, Musikant, Schauspieler, Chronist. Die Bilder sind Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Serie «Wolfurt in alten Bildern», 1983 Berichtigung In Heft 5 muß die Inhaltsangabe auf der Titelseite berichtigt werden: 15. Auswandererschicksale (Heim) Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Bild: Norbert Mayr, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt 1 Siegfried Heim Das Kirchdorf Wolfurt Auszug aus einem Vortrag im März 1990. Dritter Teil der Serie Geschichte nach «Pfarrkirche» (Heft 4/54) und «Schlösser» (Heft 5/3). Unser Kirchdorf hat sich in den letzten 30 Jahren sehr verändert. Es hat viel von seiner Bedeutung eingebüßt. 1. Schon seit 1870 hat es durch den Bau von Schule und Gemeindeamt im Strohdorf einen Konkurrenten erhalten, der später mit Vereinshaus und Post als weltliches Gemeindezentrum das Dorf weiter hinter sich ließ. 2. Die Kirche hat an Boden verloren. Nur mehr 30 % der Wolfurter besuchen die Gottesdienste. 3. Der Autoverkehr hat den Kirchplatz zerstört. Er ist kein Platz mehr, wo sich Wolfurter bei Gespräch, Spiel oder Versammlung treffen. Gasthäuser und Geschäfte wurden verlegt, der Brunnen abgebrochen. Gastarbeiter bewohnen die alten Häuser. Wir hören von Bemühungen um die Wiederbelebung des Dorfes und haben die Pläne gesehen. Wenn sie verwirklicht werden sollen, sind dazu Dörflerstolz, Traditionsbewußtsein und viel Mut notwendig. Kirchdorf und Bütze um das Jahr 1938. Eng drängen sich die alten Bauernhäuser um den Brunnen am Fuß der Kirche. Ein riesiger Obstwald und blumige Wiesen erstrecken sich bis ins Wida. Der Großteil der Mark wurde aber von allen Bauern in Dreifelderwirtschaft gemeinsam bebaut. Die drei Esche waren mit einem Zaun gegen «trib und trat» des Weideviehs geschützt. «Vällenthörer», das sind große Gattertore, ermöglichten den Zugang. Sie bestanden noch bis zur Auflösung der Dreifelderwirtschaft im 18. Jahrhundert. Eines weist der alte Brunnenbrief beim Haus Bregenzerstraße 6 («Hannes Franz») nach, welches noch um 1800 das nördlichste Haus des Dorfes war. Nach Westen endete das Feld ursprünglich bei Bütze- und Unterlindenstraße. Dort sollen nach der Überlieferung zur Pestzeit die Toten am Feldrain bestattet worden sein. Die jetzige Kreuzstraße hieß früher «Feld»-Straße. Als auch die Unterfelder westlich der Bützestraße kultiviert worden waren, wurde das zweite Vällenthor an das untere Ende der «Berg»-Gasse (heutige Kellhofstraße) verlegt. Markgenossenschaft Der Gotenkönig Theoderich hatte um 500 n. Chr. die vor dem Frankenkönig Chlodwig fliehenden Alemannen im Land um den Bodensee aufgenommen. Eine Hundertschaft überquerte die Ach und ließ sich an der alten Römerstraße am Fuß des Steußbergs nieder. Hier gab es genug Holz zum Bau von festen Häusern und zwischen Berg und Sumpf auch guten Boden für Getreideäcker. Das unentbehrliche Wasser lieferten die Waldbäche selbst in der Sommerhitze und in den Frosttagen des Winters. So drängte sich bald eine Gruppe von alemannischen Einraumhäusern im Tobel und am «Roa», wo die alte Römerstraße vom Oberfeld her den Talrand erreichte, nahe an den Tobelbach. Zu jedem Haus gehörte das «ehaft gut», eine eingezäunte Bündt für Obst, Reben und Flachs. 2 Kellhof des Königs 742 mußten sich die inzwischen christianisierten Alemannen doch noch den übermächtigen Franken unterwerfen. Fränkische Grafen übernahmen die Herrschaft. In Wolfurt entwickelten sich die beiden Herrschaftshöfe «zu staig» in Rickenbach und «kelnhof» am Tobelbach zu selbständigen Gerichten. Sie zogen immer mehr Besitz und unfreie Leute an sich. Ein Ammann verwaltete den Hof für den Grafen. Er sprach Recht und führte die waffenfähigen Männer an. 3 Von den Bregenzer Grafen fiel der Kellhof 955 an die Pfullendorfer Linie und 1167 an den Stauferkaiser Friedrich Barbarossa. Lange Zeit blieb er nun als selbständiges Gericht und Königsgut ein Fremdkörper im Hofsteiger Besitztum der Montforter Grafen. Zu seinem Selbstbewußtsein trug auch die Kapelle St. Nikolaus auf dem Rain bei, die die Pfullendorfer für ihren Hof gestiftet hatten. Viele freie Bauern unterstellten sich der Schutzherrschaft des Hofes oder auch des nahen Klosters Mehrerau. Ihre freiwillig abgetretene Habe erhielten sie als «Lehen» von ihrem Herrn wieder anvertraut, nur mußten sie jährlich eine Abgabe zahlen. Der «Großzehent» bestand in jeder zehnten Gabe von Vesen und Hafer, auch von Heu, und jedem elften Maß Wein. Der «Kleinzehent» wurde von Kälbern, Gänsen, Enten, Hühnern, Äpfeln, Birnen, Rüben, Bohnen, Erbsen, Nüssen, Hanf und Flachs genommen, aber auch von Milch, Butter, Käse, Eiern, Honig und Wachs. Statt in natura wurde der Kleinzehent später in bar oder durch Frondienst abgegolten. Daneben gab es noch andere drückende Steuern. Die schwerste war der «fal», der beim Ableben des Familienältesten «fällig» wurde, meist als «besthaupt» im schönsten Pferd oder Rind aus dem Stall und als «häsfal» im besten Kleid aus dem Kasten. Für diese Abgaben bot der Hof aber mehr als nur Schutz in Kriegszeiten. Er zwang unter Leitung der erfahrensten Männer das Dorf zu einer Gemeinschaft wie in einer großen Familie. Er verlieh Pflug und Wagen. Er stellte den Kessel, in dem der Hafer zum Enthülsen gesotten wurde, und die Mühle am Tobelbach. Der Hof hielt für alle im Dorf Hengst, Stier und Eber. Er bot auch Gastfreundschaft. Er stellte Herberge und Wirtshaus für Wanderer, Bettler und Landfahrer. Auf einem umzäunten Platz bestand die Möglichkeit zur Rast für Mann und Pferd. Der Hof stellte den Dorfschmied, den Metzgerzuber und die Badgelte. Ihm gehörte der Weintorggel. Der Hof besaß auch ein Armenhaus und versorgte die Waisenkinder. Er verlieh und kontrollierte Maße und Gewichte. So fand der Zehent vielfältige und nützliche Verwendung (nach Bilgeri in «Holunder» 1932/35). Vom Kellhof führte ein Säumerweg über Oberbildstein und die «Roßgasse» nach Alberschwende und weiter über die Lorena zu den freien Reichspfarren im Hinterwald . Der Montfort-Mehrerauer Teil des Bregenzerwaldes war schon früher von Hofsteig aus über Schwarzach-Farnach erschlossen worden. Barbarossas Sohn Heinrich schenkte 1226 die Kapelle St. Nikolaus an das Kloster Weißenau bei Ravensburg. Der Kellhof wurde mehrfach verpfändet. 1458 kauften ihn die reichen Grafen von Hohenems. Sie musterten nunmehr die Kellhofer Burschen in der Tanzlaube an der Kirchstiege und hielten dort Gericht! Durch Erbteilungen und Käufe waren die Gebiete von Hofsteig und Kellhof völlig ineinander verwachsen. Zum Kellhof gehörten jetzt 200 Leibeigene. 1603 führte Amann Bastian Kölnhofer 55 Männer zur Musterung nach Ems. 4 Kirchdorf am Steußberg Das Gericht Hofsteig mit Rickenbach und Schwarzach hatte längst seinen Hauptsitz nach Lauterach verlegt. Es war 1451 mit Bregenz an Habsburg-Österreich gekommen. Gemeinsam mit den emsischen Kellhofern errichteten die Hofsteiger 1512 eine selbständige Pfarrei Wolfurt. Abwechselnd durfte einmal das Kloster Mehrerau, dann wieder das Kloster Weißenau den Pfarrer stellen. Jetzt wurde die Tanzlaube bei der Kirche ein wichtiges Zentrum für die Leute von der Ach bis zur Schwarzach und für Bildstein und Buch. 1517 errichteten die Bewohner des Dorfes hier den ersten Dorfbrunnen. Durch hölzerne Düchel leiteten sie das Quellwasser vom Weinberg des Schloßherrn Jakob von Wolfurt her. Die Vällenthörer und die gemeinsamen Getreide-Esche erwiesen sich bei der Zunahme der Wohnbevölkerung nun immer mehr als Fessel. Um 1720 erzwang der einsetzende Anbau von Mais und Kartoffeln die Verteilung der Felder. Einzelne Bauern versetzten jetzt ihre Häuser aus dem engen Dorf in die neuen Felder. Der Pfarrer nennt sie im Seelenbeschrieb von 1760 «translata» oder «delocata». Reichere Bauern errichteten neue Höfe außerhalb des Dorfzauns im Röhle und in der Bütze. 1765 war der Kellhof mit Hohenems schließlich doch auch zu Österreich gekommen. Vier Wolfurter Bürger kauften 1771 die letzten Kellhofgüter, darunter den großen, von einer Mauer gegen den Tobelbach geschützten Weingarten in der Bütze, aus der Emser Herrschaft frei. Als erster baute ein Haltmayer-Sohn aus dem Dorf im Jahre 1800 ein Haus in die westlichste Ecke des Weingarten (heute Heims in der Bütze). Das zweite baute 1806 der Gotteshaus-Ammann Mathias Schneider an die «Berggasse». Es war das spätere Rädlerhaus, das samt der Bütze-Mauer 1976 für die Geschäfte an der Kellhofstraße abgebrochen wurde. Vor der Mauer war noch genug Platz für die riesigen Holzstapel der Laute racher und Harder Bauern. Hier lagerten sie ihr Ippach-Holz, um es bei guter Schlittbahn oder auf schweren Blockwagen nach Hause zu führen. Der alte Brunnen bei der Tanzlaube und der 1811 errichtete «Kleine Brunnen» an der Kreuzstraße waren wichtige Treffpunkte der Dorfgemeinschaft. Jeden Morgen und Abend trieb jeder Bauer sein Vieh hierher zur Tränke. Ein paar Holzkübel voll Wasser wurden für den täglichen Bedarf in die Küche getragen. Bei gutem Wetter besorgten die Frauen am Brunnen und am Bach ihren Waschtag, bis eigene Waschhütten erstellt wurden. Für die Kinder und die Jugend des Dorfes waren Brunnen, Bach und Tanzlaube Mittelpunkt ihrer Spiele. Wegen unliebsamer Vorkommnisse bestanden die Nachbarn und der Pfarrer 1830 auf dem Abbruch der Laube. Rundum waren inzwischen Gasthöfe entstanden. In ihren Sälen gab es Fasnatunterhaltung, Theater, Hochzeits- und Totenschmaus. Aber auch Gemeindevertretungssitzungen und Musikproben wurden im Schwanen-, Rößle- oder Engelsaal abgehalten. 5 lungen geschlossen, die Brunnen abgebrochen, die Plätze dem seit 1955 einbrechenden Autoverkehr überlassen. 1953 hatte die Gemeinde mit ihrem Wasserwerk die Möglichkeit zur Erschließung und Zersiedlung der umliegenden Felder und Bühel geschaffen. Zwei Jahrzehnte lang lag Wolfurt an der Spitze der Zuwachsraten in Vorarlberg und verdreifachte seine Häuserzahl. Die alte Römerstraße am Berghang vermochte den Autoverkehr nicht mehr zu fassen, der Durchzugsverkehr wurde 1964 auf die neue Straße in der Bütze verlegt. Aber auch der Quell verkehr von den nahen neuen Siedlungen genügte, um die Lebensqualität am Dorfplatz entscheidend zu mindern. Die Jungen siedelten in ruhigere Eigenheime ab. Investitionen in die alten Häuser erschienen fragwürdig. Sie wurden vielfach Gastarbeiterfamilien überlassen, verwahrlost und abgewohnt. Manche stehen heute leer oder fast leer, einige wurden abgebrochen, nur wenige neu erstellt. Nur ein großzügiges Revitalisierungsprojekt kann das 1000jährige Kirchdorf noch retten. Das Kirchdorf 1760 (Zur folgenden Skizze) Das Rößle um 1910 an der alten Kirchstiege. Gasthaus, Bäckerei, Handlung, Theater- und Tanzsaal, Casino. Dort, wo der neue Lampenmast steht, wurde bis 1830 in einer Tanzlaube am Dorfbach Rat gehalten. 1982 wurde das Rößle abgebrochen. Auf dem Kirchplatz hielt die Bürgermusik ihre Platzkonzerte. Hier sammelten sich die Turner zu ihrem Festaufmarsch. Von hier aus zogen die Standschützen 1915 an die Dolomitenfront, hier standen die Dorfvereine bei den vielen Heldenehrungen des zweiten Weltkrieges. Es wechselten die Fahnen an der Kirchstiege, aber immer waren Dorf und Kirchplatz von regem Leben erfüllt. Im «Seelenbeschrieb» von 1760 legte Pfarrer Josef Andreas Feurstein erstmals ein numeriertes Häuserverzeichnis an, das zusammen mit späteren Landkarten eine Übersicht über das Dorf ermöglicht. 57 Häuser gehörten zum Kirchdorf. Kirche (K), Tanzlaube (T) und Pfarrhof (Pf) sind ohne Nummer. Vom Dorfplatz stieg die Landstraße steil auf den Bühel. Sie führte den Verkehr zur Achfurt und nach Bregenz. • Die Numerierung beginnt bei der Kirche: Nr. 1—6 «Auf dem Bühel». Die Köb-Häuser (1 und 2) sind 1911 abgebrannt. An der Stelle der Dorfschmiede (3) steht heute die Villa «Lug aus». Das Kinzhaus (4) ist 1880 abgebrochen worden. Erst 1839 entstand hier das Kaplanhaus. Nr. 7—13 waren die sieben Häuser «Zur Ach». Sie zählten nicht zum Dorf. Nr. 14—18 «Im Röhle». Das damals neue Haus 14 (Hannes Franz) stand bereits außerhalb des Vällenthores. Nr. 16+17 mußten 1826 der großen Haltmayer-Gerbe weichen. Dort steht jetzt der neue Gasthof Engel. Die wichtige «Bregenzerstraße» entstand erst nach 1810. Nr. 19—25 «Im Loch». Mit sechs Häusern dicht verbaut. Nr. 26—33 «An der Berggaßen». Aus der Enge des Dorfplatzes wurde das oberste Haus 26 schon etwa 1780 ans untere Ende der Berggasse (heute Mohr Zita) übertragen. Nr. 27 mußte 1860 dem «neuen» Schwanen weichen, Nr. 28 («Filitzos») wurde 1895 für den Schwanengarten abgebrochen. Nr. 29 («Veres» — Höfles) stand noch bis 1980. Nr. 30 («Stülzes») stand Das Kirchdorf zerfällt Die Gemeinde Wolfurt besaß im zwei Kilometer entfernten Rickenbach, das sich aus dem alten Weiler Steig zu einem selbstbewußten eigenen Dorf entwickelt hatte, ein zweites kleineres Zentrum. Auch hier gab es Dorfbrunnen, Gasthöfe, einflußreiche Gerwerbebetriebe und dörflichen Zusammenhalt. Im Wettbewerb der beiden Dörfer wurde ab 1870 der dazwischen liegende Weiler Strohdorf der lachende Dritte. Zwar war es den Rickenbachern 1830 nicht gelungen, eine neue Kirche hierher «in die Mitte» zu bauen, wohl aber wurde 1872 die neue Schule mit dem Gemeindeamt hier errichtet. Es folgten die Post, das Vereinshaus, auch Handelsgeschäfte und schließlich die Hauptschule mit den großen Sporthallen. Die Abwanderung der öffentlichen Einrichtungen ins Strohdorf hatte die Verödung von Kirchdorf und Rickenbach zur Folge. Nach und nach wurden Gasthöfe und Hand6 7 ursprünglich ganz einsam außerhalb des westlichen Vällenthores (V). Im Haus 31 lebte bis 1797 der einflußreiche Kloster-Ammann Nikolaus Müller, von dem es noch heute den Namen «Sam-Müllers» trägt. Nr. 33 war das einzige Gasthaus im Dorf, der «alte Schwanen». Hier tagten die Dorfverwalter. Der Wirt Joh. Georg Reiner trat in der Bayernzeit als «Amtsverweser» an den Platz des früheren Ammanns. Nr. 32 läßt sich nicht mehr lokalisieren. Da die «Berggasse» vom Dorfbrunnen bis zum großen Kellhofweingarten führte, trägt sie heute zu recht den Namen Kellhofstraße. Nur ihre steile Fortsetzung beim Kriegerdenkmal wird im Volksmund weiterhin Berggasse genannt. Nr. 34—37 «An der Feldgaßen». Heute heißt sie «Kreuzstraße». Das Haus 34 ist erst im Jahre 1879 zum Gasthof «Lamm» erweitert worden. Nr. 38—40 «Im Gäßele». Das Haus 38 ist 1911 abgebrochen worden. Nr. 41—44 «Im Tobel». Zum schon vor 1800 verschwundenen Haus 41 gehörte vermutlich die Kellhof-Mühle. Nr. 45—46 «An der Kirchstiegen». Das große «Hanso Hus» Nr. 45 war der einzige Kaufladen im Ort. Nach den Gottesdiensten stand er auch den Leuten von Buch und Bildstein offen. Der Besitzer Anton Bildstein war «Balbierer» und «Chirurg». Nr. 46 wurde erst 1850 zum «Rößle» umgebaut. Nr. 47—62 «An der Kirchgaßen». Heute heißt sie «Kirchstraße». Auch hier ist das erste Haus 47 direkt beim Dorfbrunnen schon um 1810 verschwunden. Nr. 51 wurde 1806 in der Bütze (bei der Rittergasse) neu aufgestellt. Andere Bauherren nützten aber bald den freien Platz. Das «Girschke»Haus 52 wurde etwa 1975 abgebrochen. 53 und 54 («Stenzlers») ist eines der wenigen erhaltenen alten Doppelhäuser, die beweisen, wie rar die Bauplätze im Dorf schon um 1750 waren. Daher hatten der reiche Rohner (57) und die beiden mächtigen Schneider (61 und 62) ihre neuen großen Häuser in das Getreidefeld gestellt. Nr. 57 ist 1869 abgebrannt, erst 1893 erbaute Lehrers Ludwig hier ein anderes. Die Schneiderhäuser sind miteinander 1907 abgebrannt. Nr. 63 «Auf der Halden» ist das letzte Haus, das noch zum Kirchdorf zählte. An ihm vorbei führte der alte Reitweg zum Schloß und ins Holz. Links waren damals noch ein zum Schloß gehöriger Weinberg und die älteste Quellfassung (X) für den Dorfbrunnen(B). Das Überwasser mußte später auch noch für den «kleinen Brunnen» bei Nr. 57 und die Waschplätze bei 28 und 54 reichen. Die Waschhütte auf dem Bühel (bei 2) besaß eigene Wasserrechte. Pfarrers Weinberg im Tobel bestand als letzter von den vielen Wolfurter Weingärten noch im Jahre 1882. 9 Häuser-Verzeichnis der Gemeinde Wolfurt nach dem Stande vom 31. Dezember 1926. 10 11 Christoph Volaucnik II. Sozialstrukturen im vorigen Jahrhundert Einleitung Der vorliegende Aufsatz stellt die Fortsetzung eines im Heft 2, November 1988, der Zeitschrift «Heimat Wolfurt» erschienenen Artikels dar. Während der erste Artikel die wirtschaftliche Entwicklung Wolfurts und die historischen Veränderungen des Berufslebens zum Thema hatte, sollen nun die sozialen Verhältnisse meiner Heimatgemeinde im 19. Jahrhundert skizziert werden. Der Aufsatz gliedert sich in zwei Teile, wobei zuerst anhand vorhandener Statistiken und Quellen die Bevölkerungs- und Vermögensverhältnisse und dann im zweiten Teil der Wandel und Aufbau der Gemeindeinfrastruktur (Schule, Straßen) kurz vorgestellt werden sollen. Zum ersten Teil des Aufsatzes sei vorweg festgestellt, daß mit den zahlreichen Quellen des Gemeindearchivs eine statistische Darstellung der Bevölkerungszunahme, der Familiengröße des Jahres 1839, der Vermögensklassen und der Fremden im Dorf möglich war und dadurch zumindestens ein Einblick in das soziale Leben und in die gesellschaftlichen Abstufungen des Dorfes gewonnen werden konnte. Eine statistische Darstellung (quantitative Auswertung) von Quellen ist aber nur ein beschränktes Mittel für die Erforschung der Sozialgeschichte eines Dorfes und muß durch Forschungen zur Familiengeschichte, zur Hausgeschichte abgerundet werden. Gerade hier kommt dem Dorfchronisten eine wichtige Aufgabe zu, da er in detailreichen Forschungen Informationen gesammelt hat, die Basis für die sozialgeschichtliche Forschung sein könnten. Dieser Aufsatz kann daher nur als Skizze und Versuch einer dörflichen Sozialgeschichte verstanden werden. Im Jahre 1899 wurden die Wolfurter Häuser zum vierten und letzten Mal von der Ach bis in den Schlatt durchnumeriert. Diese Reihung galt bis zum 1. Jänner 1954. Dann wurden die heutigen Straßenreihungen eingeführt. Nur wenige von uns werden all die Namen kennen, die 1926 in der Gemeinde Geltung hatten. Vielleicht helfen sie Ihnen aber doch, sich wenigstens Ihre Nachbarn ins Gedächtnis zu rufen. Welche Häuser haben die Bau-Wut der letzten 40 Jahre überdauert? Viele Unterlagen über die alten Häuser finden Sie noch im Gemeinde-Archiv. 12 13 II. 1 Bevölkerungsentwicklung Jahr 1807 1819 1832 1833 1834 1835 1837 1839 1869 1880 1890 1900 1910 1923 männl. weibl. Total 1143 1069 1279 1209 1222 1214 1236 1332 1648 1623 1892 2070 2265 1798 Dienstboten Fremde Häuser Haushalte mit n-Personen 1 2 3 4 5 1- 5 6 7 8 9 10 6-10 11 12 mehr Total 6 26 30 46 41 38 26 13 9 7 5 1 2 in % 2,4 10,4 12,0 18,4 16,4 59,6 15,2 10,4 5,2 3,6 2,8 37,2 2,0 0,4 0,8 581 604 577 560 621 788 759 562 675 645 654 711 860 864 183 2 22 22 19 20 21 44 16 16 20 30 215 219 220 221 228 230 262 272 344 Wie aus dieser statistischen Übersicht hervorgeht, erlebte Wolfurt im 19. Jahrhundert einen bedeutenden Bevölkerungszuwachs, wobei interessanterweise der Zuwachs in den Jahren 1877 und 1880 20 % betrug, in der Zeitspanne von 1880 bis 1890 aber ein Zuwachs von 16,6 % zu verzeichnen war. Dieser enorme Zuwachs ging bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges noch weiter. Ein gewaltiger Rückgang der Bevölkerung setzte in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg ein, als die Bevölkerung bis zum Jahre 1923 auf 1798 zurückging. Der Aufschwung seit 1880 ist mit der großen Bedeutung und dem Aufschwung der Stickereiindustrie zu erklären und den Vergrößerungen in der Textilindustrie ab 1890. Die Stickerei konnte sich vom Rückschlag des Weltkrieges nicht mehr erholen, und durch diesen bedeutenden Verlust eines der wichtigsten Erwerbszweige der Gemeinde, kam es zu einer Abwanderung der Bevölkerung und sogar zu einer Auswanderungswelle vieler Wolfurter nach Amerika. Durchschnittliche Anzahl pro Haushalt: 4,9 Personen Diese Zahlen zeigen, daß 1839 eher die Kleinhaushalte dominierten. Eine Durchschnittszahl von 4,9 Personen pro Haushalt und die Tatsache, daß Haushalte mit bis zu 5 Personen mit 59,6 % am stärksten vertreten waren, zeigt die Dominanz des Kleinhaushaltes. Aber auch noch Haushalte mit 6 bis 7 Personen waren in Wolfurt recht stark vertreten, während Großfamilien mit 10 Personen selten waren. Leider gibt es für das 19. Jahrhundert keine weiteren derartigen Haushaltsverzeichnisse mehr, die über die Haushaltsformen in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts Auskunft geben könnten. Im Jahre 1839 waren von 241 gezählten Häusern lediglich 18 Häuser mit 2 Familien-Haushalten besetzt. II 2. Haushaltsstrukturen 1839 Aus dem Jahre 1839 hat sich ein Bevölkerungsverzeichnis mit Angabe der Familiengröße erhalten, das Aufschlüsse über die Haushaltsstrukturen und auf Familienstrukturen gibt. II 3 Vermögensstruktur Mit den im Gemeindearchiv befindlichen Vermögenssteuerverzeichnissen der Jahre 1785, 1797, 1846 und 1850 ist es möglich einen Einblick in die Vermögensstruktur der Gemeinde, den sozialen Aufbau und in die sehr bedeutende Verschuldung zu gewinnen. Diese Steuerbücher bestehen aus dem geschätzten Vermögen (Haus, Grund, Fahrnis und Kapital), den Schulden, wobei der Kreditgeber meistens genannt wurde, und, nach Abzug der Schulden von der Schätzsumme, das tatsächlich zur Verfügung stehende Vermögen, das zur Besteuerung herangezogen wurde. Um einen Eindruck von der Verschuldung zu erhalten, werden in den folgenden Tabellen das geschätzte und das versteuerte Vermögen dargestellt. 15 14 Kategorie in Gulden % % % % Versteuertes Vermögen % % % % 1785 1797 1846 1850 0- 500 500-1000 1000-1500 1501-2000 2001-2500 2502-3000 3000-3500 3501-4000 4001-4500 4501-5000 5001-5500 darüber 15,2 42,6 22,9 8,9 3,2 1,2 1,9 1,2 0,6 0,6 1,2 6,2 22,9 31,6 18,6 6,2 6,2 1,8 1,2 1,2 0,6 0,6 3,1 4,5 18,0 24,5 17,2 9,8 7,3 7,3 3,3 1,6 2,5 1,3 2,5 5,1 7,8 11,3 17,0 14,9 7,2 6,2 10,8 5,6 5,2 2,5 6,18 0- 500 500-1000 1000-1500 1501-2000 2001-2500 2502-3000 3000-3500 3501-4000 4001-4500 4501-5000 5001-5500 darüber kein Vermögen nur minus Schulden 1785 1797 1846 1850 47,7 21,6 13,3 3,8 0,6 1,9 1,2 0,6 0,6 8,2 29,2 32,2 12,5 4,7 5,0 1,8 1,3 0,6 0,6 0,6 3,1 10,1 20,0 13,1 13,1 8,2 3,7 3,3 2,9 2,1 0,4 0,4 0,4 2,5 29,9 26,8 12,9 12,4 6,2 11,3 6,7 6,7 3,6 1,1 2,6 1,03 8.2 Bei einer Gegenüberstellung der beiden Tabellen ist sichtbar, daß die Schulden der Bevölkerung den Vermögensstand von den mittleren Steuerklassen auf die Klasse bis 1000 Gulden drückte. Sehr viel deutlicher kann folgende Tabelle über die Verschuldung Auskunft geben. Schulden - Fälle: in Gulden keine 0- 100 101- 200 201- 300 301- 400 401- 500 501- 600 601- 700 701- 800 801- 900 901-1000 1001-1100 1101-1200 1201-1300 1301-1400 1401-1500 1501-1600 1601-1700 1701-1800 1801-1900 1901-2000 2001-2100 2101-2210 2201-2300 2301-2400 2401-2500 2501-2600 2601-2700 2701-2800 2801-2900 2901-3000 darüber Bei genauer Betrachtung der Tabelle fällt die Verschiebung im Bereich des geschätzten Vermögens vom Jahre 1785 bis 1797 auf. Es fand scheinbar eine Verbesserung der finanziellen Lage statt, da sich im Bereich zwischen 1000 und 3000 Gulden mehr Vermögenswerte befinden. Diese Verschiebung ist jedoch mit der damals stattgefundenen Riedteilung zu erklären, die jedem Gemeindebürger eine Wiese im Ried einbrachte und einen Vermögenszuwachs bedeutete. Bei einem Vergleich mit der Rubrik versteuertes Vermögen, ist an diesen Tabellen auch die Wirtschaftskrise in den vierziger Jahren des letzten Jahrhunderts zu erkennen, die in Vorarlberg Arbeitslosigkeit und Verarmung mit sich brachte. Die Anzahl der vermögenslosen, völlig überschuldeten Haushaltsvorstände in Wolfurt stieg in diesem Jahr immerhin auf knapp 30 %, während diese Quote in den anderen Jahren sich bis 8 % bewegte. Auffallend ist auch der Rückgang der Steuerzahler von 244 im Jahre 1846 auf 194 im Jahre 1850. Anhand der Tabellen kann gezeigt werden, daß sich der größte Teil der Bevölkerung in den untersten und in den mittleren Steuerklassen befand und nur ein sehr kleiner Bevölkerungsteil in den höheren Steuerklassen, die in der Regel schuldenfrei waren und sogar noch über bedeutendes Kapital und über Zinsbriefe verfügten. 16 1785 15 3 18 16 16 28 19 12 7 5 3 2 1 1 2 1 — 1 1 — — — — — — — — — — — 1794 7 7 10 14 11 15 18 13 13 11 7 4 3 2 7 1 1 _ 3 — 2 — — — — 2 — — — — — 1846 2 4 14 13 11 7 11 15 11 14 13 8 11 7 13 16 11 6 6 4 3 7 _ — 2 2 4 _ 2 2 4 1850 3 9 7 9 11 7 10 13 8 7 9 17 15 8 10 8 4 8 9 6 3 9 — — 3 3 2 2 2 1 8 17 Diese Zahlen zeigen, daß es in Wolfurt kaum ein schuldenfreies Haus gab und daß die Schuldenhöhe gerade im 19. Jahrhundert stark anstieg. Die jährlichen Zinszahlungen müssen für die Bevölkerung eine große Belastung dargestellt haben und dürften wohl existenzgefährdend gewesen sein. Interessant ist auch die Angabe der Kreditgeber, die in den Steuerlisten genannt werden. Für das Steuerbuch 1785 wurden folgende Kreditgeber ermittelt. Bei folgenden Institutionen und Personen wurden in 136 Fällen Kredite aufgenommen und damit Schulden gemacht: Kirche Wolfurt in 5 Fällen Kloster Hirschtal 3 Privat 32 Kirche Wolfurt und Kloster Hirschtal 3 Kloster, Kirche, Privat 38 Kirche Wolfurt und Privat 27 Kloster Hirschtal und Privat 9 Unklar 18 Man sieht daraus, daß die meisten Personen bei mehreren Institutionen und Privatpersonen gleichzeitig Geld aufgenommen hatten. Mit diesen Krediten, die von den Klöstern und Kirchen ausgegeben wurden, erhielten diese Institutionen das für den Unterhalt des Pfarrers und der Kirche notwendige Kapital. Die Zinsen für diese Kredite waren mit 4 bis 5 Prozent über Jahrhunderte hinweg konstant. Als Kreditgeber fungierten im Dorf auch die reichen Bauern und Wirte, wie auch die zum Vormund von Waisen bestellten Verwandten, die das Erbe der Waisen damit sicherten, wobei dies unter Aufsicht der Gemeinde geschah. Unter den Privatkreditgebern tauchen im Steuerbuch auch immer wieder Bregenzer Bürger und besonders Wirte auf. In drei Fällen wurde auch die Weber-, Maurer- und Krämerbruderschaft in Bregenz genannt. Die durch die antisemitische Propaganda der Nationalsozialisten als skrupellose Geldverleiher gebrandmarkten Juden wurden nur in einem Fall erwähnt. Ein «Jud Mayer», ohne Ortsbezeichnung, wird neben anderen Privatpersonen und der Kirche Wolfurt in der Reihe der Kreditgeber genannt. Im Steuerbuch von 1794 werden auch die Pfarre Maria Bildstein und das Kloster Mehrerau als Kreditgeber angeführt. Mit der Errichtung der Spinnerei Kennelbach im Jahre 1838 ergab sich für viele Wolfurter eine Arbeitsmöglichkeit in der Fabrik. Doch war das Arbeitskräftepotential der Region Kennelbach-Wolfurt bald erschöpft, sodaß die Fabriksdirektion zur Anwerbung fremder Arbeiter überging und für die Unterbringung dieser Leute sorgen mußte. Nachdem in Kennelbach bald alle Quartiere belegt waren, versuchte die Fabriksleitung die Arbeiter auch in Wolfurter Häusern unterzubringen. Die Bevölkerungsstatistik von 1839 gibt auch über die Verteilung der Fremden in Wolfurter Häusern Auskunft. Von insgesamt 241 Wohnhäusern waren 10 mit Angehörigen anderer österreichischer Kronländer sowie 5 mit Ausländern belegt. Wem diese Häuser gehörten und ob es sich um Mietshäuser handelte, läßt sich heute nicht mehr nachweisen. Nur in einer einzigen Wolfurter Familie waren 6 Fremde als Untermieter gemeldet. Durch die Vergabe von Darlehen an Hauseigentümer in Kennelbach und Wolfurt erhielt die Fabrik zusätzlichen Wohnraum für Arbeiter, da als Bedingung für die Darlehen Arbeiter in das Haus aufgenommen werden mußten. Der Wolfurter Schneidermeister Fr. Eiselt erhielt 1872 von der Spinnerei ein Darlehen und verpflichtete sich, 5 Familien mit 33 Personen aufzunehmen.2 Es handelte sich dabei um die ersten Welschtiroler Arbeiter in der Spinnerei Kennelbach und auch vermutlich um die ersten Welschtiroler in Wolfurt. Die Zahl der italienischen Arbeiter in Wolfurt stieg bis 1910 auf 400 an.3 Neben diesen aus dem Trentino stammenden Arbeitern kamen auch andere Arbeitssuchende nach Wolfurt. In der Monarchie hatten diese Fremden sich nach ihrer Ankunft im Ort auf dem Gemeindeamt zu melden, sich auszuweisen und wurden anschließend in ein Fremdenbuch eingetragen. Im Gemeindearchiv Wolfurt hat sich dieses Fremdenbuch für die Jahre 1872 bis 1890 erhalten und gibt Auskunft über den Namen des Fremden, seine Heimatgemeinde, seinen Beruf, seine Wohnung in Wolfurt, seinen Arbeitsplatz und das Anmelde- und Abreisedatum. Leider wurde dieses Fremdenbuch nicht sehr sorgfältig geführt und nur teilweise das Abreisedatum eingetragen. Trotz dieser Mängel stellt dieses Fremdenbuch einen interessanten Einblick in das Sozialleben des letzten Drittels des 19. Jahrhunderts dar. In der folgenden Tabelle soll ein Überblick über die Herkunft, den Beruf und die Verweildauer der Fremden gegeben werden. Natürlich beschränkten sich die Berufe der Fremden nicht allein auf die in der Tabelle genannten Berufe. Neben den genannten Berufen finden sich noch Näherinnen, die vermutlich «Störarbeit» durchführten, Weber, Säger, und Handelscomis. Die Zahlen dieser Berufe sind aber vergleichsweise gering, sodaß in der Tabelle nur die häufigsten Berufe aufgeführt wurden. Zur Verweildauer muß gesagt werden, daß sich nur für ein Drittel der Eintragungen im Fremdenbuch die Verweildauer eruieren läßt, da das Fremdenbuch sehr schlampig geführt und das Abreisedatum nur sporadisch genannt wurde. Trotzdem kann ein Überblick über die Aufenthaltsdauer der fremden Arbeiter gegeben werden. 19 II. 4 Die «Fremden» im Dorf In Wolfurt waren, wie in den 1832 einsetzenden Bevölkerungsstatistiken zu sehen ist, immer Fremde anwesend, wobei zwischen Ausländern, Bürgern anderer Vorarlberger Gemeinden und Angehörigen anderer Kronländer der Monarchie unterschieden wurde. Die Trennung zwischen Einheimischen und Fremden hatte vor allem rechtliche Gründe, da nach den damaligen Gesetzen im Krankheitsfalle die Heimatgemeinde für die entstehenden Unkosten haften mußte und die jeweilige Wohngemeinde die Fremden im Dorf erfasste und das Heimatrecht nur selten verlieh. 1839 befanden sich im Dorf 57 Fremde, wobei es sich um 15 Ausländer und 42 Angehörige anderer Kronländer oder anderer Vorarlberger Gemeinden handelte.1 18 Herkunft der Fremden 1873—1883 Taglöhner Fabriks- Sticker Dienst- Knecht arbeiter mädchen Handwerker Bauer Herkunft der Fremden 1884—1890 Taglöhner Fabriks- Sticker Dienst- Knecht arbeiter mädchen Handwerker Bauer Aufgliederung Rheintal Rheintal Total 57 Schwarzach 3 Bildstein 10 Buch 8 Lauterach 3 Hard 4 Höchst 9 Lustenau Dornbirn 5 Rieden Langen 2 andere Rheintalgemeinden 13 Vbg. Oberland 4 Vbg. Berggebiet 1 Bregenzerwald 8 Nordtirol 15 Südtirol 1 Welschtirol 43 Italien 5 Schweiz 1 Deutschland 1 Liechtenstein Österreich-Ungarn 55 1 5 2 1 2 15 7 3 3 16 4 2 23 10 2 17 5 10 2 1 6 27 3 15 3 2 4 1 1 22 1 1 1 1 _ 34 6 8 2 1 3 2 2 1 9 8 8 16 6 2 14 5 4 — 5 1 5 2 — — 61 8 14 4 3 1 3 3 7 1 4 13 19 3 31 14 4 3 8 30 11 16 3 6 4 2 — 1 1 5 — — 2 2 8 1 _ Aufgliederung Rheintal Rheintal Schwarzach Bildstein 2 1 Buch Lauterach Hard Höchst 2 Lustenau 3 Dornbirn Rieden Langen andere Rheintalgemeinden 2 Vbg. Oberland 4 Vbg. Berggebiet Bregenzerwald 2 Nordtirol 26 1 Südtirol Welschtirol 90 Italien Schweiz 1 2 Deutschland Liechtenstein Österreich-Ungarn 2 Verweildauer 2 2 1 2 1 7 9 20 12 41 11 22 9 11 3 1 3 15 2 3 3 17 5 25 6 1 2 9 - 2 1 1 2 2 3 6 16 14 1 17 - 2 2 1 1 1 3 2 2 1 2 7 1 1 1 - 2 9 1 1 .2 1 2 3 3 4 5 17 17 3 3 3 39 1 16 2 -. 2 2 1 - (1873-831884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-90 1873-83 1884-901873-8831884-90) Handwerker Taglöhner Fabriksarb. Sticker Dienstknecht Magd 1- 6M. 6-12 M. 1- 2J. 2 - 3J. 3 - 4J. 4 - 5J. 6J. 8J. länger 20 57 23 8 14 4 6 2 1 3 22 10 12 1 3 - 33 8 9 6 2 6 1 1 44 9 14 2 1 2 - 25 11 12 2 3 4 2 2 42 13 17 5 3 3 1 - 5 4 2 2 1 3 1 - 23 7 13 1 - 3 4 1 3 - - 17 10 4 2 1 1 - 27 6 7 1 - 21 Bei näherer Betrachtung der aus dem Fremdenbuch gewonnenen Informationen und Daten können Fabriksarbeiter, Taglöhner und in der Stickerei Beschäftigte als die häufigsten Berufe der Fremden angegeben werden. Die Fabriksarbeiter waren zum größten Teil in der Spinnerei Kennelbach beschäftigt, doch haben die Spulenfabrik Zuppinger und der Mechaniker Josef Anton Dür sowie sein Nachfolger Doppelmayr vielen Fremden Arbeit gegeben. Zuppinger hat einige Facharbeiter aus der Schweiz geholt, und der Mechaniker Dür beschäftigte zahlreiche Eisendreher, Metallarbeiter und Mechaniker. Die Aufenthaltsdauer dieser Fabriksarbeiter, der Textilarbeiter und auch der Metallarbeiter war, wie aus der Tabelle zu ersehen ist, eher kurz. Die Masse der Arbeiter wechselte nach 6 bis 12 Monaten die Arbeitsplätze. Dieses, als Fluktuation bezeichnete Phänomen, ist typisch für die Industriearbeiterschaft des 19. Jahrhunderts. Dieser häufige Wechsel des Arbeitsplatzes ist mit den Arbeitsbedingungen, der schlechten Bezahlung und den schlechten sozialen Verhältnissen zu erklären. Ein ähnliches Phänomen ist auch bei den Taglöhnern zu beobachten, die als ungelernte Arbeiter noch viel stärker den schlechten sozialen Bedingungen ausgesetzt waren. Interessant ist auch die Herkunft der Arbeiter und Taglöhner. Bei den Taglöhnern und Arbeitern ist die Zahl der Welschtiroler, Nordtiroler, Schweizer und Deutschen beachtlich hoch. Bei den Vorarlberger Arbeitern und Taglöhnern stammte ein bedeutender Teil aus den umliegenden Gemeinden, besonders in der Phase 1873—83 aus Bildstein. Auch die Anzahl der aus dem Bregenzerwald stammenden Arbeiter ist recht hoch. Die Stickerei erlebte im Untersuchungszeitraum die Mechanisierung und erste Blüte. Bei einer Betrachtung der Herkunftsorte der in der Stickerei Beschäftigten fällt das Nachbardorf Bildstein als Rekrutierungsschwerpunkt für Sticker und Fädlerinnen auf. Aus Lustenau, dem Zentrum der Vorarlberger Stickerei stammen in der Phase 1884—1890 zahlreiche Stickereiarbeiter. Aus dem Bregenzerwald stammte ebenfalls ein sehr großer Teil der Stickereiarbeiter und wurde in der Phase 1883—90 noch verstärkt. Auch die Stickereiarbeiter blieben nur verhältnismäßig kurze Zeit in Wolfurt. Die in Wolfurt arbeitenden Dienstmägde und Knechte dürften in der Landwirtschaft beschäftigt gewesen sein. Als Herkunftsgebiete können das Rheintal, der Bregenzerwald und in der Phase 1884—1890 Nordtirol angegeben werden. Die Aufenthaltsdauer, besonders der Dienstmägde, war überraschend kurz, wobei in der Phase 1883—1890 die Verweildauer oft auf wenige Wochen und Monate zurückging. Erstaunlich hoch war die Zahl der Handwerker, die durch Wolfurt zogen, hier sich nach Arbeit umsahen und in der Regel nur kurz im Dorf blieben. Die Handwerksgesellen erhielten bis 1878 von der Gemeinde ein Dorfgeschenk, das als Unterstützungsgeld gedacht war und aus dem Armenfonds bezahlt wurde. Dieses Dorfgeschenk wurde aber von der Gemeinde eingestellt, da es sich um eine freiwillige Spende handelte und gesetzlich nicht festgelegt war.4 Die Herkunftsorte der Handwerker waren schwerpunktmäßig im Rheintal wiederum Bildstein, Schwarzach und Dornbirn. 22 Sehr viele Handwerker stammten aus dem Bregenzerwald, Nordtirol und auffallend viele der durchziehenden Handwerker aus Deutschland. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß die Nachbargemeinden Wolfurts, darunter besonders Bildstein, die häufigsten Herkunfsorte der nach Wolfurt kommenden Fremden waren. Besondere Bedeutung hatten auch die als Taglöhner und Fabriksarbeiter bezeichneten Welschtiroler, und auffallend hoch ist auch der Anteil von Arbeitern und Handwerkern aus der Schweiz und Deutschland. Der Gemeindeausschuß verhielt sich insgesamt eher ablehnend gegen die fremden Arbeiter. Die Gemeindeprotokolle enthalten einige interessante Stellungnahmen des Gemeindeausschusses zur Behandlung der Fremden im Dorf. In der Bekanntmachung 71 von 1860 wurde beispielsweise den Fabriksarbeitern verboten an der Ache Büsche abzuschneiden und abzuholzen, da diese Büsche für die Wuhrungen eine Bedeutung hatten.5 Als in den 80-er und 90-er Jahren des 19. Jahrhunderts die Zahl der Welschtiroler Arbeiter enorm zugenommen hatte und ständig weiter wuchs, dürfte es zu einer Ablehnung dieser rasch wachsenden Bevölkerungsgruppe im Dorf gekommen sein. An zwei Stellen des Gemeindeprotokolls sind Hinweise auf diese Ablehnung zu finden. 1897 interpellierte das Ausschußmitglied Wendelin Rädler in einer Ausschußsitzung, daß den italienischen Arbeitern das unbefugte Holzsammeln in den Wolfurter Wäldern verboten werde und der Gemeindediener für die Ergreifung eines jeden Holzdiebes eine Prämie erhalten solle.6 Als 1899 ein Ansuchen für eine Gasthauskonzession gestellt und im Ausschuß beraten wurde, kam es nach einer Diskussion zur Ablehnung und folgender Bemerkung im Protokoll: «... es ist zu befürchten, daß es ein Tummelplatz der italienischen Elemente geben würde und die hiesige Bevölkerung dieses Gasthaus als unbehaglich empfinden wird .. .»7 Fremde wurden nur nach bestimmten Kriterien in den Gemeindeverband aufgenommen. In einem Gemeindebeschluß von 1853 wurde festgelegt, daß Quartiergeber für fremde Einzelpersonen und Familien 48 Kreuzer bzw. 2 Gulden in die Amtskasse zu zahlen hatten und daß Fremde, die in Wolfurt ein Anwesen kaufen wollten, für das Bürgerrecht als Mann 75 Gulden und als Frau 25 Gulden zu zahlen hatten.8 Mit der Veränderung der Heimatverbandgesetze im Jahre 1896, Reichsgesetzblatt Nr. 222 von 1896, wurde die Aufnahme in den Bürgerverband nach 10-jähriger Anwesenheit in der Gemeinde erleichtert. Die erste Aufnahme in den Bürgerverband auf Grund dieser Gesetzesänderung fand in Wolfurt im Jahre 1901 statt.9 Es wurden 32 fremde Familien, die sich seit 10 Jahren in der Gemeinde aufgehalten hatten, in den Heimatverband von Wolfurt aufgenommen, wobei aber nur von 9 Familien die Herkunftsorte bekannt sind. Es waren 4 Familien aus Bildstein, je 1 Familie aus Buch, Lauterach, Schwarzach, Hohenems und aus Kaltern. 1902 erfolgten nur 4 Aufnahmen, wobei 3 Familien ursprünglich aus Bildstein stammten. Die Aufnahmen von 1903 sehen sehr ähnlich aus, da 3 Familien und ein Lediger aus Buch, 3 nach Lauterach und je 1 nach Lustenau und Bildstein zuständig waren. Von diesen aufgenommenen Familien waren 4 in der 23 Stickerei tätig. Die Berufsstruktur und Herkunft von 1904 sieht etwas differenzierter aus. Von den 5 Familien stammten 3 aus Lustenau und 2 aus Alberschwende, wobei es sich um eine Sticker-, eine Fabriksarbeiter- und eine Taglöhnerfamilie handelte. Die meisten der neu in den Heimatverband aufgenommenen Familien stammten also aus Nachbargemeinden, wobei der größte Teil aus Bildstein stammte. Leider ist nur von einem Bruchteil der Familien der Beruf des Familienvorstandes bekannt, doch ist aus den wenigen Informationen die Bedeutung der Stickerei als Erwerbszweig zu ersehen. Aus dem Wolfurter Heimatverband schieden 1901 7 Wolfurter aus, wovon je 4 in den Gemeindeverband von Hörbranz, je eine in Lauterach, Feldkirch und Rieden aufgenommen wurden. 3 der Familienvorstände waren Handwerker, einer war Krämer und einer Taglöhner. Es ist anzunehmen, daß diese Personen während ihrer Berufsausbildung in die genannten Orte kamen und dort im erlernten Handwerksberuf sich niederließen. II.6 Die Fabriksarbeiter im Dorf Mit der 1838 gegründeten Spinnerei Kennelbach bot sich vielen Wolfurtern eine neue Arbeitsmöglichkeit. Über die soziale Stellung dieser «Fabrikler» in einem reinen Bauerndorf gibt es nur wenige Hinweise. Über das Selbstverständnis der Fabriksarbeiter sind uns aus dem ersten Bestandsjahr der Fabrik und der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwei Quellentexte erhalten geblieben. 1839 suchte ein junger Arbeiter bei der Gemeinde um die Heiratsbewilligung an.1 Er schreibt darin, daß er monatlich 30 Gulden verdiene und «glaube, daß die Beschäftigung als Spinner bei einem soliden Gemeindebürger mehr Sicherheit auf gutem und bleibendem Verdienst, besonders in Kennelbach bei den so eben erst gegründeten Fabriksentablisment bietet, als jedes bürgerliche Gewerbe und Beschäftigung . . .» Ob der junge Arbeiter daraufhin die Heiratsgenehmigung erhielt, ist nicht bekannt, doch zeigt sich in einem Brief, daß der garantierte, wenn auch schmale Verdienst,eine Bedeutung für das Selbstverständnis der Arbeiter hatte. Ferdinand Schneider, der fleißige Wolfurter Chronist, war selbst Arbeiter in Kennelbach und er hat in seiner Chronik die hohe Arbeitszeit, die Nachtarbeit und das patriarchalische Verhältnis zwischen dem Arbeiter und dem Fabriksherrn beschrieben. Kritik kommt nur selten in diesen Schilderungen vor, der Fabrikant wird sogar positiv dargestellt, während die Fabriksdirektoren, die Vorarbeiter und Abteilungsleiter scharf kritisiert werden. Über das Dienstende nach 27 Jahren Tätigkeit in der Fabrik schreibt er « . . . es war mir wie man einem eingefangenen Vogel den Käfig öffnete schnell heraus ohne noch einen Schnabel Hanfsamen zu nehmen.. .»2 An einer anderen Stelle seiner Chronik erwähnt er in einem Gedicht über eine Theateraufführung «... nur die armen Fabrikler bleiben fort.. .»3 Obwohl diese Aussagen stark subjektiven Charakter haben, zeigen sie doch, daß vom Selbstverständnis des jungen Arbeiters von 1839 nicht mehr viel übrig blieb und die harte Arbeit im Vordergrund des Denkens stand. Die Anzahl der Wolfurter, die in Kennelbach arbeiteten, ist nur für das Jahr 1871 bekannt. Damals waren neben 34 Kennelbachern 108 Wolfurter in der Spinnerei beschäftigt. Laut der Volkszählung waren also 6,6 % der Einwohner Wolfurts, Fabriksarbeiter in Kennelbach. Es muß aber auch die hohe Anzahl von Wolfurter Fabriksarbeitern bedacht werden, die in anderen Industrieorten in Vorarlberg und in Süddeutschland Arbeit gesucht hatten. Zahlenmäßig können diese Personen nicht erfaßt werden, doch geht aus mehreren Akten im Gemeindearchiv die Abwanderung dieser Arbeiter hervor. Zu den einheimischen Arbeitern kamen die fremden Arbeiter hinzu, die von der Gemeinde nicht gerne gesehen wurden, da sie ja kaum Steuern zu zahlen hatten. Die Gründung des Arbeitervereins wurde 1899 durch das Christlichsoziale Lager initiiert. Dieser eher dem konservativen Lager zugehörige Arbeiterverein bot seinen Mitgliedern Weihnachtsfeiern und Unterhaltung in Form von Tanz und Musik.5 25 II.5 Eheerlaubnis Die Gemeinde hatte auch über Ehegesuche abzustimmen. Der Bräutigam mußte bei der Gemeinde in seinem Ansuchen um die Heiratserlaubnis, seine finanziellen Verhältnisse, seinen Beruf und den Namen sowie die Herkunft seiner Verlobten angeben. Nach Erhalt der Informationen wurde im Gemeindeausschuß über das Ansuchen abgestimmt und diskutiert. Der Zweck dieser heute unvorstellbaren Vorschrift lag in der Angst vor Bettlerehen, die der Armenkasse der Gemeinde zur Last fallen würden. Man versuchte damit die Soziallasten der Gemeinde möglichst niedrig zu halten. Der Gemeindeausschuß scheint bei seinen Verhandlungen über Ehegesuche auch unter einem gewissen Druck von Seite der Bevölkerung gestanden zu sein. Im Gemeindeprotokoll von 1868 befindet sich eine Stelle, in der über den Vorwurf aus der Bevölkerung diskutiert wird, daß der Gemeindeausschuß zu liberal in der Behandlung von Ehegesuchen sei und sich die Zahl der «Bettlerehen» erhöht habe.1 In den Protokollen von 1867 bis 1890 werden 44 Eheansuchen genannt, wobei 28 Ansuchen angenommen und 16 abgelehnt wurden. In der Begründung der Ablehnung wird regelmäßig der Beruf und das mangelnde Vermögen des Bittstellers genannt.2 Auffallend ist bei den abgelehnten Gesuchen die Zahl der in den süddeutschen Industriezonen lebenden Wolfurter Metallarbeiter, die in Deutschland eine Braut gefunden hatten und bei der Gemeinde Wolfurt um die Eheerlaubnis ansuchten. Da mit der Genehmigung auch die Verpflichtung zum Unterhalt dieser in Süddeutschland lebenden Familie entstanden wäre und die Braut in Wolfurt unbekannt war, dürfte die Gemeinde die Erlaubnis nicht erteilt haben. Der Bräutigam konnte aber bei einer Ablehnung sich an die Bezirkshauptmannschaft wenden und dort einen Protest einlegen und erhielt nach längerem Schriftwechsel und mehreren Verhandlungen über die BH die Heiratserlaubnis. 24 II.7 Armenversorgung Über die Anzahl der Armen und das Ausmaß der Armut im 18. und 19. Jahrhundert ist für Wolfurt nichts bekannt, doch haben sich Informationen über die Armenpolitik der Gemeinde und über einige Einzelschicksale erhalten. Die Gemeinde Wolfurt hatte die Möglichkeit, unheilbar Kranke und Arme im Landspital in Bregenz-Rieden unterzubringen. Diese Institution entwickelte sich aus dem seit 1400 bestehenden Siechenhaus in Bregenz. Als dieses im 17. Jahrhundert durch Mißwirtschaft in finanzielle Probleme geriet, erklärten die das Siechenhaus mitfinanzierenden 7 Landgerichte Hofsteig, Lingenau, Alberschwende, Sulzberg, Hofrieden, Simmerberg und Grünenbach den Wunsch nach Errichtung eines eigenen Siechenhauses. Dieses Gebäude wurde 1614 errichtet und blieb bis zum heutigen Tag als Altersheim bestehen.1 Die Gemeinde Wolfurt benützte diese Institution im 19. Jahrhundert zur Unterbringung von Armen und wehrte sich im Jahre 1901, gemeinsam mit anderen Gemeinden, gegen die Auflösung des Landspitals. 1905 wurden über die weitere Zukunft des Landspitals Verhandlungen geführt, wobei die Gemeinden mit eigenen Armenhäusern für eine Auflösung des Landspitals, während die Gemeinden ohne ein eigenes Armenhaus für die Weiterführung dieses Hauses waren.2 Im August wurden diese Verhandlungen mit dem Ergebnis abgeschlossen, daß 13 Gemeinden das Landspital aufkauften und weiterführten.3 Das Armenwesen wurde in Wolfurt im 19. Jahrhundert zweimal organisiert und mit Statuten ausgestattet. 1823 versuchte die Gemeinde, nach vorheriger behördlicher Aufforderung, das Armenwesen zu regulieren und nach den vom Landgericht bzw. dem Kreisamt 1819 erlassenen allgemeinen Verordnungen zu organisieren. Es wurde eine Armenkommission eingerichtet, in der der Pfarrer und Gemeindevertreter waren. Die Gemeinde hatte die Pflicht, für den Unterhalt der Gemeindearmen aufzukommen und die Finanzierung der Armenversorgung zu regeln. Die Finanzierung der Unterstützungsgelder wurde zuerst durch milde Sammlungen in der Gemeinde hereingebracht, und erst bei Finanzierungsproblemen griff man zu einer Umlage, also einem Aufschlag auf die Gemeindesteuern. Weiters wurden Strafgelder, Prozente von Freiwilligen Versteigerungen und die Hundesteuer für die Finanzierung des Armenfonds verwendet. Die Armen hatten ihre Unterstützungsgesuche dem Armenrat vorzutragen, und dieser entschied über die Gewährung und die Höhe der Unterstützungszahlungen.4 Über die Armenpolitik der Gemeinde geben die Sitzungsprotokolle des Gemeindeausschusses hinreichend Auskunft. Es wurden im Rahmen der Armenversorgung den Armen Kleidungsstücke gekauft, ihren Kindern die Ausbildung vorfinanziert, für Kranke Arztkosten und Kuren bezahlt.5 Diese Unterstützungen waren aber von der Gemeinde auf Grund der allgemeinen Verordnung zu leisten. Für unsere Zeit erschreckend und ungemein hart sind aber Einzelschicksale und die Vorgangsweise der Armenkommission. 1867 beriet der Gemeindeausschuß über das 26 weitere Schicksal eines Mannes, der sein Vermögen verloren hatte. Es wurde beschlossen den Versuch zu unternehmen, ihn in der Fabrik unterzubringen und bei Nichtaufnahme in die Fabrik seine Verpflegung in einem Privathaus öffentlich zu versteigern.6 1868 erwarb die Gemeinde an der Ach ein Haus und Grundbesitz für die Einrichtung eines Armenhauses.7 Über dieses Haus, die Aufnahmebedingungen und die internen Verhältnisse sind leider keine Unterlagen vorhanden. 1874 wurde eine neue Armenordnung erlassen und wiederum eine Armenkommission einberufen. Als Einnahmen für den Armenfond fanden Pachtzinse aus den Armengütern, Grundstücke, die dem Armenfonds gehörten, das Armenprozent bei der Gemeindesteuer, Hundesteuern, Kapitalzinsen des Armenfonds, Strafgelder und Zuschüsse aus der Gemeindekasse Verwendung.8 Im selben Jahr adaptierte man auch das alte Schulhaus als Armenhaus.9 Die Versorgung der Armen sah so aus, daß der Arme ein Armenbuch erhielt und bei den einzelnen Häusern im Dorf, an bestimmten Tagen, einen sogenannten «Kosttag» einzuhalten hatte.10 Für die heutige Zeit, die durch Wohlfahrtsgesetze den Armen hilft, scheinen diese Vorgangsweisen unvorstellbar. III. Ausbau der Infrastruktur III.1 Schulen Das erste Schulhaus wurde 1778 im Strohdorf errichtet. Während des 19. Jahrhunderts stieg die Anzahl der Schüler in Wolfurt ständig, sodaß sich die Gemeinde veranlaßt sah, die*Zahl der Lehrer zu erhöhen und die Schulbauten zu vergrößern bzw. einen Neubau zu erstellen. 1834 waren in Wolfurt drei Lehrer angestellt, die aber keine fixe Anstellung hatten.1 Man entschloß sich dann aber zu einem festen Vertragsverhältnis mit folgender Begründung: «... daß man hoffen durfte daß das Schulwesen in einigen Gegenständen besser empor kommen und die Obliegenheit der bestätigten Lehrer mit großem Eifer und Eindruck bewirkt werden sollte ...» Die Lehrer waren in drei Gehaltsklassen eingeteilt und neben dem normalen Unterricht zur Abhaltung einer Wiederholungsschule am Sonntag und zum Vorbeten in der Kirche verpflichtet. Sie erhielten im Schulhaus eine Dienstwohnung und waren dem Schulausschuß der Gemeinde verpflichtet. Die Bezahlung der Lehrer wurde bis 1814 mit den Mitteln des Bruderschaftsgeldes bestritten, wobei das Bregenzer Rentamt dieses Geld ausbezahlte. Wie aus dem Akt des Jahres 1877 klar hervorgeht, war die Gemeinde wegen des Fehlens eines Schulfonds zur Zahlung der Lehrergehälter verpflichtet. Das Lehrergehalt und die Unterhaltskosten für die 3 Schulklassen bedeuteten für das Budget der Gemeinde eine Belastung, und als 1867 das Lehrergehalt gesetzlich erhöht wurde, sah sich die Gemeinde gezwungen, das Legat des 27 Pfarrers Hiller bzw. die Zinsen dieses Legats, zur Finanzierung der Mehrkosten heranzuziehen.2 Seit 1874 setzte man Barmherzige Schwestern als Lehrerinnen ein.3 Ein Bericht des Gemeindeausschusses von 1874 gibt Einblick in die damals verwendeten Schulrequisiten. Es wurden Landkarten Österreichs, Palästinas, Tier- und Pflanzenbilder, Haushaltskundewandkarten, eine Wandkarte des metrischen Systems, ein Kompaß und Meterstab angeschafft.4 1870/71 wurde ein neues Schulhaus geplant und errichtet.5 Es war für 220 bis 240 Schüler geplant, und das alte Schulhaus fand als Armenhaus und Turnsaal für Sportler Verwendung.6 Trotz der großzügigen Planung klagte man 1891 bereits über die erhöhte Schülerzahl und die Raumnot.7 1899 diskutierte der Gemeindeausschuß das Schulproblem und erklärte, daß im Schulhaus kein Zimmer mehr frei wäre. Als Ursache für diese Raumnot und Erhöhung der Schülerzahl wurde folgendes protokolliert: «. . . die Schullast die Gemeinde schwer drückte, in dem die Fabriken in Kennelbach eine große Anzahl Arbeiterfamilien und Schüler bringe...» Weiters wurde erklärt, daß diese Arbeiterfamilien für die Gemeinde auch keine Einnahmequelle bedeuteten, da sie ja kaum Steuern zu zahlen hatten.8 Zu den öffentlichen Pflichtschulen kam die im ersten Aufsatz bereits erwähnte Gewerbliche Fortbildungsschule, die man während der Wintermonate abhielt. selbst erhalten und gepflegt.3 Bis zum Bau dieser Straße bildete der Oberfeldweg die einzige Verbindung von Kennelbach nach Wolfurt. Auch über den Zustand der Ippachstraße finden sich Klagen.4 Diese Straße wurde von den Gemeinden Wolfurt, Hard und Lauterach gemeinsam erhalten, doch stellte ein Bericht vom Jahre 1863 fest, daß der Zustand der Straße sehr schlecht und ein Durchkommen auf ihn kaum mehr möglich sei. Der schlechte Straßenzustand wurde auch in Zeitungsartikeln beanstandet.5 1881 hatte die Gemeinde für die Erhaltung ihrer Straßen 2 Straßenmeister und 2 Wegmacher angestellt. Der Straßenbau und die Straßenerhaltung wurden auch als Arbeitsplatzbeschaffungsmöglichkeit für Arme betrachtet.6 In einer Gemeindeausschußsitzung des Jahres 1882 beschloß man die Armen im Dorf, sofern sie arbeitsfähig waren, in der Straßenpflege einzusetzen. Das System der Schotterung der Straßen blieb bis in das 20. Jahrhundert üblich, und erst mit der Asphaltierung der Oberen Straße im Jahre 1931 änderte und modernisierte sich der Straßenbau. III. 3 Brücken Die Gemeinde hatte für die Instandhaltung der Brücken im Gebiet Wolfurts zu sorgen. Im Ausgabebuch der Gemeinde aus dem Jahre 1816 wurden die Instandhaltungskosten der 18 «Bruggen» auf den Wolfurter Straßen als Ausgabeposten genannt. Die Gemeinde war auch für die Brücke über den Rickenbach verantwortlich, die als Verbindung in das Weitried diente. Vor der Brücke hatte sich nur ein Fußsteg an dieser Stelle befunden, und da sich im Weitried auch der größte Teil des Gemeindegrundbesitzes befand, war die Gemeinde nach einem bestimmten Aufteilungsschlüssel zur teilweisen Finanzierung der Reparaturkosten verpflichtet. Eine Verbindung mit Kennelbach existierte anfänglich nur in einer Fähre, die aber nach einem Unglück durch eine von der Spinnerei Kennelbach errichtete Holzbrücke ersetzt wurde. 1839 gab die Spinnerei den Bau der siebenjöchigen Holzbrücke in Auftrag. Diese Brücke war eine Mautbrücke, die nur für die Arbeiter gratis zu passieren war. Da diese Brücke den einzigen Übergang über die Bregenzerach oberhalb von Rieden darstellte, hatte sie für die ganze Region eine besondere Bedeutung. Erst mit dem Bau der Wälderbahn wurde die Frage eines Brückenneubaus in der Nähe des geplanten Bahnhofs interessant. In Wolfurt kam es zur Gründung eines Komitees «betreffs Verbindung mit der Bregenzerwälderbahn», das zur Aufgabe hatte «dahin zu sorgen, daß bei Ausführung des bestehenden Projekts der Bahnhof in tunlichster Nähe des Weilers Ach zu stehen kommt.»3 Dieses Komitee reichte nach zweijähriger Tätigkeit im Jahre 1897 ein Offert für eine Brücke und eine Petition an den Landtag ein. Als Hauptinitiator des Brückenbaus kann Wendelin Rädler genannt werden, der 1899 einen Plan und Kostenvoranschlag für eine hölzerne Brücke vorlegte und ein Jahr später im Gemeindeausschuß eine Petition verlesen ließ, in der er den Brückenbau gemeinsam mit Kennelbach vorschlug.4 Bei wei29 III.2 Straßen Mathias Schneider, Feldvermesser aus Wolfurt, hat in seiner Chronik auch über die Straßenabmessungen in Wolfurt im Jahre 1805 berichtet. Er schrieb, daß die Hauptstraße im ganzen Gericht Hofsteig 12 332 Klafter umfasse, wobei auf Wolfurt alleine 3 333 Klafter entfallen. Die Länge der Seitenstraßen im Gericht Hofsteig, gab er mit 6 794 Klafter an (11549,8 m), wobei die Seitenstraßen in Wolfurt 2 075 Klafter Länge (3 527,5 m) hatten. Schneider vermerkte weiter, daß es in Wolfurt noch besondere Nebenstraßen gebe, wie die Straße in die Berg, auf das Oberfeld, die Straße unter den Linden, im Strohdorf, an der Hub, Rutzenberg und Kellen. Alle diese Straßen waren lediglich geschottert, und die Straßenpflege bestand in der periodischen Neuschotterung, wobei die Gemeinde bis 1880 diese Arbeiten nicht durch eigene Arbeiter durchführen ließ, sondern die Arbeit an Bestbietende auf dem Versteigerungsweg vergab.1 In den verschiedensten Quellen finden sich immer wieder Klagen über die Beschaffenheit der Wolfurter Straßen. 1859 beschwerte sich die Direktion der Spinnerei Kennelbach über den schmutzigen und schlechten Zustand des Oberfeldweges und verlangte dessen Schotterung, da diese Straße für viele Arbeiter der tägliche Weg zur Spinnerei war.2 Die Spinnerei Kennelbach hat 1846 auf eigene Kosten eine Straße von der alten Kennelbacher Brücke (Obere Brücke bei der Spinnerei), dem Wolfurter Achufer entlang bis zu der Stelle gebaut, an der die Straße von Wolfurt in die Straße nach Lauterach einmündet. Diese Straße wurde von der Spinnerei auch 28 teren Verhandlungen schlug der Bregenzer Baumeister Kraushaar den Bau einer Betonbrücke vor, der nur unwesentlich teurer als eine Holzbrücke war, aber laut Sitzungsprotokoll «dauerhafter und an Eleganz einer Eisenbrücke kaum nachstehend».5 1901 fand in Kennelbach mit Landeshauptmann Rhomberg eine Besprechung statt, bei der die Errichtung einer «Concurrenz» für den Brückenbau beschlossen wurde.6 Der St. Galler Baumeister Westermann legte 1902 ein Offert für eine Betonbrücke «System Henebique» vor und nannte als Bausumme 447 000 Kronen. Ein Vertrag mit dieser Schweizer Firma wurde erst im September 1903 unterzeichnet und eine vertragliche Garantie für Hochwasserfestigkeit über 10 Jahre gegeben.7 Für die Finanzierung des Brückenbaus holte man auf Antrag Rädlers beim Landesausschuß die Bewilligung für eine Darlehensaufnahme von 33 000 Kronen mit 21-jähriger Amortisation ein. Im Juni 1904, nach einjähriger Bauzeit, wurde die Brücke dem Verkehr übergeben.8 III. 5 Entwässerung und Wasserversorgung Ein großer Teil des Gemeindegebietes von Wolfurt liegt im Ried, das ursprünglich aus Feuchtwiesen bestand und durch Entwässerung zumindest teilweise trockengelegt wurde. Bei der Riedteilung im Jahre 1792 legte die Behörde das Problem der Entwässerung und des Hochwasserschutzes vertraglich fest.1 Die Gemeinde wurde verpflichtet, den Rickenbach zu verwuhren, und die Grundbesitzer hatten jährlich die Abzugsgräben zu öffnen und von Stauden zu befreien. Diese Gräben kontrollierte jährlich zwischen dem 18. und 25. Mai ein Abgeordneter des Gemeindeausschusses, und bei nicht durchgeführter Öffnung der Wasserabzugsgräben wurde von der Gemeinde, auf Kosten des Grundbesitzers, der Graben geöffnet. Der Gemeindeausschuß hat auch jährlich durch Verlautbarung die Öffnung der Gräben angeordnet. Eine moderne wasserbautechnische Lösung der Rickenbachverbauung wurde erst um die Jahrhundertwende möglich, als in Vorarlberg im Zuge der Rheinregulierung auch der Plan einer Binnenwasserregulierung entstand. 1901 wandte sich die Gemeinde wegen der Regulierung des Rickenbachs an das Land und konnte eine Aufnahme in das Regulierungsprogramm erreichen.2 Nach einer Begehung des Rickenbachs mit Ingenieuren, machte man noch 1901 Pläne für eine Uferverbesserung. Die weitere Planung zog sich aber dahin, sodaß man erst 1906 ein Elaborat über die Regulierung des Rickenbachs und der Dornbirnerach im Gemeindeausschuß beraten konnte.3 Die Trinkwasserversorgung spielte sich im 19. Jahrhundert auf der Basis der Brunnenversorgung ab und konnte mit der enormen Bevölkerungsentwicklung und der dadurch bedingten erhöhten Nachfrage nach Trinkwasser nicht mehr Schritt halten. In einem Zeitungsartikel von 1893 wird über das schlechte Trinkwasser in Wolfurt geklagt.4 Im Kirchdorf befand sich der Dorfbrunnen, der oft kein Wasser führte und bei Regen getrübtes Wasser hatte. Wegen dieser unhaltbaren Zustände kam es im «Rössle» zu einer Versammlung der Brunnengenossenschaft, welche die Suche nach einer neuen Quelle für die allgemeine Wasserversorgung beschloß. Im Zeitungsartikel wird der durch die Industrie hervorgerufene Bevölkerungszuwachs als Grund für die Wasserprobleme genannt. 1907 wurde in Rickenbach eine Hochdruckwasserleitung für Trink- und Nutzwasser geplant und vom Gemeindeausschuß genehmigt.5 Ein weiterer Bereich der Gemeindeaufgaben waren die Wuhranlagen an der Bregenzerach. Seit 1833 versuchte man, das viele Hektar umfassende Überschwemmungsgebiet der Bregenzerach urbar zu machen. Über viele Jahre wurde der Flußlauf der Bregenzerach reguliert und konnten die entstehenden Inselgründe an der Ach als landwirtschaftlichen Grund genutzt werden. Dieser Grund war Gemeindebesitz und von der Gemeinde an Wolfurter Bauern verpachtet.6 III. 4 Straßenbahn Kennelbach-Dornbirn Die Gemeinde Dornbirn war in den sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts beim Bau der Bodenseegürtelbahn übergangen worden und versuchte daher krampfhaft, eine Verbindung mit den verschiedenen Eisenbahnlinien zu erhalten. Dornbirn hatte sich beim Bau der Bodenseegürtelbahn eine Verbindung BregenzDornbirn-Schweiz vorgestellt, um damit eine direkte Verbindung in die für die Textilindustrie bedeutende Schweiz zu erhalten. Besonders mit der Blüte der Stickerei machte sich das Fehlen einer direkten Bahnverbindung in die Schweiz bemerkbar. Aus diesen Gründen wurde die Idee einer Straßenbahn Dornbirn-LustenauSchweiz geboren.1 Als der Bau der Wälderbahn beschlossen wurde, bemühte sich Dornbirn


Heimat Wolfurt Heft 15 1995 März
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 15 Zeitschrift des Heimatkundekreises März 1995 Wolfurter Ordensschwestern 1989. Vorne Sr. Angelika Gunz, Sr. Auxilia Devich, Sr. Anna Moosbrugger und Sr. Clarina Mittelberger. Dahinter Sr. Karla Thaler, Sr. Josefa Maria Hager, Sr. Regina Pichler, Sr. Isabella Schedler und Sr. Christiana Lipburger. Inhalt: 71. 72. 73. 74. Die Krankenschwestern Hausnamen Bier für St.Louis (Auswanderer 5) Vornamen Zuschriften und Ergänzungen Bildnachweis 2 Sr.Leonis Maurer, 2 Alfons Kalb, 1 Meinrad Pichler, alle anderen sind Fotos oder Reproduktionen von Hubert Mohr aus der Sammlung Heim Druckfehler In Heft 14 sind wieder zwei Jahreszahlen falsch. Aufmerksame Leser haben das sicher bemerkt: Seite 4: Johann Michael Beer I. von Bildstein wurde 1696 in Au geboren. Seite 20: Die Lauteracher Eisenbahnbrücke wurde am 30. Juni 1872 in Betrieb genommen.—Bitte ausbessern ! Auch im neuen Wolfurtbuch „Ein Dorf verändert sich" wurden bereits zwei Fehler entdeckt: Bild 238, Text im Anhang, letzte Zeile: Der Zimmermannsgeselle bei Sammüllers Eduard hieß nicht Moosbrugger, sondern Muxel Leonhard. Bild 77: Hier wurde ein fremdes Bild eingeschoben. Das war nicht der alte Altar von Rickenbach, sondern der von Farnach. Wir bitten um Entschuldigung! Danke! Den dem letzten Heft beigelegten Erlagschein haben die meisten Bezieher unserer Zeitschrift wieder genutzt. Andere werden das noch tun: Konto 87 957 Raiba Wolfurt. Einige sehr namhafte Beträge sind eine Bestätigung für die Wertschätzung unserer volkskundlichen Arbeit. Allen sagen wir herzlichen Dank ! Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1995 wieder durch Frau Carmen Haderer vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Die Gemeinde trägt ja dankenswerterweise den Abgang. Abbestellen - Bestellen Sollte jemand kein Interesse am weiteren Empfang der Hefte haben, so bitte ich um telefonische Information. Für den Papierkorb sind uns die Büchlein zu schade. Es besteht übrigens immer wieder Nachfrage nach den vergriffenen alten Heften, besonders nach den Nummern 1 bis 5. Kann sie jemand abgeben? Auch Neubestellungen nehmen wir gerne an. Wir schicken „Heimat Wolfurt" ja nicht als Postwurfsendung, aber doch an alle, die die Zusendung wünschen. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, 6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, 6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Foto Satz, 6922 Wolfurt Druck: Adolf Lohs Ges.m.b.H., 6922 Wolfurt Stammvater Fischer (Heft 14, S. 1): Immer noch zeigen sich Fischer-Nachkommen überrascht darüber, daß ihr Stammvater in Wolfurt ein Pfarrer gewesen ist. Sebastian Fischer findet sich aber nicht nur in den Ahnentafeln der Fischer, sondern genau so bei Heims, Hintereggers, Höfles, Mohrs und noch bei vielen anderen Familien. Fußball und Liebe (Heft 14, S. 2): Der erste FC-Tormann im Jahre 1947 sei Doppelmayrs Arthur gewesen. Das berichten übereinstimmend einige alte Fußballer. Wegen seines Studiums stand er allerdings nicht immer zur Verfügung. Arthur war aber auch Leichtathlet und stellt noch heute bei den Turnern und auf dem Tennisplatz seinen Mann. Ein Hauch Barock (Heft 14, S. 3): Der Bericht über den Baumeister Johann Michael Beer I. von Bildstein hat besonders Pfarrer Hinteregger und Bürgermeister Lenz gefreut. Letzterer hat darüber sogar in der Gemeindevertretung berichtet. Die Bildsteiner suchen nun nach einer Möglichkeit, das Andenken an ihren wohl berühmtesten Bürger zu festigen. Die Ach und die Ächler (Heft 14, S. 9): Wegen dieses Artikels ist eine ganze Reihe von Nachbestellungen eingetroffen. Altbürgermeister Emil Geiger erkannte auch die beiden Männer auf dem Bild Seite 35: Hinten links von Schertlers Alfred Zwickles Johann, rechts Österles Pepe. Aus Bregenz schickte Walter Präg einen umfangreichen und interessanten Fachbeitrag. Er nimmt Bezug darauf, daß die Ach bis ins Mittelalter einfach die „bregez" hieß. Der gleiche Flurname findet sich bei anderen Gewässern am Tannberg, im Schwarzwassergebiet und in Unterdamüls. Zum selben keltischen Stammwort gehören auch „Brigach" und „Breg", die Quellflüsse der Donau. Demnach hat nicht die Stadt Bregenz dem Fluß den Namen gegeben, sondern umgekehrt ist der Flußname auf die keltische Siedlung auf seiner Uferterrasse übertragen worden. Wolfurter Alpbesitzungen (Heft 14, S. 48): Hierher paßt als Ergänzung ein Beitrag, den der aus Wolfurt stammende Historiker Christoph Volaucnik in der Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte von 1917 für uns ausfindig gemacht hat. Dort wird aus dem Hofener Urbar von 1620 berichtet, daß das Kloster Hofen (im heutigen Friedrichshafen) um 600 Gulden in Wolfurt einen Besitz erworben hat. ,Es ist dies Haus, Hof, Stadel, Kraut- und Baumgarten samt ganzer Ehäfti an der Huob zu Wolfurt, unweit Bregenz schon jenseits der ersten Brücke über die Ach gelegen, das, wie es ausdrücklich in dem Aufschrieb heißt, um deswillen gekauft wurde, damit das Hofische Vieh, wenn es in und aus den Alpen getrieben wird, eine gewisse Herberg und Weid habe." Solch mehrtägige Viehtriebe mit Rastplätzen kennt man heute noch vom Wöster-Vieh im Bregenzerwald. In Wolfurt erinnern sich ältere Leute noch an den jährlichen großen Auf1 trieb von Lochau über Wolfurt nach Sibratsgfäll, den das tiefe Dröhnen der Rumpeln, das Jauchzen der Hirten und der Ruf „Do Stadlar kut!" schon lange vorher ankündigten. Ahnenforscher aus der Fremde - Auswanderer. Wieder sind verschiedene Gruppen von Leuten aufgetaucht, um in Wolfurt nach ihren Ahnen zu fragen. Zuerst kamen in den ersten Juni-Tagen 1994 fünf Geschwister Pfersich aus Osterfeld in der ehemaligen DDR. Ein Leben lang hatte ihnen ihr Vater, der dort als Bergmann unter Tage arbeiten mußte, von seiner sonnigen Heimat Wolfurt erzählt. Wilhelm Pfersich, Jahrgang 1901, war in Schertler Lenas Haus an der Flotzbachstraße aufgewachsen und hatte Wolfurt 1925 verlassen. Leider erlebte er die Wende in Ostdeutschland nicht mehr. Umso begeisterter äußerten sich seine Kinder über unser schönes Land, schauten vom Gebhardsberg und vom Pfänder ins Tal, besuchten die Bürgermeister von Wolfurt und Bildstein und blätterten in den alten Kirchenbüchern. Erstaunt zeigten sie sich, aus beengten Industriewohnungen kommend, daß zur Zeit die beiden schönen alten Bauernhäuser, in denen einst ihr Großvater gewohnt hatte, praktisch leer stehen: Sattler Köbs auf der Steig und Schertler Lenas im Flotzbach. Ganz überraschend tauchte dann im Oktober aus Oberösterreich ein weiterer Sohn des Wilhelm Pfersich auf, der nach seinem Vater fragte und erst bei uns die Adressen seiner fünf Stiefgeschwister fand. Zu Weihnachten hat er zum ersten Mal mit ihnen gesprochen. Unsere Krankenschwestern 1995: Sr.Paulina und Sr.Barbara Im September kam Scott Brunner aus Green Bay, Wisconsin/USA, um auf den Spuren seines Vetters Wilfred Schneider (Heft 13, S. 38) ebenfalls einige Tage lang seine wiedergefundenen Wolfurter Verwandten und die schönsten Plätze am Steußberg zu besuchen. Übrigens hatten beide eigens zu diesem Zweck ein erstaunlich gutes Deutsch gelernt. Scott schreibt sogar schon seine Briefe in Deutsch. Jetzt kann er auch die noch erhaltenen Grabsteine seiner Auswanderer-Vorfahren in Amerika entziffern. Im Oktober 1994 überraschte uns dann noch das Ehepaar Grobl aus Naperville, Illinois/USA. Luise Grobls Urgroßvater Matthew Schneider ist 1866 aus dem Haus Frickenescherstraße 4 nach Amerika ausgewandert. Als Bauunternehmer kam er zu Besitz und gründete auch eine Blasmusik, die Pinckneyville-Band. Dagegen ist sein begabter Bruder, der Oberschützenmeister und Numerant Ferdinand Schneider, völlig verarmt 1917 daheim in Wolfurt gestorben (Heft 13, S.39). Frau Grobl hat inzwischen u.a. eine Reihe von Liedtexten aus Österreich, die ihr Urgroßvater aufgeschrieben und in der Familienbibel aufbewahrt hatte, zum Übersetzen geschickt. Für sie bedeuten die mit Bleistift bekritzelten Papiere eine wichtige Verbindung zur alten Heimat. Von ihrer riesigen Schneider-Verwandtschaft haben weitere Gruppen ihren baldigen Besuch in Wolfurt angekündigt. Von den vielen Weihnachtsgrüßen, die die Auswanderer an uns alle richteten, möchte ich nur einen aus dem Indianerland Colorado für alle anderen sprechen lassen: May the Great Spirit watch over you as long as the gross grows and the water flows! 2 Siegfried Heim Die Krankenschwestern Still knien die Ordensfrauen beim Gottesdienst in der Wolfurter Kirche St.Nikolaus. In der zweitletzten Bank vor dem Kreuzgang auf der Frauenseite. Andächtig ins Gebet versunken, gebeugt das Haupt, dunkel die schlichte Tracht, ein schmaler weißer Leinenstreifen nur über der Stirn. Dann eilen sie schnell wieder ihre Wege. Sr.Paulina muß zu den Kranken. Sr.Barbara geht heim in die Schwesternwohnung beim Altersheim an der Gartenstraße. Dort führt sie den Haushalt. Sie ist ja mit fast 79 Jahren „im Ruhestand". In St.Leonhard im Pitztal, hoch oben in den Tiroler Bergen, wurde sie 1916 als 15. von 16 Kindern auf einem kleinen Bergbauernhof geboren. Schwere Arbeit gehörte zu ihrer Jugend, besonders als die Brüder in den Krieg eingezogen wurden. Drei sind gefallen, ein vierter beim Heuziehen verunglückt. Erst 1945 konnte Maria Haid ins Kloster in Hall eintreten, wo sie 1947 als Sr.Barbara ihr Gelübde ablegte. Viele Jahre lang hat sie dann in 3 den Sanatorien Innsbruck und Rum gearbeitet. 1991 wurde sie nach Wolfurt gerufen. Wenn Gott es will, kann sie bei uns in zwei Jahren ihre Goldene Profeß feiern. Sr.Paulina (Rosalia) Brem wurde 1932 in Münster, im Tiroler Unterinntal, geboren. Schon 1954 trat sie ins Kloster Hall ein, erhielt dort die Ausbildung zur Diplomkrankenschwester und legte 1959 ihr Gelübde ab. Nun tat sie Dienst an den Krankenhäusern in Hall und in Kufstein und dann in der Hauskrankenpflege in Innsbruck. Schließlich wurde sie als Stationsschwester ins Sanatorium Mehrerau versetzt. Der Schwesternmangel zwang 1992 die Kreuzschwestern zur Aufgabe ihrer dortigen Niederlassung. Jetzt übernahm Sr.Paulina die Hauskrankenpflege in Wolfurt. An ihrem langen Werktag arbeitet sie eng mit dem Pfarrer, den Gemeindeärzten und den Spitälern zusammen. Oft wechselt sie schon früh ab 6 Uhr die ersten Verbände, mißt Fieber und Blutdruck, salbt wunde Rücken und reicht ihren Kranken die vorgeschriebenen Medikamente. Viele einsame Alte brauchen ihren oftmaligen Besuch, neben Pflege auch Zuspruch und Rat oder aber auch ein gemeinsames Gebet. Denn Sr.Paulina sieht ihre Aufgabe in einer ganzheitlichen Pflege, in Heilung für den wunden Leib verbunden mit seelsorglicher Hilfe. Jeden Monat einmal bringt sie über Wunsch sogar die Hl. Kommunion ins Krankenzimmer und immer wieder soll sie den Pfarrer holen. Wenn sie an einem Tag manchmal besonders viele Besuche zu machen hat, leistet ihr das Auto unentbehrliche Dienste. Sie schätzt es aber auch für den Besuch der Gottesdienste, besonders zur Frühmesse bei den Kapuzinern in Bregenz und zu einem kurzen Innehalten in der dortigen Lourdesgrotte. Schnell ist sie dann wieder bei den Kranken, darf vielleicht sogar einen Sterbenden in seiner letzten Stunde begleiten. „Wir sind gerne in Wolfurt", sagt Sr.Paulina. „Ich spüre die Freude der Patienten und daß ich erwartet werde. Da komme ich gern!" Unsere Krankenschwestern! Pflegerinnen, Helferinnen, Trösterinnen. Christen! Kreuzschwestern Unsere Krankenschwestern sind „Barmherzige Schwestern vom heiligen Kreuz" aus dem Provinzhaus Hall in Tirol. Sie nennen sich selbst schlicht „Kreuzschwestern". Ihr Gründer ist der Schweizer Kapuziner und Sozialapostel Pater Theodosius Florentini, 1808 -1865. Der begabte arme Ladiner Bauernbub aus dem Münstertal hinter dem Ofenpaß ließ schon während seines Studiums durch besondere Leistungen aufhorchen und wurde bereits mit 22 Jahren zum Priester geweiht. Bald geriet er in den Schweizer Kulturkampf, wurde von der liberalen Regierung steckbrieflich mit einer Fangprämie von 600 Franken gesucht und schließlich wegen „Aufwieglerei" zu vier Jahren Zuchthaus verurteilt. Große Gebiete derSchweiz waren damals noch außerordentlich arm und rückständig. Erst 1848 wurde die Schulpflicht eingeführt. Die christliche Bildung sah P. Theodosius als seine Hauptaufgabe 4 und begründete deshalb 1844 in Altdorf eine neue Kongregation nach der Regel des Hl.Franziskus von Assisi. Daraus erwuchs unter der ersten Generaloberin Mutter Maria Theresia Scherer der Orden der Kreuzschwestern. Im Jahre 1856 errichteten sie ihr erstes Mutterhaus zu Ingenbohl oberhalb von Brunnen am Vierwaldstätter See. Dort ist seither der Hauptsitz der Kreuzschwestern. Von Anfang an hatte das Kloster eine ungeheure Ausstrahlung. Die Idee von der „Caritas", der tätigen Nächstenliebe, faszinierte viele junge Frauen. Auch aus Wolfurt wählten einige den Weg nach Ingenbohl. Eine davon war Franziska Schwerzler von Toblers in der Bütze, die dort um das Jahr 1900 als Sr. Nivarda eintrat. Anna Maria Bildstein aus dem Röhle ging 1914 als Sr. Gottfrieda in das Kloster Heiligenkreuz in Cham im Kanton Zug. Mutter Maria Theresia Scherer, Mitbegründerin der Kreuzschwestern von Ingenbohl Ungeheuer groß wurde bald der Aufgabenbereich, dem sich die Schwestern stellten: Schulen zuerst und Mädchenheime, dann Fortbildungsschulen und Lehrerbildungsanstalten. Von Anfang an aber auch Armen- und Waisenhäuser, bald auch Krankenhäuser und Lazarette in Kriegen und bei Cholera-Epidemien. Ihre ganz besondere Fürsorge schenkten die Kreuzschwestern aber den allerärmsten Mitmenschen in Taubstummenschulen, Heimen für geisteskranke Kinder und in den damals noch so gefürchteten Irrenanstalten. Von allen Seiten rief man nun nach ihnen. Schnell breitete sich der Orden über die Schweiz hinaus besonders in der österreichisch-ungarischen Monarchie bis Böhmen und Kroatien aus. Jede Stadt wollte ihr Spital den Schwestern anvertrauen. Nach Vorarlberg holte sie zuerst 1874 der liberale Bürgermeister Dr. Waibel von Dornbirn. Er war selbst Arzt und übergab nun die 100 Jahre alte und furchtbar verwahrloste Kaserne an der Sägerbrücke den Schwestern, die daraus das spätere Stadtspital formten. 1876 kam der Orden nach Innsbruck. Dort wuchs mit den Aufgaben die Zahl der Schwestern so stark an, daß 1904 eine eigene Ordensprovinz mit über 200 Schwestern errichtet werden konnte. Sie erbauten 1910 für sich ihr neues Provinzhaus in Hall. Von Hall aus wurden nun die großen und kleinen Niederlassungen in den Städten und die zahlreichen Krankenstationen in den Dörfern betreut. Wichtigste Zentren in Vorarlberg 5 ziehung junger Menschen und bei der Pflege von kranken, alten oder von behinderten Hilfsbedürftigen den sich ständig wandelnden Anforderungen. Während sich aber in manchen Provinzen weiterhin zahlreiche junge Frauen in feierlicher Profeß zum Ordensleben bekennen, gehören zur Provinz Hall nur mehr etwas über 200 Kreuzschwestern. Von diesen sind viele schon weit über 6o Jahre alt. Wohl harren sie bewundernswert lange bei ihrer Arbeit aus, aber schließlich müssen sie doch in die Obhut ihrer Mitschwestern im Mutterhaus zurückkehren. In Vorarlberg sind 1995 nur mehr sechs Stationen besetzt. Geblieben ist das Institut St. Josef in Feldkirch mit Schulen, Internat und vielerlei Aufgaben in der Pfarre und in der Sonderschule Jupident. Daneben gibt es noch fünf von den einst so zahlreichen Niederlassungen für Krankenpflege: Bludenz, Götzis, Dornbirn, Lustenau und -ja, Gott sei Dank! - und Wolfurt. Krankenpflege in Wolfurt Seit 1928, also nun schon fast 70 Jahre lang, wirken Haller Kreuzschwestern als Krankenschwestern in Wolfurt. Hier hatte von 1916 bis 1936 der aus Buch stammende Pfarrer Simon Stadelmann die Verantwortung als Seelsorger. Und Sorgen gab es für ihn gar viele in den Jahren nach dem verlorenen Weltkrieg. Zu Hunger und Arbeitslosigkeit hatte sich tiefe Verzweiflung gesellt. Ohne große Hoffnung wanderten ab 1923 ganze Gruppen von jungen Menschen nach Amerika aus. Alte und Kranke aber blieben oft in ihrer Not allein. Familie Schwerzler, Toblars in der Bütze, kurz bevor Franziska als Sr.Nivarda um 1900 ins Kloster eintrat. VaterFerdinand, Mutter Anna Maria, Franziska mit den Brüdern Josef und Martin und Tante Maria Anna Dür. wurden das 1911 in Feldkirch errichtete Institut St. Josef mit dem dazu gehörigen Antoniushaus und das Sanatorium Mehrerau. Auf seine große Blüte folgte für den Orden die schwere Heimsuchung in den Jahren 1938 bis 1945. Aus den Schulen und Kindergärten wurden die Schwestern entlassen, die Häuser alle für Lazarette beschlagnahmt. Als Krankenpflegerinnen waren die ausgebildeten Fachkräfte aber gerade in der Kriegsnot unentbehrlich, wenn man ihnen die Arbeit auch schwer machte. Neueintritte waren verboten. Nach 1945 bestürmten Bürgermeister, Pfarrer und Ärzte die Ordensoberin und baten um Wiedererrichtung der verwaisten Stationen. Viele Wünsche konnten nicht mehr erfüllt werden. Im Gegenteil: Ein neuer Zeitgeist im anbrechenden Wohlstandszeitalter machte Berufungen zu karitativem Dienen immer seltener. Der Nachwuchsmangel zwang dieMutter Oberin, immer mehr von den einst so zahlreichen Stationen zu schließen. Zuletzt wurden die Kreuzschwestern sogar noch aus dem wegen der hervorragenden Pflege so sehr geschätzten Sanatorium Mehrerau abgezogen. Weltweit wirken derzeit etwa 7 000 Kreuzschwestern in 15 Provinzen und drei Missionsgebieten. In ihrem ungeheuer groß gewordenen Aufgabengebiet stellen sie sich bei der Er6 Pfarrer Stadelmann hatte von der segensreichen Arbeit der Kreuzschwestern in einigen Nachbarorten gehört. Um aber eine Station nach Wolfurt zu bekommen, mußten zuerst die finanzielle Grundlage und eine Wohnung bereit gestellt werden. Den Anstoß dazu gab ein Vermächtnis. In „Draiars Seago" am Holzerbach in Unterlinden lebte 1923 „s Agathle", Maria Agatha Böhler, 1848 dort geboren und nun 75 Jahre alt. Ihr Vater Martin Böhler, ein Verwandter der Holzer-Schmiede, hatte Mühle und Säge 1842 vom „Draiar" (Spulendrechsler) Carl Zuppinger erworben. Nun war er längst tot und auch die Mutter Kreszentia und die sechs Geschwister waren gestorben. Als Agatha selbst erkrankte und beim Pfarrer Hilfe suchte, gab ihr dieser den Rat zu einer Stiftung. Darauf vermachte sie in einem Testament ihren Grundbesitz, bestehend aus einem Acker im Schmerzenbild und drei Streueparzellen im unteren Weitried, einer noch zu errichtenden „Kreuzschwesternstiftung in Wolfurt". Sie bestimmte auch den Stiftungszweck: „armen und kranken Personen der Gemeinde Wolfurt billige Pflege durch Barmherzige Schwestern vom hl. Kreuz angedeihen zu lassen". Am 18. Sept. 1924 starb Agatha Böhler. Ihre Stiftung besteht bis heute fort und auch alle vier Grundstücke sind noch in deren Besitz. Zunächst sollte ein Krankenpflegeverein gegründet werden. Ein Proponentenkomitee, bestehend aus Pfarrer Stadelmann, Vorsteher Ludwig Hinteregger, Sprengelarzt Dr. Eugen Lecher, Wagnermeister Johann Heitz und den Damen Mina Österle und Regina 7 troffen, „daß zwei Schwestern für die Krankenpflege bis spätestens 20. April in Wolfurt eintreffen werden". Als Bedingungen stellte sie, wie an anderen Orten in Vorarlberg auch, „freie, vollständig eingerichtete Wohnung, inbegriffen Licht, Wasser, Brennmaterial", dazu einen Monatsgehalt von 60 Schilling für jede Schwester und jährlich „ein Paar neue Schuhe und Schuhflicken". Die Wohnung wurde rechtzeitig fertig, Kohle und gehacktes Holz standen bereit. Wasser mußten die Schwestern allerdings beim Gemeindebrunnen vor dem Schulhaus in Kübeln holen. Am 19. April bewilligte der Kassier auch noch ein Lebensmittelpaket aus Köbs Lädele, denn heute sollten die Schwestern eintreffen. Mit zwei Autos holten sie der Pfarrer, der Vorsteher, der Gemeindearzt und Kassier Heitz am Bahnhof in Bregenz ab und geleiteten sie in ihr neues Heim. Am 20. April 1928 nahmen Sr. Agnes und Sr.Gordiana ihre segensreiche Tätigkeit auf. Schon eine Woche zuvor hatte der Krankenpflegeverein mit jetzt 263 Mitgliedern unter Obmann Pfr.Stadelmann seine Statuten beschlossen. Nun wurde mit Sr.Oberin Knoflach in Hall ein umfangreicher Vertrag ausgefertigt, der neben der Versorgung der Schwestern auch deren Aufgaben genau regelte. Aus dem Kassabuch Die Eintragungen von Kassier Heitz bei der Einrichtung der Schwesternwohnung 1927/ 28 nennen nicht nur alte Wolfurter Geschäfte und Handwerker, sondern sind auch als Information über die damaligen Preise interessant. Eine kleine Auswahl: 19.10.27 29.10.27 Rudolf Fischer, Möbel für Wohn- und Schlafzimmer Johann Bernhard, Möbel für Küche u. Fremdenzimmer Conrad Bohle, Kissen und Decken Albert Klimmer, Verschiedenes Franz Jos. Köb, neue Unter- u. Obermatratzen und ein Diwan Anton Haneberg, Schreinerarbeiten Julie Böhler, Näharbeiten Hirschbühl, Küche reinigen Rosa Grass, Näharbeiten Johann Bernhard, ein Tisch und ein Betstuhl Albert Loacker, ein Bügeleisen Josef Rohner, 2 Mtr. Brennholz Martin Fischer, Holz spalten Wilhelmina Köb, Lebensmittel S 1.021,00 471,00 183,14 28,00 512,80 53,60 19,10 1,50 13,41 37,30 27,78 51,00 15,00 6,22 120,00 113,30 Draiars Seogo am Holzerbach im Unterlinden. Hier wohnte bis 1924 Agatha Böhler, die mit ihrem Besitz den Grundstein für den Krankepflegeverein legte. Fischer, übernahm die Vorarbeit und die Ausarbeitung von Statuten. Am Ostermontag, 5.April 1926, wurde im Vereinshaus der Krankenpflegeverein gegründet. Schon im ersten Jahr traten 267 Mitglieder bei, um sich mit einem Beitrag von 10,— S (damals für die meisten viel Geld!) unentgeltliche Pflege im Krankheitsfall zu sichern. Längst hatte der Pfarrer Bittbriefe an die Kreuzschwestern in Hall geschickt. Die ersten Antworten waren Absagen: „heuer leider noch nicht". Aber Pfr.Stadelmann gab nicht auf. Gerade hatte die Gemeinde das Haus gegenüber der Schule gekauft und das Postamt vom Sternen dorthin verlegt. Über Ersuchen des Pfarrers machte nun Frau Maria Winder ihre Mietwohnung im zweiten Stock frei und übersiedelte mit Unterstützung durch den Krankenpflegeverein in Böhler Ottos Haus beim Sternen. Jetzt konnte die Wohnung über dem Postamt als künftige Schwesternwohnung adaptiert werden. Der Wagnermeister Johann Heitz, Gründer und Leiter der Sanitätsabteilung der Wolfurter Feuerwehr, beaufsichtigte als verantwortlicher Kassier die Reparatur der Räume und die Anschaffung der notwendigen Fahrnisse. Als die Beiträge der Mitglieder und die bei Sterbefällen reichlich fließenden Spenden nicht ausreichten, half der Pfarrer mit einem Darlehen aus. Es eilte plötzlich, denn aus Hall war mit Schreiben vom 15. Februar 1928 endlich die so sehnlich erwartete Mitteilung von Sr. Oberin M.Augusta Knoflach einge8 11.11.27 24.11.27 11.12.27 9. 1.28 13.1.28 17. 2.28 1. 3.28 6. 4.28 9.4.28 19.4.28 Aus den folgenden vielen Posten noch zwei zum Vergleich: 3. 9.28 Monatsgehalt für zwei Schwestern (je 60 Schilling) 16.3.29 Engelbert Brauchle, Schuhreparatur und zwei Paar neue Da hatten die Schwestern also im Dienst für die Wolfurter Kranken bereits ihre ersten Schuhsohlen durchgelaufen! 9 Johann Heitz, Mitbegründer des Krankenpflegevereins Pfarrer Simon Stadelmann, Gründer des Krankenpflegevereins Wolfurt Die Post kurz vor dem Abbruch 1965. Von 1928 bis 1963 wohnten im zweiten Stock die Krankenschwestern. Ein Jahr später konnte der Pfarrer voll Freude in der Versammlung des Krankenpflegevereins berichten: „Das Samenkorn ist mit Gottes Hilfe aufgegangen, es trägt bereits herrliche Blüten." Von Anfang an war man mit den Schwestern sehr zufrieden. Schon in den ersten zehn Monaten machten sie 1850 Krankenbesuche und hielten 15 Tag- und 59 Nachtwachen. Diese Zahlen stiegen in den nächsten Jahren auf mehr als das Doppelte. Die Gemeinde zeigte ihre Anerkennung dadurch, daß sie dem Verein die Wohnung kostenfrei überließ. Im Jahre 1932 starb der um den Verein hochverdiente Kassier Johann Heitz. Seine Tochter Maria Heitz übernahm für viele Jahre das oft unbedankte Amt. In der Zeit der Wirtschaftskrise war ja auch der auf 7, später sogar auf 6 Schilling ermäßigte Vereinsbeitrag für manche Familien kaum aufzubringen. Trotzdem stieg die Mitgliederzahl ständig. Die Zahl der Krankenbesuche kletterte 1934/35 auf 4233. Alle die weiten Wege durch das langgezogene Wolfurt machten die Schwestern damals zu Fuß. Aber auch in ihrem bescheidenen Heim in der Post stellten sich jeden Tag Kranke und Verletzte an. Für ein Vergelt's Gott ließ man sich dort Verbände wechseln, eitrige Wunden mit Kamillentee baden oder eine Ziehsalbe auf einen heißen Abszeß auflegen. Und immer 10 taten die Krankenschwestern ihre Arbeit fröhlich, die Kranken freuten sich auf jeden Besuch. Bei Visitationen durch die Mutter Oberin aus Hall kam aber ein Problem zur Sprache: die weite Entfernung zur Kirche. Zu viel Zeit nahm der tägliche Weg zur Messe und zur Abendandacht in Anspruch. Und gerne wären die Schwestern öfter vor dem Altar gekniet, um neue Kraft für ihren Beruf zu holen! Mehrmals hatte die Oberin inzwischen neue Schwestern nach Wolfurt geschickt (Siehe Anhang!), bis im Oktober 1933 mit Sr.Epiphania jene Klosterfrau einzog, die nun in den folgenden 37 Jahren bei uns durch ihr Beispiel an Fleiß, Bescheidenheit, Einsatzfreude, Güte und Frömmigkeit das Bild der Krankenschwestern am meisten prägte. Ihr zur Seite stand, nicht minder geachtet und beliebt, ab 1935 Sr.Theodora. Unermüdlich sah man die beiden, „dio Klenn" und „dio Groß", wie man sie in Wolfurt bald liebevoll nannte, mit schnellen Schritten durch das Dorf zu ihren Kranken eilen. Nach ein paar Jahren erhielten sie vom Orden die Genehmigung zum Gebrauch von Fahrrädern. Das Erlernen des Radfahrens muß für die nicht mehr ganz jungen Frauen in 11 ihrer langen Ordenstracht eine besonders arge Prüfung gewesen sein, aber mit ihrem Gottvertrauen meisterten sie auch diese ohne größere Verletzungen. Nun stand ihnen mehr Zeit für die Kranken zur Verfügung und auch der weite Weg zur Kirche fiel nicht mehr so sehr ins Gewicht. Andere, schwerere Prüfungen standen den Schwestern und dem Krankenpflegeverein bevor. Im Februar 1936 war Pfarrer Simon Stadelmann, der Gründer und langjährige Obmann des Vereins, gestorben. Kaplan Johann Rein übernahm die Leitung. In seinem Tätigkeitsbericht vom März 1937 berichtet er noch von der Rekordzahl von 281 Mitgliedern, die die Arbeit der Schwestern über alles schätzen. 4200 Krankenbesuche haben diese im Berichtsjahr gemacht, dazu 120 Nachtwachen gehalten. Ein Jahr später ist der Anschluß Österreichs an Deutschland vollzogen, der Verein der N.S.Volkswohlfahrt unterstellt. Das Vereinsvermögen von 3562,41 Schilling wurde am 20. März 1938 in 2374,94 Reichsmark umgewechselt und beschlagnahmt. Bald danach wurde der Verein dann am 27.6.39 ganz „liquidiert". Nach außen aber änderte sich wenig: NS-Leute sammelten nun bei den gleichen Mitgliedern jährlich 4 RM ein. Und - fast ein Wunder in jener antichristlichen Zeit! - die Schwestern Epiphania und Theodora taten unverändert ihren Dienst an den Kranken. Zwar war das Schreiben des Kreisleiters vom 16. Jänner 1940 für Sr.Epiphania mit „Heil Hitler" an die „Krankenschwester Elise Härle in Wolfurt" gerichtet, aber es erlaubte ihr ausdrücklich, weiterhin im Auftrag der NSV die Krankenpflege durchzuführen. Als Vergütung wurden ihr monatlich von der Kreisamtsleitung in Bregenz 60,- RM überwiesen. Eine katholische Ordensfrau ganz offiziell im Dienst der NS-Kreisleitung! Welche Anerkennung für ihr selbstloses Wirken sogar durch dieses Regime! In den Anweisungen stand dann allerdings auch: „Es ist selbverständlich, daß sich Ihre Tätigkeit ausschließlich auf die Krankenpflege beschränken muß." Aber ihr stilles Beten und auch ihre Kirchenbesuche konnte den beiden Schwestern wohl niemand nehmen. Die im Grundbuch verankerte Kreuzschwesternstiftung erklärte der Bürgermeister allerdings für unmöglich. Er löste sie am 3. September 1942 mit Hilfe der deutschen Gemeindeordnung auf und übernahm die vier Grundparzellen in Gemeindebesitz. So wurde das auch vom Amtsgericht im Grundbuch eingetragen. Doch danach fragten die Schwestern nicht. Ihre Arbeit war ja davon nicht betroffen. Sie fragten auch nicht nach Rang, Herkunft und Weltanschauung ihrer Patienten. Als gegen Kriegsende immer mehr Flüchtlinge in Notquartieren untergebracht wurden, kümmerten sie sich auch um diese. Es wird erzählt, daß sie manchmal ein Stück Brot oder ein Stück Selchfleisch, das ihnen eine Bäuerin zugesteckt hatte, zu den hungernden Flüchtlingen trugen. Sie selbst streckten ihre karge Kost mit Gemüse aus dem eigenen Garten. Dann kam im Mai 1945 das Kriegsende. Bald danach besprach der damalige Pfarrer Wilhelm Brunold mit dem wieder in seinem Amt befindlichen Bürgermeister Ludwig Hin12 teregger und dessen Bruder, dem Instrumentenmacher Gebhard Hinteregger, die zukünftige Gestaltung und Finanzerung der Krankenpflege. Nach Rückfrage bei den Schwestern sahen sie von einer Neugründung des aufgelösten Krankenpflegevereins ab. Zur Deckung der Kosten wurde eine jährliche Haussammlung mit freiwilligen Spenden beschlossen, die durch weitere Spenden anläßlich von Sterbefällen ergänzt werden sollte. Das neue Modell der Pfarrkrankenpflege ohne Verein bewährte sich, auch wenn es sonst nirgends im Land so gehandhabt wurde. Weiterhin konnten alle Bedürftigen im Ort ohne Unterschied der Person betreut werden. Gebhard Hinteregger kümmerte sich um die Organisation und trug selbst, unterstützt von Frau Berta Gmeiner, Fideles, die vielen kleinen und großen Spenden zusammen. Am 7. Jänner 1945 hatte Pfr. Brunold noch 3850 RM in ebenso viele österreichische Schillinge umgetauscht und dann als Grundstock an Hinteregger übergeben. Seither funktionierte die freiwillige Finanzierung. Auch die ehemalige „Kreuzschwesternstiftung" wurde wieder errichtet. Die Gemeindevertretung beschloß am 19.8.1948, die im Jahre 1942 enteigneten Grundstücke zurück zu geben. Sie wurden 1949 neu für die Stiftung verbüchert. Ein erster Wermutstropfen war, daß vom Provinzhaus aus das unzertrennliche Wolfurter Schwesternpaar getrennt wurde. Im August 1945 übernahm die „große" Sr.Theodora einen Posten in Lingenau, ein Jahr später in Lustenau. Sieben Jahre lang mußte die „kleine" Sr.Epiphania die anfallende Arbeit meist allein bewältigen, nur kurzzeitig konnte ihr der Orden Helferinnen senden. Umso größer war die Freude, als Sr.Theodora 1952 nach Wolfurt zurückkehrte. Zehn Jahre später wurde dann im März 1962 Sr.Epiphania nach Götzis versetzt. Der Mangel an Schwesternnachwuchs zwang um diese Zeit die Provinzoberin Sr.M.Angelina Neuhauser, eine ganze Reihe von Niederlassungen in Vorarlberg zu schließen. Mit Kennelbach und Lauterach sollten auch aus Wolfurt die Schwestern abgezogen werden. Allenfalls hätte dann noch eine auf der Platte in Bregenz bestehende Schwesterngemeinschaft Wolfurt mitbetreut. Damit war man aber in Wolfurt nicht einverstanden. Nacheinander intervenierten im Mutterhaus zunächst Pfarrer Willi und Bürgermeister Waibel, dann auch Gemeindearzt Dr.Schneider und vor allem der in Hall sehr geschätzte Obmann Gebhard Hinteregger. Wahrscheinlich hat auch das Gebet und Hoffen der Kranken dazu beigetragen: das Wunder geschah! Die Station Wolfurt blieb erhalten und - schon im Oktober 1963 kehrte Sr.Epiphania zurück. Für die Schwesternwohnung wurde ein Ersatz notwendig, weil die alte Post zum Abbruch bestimmt worden war. Obmann Hinteregger fand eine gute Unterkunft im Haus Rohner, Kreuzstraße 1, nahe bei der Kirche. Er kümmerte sich 1963 noch sehr um die Einrichtung und um den Umzug der Schwestern in ihr neues Heim. Ein Jahr später starb er. Die Obmannstelle übernahm sein Bruder, Altbürgermeister Ludwig Hinteregger. 13 Sr.Theodora und Sr.Epiphania, seit 1966 Ehrenringträgerinnen. Längst wollte man sich auch von Seiten der Gemeinde, die schon bisher die Wohnung gestellt und manche Unkosten getragen hatte, bei den beiden Schwestern für ihr Lebenswerk bedanken. Jetzt wußte Sozialreferent Hubert Mohr einen Weg. Nach dem neuen Gemeindegesetz konnte die Gemeinde einen Ehrenring schaffen. Auszug aus dem Sitzungsprotokoll vom 22.9.1966: In Würdigung ihrer aufopferungsvollen und vorbildlichen Tätigkeit in der Krankenpflege wird einstimmig beschlossen, den ehrw. Srn. Theodora (Paula) König und Epiphanie (Elisabeth) Härle den Ehrenring der Gemeinde zu verleihen. Am Sonntag, 4.Dez.l966, überreichte Bürgermeister Waibel in einer Festsitzung der Gemeindevertretung im Beisein von Vertretern des Ordens und der Pfarre die ersten Wolfurter Ehrenringe an die sichtlich erfreuten Schwestern. Doch deren Lebensjahre gingen nun zur Neige. Im Mai 1971 verabschiedete sich die gebrechlich gewordene Sr.Epiphania und kehrte ins Provinzhaus Hall zurück. Dort starb sie am 3.November 1970. Eine große Abordnung aus Wolfurt nahm an ihrem Begräbnis teil. Schon zwei Monate später übersiedelte im Jänner 1971 auch Sr.Theodora im Alter von über 80 Jahren aus Wolfurt nach Hall. Noch acht Jahre eines ruhigen Lebensabends schenkte ihr dort der Herrgott, bis er sie am 27.Jänner 1979 zu sich rief. In Wolfurt wird man sich der beiden Ehrenringträgerinnen stets mit Dankbarkeit erinnern. Auf ihrem Werk lag Segen. Jüngere Schwestern nahmen ihre Plätze ein, zuerst Sr.Anna und Sr.Auxilia, dann nacheinander Sr.Imelda und Sr.Christiana. 19 Jahre lang stand ihnen 14 Familie Fischer, Lammwirts. Vorne Rosa (Hinteregger), Mutter M.Katharina geb. Sonderegger, Vater Gebhard Fischer, Agatha. Hinten Dr. August Fischer als Kaiserjäger und Anna (Mohr). Agatha ist 1930 als Sr.Georgia ins Kloster eingetreten. von 1971 bis 1990 Sr.Clarina als Haushälterin treu zur Seite. Die jungen Schwestern besaßen einen Führerschein. Schon 1970 hatte ihnen die Firma Doppelmayr einen ersten VW gestiftet. Seither ermöglichen die Spenden immer wieder die Haltung eines bescheidenen Autos. Dadurch haben sich die Arbeitsbedingungen ganz entscheidend gebessert. Im neu eingerichteten Pfarrgemeinderat befaßte sich seit 1971 der Sozialausschuß unter Dr. Paul Schwärzler mit den Aufgaben der Pfarrkrankenpflege. Von Ludwig Hinteregger übernahm jetzt Werner Mohr die organisatorischen Aufgaben, vor allem die Bereitstellung der insgesamt beträchtlichen finanziellen Mittel. Seit nunmehr 24 Jahren bittet erjedes Jahr im Juli eifrige Sammlerinnen und Sammler um ihre Mitarbeit. Diese finden fast überall offene Türen, denn das Verhältnis zu unseren Schwestern ist weiterhin überaus herzlich. Über Initiative von Dir. Ferdinand Schwärzler aus Schwarzach schloß der Sozialausschuß der Pfarrgemeinde Wolfurt 1971 mit dem Krankenpflegeverein Schwarzach ein Übereinkommen, das das Aufgabengebiet der Wolfurter Krankenschwestern auch auf Schwarzach ausdehnte. Dort hatten bis 1968 Barmherzige Schwestern von der Kettenbrücke in Innsbruck die Kranken betreut. Nach der Verabschiedung von Sr.Andronika blieben die Schwarzacher drei Jahre lang schwesternlos. Ab jetzt aber fuhren zwölf Jahre lang die 15 notwendigkeiten und arbeitet auch mit den Ärzten eng zusammen. Natürlich kommt ihr die reiche Erfahrung als Stationsschwester im Krankenhaus sehr zustatten. Sie ist auch nicht mehr allein. Krankenpflegeschülerinnen aus Feldkirch vervollständigen bei ihr ihre Ausbildung. Junge Frauen aus Wolfurt, darunter Diplom-Krankenschwestern, helfen ihr wöchentlich wenigstens einige Stunden. Freiwillig übernehmen manche in Nachbarschaftshilfe die wichtigsten Handreichungen für einsame Kranke. „Es geht so weiter!", meint Sr.Paulina. Die Namen der Wolfurter Kreuzschwestern sollen nun im Anhang aufgeschrieben werden. Ihr Arbeiten, ihr stilles Opfern und Beten ist in einem anderen Buch aufgezeichnet. Vergelt's Gott! Kreuzschwestern in Wolfurt (Die folgenden Namen und Daten stammen zum allergrößten Teil von Sr.Leonis(Rosmarie)Maurer aus den Aufzeichnungen im Mutterhaus Hall) 1. Familie Thaler im Lo 1939. Vorne Resi, Mutter Marie, Theodor, Vater Kolumban Thaler, August. Dahinter Karl, Elsa und Siegbert. Karl und Siegbert sind gefallen. Elsa ging als Sr.Karla ins Kloster. 2. Schwestern Anna, Auxilia, Imelda und Christiana jeden Tag mit ihrem Auto nach Schwarzach und pflegten auch die dortigen Kranken. Ab 1983 kam dann eine weltliche Krankenschwester zum Einsatz. Im Oktober 1979 eröffnete die Gemeinde Wolfurt ihr schönes Altersheim mit angeschlossener Pflegestation an der Lauteracherstraße. Als Anbau hatte man ein kleines Klösterlein errichtet. Die Gemeinde hoffte damals noch, die Kreuzschwestern könnten auch die Betreuung der Schwerstkranken im Pflegeheim übernehmen. Wegen des immer größer gewordenen Schwesternmangels mußte die Oberin aber diesen Wunsch ablehnen. So wurde denn mit Frau Isabella Kaufmann eine weltliche Krankenschwester mit der Leitung des Heimes betraut. Die Kreuzschwestern übersiedelten in ihre neue Wohnung. Mit der Leitung des Altersheims halten sie seither guten Kontakt. Sie schmücken auch die dortige Hauskapelle. Seit einigen Jahren hat sich die Krankenpflege gewandelt. Schwerkranke kommen ins Krankenhaus, viele Pflegefälle in die Pflegestation. Dagegen werden Sr.Paulina in der Privatkrankenpflege oft Kranke nach einem Schlaganfall, nach Amputationen oder mit anderen großen Wunden zur Nachbehandlung zugewiesen. Sie erhält dann vom Spital jeweils einen Brief mit genauen Instruktionen über Medikamente, Verbände und Pflege/ 16 3. 4. 5. Sr.Agnes (Berta) Peer aus Tösens, Tirol, geb.7.10.1876, gest. 21.12.1939 Eintritt in den Orden 24.8.1907, Profeß 8.12.1909 Viele Jahre in Bregenz, dann im Epidemiespital in Meran. Ab 20.4.1928 als erste Oberin bisl933 in Wolfurt. Sr.Gordiana (Afra) Frank aus Wetterdingen, Deutschland, geb.4.11.1898, gest.1.12.1981 Eintritt 1.10.1924, Profeß 3.5.1927 Ebenfalls ab 20.4.1928 in Wolfurt, aber schon nach kurzer Zeit wieder zum Spitalsdienst ins Mutterhaus zurück gerufen. Rasch hintereinander dienten mehrere Schwestern an der Seite von Sr.Agnes: Sr.Lauretana (Katharina) Rey aus Besenbüren, Kt.Aargau, Schweiz, 1929 Sr.Plazida Rummel aus Eisenharz, Deutschland, 1930 -1931 Sr.Gordiana Frank zum zweiten Mal 1932 -1933 Sr.Hilaria Albrecht 1933 Sr.Getrudis (Barbara) Unterweger aus Aßling,Osttirol,geb.25.12.1879, gest. 16.12.1961 Eintritt 27.8.1904, Profeß 9.9.1907 Sie kam aus Hard im Februar 1931 nach Wolfurt, löste 1933 Sr.Agnes als Oberin ab und wurde im August 1935 nach Götzis versetzt. Sr.Epiphania (Elisabeth) Härle aus Steinberg bei Ulm, Deutschland, geb.28.9.1898,gest.3.11.1970 Eintritt 1.5.1923, Profeß 8.10.1925 Sie arbeitete zuerst in Brixen, dann ab 1930 in Lustenau. Am 5.10.1933 kam sie nach Wolfurt, wirkte dort bis 17 6. 7. 8. 9. 10. 11. 12. 13. 14. 27.3.1962 und nach kurzzeitiger Versetzung nach Götzis wieder ab 17.10.1963 bis 25.5.1970. Ehrenringträgerin seit 1966. Sr.Theodora (Pauline) König aus Lustenau, geb. 11.9.1890, gest 27.1.1979 Eintritt 20.10.1916, Profeß 29.9.1919 Sie arbeitete nacheinander in Meran, Hörbranz, Götzis und in Gaisbühel. Am 9.8.1935 kam sie nach Wolfurt an die Seite von Sr.Epiphania, mit der sie mehrmals die Aufgaben als Oberin wechselte. Ab 25.8.1945 wurde sie nach Lingenau, 1946 nach Lustenau versetzt. Am 3.3.1952 kehrte sie nach Wolfurt zurück und blieb bis 13.1.1971. Ehrenringträgerin seit 1966 Sr.Brigitta Fleisch fand nach der Auflösung vieler Niederlassungen der Kreuzschwestern während des Krieges von Jänner 1940 bis 25.6.1941 in Wolfurt Unterkunft. Mehrere Schwestern unterstützten Sr.Epiphania jeweils für kurze Zeit während der Abwesenheit von Sr.Theodora: Sr.Libia Madiener von Aug. bis Nov. 1945 Sr.Praxedis Kresser von Juni bis Okt. 1947 Sr.Rufina Vieider 1949 Sr.Hedwig Seywald von Aug. bis Nov. 1957 Sr.Eligia (Augusta) Mark aus Fendels, Tirol, geb. 10.12.1923 Eintritt 2.5.1946, Profeß 25.3.1949 In Wolfurt 1.12.1949 bis 3.3.1952. Sie arbeitet jetzt im Sanatorium der Kreuzschwestern in Rum, Tirol. Sr.Frowina Bürer kam für Sr.Epiphania vom 27.3.1962 bis zum 17.10.1963 nach Wolfurt. Sr.Anna (Maria) Moosbrugger aus Au, geb. 15.10.1922 Eintritt 2.2.1950, Profeß 16.3.1953 In Wolfurt als Nachfolgerin von Sr.Epiphania 29.4.1970 bis 8.9.1975. Seither in der Privatkrankenpflege in Altenstadt. Sr.Auxilia (M.Theresia) Devich aus Bezau, geb.21.2.1925 Eintritt 2.7.1948, Profeß 25.3.1952 Nach langer Tätigkeit im Lungenkrankenhaus Gaisbühl vom 15.12.1970 bis 10.9.1977 als Nachfolgerin von Sr.Theodora in Wolfurt. Anschließend in Au, jetzt im Antoniushaus in Feldkirch. Sr.M.Clarina Mittelberger aus Götzis, geb. 14.5.1907, gest. 19.12.1990 Eintritt 14.10.1930, Profeß 1.5.1935 In Wolfurt als Haushälterin vom 15.12.1971 bis zu ihrem Tod. Für kurze Zeit kamen um das Jahr 1975 hintereinander auch zwei Kreuzschwestern als Volksschul- bezw. Religionslehrerinnen nach Wolfurt: 15. 16. 17. 18. Sr.Dora und Sr.Irmina Sr.Imelda (Maria) Schwärzler aus Langenegg, geb.26.2.1925 Eintritt 4.3.1943, Profeß 6.8.1946 In Wolfurt 4.9.1975 bis 16.2.1981, dann Privatkrankenpflege in Feldkirch, jetzt im Antoniushaus in Feldkirch. Sr.Christiana Lipburger aus Lingenau, geb. 16.5.1920 Eintritt 31.3.1950, Profeß 15.10.1952 In Wolfurt 16.2.1981 bis 30.4.1992, jetzt ebenfalls im Antoniushaus. Sr.Barbara (Maria) Haid aus St.Leonhard im Pitztal, Tirol, geb.l 1.4.1916 Eintritt 21.11.1945, Profeß 11.10.1947 In Wolfurt als Haushälterin seit 1.12.1991. Sr.Paulina (Rosalia) Brem aus Münster, Tirol, geb.30.7.1932 Eintritt 8.9.1954, Profeß 10.3.1959 Sie arbeitete in den Krankenhäusern in Hall, Kufstein und Mehrerau und nun seit 20.4.1992 in der Pfarrkrankenpflege in Wolfurt. Kreuzschwestern aus Wolfurt in Hall 1. Sr.Alfonsa (Katharina) Schwerzler, Naiolars in der Bütze, eine Schwester von Lorenz Schwerzler und Adelheid Kalb, Bützestraße 13. Geb.4.4.1880, gest. 11.3.1957 Eintritt 1.11.1904, Profeß 9.9.1907 Als Handarbeitslehrerin 1907 bis 1926 im Institut St. Josef in Feldkirch, dann Postulatsleiterin in Hall, Einsatz im Antoniushaus in Feldkirch und an anderen Orten, zuletzt im Provinzhaus Hall. Am Tag ihrer Jubelprofeß, am 11.3.1957, starb sie während des Festgottesdienstes. Sr.Georgia (Agatha) Fischer, Lammwirts, eine Schwester von Anna Mohr, Rosa Hinteregger und Dr.August Fischer aus dem Lamm an der Kellhofstraße. Geb.26.6.1903, gest.3.5.1963 Eintritt 3.4.1930, Profeß 4.6.1934 Sie arbeitete im Annaheim in Hall. Sr.Karla (Elsa) Thaler, Kolobanos im Lo, eine Schwester von August und Theodor Thaler, Im Dorf 6 Geb.4.3.1922 Eintritt 6.10.1951, Profeß 9.4.1954 Einsatz an vielen Orten: Hall, Lustenau, Annaheim Hall, Götzis, Au, Nenzing, Webschule Imst, Brixlegg. Von 1975 bis 1987 Oberin im Erholungsheim Völs. Jetzt als Haushälterin in Dornbirn. 19 2. 3. 18 Sr. Alfonsa Schwerzler aus der Bütze mit ihrem Neffen Hubert Kalb im Jahre 1950 Sr.Leonis (Rosmarie) Maurer aus der Bütze Sr.Gottfrieda Bildstein zu Besuch bei Schwager Kassian Schertler im Röhle. Paul Berkmann, Hermann Gangl, Mina mit Werner, Sr.Gottfrieda, Erna und Kassian. 4. Sr.Leonis (Rosmarie) Maurer, Hintereggers in der Bütze, eine Schwester von Josef Maurer, beide früher Bützestraße 7 Geb.28.3.1942 Eintritt 1.8.1964, Profeß 17.4.1969 Zuerst Krankenschwester in Hall, dann 22 Jahre Lehrerin an den Krankenpflegeschulen Kufstein und Hall. Seit 1993 in der Verwaltung des Sanatoriums der Kreuzschwestern in Rum. Cham, Kt. Zug, Schweiz 6. Sr.M.Gottfrieda (Anna Maria) Bildstein, Bildsteins im Röhle, eine Schwester von Rosina Bernhard, Ilga Schertler und Maria Schertler, Bregenzerstraße 12 Geb. 10.4.1894, gest.29.12.1987 Eintritt 1914, Profeß 1916, Goldene Profeß 10.7.1966 Zuerst im Sanatorium Unterägeri, dann Kindergärtnerin in Heimeli. Ab 1934 zwanzig Jahre lang Pförtnerin in Dußnang, schließlich im Kloster Cham. Ingenbohl, Kt. Schwyz, Schweiz 5. Sr. Nivarda (Franziska) Schwerzler, Toblers in der Bütze, eine Schwester von Josef und Martin Schwerzler, Lauteracherstraße 2 Geb 6.11.1876, gest.29.10.1952 Eintritt um 1900, Profeß 1904 Krankenschwester in Frauenfeld und an anderen Orten in der Schweiz, dann viele Jahre lang Pflegerin im Männer-Asyl der Psychiatrie Wil, zuletzt im Mutterhaus in Ingenbohl. 20 21 Siegfried Heim Hausnamen Namen haben die Aufgabe, ihre Träger zu identifizieren. Durch seinen Namen sollte jeder Schüler in seiner Klasse, jeder Bürger in seinem Ort von den anderen unterscheidbar sein. Wenn das nicht der Fall ist, so behilft man sich mit allerlei Beifügungen. In einer Schulklasse unterschied man Johannes Böhler 1 von Johannes Böhler 2. Bei unserer Bürgermusik kannte man Eugen Rohner-Horn und Eugen Rohner-Baß, Franz Rohner-Trompete und Franz Rohner-Flügelhorn und dazu noch Franz Rohner-Kapellmeister (alle fünf aus der Sippe der Vinälar). Früher einmal schrieb der Pfarrer in sein Familienbuch einen Johann Schwerzler-Strohdorf und einen anderen Johann SchwerzlerWolfurt ein. Unter „Wolfurt" verstand man damals das Kirchdorf. Und ganz häufig fügte man zu den Personennamen einen Hausnamen, mit dem man den Träger als Angehörigen einer im Dorf bekannten Gemeinschaft kennzeichnete. Hausnamen haben sich ganz genau wie die Geschlechtsnamen im Lauf der Zeit aus Vorund Zunamen oder vielfach aus Berufen entwickelt. Manche geben auch die Herkunft an. Wenige sind Übernamen, die auf eine körperliche oder geistige Besonderheit hinweisen. A. Bekannte Wolfurter Hausnamen aus Vornamen: Hansmarteles, Hambadistos (eigentlich Hannbatist, Johann Baptist), Kassians, Filipplar, Hannes, Hansos, Hilares, Seppatones (Josef Anton), Lisolar (Elisabeth), Seppar, Hansirgos (Johann Georg), Fideles, Bäbolar (Barbara, Babette), Bäschles (Sebastian), Rochuslar, Märtolar, Mathisos, Filitzos (Felix, früher nannte man sie Felixos), Veres (Xaver), Disjockeles (des Jockei, Jakob), Jokobos, Lorenzos, Liborats, Ludwigos, Galles, Petorles, Plazes und Pläzolar (Plazidus), Vefos (Genovefa), Vefobuob, Melkos (Melchior), Stases (Anastasia), Kolobanos (Kolumban), Sofie im Lo, u.a. B. Aus Geschlechtsnamen, die auf die Häuser übertragen wurden: Hohlo-Martes, Hohlo-Fideles, Hindoreggars uf om Bühol, Hindoreggars i dor Bütze, Scheoffkneochts, Wachtars, Giotschges (Girschke), A wandars, Stenzlars, Arnolds, Luitzos, Diotoris (Dietrich), Festinis, Pfersolar (Pfersich), Kaufmanns, Ruoschos, Zilla Zollar u.a. C. Berufe. Diese Hausnamen sind kulturgeschichtlich besonders interessant, weil viele von den alten Berufen in unserem Jahrhundert verschwunden sind: Sattlar, Georbar, Küofar, Schädlar (Ein Schädel-Macher war ebenfalls ein Küfer. Schädel ist ein Holzgefäß.), Soalar, Strickar, Naiolar (Näher), Strumpfar, Schuostor, Böglar (Büg22 ler), Büorstobindar, Klamporar (Spengler), Flaschnar (ebenfalls Spengler), Hafnar (Töpfer), Glasar, Seogar (Säger), Zimborar (Zimmermann), Draiar (Dreher, Drechsler), Gabolmachar (Heugeschirrmacher), Mühlemachar, Maschinomachar (Mechaniker für Stickmaschinen), Sargmachar, Schmiod, Hammorschmiod, Naglar (Nagelschmied). Auch weniger geläufige Berufe blieben in Hausnamen erhalten: Flötzar (Flößer), Zioglar, Weogmachar, Finanzar, Bot (Bote, auch Einkäufer), Kamplar (Kammacher), Wandorlehrar (Stickereifachlehrer), Zeichnar (Musterzeichner), Rasiorar, Postmoastor, Stoahouar (Steinmetz), Loamar (Lehmkneter, auch Verputzer), Feogar (Kaminkehrer), Musar (Mäusefänger), Schütz (Jäger), Huotmachar, Bahwächtar (Bahnwärter), Nummorant (Versicherungsvertreter), Sack-Waibol (Handel mit Säcken), Kunsümmlar (Konsum-Verwalter), Lädolar (Ladenbesitzer), Kiorchomoastor (Aufseher in der Kirche), Uhrowible (Maria Stadelmann konnte Uhren reparieren), Armo-Vattor (Armenvater im Auftrag der Gemeinde). Besonders wichtig waren all die vielen Wirte. Sehr häufig behielten Familien von Angehörigen den Wirtsnamen: Schwanowiorts, Rößlewiorts, Engolwiorts, Trubowiorts, Lammwiorts, Hiorschowiorts, Steonnowiorts (für Böhler Hansirgos, Köbo Ferdeles und Fischer Johanns Familien), Kronowiorts, Löüowiorts, Adlarwiorts, Altadlarwiorts, Krützwiorts, Mohrowiorts, Studowiorts und früher noch einige andere. Schöflewiorts stammen aus dem Lauteracher Schäfle, Sunnowiorts Hans aus der Kennelbacher Sonne. Als alte Hausnamen hören wir auch noch heute ausgeübte Berufe: Vorsteohar (Bürgermeister), Lehrar, Schlossar, Molar (Maler), Murar (Maurer), Schrinar (Schreiner, Tischler), Schnidar, Metzgar, Beck (Bäcker), Holzmüllar (der Müller im Holz), Instrumentomachar (für Blasmusik-Instrumente), Doktor (Arzt), Hebammar, Oarglar (Organist), Kapeollar (Kapellmeister). Einige Hausnamen sind nach langem Gebrauch für unser Ohr unverständlich (verballhornt) geworden: Sammars heißt eigentlich „s Ammas". Des Ammann Joseph Fischers Frau und Kinder wurden schon 1810 so bezeichnet. Sammüllars heißt „des Ammann Müllers". Ihr Stammvater Ammann Martin Müller lebte 1674 bis 1732. Vinälar soll nach der Familienüberlieferung eigentlich „Flaneller" bedeuten. Demnach hätte ein Vorfahre schon Flanell gewoben oder damit gehandelt. Vor 150 Jahren schrieb der Pfarrer noch „Vaneler". Recht ungewöhnlich ist, daß einige Schertler-Familien „Büros" genannt wurden. 23 D. Ortsangaben. Sie enthalten entweder die Lage des Hauses im Ort oder die Herkunft des Besitzers. In Wolfurt: Hellbur (Parzelle Höll), Frickoneschar, Hindorfeoldar, Baholzar, Toblar, Stöoglar (Steig), Haldobuob, Schloßbur, Mändles im Kessol, Marteles im Lo (Loch ist ein Ortsteil von Rickenbach. Es gibt aber auch ein Loch im Kirchdorf), Lohansolar („Hans im Lo", Johann Gmeiner, starb 1829 in Rickenbach-Loch. Sein Schwiegersohn Joh. Mathias Bernhard übernahm den Hausnamen), Studowiort (Johann Bereuter erbaute 1909 in den Stauden im Ried den Gasthof „Hohe Brücke"), Holzar, Holzarschmiod, Holzmüllar, Kessolmüllar. Vom Steußberg: Mehrere Wolfurter Familien trugen den Hausnamen „Buochar", andere wurden „Beorgar" genannt. Berg ist der alte Name für Bildstein. Von dort stammen auch die Gallar (aus Gallin in Oberbildstein), Goaßbiorar (Geißbirn), Knoblar (Knobel), Sackburos, Dello-Korles und Dello-Sepplos (Dellen). Oachobeorgars Stammvater Johann Dür kam 1862 von Eichenberg, war aber nach Möggers zuständig. Tambeorgars haben ihren Hausnamen von Josef Anton Huber, der 1878 aus Lech am Tannberg hier einzog. Embsars nannte man die Familie Mathis aus Hohenems, die seit 1882 am Fuß des Hexenbühels wohnte. Mehr als 200 Jahre hat sich der Name „Tirolar" für eine Wolfurter Schwerzler-Familie gehalten. Schon 1751 hatte Johannes Winkler aus Rodenegg in Tirol nach Wolfurt geheiratet. Als 1786 Hansirg Schwerzler, der älteste von Felixos sieben Söhnen, Winklers Tochter Katharina ehelichte, bekam er seinen neuen Hausnamen. Mehrere Rückwandererfamilien wurden „Amerikanar" genannt. Als Wilhelm Albinger um 1930 sein großes Haus an der Wälderstraße baute, erhielt es von den Wolfurtern den Namen „Dollar-Palast" (mit der Betonung auf der zweiten Silbe!). E. Eigenschaften. Eher auf Einzelpersonen als auf Familien bezogen sich die folgenden Namen. Nur wenige wurden allgemein verwendet: der rieh Höfle, der lang Finanzar, der rot Stöckolar, der wiß Vinälar, Schwarz-Sepplos, Tschuppatone, der blind Scheoffkneocht, Katzo-Beppe, dio hörig Schuohmachare, Hollagoggol (Giggolar), Fixenatte, Heimat, Grabowattar, Lachokröttle, Büoblar. „FelsoKalb" nannten die Wolfurter den Seppatone Kalb, seit er sich von Kalb auf Fels hatte umtaufen lassen. Jeder von uns kennt noch ein paar andere solche Eigennamen. Daneben gab es natürlich auch noch schlimme Übernamen, die nur von gedankenlosen oder böswilligen Mitmenschen verwendet wurden, denn sie taten weh: Schilar, Schioggar, der schiof, der krumm, der stottorig, der glatzig, der oa-öüg, der schlappohrig, der bugglig ...und noch einige. Aus unserem heutigen Sprachgebrauch sind solche Namen - Gott sei Dank! - fast ganz verschwunden. Wenn ein Hausname allein nicht ausreichte, verwendete man mehrere gemeinsam: Murars Seppatones, Lehrars Seppatones, Steonnowiorts Hansirgos, Naiolars Hansirgos. Man mußte auch die verschiedenen „Schrinar" und „Küofar" unterscheiden: Schrinars uf om Bühol, Schrinars Hannos, Schrinar-Veres, Lutzo-Schrinars, Glasar-Windar, GlasarKlockar, Küofars im Röohle, Küofar-Köbs. Es fällt auf, daß in der patriarchalischen Gesellschaft unserer Großväter nur ganz wenige Frauen in Hausnamen verewigt wurden. Lutzos: Lutz Agatha aus Lauterach heiratete 1734 den Rickenbacher Hansirg Gmeiner. Ihre vielen Nachkommen heißen seither Lutzo-Gmeinar mit den Sippen Lutzo-Schrinar, Lutzo-Ferdes und Lislos. Lislos Stammhaus stand im Eulentobel und hatte seinen Namen von Elisabeth Fischer, die dort seit 1763 mit Anton Schwerzler verheiratet war. Seit nun 1841 Kaspar Gmeiner, Lutzos, im Eulentobel Lislos Enkelin Agatha ehelichte, trug die neue Familie den alten Namen Lisolar weiter. Noch ein anderer Lutzo-Schrinar bekam einen „weiblichen" Hausnamen. Ferdinand Gmeiner aus Schrinars Haus beim Kreuz in Rickenbach heiratete 1894 im Kirchdorf die Hebamme Johanna Schwerzler, Filitzos. Fortan wurde seine Familie „Hebammars" gerufen. Hebammars Sohn Ehrenfried ist 1932 als erster Wolfurter Opfer eines Autounfalls geworden. Allerlei Geschichten weiß die Überlieferung noch von „Vefos", den Nachkommen der Genovefa Böhler. Besonders Vefobuob Ruppert war weit über das Dorf hinaus bekannt. Als Hambadist Bernhard, Lohansos, vor mehr als 100 Jahren in zwei Ehen zweimal eine Barbara (Babel) Schwerzler heiratete, erhielten seine Nachkommen den Hausnamen „Bäbolar". Zwei Generationen später setzte sich aber wieder der ältere Name Lohansolar durch. Sonst blieben von den Frauennamen noch im Kirchdorf „Sofie im Lo", im Strohdorf „Knores Zischgele", im Spetenlehen „Kronowiorts Luzia" und in Rickenbach „Schlossars Elvira" und „Melko Senz" erhalten. Selbverständlich waren die Hausnamen auch einem ständigen Wandel unterzogen. So spaltete sich die riesige Familie der „Felixlar"-Schwerzler bald in die Äste der Dellomoosmüllar, Tirolar, Färbar, Büoblar, Hannes, Stenzlar und Toblar auf. Aus dem Ast der „Färbar" oder „Färbarles" lebte um 1880 der Maurer Josef Schwärzler (er schrieb sich jetzt mit ä!) mit seinen 13 Kindern an der Hub. Drei Söhne begründeten die neuen Linien der Schnidar-Schwärzlar, Liborats und Ludwigos. Aus der Sippe der „Gallar" spalteten sich „Schrinars uf om Bühol" und „Lehrars" ab. Lehrars teilten sich bald wieder auf in die Sippen Seppatones, Hilares, Meßmars, Engolbertos und Molars. „Disjockeles" haben ihren Namen von einem „Jockei", von Jakob Gmeiner, der 1731-1804 25 24 in Ferdeles Hus gegenüber vom heutigen Stern im Strohdorf wohnte. Seine Nachkommen spalteten sich in die Linien Wangars, Stoahouars und Knores auf. „Knore" ist ein Übername aus der goldenen Stickerzeit. Als Wangars einzige Tochter Anna Maria Gmeiner 1903 den späteren Vorsteher Ferdinand Köb heiratete, bekam Disjockeles Hus den neuen Namen „Ferdeles", und als Ferdinand Köb um 1925 für ein paar Jahre den Sternen übernommen hatte, trug das seiner Familie und dem Haus den jüngsten Hausnamen „Steonnowiorts" ein. Noch ein Namenswandel: Als eine Gmeinersippe aus Buch noch im Holz wohnte, wurde sie „Bernhardos" gerufen. Seit sich der Sohn Bernhardo Fidele im ehemaligen Gasthof „Linde" an der Unterlindenstraße niedergelassen hat, kennen wir „Fideles". Und für die Nachkommen drängt sich jetzt immer mehr der neue Name „Kartonaschars" auf. Bald werden diese Namen alle nur mehr Geschichte sein. Viele sind es schon jetzt. Im Telefonbuch sind die vielen Böhler, Köb und Mohr kaum zu unterscheiden. Im viel gelesenen Wolfurter „Blauen Buch" verschwinden die alten Namen unter der Flut von mehr als 1000 (!) neuen Geschlechtsnamen. Ob das mit ein Grund ist, daß sich heute so viele stolz zu ihrem „angestammten" Hausnamen bekennen? Längst ist keiner mehr beleidigt, wenn man ihn mit „Herr Sammer" oder mit „Herr Schloßbauer" anredet. Mit der folgenden Sammlung möchte ich einige Namen vor dem Vergessen bewahren. Manche davon habe ich in alten Gemeindebüchern gefunden. Andere haben mir interessierte Mitbürger, mit denen ich Gespräche geführt habe, aufgeschrieben. Sehr viele haben letztes Jahr die Hauptschüler gebracht, davon über 80 allein „Sammüllars Lorenzo Sepplo Atturos Isabel". Trotz allem Bemühen ist diese Sammlung aber sicher nicht vollständig! Bitte, schreiben Sie Ihre Ergänzungen dazu! Wolfurter Hausnamen Gereiht nach den D-Hausnummern (Siehe Häuserverzeichnis 1926 in Heimat 6, Seite 10!) Höll 1. Hell-Bur, Höll-Bur Ach 2. 3. 4. 297. 298. 301. Naglar Küonzos, Zehrar-Naiare Thalars Fridolinos Gigars, Kressars Naiolars Hambadist, Böglar Sohms, Sunnowiorts Hänsle 5. Stöoglar (früher Bäbolar) 300. Hammorschmiods Marte, Zwickles Hermann 6. Bosnien (Spottname für ein Gasthaus) 7. Hansmarteies (früher Flaschnars, Schifflewiorts) 8. Hohlo-Schnidar 319. Toblars Hans-Irg, Gitze-Mägges (von ihren Ziegen) 9. Schützo Franz 10. Paulos, Vinälars Marte (früher Irgobuobos) 11. Vinälars Seppl 12. Hammorschmiods 13. Sinzo Adolheit 291. Thalars Ferde, Bürstobindar 14. Hohlo Martes 15. Hohlo Fideles 16. Holzars Ronimus (abgebrannt 1908) 17. Schuohmachar Schwarz (früher Filitzo Hansirle, Salvaterra, Rupps Lädele) 303. Östorles a dr A, Dello-Korles Karle 18. Trubo, Trubowiorts, Faitele (Giovanni Fait hatte die Traube gebaut) 19. Vonachs (abgebrannt 1900) 294. Scheoffkneochts Bakus, Frickoneschars Kassian 20. Irgobuobos, Hörig Schuohmachare 21. Kapeollars Fränzle (früher Kressars) 22. Radiär, Wäldarhof 23. Scheoffkneochts Fridolin 24. Schindlarhus, Fabrikshus 25. Wachtars, Schädlars Thedoros Röhle 26. Hambadisto Jockl, Holzars Hambadist x. Schmiodto im Röohle x. Kalkhütto 27. Küofar Böhlars, Böhlar-Wibor 28. Schädlars Alfredos 29. Lohansolar, Bäbilis, Vef 30. Bildsteins Hansmarte, Kassians 31. Kapeollar, Vinälar 32. Zioglar, Schädlars Geobart, Seppl 33. Gigars Andrais, Rochuslar 34. Rößlewiorts Franz, Schmiods (Hier stand die erste Dür-Schmiede) 35. Hannes, Hannes Franz 36. s Ammas, Sammar 37. Schützo Mathisos 38. Sennare-i 39. Georbe, Georbars Emma 40. Georbe-Wohnhus (u.a. Schwarz-Sepplos, Feogars, Übolhörs, Bellmanns, Büocheles, Vefobuob, Holzars) 41. Engol, Engolwiorts Bühel, Oberfeld 42. Kaplo, Kaplohus 43. Schrinars 44. Hindoreggars, Vorsteohar 45. Villa, Lehrars Engolbert (früher Gallars) 46. Schrinars Stadol 47. Meßmars, Lehrars Johann 48. Hilares 296. Seppatones 49. Engolbertos, später bis 1921 Schwöstorohus 50. Jochums 51. Kloso Martes 52. Klions 53. Embsars, Schindlarhus 54. Beorgarhus 55. Soalar, Forstars, Braitschos 56. Pfarar, Pfarhus 57. Kiorcho Kirchdorf 58. Heims, Hanso Hus 59. Schwano, Schwanowiorts 60. Rößle, Rößlewiorts 61. Mohro Emile, Weogmachars (früher Felixos) Tobel 62. Naglar, Naglars Ludwigos 63. Klamporar, Räschles (früher Büros) 64. Toblar, Töbolar Kirchdorf 65. Schwöstora, Schwöstorohus, Hennostal 66. Tambeorgar (von Lech am Tannberg) 67. Hambadisto Geobart, Totogrebar 68. Giotschge (Girschke) 69. Rüstos 70. Stenzlar, Schloßburos, Tschuppatone 26 27 Beorgarhus im Oberfeld. Baltus Böhler vom Berg (Bildstein) hat es 1843 erbaut, 1944 ist es abgebrannt. Instrumentomachars Hus im Strohdorf. Davor die alte Werkstatt, links Frickoneschars, Molars und Steonnowiorts Ottonos Hus. 93. Heims, Hanso Josef (früher Küofar Haltmaior) 94. Beorgars Hannos (früher Mathisos, Lädolars) 95. Königs, Marxo Giobol (früher Düro Franzele) 96. Schloßburos 97. Schüorpfos, Sackbur 98. Forstars Konrad, Sammüllars Edowart 99. Strickars 100. Schellings 101. Naiolar, Lorenzle, Tirolare, Kalbs Ferdes 102. Rüsto Tones 103. Zwickles, Knoblars 104. Hindoreggars i dor Bütze, Weogmachars 105. Oachobeorgars Katrie (früher Düorobuobos) 106. Stülzes, Metzgar-Hannos, Tscheppo 107. 108. 109. 110. 339. 333. 111. 112. 113. 292. 114. Toblars Martes Schrinar-Veres, Schöflewiorts Franz Mohro Josefs Gabolmachar, Uhrowible Guldeschuohs Villa, Veres Bernhardos,Villa-Armin, Su-Biorar Thalars Josef Orglars, Musars, Schmiods-Katrinos Köbo Ferdes, Ferdinanda, Heimat Flatzolsidor Mohro Stase Halde 71. Klockars uffor Haldo (früher Holzars August) Schloß, Holz 72. Schloß, Schindlar 73. Holzmüllar 74. Holzar-Schmiod 75. Bernhardos, Wörzos, Paßlars x. Schmiodto im Holz 76. Bischofs (früher Hustors, Kustors Bühol) Hinterfeld 77. Hindorfeoldar, Kompatschar Kirchdorf 78. Mäschos 79. Öhes, Klions 80. Kalbs im Gässele, Felso-Kalb (abgebrochen 1911) 81. Kiorchbeorgars, Alta Schwano (ältestes Gasthaus im Kirchdorf) 82. Sammüllars x. Filitzos (abgebrochen 1895 im heutigen Schwanengarten) Loch 83. 84. 85. 86. 87. 88. 89. 90. Graningars (früher Oachobeorgars) Schloßburos im Lo Kolobanos Büoblar Giggolar, Hollagoggol Goaßbiorar, Maschinomachar Sofie, Georbe im Lo, (früher Feogars) Höfles (früher Veres) Bütze 91. Rädlars 92. Naiolars Hans-Irg, Hansirgos, Rüsto Eugenos Kirchdorf 115. Jockele-Schuohmachar 116. Kunsum (früher Sattlar Müllar) 117. Lammwiort, Metzg, Rüsto Mathis (früher Fischar) 118. Schlossars Julie, Holzars Geobart 119, Schrinar Hannos, Sargmachar Seppl (früher Büros) 29 28 Lutzo-Ferdes Hus wurde 1884 aus dem abgebrochenen Pfarrhof erstellt. Heute Muxels, Brühlstraße 30. Steonnowiorts um 1928 vor Gasthof und Kegelbahn. Rechts Altvorsteher Ferdinand Köb, in der Mitte seine Frau Wangars Marie mit Ferdeles Töchtern Resi, Barbara und Frieda und dem jüngsten Sohn Walter. Zwei unbekannte Gäste. Unterlinden 146. Guldeschuohs Rudolf 147. Thalars Marte (früher Nummorant Schneidarie) 148. Thalars Josef 149. Klockars, Brunnomoastor 150. Waibols Vizzenz 151. Altvorsteohars, Schuohmachars, Zeichnar 152. Schloßburos Strohdorf 153. Kaufmanns 154. Kalbs (Doppelhaus mit Nr. 153) 155. Schmiod-Böhlar, Schellings 156. Murars, Murars Seppatone 157. Rieh Höfle, Goldonkol 158. Doktor-Rohnars, Steonnowiorts Otto 159. Steonno, Steonnowiorts, Postmoastors 160. Schmiods, Schmiods Edowart 293. 358. 161. 162. 163. 164. 165. 166. 167. 168. Brauchles, Drogorie Voreinshus Zehrarmühle, Zehrars Marte Briofbot, Bot-Köb Albingars Schuol Disjockeles, Knores Zischgele Stoahouars Post, Postmoastors Disjockeles, Wangars, Ferdeles, Steonnowiorts Waltor 169. Molars 170. Hanebeorgs 171. Ratzars (früher Brauchles) 172. Simonis 173. Instrumentomachars (früher Feogar Albingar) 174. Frickoneschars, Schuohmachar Martele 175 u. 176. Salomoneum (uraltes Doppelhaus, abgebrochen 1920) 31 120. 121. 122. 123. 124. 341. 125. 126. 127. 128. 129. Schellings (1910 mit Nr. 119 vereinigt) Heitzos Metzgar-Reinar, Bot-Reinars Beorgars, Rasiorar-Wible, Agathle Lehrars Ludwig Rasiorar-Reinar, Bot-Reinars Gigars Fidele, Rochuslar, Gassars Engolbeort Reinars Mathis, (früher Goaßbiorar und Stülzes) Waldingars, Büocheles Attur (früher Hebammars) Hirscho, Hirschowirts Zilla Zoller 133. Fideles, Bernhardo Fideles, Kartonaschars (früher Lindowiorts, Märtolar) 134. Mohro Fidele 135. Mohro Geobart 136. Sattlar-Rohnars 137. Loamar 138. Blind-Scheoffkneocht, Agathle 139. Kiorchbeorgars 140. Gigars Finele, Rochuslar 141. Gigars Ludwigos 142. Draiars Seogo (früher Drechslerei Zuppinger, Hammorschmiods) 143. Bühlars Frickenesch 144. Flötzar, Frickoneschar 145. Wüostnars Unterlinden 130. Oachobeorgars 131. Schloßburos, Naglars Seppl (früher Feogars) 132. Haldobuob 30 186. Jockele-Windars, Windars Seppl (früher Lehrar-Höfles) Eulentobel 187. Simmas 188. Wohlgenannts, Brandplatz 189. Kressars Seppl (früher Stenzlars, Scheibles) 190. Wandorlehrar Gassar (früher Lislos) Hub 191. Soalars 192. Kassians, Wohlgenannts, Frickoneschars Johann 193. Glasars, Glasar Klockar 194. Albrechts 195. Küofar Köb, Sch


Heimat Wolfurt Heft 29 2006 September
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 29 Zeitschrift des Heimatkundekreises September 2006 Bild 1: Die Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Für ihre Sicherheit bezahlte der Kaiser mit dem Kellhof Wolfurt. Inhalt: 145. Die Staufer und der Kellhof 146. Rund um den Kirchplatz 147. Die Bregenzerstraße 148. Das Schwesternhaus 149. Der Buggenstein 150. St. Rochus und die Pest 151. Die Dornbirner Mohr 152. Haus Gunz in Rickenbach Bildnachweis Mohr Hubert Hinteregger Karl Heim Siegfried Köb Engelbert Schertler Rudolf Fischer Hannes Ost. Nat.-Bibl. Dornb. Schriften Sammlung Heim 3,10,14,16,19 8, 23, 31 4, 5, 7, 13, 15, 17, 20, 27, 29, 30, 31, 33, 37 9 12 24 1,2 34, 35 6, 12, 18, 21, 26, 28, 36, 38 Zuschriften und Ergänzungen Bitte! Nach der Aussendung des farbigen Sonderheftes „Die Schützen" legen wir diesem Heft 29 wieder einen Erlagschein für das Konto Heimatkundekreis 87 957 bei der Raiba Wolfurt (BLZ. 37 482) bei. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag unsere Anliegen zu unterstützen. In eigener Sache: Der Name „Wolfurt" Nach einigem Zögern habe ich mich entschlossen, nach dem Schützen-Heft Nr. 28 doch noch einmal ein weiteres Heimat-Heft folgen zu lassen. Mein besonderes Anliegen ist dabei der Beitrag über die Staufer. Nach vieljähriger Beschäftigung mit der Geschichte von Wolfurt und nach intensivem Studium von Akten und Pergamenten in verschiedensten Archiven fühle ich mich verpflichtet, zwei Sätze in den Wolfurter Büchern und in den Heimatkunde-Heften der Schüler zu berichtigen. Es geht um die Entstehung von Schloß Wolfurt und um die Herkunft des Namens Wolfurt. Über beides habe ich schon mehrfach geschrieben, etwa in Heft 24 unter „Wolford" oder in Heft 22 unter „Rickenbach". Die jetzige Wiederholung ist vor allem eine Einladung an die Heimatkunde-Lehrer, diese Sätze in ihre Vorbereitungen aufzunehmen! Ich selbst muß auch einige von meinen früheren Aussagen zu diesen Themen berichtigen. Filme Über „Kirchdorf und „Röhle" habe ich im letzten Jahr zwei Vorträge gehalten. Emil Büchele hat beide als Filme aufgenommen und mit vielen Fotos bereichert. Kopien sind unter den Titeln „Vom Schwanen bis zum Wälderhof' und „Das Dorf und die Dörfler" sehr preiswert im Gemeindeamt erhältlich. Dort gibt es auch noch die Film-Kassetten „Fleißzettel und Tatzen" über die Wolfurter Schulgeschichte und „Mönche und Ritter" über das Schloß. Fahrräder (Heft 27, S. 9) Elmar Eberle konnte die Hochrad-Fahrer auf Bild 4 nach einem ähnlichen Bild identifizieren. Es zeigt eine Fasnat-Ausfahrt im Jahre 1928. Von links: Martin Schwärzler (Klamporar), Wucher (ein Schreinerlehrling bei Rudolf Fischer), Seppl Köb (Sattlars Seppl von der Steig) und Siegfried Fischer (Schnidarles). Elmar besitzt als bekannter Bastler auch noch das ganz alte Mechaniker-Werkzeug, mit welchem sein Urgroßvater Josef Fischer (1823-1902) u.a. winzige Gewinde für die Fahrradspeichen schneiden konnte. Demnach hat der Schreiner Josef Fischer (Schnidarles) diese Hochräder selbst erzeugt. Noch lange blieb eines davon auf Eberles Dachboden erhalten, bis Elmar und Adalbert damit ihre Runden durch Strohdorf und Hub drehten und es schließlich demolierten. Andere Wolfurter wissen zu erzählen, wie sie schon um 1947 mit ihrem schweren Waffenrad rund ums Ländle fuhren und dabei das schwere Fahrzeug auf der Schulter über den steilen Pfad von Schröcken nach Hochkrumbach hinauf trugen. Bald genügte ihnen das nicht mehr. Ohne Gangschaltung überwanden sie Brenner und Reschen und sogar den gefürchteten Splügen in der Schweiz und rollten nach Neubestellungen Von den bisherigen Ausgaben von „Heimat Wolfurt" stehen noch die letzten zehn Hefte (Nr. 17 bis 28) in beschränkter Anzahl für Neubestellungen zur Verfügung, von älteren Heften nur mehr Einzelstücke. Bestellungen bitte mit Angabe der Adresse an die Schriftleitung. Keine weiteren Verpflichtungen! - Lediglich die Bitte um eine freiwillige Zuwendung. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Bozen, nach Mailand und sogar bis Venedig. Auf dem Gepäcksträger den Rucksack mit Schwarzbrot und ein paar Konservendosen zum Essen und eine alte MilitärZeltbahn zum Schlafen! O du gute alte Zeit! Ahnenforschung Viel Zeit und Eifer investieren immer wieder traditionsbewußte Leute in die Erforschung ihrer Sippen. Besonders genau machen das zum Beispiel Remigius Brauchle und Richard Gmeiner mit den langen Reihen der Kassiänler-Schertler, Gmeinder, Dür, Höfle, Rohner, Müller, Schelling, Kohler, Zehrer, Scheffknecht und von einigen anderen Familien, die auf weiten Wegen von Ober-Bildstein, Lauterach, Lustenau und aus dem Schwabenland in unser schönes Wolfurt gefunden haben. Auch für mich bleiben bei diesen Forschungen Überraschungen nicht aus. Schon mehrmals habe ich über die „Sammüller"-Böhler geschrieben und dabei erklärt, daß ihr uralter Hausname von ,,Ammann Müller", einem früheren Besitzer des Hauses an der Kellhofstraße stammt. Dieses Geschlecht sei 1915 mit dem Sattler Gebhard Müller erloschen, der sein Haus im Kirchdorf dem Konsum zur Verfügung gestellt hatte. Nun hat sich ein anderer „echter" Sam-Müller gemeldet, Arthur Müller, Jg. 1938, aus Frastanz. Sein Ahn Gebhard Müller, 1802-1864, war ein Enkel des Gotteshaus-Ammanns Johann Müller gewesen. Gebhards Mutter Katharina Blank, die auch die Ahnfrau der Sammüller-Böhler ist, war 1808 beim Wäsche-Waschen in der Ach ertrunken. Lies darüber in Heft 11, S. 19! Gebhard erlernte das Schmiede-Handwerk und gelangte als Handwerksbursch um 1820 nach Wangen im Allgäu, wo er eine Familie gründete. Von seinen Enkeln fand Franz Müller als Schuhmacher nach Nenzing. Dessen Enkel Arthur Müller hat nun in Wangen gesucht und dort den Weg zurück nach Wolfurt gefunden. Rohner-Familien (Heft 27, S. 29) Nicht nur in Wolfurt, sondern auch in Fußach und in Dornbirn ist dieser Beitrag auf Interesse gestoßen. Aus Dornbirn fragte Franz Wehinger, der ehemalige Leiter des Arbeitsamts, an. Er schickte interessante Fotos aus dem Stadtarchiv. Eines zeigt seinen Urgroßvater Joh. Kaspar Rohner, 1827-1915, mit Frau Katharina Dietrich und zwölf Kindern. Kaspar war ein Urenkel des 1709 noch in Wolfurt geborenen Johann Rohner aus dem Stamm der „ Orglar "-Rohner und lebte nun als Bauer auf Heilgenreuthe. Von seinen zwölf Kindern gehen viele Linien aus, eine davon auch zu „Rohners vom Bürgle" in Mühlebach. Aus dieser stammt der von seinem Wirken in Übersee und aus vielen Leserbriefen bekannte Pfarrer Helmut Theodor Rohner. Wolfurter Blut! Siegfried Heim Die Staufer und der Kellhof Aus dem mittelalterlichen Kellhof ist unser Kirchdorf hervorgegeangen. In mehreren Beiträgen habe ich seine Geschichte gestreift.1 Hier möchte ich das Wesentliche noch einmal zusammenfassen. Daß die mächtigen Stauferkaiser bei der Gründung von Kirche und Dorf Wolfurt Pate gestanden sind, hat mich überrascht. „Als Kaiser Rotbart lobesam zum heil'gen Land gezogen kam ..." Ganze Generationen von Schülern haben Uhlands berühmte Ballade im Ohr und den mächtigen Kaiser vor Augen. Friedrich Barbarossa wollte das zerfallenene Reich Karls des Großen wieder aufrichten und sammelte dazu Ritter aus ganz Europa unter seinen Fahnen. Sechs Kriegszüge führte er über die Alpen gegen die widerspenstigen reichen Städte in Italien. Seine Heere erlebten Triumphe und fürchterliche Niederlagen. Als der Kaiser dann auch noch einen Kreuzzug ins Heilige Land unternahm, starb er im Jahre 1190 ganz plötzlich bei einem Bad im türkischen Fluß Saleph. Das Volk in Deutschland, durch Jahrzehnte geblendet von des Kaisers Pracht und Macht, wollte aber seinen Tod nicht wahr haben. In den tiefen Karsthöhlen im Kyffhäuser harre er auf seine Wiederkunft, um dann das zersplitterte Reich zu einen. So erzählte bald die Sage. Wie aber kamen Kaiser Rotbart und das Geschlecht der Hohenstaufen zu ihrem Einfluß auf unser damals noch sehr kleines Dorf Wolfurt? Als die Grafen von Bregenz im 10. Jahrhundert ihren Besitz teilten, behielt die Bregenzer Linie das Schloß in der Oberstadt, in welchem 949 der Hl. Gebhard geboren worden war. Dazu gehörte auch fast das ganze Umland, darunter der für die Versorgung des Schlosses wichtige Hof Steig. Die Pfullendorfer Linie bekam dagegen Lindau und den Kellhof. Geteilt wurden auch die Pfarrkirche St. Gallus in Bregenz, die vielerlei große Einkünfte besaß, und der Bregenzerwald, dessen Besiedlung gerade begonnen hatte. Die Bregenzer übernahmen den Vorderwald mit Lingenau und Andelsbuch. Das Gebiet links der Ach, wo später Egg und Schwarzenberg entstanden, fiel dagegen an die Pfullendorfer. Damit wird klar, warum der Graf von Pfullendorf Wert auf den Kellhof gelegt hatte: der lag ja mitten im gegnerischen Gebiet. Er brauchte ihn als Ausgangspunkt und Verbindung zu seinen neuen Siedlungen hinter der Lorena. Als die Bregenzer ihren Besitz in Andelsbuch um 1085 mit dem Bau eines Klosters absicherten, taten die Pfullendorfer ähnliches mit dem Bau einer Kapelle St. Nikolaus auf dem Bühel oberhalb ihres Kellhofes. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen, besonders als im blutig ausgetragenen Investiturstreit die Pfullendorfer zusammen mit dem Kloster St. Gallen auf die Seite des Kaisers traten, die Bregenzer dagegen mit ihrem Kloster Mehrerau auf die Seite des Papstes. 5 4 Bild 2: Der Stauferkaiser Friedrich Barbarossa mit seinen Falknern. Bild 3: Pfarrkirche St. Nikolaus. An ihrem Platz stand schon um 1090 eine Kapelle. Neuer Streit begann um 1165 im Krieg um das Erbe des letzten Grafen von Bregenz zwischen Hugo von Tübingen und Rudolf von Pfullendorf. Jetzt griff Kaiser Friedrich Barbarossa ein. Er entschied den Kampf für die Pfullendorfer, die damit auch Herren von Bregenz und fast des ganzen Rheintals wurden. Dafür verpflichteten sie sich, den Kaiser auf seinem vierten Kriegszug nach Italien zu begleiten. So ritt also an des Kaisers Seite auch Rudolfs Sohn Berthold von Pfullendorf, für den als einzigen Erben die Grafschaft am Bodensee bestimmt war. Vor den Toren Roms errang das Stauferheer einen großen Sieg. Dann aber brach eine TyphusEpidemie aus, die mit zahlreichen Kriegern auch den jungen Berthold dahinraffte. Der Kaiser mußte über die Alpen fliehen. Jetzt überließ der alternde Graf Rudolf die kurz zuvor erworbene Grafschaft Bregenz seinem früheren Gegner Hugo. Seine Privatgüter aber, darunter Lindau, 6 den Kellhof und Schwarzenberg, übergab er dem Kaiser Friedrich Barbarossa. So wurden die Kapelle St. Nikolaus und die aufstrebende Ansiedlung am Fuß des Kirchbühels kaiserlich staufisches Gut.2 Bald danach dürfte Barbarossa um das Jahr 1180 seinen Besitz mit der Errichtung einer Burg zusätzlich befestigt haben. Nach damaligem Brauch gab er sie einem seiner Ritter als Lehen. Den Namen des ersten Burgherren kennen wir zwar nicht aus Dokumenten, wohl aber aus der Überlieferung. Als erster hat diese der Historiker Weizenegger um 1820 aufgeschrieben: „ daß die ursprünglichen Wollfurth im 13. Jahrhundert aus politischen Gründen Schottland verließen, und eigentlich den Namen M 'Dewr the Wolf ...führten. Sie sollen nach Italien gezogen seyn, und sich später in unserem Ländchen niedergelassen haben, wo ihr Name in Wolvesford 7 Bild 4: Schloß Wolfurt. Es wurde zu Barbarossas Zeit um 1180 gebaut. gewann. Aber Kaiser Heinrich starb schon mit 32 Jahren in Messina und wurde im Dom von Palermo begraben. Sein einziger Sohn war erst drei Jahre alt. In wechselvollen Kämpfen gegen aufsässige deutsche und italienische Fürsten und vor allem auch gegen die Päpste gewann der Heranwachsende aber schließlich doch das bereits verlorene „Heilige Römische Reich" wieder. Papst Honorius III. war ihm zunächst wohlgesinnt und krönte ihn sogar im Jahre 1220 in Rom als Friedrich IL zum Kaiser. Kurz zuvor hatte der Papst auch das den Staufern nahestehende Kloster Weißenau bei Ravensburg unter seinen besonderen Schutz genommen. Diese Papst-Urkunde vom 31. März 1219 ist die älteste, die den Namen „ Wolfurt" enthält.4 Unter den 72 dort genannten Besitzungen des Klosters ist das „predium in Wolfurt" die einzige im heutigen Vorarlberg. Aber schon wenige Jahre später vermittelte Weißenau einen viel wichtigeren Bezug der Staufer-Kaiser zu Wolfurt. Das Reich hatte keine feste Hauptstadt. Seine Schwerpunkte lagen in Aachen, Mainz, Bamberg und Straßburg, aber auch im burgundischen Arles, in Pavia, Neapel und Palermo. Wo der Kaiser gerade Hofhielt, war der Mittelpunkt des Reiches. Es war für ihn viel zu riskant, die Insignien seiner Macht, vor allem Szepter und Krone, ständig mit sich zu führen. Zu viele aufständische Konkurrenten strebten nach deren Besitz. Da vertraute er diese kostbaren Schätze den Mönchen von Kloster Weißenau an. Nun ruhten sie, bewacht von zwei Prämonstratenser Chorherren, mehrere Jahre lang verborgen auf der Waldburg in der Nähe von Weißenau. Für diesen unschätzbaren Dienst sollten die Mönche entsprechend entschädigt werden. Im Auftrag des Kaisers schenkte sein Sohn König Heinrich VII. dem Kloster im Jahre 1226 wertvollen Grundbesitz. Es bekam die dem Kaiser gehörige Pfullendorfer Hälfte der Pfarre St. Gallus in Bregenz und die Kapelle St. Nikolaus in Wolfurt. Daraus bezog es ab jetzt jährlich 250 Malter Getreide als Zehent, dazu 6000 Liter Wein und noch manches andere.5 Also: Der Kellhof Wolfurt war im Jahre 1226 ein Geschenk von Kaiser Friedrich II. an das Kloster Weißenau für die sichere Bewahrung der Krone! Wolfsführe - und nach und nach in Wolffurth überging."3 So überraschend genau ist der überlieferte Text, daß er sogar noch vom Zug des Ritters nach Italien berichtet. Wir dürfen also festhalten: Kaiser Friedrich Barbarossa hat um das Jahr 1180 den Ritter Wolford auf sein staufisches Schloß gesetzt. Hier liegt die Wurzel zum Namen unserer Gemeinde und keineswegs, wie bisher in den Schulen gelehrt, in einer „wohlen Furt" über die Ach. Der Kaiser hat dann 1186 noch einen letzten (den sechsten!) Kriegszug nach Italien geführt, ehe er auf dem Kreuzzug vom Tod ereilt wurde. Nachfolger wurde sein Sohn Heinrich VI., der in verlustreichen Kämpfen auch noch das Erbe seiner Frau Konstanze, das Königreich Sizilien, zu seinem nun übermächtigen Stauferreich 8 So wichtig war dem Kloster die neue Erwerbung, daß es sich die Schenkung noch mehrfach in weiteren Urkunden vom Kaiser selbst, vom Papst, vom Bischof und vom Herzog von Bayern bestätigen ließ. Der Geschenkgeber, König Heinrich, empörte sich übrigens 1232 gegen seinen kaiserlichen Vater. Er wurde von diesem gefangen und starb im Kerker. Nachfolger als deutscher König wurde sein jüngerer Bruder Konrad IV. Der hielt seinem Vater die Treue, auch als dieser vom neuen Papst Innozenz IV. mit dem Bannstrahl geächtet wurde. Seine Truppen überfielen und plünderten das päpstlich gesinnte Kloster Mehrerau. Jetzt erhielt auch dieses vom Papst am 17. September 1249 jenen großen Schutzbrief, in welchem unter 60 Orten erstmals die Steig und Rickenbach dokumentiert sind.6 9 Mit dem Tod von Kaiser Friedrich II. im Jahre 1250 schwand die Macht der Staufer. Sein Nachfolger Konrad IV. starb mit 26 Jahren schon 1254. Als letzter aus dem einstmals so stolzen Geschlecht wurde der 16jährige Enkel Konradin gar im Jahre 1268 in Neapel enthauptet. Der Kellhof aber blühte auf und entwickelte sich mit der zur Pfarrkirche erweiterten Kapelle St. Nikolaus zum Mittelpunkt der Gemeinde Wolfurt. Und die Krone? Die wunderbare, mehr als 1000 Jahre alte Kaiserkrone des Heiligen Römischen Reiches? Ein Reif aus acht massiv goldenen Platten mit aufgesetztem Kreuz und Bügel. Nach einem theologischen Konzept herrlich geschmückt mit Edelsteinen, Perlen und Emailarbeiten. Auf langen Umwegen gelangte sie im Jahre 1800 nach Wien. Der letzte „Römische Kaiser" Franz IL legte sie 1806 ab und barg sie in seiner Hofburg. Im „Dritten Reich" wurde sie 1938 nach Nürnberg entführt. Die Amerikaner brachten sie nach Wien zurück. Tausende Besucher ziehen jetzt in der Schatzkammer an ihr vorbei, halten staunend still und denken an Kaiserpracht und versunkenen Glanz. Siegfried Heim Rund um den Kirchplatz In den 80er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts glaubte man, unser altes Kirchdorf sei sterbenskrank. Der Dorfbrunnen war abgebrochen worden. Der Kirchplatz vom Autoverkehr überschwemmt. Viele Geschäfte und Gasthäuser geschlossen. Die alten Bauernhäuser den Zuwanderern aus fremden Ländern überlassen! Nun ist das Dorf um das Jahr 2000 aber wieder zu neuem Leben erweckt worden. Der große rote Platz bringt mit regelmäßigen Markttagen die Menschen zusammen. Neue Geschäfte, Arzt-Ordinationen und schöne Wohnungen ergeben ein anderes Bild. Ein Spielplatz, ein kleiner Bach, ein vielbeachtetes Spielzeug-Museum lassen wieder Kinderlachen hören. Aus dem Dorfbrunnen sprudelt frisches Wasser! Viel Mut, viel Arbeit und viel Geld waren für diese Erneuerung notwendig. Wir sind den Verantwortlichen unserer Gemeinde dankbar dafür. Wir dürfen auf unser Kirchdorf wieder stolz sein! Das Dorf hat eine lange und wechselhafte Geschichte. In vielen Beiträgen in unserer Zeitschrift habe ich darüber berichtet.1 Hier fasse ich das Wesentliche noch einmal zusammen. Eine Wiederholung für eifrige Leser, aber auch eine Einführung für jene, die die alten Hefte nicht besitzen! Zur Zeit von Christi Geburt führte am Talrand eine Römerstraße zur Furt über die Ach nach Brigantium. Um das Jahr 500 ließen sich alemannische Bauern am Tobelbach nieder. Hier fanden sie Holz für ihre Häuser, frisches Wasser und fruchtbaren Ackerboden. Etwa ab dem Jahr 1000 mußten einige Höfe im Umland die Grafen von Bregenz versorgen, darunter der „Hof zue Staig" in Rickenbach und der „Kelnhof" am Tobelbach. „Keller" ist ein altes Wort für „Verwalter". Von den Grafen von Bregenz fiel der Kellhof an die Grafen von Pfullendorf, dann an Kaiser Barbarossa und schließlich an das Kloster Weißenau. Lies darüber im Beitrag „Die Staufer und der Kellhof'! Der Kellhof erhielt in dieser Zeit eine Kapelle St. Nikolaus und das Schloß auf dem Bühel und auch den neuen Namen „ Wolfurt". Jetzt entwickelte er sich zum Kirchdorf. In der Kirche behielten die Weißenauer Mönche ihren Einfluß bis 1600. Der Kellhof aber wurde mit seinen zeitweise zweihundert Leibeigenen mehrfach verpfändet und verkauft. Er kam zuerst in den Besitz der Grafen von WerdenbergBludenz, dann 1402 für 1100 Goldgulden an Montfort-Bregenz und schließlich 1515 nach weiteren Verpfändungen an den bekannten Landsknechtführer Merk Sittich von Hohenems. Verpfändet und verkauft! Mit Frauen und Männern, mit Äckern und Wäldern, einfach verkauft!2 Das gleiche Schicksal hatte im Jahre 1451 auch die Hofsteiger getroffen. Als es deren Herrin, der Gräfin Elisabeth von Bregenz, an Geld mangelte, verkaufte sie ihre 11 1 Heim, „Wolford", Heimat Wolfurt, Heft 24 / 2000 und „Weißenau", Heimat Wolfurt, Heft 17/1996 Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs, I, S. 138 Weizenegger-Merkle, Vorarlberg, 2 / 1839, S. 350 Kopie abgedruckt in Info Wolfurt, April 2004, S. 16. Siehe auch VLA, Helbok-Regesten Nr. 353! Binder, 850 Jahre Weißenau, 1995, S. 248 und VLA, Helbok-Regesten Nr. 364 Heim, „ 750 Jahre Rickenbach ", Heimat Wolfurt, Heft 22 / 1999 und VLA, Helbok-Regesten Nr. 445 2 3 4 5 6 10 halbe Stadt samt Hofsteig an Sigismund den Münzreichen, den Habsburger Herzog von Tirol. Seither, seit 1451, gehört Rickenbach mit den-anderen Hofsteiger Dörfern zu Österreich. Nicht so der Kellhof! Der verblieb noch dreihundert Jahre lang unter der Herrschaft der reichsunmittelbaren Hohenemser Grafen. Erst im Jahre 1765, als deren Geschlecht im Mannesstamm ausstarb, fiel auch Hohenems mit seinen Besitzungen in Lustenau, Dornbirn und im Wolfurter Kellhof an den Kaiser und damit an Österreich. Gräfin Rebekka, die Tochter und Erbin, hatte nach Böhmen geheiratet. Nun machte sie ihre Rechte zu Geld. Im Jahre 1771 kauften vier angesehene Wolfurter für insgesamt 4500 Gulden die letzten Hohenemser Besitzungen frei, darunter die fast zwei Hektar große „Bütze", den von einer Mauer gegen Hochwasser geschützten Emser Weingarten. Bald danach wurden die Reben ausgerissen und zuerst Heims und dann Rädlers Haus in den ehemaligen Garten gebaut. Bei Rädlers Haus blieb ein Stück von der alten Mauer noch bis 1976 stehen. Schon lange vor Rebekkas Zeit waren die Grenzen zwischen den beiden Gerichten, zu denen sich die gräflichen Höfe entwickelt hatten, durchlässig geworden. Durch Heiraten hatten sich die Besitzverhältnisse geändert. Jetzt gehörten viele Dörfler zu Hofsteig, Kellhofer wohnten umgekehrt auch in Schwarzach, Kennelbach und in Langen. Jedes Jahr aber mußten sich die Kellhofer Männer zur Musterung vor dem Emser Grafen oder seinem Vogt bei der Standlaube neben der Kirchenstiege einfinden. Zu großen Festen, etwa zur Hochzeit des Grafen, mußten sie sich sogar mit ihren Waffen in Hohenems aufstellen.3 Die Neuzeit hatte begonnen. Dem Hofsteiger Ammann Sebastian Schnell, der drüben an der heutigen Schloßgasse wohnte, gelang es, die beiden eifersüchtigen Äbte von Mehrerau und Weißenau an einen Tisch zu bringen und zur Gründung einer selbständigen Pfarrei St. Nikolaus zu bewegen. Seit 1512 müssen die Wolfurter und mit ihnen auch die Bucher und Bildsteiner nicht mehr zum Sonntagsgottesdienst durch die Ach waten. Seither haben sie einen eigenen Taufstein und einen eigenen Friedhof! Noch einen weiteren Erfolg konnte Ammann Bascha Schnell für sich verbuchen. Der Schloßherr Junker Jakob von Wolfurt erlaubte ihm, die Quellen bei seinem Weinberg zu fassen und durch Düchel-Rohre zu einem Brunnen auf dem Dorfplatz zu leiten, zum allerersten Brunnen. Mehr als vierhundert Jahre lang versorgte dieser Brunnen nun das Dorf mit Trinkwasser für die wachsende Anzahl von Einwohnern und auch mit Wasser zum Tränken der Tiere. Allerdings schöpften viele Bauern weiterhin wie bisher ihr Wasser aus dem Tobelbach. Wenn klirrender Frost oder anhaltende Trockenheit den Bach versiegen ließen, kamen sie aber auch zum Genossenschafts-Brunnen und nutzten dort ihr Recht. Der älteste „Seelenbeschrieb" von 1760 hatte erst 56 Häuser und dazu Kirche und Pfarrhof zum Dorf gezählt. Nach der Verteilung der Äcker dehnte es sich aber jetzt schnell nach Norden ins Röhle-Feld, nach Süden fast bis Unterlinden und nach Westen weit in die Bütze hinab aus. 12 Bild 5: Der neue Brunnen auf dem Kirchplatz Nach den im Gemeindearchiv aufbewahrten Brunnenbriefen waren im Jahre 1816 bereits 71 Genossen zur Wasser-Entnahme am Dorfbrunnen berechtigt. Es wurde eng, wenn aus 51 Ställen 83 Kühe und 34 Pferde zur Tränke geführt wurden.4 Auffallend ist dabei die niedrige Zahl der Kühe und die hohe der Pferde. Die Pferde setzte man beim Getreide-Anbau ein, der damals noch die weitaus wichtigste Lebensgrundlage der Wolfurter war. Kühe nutzte man dagegen hauptsächlich zur Eigenversorgung der großen Familien mit Milch. Sennereien gab es in Wolfurt noch nicht. Um dem täglichen Gedränge am Brunnen auszuweichen, faßten immer mehr Bauern eigene Quellen am Berghang. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts verstanden es die Brunnenmacher auch schon, Pumpbrunnen ins Grundwasser zu setzen. Damit konnte man den steigenden Bedarf für die größer gewordenen Ställe, aber auch für Waschfrauen und Schnapsbrennereien decken. Große Angst hatte man weiterhin vor den Feuersbrünsten, die so manchen Hof in Schutt und Asche legten. Es muß ein gütiger Gott seine schützende Hand über die alten Holzhäuser im Dorfkern gehalten haben, daß es hier nie zu einer ganz großen Katastrophe gekommen ist. In jeder Küche loderte ja bis etwa 1850 ein offenes Feuer unter dem Kamin-Schurz. Löschwasser schöpfte man mit ledernen Kübeln aus dem Bach, wo Nachbarn mit Fallen das Wasser aufstauen konnten. Viel mehr als alle Schadensfeuer hat aber dann die moderne Zeit unter den alten Häusern gewütet. Dutzende von ihnen fielen der Spitzhacke zum Opfer, zerbrachen unter den Rammstößen der Bagger. Schließlich setzte in den letzten dreißig Jahren ein Umdenken ein. Von den allerletzten Rheintalhäusern wurden doch etliche behutsam renoviert und gelten heute als Schmuck der Gemeinde. Insgesamt 16 Häuser füllten früher einmal den Stock, das ist der Raum zwischen dem Dorfbrunnen und dem Kleinen Brunnen beim Kreuz an der Kreuzstraße, dicht aus. Davon stehen heute noch drei: der Alt Schwano, Sammüllars und s Schwöstoro-Hus. 13 Drei von 16! Die sind dafür alle drei vorbildlich hergerichtet worden. Weitere renovierte Häuser findet man noch ein paar an anderen Dorfstraßen. Mit den folgenden Zeilen will ich vor allem die alten und die verschwundenen Häuser ins Gedächtnis rufen. Mitten im Dorf stand einst am Rand des Kirchplatzes die hölzerne Laube, das ,,tanz-hus" (T). Unter ihrem Dach war der Platz für die öffentlichen Gerichtssitzungen und Beratungen. Nach dem Sonntags-Gottesdienst verkündigten der Ammann und sein Waibel wichtige Neuigkeiten und gaben die Anweisungen für die Arbeiten bei Saat und Ernte in der kommenden Woche. Die Laube bot aber auch Platz für den Tanz in der Fasnat und für allerlei Kurzweil. Das war der Grund, warum sie der überfromme Pfarrer Barraga im Jahre 1830 abbrechen ließ. Daneben stand „An der Kirchstiegen " das uralte „Hanso Hus". Dort hatte der Arzt Antonius Bildstein seine Praxis und die damit verbundene Barbierstube gehabt. Nun richtete sein Sohn Crispin Bildstein um 1770 hier den allerersten Kaufladen ein. Nach der Messe war er für die Hausfrauen geöffnet. Manche mußten ihre Schulden anschreiben lassen. Kunden aus Buch bezahlten oft mit Rebstecken oder mit Heugeschirr. 1928 wurde Hanso Hus zum Bau des Kriegerdenkmals abgebrochen. Auf der anderen Seite der Kirchstiege stand das stattliche Gasthaus „Rößle". Seine beste Zeit hatte es mit Bäckerei, Handlung und Tanzsaal ab 1850 unter der Wirtsfamilie Fidel Müller. 1982 wurde es abgebrochen, 1985 entstand hier das neue Pfarrheim. Gegenüber befand sich hinter dem Dorfbrunnen das älteste Gasthaus im Dorf, das man heute als den „Alten Schwanen" bezeichnet. In der dortigen Stube fanden die Sitzungen der Brunnengenossen statt. Im Jahre 1811 wurde hier unter der BayernHerrschaft auch die erste Vorsteherwahl in der fünf Jahre vorher neu errichteten Gemeinde Wolfurt durchgeführt. Als der Schwanenwirt Kalb später zusehen mußte, wie sein Konkurrent, der Rößlewirt Müller, mit Bäckerei und Handlung und mit neuen Gaststuben das Geschäft an sich riß, erbaute er 1860 auf dem Platz einer abgerissenen Nagelschmiede den „Neuen Schwanen". Hundert Jahre lang galt dieser nun als nobelstes Gasthaus im Dorf, besonders als die reichen Sticker im „Römerstüble" ihre ausgelassenen Treffen abhielten. Um 1970 mußte zuerst die Gaststube geschlossen werden. Zehn Jahre später wurde die stark erweiterte Handlung als Schwanenmarkt an die untere Kellhofstraße verlegt. Das stattliche Haus mit dem alten Schwanen-Schild blieb aber glücklicherweise erhalten. Das dritte Gasthaus am Kirchplatz war der „Engel". Der ehemalige Löwenwirt und Hofsteig-Ammann Joseph Fischer aus Rickenbach hatte dort um 1800 ein altes Haus gekauft und zu einem Gasthaus umgebaut. Hier hielt die 1816 gegründete Bürgermusik ihre ersten Proben ab. Mit den „Sammar"- und den „Alt-Adlerwirt"Fischer stammen bedeutende Familien aus diesem Haus. Zum Gasthof gehörten eine Kegelhalle und ein großer Gastgarten am gegenüberliegenden Hang. 1975 übersiedelte der Wirt in sein neues Hotel Engel. 14 Bild 6: Das Kirchdorf Wolfurt im Jahre 1760 Eine Skizze aus Heimat Wolfurt, Heft 6 /1990. Dort sind die einzelnen Häuser aufgezählt. Der Pfarrer hatte im „Seelenbeschrieb" für den Steuerkataster der Kaiserin Maria Theresia alle Straßen und Häuser und alle Einwohner aufschreiben müssen. Das im Pfarrhof erhaltene dicke Buch gibt einen ersten Überblick über unsere Gemeinde. Die Landstraße führte am Hang entlang zum Tanzhaus (T) am Fuß der Kirchenstiege und dann über das Oberfeld zur Furt an der Ach. Die Numerierung beginnt bei der Kirche mit den 6 Häusern „Auf dem Bühel". Nach den 7 (hier fehlenden) Anwesen an der Ach setzt sich die Reihe im „Röhle" (beim heutigen „Engel") fort. Sie führt über „Loch" und „Berggasse" (heute Kellhofstraße), „Feldgasse" (Kreuzstraße) und „Gässele" ins „Tobel" und erreicht endlich „An der Kirchstiege" mit der Nr. 45 „Hanso Hus" beim Tanzhaus. Vom Dorfbrunnen weg folgen die Nummern jetzt der „Kirchgassen " in Richtung Unterlinden . Neben dem Dorfbrunnen (bei 47) gab es noch Gemeinschaftsbrunnen auf dem Bühel (bei 2), im Loch (bei 24), bei Stenzlers (54) und den Kleinen Brunnen (bei 57). 15 Bild 7: Kinder am neuen Bächlein Bild 8: Blick vom Kirchturm auf das Dorf An dessen Platz standen früher zu beiden Seiten der Straße „ im röle " die zwei großen Haltmayer-Gerbereien, die ihren Besitzer um 1870 zum reichsten Mann von Wolfurt gemacht hatten. Beide mußten ihren Betrieb später einstellen. In den riesigen Häusern wurden Miet-Quartiere eingerichtet. Zuletzt mußten sie neuen Häusern Platz machen. Abgebrochen wurde daneben 1982 auch die „Dörfler" Sennerei. Genau hundert Jahre vorher war sie über Betreiben von Oberlehrer Wendelin Rädler gebaut worden. Bis 1924 wurde hier die Milch aus der nördlichen Hälfte der Gemeinde zu Butter und Käse verarbeitet. Ab jetzt wurde sie für die Großmolkerei Dornbirn gesammelt. Gleich danach endete früher die Röhle-Straße am Vällenthor (V). Die Landstraße führte ja damals über das Oberfeld. Von dort aus sah man um 1760 noch ein unermeßlich großes Getreidefeld vom Bühel bis zu den Unterfeldern in der Lärche. Kein 16 einziges Haus bis zur Lauteracher Kirche, keines im heutigen Röhle, keines in der Bütze! Nur Getreide und das Buschwerk „ im Wida " an der Ach! Das Feld war in Drittel abgesteckt. Ein Drittel war mit „ Vesen " bebaut, das ist eine Weizenart, die man heute Dinkel nennt. Sie lieferte das Mehl für Brot, Mus und damals, bevor im Ried Mais angebaut wurde, auch für „Hafo-Loab". Das zweite Drittel trug Hafer für „Habor "-Suppe und „Habor-Stopfar". Das dritte Drittel lag brach. Es sollte sich bis zur nächsten Einsaat erholen. Ammann, Dorfmeister und der „Banwart" regelten die gemeinsam von allen Dorfgenossen durchgeführte Arbeit bei Saat und Ernte. Sie sorgten auch für die Abfuhr des Zehents an den Vogt und an das Kloster Mehrerau. Bis ins 18. Jahrhundert hatte sich diese Dreifelder-Wirtschaft bewährt. Dann waren Felder und Wälder an die einzelnen Bauern verteilt worden. Bis zur Inselstraße und zu den „Löchern" (an der heutigen Loackerstraße) herein 17 reichte das mit Stauden bewachsene Flußbett der Ach, doch überflutete das Hochwasser nicht selten die Äcker bis in die Lärche und bis zur Laüteracher Kirche. Erst 1771 ließ Kaiserin Maria Theresia den Schutzdamm errichten, der viel später zur Achstraße ausgebaut wurde. Und die Straßen? An der Stelle der heutigen Bregenzerstraße und der Bützestraße führten grasbewachsene „Bau-Gaßen " in die Äcker hinein, aber der Zutritt war bis zur Erntezeit durch die großen Gatter der „ Vällenthore " versperrt. Ab 1800 wurden noch in der Bayernzeit ein paar Häuser in das Röhle-Feld gebaut. Bald danach stellten die Familien Dür, Schertler und Klocker je eine Ziegelei in die Insel hinaus. Als „Iosol" bezeichnete man das ursprünglich wertlose StaudenVorland an der Ach, das man mit Maria Theresias Damm dem Fluß abgerungen hatte. Zu jeder Ziegelei gehörte auch ein großer Kalk-Brennofen. Am Damm stapelten die Flößer riesige Mengen Holz aus dem Bregenzerwald als Brennmaterial auf. Der Lehm wurde in den Lehmlöchern im Flotzbach gegraben und mit Pferdefuhrwerken an die Ach geführt. Der mühsame Umweg über das Oberfeld machte eine direkte Zufahrt durch das Röhlefeld notwendig. Daher wurde um das Jahr 1820 eine neue Straße gebaut, die heutige Bregenzerstraße. Etwa 1830 entwickelte sich auch die Bützestraße zu einer zweiten Zufahrtsstraße zu den Ziegeleien. Als die Schertler um 1880 eine ganz moderne neue Ziegelei im Flotzbach geschaffen hatten, mußten die drei alten bald schließen. An der Ach blieb nur das Geschäft mit dem Kalk und später mit Zementwaren. Aus der ursprünglichen SchertlerZiegelei und ihrer Kalkhütte entwickelte sich die Firma Baustoffe-Rädler. Inzwischen waren die meisten Weingärten gerodet worden. Ab 1860 ging auch der Getreide-Anbau rapide zurück, weil preisgünstiges Getreide zum Bregenzer Kornmarkt eingeführt wurde. Die Landwirtschaft geriet in eine ernste Krise, aus welcher sie sich erst durch den Obstbau und die Intensivierung der Milchwirtschaft mit der Errichtung von Sennereien wieder einigermaßen erholte. Die ehemaligen Äcker rund um das Dorf verwandelten sich in Obstgärten und Heuwiesen. Jetzt zurück ins Kirchdorf! Dort war auch die „ Berggaßen ", die heutige Kellhofstraße, mit einem Vällenthor beim Bütze-Weingarten gegen das Ackerfeld verschlossen. Es gab aber bereits einen Weg nach Lauterach und den „Bregenzer Weg" auf der heutigen Montfortstraße schräg durch Felder und Stauden-Vorland zur einzigen Brücke über die Ach in Lauterach. An der Berggasse brach Kaspar Gmeiner 1776 das oberste Haus beim Brunnen ab und stellte es weiter unten im damals noch freien Feld neu auf. Ergänzt mit einem Stadel steht es noch heute (Kellhofstraße 11, Mohrs). Schon früher hatte ein einzelnes Haus außerhalb des Vällenthores (Nr. 30, Bützestraße 1, Stülzes) die Besiedlung der Bütze eingeleitet. Am westlichen Teil der „Berggasse" stehen noch ein paar von den alten Häusern, darunter der am Giebel mit den allerschönsten Zimmermannsarbeiten geschmückte alte „Kunsum". In dem bereits 1779 erbauten Haus hatte der Arbeiter-Verein 1903 18 Bild 9: Die Berggasse 1890. Wandbild von E. Köb im Schwanen. Links s Wäschhütlle und Filitzos Hus Bild 10: Dr. Lorenz Böhlers Geburtshaus einen preisgünstigen Verkaufsladen eingerichtet, der 1938 zum weitaus größten und modernsten Gemischtwaren-Geschäft der Gemeinde erweitert wurde. Wie viele andere Läden ist auch der Konsum längst geschlossen. Ein Stück weiter unten mußte 1976 mit Rädlers Haus ein besonders schönes Bauernhaus samt dem letzten Stück der Weinberg-Mauer dem Neubau des Schwanenmarktes und der Raiffeisenbank weichen. Unterhalb der Weg-Abzweigung ins „Loch" (Im Dorf) hatten die Dörfler eine Waschhütte gebaut, in welcher das saubere Überwasser des Dorfbrunnens den Hausfrauen zur Verfügung stand. Eine zweite solche Waschhütte stand droben auf dem Bühel. Dort wurde auch Schnaps gebrannt. Auf der Südseite der Kellhofstraße steht noch, ganz nahe beim Alten Schwanen und 19 Bild 12: Gasthaus Lamm um 1930. Gemalt von Rudolf Schertler. Bild 11: Dörfler Konsum um 1935 Bild 13: Das Mohr-Haus an der Kellhofstraße. Es wurde 1776 aus dem Kirchdorf hierher übertragen. wie dieser schön restauriert, das „Sammüller "-Haus. Es trägt seinen Namen nun schon mehr als 250 Jahre lang vom Gotteshaus-Ammann Nikolaus Müller. In der Wohnung über der damals angebauten Schreinerei wurde 1885 unser Ehrenbürger Prof. Dr. Lorenz Böhler, „ Sammüllars Lorenz ", geboren. An der Ecke zur Kreuzstraße stand früher der Gasthof „Lamm ": Der Lohnmetzger Gebhard Fischer hatte um 1880 hier das allererste Metzgerei-Lokal von Wolfurt eingerichtet, in welchem er Fleisch und Wurst an die zunehmend nicht-bäuerliche Bevölkerung verkaufte, die in den „ Quartieren " der großen Häuser wohnte und ihren meist kargen Verdienst in der Fabrik in Kennelbach erarbeitete. 1962 ist das Lamm abgebrannt. Im großen Neubau wurde das Gastlokal „ Klim-Bim " eingerichtet. Wo die Kreuzstraße an ihrem Südende bei einem großen Wegkreuz in die Kirchstraße einmündet, war früher einmal das Ende des Dorfes gewesen. Das gemeinsam 20 Bild 14: Das Rädler-Haus. Vorne die Mauer des Emser Weingartens. 21 Bild 15: Rasiorars Hus an der Kurve. Links das Heitz-Haus. bewirtschaftete Feld westlich der zur „Kirchstraßen" gewordenen ehemaligen Römerstraße war durch Jahrhunderte gegen Verbauung geschützt. Im 18. Jahrhundert setzten sich einflußreiche Bürger über die alten Gesetze hinweg. Als erster baute der Hofsteig-Ammann Jerg Rohner beim Kreuz einen großen Hof und eröffnete darin ein Gasthaus. Dort soll nach der Legende einmal Kaiser Josef II. genächtigt haben, als er inkognito sein Reich bereiste.5 Vor dem Haus stellte der Wirt einen eigenen Brunnen auf, für welchen er Wasser von der Zuleitung zum Dorfbrunnen abzweigte. Der stolze Hof, damals der größte in der Gemeinde, ist 1869 abgebrannt. Im Jahre 1957 mußte auch der „Kleine Brunnen" dem zunehmenden Autoverkehr weichen. Gegenüber waren 1937 die zwei alten Häuser des Wagners Heitz und des Metzgers Reiner abgebrannt. Wegen der Beengtheit des Platzes versagte die Gemeinde die Erlaubnis zum Wiederaufbau. So legten die Geschwister Heitz beide Brandplätze zusammen und stellten darauf das übergroße Haus, das seither den Südeingang zum Kirchdorf dominiert. Im Erdgeschoß bauten die Brüder drei Werkstätten ein. Längst sind diese geschlossen und haben Platz gemacht für kleine Geschäftslokale. Noch weiter im Süden durfte man eigentlich nur auf der Bergseite der Kirchstraße bauen. Zu einem Doppelhaus zusammengezwängt standen dort weit abseits schon um 1700 zwei bescheidene Häuser. Sie wechselten alle paar Jahre die Besitzer. Nach dreihundert Jahren stehen die unverwüstlichen Zwillinge noch immer fest auf ihrem felsigen Grund und bieten Raum für junge Familien. Eines wurde in den letzten Jahren von Grund auf renoviert (Zilla Zollers). Noch einmal zurück ins Dorf! Im großen Rank an der Kirchstraße steht seit 1746 das bis heute fast unverändert gebliebene „Rochusles Hus". Daneben hat 1772 der reiche Ornath-Händler Gallus Fidel Gantner aus Feldkirch sein schönes Haus gebaut. Viel später hat dort „Rasiorars Agathle" ihren Kundschaften die Haare frisiert oder schon am Sonntag-Vormittag die Barte gestutzt. An der Ecke zur Schloßgasse erinnert uns ein besonders originelles Doppelhaus daran, wie knapp bemessen der Baugrund im Dorf einst gewesen ist. Die Westhälfte heißt man „Stenzlars Hus". Hier, wo einst das kleine Halden-Bächlein zum Tobelbach abgeleitet wurde, wohnte um 1500 der Ammann Bascha Schnell. Das Haus ist aber sicher jünger. Nach der Überlieferung soll es sogar einmal ein Gasthaus gewesen sein. Seinen Namen hat es von der Witwe Schwerzler, geborene Stenzel, die hier allein ihre Kinder aufzog. Ein Stück weiter in Richtung Kirche steht „ Tannbergers ", das seinen Namen von einem Josef Anton Huber aus Lech am Tannberg trägt. Vor ihm besaß es 1873 der böhmische Schneider Franz Eiselt, der 33 (!) Schlafstellen für arme Gastarbeiter einrichtete und damit viel Geld verdiente. Ein paar von den allerältesten Häusern drücken sich noch „Im Tobel" zusammen. Den Südhang deckte bis zum Jahre 1900 mit Pfarrers Rebgarten der letzte Weinberg in Wolfurt. Von der Friedhofmauer weg, wo sie ihren ersten Schießstand aufgestellt 23 Bild 16: An der Kirchstraße 1970. Tannbergars, Gitschges, Rüstos und Stenzlars. Bild 17: Mohro Emiles und der Alt Schwano, 1995 22 hatten, erprobten ab 1838 die Wolfurter Schützen ihre Vorderlader-Stutzen. Der Zielstock stand auf dem Bühel gegenüber. Beim Schwesternhaus beenden wir unseren Rundgang durch das Dorf. Der Schuhmacher Weiß hatte es 1921 den Schulschwestern vermacht. Darüber berichtet ein eigener Artikel. Auch die vielen anderen, an denen wir vorbei gegangen sind, könnten uns jedes eine eigene Geschichte erzählen! Siegfried Heim Die Besiedlung der Bregenzerstraße Das Röhle-Getreidefeld war schon vor 1750 aufgeteilt worden. Aber erst die um 1820 neu angelegte Straße am Fuße des Oberfelds machte eine Besiedlung möglich. Bis 1750 war ein Dür-Haus (Bregenzerstr. 7, Schützo-Mathisos) das äußerste nördliche Gebäude des Kirchdorfs gewesen, direkt neben dem Vällenthor zum Getreidefeld. Als erster überschritt 1752 Joseph Vonach diese uralte Grenze und baute sein neues Haus an den Vorsprung des „Röhle", an den steilen „kleinen Rain". Er überließ es später seinem Schwiegersohn Johannes Dür, der mit seinen vielen Kindern bald danach die Besiedlung von Röhle und Ach vorantrieb. Das Dür-Stammhaus steht noch heute, vor wenigen Jahren renoviert, als „Hannes Franzos" (Breg.str. 6). Erst 1802 erhielt es in Joh. Georg Klocker den ersten Nachbarn, den Stammvater der „Strickar"-Klocker. (Breg.str. 8, „Gigars im Röohle"). Damals führte die Landstraße ja noch über das Oberfeld und umging damit das Röhle-Feld. Erst weit im Norden senkte sie sich wieder zu den sieben alten Häusern an der Ach und erreichte dort als erstes das kleine Klocker-Haus (Breg.str. 31, Wachters). Das dritte Haus im Röhle erbaute 1805 Franz Josef Dür, ein Sohn des Johannes (Breg.str. 10, Kapeollars). Er begann nach den Franzosen-Kriegen mit dem Ziegelbrennen an der Ach. Sein jüngerer Bruder Lorenz Dür hatte das SchmiedeHandwerk erlernt. Er stellte 1812 auf der anderen Seite des Weges eine Werkstatt ins Feld und baute dazu ein Jahr später ebenfalls ein Haus (Breg.str. 11, Schorrers). Seine tüchtigen Söhne verlegten 1848 die Schmiede nach Rickenbach und schufen dort das Stammwerk der Firma Doppelmayr. Schon 1814 kam dann auch Josef Anton Schertler, ein Sohn des legendären Schützenmajors Jakob Schertler, aus Unterlinden und erbaute genau vis-a-vis von Franz Josef Dür ein großes Haus (Breg.str. 15, Schertler I, „Schädlars Sepplos"). Mit einer zweiten Ziegelei an der Ach wurde er der große Konkurrent der Firma Dür. Gemeinsam setzten die beiden aber jetzt den Ausbau des bisherigen Ackerweges zu einer Fahrstraße durch das Röhlefeld bis zur Ach durch. Zwei Jahrhunderte lang galt die neue Straße neben der Bützestraße als die „Obere Straße". Als erste in Wolfurt wurde sie 1931 „geteert". Seit 1953 trägt sie den neuen Namen „Bregenzerstraße". 1964 konnte sie den unerträglich gewordenen DurchzugsVerkehr an die „untere" Straße abgeben. Am Nord-Ende der damals neuen oberen Straße hatte als erster der Küfer Johann Böhler 1822 die Verbindung für ein Haus genützt (Breg.str. 21, „Hann-Batistos"). Drinnen im Dorf stellten jetzt die Haltmayer 1818 und 1828 ihre beiden Gerbereien auf. Aus dem Gasthof Engel übersiedelte die Witwe Magdalena Schertler-Fischer 1835 in ihr neues Ausgedinge-Haus am Röhle-Rank (Breg.str. 9, „Sammars"). 25 1 Empfohlen seien besonders aus Heimat Wolfurt Heft 4, S. 54 Pfarrkirche St. Nikolaus Heft 6, S. 2 Das Kirchdorf Heft 13, S. 6 Hofsteig Heft 23, S. 6 Dorfbrunnen Nach Ludwig Welti, Kellnhof Wolfurt, LMV Jahrbuch 1952 Nach Ludwig Welti, Jakob Hannibal, Wagner-Innsbruck, 1954 Heim, Dorfbrunnen, Heimat Wolfurt, Heft 23, 1999 Heim, Ein Kuß für den Kaiser, Heimat Wolfurt, Heft 14, 1994 2 3 4 5 24 Nun war nur mehr in der Mitte des Feldes ein Stück frei geblieben. Hierher bauten 1836 der Wagner Fidel Bildstein von der Hub (Breg.str. 12, Kassians) und der DürSchwiegersohn Max Rusch aus Kennelbach (Breg.str 20, „Küofar Böhlars", jetzt Fuchs). Die letzte Lücke schloß 1843 Franz Josef Dür (Breg.str. 14 u. 16, Bernhards). Als 1852 noch die Ziegelei-Firma „Schertler u. Cie" ihr großes Geschäftshaus auf die Westseite der Straße gestellt hatte (Breg.str. 21, Schertler II, „Schädlars Alfredos "), war die Besiedlung des Röhle für viele Jahre abgeschlossen. Nur an den Hang kamen 1888 noch die Schertler-Kalkhütte und 1889 die BöhlerWagenschmiede. Nach langer Unterbrechung stellte nach dem Ersten Weltkrieg Fidel Schwerzler, Toblars Fidele, seine Zimmermanns-Werkstatt auf, die Alwin Fuchs einige Jahrzehnte später zu einem Wohnhaus umgestaltete (Breg.str. 18). Und um das Jahr 1930 erbaute Josef Lässer erstmals nach fast 70 Jahren wieder ein Wohnhaus (Breg.str. 23). Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte dann die ungehemmte Besiedlung der Felder ein, verbunden mit einer massiven Rodung der schönen Obstbaum-Bestände. Sogar der steile Berghang wurde schließlich bebaut. Das Bild an der Straße bestimmen aber immer noch die alten Rheintal-Häuser mit ihren hohen Giebeln. Mit großem Einsatz haben mutige Besitzer bereits die meisten renoviert und die Wohnungen der neuen Zeit angepaßt. Eine schöne Straße ist uns erhalten geblieben, die Bregenzerstraße im Röhle! Bild 21: Die alten Häuser im Röhle auf einem Katasterplan von 1857 26 27 Bild 18: Bregenzerstraße und alte Landstraße auf das Oberfeld 1931. Neuer Schwanen, Engel und Kegelhalle. Bild 22: Das Röhle im Schmuck der großen Birnbäume. Schädlars Sepplos, Kapeollars und Kassians. Bild 19: Die zum Mietshaus umgebaute ältere „Gerbe" von 1818. Dahinter die Sennerei von 1882. Bild 23: Hannes Franzos Hus wurde 1752 als erstes im Röhlefeld gebaut. Bild 20: Schützo-Mathisos und Sammars. Beide vorbildlich renoviert. Bild 24: Die Dür-Ziegelei um 1890. Ein Bild von Schnidarles Hannes. 28 29 Siegfried Heim Das Schwesternhaus An der engen Kurve der Kirchstraße hat die Gemeinde Wolfurt vor wenigen Jahren ein altes Rheintalhaus renoviert. Mit dem Schwesternhaus bleibt ein wichtiges Gebäude erhalten, das nach außen das Bild unseres Kirchdorfs wesentlich beeinflußt, das in sich aber auch eine beachtliche Tradition trägt. In den letzten 250 Jahren war es nacheinander Mesmar-Hus Klockar-Hus Naglar-Hus Schuohmachar-Hus Schwöstoro-Hus und nun ist es noch zum Spielzeug-Museum geworden! Im Stock Nahe am neuen roten Marktplatz, wo im letzten Jahrzehnt große Anstrengungen zur Wiederbelebung des Kirchdorfs ihre ersten Früchte getragen haben, wurde im Mai 2004 ein neues Wohn- und Geschäftshaus eröffnet, das die Wolfurter nach den neuen Mietern bereits „s Doktor-Hus" nennen. Zusammen mit dem benachbarten Schwesternhaus hat „ der Stock" dadurch eine weitere Veränderung seiner in langen Jahren arg abgebröckelten Fassaden erfahren. „Stock" ist der alte Name für das Dreieck zwischen Kellhofstraße, Kreuz- und Kirchstraße. Bei unzähligen feierlichen Aufmärschen und manchmal auch bei großen Begräbnissen zog man früher mit Musik und Fahnen „umm-o Stock" zum Kirchplatz und zur Kirche. Das Schwesternhaus wurde um das Jahr 1700 nahe bei Kirchplatz und Dorfbrunnen als Bauernhaus erbaut und übertraf damals an Größe die meisten Nachbarhäuser. Von Anfang an hatte es unter den Überschwemmungen des Töbele-Baches zu leiden. Nach Schlagwettern brach dieser oft an der Ecke des gegenüber liegenden RößleStadels aus. Seine schmutzigen Fluten prallten dann an die Straßenwand des Schwesternhauses und suchten sich auf beiden Seiten einen Weg durch die Gärten hinab in die Bütze. Erst vor etwa hundert Jahren wurde am Haus eine hohe Betonschwelle angebracht, die seither die Fluten auf die Kirchstraße ablenkte. Die letzten Überschwemmungen durch den wilden Bach haben noch um das Jahr 1940 jeweils einen großen See unterhalb der Kreuzstraße entstehen lassen. Alte Familien Der erste Besitzer des Schwesternhauses, den unsere Bücher in des Pfarrers Seelenbeschrieb von 1760 in „domus 49 an der Kirchgaßen" erfassen, war der Pfarr-Mesner Anton Fischer, 1718-1789. Auf dem steilen Pfad durch Pfarrers Weinberg im Töbele konnte der Mesner damals zu seinem Dienst in die alte kleine 31 Bild 25: Schädlars Alfredos. Als Zentrale der SchertlerZiegeleien 1852 erbaut. Bild 26: Die SchertlerKalkhütte, später Kalkwerk Rädler. Bild 27: Hann-Batisto Jockls Huf- und Wagenschmiede. 30 Pfarrkirche hinaufsteigen und dort regelmäßig die Glocke zum Gebet läuten. Anton Fischer gehörte dem angesehenen Geschlecht der Stöoglar-Fischer an, zu dem man auch die Seppar, Klosos und Schnidarles-Fischer zählt. Weil er kinderlos blieb, fiel das Haus an seine Stieftochter, die 1772 Anton Klocker geheiratet hatte. Damit wurde es zum wichtigsten Zentrum der Wolfurter Klocker. Von den acht Kindern begründete der Sohn Joh. Georg Klocker im Röhle mit der Nachbarstochter Franziska Reiner aus dem alten Schwanen die Sippe der Strickar-Klocker. Der jüngere Sohn Xaver Nikolaus heiratete mit Barbara Haltmayer aus dem Adler in Rickenbach ebenfalls eine reiche Wirtstochter und wurde der Stammvater der Soalar-Klocker. Die Glasar-Klocker stammen dagegen von Vater Antons jüngerem Bruder Josef Klocker. Das Haus an der Kirchstraße behielt der Sohn Josef Anton Klocker, 1783-1859. Dieser erbaute 1835 von hier aus eine große Ziegelei an der Ach und dazu das damals übergroße Haus Bützestraße 24 (Rohners). Das Elternhaus im Dorf wurde frei. Im Jahre 1843 übernahm es der einflußreiche Gemeinderat Johann Kalb, Naglars, und zog mit seiner großen Familie vom Strohdorf her hier ein. Später überließ er es seinem Sohn Gebhard Kalb, 1829-1878, von dem die vielen Naglar-Kalb-Familien an der Ach, in Unterlinden, in Schwarzach und auch in der Schweiz stammen. Alle aus diesem Haus! Wie in vielen anderen Bauernhäusern wurden jetzt auch im Schwesternhaus Mieter ins „ Quartier" aufgenommen. So lebte im oberen Stock durch längere Zeit die aus Rickenbach zugezogene Familie des Johann Mathias Bernhard, Lohansolars. Das Haus bekam im Jahre 1900 bereits seine fünfte Hausnummer. Nach des Pfarrers „domus 49" von 1760 hatte man aus steuerlichen Gründen bereits 1785 unter Kaiser Joseph II. die Nummer 50 und 1806 unter den Bayern die Nummer 25 auf den Türstock malen müssen. 1843 folgte die Nummer 51 und 1900 bei der letzten Durch-Numerierung der Gemeinde von der Ach bis Rickenbach die Nummer 64. Diese hielt nun bis zum Jahre 1954. Dann wurde sie beim Schwesternhaus durch die noch heute gültige Bezeichnung „Kirchstraße 45" ersetzt. Die Weiß-Stiftung Als Kalbs erwachsene Kinder das Elternhaus vor dem Jahr 1900 nach verschiedenen Richtungen verlassen hatten, konnte es der Schuhmachermeister Josef Weiß, 18681921, kaufen. Weiß stammte aus Lauterach und heiratete 1901 Maria Hinteregger. Sie war die älteste Tochter unter den 15 Kindern des Gemeinderats und Dorfmeisters Franz Hinteregger in der Bütze. Ihre Mutter war 1888 wenige Wochen nach der Geburt des 15. Kindes gestorben. So hatte Maria die Mutterstelle bei ihren vielen Geschwistern übernehmen müssen. Nun zog sie zu ihrem Mann ins Dorf. Weiß hatte in den Stadel des Hauses eine Schuhmacher-Werkstatt eingebaut. In einem kleinen Schaufenster an der Kirchstraße zeigte er die fertigen Schuhe. Über seine Arbeit hinaus war er auch politisch tätig. Schon 1899 war er einer der maßgeblichen Begründer des Katholischen 32 Bild 28: Das Stifterbild im Schwesternheim 33 Bild 29: Das Schwesternhaus 1989. Bild 30: Sr. Regina 1992 im Kreis ihrer Wolfurter Mitschwestern. Arbeitervereins gewesen. Bei der ersten Sitzung im Sternen hatten ihn die Wolfurter Arbeiter sogar zum Obmann gewählt. Im folgenden Jahr 1900 schaffte er für seinen Verein eine schöne Fahne an. Erst im Jahre 1904 konnte er das GemeindeBürgerrecht erwerben. Die kleine Rosa, das einzige Kind der Eheleute Weiß, starb schon im Alter von einem Monat. Die Wirschaftskrise am Ende des Ersten Weltkrieges traf den Schuhmacher schwer. Er erkrankte und starb, erst 52 Jahre alt, im Jänner 1921. Auch seine Frau Maria war todkrank. Als Pflegerin hatte sie ihre jüngere Schwester Paulina ins Haus genommen. Vor dem herbeigerufenen Pfarrer Stadelmann erstellte Maria Weiß, ganz im Sinne ihres Mannes, ein Testament. Darin stiftete sie ihr Haus den Schulschwestern als Wohnung. Diese hatten sich seit ihrem Einzug in Wolfurt im Jahre 1864 viele Jahre lang mit einer kümmerlichen Notwohnung im Schulhaus begnügen müssen, bis die Gemeinde für sie eine Wohnung im Haus Bucherstraße 3 mietete. Nun sollten sie endlich ein eigenes Haus bekommen. Grundbücherlich gehörten zum Haus ein großer Garten auf der anderen Seite der Straße, das Recht zur Nutzung des Tobelbaches und ein Anteil am Dorfbrunnen. Marias leibliche Schwester Paulina Hinteregger behielt das Wohnrecht in zwei rückwärtigen Zimmern. Die Schuhmacher-Werkstatt sollte der Jungfrauen-Kongregation zur Verfügung gestellt werden. Am 25. Jänner 1921 starb die Stifterin Maria Weiß, nur eine Woche nach dem Tod ihres Gatten. Nach dem Testament mußten ihre Verwandten vom Pfarrer mit einem BargeldBetrag abgefunden werden. Wegen der Geld-Entwertung durch die Inflation hatte man dafür 500 Schweizer Franken bestimmt. Als der Pfarrer diese Summe im notleidenden Wolfurt nicht auftreiben konnte, wandte er sich an Auswanderer in Amerika, darunter an den Pfarrer Theodor Rohner. Schon nach wenigen Wochen 34 traf eine viel größere Summe ein, die auch noch für den Umbau des Hauses ausreichte. Erster Verwalter des Stiftungsvermögens wurde ein Schwager der Stifterin, der Schreiner Rudolf Fischer, Schnidarles. Schwesternhaus Noch im Jahre 1921 zogen die Barmherzigen Schwestern Sebastina Oberhauser, Hildegund Gmeiner und Gisela Amann ein. Vom nunmehrigen „Schwesternhaus" aus setzten sie ihr segensreiches Wirken für Schule und Pfarrei Wolfurt fort. Nach dem Tod von Sr. Hildegund stieß 1932 noch Sr. Regina Pichler zu ihnen. Sie war die letzte Schwester, die das Haus bis 1992 bewohnte, begleitet und betreut von ihrer Helferin Zilla Zoller. Als dann auch Zilla die Wohnung räumte, blieb das Haus zehn Jahre lang leer. In die ehemalige Werkstatt war 1922 die damals sehr aktive JungfrauenKongregation eingezogen. Sie hielt hier ihre wöchentlichen Heimabende mit Gebet, Gesang und fröhlichem Gespräch ab. Dazu kamen Bildungsvorträge, Koch- und Näh-Kurse und Ausbildung in Kranken- und Säuglingspflege. Das rührige Treiben trug dem Mädchenheim bald den Spottnamen „Henno-Stal" ein. Auch die Pfarr-Bücherei fand hier einen Platz. Nach Beschlagnahme und „Säuberung" in der NS-Zeit wurde die Bücherei mit den übrig gebliebenen alten und einigen wertvollen neuen Büchern nach dem Krieg wieder eröffnet und war jetzt ein wichtiger Treffpunkt für die bildungshungrigen Wolfurter. Darüber hinaus verwendete die Gemeinde die Räume viele Jahre lang als Wahllokal für Gemeinde-, Landes- und Bundeswahlen. Streng mußte der Wahlleiter darauf achten, daß am Wahltag zuerst im näheren Umkreis die Wahlplakate entfernt wurden. In den Gasthäusern durfte kein Alkohol ausgeschenkt werden. Findige Wirte sollen allerdings für ihre Stammgäste immer wieder einen Ausweg gefunden haben. 35 Als die Gemeinde dann in den 60er-Jahren neue Schulen und ein Rathaus gebaut hatte, wurden für Vereine, Bücherei und natürlich auch als Wahllokal bessere Räume gefunden. Die Kongregation wandelte sich zur Jungschar und fand im neuen Pfarrheim Aufnahme. Jetzt blieb der „Henno-Stal" lange Zeit ungenutzt. Schon 1922 hatte sich die Gemeinde zur Erhaltung des Schwesternhauses verpflichtet. Nach dem Statut kann sie es aber, wenn es nicht für Schulschwestern oder einen anderen Orden beansprucht wird, einem gemeinnützigen Zweck zuführen. So wurde mit Zustimmung des Generalrats der Barmherzigen Schwestern in Innsbruck und von Stiftungskurator Dr. Franz Hinteregger im Jahre 1991 im Stadelteil des Hauses der Kindergarten Kirchdorf eingerichtet. Weil der Orden wegen des Mangels an Nachwuchs keine Rückkehr von Schwestern mehr in Aussicht stellen konnte, machte sich die Gemeinde nach Sr. Reginas Tod Gedanken um eine Verwendung der Wohnung. Zu viele von den alten typischen Häusern des Dorfes waren bereits verschwunden. Eine Revitalisierung der alten Bausubstanz erwies sich als schwierig und aufwendig. Trotzdem entschloß sich die Gemeinde mutig zu dem Schritt, nach dem Alten Schwanen auch noch das traditionsreiche Schwesternhaus, das Stammhaus vieler Wolfurter Familien, für die Nachwelt zu erhalten. Mit einem Aufwand von über 300 000 Euro wurden Wohnung und Dachboden saniert. Uraltes Gebälk und „gestrickte" Wände wurden dabei freigelegt und als Zeugnisse der Baukunst unserer Vorfahren dauerhaft sichtbar gemacht. Nun konnte Frau Iris Alge, die in jahrzehntelanger aufwendiger Sammeltätigkeit einen einmaligen Schatz zusammengetragen hatte, hier vom Keller bis zum Dachboden ein Puppen- und Spielzeug-Museum einzurichten. Die Gemeinde Wolfurt leistete damit einen bemerkenswerten Beitrag zur Rettung und Erhaltung alter Kulturgüter. Dazu wünschen wir Glück! Und dem uralten Haus noch viele Jahre! Siegfried Heim Der Buggenstein Wer über die Wolfurter Bühel wandert und einen Aussichtspunkt sucht, der findet einen der schönsten Plätze droben auf „Stöckelers Bühel". Wir Älteren nennen den langen grünen Rücken zwischen Kirche und Ippachwald meist noch „Jochums Bühel". In den alten Schriften heißt er aber seit mehr als fünfhundert Jahren der „Buggenstein ". In dem Namen steckt das alte Wort „Buggel" für einen nicht gerade hohen und abgerundeten Bühel. Er ist ja nur 478 Meter hoch, 57 Meter über dem Dorfplatz und 45 Meter über dem nahen Friedhof. Aber sein sanftes Grün vor dem dunklen Ippachwald prägt neben Kirche und Schloß doch die Ansicht unseres Dorfes ganz entscheidend mit. Wunderbar läßt es sich da droben in der milden Herbstsonne sitzen. Bald aber fegt dann wieder der West-Sturm über den Querriegel, der sich ihm als erstes Hindernis vor dem Steußberg entgegenstellt, und zerzaust die zähen Birken. Steil fällt die schattige Nordseite zur Neuen Bucherstraße ab. Die Sonnenseite neigt sich dagegen gemächlich zum kühlen Tobel und zur idyllischen Rütte. Dort zieht seit dem Mittelalter die Alte Bucherstraße durch. Sie erschließt den großen Ippachwald. Harder, Lauteracher und Wolfurter Fuhrleute versorgten lange Zeit auf diesem Weg ihre Dörfer mit Bau- und mit Brennholz. Manch Interessantes könnte uns der Buggenstein erzählen. Nach der Meinung von Museumsdirektor Prof. Elmar Vonbank dürften Grabungen auf seiner windgeschützten Seite vielleicht Funde aus der Steinzeit erbringen. Jedenfalls wäre dieser Platz, nahe beim Wald und beim frischen Wasser des Tobelbachs, für ein Lager der frühen Jäger sehr geeignet gewesen. Einen seltsamen Hinweis dazu gibt die unbestimmbare Überlieferung, daß auf dem inzwischen fast ganz überwachsenen Felsband an der Südostkante einst eingeritzte Zeichen zu sehen waren. Ins Licht der Geschichte tritt der Buggenstein am Ende des Mittelalters. Eine Pergament-Urkunde im Landesarchiv nennt den Namen erstmals im Jahre 1449. (VLA, Nr. 1096, nach Wolfurt in Chroniken, 1982). Damals tauschten die Wolfurter einen Meßkelch für ihre Kapelle St. Nikolaus ein und gaben dafür „ein stück feld ob der kirche auf dem Buggestain". Der größte Teil des Südhangs war einst mit Weinreben bepflanzt. Erhalten geblieben sind Urkunden von 1457 vom Weingarten lyt ob der Küchen uff dem buggenstain 1464 Gärtle und Reben am Buggenstain 1494 1 Juch Weingart zu Buggenstain 1597 Weingart an Buggenstain 1601 Rebgertlin in Buggenstain 1610 Kloster Mehrerauw Reben in Buggenstain (Nach Werner Vogt, Heimat Wolfurt, Heft 19, S. 9 f.) 37 36 Bild 31: Neben Kirche und Schloß prägt der grüne Rücken des Buggensteins das Bild von Wolfurt. Bild 32: BuggensteinSüdseite und Alte Bucherstraße Bis 1601 hatte ein Teil vom Buggenstein zur Kirche Wolfurt und damit zum Kloster Weißenau gehört. Jetzt waren diese Rechte für bares Geld an das reiche Kloster Mehrerau verkauft worden. (Heimat Wolfurt, Heft 17, S. 7) Seit dem Niedergang des Weinbaus gab es da oben noch ein paar Dinkel-Äcker, aber etwa ab 1870 nur mehr Viehweiden. Von einer Bebauung blieben die Hänge noch lange Zeit frei. Einzige Ausnahme waren Kirche, Friedhof und Pfarrhof „uff-om Roa", auf dem westlichsten Ausläufer des Buggensteins. Das allererste Haus am Nordfuß des Bühels (heute Bucherstraße 6, Stöcklers) erbaute im Jahre 1824 Joh. Gg. Gasser. Gasser war Waffenschmied an der Berggasse (Bucherstraße 1) gewesen und zog nun mit seiner Frau Magdalena Flatz, einer Schwester des berühmten Malers Gebhard Flatz, ins Oberfeld. Später besaß ihre Tochter Viktoria Gasser, die in Bregenz den Onkel Gebhard in seinen letzten Lebensjahren betreute, das Haus. Pächter und nachfolgende Eigentümer behielten den Hof meist wenige Jahre, weil der steile Bühel nur mit großer Mühe zu bewirtschaften war und nur geringen Ertrag einbrachte. Auf Kressers, die nach Lauterach zogen, folgte die Familie Rai, die 1924 nach Amerika auswanderte. Jetzt kam aus Lech Johann Jochum, der mit Frau und Töchtern viel Kraft aufwendete, um dem Hang mehr Gras abzugewinnen. Dazu schaffte er sogar eine starke Jauchepumpe an. Mit langen eisernen Rohren konnte er nun erstmals richtig düngen. Inzwischen hatte der Zimmermann Josef Anton Köb, „Lehrars Seppatone", im Jahre 1900 ganz nahe bei der Kirche sein schönes Haus (Bucherstraße 2) als zweites nach dem Gasser-Haus errichtet. Auf der rechten Seite der Alten Bucherstraße baute die Gemeinde dann 1911 ihren oberen Friedhof mit den Arkaden. Der Pfarrhof war schon 1882 erneuert worden. Jetzt kehrte noch einmal für viele Jahre Ruhe auf dem Buggenstein ein. 38 Das wurde 1952 mit einem Schlag anders. Die Gemeinde betonierte fast ganz oben auf „Jochums Bühel", genau 468 m ü. M., ihren ersten Wasserspeicher in den Fels, der für den nötigen Druck im Leitungsnetz des neuen Wasserwerks sorgen mußte. Jetzt konnte mit der Zersiedelung der Felder auch die Überbauung der Bühel beginnen. Architekt Ernst Hiesmayr und DI Otto Gruber waren die ersten, die die herrliche Aussicht vom Westhang des Buggensteins und die Ruhe am Waldrand höher einschätzten als die Probleme mit der schwierigen Zufahrt über die Rütti-Gasse. Ihre beiden Häuser waren mit Nr. 444 und 446 die allerletzten, die 1953 noch eine Hausnummer nach der alten D-Reihung bekamen (Rüttigasse 5 und 7, später Bildhauer Albrecht). Um diese Zeit erwarb Erich Stöckler den Hof samt dem großen Bühel. Immer mehr Siedler erkannten den hohen Wohnwert am Hang. Ganz am Ostende von „ Stöcklers Bühel" - so hieß der Buggenstein jetzt - begann der Bregenzer Textil-Fabrikant Benger mit dem Bau von zwei großen Landhäusern. Bald folgten mehr als ein Dutzend Häuser an der Bucherstraße und an der Rüttigasse. Der bis weit ins Tal sichtbare Rücken des Bühels und seine sonnige Südseite blieben aber - Gott sei Dank! - frei und grün. Auch die malerische Birken-Gruppe auf dem Kamm blieb erhalten. Von der oberen Rüttigasse steige ich manchmal die paar Schritte hinauf und setze mich ins Gras. Ich durfte auch schon Gruppen von Schülern und von heimatkundlich interessierten Wolfurtern dorthin führen und ihnen die Aussicht erklären. Zu Füßen liegen das Oberfeld und das Kirchdorf und ein buntes Häusermeer hinaus bis zu den Flußauen an der Bregenzerach. Dahinter grüßen Gebhardsberg und Kanzele mit ihrem roten Felsband. Rechts sieht man die Kennelbacher Kirche und neben ihrer Turmspitze die Kapelle auf der Halden. Nach Westen schweift der Blick an der Wolfurter Kirche vorbei zur Kirche von Lauterach und, nur mehr ganz klein am Bodensee-Ufer zu sehen, zum Kirchturm 39 von Hard. Bei klarer Sicht kann man im See hintereinander den langen Fußacher Rhein-Damm, den Rohrspitz und den Rheinspitz erkennen. Am Fuß der Schweizer Berge sieht man St. Margarethen, oben die Hoteldörfer Walzenhausen und Heiden. Hinter dem Rohrspitz springt am Schweizer Ufer Romanshorn weit in den See vor. Nur wenige Grad rechts davon, aber 50 Kilometer entfernt, liegt unsere ehemalige Bischofsstadt Konstanz. Ihren Münsterturm kann man nur an ausnahmsklaren Föhntagen ausmachen. Vom nahen Bregenz sind nur die Riedenburg und die Riedener Hochhäuser zu sehen. Mehrer


Wolfurt 2010 01 Frühling
Don, 10. März 2011 |



Heimat Wolfurt Heft 18 1996 Februar
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 18 Zeitschrift des Heimatkundekreises Februar 1997 Bild 1: Die Turmkugel hoch über dem Kirchdorf. Zuletzt wurde sie im Jahre 1985 von Spenglermeister Walter Schwerzler und Architekt Peter Konzet geöffnet. Inhalt: 83. Kriegsende 1945, Nachtrag 84. Aus der Kirchturmkugel 85. Ippachwald (1) 86. Einwanderer (3) 87. Soldatentod im Schnee 88. Ein Pergament Bildnachweis: Karl Hinteregger Bilder 1, 2, 21 Helmut Schertler 6, 8, 9, 11 Raimund Mohr 12 Siegfried Heim 5, 7, 10, 13, 14, 15 Sammlung Heim 3, 4, 16, 17, 18, 19, 20, 22 Zuschriften und Ergänzungen Fast ein ganzes Jahr hat es gedauert, bis auf Heft 17 nun endlich Heft 18 folgt. Aus einer Reihe von Anfragen war zu entnehmen, daß es mit Interesse erwartet wird. Mutterpfarre Weißenau (Heft 17, S. 4) Die Frauen der Pfarre Wolfurt nahmen diesen Beitrag zum Anlaß, ihren Sommerausflug 1996 nach Weißenau zu machen. Sie haben dort eine Führung durch die großartige Barockkirche bekommen und vor dem Heiligblut-Altar gebetet. Damit ist wohl ein Neuanfang für unsere fast 400 Jahre lang unterbrochenen Beziehungen zum Kloster Weißenau gemacht. Das Landesarchiv verwaltet noch etliche Urkunden zu Weißenau und Wolfurt: Am 5. September 1447 verlieh Abt Ulrich von Weißenau sein Klostergut auf dem Bühel zu Wolfurt an Ulrich Böler. Am 31. Juli 1573 verlieh Abt Michael von Weißenau das Gut, das vormals Peter Böler innehatte, gegen Entrichtung von Zehent und eines Drittels vom Kornertrag an Hans Schnell von Wolfurt. Mir ist übrigens in dem Artikel ein Fehler unterlaufen, für den ich mich entschuldigen möchte. Die Mönche von Weißenau standen in Konkurrenz mit den Benediktinern von Mehrerau, nicht mit den Zisterziensern. Das für unsere Pfarre noch weit wichtigere Kloster Mehrerau war seit seiner Gründung im Jahre 1097 (vielleicht schon ein paar Jahre früher) bis zu seiner Auflösung im Jahre 1806 eine Benediktinerabtei. Sein Einfluß auf Wolfurt und ganz Hofsteig bedarf noch einer eigenen Untersuchung. Die Zisterzienser kamen erst 1854 nach Mehrerau, nachdem man sie aus Wettingen in der Schweiz vertrieben hatte. Nachkriegsjahre 1945 -1949 (Heft 17, S. 9) Dieser Artikel von Burkhard Reis hat ein vielfältiges Echo gefunden und mit seinen interessanten Bildern zu mancher Diskussion angeregt. Es ist höchste Zeit, daß die noch lebenden Zeitzeugen ihr Wissen weiter geben. Wir sind für jede Notiz dankbar. Ernst Maurer bestätigt die Angaben über Ludwig Gmeiners unbrauchbar gemachtes Auto (S. 22). Er habe selbst als junger Arbeiter in der Mechan. Werkstätte Reimair in Lauterach den Keil neu gehärtet, allerdings nicht in einem Hochofen, sondern in einem speziellen Härtungsofen. Zur Ausweisung der Reichsdeutschen (S. 22) erinnert sich Ernst Maurer, daß er damals in seinem Heimatort Sulzberg-Eibelesmühle gemeinsam mit Bekannten mehrmals deutsche Staatsbürger samt Koffern voll Wäsche und Eßgeschirr über die Grenze nach Bayern geschmuggelt habe. Für Direktor Welter von den Bregenzer MichelWerken hätten sie sogar Möbel geschleppt. Umgekehrt wurden deutsche Soldatenbräute, einmal sogar mit einem Säugling, über die Grenze eingeschleust, damit sie 3 Danke ! Sehr viele Leser unserer Zeitschrift haben mit dem letztes Mal beigelegten Erlagschein Spenden auf unser Konto 87 957 Raiba Wolfurt einbezahlt. Allen sagen wir herzlichen Dank! Besonderen Dank auch der Gemeinde Wolfurt, die den beachtlichen Abgang trägt. Die Finanzgebarung des Heimatkundekreises wurde im Jänner 1997 durch Herrn Klocker vom Gemeindeamt überprüft und in Ordnung befunden. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim. Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard. A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H.. A-6922 Wolfurt hier ihre österreichischen Partner heiraten konnten. Vorerst war allerdigs nur eine geheime kirchliche Eheschließung möglich. Hildegund Mathis-Gmeiner berichtet, daß Franziska Gmeiner (Knores Zischgele, Jg. 1914) am 1. Mai 1945 eine Gruppe von Frauen und Mädchen zuerst in Rickenbach zu Bürgermeister Rohner und dann Richtung Dorf geführt habe. Sie riefen laut, sie wollten die Sprengung der Brücken verhindern und die friedliche Übergabe der Gemeinde erreichen. Hildegunds Vater, der gerade vom Hilfsgrenzdienst in Gaißau heimgekehrt war, verbot ihr das Mitgehen. Lina Schmid-Schwärzler wurde nach dem Einsatz im RAD zur Dienstleistung in der Hutfabrik Egg verpflichtet, wo man Elektroteile für die Rüstung fabrizierte. Das Bild von der Musterung des Jahrgangs 1918 (S. 34) wurde für viele zum Suchbild. Paul Schwerzler hat mir folgende Namen angegeben: Vorne sitzend v. 1.: Paul Schwerzler, Bütze; Johann Simioni, Strohdorf. Zweite Reihe v. 1.: Julius Amann, Postmeisters; Franz Mitterdorfer, Rickenbach (Sein jüngerer Bruder Mario ist 1943 gefallen); Karl Büchele, Schlatt; Erich Künz, Ach; Karl Rohner, Ach (gestorben schon 1939). Hinten v. 1.: Schöllnberger (ein jüngerer Bruder des Schneidermeisters Ernst Schöllnberger in der KellhofStraße); Anton Wolfgang, Rickenbach (gefallen 1945); unbekannt (vermutlich aus dem Wida). Der Jahrgang 1918 war mit 22 Geburten der zweitkleinste in unserem Jahrhundert. Weniger Kinder, nämlich 20, waren nur 1916 zur Welt gekommen, als die meisten Männer im Krieg waren. Georg Klettl hat mir ein paar Notizen vom Geschehen rund um das Vereinshaus 1945 gebracht. Er war damals als 15jähriger dort daheim: Ich erinnere mich noch daran, daß in Wolfurt ein RAD-Lager errichtet werden sollte. Dort wo jetzt das Heinzle-Haus in der Neudorfstraße steht, wurde der Rasen von RAD-Männern abgehoben und zu sauberen Würfeln aufgestapelt. Für uns Buben war der Aufmarsch der Männer am Morgen eine Sensation: blitzblanke Spaten, glänzende Stiefel, gute Disziplin. Es blieb aber beim Rasenabheben. Als sich die Front von Frankreich her dem Bodensee näherte, wurden im Vereinshaus 4 oder 5 LKW voll Werkzeug (Pickel, Schaufeln, Schlägel, hölzerne Schubkarren etc.) eingelagert. Es gehörte der Organisation Todt und war zum Bau von Befestigungsanlagen bestimmt. Nach wenigen Wochen wurde alles wieder abtransportiert. Bald darauf wurde auf der Nordseite des Vereinshauses ein Holzschuppen aufgestellt. Hinein kamen eine Gulaschkanone (Kochkessel) und ein großer Holztrog. Auch eine Pumpe und eine Wasserverteilung mit 5 Hahnen wurden installiert. Der große und der kleine Saal wurden mit Pritschen und Strohsäcken aus Papierspagat ausgelegt. Dann wurde im April 1945 die bisher in Schlünders im Südtirol stationierte Volkssturmabteilung hierher verlegt. Beim „Besensturm" waren Männer aus Bregenz und Umgebung, lauter ältere Semester. Unser Vater war auch dabei, natürlich als Sanitäter. Die Volkssturmmänner sollten bei der Verteidigung des Bodenseeufers in Hard zum Einsatz kommen. Ende April waren die Volksstürmler plötzlich nicht mehr da. An zwei Namen erinnere ich mich noch: Kommandant war der Schuldirektor Niederer aus Gaißau, Koch war ein Herr Rüscher aus Vorkloster. Dann kam der Einmarsch der Franzosen und Marokkaner mit gewaltigem Kriegsmaterial und unzähligen Mulis. Auf Instrumentenmachers Wiese beim Vereinshaus standen jede Menge Dodge und Jeeps (Autos), aber auch Kanonen und anderes Kriegsgerät. Die Panzer waren auf der Wälderstraße abgestellt. Viele hatten Käslaibe aufgeladen, die die Soldaten in den Käsereien im Allgäu erbeutet hatten. Eine große Anzahl Marokkaner schlief im großen Saal auf den vom Volkssturm verlassenen Pritschen. Drei Schmiede waren bei Schmied Köbs einquartiert. Sie hatten die Werkstatt beschlagnahmt und beschlugen nun dort ihre Mulis. Diese weideten in allen Feldern, am meisten unten in den Lehmlöchern. Die Marokkaner waren im allgemeinen diszipliniert. Sie wurden von den französischen Oberen strenge behandelt. Ich erinnere mich noch, daß unsere Mutter ihnen einen ganzen Einweckhafen voll Innereien kochen mußte. Ein fürchterlicher Gestank erfüllte unsere ganze Wohnung. Unvergeßlich! Ganz andere Erinnerungen verbindet Frau Gebhardine Ciaessens mit dem Kriegsende. Als Tochter von Bürgermeister Ludwig Hinteregger, der damals die Verantwortung für Wolfurt wieder übernahm, erhielt sie Einblick in das tragische Geschehen um die Kriegstoten in Wolfurt: Bei dem Tieffliegerangriff am Nachmittag des 1. Mai 1945 hörten meine Mama und ich den Einschlag im benachbarten Kaplanhaus. Im Hausgang wurde die 15 Jahre alte Luise Bilgeri getroffen, als sie in den Keller laufen wollte. Sie wurde über die Stiege hinab geschleudert. Eine Flüchtlingsfamilie, die schon vorher dort Zuflucht gesucht hatte, glaubte zuerst, die Großmutter werfe ihnen noch ein Kleiderbündel zu. Schnell wurden die Krankenschwester Epiphanie und Herr Klettl vom Roten Kreuz verständigt. Ein Transport war nicht möglich. Innerhalb von 12 Stunden ist Luise innerlich verblutet. Das Sterbebuch der Gemeinde hält dazu fest: Luise Bilgeri, geb. 22.5.1930, am 2. Mai 1945, 4.30 Uhr früh, verstorben. Leberdurchschuß durch Tieffliegerangriff am 1. Mai 1945. Am 2. Mai brachte man zwei tote deutsche Soldaten zu uns. Sie lagen zuerst im Tenn. Dann wurde jeder in einen Sarg gelegt und bis zur Beerdigung unter der ersten Arkade des Friedhofs aufgebahrt. Ihr gemeinsames Grab bekamen sie im unteren Friedhof links vom Eingang in der dritten Reihe an der Mauer. Der eine war ein unbekannter Soldat. Er trug nur mehr einen Rosenkranz bei sich. Die Papiere und die Erkennungsmarke hatten ihm wahrscheinlich seine Kameraden abgenommen, um die Angehörigen zu verständigen. Dazu ist im Sterbebuch, bezeugt von Bürgermeister Hinteregger, notiert: Unbekannter Soldat, am 2. Mai 1945, 6 Uhr, gefallen bei Haus 23. (Haus 23 ist Scheffknechts Haus hinter dem Wälderhof an der Ach.) 5 4 Der zweite Soldat trug sein Soldbuch bei sich: Herbert Hümpel, geb. 3.1.1927, aus Kirch-Mummendorf, Bez. Grevenmühlen, Mecklenburg. Das Soldbuch und ein paar Fotos aus seiner Heimat blieben vorerst bei uns. Jeden Suchdienst habe ich angeschrieben. Weil Mummendorf im von den Russen besetzten Gebiet lag, kam erst im November 1952 die erste Anfrage von seinen Eltern. Vom Roten Kreuz in Hamburg hatten sie eine Nachricht erhalten. Ich konnte ihnen das Soldbuch zuschicken. Ende der 60er Jahre wurden die beiden Toten vom Österr. Schwarzen Kreuz exhumiert und auf dem Kriegerfriedhof bei der Evangelischen Kirche in Bregenz neu beigesetzt. An Hümpels Finger steckte noch sein Ring mit den eingravierten Buchstaben H.H. Für die Übermittlung dieser Erinnerung an ihren einzigen Sohn äußerten sich die Eltern dankbar. Inzwischen konnte die einzige Tochter auch schon das Grab ihres Bruders besuchen. Im Sterbebuch bezeugt Bürgermeister Hinteregger: Kanonier Herbert Hümpel ist am 2. Mai 1945, 6 Uhr, in Wolfurt-Oberfeld beim Einmarsch der Franzosen durch Kopfschuß verstorben. Einige Seiten weiter ist im Sterbebuch auch der Tod des Familienvaters Gebhard Böhler (Heft 17, S. 10) vermerkt: Verstorben am 2. Mai 1945, um 18.15 Uhr, in Tuttlingen in der Karlsschule. Lungen- und Leberdurchschuß beim Einmarsch der Franzosen am 2. Mai 1945. Die Leiche wurde nach Wolfurt überführt und am 27. Juli 1947 beigesetzt. Vier junge Menschen mußten also am letzten Kriegstag allein noch in Wolfurt sterben. Einige Zeugen berichten sogar von einem weiteren Todesopfer. In einer Wiese neben der heutigen Nußgasse wurde ein deutscher Maschinengewehrschütze durch einen Lungendurchschuß schwer verletzt. Arthur Fischer berichtet, daß man ihn in sein Elternhaus, in die ebenerdig gelegene Wohnung seines Bruders Eugen, brachte. Sein weiteres Schicksal ist unbekannt. Einwanderer 2, Italiener (Heft 17, S. 39) Dieser Bericht wurde in Kennelbach diskutiert. Die Nachkommen der Wolfurter „Italiener" wissen noch, daß ihre Eltern besonders unter dem Übernamen „Tschinggo" gelitten hätten. Das Spottwort stammt angeblich vom italienischen „cinque" (fünf). Die Italiener waren übrigens tief-katholisch. Pfarrer Nachbauer verlangte 1905 für sie einen ständigen italienischen Seelsorger. In Scharen gingen die Männer am Palmsonntag oder am Karsamstag zu den Kapuzinern in Bregenz zur Beichte. Daheim mußten sie dann ihren Beichtzettel vorlegen. Barmherzige Schwestern (Heft 17, S. 60) Einen wunderschönen Brief hat Sr. Isabella Schedler aus Mils geschickt. Unter anderem erzählt sie darin, wie sie als Schülerin 1923 helfen durfte, die neue kleine Glocke über die Berggasse zur Kirche hinauf zu ziehen. Siegfried Heim Dokumente aus der Turmkugel In Bildstein ließ Pfarrer Hinteregger anläßlich von Instandsetzungsarbeiten an seinen Kirchtürmen auch die Turmkugeln öffnen. Dabei fand sich in einem gut verschlossenen Behälter ein handgeschriebenes Dokument aus dem Jahre 1711. Weil die Wallfahrtskirche damals noch zur Pfarre Wolfurt gehörte, ist die Botschaft auch an uns gerichtet. Msgr. Gerhard Podhradsky und Werner Vogt haben sie für uns gelesen und kommentiert. Im Bildsteiner Pfarrbrief vom 25. Aug. 1996 wurde sie abgedruckt. Hier nur ein Auszug: Jesus Maria et Joseph Anno 1692 seindt die Thürnx zue bildtstain bey der Kirchen undt walfahrt erbawet, undt nach 19 verflossenen Jahren widerumb repariert, undt die Kupplen erhöchet worden. Daran haben gearbaithet M. Philipp Geiger undt bartholome böler in Bildtstain, Hanß Stadelmann, undt bartholome böler, zwey Zimmermann. Solche Rupien saindt gedäckht worden von H. Georg broz Landtaman2 undt Seinem Sohn Christian broz von Rankhwil. Zue der Zeitt:.... Nun berichtet der Schreiber, daß der Kaiser (Josef I.) gestorben sei und sein Bruder Karl um das Erbe in Spanien Krieg führe. Ludwig XIV von Frankreich sei in das Land eingedrungen. Die Ungarn hätten ihren Aufstand beendet. Aber noch führten die Schweden gegen die Polen und Dänemark gegen die Schweden langwierige Kriege. Er zählt auch die kirchliche Obrigkeit mit Papst Clemens XI. und dem Bischof von Konstanz Joannes Franciscus auf und fährt dann fort: Zur Zeitt, da H. Pfarrer in Bregenz Jo. Caspar Boch Administrator Episcopalis3 undt Ihro Gnaden Jo. Andreas Pappus v. Trazberg Archiducalis Administrator4 in Bildtstain der Kirchen waren. DD. Beneficiati5 in bildtstain waren zue der Zeitt R.D. Franciscus Casparus Frewis Brigantinus6 .... 1 2 3 4 5 Türme Georg Brotz aus Batschuns war Ammann im Gericht Rankweil-Sulz Verwalter des Bischofs Verwalter des Erzherzogs Die Herren Benefiziaten waren die Inhaber der vier aus Opfergaben der Pilger gestifteten und erhaltenen Pfründen in Bildstein. Im 18. Jahrhundert wirkten an der Wallfahrtskirche ständig vier Priester. aus Bregenz 6 6 7 R.D. Jo. Jacobus Reinhardt Wangenensis .... R.D Fran. Xaverius Wechinger Dornbürensis1 .... R.D. Jacobus Fer Weilhaimensis .... Aeditus hoc tempore: Joannes Schindel in Ranchwilanus simul et Ludemoderator.8 Parochus in Wolffurt R.D. Joannes Egendter Beznaviensis.9 Amanus im gericht hoffstaig H. Georg Ronner in Wolffurth.10 Also 1711 zur Zeitt, da die 4 vor Arlenbergische Herrschaften Ser betrangt waren mit Kriegß beschwerden, winther-quartier, durchzüg in Italien11, undt was daß Meriste12, mit haimmischen großen Uneingkeitten, oder bellis intestinisli. Aus Christlichem Mittleiden vor alle obbemelte Personen So einer Solcher solte noch in der quall des Fegfeürs aufgehalten werden Sollen betten alle gegenwerthige ein hailig undt Andächtiges Vatter Unsser undt Ave Maria.14 Amen. geschechen in bildtstain den 18. July 1711. — Soweit also das Bildsteiner Dokument. Der Wolfurter Kirchturm stammt als ältester Teil der heutigen Pfarrkirche wahrscheinlich noch aus dem 15. Jahrhundert. Vermutlich hat erst Pfarrer Franz Josef Feurstein im Jahre 1728 das alte gotische Satteldach durch eine Turmspitze ersetzen lassen. Jedenfalls läßt sich seither auch in Wolfurt eine Turmkugel nachweisen. Beim großen Kirchenumbau von 1833 ließ Pfarrer Barraga dieselbe öffnen. Er schreibt darüber15: 1834. DerSommer war unerhört warm und sehr trocken. Es regnete nur einige Mahl; daher konnte auch die im vergangenen Jahr aufgebaute Kirche sehr gut austrocknen und mit dem Thurm verputzet werden. - Der Thurmknopfhat 22 Zoll'6 im Durchmesser. Im selbigen fand sich ein kleines 1 1/4 Zoll langes Schächtchen von Holz, es schloß in sich das Evangelium des H. Johannes, ein Wachs17 und ein Zettelchen mit den Worten Franciscus Feurstein parochus18 1728, den 28. Oktober. In einer blechernen Büchse wurde es mit einigen Noten abermahl in selbigen gelegt. Leider ist diese Büchse mit dem ältesten Dokument von 1728 seither verschollen. Franz von Barraga, von 1828 bis 1835 Pfarrer in Wolfurt, schrieb aber auf eine kleine 7 Bild 2: Blick von der Kirchturmkugel auf den Dorfplatz hinab (1985) Rolle Pergament einen zweiten Brief an uns, den er 1834 in die Turmkugel einlegte: Lectori Salutem!19 1833 ist die alte Kirche, die im Langhause 9 Klafter oder 54 Schuhe, und in der Breite ohne Mauer 4 Klafter oder 24 Schuhe hatte20, stückweis so abgebrochen worden, daß der Gottesdienst immer in der Kirche gehalten werden konnte; indem das 13 aus Dornbirn Mesner war zu dieser Zeit Johann Schindl aus Rankweil, zugleich auch Lehrer. In Bildstein hatte nämlich ein Jahr vorher der Benefiziat Dr. Jakob Halder eine der ersten Schulen im weiten Umkreis errichtet. 9 Der aus Bezau stammende Wolfurter Pfarrer Egender hatte einige Jahre früher nur mit großer Mühe verhindern können, daß sich Bildstein als Pfarre selbständig machte. Hofsteig-Ammann Georg Rohner war zuvor einer der Anführer bei den erfolgreichen Aufständen des „Gemeinen Mannes" gegen die Willkür der kaiserlichen Vögte gewesen. Lies über ihn und die im folgenden Absatz beschriebene Not in unserem Land in „Heimat Wolfurt", Heft 13, S. 28! 1 ' Durchmärsche von Soldaten nach Italien 12 das ärgste mit Bürgerkriegen. Gemeint sind die Aufstände des "Gemeinen Mannes", bei denen Bregenz zweimal von den Bauern besetzt worden war. 14 Demnach wurde das Schreiben öffentlich verlesen. Schon zu deren Lebzeiten wurde dabei für die Obrigkeit um Erlösung aus den Qualen des Fegefeuers gebetet. 15 im Anhang zum Pfarrfamilienbuch I C, Pfarrarchiv Wolfurt 16 17 18 22 Zoll sind etwa 57 Zentimeter Wachsfigur. Solche wurden häufig von Pilgern geopfert oder als Andenken gekauft. 19 Pfarrer Ein Gruß: Dem Leser sei Heil! 20 17,10 Meter lang und 7,60 Meter breit 8 9 neue Gebäude sich schnell erhob, und im obigen Jahre mit dem Dache versehen werden konnte. 1834, am Feste Maria Geburt stand die neue Kirche11 vollendet da. Baumeister war Peter Bilgeri von Lauterach, Bauer22 Sebastian Rüscher von Bitzau, die Maurer aus dem Bregenzerwald. Vorsteher L. Fink.23 Bauinspizient Anton Matt von Bregenz. Kassier MartinSchertler,Altvorsteher.2'1' Der Kosten beläuft sich gegen 6.000 Gulden. Freiwillige Beiträge der Pfarrkinder und das Drittel davon von seiner Majestät dem Kaiser Franz I. als Patron in den Fußstapfen des Klosters Mererau decken diese Unkosten.25 Unter Leitung des Zimmermeisters Fetz von Eck im Bregenzerwald ist den 26. August 1834 der Thurmknopf abgenommen worden. Es fand sich in demselben beiliegendes Schächtchen Nr. I von Franz Jos. Feuerstein, Pfarrer zu Wolfurt. Ad. 28 Oktober 172426. Derzeit ist Pfarrer Franz De Barraga, gebürtig von Wien, erzogen zu Innsbruck, wegen Priestermangel nach Vorarlberg berufen, war Kaplan zu Rankweil und Schwarzenberg, dann Pfarrer in Damüls. 1834 ist der Tit. Dekan zu Schwarzach, Joseph Stadelmann; der Hste. H. Generalvikar u. Weihbischof, Johannes von Tschiderer; der Hste. H. Fürstbischof zu Brixen, Bernard Galura; Seine päpstlichen Heiligkeit heißt Gregor der XVI. Den... September 1834 ist der Thurmknopf oder die Kugel vergoldet wieder an seine Stelle gesetzt worden - von Spengler Joseph Schwerzler. Nur etwas mehr als 40 Jahre ruhte das Dokument diesmal in der vergoldeten Kugel. Man hatte den Turmhelm mit kleinen grün glasierten Ziegeln eingedeckt. Diese hielten den rauhen Westwinden aber nicht stand. Dekan Josef Anton Waibel, von 1867 bis 1879 Pfarrer in Wolfurt, sah sich 1877 gezwungen, den morsch gewordenen TurmDachstuhl zu erneuern und mit einem Blechdach zu versehen. Bei vielen Wolfurter Es war eigentlich keine neue Kirche, sondern eine großzügige Erweiterung. Turm und linke Wand der alten Kirche blieben erhalten. Siehe Heimat, Heft 4, S. 59 u. 60! 22 Polier, Bauführer 23 Leonhard Fink (1777-1860) aus Sulzberg, Adlerwirt in Rickenbach, war in Wolfurt schon 1821-22 und dann wieder zur Zeit des Kirchenbaus ab 1832 Vorsteher. 24 Altvorsteher Joh. Martin Schertler (1793-1856), ein Sohn des Schützenmajors Jakob Schertler in Unterlinden, beaufsichtigte von Seiten der Gemeinde den Bau. Später wurde er 1850 bis 1853 ein zweites Mal Gemeindevorsteher. 25 Nach der Auflösung des Klosters Mehrerau im Jahre 1806 war das Patronat über die Pfarre Wolfurt im Umweg über den bayerischen Staat an das österreichische Kaiserhaus gekommen. Die mit dem Patronat verbundene Verpflichtung zum Beitrag am Neubau der Kirche soll der Kaiser aber sehr lange nicht eingelöst haben. Jedenfalls konnte der Brixner Weihbischof Georg Prünster die Kirche erst am 25. Juni 1849 einweihen (Rapp, S. 801). 26 Dieses Datum differiert mit Barragas Eintragung im Pfarrbuch (siehe weiter oben!) um vier Jahre. 27 68 Fuß sind etwa 21,5 Meter, für einen Dachbalken eine erstaunliche Länge. 21 Häusern setzte man einige von den vom Kirchturm entfernten grünen Ziegeln auf das Dach, um sich damit einem zusätzlichen Schutz zu unterstellen. Auf dem Turm wurde natürlich auch die Kugel geöffnet und darin ein dritter Brief hinterlegt: Lectori salutem! 1877 wurde der Thurm renovirt u. mit Eisenblech gedeckt. Dabei kam zur Verwendung: 7 (sieben) lange Stück Holz, wovon das längste 68 Fuß.27 Eisenblech 2400 Quadrat Fuß.28 Die Kugel wurde neu verfertigt aus Kupfer u. im Feuer vergoldet. Durchmesser 20 Zoll.29 Das Kreuz ganz neu. Die ganze Länge 12 Fuß 8 Zoll.30 Das Baucomite bildeten: Franz Hinteregger, Gemeindeausschuß, Dorfmeister, Hauptleiter des Baues.31 Jos. Anton Schedler, Gemeinderath.32 Jos. Anton Geiger, Altkirchenpfleger.33 Arbeiter des Baues: Josef Gmeiner (Strohdorf), Zimmermeister Johann G. Schwärzler (Unterlinden) Josef Schwärzler (Tobel)34 Dachdecker: Martin Schwärzler, Flaschner (Schifflewirth)35 Seine Gehilfen: Wilhelm Schwärzler, Sohn des Obigen Alexander „ Johann Köb von Bildstein, Geselle bei Obigen. 28 29 30 31 Das entspricht einer Fläche von 240 m2. Die neue Kugel war also mit nur mehr 53 Zentimeter Durchmesser etwas kleiner als die alte. Ziemlich genau 4 Meter. Franz Hinteregger (1845-1919) wohnte in der Bütze. Als Dorfmeister war er für Straßen, Bäche und Brunnen im Dorf verantwortlich. 32 Josef Anton Schertler (1829-1916), Flotzbach. Auffallend ist, daß der Pfarrer die Schreibart Schedler verwendete. 33 Jos. Anton Geiger (1820-1888), Rochusles 34 Alle drei waren Zimmerleute aus bekannten Familien: Gmeiner von Disjockeles (später nannte man sein Haus Knores) im Strohdorf. J.G. Schwerzler von Zimborars in Unterlinden. Sein Haus am Anfang der Frickenescherstraße in Unterlinden zeigt noch heute auffallenden Zimmermannsschmuck. Er hat 1905 auch Kreuz und Kugel auf die Turmspitze gesetzt. Josef Schwerzler (1850-1915), der schwarz Toblar, stellte 1911 das Kreuz im oberen Friedhof auf. 35 Das Gasthaus Schiffte stand am nördlichen Ende der Bützestraße. Sohn Wilhelm ist später nach Kennelbach übersiedelt, Alexander nach Amerika ausgewandert. 10 11 Bild 3: Für die neuen Glocken baute die Pfarre 1905 auch eine neue Glockenstube und erhöhte den Turm auf 57 Meter. Bild 4: Frau Agatha Schneider, 1895-1985, Wohltäterin der Kirche Bild 5: Der 1833 eingemauerte Grundstein der Kirche wurde 1994 freigelegt. Die Vergoldung des Hahnes kostet ungefähr 30 fl. Die Kosten übernahm J.G. Kalb (Schwanenwirth). Das Kreuz verfertigte Jos. Anton Dür, Mechaniker, aus eigenen Kosten.36 Der übrige Kosten des Baues kommt ungefähr auf 1500 fl öst. Wrg. u. wird durch Zuschlag auf die Gemeindesteuer gedeckt. (Die Kugel aus Kupfer kostet ungefähr 40 fl u. die Vergoldung 100 fl). Der Bau begann den 17. Juli 1877 unter dem Vorst. J.G. Fischer17. Der Thurmknopf mit Kreuz und Hahn ist unter Leitung des J.G. Schwerzler (Unterlinden) Samstag d. 11. Aug. 1877 wieder auf dem Thurm befestigt worden. Beigelegt wurde das Bild des göttl. Herzens Jesu u. der Zettel mit dem Gebet: „Akt der Sühne ". Der Zeit ist Pfarrer: Jos. Anton Waibel, Dekan, geb. zu Hohenems. Kaplan: Wilhelm Müller. 36 General-Vikar u. Weihbischof: Johann Amberg Fürstbischof zu Brixen: Vincenz Gasser Seiner päpstl. Heiligkeit: Pius IX. Hier schreibt Pfarrer Waibel ein Kompliment an seinen politischen Gegner: J. A. Dür (1818-1888), Gründer der Groß-Schlosserei in Rickenbach, aus der später die Firma Doppelmayr hervorging, war ein Anführer der Liberalen. 37 Vorsteher Joh. Georg Fischer (1847-1918) war Adlerwirt in Rickenbach und ebenfalls ein Liberaler. Als Pfarrer Nachbauer 1904 Spenden für neue Glocken sammelte, verweigerten die Rickenbacher ihre Zustimmung und sammelten lieber für eine zweite Kirche mitten im Dorf. Trotzdem brachte der Pfarrer 43.000 Kronen zusammen und konnte damit das schönste Geläute im Land anschaffen. Zur Erichtung einer größeren Glockenstube mußte die Turmspitze 1905 abgenommen werden. Dabei wurde die Kugel geöffnet. Die beiden alten Briefe darin kamen in das Pfarrarchiv. Im Trubel der Ereignisse beim Aufrichten des neuen Turmes - er war mit 57 Metern um 11 Meter höher als der alte! - dürfte der Pfarrer auf das Einlegen eines neuen Turm-Dokumentes vergessen haben. Vielleicht ist ein solches aber auch bei späteren Reparaturen verloren gegangen. Jedenfalls ist keines bekannt. Ganz neu eingedeckt wurde der Turm samt dem Kirchendach dann erst wieder im Herbst 1985. Diesmal hinterlegte Lehrer Peter Heinzle als Vorsitzender des 12 13 Pfarrgemeinderates wieder einen gut geschützten Brief in der Turmkugel. Dieser ist eigentlich für unsere Nachkommen im nächsten Jahrhundert bestimmt. Hier folgen daher nur einige Auszüge: Wolfurt, am 30. Okt. 85 In den Monaten Sept. und Okt. 1985 wurde die dringend nötige Erneuerung des Kirchendaches und der Turmeindeckung vorgenommen. Gleichzeitig wurde das größtenteils holzwurmbefallene Gebälk imprägniert und die gesamte Fassade gestrichen. (Aufzählung der beteiligten Baufirmen und der für den Bauverantwortlichen Mitglieder des Pfarrgemeinderats.) ... Die Arbeiten wurden durch extrem schönes und trockenes Herbstwetter besonders begünstigt und verliefen ohne Unfälle. Die Finanzierung der enormen Kosten (ca. 2 Mill. S - das ist etwa der halbe Wert eines Einfamilienhauses samt Grund) konnte zu einem großen Teil durch die Erbschaft der Wwe. Agathe Schneider, geb. Geiger, gestorben 1985, erfolgen. Gott vergelte ihr diese übergroße Wohltätigkeit! Die Marktgemeinde Wolfurt hat derzeit etwa 6500 Einwohner, davon etwa 4500 Katholiken. Gastarbeiter aus der Türkei u. Jugoslawien stellen mit ihren Familien etwa 1/10 der Bevölkerung. Wolfurt hat sich in den vergangenen 30 Jahren vom Bauerndorf zur Industrie gemeinde entwickelt. Es bleibt zu hoffen, daß verantwortliche Gemeindepolitiker diese Entwicklung in Bahnen lenken können, die zum Wohl aller Wolfurter und auch unserer Nachkommen gereichen. Das Jahr 1985 war für die Pfarre und die Marktgemeinde Wolfurt ein Jahr großer Veränderungen. Nach 28jähriger, überaus segensreicher Tätigkeit trat Pfarrer Gebhard Willi (Jg 1913 - Ehrenringträger der Markigem. Wolfurt) in den wohlverdienten Ruhestand. Sein Nachfolger wurde Kaplan German Amann Den Generationswechsel begann im verg. Herbst der Gemeindearzt Dr. Lothar Schneider (Jg 1920). Er war 28 Jahre Gemeindearzt in Wolfurt, davon viele Jahre einziger Arzt Ähnlich lange im Amt war Bürgermeister Hubert Waibel (1960-85). Er wurde im Mai von Erwin Mohr abgelöst In luftiger Höhe wartet diese Urkunde nun hoffentlich viele Jahre lang auf den ersten Leser. Sehr lange schon wartet eine andere Urkunde im Fundament der Pfarrkirche St. Nikolaus. Im Dezember 1994 wurden die Grundmauern freigelegt, weil man sie entfeuchten wollte. Dabei entdeckten die Arbeiter 2 Meter rechts vom Hauptportal in nur 70 Zentimeter Tiefe einen Stein mit seltsamer Inschrift. Eine Untersuchung ergab, daß es sich um einen alten Grabstein handelte. Eingemeißelt war unter dem Christuszeichen IHS auch das Datum Mai II 1770 zu erkennen. Bei der Errichtung dieses Fundaments im Jahre 1833 sollte der alte Sandstein wohl etwas schützen, das dahinter verborgen ist. Pfarrer Barraga berichtet darüber im Familienbuch bei den Aufzeichnungen über den Wolfurter Kirchenbau: 14 Den 28. April 1833 wurde vom Hochwürdigen Gnädigen Herrn H. Dekan, k.k. Schuldistriktsinspitient und fürstbischöflichen Geistlichen Rathe zu Bregenz in Schwarzach Joseph Stadelmann, nachdem er eine sehr angestande Rede hielt und die Stelle des Hochaltars eingesegnet hatte, unter dem Schalle der türkischen Musi38 der Eckstein gesetzt. Rechts an der forderen Seite der Kirchenmauer. Er hatte die Aufschrift, die die Jahrzahl enthält: Fördere, o Gott! dieß Werk von uns Wolfurtern zu Deiner höchsten Verherrlichung. Er wurde ausgehöhlt, und in die Höhle wurde ein Fläschchen gut versiegelt gelegt, welches einige Notizen z. B. von den zu leistenden Auslagen, von den Nähmen der regierenden geistlichen und weltlichen Obrigkeiten, enthält. Auch wurden einige kleine Münzen beigelegt. Pfarrer Amann konnte der Versuchung, nach den kleinen Münzen zu greifen, widerstehen. Er ließ den Stein ungeöffnet. Der Graben wurde wieder zugeschüttet. Darin meine ich des Pfarrers Botschaft an uns zu hören: Unsere Kirche wird weiterhin auf festem Grund stehen! 38 gemeint ist die damalige Wolfurter Blasmusik 15 Siegfried Heim Der Ippachwald (1) Neue Straßen Seit 200 Jahren bewirtschaften im Ippach mehrere hundert Grundbesitzer ihre oft sehr kleinen Waldparzellen. Jedes Jahr holten sie früher, als es noch keine modernen Heizungen mit Kohle oder Öl gab, das notwendige Brennholz für Herd und Kachelofen aus dem eigenen Holztoal (Waldteil). Schöne Stämme sparte man für Bauvorhaben oder auch zum Verkauf. Durch steile Riesen ließen die Holzer die glatten Stämme über die Hänge herab rutschen. Starke Pferde schleppten die schweren Lasten zu den Holzplätzen. Nur auf Schneebahnen konnte man sie von dort ins Tal bringen. Die Umstrukturierung der Landwirtschaft brachte ab 1950 auch für den Wald große Veränderungen. Zentralheizungen und Elektroherde verdrängten die Holzöfen. Während die Arbeitslöhne stiegen, sanken die Holzpreise immer tiefer. Auch Zugpferde wurden selten. Neue Waldbesitzer hatten oft kaum mehr Bezug zu ihrem Waldteil. Wege und Marken verfielen. Manche Waldteile wurden jahrzehntelang nicht mehr bewirtschaftet. Mehrmals versuchte die Gemeinde, die Waldbesitzer zu einem gemeinsamen Straßenbau zu bewegen. 1965 legten die Forstfachleute des Landes zusammen mit Waldaufseher Paul Geiger einer Grundbesitzerversammlung sogar baureife Pläne vor. Eine Einigung kam aber nicht zustande. Überall im Land wurden Wälder durch neue Straßen erschlossen. In Wolfurt ließ man dagegen die alten weiter verfallen, abrutschen, ausschwemmen, vermuren. Große Waldflächen waren für Traktoren nicht erreichbar. Im Winter 1988/89 wurden dann aber endlich oberhalb von Frickenesch drei Waldwege saniert. Jetzt erstellte die Forstbehörde durch Dipl.-Ing. Siegfried Tschann und Ing. Roland Eine ein neues Projekt für den Ippachwald, das den Ausbau von 5,2 km Waldstraßen vorsah. Sofort nahmen einige „grüne" Gemeindevertreter ablehnend Stellung. Sie erhielten Unterstützung durch ein Gutachten des Landschaftsschutzes: Eine intensive Waldbewirtschaftung würde zu Fichten-Monokulturen führen! Dem widersprach Dipl.-Ing. Tschann in einem Gegengutachten heftig: Die Ippach-Forststraße gehöre zu den dringensten Aufgaben im ganzen Bezirk. Jetzt lud die Gemeinde alle Grundbesitzer zu einem Informationsabend am 6. April 1990 in die Aula der Hauptschule ein. Das aufgelegte Projekt fand Zustimmung. Eine Reihe von Waldbesitzern forderte sogar eine Ausweitung auf weitere Waldteile. Am 4. Mai 1992 wurde schließlich in einer Versammlung in der Aula der Hauptschule die Bringungsgenossenschaft Ippachwald gegründet und ein Ausschuß mit Vertretern aus Hard, Lauterach, Schwarzach und Wolfurt gewählt. Obmann wurde 16 Bild 6: Bei der Alten Schmiede wurde die Forststraße 1993 neu angelegt. Im Hintergrund erkennt man den Einschnitt des alten Dreigassenwegs. Helmut Schertler. Zwar erklärten 113 Waldbesitzer spontan ihren Beitritt, aber nun mußten mit großem Aufwand weitere 200 Unterschriften eingeholt werden. Schließlich taten alle 331 Besitzer mit, lückenlos alle! Sonst hätte man ja Mautstraßen bauen müssen. Der Ausschuß erarbeitete Satzungen und eine Wegeordnung. Schon 1992 wurde die Zufahrt von der Neuen zur Alten Bucherstraße ausgebaut. Ab August 1993 begann der Bagger mit der Arbeit am Dreigassen-Weg bei der Alten Schmiede im Holz. Die Bauleitung hatte mit Gottfried Mathis ein Mann übernommen, der seine Erfahrung im Straßenbau von der Wildbachverbauung einbrachte. Bis zum Sandigen Weg hatten die Planer ein Stück weit eine neue Trasse wählen müssen, von dort hinab zu den Dreigassen, hinauf zum Ellbogen und nach links hinein über den Tobelbach konnte man alten Gassen oder Wegrechten folgen. Im März 1994 begann man mit der Sanierung der Alten Bucherstraße hinauf über die Katzensteig zum Ippachbrünnele. Es folgten das schwierige Stück über die Sausteig zum Saustall und drei anschließende Stichstraßen, von denen eine die Holzteile bis weit herab in der Ebene bei Hoamolitto erschließt. Eine zweite am Saustallgraben ließ diesen Naturbach möglichst unberührt. Im März 1995 kam das zweite Baulos der Alten Bucherstraße vom Ippachbrünnele zum Gschliof an die Reihe. Die sumpfigen Murablagerungen im Gschliof selbst mußten mit einem 5 m hohen Damm überquert werden. Daran wurde noch ein ganz neues Straßenstück in die Kohlplatzwälder hinauf angeschlossen. So hatte die Genossenschaft nun mit 6 1/2 km Straßen etwa 180 Hektar Bergwald für die Bewirtschaftung mit Maschinen erschlossen. Zu den Kosten von 6 Millionen Schilling mußte jeder Eigentümer einen Anteil bezahlen, den überwiegenden Teil finanzierten aber Land und Gemeinde. Diese günstige Lösung war nur durch den 17 Bild 7: Veranwortlich für die neuen Straßen: Gottfried Mathis, Helmut Schertler, Ing. Roland Erne, Paul Geiger. Bild 8: So sah die Sausteig bis 1994 aus: eng und matschig. großen Einsatz der Verantwortlichen möglich. Weil sie weitgehend den alten Wegerechten gefolgt waren, mußte nur ganz wenig Holz geschlagen werden. Keine einzige Sprengung war notwendig geworden. Durch dieses Beispiel angeregt, hatte sich in einer weiteren Gründungsversammlung am 17. März 1994 eine zweite Genossenschaft Ippachwald II gebildet, die die anschließenden Wälder auf Bucher und Bildsteiner Kohlplatz-Gebiet erschließen wollte. Unter Obmann Herbert Böhler und seinem Stellvertreter Raimund Mohr stießen sie im Winter 1995/96 mit einer 800 m langen Stichstraße bis in die Schlucht des Bucher Ippachgrabens vor. Dabei mußten sie den Gitznergraben queren und den Steilhang mit Hilfe von etlichen Krainerwänden (Konstruktionen aus Baumstämmen) überwinden. So wurden hier in dem abgelegensten Teil des Ippachwaldes weitere 33 Hektar erschlossen. Am 4. Oktober 1996 konnten die fertigen Straßen den neuen Besitzern vorgestellt werden. Landesrat Schwärzler und Bürgermeister Mohr eröffneten in einer kleinen Feier bei der Alten Schmiede die neuen Zugänge zu unserem Wald. Aus der Geschichte Gemeinschaftswald Der Ippachwald deckt eine Fläche von insgesamt etwa 600 Hektar. Er erstreckt sich von Wolfurt an der Ach entlang unterhalb von Buch bis zum Alberschwender Unterrain. Durch bewaldete Tobel ist er mit dem Asenenwald bei Alberschwende und dem Bildsteiner Täschenwald verbunden. Jenseits der Ach schließen sich die ausgedehnten Wälder über Hohwacht und Fluh bis zum Pfänder und durch das Wirtatobel zum 18 Hirschberg an. Von 415 m Meereshöhe am Achufer des Wolfurter Sportplatzes steigt der Ippachwald steil zur 973 m hohen Schneiderspitze auf. Im Mittelalter hatten zwischen 900 und 1200 n.Chr.G. Hofsteiger Siedler zuerst die Wolfurter Bühel und die sonnigen Südhänge des Steußbergs in Bildstein gerodet und dann auch die flachen Ebneten und die sanften Halden am Osthang in Fischbach und Buch. Den steilen, feuchten und schattigen Nordhang des Steußbergs ließen sie ungeschoren. So blieb dort der große Ippachwald erhalten. Sein uralter Name, im Volksmund Ippa, stammt wohl von den zahlreich vorkommenden Eiben (Iba). In überreichem Maß lieferte er den Siedlern das Bauholz für ihre Häuser und das Brennholz zur Beheizung ihrer Kochstellen. Die Bauern der alemannischen Markgenossenschaften und der sich daraus entwickelnden Dörfer bewirtschafteten den Wald und die Felder lange Zeit gemeinsam. Gemeinsam trieb ein Hirt das Vieh aller Höfe auf die Waldweiden. Gemeinsam erntete man an bestimmten Tagen Beeren, Holzäpfel, Eicheln und andere Waldfrüchte. Unter Aufsicht von Ammann und Geschworenen des Gerichts Hofsteig wurden jedes Jahr vom banwart die zum Fällen bestimmten Bäume gemalen (mit einem Mal versehen). Der Bannwart war ein vereidigter Aufseher (Siehe Hofsteigischer Landsbrauch, LMV 1900, Seiten 138 u. 149!) Jeder husröchi (jedem Haus mit einer rauchenden Feuerstelle) wurde eine bestimmte Anzahl von Bäumen zugelost. Das Los entschied also, ob einer seine Stämme vom nahen Frickenesch oder etwa in einem abgelegenen Ippachteil fällen durfte. Wer ein Haus oder einen Stadel baute, erhielt vom Gericht kostenlos das dazu notwendige Holz. Zu den Pflichten des Ammanns gehörte die regelmäßige Kontrolle der Marken, mit denen die Gerichtswälder abgegrenzt waren. Es scheint immer wieder Holzfrevel gegeben zu haben. Jedenfalls gibt der aus dem Mittelalter in die Neuzeit übernom19 Bild 9: Behutsam wurde der neue Dreigassenweg der Natur angepaßt. Bild 10: Im Gschliof war die Alte Bucherstraße nur mehr ein morastiger Pfad. Eine neue Forstsraße erschließt jetzt hier die Kohlplatzwälder. mene und 1544 aufgeschriebene Hofsteigische Landsbrauch strenge Anweisungen: Die an die Gemeindehölzer angrenzenden Nachbarn sollten die Marken anerkennen und .... darüber nit greifen noch dem tigen Hofstaig in dessen Waldungen, hölzern, gesteüd und gestreyppt ainichen schaden zuefüegen, weder wenig noch vil darinnen howen oder wegg tragen ... (S. 179. Ein tigen ist ein Bezirk.). .... Item am berg soll niemands in gemainen höltzern reuten noch holz howen, dann mit der andern willen .... (S. 149). Tannenholz durfte nur als Zimmermannsholz verwendet und nicht als Brennholz vergeudet werden: .... das bueche holtz zuebrennen und das tenni holtz zue gezimbern und gebewen und änderst nit. Dann welcher zimerholtz verwüesten würde, der soll ainer herrschaft fünf pfund pfening strafgelt zuebezalen schuldig und verbunden sein. Desgleichen soll auch kainer kainjung büechelin erkimin genannt, noch kain berend pomb ob den marken abhowen .... Also standen junge Buchen {erkimin, wörtlich Erdkeim) und Beerensträucher (berend pomb) unter besonderem Schutz. (S. 146). Aus den abgelegensten Tobein konnte man das Holz nicht herausführen. Dort stellten die Kohlenbrenner ihre Meiler auf und erzeugten die wertvolle Holzkohle: Item es soll niemands kolen, dan an den enden, dahin ain jeder von dem amman gewisen und beschaiden würdet (S. 146). Auch die Wagner wurden in jene Tobel gewiesen, aus welchen man das Holz auf dem Rücken heraufschleppen mußte: Item die wangner des gerichtz Hofstaigs sollen auch holtz howen an denen orten und enden, dahin man nitfaren kan, sonder zu ruck und unden auftragen muess; auch sy von amman und ge rieht beschaiden werden (S. 146) Gefälltes Holz mußte binnen eines Zeitraums von einem Jahr und 6 1/2 Wochen aus dem Wald entfernt sein, sonst durften es andere wegführen. 20 Das Eichenholz galt als besonders wertvoll. Daraus wurden die für die Brücken benötigten Balken geschlagen. Aber auch die Küfer brauchten es für Fässer und Standen. Eine bestimmte Menge Brennholz wurde dem Pfarrer für den Pfarrhof zur Verfügung gestellt. Anderes nahm die Gemeinde für sich selbst, besonders zur Herstellung von Dücheln (hölzernen Rohren) für die Dorfbrunnen, für Brücken und für Zäune. Die Aufteilung des Waldes Über viele Jahrhunderte fanden die Hofsteiger mit dieser Holzordnung ihr gutes Auskommen. Am Beginn des 18. Jahrhunderts häuften sich aber Streitigkeiten wegen des Gemeinschaftswaldes. Im Jahre 1706 beklagte sich Alt-Ammann Haltmayer vor Gericht bitter über die Unordnung in den Wäldern, die unter seinem Nachfolger aufgekommen war (Heimat, Heft 13/29). Mißbrauch der Schlägerungsrechte führte dazu, daß Ammann Jerg Rohner den jungen Pfarreien Lauterach und Hard ihr ius lignandi cumulative (das Recht, für den Pfarrer beliebig viel Holz zu schlagen) beschneiden wollte und dabei im Jahre 1728 beim Klerus auf Widerstand stieß (Rapp II, S. 274). Gegen Ende des 18. Jahrhunderts mußte der gemeinsame Wald in den sechs Dörfern von Hofsteig insgesamt 602 alt berechtigte Häußer versorgen. Dazu waren aber zuletzt noch 34 neu berechtigte sogenante Neübäüler gekommen, die auch Holz beziehen wollten. Als Andreas Haltmayer, ein Sohn des angesehenen Rickenbacher Adlerwirts, im Jahre 1773 ein ganz neues Gasthaus, das heutige Kreuz, erbaute, wies ihm das Gericht noch kostenlos das gewöhnliche Quantum von 45 Stämmen als Bauholz zu. Das Mißtrauen der sechs Dörfer gegeneinander und gegen die Obrigkeit waren aber 21 bald danach so groß geworden, daß die Geschworenen des Gerichts Hofsteig schließlich am 3. Juni 1794 die Aufteilung der Gerichtswälder beschlossen. In der Begründung dazu heißt es: Da aus den vorangeführten zu vertheillenden Waldungen das Holz zu sämtlichen Brücken, Stegen und jeder Gemeinde aufliegenden Wuhrungen, zu den Pfarrkirchen, Pfarr u. Schulhäusern, zur beheitzung der Letzteren und zu den Brunnen Deücheln des ganzen Hofsteiges immer unbestimmt und uneingeschränkt ausgefolgt, durch derley zu weitschichtige und eigenmächtige Holzschläge aber verschiedene zu mannigfaltigen Uneinigkeiten anlaßgebende Ungleichheiten unterlaufen; und das Holz selbst oder zum größten Nachtheile der Waldungen geschlagen, oder manchesmal gar unnütz und geringen Theils verwendet worden, so muß diesen dem Waldstande äußerst schädlichen Unfügen durch die gegenwärtige Theilung möglichst abgeholfen, und diese allgemeine Beschwerden auf jede der 6 bemelten Gemeinden verhaltnißmäßig ausgeglichen werden. (Abschrift im GA Wolfurt, cod 64) Die Geschworenen richteten ein entsprechendes Ansuchen an das k.k. Kreis- und Oberamt. Erst ein Jahr später stimmte Kreishauptmann Indermauer am 6. Oktober 1795 dem Teilungsplan zu. (Der verhaßte Kreishauptmann Ignaz Anton von Indermauer ist übrigens ein Jahr später von wütenden Bauern im Kloster St. Peter in Bludenz erschlagen worden.) Ein großes Gesetz mit 17 Paragraphen regelte den Ablauf der Teilung. Es enthielt zuerst eine genaue Aufstellung über die Bedürfnisse der einzelnen Dörfer: Hard 151 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 16 1/2 Anteile für Pfarre, Schule, Brunnen und Brücken Lauterach 124 alt berechtigte Häuser 2 neue dazu 32 Anteile für die Gemeinde, davon 16 allein für die Brunnen Wolfurt für 150 alt berechtigte Häuser für 6 neu berechtigte Häuser zum Unterhalt der Pfarrkirche 2 1/2 des Pfarr Haußes 1 des Schulhaußes und Heitzung 2 Zimmer 4 der Brünnen 20 der betreffenden Brücken 7 1/2 der Gerneindswuhren 6 die Riedbrucken und Stegen 2 Für Wolfurt wurden also mit 43 Gemeindeanteilen weit mehr als für Hard oder Lauterach berechnet. Die Wuhren galten für die Bäche, nicht für die mit eigenen Wäldern ausgestattete Achwuhr. Schwarzach 53 alt berechtigte Häuser 6 neue dazu 18 Gemeindeanteile 22 Bild II: Krainerwände ermöglichen den Bau von Serpentinen am steilsten Hang. Steusberg (Bildstein) Buch 85 11 34 3 alt berechtigte Häuser neue dazu 31 1/2 Gemeindeanteile alt berechtigte Häuser neue dazu 11 1/2 Gemeindeanteile Im Ippach gab es einige große private Waldungen, die von einer Verteilung natürlich ausgenommen werden mußten: Konkurrenzwälder der Achwuhr, Klosterwaldungen zum Kloster Hirschthal in Kennelbach, Herrschaftswälder im Besitz der Deuring von Bregenz und die riesigen unzugänglichen Waldungen am Kohlplatz. Außerdem behielt das Gericht einige Eichenwälder für sich, weil deren Holz zur Erhaltung der überörtlichen Brücken dienen sollte: den Kellawald hinter Rickenbach, das Spetenlehenhölzele zwischen Wolfurt und Meschen und das Hölzele ob dem Strohdorf. Zur Verteilung bestimmt wurden fogende Wälder: 1. der sogenannte Ippach (ohne Privatwälder) 773 Juchart 2. die in der Gemeinde Steusberg befindliche Taschen 69 Juchart 3. der Sonder ober dem Dorfe Schwarzach 159 Juchart 4. die Asenen an der äußersten Gränze Hofsteig gegen das Gericht Alberschwende 136 5/16 Juchart 5. Entlich das Tobelholz gleich unter den Bildsteinerischen Viehweiden an dem Bache Rickenbach genant 9 Juchart 23 Zusammen also 1146 5/16 Juchart. Ein Hofsteiger Juchart entspricht 44,59 Ar. Demnach wurden also im Jahre 1796 insgesamt 511,14 Hektar Wald verteilt. Seit genau 200 Jahren sind die Steußbergwälder in Privatbesitz. Zunächst wurden den Dörfern Buch, Bildstein und Schwarzach die in ihrer Umgebung liegenden Flächen zugesprochen. So erhielt Buch mit seiner kleinen Anzahl von Häusern das kleinste Stück. Bildstein bekam den Asenenwald, das Tobelholz und dazu noch Teile von Sunder und Ippach. Schwarzachs Anteil reichte weit in den Sunder hinauf. Die manchmal recht willkürlich gezogenen Grenzen wurden zehn Jahre später, als die Bayern das Gericht Hofsteig im Jahre 1806 auflösten, zu Gemeindegrenzen der Steußbergdörfer. Den großen Rest des Ippachs teilten sich Hard, Lauterach und Wolfurt. Wolfurt bekam den an das Dorf angrenzenden nächstgelegenen Teil. Für Lauterach blieb der mittlere und für Hard der östlichste Ippachteil im Gemeindegebiet Wolfurt an der Grenze gegen Buch. Diese Flächen mußten mit haltbaren Marken gekennzeichnet werden. Dann wurden sie den sechs Gemeinden anvertraut. Diese nahmen nun durch eigene Vertrauensleute die weitere Verteilung vor. Zuerst steckte aber jedes Dorf ein großes Stück für seine eigenen Verpflichtungen ab. So entstanden Kirchenwald, Brunnenwald und Gemeindeteil. Erst jetzt wurde der Rest zu Parzellen vermessen. Dann mußte jeder der 156 Wolfurter, 126 Lauteracher und 157HarderHausbesitzer sein Los ziehen. Den Neubäulern wurde nur ein Drittel-Teil zugestanden. So kamen die Wolfurter zu ihren Holzteilen am Sandigen Weg und im Mösle. Die Lauteracher mußten bis an die Katzensteig und zum Saustall hinauf, die Harder gar bis zum Plattenbach und zum Kohlplatz. Innerhalb der ersten zwei Jahre durften die Holzteile ausgetauscht werden, dann erst wurden sie verbuchen und gehörten nun unzertrennlich zum Haus wie Haustür oder Kamin. Diese im 13. Paragraphen niedergeschriebene Bestimmung ließ sich aber nicht lange halten. Als nach den Napoleonischen Kriegen viele neue Häuser gebaut wurden, besaßen diese alle keinen Holzteil. Jetzt wurden gegen das Gesetz Parzellen geteilt und verkauft. Winzige Riemen entstanden, oft nur mehr etwa 20 Ar groß. Noch mehr Markpfähle steckten noch mehr Grenzen ab. Eine intensive Nutzung setzte ein. Möglichst viele Tannen wollte jeder haben. Buschwerk und Laubholz wurden gerodet. Mit der Stockhaue verpflanzte der Besitzer den Anflug junger Tannen und Fichten so, daß sich bald alle Lichtungen schlossen. Die Waldweide war ja abgeschafft worden. So verwandelte sich der lichte Mischwald innerhalb von zwei Menschenaltern in eine dunkle Tannen-Monokultur. Eine Untersuchung des Holzbestandes im Ippach, bei der in den große Wäldern der LAWK (Achwuhr) alle Bäume ab 16 Zentimeter Stammdurchmesser aufgenommen wurden, ergab im Jahre 1950: 70 % Weißtannen + 27 % Rottannen + 3 % Laubholz (!). Dieses unglaubliche und in Österreich wohl einmalige Verhältnis änderte sich aber in 24 den folgenden Jahren rasch. Die Bestände an Rehwild nahmen nach dem Krieg gewaltig zu. Auch Hirsche und Gemsen wechselten ein und wurden zum Standwild. Wildverbiß vernichtete einige Jahrzehnte lang jeglichen Nachwuchs von Weißtannen. Entstandene Lücken füllten Waldbesitzer daher nur mehr mit Jungfichten aus den Baumschulen auf. Die Weißtannen erwiesen sich aber in dieser Zeit auch als besonders empfindlich gegen die jetzt vom Westwind herbeigetragenen Luftschadstoffe. Ihr Nadelkleid wurde immer schütterer. Die einst so stolzen Wipfel verkümmerten zu Storchennestern. Übergroßer Befall durch schmarotzende Misteln zeigt an, daß auch schon junge Tannen wie fast alle alten schwer krank sind. Fichten halten sich dagegen bis jetzt viel besser. Trotzdem müssen wir uns um die Zukunft unseres Waldes Sorgen machen. Waldarbeit Längst arbeiten auch bei uns moderne Forstarbeiter mit Motorsäge, Schälmaschine, Seilzug und Lkw-Kran. Die Werkzeuge, mit denen die älteren von uns noch selbst im Holz gearbeitetet haben, rosten irgendwo hinten im Schopf vor sich hin. Zwölfjährige Schüler, denen ich sie dort gezeigt habe, hielten an Zabie für ein Kriegsgerät. Das ist der Grund, warum ich hier wenigstens die wichtigen aufschreiben möchte. Für Dich könnte es ein Anlaß sein, ihre Handhabung Deinen Enkeln zu erklären! Weil der eigene Holzteil jede Familie Jahr für Jahr mit Brennholz für Herd und Ofen versorgen mußte und der Hof auch sonst Holz in vielerlei Formen benötigte, gehörte die Arbeit im Wald zum Alltag im bäuerlichen Leben. Das begann damit, daß die Marken immer wieder kontrolliert wurden. Schadhafte mußten ersetzt werden. Am besten schlug man einen neuen ibenen (aus unverwüstlichem Eibenholz gespaltenen), mit einem Brennmal gekennzeichneten Markpfahl neben den morsch gewordenen alten. Fehlende Marken wurden gemeinsam mit dem Nachbarn im Beisein des Waldaufsehers neu eingemessen. Dabei kam es manchmal zu Streit, besonders wenn eine große Tanne genau auf der Grenze gewachsen war. Nur mit Genehmigung des Waldaufsehers durfte und darf man Tannen fällen. Der ganze Ippachwald gilt ja als Schutzwald. Daher werden im sogenannten Plenterbetrieb nur einzelne schlagreife Bäume herausgeschnitten. Kahlschlag ist verboten. Der Aufseher wählt die Bäume sorgfältig aus und kennzeichnet sie doppelt. Mit seinem Anschlaghammer entfernt er in Augenhöhe und am Stock je ein Stück Rinde und schlägt ein besonderes Zeichen in das freigelegte Holz. Das Mal im Stock muß auch nach dem Fällen noch zur Kontrolle sichtbar bleiben. Zum Fällen waren früher zwei Personen notwendig. Nicht selten arbeitete die Bäuerin an der Seite ihres Mannes. Zuerst wurde die Fallrichtung des Baumes bestimmt. Er sollte nach Möglichkeit auf eigenen Grund zu liegen kommen und beim Fallen keinen Schaden im Jungwald anrichten. Ob das gelang, entschied schließlich eine mit Säge und Axt sorgfältig angebrachte große Kerbe auf der Fallseite des Stammes. Dann wurde die große Waldseogo (eine Zugsäge) auf der anderen Seite angesetzt. Mit gleichmäßigen Zügen trieben die beiden Säger einen sauberen Schnitt durch das 25 Mark des Stammes bis fast zur Kerbe vor. Manchmal hatte sich der Bauer vorher bekreuzigt. Er war sich der Gefahr bewußt, die mit dem Sturz einer Tanne und noch mehr einer Buche immer verbunden war. Zuletzt setzte er am Sägeschnitt einen Keil an. Vorsichtige Schläge darauf brachten den Baum bis zum Wipfel hinauf zum Erzittern. Jetzt neigte er sich langsam und dann schneller, und schließlich prasselte er mit fürchterlicher Wucht auf die Erde. Jedes Mal ein aufregendes Geschehen für alle, die es miterleben durften! Waren alle angeschlagenen (gekennzeichneten) Tannen gefällt, so griff der Bauer zur Axt. Mit wuchtigen zielsicheren Schlägen hieb er Ast für Ast vom Stamm. Auch hier lauerten Gefahren, wenn federnde Äste plötzlich brachen oder gar der Stamm am Hang zu rollen begann. Nun mußte die Rinde entfernt werden. Sommerholz, das ab Beginn des Safttriebs, wenn d Buocha gruonond (grünen), gefällt worden war, ließ sich leicht schälen. Dazu mußte man nur mit der Axt alle Meter eine Kerbe in die Rinde ziehen. Dann konnte man rumpfo, mit dem Schellar oder einfach mit einem zugespitzten Ast die ganze Rinde abziehen. D Rümpf (große Rindenstücke) wurden dann zum Trocknen ausgelegt. Dabei rollten sie sich ein und galten jetzt als wertvolles Brennmaterial. Zimmermannsholz sollte beim Trocknen keine Sprünge bekommen und später als Balken oder Bretter am Haus bei allen Wetterlagen ohne Schwinden und Drehen möglichst ruhig bleiben. Deshalb mußte man es unbedingt in der Zeit der langen Nächte um Weihnachten und zudem bei einem truckno Zoacho (trockenes Tierkreiszeichen), am besten im Stoabock odor im Stior, fällen. Der Wipfel blieb samt seinen Ästen am Stamm. Die Rinde des saftlosen Baumes ließ sich aber nicht schälen. Man mußte sie mit der scharfen Schneide des Räpplars in kleinen Fetzen wegschneiden. Räpplo, manche sagten dazu auch fräggolo, galt als sehr anstrengende Arbeit und gab leicht Schwielen und Blasen. Winterholz blieb beim Trocknen ganz hell. Vom Zimmermann ließ man sich einen Holzrodel schreiben, eine Liste der benötigten Balken mit ihren Längen. Mit einem Zumaß von etwa 10 Zentimeter wurden die Stämme danach zu Blöcken abgelängt und zum Abtransport uf d Seogo (ins Sägewerk) vorbereitet. Dabei war do Zabie (Zappin) mit seinem scharfen Haken und dem starken Stiel ein unentbehrliches Werkzeug. Falls man die Straße aber nur durch steile Riesen (Rutschbahnen) erreichen konnte, in denen die Blöcke beim Aufprall auf die Felsen nicht selten Schaden nahmen, mußte man ein größeres Zumaß zugeben. Im Sägewerk bekam die unansehnlich gewordene Stirn des Blocks dann durch einen Kappschnitt wieder eine schöne Form. Das im Saft gefällte Sommerholz wurde meist durch Pilzbefall unansehnlich schwarz, Für die vielen Bretter und Latten, die auf dem Bauernhof benötigt wurden, eignete es sich trotzdem. Nur wenn es stockrot oder gar angefault, gebrochen, krumm oder büchse (besonders hart und kaum bearbeitbar) war, wurde es als Brennholz abtransportiert. Daheim zerschnitt man es mit der Waldsäge in ein Meter lange Stücke und spaltete diese mit Keilen und Schlegol (großer Hammer) zu handlichen Speolta. Ein großer Keil hieß an Weggo. Wer nun Zeit und Kraft hatte, holte den Seogbock aus dem Schopf (Schuppen) und zerschnitt darauf jede Speolto mit Spa-Seogo oder Fuchsschwanz in vier Klötze. Erst Ende der 30er Jahre konnten sich moderne Bauern dafür a Fräso (Kreissäge) anschaffen. Tagelang war man anschließend am Schitto. Mit der Axt spaltete der Bauer dabei die Klötze zu kleinen und großen Scheitern und zu feinen Spreißeln. Sorgfältig wurde bim üborgento Mo (über sich gehender Mond) an der Hauswand eine mächtige Schittor-Bieg zum Trocknen aufgerichtet. Aber die Arbeit im Wald war noch nicht fertig. Die Äste waren samt dem angefallenen Buschwerk zum Trocknen aufgestellt worden. Jetzt hackte man sie in 60 Zentimeter lange Stücke und band diese auf dem Buscholbock zu festen Buschla, außen die gespaltenen Äste, innen das feine Kreos (Zweige). Im Schatten der großen Tannen starb oft Jungholz aus Mangel an Licht ab. Solche Dürling mußten ebenso gefällt werden wie Jungtannen, denen Sturm oder übergroße Scheelasten die Wipfel abgebrochen hatten. Sie ergaben die auf dem Bauernhof so notwendigen Stangen und Pfähle und manchmal auch Kichoro-Stiogla (Bohnenstangen) für Mamas Garten. Noch einmal ging der Bauer durch seinen Holztoal, versetzte da und dort mit der Stockhaue eine junge Tanne auf einen frei gewordenen Platz und schaute nach den Marken. Ganz übereifrige Waldbesitzer stiegen sogar manchmal auf die Bäume zum 26 27 Bild 14: Am 4. Oktober 1996 eröffnet Landesrat Schwärzler mit den Bürgermeistern Kolb (Lauterach) und Mohr (Wolfurt) die neuen Ippachstraßen. Bild 12: Ein Damm über den Gitznergraben wird aufgeschüttet. Bild 13: Verantwortlich für die Kohlplatzstraße: Raimund Mohr und Herbert Böhler. Stümmolo. Durch Steigeisen und Bauchstrick gesichert, sägten sie die untersten Äste und die vertrockneten Aststummel ab. Dadurch wollten sie besonders gleichmäßigen Wuchs und astfreies Stammholz erzielen. Jetzt wartete man nur noch ufa guote Schliottbah, auf genügend Schnee. Beim ersten Frost spannten die Fuhrleute ihre Rösser ein und hängten ihnen 5 Scheollogschior um, einen Kranz mit einem Dutzend hell tönenden Schellen. Unter lautem Gebimmel zogen Gruppen von Fuhrwerken aus Lauterach und Hard mit Has und Hund (zwei schwere, stabile Blockschlitten) durch die Berggasse ins Ippach hinauf. Den Hund stellten sie beim Holzplatz ab. Auf dem Has ketteten sie oben im Holzteil ein paar Block fest und schleiften sie durch die vereisten Hohlgassen herab. Bei zu großer Geschwindigkeit legte der Fuhrmann rechtzeitig an Kretzar, eine starke kurze Kette, um die Schlittenkufen und bremste so die gefährliche Fahrt. Wenn alle ihre Last am Holzplatz abgeladen hatten, deckte man die verschwitzten Pferde mit einem dicken Roßkutzo zu und setzte sich zu einer kräftigen Jause zusammen. Dann stieg man gemeinsam ein zweites Mal auf. Es war Einbahnverkehr festgelegt. Kein Fuhrwerk durfte der Kolonne begegnen. Bei der zweiten Fuhr hob man am Holzplatz mit Zabie und lautem Ho-ruck! das hintere Ende der Stämme auf den zweiten Schlitten, den Hund, und lud die erste Fuhr noch oben darauf. In flotter Fahrt ging es jetzt ins Dorf hinab und über den Kirchplatz bis zum Lagerplatz bei der Mauer am einstigen BlitzeWeingarten. Es war inzwischen Nachmittag geworden. Bei guter Schneebahn fuhren die schweren Schlitten weiter nach Lauterach und Hard. Oft mußten die Stämme aber abgeladen werden. Dann holte der Fuhrmann sie ein paar Tage später mit seinem stabilen Block-Wagen. Inzwischen hatten andere Waldbesitzer ihre Hornar (Handschlitten) in die Dreigassen hinauf geschleppt. Große Fuhren von Buscheln wurden dort aufgeladen, manchmal auch die getrockneten Rinden oder Stanga und Speolta. In sausender Fahrt lenkten starke Männerarme die Schlitten durch die Hohlgasse herab. Hoffentlich ohne Umwerfen ! Es war ein gutes Gefühl, wenn dann endlich gnuo Holz vom Wändo die Familie wenigstens von einer von ihren vielen Sorgen befreite. Den größten Klotz sparte man uf Baschas-Tag (St. Sebastian, 20. Jänner), aber auch nachher wollte man noch überall eine warme Stube. 28 29 Siegfried Heim Familie / Personenzahl Detomaso Flora 5 Paßler Kassian 6 Kompatscher Anton 7 Piasinger Karl 7 Ladurner Rosa 7 Lechner Anna 5 Sepp Gottfried 5 Wolf Franz 4 Fischer Katharina 3 Ebnicher Maria 5 Gatterer Anton 4 Gottardi Josef 2 Plattner Raimund 2 Prantl Magdalena 2 Santa Alois 7 Nicolussi Emma 4 Moschen Anton 10 Meist nur kurzzeitig anwesende Einzelpersonen oder Paare 37 Zusammen H-Nr. 1945 und heutige Anschrift 51 75 77 142 203 204 204 206 233 242 279 279 294 319 351 388 300 Feldeggstraße 2, Klosos Im Holz 2, Paßler Im Holz 8, Hinterfeld Frickenescherweg 5, Draiars Flotzbachstr. 16, Schädlars Flotzbachstr. 18, Jokobos Flotzbachstr. 22, Wächterhaus Hofsteigstr. 48, Seppos Brühlstraße 30, Lutzo-Ferdes Dornbirnerstr. 16, Soalars Inselstraße 5, Kassians Bützestraße 22, Toblars Hansirg Flotzbachstr. 17, Lindinger Achstraße 50, Im Wida Achstraße 14, Zwickle Einwanderer 3 In Einwanderer 1 versuchte ich aufzuzeigen, daß ein ganz großer Teil der alteingesessenen Wolfurter Familien ursprünglich aus Nachbargemeinden zugezogen ist. In Einwanderer 2 ging es um die Fremden aus dem Schwabenland, aus der Schweiz und aus dem Trentino. Dieses dritte Kapitel ist nun zwei Volksgruppen gewidmet, die durch die politischen Umwälzungen in der Mitte unseres Jahrhunderts ihre Heimat aufgeben mußten und von denen einige Familien zu uns verschlagen wurden, Südtiroler und Sudeten-Deutsche. Daran schließt sich noch die Lebensbeschreibung einer nach Wolfurt zugewanderten jüdischen Frau an. Aussiedler aus Südtirol Seit dem Mittelalter besaß Tirol ein geschlossenes deutschsprachiges Siedlungsgebiet bis zur Salurner Klause. Für den Eintritt in den Ersten Weltkrieg gegen Österreich bekam Italien von seinen Bundesgenossen das Trentino und Südtirol bis zum Brenner zugesichert. So wurde denn auch im Friedensvertrag von St. Germain am 10.9.1919 ganz Südtirol mit 240 000 deutsch sprechenden Einwohnern zu Italien geschlagen. In der Zeit des Faschismus begann eine scharfe Italianisierungspolitik mit dem Verbot der deutschen Sprache in Ämtern und Schulen. Vor allem in den Städten wurden italienische Einwanderer angesiedelt. 1939 schlossen Hitler und Mussolini ein Umsiedlungsabkommen. Wer sich für die deutsche Staatsangehörigkeit entschied, sollte seine Heimat verlassen müssen. Trotz dieser Drohung optierten 90 % der Südtiroler für Deutschland. Sofort begann deren Aussiedlung. Bis 1942, als die Kriegsereignisse der Aktion ein vorzeitiges Ende bereiteten, waren bereits 75 000 Südtiroler über den Brenner nach Norden transportiert worden. Etwa 11 000 davon landeten in Vorarlberg, wo man für sie in den größeren Orten eilig die für jene Zeit recht komfortablen Südtiroler-Siedlungen erstellte. Diese reichten aber bei weitem nicht aus, so daß man in allen Dörfern weitere Wohnungen suchte. In Wolfurt besitzen wir eine Aufstellung über die im Sommer 1945 anwesenden Südtiroler. Gebhardine Hinteregger-Claessens mußte damals im Auftrag der Gemeinde alle anwesenden Ausländer aufschreiben, da deren Versorgung mit Lebensmitteln ein großes Problem war. Nach 189 „Reichsdeutschen" waren die 122 Südtiroler vor 20 Schweizern und 20 „Tschechen" die mit Abstand größte Gruppe. So setzte sie sich zusammen: 122 Südtiroler Einige von den Südtiroler Familien hatten um diese Zeit Wolfurt bereits wieder verlassen, weil sie in den Siedlungen von Bregenz oder Lochau eine Wohnung erhielten. Darunter war die Familie Pörnbacher. In Ober-Olang an der Rienz im Pustertal hatte Georg Pörnbacher seinen Hof verkaufen müssen. Über Innsbruck und Riefensberg war er mit seiner Frau Anna und den 11(!) Kindern schließlich nach Wolfurt gekommen und hatte im Bergarhus im Oberfeld ein bescheidenes Unterkommen gefunden. Die älteren Buben mußten einrücken. Paul fand 1944 bei Monte Cassino den Tod, auch sein Bruder Johann starb an den Folgen einer schweren Vewundung. Von den anderen Geschwistern leben heute noch vier in Lochau. Moschens sind eigentlich keine Umsiedlerfamilie. Vater Anton war schon um das Jahr 1930 zum ersten Mal aus Meran nach Vorarlberg gekommen und hatte hier seine Frau gefunden. Als er um 1940 zum zweiten Mal mit seiner nun großen Familie kam, fand er bei Hammorschmiods an der Achstraße eine Wohnung. 30 31 Nach dem Krieg hofften viele Südtiroler auf eine Korrektur des Vertrags von St. Germain und auf eine Heimkehr ihres Landes zu Österreich. Vergeblich! Das Abkommen der Außenminister Gruber und De Gaspari vom September 1946 brachte herbe Enttäuschungen. Aber wenigstens waren die deutschen Familiennamen jetzt wieder zugelassen. In den Schulen wurde wieder deutsch gesprochen. Die Forderung nach weiteren Rechten und deren Ablehnung durch die italienische Regierung führten 1966 zu Terroraktionen. Masten und Siegesdenkmäler wurden gesprengt und in der Folge viele junge Südtiroler zu langjähriger Kerkerhaft verurteilt. Erst das 1969 beschlossene „Paket" brachte Entspannung. Seither wuchs die Einwohnerzahl Südtirols auf übe


Heimat Wolfurt Heft 30 2007 März
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 30 Zeitschrift des Heimatkundekreises März 2007 Bild 1: Die Feuerwehrfahne von 1907. GOTT ZUR EHR; DEM NÄCHSTEN ZUR WEHR Inhalt: 153. Unsere Feuerwehr 154. Brände in Wolfurt 155. Die Fatt 156. Zoll zahlen 157. Zeitstreifen II 158. Hafoloab Bildnachweis Mohr Hubert 9, 10, 24, 25, 28 Heim Siegfried 2, 29, 32 Sammlung Heim 20, 22, 30, 31 Alle anderen aus dem Archiv der Feuerwehr. Zuschriften und Ergänzungen Konto Das Konto Heimatkundekreis 87 957 bei der Raiba Wolfurt (BLZ. 37 482) wird nach Abschluß des Versandes gelöscht, der Saldo an die Gemeinde abgeführt. Danke für alle bisherigen Zuwendungen! Dank Mit diesem 30. Heft schließe ich die Reihe „Heimat Wolfurt" ab. Ich habe dafür in den letzten Jahren viel Anerkennung erhalten. Daß ich als alter Lehrer noch manch Wissenswertes über unser schönes Dorf in die Wolfurter Stuben tragen durfte, mächt mich glücklich. Ich danke der Gemeinde und an ihrer Spitze vor allem dem Bürgermeister Erwin Mohr für alle Unterstützung und für die finanziellen Zuwendungen, die den Druck ermöglichten. Ein Dankeschön den Lesern für die vielen kleinen und großen Spenden, die einen wesentlichen Beitrag erbrachten. Mein Dank gilt auch den verläßlichen Setzern und Druckern, Erik Reinhard und den Firmen Mayr und Lohs. Nicht vergessen möchte ich meine Frau Friedel, die in all den Jahren die Adressen klebte und viele Anrufe entgegen nahm. Ich hoffe zuversichtlich, daß sich Nachfolger finden, die meine Sammlungen im Gemeinde-Archiv sichten und erweitern und uns noch viel Interessantes über unsere Heimat Wolfurt erzählen! Neubestellungen Von den bisherigen Ausgaben von „Heimat Wolfurt" stehen noch die letzten Hefte (Nr. 17 bis 30) in beschränkter Anzahl zur Verfügung, von älteren Heften nur mehr Einzelstücke. Dazu gibt es auch ein Inhaltsverzeichnis und - ganz neu - ein alphabetisches Stichwort-Register. Bestellungen bitte mit Angabe der Adresse an die Schriftleitung. Keine weiteren Verpflichtungen! - Lediglich die Bitte um eine freiwillige Spende. Die Staufer (Heft 29, S. 5) Dieser Artikel verlangt nach kritische Auseinandersetzung mit dem Thema. AltBürgermeister Hubert Waibel hat das getan und mir viel Wissenswertes zugeschickt. Seit 1423 ist Nürnberg „auf ewige Zeit" als Aufbewahrungsort für die Kaiserkrone bestimmt. Seither mußte sie aber mehrmals vor dem Zugriff feindlicher Heere außer Landes gebracht werden und kam schließlich in die Schatzkammer nach Wien, „bis es wieder einen Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation gibt". Aus der Inschrift „PER ME REGES REGNANT" leitete man im Mittelalter ab, daß nur der Inhaber der Krone als Kaiser des Reiches legitimiert sei. Daher strebten die Konkurrenten mit allen Mitteln nach ihrem Besitz. Von Friedrich Barbarossa und seinem Sohn Heinrich VI. weiß man, daß sie die Krone auf ihrer starken Stauferburg Trifels bei Annweiler in der Pfalz aufbewahrten. Friedrich IL aber, ständig in Kriege verwickelt und meist in Italien abwesend, wählte nach seiner Krönung im Jahre 1220 die Waldburg bei Ravensburg als geheimes Versteck, wo die ReichsInsignien von treuen Weißenauer Mönchen behütet wurden. Dafür wurden diese denn auch mit den wertvollen Bregenzer Gütern und dem Kellhof Wolfurt belohnt. Nach dem Interregnum wurde Rudolf von Habsburg zwar 1273 in Aachen zum König gekrönt, die Kaiserkrönung in Rom verhinderte aber der plötzliche Tod des Papstes. Da nahm Rudolf die für ihn so wichtige Krone, die man damals noch symbolträchtig als „das riche" bezeichnete, mit auf seine Kyburg in der Schweiz. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Bild 2: Aussichtspunkt Buggenstein. Am Fernrohr Adolf Heim. Siegfried Heim Feuersnot und Feuerwehr Feuer ist ein ganz großer Segen für uns Menschen. Es macht unser Leben erst lebenswert. Aber das gleiche Feuer, das die Menschen in der Winterkälte gewärmt und ihr Essen genießbar gemacht hat, das hat oft auch ihre Holzhäuser und das Leben von Menschen und Tieren bedroht und schweres Leid ausgelöst. Mit allerlei Geräten und Vorrichtungen versuchen wir Menschen daher, diese Gefahr abzuwenden. Der Einsatz der Nachbarn und der ganzen Dorfgemeinschaft half schon in alter Zeit mit, Schadensfeuer zu löschen oder wenigstens deren Ausbreitung zu verhindern. Das führte schließlich zur Gründung von vereinsmäßig organisierten Feuerwehren: 1859 in Feldkirch 1861 in Bregenz 1866 in Dornbirn 1877 in Hard 1878 in Schwarzach Am 18. Februar 1888 beschloß der Landtag ein Feuerwehrgesetz. Das war der Auslöser für weitere Vereinsgründungen: 1889 in Wolfurt 1891 in Lauterach. Der Buggenstein (Heft 29, S. 37) In Langen hat Adolf Heim diesen Beitrag besonders sorgfältig studiert. Ihm fiel die genannte „44 Meter hohe Wölbung" des Bodensees auf. Mit einer selbst entwickelten mathematischen Formel ergänzt und korrigiert der erfahrene Segel-Kapitän diese Feststellung. Die Wölbung zwischen Bregenz und dem 46 km entfernten Konstanz beträgt nur 42 m und bis zur Mainau fast gleich viel. Vom Buggenstein aus sind es allerdings bei 49 km Distanz bereits fast 48 m Höhe. Die größte Längserstreckung des Sees von der Bregenzer Pipeline bis zum Westpunkt bei Ludwigshafen ergibt bei 63 km Luftlinie sogar einen Buckel von 78 m! Wir wollten über diesen Buckel drüber schauen. Klarer noch als Föhntage sind sonnige Wintertage. Am 2. November, in der Mittags-Sonne nach dem ersten Nachtfrost, stellte Adolf auf dem Buggenstein sein großes Fernrohr auf. Bei 480 m ü.M steht die Linse 85 m über dem Wasserspiegel des Sees. Man muß also Konstanz sehen. Tatsächlich! Wir sehen nicht nur das große Fährschiff, das gerade Romanshorn ansteuert, sondern dahinter auch deutlich das Konstanzer Münster und natürlich auch den Hohentwiel. Rechts vom Münster erkennen wir die Universität und auf dem Bodanrück den hellen Wasserturm. Jetzt tastet sich unser Auge zum Überlinger See. Den deckt aber das vorspringende Steilufer von Meersburg fast völlig zu. Im Eingang müßte die Mainau liegen. Ihre Bäume lassen sich vom Bodanwald dahinter nicht unterscheiden. So können wir auch das auf 426 m stehende Schloß Mainau nicht eindeutig erkennen. Um so deutlicher sehen wir die Schlösser von Meersburg und von Kirchberg am rechten Seeufer. Aber die Segelboote und auch die großen Fährschiffe vor der Mainau bleiben unserem Auge immer noch hinter der Kimm des See-Buckels verborgen. Für sie ist er noch zu wenig hoch, unser Buggenstein! 4 Das Löschwesen vor der Vereinsgründung Die offizielle Gründung hat eine lange Vorgeschichte. Schon lange vor 1889 organisierte die Gemeinde ihr Feuerlöschwesen immer wieder neu. Von der Feuergefahr am offenen Herd berichtet schon ein Hofsteiger VerhörProtokoll von 1706: „.... das werckh in den Öfen zue döeren thue mann niemahlen verbieten, daraus doch so grosse gefahr entstehe .... " (Nach Bilgeri, Geschichte Vorarlbergs III. S. 520). Demnach hatte der Ammann das Dörren von Werg, von Flachs für die Leinenweber, wieder nicht rechtzeitig verboten. Zum Löschen brauchte man das Wasser aus den Dorfbächen und aus der Ach, das bis ins 19. Jahrhundert meist nur in ledernen Kübeln zu den Brandplätzen geschleppt werden konnte. Die wichtigsten Dorfbäche waren der Tobelbach im Kirchdorf, der Holzerbach für Unterlinden und Strohdorf, der Eulentobelbach an der Hub und der Rickenbach. Im Kirchdorf gab es zwar schon seit 1517 einen Brunnen, aber für Löschwasser reichten auch alle die vielen anderen Brunnen, die ihm nachfolgten, meist nicht aus. Daher wurde Löschwasser in eigenen Feuer-Weihern bereit gehalten. 5 Ein Nachtwächter schaute nach unbeaufsichtigten Feuerstellen aus. Über die Pflichten der „ Wacht" wissen wir aus einem Anstellungsprotokoll vom Jahre 1818: Die Wacht „.... habe alle Nächte am Werktag um 11 Uhr, an Sontag und Feierabend aber um 10 Uhr, dan alle stund aus Rufen bis Morgens 4 Uhr; Welche fleißig auf das feur obacht zu geben hat, wie auch alle Rauferejen und Spatte schwermungen, abhalten, auch auf die übertrettung der Polizeje stunden ob acht zu geben hat...." Der Wächter war also gleichzeitig Dorf-Polizist, der Junge und Alte rechtzeitig nach Hause schicken mußte. Um das Jahr 1800 gab es schon tragbare mechanische Spritzen, von denen die Gemeinde Wolfurt zwei Stück anschaffte. 1834 richtete das Landgericht in Bregenz eine Aufforderung an die Gemeindevertretung, eine fahrbare Feuerspritze anzuschaffen. Sie hätte etwa 400 Gulden gekostet. Weil die Gemeinde aber wegen des gerade erfolgten Kirchen-Neubaus in tiefen Schulden steckte, lehnte sie ab. Eine weitere Aufforderung von 1835 sah jetzt eine Spritze für 700 Gulden vor. Zu teuer! Jetzt wurde der gerade aus der Schweiz nach Wolfurt zugezogene Mechaniker Carl Zuppinger beauftragt, eine solche „Fahr-Spritze" anzufertigen. Nach Überprüfung seines Werkes durch das Kreisamt bezahlte die Gemeinde den stolzen Preis von 750 Gulden. Noch im gleichen Jahr erließ die Gemeinde eine umfangreiche „Feuerordnung", die den Einsatz aller Feuerwehr-Gerätschaften genau regelte. Der Entwurf dazu ist im Gemeindearchiv erhalten geblieben. Das Vierblatt-Papier, auf welchem sechs Seiten eng beschrieben sind, ist heute ein wertvolles Zeitdokument. Es soll daher nachfolgend vollständig abgedruckt und kommentiert werden. Feuerordnung 1838 Ein jeder Dorfmeister hat in hiesiger Gemeinde, nebst der Vorstehung u. Gemeinds Ausschüßen, wenn ein Feuer ausbrechen sollte, die schleunigsten Anordnungen helfen und treffen, und das möglichste mittzuwirken. (Dorfmeister waren gewählte Verantwortliche für die einzelnen Teile der Gemeinde, die aber dem Vorsteher unterstanden. Ausschüße nannte man die Gemeindevertreter.) Zu der Fahrfeuerspritze wird voraus der Gemeinds Aussschuß Martin Schertler bestimmt; u. als Beihülf wird Johann Böhler Schloßer, Karl Zuppinger Mechaniker, und Andreas Bildstein Schmid; welche bei ausbrechenden Bränden wie auch in Zwischen Zeiten, besondere Vorsichtsregeln zu beobachten haben, sollte allenfalls im Orte ein Brand ausbrechen, so sollen dieselbe mit Beihülfe, die Spritze von Hand auf den Brandplatz befördern. (Die Verantwortung für die kostbare Spritze vertraute man also neben einigen ört6 lichen Schlossern dem angesehenen Ziegel-Fabrikanten und früheren Vorsteher Martin Schertler aus Unterlinden an, der den Kirchenbau geleitet hatte. Auch die anderen wohnten nahe beim zur Unterbringung der Spritze bestimmten alten Schulhaus. Johann Böhler hatte seine Werkstätte neben dem Unterlinden-Brunnen, Zuppinger ein paar Schritte weiter oben in Draiars Hammerschmiede und Andreas Bildstein im Strohdorf. Seine Schmiede wurde später zu Molars Lädele umgebaut.) Zu der Tragspritze welche dem Lorenz Dür Schmid im Röhle zu Handen genommen werden solle, hat dieselbe in der hiesigen Gemeinde oder benachbarten Ortschaften mit seinen Gehülfen Fr. Jos. Dür, Jos. Ant. Schertler, Gebhard Klocker, Benedikt Dür, Gebhard Geiger, Martin Haltmayer, und Mathias Haltmayer, zu besorgen. (Die erste von den alten Tragspritzen erhielt ihren Platz bei dem Schmied Lorenz Dür im Röhle, der mit seinen Söhnen später die Vorgänger-Schlosserei der Firma Doppelmayr in Rickenbach begründete. Ihm sollten seine Nachbarn im Röhle helfen, darunter J. A. Schertler, Ziegel-Fabrikant und Bruder des oben genannten Altvorstehers, und die reichen Gerber-Haltmayer.) Zu der Tragspritze welche Joseph Böhler Schloßer Spettenlehen bekommt, soll dieselbe mit seinen Gehülfen Michael Sohm, Fr. Jos. Brüstle, Joh. Ant. Höfle, Dietrichs Sohn, Johann Rohner, Andreas Schwärzler, u. Johann Müller Schuster, zu besorgen haben. (Die zweite Tragspritze kam in die Südhälfte der Gemeinde zu Joseph Böhler. Seine Schmiede stand auf dem Platz von Hofsteigstraße 37. Aus ihr stammten auch Josephs Schmiede-Brüder Johann am Unterlindenbrunnen und Jakob, der Vater der Holzer-Schmiede. An der Spritze halfen mit anderen Spetenleher Nachbarn der Kronenwirt Michael Sohm und der Gerber Höfle.) Jewilliger Meßmer soll verpflichtet sein bei ausbrechenden Feuersbrünsten Lermen zu leuthen. (Sturm-Läuten, Lermen-leuthen, war ein noch lange Zeit übliches Warnsignal bei Sturm, Hochwasser, Feuersbrunst und auch in Kriegsgefahr. Erst während des Zweiten Weltkriegs wurde es von den Sirenen abgelöst.) Der Bronnenmeister in Wolfurt hat die wesentliche Pflicht, den Feuerweyer u. Feuerbronnen im Ort Wolfurt gehörig zu besorgen und bei ausbrechenden Feuerbrünsten im Orte, besonders die Aufsicht zu halten, daß das Wasser benützt werden kann, und so auch jener zu Rickenbach, u. s. w. (Jeder von den fünf Dorfbrunnen hatte einen eigenen Brunnenmeister, der von den Brunnen-Genossen gewählt wurde und für die Instandhaltung der Leitungen und des Troges zu sorgen hatte. „Wolfurt" bedeutet in diesem Zusammenhang das Kirchdorf Wolfurt im Gegensatz zu Ach, Strohdorf und den anderen Teilen der Gemeinde.) Johann Köb hat die bei seinem Haus errichtete Wasserfalle im Bach zu besorgen, daß dieselbe bei ausbrechendem Brand benützt werden kann, u. auch jene zu Wolfurt Strohdorf u. Hub. 1 Fr. Jos. Flatz hat die bei seinem Haus errichtete Wasserfalle im Bach zu besorgen, diese Strohdorf. Joh. Böhler Küffer hat die bei seinem Haus errichtete Wasserfalle im Bach zu besorgen, Hub. Jos. Ant. Schwerzler Weber hat die bei seinem Haus errichtete Wasserfalle zu besorgen, zur Linden. Joseph Mohr in Spetenlehen hat die bei seinem Haus errichtete Wasserfalle zu besorgen. Lorenz Schneider hat die Wasserfalle bei seinem Haus zu besorgen. Jakob Schneider hat die Wasserfalle bei seinem Haus zu besorgen. (Hier erfahren wir also von den sieben „Wasserfallen", an denen die Anrainer mit Hilfe von breiten Brettern die Bäche aufstauen konnten. In Spetenlehen tat dies z. B. Joseph Mohr, der Kamm-Macher und Stammvater der Kampler-Mohr. An der Hub war die Falle beim Haus Flotzbachstraße 1, wo damals Johannes Böhler seine Küferei betrieb. Im Kirchdorf betreute Lorenz Schneider das Sperrbrett. Er besaß das Sammüller-Haus, an dessen Hauswand entlang der Tobelbach vom Brunnen in die Bütze hinab floß.) Zu den Feuerhaken und Feuer Leitern haben zu besorgen Joh. Gg. Rusch u. Michael Lau, Jos. Anton Bildstein Wagner u. Gebhart Höfle Lehrer. (Auch die Haken und Leitern wurden im Schopf des Schulhauses verwahrt. Dort hatten Nachbarn die Verantwortung: Rusch lebte direkt neben dem Schulhaus in einem längst verschwundenen Haus, Michael Lau gegenüber in Festinis Haus. Bildsteins Wagnerei war im Hause Hofsteigstraße 15 und der Lehrer Höfle lebte in einem später bei Eulentobelstraße 1 abgebrannten Haus.) Zu der Sicherheits Wacht werden bestimmt in Wolfurt Jos. Anton Schwerzler Todtengräber u. Andreas Klocker Glaser, In der Mitte im Dorf werden bestimmt Martin Rohner Weber u. Joseph Thaler an der Hub, In Rickenbach Michael Läßer u. Jos. Ant. Böhler. (Die Feuerwache beobachtete nach Beendigung der Löscharbeiten die Brandstätte und verhinderte ein Wieder-Aufflammen der Glut.) Die geflüchteten Wahren zu besorgen in Wolfurt werden bestimmt Jos. Klocker zur Ach u. Xaver Albinger u. Anton Schneider u. Joseph Mayer, In der Mitte Johann Müller u. Joseph Brugman, Joseph Schneider u. Joh. Gg. Höfle Gärber, In Rickenbach G. u. Ant. Rünzler u. Xaver Vonach u. Mart. Schneider u. Mart. Kalb. (Gerettete Möbel, Kleider und auch Tiere mußten versorgt und gegen Diebstahl geschützt werden.) Zu Zabinnen u. Flozer Haken werden bestimmt 1 Johann Müller 2 Joh. Georg Dür 3 Joh. Gg. Mäsch in Rickenbach, 4 Anton Kalb in Spetenlehen, 5 Jos. Ant. Fischer an der Hub, 6 Nicklaus Fischer 8 Strodorf u. Jos. Anton Schwerzler Zimmermann an der Hub, 7 Lorenz Rohner u. 8 Joh. Georg Schwerzler Zimmermann zur Linden, 9. Jos. Anton Mäsch 10 Xaver Geiger 11 Fr. Jos. Schwerzler im Tobel 12 Jos. Ant. Schwerzler Jung 13 Gebhart Geiger in Wolfurt 14 Jos. Anton Rohner Jakobs 15 Joseph Rusch u. Joseph Schwerzler zur Ach. (Ein Zabin ist ein auch heute bei Waldarbeitern noch häufig gebrauchter Haken mit starkem Hebelstiel. Flößerhaken wurden beim Holztriften in der Ach verwendet. Mit den an einer sehr langen Stange sitzenden Haken konnte man auch brennende Dachstühle und hölzerne Hauswände einreißen.) Wolfurt am vorstehenden Leonhard Fink Gmd. Vorsteher (1838) Der erste Teil der Feuerordnung nennt also viele Namen von zur Wehr eingeteilten Mitbürgern. Für diese war er wohl in erster Linie bestimmt. Ausgearbeitet und unterfertigt wurde sie von Gemeinde-Vorsteher Adlerwirt Leonhard Fink. Die Verordnung bedurfte aber einer Genehmigung durch die Oberbehörde. Daher wurde eine gekürzte und in einigen Punkten ergänzte zweite Schrift an das Landgericht in Bregenz eingereicht. Der Entwurf dazu füllt im zweiten Teil des Dokuments weitere drei Seiten: Löbl. kk. Land u. Krim. Gericht Anmit wird von der Gemeinde Wolfurt folgende Feuerordnung mit dem Bemerken vorgelegt, daß die weitere nothwendige Anordnungen, welche der Gemeinde noch nicht bekannt sein können, die gnädige Weißung von dem Gerichte erhalten werden möchte. (Man beachte die unterwürfigen Formulierungen, die in der Zeit des Absolutismus unter den Metternich'schen Beamten üblich geworden waren.) 1.) Bei einem ausbrechenden Brande in der eigenen Gemeinde soll einjewilliger Vorsteher, Gemeinde Ausschuß, und die aufgestellte Dorfmeister zur schleunigen Anordnung bestimmt werden. 2.) Zu der Fahrspritze wird verordnet der Gemeinds Ausschuß Martin Schertler, Johann Böhler Schloßer, Karl Zuppinger Mechaniker, und Andreas Bildstein Schmid, wobei bemelter Ausschuß Schertler bei der Fahrspritze besorgt und begwaltiget sein solle, alle mögliche Vorsicht zu treffen, daß wo mit der Spritze in andere Ortschaften ausgefahren werden müßte, daß die Spritze nicht mit mehreren Männern beladen werde, als mit jenen, welche hiezu bestimmt sind, damit man durch Überladung oder Ruinirung derselben nicht gehindert werde. 9 (Im ersten Entwurf ist nur von Einsätzen im eigenen Dorf die Rede, zu denen man die Spritze von Hand ziehen sollte. Jetzt sah man auch Hilfeleistungen in Nachbargemeinden vor, zu denen ein Pferdegespann notwendig war. Schertler wird ermächtigt - begwaltiget -, nicht berechtigte Fahrgäste am Mitfahren zu hindern, um die Spritze nicht zu gefährden.) 3.) Im Falle im Orte selbst ein Brand ausbrechen würde, so solle mit Beyhülfe der Anwesenden Männer, wenn nicht gleich Pferdte vorhanden sind, sogleich mit der Spritze auf den Brandplatz befördert werden. 4.) Da noch zwey Tragmaschinen vorhanden sind, allwo erstere sich im Röhle zu Wolfurt befindet, welche Lorenz Dür Schmid und 8 die nächsten Nachbaren zu besorgen haben. 5.) Zu der zweiten Tragmaschine wird bestimmt, welche zur Hub besteht, der Schloßermeister Joseph Böhler und ebenfalls 8 die nächste Nachbaren, welche dieselbe abwechselnd zu tragen und regieren haben. 6.) Bei einem auswertigen Brandlermen, soll dem ersten Paar Pferdtfiir ihren Eifer und Thätigkeit 2 fl 42 x, dem anderen Paar 2fl, und dem 3ten Par Pferdt 1 fl zum voraus vergütet werden, welch letzteres Par Pferdt die Hauen, Hacken und Leitern nach zuführen hat. ( Ein Gulden - 1 fl, Florin - war damals für einen Bauern viel Geld. Ein halber Gulden hatte 30 Kreuzer - 30 x -. Das war der Taglohn eines Arbeiters. Die ausgesetzte Prämie entsprach also nahezu einem ganzen Wochenlohn.) 7.) Jeder Meßmer soll verpflichtet sein, bei Ausbrechenden Feuersbrünsten Lermen zu leuthen. 8.) Bei jedem Brand im Orte solle besonders von den Bronnenmeister insgesamt, und jene Angränzer bei den Bächen wo schon wirklich Wasserfallen errichtet sind, beobachtet werden, dieselben sogleich herzurichten, daß das Wasser so viel möglich, benützt werden kann. Eben so sollen auch die Müller im Holz, Zuppinger zur Linden, und Müller zu Rickenbach verbunden sein, in all jenen erforderlichen Fällen ihre Weyer auf der Stelle los zu lassen, nicht minder hat der Bronnenmeister und Dorfmeister im Orte Wolfurt die wesentliche Pflicht, den Feuerweyer und Feuerbronnen daselbst in gehöriger Ordnung zu erhalten und zu besorgen. (Zwei Mühlen standen im Holz hintereinander am Holzerbach, durch den das im Weiher aufgestaute Wasser in Richtung Unterlinden und Strohdorf abgelassen werden konnte. Den gleichen Bach staute der Drechsler und Mechaniker Zuppinger bei seiner zur Spulenfabrik umgebauten Hammerschmiede noch einmal auf. Linden ist die alte Bezeichnung für Unterlinden, das sind die Häuser um den ehemaligen Brunnen an der Frickenescherstraße. Die Mühle in Rickenbach war das heutige Stammhaus Doppelmayr, Rickenbacherstraße 9. Mit der Ort Wolfurt ist wieder das Kirchdorf allein gemeint.) 9.) Könnte man 16 Männer von Holzarbeiter oder Flötzer mit Zapin und kleinen Flötzerhacken aufstellen, wo diese Instrumente in vielen Fällen anwendbar 10 sein türften. 10.) Dann 4 Männer welche mit Beihülfe die großen Feuerhacken und vorhandenen Feuerleitern zu besorgen haben. 11.) Sollten 6 Männer bestimmt werden welche in drey Abtheilungen im Orte der Gemeinde die Sicherheits Wacht zu übernehmen haben und 12.) 4 Männer zu Wolfurt, 4 Männer in Mitte des Dorfes und 4 Männer bei Rickenbach, welch jede Parthei am nächsten ausbrechenden Brand mit 4 Männer die allenfalls geflüchtete Sachen zu verhüten und zu verwahren haben, welche nach der Gerichts Einverständigung die schleunigste Weißung erhalten werden. 13.) Werden zwei Feuerreiter in Antrag gebracht, nemlich Lorenz Schneider zu Wolfurth und Johann Georg Reiner zu Steig bei Rickenbach. (Zusätzlich zum Sturmläuten mit den Kirchturmglocken sollen zwei Reiter den Feueralarm in die ganze Gemeinde hinaustragen. Auf ihren Blasinstrumenten schmettern sie immer wieder ein Signal und rufen dann mit dem alten Ruf „Fürio!" die Dorfgemeinschaft um Hilfe. Lorenz Reiner war der Ahn der Sammüller-Böhler in deren Stammhaus an der Kellhofstraße. J. Gg. Reiner besaß ein Haus am Platz von Hofsteigstraßs 50 auf der Steig, wo später sein Nachkomme Alfred Fischer lebte.) 14.) All übrige welche keine eigene Bestimmung haben, werden verbindlich gemacht, ihre Feuer Kübel oder auch andere Schöpfgeschiere mit sich zu nehmen, und sich bei dem Brandplatze von dem aufgestellten Comando leiten zu lassen. (Es gab also bereits eine vereinsmäßig geführte „Feuerlöschmannschaft". Darüber hinaus waren aber alle männlichen Dorfbewohner zum Lösch-Einsatz verpflichtet. Das galt auch noch nach der Gründung der Feuerwehr im Jahre 1889.) Wolfurt am 10. Xber 1838 (10. Dezember 1838) Leonhard Fink Gmd. Vorsteher Zur sicheren Unterbringung der neuen teuren Fahrspritze wurde im alten Schulhaus an der Hofsteigstraße im August 1839 ein „Spritzenschopf' eingebaut, auch zum „Schläuche aufhänken". Wie die Genehmigung der obigen Feuerordnung ausgesehen hat, wissen wir nicht. Aber schon zwei Jahre später verlangte das Gericht 1840, daß die Gemeinde nun für jedes Haus ein Feuerbeschau-Protokoll anzufertigen habe. In dem dazu vorgelegten amtlichen Formular werden als notwendige „Feuerlöschgeräthschaften" vorgeschlagen: 2 Feuerkübel, 1 Handsprizen, 1 Laterne u. 1 Bottich auf dem Estrich Für die Gemeinde werden im Formular aber vielerlei Geräthschaften verlangt: 1 Fahrsprize 2 Tragsprizen, alle in sehr gutem Zustande, 11 1 Wagen für die Feuerlöschgeräthschaften 4 Feuerleitern 50 andere Leitern 6 Feuerhaken 4 Feuergabeln 10 Feueräxte Mehrere Zapine, Stockhauen und Schaufeln 200 Feuerkübel u. ebensoviel Laternen 2 Weier, Wasserkanäle, die Gemeinds u. Privat Brunnen sind sämtlich in gutem Zustande. Diese Anforderungen hatte Wolfurt in seiner Feuerordnung schon weitgehend erfüllt. Wir dürfen annehmen, daß sich die Gemeinde bei den sehr hohen Zahlen an Leitern, Kübeln und Laternen deutliche Abstriche erlaubt hat, zumal ja schon jedes Haus über mindestens zwei Feuerkübel und einige Laternen verfügte. Etwa ab 1860 bildete sich in Wolfurt, unterstützt von der Gemeinde, ein noch inoffizieller Feuerwehr-Verein heraus. Das erfahren wir aus der Chronik des Ferdinand Schneider, der selbst „Steiger" und auch Hornist bei diesem Verein war (GA, Schneider 3, S. 45). 1870 wurde in Kennelbach Josef Cuprano, der verdienstvolle Gründer von Gesangverein und Kirchenchor Wolfurt begraben. Daran nahmen neben diesen Chören auch ,,Feuerwehr und Blechmusik von Wolfurt" teil. Cuprano war ebenfalls „Mitglied der hiesigen Feuerwehr" gewesen. Noch im Jahre 1871 wurden je ein Nachtwächter für Wolfurt und einer für Rickenbach angestellt. Nach einer Verordnung der Gemeindevertretung vom 10. September 1871 mußte jeder Hausbesitzer am Sonntag-Nachmittag auf dem Kirchplatz Feuerkübel und Laterne vorweisen. Es drohte ihm eine empfindliche Strafe von zwei Gulden. Außerdem mußte jeder an einer Feuerlöschprobe am neuen Weiher teilnehmen. Die Gemeinde übernahm die Kosten für Ausrückungen ihrer „Löschmannschaft" in den Nachbargemeinden (GV-Protokoll 1876). Im Jahre 1887 wurde hinter dem neuen Schulhaus im Strohdorf ein Feuerwehr-Schopf gebaut. Jetzt verlangte das neue Landes-Feuerwehrgesetz von 1888 die Gründung einer offiziellen Wehr. Vorsteher Joh. Martin Schertler, der 1882 auch die erste GemeindeKanzlei eingerichtet hatte, schuf in mehreren Sitzungen die notwendigen Voraussetzungen und legte Statuten vor. Bild 3: Ältestes Feuerwehrbild von 1895. Vorne links mit dem Roßschweif auf dem Helm der erste Kommandant Gebhard Böhler, Schlosser Wolfurter Feuerwehr gegründet 1889 Unter Vorsitz des Rickenbacher Müllers Plazidus Gunz fand am 22. Dezember 1889 im Kreuz die Gründungs-Versammlung statt. Zum Obmann wurde der SpulenFabrikant J.W. Zuppinger gewählt, zum Ober-Kommandanten der Mechaniker 12 Gebhard Böhler („Schlosser" von der Kreuzstraße, ein Sohn des Holzer-Schmieds). Zuppinger lehnte aber die Wahl ab. In der auf den 19. Jänner 1890 in den Adler einberufenen General-Versammlung wurde daher Jakob Schertler, Ziegel-Fabrikant aus dem Flotzbach, zum Obmann gewählt. Unter Ober-Kommandant Gebhard Böhler wurde die Mannschaft in vier Abteilungen gegliedert. Kommandant Jos. Anton Köb, Lehrers, Zimmermann auf dem Bühel, übernahm die „Steiger" für die gefährlichsten Einsätze am Brandherd. Kommandant Joh. Bapt. Böhler, Schmied im Röhle und ein Bruder des Ober-Kommandanten, leitete die Ordnungs-Mannschaft. Kommandant Johann Haltmeyer, Kreuzwirt und Schriftführer der Wehr, war für die Rettungsmannschaft verantwortlich und Kommandant Wilhelm Böhler, Schmied im Strohdorf, befehligte die zahlenmäßig größte Mannschaft an den Spritzen und Schlauchleitungen. Auch zwei Hornisten wurden eingeteilt. (Siehe dazu die Berichte in den Feuerwehr-Festschriften 1973 und 1990!) 13 Bild 4: Fahnenweihe 1907. Fahnenpatin Rosa Köb. Neben ihr Kommandant Josef Anton Schwerzler. Bild 5: Die Feuerwehr 1924 vor dem Vereinshaus. Vorne in der Mitte Kommandant Rudolf Fischer, daneben Ehren-Kommandant J.A. Schwerzler. Schon 1891 erweiterte die Gemeinde den Schopf hinter dem neuen Schulhaus zu einem „Feuerwehrhaus ", aber es war eigentlich nur ein Stadel für Spritze und Geräte. Auch der „Neue Todtenwagen", den die Gemeinde 1884 angeschafft hatte, mußte im Spritzenschopf Platz finden. Ein eigener Laufbrunnen an der Stadelwand versorgte auch die Schule. Eine Gemeinde-Verordnung verpflichtete ab 1894 alle männlichen Gemeindebürger zu einer jährlichen Übung als Hilfsmannschaft der Feuerwehr. Über die recht sparsame Ausrüstung der Wolfurter Wehr gibt eine Statistik Auskunft. (Nach VLA, Vorarlbergische Statistik, 1907). Demnach besaß die Feuerwehr Wolfurt im Jahre 1901: 24 Mitglieder 1 vierrädrige Spritze 1 zweirädrige Spritze 90 Meter Schläuche 9 Leitern, davon 1 freistehend. Inzwischen war man mit der alt gewordenen Fahrspritze nicht mehr zufrieden, besonders weil ihr Wasserstrahl, je nach Leistung der Pumpenmannschaft, recht 14 unregelmäßig und stoßweise aus dem Strahlrohr schoß. Abhilfe sollte ein im Jahre 1890 angeschaffter „Hydrophor" bringen. Das war eine Saugpumpe mit einem Windkessel zum Druckausgleich. Zu ihrer Bedienung wurde eine Mannschaft mit einem eigenen Kommandanten notwendig. Der Hydrophor tat viele Jahre gute Dienste, besonders wenn man von den Feuerweihern oder gar von der Ach her lange Löschwasser-Leitungen bis zur Druckspritze am Brandplatz legen mußte. Erst mit der Inbetriebnahme der Hydranten wurde er überflüssig und daher 1952 zum Abbruch verkauft. Im Jahre 1901 erhielt die Wehr eine auf einen Zweirad-Wagen aufgebaute "mechanische Magirus-Leiter", die sich auf 12 Meter Höhe ausfahren ließ. Sie diente einige Jahrzehnte lang auch dem Gemeinde-Bautrupp, bis man sie nach der Anschaffunng der ersten Auto-Leiter ausmustern konnte. Eine schwere Krise kam 1906. Weil es ihr an finanzieller Unterstützung durch die Gemeinde fehlte, drohte der Feuerwehr die Auflösung. Noch im gleichen Jahr wurde aber das Mitglied Ferdinand Köb Vorsteher. Ihm gelang es, die Krise zu überwinden. Neue Begeisterung kehrte ein. Es wurde sogar die Anschaffung einer Vereinsfahne beschlossen. Mit einem großen Fest konnte diese am 16. Juni 1907 eingeweiht werden. Fahnenpatin war Rosa Köb, die Schwester des neuen Vor15 Bild 6: Die erste Motorspritze 1926. Zweiter von links der neue Kommandant Kolumban Thaler. Bild 7: Die Rettungskolonne 1928. Dritter v..l. der Gründer Johann Heitz. Stehers. 15 Feuerwehren und drei Musik-Kapellen nahmen am großen Festumzug teil. Eine bittere Unterbrechung im Vereinsleben brachte der Weltkrieg mit sich. Mit vielen anderen Mitgliedern mußte auch der kurz zuvor zum Kommandanten gewählte Albert Gmeiner, Lislos, Vater von acht Kindern, sofort einrücken. Er starb schon bei einem der ersten Gefechte. Der alte Kommandant Josef Anton Schwerzler, Murars Seppatone, mußte die Wehr weiterführen und auch die Bekämpfung von drei Bränden während des Krieges leiten. Ein eigenes Kapitel wurde der zum Trocknen der Leinen-Schläuche so dringend benötigte Schlauchturm. Erstmals hatte schon 1904 Gemeinderat Lorenz Gunz, der sich als langjähriger Feuerwehrmann und erstes Ehrenmitglied stets für die Wehr eingesetzt hatte, den Bau eines solchen Turmes beantragt. Auch weitere Vorstöße waren vergeblich, bis endlich 1913 wenigstens die Planung vergeben wurde. Der Weltkrieg verhinderte die Ausführung. Aber auch nach dem Krieg dauerte es noch zehn Jahre, bis Zimmermeister Fidel Schwerzler, Toblars Fidele, den Bau in Angriff nehmen durfte. Im November 1929 wurde der hohe hölzerne Turm endlich fertig und nun zu einem Wahrzeichen des Schulbereiches in Wolfurt. 1958 wurde er mit dem Spritzenhaus abgebrochen. Inzwischen hatte die Wehr ihre Aufmerksamkeit auch dem Rettungswesen gewid16 met. Die Männer taten ja ihren Dienst oft unter Lebensgefahr und mußten manchmal auch verletzte Haus-Insassen oder freiwillige Helfer versorgen. Im Jahre 1924 war Wagnermeister Johann Heitz, ein ausgebildeter Sanitäter aus dem Weltkrieg, der Wehr beigetreten und hatte sofort einen Sanitätskurs durchgeführt. Im Sommer 1925 beantragte der neue Gemeindearzt Dr. Lecher die Anschaffung eines fahrbaren Krankenwagens. Zusammen mit Heitz gründete er dann eine „RettungsKolonne" der Feuerwehr, deren Gründungsversammlung am 4. Dezember 1927 stattfand. Nach dem Tod von Johann Heitz wurde Anton Klettl 1932 Obmann der Rettungs-Kolonne. Mit großem Einsatz führte er diese, auch noch als sie später als „Rotes Kreuz" ein eigener Verein geworden war. Im Jahre 1926 erhielt die Feuerwehr ihre erste Motorspritze, montiert auf einem gummibereiften Zweirad-Anhänger. Der damals als sehr hoch empfundene Anschaffungspreis lag bei 10 000 Schilling. Die Ausrüstung wurde 1929 noch durch einen Schlauch-Wagen und eine tragbare Motor-Spritze komplettiert. Diese fand ihren Platz in Rickenbach, das damals in einem Anbau an die Kapelle ein eigenes Spritzenhaus hatte und dazu auch einen eigenen „Parzellen-Kommandanten" wählte. In der NS-Zeit durfte die Feuerwehr als einer der wenigen Vereine weiter bestehen bleiben. Kommandant Kolumban Thaler führte jetzt den Titel „Oberbrandmeister" 17 Bild 8: Dr. Lechers Rettungsauto 1938. Links „Oberbrandmeister" Thaler und Rettungsleiter Anton Klettl. Bild 9: Schlauchturm und Spritzenhaus hinter der Schule, kurz vor dem Abbruch 1958. und wurde vom Bürgermeister als „Wehrführer" neu bestellt und angelobt. Noch in Friedenszeit wurde bereits mit Vorführungen auf dem Kirchplatz Fliegeralarm geprobt. Zur Alarmierung wurden im Gemeindegebiet drei Sirenen montiert, die das bis dahin bewährte Sturm-Läuten mit den Kirchenglocken und das AlarmBlasen der Hornisten ablösten. Die Feuerweiher wurden überprüft. Der Schmiedeweiher im Holz wurde 1940 beachtlich vergrößert und mit eisernen Fallklappen versehen, durch welche sowohl der Weiher an der Schloßgasse im Kirchdorf, als auch Draiars Weiher in Unterlinden gespeist werden konnten. Mit einem Fest an der Ach feierte die Feuerwehr im Juli 1939 sogar noch ihr 50jähriges Bestehen. Dann aber kam der Krieg. Die Protokollbücher blieben leer. Die meisten Männer wurden an die Front gerufen. Jugendliche und Schüler ab 14 Jahren sollten ihre Plätze einnehmen. Sie wurden mit Helm und Gurt ausgerüstet und an der Spritze ausgebildet. Ihr einziger ernster Einsatz blieb aber glücklicherweise der Brand des Berger-Hauses 1944 im Oberfeld. Die erste Generalversammlung nach dem Krieg im Dezember 1947 begann, jetzt wieder unter „Kommandant" Thaler, mit einem Totengedenken. Dann aber setzte der wirtschaftliche Aufschwung ein, der sich natürlich auch auf die Feuerwehr auswirkte. 1952 übernahm Alois Bellmann das Kommando. 18 Damals wurde gerade der erste Teil der neuen Gemeinde-Wasserversorgung in Betrieb genommen. Ein Netz von Hydranten machte ab jetzt die Feuer-Weiher und die langen Schlauchleitungen entbehrlich. Modernes Gerät wurde angeschafft. Als dringend benötigtes erstes Kraftfahrzeug erhielt die Wehr allerdings erst 1955 ihren legendären „Dodge". Es handelte sich um ein etwa 1944 gebautes schweres amerikanisches Armee-Fahrzeug, das nach dem Krieg irgendwo in Kärnten liegen geblieben war. Von dort kaufte es die sparsame Gemeinde preisgünstig und rüstete es für die Feuerwehr um. Der Dotsch besaß eine starke Frontwinde, war mit seiner großen Spurweite und dem robusten Motor sogar für das Befahren steiler Bühel geeignet und leistete auch für den Gemeinde-Bautrupp gute Dienste. Er steht noch heute, nach mehr als 50 Dienstjahren, fahrbereit im Bauhof. Die Feuerwehr arbeitete jetzt eng mit der Gemeinde zusammen. Immer häufiger wurde sie außer zu Bränden auch zu „technischen" Einsätzen gerufen. Sie half bei Überschwemmungen und Vermurungen und pumpte überflutete Keller aus. Bei schweren Verkehrsunfällen beteiligte sie sich an der Bergung von Verletzten und an der Beseitigung von Wracks und von ausgelaufenem Öl. Dazu war eine ganz neue technische Ausrüstung notwendig, die von der Gemeinde mit immer größeren Beträgen angeschafft wurde. 19 Bild 11: Die hölzerne Leiter von 1901. Übung um 1962 beim Haus Braitsch im Oberfeld. Bild 10: Gefährliche Überschwemmung durch den Rickenbach 1957. Bei der ersten Erweiterung des Schulhauses hatten 1958 Spritzenhaus und Schlauchturm weichen müssen. Die Feuerwehr erhielt im Kellergeschoß der Schule erstmals Garagen und einen Schulungs- und Gemeinschaftsraum. Zum Bau der neuen Hauptschule mußte sie diesen aber schon 1969 wieder aufgeben und bis zur Fertigstellung eines eigenen Feuerwehrhauses mit einem unzulänglichen Provisorium im benachbarten Bösch-Stadel das Auslangen finden. Nach 19jähriger verdienstvoller Tätigkeit übergab Alois Bellmann 1970 das Amt als Kommandant an Richard Fischer. Am 21. Juni 1973 konnte das moderne neue Feuerwehrhaus neben dem Schulplatz eingeweiht werden. Damit verbunden waren ein großes Landes-Feuerwehrfest und die Weihe einer neuen Fahne. Fahnenpatin war diesmal Frau Lotte Winder aus Rickenbach. Gegen hundert Feuerwehren und zehn Musikkapellen beteiligten sich an dem Festumzug. In den großen Garagen fanden jetzt neben dem alten Dodge auch der 1961 als Mannschaftswagen angeschaffte Ford-Taunus und all das technische Gerät der Wehr genügend Platz. Zur Förderung von Nachwuchs wurde 1974 eine Jugend-Feuerwehr gegründet. Nach und nach konnten die meisten der gut ausgebildeten Jugendlichen in den Aktivstand übernommen werden. 1975 ging ein lang gehegter Wunsch in Erfüllung. Das erste mit Pumpen ausge20 stattete Lösch-Fahrzeug, ein Opel-Blitz, wurde in Dienst gestellt! Dadurch stieg die Schlagkraft der Wehr entscheidend. Als besondere Aufgabe wurde bei der Jahresschlußübung 1975 ein Brand bei Adolf Wüstner im Frickenesch angenommen. Eine Druckrohrleitung von 780 Metern Länge mußte von einem Hydranten an der Kirchstraße über die steilen Hänge ausgelegt werden. Den Höhenunterschied von 90 Metern überwanden drei in Stufen eingebaute Pumpen. In 11 Minuten war die Aufgabe gelöst. Eine Rekordzeit! Aber 11 Minuten wären bei einem Holzhaus zuviel. So wurden denn auch in den folgenden Jahren die Häuser auf den Wolfurter Büheln durch eine ganze Reihe von Hochbehältern und Hydrantenleitungen gesichert. Neue Aufgaben stellten die in der Ebene entstandenen Hochhäuser. Bei der Übung 1976 mußte zur Evakuierung von eingeschlossenen Personen aus einem 5. Stock an der Lerchenstraße die Drehleiter der Feuerwehr Bregenz angefordert werden. Die hölzerne „Magirus"-Leiter von 1901 war längst nicht mehr zugelassen. Erst der „Steiger" von 2005 löste dieses Problem befriedigend. Schon 1977 wurde aber ein erstes großes Tank-Löschfahrzeug eingeweiht, das noch heute als „Tank 2" im Dienst steht. Seither konnten viele Brände bereits im Entstehen gelöscht werden. Auch die eifrige Probenarbeit trug Früchte. Sichtbares 21 Bild 12: Erstes Feuerwehrhaus 1973. Bild 13: Die Feuerwehr 1973. Vorne als 7. v.l. Kommandant Richard Fischer, als 9. Ehren-Kommandant Alois Bellmann. stolzes Zeichen dafür war das Erringen des „Goldenen Helms" für die beste Löschmannschaft des Landes im Jahre 1973. Die gleiche Auszeichnung holten sich die Wolfurter noch einmal im Jahre 1983 und sogar ein drittes Mal 1990. Zunehmend mehr machte sich bei den bis zu 20 Einsätzen im Jahr unangenehm bemerkbar, daß nach dem Sirenen-Alarm zahlreiche Schaulustige zu den Brandplätzen eilten und mit ihren Fahrzeugen die Zufahrt der Wehr blockierten. Zudem hatte es allein im Jahre 1980 fünf Fehl-Alarme gegeben, ausgelöst vermutlich durch Kinder oder Jugendliche. So wurde denn im Jahre 1982 eine „Stille Alarmierung" mit „Piepsern" angeschafft. Seither erfolgen die meisten Einsätze unter Ausschluß der Öffentlichkeit. Die drei Sirenen bleiben aber für Großalarm in Katastrophenfällen in Bereitschaft. Im gleichen Jahr 1982 wurde der Fahrzeugpark durch einen VW-Bus als Kommandowagen ergänzt. Unbekannte Gefahren drohten vom ebenfalls 1982 eröffneten neuen Güterbahnhof der ÖBB. Dort wurden ja neben Öl und Gas noch vielerlei gefährliche Chemikalien befördert und gelagert. Schließlich bildete die Bahnhofsverwaltung eine eigene Betriebs-Feuerwehr, die mit spezieller Ausbildung und Ausrüstung ab 1986 die Verantwortung übernahm. Sie hält dabei ständig Kontakt mit der Orts-Feuerwehr. Nach Richard Fischer hatten Kurt Rohner und dann 1980 Josef Stadelmann das 22 Kommando übernommen. Ihnen gelang es, zusammen mit einem eifrigen Führungsstab, die große Anzahl von Wehrmännern bei unzähligen Proben ständig neu zu motivieren. Auch die Zusammenarbeit mit der Gendarmerie und der Rettungsabteilung des Roten Kreuzes funktionierte weiterhin vorbildlich gut. Besonders wichtig war aber die Unterstützung der Wehr durch die Gemeinde, die jedes Jahr in ihrem Budget große Beträge bereitstellte. So konnte 1985 ein schweres Bergefahrzeug angeschafft werden. Für seine Verdienste um die Feuerwehr wurde daher Bürgermeister Hubert Waibel, als er 1985 nach 25 Jahren aus seinem Amt schied, zum Ehrenmitglied ernannt. Auch unter seinem Nachfolger Bürgermeister Erwin Mohr konnte sich die Wehr günstig weiter entwickeln. Im Jahre 1987 wurde das Feuerwehrhaus erweitert. Neben großzügigen Garagen besitzt es jetzt zusätzliche Kommando- und Schulungsräume und natürlich auch EDV-Zugang zum einschlägigen Datennetz. Im Dachgeschoß wurde die Musikschule untergebracht. Mit einem dreitägigen Fest wurde 1990 der 100jährige Bestand der Feuerwehr gefeiert. Kommandant Stadelmann konnte jetzt 70 aktive Wehrmänner und 5 Ehrenmitglieder melden. Stolz stellte die Wehr vor den neuen Garagen ihre fünf Fahrzeuge ins Bild. 23 Die Fahrzeuge der Feuerwehr Wolfurt im Jahre 2006 Derzeit verfügt die Ortsfeuerwehr Wolfurt über sechs Einsatzfahrzeuge: Kommando-Wagen, Steiger, zwei Tankwagen, ein weiteres Lösch- und ein BergeFahrzeug. 1. Der Kommandowagen „Einsatzleitung", Baujahr 2003, ist mit Funk- und EDVAnlage und mit Wärmebild-Kamera ausgestattet. 2. Das Hub-Rettungsfahrzeug „Steiger", Baujahr 2005, kann seinen Einsatzkorb bis zu 27 Meter Höhe oder 21 Meter Weite ausfahren. Es besitzt außer einem Wasserwerfer u.a. Notstrom-Aggregat, Scheinwerfer, Atemluft-Anschlüsse und Rettungsgeräte. 3. Das Tanklöschfahrzeug „Tank 1", Baujahr 2001, ist mit Wasserwerfer, 2000 Liter-Tank und 60 Liter Schaum für den Erst-Einsatz bei Bränden ausgerüstet. Außerdem verfügt es über 13 Meter-Schiebeleiter, Atemschutz, Wärmebildkamera, Rettungsgeräte und vielerlei Werkzeuge. 4. Das Tanklöschfahrzeug „Tank 2", Baujahr 1977, besitzt ebenfalls Wasserwerfer und 2000 Liter-Tank für den Schnell-Angriff. Mit seinem Anhänger für die Gefahrengut-Ausrüstung ist es speziell für Einsätze am Güterbahnhof und bei Verkehrsunfällen geeignet. 5. Ein weiteres Löschfahrzeug, Baujahr 1998, mit Schlauch-Anhänger kann zusätzlich schnell bis zu 600 Meter Schlauchleitung auslegen und damit den Steiger und die Tankwagen mit Löschwasser versorgen. 6. Das Bergefahrzeug „LF-B", Baujahr 1985, besitzt eine 6 Tonnen-Seilwinde und ein 8 Tonnen-Hebekissen und dazu vielerlei Lösch- und Rettungsgeräte. Eher aus Nostalgiegründen pflegt die Gemeinde in ihrem Bauhof als „Oldtimer" auch noch den alten „Dodge", Baujahr 1944. Er war ursprünglich ein amerikanisches Militär-Fahrzeug und wurde 1955 zum ersten Wolfurter Feuerwehrauto umgerüstet. Bild 14: Die alte Fahne von 1907. Linke Seite mit dem Gemeindewappen. Bild 15: Die neue Fahne von 1973. 1998 wurde Gerhard Pehr zum neuen Kommandanten gewählt. Unter ihm konnte die Wehr ihren Fahrzeugpark großzügig ergänzen und modernisieren. 1998 wurde ein weiteres Löschfahrzeug angeschafft und 2001 ein zweiter großer Tankwagen „Tank 1". 2003 ersetzte ein mit allen Kommunikationsgeräten ausgestatteter Kommandowagen den 20 Jahre alten VW-Bus. Krönung der modernen Ausrüstung wurde aber 2005 der große „Steiger", der seine Einsatzbühne bis zu 27 Meter Höhe ausfahren kann. Damit verfügt unsere Feuerwehr jetzt, ohne den alten Dodge, über sechs leistungsfähige Fahrzeuge. Diese Fahrzeuge erfordern natürlich mit ihrer reichen Ausstattung und den unzähligen Geräten eine ausgedehnte Probentätigkeit und unerhörten Einsatz von Wehrmännern und Funktionären. Dafür planen Feuerwehr und Gemeinde bereits den Bau eines großen neuen Hauses für Kommando, Ausbildung und für die umfangreiche Ausrüstung. In allen Notsituationen soll sich die Bevölkerung unserer Gemeinde gut behütet und beschützt wissen. Sie schätzt es aber auch, daß die Feuerwehr als blühender Verein einen großen Beitrag im Gemeinschaftsleben unserer Gemeinde leistet. Dank und Anerkennung gebühren ihr auch für die Verdienste um die Erziehung und Förderung der Jugend und für den Einsatz im Ordnungsdienst bei vielen festlichen Anlässen. „Gott zur Ehr! Dem Nächsten zur Wehr!" 24 25 Bild 16: Der Dodge von 1955, Baujahr 1944. Als erstes Feuerwehrauto transportiert er Mannschaft und M otorspritze. Bild 18: Der erste Tank-Wagen von 1977. Einweihung durch Pfarrer Willi. Bild 17: Zweites Feuerwehrauto von 1961. Der Kombi „V 58". Bild 19: Der „Steiger" von 2005. Ein ganz modernes Fahrzeug! 26 27 Siegfried Heim Brandkatastrophen Immer wieder haben Schadenfeuer Dörfer und Städte heimgesucht, Menschen und Tiere bedroht, Hab und Gut vernichtet. Die häufigsten Ursachen für die verheerenden Feuersbrünste waren in den vergangenen Jahrhunderten: Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde noch in den meisten Häusern auf offenem Feuer unter einem aus Ruten geflochtenen Kaminschurz gekocht. Sorglos aufgestapeltes brennbares Material oder zum Trocknen aufgehängte Kleidungsstücke waren gefährdet, besonders weil die Küche ja dem Zugwind offen stand. Auch heute ist fahrlässiger Umgang mit Feuer und Glut noch oft die Ursache von Brandschäden. Licht Hantieren mit Fackeln und mit Kerzen, dazu das Tabakrauchen, brachten Feuer in Schlafkammern und in Ställe und Scheunen. Elektrizität Elektrisches Licht gab es in Wolfurt schon ab 1900, aber anfangs war es wegen fehlerhafter Installationen ebenfalls eine häufige Brandursache. Schadhafte Leitungen und Überlastung sind eine Gefahrenquelle geblieben. Blitzschlag Selten, aber doch immer wieder zündeten Blitze Häuser an. Brandstiftung Im Mittelalter eine häufig gebrauchte Form des grausamen Krieges. Später nur mehr von kriminellen Tätern, vereinzelt auch am eigenen Haus. Manchmal zündeln auch spielende Kinder. Herdfeuer Großbrände im ganzen Land Chroniken und Geschichtsbücher berichten von zahlreichen schrecklichen Brandkatastrophen in Vorarlberg. Hier eine kleine Auswahl: 1079 brannte Abt Ulrich von St. Gallen die Stadt Bregenz nieder. Nachdem Graf Wilhelm von Bregenz 1405 Hard verbrannt hatte, legten die 1406 ins Land eingefallenen Appenzeller Götzis, Hohenems und Lauterach in Schutt und Asche. Die mittelalterliche ^tadt Feldkirch brannte gleich viermal: 1348, 1460, 1603 und noch einmal 1697. Dem letzten Großbrand fielen dabei 150 Häuser zum Opfer. Das ebenso in Stadtmauern eingeengte Bludenz mußte ebenfalls viermal neu aufgebaut werden: 1444, 1491, 1638 und 1682. Bei einem weiteren Stadtbrand kamen 1581 in Bregenz 40 Menschen um ihr Leben. In Lauterach wurden im ersten Franzosenkrieg 1796 sieben Häuser niedergebrannt. 1798 brannte das große Kloster Hirschthal in Kennelbach ab. Dabei verbrannten sechs Klosterfrauen. 28 Im 19. Jahrhundert gab es in dreizehn Dörfern in Vorarlberg größere Brände, in Parthenen 1800, Götzis 1843, Hohenems 1848, Fußach 1854, Schröcken 1863, Nüziders 1865, Lingenau 1866, Schnifis 1868, Satteins und Mellau 1810, Meschach 1890, Mäder 1891 und in Nenzing 1895. Allein in Nüziders wurden 1865 insgesamt 65 Häuser von den Flammen vernichtet. (Nach der Chronik Schneider 3 im GA) Der Historiker Franz Häfele bestätigt (in „Holunder" 1931, 21) die meisten dieser Brände. Er vermerkt dazu, daß man 1460 in Feldkirch den ertappten Brandstifter Hans Gilg gleich auch „zu Aschen verbrannt" habe. Auch in Bludenz wurde 1638 der Brandleger Martin Ratgeb „gefangen und verbrennt". Vom Bezirksamt kamen immer wieder Hilferufe an die Gemeindevertretung, in denen um Spenden für betroffene Orte in unserem damaligen Land Tirol gebeten wurde. Aus dem Jahr 1862 liegen drei davon vor: Im Februar waren 100 Häuser in Mezzana/Male abgebrannt, im Juli 140 Häuser in Borgo/Valsugana und im November noch 54 Häuser in Stilfs bei Glurns. Die daraus erwachsende Not trug dazu bei, daß in den folgenden Jahren viele obdachlose Familien aus dem Südteil des damaligen Tirols in die Industriedörfer nach Vorarlberg auswanderten. Bei uns war die Gefahr von Dorfbränden durch Vorsichtsmaßnahmen, vor allem aber durch den Einsatz der vielerorts gegründeten Vereins-Feuerwehren, stark gesunken. Im 20. Jahrhundert brannten 1916 an der Bahnhofstraße in Schwarzach fünf Häuser nieder. In Ebnit zerstörten 1927 die von der Säge ausgehenden Flammen Schule, Kirche und Pfarrhaus. Der allergrößte Dorfbrand traf im Sommer 1934 das Walserdorf Fraxern, wo im Föhnsturm 32 Häuser in Asche sanken. Letzte größere Brandkatastrophen brachte der Krieg 1945 mit sich. In der Innenstadt von Bregenz wurden 80 Häuser durch Granaten und Brandbomben zerstört. Aber auch Götzis mußte zwei Tage später den Verlust von 12 Häusern auf sich nehmen. Wolfurt war also, so weit wir die Geschichte kennen, von Dorfbränden verschont geblieben, obwohl sich auch bei uns zahlreiche Holzhäuser in den einzelnen Parzellen eng aneinander drängten. Brände in Wolfurt Aufzeichnungen über die sicher vorgekommenen Einzelbrände in früheren Jahrhunderten fehlen weitgehend. Eine Ausnahme bilden zwei Notizen von Ammann Fischer in seiner Chronik: „... 1751 den Uten Mertzen sind zue rikhenbach drey häußer, von wegen schlechter sorgung Feür offen floder ver brenth worden, in dem oberdorff und 1789 den 7ten Winthermonat sind zue rikhenbach im ober dorff 2 häußer ver brunnen worden, wegen einem stall licht morgen 6 Uhr. " (Aus GA, Adlerwirts Haus-Chronik, S. 66. Ein Floder war ein Tuch an einem Stiel, das zum Auswischen des Backofens verwendet wurde. An der Glut hatte es Feuer gefangen.) 29 Erst ab 1846 gibt es dann genauere Daten. Von einem besonderen Brand berichtet ein Protokoll im Archiv. Am 29. März 1846 setzte ein Blitzschlag den „Pfarrkirchen Thurn " in Brand und verursachte einen großen Schaden. Die aufwendige Reparatur schob die längst fällige Einweihung der neuen Kirche noch einmal bis 1849 hinaus. Ab jetzt ließ die Gemeinde ihre wichtigsten Gebäude versichern und bezahlte dafür jährlich „Assekuranz"-Geld: 1/. Für die Pfarrkirche u. Thurn 15 fl 2/. für Pfarrhaus 2 fl 3/. für das Kaplanhaus 2 fl 4L für das hiesige Schulhaus 1 fl 20 x Summa 20 fl 20 x österreichische Währung Die Prämienhöhe sagt etwas über die Geringschätzung des alten Schulhauses gegenüber dem neuen Kaplanhaus aus! (GA, Nota 52 in Schachtel 1859) Bild 20: Ammann Fischers Chronik berichtet von einem Großbrand 1751 in Rickenbach. Die Reihe der Brände im 19. Jahrhundert 1.) Aus dem gleichen Jahr 1846, in welchem der Kirchturm brannte, wird auch erstmals von einem abgebrannten Haus berichtet. Es war das Haus C 178 im Flotzbach und stand an dem Platz, wo später das Haus Flotzbachstraße 18 (Elmar Schertlers) gebaut wurde. Als allerältestes Haus im Flotzbach war es 1819 errichtet worden und stand jetzt im Besitz von Kaspar Köb, dem Stammvater von Bäschle-Köbs im Flotzbach. Nach der Überlieferung soll er einem obdachlosen Burschen im Heu Unterschlupf gewährt haben, der dann durch seine Unvorsichtigkeit das Haus in Brand setzte. Der Chronist Ferdinand Schneider, der wie vor ihm sein Vater, als Vertreter der „Assicuratione Generali" die Feuerversicherungen betreute, zählte in seiner Chronik (GA, Schneider 3, S. 296) die Brände zwischen 1846 und 1913 auf. Die Liste ist allerdings nicht ganz vollständig und auch zeitlich nicht richtig gereiht. Sie deckt sich nur teilweise mit der „Vormerkung" von 1915 im Protokollbuch I der Feuerwehr. Aber auch dort fehlen die Brände bei Putzers im Schlatt 1911 und bei Schwerzlers auf der Steig 1914. In der folgenden Reihung bezeichne ich die Häuser mit den C-Nummern, die bis 1900 verwendet wurden. Ab 1900 galten dann bis 1953 die neuen D-Hausnummern. 2.) Als zweites verbrannte am 2. April 1855 in Rickenbach das ganz neue Haus C 230 1/2 im Garten von Dornbirnerstraße 3, in der Ecke gegen den Gasthof Adler. Es stand im Besitz von Joh. Gg. Gmeiner, von dem die Lutzo-Schrinar abstammen. Auf dem Brandplatz baute später der Adlerwirt Fischer seine Brauerei. Daraus sind eine Metzgerei und schließlich ein Laden geworden. Der dritte Brand traf im August 1869 den größten Bauernhof im Kirchdorf, 4.) 5.) 6.) 7.) 8.) 9.) 10.) C 102, das ehemalige Gasthaus des Ammanns Jerg Rohner am Platz von Kreuzstraße 1. Es stand jetzt im Besitz des Vorsteher-Sohnes Gebhard Vonach. An dieser Stelle erbaute dann erst 1893 der Schützenhauptmann Ludwig Köb seine „Villa". 1873, C 241, Rickenbacherstraße 13 (Seogars). Es ist später noch einmal abgebrannt (S. Nr. 17!). 1876, C 155 des Mathias Böhler-Sammüllars. Es stand östlich von Inselstraße 11 und wurde nicht mehr aufgebaut. 1881, C 123 des Jakob Böhler-Bergars, in Unterlinden, nahe Bregenzerstraße 15. Seither verschwunden. 1883, C 22, Bregenzerstraße 15 im Röhle. Schädlars Hus stand damals im Besitz von Johann Köb. Hier war dessen Sohn, der spätere Vorsteher Ferdinand Köb, aufgewachsen. Das neue Haus ist 1985 abgebrannt. (Siehe Nr. 86!) 1883, C 91 des Ferd. Böhler in der Bütze. Viele Jahre lang blieb der Platz leer. Heute steht dort das Haus Mohr, Kellhofstraße 13. 1887, C 82, Bützestraße 9, im Besitz von Philipp Gmeiner-Knoblars, später Zwickles. Beim angrenzenden Rist-Haus ist noch heute die verkohlte Südwand unter der Fassade erhalten. 1889, 3. März. C 113 des Fidel Huster, ganz hinten im Tobel. Der Brandplatz am Tobelbach blieb leer, nur ein Stadel wurde wieder erbaut. 3.) 30 Im gleichen Jahr 1889 wurde die Feuerwehr als Verein gegründet. 31 11.) 12. 14. 1895, 16. Nov. C 177, am Anfang der Unterhubstraße im Garten von Flotzbachstraße 8. Es war einst das Haus des ersten Wolfurter Kapellmeisters Andreas Rohner gewesen und stand jetzt im Besitz des Weinhändlers Hermann Hämmerle. Beim Brand verletzten sich zwei Feuerwehrmänner, als sie ein Übergreifen des Feuers auf das nahe Nachbarhaus verhindern wollten. u. 13.) 1897, 27. April. C 210 u. 211. Ein uraltes Doppelhaus im Garten von Hofsteigstraße 53 in der Ecke gegen den Gasthof Kreuz, damals im Besitz von Schneidermeister Wilhelm Köb. Die Bauparzellen wurden vereinigt und dahinter das neue Haus Hofsteigstraße 53 erbaut. u. 15.) 1897,15. Juli. C 14 u. 15. Nur sechs Wochen nach dem großen Brand in Rickenbach verbrannten auch an der Ach zwei aneinander gebaute Häuser. Besitzer waren Joh. Bapt. Schwerzler-Naiolars, und Lorenz Rohner, Vinälars. Auch hier wurden die Plätze vereinigt und darauf ein besonders großes Haus gebaut, der spätere Gasthof „Wälderhof", Bregenzerstraße 28. Im 20. Jahrhundert 16.) 1900, 12. Mai. C 11 an der Ach mit der gerade in diesem Jahr neu aufgemalten Nummer D 19. Das alte Stammhaus der Sammüller-Böhler, die an die Kellhofstraße übersiedelt waren, gehörte jetzt dem Lauteracher Josef Vonach. Der Platz blieb lange leer, bis ganz in der Nähe das Siedlungshaus Inselstraße 1 errichtet wurde. 17.) 1900, 5. Sept. C 241, jetzt neu D 278, Dornbirnerstraße 13 (Seogars). Zum zweiten Mal brannte das nach dem Brand von 1873 (Siehe Nr. 4!) neu aufgebaute Haus völlig ab. Besitzer war jetzt Johann Köb. Als Mieter war eine Familie Kniebühler im Quartier. Deren zweijähriges Kind Hedwig verlor im Feuer sein Leben. Der Nachbar Joh. Gg. Müller baute das Haus neu auf. 18.) 1902, 13. März. D 188, des Martin Wohlgenannt im Eulentobel. Seither verschwunden. 19.) 1902, 17. März. D 185, Hofsteigstraße 12. Beim Brand des noch fast neuen Hauses des Joh. Gg. Böhler (Steonnowirts Hans-Irgos) an der Hub verbrannten auch zwei wertvolle Stickmaschinen. (Später ein zweites Mal abgebrannt, Nr. 43) 20.) 1902, 20. März. D 193, Hofsteigstraße 18. Nur drei Tage nach dem BöhlerHaus brannte in der Nachbarschaft auch das Glaser-Klocker-Haus. Durch den Einsatz der Feuerwehr konnte es aber gerettet werden. 21.) 1903, 12. Mai. D 237, Hofsteigstraße 47, Konsum Rickenbach. 22.) 1905, ohne Nummer. Der alte Wuhrstadel stand außerhalb des Ach-Damms am Platz von Bregenzerstr. 35. Seit Jahrhunderten hatten die Hofsteiger darin ihre Wuhr-Werkzeuge aufbewahrt. Später errichtete die Firma Rädler hier ihre Zementerei. Bild 21: Gefährliche Feuerstelle noch im Jahre 1992. 23.) 1906, 21. Februar. D 53, Feldeggstraße 11, am Hexenbühel. Es stand im Besitz von Paulina Mathis-Embsars. Später erwarb die Firma Schindler den Neubau als Fabriks-Hus. Feuernächte in der Gemeinde 24. u. 25.) 1907, 30. Okt. D 130 u. 131, Kirchstraße 29 u. 27. Ein Großbrand vernichtete in der Nacht die beiden uralten und einst sehr bedeutenden Schneider-Häuser. Sie gehörten jetzt den Familien Johann Dür-Oachobergars, und Jos. Ant. Köb, Schloßburos. Nur Köb baute sein Haus sofort wieder auf. Der zweite Platz beim Gasthof Hirschen stand mehr als 40 Jahre lang leer. Mit dieser Feuernacht begann eine ganz unheimliche Brandserie, die in den folgenden sieben Jahren insgesamt 21 (!) Häuser in der Gemeinde vernichtete. Dafür gab es zwei Gründe: Erstens: Das elektrische Licht! - Die von der Firma Loacker seit 1900 installierten Leitungen waren in den Häusern nur dürftig isoliert und eine ständige Gefahrenquelle. Es gab noch keine Zähler und viele unerfahrene Hausbesitzer manipulierten an den ohnehin fragwürdigen Sicherungen. 32 33 Zweitens: Der Stickerei-Boom, der von 1905 bis 1907 viel Geld ins Dorf gebracht und Bauern und Handwerker zu großen Investitionen verlockt hatte, war 1908 plötzlich zusammen gebrochen. Nun mußten viele Sticker große Schulden verzinsen. Die Not brachte manche in Versuchung, Feuer zu legen und die Brandversicherung in Anspruch zu nehmen. Ähnliches sagt man ja noch heute den Lustenauer Stickern nach: „ Warm abbreocho!" Als einzelne Hausbesitzer sogar versuchten, die Feuerwehr am Löschen zu hindern, mußten Vorsteher Ferdinand Köb und Kommandant Josef Anton Schwerzler durchgreifen: „.... daß bei den gegenwärtig häufig vorkommenden Brandfällen die Wahrnehmung gemacht wurde, daß man die Feuerwehr beeinfluße möglichst wenig zu löschen, was dieselbe unter keinen Umständen annehmen dürfe .... sondern sich stets stramm an das Kommando halten. " (FW-Protokoll 59 v. 16. Jänner 1910) 26. u. 27.) 1908, 23. Juli. D 260 u. 262. Großbrand in Rickenbach-Loch. Auch die Großschreinerei Lenz, eine Möbel- und Parkett-Fabrik, war im Besitz von Josef Karg in Schwierigkeiten geraten und brannte ab. Das Nachbarhaus des Ferdinand Müller, Stases im Lo, wurde durch das Feuer ebenfalls vernichtet. Beide Brandplätze zeigten noch viele Jahre lang die geschwärzten Grundmauern, bis die Firma Doppelmayr hier eine große Werkshalle errichtete. 1908, 29. Januar. D 14, Achstraße 3, Hohl Martin u. 30.) 1908, 31. März. D 20 u. 21, zwei alte Häuser an der Ach im Besitz von Johann Müller und Gebhard Kresser. Die Brandplätze wurden vereinigt für das neue Kresser-Haus, in welches später das Textilhaus Rohner und die Beschützende Werkstätte Bregenzerstraße 31 eingebaut wurden. 1908, 19. Juni. D 16, bei Achstraße 1. Nur wenige Wochen nach den anderen drei Häusern verbrannte an der Ach ein viertes Haus. Ein Jahr zuvor war es aus dem Nachlaß des Wagners Hieronymus Böhler, Holzerschmieds, in den Besitz von Emil Brüngger gekommen. Der Platz westlich der Traube Achstraße 1 blieb seither frei. u. 33.) 1909, 14. Januar. D 48, Auf dem Bühel 5 des Hilar Köb. Hilares Hus war im Oberfeld erst 1892 ganz neu gebaut worden. Nun brannte es gemeinsam mit der davor stehenden großen Maschinen-Stickerei der Brüder Köb, Lehrars, völlig ab. Der Zimmermann Hilar Köb baute sein Haus besonders schön „im Jugendstil" neu auf. 1909, 29. Januar. D 178, Im Himmelreich 3, Kassians. Das noch fast neue Haus brannte 1909 zum ersten Mal ab und wurde von Martin Schertler sofort neu aufgebaut. Siehe Nr. 45! 1909, 24. Aug. D 301. Erst acht Jahre alt war das Haus des Ignaz Hämmerle an der Ach, das 1909 ebenfalls schon verbrannte. Viel später baute die Familie Sohm hier ihr neues Haus Achstraße 16. 1911, 8. Juni. D 290, Dornbirnerstraße 31, Putzers. Damit verbrannte am Bild 22: Das Schloß ist am 12. Dezember 1939 abgebrannt. 28.) 29. 31.) 32. 34.) 35.) 36.) 34 Bild 23: Haus Gorbach in der Bütze 1956. Beim Brand mußte Frau Eugenie Theurer sterben. 35 37. 39.) 40.) 41. 43.) 44.) 45.) 46.) 47.) anderen Dorfende das südlichste Haus der Gemeinde. u. 38.) 1911, 14. Juni. D 46 u. 47, Auf dem Bühel 1 u. 3. Wieder vernichtete das Feuer zwei Häuser auf einmal, des Gebhard Köb, Schrinars, und des Johann Köb, Meßmars. Während Johann sein Haus sofort wieder aufbaute, errichtete Gebhard vorerst nur einen großen Stadel beim OberfeldWäschhüttle. Viel später wurde auch dort eine Wohnung eingebaut. 1911, 12. Sept. D 248, Rickenbacherstraße 1. Nahe beim Kreuz war oberhalb des schon 1897 (Nr. 12) abgebrannten Doppelhauses ein weiteres ebenso uraltes Doppelhaus C 213/214 gestanden, das die Besitzer zu D 248 vereinigt hatten. Im Besitz von Franz Josef Forster wurde es im September 1911 vom Blitz getroffen und eingeäschert. Forsters bauten es neu auf. 1912, 12. Juni. D 243, der „Löwen". Eines der wichtigsten Wolfurter Häuser, zeitweise Sitz des Hofsteig-Ammanns, brannte 1912 im Besitz der Familie Fischer ab und wurde nicht mehr aufgebaut. An seinem Platz wurde die Brühlstraße neu in die Dornbirnerstraße eingeleitet und daneben viel später der Kiosk Kögl errichtet. u42.) 1913, 6. Aug. D 183 u. 184, Hofsteigstraße 13 u. 15. Schon wieder ein Doppelbrand! Das Haus des Alois Ammann wurde schwer beschädigt. Die Ruine kaufte später Josef Festini und baute das Haus neu auf. Das zweite Haus der Familie Bildstein, Wangars, brannte dagegen völlig ab. Beim Neubau setzte man zwischen Haus und Stadel eine „Feuermauer" als Schutz ein. 1913, 19. Aug. D 185, Hofsteigstraße 12. Nur zwei Wochen nach Bildsteins brannte auf der anderen Straßenseite „Steonnowirts Hans-Irgos" wieder ab, zum zweiten Mal nach 1902 (Nr. 19). Wieder baute die Familie das schöne Haus auf, diesmal ebenfalls mit einer mächtigen Feuermauer. 1913, 27. Aug. D 293, Unterlindenstraße 5. Erst zehn Jahre alt war Brauchles Haus, das sie sofort neu errichteten. 1913, 17. Sept. D 178, Im Himmelreich 3, Kassians. Zum zweiten Mal nach 1909 (Nr. 34). Wieder baute es die Familie Schertler neu auf. 1914, 19. April. D 337, Unterlindenstraße 2, Pius Bitriol. Über den Grundmauern gegenüber vom Vereinshaus erbaute Wilma Böhler, Postmoastors, erst um 1955 ihr neues Haus. 1914, 3. Juni. D 228, Hofsteigstraße 42, des Gebhard Schwerzler, Rasiorars in Rickenbach. Den Brandplatz erwarb Johann Winder und errichtete darauf seine große Schreinerei und Karniesen-Erzeugung. Bild 24: Gasthof Lamm 1965. Weltkriege und Zwischenkriegszeit 48.) 1915,2. Juli. D 223, droben im Bannholz. Das einst sehr wichtige „BaholzarHus " brannte im ersten Kriegsjahr 1915 ab und wurde nicht mehr aufgebaut. Die Geschwister Schwerzler übersiedelten auf die Steig in das Stammhaus der Stöoglar-Fischer und übertrugen ihren Hausnamen „Baholzars " dorthin. 49.) 1916,20. Januar. D 236, Hofsteigstraße 52, des Wilhelm Arnold. Dieses Haus 36 Bild 25: 1969 sind an der Achstraße zwei Häuser abgebrannt: Künz und Kalb. 37 soll früher einmal das Gasthaus „Gemsle" gewesen sein. Im Feuer gingen auch die Geräte und Akten des Rickenbacher Turnvereins und dessen Fahne zugrunde. Bis hierher führt uns die Liste aus dem Protokollbuch der Feuerwehr. Eine erste Fortsetzung bis 1969 findet sich in der Festschrift von 1973. 50.) 1918, 19. Juli. D 186, Eulentobel 1, des Josef Höfle, Brunnenmeister am Hübler Brunnen. Höfle übersiedelte an die Kellhofstraße ins Kirchdorf. Auf dem Brandplatz erbaute später Josef Winder ein neues Haus. 1926, 23. Okt. D 192, Hofsteigstraße 16 des Martin Wohlgenannt, Kassians Hus. 1926, 8. Nov. D 356, Dammstraße 8, Dampfsäge des Anton Österle, der inzwischen Traubenwirt geworden war und Mieter eingelassen hatte. Hier baute sein Sohn Josef die Spenglerei Österle. 1930, 18. Aug. D 96, Bützestraße 14, des Martin Köb. Schloßburos. Dabei verbrannten auch einges


Heimat Wolfurt Heft 27 2003 Juli
Son, 6. Feber 2011 | Kuhn EDV

Heft 27 Zeitschrift des Heimatkundekreises Juli 2003 Bild 1: Ein Veloziped! Albert Köb, Lehrers, traute sich um das Jahr 1890 als einer der ersten mit seinem Hochrad auf die holperigen Straßen. Inhalt: 137. Fahrräder 138. Deuring- Schlößle 139. Burg Guglionesi 140. Frauen 141. Rohner-Familien 142. Unterlinden 143. Kriegerdenkmal Bildnachweis Bilder 8, 9, 10 u. 12 Siegfried Heim Alle anderen sind der Sammlung Heim entnommen, die meisten sind Reproduktionen von Hubert Mohr oder Kopien aus dem Gemeindearchiv. Zuschriften und Ergänzungen Bittere Medizin (Heft 26, S. 4) Dieser Aufsatz hat viel Aufmerksamkeit gefunden. Hier noch einige Ergänzungen: Im Taufbuch wird schon 1674 ein „Baader" Georg Rohner genannt. Das wäre demnach der älteste bekannte Wolfurter Arzt, lange vor Antonius Bildstein. Druckfehler! Seite 10, Zeile 12, richtig ist: 1864 ist Martin Rohner gestorben, (nicht Georg Gmeiner) Zu Dr. Dünser: Nach dem Hausbesitzer-Buch (Codex 8a im Gemeindearchiv) haben Dr. Ferdinand Dünser und seine Gattin Amalia Hofer am 6. Okt. 1874 in Wolfurt das Haus C 124 (später Kirchstraße 19) gekauft. Somit kennen wir ein weiteres ehemaliges Doktor-Haus. Zu Dr. Embacher: Das Vlbg. Volksblatt berichtet im Mai 1908 von seinem 40jährigen Arzt-Jubiläum. Daran beteiligten sich neben Musik und Gemeindevertretung auch der Pfarrer und der Schulleiter. Es gratulierten die zwei Töchter und sechs Söhne: ein Arzt, ein Zahntechniker, ein Medizin-Student, ein Jus-Student, ein Eisenbahn-Stationsvorstand und ein Handelsangestellter. Wohin sich die EmbacherSöhne zerstreut haben, ist nicht bekannt. Die beiden Töchter heirateten in Wolfurt. Zu Dr. Lecher: Die seit kurzer Zeit im Archiv zugängliche Schwärzler-Chronik ermöglicht es, einige Daten aus Dr. Lechers Arbeit zu berichtigen: Angefangen hat er in Wolfurt am 1. März 1924. Schon im September 1925 schaffte die Gemeinde auf sein Ansuchen hin ein fahrbares Liegebett an. Aber erst im Dezember 1927 gründete Dr. Lecher die Rettungsabteilung der Feuerwehr. Sein erstes Arzt-Auto besaß er übrigens bereits seit August 1926. In Lechers Zeit fällt auch ein besonders dunkles Kapitel der Medizin-Geschichte, die Tötung unwerten Lebens während der Nazi-Zeit. Aus Karl Schwärzlers Notizen erfahren wir, daß die Bevölkerung doch manches darüber wußte. Schon im Februar 1941 berichtet er unter „Hiobsnachrichten", daß die Kranken von Valduna und Jesuheim nach Linz transportiert wurden. Von dort kommen Todesnachrichten. Am 25. April weiß er, daß auch Hammerschmieds Josef von der Valduna nach Hall überstellt worden und dort „gestorben" ist. (Josef Rohner, Hammerschmieds, war 73 Jahre alt. Er hatte an der Achstraße gewohnt). Im September 1942 ist die geisteskranke Sr. Euphrasia (Höfle) in Linz „gestorben". Zu Dr. Schneider: Unser geschätzter ehemaliger Arzt bestätigte die Not bei der Kinderlähmungs-Epidemie von 1958. Die Ärzte waren sich nicht einig, ob es allenfalls gefährlich sei, in die bereits grassierende Krankheit hinein noch zu impfen. Es waren ja drei Impfungen mit Zeitabständen notwendig. Eine Mutter, die damals selbst zwei Kinder verlor, einen 15jährigen und einen einjährigen Sohn, erinnert sich, wie Dr. Simma, der Leiter des Krankenhauses Valduna, erklären mußte: „Wir können gar nichts machen!" Allein im kleinen Kennelbach starben innerhalb weniger Wochen fünf Kinder an der schrecklichen Krankheit. Bitte! Nach der Aussendung von Heft 26 fragte eine ganze Reihe von Lesern nach einem Erlagschein. Wir haben zuletzt immer nur in jedes zweite Heft einen solchen eingelegt. Diesem Heft 27 liegt also wieder ein Erlagschein für das Konto Heimatkundekreis 87 957 bei der Raiba Wolfurt (BLZ. 37 482) bei. Es ist der erste in Euro. Wir bitten Sie herzlich, mit Ihrem Beitrag unsere Anliegen zu unterstützen. Neubestellungen Von den bisherigen Ausgaben von „Heimat Wolfurt" stehen noch die letzten zehn Hefte (Nr. 17 bis 26) in beschränkter Anzahl für Neubestellungen zur Verfügung, von älteren Heften nur mehr Einzelstücke. Bestellungen bitte mit Angabe der Adresse an die Schriftleitung. Keine weiteren Verpflichtungen! - Lediglich die Bitte um eine freiwillige Zuwendung. Herausgeber: Heimatkundekreis Wolfurt Für den Inhalt verantwortlich: Siegfried Heim, Funkenweg 11, A-6922 Wolfurt Satz und Grafik: Erik Reinhard, A-6922 Wolfurt Fotosatz: Mayr Record Scan, A-6922 Wolfurt Druck: Lohs Ges.m.b.H., A-6922 Wolfurt 3 Zu Dr. Beck: Unabhängig voneinander wußten etliche Leser, zuerst Toni Fink im Kessel, daß unser Ehrenring-Träger Emil nicht der allererste Leiter des UnfallKrankenhauses in Feldkirch gewesen sei. Ludwig Gmeiner, dessen Gedächtnis ja unerhört viele Daten speichert, nannte auf Anhieb einen Dr. Amann aus Hohenems, der zuerst schon als Nachfolger von Primarius Dr. Schalle das Unfallkrankenhaus Valduna geleitet habe und dann nach der Übersiedlung vom 1. November 1972 an auch Feldkirch. Am 1. Jänner 1974 löste ihn Dr. Emil Beck ab. Strom für Wolfurt (Heft 26, S. 24) In Wien hat Dr. Mittersteiner diesen Artikel zustimmend gelesen und etliche Hefte für die VKW nachbestellt. Im Streit um die erste elektrifizierte Gemeinde Österreichs dürfte die Stadt Steyr voran liegen. Dort hat nämlich schon 1884 der Waffenschmied Josef Werndl „die erste elektrische Straßenbeleuchtung Europas" installieren lassen. In Vorarlberg folgten als erste Schwarzach und Wolfurt 1900 vor Rieden-Kennelbach 1901 und Bregenz 1903. Über das Geschehen in Wolfurt lese ich in einem Schulaufsatz vom 4. Jänner 1900 (dazu die umseitige Abbildung!): Jetzt bekommen wir das elektrische Licht. Es sind schon lange die Arbeiter am Baue dran. Sie haben schon die Stangen gesteckt. Von Schwarzach sind schon Leitungsdrähte gespannt bis zur Krone in Wolfurt. Aber sie müssen noch an der Ach draußen die Stangen stecken und bis in das Dorf herein. Man sagt, es werde bis im Mai fertig. Es kommen 25 Lampen zur Straßenbeleuchtung in das ganze Dorf. Der Vater hat das Licht noch nicht bestellt es ist ihm noch zu theuer. Der Schertler im Flotzbach läßt die Maschine elektrisch treiben, ebenso einige ihre Schnelläufermaschinen. Auch wegen der schönen Kurrentschrift ist der abgebildete Aufsatz des damals 13jährigen Rudolf Guldenschuh ein bemerkenswertes Zeitdokument. Kannst du es noch lesen? Für mich ist es eine ausgezeichnete Zusammenfassung der Wolfurter Strom-Aktivitäten vor der VKW-Gründung 1901. Bei weitem nicht alle Wolfurter Häuser wurden gleich zu Anfang 1900 mit Strom versorgt. In die abgelegene Parzelle Holz und zum Schloß wurden die Leitungen erst im Jänner 1936 verlegt. Vermutlich war Dr. Fritz Schindler, der die Absicht hatte, das Schloß zu renovieren, die treibende Kraft. Einzelne Höfe in Bildstein, Buch und Alberschwende erhielten erst in den 50er-Jahren Strom. Als letztes Wolfurter Haus war am 6. Dezember 1948 der Gasthof Hohe Brücke, „do Studowirt", angeschlossen worden. Eine teure Leitung mit 37 Masten mußte dazu gebaut werden. Während des Krieges hatten strenge Verdunkelungs-Vorschriften gegolten. Nach fast sechs Jahren wurden am 19. Juni 1945 erstmals wieder die Straßenlampen eingeschaltet. Eine ganz neue Straßenbeleuchtung mit modernen Leuchtröhren wurde am 22. Dezember 1961 in Betrieb genommen. 4 Bild 2: Elektrischer Strom für Wolfurt schon im Jahre 1900! Ein Schulaufsatz von Rudolf Guldenschuh. 5 Zu Plazidus Gunz, dem Wolfurter Elektro-Pionier. Die Gunz-Chronik berichtet von ihm, daß er auch ein Wegbereiter für die neuen Verkehrsmittel gewesen sei. Als erster in Wolfurt schaffte er sich 1885 ein Fahrrad an. Lies darüber im anschließenden Beitrag vom „Veloziped"! 1907 führte ihn „Büro Franzele" mit dem ersten Wolfurter Auto nach Bludenz. Seine Kritik an dem Gefährt, das die wenigen Steigungen nur mit Mühe schaffte, soll den Ausschlag gegeben haben, daß sie das teure Auto mit großem Verlust an die französische Lieferfirma zurückgab. Ein Jahr später kaufte sich Plazidus ein Motorrad, ebenfalls das erste in Wolfurt. Begeistert soll er zu seinem Bruder Lorenz gesagt haben. „Der Mensch geht erst beim Motorrad an!" Licht für den Maialtar (Heft 26, S. 41) Abbitte leisten muß ich dem seligen Pfarrer Alexander Gut für die Unterstellung, er hätte bei der Kirchenrenovierung von 1938 das schöne Letsch-Bild von der Gottesmutter aus der Kirche entfernt. Inzwischen ist nämlich ein Foto von der Wolfurter Nachprimiz des Innsbrucker Geistlichen Anton Fischer am Weißen Sonntag, 7. April 1940, aufgetaucht. Es zeigt Guts Nachfolger Pfarrer Wilhelm Brunold und im Hintergrund an der linken Seitenwand der Kirche das vermißte Letsch-Bild. Dieses ist also erst später verschwunden. Weiß jemand etwas über seinen Verbleib? Pfarrer Brunolds Nachfolger wurde nach dem Krieg nach einigen Monaten Vertretung durch Kaplan Nesensohn und Hofrat Dr. Metzler ab 27. Mai 1947 Pfarrer Guntram Nagel. Ein altes Hochzeitsbild (Heft 26, S. 50) Interessiert haben viele der zahlreichen Nachkommen das Bild studiert. Vom alten Rößlewirt Fidel Müller war bis jetzt gar kein Foto bekannt, nur von seinem Sohn Fidel Müller junior, der als Rößlewirt auch ein bedeutender Gemeinde-Politiker war. Zu ihrer Hochzeit im Jahre 1877 hatte die Braut Karolina Müller ihre WäscheAusstattung nach damaliger Sitte mit einem schönen Monogramm „KM" bestickt. Ein kunstvoll verziertes Taschentuch blieb bei der Enkelin Herta Böhler (Postmoastors) und später bei deren Nachbarin Celine Gliebe erhalten. Nun hat diese es als „Karolina Müller"-Taschentuch identifizieren können und daher an Karolines Ur-Enkelin Christi Rohner, die im fernen Kanada lebt, übergeben. Ganz begeistert schrieb diese zu Weihnachten, das alte „Deckele" auf ihrem Bauernschrank erinnere sie immer wieder an die Heimat. Wozu ein altes Foto noch gut sein kann! Menschen um uns (Heft 26, S. 54) Die aufgezählten Originale sollten Anlaß zu fröhlich erzählten Geschichten sein. Bild 3: Das Letsch-Bild noch 1940 in der Kirche. Wir wurden uns nicht einig, woher eigentlich Schuostor-Heinrich (Köb) stammte. Vermutlich aus Bildstein! Er soll einige Zeit lang bei Husters auf dem Rutzenberg gewohnt haben. Nach dem Krieg handelte er mit Kleiderbügeln und hölzernen Kluppa, die Küonzo Leonhard erzeugte. Hildegund Gmeiner-Mathis erzählte von einem Tirolar-Schwerzler, der beim Küfer Georg Höfle in Untermiete wohnte und in der Stickerei Gmeiner eine komplizierte Maschine gebaut hatte, ein „Perpetuum mobile ". Immer wieder haben Tüftler unter den Erfindern nach einer solchen unmöglichen Maschine geforscht, dem Tirolar war sie endlich gelungen. Bei den reichen Dornbirner Fabriksherren wollte er nun sein Patent mit dem „ewigen Umgang" vorstellen. Er fand aber kein Gehör. Der Tirolar blieb arm und mußte weiterhin da und dort eine Suppe betteln. Auswanderer Aus dem Allgäu hat sich eine junge Auswandererin gemeldet: Erna Donat, geb. Köb, Jg. 1944, „ Sattlars Robertos " auf der Steig. Als junges Mädchen ging sie mit vielen anderen zum „Hopfo-Brocko " ins Schwabenland. Sie fand dort Freunde und heiratete später. Jetzt lebt sie in Leutkirch. Die „Heimat'-Heftchen von Wolfurt schätzt sie sehr: „Da wird so manches in Erinnerung gerufen. " Wir erwidern ihre Grüße. Ganz begeistert zeigte sich auch „Hammorschmiods Minele" in Gisingen, Frau Mina Fischer-Österle. Zum Begräbnis ihres allerletzten Vetters Arthur Fischer war 7 6 sie in Wolfurt und brachte alte Photos. Als Ahnenforscher meldeten sich weitere Nachkommen von Auswanderern. Zuerst kamen Vater und Sohn Rohner aus dem Saarland, deren Ahn Johann Rohner Wolfurt schon um das Jahr 1740 verlassen hat. Lies dazu weiter hinten unter „Die Rohner"! Dann stellten sich mit dem Ehepaar Isabella und Perluigi Sibilla besonders interessante Forscher vor, Nachkommen von Auswanderern, die wir noch zu den Einwanderern zählen. Isabellas Großmutter Cecilia Salvaterrra ist 1902 in Wolfurt geboren worden und hier in die Schule gegangen. 1920 ist sie mit ihrer Familie nach Bozen ausgewandert (Siehe Heft 17, S. 49!). Mit fast 100 Jahren ist sie erst im Jahre 2000 gestorben. In den letzten Jahren war sie etwas verwirrt. Obwohl sie mit ihren Kindern und Enkeln bisher immer Italienisch gesprochen hatte, verwendete sie jetzt nur mehr den Wolfurter Dialekt aus ihrer Schulzeit. Den konnten die Enkel aber beim besten Willen nicht verstehen! Siegfried Heim Vom Veloziped zum Bike Die Geschichte des Fahrrades! - Das abgelaufene 20. Jahrhundert hat außer den beiden Weltkriegen auch eine ungeheure Fülle von technischen Errungenschaften gebracht. Mit Auto, Flugzeug und Mondrakete können sich freilich die meisten nicht messen. Trotzdem möchte ich einem treuen Diener hier ein paar Zeilen widmen, dem guten alten Fahrrad. Um das Jahr 1900 hatte die Eisenbahn auch für unser Land ein Tor in die weite Welt geöffnet. Aber nur ganz wenige Dorfbewohner vertrauten sich dem fauchenden Ungetüm an. Auch das Angebot der Postkutsche wurde kaum genutzt. Zu Fuß ging man zur Arbeit in Feld und Ried, zu Fuß auch auf den Markt nach Bregenz und zur Wallfahrt auf die Fluh und nach Bildstein. Aber da und dort tauchte jetzt doch auch schon ein viel bestauntes „Velizipe " auf. Noch ahnte niemand, daß es bald viele weite Wege erleichtern würde. Schon 1817 hatte der badische Forstmeister Karl Drais zur Beschleunigung seiner ausgedehnten Märsche ein hölzernes Zweirad gebaut. Aber anfangs fand die „Draisine" nur Nachahmer bei den jungen Lords in England, die mit ihrem „Dandy Horse " bei den Damen Eindruck machten. Erst technische Verbesserungen ebneten dem Zweirad den Weg zu weiteren Bevölkerungsschichten, vorerst allerdings fast nur zu sportlich begabten Männern. Wichtige Stationen der Entwicklung waren der Einbau von Pedalen 1844, das „Hochrad" von 1870, der Kettenantrieb mit Übersetzung am „Niederrad" 1879, die Luftreifen 1888 und der Freilauf 1900. „Bicycle ", das heißt „Zweirad", nannten die Engländer ihr neues Sportgerät, „Velocipede " hießen es die Franzosen, was etwa „schneller Fuß" bedeutet. Bald wurden daraus das umgangssprachliche „Bike", das kurze „Velo" und bei uns aus „Fahrrad" ganz einfach „Rad". In der Gunz-Chronik1 beschreibt Lorenz Gunz um das Jahr 1925 rückblickend die Entwicklung in Wolfurt von der „Tressina" (Draisine) bis zum „Velizipe" (Velocipede): das erste (Fahrrad) meines Dänkens war ein hölzenes Zweirad, die Räder sind hintereinander gegangen wie bei den heutigen Fahrrädern, die Räder waren mit Eisenreifen beschlagen und natürlich nicht gefedert. Das Rad hat dem Caspar Bereuter auf der Dellenmoosmühle gehört, das war ein Wunderding. Wir Buben sind dem Bereuters Caspar nachgesprungen, und der Casper hatte keine leichte Arbeit, wenn er den Buben aus dem Weg kommen wollte. Man hat dießes Rad Tressina genant. Später kamen die Hochräder, unser Plaze hatte das erste 1885 in Wolfurt, Schwarzach und Lauterach, bei denen das vordere Rad gross, das hintere bedeutend kleiner war. Dann kamen die Fahrräder mit auf gekiteten Gumme Reifen, 9 8 Bild 4: Hochrad-Fahrer auf Holzfelgen Bild 5: Die ältesten Niederräder, noch ohne Kettenantrieb Bild 6: Firmling und Pate mit den modernsten Rädern von 1903 dann die mit Kisselreifen. Diese beiden nannte man Velizipe. Dann kam die Luftbereifung und später die Motorräder. Nach Plazidus Gunz gehörte zu den Pionieren des Wolfurter Radsports der junge Turner Albert Köb, 1872-1914, der sich mit seinem teuren Velocipede stolz dem Fotografen stellte (Titelbild). Sein Hochrad hatte schon Vollgummireifen auf die Holzfelgen aufgeklebt, aber es besaß weder Freilauf noch Bremsen. Nur ein wagemutiger Turner konnte den hohen Sattel erklimmen und das Fahrzeug über die rauhen Schotterstraßen lenken. Bei Geralle versuchte er, mit den Lederschuhen an den Felgen zu bremsen. Oft rettete ihn aber nur ein rechtzeitiger Absprung vor einem gefährlichen Sturz. Vielleicht war aber gerade dieses Risiko der Grund dafür, daß jetzt an vielen Orten Fahrrad-Clubs gegründet und sogar internationale Wettrennen durchgeführt wurden. Das erste Rennen in Vorarlberg fand 1898 auf der Strecke Hohenems-Feldkirch und zurück statt.2 Bei ihren Ausfahrten wurden die Sportler oft verspottet und sogar behindert. Bild 4 zeigt ein paar bei einer Faschingsveranstaltung. Ihre Räder sind noch ganz aus Holz, die Felgen mit Eisenreifen beschlagen. Jeder führt eine Karbid-Laterne mit. Einer (ganz rechts) hat eine Hebel-Bremse eingebaut. Nach 1900 verschwanden die Hochräder schnell in den Dachböden und Rumpel10 kammern. Moderne Niederräder hatten sie abgelöst. Zu einem Festumzug im Jahre 1958 nahmen Gassers Engelbert und Thalers August noch einmal zwei solche Veteranen in Betrieb (Bild 5). Auch beim Niederrad wirkten die Pedale direkt auf das Vorderrad. Aber es besaß immerhin bereits eine Stempelbremse mit einem Gummiklotz. Ein solches Niederrad war natürlich auch viel leichter zu beherrschen. Schnell entwickelte es sich zu einem Symbol von Luxus und Reichtum. Wer etwas auf sich hielt, ließ sich in einem Bregenzer Foto-Atelier vor einer Natur-Kulisse mit seinem Fahrrad ablichten. Wenn ein Sticker seine Belegschaft aufnehmen ließ, stellte er sich selbst meist mit seinem Rad dazu. Bild 6 stammt aus dem Jahre 1903. Es zeigt den angesehenen Steinbruch-Besitzer Josef Rünzler, 1871-1935, und sein Patenkind Julius Müller, Kronenwirts, 18931916. Ihre hochmodernen und teuren Fahrräder haben bereits Luftbereifung, Stollenbremsen, Freilauf und Klingel, aber noch keine Schutzbleche. An der Hinterachse besitzen sie auch noch den Eisensporn, der früher - noch ohne Freilauf - das Aufsteigen erleichtert hatte. Im Übermut der goldenen Stickerzeiten wagten sich sogar die ersten emanzipierten jungen Damen auf ein spezielles Fahrrad. Zum Schutz der kostbaren Spitzenkleider hatte man dieses mit Schutzblechen, einem vornehmen Kettenkasten und mit zier11 Bild 7. Gottfrieda Österle mit dem ersten Damenrad 1908 lichen Spann-Netzen verschönert. Mit einem solchen Fahrzeug ließ sich um 1908 die reiche Stickerstochter Gottfrieda Österle fotografieren (Bild 7). Der Pfarrer sah solcherlei Hoffahrt gar nicht gerne. Bertha Gasser, geboren 1893 in Meschen und später als Frau Fischer an der Brühlstraße verheiratet, erzählte von ihrer leidvollen ersten Bekanntschaft mit dem Rad. Eine Stickersfrau in Spetenlehen, der die 15jährige Bertha manchmal bei der Arbeit half, besaß auch ein solches Wunderding, getraute sich aber nicht zu fahren. Schließlich durfte Bertha einmal probieren. Schnell hatte das wendige Mädchen den Trick erfaßt. Nun lenkte sie, von jubelnd nachrennenden Schulkindern gefolgt, ihr Gefährt bis ins Kirchdorf hinein. Sicher brachte sie es wieder heim nach Spetenlehen. Die Abrechnung erfolgte am Sonntag, als die schulentlassenen Mädchen in der Kirche feierlich in die Jungfrauen-Kongregation aufgenommen werden sollten. Da wurde Berthas Name erst ganz am Schluß aufgerufen. Öffentlich verweigerte ihr der gestrenge Pfarrer wegen ihres „ungebührlichen Benehmens" die Aufnahme. Welche Schande! Trotzdem! Das Fahrrad setzte sich nun rasch durch, auch bei den Frauen. Es ersparte viel Zeit bei der Bewirtschaftung der Äcker im Feld und im Ried. Es erleichterte das Einkaufen und den Weg zur Fabrik in Kennelbach. Bald standen in jedem Haus 12 mindestens ein Herren- und ein Damenrad. Bei der ersten Fahrzeugzählung in Wolfurt fanden sich 1933 bei fast 2000 Einwohnern bereits 400 Fahrräder, dazu auch schon 25 Motorräder und sogar 10 „Luxus"-Autos. Die Fahrräder wurden jetzt mit einem stabilen Gepäcksträger ausgerüstet, die meisten zudem mit einem abnehmbaren „Sattele " für Kleinkinder. Sonntags-Ausflüge führten die ganze Familie bis Lustenau oder Hohenems. Und einmal im Sommer banden die Eltern einen leeren Koffer auf den Gepäcksträger und fuhren bis Kreßbronn oder Nonnenhorn „ga Kriose holo "? Ein unvergeßlicher Höhepunkt im Fest-Kreis des Kinderjahres! Manche von uns erinnern sich auch noch an den Fischhändler oder an den Käshändler, die mit speziell angefertigten Dreirädern schwere Lasten zu ihren Kunden transportierten. Auch der Bäckergeselle mit seiner „Krätzo" stellte das Brot per Rad zu. Natürlich beherrschten die Schulkinder nach kurzer Einübungszeit die Fahrräder ihrer Eltern, lange bevor sie den Sattel erreichen konnten. Die Buben führen anfangs mit Vaters Rad „ undor-or Stang " „ a Ränkle "5 durchs Dorf, dann aber bald „freihändig" wie Kunstradfahrer. Bei ihren Ausfahrten nahmen sie oft Freunde oder kleine Geschwister mit, „ ufliocko lo " war Ehrensache. Sogar Rennen führten sie mit ihren dazu gar nicht geeigneten schweren „Waffen"-Rädern durch. Draußen in der fernen Welt gab es ja bereits seit 1903 die Tour de France und längst auch den Giro d'Ttalia und die Tour de Suisse. Dann kam der Krieg. Als Treibstoffmangel den Autoverkehr lahmlegte, wurden Fahrräder für den Weg zur Arbeit und zur Schule nach Bregenz besonders wichtig. Schuhnägel und Scherben bedrohten die Gummireifen. Ein Flickzeug mit Raspel und Gummi-Lösung mußte ständig mitgeführt werden. Irgendwie schaffte es unser großer Bruder immer wieder, mit „ Undorleggar "6 oder „ Üborleggar " die defekten Reifen zu heilen. Manchem alten Fahrrad gaben dann 1945 noch die Marokkaner den Rest, als sie den Umstieg von ihren Mulis auf unsere Technik versuchten. „Das nix gut Rad!" entschuldigten sie sich, wenn sie wieder eine Felge verbogen hatten. Der Wirtschaftsaufschwung nach dem Krieg zeigte sich bald in neuen, farbigen und chromglitzernden Fahrrädern. Etwa ab 1950 besaßen manche sogar schon eine „Sturmay"-Dreigang-Schaltung und zwei Felgenbremsen. Die Besitzer wurden bestaunt und beneidet. Schnell begann dann aber die Motorisierung. Mofa, Moped, Motorroller und die vielen Motorräder stießen das Fahrrad in ein AschenbrödelDasein. Im April 1947 hatte die nicht mehr ganz junge Krankenschwester Sr. Epiphania noch ein erstes Fahrrad bekommen - der Pfarrer hatte jetzt nichts mehr dagegen. Von den Pfarrherren selbst habe ich aber nur unseren guten Pfarrer Willi in Erinnerung, wie er ab 1957 wöchentlich mehrmals auf seinem schwarzen Rad die Kranken in den Spitälern von Bregenz und Dornbirn besuchte. Am Sonntag trug es ihn manchmal auch zu einem Fußballmatch nach Lustenau. Bei einer Ehrung rechnete der Festredner dem Pfarrer diese Treue zum bescheidenen Fahrrad ganz hoch 13 an, denn längst fuhren die Kapläne jetzt Autos oder schnelle Motorräder. Das Fahrrad schien auszusterben. Fabriken und Händler mußten schließen. Nur „Sammars Hubert" hielt noch Ersatz-Schrauben bereit und flickte für ein paar Groschen die letzten Räder für die Wolfurter und für die weite Umgebung. Und dann war plötzlich ein neuer Trend da. Etwa ab 1975 stellten immer mehr Frauen und Männer Gesundheitssport und Fitness in die Mitte ihres Lebens. Wer „in" sein wollte, mußte wieder ein Fahrrad haben, besser noch zwei oder drei. Zuerst ein Rennrad mit möglichst schmalen Reifen, Tachometer und mindestens 21 Gängen. Dann auch ein Mountain-Bike mit dicken Spezialreifen und komplizierter Federung. Dazu das richtige „Outfit" mit buntem Trikot, Ledereinsätzen in den Hosen, Spezialschuhen, Sturzkappen und Handschonern und natürlich mit einem ganz genauen Herzfrequenz-Meßgerät. Neue Firmen entstanden, neue Zweiradgeschäfte. Jedes Jahr warfen sie eine Fülle neuer Dinge auf den Markt: City-Bike, Cross-Maschine, BMX-Rad, Klapprad, Scheiben- und Trommelbremsen, neue Lenker, Holzfelgen(!), Aluminium- und Carbon-Rahmen, aber auch das TandemRad und als Anhänger den „Kiki"-Kinderwagen. Neue Radwege wurden angelegt, zu den Schulen und quer durch die Großstädte. Reizvolle Uferwege begleiten Donau, Inn und Rhein. Nobelhotels werben um den Fahrrad-Gast. Reise-Büros und Bus-Unternehmer bieten ausgesuchte Bike-Touren an. Noch lebt das gute alte Fahrrad! Siegfried Heim Die Wolfurter Wappen am Deuring-Schlößle Die aus dem Mittelalter stammende Stadtmauer der Bregenzer Oberstadt umschließt in ihrer dem See zugewandten Südwest-Ecke das uralte DeuringSchlößchen mit dem malerischen Eckturm und seiner barocken Blechhaube. Als die neuen Besitzer das Schlößchen im Jahre 1990 behutsam renovierten, um es zu einem Feinschmecker-Restaurant umzubauen, wurden auch die lange Zeit übertünchten Fassaden-Malereien aus der Zeit vor dem 30jährigen Krieg freigelegt. An vielen Stellen zeigen sie, mit phantasievollen Bändern geschmückt, das Wolfurter Ritterwappen mit dem steigenden Wolf über dem Fluß. Man spürt förmlich den Stolz der ehemaligen Besitzer auf ihr Familien-Symbol. Seinen Namen hat das Schlößchen von der Kaufmanns-Familie Deuring, die es um 1660 erworben und bis 1801 besessen hat. Vorher wohnte dort Oberst Kaspar Schoch, ein alter Haudegen aus dem 30jährigen Krieg, der sich vom einfachen Musketier bis zum vom Kaiser geadelten Feld-Obristen hinaufgedient hatte. Auf seinem originellen Epithaph neben der Kanzel in der Pfarrkirche St. Gallus bezeichnete er sich selbst als „Madensack". Und vor Schoch war das Schlößchen mehr als hundert Jahre lang im Besitz der Ritter von Wolfurt gewesen. Ihnen gehörte natürlich auch das Schloß Wolfurt. Aber angenehmer leben als auf dem Wind und Wetter ausgesetzten Bühel ließ sich in der Stadt Bregenz. Daher verlegten sie ihren Wohnsitz kurzerhand in ihren Stadt„Palast", ähnlich wie es die Emser Grafen zu dieser Zeit auch taten. Das zweite Edelgeschlecht „von Wolfurt" war aus der Bregenzer Bürgerfamilie Leber hervorgegangen und durch den Handel mit Holz und Wein reich geworden. Durch verwandtschaftliche Beziehungen erhielt es im Jahre 1463 nach dem Aussterben des ersten Rittergeschlechts derer von Wolfurt das Schloß Wolfurt als Lehen. Von Kaiser Maximilian wurde Jakob Leber um 1515 in den Adelsstand erhoben. Er nannte sich jetzt „den Edlen und Vesten Jakoben von Wolfurth uf Wolfurth" und führte das Wappen der Vorgänger weiter. Seine Kinder und Enkel schmückten damit auch ihr Schlößchen in Bregenz. Erhalten geblieben ist eine von dort stammende bunte Glasscheibe aus dem Jahre 1539. In schönen gotischen Buchstaben liest man „Hanns von Wolffurt zu Wolffurt - 1539 - Edeltrut von Wolffurt geborn von Hochenlandeberg". Der Historiker Andreas Ulmer hat die Scheibe schon 1925 beschrieben und als „ein prachtvolles Stück zeitgenössischer Glasmalereikunst" bezeichnet. Aus Ulmers Burgenbuch2 und aus seinen Grabstein-Forschungen3 übernehme ich einige der folgenden Ausführungen. Es fällt auf, daß die Vermählungs-Scheibe wohl die drei Ringe des Wappens der Hohenlandenberg zeigt, nicht aber den Wolfurter Wolf. Eine Verbindung mit dem alten Adelsgeschlecht der Hohenlandenberg war dem neuen Geschlecht von Wolfurt 15 1 2 3 4 5 6 GA Wolfurt, Gunz-Chronik, S. 153 VN v. 4.9.1986 Kriose sind Kirschen Krätzo ist ein Tragkorb a Ränkle, eine Kurve Undorleggar, Unterlage 14 Bild 8: Das Deuring-Schlößle im Frühling 2003 Bild 9: Fassadenschmuck mit Wolfürter Wappen Bild 10: Die Wappenscheibe von 1539 Bild 11: Der Wappenstein von 1610 hochwillkommen. Wegen ihrer Herkunft von Bregenzer Bürgern wurden sie ja „ von etwelchen übelnachredenden Leuten und Diffamanten" noch nach mehreren Generationen schief angeschaut und des adeligen Standes für unwürdig gehalten. Anders die Ritter von Hohenlandenberg! Sie stammten ursprünglich aus Schwaben und waren dann in der Schweiz ansässig. Aus ihrem Geschlecht stammt Hugo von Hohenlandenberg, der zur Zeit der Reformation von 1496 bis 1529 Fürstbischof von Konstanz war. Die Braut Edeltraut war vermutlich eine Schwester des Ritters Sigmund von Hohenlandenberg. Dieser war österreichischer Vogt der Herrschaft Neuburg und befehligte in Ungarn ein Landsknecht-Regiment gegen die Türken. Das erfahren wir aus seinem Grabdenkmal, welches am Chorbogen der St. GallusKirche eingemauert ist. Dort ist auch das Landenberg-Wappen mit den drei Ringen zu sehen. Eine adelige Herkunft des Bräutigams Hans war dagegen nur schwer nachzuweisen. Das erste Rittergeschlecht von Wolfurt, dem die mächtigen Söldnerführer Ulrich und Konrad angehört hatten, war ja um 1450 erloschen. Maria von Wolfurt, eine der letzen Töchter des Geschlechtes, hatte Johann Kaisermann, den Stadt-Ammann von Bregenz, geheiratet. Eine von ihren Enkelinnen wurde später die Ehefrau des Holzhändlers Hans Leber und damit die Ahnfrau des zweiten Geschlechts „von 16 Wolfurt". Maria, gestorben schon 1415, ist auf einem Fresko in der Michaelskapelle von St. Gallus dargestellt.4 In Bregenz kaufte Junker Jakob im Jahre 1521 auch noch das ansehnliche Gut „uff der Rütte ", die heutige „Weißenreute". In sein Schloß in Wolfurt nahm er im Jahre 1529 den Abt Kilian von St. Gallen samt seinem Konvent auf. Die Mönche waren vor der Reformation nach Wolfurt geflohen. Abt Kilian ist dann 1530 beim Durchreiten der reißenden Ach ertrunken. Seine Gefährten konnten bald wieder nach St. Gallen heimkehren. Im Jahre 1537 erhielt Jakobs Sohn Hans von Wolfurt das Schloß als Lehen. Er vermählte sich mit Ehrentraut von Hohenlandenberg und ließ zu diesem Anlaß die Wappenscheibe malen. Wie schon seine Vorfahren hob Hans für das Kloster Weißenau bei Ravensburg von vielen Besitzungen in Weiler und Hörbranz über Bregenz bis zum Sulzberg den Zehent ein und vergrößerte sein Vermögen. Im Namen des Klosters Weißenau sorgte er für die Erhaltung der rechten Hälfte (!) der Pfarrkirche St. Gallus.5 Nach einer Bregenzer Urkunde hatte „Hanns von Wolfurt" im Jahre 1540 sogar das einflußreiche Amt des Stadt-Ammanns inne. Nach seinem Tod konnte die Witwe Edeltraut mit ihrem Sohn Hans Georg 1547 für 465 Gulden auch noch den riesigen „Loherhof" in Bregenz kaufen, das spätere Gut 17 Kronhalden. Das Ansehen dieses „Hans Jörg von Wolfurt zu Wolfurt" war so groß, daß er 1565 mit seinem Siegel das Testament des Grafen Gabriel von Hohenems bezeugen durfte. Eine Urkunde von 1571 weist nach, daß er gemeinsam mit seiner Mutter „Edeltrauta geb Hohenlanndenberg" am Brand in Bregenz ein Jauchert Reben steuerfrei besaß. 1582 erlaubte er der Stadt die Fassung der Quellen auf seinem Gut Reutin für ihren Stadtbrunnen6. Im Jahre 1587 machte er eine bedeutende Stiftung für die „Lateinschüler" von Bregenz. Auch seine Mutter Edeltraut hatte der Lateinschule eine Stiftung hinterlassen, dazu eine ausdrückliche Widmung „für den Kirchengesang". Damit ist sie die erste bekannte Fördererin des Kirchenchors von St. Gallus. Auch in der Kirche St. Nikolaus in Wolfurt hatte sich Edeltraut mit einer Stiftung von 100 Gulden je eine „ewige Messe" zu Weihnachten, Ostern und Pfingsten gesichert7. Schon lange vergessen! Ab 1575 war Hans Georg wie früher sein Vater Zehent-Einnehmer des Klosters Weißenau geworden. Sein eigenhändig geschriebenes Zehentbuch ist erhalten geblieben und vermittelt eine Fülle von Wirtschafts-Daten aus dieser Zeit.8 Auch er bewohnte nicht sein Schloß Wolfurt, sondern sein Bregenzer Gut Reutin (Weißenreute). Das erfahren wir aus einer Urkunde von 1601, als er einen Besitz mit Stadel und Brunnen an das Kloster Thalbach verkaufte". Hans Georg hatte eine ganze Reihe von bedeutenden Söhnen. Laux (Lukas) von Wolfurt war bischöflicher Obervogt von Konstanz und wurde unter Erzbischof Mark Sittich Stadt-Hauptmann von Salzburg. 1608 verkaufte er sein vom Vater Hans Georg ererbtes Gut Reutin für die ungeheure Summe von 5000 Gulden." Domprobst Sigmund verwaltete für den Erzbischof dessen Besitzungen in Konstanz. Der Jesuitenpater Hugo von Wolfurt leitete als Rektor das Kolleg in Hall. Ein weiterer Sohn Hans Sigmund betreute die Besitzungen in der Oberstadt. Im Schlößle ließ er über einem Torbogen seinen Wappenstein einmauern. Das Relief zeigt unter dem Wolf die Jahreszahl 1610 und die Buchstaben „HS. V.W.Z. W. " Das bedeutet Hans Sigmund von Wolfurt zu Wolfurt. Im Jahre 1940 ließ Dr. Fritz Schindler eine Kopie dieses Wappensteines anfertigen und beim Neubau des abgebrannten Schlosses in Wolfurt in den Turm einfügen. Zu höchsten Ehren brachte es der letzte Sohn des Hans Georg. Ab dem Jahre 1616 war Eucharius von Wolfurt Fürstabt des mächtigen Benediktiner-Klosters Kempten und behielt dieses hohe Amt bis zu seinem Tod 1631. In dieser Zeit war er ein einflußreicher Anführer der Gegenreformation in Süd-Deutschland. Nach seinem Tod schändeten die mit den Schweden verbündeten Protestanten sein Grab. Mit dem Tod von Fürstabt Eucharius und seiner kinderlosen Brüder starb das zweite Geschlecht der ,fidlen von Wolfurt" um die Mitte des 17. Jahrhunderts aus. Weil dem Adel eine ganze Anzahl von Vorrechten zugebilligt wurden, hatten längst auch andere wohlhabende Bregenzer Bürgerfamilien nach dem Vorbild der Leber einen ähnlichen sozialen Aufstieg angestrebt. Etliche hatten vom Kaiser ebenfalls einen Wappenbrief erhalten und waren in den Adelsstand erhoben worden. Schon 1601 18 Bild 12: Der Turm von Schloß Wolfurt waren es etwa die Schmid „ von Wellenstein " und 1621 die Deuring „ von Mittelweyerburg". Später folgten 1681 die Bildstein „zu Bildstein " und 1684 die ursprünglich aus Wolfurt stammenden Vonach „zu Gernhaimb ". Das Schloß-Lehen in Wolfurt war an Österreich heimgefallen. Es wurde nacheinander an verschiedene kaiserliche Beamte vergeben, darunter 1696 an den in Hofsteig verhaßten Amtmann Benedikt Reichart „ von Wolfurt und Wellenstein ". Im Jahre 1772 konnte der erste „Schloßbauer" Johann Stadelmann das Schloß kaufen. Noch einmal erwarb es 1856 mit Jakob Huter ein reicher Bregenzer Kaufmann, der Vater des Bürgermeisters und Ehrenbürgers von Bregenz Josef Huter. Von dessen Familie kam es 1935 in den Besitz von Dr. Fritz Schindler. 1939 ist es mit Ausnahme des massiven Turmes vollständig abgebrannt. Schon 1940 wurde es neu aufgebaut. Es gilt als Wahrzeichen der Markt-Gemeinde Wolfurt, die ja auch das alte Wolfs-Wappen der Ritter als ihr Gemeinde-Wappen führt. Welch eine Fülle von Bezügen der Stadt Bregenz zu den Wolfurtern findet sich aber in der Geschichte! Die Gallus-Kirche und ihre Michaelskapelle. Das DeuringSchlößle und die großen Höfe von Weißenreute und Kronhalde. Stadtammann, Lateinschule, Kirchen-Chor und sogar der Stadtbrunnen! Und noch eine weitere Verbindung findet sich heute in Wolfurt. In dem schönen 19 Haus auf dem Hexenbühel, wo vor fast zweihundert Jahren die letzten Mauern der Burg Veldegg von den Steinbrechern abgetragen wurden, wohnt die Familie Kispert. Sie besitzt aus dem Nachlaß von späteren Bewohnern des Deuring-Schlößchens jene kostbare Wappenscheibe von 1539. Der erst vor wenigen Monaten verstorbene Dr. Wolf Kispert trug nach 1945 als Geschäftsführer die Verantwortung für die Textilwerke Schindler in Kennelbach, bei denen damals noch mehrere hundert Wolfurter beschäftigt waren. Er und seine Frau Eleonore brachten mit der Scheibe eines der ältesten Wolfurt-Kunstwerke in unsere Gemeinde. Nur Pergamente und Siegel und der Ritter Konrad-Kelch von 1364 sind älter. Siegfried Heim Guglionesi Die „Wolfurter" Burg in den Abruzzen Seit im Jahre 1982 anläßlich der Markterhebung die Geschichte von Ritter Konrad von Wolfurt und von seinem goldenen Kelch erforscht wurde, läßt sie uns nicht mehr los. So nützte auch unser Bürgermeister Erwin Mohr seinen Sommerurlaub 2002 in Apulien dazu, einen Besuch in Guglionesi zu machen. Er wußte ja, daß Ritter Konrad einige Jahre lang Herr dieser mächtigen Bergfestung gewesen war. Türme und Mauern sind längst verfallen. Guglionesi ist ein friedliches Städtchen geworden. Vom Bürgermeister wurde sein Wolfurter Kollege freundlich empfangen. Er brachte eine Beschreibung der Bild 13: Das Stadtwappen Stadt mit, in der doch tatsächlich der Name unseres von Guglionesi gewaltigen Ritters als „Wolfard (Lupo)" erwähnt wird. So weit fort in Italien! Und das nach fast 700 Jahren! Die Stadt Guglionesi hat heute rund 6000 Einwohnern. Sie liegt auf einem 375 m hohen Vorberg der Abruzzen etwa 10 km entfernt vom Ufer des Adriatischen Meeres in der Region Campobasso. Mit seiner weiten Aussicht über Land und Meer war dieser Platz schon in römischer Zeit und noch mehr im Mittelalter von hohem strategischem Wert. Deshalb erbaute hier schon der Normannen-Herzog Robert Guiscard um das Jahr 1050 eine starke Burg. Nach dem Untergang der Staufer durch die Enthauptung von König Konradin 1268 in Neapel wurden die Anjou aus Frankreich Könige von Neapel und bald danach auch von Ungarn. Im Jahr 1347 kam es zu einem erbittert geführten Erbstreit um Neapel und ganz Unter-Italien, in welchem die Ritter Ulrich und Konrad von Wolfurt ungarische Heere anführten. Bei Guglionesi überstieg Konrad 1348 mit seinen Söldnern die Abruzzen und gab dem Krieg eine entscheidende Wendung. König Ludwig von Ungarn verlieh ihm darauf die Burg und den Titel eines Barons von Guglionesi. Konrad ließ die Festung ausbauen: „Corradus Lupus .... fortivicavit se in Guillonisio" (Burmeister, Edelgeschlecht von Wolfurt, S. 36). Das Fort hatte jetzt eine große Mauer mit 18 Türmen und zwei Toren. Von hier aus plünderte Konrad 1350 das benachbarte Foggia und machte ungeheure Beute. Später kehrte er auf seine Besitzungen in Ungarn und im Schwabenland zurück. Im Jahre 1355 ritt er als Gesandter des Königs zum Papst nach Avignon, der dort gerade seinen riesigen Palast baute. Wahrscheinlich mußte Konrad aus seiner Kriegsbeute einen Beitrag zu den ungeheuren Kosten leisten. 1364 stiftete er zur Sühne 1 2 GA Wolftut, Brunnenbrief von 1517, Heimat Wollte 23, S.9 Andreas Ulmer, Burgen und Edelsitze, Dornbirn 1925, S. 626, Deuringschlößchen, und S. 383, Schloß Wollte Andreas Ulmer, Die Epitaphien der Bregenzer Stadtpfarrkirche, Alemania, Bregenz, 1927 4 Heimat Wollte, Heft 9, S. 38, Michaelskapelle 5 Heimat Wollte, Heft 179, S. 4, Weißenau 6 LA, Breg. Regesten Nr. 641 7 LA, Breg. Regesten Nr. 650 8 Abschrift im GA Wollte 9 LA, Vlbg. Regesten 1601 10 LA, Vlbg. Regesten 1608 20 21 Siegfried Heim Frauenleben Zu einem Vortrag für Frauen hat man mir dieses Thema gestellt: Frauenleben in Wolfurt, ein Rückblick. Ein problematisches Unterfangen! Zu schnell gingen manche Veränderungen in den letzten hundert Jahren vor sich. Zu verschieden sind die Standpunkte von Jung und Alt, von Mann und Frau, von Tradition und Fortschritt. Patriarchat da, Emanzipierung dort. Zeitweise heiß umstritten die Themen „der dressierte Mann", „die Frau an den Herd" und „das Recht auf den eigenen Bauch". Manche Diskussionen zeigen Risse auf, die quer durch die Familien, vor allem auch quer durch die Gemeinschaft der Frauen gehen. Mit ein paar Namen will ich einen Beitrag zum Nachdenken versuchen. „Gott schuf also den Menschen, als Abbild Gottes schuf er ihn. Als Mann und Frau schuf er sie. ... Es war sehr gut!" (Genesis 1; 26) Es war sehr gut! - Die Biologie erkennt die Spezialisierung, die Arbeitsteilung zwischen allen Formen des Lebens, als höchste Stufe der Entwicklung und als Voraussetzung für den Fortbestand. Jede Zelle muß ihren Beitrag leisten, ihre ureigenste Aufgabe erfüllen, wenn der Organismus gedeihen und bestehen soll. Und jede ist dazu besonders ausgerüstet. Die Frau anders als der Mann! Die Geschichtsschreibung berichtet fast nur von den Taten (und Untaten) der Männer. Vor jedem von ihnen stand aber seine Mutter und neben den meisten eine Gattin. Nur selten wurde deren Anteil anerkannt. Wie im alten Testament wurden auch im römischen Recht, das noch durch das ganze Mittelalter herauf Gültigkeit hatte, die Frauen nahezu ohne Rechte gelassen. Sie wurden bevormundet. Über ihr Leben entschied zuerst der Vater, dann der Ehemann. Die Hl. Elisabeth wurde als vierjähriges Kind aus Ungarn nach Thüringen verheiratet und wuchs am fremden Hofe auf. Mit 15 Jahren wurde ihre Ehe vollzogen. Fünf Jahre später hatte sie fünf Kinder und war Witwe - und rechtlos. Nicht einmal Brot an die Armen verschenken durfte sie. Mit 24 Jahren ist sie gestorben. So ähnlich erging es damals auch vielen Mädchen und Frauen in unserem Dorf. Ihr Leben war Arbeit und Mutterschaft und Dienst an der Familie. Und wenn Segen über der Familie lag, wenn viele von den Kindern groß wurden, dann wurden häufig überzählige Buben als Landsknechte verkauft, Mädchen als Mägde verdingt. Und manche wurden - anfangs allerdings nur bei noblen Leuten - ins Kloster gesteckt. Klosterfrauen sind die ersten Wolfurter Frauen, deren Namen wir kennen. Sigena von Wolfurt ließ als Äbtissin des einflußreichen Frauenklosters von Lindau schon um 1250 Silbermünzen prägen. Guta von Wolfurt war um 1370 Meisterin im Kloster Münsterlingen bei Konstanz. „Ora et labora!" bestimmte dort ihre Tage. Ganz anders lebten ihre Brüder, die Ritter Ulrich und Konrad, die Guta im 23 Bild 14: Die Burg der 18 Türme, Rekonstruktion für seine Sünden den Wolfurter Kelch für das Kloster Pfäfers. Als er 1365 mit seinem großen Vermögen Stadt und Burg Arbon am Bodensee kaufte, siegelte er den Vertrag mit seinem Wolfswappen und der Umschrift „S. Coradi d Uulfort Baronie Guillon Dominus ". Noch immer nannte er sich also stolz „Herr von Guglionesi". Seither hatten wir den Ritter Konrad durch viele Jahrhunderte vergessen. Nicht so die Italiener. Sie nennen seine Zeit „il periodo in cui si ebbero numerose invasioni, lapiü dannosa delle quali, quella di Wolfard (Lupo) ". Die schlimmste Invasion war die durch den Ritter Wolfurt, den sie den Wolf hießen. 22 Jahrzeitbuch von 1370 in ihr Gebet einschloß. Sie hatten 1348 ungarische Söldnerheere nach Süd-Italien geführt, hatten die Städte Foggia, Capua und Aversa geplündert und „.... und überließen sich ihren bösen Gelüsten mit Frauen und Jungfrauen Als sie sich mit schweren Wagenladungen voll von geraubten Schätzen auf den Heimweg machten, „.... nahmen sie viele Mädchen und Frauen, die sie ihren Männern geraubt hatten, mit sich auf die Reise "-.' Schlimm! Solche Schicksale gab es auch in unserem Land, das immer wieder von durchziehenden Heeren verwüstet wurde. Frauen als Kriegsbeute! Konnte es denn noch schlimmer kommen? Leider ja! Als um das Jahr 1500 Hungersnot und Pest Europa heimsuchten, gab man die Schuld daran dem Teufel und den vom ihm besessenen Hexen. Verbunden mit sexuellen Skrupeln breitete sich ein entsetzlicher Wahn aus: Im Flotzbach und im Kellasumpf tanzen die Hexen! Wir müssen sie unschädlich machen! - Auf den Scheiterhaufen in Bregenz starben Dutzende von Frauen. Mindestens acht davon stammten aus Wolfurt, das damals ein Dörfchen mit nicht einmal 400 Einwohnern war. Acht Frauen und auch ein Mann, der Bäcker. Wir kennen ihre Namen. Stellvertretend für alle nenne ich nur Maria Kelhofer. Sie war die letzte aus Wolfurt, die noch im Jahre 1628 durch gräßliche Folter zu einem Geständnis gezwungen und dann als Hexe geköpft und verbrannt wurde. Frauen als Brandopfer! Ein Jahr später ist 1629 in Bildstein die Muttergottes erschienen. Noch einen anderen Namen habe ich auf einem Pergament gefunden: Christina Muchsel. Sie war die Bäuerin im Bannholz und lebte dort um 1580 mit Sebastian Fischer zusammen, dem Pfarrer von Wolfurt. Das war damals durchaus üblich. Fünf Kinder gebar sie ihm. Auf Geheiß des neuen Bischofs mußte sie der Pfarrer verlassen. Ganz allein sorgte sie sich nun um die Kinder - und Gott gab sichtbar seinen Segen dazu. Das Geschlecht blühte auf, mehr als jedes andere in Wolfurt. Es brachte Handwerker hervor, Ammänner, Gemeinde-Vorsteher, Wirte, Ärzte und Advokaten und auch viele Priester, Patres und Klosterschwestern. Christina Muxel vom Bannholz! Auch in den folgenden Jahrhunderten war das Leben der Frauen bestimmt von Arbeit und Mutterschaft und oft auch von einem frühen Tod. Denn nicht selten starben Frauen in Ausübung ihres Mutterberufes im Kindbett. Dann hatte ein Mann manchmal hintereinander drei oder vier Ehefrauen. Ein Beispiel dafür ist Johann Baptist Köb, geboren 1814 im Schloß, der Stammvater von „Schloßburos" in der Bütze. Seine erste Frau Maria Anna Österle starb nach der Geburt ihres fünften Kindes mit 31 Jahren. Die zweite Frau Agatha Fischer starb schon bei der Geburt ihres ersten Kindes mit 34 Jahren. Und die dritte Frau Anna Huber gebar elf Kinder. Eine Woche nach der Geburt des elften starb auch sie mit 36 Jahren. Ein vergleichbares Schicksal kennen viele von uns noch von „Kamplar-Mohros " an der Hub. Dort gebar Agatha Köb ihrem Mann jedes Jahr ein Kind: 1911, 1912, 13, 14, 15, 16, 17. Drei Wochen nach der Geburt des siebten ist sie gestorben. Der älte24 Bild 15: Mutter Maria Anna Mohr mit ihrem Mann und 13 Kindern ste von den sieben war gerade sechs Jahre alt. Die Kinder brauchten und bekamen eine neue Mutter in Maria Anna Arnold. Zu den sieben Stiefkindern gebar sie in den folgenden zehn Jahren sieben eigene, zusammen also 14. Welche Enge um die „Stopfar "-Schüssel am Morgen! Welches Gedränge um die Mus-Pfanne am Mittagstisch! Und welche Sorgen erst, als fast alle Buben in den Krieg einrücken mußten! Über Maria Anna Mohrs Grab steht „Alles liegt in Gottes Hand". Das gilt wohl auch für eine andere Frau, die genau 100 Jahre früher an der Hub lebte: Maria Anna Fischer, die Ehefrau von Andreas Rohner, dem Begründer und ersten Kapellmeister der Blasmusik Wolfurt. Zwischen 1811 und 1831 gebar sie 15 Kinder, fünfzehn! - und alle starben am Tag der Geburt. Rhesus-Faktor unverträglich! Das konstatieren wir heute nüchtern und können nicht erahnen, mit welcher verzweifelten Hoffnung sich die unglückliche Frau damals an jede neue Schwangerschaft geklammert hat. Und dann gab es auch noch die vielen unverheirateten Frauen, denen die Ehe versagt blieb, weil ihnen die Familiensituation oder die Gemeindevertretung den „EheKonsens" verweigerte. Magd blieben sie, ohne Zahltag, ein Leben lang. Oder sie gingen in die Fabrik wie Karolina Heim. Zu Fuß nach Kennelbach, 50 Jahre lang, jeden Tag, auch am Samstag, täglich 13 Stunden, später nur mehr 12, jeden Tag, ohne Krankenkasse, ohne Rente! 25 Bild 16: Karolina Heim, ledig geblieben Bild 17: Franzele Dür, emanzipiert Bild 18: Promotion 1939, Dr. iur. Marianne Fischer Unvergessen bleiben jene Ordensschwestern aus Hall, Sr. Epiphania und Sr. Theodora: den Tag für die Kranken, die Nächte bei den Sterbenden, ein Leben im Dienst am Nächsten, meist für ein „ Vergelt 's Gott!". Samariterinnen! Und dann kündigte sich , in winzig kleinen Schritten zuerst, eine neue Zeit für die Frauen an: Juditha Fischer, 1855-1921, bricht 1881 in einen bisher den Männern vorbehaltenen Bereich ein. Sie spielt Theater, öffentlich! Sie spielt die Rolle der „Berta" in Schillers revolutionärem Werk „Die Räuber". - Eine Frau! Vor 1000 Zuschauern, 1881! - Bei allen bisherigen Aufführungen der großen Wolfürter Freilicht-Theater hatten Männer auch die Frauenrollen gespielt, etwa der Sternenwirt Böhler die Armgard im „Wilhelm Teil" oder der Rößlewirt Müller die „Jungfrau von Orleans" oder der Kunstmaler Schneider die „Genovefa". Juditha Fischer hat übrigens bald danach den Vorsteher Johann Martin Schertler geheiratet und ihm zehn Kinder geboren. Einen nächsten Schritt tat Franziska Dür, 1854-1922. Obwohl einzige Tochter und reich - sie heiratete nicht! Sie las viel, sie hielt sich Zeitungen, sie reiste, nach Wien, nach Rom, nach Lourdes, nach Jerusalem, auf die Welt-Ausstellung 1900 nach Paris. Sie trank gerne Wein. Sie besaß einen Revolver, mit welchem sie Schießübungen machte. Und 1907 kaufte sie gar - ganz unerhört für jene Zeit! - ein 26 Auto, das erste im Dorf. Da blieb den Männern wohl der Mund offen. „Düro Franzele" hat dann auch noch andere Seiten gezeigt. Sie galt als mildtätig und fromm und hat 1913 für die Kirche die große Grödner Krippe gestiftet. Durch die Inflation verarmt ist sie 1922 gestorben.2 Politisch blieben Frauen noch lange ohne Rechte. Um 1870 durften nur die Steuerzahler wählen. Nicht aber die Frauen! Bei Wahlen mußten sich vermögende und steuerzahlende Frauen durch einen Mann vertreten lassen, durch einen Nachbarn etwa oder durch einen Verwandten mit schriftlicher Vollmacht. Erst unter dem Druck der bisher ebenfalls Unterdrückten, der in den sozialistischen Parteien organisierten Arbeiter, erhielten die Frauen politische Rechte. Zuerst führten die Bolschewisten nach der Oktober-Revolution von 1917 in der Sowjet-Union das Frauen-Stimmrecht ein. Deutschland und Österreich folgten nach dem Zusammenbruch der Monarchien 1918, in Österreich mit dem Gesetz vom 18. Dezember 1918. Das ist sehr früh, wenn man bedenkt, daß Frauen in den Frauenfreundlichen USA erst 1920, in England 1928 und in Frankreich, dem Land von „ liberte " und „ egalite ", gar erst nach dem Zweiten Weltkrieg 1944 ihr Stimmrecht bekamen. Die konservative Schweiz und Liechtenstein hinkten noch lange nach, am längsten unsere Nachbarn, die Appenzeller. 27 Ebenso schwierig war es für die Frauen, sich einen Zugang zur Bildung zu erkämpfen. Mädchen aus Wolfurt durften erst ab 1938 das Gymnasium besuchen, das damals „Oberschule für Mädchen" hieß. Ich weiß nicht, welche Wolfurterin als erste eine Universität besucht hat. Vermutlich war es Frau Dr. Marianne Fischer, Jahrgang 1912, die von der Steig aus noch in die Volksschule in Wolfurt ging und dann nach Innsbruck übersiedelte. Später ist sie nach einem Jus-Studium die Rechtsberaterin von Bischof Paulus Rusch geworden. Beruf hieß damals selbstverständlich Verzicht auf eigene Familie. Frau Marianne lebt heute hochbetagt im Altersheim der Ordensschwestern in Hoch-Rum. Frau Dr. Isolde Moosbrugger-Hiesmayer, Jahrgang 1925, war die erste Frau aus dem ganzen Bregenzer Wald, die ein Medizin-Studium erfolgreich abschloß. Als sie dann aber heiratete, verzichtete sie auf die Ausübung ihres Arzt-Berufes und widmete ihre Kraft der Karriere des Ehegatten als Architekt und der des Sohnes, welcher als Mediziner ebenfalls bereits Hochschul-Professor ist. Frau Isolde feierte vor kurzem an der Rüttigasse Goldene Hochzeit. Da durfte sie sich auch über die Glückwünsche ihrer Enkelkinder freuen. Zurück zur Frauenpolitik! In Wolfurt wählten die Frauen, die immer die überwiegende Mehrzahl der Wähler bildeten, lange Zeit nur Männer in die Gemeindevertretung. Wieder waren es die Sozialisten, die im Jahre 1956 mit Frau Anna Fischer, Stöoglars Anna, erstmals eine Frau in die Gemeindestube brachten, allerdings nur für vier Jahre. Bei der ÖVP dauerte es bis 1970, als mit großer Mühe (der Männer!) Irma Feuerstein und Gertrud Gunz wenigstens zur Kandidatur und zur Mitarbeit in den Ausschüssen bewegt werden konnten. Seit 1975 besetzen Frauen immer ein paar Plätze in der Gemeindevertretung. Es könnten viel mehr sein, - wenn Frauen auch Frauen wählen würden. Da muß man es besonders hoch werten, daß sich Frau Xaveria Dür, Hausfrau, Mutter und Geschäftsfrau, im Jahre 1990 als Vizebürgermeisterin zur Verfügung stellte und dieses schwierige Amt acht Jahre lang mit großem Erfolg ausübte. Das 21. Jahrhundert wird ganz sicher viele Veränderungen bringen, auch für die Frauen und für unsere bedrohten Familien. Schon stellten die Mädchen mit 870 von 1500 Kandidaten bei der Matura 2002 in Vorarlberg fast 60 Prozent. Zur gleichen Zeit erleben wir einen ganz unglaublichen Rückgang der Geburtenzahl. Gesellschafts-Forscher und Sozial-Politiker beobachten diese Entwicklung mit Sorge. Eines ist sicher: Wenn unser Volk und unsere Kultur fortbestehen sollen, muß es uns gelingen, Arbeitsleben und Mutterschaft in Übereinstimmung zu bringen! Siegfried Heim Die Rohner in Wolfurt Ein Besuch von Auswanderer-Rohnern aus dem Saarland, die hier in Wolfurt erfolgreich nach ihrer Herkunft forschten, macht mich wieder einmal auf dieses große Geschlecht aufmerksam. Durch zwei Jahrhunderte, vom Beginn der Pfarrbücher bis 1850 standen die Rohner in Wolfurt zahlenmäßig stets knapp hinter den Schwerzlern an zweiter Stelle. So wie die Schwerzler sind sie inzwischen von einem halben Dutzend anderer Geschlechter überholt worden. Über die Schwerzler habe ich in Heft 16 berichtet. Auch die Rohner schenkten unserer Gemeinde starke Familien und tatkräftige Männer, die wir nicht vergessen sollten. Seit 1363 Schon im Jahre 1363 gehörten drei Roner zu den wohlhabenden Bürgern von Bregenz.1 Im Urbar des Hugo von Montfort werden um 1380 Roner in Rieden, Lauterach und Bregenz nachgewiesen. Bald danach findet man sie in Hard, Wolfurt und am Steußberg.2 In Alberschwende lebt der Name im Ortsteil Rohnen fort, in Buch in der Parzelle Zum Rohner. Die mündliche Überlieferung berichtet, die ersten Rohner seien aus dem Schweizer Rheintal nach Wolfurt gekommen. Dafür gibt es allerdings keine Belege. Wir wissen aber, daß der Name auch im unteren Schweizer Rheintal beheimatet ist. Nach dem 30jährigen Krieg blühte das Geschlecht gleichzeitig in Dornbirn und in Wolfurt auf. In Dornbirn hatte um 1640 ein Georg Rohner 6 Kinder und zahlreiche Nachkommen, die sich in alle vier Dornbirner Dörfer ausbreiteten.3 In Wolfurt hatte der Häuserbeschrieb von 1594 keine Rohner mehr genannt. Nach den schrecklichen Pestzügen von 1594, 1629 und 1635, die bei uns viele Häuser geleert hatten, dürften aber etliche starke Rohner-Familien zugezogen sein. Jedenfalls wurden in den 1650 begonnenen Wolfurter Taufbüchern schon in den ersten 20 Jahren Kinder von 17 verschiedenen Rohner-Ehepaaren aufgeschrieben. Einige Väter hatten mehrmals geheiratet. Der Seelenbeschrieb von 1760 zählte 12 Rohner-Familien auf. Im Jahre 1843 waren es sogar 20 Hausbesitzer. Damit hatten sie aber ihren Höhepunkt erreicht. Bis 1900 sank die Zahl auf 13 Familien aus sieben alten Sippen. Seither sind zuerst DoktorRohnars im Strohdorf 1909 und Sattlar-Rohnars in Unterlinden um 1930 ausgestorben, dann Instrumentomachars im Strohdorf mit Josef Anton Rohner 1940, Hammorschmiods an der Ach mit Josef Rohner 1941, Orglars in der Bütze mit Adelheid Rohner 1966 und zuletzt noch Haldobuobos mit Gebhard Rohner 1975. Die aus Lauterach stammende Familie des Bürgermeisters Theodor Rohner ist 1945 nach Tirol verzogen. Übrig geblieben ist eine einzige von den alten Rohner-Sippen, die Vinälar. Sie ist 29 2 Zitiert aus Bronner, Herzog Werner von Urslingen, 1828 Nach Karl Schwärzler in V.V. v. 14.12.1957 28 Der Name Die Schreibart des Namens wechselte vom mittelalterlichen Roner schon 1650 auf Rohner, dann aber bei den Pfarrern im 18. Jahrhundert auf das ans Griechische angelehnte Rhoner. Ab 1814 führt Pfarrer Grasmayer wieder das heutige Rohner ein. Für die Namensdeutung gibt es mehrere Möglichkeiten. An Roa (Rain) ist ein Ackerrand oder eine Geländekante. Ganz anders klingt an Rohno. Das Wort ist verschwunden. Damit meinte man früher einen am Boden liegenden morschen Baumstamm. Dagegen kennt jeder - nur bei uns im Unterland! - die weibliche Form a Rohno. Es ist eine schwulstige Strieme auf der Haut nach einem schmerzhaften Schlag mit der Rute oder der Peitsche. Schließlich gab es früher noch die Rohn. Eine Rohn (vom mittelhochdeutschen run) war eine geheime Beratung.5 Das gäbe doch einen Sinn! - Dann wäre ein Rohner also ein wichtiger Mann gewesen, bei dem man sich in Notzeiten Rat holen konnte. Einige bekannte Rohner Jerg Rohner, 1671-1743, Hofsteig-Ammann Jerg (in Wolfurt sagte man Irg) war einer der Anführer beim Aufruhr des "Gemeinen Mannes" gegen die Willkür der Obrigkeit.6 Nach einer vergeblichen Vorsprache beim Kaiser in Wien besetzte er mit 2000 Bauern im Jahre 1706 die Stadt Bregenz und verjagte den Vogt des Kaisers. Sechsmal wurde er danach zum Ammann gewählt und leitete nun das Gericht Hofsteig von Hard am See bis nach Buch. Er war für Äcker, Wald und Straßen verantwortlich und für den Einzug der Steuern. Dreimal im Jahr hielt er mit zwölf Beisitzern Gericht. Erfolgreich kämpfte er für die alten Hofsteiger Rechte. Im Kirchdorf besaß er einen Gasthof. In Wolfurt leben noch viele von seinen Nachkommen. Die Orglar waren davon die letzten Rohner. in den letzten Jahren sogar stark angewachsen. Im Jahr 2003 tragen in Wolfurt wieder etwa 70 Personen den Namen Rohner. Mit Ausnahme einiger Zuwanderer sind das lauter Vinälar. Nirgendwo in Vorarlberg ist der Rohner-Anteil unter den Einwohnern so groß wie in Wolfurt. Am nächsten kommt noch das große Dornbirn mit über 50, gefolgt von Hard mit etwa 40. Nur jeweils ein paar findet man in Bregenz, Fußach und den anderen Unterländer Gemeinden, ganz vereinzelte im Oberland. Eher noch könnte man Rohner in Amerika finden, denn in der großen Notzeit nach 1850 sind 6 Rohner aus Wolfurt und 14 aus Hard nach den USA ausgewandert.4 Auch im Saarland gibt es eine Gruppe von Rohner-Familien. Darüber mehr im Anhang. Die Kies-Rohner in Fußach stammen ebenfalls aus Wolfurt (Siehe unten bei Sippen unter A, Orglars!), wahrscheinlich auch die meisten Harder Rohner (Siehe unter C, Doktors^. Bild 20: Siegel des Ammanns Jerg Rohner Johann Martin Rohner, 1790-1864, Arzt7 Als junger Soldat machte er mit Napoleons Großer Armee 1812 den Feldzug nach Rußland mit und war einer der ganz wenigen glücklichen Heimkehrer. Danach wirkte er als Gemeindearzt in Alberschwende und ab 1828 in Wolfurt. Unter seinen vielen Nachkommen gibt es ebenfalls keine Rohner mehr. 30 31 Andreas Rohner, 1791-1857, Kapellmeister Er war Steinhauer im Eulentobel und begründete 1816 die erste Wolfurter MusikKapelle, die er 25 Jahre lang dirigierte. Beim Kirchenbau im Jahre 1833 übernahm er die Steinmetz-Arbeiten, darunter auch die große Kirchenstiege mit ihren 87 Stufen. Weil alle seine 15 Kinder am Tag der Geburt starben, blieb er ohne Nachkommen. Franz Rohner, 1872-1959, Kapellmeister Er war Bauer und Sticker im Röhle. Nachdem er schon 1898 die Harmoniemusik Wolfurt geleitet hatte, übernahm er 1901 die Bürgermusik Wolfurt und führte sie in den folgenden 55 Jahren als Kapellmeister zu großen Erfolgen. Zusätzlich wirkte er auch viele Jahre lang als Gemeinderat. Seine zahlreichen Nachkommen nennt man nach ihm die Kapeollar. In der langen Geschichte des Geschlechtes gibt es auch dunkle Stellen. Joh. Georg Rohner, 1797-1834, Michelis-Buob aus Rickenbach Wegen der Ermordung eines Mädchens wurde er zum Tode verurteilt. Am 12. Dezember 1834 büßte er seine Untat in Bregenz am Galgen.8 Johann Rohner, 1813-1861, Tonelis-Buob von der Hub Wegen Totschlag wurde er 1839 zu acht Jahren Kerker verurteilt. Die Familien der beiden Übeltäter sind längst ausgestorben. Stenzlar-, Liborats, Schnidar-, Ludwigos, Tirolar-, Filitzos, Hafnars und MurarSchwerzler.9 Von der Tochter Katharina Rohner, die 1697 die Frau des Jakob Schneider im Kirchdorf wurde, stammen unter anderen der Gotteshaus-Ammann und Vorsteher Mathias Schneider und seine vielen Nachkommen in Wolfurt, Amerika und Deutschland, die Sammüller in Wolfurt und in Wien und die vielen Familien der Lehrar-Köbs auf dem Bühel. 1. Rohner Johann +1696 Wolfurt-Kirchdorf oo 1654 Müller Anna, 11 Kinder 2. Rohner Georg (Jerg) 1671-1743 Hofsteig-Ammann oo 1696 Bayer Anna Maria, 6 Kinder 3. Rohner Anton 1703-1759 Gastwirt im Kirchdorf oo 1728 Steu Franziska, 8 Kinder 4. Rohner Joh. Georg 1729-1773 Gastwirt im Kirchdorf oo 1756 Künz Franziska, 11 Kinder. Von ihnen stammen u.a. der Vorsteher Johann Maier und SchloßburoKöbs in Unterlinden, aber auch die Spetenleher Fischer, Kalbs im Tobel und Heims in der Bütze, dazu noch Anwanders in Rickenbach und DelloKorles. Ein Jahr nach ihres Gatten Tod heiratete die Witwe Franziska 1774 einen FlötzarVönach von der Ach und schenkte ihm bald noch 5 weitere Kinder. Danach verließen die Rohner-Kinder das Gasthaus beim „Kleinen Brunnen", das ihr Urgroßvater Jerg am Rand des Kirchdorfs (am Platz von Kreuzstraße 1) gebaut hatte. Das FlötzerHaus war jetzt der weitaus größte Bauernhof im Kirchdorf. Er ist 1869 abgebrannt. 5. Rohner Jakob 1773-1841 Bauer in der Bütze oo Höfle Anna, 13 Kinder. Von ihnen stammen u.a. Murars im Strohdorf, Klosos im Oberfeld und SchrinarSchertlers in der Bütze. Jakob hatte um 1800 in der Bütze das Haus C 84 (Gorbachs, Bützestraße 1, abgebrannt 1956) erbaut. Mit seinen tüchtigen Kindern erreichte das Geschlecht seinen Höhepunkt. Innerhalb weniger Jahre kauften die Söhne drei weitere Häuser, darunter das Haus C 101 (Rasiorars, Kirchstraße 22) für Martin Rohner, den Orglar (Organist) in der neuen Kirche. Martins Sohn Gebhard, geb. 1849, heiratete als junger Lehrer nach Fußach. Dort gründete der Enkel Rudolf Rohner als Schiffsführer jene Kies-Firma, die sich unter den Söhnen Jakob und Dr. Fritz Rohner zu einem am ganzen Bodensee bekannten Unternehmen entwickelt hat. 6. Rohner Joh. Georg 1807-1873 Bauer in der Bütze oo 1847 Dür Katharina, Schmiods Kathrie aus dem Röhle, 7 Kinder. Joh. Georg hatte 1850 das schöne Haus C 90 (Orglars, Unterlindenstr. 27) gekauft. Dieses wurde nun zum letzten Stammhaus der Orglar. 33 Die wichtigsten Rohner-Sippen Weil die Familienväter nur wenige unterschiedliche Vornamen trugen, bei den Rohnern meist Johann, Josef, Georg oder Martin, mußte man sie schon von Anfang an durch Beifügung von Hausnamen voneinander unterscheiden. Einige davon blieben als Sippennamen über Jahrhunderte erhalten, andere entstanden neu und verschwanden wieder. A. Ammann Jergs - die Orglar Sehr viele Rohner-Sippen und noch weit mehr andere Wolfurter Familien stammen von Johann Rohner, der im Kirchdorf lebte und anno 1654 Anna Müller heiratete. Von ihrem Sohn Jerg leitet sich der Stamm der Orglar (A) ab, zu denen auch die Seitenlinie der Kies-Rohner in Fußach zählt. Vom Sohn Johann stammen Doktors und Hammorschmiods (C) und auch eine große Linie nach Schwarzach und Dornbirn. Aus Tochter-Linien leiten sich zwei weiteren große Wolfurter Geschlechter ab. Von der Enkelin Maria Kündig, die 1710 den Felix Schwerzler im Kirchdorf ehelichte, stammen die meisten Wolfurter Schwerzler, die Toblar-, Büoblar-, Hannes, 32 7. Rohner Martin 1854-1925 Bauer und Organist Von seinem Onkel Martin hatte er das Amt des Orgelspielens übernommen, oo 1879 Schertler M. Agatha aus dem Röhle, 9 Kinder. Von allen neun Kindern heiratete nur die Modistin Sophie Rohner, blieb aber kinderlos. Albert Rohner, ein geschickter Automechaniker, war ebenfalls Chorleiter und Organist. Mit der ledig gebliebenen Adelheid Rohner, 1885-1966, erlosch das alte AmmannRohner-Geschlecht. Im Jahre 1971 wurde Orglars Hus zum Bau des Unterlinden-Zentrums abgebrochen. B. Instrumento-Machars, Sattlars und Haldobuobos Ebenfalls im Kirchdorf hatte bei Beginn der Kirchenbücher ein zweites großes Geschlecht seinen Anfang mit Johann Rohner und Ursula Vonach genommen, die ihre Ehe 1666 schlössen. Eine Reihe gleicher Vornamen und die Nachbarschaft im Kirchdorf lassen den Schluß zu, daß beide Geschlechter miteinander nahe verwandt waren. 1. Rohner Johann +1699 Wolfurt-Kirchdorf oo 1666 Vonach Ursula, 2 Kinder. 2. Rohner Georg 1667-1726 Kellhof-Ammann Während zur gleichen Zeit ein anderer Georg Rohner (1671-1743) das Amt des Hofsteig-Ammanns innehatte, war Georg im Kirchdorf „Khellhof-A." (laut Sterbebuch) geworden. Als solcher war er Vorsitzender des Kellhof-Niedergerichts und hob für den Grafen von Hohenems bei etwa 200 Leibeigenen, die nicht zu Hofsteig gehörten, den Zehent ein. oo 1 1692 Straßer Anna, 2 Kinder oo2 1707 Höfle Christina, 7 Kinder Aus seiner zweiten Ehe: Josef, geb. 1711, der Stammvater der Sattlar-Rohner, und Andreas (./. 3). Die Sattlar erwarben im 19. Jahrhundert eine ganze Reihe von Häusern im Kirchdorf, in der Bütze, in Unterlinden und im Eulentobel. Alle Namens-Träger sind ausgestorben, doch leben noch viele Nachkommen aus weiblichen Linien. Eine große Sattlar-Sippe besteht in Amerika fort. Sie stammen von jenem Jakob Rohner, der 18


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